- Logbuch der NORDSTERN -

In Havena- Teil 1 (Die Ankunft ) - 29 . Efferd 28 n.H.

NORDSTERN - Ankunft in Havena


Zweihundertundvierzig Meilen sind es, die Havena von Salzerhaven trennen - eine Strecke, für die die meisten Schiffe drei bis fünf Tage brauchen, meist aber sogar noch mehr, da sie in Nostria Zwischenstation machen. Doch es ist bei gutem Wind durchaus möglich, diesen Weg viel schneller zurückzulegen, wie gerade dieser Tage eine kleine Karavelle aus Riva gezeigt hat.

Nachdem der 28. Efferd an Bord der NORDSTERN so ungewöhnlich mit der nächtlichen Ausfahrt aus dem Hafen von Salzerhaven begonnen hat, hat der Unfall Sigruns und die anschließende riskante Rettungsaktion dafür gesorgt, dass an Bord weder Ruhe einkehrt, noch die Anspannung der Mannschaft nachlassen kann - alles andere als Alltag an Bord, doch damit hat bei dieser Fahrt im Grunde auch niemand gerechnet, gilt es doch immerhin, die Heilige Miesmuschel, ein wichtiges Artefakt der EFFerd-Kirche, nach Havena in den dortigen EFFerdtempel zu schaffen. Das Unglück hat die Fahrt der Karavelle für vielleicht etwas weniger als eine Stunde aufgehalten, dann kann die Fahrt endlich weitergehen, und der recht starke Wind, der fast schon dazu angesetzt hat, ein Sturm zu werden, treibt die NORDSTERN weiter südwärts über das Meer der sieben Winde gen Havena.

An Bord geschehen derweil viele Dinge, die kaum etwas mit der rasanten Fahrt und deren Ursache zu tun haben, aber dennoch dazu beitragen, dass die Fahrt für kaum jemanden an Bord langweilig oder öde wird - eher im Gegenteil, all die Ereignisse sorgen für ein buntes Leben auf dem Schiff.

Da sind zwei Menschen, die einander erst vor kurzem ihre Liebe endlich gestanden haben, und jetzt zueinander gefunden haben. Dann ist da eine Matrosin, die am Morgen mit dem Tode gerungen hat, und nun in der Sicherheit und Wärme der Koje ihrer Freundin, Gefährtin und Geliebten ruht und sich erholt - seelisch nie alleine, und auch körperlich nur manchmal alleine. Ein ungewöhnlicher Anblick, auch wenn sich manch einer daran zu gewöhnen versucht, ist der Zwerg an Bord, der noch immer allem misstraut, insbesondere dem Schiff, und für den jeder Gang über das Deck eine grosse Mutprobe ist, auch wenn das wohl keiner der anderen spürt oder vermuten würde. Dennoch hat er diesen Weg auf sich genommen, um dem Kapitän von der Gefahr zu berichten, die von der mutmaßlich Kranken in der Messe ausgeht, nur um zu erfahren, dass das im Grunde harmlos ist, weil es einfach nur die Matrosin war, die über Bord gegangen ist, und nun versorgt werden muss. Und es wird an Bord gegessen und getrunken, und eine gewisse Anzahl der Kartoffeln, die der fleißige Schiffsjunge aus den verstecktesten Winkeln des Laderaums drei geholt hat, findet noch an diesem Tag den Weg in den Kochtopf des Smutjes, den er auf Grund des gefährlichen Seegangs nur über einem winzigen Feuer aufhängt, das er zudem sehr sorgsam bewacht. Auch in der Suite gibt es interessante Unterhaltungen, die ihren Fortgang finden, nachdem der neue Hund der bornländer Händlerin die Gespräche so abrupt unterbrochen hat, und Frizzi di Vespasio ein sehr ernstes Problem beschert hat: Er hat nichts sauberes mehr zum Anziehen, und so muss er erst einmal abwarten, bis die von ihm in Auftrag gegeben Reinigung seiner Kleidungsstücke abgeschlossen ist, ehe er sich wieder außerhalb einer der Kabinen blicken lässt. Und... nicht zu vergessen und ziemlich wichtig: Auf den Decks laufen die Matrosen eifrig herum, stets mit irgendwelchen Seilen, Trossen und Winden beschäftigt, um die NORDSTERN auf Kurs zu halten - auf dem wichtigen Kurs nach Havena. Diesen wiederum halten die Steuerleute - der Kapitän selbst, seine erste Offizierin, der zweite Offizier und auch die Bootsfrau - in unermüdlicher Arbeit abwechselnd mit der hohen Präzision ein, die für dieses Schiff einfach der Standard ist. Die erste Offizierin sieht man dabei außerhalb ihrer Dienstzeit kaum auf dem Deck, denn sie beschäftigt sich in ihrer Kabine mit allerlei Kartenmaterial, von dem sie sogar versucht ist, etwas mit auf die Brücke zu nehmen, einzig ein kurzer Blick aus dem Bullauge hat sie von dieser Absicht rasch abkommen lassen. Sie ist jedoch nicht die einzige der Führungsmannschaft, die nicht viel außerhalb ihrer Kabine ist, auch der Schiffsmagier bleibt insbesondere nach dem Streit mit dem Kapitän in dieser, und vergisst sogar die eine oder andere Mahlzeit. Wer genau hinsieht, dem könnte auffallen, dass er ein klein wenig schmächtiger geworden ist, doch sein Gesicht strahlt die gleiche Entschlossenheit und Selbstsicherheit wie stets aus. Ganz im Gegensatz zu ihm ist der kleine Klabauter, der unentwegt über das Schiff eilt, und stets in Aktion ist, immer bemüht, Unfälle und Unglücke zu vermeiden, und zumindest in seinen eigenen Augen das Schiff vor mehr als einem Untergang bewahrt. Nur... das sieht niemand, genauso, wie niemand ihn erblickt, und so würdigt auch niemand diese Verdienste.

Und über all das hält, unsichtbar, aber in seiner Präsenz den Menschen an Bord sehr wohl bewusst, EFFerd schützend seine Hände...

So vergeht der 28. Efferd des Jahres 28 nach Hal auf der NORDSTERN, und die Nacht bricht an - eine stürmische Nacht mit vielen Wolken, in der sich das Madamal nicht ein einziges Mal am Himmel blicken lässt. Doch... tapfer bahnt sich das kleine Schiff unter fast vollen Segeln weiter seinen Weg nach Süden, ungeachtet all der Gefahren, die da in der Dunkelheit lauern.

Schließlich graut der Morgen wieder, und außer dem Kapitän und seinen Offizieren ist wohl niemanden wirklich bewusst, dass da irgendwo im Sturm und Nebel östlich des Schiffes, gar nicht mal soweit entfernt, die Stadt Nostria liegen muss, in der vielleicht sogar Menschen, die von diesem Schiff gehört haben, darauf warten, dass es anlegen wird. Doch... das wird bei dieser Reise nicht geschehen, die rasche Weiterfahrt nach Havena, um die Heilige Miesmuschel in den dortigen EFFerdtempel zu bringen, ist einfach wichtiger als dieser Zwischenstop.

Von denen, die an Bord sind, trauert nur einer dem verpassten Landgang in Nostria nach: Der Schiffsmagier, der deswegen am Vortag einen tüchtigen Streit mit dem Kapitän hatte, als ihm endlich klar geworden ist, was da über ihn hinweg einfach so entschieden wurde. Aber... auch für ihn steht der Wille der zwölf Götter über dem der Menschen, und so muss er sich dieser Entscheidung beugen, und kann nur erahnen, dass sich Nostria irgendwo dort backbords der NORDSTERN befindet, und mit der Stadt seine sehnsüchtig erwarteten Lieferungen.

Wie am letzten Norgen findet auch an diesem ein Ritual statt, das so auf einem Schiff höchst ungewöhnlich ist nämlich eine weitere Morgenandacht des PRAiosgeweihten. Zwar gibt es diesmal die Praiosscheibe nicht zu sehen, aber dafür gibt es auch keine Klabauterspucke als Dreingabe.

Das Wetter hat dieser 29. Efferd des Jahres 28 nach Hal von seinem Vortag übernommen: Wind, an der Grenze zum Sturm, peitscht das Meer, und die Wogen, die das erzeugt, machen die Seereise zu einer recht unangenehmen und ziemlich schaukligen Angelegenheit. Die Praiosscheibe lässt sich gar nicht erst blicken, dafür aber setzt gegen Mittag ein leichter Nieselregen ein. Nicht, dass das Wasser, das von See her andauernd das Deck überflutet, nicht schon längst genügen würde, nun macht Wasser von oben den Aufenthalt auf dem Oberdeck noch unangenehmer. Außer denen, die sich dort oder auf dem Brückendeck wirklich aufhalten müssen, versucht darum ein jeder, im Inneren des Schiffes zu bleiben, wo es wenigstens trocken ist, wenn man schon nicht dem allgegenwärtigen Schaukeln und Stampfen ausweichen kann.



Das Wetter ist jedoch nicht nur unangenehm, es ist für die Schiffsführung regelrecht störend, weil es jede Art von Orientierung unmöglich macht, und alles auf die Erfahrungen derer konzentriert, die diese Gewässer kennen. Doch... das trifft für Jergan und Lowanger gleichermaßen zu, und auch Fiana kann ihren Teil beitragen. So sind sie sich alle drei einig über den Zeitpunkt, den Kurs, der seit Salzerhaven so ziemlich genau südwärts gerichtet war, nach Osten zu ändern, um die breite Mündung des Großen Flusses, in der Havena liegt, anzusteuern.

Das geschieht am Nachmittag, und schon weniger als eine halbe Stunde später ruft Trolske, den der Kapitän zum Zeitpunkt der Kursänderung in den Ausguck geschickt hat:

"LAND BACKBORD VORAUS!"

Wenig später kann man das Land auch vom Brückendeck aus erkennen, und so stellen Jergan und Fiana durch Vergleich mit der Karte rasch fest, dass ihre Navigation vollkommen richtig ist, und sie sich in der Tat direkt vor der Flussmündung befinden. Der Kapitän korrigiert daraufhin den Kurs ein wenig nach Süden, denn in der Mitte ist diese breite Mündung am sichersten befahrbar, und lässt zugleich einen großen Teil der Segel einholen. Bis Havena ist zwar noch ein gutes Stück zu fahren, doch Jergan weiß, dass an diesem Tag die Flut etwa zur Dämmerung ihren höchsten Stand erreichen wird, und das verbietet ein früheres Einlaufen von selbst. Der Hafen von Havena, der Grosse Fluss, und auch dessen Mündung sind bei Niedrigwasser nämlich nicht überall befahrbar, und insbesondere der Weg vom Meer über den Fluss hinein nach Havena ist durch einige tückische Sandbänke dann fast unpassierbar für hochseetaugliche Schiffe der Größe der NORDSTERN.

Langsam treibt die NORDSTERN weiter ostwärts, während die steigende Flut das Schiff mit allem, was sich darauf befindet, ganz langsam anhebt - das bekommt an Bord freilich niemand so mit, weil es einfach keine Anhaltspunkte gibt, wenn rings herum nur Wasser ist, und nur in über einer Meile Entfernung ab und zu kurz Land zu sehen ist.

