- Logbuch der Nordstern -

Im Hafen von Prem (Stadterkundung) - 19. Efferd, 28 n.H.

Prem in Sicht


"Prem in Sicht!"

Seit der Umschiffung der Insel Runin und damit der Einfahrt in den Golf von Prem haben alle an Bord diesen Ruf sehnsüchtig erwartet. Selbst diejenigen, die das Meer so sehr lieben, daß sie sich an Land nicht wohl fühlen, haben sich auf eine Unterbrechung der langen Fahrt gefreut, die nun in greifbare Nähe gerückt ist.

Auch Jergan stützt sich lächelnd auf die Reling des Brückendeckes und mustert die näher kommende Stadt. Er weiß, daß er diesmal nicht wieder so rasch auslaufen kann, wie er es in Olport getan hat. Niemand würde das dulden - er selbst am wenigsten. Und er erinnerte sich an das Versprechen, das er den Passagieren gegeben hat, die ihn im Hafen von Olport fragten, ob es sich noch lohne, in ein Gasthaus zu geben...

Er mag Prem sehr, ebenso, wie andere Städte der Thorwaler, und das gleiche trifft für einen großen Teil der zumindest thorwalisch beeinflußten Mannschaft zu. Vielleicht ist das auch mit ein Grund, warum sowohl Prem, als auch Thorwal selbst auf der Reiseroute stehen, obwohl das Übersetzen über den Golf kaum lange dauern wird.

Nach dem Ruf sind alle, die nichts anderes zu tun haben, an Deck gekommen, um das Ende dieses langen Fahrtabschnittes direkt mitzuerleben - eine Absicht, zu der das Wetter geradezu einlädt. Es ist etwa Mittag, die Praiosscheibe steht unverhüllt am Himmel und taucht Schiff und Meer in ein helles Licht. Ein stetiger, nicht unbedingt sehr starker Wind aus südlicher Richtung weht in den Golf und läßt das Schiff in leichten Wellen schaukeln. Viel wichtiger noch, er füllt die großen Segel der NORDSTERN, die das Schiff auf einem Kurs dwars (# seemännisch für 'quer' oder 'rechtwinklig' #) zum Wind in Richtung Prem treiben.

Wenig später werden Details sichtbar - der Talkessel, in dem Prem liegt, die ehemalige Piratenburg oberhalb der Stadt, in der sich jetzt die freie Kampfschule befindet, und auch bald der Hafen, in dem einige Schiffe liegen - darunter neben reinen Handelsseglern in der Art der NORDSTERN auch mehrere Drachenschiffe.

Jergan bleibt auf seinem Platz an der Reling stehen und gibt Nirka, die hinter ihm am Steuer steht, lediglich ein kurzes Zeichen, woraufhin diese den Kurs um einige Grad korrigiert. Der Bugspriet zielt nun genau auf die Hafeneinfahrt.

Eine knappe Stunde später sind noch mehr Details zu erkennen, die Kundigen haben sich längst über die Wappen der Drachenschiffe und die Architektur der hafennahen Häuser ausgetauscht, manche Matrosen überbieten sich gegenseitig mit der Schilderung von Erlebnissen, die sie in genau dieser Stadt hatten.

"Refft die Segel!"

Jergan hat mit dem Kommando sehr lang gewartet, zu sehr reizt es ihn, mit der stolzen Karavelle unter vollen Segeln bis fast vor den Hafen zu fahren, wo all die Schaulustigen von der Stadt aus das herankommende Schiff bewundern können. Rasch werden die beiden großen Segel an den Querbäumen stückweise befestigt, so daß sich die Segelfläche radikal verkleinert. Gleichzeitig wird die schäumende Bugwelle kleiner und macht dann einem harmlosen Plätschern Platz, mit dem der Bug der Karavelle sich den Weg durch das Wasser bahnt.

"Segel einholen!"

Der Schwung ist groß genug, und der Klüver zieht das Schiff weiter geradlinig auf den Hafen zu, so daß Jergan auch die Segel ganz bergen lassen kann. Die restliche Fahrt ist klein genug, um dann schließlich dem Lotsen das Übersteigen zu ermöglichen, und unter dessen Führung weiter in den Hafen hineinzufahren.

Nachdem der Lotse das Steuer übernommen hat, ist Nirka nach vorne gegangen, wo sie nun zwei Matrosen beaufsichtigt, die die Haltetrossen vorbereiten, und sich dann zusammen mit Sigrun dem Kluever widmet, der in Kürze einzuholen ist.

Elegant umkurvt die NORDSTERN ein großes Drachenschiff und hält dann - extrem langsam geworden - auf den daneben gelegenen freien Anlegeplatz zu.

"Klüver einholen!"

Während Sigrun und Nirka das tun, wirbelt Jergan, der nun wieder am Steuer steht, dieses herum. Der Lotse mag zwar den Hafen besser kennen, doch beim genauen Steuern ist die Kenntnis dieses speziellen Schiffes gefragt, und die haben hier an Bord nur fünf Leute.

"Werft die Leinen!"

Der letzte Restschwung wird von den Seilen und den Holzpfählen des Hafens aufgefangen.

"Willkommen in Prem!" sagt der Lotse, und Jergan erwidert:

"Habt Dank. Wir werden die Stadt geniessen!"

Der Lotse nimmt grinsend das Geld entgegen, das Jergan ihm reicht, und ist dann der erste, der das Schiff über die ausgelegte Planke verläßt. Im Gegensatz zu Riva und Olport, wo diese auf der Backbordseite lag, ist es diesmal die Steuerbordseite, mit der die NORDSTERN angelegt hat.


Ole in Vorfreude


Ole genießt jedesmal diese kleine Erschütterung, die durch ein Schiff geht, wenn es denn leicht an der Anlegestelle anstößt und vertaut wird. Er sieht zum Brückendeck hinauf. Dort steht der Kapitän, dieser alte Seehecht. Das hat vielleicht gedauert, bis Jergan endlich den Befehl zum Einholen der Segel gegeben hatte. Ole wollte schon der Vermutung nachgeben, daß der Kapitän das Schiff über die Mauer der Trutzburg steuern wollte. Und dann mußte natürlich wieder alles schnell gehen. Aber Ole hat es den Jungen schon noch zeigen können, was Kraft und Ausdauer sind, auch wenn er sich dabei zwei kräftige Brandblasen an den Handflächen zugezogen hatte, als ein sich Querbaum löste und dabei an einem Tau zerrte. das Ole gerade in den Händen hielt.

Das liegt nun hinter ihm und vor ihm liegt ein ausgedehnter Landgang. Ole hat sich nun in die Mannschaftsräume zurückgezogen. Er summt ein Lied, während er sich mit einem groben Kamm durch seine Zotteln fährt. Er tut dies sehr ausgiebig, obwohl man zwischen dem Vorher und dem Nachher keinen Unterschied bemerken kann. Ole ist bestens gelaunt. Zuerst würde er, daß hatte er sich fest vorgenommen, den Swafnir-Tempel besuchen. Dieser Tempel war zur Hälfte in das Wasser hinein gebaut, eine Seltenheit auch bei Tempeln des Walgottes. Außerdem ist Ole begierig die Swafnir-Statue zu sehen,die Wasserfontänen abgeben kann, wie ein echter Wal. Ole seufzt. Zurückbesinnend fühlte er sich erleichtert, daß das Thema Wal auf der NORDSTERN zuletzt nicht mehr von Bedeutung war. Aber was soll's. Der Tag ist schön, die Stadt ist nah. Vielleicht sollte er doch lieber vorher in eine Badehaus gehen? Beim Swafnir, was man in Prem nicht alles anstellen könnte, dafür wäre ein einfacher Landurlaub fast schon nicht mehr ausreichend genug.



Hirkan


Nach den Aufregungen des ersten Tages hatte Hirkan eigentlich ein wenig erwartet, daß die Seereise sich ähnlich spannend fortsetzen würde. Doch diese Erwartung wurde enttäuscht und er hatte viel Zeit, seine Aufzeichnungen zu vervollständigen und die anderen Passagiere und die Mannschaftsmitglieder über die Ereignisse auszufragen, die ihm bedauerlicherweise entgangen sind. Sein Bericht über diese Etappe der Reise ist nun schon fast fertiggestellt, was wesentlich vereinfacht wurde durch die Erlaubnis des Kapitäns, in den freien Zeiten den Tisch in der Messe zum Schreiben zu nutzen. Jetzt aber hat er definitiv genug von der Arbeit und dem vielen Stehen an der Reling und auch wenn der Anblick der Stadt beim Einlaufen in den Hafen ihn ein wenig mit den ereignislosen Tagen versöhnt hat, verläßt er die NORDSTERN sofort nachdem sie angelegt hat.

Als er den Kai betritt, ist er schockiert: er kann einfach nicht gerade gehen. Sein gesamter Körper schaukelt hin- und her, ganz so, als würde er nach wie vor von den Wellen bestimmt. Erst einmal bleibt er wieder stehen und versucht, sein Gleichgewicht durch Kopfschütteln wiederzuerlangen, wie er es schon gelegentlich getan hatte, wenn er dem Wein zu stark zugesprochen hatte. Doch in diesem Fall hilft es nicht. Ob das den Anderen genauso geht? Erwartungsvoll bleibt Hirkan neben der Planke stehen und wartet, ob noch andere Passagiere das Schiff verlassen.



Sigrun will an Land


Wieder einmal hat Sigrun mit Nirka zusammengearbeitet und das Gefühl der Vertrautheit und Nähe, an das sie sich schon fast ein wenig gewöhnt hat, läßt sie glücklich vor sich hin lächeln. Nicht viel hat sie von dieser Fahrt von Olport nach Prem mitbekommen, das sich nicht in den Laderäumen ereignet hat. Auch jetzt, als die NORDSTERN in den Hafen einläuft, sieht Sigrun dem Land mit weniger Neugier entgegen, als dies normalerweise nach einer so langen Fahrt der Fall wäre. Statt dessen suchen ihre Augen immer wieder nach Nirka. Noch haben sie nicht über dieses Thema gesprochen, aber Sigrun hofft, daß sie sich die Stadt gemeinsam ansehen können. Sie ist gespannt, denn aus den Gesprächen der anderen Matrosen hat sie entnehmen können, daß Prem viel Abwechslung zu bieten hat. Sie selbst ist dort noch nie gewesen, auf ihrer Lehrfahrt wurde dort keine Station gemacht. Aber Nirka ...? 'Sie ist bestimmt schon oft hiergewesen', vermutet Sigrun. Wie zufällig tritt sie neben die Bootsfrau.

"Möchtest du an Land gehen?", fragt sie vorsichtig.



Nirka dreht sich zu Sigrun um, nicht ohne diese dabei zufällig zu berühren.

"Eigentlich schon, aber erst mal sehen, was Jergan noch für Aufträge hat, und außerdem habe ich eine Ahnung, was hier noch passieren könnte."

Sie grinst verstohlen.

"Wenn das dann klar ist, kann ich durchaus auch an Land gehen - vielleicht auch eine alte Bekannte besuchen, die eine kleine Wirtschaft besitzt."

Sie wirft Sigrun dabei einen schwer zu deutenden Blick zu.



Ole in Vorfreude


Ole ist mit der ganzen Länge seines Armes in seine Seesack hineingefahren und schimpft stimmlos vor sich hin.

"Wo ist sie nur ......?"

Ach ja, da ist die ja, seine beste Leinenhose, das einzige seiner Beinkleider, das noch von keinem Flicken verunstaltet ist. Dazu noch das gute Leinenhemd, wobei es irreführend wäre der Bezeichnung das "gute" Hemd zu entnehmen, daß Ole noch ein zweites Hemd besäße, das eben nur nicht mehr so gut wäre. Es war in der Tat das einzige Hemd, das ihm noch geblieben war. Das andere, mehr als zwei Hemden hat Ole noch nie sein eigen genannt, war ja an jenem Tag, da der Grünwal den Kurs der NORDSTERN gekreuzt hatte, leider in Fetzen aufgegangen. Vielleicht sollte er auf dem Markt in Prem ein neues kaufen. Man wird sehen.

Jetzt nur noch eine ärmellose Jacke, der schwere Mantel scheint ihm für den Landgang doch etwas arg übertrieben, dann der breiten Gürtel, an dem er eine kleine Wurfaxt befestigt, man weiß ja nie, was der Tag noch bringt - erst dann darf er sich gerüstet und vorbereitet fühlen für das 'Drachenhaus' im Zentrum der Stadt.

Ole verläßt den Mannschaftsraum und geht zurück an Deck. Er schaut sich nach den Kameraden und Kameradinnen um. Die meisten von ihnen haben sich an der Reling zusammengefunden und reden aufgeregt miteinander. Nirka und Sigrun sieht er beieinander stehen.

'Die sind aber oft zusammen', denkt er sich ' Nun, die werden auch besprechen, was sie in der nächsten Zeit so anstellen wollen!'

Ole bleibt etwas im Hintergrund stehen. Jetzt nur nicht auffallen, sonst bekommt man am Ende noch eine Schiffswache aufgebrummt und das wäre wohl das letzte, was ihm jetzt gerne geschehen würde.



Sigrun will an Land


Sigrun ist irritiert. Dass Nirka warten möchte, ob Jergan noch Aufgaben für sie hat, kann sie verstehen. Und auf das, was noch passieren könnte, ist sie ebenfalls neugierig. Aber der Rest von Nirkas Antwort ist doch etwas verwirrend. Was für eine Bekannte könnte das sein, von der sie da spricht? Und möchte sie vielleicht lieber allein dorthin gehen? Sie sieht Sigrun so merkwürdig an!

"Ich ... würde auf dich warten", meint sie zögerlich, "aber wenn du lieber ... allein gehen möchtest, ... ich kann auch mit den Anderen mitgehen ..."

Bei den letzten Worten sieht sie sich um und bemerkt mit ein wenig Erleichterung Ole, der nicht weit weg steht und auch einige andere Matrosen, die nur auf Nirkas Erlaubnis zu warten scheinen, das Schiff zu verlassen. Wenigstens würde sie sich da irgendwo anschließen können, wenn Nirka ... Etwas ratlos und verunsichert sieht sie nun wieder Nirka an.



Nirka wird erst bei Sigruns Antwort klar, wie zweideutig ihre vorige Bemerkung war - zweideutig und irreführend. Sie würde gerne viel erklären, aber dazu stehen zu viele Leute zu nahe herum...

So entschließt sie sich für eine Kurzfassung - kurz und direkt.

Sehr leise antwortet sie:

"Warum sollte ich *alleine* dahin gehen? Was soll ich alleine mit einem Herbergszimmer?"

Sie hofft, daß das ausreichend war, und fragt wesentlich lauter:

"Hat der Kapitän schon eine Wache für das Schiff eingeteilt?"

Im Normalfall würde sie sich selbst freiwillig dafür melden, aber jetzt gibt es Dinge, die sie woanders hin ziehen - in eine kleine Herberge, einen der wenigen Orte, wo es Leute gibt, denen sie voll und ganz vertrauen kann. Und die alte Bernika, wie lange hat sie sie nun schon nicht mehr gesehen?



Erleichterung spiegelt sich in Sigruns Gesicht. Da hatte sie doch für einen ganz kleinen Moment gedacht ..., aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.

"Oh ja, gut!", lautet ihre erste Reaktion. Leise murmelnd fügt sie an:

"Dann darf es nur keine von uns mit der Wache treffen ..."

Sie bemüht sich um einen unbeteiligten Blick, damit der Kapitän nicht auf sie aufmerksam wird. Nur die leicht verkrampfte Haltung der Hände, mit denen sie sich unbewußt selbst die Daumen drückt, zeigt, wie wichtig ihr die Freizeit ist.



Nirka nickt langsam... da keiner die Wachfrage beantwortet, scheint sie noch nicht gestellt zu sein. Im Normalfall würde sie jetzt den Kapitän fragen, aber die Gefahr, daß dieser sie...

'Unfug, ich MUSS es sogar tun!'

Sie dreht sich in Richtung der Brücke um, wobei ihre Finger Sigruns verkrampfte Hände ganz kurz berühren.

"Kapitän, wie ist es mit Landgang und der Wache an Bord?"

Laut und fest erschallt ihre Stimme, nicht die geringste Unsicherheit ist zu bemerken - es sei denn, man steht so dicht neben ihr, wie es im Moment nur Sigrun tut.



Feierlichkeiten


Kaum ist das Schiff vertäut, da erklingt ein lautes Glockengeräusch vom Brückendeck. Jeder der sich berufen fühlt nach der Quelle des Lärms zu schauen, wird die 1. Offizierin mit einer großen Handglocke am vorderen Ende des Brückendecks stehen sehen. Von dort verkündet sie, mit sehr lauter Stimme, das Folgende:

"Ich möchte euch Alle, Mannschaft und Passagiere, einladen Heute Abend zur Feier anläßlich meines 30. Tsatages zu kommen. Die Feier beginnt sobald die Sonne untergegangen ist hier an Deck. Ich würde mich freuen wenn viele von euch teilnehmen würden."

Mit einem Tonfall der freudige Erwartung durchhören läßt fügt sie hinzu

"Und jetzt werde ich dafür sorgen das auch genug Feuer vorhanden ist"

Mit diesen Worten verläßt sie das Brückendeck und macht sich auf den Weg an Land.

Der Kapitän schien wohl, der Einzige zu sein der bereits zuvor von der anstehenden Feier gewußt hat, zählt er doch zu den wenigen die offensichtlich nicht überrascht zu sein scheinen.



Ein Elf auf See


Die menschlichen Bauten an der Küste waren schon von weitem sichtbar. Wie Eisberge auf dem Meer ragen sie aus der Landschaft. Prem nennen sie diesen Ort. Prem hat anscheinend keine Bedeutung - als Sylvhar einen in der Nähe stehenden Matrosen, zu denen er ja jetzt auch gehörte, auf die Bedeutung des Namens Prem hin fragte, meinte dieser nur, was er denn bedeuten sollte?, und ging kopfschüttelnd von ihm weg.

Als das Schiff dem Ort näher kam, waren auch immer mehr Geräusche zu hören, und auch ein ganz spezifischer Geruch hing in der Luft. Es roch ähnlich wie in Olport. Dann konnte Sylvhar zum ersten Mal das Anlegen eines Menschenschiffes in einem sogenannten Hafen miterleben - ja er hat sogar dabei mitgeholfen. Er wurde mehr oder weniger dazu gebeten. Aber er gehörte jetzt ja zur Mannschaft und hatte das Privileg mitzuhelfen. Ja, einige, die sogenannten Passagiere, wollten oder durften gar nicht mithelfen.

Nun, Sylvhar blickt sich auf dem Oberdeck um. So wie's aussieht, wird seine Hilfe momentan nicht benötigt. Viele Matrosen sammeln sich auf dem Oberdeck und wollen anscheinend an Land gehen. Er denkt kurz über einen Aufenthalt im Ort nach, kommt dann aber zum Schluß, in Erinnerung an Olport, daß er es hier auf dem Schiff eigentlich ganz gemütlich hat. So setzt er sich auf die Stufen, die zum Vordeck hinauf führen, lehnt sich zurück und genießt das frische Lüftchen, das ihn so angenehm abkühlt. Seinen Pelzmantel hat er im Mannschaftsraum gelassen, da es hier soweit im Süden doch wärmer ist und er doch arg ins Schwitzen kommen würde. Nun trägt er nur noch eine ärmellose, kurzgeschorene Pelzweste (Schneemarder, für den Kundigen). Die leichte Brise zerrt etwas an seinen schneeweißen Haaren, die jetzt ungehindert über seine Schultern fließen und ihm bis zur Hüfte reichen. Er schließt seine Augen, und genießt den ruhigen Augenblick.

Die letzten Tage waren nicht gerade einfach für ihn gewesen, aber sie waren auch interessant, fremdartig, ja eine ganz neue Lebenserfahrung - und irgendwo auch abenteuerlich. Viel Neues ist auf ihn zugekommen; das Mithelfen auf dem Schiff, die Reise auf dem Ozean, die etwas schwere Kost, die Nächte in diesem ungewohnten Schlafplatz. Sein Rücken schmerzt noch immer etwas von diesem durchhängendem Stück Stoff. Auch an das Schaukeln in den Hängematten hat er sich noch nicht so richtig gewohnt. Er lag einige Zeit in den letzten Nächten wach in seinem Tuch. Daß einige Mitschäfer um ihn herum sehr laut schlafen, trug auch nicht gerade zu erholsamen Nächten bei. Auch der Jüngling schien zum Teil Schwierigkeiten mit dem Schlafen gehabt zu haben. Ihm ging es auch sonst nicht so gut. Sylvhar hatte schon mal mitten in der Nacht daran gedacht, zu ihm rüber zu gehen, und ihm zu helfen, wieder gesund zu werden. Aber der Junge hatte sich bis jetzt immer in seiner Nähe ziemlich unwohl gefühlt, und er wollte ihn nicht erschrecken. Und zudem, wie hätten die anderen reagiert, wenn der Junge durch ihn laut geworden wäre und somit alle geweckt hätte? Seine Mitmatrosen mieden sowieso seine Gegenwart. Sie sprachen nicht viel mit ihm und waren auch meist nicht sehr zufrieden, wenn er ihnen mal bei der Arbeit half. Immer war etwas nicht gut, wenn er es gemacht hatte und sie änderten alles noch einmal - dabei war es seiner Meinung nach vorher besser. Die einzigen, die ihn irgendwie doch etwas besser mochten waren Nirka, Sigrun und dieser Riese mit den vielen Haaren im Gesicht.

Plötzlich durchfahren grelle Töne seine Gedanken. Als er seine Augen wieder öffnet sieht er eine Frau auf der Brücke, ihren Namen fällt ihm jetzt nicht ein, die laut irgendein Fest verkündet. Ein Fest! Gedanken an seine Sippe steigen in ihm hoch, an Feste und Feierlichkeiten in den Eispalästen in seiner Heimat. Er seufzt leicht. Vielleicht ist das aber eine gute Gelegenheit, einige Menschen besser kennen zu lernen.



Sylvahr sitzt/liegt noch immer auf der Treppe zum Vordeck. Fianas Ankündigung - ihr Name ist ihm jetzt wieder eingefallen, da ihn einige Umstehende ausgesprochen haben - hat etwas Bewegung in die Leute an Bord gebracht. Viele Gesichter wechseln in den Gesprächen von Vorfreunde bis zur leichten Besorgnis. Manche sprechen auch über Geschenke an Fiana. Was das wohl für ein Fest sein wird? Alle möchten ihr Geschenke machen zu ihrem - wie war das?... ah ja, Tsatag! Was das wohl für eine Bedeutung im Leben eines Menschen haben wird? Vielleicht sollte er jemanden danach fragen? Hm... vielleicht auch nicht. Alle sehen doch ganz gutgelaunt aus nach dieser Ankündigung - es wird schon ein heiteres Fest werden. Er läßt sich da ganz gerne überraschen. Sylvhar schließt seine Augen wieder und macht es sich auf den Stufen etwas bequemer. Er atmet zufrieden aus. Innerlich fühlt er sich jetzt ganz ausgeglichen und er genießt einfach den Moment.



Dajin geht an Land


Dajin hat den Anlegevoegang gespannt beobachtet doch jetzt wo die NORDSTERN sicher vertäut am Kai liegt hält ihn erstmal nichts an Bord. Ein wenig unsicher geht er von Bord. Dann steht er ein wenig schwankend an Land und schaut sich erstmal um, vielleicht sind ja noch andere zu einem kleinen Landgang bereit und man tut sich zusammen.



Hirkan am Kai


Hirkan hat die Ankündigung von Fianas Feier gehört. Zwar war er eigentlich nicht so begierig danach, das Schiff gleich am Abend wieder zu betreten, aber eine Tsa-Feier, noch dazu von der Offizierin, mit der er sich schon mehrfach sehr nett unterhalten hat, möchte er sich dann doch nicht entgehen lassen.

Nach und nach verlassen jetzt auch die anderen Passagiere das Schiff. Der Pelzhändler scheint schon etwas vorzuhaben, er geht zielstrebig auf die Innenstadt zu. Aber der Maraskaner, der, wie Hirkan feststellt, wohl ebenfalls Probleme mit dem Gleichgewicht hat, scheint sich noch nicht festgelegt zu haben. Mit noch immer etwas unsicheren Schritten tritt Hirkan zu ihm.

"Nun, Herr von Tarschoggyn, wißt Ihr schon, was Ihr in der Stadt tun werdet?"



Dajin steht am Kai und ist ziemlich damit beschäftigt sich zu konzentrieren um dieses Gefühl des "immer-noch-Schwankens" loszuwerden, als ihn Hirkan anspricht.

"Nein, ich kenne diese Stadt nicht und werde mir wahrscheinlich erstmal die Stadt ansehen. Was ich dann tue, weiß ich allerdings nicht. Was habt ihr denn vor ? Kennt ihr die Stadt schon?"



"Nein, ich kenne die Stadt auch nicht. Ich befinde mich auf meiner ersten längeren Reise und bin bisher nicht weit über Olport herausgekommen. Ich dachte auch daran, zunächst einen kleinen Rundgang durch die Stadt zu machen. Vielleicht gibt es hier einen Markt oder ein Handelsviertel, wo man sich die Erzeugnisse der Region ansehen und möglicherweise eine Kleinigkeit für die Dame Offizierin, die heute ihren Tsa-Tag begeht, erstehen kann."

Hier macht Hirkan eine kleine Pause. Der Maraskaner scheint einem gemeinsamen Stadtrundgang zumindest nicht abgeneigt zu sein und mit den beiden großen Schwertern wirkt er auch ziemlich beeindruckend.

"Wenn es Euch recht ist ...", setzt er an, "man könnte sich ja zunächst einmal gemeinsam umsehen."



"Ja laßt uns gemeinsam die Stadt erkunden. Wobei ich allerdings sagen muß, daß ich bisher nicht weiß, was man der Offizierin schenken könnte, aber vielleicht finden wir ja etwas interessantes."

Dajin wendet sich der Innenstadt Prems zu.



"Nun ja, wegen des Geschenks habe ich auch noch keine so genauen Vorstellungen. Aber, nach allem was man hört, soll es nicht schwierig sein, beim Markt im Drachenhaus etwas Passendes zu finden."

Damit schließt Hirkan sich Dajin an und geht ebenfalls, die bunten und teilweise abenteuerlich in den Hang gebauten Häuser Prems mit neugierigen Blicken verschlingend, schwungvoll in Richtung Innenstadt. Nach ein paar Schritten allerdings läßt der Schwung ein wenig nach, denn er hat festgestellt, daß seine Schritte noch immer nicht ganz sicher sind.

"Es ist kaum zu glauben", bemerkt er grinsend, "ich wanke, als hätte ich schon eine ordentliche Portion besten hiesigen Feuers intus."



"Ja es ist irgendwie ein komisches Gefühl".

Auch Dajins Schritte sind immer noch nicht ganz so sicher, aber nach ein paar Metern Richtung Innenstadt hat er sich wieder fast ganz unter Kontrolle. Neugierig schaut Dajin sich um und betrachtet die Häuser und Menschen die hier leben

"Woher kommt ihr eigentlich?" fragt Dajin.



"Ich komme aus Olport", antwortet Hirkan etwas irritiert. 'Das habe ich ihm doch schon erzählt, oder? Naja, man kann auch nicht erwarten, daß sich so ein weitgereister Krieger solche Nichtigkeiten merkt', denkt er und beschließt, nichts weiter darüber auszuführen. Das Leben des Maraskaners ist mit Sicherheit viel interessanter als seine relativ ereignislose Ausbildung in Olport. Deshalb fragt er:

"Euch hingegen hat es ja wirklich sehr weit in den Norden verschlagen. Hattet Ihr dort zu tun?"

Dabei steuert er jetzt langsam auf das Drachenhaus zu. Dort soll sich ja fast das gesamte gesellschaftliche Leben Prems abspielen und das möchte er sich nun wirklich nicht entgehen lassen.



"Ja ich habe jemanden gesucht den ich dann endlich in Olport fand. Jetzt fahre ich endlich nach Hause ins Horasiat"

Dajin weiß gar nicht wohin er als erstes schauen soll so fasziniert ist er von dieser Stadt.

"Und dieses Drachenhaus was ist das genau ? Eine Art Markthalle?"



"Ich kenne es auch nur vom Hörensagen", antwortet Hirkan. "Soweit ich weiß, ist es sowohl Markthalle als auch gesellschaftliches Zentrum der Stadt, ein Ort des Sehens und Gesehenwerdens sozusagen. Man munkelt, daß man dort, mit ein wenig Glück, sogar den Hetmann treffen kann."

Hirkans Stimme klingt zu Beginn ein wenig schulmeisterlich, man merkt ihm an, daß es ihm Freude bereitet, sein (Halb-)wissen weitergeben zu können. Gegen Ende jedoch kann der junge Mann seine Aufregung nur schwer verbergen, hofft er doch, daß sich der gut gerüstete Maraskaner überreden lassen wird, das Drachenhaus zu besuchen.



"Nun das hört sich an als ob dies genau der richtig Startpunkt für einen Stadtrundgang ist. Also laßt uns eintreten."

Dann geht Dajin zum Drachenhaus. Sein Blick wandert von links nach recht soviel Interessantes gibt es hier zu entdecken.

"Ich habe gehört die Thorwaler seien hauptsächlich Piraten. Im Horasiat haben sie sogar eine ganze Brücke geklaut. Aber das hier sieht mir gar nicht nach einem Piratennest aus."



Alrik


Auch Alrik, der Schiffsjunge der Nordstern, ist guter Dinge und bester Laune, jetzt wo der Kurs wieder geradewegs auf einen Hafen zu geht.

Die letzte Zeit war immerhin ganz schön anstrengend, nicht daß viel passiert wäre. Efferd sei Dank war es einigermaßen ruhig und friedlich und auch die böse Erkältung war schon wieder am Abklingen. Der Husten und die Triefnase waren zwar noch nicht ganz weg und immer noch recht lästig, aber wer hätte denn auch ahnen können, daß dieser Elf, Sylvhar mit Namen, im Grunde vollkommen harmlos war.

Alrik jedenfalls hatte es nicht gewußt und es vorgezogen sich damals freiwillig für die nächste Nachtwache einzuteilen. Eigentlich brauchte Alrik nachts noch nicht Wache schieben, doch Babo hatte gerne mit ihm getauscht. Babo war in letzter Zeit sowieso so verschlafen, worin das jedoch begründet war, hatte Alrik noch nicht herausfinden können.

Während der Nacht als Alrik auf Deck war, fing es dann natürlich noch an zu regnen. Der eisige Wind, der über das Deck fegte und durch die zu dünne Kleidung des Jungen drang, steuerte dann noch den anderen Teil zur Erkältung bei.

'Schnappesidee!' verfluchte Alrik sich bereits nach kaum zwei Stunden, als er an seine gemütliche Hängematte im Mannschaftsraum dachte. Dort war es vermutlich behaglich warm und trotz der elfischen Belagerung erstaunlich ruhig.

Als er am nächsten Morgen bibbernd die Stufen zum Mannschaftsraum hinab ging, verkroch er sich gleich unter seiner Decke - und blieb ohne sich zu rühren glatt bis zum übernächsten Tag dort liegen, so schwer hatte es ihn erwischt.

Aber nichts desto trotz: Heute geht es schon wieder - denn heute ist Landgang angesagt!

Emsig kramt der Junge in seiner Holzkiste, bis er endlich das kleine Beutelchen findet, in dem er seine wenigen sauer verdienten Heller aufbewahrt. Mit einer selbstgefälligen Miene wiegt er den dünnen, leichten Beutel in der Hand, ganz so, als ob er ein Vermögen beinhalten würde. Dann wirft ihn einmal kurz in die Höhe und fängt ihn mit derselben Hand wieder auf. Schließlich hängt er sich den Beutel den Hals und läßt ihn zu guter Letzt unter seinem Hemd verschwinden.

Nachdem der Schiffsjunge die Kiste wieder gut am alten Platz verstaut hat, verläßt er den Mannschaftsraum und geht nach oben, wo er sich zu den anderen an die Reling stellt.

"HATSCHI!!"

Der feuchtlaute Nieser erklingt weithin hörbar über das Deck.



Ole an Deck


Das sind ja mal gute Nachrichten. Es sind ja sonst meistens nicht so gute Nachrichten, die von der Brücke herunter gesprochen werden, wenn vorher eine Ankündigungsglocke zu hören gegeben wurde. Das letzte mal, daß Ole eine solche Glocke gehört hatte, war auf auf der "Glücksfjord", einer alten Potte, die seinerzeit auf den Weg nach Manrek war. Die Glocke wurde damals geläutet, weil sie ein Leck hatten, daß war etwa eine halbe Stunde bevor der Kahn unterging wie ein Stein. Aber heute kündigte die Glocke Freudiges an. Eine Feier hier an Bord? Und ein Tsatag außerdem? Ole denkt nach, wird er wohl seinen geplanten Tagesablauf bewältigen können noch vor Sonnenuntergang? Er würde außerdem noch ein Geschenk brauchen. Wie soll er das nur schaffen. Auf seinen Besuch im Swafnir-Tempel will er auf keinen Fall verzichten und das Badehaus ist auch schon fest eingeplant. Vielleicht ist das auch zu schaffen, vielleicht sollte er seinen Besuch im Drachenhaus streichen, man wird sehen. Auf jeden Fall nur keine Bordwache abkriegen. Ein lautes, deftig und knallig zischendes Geräusch schreckt Ole aus seinen Überlegungen auf.

"Travia mit dir, Alrik! Sag mal, willst du mich von Bord niesen? Dich hat es ja ganz schön schlimm erwischt!"



"Hiho, Ole!" grüßt Alrik zurück und wischt dann mit einer hastigen Bewegung die letzten feuchten Tropfen von der Nasenspitze, die kurzum im Ärmel des Pullovers verschwinden.

"So lange sich die Segel nicht dabei aufblähen, kann es nicht so doll schlimm sein", grinst der Junge und stellt sich zu Ole an die Reling, "und so ein leichter Windhauch pustet dich doch gewiß nicht über Bord."

"Außerdem geht's mir schon wieder viel besser", fügt er rasch hinzu, bevor noch irgend jemand auf die unsinnige Idee kommt, ihm wegen dieser leichten Keuche den Landgang zu streichen.

Eigentlich gibt es jetzt noch ein anderes Thema, das Alrik gerne anschneiden würde. Verlegen hebt er eine Hand und kratzt sich damit gedankenverloren hinter dem Ohr. Ab besten ist es wohl, wenn er es gleich frei heraus zur Sprache bringt:

"Du, Ole. Weißt du schon, was du Fiana schenken willst?" Das gedankliche 'Ich selbst habe nämlich noch nichts' steht Alrik ins Gesicht geschrieben.



Bordwache


Jergan hatte die Wache bereits verkünden wollen, doch Fiana war ihr mit der Ankündigung zuvorgekommen. Er weiß ganz genau, wie gerne alle in die Stadt wollen - zum Teil sicher auch, um für Fiana etwas zu besorgen, oder dieser zu helfen...

Schließlich tritt der Kapitän nach vorne an die Kante des Brückendecks, wo zuvor Fiana stand.

"Alle können an Land. Ich werde selbst hier bleiben, die Deckwache wird Wulf Lowanger machen."

Er zögert kurz, und fügt dann hinzu:

"Ich möchte, daß die gesamte Mannschaft zum Sonnenuntergang wieder hier ist."

Ein kurzer Blick zum Himmel - es ist gerade kurz nach Mittag - bestätigt, daß da noch genug Zeit ist.



Während viele Angehörige der Mannschaft und einige der Passagiere durch Prem ziehen, bleibt Jergan auf dem Brückendeck. Er genießt von seinem erhöhten Standplatz aus das bunte Treiben im Hafen, betrachtet andere Schiffe, sieht zu, wie Boote ankommen und entladen werden, und er paßt auf, daß niemand auf dumme Gedanken kommt, die die NORDSTERN zum Inhalt haben könnten.



Erlösung


Jetzt kann Sigrun sich entspannen. Ihr Blick geht dankbar in Richtung des Kapitäns. Wieder einmal wird ihr bewußt, was für ein Glück sie hatte, auf diesem Schiff anzuheuern, nicht viele Kapitäne würden ihrer Mannschaft soviel Freiheit zugestehen. Erst jetzt bemerkt sie auch ihre schmerzenden Finger und beginnt, diese durch Öffnen und Schließen der Hände zu entlasten. Locker steht sie nun neben Nirka und wartet.



Nirka wendet sich wieder Sigrun zu, und fragt dann in einem lockeren Ton:

"Was möchtest du dir denn ansehen? Ich kenne Prem zwar nicht sehr gut, aber um wieder zum Schiff zurückzufinden, genügt es sicher."

Sie fragt das in normaler Lautstärke, ganz so, als beantworte sie eine unverfängliche Frage von Sigrun.



In eben demselben lockeren Ton antwortet Sigrun:

"Vielleicht können wir einfach erstmal ein wenig gehen und uns umsehen. Ich werde froh sein, wieder einmal für kurze Zeit festen Boden unter den Füßen zu haben."



"In Ordnung."

Die Bootsfrau nickt, dann geht sie in Richtung der Planke los, überwindet diese mit einer Eleganz, die von langer Übung zeugt, und bleibt auf dem festen Boden Prems stehen, um auf Sigrun zu warten.



Sigrun grinst, als sie Nirka mit solcher Routine über die Planke gehen sieht.

"So möchte ich das auch mal können! Ich glaube, ich bin lieber etwas vorsichtiger", meint sie und geht ebenfalls herüber. Sie bemüht sich, dabei ebenfalls sicher zu wirken und abgesehen davon, daß es etwas länger dauert als bei Nirka, gelingt ihr das auch relativ gut.

"Okay, dann mal los!", ruft sie gutgelaunt, als sie neben Nirka angekommen ist.



Sören


Nachdem er die Ankündigung der Tsatagsfeier zustimmend zur Kenntnis genommen hat, macht Sören sich wieder auf zu seiner Kombüse. Vielleicht entschließt er sich nachher noch mal zu einem Besuch an Land, aber erst mal muß da unten Ordnung herrschen.

'Wir sind ja schließlich nicht bei den Waldmenschen hier!'



Smirnoff auf Landgang


Der Pelzhändler hat die Einfahrt in den Hafen von der Reling aus beobachtet und will sich Richtung Unterdeck begeben als Fiana ihre Tsatagsfeier ankündigt.

Im Vorbeigehen ruft er Ihr noch ein herzliches "Herzlichen Glückwunsch, ich werde da sein" zu, und begibt sich dann in seine Kabine. Dort richtet er kurz seine Kleidung, kämmt seine Haare und wichst den Schnurrbart neu. Schließlich legt er sein Rapier wieder um, schließt die Kabine ab und verläßt das Unterdeck.

Smirnoff ruft den Umstehenden noch ein "Wir sehen uns heute abend" zu, schreitet die Planke hinunter, sieht sich an der Mole um, als ob er nach jemandem Ausschau hielte, zuckt mit den Schultern, zündet sich ein Pfeifchen an und schlendert dann gelassen in Richtung Innenstadt.



Ole und Alrik


Dieser Alrik ist wirklich ein sehr aufgeweckter Knabe und auf den Mund gefallen ist er auch nicht, muß Ole schmunzelnd feststellen. Dann sagt er zu dem Schiffsjungen:

"Wenn's besser wird, dann soll's recht sein. Wenn's aber schlimmer wird, dann werde ich mich wohl anseilen müssen!"

Gerade in diesem Augenblick, Ole hat leider nur mit einem "halben" Ohr hingehört, verkündet Kapitän Jergan, daß die Schiffswache von ihm selbst und von Offizieren übernommen werden würde. Mit Ausnahme von Fiana wahrscheinlich, die sicherlich bis heute Abend auch so noch genug zu tun haben wird, folgert Ole. Der Gedanke an die bevorstehende Tsa-Feier bringt Ole auf Alrik's Frage wieder zurück.

"Ich kenne Fiana noch nicht so gut. Weißt denn du, was ihr eine Freude machen könnte?"

Ole wartet auf keine Antwort des Schiffsjungen, sondern fährt fort:

"Ich sehe es dir an der Nasenspitze an, du weißt es auch noch nicht! Stimmts? Ich mach dir einen Vorschlag: Was hältst du davon, wenn wir auf den Markt gehen und etwas Passendes suchen? Und danach zeige ich dir ein wenig von der Stadt. Na, wie wäre das?"



"Du willst mich mitnehmen? Wirklich?!"

Alriks spontaner Ausruf ist erfüllt von ehrlicher Begeisterung. Mit dieser Einladung scheint er jedenfalls überhaupt nicht gerechnet zu haben, und um so deutlicher sieht man ihm die Überraschung an.

"Das wäre ... das wäre echt ... echt ein feiner Zug von dir."

Aufgeregt trippelt Alrik von einem Fuß auf den anderen, und man sieht, daß er am liebsten so schnell, wie möglich aufbrechen möchte, um bloß keinen kostbaren Moment dieses Landaufenthaltes zu verpassen.

"Und hast richtig vermutet, ich habe noch keine Ahnung, was sie sich wünscht, Fiana meine ich. Und der Markt, ist der sehr groß? Und du kennst dich in der Stadt aus?"

Fragen über Fragen sprudeln aus Alrik hervor, bis er sich eines besseren besinnt und die kindische Ungeduld zu unterdrücken versucht, was ihm trotzdem nur mit viel Mühe gelingt.



Ole ist überrascht von der Begeisterung des Knaben, läßt sich aber gerne davon anstecken und fühlt dadurch selbst schon wenig später die angespannte Neugier auf das, was Prem zu bieten hat, genauso wie es offenbar Alrik im Moment zumute ist und dies, obwohl der 'Graue Riese' gewiß schon mehr als einmal hier durch die Stadt gezogen ist.

"Wohin wollen wir als erstes gehen? Das Drachenhaus mit der Markthalle liegt nahe am Hafen, gleich hier um die Ecke. Dort geht es immer recht lustig zu und außerdem können wir nach einem Geschenk für Fiana schauen. Später wollte ich noch zum Swafnir-Tempel. Der liegt dort drüben ...."

Ole deutet in den Nord-Westen der Hafenbuch. Dort, unterhalb der hohen Klippe, auf der die mächtige, alten Trutzburg auf das Land und auf das Wasser herabblickt,, steht ein Gebäude am Ufer, das, auf Stelzen stehend, zur Hälfte ins Wasser hinein ragt und somit vom Land und vom Wasser her begehbar ist.

"Der Tempel ist einzig in seiner Art und der oberste Geweihte dort, gilt als 'Auserwählter Swafnirs'. Und danach, dann könnte wir noch eine Rundgang durch die Straßen machen. Die Häuser hier sind sehr sehenswert. Du mußt wissen, Alrik, Prem ist eine sehr alte Stadt und sie ist eine Zeugin nicht nur für die Kultur, sondern auch für die lange Geschichte der Menschen hier."

Lächelnd erwartet Ole Alriks Antwort.....



Alrik grinst fröhlich.

"Häuser an einem Marktplatz, das kenne ich ja, aber daß ein ganzer Marktplatz in ein Haus paßt - das mußt du mir zeigen. Da gibt's bestimmt allerhand zu sehen. Das wäre doch gelacht, wenn sich dort nichts finden läßt."

Neugierig richtet der Junge seine Aufmerksamkeit auf Oles Fingerzeig und auf die angezeigten Bauten. Auch - oder vielleicht auch gerade - auf diese Entfernung hin, wirkt der Tempel auf Alrik sehr erhaben. Aber in der Beziehung mögen sich wohl alle Götterhäuser etwas ähneln, sind sie doch allesamt so angelegt, daß sie den Menschen auf die eine oder andere Weise beeindrucken sollen.