So vergehen fast zwei Stunden, während derer die NORDSTERN vor der Mündung des Großen Flusses treibt, und die Segel nur dem Zweck dienen, das Schaukeln an Bord einzuschränken, und vielleicht ein ganz klein wenig dem Ziel näher zu kommen.

Dann endlich, die Dämmerung hat schon sanft begonnen, soweit man das bei diesem Regen beurteilen kann, lässt Jergan Efferdstreu die beiden Havena-Segel wieder setzen, und richtet den Bug der Karavelle genau nach Osten.

Rasch kommt nun, wo der Wind ordentlich Angriffsfläche hat, und die ebenfalls landeinwärts treibende Flut zusätzlich noch hilft, das Land näher. Doch dieses Land direkt an der Mündung ist unbewohnt und auch nicht wirklich wirtlich, so dass die Stadt vor nicht sehr viel weniger als zweitausend Götterläufen weiter landeinwärts angelegt wurde. So ist es weder diese Küste, noch die Mündung des Flusses, die sich immer deutlicher aus dem in Landnähe aufziehenden Nebel schält, sondern eine kleine Felseninsel, die die NORDSTERN ansteuert.

Anlegen kann und möchte man dort nicht, aber es kommt ein kleines Boot längsseits, und ein alter Seemann steigt mit Hilfe der Strickleiter rasch auf das Deck der rivaer Karavelle empor, während das kleine Boot wieder zu der Insel, die den treffenden Namen "Lotseninsel" trägt, zurückkehrt.

Jergan begrüßt den Lotsen an Bord, und die beiden Männer gehen auf das Brückendeck. Viele Worte werden nicht gewechselt, denn beide kennen sich in ihrem Handwerk aus, und merken rasch, dass das für den jeweils anderen auch zutrifft. So geht die Reise langsam weiter, während der Kapitän das Schiff nach den Anweisungen des erfahrenen Lotsen an gefährlichen Sandbänken vorbei in Richtung der Flussmündung steuert.

Schließlich ist diese erreicht, und das Wasser beiderseits des Schiffes wird sehr viel schmaler - grüne Uferstreifen, die immer wieder unterbrochen sind von allerlei angespültem Treibgut, säumen den verbleibenen Rest des Wassers.

Die NORDSTERN muss kaum navigieren, und ist auch nicht gezwungen, auf dem für ein Seeschiff nicht wirklich breiten Grossen Fluss zu kreuzen oder andere Manöver zu machen - der Wind weht so stark von achtern, dass schon ein kleiner Teil der Segelfläche ausreicht, um die vom Lotsen gewünschte Geschwindigkeit zu erreichen.

Wieder vergeht ein wenig Zeit, und dann tauchen die ersten menschlichen Besiedlungen am Ufer auf, während in der Ferne schon größere Gebäude Havenas und die Masten der dort im Hafen liegenden Schiffe sichtbar werden. Die NORDSTERN hält sich derweil meist in der Mitte des Flusses, aber ab und zu wechselt sie auch den Kurs und fährt dichter an das eine oder andere Ufer heran, dabei einer Linie folgend, die es einzig im Kopf des Lotsen gibt, und die in sicherem Abstand alle sichtbaren und unsichtbaren Hindernisse umgeht.

Endlich werden auf beiden Seiten die Reste der alten Stadtmauer sichtbar, und backbords voraus die Masse der Häuser der Stadt und die Einfahrt, die in das Hafenbecken hinein führt. Diejenigen, die Havena kennen, oder dort sogar aufgewachsen sind, werden in der Häusermasse die Stadtteile Unterfluren und Nalleshof erkennen, während sie die anderen darauf aufmerksam machen, dass sich backbord querab der Südhafen befindet, der auch das Ziel des Schiffes ist.

"RUDER HART BACKBORD! SEGEL FIEREN!"

Jergan kurbelt das Steuer bis zum Anschlag herum, so dass die Karavelle bei sehr geringer Fahrt eine scharfe Kurve beschreibt, die sie kurz quer zum Grossen Fluss stellt und den Bug auf die Einfahrt zum Hafen richtet. Ebenso kurz kann man, wenn man darauf achtet oder von jemanden darauf aufmerksam gemacht wurde, steuerbords in der Ferne die imposante Prinzessin-Emer-Brücke sehen, die ein kleines Stück weiter stromauf den Großen Fluss überspannt. Der Nebel, der auch hier präsent ist, nimmt dem Anblick zusammen mit der Dämmerung zwar ein Teil seines Reizes, aber es ist dennoch beeindruckend.

Lange währt diese Möglichkeit aber nicht, denn schon versperren die Häuser Unterflurens den Blick, während sich backbords und voraus dem interessierten Auge in Fom der Takelagen vieler im Hafen liegender Schiffe neue Anblicke bieten.

Treibend legt die NORDSTERN die nur wenig mehr als hundert Schritt zurück, die sie noch von der Zollbrücke trennen, neben der einige Zöllner trotz der schon recht späten Stunde dienstbeflissen auf das Schiff warten - was aber kein Wunder ist, denn ihre Dienstzeiten werden von den Gezeiten diktiert - außer bei Flut ist es schlicht unmöglich, mit größeren Schiffen einzulaufen oder auszulaufen. So verrichten sie ihre Arbeit auch sehr schnell, und ohne die bei manchen Zöllnern berüchtigte neugierige Gründlichkeit - schließlich ist die NORDSTERN längst nicht das einzige Schiff, mit dem sie sich beschäftigen müssen.

"SEGEL DICHTHOLEN!"

Kaum, dass die Zöllner die Karavelle wieder verlassen haben, holen die Matrosen auf dem Oberdeck unter Nirkas Führung das eine verbliebene Segel - das stark gereffte Gross-Segel - wieder dicht, so dass die NORDSTERN wieder Fahrt aufnimmt für das letzte kleine Stück der Fahrt bis zu ihrem Liegeplatz, von dem sie jetzt nur noch eine Flussbiegung und insgesamt vielleicht eine halbe Meile Fahrstrecke trennen.



NORDSTERN - Kabine E1: Di Vespasio's Niederschriften


'Endlich habe die Schaukelbewegungen,

die mich in den letzten beiden Tagen

so gequält hatten, nachgelassen und

ich kann wieder neuere Beobachtungen

notieren. Der Wind scheint etwas nach-

gelassen zu haben, die Sicht ist je-

doch weiterhin schlecht.'


Di Vespasio blickt kurz aus dem Bullauge, macht sich aber nicht die Mühe aufzustehen. Zu sehen ist nichts, was aber auch nicht wirklich verwunderlich ist, da er aus seiner derzeitigen sitzenden Position auf der Koje bestenfalls den Himmel klar erkennen kann. Trotzdem wendet er sich wieder dem kleinen Büchlein zu, dass auf dem Klapptisch liegt und in das er seine Reiseerinnerungen einträgt.


'Möglicherweise hat Kapitän Efferdstreu doch

noch Havena verpasst, zumindest kann

ich aus meinem Fenster nichts als

Wasser erkennen. Bei dem Sturm würde

es mich nicht überraschen, doch noch

in Güldenland zu enden. Dies wäre

dann tatsächlich ein passendes Ende

für meine Reise, die sich jetzt bald

ihrem Ende nähert.'


Auf dem schwarzen Ledereinband des Büchleins prangen in goldenenBuchstaben die Worte:


Die Reise

des

COMTE DI VESPASIO

auf den Spuren des

Agrius Mundus


oder


Der Niedergang

Aventuriens

im

vergangenem

Bimillennium


'Aber ich denke ein

derartiges Glück wird mir nicht ver-

gönnt sein. Stattdessen werde ich in

Havena wohl die Spuren jenes ersten

Cartierers Aventuriens wieder aufneh-

men können und weiter auf dem Seeweg

nach Bosperan zurückkehren.'


Auf der Koje, obenauf in einem Gewimmel von Büchern, Karten, Papieren, Kleidungsstücken, Essensresten und Bettzeug, liegt das besprochene Buch, bei weitem nicht so prächtig aufgemacht wie sein Nachfolger, ledergebunden und in seiner Form unter den Jahren seit seiner Erstellung leidend, jedoch dafür in seinem Inhalt etwas präziser.

Auf dem Einband trägt es keinen Titel, auf der ersten Seite steht einfach "Tagebuch", jedoch in Altbosperanto, und es beginnt schmucklos an einem XXV. Sar. XIII n.f.K., wann auch immer das gewesen sein mag, mit einigen Skizzen der Goldfelsen und eines Drachenkopfes nebst einem begleitenden Text.



'Zumindest

werde ich etwas angenehmere Beglei-

tung haben als auf dem Kriegsschiff.

Es ist mir endlich gelungen der Be-

wohnerin der Suite vorgestellt zu wer-

den, einer Freifrau zu Beibach und

Bruch, eine sehr imposante Dame und

wohlhabende reiche Handelsherrin, je-

doch ist sie etwas egozentrisch und

läßt Taktgefühl und Umsicht vermissen.

Bei einem Dejeuner, das sie zu meinen

Ehren arrangierte,griff ihr Hund mich

an, jedoch konnte ich geistesgegenwär-

tig das Schlimmste verhindern. Eine

sehr angenehme Gesellschafterin ist

auch das junge Fräulein Shilaiellys,

das den Überfall gut überstanden hat.

Sie '


Ein erneutes Schaukeln des Schiffes läßt den Adligen in seiner Beschreibung der Vorzüge Alkinoês einhalten.



Di Vespasio streichelt sich die Nase mit dem Federkiel und sucht nach einem passenden Wort, in der Art von sympathisch, aber etwas aussagekräftiger, gleichzeitig freundlich und angenehm. Schließlich entscheidet er sich für charmant, taucht die Feder ein und will gerade das C ausführen als ein leichter Stoß es zum O verfälscht.

"Bei RONdras Wut, kann denn der Kapitän dieses Schiff nicht mal für einen Moment ruhig halten. Jetzt ist Schluss! Wie sollst Du denn bei dieser Wackelei einen Satz zu Ende bringen, geschweige denn ein Buch! Na, warte!"

Der Adlige springt auf, beziehungsweise würde aufspringen, muss jedoch erst noch das Tintenfass verschließen und den Tisch an die Wand klappen, bevor er sich überhaupt erheben kann.

'Ein Schraubstock, dies ist kein Zimmer sondern ein Schraubstock. Eine Zumutung ohnegleichen.'

Dann greift er sich Hut und Stock, zögert aber die Kajüte ohne Rock zu verlassen.



Alte Gewohnheiten sind nur schwer abzulegen. Und di Vespasio will nur ungerne seine privaten Räumlichkeiten, so bescheiden sie auch sein mögen, verlassen ohne seinen Rock anzulegen.

'Wo ist denn nur dieser nichtsnutzige Schiffsjunge. Er wollte die gewaschenen Röcke doch herbringen.'

Di Vespasio öffnet die Türe und schaut in den Gang hinaus. Notfalls würde er auch ohne Rock hinausgehen, besonders wenn niemand zu sehen wäre.



Di Vespasio blickt nach links und rechts in das kurze Gangstück und hält nach weiteren Fahrgästen und Matrosen Ausschau. Weiter ist er sich unschlüssig, ob er es wagen kann ohne Rock das Deck zu betreten.

Die Alternative wäre es schon jetzt den Prunkrock anzulegen, der eigentlich nur für besondere Gelegenheiten vorgesehen ist, wie zum Beispiel das Fischerfest im Efferdtempel. Dafür ist er bestens geeignet, aus hochwertigem braungoldenem Brokat mit rotem Samtfutter und einer alle Säume begrenzenden Bordeliere aus Goldstickerei.

Andererseits ist solch ein Rock für das normale Alltagsgeschäft an Bord vielleicht etwas übertrieben. Di Vespasio möchte ja nicht für eitel gehalten werden.



Di Vespasio entschließt sich, doch mal auf dem Deck nach dem Rechten zu sehen damit diese unendliche Schaukelei aufhört. Zwar ist es nicht ganz in seinem Sinn, ohne Rock gesehen zu werden, aber was soll's. Zum einen ist man ja auf dem Meer und nicht auf dem Kaiserplatz. Und zum anderen überzeugt ein Adliger durch die Würde seiner Person selbst und nicht durch die Kleidung, die er trägt.

Also zieht er die Tür hinter sich zu und schaut vorsichtig um die Ecke des Ganges Richtung Gruppenraum.



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan's Gefühle


Selbstverständlich hatte der Matrose in den letzten Stunden größtenteils gearbeitet, ganz so, wie es seine Pflicht ist. Die Bergung der Blinde war nicht ganz einfach, doch mit vereinten Kräften, war es ihnen - der Matrosin und ihm - schließlich gelungen, eben jenes zu vollbringen. Ganz nach seiner Art war Efferdan dabei recht scheu und schweigsam gewesen, hatte nur das Nötigste gesprochen und auch sonst näheren Kontakt eher vermieden. er kannte sie einfach noch zu kurz. Immerhin hatte er den Eindruck gewonnen, dass sie wohl ganz nett ist.

Die restliche Zeit war angefüllt mit Arbeit, Essen - Efferdan wartet immer, bis sich der Ansturm gelegt hat und ist so immer einer der letzten, die etwas zu sich nehmen - und Schlafen.

Bei diesem Seegang ist die Arbeit noch anstrengender, weil einfach mehr zu tun ist und mehr Kraft benötigt wird und so fällt man am Ende der Schicht noch müder als sonst in die Matte.

Für ihn also alles mehr oder weniger Routine, denn auch raueren Seegang ist er zu genüge gewohnt. Doch eine Sache gibt es doch, die anders ist. Und diese Sache ist es auch, die Efferdan dazu veranlasste, wann immer möglich, in Gedanken versunken vorne am Bug zu stehen und auf das Wasser zu sehen.

Havena, seine Heimatstadt. Jetzt, da sie immer näher rückt, steigen immer mehr gemischte Gefühle in ihm auf. Havena, die Stadt seiner Geburt, die Stadt, dessen Strände er liebt, die Stadt, in der er Menschen kennt, die er besuchen sollte und die Stadt, die in an seine Mutter erinnert. Doch diese Erinnerungen sind nicht nur positiv. Zwar ist es die Stadt, in der sich seine Mutter, seine liebe Mutter, fürsorglich und liebevoll um ihn kümmerte, bei der er sich so geborgen fühlte. doch Havena ist auch die Stadt, in der seine Mutter starb. Die Stadt, in der er gehänselt, verspottet wurde. Was sollte er von dieser Stadt halten. Personen kommen ihm in den Sinn. Níalyn, ebenfalls aus Havena, die sich gerade auf dem Schiff befindet. Gial, ihr Bruder und EFFerdgeweihter im Tempel. Gesichter anderer Geweihter im Tempel, der ihn nach dem Tod seiner Mutter aufnahm. Ob sein unbekannter Vater ebenfalls in Havena lebt? Wenn ja, warum hat er sich während all den Jahren nie offenbart?

HAVENA

Wie ein großer Fels lastet dieser Name in seiner Brust. Und je näher sie den vertrauten Giebeln und Gassen kommen, desto mehr fragt er sich, was Havena ihm wohl diesmal bringen wird. Denn diesmal hatte er sich - im Gegensatz zu so manchem Mal, bei dem er es vorzog an Bord zu bleiben, da er einfach nicht den Mut fand, in die Stadt zu gehen - entschlossen, an Land zu gehen, den Tempel zu besuchen... Und, da sind noch einige Orte, die er gerne sehen würde. Den Strand, den er so liebte, sein Geburtshaus und noch so mancher Ort mehr. Ob Níalyn ihn wohl begleiten würde, wenn er sie fragte?

Efferdan muss irgendwie zittern bei dem Gedanken allein diese Orte aufzusuchen, niemanden zu haben, mit dem er die Gefühle teilen könnte, die in ihm aufsteigen könnten. Níalyn ist ihm zwar nicht wirklich vertraut - aber es ist so ziemlich die einzige Person auf dem Schiff, von dem er denkt, dass sie ihn verstehen würde. Schließlich verbindet sie eine gemeinsame Vergangenheit, früher, als sie noch Kinder waren, waren sie sich schon begegnet. Sicherlich verbindet sie auch mit einigen der ihm wichtigen Orte Erinnerungen...

Doch, sie fragen? Efferdan weiß nicht, ob er sich das getrauen kann. Zumal der »Traurige« nun immer öfter an ihrer Seite zu sein scheint... Und überhaupt, wer war er denn, sie mit so etwas zu belästigen zu wollen?

`Havena - was soll ich nur tun? Wie wird es werden?`

Die Götter mögens wissen...



Momentan hat er die Suche auf die Antwort verschoben, hilft dabei, die NORDSTERN in den Hafen zu bringen. Ablenkung! Etwas, was er gut gebrauchen kann.

Doch hin und wieder schweift sein Blick noch über die vertraute Silouette der Stadt, staunt (immer noch) über die Schönheit der Prinzessin-Emer Brücke und verspürt dabei so langsam ein Gefühl von "zu Hause sein". Egal, was er auch in dieser Stadt erlebt hat - sie ist auch der Ort, an dem er sich für lange Zeit am Geborgensten fühlte, der Ort seiner Geburt, seine Heimat. Wie würde es wohl sein. Was hatte sich verändert, was nicht?

Ein Gemisch aus freudiger Erwartung und nagender Furcht ist in ihm, als er stumm, zurückhaltend, aber geschickt und eifrig den Befehlen des Kapitäns nachkommt, die das Schiff in den sicheren Hafen bringen sollen...



NORDSTERN - Oberdeck: Perval


Wie die meisten der Matrosen ist auch Perval damit beschäftigt, das Großsegel nach den Wünschen des Kapitäns zu richten. Was für einen Passagier bei schönen Wetter und bei Tageslicht ein aufregendes Erlebnis wäre, nämlich die Einfahrt in den Hafen von Havena, ist für Perval bei dem jetzt herrschenden Wetter und der späten Stunde nichts als eine Arbeit wie jede andere auf einem Schiff auch. Des öfteren schon war in in Havena und haben ihn bei den ersten Malen, die schon viele Götterläufe her sind, die Wahrzeichen und Schönheit der Stadt noch erfreut, so gilt sein Interesse jetzt nur noch mehr den weltliche Sachen in der Stadt, wie den Karten- und Würfelspielen, dem Essen und Trinken und nicht zuletzt den Frauen.

Am Vortag, nachdem der Smutje mit dem Schiffsjungen aneinander geraten war und sich der Zorn des Kombüsenmeisters wieder einigermaßen gelegt hatte, hatte Perval ihm das schmierige Zeug gezeigt, welches er von dem Steuerrad gewischt hatte. Nachdem auch dieser keine Erklärung hatte, was es denn sei, hatte Perval kurz entschlossen die Lappen entsorgt und die ganze Sache vergessen. Zu viel gab es an dem Tag noch zu tun. Aufgrund der Eile und des schlechten Wetters hatte er dann noch eine weitere Schicht an seine dranhängen müssen, damit das Schiff auch bei Nacht besetzt war, so dass er erst am Morgen todmüde in seine Hängematte gefallen war. Das vereinbarte Treffen mit der süßen Traviana war damit natürlich ausgefallen. Ein Umstand, der durch die Hoffnung, dieses in Havena nachzuholen, nur wenig gemildert wurde.

Nach nur wenigen Stunden Schlaf hatte er schon wieder kurz nach Mittag seine nächste Schicht antreten müssen, und auch diese war aufgrund der Eile und des Wetters nicht besonders ruhig verlaufen. Jetzt, beim Einlaufen in den Hafen hoffte er, dass nach dem Anlegen nicht mehr zu viele Tätigkeiten auf ihn warten würden (wer weiß schon, welche Ladungsstücke denn noch unbedingt in der Nacht gelöscht werden müssten), so dass er bald wieder seine Hängematte aufsuchen kann und die fehlenden Stunden Schlaf nachholen. Einzig die mitgehörten Worte des Kapitäns, dass man wohl einige Tage in Havena bleiben würde, und die daraus resultierenden ausgiebigen Landgänge mit dem Besuch gewisser Etablissements und die Hoffnung, Traviana etwas besser kennen zu lernen, konnte die Müdigkeit und die durch das Wetter verursachte schlechte Laune etwas vertreiben.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Der Kapitän


Aufmerksam ist der Blick des Kapitäns auf die schmale Fahrrinne vor dem Schiff gerichtet. Der Kanal, der den Großen Fluss und das Hafenbecken miteinander verbindet, mag aus der Perspektive eines Fischerbootes zwar gewaltig erscheinen, aber für ein hochseetüchtiges Schiff ist er das nicht wirklich, insbesondere auch, weil Strömung und Wind ein übriges tun, das Schiff zu versetzen oder seinen Kurs nachhaltig zu beeinflussen.

Ab und zu huscht Jergans Blick auch zu dem Lotsen, der neben ihm steht, doch dieser sagt nichts. Und das bedeutet "Gut so!", wie der Kapitän in der letzten Stunde schnell erfahren hat, ein Verhalten, das ihm im Grunde weit lieber ist als Schwatzhaftigkeit.

Er dreht das Steuer leicht, um der letzten Biegung vor dem Hafen zu folgen, und schon liegt es vor der NORDSTERN: Das beeindruckend grosse Hafenbecken der Stadt Havena, das weit mehr Liegeplätze bietet, als im Moment in Benutzung sind.



NORDSTERN - Mannschaftsraum: Wasuren's Nickerchen


Nach der Nachtarbeit und dem darauf fast durch gemachten Tag, hatte sich Wasuren erst einmal in den Mannschaftsraum zurück gezogen. Natürlich hat er auch gleich nach seinem Aufstehen versucht den ganzen Tag ohne schwere Arbeit auszukommen und hat sich somit nicht groß an Deck blicken lassen. Nach einem seiner berühmt berüchtigten Nickerchen schaukelt Wasuren nun gelangweilt in seiner Hängematte herum.

'Hmm so langsam müssten wir ja mal wieder einen Hafen anlaufen. Mir fehlt sonst die Abwechslung. Woll'n doch mal sehen was es so an Deck außer Arbeit gibt.'



NORDSTERN - Oberdeck: Traviana


Das Bergen der Blinden war recht gut verlaufen. Der andere Matrose hatte zwar nicht viel gesagt, weswegen Traviana sich manchmal gewundert hatte. Gerade weil sie sich mit anderen Matrosen, mit denen sie gearbeitet hatte , mehr unterhalten hatte. Aber dafür ging das arbeiten noch schneller voran....