Aber sollte er überhaupt Ole dorthin begleiten? Swafnir, dieser Gott der Thorwaler, ist ihm fast vollkommen fremd. Seine Gebete und seinen Dank richtet er zumeist an den Herrn Efferd, auf daß er ihm auf dieser weiten Reise beistehen möge. Und manchmal, wenn das Heimweh allzu sehr schmerzt, an die Frau Travia, damit sie ihm eines Tages ein Wiedersehen mit seiner Schwester schenken möge. Vielleicht sieht es der Herr Swafnir gar nicht gern, wenn ein so dahergelaufener Junge sein Heiliges Haus betritt, ohne den richtigen Glauben im Herzen zu tragen.

"Ja, wenn ich denn mit darf, dann begleite ich dich gerne", fügt Alrik seinen ersten Worten etwas nachdenklicher, aber immer noch mit großer Vorfreude auf die bevorstehenden Erlebnisse, hinzu.



Ja, ja, die heutige Jugend - ungestüm ist sie und immer dort zu finden wo Bewegung ist. Ole ist es schon aufgefallen, daß Alriks Begeisterung für eine Besichtigung des Swafnir-Tempel nur sehr gebremster Natur ist. Der alte Schiffszimmermann kann es ihm nicht verübeln, er war da nicht anders gewesen, als er in Alriks Alter war. Ole mag den Schiffsjungen sehr gerne und daher wäre er auch bereit den Tempelbesuch aus dem Programm zu streichen, um mit dem Jungen an Orte zu gehen, die jungen Männern näher liegen, als ein langweiliger Besuch in heiligen Hallen, der Herr SWAfnir wird ihm schon nicht böse sein dafür, denkt sich Ole, man kann ja die Treue zum Walgott auch dort halten, wo etwas los ist. Und so legt Ole sein Hand auf Alrik's Schulter und schaut ihn aufmunternd und unternehmungslustig an.

"Nun, dann aber los, Kamerad, laß uns aufbrechen, ehe die Leute aus Prem uns die besten Sachen weggeschnappt haben, die Welt wartet nicht!"



Alrik legt den Kopf schief und schaut zu Ole, der ihn wohl um einen halben Schritt überragen mag, empor. Er mag Oles Erzählungen und seine besonnene Art, und wenn Ole Prem wirklich so gut kennt, wie Alrik vermutet, dann wird er bestimmt noch einiges zu berichten und zu zeigen haben.

Inzwischen ist es wirklich höchste Zeit aufzubrechen, ein Großteil der Besatzung und auch der Passagiere haben das Schiff schon verlassen. Warum also noch länger hier verweilen?

"An mir soll's nicht liegen - ich bin soweit", verkündet Alrik prompt und klopft zwei, drei Mal freundschaftlich auf Oles Arm, bevor er sich grinsend von Oles Hand befreit und ungeduldig vorauseilt.

Mit wenigen Schritten hat er die wackelige Holzplanke, die Oberdeck und Hafenpflaster miteinander verbindet, überwunden. Die ersten Bewegungen an Land wirken doch etwas unbeholfen, stellt Alrik fest, als er einen kleinen Ausfallschritt machen muß, während er sich zum Schiff umdreht, um zu schauen, wo Ole bleibt.

Aber schön ist des trotzdem, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Und dann dazu noch dieses herrliche spätsommerliche Wetter! Was will man mehr?



Fiana unterwegs


Prem! eine Stadt nach Fianas Geschmack. Sichtlich zufrieden geht sie durch das Hafengelände. Tief einatmend und alles genau betrachtend durchquert sie das Hafengelände.

All das emsige Treiben, die vielen Leute, die Waren und Tiere hier sagen ihr, daß die Stadt lebt. Heute ist sie ohnehin sehr glücklich, denn im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern ihres Geschlechts mag sie ihren Tsatag. Älter wird schließlich jeder, aber deswegen griesgrämig sein und auf eine zünftige Feier verzichten käme ihr nie in den Sinn.

Gut gelaunt ein Liedchen pfeifend läßt sie den Hafen hinter sich und betritt die Straße, welche zum Händlerviertel führt. Vielleicht hat der alte Torson ja wieder ein ganz besonderes Tröpfchen gebunkert.



Ottan macht sich fein


Ottam, den man in letzter Zeit nur selten, eigentlich nur zu den Mahlzeiten außerhalb seiner Kabine gesehen hat, kommt zu dem Schluß, daß er hier in Prem Wichtigeres zu erledigen hat als in seiner Kabine zu hocken und über seinen Büchern zu sitzen.

Er beschließt sich 'ausgehfertig' zu machen, denn wenn er sich recht erinnert ist heute Fianas Tsatag und da möchte er ein gutes Bild abgeben. Den Gedanken, dabei wohl auch mit dem Kapitän und diesem seltsamen Singsang-möchte-gern-Geweihten länger zusammen zu sein verdrängt er erfolgreich.

Zunächst beginnt er sich, wie üblich zu waschen, doch heute legt er besonderen wert darauf Haare und Bart in perfekten Zustand zu bringen. Die freien Stellen werden sorgsam geschabt. Letztlich kommt er aber zu dem Schluß, in der Stadt den Haarschneider aufzusuchen. Ein angenehm herbes Duftwasser findet noch seinen Zuspruch und er trägt es sorgfältig auf.

Seine Kleidung wählt er Heute mit großer Sorgfalt aus, will er doch in perfektem Licht erscheinen. er wählt ein Hemd aus bester Seide, die schneeweiß gebleicht wurde und dennoch ihren Glanz behalten hat. Darauf trägt er eine Hose, die ebenso wie die kniehohen Stiefel, in denen sie steckt, aus hochwertigem schwarzen Leder gefertigt ist. Die Ösen zur Schnürung der Stiefel, sowie die Knöpfe der Hose sind aus silbrigem Metall gefertigt.

Sein Gürtel ist ebenso aus schwarzem Leder, die Schnalle hat die Form eines Silbernen Drachen. Am Gürtel befindet sich eine schwarze lederne Tasche, sowie eine Scheide, in der sich ein hochgradig verzierter etwa 40cm langer Dolch befindet. Die Klinge ist nicht zu erkennen, doch Griff und Parierstange sind zumindest versilbert, und mit Gravuren und einigen Schmucksteinen versehen.

Über dem Ganzen trägt er einen exquisiten Umhang. Das Material ist hochwertige pechschwarze Seide, die Säume und der Verschluß ist mit Silberfäden bestickt. Das auffälligste Merkmal des Umhanges ist jedoch der kunstvoll aufgestickte silberne Drache auf dem Rücken.

So edel gekleidet betritt er das Deck. Der schwere Seidenumhang sorgt dafür, daß er, trotz seiner eher hageren Gestalt, eine imposante Erscheinung abgibt. Sorgfältig mustert er das Deck und die Leute die noch darauf sind.



Aufs schärfste darauf bedacht einen würdigen Eindruck zu machen schreitet Ottam elegant über das Deck, ganz so, als wolle ein eitler Pfau allen die Möglichkeit geben ihn zu bewundern. So dauert es eine Weile bis er schließlich an der Planke ankommt, wo sich sein Blick in den Hafen richtet.

"So dann mal los!" brummelt er zu sich selbst, geht aber noch nicht los, nein erst blickt er noch einmal über das Deck.



Ottam ist ein wenig enttäuscht das niemand auf sein Neues Erscheinungsbild eingehen mag. Doch bevor die Situation peinlich werden kann geht er dann doch von Bord.

Ottam entschließt sich den Schmied aufzusuchen, von dem er gehört hat, daß er auch künstlerisch Gutes gehört hat.

Nach einem mittleren Fußmarsch erreicht er schließlich die gewünschte Schmiede. Der Schmied hat tatsächlich eine recht interessante Auswahl an verschiedenen Kleinodien. Recht schnell fixiert Ottam jedoch eine Halskette an der sich ein hübscher Anhänger befindet. Der Anhänger ist aus Silber gefertigt und stellt eine Muschel dar, deren Inneres mit Perlmut Einlagen aufgearbeitet ist.

Unerfahren wie er in Geschäftsdingen nun mal ist läßt er viel zu sehr durchblicken das er das Stück haben möchte. Daher sind auch seine Handelsbemühungen nicht von Erfolg gekrönt und er erreicht kaum einen Nachlaß.

Ein wenig genervt verläßt er die Schmiede, das Kleinod aber immerhin in der Tasche, und macht sich auf den Weg zurück zum Schiff.



Larians Abschied


Larian, der farbenfroh gekleidete Reisende mit dem violetten Haupthaar, der während er Reise die zweite Doppelkabine mit dem verwegenen Maraskaner teilte, packt seine Sachen zusammen.

Eigentlich wollte er ja noch eine Winzigkeit länger an Bord bleiben, doch während der letzten Tage hatte er sich plötzlich umentschieden. In drei Nächten hintereinander hatte er ein und denselben Traum gehabt. Das mußte ein Zeichen sein, ein seltsames Zeichen zwar, was er noch nicht so recht zu deuten wußte, doch er war sich sicher, daß des Rätsels Lösung in Prem oder in der nahen Umgebung der Stadt zu finden wäre. So änderte er kurzentschlossen seine Reisepläne, bezahlte beim Bordmagus die Passage Riva-Prem und zog sich dann auf sein Zimmer zurück. Noch ein weiteres Mal sieht sich Larian in seiner Kabine um, um sich zu vergewissern, daß er auch wirklich nichts vergessen hat. Da er nichts von seinen Habseligkeiten, die er bisweilen sehr unordentlich in der Kabine verstreut hat, entdecken kann, nickt er einmal selbstversunken und zieht dann die Tür hinter sich zu.

Als er auf dem Oberdeck ankommt, stellt er fest, daß er spät dran ist. Viele der Mitreisenden sind schon unterwegs oder gerade im Aufbruch, nur gut, daß er sich bereits heute morgen in der Messe von allen verabschiedet hat. So winkt er noch einmal dem Kapitän auf dem Brückendeck zu, verabschiedet sich freundlich von dem einen oder anderem Mannschaftsmitglied, das noch anwesend ist. Schließlich überquert er die Planke und macht sich auf den Weg, um die fremde Stadt zu erkunden. Bald schon ist nichts mehr von ihm zu sehen.



Stadterkundung


Ole folgt Alrik kopfschüttelnd, aber lächelnd, so schnell er eben kann. Es sind seine Beine zwar länger als die des Knaben, aber der schwere 'graue Riese' muß natürlich an der Verbindungsplanke sehr viel mehr Vorsicht walten lassen, als der leichtfüßige Schiffsjunge. Die Planke biegt sich und ächzt, haelt aber dem Gewicht des Schiffszimmermanns stand. Und so steht der massige Ole wenig später auf dem Kai und schaut dem ungeduldigen Alrik in die Augen.

"So da wären wir. Das ist Prem. Achte auf die Häuser, Alrik. Es heißt, es gäbe auf dem gesamten Kontinent nicht ein einziges Haus, und sei es noch so fremd an Form und Ausstattung, daß man in ähnlicher Weise nicht auch in Prem sehen könnte. Kleine Häuser, große Häuser, eckige und sogar runde Häuser. Die Stadt mußte in den Hang hineingebaut werden und der Boden ist sehr rar, wie du sehen kannst. Deshalb mußten sich die Baumeister eben etwas einfallen lassen und heraus kamen diese Häuser , die eben sehr ulkig aussehen, dafür aber bestens in den Hang und in die Enge hineingepaßt sind. Die langen, wuchtigen Häuser, die ein bißchen so aussehen wie eine kleine Burg, daß sind meistens Ottaskin. Davon gibt es viele hier und manche sind sehr berühmt. Einig sind auch gefährlich, aber nur, wenn sie mit ihren Drachen auf das Meer hinaus ziehen!"

Ole beugt sich zu Alrik herunter und flüstert ihm mit vorgehaltener Hand ins Ohr:

"Und manche der Ottaskin sind sogar Piraten, in Prem nimmt das nicht so genau! Da sind zum Beispiel die 'Sturmspeere'. Ihre Ottaskin liegt neben der alten Trutzburg dort oben. Das sind ganz schön rauhbeinige Kerle, sag ich dir!"

Ole rollt mit den aufgerissenen Augen und knirscht ein wenig mit den Zähnen, um dem Jungen eine kleine Darstellung von der wilden Verwegenheit der 'Sturmspeere' zu geben und natürlich auch, um ein bißchen Spaß zu machen.



Und wo ist jetzt das Drachenhaus, will Alrik gerade fragen, als Ole mit seinem stadtkundlichen Vortrag beginnt. Zu Anfang ist Alrik eher weniger interessiert, obwohl er tunlichst versucht, sich davon nichts anmerken zu lassen.

Runde und eckige Häuser, kleine und große Häuser, Langhäuser und breite Häuser, Häuser am Berg, die im Berg weitergehen, schiefe Häuser über mehrere Terrassen, Häuser, Häuser, Häuser...

Prem ist eine wirklich eine große Stadt und dicht besiedelt obendrein. Alle Häuser sind so eng zusammengerückt und bis weit oben den Hang hinauf gebaut. Der Blick von der Trutzburg aus ist bestimmt lohnenswert, doch Alrik bezweifelt, dass die Zeit reichen wird, den Berg zu erklimmen.

Und während Ole weiter erzählt, gelingt es ihm durch seine bildhafte Ausdrucksweise doch sehr schnell, den Schiffsjungen in seinen Bann zu ziehen. Alrik will gerne glauben, daß die Häuser bis weit in den Berg hinein reichen. Bestimmt gibt es auch geheime Verbindungsgänge, Fluchttunnel für die Piraten und geheime Höhlenverstecke mit riesigen Schätzen. Das sind alles Dinge, die die Phantasie eines Jungen in Alriks Alter beflügeln können.

Sicher wird es hier auch üble Gestalten geben, deren größtes Vergnügen darin besteht, ganze Städte zu plündern und zu brandschatzen und die keinen Halt vor dem Besitz anderer Menschen machen. Aber wenn der Abend lang ist, dann werden schon so einige Geschichten auf Deck oder in dem Mannschaftsraum erzählt, die man nicht alle für bare Münze nehmen darf. Außerdem hat jede Stadt ihre dunklen Gassen, die man des Nachts besser meiden sollte. Es kann schon sein, daß Prem im Vergleich zu anderen Orten ein paar mehr davon hat, doch noch ist hellichter Tag und Ole ist ja auch noch da.

Oles Grimassen findet Alrik hingegen keineswegs erschreckend, sondern viel mehr lustig. Er hat den Schiffszimmermann inzwischen gut genug kennengelernt, um zu wissen, wann er zu Späßen aufgelegt ist. Trotzdem kann der Junge sich gut vorstellen, daß ein harmloser vorbeiziehender Passant diese Blicke durchaus als Grund nehmen könnte, um sein Gehtempo nicht unerheblich zu beschleunigen.

"Dann gehst DU wohl besser vor, mit dem Blick schlägt du sie bestimmt in die Flucht", scherzt Alrik.

Dann stellt er endlich die Frage, die er anfänglich schon anbringen wollte:

"Wo geht es denn jetzt zum Drachenhaus?"



Auf einmal beugt sich Ole zu Alrik herunter und blickt ihn mit scheinbar sorgenvoller Miene an:

"Beim SWAfnir, jetzt sehe ich es ganz deutlich! Guter Junge, sage doch gleich, daß dir dein Geld ein Loch in die Tasche brennt. Na, dann wolle wir dich nicht länger leiden lassen! Auf zum Drachenhaus!"

Jetzt lacht Ole wieder, er kann manchmal schon eine sehr überdrehter Spaßvogel sein. Immer dann nimmt er fast nichts mehr ernst, nicht einmal sich selbst!

"Mal sehen, ob ich die Leute wirklich mit meinem Blick vertreiben kann. Denn wenn sie uns Platz machen, dann kommen wir schneller zum Drachenhaus!"

Nun schaut Ole ganz grimmig! Er wirft den Kopf in den Nacken, rollt wieder mit den Augen, knirscht mit den Zähnen und saugt Luft ein, solange bis Alrik Angst haben muß, daß es dem Schiffszimmermann zerreißen könnte. Knurrend wie ein Oger, der Streit sucht geht er Schritt für Schritt vorwärts, breitbeinig, die Arme angewinkelt vom Körper weghaltend. Und tatsächlich, obwohl die Hafenpromenade gut bevölkert ist, teilt sich die Menge vor Ole, jeder der Passanten scheint sehr bemüht nicht mit ihm in Kontakt zu geraten, ihm nicht einmal zu nahe zu kommen. Nur ein kleiner Mann in dunklem Gewand, mit einer Glatze, die mit zahllosen Schweißperlen überzogen ist, der den heran nahenden Ole offensichtlich übersehen hatte, da er in Gedanken versunken ist, kommt dem, wie ein Ungeheuer stapfenden 'grauen Riesen' etwas zu dicht auf.

"GRRRRRR ... !!!" macht Ole und der kleine Mann weicht mit einem jähen Satz zurück, kreidebleich im Gesicht. Ole lacht nun und winkt Alrik, daß er ihm folge.

"Komm Alrik! Das Drachenhaus ist gleich in der nächsten Querstraße, nun mach schon, ehe die besten Sachen weg sind!"



Das scheint ein lustiger Tag zu werden, denn so albern hatte Alrik den Schiffszimmermann die ganze Zeit über noch nicht erlebt. Zuerst ist es dem Jungen noch ein bißchen peinlich, als der hünenhafte Kerl sich als Braver-Bürger-Schreck aufführt. In einem Anflug von Verlegenheit legt der Schiffsjunge die eine Hand vor Augen und schüttelt den Kopf. Am besten man tut so, als ob man gar nicht dazugehört, schießt es ihm durch den Kopf.

Doch was er dann zwischen seinen Fingern hindurch erkennen kann, läßt ihn schnell wieder grinsen, bald leise kichern und schließlich schallend lachen. Dieser Ole, das ist schon ein schräger Vogel! Und dieser pausbäckige Wicht dort, der dem Ole im Weg stand, hei, was der springen konnte!

"Er macht doch nur Spaß!" ruft Alrik dem verstörten Menschen lachend hinterher. Dann schließt er zu Ole auf, der immer noch dabei ist, den Weg zum Drachenhaus zu ebnen.

"Jawoll! Schiffsjunge Alrik folgt dichtauf!" meldet sich dieser gehorsamst, als sie um die Ecke biegen und endlich an dem Platz vor dem Drachenhaus ankommen.



Da ist schon ganz schöner Trubel im Drachenhaus und auch darum herum. Der Marktbetrieb ist längst schon nicht mehr das einzig sehenswerte. Überall haben sich kleine Grüppchen gebildet, es wird gelacht, gesungen, getanzt und reichlich getrunken. Ein appetitanregender Geruch liegt in der Luft, verursacht von den zahllosen kleinen Garküchen, die ihre Ware hier anbieten. Es herrscht ein mächtiges Gedrängel und Ole muß noch immer einen Weg bahnen. Dabei geht er nicht immer sehr sanft mit denen um, die ihm zu nahe kommen. Doch seltsamer Weise nehmen es ihm die Leute nicht übel. Die meisten lachen, so wie man lacht, wenn einem ein kleines Mißgeschick passiert ist und Ole lacht zurück, als wolle er sagen, daß noch alle im Lot wäre. Da gibt es aber auch viele Leute, die argwöhnisch Ole's rotes Stirnband betrachten und von vorne herein eine angemessene Distanz zu ihm halten wollen. Einige scheinen sogar Angst zu haben. Doch Ole ist bestens gelaunt, scherzt und lacht und ist umsichtig bemüht, daß dem junge Alrik im Gedränge nichts passiert, denn die Leute sind nicht eben sehr vorsichtig und hätten den Jungen schnell umgerannt.

"Aufgepaßt, Alrik! Wenn wir Glück haben, dann sehen wir hier sogar den Hetmann Thurbold Schlangenstecher, das ist das Stadtoberhaupt von Prem. Er kommt oft hier vorbei, um mit seinen Leuten zu feiern. Aber schau dich auch um nach einem Marktstand mit Sachen, die dich interessieren. Dort machen wir dann einen Halt! Vielleicht finden wir etwas."



Im Drachenhaus


Da ist es also, das Premer Drachenhaus. Erfüllt von überschäumender Neugier steht Alrik am Eingang des riesigen Gebäudes. Das ist ein Platz nach Alriks Geschmack. Hier könnte er sich sicher stundenlang herumtreiben, ohne daß es ihm langweilig wird. Von allen Seiten strömen Leute herbei und stürzen sich in das Getümmel. Es würde schwierig werden einen Weg durch das Gedrängel zu bahnen, doch dank Ole kann sich Alrik immer eines gewissen Freiraumes erfreuen. Wirklich praktisch ist es, in Gesellschaft des Schiffszimmermanns bummeln zu gehen.

Warme Luft strömt aus dem Inneren des Hauses heraus, und mit ihr vielerlei Gerüche, die verführerisch an Alriks Nase kitzeln. Gerade hier am Eingang des Hauses sind besonders viele Stände aufgebaut, die Leckereien feilbieten, darunter ofenfrische Küchlein mit Rübensirup, eingelegte Bodirbirnen, bunte Schmalzkringel, kandierte Thossäpfel und reife, zuckersüße Pflaumen auf heißer Waffel. Aber nicht nur bei den Thorwalern handelt es sich um wahre Schleckermäuler, denn bei dem Anblick dieser Köstlichkeiten läuft auch dem Schiffsjungen das Wasser im Munde zusammen. Das Rübensirupküchlein hat er sich jedenfalls schon mal im Geiste vorgemerkt, um sich später fuer die weitere Erkundung der Stadt hinreichend zu stärken.

"Ja, weißt du denn, wie der aussieht, der Hetmann? Wenn du ihn sieht, dann zeig' ihn mir doch mal..."

Alrik blickt sich neugierig nach allen Richtungen um, doch nach wie vor ist es erst einmal wichtig, ein Geschenk für Fiana zu finden. Nach und nach wandert Alrik die Marktstände ab, wobei es nicht immer einfach ist, sich bis in die erste Reihe vorzudrängeln, damit man auch ungestörte Sicht auf die ausgelegten Waren hat. Doch Oles Rückendeckung ist gerade in diesen Fällen eine erhebliche Vereinfachung, denn so kann Alrik auch mal ungestört gucken, ohne daß er gleich von ungestümen Kerlen zur Seite gedrängelt wird.

Ein Stand nach dem anderen wird begutachtet, bis Alrik schließlich etwas länger an einem Händlerstand verharrt, wo unter anderem auch verschiedene versilberte oder vergoldete Schmuckstücke angeboten werden. Hübsche Fibeln und Gewandspangen finden sich dort in der Auslage wieder, allerdings im angemessenen Abstand zu den Schaulustigen, damit nicht jedermann daran herumgrapschen kann. Auch einige schön verzierte Armreifen und Armbänder sind dort zu finden, die bestimmt Fianas Geschmack treffen würden, aber für Alrik so gut wie unerschwinglich sind. Doch dann entdeckt Alrik einen kleinen versilberten Ohrstecker in Form eines Seepferdchens, der auf Erwachsene vielleicht etwas kitschig wirken mag, doch Alriks Geschmack haargenau entspricht.

"Hiho, Ole. Guck doch mal hier!"

Alrik deutet auf den Seepferdchenanstecker.

"Ob ihr der wohl gefällt?"



"Ob ihr das wohl gefallen würde? Natürlich wird ihr das gefallen! Wichtig ist nur das eine, daß du es gerne gibst!! Eine echte Gabe muß von Herzen kommen! Aber ich sehe, dein Herz hat entschieden!"

Ole wird jetzt sehr geheimnisvoll. Er beugt sich zu dem Knaben herunter und fragt ihn:

" Hast du schon gefragt, wieviel es kosten soll? Wenn nicht, dann tue es jetzt, wundere dich nicht über da , was ich dann unternehmen werde, siehe nur zu und lerne ...... !"

Ole ist ein Spaßvogel, das wohl! Aber manchmal gibt er auch Rätsel auf! Es scheint ihm aber Ernst zu sein. Er dreht sich weg und tut auf einmal so als würden sich sich nicht kennen, der Schiffszimmermann und der Schiffsjunge!. Und dennoch zischt er ihm zu, in einem Augenblick, da er annimmt, daß ihn keiner beobachtet:

"Nun mach schon .....!"



Daß Ole das ausgesuchte Geschenk auch mag, festigt Alriks Entschluß, das Schmuckstück zu erwerben. Mädchen haben meistens einen recht eigenwilligen Geschmack, da ist es nicht einfach, etwas Passendes zu finden. Weder mit Juckpulver, noch mit einer fetten Kröte aus dem Tümpel oder mit einer selbstgezüchteten Mäusefamilie kann man ihnen eine Freude machen. Bei Geschenken für Frauen wird das wohl nicht anders sein...

Aber was ist das nun wieder? Ole hat sich weggedreht und allen Anschein nach, heckt er bereits den nächsten Unfug aus.

"Häh?!" fragt Alrik noch zurück, da Oles letzte Bemerkung zu leise war, um sie zu verstehen. Doch vom Sinn her, kann sich er schon denken, was Ole ihm mitteilen wollte.

Also, gut! Alrik beugt sich weiter nach vorne zum Stand hin und versucht sich bei dem Haendler Gehoer zu verschaffen, der seinen kleinen potentiellen Kunden beinahe übersehen hätte.

"Ähm... hallo?!"

"Ja, mein Junge?" fragt der Händler - ein großgewachsener, kahlköpfiger Kerl mit einem rotblonden Vollbart.

"Hast du dir schon was ausgesucht - für deine kleine Freundin, nicht wahr?"

Alrik fühlt sich nicht sonderlich ernst genommen, verzichtet aber auf eine Richtigstellung in dieser Sache und antwortet statt dessen:

"Dieser Ohrstecker dort, der mit dem Seepferdchen, wieviel wollt Ihr denn dafür haben?"

"13 Heller, mein Freund!"

"So viel?



Nachdem der Händler seinen Preis genannt hatte und dem jungen Alrik einen

ziemlichen Schrecken damit eingejagt hatte, kommt Bewegung in den alten Ole. Mit einem mürrischen und gereizt klingenden Unterton klinkt der Schiffszimmermann in die Verkaufsverhandlungen ein:

"Was habe ich da gehört? Vielleicht habe ich mich aber auch verhört, beim Phex! "

Ole baut sich vor Alrik auf und tut so, als habe er den Jungen im Augenblick zum erstenmal gesehen.

"Zeig mal her !" knurrte er und er hört sich dabei so an wie ein verwundeter Wüstenlöwe. Heimlich und so, daß es vor allem der Händler nicht sehen kann, zwinkert er dem Jungen zu, um ihm anzudeuten, er solle auf das Spiel einsteigen! Dann hält er sich das Schmuckstück dicht vor die Augen, um es nach Expertenart zu prüfen. Ole hat nicht den allerblassesten Schimmer von Schmuckwaren, wer in jedoch so stehen und hantieren sieht, glaubt einen wissenden Fachmann bei der Arbeit beobachten zu können.

"DREIZEHN HELLER ??!!??" brüllt Ole auf einmal los, in einer Lautstärke, daß sich einige Passanten erschrocken umdrehen "Das ist ja glatter Raub!" Das ist zwar eine reichlich dümmliche Bemerkung, in einer Stadt, die auf eine sehr lange und intensive piratische Vergangenheit zurückblicken kann, als ernste Mißbilligung des angebotenen Kaufpreises taugt sie aber allemal.

Auf einmal beginnt Ole schallend zu lachen. Er schlägt sich vor Vergnügen sogar auf die Schenkel und zwischendurch wirft er immer wieder einen Blick auf das Schmuckseepferdchen, ernst und konzentriert, um gleich darauf wieder in eine Gelächter auszubrechen.

"Entschuldigt, mein Herr!" sagt er zu dem rotbärtigen Kaufmann "JETZT verstehe ich erst! Oh, ihr Götter, ich war wohl mit Blindheit geschlagen!"

Ole schaut dem Händler direkt in die Augen:

"Ihr habt euch doch sicherlich versprochen. In Wirklichkeit kostet das gute Stück nur 13 Kreuzer! Hab ich recht?"



"Ihr irrt, mein Herr. Ich sprach durchaus von 13 Hellern. Aber grämt Euch nicht deswegen, daß ihr Euch so schwer verschätzt habt. Ich nehm's Euch nicht krumm, da es aus Eurer Unwissenheit heraus geschah." spöttelt der Händler grinsend. Argumente wie Oles hört man fast täglich und sind daher auch nicht neu. Doch ein Blitzen in des Kaufmanns Augen zeigt, daß der genannte Preis natürlich noch nicht fix ist.

"Außerdem waren die dreizehn Heller der Vorzugspreis, den ich meinem jungen Freund hier machte."

"Da er zuerst fragte und wie ich sehe, auch ein starkes persönliches Interesse an dem Schmuckstück hat, müßt ihr mir schon deutlich mehr bieten, wenn ihr es an seiner statt erwerben wollt."

Alrik sieht jetzt noch entsetzter aus als vorher. Eigentlich wollte man ja den Preis herunterhandeln und hier keine Versteigerung inszenieren...



Ole hält sich das kleine Schmuckstück vor die Augen und betrachtet es eingehend. Die kecken Spitzen in den Worten des Händlers scheinen an ihm abzuprallen. Der Schiffszimmermann läßt die Arme sinken und zeigt ein Lächeln, wie das eines Genießers beim Anblick einer schmackhaften Waskir-Pfanne.

"So, so! Ein Vorzugspreis sagt ihr. Nun ich will euch das gerne glauben, daß dieser Preis für irgend jemanden Vorzüge hat, es fragt sich nur für wen?"

Ole seufzt tief und auf einmal sieht er ganz bekümmert aus, als würden ihn quälende Gedanken heimsuchen und elendig plagen. So wendet er sich an Alrik und sagt laut, so, daß es der Händler auch noch verstehen kann:

"Ach mein Junge, die Zeiten sind hart und jeder muß sehen wo er bleibt. Dieser brave Kaufmann ist bestimmt auch nicht glücklich darüber, daß er SO etwas verkaufen muß! Aber keine Angst, ich werde dir bei deinem Erwerb nicht im Wege stehen, sehe ich doch, daß es dir wert und teuer ist!"

Seine Worte begleitet Ole mit eine äußerst kritischen Blick auf das Schmuckstück. Dabei verzieht er das Gesicht, als habe er in einem frisch ausgeschlürften Ei eine Schlange entdeckt.

"So bedenke jedoch, mein Junge, es gibt es einen großen Unterschied zwischen Wert und Preis. Alle Dinge haben ihren Preis und dieses Schmuckstück hier ist ganz bestimmt seine 2 Heller wert! Das wäre sehr großzügig, ich weiß, aber der brave Mann hat es verdient angemessen bezahlt zu werden. Und man darf ja auch nicht vergessen, daß der Händler sagte, daß er dein Freund wäre und Freunde in der Not sollte man unterstützen. Das wohl, zwei Heller, das käme gut hin!"

Mit einem Seitenblick vergewissert sich Ole, daß der Rotbart auch noch zuhört.

" Ist das nicht so?" fragt Ole den Händler.

Ole's Stimme bekommt einen etwas süßlichen Klang, seine Freundlichkeit wird ein bißchen beißend. Es klingt schon irgendwie eigenartig, wie Ole die Worte "Freund" und "Händler"ausspricht. Er beugt sich tief zu Alrik herunter und sagt laut zu ihm, in fast väterlichem Tonfall:

"Sag mein Junge, wem hast du dieses Schmuckstück denn zugedacht?"

Doch leise und unbemerkt von den Umstehenden raunt er ihm zu:

"Wieviel willst du denn anlegen, Alrik? Sag es mit leise ins Ohr ...!"



Alrik muß ein Grinsen unterdrücken, als er laut verkündet:

"Für meine Freundin, Herr. Sie ist die schönste, die ich kenne, sie hat ganz lange honigblonde Zöpfe und..."

"...mehr als 8 oder 9 Heller wollte ich wirklich nicht ausgeben."

flüstert Alrik leise zu Ole weiter.

Derweil senkt der Händler den Kopf ein wenig und macht eine sehr bekümmerte Miene.

"Guter Mann, die Zeiten sind allesamt schlecht, nichts ist mehr so, wie es früher einmal war und jeder muß sehen, daß er sein Auskommen hat. Aber daß man mir meine Notlage so sehr ansieht, daß hätte ich nicht vermutet. Meine arme Mutter, Boron sei ihr gnädig, nur gut, daß sie das nicht mehr erleben muß, denn gerade dieses silbrige Seepferdchen ist ein besonderes Erinnerungsstück an ihre erste Räub.. Geschäftsreise."

Der Kaufmann legt eine Hand vor's Gesicht und drückt sich theatralisch ein paar nicht vorhandene Tränen aus den Augen.

"Wer kann sich schon so glücklich schätzen, wie dieser Knabe hier, der seiner Freundin freigiebig ein so kostbares Geschenk machen kann. Doch, doch, es ist schon Recht so, mein Junge, man ist schließlich nur einmal jung, und das muß man genießen."

Abwechselnd wendet sich der Händler zu Ole und zu Alrik.

"So versteht Ihr sicher, daß ich mich nicht gerne davon trenne, aber dennoch werde ich nicht umhin kommen, es aus der Hand zu geben. Deshalb werde ich dir, mein junger Freund, dieses gute Stück zu einem Preis, den es mehr als Wert ist, preiswert sozusagen, überlassen. Zwei Heller laß' ich dir herunter, für 11 Heller kannst du es mitnehmen. Na, ist das ein Wort?"



Ole legt die Hände vor seiner mächtigen Brust zusammen, als wolle er sein Stoßgebet gen Alveran senden, richtet seinen Blick mit aufgetragener Verzückung himmelwärts und spricht mit flötender Stimme:

"Ach ja, die Liebe! Ist die erste Liebe wohl die schönste, so ist die tiefste Liebe eben die Liebe zur Mutter!"

Ole wendet sich zu Alrik hin:

"Das mußt du schon verstehen, mein Junge! Dieser Mann, ein ehrbarer Händler seines Zeichens, ist durch Trauer gramgebeugt. Verloren hat er seine Mutter, hinweg weit über das Nirgendmeer, möge sich Rethon zu ihrem Segen neigen, und sie ließ ihren Sohn mit dem zurück, was sie dereinst, auf ihren ...... 'Geschäftreisen' ..... , nun, sagen wir einmal, links und rechts des Weges fand!"

Die Stimme des Schiffszimmermannes vibriert dermaßen, daß einige Passanten, die das 'Schauspiel' angelockt hatte und den Verhandlungen jetzt beiwohnen, schon Wetten darüber abschließen, wann er denn heillos in Tränen ausbrechen würde. Auf einmal werden seine Züge streng, wie eines Vaters der einen Tadel aussprechen muß.

"Mein Junge!" erklärt Ole feierlich "Ich finde dieser Händler hat recht, du wirst das Glück deiner Liebe schon teilen müssen, mit denen die ihr entsagen müssen. Und so schlecht klingt doch sein Vorschlag gar nicht!"

Und zum Händler gewandt sagt Ole:

"Ich stimme euch zu, wenigstens um zwei Heller sollte sich der Kaufpreis schon bewegen. Sagen wir also: Vier Heller für das winzige Schmuckstück, daß ist angemessen und lindert euere ärgste Not. Ich denke, ich kann unseren jungen Freund schon davon überzeugen bei einem solchen Angebot einzuschlagen - Ihr bräuchtet euch dafür nicht einmal bei mir zu bedanken!"



Um Alriks Mundwinkel zuckt es bedenklich, und er ist stark bemüht ein Lachen zu unterdrücken. Ole trägt aber wirklich mächtig dick auf, da könnte sich so mancher Komödiant eine Scheibe von abschneiden. Woher hat er das bloß? Es scheinen doch so allerlei Talente in Ole zu schlummern, von denen Alrik bislang keine Ahnung hatte.

Der Händler, der immer noch den vom Leben arg gebeutelten und zutiefst betrübten Menschen mimt, offeriert zwischenzeitlich ein neues Angebot:

"Ach, ich sehe schon, Ihr unterschätzt immer noch den Wert dieser filigranen Handarbeit. Seht es Euch doch nur genau an, diese zarten Gravuren, die feine Linienführung bei diesem Kleinod. Ihr müßt doch zugeben, daß es in seiner Art einzigartig ist. Ein Einzelstück! Ein Unikat! - Und das soll ich für vier Heller aus der Hand geben? Oh, nein, das KANN nicht rechtens sein."

Dann bedenkt er den jungen Alrik mit einem langen, traurigen Hundeblick.

"Wie alt bist du mein Junge? Zwölf, dreizehn? Mein jüngster ist auch so in deinem Alter. Was soll ich dem nur erzählen? Soll ich ihm wirklich sagen, daß ich dieses Schmuckstück, das einst seiner Großmutter gehörte, für so wenig Geld weggegeben habe, so daß es nur für einen dünnen Rübeneintopf reicht?"


"Neun Heller, dann ist es dein. Noch weiter kann ich wirklich nicht heruntergehen. Für neun Heller kannst du es haben."



Ole steht da mit offenem Mund und staunend aufgerissenen Augen und vermittelt dabei dem Betrachter ein Bild der Fassungslosigkeit, als habe er gerade eben Kaiser Hal persönlich durch das Drachenhaus schlendern sehen.

"Hast du gehört, mein Junge? Das ist kein Schmuckstück, das ist eine Kostbarkeit!"

Er stellt sich an Alriks Seite, geht in die Knie und hält sich und dem Jungen das Schmuckstück vor die Augen.

"Hier mein Junge - siehst du diese zarten Gravuren? - Halt nein, das sind ja Kratzer! Nun ja, aber man muß ja auch noch die feine Linienführung bedenken - lieber doch nicht, das sieht mehr nach Schleifspuren aus. Sagt an, werter Herr Händler, hat eure geehrte Frau Großmutter, alle Köstlichkeiten Alvernas sollen ihr offen stehen, in einem Steinbruch gearbeitet? Aber beachte dies nicht weiter, mein Junge, denke an den armen Sohn des Händlers, der erst jüngst die Großmutter verlor. Lang kann das noch nicht her sein, der Ohrstecker selbst ist ja neuerer Herstellung. So ein plötzlicher Verlust kann tief wirken auf die arme Kinderseele!"

Ole sieht jetzt wirklich bekümmert aus, als mache er sich die allergrößten Sorgen um das Wohl des Händlers. Er zieht die Mundwinkel nach unten bis er aussieht wie ein tumber Korallenfisch und sagt zu Alrik mit einem Brustton der Entrüstung:

"Junge, du solltest dich schämen! Dieser Mann leidet, seine Kinder leiden und du hüllst dich in unseligen Geiz. Junge - los gebt dir einen Ruck!"

Völlig unerwartet, ohne jede Vorwarnung windet sich der Schiffszimmermann aus seiner brütend trauernden Versenkung heraus und gerät in einen Zustand freudiger Verzückung. Wie ein Harlekin tippelt er zu dem Händler hin und erklärt ihm hinter vorgehaltener Hand, aber laut genug, daß der Wortlaut noch am Nachbarstand zu vernehmen ist:

"Herr Händler, ich sehe es den Augen des Jungen an. Er hat ein Einsehen, Phex sei gepriesen! Er erhöht auf 6 Heller. Auf 6 Heller !!! Na, was sagt ihr jetzt? Da könntet ihr eueren Rübeneintopf mit reichlich Speckseiten verfeinern !"



Dem Händler ist deutlich anzusehen, daß für ihn der Spaß, bzw. der Gewinn, so langsam aufhört. Obendrein verschrecken Oles Gebärden immer mehr andere neugierige Kaufinteressenten, die sich nun nicht mehr für die Waren in der Auslage, sondern viel mehr für Oles beeindruckende und lustig anzuschauende Vorstellung interessieren.

"8 Heller, das ist mein letztes Wort, mein Junge. Weiter runter kann ich fürwahr nicht gehen. Daß ich mich von diesem guten Stück trennen muß ist schon bitter genug. Dein Vormund kann hier gerne noch ein Weilchen hin und her stolzieren, doch den Preis wird's nicht ändern."

Der Händler verschränkt die Arme vor der Brust und setzt eine fest entschlossene Miene auf. Argwöhnisch ruht sein Blick auf dem Ohrstecker, als befürchte er Ole könne sich mit dem guten Stück aus dem Staube machen, während er so fröhlich vom Nachbarstand zur rechten Hand bis zum Nachbarstand zur linken spaziert.

"Nun?"



Ole stapft noch immer auf und ab und spricht fröhlich vor sich hin:

"So ist es recht, so ist es recht ...!"

In Wirklichkeit aber ist er innerlich sehr angespannt. Zwar scheint es so, als ob sie bei der Verhandlung um den Preis nunmehr den Boden des Topfes erreicht hätten, es würde Ole aber dennoch sehr reizen, den Preis um ein einziges mal weiter zu drücken. Der Händler schaut zwar ein bißchen 'angenagt' aus, hat nun aber eine sehr trotzige Haltung angenommen und dies ist gefährlich. Wenn der Bogen jetzt überspannt werden würde, dann wäre es sehr schnell zu Ende mit dem Feilschen, mit dem Handel und dem Ohrstecker und dieser kritische Zeitpunkt scheint nun gekommen. Ohne zu zögern würde Ole eine weitere Verhandlungsrunde ansetzen, ginge es allein um ihn, aber es geht um Alrik und der könnte langsam etwas nervös werden, es handelt sich ja immerhin um sein 'Geschenk' für Fiana!

Widerstrebend geht Ole auf Alrik zu, drückt ihm den Ohrstecker in die Hand und sagt mit aufgesetzter feierlicher Würde:

"Schlag ein Junge! Danke dem Händler für seine aufopfernde Großzügigkeit und denke immer daran, du hast mit dem Fuchs persönlich verhandelt!"

Mit einer einladenden Geste weist der Schiffszimmermann Alrik den Weg zum Händler, verbeugt übertrieben und zieht sich ein wenig zurück, noch immer in gebückter, demütiger Haltung, wie ein Lakai am kaiserlichen Hofstaat. Ein paar der Schaulustigen, die sich rund um den Stand versammelt hatten lachen, ein paar applaudieren sogar und Ole verbeugt sich dankend.



"Aber der Listigste von allen bist immer noch du, Ole," macht der Junge dem Schiffszimmermann ein ehrlich gemeintes Kompliment. Seine Lippen formen ein lautloses 'Danke', als Ole ihm den Ohrring überreicht. Dann stapft er weiter zum Stand heran und hält dem Händler die ausgestreckte Hand entgegen.

"Acht Heller, einverstanden!" verkündet der Schiffsjunge mit fester Stimme, während er insgeheim hofft, daß es sich der Händler nicht noch einmal wieder anders überlegt. Das Geschäft scheint wirklich günstig und es bleibt sogar noch ein bißchen Geld übrig, um sich damit eine kleine Leckerei zu gönnen.

"Das wohl, abgemacht!" erwidert der Händler, schlägt ein und drückt Alriks Hand kräftig zusammen. Alrik versucht sich den Schmerz nicht anmerken zu lassen, saugt aber hörbar die Luft ein.

"Gut, gut. Könnt Ihr es mir denn wenigstens noch etwas einpacken? Als Geschenk?" fragt Alrik nach.

"Das wird sich schon machen lassen."