Traviana hilft mit einigen anderen Matrosen bei der Einfahrt in den Haven. Sie sieht auf die Stadt. Es ist ihr alles fremd. Sie war noch nie dort gewesen. Jetzt bemerkt sie erst richtig, wie weit sie von ihrer Heimat entfernt ist.....



NORDSTERN - Oberdeck: Garulf


Missmutig guckend, beide Hände in den Taschen, vor sich hin grummelnd, stapft der Smutje die kurze Strecke über das Oberdeck und die Stufen zum leicht erhöhten Vorderdeck hinauf.

´Wo bleibt denn der Junge? Wir wollen mit diesem Praiotenscheiß doch nich den ganzen Abend verdaddeln ...´

Als Garulf sich neben der Bootsfrau niederlässt, bekommt diese lediglich ein schlichtes:

"So, hier bin ich" zu hören, das keinen Zweifel daran läßt, was ein Thorwaler von dieser Art der Konfliktlösung hält.

´Hoffentlich wis Nirka wennchstens, dat man Saltwodder nüch sofen konn ...´




NORDSTERN - Oberdeck: Nirka und die zwei 'Sünder'


"Holt das Segel ein wenig dichter!" ruft die Bootsfrau den Matrosen an den Winden zu, denn sie sieht, dass das Schiff gleich anluven wird, um in das Hafenbecken einzubiegen, und da wäre es nicht nur schädlich, sondern im Grunde sogar peinlich, wenn das Segel zu killen anfängt. Und dieses Risiko will Nirka als die im Moment für das Segel Verantwortliche auf keinen Fall eingehen. Was würden die anderen im Hafen denken, wenn die stolze Karavelle mit killendem Segel einfahren würde...

Der nach achtern gerichtete Blick der Bootsfrau entdeckt dann den Smutje, der offenbar direkt auf dem Weg zu ihr ist, ganz so, wie es befohlen wurde. Auch ALRIK, der bis eben noch das Deck geschrubbt hat, unterbricht seine Arbeit, und richtet sich auf, um zu kommen.

'Wunderbar, dann haben wir das also auch gleich erledigt.'

Nirka verspürt nicht die geringste Lust, sich mit solch einer Schlichterei abzugeben, aber sie weiß auch, dass das passieren muss, denn das Klima in der Mannschaft ist einfach zu wichtig, als dass derartiges einfach ignoriert werden könnte.

Insgeheim hofft sie, dass die inzwischen verstrichene Zeit die Gemüter ausreichend abgekühlt hat, so dass vielleicht einige Worte reichen werden, um diesen Fall zu erledigen.

"Kommt, beeilt euch", ruft sie den beiden darum entgegen. Der Nieselregen und die Entfernung verhindern allerdings, dass sie ALRIKs Gesichtsausdruck richtig wahrnimmt, denn der würde vielleicht schon ausreichen, um ihre Zuversicht auf eine schnelle Lösung verpuffen zu lassen.

Und noch etwas verhindert die Anspannung, unter der Nirka seit Sigruns Unfall steht: Sie bemerkt nicht, dass der Schiffsjunge ein körperliches Problem hat. Im Normalfall ist sie sehr rasch dabei, derartiges zu sehen, und auch zu unterscheiden, was ein wirkliches Problem ist, und was nur gespielt ist - in diesem Fall ist es ihr jedoch bislang noch nicht aufgefallen - vielleicht auch deshalb, weil sie keinen Grund hatte, ihn genau zu beobachten.

So wartet die Bootsfrau neben der Rotze auf die beiden, deren Streit sie schlichten soll, und ist mit den Gedanken doch ganz woanders, nämlich so ziemlich genau ein Deck tiefer bei Sigrun.



Eineinhalb Tage ist es nun her, dass der Schiffsjunge in so eklatanter Weise gegen die Grundregeln des Schiffsbetriebs verstieß. Jetzt erst ist die Bootsfrau bereit, die Sache zu bereinigen. Grummelnd verlässt Garulf seine Kabine um sich auf den Weg zum Vorderdeck zu machen, wo Nirka ihn erwartet.

´Südländer ...´ Obwohl Garulf streng genommen nur einen verschwindend geringen Teil seiner Seemannsjahre auf einem Thorwaler Drachen verbrachte, konnte er sich an die, aus Thorwalersicht umständlichen und seltsamen, Verhaltensweisen auf "südländischen" Schiffen nie so recht gewöhnen. Wenn es nach guter alter Hjaldingertradition gegangen wäre, dann hätte er die Sache mit ALRIK gleich an Ort und Stelle erledigt - mit einer zünftigen Schlägerei - und man könnte jetzt ganz normal in Havena die Tavernen unsicher machen. Aber nein, auf einer Karavelle aus einer sog. "zivilisierten" Gegend hält man natürlich nichts von einem direkten und schnellen Abschluss von Streitpunkten, alles muss einen "geregelten" Gang gehen, da mit sich auch ja niemand aus der komplizierten Führungshierarchie übergangen fühlt. Dabei ist es doch so einfach: Der Schiffsjunge ist halt noch ein Grünschnabel, dem man die Tatsache, dass man Seewasser nicht saufen kann, noch hin und wieder einprügeln muss. Aber nein, alles muss verhandelt, erläutert und ausdiskutiert werden, ganz so wie bei den verhassten Canterern und ihren Sonnenpfaffen. Ach ja, vielleicht sollte man den PRAiospriester, der seit Salza an Bord ist auch gleich hinzuziehen, damit er seine schlauen Bücher zitieren kann.

Über solchen Gedanken grübelnd, stapft er am Ladeschacht vorbei zum vorderen Niedergang - oder besser Aufgang aus dieser Richtung. Oben angekommen schaut er sich erstmal um, die letzten Stunden ist er nicht mehr auf dem Oberdeck gewesen. Erstaunt stellt er fest, dass man schon so gut wie am Kai ist und die Abenddämmerung bereits voranschreitet.

´Beste Tavernernzeit und wir müssen hier son Praiotenquatsch durchziehen ...´ Grummelnd, doch entschlossen stapft er weiter auf Nirka zu, die er auf dem Vorderdeck bei der Rotze entdeckt hat, wenn es schon nicht zu ändern ist, dann sollte man es wenigstens schnell zu Ende bringen - bevor die Karavelle festgemacht wird und das Bier in den Tavernen schal wird.



Eineinhalb Tage ist es nun her, dass der Schiffskoch auf so ungehobelte Weise seinen Grundpflichten in der unverzüglichen Versorgung und angemessenen Behandlung der Passagiere nicht nachkam. ALRIK befindet, dass es wohl nur Alkinoês Gutmütigkeit zu verdanken ist, dass sie sich nicht gleich bei einem Offizier über das unhöfliche Benehmen des Smutjes beklagt hat.

Und daher ist die ganze Angelegenheit wohl auch nur von geringfügiger Wichtigkeit. Handgreiflichkeiten gegen niedere Mannschaftsangehörige sind natürlich nicht weiter beachtenswert, musste ALRIK feststellen. Daher bequemt sich die Bootsfrau auch erst jetzt, die Angelegenheit noch einmal aufzugreifen.

Und was ist schon eine ausgekugelte Schulter eines Schiffsjungen wert? Offensichtlich nichts weiter. Daher hat ALRIK das auch gar nicht weiter erwähnt, vielleicht gibt es ja einen Heiler in Havena, der sich das mal ansehen kann, und die rechte Schulter möglicherweise wieder einrenkt. ALRIKs Wut ist längst noch nicht verflogen, sondern ist eher noch weiter angestiegen, nachdem er sich von dem ersten Schreck erholt hat, und lässt ihn die Schulterschmerzen oftmals vergessen.

Mit unwillig verzogener Mine richtet sich ALRIK auf und lässt die Bürste, mit der er (mit der linken Hand) die Planken des Oberdecks gereinigt und gescheuert hat, in einen Holzeimer fallen. Nun gut, soll Garulf ruhig vorgehen. So einen aufbrausenden Menschen sollte man sowieso besser nicht hinter sich wissen....



NORDSTERN - Oberdeck: Hjaldar


Im Gegensatz zu den meisten anderen an Bord schlägt Hjaldar das mäßige Wetter der letzten anderthalb Tage nicht auf die Laune. Zum einen ist er es von jeher gewohnt bei Wind und Sturm draußen zu sein, zum anderen genießt er es einfach nach so langer Zeit auf 'Landgang' mal wieder das echte Gefühl, auf EFFerds Wogen zu sein, erleben zu können - Wellen und Sturm, Wogen und Meeresrauschen als Ausdruck von SWAfnirs ewigem Kampf mit der verfluchten Hranngar, ebenso wie von EFFerds Launen und RONdras Zorn.

Oft hat er in der Zeit ungefragt mit angepackt, wenn grad Not am Mann war oder auch nur eine zusätzliche Hand eine Aufgabe erleichterte, während er grad auf Deck war.

Und ohne sich dessen selbst richtig bewusst zu sein, läßt er sein Vorhaben immer mehr fallen, in Havena von Bord zu gehen und sich dort wieder von irgend jemanden, der Bedarf an einem der besten Axtkämpfer Aventuriens hat (und ihn auch bezahlen kann) unter Sold stellen zu lassen. Vielleicht gibt es ja jemanden in Kuslik, der sogar noch mehr zahlt? Oder gar in Brabak?

Wie auch immer, als der Lotse an Bord kommt ist auch Hjaldar an Deck. Und als die Nordstern beginnt in den Hafen einzulaufen, steht er an der Reling und wirft einen langen, eindringlichen Blick auf die riesige Havener Hafenanlage, die ja eigentlich aus drei Häfen besteht. Hjaldar ist sich ziemlich sicher, dass der Käpt'n wohl den Südhafen anlaufen wird - immerhin will er ein paar Tage vor Anker gehen und in Nalleshof wird er sich damit schwer tun, wie sich Hjaldar vage erinnert.

Mit gemischten Gefühlen fällt sein Blick dann auf die dunklen schemenhaften Silhouetten hinter dem Südhafen, jenseits des Bennain Dammes. Voller Unwohlsein erinnert er sich an ein Erlebnis in diesem verfluchten Stück Land, das der Havener 'die Unterstadt' nennt und meidet wie ein Dämon den PRAiostempel.

Als junger Kerl war er mit ein paar betrunkenen Kumpels damals dorthin gegangen. Was genau passiert ist konnte keiner mehr sagen, doch sind von den fünf die gegangen sind nur vier wiedergekehrt ... mit nichts mehr an Erinnerung daran als der von unfassbarer, grenzenloser Panik und einer kopflosen Flucht - wovor wusste niemand mehr danach. Er spielt kurz mit dem Gedanken, wieder dorthin zu gehen ... JETZT würde er mit Sicherheit nicht mehr davon laufen und könnte diesem Grauen, was immer es war, ein paar tolle Kunststücke mit der Orknase zeigen, das wohl!

Indes, wem hilft das noch?

Widerwillig wendet er sich ab und zwingt sich, seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen an der Nordstern zu richten. Wenn es ans Anlegen geht, wird es sicher wieder wat zu tun geben, womit er sich ablenken kann. Und dann nix wie inne Kneipe.



NORDSTERN - Kabine E2: Darian


Die letzten Stunden hatte der junge Adeptus lesend in seiner Kabine verbracht. Mittlerweile ist es zum lesen zu dunkel geworden und er beschließt, erst einmal an Deck ein wenig frische Luft zu schnappen, bevor er beim Schein einer Öllampe seine Studien fortsetzt. Das Schaukeln hat spürbar nachgelassen, dann kann man sich bestimmt auch wieder gefahrlos an Deck aufhalten. Darian verschließt seine Kabine und geht zum hinteren Niedergang.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Der Kapitän


Jergan hört den Befehl, den die Bootsfrau den Matrosen zuruft, die sich um das Gross-Segel kümmern, und den diese auch sogleich ausführen. Kurzzeitig spürt er, wie die NORDSTERN schneller werden will, aber dadurch, dass er das Steuer nach Backbord dreht und damit weiter anluvt, relativiert sich dieser Effekt schnell.

Langsam im Vergleich zu dem, was die NORDSTERN auf offener See schon an Geschwindigkeit erreicht hat, aber schnell im Vergleich zu dem, was ein Ruderboot schafft, fährt die Karavelle nun in das Hafenbecken ein.

Der Kurs, den Jergan nun verfolgt, bestätigt das, was der Fahrgast Hjaldar vermutet, und was die Offiziere natürlich wissen - dass nämlich der Südhafen Havenas das Ziel des Schiffes ist.



NORDSTERN - Oberdeck: Perval und Traviana


Auf das Kommando der Bootsfrau macht Perval sich sofort daran, diesen auch auszuführen. Je schneller die Arbeit erledigt ist, desto schneller liegt man fest und sicher im Hafen und desto schneller kommt er hoffentlich ins Bett. Und das ist eines der wenigen Sachen, die Perval im Moment möchte. Ein heftiges Gähnen entweicht ihm als er gerade an einer der Winden dreht und an seine Hängematte denkt.

Halb bekommt er mit, wie der Smutje und der Schiffsjunge sich zur Bootsfrau aufs Vordeck begeben. Den Grund dafür ahnt er, schließlich wurde in den letzten zwei Tagen oft genug darüber geredet und gelacht, wie die zwei aneinander geraten sind. Auch wenn Perval selber nicht anwesend war, schließlich hatte er unten vor der Kombüse mit zwei schmierigen Lappen in der Hand auf eben einen der beiden gewartet. Aber lustig ist die Geschichte schon, die er gehört hatte. Der Kombüsenmeister soll den Kleinen ja gut durcheinander gerüttelt haben.



Nachdem das Großsegel wieder in optimaler Position steht, dreht Perval sich zu Traviana um, die in der Nähe steht. "Wars te schon ma in Havena?"



Traviana ist sichtlich erfreut, als sie Perval anspricht.

"Nein. Bis jetzt noch nicht. Ich bin früher nie viel aus Salza weggekommen, wenn es nicht auf dem Schiff war. Und wie ist es mit dir? Kennst du diese Stadt?"

Traviana hat plötzlich einen Gedanken: Vielleicht können sie ja zusammen sich ein wenig in der Stadt umsehen....

'Vielleicht ist das ja sogar seine Absicht...'

Sie ist erleichtert. 'gute Idee! Wenn er das nicht erwähnt, frag ich ihn mal...'

Dieser Gedanke gefällt ihr. Gerade, weil sie doch ein wenig Angst hatte, in eine Stadt zu gehen, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Und das vielleicht noch allein....

Aber wenn Perval mitgehen würde, würde es ihr bestimmt leichter fallen und auch besser gefallen......



NORDSTERN - Vordeck: Das 'Tribunal'


Der Regen verfängt sich in ALRIKs schwarzem Haar, das wie immer stubbelig in alle Richtungen absteht, und sammelt sich dort zu dicken Tropfen, die schließlich in ALRIKs Nacken nach unten laufen und seine Kleidung nach und nach immer mehr durchnässen. Die dicke Jacke, die Fiana ihm einst schenkte, hält zwar die grobe Nässe ab, aber die feinen Nieseltropfen durchdringen trotzdem die Kleidung am Kragen und an den Ärmeln (während die dünne Hose sowieso schon sehr durchweicht ist).

Dennoch fühlt ALRIK keine Kälte, der Zorn über die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist, brodelt noch immer tief in ihm und hält ihn gewissermaßen sogar äußerlich warm. Selbst sein Gesicht scheint ihm zu brennen, und er hofft inständig, dass es nicht eine peinlich Röte ist, die ihm jetzt aus Wut in die Wangen geschossen ist. Doch dieses kann der Junge natürlich nicht kontrollieren und so stapft er mit dem mechanischen Bewegungsablauf, der fast an eine Mirhamionette erinnert, die Stufen zum Vordeck empor. Und genau so fühlt ALRIK sich auch, kontrolliert, unselbständig und von der Obrigkeit an Bord von unsichtbaren Fäden zu einer Handlung gezwungen, die ihm eigentlich zuwider ist. Aber Nirka will es wohl nicht anders. Also, in der Götter Namen, bringen wir es hinter uns.

"Aye, Bootsfrau. Was gibt's?" fragt ALRIK mechanisch, obwohl er genau weiß, was nun folgen wird. Garulf hingegen beachtet er nicht mit einem einzigen Blick.



Endlich sind beide da, und die Sache kann beginnen. Das begeistert die Bootsfrau zwar überhaupt nicht, aber so ist das mit unangenehmen Pflichten eben - auch sie müssen verrichtet werden, und je eher man damit beginnt, desto eher ist man damit fertig. Und insbesondere letzteres möchte die Bootsfrau auf jeden Fall, denn sie möchte nach dem Anlegen auf jeden Fall wieder nach unten zu Sigrun, und vielleicht, wenn diese sich entsprechend fühlt, mit ihr zusammen in die Stadt gehen.

"Also", beginnt Nirka, während sie stirnrunzelnd feststellt, dass die beiden einander nicht wirklich ansehen, und sich vielleicht sogar bewusst meiden. Das Stirnrunzeln sieht man allerdings so gut wie nicht, denn Nirkas schulterlange Haare kleben ihr im nassen Zustand zu einem nicht unbeträchtlichen Teil im Gesicht.

"Was ist da gestern vormittag passiert? Der Kapitän hat mir gesagt, dass es irgendwie um Süsswasser ging, und darum, dass du, Garulf, ziemlich hart mit ALRIK umgegangen bist, und dass dabei laute Worte gefallen sind. Was war los?"

Die Bootsfrau mustert dabei keinen der beiden genau, sondern wechselt mit dem Blick von ALRIK zu Garulf, und von Garulf wieder zu ALRIK, und das in ständiger Wiederholung - es scheint ihr vollkommen egal zu sein, wer sich dazu zuerst äußert. Und genau das tut es auch, schließlich beschleunigt das die ganze Sache, und erhöht damit die Chance, rasch bei Sigrun zu sein. Dass das noch vor dem Anlegen der Fall sein kann... das glaubt Nirka im Grunde selbst nicht, denn weit ist es für die NORDSTERN nun wirklich nicht mehr.

Sie schafft es allerdings, dass man ihr diese Überlegungen nicht ansieht, denn das wäre doch etwas daneben der Mannschaft gegenüber, schließlich sind Dinge wie diese ihre Pflicht den Untergebenen gegenüber.



Der Junge ist auch endlich da, dann kanns ja losgehen. Es geht auch los, ganz so, wie Garulf es befürchtet hat: Nirka fragt scheinheilig nach, was passiert ist - ganz wie bei den Praioten ...

"Wat schall schon los wesen sin?" Beginnt er dann auch sichtlich genervt, "der Grönschnobel von Schipsjung hät sich ausm Sößwodderfaß bedeent as wenns n Brunn wär."

Er läßt eine kurze Pause, dann fährt er nicht minder genervt fort:

"Un dat man Saltwodder nüch sofen konn wiest jo sölben."

So, damit sollte die Sache jawohl klar sein. Nirka ist ja auch nicht gerade das erste Mal auf See und wird wissen, wie wertvoll Süßwasser auf einem Schiff ist zumal sie bestimmt auch schonmal eine Flaute erlebt hat.

In der Gewissheit, seinen Teil erledigt zu haben und nun bald eine Taverne aufsuchen zu können, verschränkt er die Arme vor der Brust und lehnt sich an die Reling. So dämlich wird der Junge schon nicht sein, sich rechtfertigen zu wollen ...



Die Bootsfrau richtet den Blick auf Garulf, als dieser antwortet, doch es ist keine Reaktion auf seine Worte zu erkennen, nicht einmal ein Schulterzucken oder Verziehen der Gesichtszüge. Sie sagt auch nichts, das einzige, was nach dem letzten Wort, das er spricht, passiert, ist, dass sich ihre leicht nivesisch schräg stehenden Augen auf den Schiffsjungen richten.




Die Augen des Schiffsjungen verengen sich zu kleinen Schlitzen, als er hören muss, wie verdreht der Smutje die ganze Situation darstellt. Eigentlich berichtet er ja nicht viel, sondern beschränkt sich darauf, ihn, ALRIK, als den dämlichen Schiffstrottel vom Dienst darzustellen.

Es gäbe ja nun sicher einiges zu berichten, um die Sache wieder gerade zu biegen.

'Erst muss ich stundenlang die ollen Kartoffeln aufsammeln, anstatt dass man mir meinen freien Tag gegönnt hätte, an dem mich Hesindian unterrichtet hätte.'

Dass ihm an den Unterricht gar nicht so viel liegt, unterschlägt ALRIK in seinen Gedanken dabei geflissentlich.

'Außerdem hab' ich den Dicken gleich danach schon mit einer leeren Pulle Premer erwischt. Der alte Suffkopp.'

Dass Garulf die für Oles Trank benötigt hat, ist dem Schiffsjungen dabei völlig unbekannt.

'Und dann noch dieses ungehobelte Benehmen, das er gegenüber Alkinoê an den Tag gelegt hat. Hätte er sich gleich anständig bedient, dann wär's erst gar nicht so weit gekommen.'

ALRIK blickt bei den Gedanken gleich noch einmal doppelt so grimmig.

'Wenn ich jetzt was sag, dann bringt die es sich fertig und geht noch Alkinoê dazu fragen. Das fehlte gerade noch.'

ALRIKs Blick ruht auf der Bootsfrau.

'Ohne mich.'

"Ich hab' dir nix dazu zu sagen. Und dem Neuen schon gar nicht."



NORDSTERN - Oberdeck: Níalyn's Träumereien


Níalyn steht, tief eingemummelt in ihren Umhang und mit der Kapuze auf dem Kopf, an der Reling der NORDSTERN und betrachtet die Häuser und Lagerhallen im Hafen. Vollkommen in Gedanken versunken starrt sie nur auf eine einzige Stelle und blickt dennoch scheinbar hindurch. Körperlich ist sie im Hier und Jetzt, doch ihr Geist weilt noch in der Kabine und bei den Geschehnissen...

Lange waren Torin und sie noch gestern in der Kabine geblieben, haben sich weiterhin auf so viele unterschiedliche Arten leise die Liebe geschworen und sind dann irgendwann - sie weiß selbst nicht mehr wann, vielleicht mittags oder nachmittags, vielleicht auch später - eingeschlafen.

Während Níalyn schlief hatte sie allerdings einen Traum: sie sah sich an einem weiten, scheinbar menschenleeren Strand, sie fühlte, wie der Wind durch ihr langes Haar strich, ihre Haut angenehm kühlte und einen salzigen Geruch mit sich trug. Sie ging näher an das Wasser heran, das recht hohe Wellen schlug. Sie spürte die schneidende Kühle an ihren Füssen und ging wieder ein paar Schritte zurück in den warmen, trockenen Sand. Von dort sah sie eine andere Person, die im Wasser stand. Sie ging etwas näher an die Person heran, bis sich diese umdrehte - Níalyn blickte in ihr eigenes Gesicht!