Der Händler löst den Griff um Alriks Hand, nimmt den Ohrring entgegen und beginnt unter dem Tresen zu kramen. Alrik blickt derweil auf seine lädierten Finger. Schön, wenn der Schmerz nachläßt! Dann fängt er seinerseits an, seinen Geldbeutel unter dem Hemd hervorzuziehen und zählt in aller Ruhe und in höchster Konzentration die acht benötigten Heller ab. Das Geld und der als Geschenk verpackte Seepferdchenohrstecker wechseln schließlich den Besitzer und der Händler verabschiedet sich mit einem:

"Da wird deine Freundin aber große Augen machen, mein Junge. Mit dem schönen Geschenk kannst du mächtig Eindruck hinterlassen."

Auch Ole erntet ein paar verabschiedende Worte:

"War angenehm, mit Euch Geschäfte zu machen..."

Ein deutlich ironischer Unterton läßt sich dabei nur schwerlich verleugnen.



Ole beäugt argwöhnisch den Abschluß des Handels, daß der Händler nicht noch auf die Idee käme das Geschäft noch mit einer kleinen, aber wirkungsvollen, wie auch immer gestalteten Gemeinheit zu würzen. Aber der Händler scheint eine halbwegs ehrliche Haut zu sein. Lächelnd nimmt Ole den Gruß des Händlers entgegen, Worte, die mit Gehässigkeit angefüllt sind, wie ein nasser Schwamm mit Wasser.

"Aber ich bitte euch", antwortet Ole "Die Ehre ist ganz meinerseits und es trifft mich hart, daß ihr mich nun vermissen werdet müssen, da ich gehen muß und so schnell nicht wiederkommen kann. Ich werde aber, euch zum Trost, meinen Freunden in Prem eine Empfehlung geben, sie mögen euch an euerem Marktstand heimsuch.... .."

Ole unterbricht seine Rede mit einem holpernden Stocken, redet aber gleich weiter:

"Ich meine natürlich BE-suchen, verzeiht mir bitte. Es wird euch die Zeit vertreiben bis ich wieder zurück bin. Sie sind zwar ein bißchen wild und überdreht, aber sie meinen es nicht so - Ihr werdet sie schon mögen, denn sie lieben Ohrstecker über alles und sie werden euere Angebote zu schätzen wissen!! Nur Mut, mein Freund, ich bin mir sicher, die Suppe wird bald schon wieder schmecken! Phex mit euch!!"

Ole verbeugt sich tief, sogar mit einem 'Kratzfuß', genauso wie es bei Horasischen Höflingen üblich ist, wenn sie gefordert sind, den Exzellenzen Demut zu zollen. Das sieht bei einem mächtigen Kerl wie Ole wirklich zum Brüllen komisch aus. Dann verzerrt er sein Gesicht zu einer Grimasse euphorischen Verzückens und 'schwebt' regelrecht von dannen. Das 'Publikum' lacht und johlt und verabschiedet Ole mit Applaus. Danach lösen sich die Ansammlungen auf und der Händler bleibt zurück, zusammen mit Kunden, die froh sind, daß der Schiffszimmermann endlich das Feld räumt um ihnen Platz zu machen.

Als Ole feierlich an Alrik vorbei schreitet, mag es so ausgesehen haben, als habe er den Jungen völlig übersehen. Tatsächlich aber hatte er Alrik im Vorbeigehen zugeraunt:

"Komm rasch nach Alrik, ich habe schon wieder eine gute Idee!"



Im Hafen unterwegs


Nirka bleibt weiterhin stehen und läßt den Blick über das Bild der Stadt wandern, so wie es sich ihr präsentiert. Dann schließlich findet sie zu Sigrun zurück, und fragt:

"Was möchtest du denn? Die Stadt ansehen, etwas einkaufen, oder einfach ziellos durch die Gegend schlendern?"

Erwartungsvoll sieht sie Sigrun an, und ist dabei froh, daß die meisten der anderen schon an ihnen vorbeigegangen sind, oder sich zumindest nicht um sie kümmern.



Sigrun wartet geduldig, bis Nirka sich ihr wieder zuwendet. Sicher hat diese viele Erinnerungen, die in einem solchen Moment ihr Recht fordern. Als Nirka sie dann fragt, was sie tun möchte, lächelt sie. Eigentlich ist es ihr völlig egal, solange Nirka dabei ist.

Damit sie aber nicht den Rest der kostbaren Zeit bis zum Abend hier am Kai verbringen, antwortet sie: "Wir können ja vielleicht erstmal ein wenig die Stadt ansehen und vielleicht kommen wir ja dann zufällig irgendwo an ...?"

Erwartungsvoll sieht sie die Bootsfrau an. Nachdem sie nun weiß, daß Nirka sie dabei haben möchte, ist sie neugierig darauf, die Freundin kennenzulernen, von der Nirka gesprochen hat und wer weiß, was für Vorteile eine Herberge gegenüber einem Laderaum hat ...

Da durchzuckt sie ein plötzlicher Gedanke und sie fügt an:

"Und wir dürfen natürlich nicht vergessen, ein Geschenk für Fiana zu besorgen."



Nirka geht langsam los, während sie Sigrun antwortet:

"Dafür ist das Drachenhaus der beste Platz, aber ich schätze, dort wird jetzt sehr viel los sein - außerdem werden wir da wohl die halbe Mannschaft der NORDSTERN treffen."

Nirka zeigt auf das gar nicht so weit entfernte Drachenhaus. "Das da ist es."

Ihr Weg führt rechts daran vorbei - quer durch das Gedrängel, das ihr sichtlich nicht besonders gefällt, aber niemand kommt auf die Idee, sich mit ihr anzulegen.

Erst, nachdem der Platz, auf dem das Drachenhaus steht, hinter ihnen liegt, und sie in die Gassen westlich davon eintauchen, werden Nirkas Schritte langsamer und sie bleibt fast stehen.

"Hier sind wir immerhin aus dem allgemeinen Gewühl der Tavernen und des Marktes hinaus, und sind unter uns, zumindest, was die uns bekannten Leute betrifft. Wenn du nichts dagegen hast, gehen wir erst zu Bernika, damit ich ihr sagen kann, daß wir in der Stadt sind. Bei ihr um die Ecke ist auch ein winziger Markt, vielleicht finden wir da was für Fiana - hast du denn schon eine Idee?"



Auch Sigrun ist nicht begeistert von der Idee, schon wieder mit sämtlichen Matrosen und Passagieren der NORDSTERN zusammenzutreffen. Man hat jetzt wirklich erstmal lange genug aufeinander gehockt und kann eine Pause gut gebrauchen. Daher hat sie an Nirkas Richtungswahl nichts auszusetzen und folgt ihr durch die Menschenmenge, bis sie wieder nebeneinander gehen können und die Gassen leerer werden. Auf Nirkas Frage antwortet sie:

"Ich weiß nicht so recht, so gut habe ich Fiana noch nicht kennengelernt. Aber vielleicht finden wir ja auf dem kleinen Markt irgend etwas, das man nicht an jeder Straßenecke bekommt und brauchen danach nicht so lange zu suchen, wie in dem großen Drachenhaus. Schließlich wollen wir damit ja nicht die ganze Zeit zubringen."

Mit einem breiten Grinsen sieht sie Nirka jetzt an.

"Natürlich können wir erst zu Bernika gehen, es wäre nur etwas peinlich, wenn wir Fiana ganz vergessen würden ..."



Nirka sieht sich um... fast wie gewohnt, ob jemand in der Nähe ist.

"Nein, keine Angst. DAS werden wir später machen... nach der Feier... sonst kommen wir wirklich zu spät, und beeilen möchte ich mich DABEI nun wirklich nicht."

Sie schließt kurz die Augen.

"Bist du jemals morgens wach geworden, und die Freundin lag noch neben dir? Nicht hektisch und auf der Flucht, sondern ganz ruhig, ganz normal?"

Das Weitergehen scheint die Bootsfrau vorerst vergessen zu haben.



Sigrun lächelt erfreut. Eine ganze Nacht in der Herberge, davon hat sie kaum zu träumen gewagt.

"Das muß wunderbar sein", antwortet sie. "Aber meinst du denn, daß wir solange hier bleiben? Der Kapitän hat gesagt, daß er uns alle heute abend erwartet, deshalb habe ich gedacht, daß wir morgen schon wieder auslaufen."



Nirka schüttelt entschieden den Kopf.

"Nein, das würde mich sehr wundern. Er hat das doch nur gesagt, damit wir zu Fianas Feier wieder da sind... Ich erinnere mich, daß er in Olport davon sprach, daß er uns beim nächsten Mal mehr Zeit läßt, und so wie ich ihn einschätze, wird es vor übermorgen ganz sicher nicht losgehen."

Leiser fügt sie hinzu:

"Zumindest hoffe ich das!"



Sigrun macht einen weiteren Schritt auf Nirka zu, so daß sie jetzt direkt vor der anderen Frau steht. Während sie ihre Arme auf Nirkas Schultern legt, murmelt sie:

"Dann haben wir ja jetzt wirklich viiiel Zeit ..."



Nirkas Hände umfassen wie von selbst Sigruns Taille, und leise erwidert sie:

"Die haben wir, ja. Jetzt, und sicher auch nach der Feier und morgen."

Sie genießt die Nähe, ehe sie sich dann widerwillig losreißt, als ihr bewußt wird, daß durchaus einige Leute in der Nähe sind.

"Aber wir sollten weitergehen, findest du nicht auch?"



Ein wenig zögerlich löst Sigrun sich von Nirka.

"Ja, du hast wohl recht. Obwohl ich nicht glaube, daß es irgend jemanden von der NORDSTERN hierher verschlagen wird. Wo müssen wir denn lang, wenn wir zu Bernika wollen?"



"Das sicher nicht, aber Prem ist eine Stadt, in der viele Seeleute unterwegs sind. Und unter denen sind es nicht nur die der NORDSTERN, die mich kennen, und zu schnell entstehen Gerüchte."

Nachdenklich hält sie inne. Warum eigentlich die Geheimhaltung? Wäre es

wirklich so schlimm, wenn auf dem Schiff jemand davon erführe? Eigentlich nicht... nur wäre es für sie beide dadurch sicher nicht einfacher -

schließlich ist sie als Bootsfrau in gewisser Weise Sigruns Vorgesetzte...

Dankbar greift sie schließlich Sigruns Frage auf:

"Ganz einfach: Diese Gasse hier weiter hinauf, an der nächsten Ecke rechts, dann wieder links, und schon sind wir da."



Sigrun beantwortet das Grinsen, wenn sie auch noch immer ein wenig enttäuscht ist, nicht einmal hier, in den ruhigeren Gassen Prems, ihre Gefühle so zeigen zu können, wie sie es sich wünscht. Nach der langen Zeit des Versteckspiels an Bord würde sie am liebsten Arm in Arm mit der Freundin durch die unbekannten Straßen schlendern, aber natürlich hat Nirka recht. Was hat das ganze Verstecken genützt, wenn jetzt ein vertrottelter Seemann an ihnen vorbei torkelt und seine Eindrücke anschließend lauthals zum besten gibt? Also schließt sie sich wieder dem unverfänglichen Thema an und meint:

"Na, wenn das so einfach ist, kann man sich hier ja wirklich nicht verlaufen!"



Nirka entgeht die Enttäuschung der Freundin nicht ganz, und so drückt sie deren Hand kurz ganz fest, ehe sie den Weg in Richtung von Bernikas Herberge fortsetzt.

"Nein, verlaufen kann man sich in der Tat nicht. Wenigstens zum Hafen findet man immer wieder zurück, und auch den Weg zur Burg beispielsweise kann man kaum verfehlen."

Sie unterstreicht die Erklärung durch entsprechendes Zeigen.



Nach Nirkas Händedruck verfliegt Sigruns leichte Enttäuschung fast eben so schnell, wie sie aufgekommen ist. Es ist ein viel zu schöner Tag, um über irgend etwas enttäuscht zu sein und schließlich haben die beiden Frauen vielversprechende Pläne. Ihre Augen folgen Nirkas Erläuterungen bezüglich des Aufbaus der Stadt und sie nimmt die neuen Eindrücke neugierig auf. Sigrun findet eine neue Stadt immer wieder interessant. Jede ist anders und hat ihre eigenen Menschen und eine bestimmte Eigenart sowohl in der Architektur als auch in den Gewohnheiten der Einwohner. Und dieses Prem scheint ja wirklich etwas ungewöhnlich zu sein. Natürlich kennt Sigrun die Gerüchte um die 'Piratenstadt', aber nie hat sie so richtig glauben können, daß hier wirklich eine andere Moral herrschen könnte. Nun, denkt sie sich, vielleicht werden wir es erfahren. Jetzt mit freudigerem und neugierigen Gesichtsausdruck schließt sie sich Nirka wieder an.



Bernika's Herberge


Der Weg ist tatsächlich nicht mehr weit, dann bleibt Nirka stehen und zeigt auf ein kleines, schmuckloses Häuschen, über dessen Tür ein ausgeblasstes Schild hängt:

"BERNIKAS HERBERGE"

Das Haus wirkt bei aller Schlichtheit jedoch sehr sauber und gepflegt - und eigentlich gar nicht wie eine Herberge.

"Da sind wir", sagt Nirka, und betätigt den schweren Türklopfer.

Erst einmal passiert gar nichts.



Neugierig sieht sich Sigrun um. Diese Herberge ist wohl wirklich eine Art Geheimtip. Woher Nirka diese Bernika wohl kennt? Aber das kann sie ja auch später fragen, jetzt im Moment paßt es ja nicht so gut. Schließlich kann sich die Tür jederzeit öffnen. Oder nicht?

"Vielleicht ist sie nicht da", bemerkt Sigrun in einer Mischung aus Frage und Feststellung.



"Keine Sorge!" erwidert Nirka ruhig, und schon wird die Tür von einer alten Frau geöffnet, die sicher schon wenigstens sechzig Sommer gesehen hat, sehr klein ist, und einen gebückten Gang hat. Sie mustert die beiden Frauen ein wenig mißtrauisch, dann huscht Erkennen über ihr Gesicht.

"Nirka! Das ist aber lange her!"

"Ja, ich bin es, Bernika. Das hier ist Sigrun."

Sie zeigt auf die Freundin.



Die alte Frau scheint Nirka zuerst gar nicht zu erkennen. Es muß wohl wirklich lange her sein, seit die beiden sich zum letzten Mal gesehen haben. Woher sie sich wohl kennen? Sigrun ärgert sich ein wenig, daß sie den Weg hierher nicht genutzt hat, um Nirka danach zu fragen, aber sie wird es schon noch erfahren. Mit einem gewinnenden Lächeln sieht sie Bernika an.

"Die Götter seien mit Euch. Ich freue mich, Eure Bekanntschaft zu machen."



Bernika erwidert Sigruns Gruß freundlich, dann sieht sie Nirka wieder an. Diese entgegnet:

"Ich hätte gerne für die nächsten Tage das große Zimmer, wäre das in Ordnung?"

"Selbstverständlich. Du mußt mir aber unbedingt von deinen Reisen erzählen!"

"Ja, sicher. Später... morgen."

"Gut."

Ohne weitere Worte händigt sie Nirka einen Schlüssel aus, und verschwindet dann wieder im Haus, dessen Tür sie offen läßt. Nirka sieht Sigrun an.

"Na dann... bringen wir unsere Sachen nach oben."

Sie geht langsam los, und in ihrem Hinterkopf reift eine Idee.



Sigrun ist überrascht. Eigentlich hatte sie den Eindruck, Nirka würde sich auf ein Wiedersehen mit Bernika freuen. Aber jetzt, als es soweit ist, gibt sich die Bootsfrau wieder so, wie Sigrun sie schon oft erlebt hat: ein wenig distanziert und wortkarg. Doch Bernika scheint es nicht anders zu erwarten und ist nicht verwundert, als Nirka sie auf den nächsten Tag vertröstet. 'Nun', Sigrun zuckt leicht mit den Schultern, 'Nirka muß es selbst wissen.'

Dann nimmt sie die wenigen Sachen auf, die sie auf den Ausflug in die Stadt mitgenommen hat.

"Ja, ich komme!" Mit diesen Worten folgt sie Nirka und betritt die Herberge.



Nirka geht mit beinahe traumwandlerischer Sicherheit einen kleinen Gang entlang, dann eine Treppe nach oben. Dort bleibt sie vor einer von vier Holztüren stehen, die sie mit dem Schlüssel, den Bernika ihr gab, aufschließt und dann einladend die Tür für Sigrun öffnet.

"Tritt ein. Wir haben Glück, daß dieses beinahe fürstliche Zimmer frei ist!"

'Beinahe fürstlich' ist natürlich eine maßlose Übertreibung. Es ist ein schlicht eingerichteter Raum von vielleicht vier Schritt im Quadrat, an dessen der Tür gegenüber liegenden Seite es ein kleines Fenster gibt, und dessen Einrichtung aus drei kleinen Schränkchen und einem ziemlich großen Doppelbett besteht - ergänzt durch einen Tisch und zwei kleine Schemel. Diese Einrichtung ist zwar schlicht, wirkt aber gerade dadurch geschmackvoll und angemessen.

Und... es IST fürstlich, wenn man es mit dem Laderaum der NORDSTERN vergleicht!



Sigrun tritt in das Herbergszimmer und ist beeindruckt. Zwar weiß auch sie, daß 'fürstlich' wohl eine etwas überschwengliche Bezeichnung für die Einrichtung des Zimmers ist, aber ein so hübsches Zimmer hat sie wirklich nicht erwartet. Noch nicht häufig hatte sie bisher Gelegenheit, eine gepflegte Herberge von innen zu sehen, schließlich ist dies ihre erste Fahrt als fertig ausgebildete Matrosin. Sie geht ein paar Schritte in die verschiedenen Richtungen des Zimmers und sieht sich dabei um. Anschließend wirbelt sie um ihre eigene Achse, so daß sie nun mitten im Raum steht, Nirka zugewandt. Die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie ihre Sachen fallenläßt, die Arme ausbreitet und ruft:

"Es ist herrlich!"



Nirka freut sich, daß Sigrun sich so freut. Rasch ändert sie ihre Idee etwas ab, und läßt ihre Sachen ebenfalls fallen, während sie die Tür mit dem Fuß ins Schloß stößt.

Dann breitet auch sie die Arme aus und fängt Sigrun auf. Ihr kraftvoller Griff hebt die andere Frau regelrecht hoch, und ein sanfter Stoß läßt sie beide auf dem Bett landen, wo Nirka in der Position halb auf Sigrun liegend verharrt und dieser intensiv in die Augen sieht.



Sigrun ist nicht allzu überrascht, sich plötzlich auf dem Bett wiederzufinden. Etwas schelmisch grinst sie Nirka an:

"Vielleicht können wir hier eine kleine Pause in der Stadtführung machen. Ich ... würde mir das gerne genauer ansehen."



Nirka grinst ebenso schelmisch zurück.

"Interessant, nicht wahr?"

Während sie ihre Nasenspitze auf die von Sigrun stupst, beginnen ihre Hände, Sigrun abzukitzeln.



Sigrun lacht und wehrt sich leicht gegen die kitzelnden Hände.

"Oh ja, außerordentlich interessant", bringt sie mühsam hervor. "Diese Architektur, einfach einzigartig! Und die Möbel, ich würde sagen, feinste Premer Handarbeit ... Aber am besten gefällt mir ..."

Der Rest ist nicht so genau zu deuten, denn in dem Versuch, sich aus der hoffnungslosen Lage seitlich unter Nirka zu befreien, hat Sigrun sich halb auf den Bauch gedreht und steckt jetzt mit dem Gesicht mitten im Kopfkissen.

"...Hmmmmpffeuung!"



Nirka ahnt in etwa, was Sigrun da sagen will, und ist sich sehr sicher, daß es rein gar nichts mit der Zimmereinrichtung zu tun hat. Dann nutzt sie die wehrlose Lage der anderen schamlos weiter aus, um deren Hemd nach oben zu schieben, sie zuerst noch kurz seitlich an der Taille zu kitzeln, um die Hände dann aber rasch unter Sigruns Bauch zu schieben, und dann aufwärts zu deren Brüsten.

"Ja, du hast recht... DAS ist sehr interessant..."

Ihre Stimme wird dabei leiser.



Sigrun hört auf zu lachen und wird unter Nirkas Berührungen ganz ruhig. Für eine Weile sind die beiden Frauen nur noch mit sich beschäftigt. Die NORDSTERN, ihre Besatzung, Fianas bevorstehende Geburtstagsfeier und sogar die Reize der Stadt Prem sind in weite Ferne gerückt. Einzig die Tatsache, daß sie sich in einem warmen, weichen und sauberen Bett befinden, bewirkt von Zeit zu Zeit einen verwunderten Blick nach rechts und links.

'Das ist wirklich etwas anderes als heimlich im Laderaum ...' und 'daran könnte ich mich gewöhnen ...' blitzt es kurzzeitig in Sigruns Gedanken auf, doch auch diese Überlegungen können sich nicht lange halten...

Die beiden Frauen liegen ruhig nebeneinander, die Augen geschlossen und Sigrun war sogar für einen kleinen Moment eingeschlafen. Erschrocken setzt sie sich auf und sieht zum Fenster.

"Sieh nur, wie spät es schon ist! Wir haben Fianas Geschenk völlig

vergessen!"



Nirka schreckt hoch.

"Ja... du hast recht. Aber..."

Sie richtet sich weiter auf und späht zum Fenster.

"... es dürfte noch genug Zeit sein."

Sie räkelt sich, bleibt aber liegen und sinniert weiter:

"Wir können uns in aller Ruhe frisch machen..."

sie weist dabei auf ihre total verzausten Haare...

"... und dann langsam zum Schiff gehen."

Mit diesen Worten läßt sie sich wieder zurücksinken.



"Das stimmt wohl", antwortet Sigrun und streicht Nirka lächelnd durch

die zerwühlten Haare. Dann scheint sie einen Moment zu überlegen.

"Wo wir gerade von frisch machen sprechen, wenn wir noch soviel Zeit haben ...? Ich finde, wir hätten etwas mehr nötig als nur gekämmtes Haar. Meinst du, Bernika hätte vielleicht ein Bad für uns?"

Sigrun ist etwas verlegen. Sie ist nicht gerade eine Sauberkeitsfanatikerin, aber nach so ein paar Wochen findet sie eine 'Grundreinigung' schon nicht fehl am Platz. Allerdings hat sie keine Ahnung, ob Bernika das überhaupt anbietet und, wenn ja, was es kosten wird.



"Ein Bad?"

Nirka läßt sich die Idee durch den Kopf gehen, dann sagt sie grinsend:

"Bernika hat sowas... aber meinst du, daß wir beide fertig werden, bis die Sonne untergeht? Kannst du dir vorstellen, wie lange das dauert, wenn wir beide zusammen baden?"



"Hmm!"

Sigrun beginnt auch zu grinsen.

"Stimmt, das könnte etwas länger dauern. Wenn schon, dann wollen wir ja auch richtig sauber werden. Naja, dann sollten wir das wohl besser verschieben!"

Theatralisch seufzend steht sie auf und sucht ihre wüst verstreut liegende Kleidung zusammen.



"Genau. Laß uns das morgen tun, in aller Ruhe - ich hoffe, daß meine Vermutungen in bezug auf Jergans Pläne zutreffen."

Auch sie erhebt sich, und beginnt ebenfalls mit dem Kleidungseinsammeln und dem Anziehen der ausgezogenen Teile.

"Und für Fiana haben wir immer noch keine Idee", sinniert sie.



"Hmm, ja, Fiana ...? Das ist echt schwierig. Wenn wir Männer wären, würden wir ihr wahrscheinlich irgendein kleines Schmuckstück schenken. Und wenn wir die Sorte Frauen wären, die so etwas interessant findet, würden wir ihr vielleicht einen Ballen Tuch oder ein hiesiges Gewürzöl oder so etwas besorgen."

Sie grinst Nirka offen und verschwörerisch an:

"Aber schließlich ist Fiana, obwohl sie sich, soweit ich weiß, gerne hübsch macht, keine Memme sondern eine gestandene Schiffsoffizierin. Ich finde, wir können ruhig etwas aussuchen, das uns gefällt!"



Nirka nickt, während sie mit den Fingern ihre Haare oberflächlich in Ordnung bringt.

"Dann werden wir einfach mal gucken gehen - allerdings denke ich, nicht auf dem großen Markt oder gar im Drachenhaus. Gleich hier um die Ecke ist ein kleiner Markt - vielleicht werden wir da fündig."

Sinnierend fügt sie hinzu:

"Du hast natürlich recht, es muß ein besonderes Geschenk sein, das von besonderen Frauen kommt."

Bei den letzten Worten grinst sie Sigrun an.



"Gut, dann gehen wir mal", erwidert die Bootsfrau, und macht sich sogleich auf den Weg nach unten - freilich nicht, ohne das Zimmer zu verschließen und den Schlüssel sorgfältig zu verstauen. Bernika ist nirgends zu sehen oder zu hören.



Sigrun wartet, bis Nirka das Zimmer sorgfältig verschlossen hat. Ein wenig irritiert ist sie schon, daß von der Wirtin erneut nichts zu sehen ist, aber vielleicht ist gerade das ein Beweis für die ruhige Qualität der Herberge. Schon jetzt freut sie sich darauf, nach der Feier in dieses Zimmer zurückzukehren und dort mit Nirka noch einige Zeit in Ruhe verbringen zu können, bevor der Schiffsalltag wieder seinen Tribut fordert. Doch so sehr sie auch die Zweisamkeit genießt, man darf auch die anderen nicht vergessen und jetzt wird es Zeit, einen Teil der Gedanken Fiana zuzuwenden.

Schweigend verlassen die beiden Frauen die Herberge und Sigrun läßt sich erneut von Nirka führen, diesmal zu dem kleinen Markt in der Nähe.



Torson's Laden


Gemütlich schlendert Fiana durch die Strassen von Prem, es tut einfach gut die Stadt mal wieder zu sehen, allein die Häuser, zu denen sich jedes mal neue, noch andere Baustile gesellen sind einen Blick wert.

Es sind schon ein paar Gassen und Straßen bis sie Torsons kleinen Laden erblickt. Schön, er hat geöffnet, dann wird er auch da sein.

Ein Lächeln streicht über ihr Gesicht, dann beschleunigt sich ihr Gang merklich. Sie öffnet die Tür des Ladens und stellt erfreut fest das keine Kunden, aber das gute Torson da ist.

Der Mann hat wohl schon viele Götterläufe gesehen, sein Haar ist schlohweiß und seine Haut faltig. Klein ist er, nicht mehr als 80 Finger, doch das kann daran liegen das er sehr gebeugt da steht. Doch als er die großgewachsene Frau sieht hellen sich die trüben blauen Augen merklich auf, sein grauer Bart verzieht sich und ein Lächeln zeichnet sich auf seinem Mund ab.

"Großonkel Torson!" ruft Fiana und läuft mit offenen Armen auf ihn zu. Torson erwidert darauf "Fiana mein Kind, komm her" und die beiden umarmen sich als hätten sie sich Jahrelang nicht gesehen.



Nachdem sich die beiden wieder aus ihrer Umarmung gelöst haben beginnt der alte Torson sogleich damit Fiana etwas zu Fragen


"Fiana mein Kind was treibt dich den nach Prem? und bei allen Zwölfen es ist schon ewig her das ich dich hier gesehen habe."

Ein schelmisches Grinsen überfliegt sein Gesicht für einen Moment kann er nicht verbergen daß er sehr wohl weiß, daß Fiana heute ihren Tsatag begeht.


"Ach Onkelchen, ich wollte dich besuchen, ich bin auf einer langen Fahrt. Und es wird noch sehr lange dauern bis ich wieder in die Gegend komme. Ich fahre auf der Nordstern, wir sind unterwegs von Riva bis nach Brabak!"

Ihre letzten Worte sprechen deutlichen Stolz aus.


"Dann hast du ja wohl alles was dich glücklich macht, aber sag, wie ist es denn mit einem guten Mann ? Du wirst heute 30, meinst du nicht es ist Zeit dafür"


Leicht errötend meint Fiana darauf: "Ach weißt du, hm also ich weiß nicht also vielleicht hab ich noch nicht den Richtigen getroffen" und ganz leise bemerkt sie "oder er sieht mich vielleicht nicht"


"Naja, laß uns das Thema verschieben, Heute ist dein Tsatag und den sollst du fröhlich vollbringen. Warte einen Moment ich komme gleich wieder"

Grummelnd verschwindet der alte Mann durch einen Fellvorhang in die hinteren Räume des Geschäfts.


'Wie konnte er nur wissen das ich heute kommen würde. Das muß ihm doch jemand gesteckt haben. Aber finde ich ja wirklich nett das er an mich gedacht hat.


Es vergehen ein paar Minuten und seltsames Rascheln ist aus den hinteren Räumen zu hören, bis dann irgendwann der Fellvorhang wieder zur Seite geschoben wird und der Großonkel mit einer metallenen Marke in der Hand zurück kehrt.


"So mein Kind, hier hast du eine Marke mit der du beim Schneider dein Geschenk abholen kannst. Er wollte es mir nicht geben, da er meinte, daß wenn er schon ohne Anprobe arbeiten muß, er wenigstens eine Chance für letzte Änderungen haben müsse."


Fiana ist erst einmal baff, damit hatte sie nun jetzt wirklich nicht gerechnet, eigentlich wollte sie ja nur Feuer kaufen

"On... Onkel Torson das ist doch viel zu viel, wie, ich meine das geht doch nicht."


"Doch doch, das geht schon so selten wie ich dich sehe geht das schon mal"


"Danke" doch statt weiterer Worte gibt sie ihm lieber einen beherzten Kuß auf die Wange, und wer genau hinschaut mag eine leichte Röte der Wangen bemerken.


"Sag, möchtest du heute Abend mit auf das Schiff kommen, ich feiere dort meinen Tsatag mit der Mannschaft und den Passagieren"


"Ich glaube für so eine Feier bin ich schon zu alt mein Kind aber wenn du vom Schneider kommst würde ich mich freuen wenn du noch mal vorbei kommst und dich mal zeigst"


"Schade, aber ich verspreche dir ich komme vorbei"


"Schön, aber sag du bist doch sicher nicht nur gekommen um mich zu sehen oder?"


"Nun, ich wäre auch nur dafür gekommen, doch habe ich auch noch ein Anliegen. Ich brauche reichlich Feuer für die Feier und ich weiß doch das der Hjalsker für dich immer einen Extrabrand macht."


"Da hast du wohl recht, aber der ist nicht billig, auch beim Familienpreis"


"Macht nichts, man wird nur ein mal 30, ich brauche genug für alle hast du so viel ?"


"Für dich ja, ich lasse den Knecht mit dem Eselskarren zum Hafen!"


Fiana akzeptiert den verlangten Preis - und der ist wirklich günstig - und zahlt das Geld. Sie verabschiedet sich und verspricht noch einmal nach dem Schneider zurück zu kommen Sie verläßt den Laden und macht sich auf den Weg zum Schneider.



Nachdem Fiana Torsons Laden den Rücken gekehrt hat begibt sie sich zum Schneider, wo sie nach einem kleineren Fußmarsch auch bald eintrifft.

Der Schneiderladen ist nicht gerade nobel, eher etwas heruntergekommen. Das aus Holz gebaute Häuschen hat sicher schon bessere Tage gesehen. Doch kann das geschulte Auge erkennen, daß sich zwischen den vielen Alltagsstoffen, die in der Auslage zu finden sind, auch das eine oder andere Schmuckstück befindet.

Fiana besitzt jedoch kein solch geschultes Auge und dies ist wohl der Grund weshalb sie etwas skeptisch schaut aus sie die Kate betritt.

In deren Inneren herrscht eindeutig das Chaos. Überall liegen Stoffreste herum und die größeren Teile sind zu regelrechten Bergen aufgetürmt.

Fiana erschrickt ein wenig, als sich einer der Berge plötzlich bewegt. Die Anspannung hält jedoch nicht lange, denn schon kurz darauf krabbelt ein kleines, vielleicht 5 oder 6 Götterläufe zählendes Mädchen hervor und blickt Fiana kurz an, bevor sie hüpfend und "Vati! Kundschaft!" rufend in einen der hinteren Türrahmen verschwindet. Ihre rotblonde, zottelige Mähne verliert dabei den einen oder anderen Faden, der sich wohl ehemals unter dem Stoffberg verborgen hat.

Noch ein wenig verdutzt Blickt sie drein als auch schon ein Mann im mittleren Alter auftaucht.

"Die Zwölfe zum Gruße, ich bin Herulf Skorson, was kann ich für euch tun?"


"Mögen die Zwölfe auch mit euch sein, ich bin Fiana und mein Großonkel Torson schickt mich her. er gab mir diese Marke" Sie zeigt die kleine metallene Marke und reicht sie dem Schneider.


"Ah, ihr wollt euer Kleid abholen. Einen Moment bitte" Mit diesen Worten verschwindet er kurz und erscheint einen Moment später mit einem blauen Kleid über dem Arm wieder. "Hier probiert es einmal an, ich konnte es nur nach der Beschreibung eures Onkels anfertigen.


"Habt Dank" sie macht sich auf zu einer Ecke des Geschäftes wo sie einen Vorhang erspäht hat. Hinter diesem beginnt sie sich auszukleiden. Hose, Hemd, Streitaxt usw. wandern auf den Boden.

Langsam läßt sie den Stoff durch die Finger Gleiten, wunderbar weich und sanft fühlt sich der dunkelblaue Samtstoff an. Seit sie ein Kind war hat sie kein Kleid mehr getragen, irgendwie kommt ihr das fremd vor, doch zugleich macht es sie Neugierig wie sie wohl darin aussieht. Vorsichtig zieht sie das Kleid über. Es paßt hervorragend und fühlt sich herrlich weich auf der Haut an. Sie blickt an sich hinab und kann nicht umhin, den wahrlich nicht sehr züchtigen Ausschnitt zu bemerken. Rahja hat sie, das kann man jetzt erstmals wirklich erkennen, doch mit allem ausgestattet, das richtig zur Geltung gebracht, Männer dahin schmelzen läßt. Sie gefällt sich, das ist ihrem Gesicht ganz klar zu entnehmen. Ja, heute Abend werden sich einige Leute sehr wundern.

Sie geht zurück zu dem Schneider um sich zu Zeigen.

"Bei Rahja, seid ihr es die da eben durch die Tür gekommen ist. Ihr seht traumhaft aus, niemals wieder solltet ihr euch in Hosen zeigen. Solche Kleidung macht eine Königin aus euch"

Fianas Wangen nehmen fast die Farbe ihrer Haare an, so ungewohnt sind ihr diese Komplimente. "Ihr seid ein Schmeichler" sagt sie etwas unbeholfen und ganz und gar nicht in dem gewohnt selbstsicheren Ton den man von ihr gewohnt ist.

"Ich nehme es, so wie es ist."

"Gut, Bezahlt ist ja schon, ich wünsche euch einen schönen Tag, beehrt mich bald wieder"

Fiana packt ihre Sachen zusammen und entschwindet wieder zum Haus ihres Großonkels.



Sichtlich stolz und sich, der Blicke der Männer, welche ihr auf dem Weg zurück zum Laden ihres Onkels nach schauten, inzwischen bewußt, welche Wirkung ihr dieses Kleid verleiht, betritt sie den Laden.


"Onkel Torson, du bist ein Schatz, das Kleid ist traumhaft."


"Ohh ja du siehst bezaubernd aus. es ist mir als hätte Rahja ein Wunder getan, bist du es wirklich ?" fragt er etwas scherzhaft.


"Sag Onkel, wenn du mit deinen Übertreibungen fertig bist, dann sag, kann ich mich in deiner Kammer unziehen, ich möchte die Anderen auf dem Schiff erst heute Abend überraschen"


"Sicher mein Kind, du weist ja wo alles ist"


"Danke Onkel."


Mit diesen Worten verschwindet Fiana in der Kammer ihres Onkels. Dort zieht sie wieder ihre alte Kleidung an und verstaut das Kleid sorgfältig in einem Beutel.

Bevor sie den Laden verläßt verhandelt Fiana noch mit ihrem Onkel darüber eine weitere Lieferung zum Schiff in die Wege zu leiten. Dabei handelt es sich aber weniger um Feuer, als um einige Dinge für das leibliche Wohl ihrer Gäste, die nicht unbedingt auf dem Schiff vorhanden sind. Als auch dies erledigt ist, kehrt sie zurück Richtung des Schiffes

Zurück im Hafengelände geht sie geradewegs auf die Nordstern zu. Dort angekommen verharrt sie kurz an der Planke um sich zurück zu melden.



Imbiß


Alrik schlängelt sich durch das Gewühl der vielen, großen Menschen hindurch. Seine Augen suchen nach Ole, der sich schnell aus dem Staub gemacht hat, nachdem er bei dem inzwischen noch recht übellaunig wirkenden Händler, doch noch das letzte Wort behalten hatte. Aber so ist er eben, der Ole, wenn er erst in Fahrt kommt, dann ist er kaum zu bremsen, was seinen Einsatz angeht, findet Alrik.

Ole ist nicht schwer zu finden, man muß einfach nur nach oben gucken und sich den größten Kerl in der Nähe aussuchen. Bislang war das noch immer Ole. Und auch diesmal hat das einfache Ole-Such-System Erfolg.

Im vorderen Teil des Drachenhauses, dort wo auch die vielen lecker duftenden Naschereien verkauft werden, trifft Alrik wieder auf den Schiffszimmermann.

"Aber erstmal hab ich eine gute Idee," knüpft Alrik direkt an Oles letzte Bemerkung an.

"Wo du doch soviel Rabatt für mich herausgeschlagen hast, kann ich mir noch was anderes leisten..."

Alrik grinst und deutet gönnerhaft auf einen der Spezialitätenstände.

"Zu was kann ich dich einladen? Rübensirupküchlein oder bunter Schmalzkringel?"



"Schmalzkringel !?!?" Ole schließt die Augen und zieht durch die Nase Luft ein, als könne er den Duft von Schmalzkringeln schon wahrnehmen .

"Ich liebe Schmalzkringel und ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich die letzten gegessen habe. Das ist eine prächtige Idee, Alrik, ich lasse mich da gerne einladen! Schmalzkringel - mmmh...."

Ole reibt sich den Bauch und leckt sich die Lippen. Das Wasser scheint ihm im Mund zusammenzulaufen.

"Los, worauf warten wir noch? Sorgen wir uns doch jetzt einmal um unser leibliches Wohl. Doch allzu viele sollten wir nicht essen. Warum nicht? Das werde ich dir gleich erklären. Doch es erklärt sich besser nach einer guten Leckerei!"



"Also Schmalzkringel. Kommen sofort," wiederholt Alrik und stellt sich bereits bei dem betreffenden Stand an. Der Marktstand ist gut besucht, dennoch dauert es nicht lange bis er an der Reihe ist und zwei Portionen von der süßen und klebrigen Köstlichkeit bestellt.

Der Zuckerbäcker überreicht dem Jungen zwei kleine hölzerne Stöckchen, an denen die bunten Kringel aufgespießt sind. Teilweise sind sie mit einem klebrigen und bunt eingefärbten Zuckerguß überzogen. Die Kringel sind ganz frisch und warm, und sie duften einfach herrlich.

Sowas hat dem Jungen nach der wochenlangen kargen Bordverpflegung wirklich sehr gefehlt. Mit leuchtenden Augen reicht Alrik die eine Portion an Ole weiter.

"Hier, hast du..."



"Travia möge dich segnen, mein lieber Alrik!" sagt Ole, als er den Schmalzkringel entgegen nimmt und seine Augen leuchten nicht minder als die des Schiffsjungen. Genießerisch blickt er die Köstlichkeit an, schön bunt, schön süß, schön klebrig, jawohl, so muß es sein!! Der alte Schiffszimmermann läßt sich den ersten Bissen auf der Zunge zergehen und brummt voller Wohlbehagen vor sich hin.

"Hör mal zu, Alrik ....." spricht Ole bedeutungsvoll, aber etwas stockend, da er vergeblich versucht gleichzeitig zu essen und zu reden. "Du hast ja nun ein Geschenk für Fiana und der Händler hat es dir hübsch verpackt. Das hat mich auf die Idee gebracht, daß auch wir uns ein wenig hübsch verpacken könnten! Paß auf ....."

Ole unterbricht, da er sich wieder vorübergehend seinem Schmalzkringel widmen muß, fährt aber gleich wieder fort:

"...ich kenne da ein nettes, kleines Badehaus, ganz hier in der Nähe. Da kommen sonst nur hohe Herren hin, aber ich kenne die Besitzerin, die würde uns da schon einlassen. Wir könnten uns das Salz von der Haut spülen und in einem Dampfbad tüchtig schwitzen gehen. Danach würden wir uns dann mit duftenden Ölen einreiben und ordentlich kämmen lassen. Das macht einen Riesenspaß, sag ich dir, und wir können dann heute Abend Fiana mit frisch gewaschenem Bauch zum Tsatag gratulieren und sähen dabei aus wie Fürsten!"

Ole zwinkert Alrik zu, während er erneut ans seinem Schmalzkringel schleckt:

"Und dazu bist du selbstverständlich von mir eingeladen - Na, was sagst du dazu??"



Das ist also Oles gute Idee: ein Badehausbesuch. Alrik, der bislang noch nicht in den Genuß gekommen ist, einen solchen Ort aufzusuchen, grübelt, wie es denn dort aussehen mag. Vielleicht stehen dort ganz viele Waschzuber aufgereiht, wo man hineingesteckt und mit eisigem Wasser übergossen und dann mit einer groben Bürste abgeschrubbt wird bis die Haut rot und wund ist. Aber wenn Ole sagt, daß man dort schwitzen kann, dann ist das Wasser doch vielleicht ein bißchen warm. Die hohen Herren würden sich sonst auch zu rasch erkälten. Ob man dort wohl einen eigenen Waschzuber bekommt, oder ob man sich diesen mit anderen Leuten teilen muß?

So richtig überzeugt ist Alrik anfänglich noch nicht, aber Ole lobt das Badehaus in höchsten Tönen, und ein wenig Reinlichkeit könnte nun wirklich nicht schaden. Alrik blickt an sich herab, wenn er weiter so Dreck ansetzt, dann wird man ihn binnen Wochenfrist für einen Mohaknaben halten.

Während dieser ganzen Überlegungen hat Alrik natürlich seinen Schmalzkringel nicht vergessen, der Bissen für Bissen langsam in den nimmersatten Schiffsjungen-Magen wandert. Und richtig anständig essen, kann man so ein kleckerndes und klebriges Ding natürlich auch nicht - aber das will man auch gar nicht. Breit klebt der Zuckerguß an Alriks Mundwinkeln, am Kinn und an den Fingern. Als die Nascherei endlich vertilgt ist, schleckt Alrik genüßlich seine Finger ab. Dann erst sieht er sich zu einer Antwort in der Lage.

"Aber sicher bin ich mit dabei, Ole. Ist 'ne gute Idee und schon lange überfällig."

Bestätigend hält er seine verklebten und schmutzigen Hände empor, was jedoch längst nicht die einzigen Körperteile des Schiffsjungen sind, die von einer gut sichtbaren Dreckschicht umgeben sind.

"Dann laß' uns mal gleich losgehen und nicht noch länger trödeln."

Doch eine Frage muß Alrik noch stellen, denn sie bereitet ihm noch etwas Sorge:

"Das mit den Duftölen, Ole, äh... vielleicht lassen wir die besser weg - ich will hinterher nicht so riechen, wie'n Mädchen..."



Das Badehaus


"Joho, Alrik! Wenn du nicht wie ein Mädchen riechen willst, dann sollst du natürlich auch nicht wie ein Mädchen riechen müssen - das ist doch Ehrensache. Mal sehen, vielleicht überlegst du dir es noch einmal, wenn du an den verschiedenen Essenzen geschnuppert hast. Frau Ratthalde hat da die interessantesten Gerüche auf Lager. Aber wenn du es nicht willst, lassen wir es weg!"