Mit klappernden Zähnen stand ihre Doppelgängerin im kalten Meerwasser, zitterte am ganzen Leib, aber blieb dennoch standhaft.

'Ich bin stärker als du! Ich würde nie zurückweichen! Du bist so schwach, Níalyn!'

Die Stimme ihrer Doppelgängerin peitschte auf sie ein und machte das offenbar, was sie fürchtete. Doch anstatt trotzig ins Wasser zu waten und zu zeigen, wie stark sie sein kann (auch wenn ihr dabei vor Kälte die Füße abfallen) blieb sie im warmen Sand stehen, zuckte kurz lächelnd die Schultern und antwortete:

'Manchmal muss man wie ein Schilfrohr sein, Phexane.'

Dann war sie wieder erwacht und fand neben sich, immer noch seelig wie ein kleines Kind schlafend, Torin vor, den sie zärtlich wachküsste. Danach blieben sie noch ein paar Minuten (oder waren es Stunden?) in seiner Koje und ... nun ja, vertrieben sich die Zeit.

Irgendwann am Abend zogen sie sich wieder etwas an, gingen in die Messe, um etwas zu essen und 'verplemperten' dort, natürlich so nah wie möglich beieinander sitzend, die Zeit.

Dann brach wieder die Nacht herein und so leise wie möglich opferten die beiden wieder Rahja.

Ein Grinsen huscht über ihr Gesicht, als sie daran zurück denkt und sie reißt sich somit endlich los von dem Anblick der havenischen Häuser und dem Gefühl, das sie hatte, als das Schiff einlief und sie mit klopfendem Herzen 'ihre' Stadt wiedersah. Für einen Moment war da wieder diese Unsicherheit und Angst gewesen. Doch die ist nun fast wieder vergessen.

"Na, Torin? Wie geht es deinem Kopf?"

Vorwitzig grinst sie den um einen Kopf größeren Mann neben sich an.



Torin seufzt leise, als Níalyn ihn anspricht. Er spürt die noch immer nasse Kleidung am Leib. Doch was sollten ihm Wind und Wetter anhaben können, solange er die Hand seiner schwarzhaarige Diebin hält. Längst hat der Wind den Geruch Níalyns aus seiner Nase vertrieben. Doch wann immer er die Augen schließt, merkt er die kalten Tropfen nicht mehr auf seiner Haut. Dann ist er in Gedanken wieder mit seiner Liebsten in der Koje.

"Wie es meinem Kopf geht?" fragt er zurück, bevor er leise kichert. "Das dürftest du doch am Besten wissen, schließlich hast du ihn mir verdreht."

Zärtlich drückt er ihre Hand. Er blickt auf die Häuserreihen, an denen die NORDSTERN langsam vorbeizieht. An den rauen Ton der Bootsfrau musste sich wohl jeder an Bord in den letzten Tagen gewöhnen, so dass seine Gedanken trotz des gebrüllten Befehls abschweifen.

'Ja, ja, die Beule... Das kommt eben davon, wenn man der schönen Göttin zu stürmisch huldigt... zumindest auf dem beengten Platz, den wir in der Koje hatten.'

Dann jedoch drängen sich andere Gedanken in den Vordergrund. Gedanken daran, wie es jetzt weitergehen soll. Wieder kommt er in einer neuen Stadt an. Was wird ihn dieses Mal erwarten? Wieder so ein Schrecken wie in Thorwal oder sollte es PHEx dieses Mal besser mit ihm meinen?

'Eine weitere fremde Stadt. - So viele habe ich schon gesehen, doch in keiner blieb ich lange genug.' Als er nickt, merkt er plötzlich, das das Lächeln für einen Augenblick aus seinem Gesicht gewichen war.

'Auch Havena wird für immer eine fremde Stadt für mich bleiben.'

Er blickt auf das graue Meer hinab.

'Ich will wieder Heim nach Gareth.'

Er hebt die Hand Níalyns an und führt sie an seine Lippen. Dann blickt er in ihr Gesicht. Doch statt der Freude, die er in ihrem Gesicht erwartet, scheint auch sie gemischte Gefühle zu haben. Doch anstatt sie darauf anzusprechen, fragt er nur:

"Wann wollen wir nach Gareth aufbrechen?"



Níalyn versinkt fast in den Augen Torins, als dieser ihre Hand zu seinem Mund führt. Seine braunen Augen bohren sich bis zu ihrem Herzen durch und lassen es schneller schlagen. Aber seine Frage verwirrt sie doch etwas.

"Wann wir nach Gareth aufbrechen?"

'Stimmt ja. Er wollte schon in Salzerhaven von Bord. Wenn er mich also nun mitnehmen möchte, dann ist es ihm wirklich ernst.'

Liebevoll lächelt sie ihn an, doch dann lösen sich ihre Augen von seinem Anblick und schweifen über das Deck. Wie lange ist sie jetzt schon auf diesem Schiff? Eigentlich noch nicht mal zwei Wochen. Aber andererseits kommt es ihr irgendwie bedeutend länger vor. Kein Wunder, denn unterwegs war wirklich eine Menge passiert. Was wird wohl noch alles auf diesem Schiff passieren? Und was ist mit Efferdan? Sie kennt ihn noch aus ihrer Kindheit, sieht ihn hier wieder und nun, so kurz nachdem sie sich wiedergesehen haben, soll sie weiterziehen!?

Aber andererseits wartet da noch jemand in Gareth auf sie und es wäre zudem eine gute Gelegenheit Torin und Nimion, ihren Sohn, einander bekannt zu machen.

"Hm, warum eigentlich nicht," wendet sie sich wieder an Torin, "dort lebt zudem noch jemand, den ich dir dann gerne vorstellen möchte. Aber zuvor würde ich noch gerne ein wenig in Havena bleiben. Nur ein paar Tage... "

Kurz schaut sie aus den Augenwinkeln heraus zu der Stadt hin.

"... ich war schon so lange nicht mehr hier."

Leise seufzt sie auf.



Der liebevolle Blick der kleinen Frau lässt Torins Herz sofort wieder vor Freude hüpfen. Und auch ihre Antwort fällt wie erwartet aus. Den leise Seufzer, den sie von sich gibt, kann er jedoch nicht hören, da just in diesem Augenblick das Gebrülle wieder vom Vordeck zu ihnen herüberschallt. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Torin nicht auf den Seufzer, sondern auf ihre Worte reagiert.

Schelmisch grinst er Níalyn an, als er leise sagt:

"Einige Tage in Havena... Meinst du nicht: Einige Tage 'in einem kuschelig warmen Bett in einem Gasthaus' in Havena? Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen als ein heißes Bad zusammen mit dir."

Tief blickt er in ihre braunen Augen.



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan


Immer näher kommt das Schiff dem Anlegeplatz im Südhafen. Für einen Moment ist nichts zu tun, da die NORDSTERN ruhig und sicher die Fahrrinne entlang gleitet.

So sieht Efferdan - mal wieder - auf die immer näher heranrückenden Häuser seiner Heimatstadt. So viele Erinnerungen... Von hier aus hat sich die Stadt kaum verändert. Noch immer das selbe Bild.

Doch, wie würde es in der Stadt sein?

Efferdans Blick schweift seitwärts, zu Níalyn hin, die etwas weiter weg mit dem Rücken zu ihm an der Reling steht, neben dem "Traurigen". Offensichtlich hatten sie zu einander gefunden. Da ist etwas an ihnen... diese Blicke, diese Bewegungen... auch wenn Efferdan selbst mit so etwas noch keine Erfahrungen gemacht hat, so spürt er doch instinktiv, dass die beiden - nun - zusammengehören.

Efferdan freut sich für Níalyn, die vor einigen Tagen noch so verloren schien. Und auch dem »Traurige« scheint Níalyns Nähe gut zu tun. Doch irgendwie stimmt es ihn auch betrübt. Níalyn ist die einzige Verbindung zu seiner Vergangenheit, die er seit langem getroffen hat. Und irgendwie hatte er gehofft, tief im Inneren, dass er mit ihr einige Erinnerungen wieder erleben könnte... Irgendwie vertraut er ihr - wenigstens zum großen Teil - und mit wem könnte er es sonst wagen, auf den alten Spuren entlang zu wandeln?

Denn, dass er dies irgendwie tun wird, tun muss - dass ist ihm klar. Schon um die Erinnerung an seine Mutter willen. Und, vielleicht findet er sogar seinen Vater. etwas, was er kaum zu hoffen wagt. Aber, wäre es nicht schön wenn...

Doch, Níalyn wird wohl etwas anderes vorhaben... Vielleicht war es wirklich eine dumme Idee.

Seufzend achtet der blasse Matrose wieder auf die Lage des Schiffes, die Stellung der Segel und hält sich bereit, um kommende Befehle schnell und effektiv auszuführen...



NORDSTERN - Auf der Brücke: Kurs 'Südhafen'


Langsam schiebt sich die NORDSTERN im die nördliche Spitze der Landzunge, die den Kanal von Südhafen trennt - nur getrieben von der Strömung und ihrem eigenen Schwung, und gebremst von dem entgegenkommenden Wind. Damit ist nun der Blick auf den Südhafen endgültig frei, in dem vielleicht die Hälfte der Liegeplätze belegt ist.

Der Lotse wendet sich kurz nach Backbord, und blickt aufmerksam zum Kai hinüber, dann mustert er das sich entfernende Ufer der Landzunge hinter dem Schiff.

"Ruder hart backbord!" sagt er dann, und zeigt zugleich auf einen der Liegeplätze in der Mitte des Hafens.

Der Kapitän zögert nicht, und lässt das Ruder rotieren - in diesem Hafen hat einfach der Lotse das Sagen, der die Karavelle so gut bis hierher geführt hat, und dessen Verantwortung auch das Anlegen unterliegt.

Langsam dreht das Schiff den Bug, bis dieser etwas hinter den Liegeplatz zeigt, auf den der Lotse gewiesen hatte.



NORDSTERN - Vordeck: Das 'Gericht' tagt ...


Nach den Worten des Smutjes hat die Bootsfrau mit einer Erklärung und Rechtfertigung des Schiffsjungen gerechnet, doch sie wird überrascht - nichts dergleichen kommt. Er leugnet nicht, er sagt nichts dazu, aber seine Worte drücken deutlich aus, dass er sich mächtig über den Schiffskoch ärgern muss.

Doch... für Nirka ist das damit klar - das, was Garulf ALRIK vorwirft, hat dieser wohl tatsächlich getan, einzig verwunderlich ist ALRIKs Reaktion, die nicht so ganz zu solch einem scheinbar eindeutigen Sachverhalt passt - da muss noch mehr sein. Doch Nirka hat nicht die Absicht, das weiter nachzuhaken, wenn ALRIK Dinge, die ihn vielleicht entlasten könnten, verschweigt, dann ist das seine Sache, und es ist ihr auch egal, schließlich ist dieser Teil des Problems damit fast gelöst - lediglich eine wirkliche Bestätigung braucht sie von ALRIK noch, und davon abhängig muss sie sich eine Verwarnung oder Strafe ausdenken. Bleibt noch der andere Teil, nämlich das, was auf dem Oberdeck stattgefunden hat, und schließlich den Kapitän auf die ganze Angelegenheit aufmerksam gemacht hat.

"Gut", sagt Nirka dann nach einer gewissen Pause, in sie über derlei nachdenkt, "ALRIK, du gibts also zu, das getan zu haben, was Garulf dir vorwirft?"

Sie fragt das sehr ruhig, ohne jeden Vorwurf in der Stimme, und ihre grauen Augen, die so deutlich auf das nivesische Viertel ihres Erbes hinweisen, bleiben aufmerksam auf den Schiffsjungen gerichtet.

Sie verharrt in dieser Position, und spricht dann im gleichen Ton weiter:

"Und du, Garulf, bist für die Verwaltung des Süsswassers hier an Bord zuständig, denn das Salzwasser kann man ja nicht saufen, sehr richtig. Und, was meinst du, wer..."

Erst an dieser Stelle dreht Nirka den Kopf zu Garulf herum, und sie brüllt los:

"...WER HIER FÜR DIE BESTRAFUNG DER MANNSCHAFT ZUSTÄNDIG IST???"

Es ist erstaunlich, wie laut Nirka werden kann - diesen Satz kann man sehr sicher auch noch drüben auf den Uferstrassen Havenas vernehmen.

Erstmals ist jetzt auch ärger in ihrem Gesicht zu sehen, denn es hat sich ja rasch erwiesen, dass ALRIK in der Tat schuldig ist, und nichts zu seiner Verteidigung sagen kann oder möchte, und damit bleibt nur der zweite Punkt - nämlich das, was Garulf als Folge getan hat, und damit hat er genau das getan, was er ALRIK vorwirft, nur eben auf einer anderen Ebene, und diejenige, die dabei übergangen wurde, ist sie, Nirka Eiriksdottir.



Ahja, der Junge sagt nichts mehr dazu, gut so. Die Bezeichnung als "Neuer" entlockt Garulf dann noch ein kurzes Lachen ´Ich wör schon auffe Planken gestanden, da ham deene Elterns noch inne Koje gelegen ...´

Umso überraschender kommt jetzt der Vorstoß der Bootfrau - in seine Richtung! Etwas umständlich setzt er sich wieder gerade hin, während er sowas wie "südländischespraiotenpackallemiteinander" in seinem Bart grummelt, jedoch so genuschelt und thorwalsch, dass es weder ALRIK, noch Nirka verstehen kann. Er setzt zur Antwort an, als ihm klar wird, was hier gespielt werden soll und so spricht er es dann klar und deutlich aus:

"Sach ma, sünd wa hier bi de Praiospfaffen oder wat?"

Sein Tonfall verändert sich dabei auch von genervt auf verärgert. So wie Nirka hier mit ihm redet, sowas können vielleicht Vinsalter Stutzer und Garether Gecken tun, aber doch keine gestandenen Seeleute ...



Störrisch schweigt ALRIK. Er kann nicht nachvollziehen, was Nirka jetzt noch für eine Antwort von ihm haben will.

"Ich hab' nur getan, was zu tun war", murmelt der Schiffsjunge beleidigt. Jedoch geht diese Antwort fast unter, bei dem Gekeife Nirkas und in der ärgerlichen Antwort Garulfs.

Genugtuung findet ALRIK darin keineswegs, dass sich jetzt Bootsfrau und Schiffskoch uneinig sind. Der Ärger über den Schiffskoch nimmt jedoch mehr und mehr zu.



Es gibt einen wichtigen Grundsatz, der so ziemlich überall gilt, wo es um die Führung von Menschen in hierarchischen Strukturen oder Befehlsketten geht. Dieser besagt, dass man als Vorgesetzter nicht jemanden in Gegenwart von anderen, für die dieser jemand wiederum in gewissem Masse weisungsberechtigt ist, kritisieren oder gar zusammen schimpfen darf. Die Bootsfrau der NORDSTERN kennt diesen Grundsatz, und er alleine verhindert, dass sich eine absolut unkontrollierbare Tirade über den Schiffskoch ergießt, dessen Antwort so gar nicht zu dem passt, was sie erwartet hat.

Doch... es gibt noch einen zweiten Grundsatz, der insbesondere ihr sehr ans Herz gewachsen ist, und das ist eine zweite Ordnung, die mit der Hierarchie an Bord wenig zu tun hat: Nämlich die Ordnung, wer sich wie lange auf diesem Schiff befindet. Und in dieser Ordnung hat der Schiffsjunge vor dem Smutje einen großen Vorsprung, dessen er sich wohl auch bewusst ist, wie das "Neuer" verrät, das er benutzt hat.

So ist es auch ALRIK, der zuerst eine Antwort bekommt, um beiden Grundsätzen gerecht zu werden, und insbesondere, weil Nirka im Interesse des ersten Grundsatzes einfach eine kleine Pause braucht, ehe sie dem Smutje antworten kann. ALRIKs Worte waren zwar leise, aber Nirka hat sie dennoch mitbekommen, einfach, weil sie auf eine Antwort von ihm gewartet hat, und diese wiederum nicht so ausgefallen ist, wie sie erwartet hat - er widerspricht zwar nicht direkt, aber in den Worten ist ein Aufbegehren schon zu spüren.

"Was genau hast du getan, ALRIK, und warum?" Die Frage ist recht barsch gestellt, aber dennoch in einem halbwegs neutralen Tonfall, und ihr Blick ist wieder auf den Schiffsjungen gerichtet.

Ganz so, wie sie es gerade schon einmal getan hat, verharrt sie in dieser Stellung, und fährt fort, während sie ALRIK Zeit zum Überlegen lässt:

"Garulf, ich meine das ernst. Du verprügelst den Schiffsjungen, weil er etwas getan hat, was deine Aufgabe ist, und da wirst du sicher verstehen, dass ich es nicht dulden kann, dass du tust, was MEINE Aufgabe ist!"

Durch die Pause, die durch die weitere Frage an ALRIK entstanden ist, bekommt die Bootsfrau es fertig, den Tonfall recht ruhig zu halten. Nur... im Gegensatz zum letzten Mal wendet sie sich Garulf dabei nicht zu, sondern sieht die ganze Zeit den Schiffsjungen an.



´Nein, du darfst den Schiffsjungen nicht zusammenstauchen - nur ich darf den Schiffsjungen zusammenstauchen, außerdem muss der Kapitän erst zustimmen, wenn der Schiffsjunge zusammengestaucht werden soll und vorher muss der Praiospfaffe noch feststellen ob der Schiffsjunge überhaupt zusammengestaucht werden darf ... ne echte Praiotenbraut und sowat is Bootsfrau´, allmählich wird dem Smutje die ganze Geschichte zu bunt, zumal sich die NORDSTERN bedenklich schnell dem Kai und damit den Tavernen der Stadt Havena nähert.

"Ik häv den Jung doch nich verprögelt, ne Standpauke häb ich ihm halten, das wohl! Aber wenn du meenst, dann vertell ihm doch sölben wat der Unnerschied zweten Salt- und Sößwodder is!"

Seine Worten steigern sich allmählich in der Lautstärke und werden auch immer heftiger von Gesten begleitet. ´Blöde Sonnenpfaffenschnepfe!´



Nun fährt die Bootsfrau doch zum Schiffskoch herum, der schlicht das leugnet, was sowohl der Kapitän, als auch zwei Matrosen ausgesagt haben.

"Das habe ich aber SEHR anders vernommen, SMUTJE!"

Die Worte sind recht ruhig gesprochen, mit zwei Ausnahmen, bei denen eine gewisse Aggressivität im Tonfall kaum zu überhören ist.

Die Bootsfrau seufzt kurz, denn ganz offensichtlich ist ihre Absicht, die Angelegenheit zu einem sehr raschen Ende zu bringen, kläglich gescheitert. Vermutlich werden sie noch hier vorne auf dem Vordeck im Regen hocken, wenn die anderen längst in gemütlichen warmen Tavernen sitzen...

"Ich glaube außerdem nicht, dass es um den Unterschied gegangen ist, denn den weiß ALRIK ganz bestimmt, schließlich musste er oft genug bei Sören in der Kombüse helfen!"

Kurz huscht ein Gedanke durch ihren Kopf, dass das ganze einfach nur ein Missverständnis ist, das darauf beruht, dass Garulf mit seinen Vorräten ganz anders umgeht als der faule und träge Sören, der sein Vorgänger gewesen ist - vielleicht hat ALRIK ja einfach nur so gehandelt, wie er es immer getan hat? Doch sie schiebt den Gedanken zur Seite, denn das Problem harrt immer noch einer Lösung, und wenn diese wenigstens schon nicht schnell ist, so möchte sie sie auch nicht noch zusätzlich ausdehnen.

Die Worte, die sie an Garulf gerichtet hat, sind diesmal recht ruhig, doch das, was ALRIK dann sagt, peitscht ihre Erregung sofort wieder hoch, und sie dreht sich wieder ruckartig zum Schiffsjungen um. Nach dem, was sie bislang erfahren hat, hält sie ihn eigentlich immer mehr eher für ein Opfer als den Schuldigen, doch den Ton, den er jetzt ihr gegenüber benutzt, kann sie so nicht dulden:

"NEIN! Du erzählst mir jetzt, was passiert ist, warum du Wasser gebraucht hast, wer das angewiesen hat, wie du es dir geholt hast, warum du Garulf offenbar nicht um Erlaubnis gefragt hast, und was GARULF DANN MIT DIR GEMACHT HAT!"

Ihre Stimme wird immer lauter, und hat am Ende schon fast wieder Befehlslautstärke erreicht. Allerdings... es ist keine sich überschlagende Stimme, wie man sie oft hört, wenn Leute sehr laut werden, die das eigentlich nicht gewöhnt sind, sondern eine kraftvolle Stimme, die man auch bei schwerer See noch von einem Ende des Schiffes zum anderen hören kann.



NORDSTERN - Auf dem Weg zum Oberdeck: Fiana und Darian


Fiana ist in Gedanken bei ihrer letzten Nachtschicht, es sind diese erschwerten Bedingungen die sie reizen, bei Sternenklarem Himmel und ruhiger See kann ja fast jeder ein Schiff von A nach B bringen, aber wenn all diese wichtigen Orientierungspunkte wegfallen, es stürmt und die Nacht stockdunkel ist, dann ist das schon eher etwas nach ihrem Geschmack und sie ist Stolz das sie alle gemeinsam die NORDSTERN trotz des Wetters praktisch punktgenau nach Havena brachten. Darüber hinaus liebt sie es genau wie Jergan zu zeigen was alles in der NORDSTERN steckt und das ist einiges, wie man an der kürze der Reise wohl eindrucksvoll erkennen konnte.

Fiana entschließt sich dazu aufgrund des Wetters ihre Haare wieder zu einem langen Zopf zu flechten, dann klebt ihre lange Mähne nicht vom regen durchnässt im Gesicht. Da trägt sie ihre Warme und dichte Wetterjacke mit Kapuze sowie feste Stiefel und eine dicke gut vor nässe schützende Hose. So tritt sie aus ihrer Kabine und macht sich, nachdem sie selbige wieder verschlossen hat auf den Weg zum Oberdeck, wobei sie auf den Jungen Magus triff und diesen erst einmal grüßt.