Der Schiffszimmermann hat sein Naschwerk noch nicht vollständig vertilgt, als er sich langsam in Bewegung setzt und dem Schiffsjungen stumm ein Zeichen gibt, er möge ihm folgen. Und schon bahnt er sich einen Weg durch die Masse herum eilender Passanten, die gerne und bereitwillig eine Gasse bilden, wenn sie den 'Grauen Riesen ' nahen sehen. Je weiter sie sich vom Drachenhaus entfernen, desto weniger Leute sind unterwegs und Alrik hat es sehr viel leichter dem Schiffszimmermann zu folgen. Die Beiden haben nun zwar mehr Platz um sich fortbewegen zu können, doch der Weg wird nun sehr steil und sie gehen über zahllose Treppen immer weiter den Steilhang hinauf, um ein gutes Dutzend Hausecken herum, durch verwinkelte Gassen und Gäßchen, bis sie endlich vor einem langgezogenen, mehrstöckigen Haus stehen, daß sich fast im rechten Winkel an die Felsen schmiegt. Das mehrstöckige Haus wirkt sehr gepflegt und man kann Ole gut glauben, wenn er behauptet, daß hier fast nur hohe Damen und Herren ein und aus gehen. Ole bleibt nun vor einem mittelgroßem Portal stehen. Ein kleines Schild mit künstlerisch verschnörkeltem Rahmen verheißt dem, um Einlaß Begehrenden in feinster Schrift, daß er hinter dieser Türe, gezimmert aus wertvollstem Holz, verziert mit blitzblank glänzenden Messingbeschlägen, eines der vornehmsten Badehäuser der Stadt finden wird.

Ole schleckt sich eben noch die klebrigen Finger ab, der Schmalzkringel sind schon längst den Weg aller Dinge gegangen, dann betätigt er den Türklopfer in einer Stärke, daß die Bewohner der Nachbarschaft denken müssen, ein Gewitter ziehe auf. Es dauert nicht lange und das Tor öffnet sich knarrend und quietschend, die Scharniere haben wohl schon lange kein Tröpchen Öl mehr gesehen. Ein Mädchen tritt heraus. Sie mag wohl erst seit 16 oder 17 Götterläufen über die Weiten Deres wandeln, aber sie strahlt, auch schon in junge Jahren die Souveränität einer weltgewandten Dame aus. Das kurzärmelige, dünne, weiße Seidenkleid fällt gerade an ihrem Körper herunter und umschmeichelt feinfühlig den Körper der jungen Frau derart, daß sich ihre Attraktivität um ein vielfaches steigert. Ihr wildes, hellblondes Haar ist durch eine Unmenge kleiner Zöpfe in Form gebracht. Das betont die Anmut ihres Gesichtes sehr. Das Mädchen steht lächelnd und schweigend da und ihre Wortlosigkeit verwirrt Ole, der zumindest erwartet hatte, nach seinem Begehr befragt zu werden. Doch das Mädchen tut nichts dergleichen. Sie steht nur da, schweigt lange und sagt dann endlich:

"Du bist Ole, nicht wahr?"



Alrik folgt dem Schiffszimmermann durch die Gassen. Immer weiter geht es steil bergauf und immer wieder gibt es neue Sachen zu sehen und zu entdecken. Ole hat wirklich recht gehabt, kein Haus sieht wie das andere aus, und selbst die kleineren, einfacheren Häuser in der Gegend hier sehen alle hübsch gepflegt und ordentlich aus.

Ein frischer Wind weht aus der Richtung des Meeres und fegt durch die Gassen und um die Ecken. Trotzdem wärmen die spätsommerlichen Praiosstrahlen noch hinreichend, und durch den ständigen Aufstieg kommt Alrik gar nicht ins Frösteln, sondern es wird ihm mittlerweile ganz schön warm.

Schließlich machen die beiden Halt an einem schmucken, eleganten Haus. Ein Haus, das Alrik sicher nie zu betreten gewagt hätte, wenn Ole nicht bei ihm wäre. Der Schiffszimmermann erstaunt den Jungen immer wieder, denn wer von den anderen Matrosen an Bord kann sich schon rühmen, Bekannte in einer feineren Gegend zu haben?

Während sich Ole lautstark mit dem Türklopfer Gehör verschaffen will und dann auf Einlaß wartet, dreht sich Alrik zum unzähligsten Male um und betrachtet die schöne Gegend und den guten Ausblick, der an dieser Stelle bis zum Meer und sogar noch weiter reicht.

Daß die Tür endlich aufgemacht wird, davon bekommt Alrik zunächst gar nichts mit. Erst als er eine helle, lieblich klingende Stimme vernimmt, zuckt er leicht zusammen und wendet seine Aufmerksamkeit wieder dem Eingangsportal zu.

Ein junges Mädchen steht an der Tür. Ob das diese Ratthalde ist? Hm, die ist wohl ein bißchen jung, um eine alte Bekannte von Ole zu sein. Andererseits leider auch wieder nicht jung genug, um eine neue Bekannte von Alrik zu werden. Und was hat sie gerade gesagt? 'Du mußt Alrik sein, nicht wahr?' Das erscheint fast unmöglich, leider hatte Alrik gerade nicht genau hingehört. Das sowas aber auch immer passieren muß, wenn man man einen kurzen Moment in Gedanken ist.

Abwartend verharrt der Schiffsjunge vor der Eingangstüre, setzt ein freundliches Lächeln auf und hofft, daß Ole das Gespräch an sich reißt...



Ole starrt das Mädchen an, denkt nach und krault sich seinen Bart dabei, er wirkt überrascht. Doch dann hellen sich seine Züge auf, er lächelt und erwidert dann:

"Und du bist Rahjana, habe ich recht? Du liebe Zeit, als ich dich das letzte mal gesehen habe warst du kaum größer als die Puppen, mit denen du gespielt hattest und nun bist du eine wunderschöne Frau geworden!"

Rahjana senkt den Blick und errötet leicht, das Lob des Schiffszimmermanns scheint sie verlegen zu machen. Dann blickt sie Alrik an, richtet ihre großen hellen Augen auf ihn und mustert ihn von Kopf bis Fuß. Er scheint ihr zu gefallen, denn sie lächelt ihn mit einem atemberaubenden Lächeln an, während sie Ole mit einer fragenden Miene bedenkt.

"Oh ja - ich vergaß!" beeilt sich der Schiffszimmermann zu sagen " Das ist Alrik, unser Schiffsjunge. Ein Schiffsjunge, wie ich einer gewesen bin, als ich das erste Mal deine Mutter traf!"

Auf einmal sieht Rahjana erschrocken aus:

"Ach ja, die Mutter! Sie wird mir ernsthaft zürnen, wenn ich euch nicht sofort zu ihr bringe, ich denke sie wird dich... ich meine EUCH persönlich begrüßen wollen!"

Rahjana tritt zur Seite und gibt den Weg ins Haus frei. Ole bedankt sich und verschwindet im Haus. Rahjana geht an Alriks Seite und legt ihm ihre Hand auf die Schulter, um ihn sanft vorwärts zu geleiten. Mit silberheller Stimme fragt sie ihn:

"Du heißt Alrik?"



Alrik wird sichtlich verlegen unter Rahjanas Blicken. Unbewußt zupft mit den Fingern an dem ausgefransten Rand seines Pullovers herum. Erst vergräbt er seine Hand darin und knäult den Wollstoff zusammen, dann gibt er den Stoff wieder frei und zieht statt dessen an einem dort hängenen Faden.

Auf Oles Vorstellung hin, weiß Alrik nichts rechtes zu antworten. Jetzt müßte ihm schnell etwas einfallen, etwas Geistreiches oder Witziges am besten. Und wenn schon nicht das - dann wenigstens irgendetwas. Doch Alriks Gedanken finden nicht den Weg zu seinen Lippen. So läßt er es bei einem freundlichen Lächeln bewenden, wohlgemerkt kein Grinsen, sondern ein Lächeln.

Doch dann ist Ole auch schon in dem Haus verschwunden. Zörgernd betritt der Junge ebenfalls das Badehaus. Er kann es gar nicht glauben, daß Rahjana ihm weitere Aufmerksamkeit schenkt. Sie ist doch schon so alt, fast erwachsen und gar nicht so wie Alriks alte Freundin aus Drôl, der er heimlich und hinterrücks einen ihrer dicken Zöpfe abgeschnitten hatte. Das hatte ein Geschrei gegeben! Hinterher mußte sie den anderen Zopf auch noch abschneiden lassen - und das war dann das Ende der Freundschaft.

Warm liegt Rahjanas Hand auf Alriks Schulter, was den Schiffsjungen schnell in das Hier und Jetzt zurückholt.

"Ja, Alrik ... äh ... ganz recht..." der Junge zögert, doch dann entschließt er sich doch noch etwas mehr zu verraten, "eigentlich heiß' ich Alrisco, aber Alrik ist hier in der Gegend einfach geläufiger. Und alle an Bord nennen mich so."

Schüchtern lächelt Alrik zur Seite und blickt in Rahjanas Richtung, doch dann wendet er rasch den Blick wieder nach vorne. Jetzt gilt es bloß nicht den Anschluß zu Ole zu verpassen!



Gleich hinter der großen Eingangstüre ist ein dunkler Gang, der schon nach etwas drei Schritt in einer riesigen, hellen Halle mündet. Ole geht forsch voran und bleibt erst in der Mitte dieser Halle stehen. Sie ist wirklich sehr hoch, zwei Stockwerke hoch, wenn man es genau nehmen will sogar noch höher, denn sie endet in einer großen Kuppel, die das Haus in großzügigem Bogen abdeckt. Und die Fenster an der Stirnseite, gegenüber dem Einlaß, den Ole soeben durchschritten hatte, sind ebenso hoch, so daß der Raum mit Licht geradezu nur so überflutet wird. Es ist warm hier, sogar sehr warm und Schweißperlen bilden sich auf Ole's Stirn, als er sich hier umsieht. Die Luft ist dämpfig und schwül. Der Raum ist mit großen Pflanzen, sogar kleine Bäumchen bepflanzt, deren Wurzel sich in jene Erde hineinkrallen, die in kleinen, in den Boden eingelassenen Steinwannen aufgehäuft ist. Und überall sind kleine Tische und Stühle zwischen den Pflanzen zu separaten Sitzgruppen zusammengestellt, rund um einen Springbrunnen herum, der warmes Wasser zwei Schritt hoch in die Halle spritzt und dessen Wasser in einem Becken aufgefangen und über ein kompliziert anmutendes Rinnensystem weitergeleitet wird, damit es in einem geschmackvollen Steingarten versickert. Der Raum ist hell und warm genug, daß die Pflanzen nicht nur gedeihen , sondern darüber hinaus sogar regelrecht wuchern. Die Wände ringsumher sind mit großflächig mit Mosaikarbeiten verziert. Die Szenen stellen badende Menschen dar, die sich im Freien an einem Flußufer gefunden haben und zu schwimmen oder sich anderen, mehr rahjagefälligen Beschäftigungen hinzugeben. Bei der Gestaltung dieser Halle ist nichts ausgelassen worden, was dekorativ und teuer war. Man glaubt in einem Palast eines südlichen Herrschers zu stehen, so reichhaltig ist der Raum geschmückt und geziert, und dieses, ohne überladen zu wirken. Es ist auch dem unkundigen Auge erkennbar, daß hier Künstler am Werk waren und nicht irgend jemand, der sich nur für einen solchen hält.

Ole hält nach Alrik Ausschau und als er sich deshalben umdreht, sieht er den Schiffsjungen halb zögernd, halb eilig vorwärts schreitend durch den Einlaß gehen. Rahjana kommt gleich hinter ihm durch die Türe, sie gibt ihm Geleit, denn der Schiffsjunge wirkt etwas verunsichert. In diesem Augenblick tönt eine helle Stimme durch den Raum:

"Ole Draggensson, du alter Grauwal! Du bist hier?!? Jetzt, nachdem ich mich schon damit abgefunden hatte, dich nie im Leben mehr wiederzusehen !?!"

Ein Frau mittleren Alters kommt die Treppe herunter, die links von der Eingangstür in die Höhe einer Galerie emporsteigt. Sie trägt ein ähnliches Kleid wie Rahjana, nur ein klein wenig wallender und von dunklere Farbe, etwas getragener und eleganter. Pechschwarze Haare, zweifellos das Kunstwerk eines geschickten Barbiers, hängen ihr bis zur Hüfte herunter. Schön ist sie, auch wenn die Jahre nicht ganz spurlos an ihr vorübergegangen waren, noch immer ist sie schön. Auch sie hat große helle Augen und ihr schlankes, fast hageres Gesicht benötigt noch kaum Korrekturen durch Schminke, Puder oder Lippenrot.

"Höre ich da nicht die Stimme meiner Lieblingsratte ???" bemerkt da Ole, ohne sich zunächst nach dieser Frau umzudrehen, in etwas respektloser Weise, wie es scheinen mag. Doch er ist sich sicher zu wissen mit wem er da redet, denn er lächelt und sieht in einer Weise glücklich aus, wie ihn kaum jemand aus seiner Umgebung in letzten Jahren gesehen haben kann. Nun dreht er sich um, breitet die Arme aus und sagt nur noch:

"Ratthalde .......!"

Die Frau hastet die letzten Stufen herunter, eilt, ohne nach links oder rechts zu schauen in die Mitte des Raumes und fliegt Ole in die Arme. Sie küssen sich, sie drücken sich und wollen schier nicht mehr voneinander lassen.

Rahjana sieht dieser Szene eine zeitlang scheinbar ungerührt zu, doch ist spürbar, daß auch sie sich sehr freut über diese Begegnung. Dann stellt sie sich hinter Alrik, legt ihm beide Hände aus die Schulter, zieht ihn ein wenig zu sich her und räuspert sich immer wieder und immer lauter werden, bis sich ihre Mutter endlich von Ole löst und ihre Aufmerksamkeit der Tochter und ihrem Begleiter schenkt. Sodann spricht Rahjana, mit einer sanften Stimme, sanfter wohl noch, als die einer Elfensängerin:

"Mutter, das ist ist Alrisco! Er ist Ole's Freund, ein Schiffsjunge, so wie Ole einer war, als er dich damals zum erstenmal traf."



Ungläubig staunend betrachtet Alrik die prächtige Ausstattung des Badehauses. Das ist wirklich ein Ort, wie man ihn nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Alles wirkt so exotisch und südländisch. In dem wucherndem Pflanzenwerk kann Alrik eine Mohische Banane und eine kleine Ausgabe einer Ravenala ausmachen, und viele der anderen Gewächse hat er zwar früher schon einmal gesehen, vermag sie aber nicht beim Namen zu benennen.

Die Wiedersehensfreude zwischen Ole und Ratthalde rührt ihn ein wenig. Das hätte Ole, der alte Geheimniskrämer, doch gleich sagen können, daß es nicht der Besuch des Badehauses, sondern vielmehr der Besuch bei seiner 'Lieblingsratte' war, der ihn hierhin gezogen hat. Alrik sieht direkt ein wenig beleidigt aus, als er die Zusammenhaenge begreift. Doch dann legt Rahjana ihre Hände auf seine Schultern, und jeder weitere Gedankengang des Schiffsjungen wird im Ansatz erstickt.

"Äh... Alrik... äh... nennt mich... Gruß... ich meine, seid gegrüßt, Frau Ratthalde," findet Alrik endlich wieder zu einigermaßen verständlichen Worten zurück.

Alrik erhebt kurz die Hand, die vorhin noch an dem Faden seines Pullovers zupfte, um ihn Masche für Masche langsam aufzuribbeln. Dann zieht er die Hand langsam wieder zurück, denn die gute Frau Ratthalde wirkt auf Alrik wie eine feine Dame. Und die begrüßt man gewiß nicht per Handschlag. Etwas schüchtern, aber doch sehr freundlich lächelt Alrik der Frau Ratthalde zu.



Frau Ratthalde geht ein paar Schritte auf Alrik zu und breitet zum Gruß die Arme aus, doch kommt sie nicht näher. Es war so, als wolle sie sich nicht weiter von Ole entfernen. Vielleicht befürchtet sie, der Schiffszimmermann könnte sich in Luft auslösen derweilen.

"Sie mir gegrüßt, Alrik, möge die schöne Göttin allezeit mit einem Lächeln auf dich herabblicken. Die Freunde des 'Grauen Riesen' sind auch meine Freunde und stets willkommen in in meinem Haus."

Ratthaldes Stimme klingt nicht so sanft wie die Rahjanas. Sie ist rauher und herber. Und dennoch wirkt ihre Sprache nicht geziert und trotz aller Floskeln ehrlich und aufrichtig. Ole lacht laut auf, als er dies hört, während er sich mit seinem Ärmel seines Hemdes den Schweiß von der Stirne wischt, es ist aber auch sehr warm hier. Danach erklärt er grinsend:

"Warm ist es hier im Raum und warmherzig deine Worte, Ratthalde, es will mir scheinen, daß dir noch immer diesselbe Güte zu eigen ist, wie schon vor langer Zeit, damals, als ich das erstemal dein Haus betreten durfte, als der Prunk und der Reichtum, so wie ich ihn hier sehe, dir noch nicht so zuteil geworden war. Es hat sich viel verändert hier und auch du scheinst mit der Zeit noch sehr viel schöner geworden zu sein!"

Ratthalde macht eine abwehrende Bewegung und spielt ein bißchen Verlegenheit vor:

"Ole, du bist ein alter Lügner! Ich weiß selbst, daß die Jahre nicht spurlos an mir vorbei gegangen sind. Aber ich muß sagen, du lügst hervorragend! Tu mir den Gefallen und lüge noch ein bißchen weiter!"

Dann wendet sich Ratthalde an Rahjana:

"Meine Tochter, was sind wir doch schlechte Gastgeberinnen! Wir lassen unsere lieben Gäste einfach in der Vorhalle stehen. Geleite unsere Freunde in den 'Hetmann's Hafen'. Wir sollten sie dort verwöhnen, ich möchte , daß sie diesen Tag niemals vergessen werden! Ich werde mich noch bereit machen und komme dann nach!"

Rahjana geht an Alrik vorbei, um dem Geheiß ihrer Mutter nachzukommen, bleibt aber noch einmal vor dem Jungen stehen und sagt zu ihm mit einem Lächeln, daß einen Stein zum Schmelzen bringen könnte:

"Der 'Hetmann's Hafen' ist der schönste Raum den wir haben, er ist normalerweise ist er nur für Kapitäne oder höheren Personen reserviert. Und natürlich für euch ......"

Mit diesen Worten streicht sie mit den Fingerspitzen der rechten Hand ganz sanft über Alriks Wange. Dann dreht sie sich um und geht, nein sie schwebt langsam die Treppe hinauf und fordert mit einer grazilen Geste ihre Gäste auf, ihr zu folgen. Ole stellt sich an die Seite Alrik und spricht ihn leise von der Seite an:

"Na Alrik, wie gefällt es dir hier? Habe ich dir nicht versprochen, daß wir baden werden wie die Fürsten?"



Alrik schaut der entschwindenden Rahjana sprachlos hinterher. Er ärgert sich, daß er immer noch nicht zu seiner alten Schlagfertigkeit zurückgefunden hat. Und warum fühlt er sich bloß so nervös? Ständig befürchtet er, daß ihm eine Ungeschicklichkeit oder ein Mißgeschick passieren könnte. Hoffentlich passiert ihm kein Ausrutscher auf dem glatten Boden oder ein Stolpern auf der Treppe.

Auf Rahjanas Wink hin, schickt er sich beinahe an, ihr wie ein kleines Hündchen hinterher zu laufen, doch kann er sich gerade noch im letzten Moment bremsen, als sich Ole an seine Seite stellt.

"Ole, Ole..." murmelt Alrik, während er der jungen Frau mit verklärtem Blick hinterherschaut, " wie konntest du nur so untertreiben. Gefallen ist gar kein Ausdruck, es ist ..."

Der Junge zuckt mit den Schultern, es ist zu offensichtlich, daß ihm derzeit kein treffliches Wort einfällt, um die prächtige Umgebung und den überwältigenden Eindruck des Augenblicks zu beschreiben.

"Dann laß uns geschwind im Hetmann's Hafen vor Anker gehen", meint Alrik schließlich und geht mit Ole zusammen los, um der überaus großzügigen Einladung endlich zu folgen.



Es ist Ole sehr wohl aufgefallen, daß die junge Rahjana Alrik gehörig die Sinne verwirrt hat. Dies will ihn aber auch nicht weiter verwundern, denn die Kleine ist wirklich sehr anmutig und könnte auch einem gestandenem Mann den Kopf verdrehen. Einen Augenblick lang sieht Ole noch Ratthalde hinterher, die sich schleunigst aufmacht ihren versprochenen Verpflichtungen hinterher zu kommen. Danach drückt er Alrik mit seiner großen Hand in die Richtung der Türe, durch die sie hatten Rahjana verschwinden sehen.

Und so schreiten sie durch die Türe, die kurz vor ihm auch Rahjana benutzt hatte und Ole achtet darauf, daß Alrik ihm Schritt hält. Es wird immer dämpfiger und schwüler wird es, während sich die Dreiergruppe durch ein Labyrinth an Gängen schlängelt. Auf ihrem Weg sehen sie eine Menge Räume. Sie sehen Gemeinschaftsbecken, in denen sich Männer wie Frauen gemeinsam dem Badegenuß hingeben. Sie sehen aber auch einzelne Wannen, in denen Leute, einzeln oder zu zweit, der Dame Rahja einen schönen Tag wünschen. Überall schwirren Diener und Mägde herum, die den Badenden allen Komfort herantragen, was immer es auch sei. Doch nirgendwo in diesen Räume will Rahjana Halt machen. Erst als sie in einem Raum angekommen ist, der sich erheblich von den anderen unterscheidet, stoppt sie. Der Raum ist kleiner und nach außen hin abgeschlossen. Es ist die Atmosphäre sehr viel intimer hier und der Luxus übertrifft alles, was sie bisher gesehen hatten und Rahjana sagt:

"Dies hier ist des Hetmann's Hafen! Ich wünsche euch einen vergnüglichen Aufenthalt!"

So sagt sie und überreicht sowohl Ole, als auch Alrik ein großes Leinentuch. Ole weiß wohl, was er damit anzufangen hat. Er nimmt das Tuch entgegen und beginnt sich zu entkleiden. Sodann steht er nackt da und wahrlich, es gibt kaum eine Stelle seines Körpers die nicht behaart wäre, mit einem Haar aus brauner und grauer Farbe. Man könnte meinen, wenn man ihn so stehen sieht, er wäre ein Yeti aus dem hohen Norden. Auch sein Beiname 'Der graue Riese' gewinnt plötzlich eine neue Bedeutung, der nicht nur ein Hinweis auf sein fortgeschrittenes Alter ist. Doch man kann auch seine gewaltigen Muskeln erkennen, an jeder Stelle seines Körpers und man könnte sich durchaus wundern, warum Ole nie so sehr Gebrauch von seinen Kräften gemacht hat, wenn ihm Konflikt entgegen gebracht worden war. Man sollte meinen, daß Ole in regelgerechtem Zweikampf kaum Gegner zu fürchten hätte. Aber Ole fühlt sich friedlich, schlingt das angebotene Tuch um seine Lenden, ungerührt von den Blicken Rahjans, die den gesamten Vorgang beobachtet hatte, blickt Alrik an und sagt scherzend zu dem Schiffsjungen:

"Nun mach schon mein Freund - sei ein wahrer 'Hochwohlgeborener' !"

Danach wendet er sich dem zu, was dieser Raum zu bieten hat. Zwei Wannen waren da aufgebaut, jeweils groß genug, um zwei Personen aufzunehmen. Sie waren eingebettet in ein Ensemble von riesigen Blattpflanzen, sie dem Badenden durchaus den Eindruck vermitteln konnten, er bade in freier Natur. Ole geht auf eine der Wannen zu und mit einem Ton der Behaglichkeit läßt er sich in eine der Wannen nieder, überläßt sich den angenehm angewärmten Fluten. Ach, was tut das gut, wie sehr entspannt dies - Ole fühlt sich richtig gut !!

Rahjana blickt Alrik an, als warte sie auf irgend etwas. Es ist ihr keine Spur Ungeduld anzumerken, als sie bemerkt:

"Und ihr, junger Herr Alrisco?? Darf ich euch begleiten??"



In Begleitung von Ole betritt Alrik endlich die großzügig angelegten Baderäumlichkeiten des Hauses. Leichte Dampfwolken schweben durch die Luft und die hohe Luftfeuchtigkeit zieht durch Alriks Kleidung, die viel zu dick für diese schwülwarme Umgebung ist. Dem Jungen wird es mächtig warm und mit dem rechten Arm wischt er sich hastig die inzwischen aufgestiegenen Schweißtropfen von der Stirn.

Dann erst schaut er sich näher in den umgebenen Räumlichkeiten um. Links und rechts des Ganges sind viele offene Räume oder Nischen, aus denen man vielerlei Geräusche und Stimmen vernehmen kann.

Höflich macht Alrik einem entgegenkommenden Diener Platz, der, mit einem Bündel Badetüchern bepackt, den Gang durchquert und dann in einer Nische direkt an Alriks Seite verschwindet. Neugierig blickt der Schiffsjunge dem Diener hinterher und bekommt gerade noch mit, wie eine nackte Frau, deren Formen einfach nur mit üppig zu beschreiben wären, aus dem Wasser steigt. Viele kleine Wassertropfen perlen auf ihrer milchigen Haut und tropfen von ihren dunklen, nassen Haaren herab.

Vollkommen fassungslos glotzt Alrik sekundenlang auf diese Frau. Daß sein auffälliger Blick nicht unbemerkt geblieben ist, bemerkt er erst, als sich sein Blick mit dem der Frau kreuzt. Oh, wie peinlich! Blitzschnell schaut er in die andere Richtung, immer starr geradeaus und halb zu Boden.

Doch dann wird der Junge von Ole, dessen Hand immer noch unerbittlich auf Alriks Schulter ruht und keine Trödelei zuläßt, weiter vorwärts geschoben.

Doch ein fröhliches Geplansche, das aus einem Raum auf der anderen Seite des Ganges erklingt, läßt Alrik kurz darauf schon wieder interessiert aufblicken. Vorsichtig blinzelt er in die betreffende Nische und kann ein junges Paar in einer Wanne ausmachen, die halb hinter wucherndem Pflanzenwerk verbogen liegt. Die beiden scheinen sich übermütig zu necken, wobei eine ganze Menge vom Wasser aus der Wanne überschwappt.

Und wieder wendet Alrik hektisch den Blick ab, und wiederum schiebt ihn Ole weiter durch das riesengroß wirkende Badehaus.

Ob man hier wieder unbeschadet herauskommt, fragt sich Alrik. Und als Ole sagte, daß in diesem Badehaus nur die 'hohen Herren' einkehren, da hat er wohlwissentlich unterschlagen, daß 'hohe Damen' hier ebenso anzutreffen sind. Pure Absicht war das, genau! Da stellt man sich ein zünftiges und erfrischendes Bad vor, wo man unter sich (also unter Kerlen) bleibt, und jetzt sowas! Weiber, überall Weibsbilder - und sie sind nackt - so nackt, wie Tsa sie einst schuf!

Die Röte auf Alriks Wangen und die aufsteigenden Hitzewallungen nehmen langsam überhand. Aber ist auch wirklich dämonisch heiß hier, das wird wohl die Ursache sein.

Im Hetmann's Hafen angekommen begutachtet Alrik staunend die luxuriöse Ausstattung des Raumes. Einst hatte er mal eine Zeichnung gesehen, die den Palast eines dieser Kalifen aus einem dieser fernen Länder zeigte. Das war schon sehr beeindruckend, aber dieser Raum kommt ihm noch viel, viel prachtvoller vor.

Schüchtern lächelnd nimmt er das eine Leinentuch von Rahjana entgegen. Ein bißchen verloren steht der Junge mitten im Raum und stellt fest, daß Ole sich bereits halb entkleidet hat. Alrik schwitzt, inzwischen aber nicht nur vor Wärme, denn nun ist eine Situation eingetreten, wie sie nicht schlimmer hätte sein können. Der Schiffsjunge weiß genau, was man nun von ihm erwartet. Aber er kann sich doch nicht ausziehen - nicht hier vor einem Mädchen. Und erst recht nicht vor DIESEM Mädchen, das ihn auch noch dabei beobachtet.

Jetzt muss ihm wirklich bald etwas einfallen, das ihm weitere Peinlichkeiten ersparen wird. Aber nichts dergleichen geschieht.

Rahjana blickt Alrik an, als warte sie auf irgend etwas. Es ist ihr keine Spur Ungeduld anzumerken, als sie bemerkt:

"Und ihr, junger Herr Alrisco?? Darf ich euch begleiten??"

"Begleiten? Wo... wohin denn?" fragt Alrik hastig und unsicher.



Rahjanas Lächeln könnte auch eine dunkler Caverne ausleuchten, so hell, wie es der lichte Tag nicht besser vollbringen könnte.

"Ich wollte euch zu eurer Wanne geleiten, junger Herr! Sie ist bereits gefüllt. Folgt mir bitte."

Mit diesen Worten dreht sie sich um und schreitet vorwärts, geht aber dann an der Wanne vorbei und auf ein Regal zu, um sich dort mit ein paar Essenzfläschchen zu beschäftigen, einer Tätigkeit, die nicht recht effektiv wirkt. Offensichtlich ist ihr Alriks Verlegenheit aufgefallen und versucht ihm nun eine Brücke zu bauen, daß er sich so unauffällig wie möglich zu seiner Wanne begeben kann.

Auch Ole ist das Zögern des Jungen aufgefallen und er richtet sich in seiner Wanne auf. Er sieht ein wenig komisch aus, weil er nicht einmal in einem Badezuber seine Pfeife aus dem Mund nehmen will.

"Was ist denn mit dir, Alrik? Fehlt es dir an irgendetwas?"

Doch Alrik hat keine Gelegenheit zu antworten, eine rauhe Stimme aus dem Hintergrund übernimmt das für ihn.

"Er ist jung und er ist schüchtern - das ist mit ihm. Bist du jetzt tatsächlich schon so alt, daß du dich nicht mehr erinnern kannst, wie es dir damals ergangen ist, als du zum erstenmal ein Badehaus betreten hattest, du alter törichter Seebär?"

Kein Zweifel, Ratthalde ist wieder da. Sie hat sich umgezogen, wenn man das so nennen will, denn außer einem kurzen Lendenschurz trägt sie nichts mehr am Leibe. Sie hat eine drahtige, muskulöse Figur, nur ihre Brüste sind, zwar wohlgeformt, aber doch etwas zu groß in der Proportion zum Körper und in ihrer Erscheinung genau das, was die Thorwaler so derb mit Mopsendronning umschreiben,was sie aber letztlich auch schätzen. Ratthalde trägt in der rechten Hand eine kleine Schale, die mit Essenz gefüllt sein muß, denn es macht sich ein starker, aber angenehmer Geruch im Raum breit. Es riecht nach einer Mixtur aus den Extrakten von Zeder, Zypresse und Birkenhölzer, mit einem Hauch von Rosmarin. Es ist ein herbes Aroma und es gilt unter den Nordmännern Prem's als sehr männlich sich einen solchen Duft anzutun. Ratthalde stellt die kleine Schale auf einem Podest neben der Wanne ab. Sie rupft dem Schiffszimmermann ohne jeden weiteren Kommentar die Pfeife aus dem Mund und legt sie ebenfalls auf dem Podest ab. In diesem Augenblick erscheint, wie auf einen stummen Befehl hin, eine Dienerin, die einen Holzeimer bringt, in dem warmes Wasser vor sich hin dampft. Ratthalde nimmt der Dienerin den Eimer aus der Hand und schickt sie wieder hinaus. Danach schüttet sie dem völlig überraschten Ole das Wasser über den Kopf, ohne sich von den wütenden Protesten des Schiffszimmermannes rühren zu lassen. Wortlos, aber mit einem hinterhältigen Grinsen, wirft Ratthalde ein, zwei Stücke Seife in das Badewasser und nach einem längeren, nachdenklichen Innehalten, noch ein weiteres Stück, zur Sicherheit für eine angemessene Körperpflege. Ole grinst zurück. Sein Haar hängt ihm triefend um den Schädel und er sieht aus wie ein Waldschrat im Platzregen. Ratthalde ergreift eine große, grobe Bürste und Ole beugt sich vor, damit ihm Ratthalde tüchtig den Rücken schrubben kann. In dieser Zeit steht Rahajan noch immer an ihrem Regal und räumt irgendwelche Dinge hin und her und tut so, als wäre sie völlig unbeteiligt. Endlich blickt Ratthalde auf und nimmt Alrik in den Blick.

"Junger Herr Alrisco, beeilt euch, das Wasser wird nicht wärmer dadurch, daß ihr noch länger herumsteht. Soll ich Rahaja bitten euch zu helfen?"



"NEIN!" entfährt es Alrik etwas lauter als beabsichtigt.

"Aeh... ich meinte, danke, nein, macht euch nur keine Umstände", entschuldigend winkt er mit einer Hand ab und tapst langsam zu der Wanne, die für ihn bestimmt ist.

Jetzt bloß keine weitere Aufmerksamkeit erregen, mahnt sich Alrik. Es ist zu offensichtlich, daß man ihn durchschaut hat. Und dank Ole, der mit seinem gesteigertem Mitteilungsbedürfnis die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt hat, wird Rahjana ihn bestimmt für prüde halten. Aber das tut sie vermutlich sowieso, denkt der Junge grimmig.

Alrik legt das Leinentuch, daß er immer noch verkrampft in der Hand hält, auf einem in der Nähe stehenden Schemel ab und blickt sich verstohlen zu Rahjana um. Den Göttern sei dank, scheint sie beschäftigt zu sein. Also rasch herunter mit der Kleidung, und dann nichts wie ab in die Wanne. Gedacht, getan.

Schnell zieht er den alten Pullover ueber den Kopf und läßt ihn gleichgültig und zerknüddelt auf den Schemel fallen. Der zerfransten Hose entledigt er sich ebenso rasch. Der Knabe ist längst nicht so dürr und schlacksig, wie es seine lose Kleidung vortäuscht. Zwar verfügt er in seinem Alter wohl kaum über gestählte Muskelpakete, doch sein Körper wirkt drahtig, was deutlich darauf hinweist, daß er schon seit geraumer Zeit einer bisweilen doch recht anstrengenden, körperlichen Arbeit nachgeht. Seine Haut ist recht dunkel und auch an den Stellen, zu denen Praois Strahl nur sehr selten vordringt, ist er um etliche Nuancen dunkler, als Ole oder die beiden thorwal'schen Damen.

Eilig steigt er in die Wanne und läßt sich in das wohlig warme Wasser sinken. So, daß wäre also erstmal geschafft. Erleichtert atmet Alrik einmal tief ein und wieder aus. Doch kann er nicht umhin, den begossenen Ole noch ein wenig zu ärgern:

"Na? Bist du jetzt auf Wasserpfeife umgestiegen?"



Ole ist im Moment blind wie ein Maulwurf, da ihm eine klatschnassen Haarsträhnen, von der Stirn herunter, bis über die Augenlider hängen. Zusätzlich hat er wohl auch etwas Lauge in die Augen bekommen, denn er reibt sie sich wie wild und blinzelt dazwischen probeweise. Trotzdem grinst er:

"Oho! Der kleine Frosch muß inzwischen im Wasser sein, denn ich höre ihn quaken!"

Sodann hat er seine Sicht endlich wieder frei gerieben, die Seife aus den Augen entfernt und die grauen Strähnen nach hinten gestrichen. Er blickt zu Alrik herüber und sein Lächeln ist um ein gutes Maß spöttischer geworden, aber er sagt nichts. Er scheint auf etwas zu warten. Worauf nur? Die Antwort darauf sollte Alrik nicht lange verborgen bleiben. Völlig unerwartet ergießt sich ein Schwall lauwarmen Wassers über des Schiffsjungen Kopf und er muß ganz schön prusten dabei. Gleich darauf steht Rahjana an seiner Seite, lächelnd zwar, mit einer deutlichen Spur von Schuldbewußtsein, aber auch Keckheit in ihrem schelmischen Blick. Sie hält den geleerten Eimer noch in der Hand.

"Ich hoffe ihr könnt mir diesen kleinen Scherz verzeihen, Herr Alrisco!"

Rahjana stellt den Eimer ab, mit einer grazile Bewegung, als lege sie eine Opfergabe in eine Tempelschale. Dann ergreift sie eine kleine Phiole von einem Podest, einem ähnlichen Möbelstück, wie es auch bei Ole aufgestellt ist, nur dieses eben gleich in der Nachbarschaft von Alrik. Sie schüttet einen Teil des Inhalts der Phiole in das Badewasser und sofort bildet sich kleine Schaumbläschen auf der Wasseroberfläche. Der Badezusatz riecht sehr angenehm nach Kräutern und Hölzern, nicht ganz so herb wie der Ole's, aber immer noch 'männlich' genug. Rahjana rührt das Wasser ein wenig, damit sich etwas mehr Schaum bildet. So kann Alrik erkennen, daß der Wasserschwall von vorhin nicht nur ihn getroffen hatte, ein erheblicher Teil hatte sich auch über die Brust Rahjanas ergossen. Der leichte Stoff ihres Kleides klebt nun wie eine zweite Haut an ihren sehr weiblichen Rundungen. Das mag sehr reizvoll aussehen, Rahjana selbst muß das allerdings sehr lästig sein, denn es behindert ihre Bewegungen ungemein. Dies bremst sie aber weder in ihrem Eifer, noch verliert sie ihr betörendes Lächeln dabei. Inzwischen hat sie den Rest des Badezusätzen aus der Phiolen geschüttelt und in ihren Handflächen verrieben. Noch immer die Hände reibend, geht sie auf Alrik zu, lächelt ihn an und noch ehe der Junge zu irgendeiner Reaktion fähig ist, massiert sie ihm das Öl in die Haare. Doch nicht nur die Kopfhaut, auch den Nacken und die Schulter massiert sie Alrik. Das wirkt sehr entspannend, teilweise aber auch sehr aufregend. Mit einem Schöpfer holt sie sich frisches Wasser und spült dem Jungen die Seifenlauge aus den Haaren. Rahjana scheint tausend Hände zu haben. Auf einmal entwischt ihr die Seife aus der Hand. Das gute Stück fällt in das Badewasser Alriks und versinkt sofort. Sofort versucht Rahjan die Seife wieder zu fassen zu kriegen, doch das ist nicht einfach, denn unter Wasser ist sie noch glitschiger als sie ohnehin schon gewesen war und so wird es eine wilde Jagd quer durch die Wanne. Nicht einmal jetzt verliert Rahjana ihr Lächeln, im Gegenteil sie lacht um so lauter, je mehr sie von den Stückchen Seife genarrt scheint, für sie scheint das ganze Leben ein einziger Spaß zu sein und ihre Mißgeschicke dienen ihr selbst zur Erheiterung.

Unvermittelt stoppt sie ihr Tun. Sie schaut Alrik direkt ins Gesicht, Auge in Auge, nur wenige Fingerbreit von einander entfernt und dann fragt sie den Schiffsjungen:

"Junger Herr Alrisco, seid ihr etwa Ole's Sohn?"



"Nein, nein. Bin ich nicht. Wir kennen uns erst seit wenigen Wochen. Er hat in Olport angeheuert, auf der Nordstern, das ist das Schiff, auf dem wir segeln."

Eigentlich war Rahjanas Frage gar nicht so abwegig, überlegt Alrik. Den Eindruck von Vater und Sohn mögen sie vielleicht erwecken. Allein vom Alter her scheint es denkbar, und selbst obwohl kaum eine äußere Ähnlichkeit zwischen dem ungleichen Paar aus Schiffszimmermann und Schiffsjunge besteht, so respektiert Alrik den weisen Ole weitaus mehr als so manchen anderen an Bord. Nur von wenigen Leuten nimmt Alrik Befehle widerspruchslos entgegen, die Meinungen des Kapitän, die der Offiziere und die der Bootsfrau werden von ihm bedingungslos akzeptiert. Aber es sind nur wenige Matrosen, die Alrik so achtet, daß er sich gewissermaßen 'blind' auf sie verlassen würde, der starke Olof und die stolze Sigrun zählen auf jeden Fall dazu - und eben Ole.

"Er bemüht sich zwar immer wieder aufs Neue mich zu erziehen, damit aus mir mal 'ein tüchtiger Seemann' wird, aber mein Vater ist er gewiß nicht."

Alrik schmunzelt bei dieser Bemerkung. Inzwischen fühlt er sich auch wieder so richtig wohl, ganz so wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Auch Rahjanas Nähe empfindet er nicht mehr als beunruhigend. Sie scheint sehr nett zu sein und ihr freundliches, lustiges Wesen und ihr Lachen wirken einfach ansteckend.

"Aber nennt mich doch einfach bei meinem Namen. Und nicht 'Herr' oder 'Ihr'. Das klingt so seltsam und will so gar nicht zu mir passen."



Rahjanas Lachen klingt wie das Fallen von Silberstücken auf marmornen Boden. Sie hat die Rede Alrik schon ernst genommen, dennoch erklärt sie belustigt:

"Aber ALRIK, ihr seid doch ein junger Herr. Warum wollt ihr euch gegen einen solchen Titel wehren!"

Rahjana streichelt Alrik die Wangen. Doch nicht nur die, sie lenkt ihre Hände in seinen Brustbereich, den sie zärtlich bedenkt.

"Wie ich sehe, Herr Alrik, tragt ihr kein Hautbild. Das ist schade! Ich liebe Tätowierungen und Luloas's. Würdet ihr euch beim Hautsstecher an meinen Namen erinnern wollen? Ich würde es euch niemals vergessen!"

Rahjanas Stimme hatte nun etwas sehr schmeichelndes. Sie klang weich und war gerade in ihrer Sanftheit sehr bestimmend. Und während sie den Badeschwamm auf Alriks Kopf drückte erklärte sie:

"So seid ihr also nicht ein Sohn Ole's. Nun, wir wären dann Geschwister gewesen, denn ich bin Ole's Tochter!"

In dem Augenblick, da Rahjana das sagt klingt es von Ole's Wanne herüber, als kämpfe der Schiffszimmermann gegen das Ertrinken. Er prustet und protestiert. Aber schnell grinst er wieder.

"Ratthalde, da bleibst also immer noch dabei, du weißt schon, die Sache damals? Warum willst du dir in dieser Angelegenheit so unglaublich sicher sein?"

Ratthalde sagt dazu erst einmal gar nichts, lächelt hinterhältig und drückt dem Schiffszimmermann die sprödem Borsten der Badebürste tief in den Rücken, mit sehr viel mehr Druck als angemessen.



Alrik verzieht zweifelnd das Gesicht. Er hatte es ja gleich befürchtet, daß ein Mädchen wie Rahjana ihn nicht ernst nehmen würde. Warum sonst sollte sie so etwas Törichtes sagen? Gegen eine Tätowierung an sich ist gewiß nichts einzuwenden. Alrik hatte selbst schon vor geraumer Zeit darüber nachgedacht, sich so ein Bild in die Haut stechen zu lassen. Doch als es daran ging, sich ein Motiv auszusuchen, da konnte sich der Junge nicht so recht entscheiden. Jedoch war er sich absolut darüber im klaren, was er nicht wollte. Keinesfalls sollte es das Bild von einer nackten Wassernymphen werden, die so manchen Seemannsarm zierte. Auch namentliche Aufzählungen von verflossenen Liebschaften konnte er in Ermangelung von ebendiesen nichts rechtes abgewinnen. Davon mal ganz abgesehen, gab es nichts, was ihn in dieser Hinsicht mit der blonden Premerin verband.

"Aber warum denn? Warum solltet Ihr Euch an mich erinnern wollen? Ihr kennt mich doch kaum. Wir teilen weder gemeinsame Erinnerungen, noch werde ich lange genug in der Stadt bleiben, um das zu ändern."

Gerne hätte er ihr eine andere Antwort gegeben, doch gerade in diesem Moment erinnert er sich an die schier endlos erscheinenden Reden Jezabellas. Gerade die Ausführungen zu 'Verliebtheit ist die niederträchtigste Form der Beherrschung, denn man benötigt noch nicht einmal den Einsatz von Magie dazu' schienen von unerschöpflicher Vielfalt zu sein. Jedesmal, wenn die junge Studiosa unglücklich verliebt war, kamen diese Reden auf und Alrik hatte seine liebe Not damit, die Schwester auf andere Gedanken zu bringen. Auch ohne zu verstehen, was sie meinte, schwor Alrik, daß ihm so etwas nicht passieren würde.

Doch inzwischen ist Alrik mit der Antwort, die er eben noch Rahjana gab, alles andere als zufrieden. Die Blonde schweigt, aber das ist ja auch kein Wunder, denn seine letzten Worte waren wirklich grob unhöflich.

"Entschuldigt bitte, es war nicht so gemeint", murmelt Alrik leise, greift aber trotzdem verlegen nach Rahjanas Hand und schiebt sie zur Seite, so sie noch über Alriks Oberkörper streicht.

"Aber ich mache Euch einen Vorschlag. Zwar fahren wir jetzt erst weit in den Süden und die Reise wird lange dauern, mehrere Monde bestimmt. Aber wenn ihr mir verzeihen könnt, dann verspreche ich Euch, daß ich wiederkommen werde, wenn ich wieder hier in der Stadt bin. Und dann werde ich Euch besuchen - und wenn ihr mich erkennt und noch nicht vergessen habt, dann werde ich Euch bereitwillig folgen - zum Bilderstecher Beispielsweise."

Alrik lächelt, denn die Idee gefällt ihm ausgesprochen gut. Kurz darauf fällt ihm auf, daß er Rahjanas Hand, die er ja eigentlich zur Seite schieben wollte, seltsamerweise immer noch umklammert hält. Sein Lächeln wird noch um eine Spur verlegener als er schließlich Rahjanas Hand freigibt und auf ihre Antwort wartet.



Es ist tatsächlich so, daß Rahjana Alrik mit großen, fast schon schreckensgeweiteten Augen völlig fassungslos angeblickt. Sie kann sich die schroffe Ablehnung überhaupt nicht erklären, sie fühlt sich doch diesem Jüngling sehr zugetan und wollte nur nett zu ihm sein, einen Ausdruck für ihre Sympathie finden. Wahrscheinlich ist sie es aber auch nicht gewohnt, daß junge Männer sie mit allen Mitteln auf Distanz halten wollen. Vielleicht ist es aber auch der Schmerz in ihrer rechten Hand, denn Alrik mag zwar noch jung an Jahren sein, doch die harte Arbeit an Bord haben ihn doch sehr kräftig werden lassen und die impulsive Kraft die ihn Rahjanas Hand umklammern läßt, duldet keine Kraftdosierung. Das Mädchen beißt sich ein wenig in die Unterlippe, um einen Gegenschmerz zu erzeugen, denn um nichts in der Welt möchte sie jetzt ihr Unbehagen zugeben, um so mehr als sie sich ohnehin, durch Alriks geäußerte Zurückweisung schon genug verletzt fühlt. Doch der Schmerz verschwindet schnell als Alrik die Hand des Mädchens freigibt und auch Rahjanas entwaffnendes Lächeln kehrt zurück, als der Schiffsjunge sich bemüht mit einer Entschuldigung wieder in 'ruhigeres Fahrwasser' zu kommen.

"Aber natürlich verzeihe ich euch, wenn auch ihr mir verzeiht, daß ich euch offensichtlich zu nahe getreten bin. Ganz sicher wollte ich euch nicht verletzen."

Rahjana sieht regelrecht bekümmert aus, als sie diese Worte sagt. Aber gleich darauf bekommt sie wieder ihre schelmische Ausstrahlung und in dieser Stimmung wäre ihr alles zuzutrauen, das kann man sogar spüren, wenn man sie nicht so gut kennt. Sie legt ihre, kaum noch schmerzende Hand zurück an die Stelle von Alriks Oberkörper, genau dort, wo sie der Schiffsjunge kurz zuvor entfernt hatte, doch nicht um dort weiter zu streicheln, sondern mehr deshalb um sich aufzustützen. Was hat sie nur vor?

"Und wenn ihr von euerer Reise wiederkehrt, dann werdet ihr mich hier im Badehaus finden und ich werde euch gerne begleiten, wohin immer ihr wollt. Und ich werde euch gewiß wiedererkennen, dessen könnt ihr sicher sein. Und dies nehmt zum Geschenk, damit ihr mich auf eurer Reise nicht vergeßt ...!"

Bei diesen Worten beugt sich Rahjana vor und gibt dem völlig verdutzten Alrik einen Kuß auf die Stirn und einen weiteren, sehr viel sanfteren Kuß auf seine Lippen. Der Junge wäre vor Schreck beinahe im Badewasser versunken. Als sich Rahjana wieder aufrichtet sind ihre Haarenden triefend naß und hängen strähnig herunter. Doch auch ihr Kleid hat sich mit Wasser vollgesogen. Das hat den ursprünglich sehr leichten Stoff nunmehr sehr schwer gemacht, zu schwer für die ruckartige Bewegung des Mädchen als sie Alrik küßte. Die Träger rutschten ihr dabei von den Schultern und konnten das Kleid nicht mehr halten. Für den Anblick der sich nun kaum mehr als zwei Spann vor den Augen des Schiffsjungen offeriert, hätte andere Jungs wahrscheinlich ihren rechten Arm geopfert.



Ole verzieht das Gesicht.

"Autsch - was soll denn das, es tut weh!" protestiert ihr gegen Ratthaldes Malträtierungen. Doch Ratthalde denkt gar nicht daran aufzuhören und bürstet unbeirrt weiter.

"Das soll ja auch weh tun!" erklärt sie zwischen ihre zusammengepreßten Zähnen hindurch "Wer sich nicht erinnern will, der muß fühlen!"

Mit diesen Worten verdoppelt Ratthalde ihre 'Bemühungen'. Selbst durch die dichte graue Behaarung auf Ole's Rücken sind schon dicke rötliche Striemen zu sehen. Ratthaldes Ärger ist jedoch nur gespielt, sie kann sich das Lachen kaum verkneifen als sie sagt:

"Kannst du dich denn nicht mehr besinnen? Damals hatte wir doch eine wunderbare Zeit zusammen! Willst du das etwa leugnen?"

"Nein, beim Swafnir, das kann ich nicht leugnen." bekennt Ole lachend "Du hattest wirklich eine wunderbare Zeit in diesen Tagen. Mit mir und zwanzig anderen Recken des Drachenschiffes!"

Ratthalde lacht nun auch und endlich, zu Ole's übergroßen Erleichterung, legt sie die Wurzelbürste auf die Seite. Verträumt stützt sich die Frau auf den Wannenrand auf und sinniert:

"Oh ja, das waren wilde Zeiten und sie haben mir viel Freude eingebracht. Aber du, mein grauer Freund, warst eben der einzige, der mir ein Andenken an sich dagelassen hatte!"

Ratthalde klatscht sich mit der rechten Hand auf ihren blanken Bauch, als Hinweis darauf, wo ihr das erwähnte Andenken ihrer Meinung nach hinterlassen worden war. Eben will Ole noch etwas auf Ratthaldes Behauptungen erwidern, doch er kommt nicht mehr dazu. Ratthalde stemmt sich beidhändig auf die Schultern des 'grauen Riesen' und drückt den völlig überraschten Ole mit einem Ruck unter das Wasser! Dabei lacht sie keckernd.



Auch wenn es Alrik immer noch unverständlich ist, dass ein so wunderbares Geschöpf wie Rahjana ausgerechnet an einem einfachen Jungen, wie er es ist, Gefallen findet, kann er sich ihrem Zauber nicht entziehen. Ihre Worte könnten nicht aufrichtiger klingen, und selbst wenn es ein alberner Scherz ist, den sie ihm spielt (diese Gedanken lassen sich aus dem Schiffsjungenkopf einfach nicht vertreiben), so will er sich gerne darauf einlassen.

Als Rahjana sich aber zu ihm herabbeugt, begreift er bis zum allerletzten Moment nicht, was für ein Geschenk sie ihm zu machen gedenkt. Erst als ihre Lippen fast schon die seinen berühren, durchschaut er ihr Vorhaben. Der Junge ist viel zu aufgeregt, um diesen zarten Kuß zu genießen und noch bevor er seine verworrenen Gedanken geordnet hat, ist dieser einzigartige Augenblick schon vorbei.

Der rahjagefällige Anblick, den das junge Mädchen ihrem dünnen, durchsichtigen Kleid bietet, läßt Alrik die Luft anhalten. Es verschlägt ihm jedoch ganz und gar die Sprache, als ihr das durchnäßte Kleid langsam von den Schultern rutscht. Alrik bekommt vor Aufregung ganz rote Ohren und muß einmal kräftig schlucken, bevor er die Sprache wiederfindet. Tonlos flüstert er:

"Kein Mann auf Deren wird Euren Anblick jemals vergessen wollen."

Trotzdem streckt er kurz darauf eine Hand nach einem der vorwitzig hinabgerutschten Träger aus, um ihn auf seinen angestammten Platz auf Rahjanas Schulter zurückzulegen. Eine Handbewegung, die keinesfalls bedeuten soll, daß Rahjana sich lieber bedecken möge, sondern einfach nur als nett gemeinte Geste zu verstehen ist.



Alriks Kompliment läßt Rahjana erröten und verlegen schaut sie für ein paar Momente zur Seite. Sie weiß nicht so recht, was sie jetzt sagen soll, ist aber sehr stolz darauf zu gefallen. Sie legt dem Schiffsjungen den Zeigefinger der linken Hand auf die Lippen, bedeutet ihm durch diese sanfte Geste zu schweigen. 'Nein, bitte keine weiteren Komplimente!' scheint die damit sagen zu wollen. Sie ergreift Alriks Hand und unterbindet so den Versuch des Jungen, den Träger des Kleides wieder in die angestammte Position zu rücken. Rahjanas Augen leuchten in einem Glanz, in dem sogar das Licht ihres Lächelns in der Dämmerung der Nachrangigkeit versinken muß. Sie läßt Alrik nicht aus den Augen und ihr Blick spricht Bände, Worte, die selbst die besten Skalden noch nie zu einem Lied zusammengefaßt haben konnten. Mit einer kleinen, fast schnippische Bewegung der Schönen, wird der zweite Träger des Kleides von der Schulter geschoben und das Kleid fällt nun völlig zu Boden. Noch rührt sich die Nackte nicht, steht nur still da, die Augen sinnlich geschlossen, als unterziehe sie sich einer inneren Prüfung um das Wohlgefallen der 'schönen Göttin', deren Auge segensreich auf Rahjana zu ruhen scheint, denn die Aura ihrer Anmut und ihres Liebreizes verleiht dem junge Mädchen einen überderischen Schimmer.

Langsam setzt sich Rahjana in Bewegung, steigt mit einer tänzerischen Bewegung über den Wannenrand, ohne Hast, geleitend wie eine Schlange. Und einer Schlange gleich betrachtet sie Alrik, wie das Reptil potientielle Beute ansehen würde. Aber Rahjana will nicht Beute machen, sie will sich schenken. So läßt sie sich Stück für Stück im Badewasser nieder und die Enge der Wanne drückt sie in Alriks Nähe. Doch die kommende hautnahe Berührung scheint zu ihrem Vorhaben zu gehören, sie zögernd nicht eine Sekunde lang und, als ob es das selbstverständlichste der Welt wäre, umschlingen ihre schlanken Arme den, in seiner süßen Hilflosigkeit schön fast rührend anmutenden Schiffsjungen, der sich in fiebriger Erwartung schon längst mit der Rolle ein 'Opfer's' auf dem Altar Rahjas angefreundet hat und dem Kommenden zögernd, aber ebenso hoffend entgegensieht. Rahjana drückt ihren Busen gegen die Brust Alriks und ihre Lippen auf die des Schiffsjungen. Es sieht aber nicht so aus, als würde Rahjana diesen Kuß zu bald beenden wollen.



Prustend taucht Ole wieder aus dem Badewasser auf. Ratthalde lacht immer noch.

"Na, hat das Seifenwasser dein Gehirn gereinigt?" fragt sie kampflustig.

Ole lacht ebenfalls, er scheint in keiner Weise verärgert zu sein und er lacht wie über einen gelungenen Scherz.

"Nicht, wenn es dein Badewasser ist!" antwortet er gespielt grimmig "Aber deine spitze Zunge vermag sehr wohl einem Mann den Brägen aus dem Schädel zu treiben, nur um ihn säubern zu wollen. "

Da erinnert sich der Schiffszimmermann seines jungen Freundes und hält Ausschau nach ihm, Alrik hatte sich offensichtlich vorhin nicht so recht wohlgefühlt, hier in dieser Badestube und Ole wollte nun wissen, wie es ihm jetzt ergeht. So kann er gerade noch erkennen wie Rahajans Kleid zu Boden fällt und das, was sich da seinem Auge eröffnet läßt ihn den Schiffsjungen vorübergehend vergessen. Eine Weile lang sagt er nichts, und wenn er irgendetwas gefragt werden würde derweilen, so müßte er, wahrscheinlich zu Ratthaldes später Freude, bekennen, daß sich sein Gehirn wie mit Seifenlauge gereinigt anfühle, in dieser Zeit. Rahjanas Anblick scheint ihn zu blenden, er kneift seinen Augen zusammen, als ob ihm das Praiosgestirn mit aller Strahlenmacht attackiere. Viele Gedanken scheinen Ole's Geist zu bevölkern, doch es scheinen keine angenehmen Gedanken zu sein. Erst als ihm Ratthalde besorgt einen Arm um die Schulter legt, schreckt Ole wieder in die Wirklichkeit zurück.

"Ich weiß," sagt Ratthalde "Sie erinnert dich an Thania, mir ist die Ähnlichkeit der beiden auch schon aufgefallen, nur, daß Rahjanas Haare hellblond sind und Thanias Haare schwarz waren!"

Ole blickt Ratthalde erstaunt und fragend an. Ihm ist sofort aufgefallen, daß Ratthalde die letzte Bemerkung in Vergangenheitsform gesprochen hat.

"Ja," sagt sie " Ich habe davon gehört und es tut mit unendlich leid für dich, ich trauere mit dir!"

Nun hat Ratthalde beide Arme um Ole geschlungen, als eine Geste des Trostes und der Schiffszimmermann sieht auch so aus, als könne er jeden Trost gebrauchen.

In diesem Augenblick steigt Rahjana in Alriks Wanne und für alle aufgeklärte Menschen wären die jetzigen Absichten der jungen Frau klar zu erkennen, könnten sie die Szene beiwohnen. Doch nur Ratthalde und Ole sind Zeugen des Ereignisses.

"Du läßt das zu?" fragt Ole grinsend. Doch Ratthalde zuckt nur mit den Schultern und erklärt:

"Was soll ich machen, sie IST deine Tochter! Außerdem: Steht da nicht geschrieben, daß sich alles wiederholt mit den Jahren? Komm mit mir ins Schwitzbad, lassen wir die Jugend alle jene Dummheiten begehen, die auch uns damals schon nicht klüger gemacht haben!"

Lachend steigt Ole aus der Wanne und folgt der davoneilenden Ratthalde. Seine Melancholie scheint sich wie Streu im Sturm aufgelöst zu haben. Den einzigen Anflug von Nachdenklichkeit zeigt er, als er darüber nachgrübelt, wo das geschrieben stehen könnte, was Ratthalde da eben behauptet hat und welcher Gelehrter dies wohl verfaßt haben mag.



Es kann nur ein Traum sein, denn seit wann hält die Wirklichkeit so unglaubliche und berauschende Erlebnisse bereit. Jeden Moment lang rechnet Alrik damit, daß er jäh und unsanft aus diesem süßen Tagtraum gerissen und sich deckschrubbend an der Ladeluke der Nordstern wiederfinden wird. Wie sonst könnte er sich erklären, was gerade mit ihm geschieht.

Die Stadt Prem, das Badehaus, Ratthalde und Ole, die immer noch im gleichen Raum verweilen, alles verblaßt und gerät in Vergessenheit. Allein der Anblick Rahjanas, die Praios Glanz und Rahjas Liebreiz in sich vereint, überstrahlt alles.

Alrik kann seinen Blick von Rahjana nicht abwenden, doch das will er auch gar nicht. An jede Kleinigkeit dieses Traumes will er sich nach seinem Erwachen erinnern, niemals will er diesen Traum vergessen können.

Als Rahjana sich gegenüber von Alrik in die Wanne setzt, den Jungen halb zu sich herzieht, und dieser ihr halb entgegen sinkt, verlassen Ole und Ratthalde leise den Raum. Eine Tatsache, der Alrik im Moment keine Aufmerksamkeit schenken kann und mag.

Das kostbare Geschenk, das Rahjana überbringt, und dessen wahres Wesen zu bedeutend ist, um sich auf Anhieb zu enthüllen, wird von Alrik so behandelt, wie es sich für einen Unwissenden anschickt. Vorsichtig spitzt er die Lippen, um den Kuß der Schönen zaghaft und unbeholfen zu erwidern. Warm und weich fühlt sich Rahjanas Haut auf der seinen an und wie von selbst legen sicb seine Arme um Rahjanas Schultern und Nacken.

Unter Rahjanas nicht enden wollendem Kuß legt sich Alriks nervöse Aufregung, bis sie zu unbedeutend wird, um Einfluß auf sein weiteres Tun zu nehmen. Vielmehr macht sie einer glühenden Erregung Platz, einem ersten Auflodern von Rahjas verzehrendem Feuer.



Es war, als würden sich zwei schwach flackernde Flämmchen zu grellem Schein vereinen, als würde ein Blitz unendlich langsam zu Boden schleichen, ihr Geist war erhellt von zeitlosem Licht, Rahjana hat sich nun völlig ihrer Neigung zur Hingabe überantwortet. Ihr Verlangen wächst, genährt durch die zarten, zögernden Berührungen Alriks, die aber mit der Zeit immer fordernder, männlicher wurden, ohne aber jene demütige Dankbarkeit für das Geschenk, das sie bereit ist zu geben, vermissen zu lassen. Doch Rahjana gibt es gerne und ohne Kompromisse, sie ist eine Tigerin, ein sanftmütiges Raubtier und sie will jagen, kämpfen, sie will Leidenschaft erleben, wahre Leidenschaft, nicht die Gier jener Männer, die immer denken man könne Rahjana mit einem zur Gewalt neigenden Druck gefügig machen. Solche Männer müssen sehr viel Angst haben vor der Leidenschaft der jungen Dame, die auch ihrer Abweisungen durchaus herzhaft mittteilen kann, ganz wie es einer 'Tigerin' geziemt. Alrik ist da anders, das spürt sie. In seiner Nähe fühlt sie sich wertvoll und angenommen, als Person, als Mensch allgemein und speziell als Frau. Die Unsicherheit Alriks rührt sie, spornt sie aber auch an. So löst sie ihre Lippen vom Mund Alriks und sie sieht ihn an. In ihren Augen glüht das Fieber der Rahja, sie legt ihre rechte Hand in den Nacken des Schiffsjungen und greift hart zu. so daß es dem Kopf Alrik nach hinten zieht. Sie gibt knurrende Laute von sich und nicht nur deshalb wirkt sie nun wie ein hungrige Wölfin, doch signalisierte sie damit keine Warnung vor Gefahr, sondern ein Bekenntnis an die Ergebenheit an ein Schicksal, das bis in näherer Zeit festzustehen scheint.

Da die 'Tigerin' nun bereit ist, gilt es jetzt den 'Tiger' zu erwecken! Und so beugt sie sich wieder herab, legt ihre Lippen an den Hals Alriks und beißt ihn dort kurz in die weiche Haut, zart und doch ein klein wenig schmerzhaft, anregend. Dann umschlingt sie ihn wieder mit ihren Armen, küßt ihn wild und leidenschaftlich und drückt ihren Schoß an seine Lenden. Rahjana, die Rose Prems, legt nun ihre Dornen ab, um ganz und vollkommen eine Blüte zu sein.



Ratthalde und Ole haben nun den Eingang zu einem kleinen Raum erreicht, aus dem es fürchterlich heraus dampft, wann immer die Türe geöffnet wird, wie eben, als ein Mann und eine Frau den Raum verlassen. Das Päarchen sieht ziemlich mitgenommen aus, ihre Körper glänzen schweißnaß und ihr Atem geht schwer und tief. Artig schlingen sich die beiden Tücher um ihre Blößen, während sich Ratthalde und Ole schon längst von jedem Textil befreit haben und sich nun anschicken ihrerseits den Raum zu betreten, welchen das Päarchen vorhin verlassen hatten.

Im Raum selbst herrschen Temperaturen wie am Rande eines Vulkans und auch der Dampf, der die Sichtweite bis auf ein paar Spann reduziert mag an jene feuerspeienden Berge erinnern. Das Atmen fällt Ole schwer, der langjährige Genuß von Pfeifenkraut fordert nun seinen Tribut und der Zimmermann hustet sich die Seele aus dem Leib. Ratthalde hingegen hat sich schnellstens und bestens an die heißen und feuchten Luft angepaßt, immerhin ist es ihr Haus, ihr Raum und daher muß sie es ja gewohnt sein, sich hier aufzuhalten.

Ratthalde und Ole lassen sich in einem Eck des Raumes auf einer hölzernen Sitzbank nieder und sie reden über alte Zeiten. Sie rücken dabei einander immer näher und näher, und während sie sich so unterhalten wandelt sich ihr Denken, werden sie immer 'jünger' in ihren Empfindungen, die Zeit kehrt sich um, und schon bald fühlen sie sich wieder wie das Mädchen und der Schiffsjunge von damals, vor vielen Götterläufen. Und so liegen sie sich in den Armen, umgeben von wallendem Dampf, als gälte es den Moment festzuhalten.



Das 'Schwitzhaus' kann ein wahrhaft unwirklicher Ort sein. Dicke weiße Dampfschwaden verhüllen fast jede Sicht und schaffen gleichzeitig wallende Konturen, die dem Betrachter zu täuschen und narren vermögen, da sie ihnen gegenständliche Dinge vorgaukeln, die in ihrer Form vorgezeichnet, nur aus der Phantasie des Beobachters heraus zu erklären wären. Genauso stellt sich der normale Sterbliche den Limbus vor, die Grenze der Sphären. Es erscheint diese Nebelwand auch wie eine Einsicht in die Welt der Ewigen, dort von die Zeit stillzustehen scheint und Raum sich durch Entfernung nicht mehr eingrenzen läßt. In dieser Atmosphäre scheint Ewigkeit Substanz zu haben. Die Hitze legt sich wie ein wärmender Mantel um den Körper, sie bedrängt und grenzt ein, aber sie befreit auch, entspannt und läßt verströmen und den unsteten Geist eins werden mit dem Lauf der Dinge. Es gibt Leute, die sich dort verloren fühlen, weil sie sich jeder Grenze beraubt glauben. Nicht so Ratthalde und Ole, die in diesem Moment den anderen jeweils an ihrer Seite wissen, um so jedem Raum und jeder Zeit trotzen zu können. Es gibt für sie augenblicklich keine Anfechtungen, keine notwendige Reue, kein Wollen oder Trachten, sondern nur Harmonie und Einkehr in ein Nest der Zweisamkeit. Ole und Ratthalde sitzen, wie König und Königin in einer Nebelwelt, nebeneinander, schweigend und würdig, im Nachklang einer Vereinigung das Dasein des jeweils anderen in Dankbarkeit erlebend. Für einen Betrachter der Szene wäre es fast unmöglich zu erkennen, was da zwischen den beiden vorgeht, ist es Liebe, ist es eine Art Waffenbrüderschaft gegen die Widernisse des Lebens oder ist es ein stummer, tragischer Dialog. Das 'Schwitzhaus' kann ein wahrhaft unwirklicher Ort sein und im Moment ist er es besonders.



Der Sturm, den Rahjana entfacht hat, strebt seinem Höhepunkt entgegen. Doch will ich hier nicht weiter vom Meer der Leidenschaften, von sich überschlagenden Wogen der Gefühle oder der aufpeitschenden Brandung an wilden Steilküsten berichten, sondern kurz das Augenmerk auf eine kleine Besonderheit, die diese Vereinigung in sich birgt, lenken.

In der fernen Stadt, in der Alrik die ersten Jahre seines Lebens verbrachte, gibt es für eine geringe Anzahl von Leuten, Granden genannt, Luxus im Überfluß und das Streben nach Ansehen und Reichtum ist fuer sie unlängst zum einzigen Lebensziel geworden. Doch was nützt all das Geld und all der Pomp, wenn das Leben darüber schal und leer wird, wenn es kein Ziel mehr gibt, was man sich stecken kann, keinen käuflichen Wunsch mehr, den man sich mit Dublonen und Macht nicht längst schon erfüllt hat.

Eine besondere Leidenschaft dieser gelangweilten Menschen ist die Jagd, wobei sie es bevorzugt auf zwei Jagdobjekte abgesehen haben. Eines davon ist der Tiger, der sich schutzsuchend immer weiter in den Dschungel zurückzieht. Doch oftmals gelingt ihm das nicht, und so manches in die Enge getriebenes und bedrängtes Tier muß sein Leben lassen - für den kurzen Genuß des Jagdglückes. Oder aber, sie werden gefangen und harren in engen Käfigen einem ungewissen Schicksal entgegen. Die wenigen Tiere, denen es gelingt zu entkommen, werden geprägt durch einen tiefem Hass auf die Menschen, die sie quälten. Sie zeichnen sich sich aus durch eine besondere Schläue, mit der sie immer wieder aus der Bedrängnis entkommen und einem tief verwurzelten Instinkt, blutige Rache zu nehmen.

Ob es nun Tiger und Jäger sind, oder Thorwaler und Al'Anfaner, die den größeren Hass gegeneinander hegen, das vermag man kaum zu sagen. Genauso wenig vermag man zu sagen, ob dieser Hass auch entstehen kann, wenn sich beide in jungen Jahren, unvoreingenommen und noch erfüllt mit den Idealen der Jugend, kennenlernen. Doch jetzt ist es wieder an der Zeit, unseren Blick zurück auf den Sohn des Jägers und zurück auf das wilde Tigerkätzchen zu lenken...

Alrik streicht sanft eine blonde Strähne aus dem Gesicht der Schönen. Beide halten sich noch immer eng umschlungen. Obwohl das Wasser, das einst heiß und dampfend war, schon vor langer Zeit erkaltet ist, mochten sich beide noch nicht voneinander trennen.

Am Ende ist es Rahjana, die sich als erste erhebt, aus der Wanne steigt und Alrik mit einem bezaubernden Lächeln andeutet, ihr zu folgen. Alrik, der seine Scheu unlängst verloren hat, läßt sich nicht lange bitten und steht nun ebenfalls auf.

"Wohin gehen wir nun, schönste Alveraniarin?"



War es eine Anflug von Nachlässigkeit oder lag einfach begründet in der einfachen Natürlichkeit des Mädchens, daß sie darauf verzichtet nach dem Verlassen der Badewanne sich wieder zu bekleiden oder zu verhüllen? Vielleicht liegt es aber auch daran, daß ihr Kleid noch durchnäßt ist und ein anderes nicht greifbar. Vielleicht war es aber auch Absicht, denn die 'Tigerin' ist nicht müde geworden, hat ihre Freiheit nicht verloren, und ihre Zähmung war, wenn überhaupt, ein Akt des Entgegenkommens gewesen. Ihre Nacktheit hat dementsprechend nicht die Spur eines Hinweises auf Verletzlichkeit oder Demut, eher auf Stärke und Souveränität. Die 'Tigerin' geht wieder ihre eigenen verschlungenen Pfade und dem 'Jäger' wird zwar die Erinnerung bleiben, nicht aber irgendeine Trophäe, die ihm die Beute dinglich machen würde.

"Ich denke, wir sollte wieder zu den anderen gehen, Herr Alrisco!" sagt sie freundlich und der Klang ihrer Stimme klingt wie ein Elfenlied. Sogleich wendet sie sich um und geht mit eleganten Schritten voraus, nackt wie sie ist. Nun ist 'Gehen' ein Ausdruck, der den Punkt nicht besonders gut trifft. Man könnte fast sagen Rahjana schwebt über dem Boden und das Spiel der Muskeln, die sich auf ihrer zarten Haut abzeichnen sind wie der Bestandteil eines Tanzes. So wie sich ihr kleiner Po bewegt, wenn sie voranschreitet, mag man gerne behaupten, daß dahinter eine Botschaft stünde. Das ist wahrscheinlich richtig. Die 'Tigerin' selbst hat zu einer neuen Jagd aufgerufen und sich den Jäger dabei selbst bestimmt. Besonders deutlich wird das immer dann, wenn sie sich kurz umdreht, dem Schiffsjungen zuzwinkert und dabei bemerkt:

"Wo bleibt ihr denn, Herr Alrik!"

Rahjana verschwindet hinter einer Türe, aus der es fürchterlich heraus dampft und einer ungeheuere Wärme sich wie eine unsichtbare Wand aufbaut. Aus einer Wolke wallenden Wasserdampfes heraus sieht Alrik Rahjanas schlanken Arm, der ihn auffordert zu folgen, wenn er dafür Augen haben kann, da sein Blick zu sehr durch den körperlichen Liebreiz der Rahjana gebunden sein könnte.



Die förmliche Anrede kann sie also immer noch nicht lassen, stellt Alrik fest. Nun gut, sei es drum!

"Dich folge Euch dichtauf, Frau Rahjana. Keine Sorge, so einfach werdet Ihr mich nicht los", säuselt Alrik zurück, wobei er selbst über die Betonung seiner Worte schmunzeln muß.

Doch kaum hat er sich ein paar Schritte in Bewegung gesetzt, schon dreht er sich noch einmal um. Irgendwo waren doch ein paar Leinenhandtücher abgelegt, die wären jetzt recht nützlich. Der blonden Wildkatze ist jedenfalls alles zuzutrauen. Selbst wenn jetzt ein Spaziergang durch die belebten Premer Straßen folgen würde, das würde ihn auch nicht wundern.

Schnell eilt er Rahjana hinterher, wobei sein Blick geradezu an ihren wiegenden Hüften festgehaftet ist. So ist es sein Glück, daß keine hinderlichen Gegenstände im Weg stehen, den über die wäre er gewiß der Länge nach gestolpert.

Fast hat er Rahjana eingeholt, als ihm beim Anblick der koketten Hüftschwünge des Mädchens das Bedürfnis überkommt, ihr einfach einen Klaps auf den Po zu geben. Doch leider dreht sie sich gerade in diesem Moment um, um sich zu versichern, daß er ihr auch wirklich noch folgt. So zieht er die bereits leicht erhobene Hand schnell zur Seite, ein schelmischen Grinsen kann er sich jedoch nicht verkneifen.

Aber Rahjana hat sein Vorhaben wohl nicht bemerkt, zumindest läßt sie sich nichts davon anmerken und verschwindet stattdessen im 'Dampfbad' des Hauses.

Alrik betritt nach ihr den Raum. Die ungewöhnliche Hitze und die extrem hohe Luftfeuchtigkeit in diesem Zimmer überraschen ihn sehr. Ganz so heiß und nebelig hatte er es sich nicht vorgestellt. Doch dann heftet er sich wieder an Rahjanas Fersen.



Man kann in diesem Schwitzbad wirklich nicht die Hand vor Augen sehen, so mächtig dicht ist der Wasserdampf hier. Das mag auch der Grund sein, warum Alrik nicht bemerken kann, daß die, ihm voraus laufende Rahjana, plötzlich innehält, womöglich deshalb, da sie sich selbst in dieser Nebelsuppe orientieren muß, um nicht barfuß in jene Glühsteine zu laufen, die diesen Dampf hier erst überhaupt erzeugen. So kommt es, wie es kommen muß: Alrik prallt an Rahjanas Körper. Das Mädchen scheint dabei etwas aus dem Gleichgewicht zu kommen, doch sie stürzt nicht. Mit der einen Hand stützt sie sich an Alriks Schultern, mit der anderen Hand hält sie sich fest an Körperteilen des Jungen, die er zu zeigen noch wenige Zeit vorher nicht bereits gewesen wäre. Ein seltsamer Zufall? Ein peinliches Versehen? Oder vielleicht vielmehr der konkrete Plan einer 'Tigerin', die sich vorgenommen hat, sich nicht mehr treiben zu lassen, sondern ihrerseits den 'Jäger' zu jagen? Ist es ihr Ansinnen zu siegen um unterliegen zu können oder will sie unterwerfen? Der Moment wird zur Ewigkeit und der Augenblick schleicht dahin. Rahjanas Nähe hat etwas Aufforderndes, es ist wie eine Kampfansage. Und wieder rückt die an den Jungen heran, will ihn unter dem Deckmantel eines unvorhersehbaren Geschicks in Besitz nehmen. Alrik kann es nicht sehen, aber Rahjanas Augen sind geschlossen, als wolle sie ihre Sinnlichkeit kanalisieren, als wäre sie sich ihrer Sache sicher.

"Verzeiht Herr Alrisco, ich konnte euch nicht mehr ausweichen!" sagt sie mit heißerer Stimme und sie hat dabei nicht den mindesten Versuch unternommen zu verdecken, daß sie lügt.

Die 'Tigerin' wetzt ihre Krallen und zeigt ihre Zähne, stellt sich dem Jäger zum Kampf. Nun mag der erfahrene Jäger einen Reiz empfinden sich entweder der Bestie zu ergeben oder diesselbe zu unterwerfen, zu zähmen. Kann es sein, daß die 'Tigerin' keine Gnade kennt, es tut weh, so wie sie zupackt. Ist der Jäger wirklich ein Opfer? Sucht Rahjana einen Herren oder einen Knecht? Könnte man sie fragen, sie wüßte selbst keine Antwort, denn sie ist die 'Tigerin' und sie fühlt sich sehr wohl dabei eine solche zu sein. Und eben wie eine Raubkatze folgt sie ihrer Natur, unbelastet, raumgreifend und fast gefährlich.



Die wiedererweckte Leidenschaft verwirrt Alrik. Bei allen brodelnden Quellen, nebelumwobenen Dämpfen und glühenden Steinen - nichts in diesem Raum scheint so heiß zu sein, wie dieses junge Mädchen selbst, Rahjana. Doch bald hat der Schiffsjunge sich wieder gefaßt und ist bereit das Spiel abermals wieder aufzunehmen.

"Aber nicht doch, Frau Rahjana", entgegnet Alrik, wobei er sehr bemüht ist, ein Grinsen zu unterdrücken. Diese ganzen förmlichen Anreden sind im regelrecht ein Dorn im Auge, doch wird er sich hüten, nochmals darauf hinzuweisen. Stattdessen betont er die Anrede überschwenglich, aber in einer lustigen und keinesfalls ironischer Art und Weise.

"Ich war es doch, der Euch soeben zu nahe getreten ist", setzt Alrik das von Rahjana begonnene Wortspiel ein wenig fort. Derweil zieht er Rahjana ein wenig näher zu sich heran und drückt ihr einen sehr züchtigen Kuß auf die Wange.

"Nehmt ihr diese, meine Entschuldigung an, oder wollt Ihr mich auf der Stelle zum Duell fordern, um Genugtuung zu erlangen?" raunt er ihr leise ins Ohr. Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens fügt er betont selbstbewußt hinzu:

"Ich würde Euch auch die Wahl der Waffen überlassen..."



"Ein Duell?" fragt Rahjana und lächelt dabei sehr hintergründig "Das ist ein hervorragender Gedanke, Herr Alrisco. Aber fühlt euch dem auch gewachsen? Es geht um einen hohen Preis, es geht um euch selbst. Ich bin eine Raubkatze und wenn es euch nicht gelingt mich zu zähmen, dann werde ich euch verzehren."

Rahjana drängt ihren Körper gegen den Alriks und erklärt dabei:

"Ihr laßt mir die Wahl der Waffen? Wohlan, ich habe gewählt. Ich spüre euere 'Waffe', so spürt nun auch die meine!"

Danach drückt sie blitzschnell ihre Lippen von der Seite an Alriks Hals und übersät die Stelle mit einer Unzahl an wenig züchtigen Küßen und mit kleinen, leidenschaftlichen Bissen, die dort Male hinterlassen, die man wahrscheinlich noch Tage später erkennen werden kann. Doch die 'Tigerin' denkt noch gar nicht an einen finalen Biß. Nach Art der Katzen möchte sie mit ihrem 'Opfer' spielen, der 'Jäger' soll eine Chance erhalten, jetzt, nachdem sie ihn neckend Schmerz und Ohnmacht hatte spüren lassen. So löst sie ihr Gebiß vom Hals ihre 'Beute' und sieht sie für eine Weile einfach nur an, eine kecke Herausforderung zum Kampf. Rahjana löst ihre Umklammerung, doch die 'Tigerin' fährt noch einmal kurz die Krallen aus und hinterläßt eine rote, teilweise leicht blutige Spur auf dem Rücken Alriks.

Dann dreht sie sich um und geht einen Schritt vorwärts, weg von Alrik. Der Wasserdampf hüllt sie ein, läßt ihre Erscheinung unwirklich werden, als wäre sie eine Botin aus der Feenwelt. Und die 'Tigerin' bietet dem 'Jäger' ihren Rücken, ist sie sich ihrer Sache so sicher? Ist es eine Falle oder vielleicht die letzte Möglichkeit des Jägers im Ringen um Rahjas Kunst die Oberhand zu behalten? Stolziert sie, die 'Tigerin' oder lauert sie?



Eine schmerzende, rote Spur zieht sich quer über Alriks Rücken. Auf so eine Reaktion war er nicht vorbereitet, doch mit seiner vorwitzigen Rede hatte er so etwas ja förmlich herausgefordert. Selbstverständlich würde ihn die Wildkatze beim Worte nehmen - und es scheint ihr gar nicht mal so ungelegen zu kommen.

Gedankenverloren sieht Alrik dem Mädchen hinterher, als sie sich ein paar Schritte von ihm entfernt und damit eine erneute Jagd eröffnet. Doch soll man wirklich jagen gehen, wenn sich das Wild plötzlich als gut und gerne ein, zwei Nummern zu groß herausstellt? Eine Überlebensfrage, gewissermaßen.

Alrik wirft einen flüchtigen Blick über seine Schulter. Dort hinten ist die Tür, zwar ist sie nur schemenhaft hinter dem Dunst- und Nebelschleier zu erkennen, doch ist sie nicht allzu weit entfernt. Theoretisch könnte man jetzt schnell und unauffällig...

Alrik schüttelt bei seinen schnellen Überlegungen leicht den Kopf. Die Schmach der drohenden Niederlage wird schon schlimm genug zu tragen sein, doch der Hohn, den er nach einer kopflosen Flucht über sich ergehen lassen muß, der scheint ihm um ein Vielfaches schlimmer zu sein. Wer läßt sich schon gern Feigheit nachsagen?

Und so schleicht sich Alrik von hinten näher an Rahjana heran, innerlich wissend, daß diese ihn längst schon gehört haben muß, und daß das beginnende Spiel nach ihren Regeln gespielt werden wird.



Das Mädchen weiß nun, daß der 'Jäger' die Spur aufgenommen hat. Rahjana hört die leichten, barfüßig tapsenden Schritte Alrik's und sie lächelt versonnen, ein Lächeln, daß aber sehr schnell wieder in sich zusammenfällt, als sie weitere tapsende Schritte vernehmen muß. Diese Schritte jedoch näherten sich nicht von hinten, wie die des Schiffsjungen, sondern von vorne her. Irgend jemand kommt also auf sie zu, wer immer das auch sein mochte. Der wallende Dampf und die diffuse Beleuchtung hier im Raum gestalten die Situation sehr aufregend, ja sogar fast ein bißchen unheimlich. Schon sieht Rahjana erste Konturen, mehr die Schatten eines Körpers, denn ein Körper selbst. Der Dampf verzieht sich ein wenig und der Schatten nimmt Formen an, als wolle sich das, was vorher formlos war, nunmehr zu einer Gestalt verdichten, eine sehr große Gestalt fürwahr. Es ist wie die Manifestation eines Gedankens oder eine Idee, die sich anschickt, entstanden aus einem geistigem Funken nun zu Fleisch zu werden. Furchteinflößend schaut das aus und ein phantasiebegabter Mensch könnte durchaus auf die Ansicht verfallen, daß sich vor ihm, in den Wallungen der Unwirklichkeit, ein Dämon entwickeln könnte. Aber Rahjana ist kein furchtsamer Mensch und sie fühlt sich sehr der Wirklichkeit verbunden, als irgendwelchen mystischen Ängsten zu verfallen. Wahrscheinlich wird ihr erst jetzt, da sie feststellen muß, hier mit Alrik nicht alleine zu sein, bewußt, wie sehr sie sich hatte gehen lassen, wie sehr sie ihre Haltung verloren hatte. Und so wird aus der 'jagendenTigerin' in wenigen Momenten wieder ein 'freundliches Lamm', noch ehe sie die dröhnende Stimme erreicht, die ihr sagt:

"Ah, da seid ihr ja endlich! Wir haben euch schon vermißt!"

Sollte es wirklich ein Dämon sein, der da so zielstrebig auf Rahjana zugeht, dann hat dieser aber eine sehr große Ähnlichkeit mit Ole. Der Schiffszimmermann hat sich nun aus den Nebelschaden 'freigeschwommen' und steht nun groß und mächtig vor dem Mädchen. Gleich hinter ihm teilt sich der Dampf noch einmal und Ratthalde erscheint. Sie sagt:

"Na ihr jungen Leute, habt ihr euch ihr euch auch schön amüsiert?"

Rahjana lächelt jetzt wieder, legt sachte ihren Arm um Alrik, der eben an ihrer Seite erscheinen war und antwortet:

"Ja Mutter, es war ein Erlebnis der besonderen Art!"

Ole schmunzelt, er wird wohl schon das Richtige in die Antwort des Mädchens hinein gedeutet haben. Zu Alrik gewandt sagt der 'Graue Riese' dann:

"Nun, mein Junge, jetzt müssen wir uns aber ganz schön sputen. Die Zeit ist weit fortgeschritten und es wartet noch eine große Feier auf uns!"



Die Tsatagfeier! Die hatte Alrik inzwischen vollkommen vergessen! Wieviel Zeit mag wohl vergangen sein? Jegliches Zeitgefühl ist dem Jungen an diesem Nachmittag vollkommen abhanden gekommen. Ob es schon dunkel ist?

Aber Ole wird es natürlich besser wissen, und wenn er sagt, daß die Zeit drängt, dann wird das schon seine Richtigkeit haben.

Halb bedauernd, aber auch halb erleichtert, nimmt er Rahjanas plötzliche Wandlung zur Kenntnis. Die junge Frau verblüfft ihn immer wieder aufs Neue. Auch wenn er ihr inzwischen sehr nahe gekommen ist, so scheint sie ihm im Augenblick fremder und unergründlicher als in den ganzen vergangenen Stunden zuvor.

"Wohl an denn, Ole. Dann ist es wohl besser, wenn wir uns beeilen. Ich möchte Fiana nicht durch eine Verspätung verärgern. Wie ich sie kenne, so hat sie sich gewiß nicht lumpen lassen und einen ziemlichen Aufwand betrieben...."

Alrik ist spürbar um eine gleichmütige Tonlage bemüht, doch so ganz mag ihm das nicht gelingen. Die vergangenen Erlebnisse wirken noch deutlich nach und Rahjanas Nähe und gleichzeitige Unnahbarkeit trägt ein übriges dazu bei, um die Gefühle des Jungen stürmisch durcheinander zu wirbeln.

Mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck, den man aber dank des schummerigen Lichtes und der dichten Nebelschwaden kaum erkennen kann, greift er sanft nach Rahjanas Hand und umklammert sie mit seinen Fingern. Dann zieht er das Mädchen leicht mit sich, um schließlich den Raum zu verlassen und zurück zu dem Platz zu gehen, wo irgendwo verstreut noch seine Kleidung liegen müßte.



Es ist deutlich kühler, außerhalb des Schwitzraums, obwohl auch die Badehallen noch gut aufgeheizt sind. Und dann erst noch das Tauchbecken, Ole bleibt fast die Luft weg, als er sich in die Fluten stürzt. Alrik ist erst nach einem dringlichen Zureden Rahjanas bereit in das kalte Wasser zu steigen. Es mag sehr kalt sein dort, aber es bringt die Lebensgeister wieder in Schwung. Ole brüllt wie ein Elch bis er sich endlich leidlich an die Wassertemperatur gewöhnt hat. Auch Rahjana steigt in das Becken, während Ratthalde dies tunlichst vermeidet. Die Dame des Hauses entschuldigt sich noch kurz und enteilt, kehrt aber nach kurzer Zeit wieder zurück. Sie wird von zwei Dienerinnen begleitet, die jeweils ein kleines Bündel an Kleidern tragen. Ratthalde macht ein leicht verlegenes Gesicht als sie sagt:

"Es tut mir leid, meine Herren, wir haben uns bemüht euere Kleider nach dem Waschen noch trocken zu bekommen, aber die Praiosscheiben hatte nicht mehr genug Macht. Ihr werdet euere Kleider feucht mitnehmen und wohl mit diesen Kleidern hier vorlieb nehmen müssen!"

Mit Ratthaldes letzten Worten stellen die Dienerinnen die Bündel ab und verschwinden eiligst von der Szene. Nun klettert Rahjana aus dem Becken und gibt Ole und Alrik ein Zeichen, sie möchten ihr folgen. Die beiden tun dies dann auch sehr folgsam, Ole beeilt sich sogar, denn er ist neugierig, was Ratthalde ihnen an Kleidern vorbereitet hat. Nicht lange danach steht Ole frisch angezogen im Raum und er sieht auf einmal wie ein südländischer Fürst aus. Hemd und Hose, sogar die Unterwäsche sind aus reiner Seide und selbst für den grauen Riesen noch reichlich genug geschneidert, daß ihm die Kleidung locker am Körper hängt. Ratthalde hat beim Bekleiden tüchtig mit Hand angelegt, sowie es Zofen tun wenn sie ihrer Herrschaft bei solchen Tätigkeiten helfen. Ole hat dies sichtlich genossen, jedoch Alrik ist es sehr unangenehm derart bedient zu werden, obwohl sich Rahjana bei ihrem Tun alle Mühe gibt. Zuletzt tupft das Mädchen dem Schiffsjungen noch etwas Duftöl auf die Schläfen und gibt ihm einen flüchtigen, fast schüchternen Kuß auf die Stirne. Danach wendet sie sich um und entfernt sich. Noch einmal dreht sie sich kurz nach Alrik um, sagt aber nichts. In ihren Augen schimmert es feucht und irgend etwas scheint ihr noch auf der Seele zu liegen, doch ihre Zunge ist wie gelähmt. Nach einigen vergeblichen Anläufen ein Abschiedswort zu finden, dreht sie sich wieder hastig um und verschwindet schleunigst. Ole sieht ihr fragend nach, doch Ratthalde hat sofort eine Antwort für ihn parat:

"Es scheint die junge Liebe zu sein, kannst du dich nicht mehr erinnern?"

Und Ole nickt stumm und ernst. Er bindet sich sein rotes Haarband um den grauen Schädel, nimmt sein bereitgestelltes Bündel, legt es aber noch einmal ab, um Ratthalde innigst umarmen zu können und er flüstert ihr dabei zu:

"Das Feuer junger Liebe kann Stahl schmieden, doch nicht einmal Zwergenstahl ist stark genug eine alte Liebe zu zerschmettern!"

"Komm wieder, du alter Grauwal!" antwortet Ratthalde mit brüchiger Stimme. Ole legt seine Hand auf die Schulter Alriks und drängt ihn vorwärts. Auch der Schiffsjunge hat sein Bündel schon geschultert. Alrik windet sich noch ein bißchen, er ist solche Kleidung offensichtlich nicht sehr gewohnt. Ole und Alrik gehen langsam auf den Ausgang des Badebereiches zu, der Vorhalle entgegen. Ratthalde folgt ihnen nicht, unbekleidet, wie sie ist, will sie offenbar nicht in die Empfangshalle gehen. Traurig und müde winkt sie den beiden nach. Weder Ole, noch Alrik sagen ein Wort auf dem Weg nach draußen, durch die Halle mit den vielen Pflanzen, durch den dunklen Gang, bis hin auf die Straße. Erst als sie wieder vor dem Haus standen atmet Ole tief durch und sagt zu Alrik:

"Nun, mein Junge, auf zu Fianas Fest!"



Langfinger im Einsatz


Auch Hirkan betritt jetzt das Drachenhaus. Bei dem geschäftigen Treiben, das dort herrscht, fällt es fast schwer, sich weiterhin zu unterhalten. Von allen Seiten sind lautes Gelächter, abenteuerliche Geschichten, unverschämtes Feilschen und gelegentlich auch etwas handfeste Argumente zu hören.

Der junge Mann sieht sich zunächst einmal um. Er kann sich kaum orientieren, so viele verschiedene Stände stehen dort nebeneinander. Er beschließt, daß es wohl am besten ist, zunächst mit einem Rundgang zu beginnen und steuert auf einige in einer langen Reihe stehende Stände zu. Im Gehen wendet er sich zu Dajin und versucht, das Getöse zu übertönen:

"Nun, es wäre wohl etwas gewagt, von allen Thorwalern als Piraten zu sprechen. Doch gerade Prem ist schon dafür bekannt, daß sein Reichtum nicht ausschließlich aus dem Handel kommt. Es ist einfach so, wie soll ich ´sagen, ...", er überlegt einen Moment. Dann zuckt er mit den Schultern. Der Maraskaner ist schließlich ein weitgereister Mann, da kann man schon erwarten, daß er die Eigenarten anderer Völker wenn nicht verstehen, so doch zumindest akzeptieren kann.

Also fährt er fort:

"Die Einstellung zur Piraterie ist hier einfach eine etwas Andere als in den südlichen Ländern." Etwas nervös fügt er an:

"Glaube ich jedenfalls ..."



Irgendwo zwischen den Ständen der ganzen Händler im Drachenhaus, immer im Gewühl der Menge läßt sich ein kleiner, verbraucht wirkender Mann scheinbar ziellos von den Menschen hin und her treiben. Seine für thorwalsche Verhältnisse geringe Größe und die einfache, wenn auch saubere graue Wollkleidung sind zusammen mit dem Bestreben, immer 'im Strom zu schwimmen' beste Voraussetzung dafür, nicht gesehen oder zumindest nicht beachtet zu werden.

Schon gar nicht von Fremdländern, die staunend die Vielfalt der Angebote und das besondere ... man kann schon fast sagen Klima dieses großen überdachten Marktes erleben.

Torwe weiß das, und er weiß auch, wie man das am Besten ausnutzen kann. Und weil er auch recht geschickt in diesen Dingen ist, bemerkt sein neuestes Opfer - so ein klug daherredender Olporter, der wohl gerade versucht seinem südländischen und schwerbewaffneten Begleiter etwas zu erklären - auch erst sehr spät einen leichten Ruck am Gürtel.

Und wenn Hirkan sich erschrocken umdreht, um herauszufinden, was das war, so wird er in bereits einigen Schritt Entfernung den Rücken eines kleinen, in graue Wolle gekleideten Mannes sehen, der sehr behende gerade zwischen einer Gruppe thorwalscher Seefahrer und einem Bauchladenträger hindurchwischt, nicht ohne das jener eine Schimpftirade losläßt und krampfhaft den Inhalt seines Bauchladens festhält.



"Diebe!!!" schreit Hirkan aufgebracht. "Haltet den Dieb, er hat mein Geld!!!"

Mit diesen Worten hetzt er hinter dem verschwindenden Rücken her, keinen Blick mehr verschwendend an die Schönheit des Drachenhauses oder seinen schwerbewaffneten Begleiter. An dem thorwalischen Seefahrer und dem Bauchladenträger ist er mit überraschender Geschwindigkeit vorbei und sucht nun die weitere Spur der grauen Wolle.



Einen kurzen Moment ist Dajin überrascht dann dreht er sich um und sprintet hinter Hirkan und dem Dieb her. Dabei ist weicht er geschickt den Menschen die im Weg stehen aus und schaut ob er eventuell dem Dieb irgentwie den Weg abschneiden kann.



"Frechheit! Bauernlümmel! Paß' doch auf, sonst setzt es was!" erbost sich der Bauchladenträger als der Graubekleidete ihn so unverschämt anrempelt, so daß es ihn fast um das Gleichgewicht bringt.

Gerade hat er wieder einen einigermaßen festen Stand errungen, als ihn der nächste Flegel so frech zur Seite drückt.

"Lumpenhund! Unverschämtheit! Komm' zurück, dann zieh' ich dir die Hammelbeine lang!"

Im Drachenhaus ist es in der Tat außerordentlich voll, was dem Fortkommen des Diebes einige Schwierigkeiten bereiten sollte. Immerhin muß er sich erst einen Weg durch die Menge bahnen, während für Hirkan bereits eine enge Gasse offen steht, durch die sich der Graubekleidete kurz zuvor gezwängt hat.



'Niederhöllen!' das Geschrei ist Torwe deutlich zu nahe. Und die träge Menge, die ihm vorhin noch so nützlich war, ist jetzt ein störendes Hindernis.

Glücklicherweise findet sich immer wieder eine Lücke, durch die er sich ohne große Rempelei hindurch hasten kann, auch wenn er hier und dort einen wütenden Ausruf verursacht und sogar die eine oder andere Hand versucht ihn festzuhalten. Aber all die Leute, die sich nach ihm umdrehen behindern auch seinen Verfolger kaum minder. Den hat der Grauwollene indes noch nicht abschütteln können, tatsächlich hat dieser sogar ein kleines Stück aufgeholt. Aber wenn er es schafft schnell genug aus dieser übervollen Gasse heraus zu sein, sieht die Welt gleich wieder besser aus, hofft er.

Doch vorher muß er fluchend einem fetten Glatzkopf ausweichen, der mitten im Weg steht und stumpfsinnig in die Richtung späht, aus der das Geschrei kommt. Das gibt natürlich Hirkan und Dajin Gelegenheit ein oder zwei weitere Schritt wettzumachen.



Zielstrebig und verbissen verfolgt Hirkan den Dieb durch die Menge. Seine Augen lassen keine Sekunde von dem wolligen Rücken, der sich geschickt durch die Menge schiebt. Doch Hirkan nutzt die kleine Gasse, die der Dieb dadurch zwangsläufig hinterläßt.

Hinter sich hört er schon seit geraumer Zeit Dajin, zumindest denkt er, daß es sich um den Maraskaner handeln muß, denn das laute Scheppern der Waffen beim Laufen ist deutlich auszumachen. Das spornt ihn an. Schließlich ist es wesentlich wahrscheinlicher, daß man einen Dieb zu zweit stellen kann, als alleine.

Allerdings hat er nach den ersten paar Schritten nicht mehr weiter aufholen können. Der Abstand scheint immer wieder ein wenig zu schrumpfen, aber dann muß Hirkan sich wieder irgendwo durch die Menge quetschen und schon ist die alte Entfernung wieder hergestellt. Dazu kommen die Seitenstiche, mit denen Hirkan jetzt zu kämpfen hat. Er ist zwar jung und beweglich, aber an das Laufen ist er nicht gewöhnt, schließlich sitzt er sonst meistens an seinem Schreibtisch. Da macht es sich schon bemerkbar, wenn man plötzlich versucht, so schnell zu laufen wie möglich.

Aber da, das ist eine Chance, sich dem Verfolgten weiter zu nähern! Er muß diesem dicken Mann ausweichen! Mit einem erneuten Kraftaufwand legt Hirkan noch etwas an Tempo zu und kann den Abstand ein Stück verringern. Allerdings sieht er jetzt auch, was der Dieb plant: nur noch wenige Stände, dann kann er diese Gasse verlassen und wahrscheinlich schneller laufen oder völlig aus dem Blickfeld verschwinden.

Ohne sich umzudrehen, ruft er Dajin zu: "Er will raus aus dieser Gasse! Vielleicht könnt Ihr ... Weg abschneiden!"

Seine Stimme hat er nicht mehr ganz in der Gewalt, dafür ist er schon zu kurzatmig, doch wenn Dajin seine Ohren etwas aufsperrt, wird er den Sinn entnehmen können.



"In Ordnung" ruft Dajin Hirkan zu, dann dreht er ein wenig ab um dem Dieb den vermuteten Weg abzuschneiden. Obwohl Dajin sehr geschickt durch die Menge rennt kommt er doch langsamer vorwärts da er sich nun seinen eigenen Weg bahnen muß. Immer wieder wir er angerempelt und kommt aus dem Tritt. Er schafft es allerdings etwa gleichzeitig mit dem Dieb das Ende der Gasse zu erreichen, er schaut zu dem Flüchtigen und setzt zu einem letzten Satz an...



Auch Torwe schnappt inzwischen heftig nach Luft, doch die Angst davor erwischt zu werden läßt ihn noch einmal alle Kräfte aktivieren. Phex scheint tatsächlich mit ihm zu sein, kann er doch die letzten Schritte bis zu einer Einmündung einer Nebengasse fast geradewegs laufen ohne allzu große Ausweichmanöver.

Kurzzeitig verlieren Hirkan und Dajin ihn dabei aus den Augen, er taucht hinter einen weit ausladenden Obststand, der genau an diesem Eck steht. Doch auch der Obsthändler hat das Durcheinander und den sich nähernden Wollträger bemerkt und sich einen Reim auf die Rufe 'Haltet den Dieb' gemacht. Zwar kann er nicht so schnell aus seinem Stand heraus, doch für ein lautes "Da ist er lang!!!" begleitet von hektischen Fingerzeigen reicht es allemal.



Das ist doch nicht zu glauben. Gerade dachte Hirkan, daß er ein wenig aufgeholt hätte, da verschwindet der Dieb hinter einem Obststand und ist nicht mehr zu sehen. Kurz verhaltend bemerkt er den Obsthändler, der heftig gestikulierend die Richtung angibt, in die der Dieb verschwunden sein muß und schon ist Hirkan wieder unterwegs.

Dajin, den er wegen seines Wegabschneide-Versuchs zwischenzeitlich nicht mehr hinter sich gehört hatte, läuft nun wieder neben ihm. Die beiden Männer biegen um die Ecke und da sehen sie ihn wieder. Flink läuft der Dieb durch diese Seitengasse, in der sich kaum Leute, sondern vielmehr die vielen Kisten der verschiedenen Händler befinden. Und, Hirkan erkennt es sofort, das Verschwindemanöver des Diebes hat zumindest einen Erfolg gehabt: durch das Zögern seiner Verfolger hat er den Abstand erneut vergrößern können.

Das Herz schlägt laut und heftig in Hirkans Brust und langsam überkommt ihn das Gefühl, seine Beine wären so schwer wie Blei. Aber er will noch nicht aufgeben. Diese miese kleine Ratte hat sein Geld gestohlen, Geld, das ihm vertrauensvoll überlassen worden war. Nein, so leicht wird er das nicht zulassen. Erneut beißt er die Zähne zusammen und fordert von seinen Beinen ein schnelleres Tempo.



"Verdammt" flucht Dajin als der Dieb aus seinem Blickfeld verschwindet. Zusammen mit Hirkan biegt er in die Seitengasse ein, in der sie den Langfinger verschwinden sahen. Dajin fingert im Laufen an seinem Gürtel stellt aber fest das er seinen Wurfdiskus leider an Bord gelassen hat. Also sprintet er weiter inzwischen ist auch Dajin ziemlich aus der Puste. Hoffentlich geht es dem Dieb ähnlich denkt er sich.



Torwe hetzt weiter, das anschwellende dröhnende Rauschen des Blutes in seinen Kopf ignorierend. Bei all dem Gerümpel, das in dieser Gasse herumliegt muß er höllisch aufpassen nicht zu stolpern.

Aber seinen Verfolgern muß es ja genauso gehen. Oder hatte er die bereits abgehängt? Wie dicht sind sie hinter ihm, wenn nicht?

Selbstverständlich ist das der größte Fehler, den ein Verfolgter nur machen kann und Torwe müßte es eigentlich besser wissen - und doch blickt er sich mit einer schnellen Kopfbewegung um. Einen Augenblick nur, einen winzigen, unbedeutenden Wimpernschlag lang. Aber als er den Blick wieder auf seinen Fluchtweg lenkt ist es schon zu spät. Ein kleiner Handkarren, den er normalerweise einfach umgangen hätte, wird zur tückischen Stolperfalle, als er es nicht mehr schafft ganz auszuweichen und am Karren entlang streift.

Wild mit den Armen rudernd versucht er noch in einem Mittelding zwischen Laufen und Fallen das Gleichgewicht wieder zu finden, doch vergeblich: Der Länge nach stürzt er auf den harten Boden, schlägt sich dabei Nase, Kinn und Handflächen blutig.

Verzweifelt rappelt er sich wieder auf und beginnt humpelnd weiter zu fortzulaufen, doch hat all dies natürlich nicht mehr die geringsten Erfolgsaussichten.



'So viel Geld ist es doch gar nicht', schwirrt es durch Hirkans Kopf. 'Nicht genug, daß es sich lohnt, dafür an einem Herzanfall zu sterben. Zum Glück habe ich nicht alles in den Beutel getan und das Schiff ist schon bezahlt ...'

Fast unmerklich werden die Schritte, die den Dieb verfolgen, langsamer, als Hirkan beginnt, sich der Schmerzen in Brust und Beinen stärker bewußt zu werden. Die erste Wut über den Diebstahl ist durch die Kraftanstrengung schon fast verraucht und Hirkan wird mehr und mehr klar, daß er, und wohl auch der zwar stärkere aber wegen des Gewichts seiner Schwerter weniger wendige Dajin, keine Chance hat, den geübten Dieb einzuholen.

Doch da, was ist das? Beinahe fassungslos verfolgt Hirkan das Stolpern des Diebes über einen Handkarren, den anschließenden Sturz, das Wiederaufrappeln und schließlich das humpelnde Weiterlaufen. Fast vergißt er dabei, daß er selbst ebenfalls weiterlaufen muß, doch dann siegt der neu gewonnene Ehrgeiz. 'Nur noch ein kleines Stück muß ich durchhalten. Dann habe ich ihn', denkt er jetzt und bemüht sich erfolgreich, sein Tempo noch für eine kurze Weile durchzuhalten und nähert sich jetzt langsam aber sicher von hinten an den Dieb an.

Schon müßte der Verfolgte Hirkans schweren Atem hinter sich hören können ...



Auch Dajin ist kurz davor die Verfolgung aufzugeben, sein Atem geht keuchend und die Bewegungen sind nicht mehr so geschickt wie am Anfang der Verfolgung. Da sieht er wie der Diebt stürzt und verletzt weiter humpelt. Als er gewahr wird das jetzt die Chancen für den Dieb gleich null sind mobilisiert Dajin seine letzten Kraftreserven und rennt weiter hinter dem Dieb her



'Sie sind direkt hinter ... Phex hilf!'

In einem Akt der Verzweiflung wirft der Bewollte den Lederbeutel, den er Hirkan vom Gürtel genommen hat von sich. Dieser prallt gegen die Rückwand eines Standes und fällt klimpernd zu Boden.

Torwe hofft, daß seine Verfolger sich damit zufrieden geben werden den Beutel wieder zu haben und ihm nicht weiter nachsetzen. Indes haben die beiden so dicht aufgeschlossen, daß sie ihn mit etwas Geschick durchaus zu fassen kriegen könnten.



Gerade wollte Hirkan zu einem letzten Satz ausholen, um den flüchtigen Dieb zu erwischen, da wirft dieser den Geldbeutel des Anstoßes von sich. Eine Sekunde lang ist er hin- und hergerissen und verharrt im Lauf.

'Er hat es nicht verdient, zu entkommen. Aber ...'

Die Augen fliegen kurz zu seinem Geldbeutel.

'Wenn ich das hier liegenlasse, ist es später wahrscheinlich trotzdem weg. Dennoch, dieser

gemeine ...'

Da läuft der rettende Gedanke buchstäblich in Form eines rennenden Maraskaners in sein Gesichtsfeld. Mit dem letzten verbliebenen Rest seiner Stimme ruft Hirkan:

"Schnappt ihn! Ich folge sofort!"

Der völlig erschöpfte Jüngling bremst ab und hebt den Beutel auf.



Einen Moment spielt Dajin mit dem Gedanken den Dieb laufen zu lassen, jetzt da Hirkan sein Geld wieder hat, dann aber rennt er weiter hinter dem Flüchtigen her. Mit letzter Kraft holt er die letzten paar Schritt auf und versucht den Dieb mit einem gezielten Tritt in die Beine zu Fall zu bringen.



Torwe stolpert, fast fällt er nur mehr vorwärts in der Hoffnung, seine Verfolger würden von ihm ablassen. Doch da verspürt er einen heftigen Schmerz in den Kniekehlen, seine Beine sacken einfach unter ihm weg und zum zweiten Mal stürzt er schwer auf den harten Boden. Jammernd versucht er dennoch kriechend weiter zu kommen

"Gnade. Nicht schlagen! Bitte! Gnade! Aufhören!" fleht er dabei in einem herzzereißenden Tonfall



Hirkan hat inzwischen seinen Geldbeutel aufgehoben und das verstreute Geld eingesammelt. Ein kurzer Blick in den Beutel bestätigt seine Vermutung: viel kann da jedenfalls nicht fehlen. Der Dieb hatte keine Zeit, noch etwas herauszunehmen.

Jetzt, nachdem er stehengeblieben ist, bemerkt er die Schmerzen in Brust und Beinen noch viel mehr als zuvor beim Laufen. Am liebsten würde er sich erstmal irgendwo hinsetzen, wieder zu Atem kommen und diesen 'Zwischenfall' so schnell wie möglich vergessen. Doch da ist noch Dajin, der gerade den Dieb endgültig zur Strecke zu bringen scheint. Und vor dem (nämlich Dajin) hat Hirkan nun wirklich ziemlichen Respekt. Zu viel jedenfalls, um sich einfach zu verkrümeln und den Dieb Dieb sein zu lassen. Schließlich hat der Maraskaner genausoviel Kraft investiert wie er, und das nur, um ihm zu helfen ...

Trotz des wiedererlangten Geldes hadert Hirkan also mit seinem Schicksal. Er seufzt, schüttelt den Kopf, gönnt sich noch ein tiefes Durchatmen und geht dann auf die beiden anderen Männer zu.



Dajin wirft einen kurzen Blick hinüber zu Hirkan, der sehr zufrieden dreinschaut. 'Er wird wohl sein Geld wiederhaben. Na gut dann werde ich dem armen Tropf hier noch ein wenig erschrecken und ihn dann ziehen lassen'. Blitzschnell zieht Dajin seinen Nachtwind und ehe sich der Dieb versieht spürt er auch schon den kalten Stahl ihm Nacken.

"So du kleiner Wurm dachtest also du könntest uns entkommen wie? Bist du nun bereit deine Strafe zu empfangen?"

Dajin Stimme klingt kalt und gnadenlos obwohl er sich ein kleines Grinsen nur mühsam verkneift.



Das Jammern und Flehen des sich am Boden Windenden wird, als er feststellt, daß der andere eine Waffe zieht und sagt, daß er ihn jetzt umbringend wird zu einen lauten, panischen Kreischen

"NEEEEEIIIN! Gnade! Herr ... Gnade!" die Stimme geht in ein lautes Schluchzen über "... nur Hunger ... nichtsgetan ... BITTE! ... Gnade! ..." sind einigermaßen verständliche Wortfetzen.

Immer noch versucht der Dieb dabei weg zu kriechen und Dajin muß aufpassen, daß er ihn dabei mit dem Schwert nicht doch versehentlich verletzt.

Dieses Kreischen und Jammern geht im Übrigen nicht nur Dajin und Hirkan durch Mark und Bein, sicherlich wird es auch den einen oder anderen Verkäufer in den Ständen aufmerksam machen...



"Nun gut vielleicht will ich noch mal Gnade vor Recht ergehen lassen! Aber steht erstmal auf!"

Dajin steckt das Schwert wieder weg und hilft dem Dieb auf die Beine, natürlich darauf achtend das dieser nicht 'versehentlich' seinen Geldbeutel mitnimmt. Dann schaut er sich den Dieb erstmal genauer an um festzustellen wie schlimm seine Verletzung ist und wie es um seine allgemeine Verfassung bestellt ist.



Hirkan hat sich ein wenig erschrocken, als Dajin sein Schwert gezogen hat. Und als der Dieb daraufhin anfängt, seine Angst laut heraus zu posaunen, möchte er sich am liebsten unauffällig in einer Ecke verstecken. Doch zu seiner Erleichterung steckt der Maraskaner das Schwert wieder weg und spricht mit dem Dieb.

Hirkan tritt hinzu, hält aber einen gewissen Abstand von beiden (von dem Dieb wegen des Geldes, von Dajin wegen des Schwertes). Er nickt zu Dajins Worten und richtet sein Wort zunächst an diesen.

"Habt Dank, Herr von Tarschoggyn. Dank Eurer Hilfe habe ich mein Geld wieder."

Dann wendet er sich dem Dieb zu.

"Was hast du zu deinem Verhalten zu sagen?"



Das Gejammer des Diebes wird leiser, in dem Moment als Dajin das Schwert wegsteckt.

Als er dann plötzlich gepackt wird, macht er einige halbherzige Abwehrbewegungen und hält sich die Arme schützend vor das Gesicht

"Nicht schlagen ..." und läßt sich zuerst wie ein nasser Sack hochziehen, bis er auf wackeligen Beinen stehen bleibt. Den Kopf hält er dabei fast krampfhaft auf die Brust gepreßt und starrt auf den Boden, die Hände immer noch leicht schützend erhoben.

Mit einem Ärmel fährt er sich kurz durch das Gesicht und verschmiert Blut, das ihm in einem kleinen Rinnsal aus der Nase tropft so, daß es für den Unkundigen wohl zum Fürchten aussehen muß.

Für den Kundigen indes sind die Verletzungen eher geringstfügig: die Hände sowie die Knie ein wenig aufgeschürft und die Nase leicht angeschlagen, was halt so passiert wenn man ungeschickt fällt.

Auf die Fragen von seinen beiden Häschern hin beginnt er wieder zu jammern

"Verzeiht. Edelste Herren. *schnief* Ich hatte doch nur Hunger. Nur ein paar Kreuzer wollte ich. *schnüff* Für ein wenig Brot für mich und meine Familie. Bitte ruft nicht die Wachen. Habt Erbarmen mit einer armen Seele... *flehend*"

Den Kopf hält er dabei stets unterwürfigst gesenkt und weicht jedem direkten Blickkontakt aus.



Dajin tut es nun fast leid das er diesen armen Tropf so hart behandelt hat. Er greift in seinen Geldbeutel und drückt ihm einen Dukaten in die Hand.

"Hier kauft euch und eurer Familie etwas zu essen und schaut mal in einem Tempel der Schwester Peraine vorbei und laßt eure Verletzungen untersuchen. Es ist zwar nicht schlimm soweit ich das sehe aber sicher ist sicher."



Diese heißblütigen Südländer sind doch schwer zu verstehen! Erst bedroht Dajin den Dieb mit einem Schwert, so daß Hirkan fast befürchtet, dessen letztes Stündchen hätte geschlagen, und dann läßt er ihn nicht nur laufen, sondern gibt ihm auch noch Geld! Und einen ganzen Dukaten!

'Der Mann muß sehr reich sein, wenn er sein Geld einfach so verschenken kann.'

Hirkan steht mit offenen Mund daneben, sein Gesichtsausdruck ist sicherlich mit leicht dümmlich nicht falsch umschrieben. Krampfhaft versuchend, sich auf diese neue Situation einzustellen, bringt er zunächst erstmal keinen Ton heraus.



Erst zuckt der Wollträger ängstlich zusammen, doch dann erkennt er, daß der Schwertträger ihn nicht packen will oder so etwas, sondern ihm tatsächlich Geld gibt. Und als sein Augenmerk darauf fällt, was das für eine Münze ist, verliert er sichtlich die Fassung und starrt diese sekundenlang wortlos an. Dann bricht er plötzlich hervor

" ... aber Herr, ich ... ich danke Euch, Herr. Möge Travias Herdfeuer immer für Euch warm sein ob Eurer Güte. Möge Peraine Euch immerwährende Gesundheit schenken und Tsa ein langes Leben ..." die Münze wandert bei diesem Seremon blitzschnell in einer der Taschen der Wollhose "... mögen alle 12 Eure Großherzigkeit lohnen, wie es Euch gebührt..."

Ehrerbietig hält der verunglückte Dieb immer noch sein Gesicht gen Boden und unterwürfig deutet er immer wieder eine Verbeugung an, während er spricht. Doch bewegt er sich auch mit langsamen Schritten rückwärts, um sich jetzt, da die Situation so einen unerwartet glücklichen Verlauf genommen hat, von den beiden zu entfernen, bevor sie es sich vielleicht noch anders überlegen.



Hirkan beobachtet den Dieb, wie er geschickt das Geld verschwinden läßt und Anstalten macht, sich mehr oder weniger unauffällig zu verdrücken. Nun, soll doch der Maraskaner entscheiden, ob er mehr als schleimigen Dank für sein Geld haben möchte. Hirkan jedenfalls hat seinen Geldbeutel wieder und ist froh, wenn er nicht den Rest dieses an sich ja vielversprechenden Tages mit diesem Wurm hier verbringen muß.

"Nun, Herr von Tarschoggyn, sollen wir hoffen, daß dieser geplagte Mitmensch Euer Geld zu ehrlichem und den Göttern gefälligem Zwecke verwenden wird, und ihn ziehen lassen?"

Die Frage ist zwar in einem ironischen Tonfall gestellt, damit möchte Hirkan aber nur den Dieb noch ein wenig ärgern. Aus seinem Gesicht spricht deutlich die Bitte an Dajin, sich nicht wesentlich länger mit dem Dieb aufzuhalten.



Auch Dajin wendet sich nun von dem Dieb ab.

"Nun wenn er es nicht tut wird er ja sehen was er davon hat", sagt er zu Hirkan gerichtet. Dann

macht er sich mit einem nachdenklichen Gesicht auf Richtung Drachenhaus.



Auch Hirkan wendet sich nun endgültig von dem Dieb ab. Wie hatte ihm nur so etwas passieren können? Ausgerechnet ihm, der sich doch so fest vorgenommen hatte, gut auf sein Geld zu achten. Immerhin hatte es sich als sinnvoll erwiesen, daß er nicht sein gesamtes Geld an einer Stelle verstaut hatte. Und dank Dajins Hilfe hat er ja nun auch alles wiederbekommen, aber der Schreck sitzt ihm noch in den Gliedern.

'Es stimmt also doch, was man sich über Prem erzählt: eine Stadt nur aus Piraten und Dieben!'

Dies denkt er auf dem Rückweg zu den geschäftigen Marktgassen des Drachenhauses. Immer wieder gleitet seine Hand zu dem jetzt wieder gut befestigten Geldbeutel und er blickt sich nervös um. Die Lust auf einen geruhsamen Einkaufsbummel ist ihm ziemlich vergangen und am liebsten würde er direkt zum Schiff zurückgehen. Doch es wäre ja wirklich peinlich, wenn er dann erzählen müßte, daß er deshalb kein Geschenk für die Offizierin hat, weil er nach der Begegnung mit dem Dieb nicht den Mut hatte, sich wieder in das Getümmel zu werfen. Nein! Das wird er sich nicht sagen lassen! Den Kopf aus Trotz wieder etwas höher tragend, wendet er sich erneut zu Dajin. Nur ein leises Flattern seiner Stimme verrät, daß er den Vorfall keineswegs so gut verkraftet, wie er vorzugeben versucht.

"Wir wollten gerade ein Geschenk für die Dame Offizierin kaufen, wenn ich mich recht erinnere."



Langsam und gebückt entfernt sich Torwe immer mehr von den beiden durchgeknallten Gestalten.

Als er schließlich am rückwärtigen Eck eines Standes angekommen ist, der zum Nebenstand eine schmale Gasse läßt und sich die beiden abwenden, verschwindet der jetzt wohl reichste Straßendieb Prems darin. Seine Gedanken kreisen schon jetzt um das was er für den Reichtum alles kaufen kann ... Kleidungsstücke und Nahrung für seine Familie sind allerdings nicht darin enthalten - kein Wunder, ist er bis jetzt auch noch nicht so verrückt gewesen sich ein Weib zu nehmen und die Mütter seiner Kinder haben allerhöchstens Flüche für ihn über. Mit dem Monatslohn eines Hafenarbeiters, ehrlich verdient mit dem Handwerk Phexens, macht er sich davon.



Dajin hängt ein wenig dem Gedanken nach ob ihn dieser Dieb nicht eher mit seiner Geschichte von der hungernden Familie in die Irre führen wollte. Aber schließlich ist es ihm egal, schließlich verbaut der Dieb sich den Weg zu den 64 Fragen des Seins. Dajin bemerkt allerdings nicht das dieser Überfall ziemlich an Hirkans Nerven gezerrt und so bemerkt er in einem fröhlichen Grinsen:

"Tja, so haben sich doch die Vorurteile gegen die Thorwaler bestätigt. Na ja wir wollen uns aber nun wieder dem Geschenk widmen,nicht wahr?"



Der kleine Markt


Der kleine Markt ist wirklich nur etwa fünfzig Schritt von Bernikas Herberge entfernt und besteht aus gerade einmal fünf Ständen, an denen aber nahezu alles angeboten wird, was das Herz begehrt. Die Preise mögen etwas höher als auf dem großen Markt sein, dafür ist die Atmosphäre aber weitaus angenehmer, und es gibt kaum Gedränge.

Nirka bleibt schließlich vor einem der Stände stehen, der im Grunde alles hat, was nicht eßbar ist und keine Waffe ist - vom Schmuck bis zu wertvollen großen Spiegeln, und von Garn bis hin zu kompletten Festkleidern. Nirka tritt wieder sehr dicht neben Sigrun, und fragt leise:

"Hast du schon was gesehen?"



Sigrun läßt ihre Augen über die ausgelegte Ware gleiten. Vieles liegt dort, das ihr durchaus gefallen könnte, doch als Geschenk kommen die meisten Waren nicht so richtig in Frage. Außerdem findet Sigrun es wirklich recht schwierig, einzuschätzen, was Fiana gefallen könnte. Sie kennt die Schiffsoffizierin noch nicht lange und auch nicht besonders gut, denn Fiana steht lieber auf der Brücke, als sich mit den Matrosen zu unterhalten.

Zwischenzeitlich bleibt Sigruns Blick an einigen Haarnadeln hängen. Davon würde Fiana, bei ihrem Haar, bestimmt noch eine gebrauchen. Aber Sigrun selber findet so etwas absolut überflüssig und fragt sich immer wieder, wieso so viele Leute so unpraktisch lange Haare haben. Also schüttelt sie leicht den Kopf und sieht sich weiter um.

"Nein", antwortet sie auf Nirkas Frage. "Ich denke, etwas Praktisches wäre nicht schlecht." Dann schleicht sich ein Lächeln auf ihr Gesicht und sie sieht Nirka an. "So etwas wie ein Krug für das Feuer, von dem es heute abend bestimmt nicht zu wenig gibt."



"Ein Krug... eine gute Idee! Natürlich ein besonderer Krug..."

Nirka greift entschlossen nach Sigruns Hand und zieht sie quer über den kleinen Markt zu einem anderen Stand, wo sie zielstrebig vor einem großen Tisch mit Krügen aller Art und Größe stehenbleibt - vom schlichten Krug, bis hin zu einem, der kunstvoll mit Szenen aus dem Hafen von Prem verziert ist.

Sie weist auf einen anderen, der bläulich gefärbt ist, und das Bild einer Karavelle in voller Fahrt zeigt, dann auf den daneben stehenden, der ein Drachenschiff zeigt mit einer großen blonden Thorwalerin am Steuer.

"Dachtest du an so etwas?"



Gerne läßt Sigrun sich mitziehen zu dem anderen Marktstand.

'Wenn die Idee mit dem Krug Nirka gefällt, kann sie so schlecht nicht sein', denkt sie und ist ein wenig stolz auf ihren Einfall.

Sie verschränkt ihre Hand in Nirkas und sieht sich die beiden Krüge an, auf die Nirka deutet. Im Stil hatte sie an genau so etwas gedacht. Der bläuliche Krug ist recht hübsch und eine Karavelle ist die NORDSTERN ja auch, aber amüsanter findet Sigrun den anderen Krug. Nur schade, daß die

dort abgebildete Thorwalerin blond ist - und Fiana rothaarig...

Sigruns Augen suchen den Stand ab, in der Hoffnung, daß es diesen Krug vielleicht auch mit einer Rothaarigen gibt, doch sie kann nichts finden.

"Ja, genau so etwas hatte ich mir vorgestellt."

Dann fügt sie leise und zu Nirka gewandt an:

"Meinst du, daß er den hier", dabei zeigt sie mit der freien Hand auf den Krug, "noch einmal mit einer Rothaarigen hat?"



Wie von selbst hält Nirkas Hand die von Sigrun weiterhin fest, während sie weitere Krüge betrachtet.

"Naja, ich glaube kaum, daß sie das haben - zumal das Schiff ja auch ein Drachenschiff ist."

Sie fixiert dann einen anderen Krug.

"Wie wäre es mit dem da?"

Der Krug zeigt ein kleines Schiff, und daneben einen mächtigen Grünen Wal, der das Schiff neugierig zu betrachten scheint. Das Schiff könnte mit einiger Phantasie sogar eine Karavelle sein.

"Das wäre auch etwas für uns - während der Grünwal die NORDSTERN besuchte..."

Sie lächelt Sigrun an.



Diesen Krug hatte Sigrun noch gar nicht gesehen. Aber sie ist begeistert. Endlich etwas, das wirklich paßt.

"Ja, der ist richtig gut! Vor allem, weil es ja Fiana war, die uns so geschickt durch die Wellen manöveriert hat, die der Wal gemacht hat. Das wird sie bestimmt so schnell nicht vergessen und jetzt bekommt sie etwas, um sich noch besser daran zu erinnern."

Sigrun lehnt sich leicht nach vorne und nimmt den Krug mit der freien Hand auf. Sie ist dabei sehr vorsichtig, denn dies ist ihre Linke, mit der sie nicht ganz so geschickt ist, wie mit der anderen. Da die Rechte aber zur Zeit Nirkas Hand hält und sie diesen Zustand keineswegs, nicht einmal kurzzeitig, aufgeben möchte, muß es wohl so gehen. Sie hebt den Krug hoch und sieht ihn von allen Seiten an.

"Er sieht heil aus. Ich kann zumindest keine Risse erkennen", meint sie, und dann, zu dem Händler gewandt und mit lauterer Stimme:

"Guter Mann, was verlangt Ihr für diesen Krug?"



Nirka lächelt angesichts der Handhalteproblematik, aber ihre einzige Reaktion beschränkt sich darauf, Sigruns Hand noch fester zu drücken.

"Es ist ein wundervoller Krug", stimmt sie sehr leise zu, denn da kommt auch schon der Händler an.

"Dieser Krug dort? Das ist exzellente Arbeit. Drei Silber."



Sigrun kann sich kaum auf den Händler und den Krug, so schön er auch ist, konzentrieren. Viel zu beschäftigt ist sie mit dem sich abwechselnd verstärkenden und vermindernden Druck der Hände. Sie genießt das Gefühl, daß Nirka und sie hier, auf diesem kleinen Markt fernab der belebten Hafenstraßen, endlich einmal kein Versteckspiel spielen müssen. Doch als der Händler für den Krug 3 Silber verlangt, bleiben ihr fast Augen und Mund offen stehen.

"Nun, gute Arbeit ist er sicherlich. Nur schade, daß wir ihn bei dem Preis wohl kaum mitnehmen können."

Sie seufzt und lehnt sich ein wenig vor, als ob sie den Krug schweren Herzens gleich wieder zurückstellen wollte. Dabei drückt sie wieder einmal kurz Nirkas Hand, um der Freundin zu versichern, daß sie dies nicht wirklich vorhat.



Nirka lächelt leicht - es mag von dem Händedruck herrühren, vielleicht aber auch von dem gerade stattfindenden Handel.

"Drei Silber, guter Mann? Das ist nicht Euer Ernst! Ich gebe zu, daß das Stück sehr schön ist, aber es ist doch nicht aus Gold!"

Nach einem absichtlich langen Zögern sagt sie:

"Ein Silber könnte ich mir eher vorstellen, nicht wahr, Sigrun?"




Ernsthaft sieht Sigrun Nirka an.

"Du meinst wirklich, daß der Krug 1 Silber wert ist?"

Ihre Stimme klingt skeptisch, aber sie nimmt die Hand mit dem Krug wieder ein Stück höher und sieht ihn erneut an.

"Eigentlich hatte ich gedacht ...", hier macht sie eine Pause, als würde sie überlegen. "Naja, vielleicht hast du recht, es ist ja wirklich ein schönes Stück".

Nachdenklich dreht Sigrun den Krug in ihrer Hand.



Der Händler reißt die Augen auf.

"Das kann nicht Euer Ernst sein! Solch einen Krug erhaltet Ihr nirgends für einen Silber!"

Er will weiterreden, aber er sieht, daß sich auf der anderen Seite des Standes ebenfalls Kunden für seine Produkte interessieren - und diese Kunden kennt er gut! Besser jedenfalls als diese beiden Frauen.

So lenkt er ein:

"Naja... für zwei Silber könntet Ihr ihn haben. Aber das ist ein wirklich günstiger Ausnahme-Sonder-Spezial-Preis für dieses gute Stück! Wie klingt das?"

Nirka zuckt mit den Schultern - mit dieser Größenordnung hatte sie ohnehin gerechnet.

Dennoch nimmt sie Sigrun den Krug noch einmal aus der Hand und begutachtet ihn selbst sehr ausführlich, während der Händler sichtlich genervt von einem Bein auf das andere trampelt - man sieht ihm die Ungeduld regelrecht an.

"Ja, Sigrun, einen Silber ist er sicher wert. Wenn auch nicht die zwei Silber, die er dafür haben will."

Nirkas Augen sind nun auf Sigrun gerichtet, und in ihnen blitzt der Schalk.



Sigrun bemerkt den Schalk in Nirkas Augen und ist fast versucht, den Handel noch fortzusetzen. Doch der Händler ist nervös und da ist es unwahrscheinlich, daß er sich noch auf längere Diskussionen einläßt. Und immerhin sind zwei Silber schon ein ganz angemessener Preis.

"Also gut. Ich denke, für zwei Silber nehmen wir ihn."

So ganz kann sie es aber doch nicht lassen, Kunde ist schließlich Kunde und auch eine Bootsfrau und eine Matrosin haben das Recht auf angemessene Bedienung. Daher fügt sie an: "Aber dafür müßtet ihr ihn uns noch ein wenig einpacken." Sie sieht den Händler unbedarft an, obwohl sie genau weiß, wie sehr er sich darüber ärgern wird, wenn er sich mit ihnen noch länger aufhalten muß.



"Ich äh... also..."

Nirka schneidet dem Händler jäh das Wort ab.

"Ihr habt gehört, was sie gesagt hat. Packt ihn so ein, wie es eines Geschenkes würdig ist."

Er will weiter protestieren, doch ein Blick hin zu seinen anderen Kunden, und ein zweiter Blick auf die beiden Silberstücke, die Nirka ihm hinhält, lassen ihn verstummen, und genau das tun. Schließlich steckt er das Geld ein, und hält den ordentlich verpackten Krug den beiden Frauen hin, sich völlig unsicher, welcher der beiden er ihn nun geben soll.



Sigrun kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, als der Händler offensichtlich nicht weiß, wem er den Krug übergeben soll. Sie strahlt ihn an und streckt die freie Hand aus.

"Ich nehme ihn. Und vielen Dank, er ist wirklich schön verpackt."

Dann wendet sie sich von dem Stand ab und zu Nirka.

"Wenn du meinen Anteil haben willst, mußt du meine Hand loslassen. Was meinst du, sollen wir schon zurückgehen?"



Nirka macht keine Anstalten, Sigruns Hand loszulassen.

"Nein, dafür lohnt es doch nicht, deine Hand loszulassen!"

Sie sieht kurz zum Himmel, und schätzt die Uhrzeit.

"Ich denke, wir haben noch etwas Zeit. Gibt es denn etwas, das du unbedingt noch tun willst?"

Während dieser Worte hat sie Sigrun ein wenig in Richtung des Randes des Marktes gezogen, so dass die beiden nicht mehr mitten drin stehen.



Sigrun freut sich. Sie möchte gerne so lange wie möglich mit Nirka allein sein, denn auf dem Schiff werden sie wieder Distanz halten müssen. Eigentlich gibt es nichts Besonderes, was sie unbedingt tun möchte, außer vielleicht noch ein wenig mehr von der Stadt zu sehen, aber es gibt da auch noch etwas, daß ihr ein wenig auf der Seele liegt. Jetzt ist vielleicht der richtige Zeitpunkt, um Nirka danach zu fragen.

"Wenn du nichts Bestimmtes machen möchtest, können wir ja einfach ein wenig durch die Stadt schlendern und uns die Häuser ansehen."

Dieser Satz ist ein wenig fragend gesprochen und Sigrun wartet auf Nirkas Meinung dazu. Dabei geht sie aber schon langsam los in Richtung der nächsten Gasse. Nach ein paar Schritten wendet sie sich Nirka wieder zu.

"Woher kennst du eigentlich Bernika?" Sie versucht, dabei möglichst unbeteiligt zu klingen und stellt die Frage in lockerem Plauderton.



Nirka gefällt die Idee, einfach ziellos durch die Stadt zu schlendern, sehr gut, und so wirkt sie ein klein wenig auf die Route ein, um diese von den extrem stark bevölkerten Plaetzen fern zu halten.

"Gute Idee", kommentiert sie die entsprechende Bemerkung, um dann Sigruns Frage zu beantworten.

"Das ist ziemlich einfach: Sie war Kapitänin auf dem Schiff, auf dem ich meine allererste Fahrt gemacht habe, und hat mir damals vieles beigebracht, und mir auch an manchen Stellen sehr geholfen. Sie war damals so etwas wie eine Mutter für ein armes dreizehnjähriges Mädchen, daß sich plötzlich auf einem Schiff wiederfand..."

Ihre Stimme wird dabei leiser.



Sigrun läßt von Nirka durch die Straßen dirigieren. Zwar fällt ihr auf, daß sie sich die ganze Zeit über in den weniger belebten Teilen der Stadt aufhalten, doch das stört sie nicht. Nirka wird schon wissen, wo sie langgeht, auch wenn sie sich hier nicht sooo gut auskennt. Vor allem aber hat Sigrun jetzt etwas ganz anderes, worauf sie sich konzentriert.

"Eine Kapitänin?", fragt sie mit vor Verwunderung weit geöffneten Augen. Damit hatte sie nun am allerwenigsten gerechnet.

Daß Bernika für Nirka eine Art Mutterersatz war, kann Sigrun sich ja noch vorstellen. Sie muss ein wenig lächeln bei dem Gedanken, daß da vielleicht eine ganze Menge an Charakterzügen 'vererbt' wurden. Bernika war Sigrun nach dem ersten Eindruck sehr schroff und unzugänglich erschienen. Und genau so schätzen viele Leute, die sie nicht so gut kennen, wie sie weiß, Nirka ein.

Aber eine Kapitänin? Wie verschlägt es eine Kapitänin in so eine kleine und ruhige Herberge?



Während die beiden Frauen weitergehen, erzählt die Bootsfrau:

"Ja, sie war Kapitänin. Das war damals ihre letzte Fahrt, danach hat sie sich in ihrer Heimatstadt zur Ruhe gesetzt. Da sie nicht so ganz alleine sein will, hat sie diese kleine und ruhige Pension eröffnet. Sie will damit keine großen Geschäfte machen, aber ihre vielen Freunde sind dort immer willkommen. Ich hoffe sehr, daß wir uns morgen abend mit ihr zusammensetzen und erzählen können."



Sigrun hört interessiert zu, während Nirka erzählt. Jetzt langsam beginnt sie, die Zusammenhänge zu verstehen und wird neugierig auf eine Frau mit solch einer Vergangenheit.

"Das hoffe ich auch. Sie hat bestimmt viel zu erzählen."



"Ich glaube nicht, daß Jergan morgen schon abfahren will", erwidert die Bootsfrau, "nicht nach solch einer Feier, und nicht nach diesem kurzen Aufenthalt in Olport."

Kurz schweigt sie, dann fährt sie fort:

"Bernika erzählt allerdings gerne über ihre vielen Jahre auf See."



'Ach so', denkt Sigrun. 'Jetzt habe ich sie falsch verstanden. Es hängt also doch von uns und nicht von Bernika ab, ob wir uns unterhalten können. Oh ja, eine ehemalige Kapitänin hat bestimmt so einiges erlebt, das sich zu erzählen lohnt.'

Dann kommt ihr ein nicht ganz abwegiger, aber momentan recht weit von der Realität entfernter Gedanke.

"Und du, würdest du gerne in ihre Fußstapfen treten? Ich meine, könntest du dir vorstellen, selbst ein Schiff zu führen?"



Es ist nicht gerade einfach, Nirka zu überraschen oder zu überrumpeln, aber genau das schafft Sigrun gerade sehr erfolgreich. Die Bootsfrau bleibt unvermittelt stehen, was zwei andere Passanten, die sich zufällig hinter den beiden Frauen befanden, dazu zwingt, fluchend auszuweichen. Sie dreht sich langsam zu Sigrun um.

"Darüber habe ich noch nie nachgedacht, ehrlich gesagt, bin ich bisher noch nie auf die Idee gekommen."



Sigrun hat nicht erwartet, Nirka mit ihrer Frage so sehr zu überraschen. Schließlich hat diese ihr gerade erzählt, wie lange sie schon zur See fährt. Außerdem hat Sigrun gedacht, daß eine Bootsfrau, der ein gewisses Maß an Verantwortung übertragen wurde, sich vielleicht fragt, wie es wohl wäre, noch mehr Verantwortung zu tragen. Daher bleibt Sigrun fast ebenso überrascht stehen wie die hinter ihr gehenden Passanten. Ihre Stimme klingt dem entspechend verblüfft, als sie sich ein wenig erklärt.

"Noch nie? Ich dachte, wenn man schon so lange auf See ist ... Und als Bootsfrau ... Und dann kennst du auch noch eine Kapitänin ..."



Nirka schüttelt den Kopf.

"Nein, wirklich! Ich habe nie darüber nachgedacht."

Sie sieht Sigrun dabei an, und ergänzt:

"Ich glaube, ich möchte auch gar nicht mehr als eine Bootsfrau sein. Das ist etwas, das mir liegt, und das mir Spaß macht - ich glaube nicht, daß ich eine gute Offizierin wäre."

Ihr Blick ist dabei vollkommen offen und ehrlich.

'Wenn ich Offizierin wär, hätte ich dich außerdem nie SO kennengelernt!' denkt sie sich noch dazu.



Diese Argumentation von Nirka kann Sigrun nun wieder gut verstehen. Von der Seite hat sie die Frage noch nicht betrachtet. Ja, Nirka ist wirklich eine gute Bootsfrau und Offiziere sind ja irgendwie auch etwas vornehmer. Vor Sigruns geistigem Blick tauchen vor allem Jergan und Fiana, aber auch die Kapitäne und Offiziere verschiedenster Schiffe, denen sie bisher begegnet ist, auf.

"Hm, du hast wohl recht. Offiziere sind irgendwie ... anders als ... wir."

Ist der Anfang dieses Satzes noch etwas nachdenklich gesprochen, so verzieht sich Sigruns Gesicht zum Ende hin zu einem leichten Grinsen. Die Vorstellung, daß Nirka sich wie eine Offizierin zurechtmachen und nur noch auf der Brücke herumstehen würde, findet sie nun doch recht amüsant



"Genau. Ganz anders, und das in mehr als einer Hinsicht."

Bei diesen Worten drückt sie Sigruns Hand fester, und beginnt dann mit dem Weitergehen - so mitten auf der Straße stehen zu bleiben, ist vielleicht nicht die beste Idee, auch wenn diese spezielle Straße recht unbenutzt ist. Die Bootsfrau scheint kurz in Gedanken versunken zu sein, dann sagt sie unvermittelt:

"Außerdem mag ich die NORDSTERN, und die, die auf ihr fahren!"



Auch Sigrun nimmt den Weg durch die Straßen wieder auf. Dabei lächelt sie ein wenig, glaubt sie doch zu verstehen, auf welche Art von Andersartigkeit Nirka sich bezieht. Auch sie drückt kurz die Hand der anderen Frau, glücklich und zufrieden ist sie über die gemeinsame Zeit.

Doch Nirka spricht ihr aus der Seele. Auch sie würde, schon nach so kurzer Zeit an Bord, die Besatzung der NORDSTERN nicht mehr missen wollen. Kurz sieht sie sie alle vor sich: den guten und gerechten Kapitän, die verständnisvollen Offiziere, den vielseitigen Schiffszimmermann, den flinken und anstelligen Schiffsjungen, die kameradschaftlich anpackenden Matrosen ... Sie sieht sie alle zusammen schwere Ladung tragen, die großen Segel hissen und abends im Mannschaftsraum Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählen. Kurz schweifen ihre Gedanken zu Babo, doch selbst dessen schläfrige Nachlässigkeit kann sie im Moment nicht stören. Dann ist da noch Sören, der Schiffskoch, der sich noch nicht so ganz an das Schwanken des Schiffes und den Hunger der Matrosen gewöhnt hat. Und schließlich kehren die Gedanken zu der Person zurück, die ihr auf dem Schiff, und vielleicht auch in ihrem gesamten Leben, die Wichtigste geworden ist. Nach einer kurzen Pause antwortet sie ihr:

"Ja, die NORDSTERN und ihre Besatzung sind wirklich etwas besonderes. Ich könnte mir schon fast gar nicht mehr vorstellen, auf einem anderen Schiff anzuheuern."



Nirka nickt lebhaft zu Sigruns Worten.

"Siehst du... und das geht mir ähnlich. Lieber als Bootsfrau auf einem solchen Schiff, als Offizierin auf einem, wo ganz andere Zustände herrschen. Ich finde, daß man nicht mehr so sehr über mögliche Aufstiege nachdenkt, wenn man in einer angenehmen Atmosphäre arbeiten und leben kann."



"Das stimmt. Warum sollte man etwas ändern, wenn es einem so gefällt, wie es ist."

Sigrun wendet sich wieder stärker der Umgebung zu. Während der Unterhaltung sind die beiden Frauen einfach immer weiter geschlendert, hier und dort um eine Ecke gebogen und immer der jeweils hübschesten, und meistens auch verwinkeltsten Gasse gefolgt. Als Sigrun sich jetzt umsieht, bemerkt sie, daß sie sich an einer kleinen, engen Kreuzung befinden. Die Häuser stehen in allen vier Richtungen sehr eng zusammen, eine Kutsche würde durch diese Gassen wohl kaum passen. Überhaupt ist hier inzwischen sehr wenig los, genauer gesagt, es ist niemand zu sehen. Ein wenig irritiert bleibt sie stehen.

'Aus welcher Richtung sind wir denn eigentlich gekommen', fragt sie sich verwundert. Nach Orientierung suchend richtet sie den Blick nach oben, doch die formenreichen Häuser versperren auch die Sicht auf die Sonne, so daß Sigrun bestenfalls mutmassen könnte, in welcher Richtung sie sich befindet.

"Weißt du eigentlich noch, wo wir sind?"

Nirka hat zwar gesagt, daß sie sich ein wenig in Prem auskennt, aber hierher kommt man normalerweise ganz bestimmt nicht bei einem kurzen Besuch in der Stadt. Dennoch stellt Sigrun diese Frage nicht besorgt, sondern eher amüsiert. Sie jedenfalls hat keine Ahnung mehr, wo sie sich befinden und sollte es Nirka genauso gehen, dann sind sie eben gezwungen, noch ein wenig mehr Zeit zu zweit alleine in Prem zu verbringen.



Nirka bleibt ebenfalls stehen, und auch ihr Blick wirkt ziemlich amüsiert. Ihre Finger streicheln sanft über Sigruns Handrücken, während sie mit einem schelmischen Unterton sagt:

"Ich habe nicht die geringste Ahnung... aber dort entlang sollte es wohl gehen."

Nirka weiß sehr genau, wo sie sich befinden, und sie weiß auch, welches der kürzeste Weg zum Schiff ist, doch die Richtung, in die sie nun zeigt, liegt jener, die die richtig wäre, genau gegenüber.

Fröhlich zieht sie Sigrun nun dort entlang - froh über die nette kleine Idee, die diesen Spaziergang noch ausdehnen wird.



Irgendwie stimmt die Richtung, in die Nirka weist, so gar nicht mit Sigruns Vermutungen überein. Aber was soll's! Wenn Nirka meint ...

Auf Nirkas 'Streicheleinheiten' reagiert Sigrun mit einem erneuten Druck der Hand und einem langen, intensiven Blick in die schelmisch blitzenden Augen.

'Irgendetwas hat sie vor', denkt Sigrun. Zu verräterisch ist Nirkas offensichtlich amüsiertes Gesicht. 'Nun, ich werde mich überraschen lassen!'

Daher antwortet sie nur:

"Na, wenn du meinst, laß uns dort entlang gehen."



"Ich denke schon, dass das der richtige Weg ist", erwidert sie leise.

Während die Frauen weitergehen, werden die Menschen auf den Straßen noch weniger, und die Gegend scheint noch abgeschiedener zu sein, wenn auch ein gewisser Hauch von Vornehmheit an manchen der Bauwerke zu erkennen ist. Scheinbar ein Viertel, in dem Menschen wohnen, die es sich leisten können, ihre Ruhe zu haben. Ganz sicher jedoch nichts, was man in Hafennähe erwarten würde.



Sigrun sieht sich auch in diesen besser situierten Strassen um. Solche grossen und gut gebauten Häuser hat sie lange nicht gesehen, kommt man doch als Matrosin häufig nicht über die Hafenviertel der Städte hinaus. Grinsend wendet sie sich erneut Nirka zu, wobei sie sich vertrauensvoll anlehnt.

"Ganz eindeutig die Richtung zum Hafen, hm? Da drin", sie zeigt auf ein besonders gut instand gehaltenes Haus, "schlafen sie aber nicht in Hängematten!"



Nirka neigt den Kopf leicht, als die Matrosin sich bei ihr anlehnt, so daß ihre Haare das Gesicht Sigruns berühren.

"Doch... glaub mir: Es ist ein Weg zum Hafen! Und die Schlafgelegenheiten da drinnen sind bestimmt noch bequemer als das, was wir vorhin bei Bernika getestet haben, da magst du recht haben..."



Sigrun spielt das Spiel um den Rückweg weiterhin mit und schlendert, Nirkas Nähe genießend, weiter durch dieses bessere Viertel Prems. Fast tut es ihr ein wenig leid, daß die Tsafeier am Abend diesen geruhsamen Stunden zu zweit ein Ende setzen wird. Doch weitere solche Stunden wurden ihr für den nächsten Tag versprochen, es gibt also keinen Grund zur Unzufriedenheit. Vorläufig schweigend genießt die junge Matrosin das Leben.



Auch Nirka genießt das Leben, doch langsam wird ihr bewußt, daß sie nun wirklich an den Rückweg denken müssen. Leise sagt sie:

"Jetzt laß uns da vorne lieber rechts abbiegen, sonst kommen wir wirklich zu spät - und dann käme nur jemand auf dumme Ideen."

Sie hat es allerdings nicht sehr eilig, dies auch wirklich zu tun.



Sigrun grinst leicht, als Nirka die Richtungsänderung vorschlägt. Hatte sie also doch recht gehabt, die bisherige Richtung hatte mit Rückweg nichts zu tun.

"Ja, du hast recht, wir sollten einigermaßen pünktlich kommen", meint sie.

Aber sie paßt sich Nirkas langsamen Schritten an, hofft sie doch, daß es noch eine Weile dauert, bis sie wieder in den belebteren Hafenstrassen ankommen. So sehr müssen sie sich schließlich nicht beeilen, Fiana hat ja keine feste Zeit angegeben.



Sigruns Wunsch wird schon alleine dadurch gewährt, daß der Weg zum Hafen wirklich nicht gerade sehr kurz ist, und daß Nirka es weiterhin nicht darauf angelegt, den optimalen Weg zu wählen. Manchmal ist deutlich zu bemerken, daß sie Umwege in Kauf nimmt, um vielbenutzte Straßen zu umgehen, oder um an Stellen vorbeizukommen, von denen aus man einen besonderen Ausblick auf das Meer oder die Stadt hat.

Doch schließlich, gemessen am Weg nach einer recht langen Zeit, erreichen die beiden Frauen den Hafen und sehen die beiden Masten der NORDSTERN...

"Nun, da wären wir."



Der Mann schaut aus dem Fenster


Der Mann schaut aus dem Fenster und beobachtet das Praiosmal, das sich bereits tief im Westen befindet und wohl in der nächsten Stunde ganz versinken wird um Phex die Nacht zu überlassen. Es wird Zeit zu gehen, stellt er fest und beginnt seine Sachen in einen Rucksack zu verpacken. Dann streift er seinen blauen Wollmantel, mit den auf der Brust aufgestickten Hesinde und Madasymbolen, über und nimmt den eben gepackten Rucksack auf den Rücken. Nachdem er sich noch einmal umgeschaut hat, greift er nach seinem Stab, nimmt diesen in die linke Hand und begibt sich zur Tür. An der Theke der Gaststube angekommen, sucht er nach dem Wirt, wechselt mit diesem ein paar belanglose Worte und drückt ihm die geforderten Münzen in die Hand. Draußen auf der Strasze lenkt er seine Schritte gen Hafen, den er nach einigen Minuten auch erreicht. Der Lärm und die Hektik des Tages sind bereits merklich weniger geworden, doch noch immer sind eine Menge Menschen unterwegs, werden Waren an und von Bord der Schiffe gebracht, rufen Kapitäne Befehle und laufen Matrosen umher um eben jene auszuführen. Darian begibt sich an den Anlegeplatz einer Karavelle, von der man ihm gesagt hatte, dasz diese nach Süden fahre. Um niemanden im Weg zu stehen stellt er sich etwas abseits der Planke auf und ruft:

"Heda, ist der Kapitän dieses Schiffes zu sprechen ?"

Dabei winkt er mit der rechten Hand, so dasz ein scharfsichtiger Mensch durchaus das Gildensiegel erkennen kann, das diese ziert.


**************************


Jergan, der mehr oder weniger untätig auf dem Brückendeck herumsteht und "Wache" hält, ist mit wenigen Schritten an der landseitigen Reling und sieht auf den Neuankömmling herunter.

"Efferd zum Gruße! Ich bin Jergan Efferdstreu, der Kapitän der NORDSTERN. Womit kann ich Euch dienen?"

Seine Augen taxieren den Mann unterdessen.



Der Neuankömmling schaut zu dem Mann, der sich als der Kapitän vorstellt, auf als er dessen Worte vernimmt.

"Efferd zum Grusze Herr Kapitän ! Man sagte mir, dasz Ihr gen Süden zu segeln gedenkt ? Ist dem so, dann möchte ich gerne um eine Passage auf Eurem Schiff nachsuchen, Kuslik wäre mein Reiseziel."

Seine rechte Hand hält dabei mit dem winken inne, bleibt aber leicht erhoben, geradezu so als habe der Mann vergessen, dasz diese Hand zu ihm gehört.



Smirnoff geht


Nachdem der Norbarde die Nordstern verlassen hat, begibt er sich zielstrebig ins Drachenhaus, wo er durch die Gassen streift, die feilgebotenen Waren begutachtet und auch ein paar Kleinigkeiten einkauft (einen neuen Geldbeutel, einen Fingering, ein paar Süßigkeiten, etwas Obst usw).

Smirnoff steht gerade vor einem Stand mit Seidentüchern und begutachtet fachmännisch die Ware, als die Masse der Kaufwilligen etwas durcheinanderkommt. Ein graugekleiderter Mann bahnt, schubst und rempelt sich einen Weg durch die Menschenmenge. Doch als der Ruf "Haltet ihn" ertönt, ist der Graue schon zu weit entfernt als daß Smirnoff noch einschreiten könnte. Den zwei vorbei- und dem wahrscheinlichen Dieb hinterstürmenden Männern wirft der Norbarde noch einen zweiten Blick hinterher.

'Die beiden kenn ich doch! Die waren doch auch auf dem Schiff. Na, die werden ihn schon kriegen, was immer er auch angestellt hat.'

Den Tumult nicht weiter beachtend, wendet er sich wieder den Seidentüchern zu, aus denen er fünf auswählt.

Ein paar Gassen weiter kommt Smirnoff an einem Stand mit Pelzkleidung vorbei. Die beiden Händler kommen ins Fachsimpeln, und es stellt sich schnell heraus, dass Smirnoff wohl genau die Ware liefern kann, die der Premer braucht. Der Norbarde entschuldigt sich und begibt sich wieder in den Hafen.

Bei der Nordstern angekommen, blickt sich Smirnoff um und sieht den Kapitän auf dem Brückendeck stehen. Eilig nimmt er die Planke und die Treppe zum Steuer.

"Ah, Herr Kapitän, gut, daß ich Euch hier antreffe. Mir wurde hier im Drachenhaus eben ein Geschäft vorgeschlagen, das ich unmöglich ablehnen kann. Um dieses wahrnehmen zu können, muß ich leider das Schiff verlassen und zurück nach Riva. Meine Ladung muß allerdings trotzdem nach Havena. Ich kann mich doch darauf verlassen, daß sie auch ankommt?"



Nach der Ruhe der letzten Stunden kommen nun zwei auf einmal - eigentlich MUSS das so sein. Jergan wendet sich zuerst dem Pelzhändler zu, der es eilig zu haben scheint.

"Kein Problem, natürlich kommt sie an, dazu stehen wir mit unserem Namen! Nun... dann bleibt mir nicht viel mehr zu tun übrig, als Euch gute Geschäfte zu wünschen, nicht wahr?"

Er wendet den Blick noch nicht ab, und ruft in Richtung des neuen Passagiers:

"Da seid Ihr hier sehr richtig! Einen kleinen Moment bitte... Ihr könnt aber schon an Bord kommen."



Darian nickt zu den Worten des Kapitäns, dasz dieser ihn im Moment gar nicht sehen kann, da er sich einer anderen Person an Bord zuwendet, scheint er nicht zu bemerken. Sein Magierstab wandert in seine rechte Hand, dann begibt er sich zur Planke. Vorsichtig betritt er diese. Darian hatte bisher erst selten die Gelegenheit an Bord eines Schiffes zu gehen und so wirkt er etwas unbeholfen. Andererseits zählt er erst knapp zwanzig Götterläufe, so dasz er noch um einiges flinker und gelenkiger ist als ältere Vertreter seines Standes. Er erreicht das Deck der NORDSTERN ohne ernsthaft ins Schwanken zu geraten.

Nachdem er sich zur Orientierung kurz umgesehen hat, lenkt er seine Schritte auf die andere Seite des Oberdecks, umrundet dabei den Groszmast und kommt schlieszlich neben dem Aufgang zum Brückendeck zum stehen. Hier wartet der Magier erst einmal ab, bis der Kapitän wieder Zeit für ihn hat.

Wenn sich dieser ihm zuwendet hat er nun die Gelegenheit den Neuen genauer zu betrachten. Darian ist mittelgrosz und von schlanker Gestalt. Er hat schwarze Haare, die ihm bis fast zu den Schultern reichen, im Gesicht ist er hingegen glatt rasiert. Auf die geringe Entfernung ist nun auch zu erkennen, dasz seine Augen von ebenfalls schwarzer Farbe sind. Darians rechte Hand umfaszt seinen, recht einfach gehaltenen, Zauberstab an dessen lederumwickelter Mitte, das untere Ende des Stabes ruht auf dem Boden. Die linke Hand hat derweil nichts zu tun und so verschwindet sie in einer der weiten Taschen seines Mantels.



"Vielen Dank, die Reise bisher habe ich genossen. Euch wünsche ich eine gute Weiterfahrt sowie Efferds und Rondras Segen. Ich hole nur noch meine Sachen aus meiner Kabine."

Smirnoff eilt die Treppe hinunter und begibt sich in seine Kabine, wo er seine Kleider und sonstigen Sachen in den Koffer packt. Er dreht sich nochmal um, prüft die Truhe und die Koje, ob er auch nichts vergessen hat und macht sich dann wieder an Deck. Dem Kapitän den Kabinenschlüssel übereichend, verabschiedet er sich noch einmal:

"Mast und Schotenbruch, dann, Herr Kapitän. Vielleicht sieht man sich mal wieder."

Winkend eilt Agor Smirnoff die Planke hinunter und verschwindet im Getümmel der Premer Hafengegend.



Jergan winkt dem Pelzhändler zu, dann geht er in Richtung der Treppe des Brückendecks.

"Nun, jetzt bin ich ganz für Euch da!" sagt er zu dem neuen Passagier.



Der einsame Elfe


Auf dem Schiff halten sich nur noch wenige Menschen auf - was aber allgemein dazu beiträgt, daß es auf Deck ruhiger geworden ist. Nur noch vereinzelt geht einer über das Deck. Sylvhar ist es ganz recht so.

Noch immer mit geschlossenen Augen liegt er auf der Treppe zum Vordeck und spürt die leichte Brise über seine nackten Arme wehen, diese angenehme Frische, die ihn unter dieser warmen Sonne hier im Süden ganz entfernt an den Nordwind erinnert. Der rauhe, unbarmherzige und doch so frische, klare und mitteilsame Nordwind. Die glatten, schnee- und eisbedeckten Flächen auf denen er herrliche Muster formt. Die Felsen und Gletscher, an denen er vorbei heult und in denen er pfeift. Oder sogar Lieder in den Gletschern singt, so wie im Gletscher seiner Sippe. Seine Sippe. Die Landschaft. Seine Heimat! Und...

Er öffnet seine Augen, richtet sich halb auf und kramt im Beutel an seinem Gürtel herum. Einen Augenblick später zieht er ein gefaltetes Stück Leder heraus. Behutsam legt er es auf seinen Schoß und entfaltet es. Zum Vorschein kommt eine gepreßte, getrocknete gelb-violette Blume. Benennen hat er sie noch nie gekonnt, ihm reicht der Anblick. Seine Augen fixieren jetzt nur noch die Blüte und sie nehmen einen glasigen, abwesenden Blick an. Nach einer Weile hebt er seine Hand und seine Finger berühren ganz sanft die getrocknete Blume. Er hebt nun seinen Kopf und sein Blick schweift über den Horizont des Ozeans, von wo er mit dem Schiff hergekommen ist....



Stimmen dringen an Sylvhar's Ohren. Er nimmt sie zuerst gar nicht war, zu sehr ist er in Erinnerungen versunken. Als dann aber seine Augen Bewegungen auf dem Deck wahrnehmen, blinzelt er, und "erwacht" wieder im Hier und Jetzt. Behutsam legt er die getrocknete Blume wieder auf den Lederfetzen und faltet das ganze sorgfältig wieder zusammen. Das Lederbündel verschwindet sodann wieder unter seiner Pelzkleidung. Er setzt sich jetzt ganz auf, stützt die Ellbogen auf die Knie und legt seinen Kopf auf die Hände. Nun beobachtet er wie einer dieser Passagiere, Zmiirnoof oder so ähnlich, sich von Jergan-Käpitän verabschiedet und das Schiff verläßt. Den Worten vernimmt er, daß Zmiirnoof nicht mehr vorhat, weiterhin mit diesem Schiff zu reisen. Schade. Es war so ziemlich der einzige Mensch, der anständige und gute Kleidung trug.



Ottam, Jergan und Darian


Langsam schreitet Ottam über die Planke der Nordstern, da bemerkt er den Magus der sich wohl gerade mit dem Kapitän unterhält 'Ob das wohl ein neuer Passagier ist? wäre ja interessant, jemand mit dem man mal ein gutes Gespräch führen kann fehlt ihm irgendwie. Der andere Magus war ja nicht sonderlich gesprächig, ganz abgesehen davon das er ihn nur kurz gesehen hat.

Seinen prächtigen schwarzen Seidenumhang, auf dem prachtvoll ein das Bild eines silberfarbenen Drachen eingearbeitet ist, zurechtrückend macht er sich auf den Weg zum Brückendeck, wo bereits der Kapitän steht. Sowohl den Magus als auch den Kapitän begrüßt er mit einem:

"Die Zwölfe zum Gruße"



Gerade will Darian das Gespräch mit dem Kapitän wieder aufnehmen, da nähert sich ihm eine weitere Person. Kurz dreht er den Kopf zur Seite als er deren Grusz vernimmt. "Die Zwölfe zum Grusze," erwidert er die Gruszworte, dann erkennt er, daß es sich bei der fremden Person um einen Kollegen handelt und fügt hinzu:

"Und besonders natürlich Hesinde".

Anschlieszend stellt er sich erst einmal vor:

"Darian Durenald ist mein Name," diese Worte richtet er sowohl an den anderen Magier als auch an den Kapitän. Nach einer kurzen Pause fügt er ergänzend hinzu "Adeptus der Akademie der Verformungen zu Lowangen, welche der Groszen Grauen Gilde des Geistes angehörig ist."

Dann wendet er sich wieder ganz dem Kapitän zu:

"Wie ich bereits erwähnte, möchte ich nach Kuslik reisen und zu diesem Zwecke um eine Passage auf Eurem Schiff nachsuchen."



Ottam wartet den Moment ab als der Kapitän endet um sich verbal dazwischen zu quetschen.

"Seid willkommen Darian Durenald, Auch ich habe mich der Grauen Magie verschrieben. Mein Spezialgebiet ist die Hellsicht, welche ich in der Schule der Hellsicht zu Thorwal Studierte. Oh und nennt mich einfach Ottam, ich bin hier der Schiffsmagus"



Darian wirft einen Blick auf die Preistafel. "Einzelkabine 12 S pro 100 Meilen ... hmmm" murmelt er, mehr laut gedacht als gesprochen. ´Allerdings wäre ich dort ungestört´ denkt er, diesmal ohne begleitendes Gemurmel, ´Andererseits: Gemeinschaftskabine 4 S - gerade mal ein Drittel´.

Da jedoch auch die Entfernung eine entscheidende Rolle bei der Berechnung des Preises spielt wendet er sich wieder an den Kapitän:

"Verzeiht, doch die Geographie ist nicht gerade mein Spezialgebiet. So frage ich Euch wieviel

Meilen es bis Kuslik sind."

Um dann jedoch nicht als völlig unwissender Bauer darzu stehen - immerhin ist er Adeptus - fügt er in aller Eile hinzu:

"Eintausend doch gewisz ... ?"

Seine Stimme wird dabei zum Ende des Satzes leiser und sein Blick geht ins Leere, als er in Gedanken bereits die Preise für 1000 Meilen in den verschiedenen Kabinen ausrechnet und den Vorteil billig zu reisen und die Möglichkeit sich unterwegs in Ruhe seinen Studien widmen zu können gegeneinander abwägt. Seine linke Hand faszt dabei unbewuszt an sein Kinn.



Jergan antwortet ohne jedes Überlegen:

"Es sind ein wenig mehr als 1100 Meilen... also rechnet am besten mit 1100, denn mehr werde ich Euch nicht berechnen."

Dann, als fiele es ihm jetzt gerade ein, fügt er hinzu:

"Ihr habt sogar Glück, denn gerade eben ist wieder eine Einzelkabine frei geworden, falls das fuer Euch wichtig ist!"



"1100 Meilen also..." sagt Darian murmelnd zu sich selbst. Der Preis ist schnell berechnet, dann kommt er zu dem Schlusz, dasz 13 D und 2 S nun wirklich nicht zu viel ist, dafür dasz während der Reise ungestört arbeiten kann.

"Gut, ich nehme eine Einzelkabine bis Kuslik, Herr Kapitän", diese Worte richtet der Magier wieder klar und verständlich an Jergan, den er jetzt auch wieder anblickt. Kurz wendet er sich an Ottam:

"Angenehm, nennt mich Darian".

Dann sieht er erneut Jergan an, er würde sich zwar gerne mit dem Schiffsmagus unterhalten, doch zunächst musz er noch die Reiseformalitäten mit dem Kapitän klären, zu einem Gespräch mit Ottam wird er ja später noch Gelegenheit haben. Seine linke Hand hat derweil das Kinn wieder verlassen und ist erneut in der Manteltasche verschwunden.



"Nun gut, dann möchte ich zunächst meine Kabine beziehen, Herr Kapitän," sagt Darian zu Jergan. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu:

"Ist es üblich bei Reiseantritt zu zahlen oder erst im Zielhafen ?"



"Eigentlich ist es bei Fahrtantritt üblich - Ihr werdet das sicher verstehen. Wir lassen in dieser Frage aber auch selbstverständlich mit uns reden..."

Er läßt den Satz offen ausklingen, so daß es nicht ganz sicher ist, ob er es fragend meint, oder schlicht als Feststellung.



"Oh, versteht mich nicht falsch, Herr Kapitän. Aus meiner Sicht ist es mir sogar lieber gleich zu zahlen. Am Preis ändert der Zeitpunkt ohnehin nichts, denn der Weg von Prem nach Kuslik ist heut solang wie morgen und wenn man mir in einem Zwischenhafen, Havena beispielsweise, den Geldbeutel stiehlt, könnte ich, wenn ich den Fahrpreis bis dahin noch schuldig wäre, nicht nur nicht nach Kuslik weiterreisen, sondern bliebe Euch auch den Rest, den Preis für die Strecke Prem nach Havena nämlich, noch schuldig."

Darians Lippen verziehen sich zu einem leichten Grinsen, als er sich seines verschachtelten Satzbaus bewuszt wird. Derweil wechselt der Magierstab in die linke Hand, damit die nun freie Rechte an seinen Gürtel fassen und einen wohlgefüllten Beutel zu Tage fördern kann. Den Stab etwas umständlich mit dem Ellenbogen am umfallen hindernd, öffnet er den Beutel und beginnt die Münzen abzuzählen.



Der Kapitän nickt.

"Damit ist die Kabine zwei die eure. Wenn Ihr wollt, rufe ich einen Matrosen, der Euch die Kabine zeigt und dabei hilft, Eure Sachen dorthin zu bringen. Ihr könnt natürlich auch noch hier oben bleiben."

Er fügt nach einer kurzen Kunstpause hinzu:

"Und wenn Ihr heute abend nichts anderes vorhabt, könnt Ihr Euch gerne dazu gesellen, wenn wir den Geburtstag unserer ersten Offizierin feiern!"



"Eine Tsatagsfeier ? Hier an Bord ?" fragt Darian ungläubig nach. Da bemerkt er auch, dasz die Kleidung, die Ottam trägt kaum sein Reisegewand sein wird.

"Aber ich habe doch gar kein Geschenk ..." sagt er halb zu Jergan, halb zu sich selbst und verfällt dabei wieder in einen murmelnden Tonfall. Zum Glück hat Darian, entgegen seiner ursprünglichen Planung, das Konventionsgewand dabei, zwar hätte er den geringen Platz in seinem Rucksack weitaus sinnvoller Nutzen können als für die Seidenrobe, doch wollte er in Kuslik nicht als Hinterwäldler dastehen. Angemessen kleiden kann er sich, doch ändert dies nichts an der Tatsache das er nicht mit leeren Händen zu einer Geburtstagsfeier gehen möchte.



Jergan nickt.

"Ja, hier an Bord. Aber macht Euch keine Sorgen, weil Ihr kein Geschenk habt. Schließlich seid Ihr Passagier und kennt Fiana gar nicht - und habt es erst eben erfahren. Soll man Euch die Kabine erstmal zeigen, damit Ihr Eure Sachen dort abstellen könnt?"

Jergan versucht, das Thema wieder in diese Richtung zu drehen, schließlich ist das die Pflicht, die er als Kapitän hat.



Beim Zählen des Geldes kommt Darian ins Grübeln:

´13 D und 2 S ... Ich kann dem Kapitän doch nicht ausgerechnet DREIZEHN Dukaten geben. Ob ich auf 14 D aufrunden sollte ? Nein, er ist der Kapitän, dem Schiffsjungen kann man einen Heller extra geben, aber nicht hier. ... Moment mal 13 D und 2 S das sind ja 12 D und 12 S, das ist doch ein göttergefälliger Betrag, so werde ich es machen.´Darians Hände beginnen damit den Geldbeutel gründlicher zu durchwühlen um die Münzen in genau dieser Zusammenstellung zusammen zu suchen.



Fiana


Kaum das Fiana ihre Kabine betreten hat kommt ihr noch ein Gedanke 'Die Haare, hmm' Sie legt ihr Kleid sorgfältig ab und macht sich dann eiligst auf den Weg zurück. Faßt könnte man es Laufen nennen, denn viel Zeit hat sie ja nicht mehr.

Auf schnellstem Weg begibt sie sich zum Haareschneider



Fiana erreicht den laden des Haareschneiders als sich die Sonne bereits langsam zu verfärben beginnt. Lange wird es wohl nicht mehr hell sein. Um so mehr ist sie enttäuscht das der Haareschneider seinen Laden eigentlich gerade schließen wollte.

Schließlich gelingt es ihr jedoch unter Aufbietung eines Herz zerreißenden Lächelns, dem Hinweis auf ihren Tsatag und schließlich mit dem Angebot auf ein gutes Trinkgeld ihn dazu zu bringen sie doch noch zu bedienen.

Selbst der Haareschneider ist ein wenig erstaunt wie viele Haare sie da in ihrem hüftlangen Zopf untergebracht hat. Einmal geöffnet quirlen sowohl um Rücken als auch um Schultern und Brustbereich Unmengen langer roter Haare.

Viel Arbeit denkt sich der Haareschneider, als Fiana ihren Wunsch nach Wellen in den Haaren geäußert hat. Eienn kurzen Augenblick schaut er auch etwas besorgt auf die Axt welche Fiana dabei hat. Dies war eben jener Moment als sie energisch erwähnte keinesfalls mehr als 1 1/2 Finger der Länge zu kürzen.

FIana wiederum schaut etwas besorgt als der Haareschneider ihre Haare auf verschieden lange Holzstäbchen wickelt und mit seltsamen, wohl eher Alchemistisch einzuordnenden Tinkturen einreibt. Zumindest eine davon wirkt so seltsam das sie schon glaubt mit grünen Haaren zurück an Bord gehen zu müssen. Doch glücklicherweise bewahrheitet sich diese Befürchtung nicht.

Nachdem der Haareschneider fertig ist, die Holzröllchen entfernt hat, die Haare getrocknet und gebürstet sind, wirkt sie sehr zufrieden. Die Wellen sind so wie sie es wollte, keine Locken sondern nur eine Wellung in den Haaren. Sauber, wohlriechend und gut gebürstet wirken sie ganz anders als zuvor. Fiana bedankt sich , zahlt den geforderten Preis und legt noch 1 Silber als Bonus drauf. Der Haareschneider zeigt sich erfreut über eine zufriedene Kundin und auch darüber endlich zu seiner Familie gehen zu können.

FInan dagegen macht sich sorgsam auf zum Schiff. Vor dem Erreichen des Hafens legt sie noch locker ein Kopftuch über, schließlich will sie die Neuerung erst später kund tun.

Zurück bei der Nordstern geht sie über die Planke an Bord, bleibt jedoch dahinter stehen und versucht zu erkennen worüber der Kapitän da spricht, und vor allem mit wem. Auch Ottam fällt ihr auf, so edel gewandet hat sie ihn noch nie gesehen.

'Ich scheine hier nicht die einzige zu sein die sich in ein neues Äußeres hüllt'



Geheimnisvoller Magus


Jergan beobachtet das Hantieren des anderen mit dem Geld etwas verwundert, doch schon wird seine Aufmerksamkeit in eine ganz andere Richtung abgelenkt...


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Die untergehende Praiosscheibe wirft ihre letzten warmen Strahlen durch die milchige Scheibe des Fensters. Es wird Zeit zu gehen, bevor SIE ihn findet. Er ist sich ziemlich sicher, daß SIE auch dort war, aber dieses Buch war es ihm wert, von IHR entdeckt zu werden. Bei diesen Gedanke streicht er fast zärtlich über den rauhen Umschlag aus Wachspapier, welcher das kostbare Stück auf der langen Reise schützen wird.

Er verstaut seinen Dukatenbeutel, legt die Drolina um den rechten Unterarm, schultert sorgsam den Foliant, überprüft ein letztes Mal die Befestigung am Rücken, dann nimmt er den kunstvoll verzierten Stab in die linke Hand, streicht die blaue, mit Schlangenlinien und geometrischen Figuren bestickte, Robe glatt, und nimmt das schwarze, abgegriffene kleine Buch in die Hand, notiert das Datum der Abreise und läßt es dann in einer weiten Tasche seiner Robe verschwinden. Bevor er dann das Zimmer verläßt, betastet er die Narbe, welche sich von der linken Augenbraue bis hin zum rechten Haaransatz zieht, und denkt dabei verbittert:

'SIE darf mich nicht finden, ES darf sich nicht wiederholen!'

Mit diesen Gedanken verläßt er nun die Herberge, bedankt sich oberflächlich für die Unterkunft, legt einige Silbertaler auf den Tresen und verläßt die Herberge, ohne sich noch einmal umzusehen.

Der Wind, der ihm in die grauen Haaren weht, kommt vom Meer. Dies ist die Richtung, in die er nun geht. Einen kurzen Augenblick denkt er daran, den Wirt vielleicht doch zu töten, er verwirft dies jedoch schnell, denn ein toter Wirt wird SIE wohl eher auf seine Spur bringen als ein lebender.

Auf dem Weg zum Hafen begegnet er einer Gruppe von angetrunkenen Matrosen, die ihm zu einem Schiff namens "NORDSTERN" raten, wenn er Richtung Süden reisen möchte.

Obwohl diese Matrosen eine gewisse Premer Spezialität sicherlich in Massen genossen haben, scheint ihre Aussage dennoch zu stimmen. Seine hellgrünen Augen machen sich auf die Suche nach einem Schiff, auf das die Beschreibung passen könnte, und tatsächlich:

Er entdeckt die Karavelle, die da anscheinend so gut wie unbesetzt in der sanften Dünung des Hafenbeckens schaukelt - und das Namensschild NORDSTERN tut ein übriges.

Er geht bis zu der auf das Schiff führenden Planke, faltet die Hände zusammen, um den Hafenlärm besser übertönen zu können, und ruft:

"HEDA! Ist jemand an Bord?"


**************************


Jergans Antwort schallt prompt über die Reling des Brückendecks nach unten:

"Jawohl! Einen kleinen Augenblick bitte!"

Viel leiser sagt er in Ottams Richtung:

"Könntet Ihr Euch darum kümmern, verehrter Schiffsmagus?"

Die Haltung des Kapitäns läßt keinen Zweifel daran, daß er sich erst noch im den vorigen Passagier zu Ende kümmern möchte.



Darian zahlt


Nach einer Weile des Suchens hat Darian die Münzen in der gewünschten Zusammenstellung - 12 goldene, 12 silberne - gefunden. Er läszt die Münzen in die rechte Tasche seines Mantels gleiten, dann befestigt er den Beutel mit dem restlichen Geld wieder am Gürtel. Den Stab in der linken Hand haltend, geht er die Stufen zum Brückendeck hinauf. Oben angekommen, greift er in die rechte Tasche und übergibt dem Kapitän das Geld für die Überfahrt.



Jergan Efferdstreu nimmt das Geld mit einem dankenden Nicken in Empfang.

"Dann bleibt mir nur übrig, Euch einen angenehmen Aufenthalt an Bord zu wünschen."

Freundlich sieht er Darian dabei an.



"Ich wäre Euch sehr dankbar, Herr Kapitän, wenn man mir nun meine Kabine zeigen würde." sagt Darian zu Jergan nachdem dieser das Geld entgegengenommen hat.



"Selbstverständlich!" erwidert Jergan, und dann tritt der übliche Reflex ein:

"ALRIK!"

Erst nach dem Ruf wird ihm klar, daß dieser wohl noch auf dem Landgang ist - für einen Blick über die Reling hat der Kapitän noch keine Zeit erübrigen können.

"Einen kleinen Moment bitte, Ihr werdet Eure Kabine gleich gezeigt bekommen", fügt er hinzu, während seine Augen das Vordeck absuchen.



Sylvhar beobachtet


Der Berobte hat mittlerweile schon einige Worte mit Jergan-Kapitän gewechselt. Dieser Mensch will offenbar auch mit diesem Schiff reisen. Auch hat er dem Kapitän einige dieser Geldscheiben gegeben, vermutlich für die Kabine, in der er schlafen will. Das mit diesem Geld wird für Sylvhar wohl immer ein Rätsel bleiben. Wahrscheinlich wird der andere, der noch unten am Hafen steht und aufs Schiff hochgerufen hatte, auch mit diesen Geldscheiben zum Kapitän gehen. Sylvhar zupft sich unbewußt am linken Ohrläppchen 'Seltsam, diese Menschen...'

Da plötzlich schreit Jergan-Kapitän lauthals nach dem jungen Alrik. Aber der ist doch noch gar nicht wieder zurück auf dem Schiff. Das hat Jergan-Kapitän jetzt wohl auch gemerkt, seinen suchenden Blicken nach zu urteilen. 'Was er wohl von dem Jungen möchte?'



Wulf Lowanger und der junge Magus


"Wird wohl noch auf Landgang sein, der Bengel", mischt sich der 3. Offizier Wulf Lowanger in das Gespräch des Kapitäns ein.

"Wollt' sowieso gerade wegen der Angelegenheit mit dem Kartenwerk unten was nachsehen", fährt er fort und nickt Jergan dabei knapp und zackig zu, um sich vom Brückendeck abzumelden.

"Könnt' mir folgen, Herr Magister", bietet Lowanger an und steigt sodann die Stufen zum Oberdeck herab.



Dankbar nickt Jergan dem dritten Offizier zu.

"Ja, tu das, Wulf."

Da er sich nicht sicher ist, wieviel der Offizier mitgehört hat, ergänzt er:

"Die Einzelkabine zwei habe ich dem Magister gegeben."



"Eine Einzelkabine, hmm, einen Moment bitte." mit grübelndem Gesicht wendet er sich an den Kapitän: "War das gerade nicht die letzte Einzelkabine die der Magus gemietet hat ?"



Ottam und der neue Passagier


Pflichtbewußt gibt Ottam dem Kapitän mit einem leichten Nicken zu verstehen, daß er seinem Wunsch nachkommen wird. Sogleich wendet er sich gen Hafen und richtet seinen Blick auf den dort Stehenden.

"Ottam mein Name, ich bin hier der Schiffsmagus, was kann ich für euch tun?" antwortet er auf das Rufen des Fremden.



"Sei gerüßt Ottam, mein Name ist Belvolio di Acazes, ich suche ein Schiff das nach Neetha oder zumindest in diese Richtung fährt. Und man hat mir mitgeteilt das dieses Schiff die Nord-Südroute fährt, daher würde ich gerne ein Kabine auf eurem Schiff beziehen."

Während er diese Worte spricht läßt er sein Finger über die Gravuren des Stabes wandern und überlegt welche Aufgaben wohl ein Schiffsmagus hat, und betrachtet dabei mit einen abschätzenden Blick seinen Gesprächspartner.



"Das Stimmt, wir fahren den ganzen Kontinent entlang, bis in die tiefen Süden. Welche Art von Kabine wünscht ihr den" fragt er und deutet dabei auf die Tafen mit den Preisen.



"Ich hätte gerne eine Einzelkabine bis nach Neetha" antwortet der Magier nach kurzem Überlegen.

und wartet die Reaktion seines Gegenübers ab.



Sören endlich fertig


Nach einem letzten zufriedenen Rumdumblick stemmt der Smutje die Hände in die Hüfte.

'Wenn es jemals eine perfekte Kü... Kombüse gegeben hat, dies ist sie. Aber jetzt reicht es auch erst mal mit dem Aufräumen.'

Sören nimmt sich beiläufig einen Zwieback aus dem kleinen Beutel, den er irgendwann in den letzten Stunden perfekt positioniert neben der Kochstelle an der Wand befestigt hat, dann bricht er auf in Richtung Oberdeck, um sich dort einmal umzuschauen.

'Ah, ein neuer Gast', bemerkt er und nickt Darian freundlich zu, um sich dann an die Rehling zu lehnen und den Hafen zu betrachten.

'Noch einer... Scheint den Leuten nicht zu gefallen in diesem... He, wo sind wir eigentlich? Naja, irgendwann erfahre ich es schon. Und wo ist dieser nichtsnutzige Schiffsjunge, es ist schon bald Abendessenzeit!'



Sigrun und Nirka kehren zurück


Ein wenig stolz ist Sigrun schon, als sie so mit Nirka auf die Schiffe blickt, die am Kai liegen. Die NORDSTERN liegt ruhig und elegant im Hafen, sie kann sich hier wirklich mit jedem Schiff messen. Der Blick für die Schönheit der Karavelle, der bei dem hektischen Betrieb an Deck häufig durch unangenehme Kleinigkeiten verstellt wird, ist jetzt, nach einem erholsamen Tag in der Stadt, wieder völlig frei.

"Sie sieht wirklich gut aus! Was haben wir für ein Glück," kommt Sigrun fast ein wenig ins Schwärmen.

Langsam gehen die Matrosin und die Bootsfrau auf das Schiff zu.

"Hm, es scheinen noch nicht so viele da zu sein," meint Sigrun, als sie den Blick auf das Ober- und Brückendeck lenkt.



"Das wohl!" antwortet Nirka auf die ersten Worte der Matrosin, "die NORDSTERN ist ein besonderes Schiff. Nur sehen wir es leider - oder... besser: Glücklicherweise... nicht sehr oft aus einer solchen Perspektive."

Sie nimmt sich dabei vor, bei passender Gelegenheit einmal dafür zu sorgen, daß die Freundin das Schiff auf hoher See vom Beiboot aus zu Gesicht bekommen kann.




Alrik und Ole kehren zurück


Nachdenklich schaut Alrik der entschwindenden Rahjana hinterher. Noch bevor er ein paar passende Worte des Abschieds finden kann, ist sie auch schon verschwunden. Der Junge versteht nicht, warum sie es so eilig hat, und noch weniger versteht er, warum sie sich nicht von ihm verabschieden mag.

Etwas Eisiges scheint nach ihm zu greifen, seine Brust zu umklammern und im festen Griff zusammenzuziehen. Fast stockt ihm der Atem, als er sich fragt, ob es an ihm liegt, ob er in seiner Unwissenheit einen Fehler gemacht und Rahjana verärgert hat.

Alrik fühlt sich jämmerlich, doch glücklicherweise haben Ole und Ratthalde nur Augen füreinander, so daß dieses ihrer Aufmerksamkeit entgangen ist. Sich seinem Schicksal ergebend, nimmt Alrik sein Kleiderbündel entgegen und läßt sich dann von Ole durch die Gänge geleiten, bis die beiden wieder am Portal des Hauses stehen.

"Nun, mein Junge, auf zu Fianas Fest!"

Schweigend quittiert Alrik Oles Worte, und schweigend machen sich die beiden auf den Rückweg. Doch dieses Mal hat Alrik keine Augen für die schöne Gegend und die verwinkelten Gässchen der Stadt. Die Menschen und Häuser werfen bereits lange Schatten im warmen Licht der Abendsonne und vielerorts, wo Praios wärmender Strahl nicht mehr hinfällt, ist es bereits empfindlich kalt. Zudem ist die leichte Seidenkleidung, so kleidsam wie sie auch für edle Herrschaften sein mag, nicht nur lustig an den beiden Seefahrern anzuschauen, sondern auch überaus dünn. Doch über Geschmack läßt sich natürlich streiten, und wenigstens Alrik hat sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, mit grüner Pluderhose, einer breiten blauen Schärpe und einem roten Spitzenhemd die Nordstern zu betreten, um dort zur allgemeinen Belustigung beizutragen.

So kommen Ole und Alrik kurz nach Sigrun und Nirka bei der Nordstern an. Noch haben sie sie nicht erkannt, was sicherlich auch der ungewohnten Kleidung zuzuschreiben ist.

"Efferd zum Gruße, die Damen", krächzt Alrik mit verstellter Stimme.



Vor der NORDSTERN


Sigrun ist wirklich nicht leicht zu erschrecken, aber wenn man gerade von einem geruhsamen Nachmittag, in trauter Zweisamkeit verbracht, zurückkehrt, kann man leicht etwas überreagieren. Da kommt plötzlich von hinten eine Stimme, die sie noch nie gehört hat. Und, was noch schlimmer ist, diese Stimme bezeichnet zwei handfeste Seefahrerinnen als 'Damen'. Das ist so ziemlich die letzte Bezeichnung, die Sigrun akzeptieren kann, assoziiert sie doch mit diesem Wort herausgeputzte nichtsnutzige weibliche Wesen, die nicht in der Lage sind, auch nur einen Schritt ohne (meist männliche) Hilfe zu tun.

Hier unter den Augen des Kapitäns würde sie sich vielleicht nicht so gehen lassen, wenn es nur um sie selber ginge. Doch auf Nirka kann sie das wirklich nicht sitzen lassen.

Mit drohendem Gesichtsausdruck und grollender Stimme fährt sie herum:

"WAS ...!!"



Nirka hat die Stimme von hinten ganz ignoriert, da sie sich davon nicht angesprochen fühlte, doch nun, da Sigrun erschreckt herumfährt, tut sie selbiges, allerdings ohne etwas zu sagen, denn ihr kommen die Gestalten entfernt bekannt vor, nur...

'Soll das etwa...'

Ihr Gesicht zeigt dabei eher Verwirrung als Ärger.



Sigrun guckt zwar ziemlich böse, doch eine solche Reaktion war schon so gut wie vorhersehbar. Außerdem ist der Übermut des Schiffsjungen so schnell nun auch wieder nicht zu bremsen.

Alrik wirbelt auffällig mit dem Arm durch die Luft und läßt seinen Bewegungsfluß schlußendlich in einer tiefen, sehr überzogenen, kurzum lächerlichen wirkenden Verbeugung enden.

"Meine Anwesenheit scheint euch zu verstimmen... Vergebung, holde Jungfern."

Die letzten Worte enden mit einem glucksenden Kichern. Trotzdem überprüft Alrik sicherheitshalber schon mal aus den Augenwinkeln heraus, ob der Fluchtweg über die Planke auf das Schiff frei ist.



Kaum hat Sigrun sich umgedreht, erkennt sie, mit wem sie es zu tun hat.

"Alrik!!! Du vermaledeiter Sohn einer ...", entfährt es ihr, bevor sich angesichts Alriks beeindruckender Verbeugung ein Grinsen auf ihrem Gesicht durchsetzt. Laut herauslachend setzt sie zu einem Spurt an:

"Sieh zu, daß du ein paar Planken unter die Füße kriegst ..."



Nirka bleibt stehen, als ihr nach wenigen Augenblicken klar wird, wer da vor ihr steht, und worum es eigentlich geht. Grinsend beobachtet sie Sigruns Reaktion, während sie in Alriks Richtung ruft:

"Na warte! Ich glaube nicht, daß diese Kleidung beim Plankenscheuern besonders passend ist!"

Ihr Tonfall ist dabei leicht drohend, nur wird niemanden, der Nirka kennt, der schelmische Unterton entgehen, der die verborgene Drohung gleich wieder annulliert - zumal Nirkas Ruf in ein herzhaftes Lachen übergeht.



"Aahhh...!"

Mit einer Mischung aus Gröhlen und Lachen macht Alrik eine Kehrtwendung und sprintet auf die hoffentlich rettende Planke zu. Leider tritt in diesem Moment ein auffälliger Robenträger samt Gepäck in den Weg, der bei genauerer Betrachtung gerade Verhandlungen mit dem Schiffsmagus führt.

An der anderen Seite ist das Hafenbecken und von hinten nähert sich Sigrun. Sieht schlecht aus, noch dazu, wenn man mit einem Kleiderbündel bepackt ist und dadurch etwas an Wenigkeit verloren hat. Alrik bremst also ab und sieht Sigruns Rache breit grinsend entgegen.


Ole hingegen läßt ein gutmütiges tiefes Lachen erklingen, als er kopfschüttelnd die Szenerie beobachtet. Ein würziges Pfeifchen wäre jetzt in der Tat nicht schlecht. Irgendwo in seinem Bündel müssen Pfeife und Tabak doch versteckt sein. Ohne den Blick von seiner Umgebung abzuwenden, beginnt er in seinem Bündel zu kramen.



Eigentlich wollte Sigrun die Verfolgung nur andeuten und nach ein paar Schritten wieder abbremsen. Aber jetzt sieht sie, daß Alrik die rettende Planke nicht erreicht und einfach stehenbleibt. Noch zwei Schritte, dann steht sie mit breitem Grinsen vor ihm. Zwei kräftige Matrosinnenarme schließen sich um seine Schultern und drücken ihn näher an das Hafenbecken heran. Sigrun steht fest und sicher und die drückenden Arme verhalten in einer stabilisierenden Position. Schließlich hat sie nicht vor, den Jungen wirklich ins Wasser zu stoßen.

"Nun, willst du den Hafen von Prem noch besser kennenlernen oder wirst du in Zukunft auf südländische Lächerlichkeiten verzichten, hm?"

Sigrun macht ein ernstes Gesicht und der Tonfall dieser Worte ist drohend. Doch in den Augenwinkeln blitzt es verräterisch.



"Neiiiin. Sigrun, niiicht", protestiert Alrik, nachdem Sigrun ihn sich geschnappt hat und bedrohlich Richtung Hafenbecken schiebt. Für einen Moment überlegt er, ob er das Kleiderbündel, daß er noch in den Händen hält einfach fallen läßt, um sich seinerseits an Sigrun zu klammern. Das würde wenigstens bedeuten, daß er, wenn er schon unfreiwillig schwimmen gehen muß, versuchen könnte Sigrun mit sich zu ziehen. Aber auf dem Hafenpflaster ist es schmutzig und feucht, und die Kleidung ist gerade so schön sauber. Also unterläßt er jeden Widerstand lieber und fügt sich ....

"Gnade, Sigrun... ich hab' heut' doch schon gebadet."



Nirka lacht weiterhin, waehrend sie Alrik und Sigrun beobachtet. Dann kommt ihr ein Gedanke, der wunderbar zu ihrer momentanen schelmischen Stimmung paßt.

"Wirf ihn doch einfach rein!"

Der Ton läßt keinen Zweifel daran aufkommen, daß sie das durchaus ernst meint, auch wenn das Lachen - und die Vertrautheit der letzten Stunden - ein sicheres Zeichen sind, daß sie Sigrun nicht böse wäre, wenn diese es nicht tut.



"Du hast heute schon gebadet?", fragt Sigrun grinsend zurück, ohne ihren Griff zu lockern. Hörbar zieht sie die Luft um Alrik mit der Nase ein. Neben ziemlich vielen Fisch- und Wassergerüchen dringen auch die feineren Aromen der Badeöle zu ihr durch.

"Das stimmt ja wirklich", meint sie überrascht.

Dann dreht sie leicht den Kopf in Nirkas Richtung.

"Naja, wenn er schon mal sauber ist, sollten wir das vielleicht doch lieber geniessen und nicht dafür sorgen, daß er schon wieder riecht, wie nach 10 Tagen auf See." Sie macht eine kurze Pause und läßt Alrik los. "Aber wir können doch bestimmt noch jemanden gebrauchen, der nachher die Überreste der Feier beseitigt, meinst du nicht?"

Sie lächelt Alrik so direkt und freundlich an, als hätte sie ihm ein Geschenk gemacht.



Nirka erwidert prompt:

"Das stimmt natürlich und ist ziemlich wichtig. Na gut, dann wirf ihn nicht ins Hafenbecken..."

Sie läßt den Satz so ausklingen, als wäre das alles andere als selbstverständlich.



"Aufräumen? Allein?"

Ein leichter Anflug des Aufbegehrens liegt in Alriks Stimme.

"Welch' famoser Einfall", gibt der Junge mit gespielter Begeisterung zur Antwort.

'Noch ist die Zeit lang bis dahin, vielleicht vergessen sie es ja auch...'



Da hat Sigruns Rache doch ganz gut geklappt. Alrik scheint wirklich zu denken, dass er die ganze Arbeit jetzt allein machen muss. Aber schließlich wollte Sigrun ihn nur ein wenig ärgern und ihm nicht den ganzen Abend vermiesen.

Sie klopft ihm leicht aufmunternd auf die Schulter und meint:

"Kopf hoch! Es gibt bestimmt die ein oder andere Matrosin, die sich bei GEBÜHRENDER Behandlung überlegen könnte, dir zu helfen." Sie macht zwar deutlich, daß diese Behandlung die Voraussetzung ist, spricht aber ganz eindeutig von sich selbst. Dies ist ein Versprechen, und wenn Alrik sich, wie Sigrun erwartet, keine allzu grossen Schnitzer leistet, gedenkt sie es auch zu halten.



'Hoffentlich!' denkt Alrik sich und sagt:

"Ich werd dran denken!"

Er nutzt die sich bietende Gelegenheit und flüchtet über die Planke auf das Schiff, wobei er sich bemüht, möglichst von niemanden länger in seinem Aufzug gesehen zu zu werden - irgendwie hat er jetzt nicht so recht Lust, entsprechende Fragen zu beantworten.

Da noch nicht viele wieder vom Landgang zurück sind, funktioniert das auch gut, und er erreicht unangesprochen die Treppe nach unten, wo er an dem Elfen vorbeihuscht und dann unten im Mannschaftsraum verschwindet.



Nachdem Alrik sich so erstaunlich schnell verdünnisiert hat, geht Sigrun wieder zurück zu Nirka und Ole.

Sie sieht Nirka ernsthaft an und fragt:

"Ich hoffe, das war in deinem Sinne?"



Nirka nickt.

"Natürlich war das in meinem Sinne... es bringt ja nichts, ihn in das Hafenbecken zu werfen. Dann müßte nur jemand hinterherspringen..."

Sie bricht mitten im Satz ab, und blickt sinnierend hinunter zum Wasser. Es wäre bestimmt lustig, das nachher wirklich mal zu probieren, denn so arg schmutzig ist das Wasser im Hafen eigentlich nicht. Sie stellt sich noch kurz vor, wie sie mit Sigrun zusammen im Wasser herumtollt, dann sagt sie:

"Eigentlich können wir dann auf das Schiff gehen."

Es klingt weder wie eine Frage, noch wie ein Befehl.



Sigrun nickt nur kurz zu Nirkas Vorschlag. Es ist nicht sehr effektiv, hier am Kai herumzustehen.

"Ja, laßt uns herauf gehen. Vielleicht braucht Fiana auch noch Hilfe."



"Tun wir das."

Nirka ist schon unterwegs und geht mit sicheren, oft geübten Schritten über die schmale Planke auf das Deck der Karavelle. Dort sieht sie sich ganz kurz um, um die Lage zu erfassen, und ruft in Richtung der Brücke:

"Ich melde mich an Bord zurück!"

Sie sagt absichtlich nicht 'wir', auch wenn das durchaus üblich wäre, nur will sie weiterhin vermeiden, daß jemand auf die Idee kommt, die Beziehung zwischen ihr und Sigrun näher unter die Lupe zu nehmen.



Dajin und Hirkan wieder unterwegs


Dajin und Hirkan sind inzwischen wieder bei den zahlreichen Händlern des Drachenhauses angekommen. Das Gewühl zwischen den Ständen ist nicht mehr ganz so unübersichtlich, die meisten Leute haben ihre Besorgungen inzwischen erledigt. Hirkan beobachtet die Menge mißtrauisch, ständig darauf gefaßt, daß ein weiterer Dieb aus dem Nichts auftauchen könnte, doch auch für die Diebe, ebenso wie für die Händler, lohnt sich das Geschäft am meisten in den Mittagsstunden.

Die beiden Männer schlendern durch die Reihen der Stände, bis sie zu einer Kräuterhändlerin kommen, die zwischen zahlreichen Küchenkräutern auch ein paar Töpfe mit wohlriechenden Salben und Ölen anbietet. Nach einer kurzen Diskussion und Dajins Hinweis darauf, daß es für Nordländer hilfreich sein kann, sich gegen die heiße Sonne der südlichen Meere schützen zu können, entschließen sie sich, Fiana für die weitere Fahrt in den Süden eine zu diesem Zweck geeignete Salbe zu schenken.

Zufrieden steckt Hirkan das nun endlich doch glücklich erworbene Geschenk ein und ist erleichtert, das Drachenhaus nun endgültig verlassen zu können. So schnell wird er hierher wohl kaum zurückkehren. Doch eines wird ihm schon jetzt klar, als er die Eindrücke des Tages noch einmal gedanklich passieren läßt: die Warnung vor den Dieben im Drachenhaus von Prem wird in seinem Buch deutlich ausfallen.

Die Schönheit des heran brechenden Abends genießend, schlendern die beiden Passagiere zurück zum Kai, jeder ein wenig in seine Gedanken versunken.



Dajin und Hirkan sind inzwischen wieder am Kai angekommen, wo die NORDSTERN noch immer ruhig liegt. Vor der Planke des Schiffes steht eine Gruppe von Matrosen, die offensichtlich auch gerade von einem Landgang zurückkehren. Der Schiffsmagier unterhält sich mit einem anderen Magier, der ein kleines Buch in der Hand hält. Ein neuer Mitreisender oder nur eine Diskussion unter Kollegen? Nun, das wird sich sicher bald zeigen.

Noch sind keine Anzeichen für die bevorstehende Feier zu erkennen. Fiana ist nicht zu sehen und das Deck der NORDSTERN sieht aus wie immer. Doch Hirkan hat nichts gegen eine kleine Ruhepause einzuwenden, wird es doch nach den Ereignissen dieses Tages Zeit, sich seinen Aufzeichnungen zuzuwenden.

Als sie das Oberdeck des Schiffes betreten haben, wendet er sich zu Dajin.

"Ich kann Euch nur erneut fuer Eure Hilfe danken. Doch jetzt erlaubt, daß ich mich fü eine Weile zurückziehe. Ich möchte mich ein wenig ausruhen und um die Kleidung kümmern." Ein gequälter Blick trifft bei diesen Worten seine sonst so gut geplättete und gesäuberte Kleidung, die unter der Verfolgung des Diebes doch eindeutig gelitten hat.

"Wir sollten allerdings später gemeinsam zu der Feier gehen, damit wir das Geschenk übergeben können. Ich schlage vor, daß derjenige, der zuerst bereit ist, an der Kabine des jeweils anderen vorbeischaut."

Mit diesen Worten neigt er leicht den Kopf zum vorläufigen Abschied und begibt sich unter Deck zur Gemeinschaftskabine.



Belvolio


Jergan erwidert dem Schiffsmagus:

"Ja, so ist es."

"Dann haben wir nur noch eine halbe Doppelkabine, nicht wahr?" fragt der Magus zurück.

"Ja. D 2 ist noch zur Hälfte frei."

Während Jergan sich auf dem Brückendeck wieder seemännischen Dingen zuwendet, wendet sich Ottam an den neuen Passagier.

"Es tut mir sehr leid, aber unsere Einzelkabinen sind leider besetzt. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr aber in eine Doppelkabine mit einziehen."

Fragend sieht er ihn an.



"Nun gut solange die andere Hälfte nicht von einem stinkenden Oger belegt ist ..."

Bei diesen Worten nimmt Belvolio ein kleines abgegriffenes Buch in die linke Hand, blättert ein wenig und notiert eilig ein paar Zeilen mit einem Kleine Stab aus Holz.

"Was kostet denn die Überfahrt nach Neetha in einer Doppelkabine ?"

Er hält das Buch noch immer in der Hand als er aufblickt und die Antwort des Magiers abwartet.



Ottam erwidert:

"Natürlich nicht! Wir nehmen keine Oger mit. Ich denke mal, der ehrenwerte Herr von Tarschoggyn wird bald wieder hier sein, so daß Ihr ihn kennenlernen könnt. Die Fahrt von hier bis Neetha kostet in einer Doppelkabine..."

Er überlegt kurz:

"Es sind etwa 1400 Meilen, das macht bei 8 Silber pro einhundert Meilen 112 Silber. Es kostet also 11 Dukaten fuer Euch."

Es klingt so, als wäre es an Bord ganz natürlich, solche Summen abzurunden.



Belvolio überlegt kurz, murmelt dabei vor sich hin:

"Hmm ... das macht also ... dividiert durch ... sind das ... hmmm"

Er trägt den Betrag in sein Buch ein, läßt dieses daraufhin wieder in der Robe verschwinden, blickt den Magier vor sich an und sagt:

"Einverstanden, der Handel gilt !"

Kurz überlegt Belvolio ob es angemessen ist dem Magier das Geld für die Fahrt zu überreichen, oder ob dies ein Privileg des Kapitäns oder vielleicht auch das eines Schatzmeisters ist. Er entscheidet sich allerdings dazu dem Magier das Geld auszuhändigen da dieser offensichtlich auch dazu autorisiert den Preis nach unten abzurunden.

Aus diesem Grunde greift Belvolio tief ein eine Tasche der Robe und holt ein kleines, aber gut gefülltes Ledersäckchen hervor zählt ein paar Münzen ab und übergibt dem Magier neun Dukaten und eine Al'Anfanische Dublone, und fügt entschuldigend hinzu:

"Ich habe leider nicht mehr Dukaten, ich hoffe ihr akzeptiert auch Al'Anfanische Währungen."



Al'Anfanische Währungen? Kurz leuchten die Augen des Schiffsmagus auf, dann hat er sich wieder unter Kontrolle und nickt.

"Selbstverständlich. Wir machen weite Reisen, die auch bis in den Süden Aventuriens führen, so daß das kein Problem für uns ist."

Er nimmt die Münzen entgegen, wobei er vor allem der Dublone einige Aufmerksamkeit widmet. Es ist allerdings zu erahnen, daß diese Aufmerksamkeit weniger den Hintergrund hat, etwaige Fälschungen zu entdecken, sondern einzig aus Interesse resultiert.

Schließlich läßt Ottam die Münzen in der Tasche verschwinden, wobei er sich fest vornimmt, später 11 Dukaten an die Schiffskasse zu übergeben und die Dublone zu behalten.

"Seid also willkommen auf dieser Reise."

Er blickt sich suchend um, ob er jemanden sehen kann, der dem neuen Passagier die Kabine zeigen kann.



Darian in der Kabine


Darian hatte den dritten Mann auf dem Brückendeck noch gar nicht bemerkt, als dieser sich zu Wort meldet. Gerade will er ein ´Die Zwölfe zum Grusze´ einwerfen, da wendet sich der Mann schon wieder ab und begibt sich zum Niedergang. Froh endlich seine Kabine beziehen zu können, schlieszlich musz er sich wenigstens noch für die Feier die angemessen kleiden, wenn er schon kein Geschenk hat, schicken sich seine Füsze bereits an, der Aufforderung dem Mann zu folgen, Folge zu leisten. Doch eine wichtige Kleinigkeit ist zuvor noch zu klären:

"Oh, bitte nennt mich nicht ´Magister´", diese Worte sind sowohl an den Offizier als auch an Jergan gerichtet, der den Darian nicht zustehenden Titel ebenfalls gebrauchte, "Ich bin erst Adeptus Minor und lege auszerdem wenig wert auf Titel, nennt mich einfach Darian."



Die Bemerkung des Kapitäns quittiert Lowanger mit einem Nicken, offenbar hatte er doch soweit verstanden, welche Kabine dem Magus zugedacht war. Auf die Worte des Magiers hin dreht sich der dritte Offizier noch einmal zu dem Magus, der nicht Magister, sondern lieber Adeptus sein will und obendrein lieber Darian genannt werden mochte, um.

Seiner nachdenklichen Miene ist deutlich zu entnehmen, daß ihm die Hierarchie und die Anreden in Magierkreisen noch nie so recht geläufig waren. Und bei der Anrede 'Magister', die für Seefahrerohren so wunderbar universell klingt, war er bislang noch nie auf Widerspruch gestoßen und hatte auch jetzt nicht damit gerechnet. Aber was soll's.

"Ganz wie Ihr wünscht, Herr Darian", entgegnet der Offizier.

Nach einer kleinen Pause fügt der ansonsten recht wortkarg wirkende Mann hinzu.

"Lowanger, mein Name."

Vor der freien Einzelkabine angekommen, öffnet der Offizier noch die entsprechende Tür und drückt dem Magus den dafür vorgesehenen Schlüssel in die Hand.

"Wünsche eine angenehme Reise."

Dann marschiert er weiter den Gang hinunter, bis er schließlich hinter einer Ecke verschwindet.



Darian folgt der Mann der sich als Lowanger vorgestellt hat. Da der Offizier recht schnellen Schrittes voran geht, fürchtet Darian fast er könnte den Weg zurück nicht finden. Orientierung war nämlich noch nie seine Stärke, mehrfach hatte er sich sogar in der Akademie verlaufen. An der Kabine angekommen nimmt er den Schlüszel entgegen und ruft dem schon wieder verschwindenden Offizier noch ein kurzes "Die Zwölfe mit Euch" nach, dann betritt er die Kabine.

Nachdem er die Tür hinter sich geschloszen hat nimmt er den Rucksack von den Schultern, setzt sich und beginnt eben jenen auszupacken.



Nachdem er einige Schriftrollen zutage gefördert und anderweitig verstaut hat, ist er am Ziel seiner Suche angelangt. Er packt die Kleidungsstücke aus und legt sie sorgsam zur Seite. Eine weisze Leinenhose und ein ebensolches Hemd, eine Robe aus glänzender, dunkelblaugefärbter Seide, mit allerlei Symbolen in Silber bestickt sowie ein dunkelblaues, mit einem Pentagramm verziertes, Stirnband wandern nacheinander auf das Kojenbett. Schlieszlich holt er noch einen breiten, schwarzen Ledergürtel hervor, der mit einer silbernen Schliesze in Form eines Madasymbols versehen ist.

Doch was ist das ? Ein Gegenstand, in seinem Rucksack, den er zuvor nicht bemerkt hatte erregt seine Aufmerksamkeit. vorsichtig zieht er das silberne Amulett hervor und betrachtet es. Es hat die Form eines Delphins, dem heiligen Tier des Efferd.

´Das Amulett, daran habe ich ja gar nicht mehr gedacht.´ geht es ihm durch den Kopf während er es in seinen Finger hält.

Darian fiel das Amulett auf seiner allerersten Reise in die Hände. Zunächst hatte er gehofft es handele sich um ein - wie auch immer geartetes - magisches Artefakt, doch seine Untersuchung ergab, dasz es vollkommen unmagisch ist. Der Efferdgeweihte zu Thorwal, den er daraufhin konsultierte, erklärte ihm, dasz das Amulett auch nicht gesegnet oder geweiht und damit nicht mehr als ein Schmuckstück sei. Darian hatte in Erwägung gezogen die magische Untersuchung am Institut der arkanen Analysen zu Kuslik wiederholen zu lassen, beherrscht er selbst den ANALÜS doch nur unzureichend, doch nun kommt er auf eine ganz andere Idee:

´Ein silbernes Delphinamulett - ob das ein geeignetes Geschenk für eine Offizierin ist ? Bestimmt. In Kuslik würde ich mich wohl ohnehin eher lächerlich machen, wenn ich meiner eigenen Clarobservantia so wenig traue.´

Froh nun auch das Geschenkproblem gelöst zu haben, legt er das Amulett zur Seite und beginnt sein Reisegewand abzulegen.



Zunächst legt er seinen Mantel ab und faltet ihn sorgsam zusammen, dann entledigt er sich nach und nach der restlichen Kleidungsstücke, die er am Leibe trägt. Schlieszlich trägt er bis auf einen Lendenschurz nichts mehr. Er greift die ifirnsweisze Hose und zieht diese an, auch das ebenso beschaffene Hemd wird seiner Bestimmung zugeführt. Er legt den schwarzen Gürtel an und schlieszt ihn. Anschlieszend zupft er lange und akribisch an seinem Gewande herum, bis jede Falte, jede Naht so sitzt wie sie soll. Das Stirnband hält er mit den ausgestreckten Händen vor sich dreht es, erst im Geiste dann real, hin und her, bis er sich sicher ist, dasz das Pentagramm mit einer Spitze nach oben zeigt. Schlieszlich will er nicht für einen Beschwörer gehalten werden. Die Seeleute werden den Unterschied zwischen einem Pentagramm zum herbeirufen und einem zum bannen, wohl kaum kennen, aber in diesen Zeiten weisz man ja nie. Zum Schlusz legt er die Robe an und steckt seine Füsze in schwarze, blank polierte Lederstiefel, die er erst jetzt seinem Rucksack entnimmt. Schlieszlich überprüft er ein letztes Mal seine Gewandung.



´Nun noch die Haare´ denkt Darian. Kurz schüttelt er sein Haupt und streicht mit den Fingern durch sein Haar. Eine Kraft beginnt zu flieszen, eine Kraft, die aus der sechsten durch Madas Frevel in alle Sphären gelangte. Doch flieszt sie nicht wild oder gar chaotisch sondern kontrolliert und wohldosiert, zielgerichtet zu einem bestimmten Zwecke. Einem Zwecke, den der Magus Kraft seiner hesindegegebenen Gabe bestimmt. Kraftfäden werden gewoben, ergreifen Darians Haar und beginnen es zu formen. Nach kurzer Zeit ist das Werk vollbracht. Von Schmutz und Fett der letzten Tage befreit liegen die Haare nun wieder glatt und glänzend am Kopfe.



Darian greift erneut in seinen Rucksack und holt diesmal ein Fläschchen hervor.

´Schade, dasz ich die Formel dafür nicht beherrsche´ denkt er sich als er die Flasche öffnet und das Duftwasser auf die Schläfen aufträgt. Sorgfältig verschlieszt er die Flasche wieder.

Das Amulett aufgreifend und in einer Tasche seines Gewandes verschwinden lassend, sieht er sich noch einmal in der Kabine um. Dann begibt er sich zur Tür und tritt auf den schmalen Korridor hinaus. Er verschlieszt die Tür und steckt den Schlüssel ein. Der Magier blickt sich um ´Ah ja, dort entlang´ und begibt sich zum Aufgang und zurück auf das Oberdeck.



Nachdem Darian sich umgezogen hatte ging er wieder an Deck. Dort stellte er allerdings etwas enttäuscht fest, dasz der Schiffsmagus - wie hiesz er noch gleich ? Ottam, genau dasz war sein Name - mit einem weiteren Passagier beschäftigt war. Daraufhin begab er sich zurück in seine Kabine und beschäftigte sich noch eine Weile mit einer Schriftrolle.

Erst als vom Oberdeck Geräusche von einer Menschenmenge und dem Verrücken schwerer Gegenstände zu hören sind, verläszt er die Kabine wieder. Oben an Deck ist schon allerhand los, als Darian den Aufgang herauf kommt. Er sieht sich nach einem Sitzplatz um, obwohl er sich, angesichts der vielen Menschen hier, fast sicher ist den Abend wohl im Stehen zu verbringe.


Alrik im Mannschaftsraum


Da es insgesamt noch erstaunlich ruhig ist, und weil erst wenige Matrosen zurück an Bord gekommen sind, kann Alrik leise Stimmen aus dem Mannschaftsraum vernehmen. Doch da das an sich keine Besonderheit darstellt, geht der Schiffsjunge unbekümmert weiter.

Als er am Eingang des Mannschaftsraumes ankommt, kriegt er gerade noch mit, wie jemand leise, aber vom Tonfall her doch recht aufgebracht, verkündet:

"... muss endlich weg. Auf der 'Hetmannsbraut' wär' das nich' passiert, das wohl!"

Die Stimme verstummt abrupt als Alrik den Raum betritt, was an sich allerdings eine kleine Besonderheit ist, denn ansonsten zollt man dem Schiffsjungen nicht so viel Beachtung.

"Ho, Leute!" grüßt Alrik ungerührt und begibt sich dann auf direktem Weg zu seiner Hängematte. Jetzt aber nichts wie raus aus dem Seidengewand...



Schnell hat Alrik sich der dünnen Seidenkleidung entledigt, die er sorgsam in seine Seemannskiste einpackt. Dann greift er wieder zu dem eingerolltem Kleiderbündel, daß seine gewöhnliche Bekleidung enthält. Zwar ist sie noch etwas klamm und feucht, aber nicht mehr richtig naß. Der Rest wird wohl an der frischen Luft schneller trocknen als hier unter Deck.

Als Alrik sich fertig umgezogen hat, und sich suchend umguckt, hat sich die Versammlung in der hinteren Nische aufgelöst. Nur Barbo schnarcht gemütlich in seiner Hängematte vor sich hin, als könnte ihn kein Wässerchen trüben. Frechheit! Daß das aber auch nie auffällt.



Ole zurück an Bord


Ole beobachtet, still vergnügt, die Späße Sigruns, die die Matrosin mit Alrik treibt und die den armen Schiffsjungen doch sehr in Verlegenheit bringen, während sich der Schiffszimmermann mit ruhiger Hand dicke Brocken von Pfeifenkraut in die Pfeife bröselt. Erst als Alrik, in wahnwitziger Geschwindigkeit aus der heiklen Situation fliehend, über die Planke huscht, um sich an Bord der NORDSTERN zu verkrümelt, setzt sich auch Ole wieder in Bewegung, bleibt aber dann noch einmal stehen, um seine Pfeife in Brand zu setzen. Nirka zieht an ihm vorüber, betritt das Schiff und meldet sich bei der Brücke zurück. Ole muß tüchtig an seiner Pfeife ziehen, die Glut will noch nicht so recht. Aus den Augenwinkeln heraus betrachtet er Sigrun, er kan sich das Verhalten der beiden Frauen irgendwie nicht erklären. Ole hat sie oft beieinander stehen sehen und irgendwie wollte es ihm scheinen, als ob Sigrun und Nirka in herzlicher Freundschaft einander zugeneigt wären, warum also tun sie immer so befremdlich, wenn ein dritter sich zu ihnen gesellt? Ob die zwei ...... ? Aber was soll's, Ole zuckt mit den Schulter und wirft den verkohlten Glimmspan hinter sich. Jetzt da seine Pfeife ordentlich brennt, scheint ihm die Frage um Nirka und Sigrun gar nicht mehr so bedeutend. Munter summt er ein Liedchen vor sich hin, als er über die Planke zum Schiff geht und auch sein "Seemann Ole meldet sich zurück!", das er bestens gelaunt zur Brücke hinüber ruft, klingt wie eine kleine Melodie.



Sigrun


Sigrun beobachtet Nirkas und Oles Rückkehr auf das Schiff und folgt Ole fast auf dem Fuße. Den Kapitän wird kaum die Rückkehr jedes einzelnen Matrosen interessieren und Nirka als Bootsfrau weiß ja, daß sie wieder da ist. Also denkt sie sich, daß sie darüber niemanden direkt informieren muß. Vorbereitungen lassen sich noch nicht erkennen, also scheint hier zunächst keine Hilfe von Nöten zu sein. Daher beschließt sie, zunächst das Geschenk in den Mannschaftsraum zu bringen und erst wieder an Deck zu kommen, wenn die Feier beginnt oder ihre Hilfe gebraucht wird.



Sylvhar


Sylvhar beobachtet die 'Verhandlungen' der Menschen auf der Brücke, und auch das Wieder-an-Bord-kommen einiger Mitmatrosen. Die Menschen scheinen sich alle gut zu verstehen und auch sonst scheint niemand etwas von ihm zu wollen. Auch gut.

Er kramt in seinem kleinen Beutel, den er immer an am Gürtel hängen hat, herum. Dann hält er einen Moment inne, und zieht schließlich etwas hervor, daß aussieht wie ein großer Zahn oder ein Horn. Der Gegenstand ist ungefähr 1,5 Spann lang, reich verziert mit Schnitzereien und einigen Löchern auf einer Seite versehen. Er führt das Ding mit dem spitzen Ende an seinen Mund und bläst in die Öffnung, die dort hinein gebohrt worden ist. Ein sehr feiner, klar klingender Ton entspringt der, den allfälligen Beobachtern mittlerweile sicherlich als solche aufgefallen, Flöte. Nicht sehr laut zwar, aber doch hörbar.

Sylvhar's Augen verengen sich beim hören dieses Tons. Mit einem abschätzenden Blick betrachtet er die Flöte in seiner Hand. Dann kramt er wieder in seinem Beutel und bringt ein Stück Fell zum Vorschein. Er beginnt damit die Flöte abzureiben und zu reinigen.

'Diese salzig- warmfeuchte Luft hier im Süden tut ihr gar nicht gut.'

Immer wieder hält er mit dem Reinigen inne, und bläst versuchsweise einige Töne. Doch jedesmal scheinen ihm diese Töne nicht zuzusagen, denn er reinigt immer wieder nach jedem Versuch.



Jergan


Jergan nimmt die Meldungen der Rückkehrenden jeweils mit einem Nicken zur Kenntnis. Erfreut stellt er fest, daß die meisten - oder sogar fast alle - den Weg zurück zum Schiff schon gefunden haben. Es ist dich einfach prima, eine Mannschaft zu haben, auf die man sich verlassen kann!

Ruhig und gelassen steht der Kapitän auf der Brücke der NORDSTERN und wartet darauf, daß die Praiosscheibe gänzlich verschwindet.




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