"EFFerd, HESinde und die anderen zehn zum Gruße Magister Durenald"



Gerade am Fuße des Niederganges angekommen spricht ihn jemand von der Seite an. Es ist die Offizierin, die an dem Abend, als Darian an Bord kam ihren Tsatag feierte.

"Die Zwölfe zum Gruße", erwidert er deren Gruß, "doch nennt ich bitte nicht ´Magister´, ich lege keinen besonderen Wert auf Titel. Zudem steht mir dieser noch nicht einmal zu, ich bin erst Adeptus Minor", insbesondere der letzte Satz wird von einem Schmunzeln begleitet. Darian ist keineswegs verärgert, vielmehr belustigt es ihn, an seine Magierkollegen zu denken, die eifersüchtiger auf ihrem ´Magister´ ´Arcomagus´ oder ´Spektabilität´ bestehen, als so mancher Graf oder Herzog.



Freudig lächelnd gibt Fiana zur Antwort

"Nun dann ist es euch lieber wenn ich euch Adeptus nenne?"

An ihrer Mimik und ihrem Tonfall kann man eindeutig erkennen das sie eigentlich darauf wartet die gewünschte anrede von ihm selbst zu erfahren und das sie erfreut darüber ist einen Vertreter seiner Zunft gefunden zu haben der offensichtlich nicht auf verstaubte Titel besteht wie so viele seiner Kollegen.



"Nun, so ihr drauf besteht, dürft ihr mich natürlich Adeptus nennen", erwidert Darian lächelnd, "doch es genügt mir vollkommen, wenn ihr meinen Namen nennt." Gleich im Anschluss kommt der junge Magus auch gleich ins Grübeln. Er weiß, dass viele andere Leute sehr wohl auf ihren Titeln bestehen, was wenn die Offizieren dazugehört? Wie wäre dann die korrekte Anrede? ´Einfach Frau Offizierin? Es heißt ja auch Herr Kapitän ... hmmm´.



Nach ein wenig freundlicher blickt Fiana Darian an und erwidert dann auf seine Worte:

"Sehr gerne, ich bin eigentlich kein großer Freund von Titeln, ich bin Fiana"

Zur Unterstreichung ihrer Aussage streckt sie dem jungen Mann die Hand entgegen und blickt in seine Augen.



"Angenehm, Darian." Entgegnet der Adeptus schmunzelnd. Da er nicht weiß, ob die Offizierin noch etwas sagen will, bleibt er erstmal noch stehen. Mit einem Nicken beantwortet er die Grüße des Schiffsmagiers und des vorbeigehenden Offiziers, zu mehr reicht die Zeit kaum, so schnell, wie die beiden vorbei sind.

Um Fiana nicht einfach nur anzustarren, ergreift Darian schließlich die Initiative:

"Dann will ich mal an Deck gehen, mal sehen, ob wir schon in Havena sind."

Langsam erklimmt der junge Magus die Stufen zum Oberdeck.



NORDSTERN - Kabine O3: Ottam


Ottam ist froh um jede Minute die weniger vergeht weil die NORDSTERN gute Fahrt machte und jetzt wo sie bald im Hafen sein müssen ist es Zeit für ihn hinauf zu gehen, denn er hat in Havena einiges zu Organisieren, zuallererst mus er dafür sorgen, das seine Wahre hierher kommt und das so schnell wie irgendmöglich. Daher zieht er neben seiner üblichen Gewandung nur einen dicken schwarzen mit Silberwolffell besetzten Umhang über, der jedoch aus sehr dicker Wolle gefertig zu sein scheint und so der Nässe keine Chance lassen wird.

So verschließt er seine Kabine mehr als sorgsam um dann den Gang des Unterdecks entlang zu gehen.



Als Ottam den Niedergang erreicht ist er für seine Verhältnisse immer noch gut gelaunt. Am Niedergang entdeckt er Fiana und den Adeptus und nickt ihnen beiden im Vorbeigehen zu und murmelt ein unerwartet freundliches "Hesinde zum Gruße"

Beim Blick auf Fiana kommt ihm irgendwie der Gedanke das das Efferdwetter nicht unbedingt dazu geeignet ist Optische reize zu schaffen, oder besser gesagt, die Damenwelt verhüllt sich einfach zu sehr. Wieso er gerade jetzt darauf kommt weiß er selber nicht so genau, aber Fiana ist nun einmal recht hübsch und dem kann sich auch Ottam nicht gänzlich entziehen.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Kurs 'Südhafen'


Mit Kurs Süd-West treibt die NORDSTERN langsam durch das Hafenbecken, denn das Gross-Segel bringt in der momentanen Stellung kaum Vortrieb, zumal dieser Kurs für eine Karavelle schon recht hoch am Wind ist. Doch das ist auch gar nicht nötig, denn der Schwung des Schiffes ist noch gross genug, und das Segel killt in dieser Lage wenigstens nicht. Eine schnellere Fahrt wäre zudem nicht sinnvoll, denn der Weg bis zum Anlegeplatz mag jetzt vielleicht noch achtzig Schritt betragen.

Backbords am Bug ist der Matrose Trolske bereits entsprechend der noch vor der Zollbrücke gegebenen Weisung mit der vorderen Haltetrosse beschäftigt, am Heck zwei weitere Matrosen mit der hinteren.

Auf der Brücke gibt es nach den raschen Manövern der Umfahrung der Landspitze nun wieder recht wenig zu tun - der Kapitän hält das Steuer in der Neutralstellung, und der Lotse neben ihm starrt schweigsam auf das Wasser des Hafenbeckens hinunter - ebenso schweigsam wie der zweite Offizier Lowanger, der an der Steuerbordreling des Brückendecks steht, und seit der Einfahrt in den Großen Fluss kein Wort gesagt hat - wozu auch, denn er ist, ähnlich wie Jergan, schon so oft in Havena eingefahren, dass es einfach Routine ist.



NORDSTERN - Vordeck: Das 'Gericht' tagt...


Genug ist genug, das findet auch ALRIK. Nicht nur, dass Garulf ihm weiterhin ständig wie einen von minderbemittelten, von Hesindes Gaben benachteiligten Schiffsnarr darstellt. Er, ALRIK, sei also ein Süsswasserdieb, während der rechtschaffene Schiffskoch auf seinem Rachefeldzug, dem organisierten Süsswasserverbrechen Einhalt gebietet - und noch dazu ganz ohne Selbstjustiz in Form von Prügeln auszuüben. 'Von wegen! Wenn's nach dem Dicken gegangen wäre, dann würd' ich jetzt am Grossmast baumeln! Und übermorgen gäb's dann Schiffjungenragout, gut abgehangen....'

Aber wenn zwei sich gerade streiten, dann ist es klüger einfach die Klappe zu halten. Vor allem, wenn man nur ein Viertel des garulfschen Kampfgewichtes vorzuweisen hat.

"He! Kann ich jetzt gehen, oder was?" fragt ALRIK scheinheilig, denn bei dem Gebrülle hat sich jedwede zum Glück Schlichtungsabsicht erledigt.



In nahezu allen anderen Fällen wäre jetzt allerspätestens die Notwendigkeit gekommen, den Worten der Bootsfrau Folge zu leisten. Doch wie bei vielen Jungspunden, die ihre Grenzen ausloten und dabei oftmals über die Stränge schlagen, ist es auch bei ALRIK nicht anders mit der Einsicht und der Folgsamkeit.

ALRIK ist nicht einverstanden mit den Vorgehen Nirkas.

ALRIK ist wütend auf Garulf.

ALRIK ist störrisch.

'Weibergewäsch! Alles müssen sie ausdiskutieren. Schlimmer als Jezabella damals. Nein, ALRIK, wir müssen darüber reden. Sag was, ALRIK. Erkläre das, ALRIK. Die kapieren das einfach nicht! Das musste ja mal so kommen - denn der Bootsmann ist halt auch nur 'ne Frau...'

Wie heißt es so schön bei den Tobriern, wenn sie vor Wut überkochen: Jetzt ist der Bock fett!!!

Der Schiffsjunge blickt trotzig zur Bootsfrau. Ein bisschen mulmig ist ihm schon zumute, aber jetzt ist es sowieso zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Jetzt wird er die Angelegenheit durchziehen, wie er es für richtig hält. Außerdem kann er unmöglich Alkinoê in die Sache mit hineinziehen. Absolut ausgeschlossen! Basta!

"Nur weil er..." ALRIK deutet auf Garulf (immerhin noch besser als seinen Namen auszusprechen), "mich in die Pfanne haut, muss ich es ihm nicht mit gleichem vergelten. Ich habe nichts dazu zu sagen. Petzen ist was für kleine Mädchen."

'Und Garulf hat wohl heute seinen Rock an.'



Im Grunde ist die Bootsfrau davon ausgegangen, dass ALRIK ihr jetzt seine Darstellung der Geschichte präsentiert, aber sie wird sehr überrascht, eigentlich sogar extrem überrascht, so dass sie es nicht schafft, diesen Ausdruck des überrascht Seins zu unterdrücken - er ist ihrem Gesicht deutlich anzusehen.

ALRIK ist trotzig, das kann sie sehen und hören, aber aus seinen Worten spricht auch Stolz. Damit wächst für die Bootsfrau die Vermutung, dass da mehr gewesen ist, dass ALRIK für jenes "Vergehen", das der Smutje ihm vorwirft, wohl einen sehr guten Grund hatte, diesen aber nicht nennt, weil er dann gegen seinen Stolz den Smutje "verpetzen" würde. Etwas anderes würde wohl kaum zu diesem Verhalten passen...

Wieder einmal seufzt die Bootsfrau, denn die Sache wird wirklich immer komplizierter, komplizierter, als sie sich das vorgestellt hat. Wenn sie beide gleich gut kennen würde, wäre die Sache vermutlich recht einfach, aber so steht hier ALRIK, den sie schon deutlich länger kennt, als diese Fahrt, und auf der anderen Seite steht Garulf, den sie gerade einmal seit Thorwal an Bord haben, und mit dem sie auch nicht wirklich viel Kontakt hatte. Wenn das anders wäre... dann hätte es diese Situation vermutlich gar nicht gegeben, oder sie hätte keinerlei Skrupel, ALRIK einfach dazu zu zwingen, seine Version der Geschichte zum besten zu geben, aber so kann sie das nicht tun, denn es würde ihr zutiefst zuwider laufen. ALRIKs Stolz spricht von Mut, und Mut ist etwas, das sie hoch einschätzt.

"Das ist mutig, ALRIK", flüstert sie darum nur sehr leise, kaum hörbar, und eher an sich selbst gewandt, als an einen der beiden Kontrahenten.

Langsam reift in ihrem Kopf die Idee einer Lösung, doch jetzt dreht sie den Kopf wieder zu Garulf herum, um zu hören, was er zu ihrem Vorwurf, und vielleicht auch zu den Worten ALRIKs zu sagen hat.



Wann gibt diese Praiotin, die sich Bootsfrau nennen darf, denn endlich mal Ruhe? In diesem Leben wohl nicht mehr ...

Als Nirka seiner Darstellung widerspricht, obwohl sie nicht mal dabei war - wo war sie eigentlich den ganzen Tag? - wird Garulf noch ein wenig lauter:

"Ach ja? Wenn dat Bürschchen sone Mimose is, dann soll er doch zurück zu Muddern untern Rock! De See is nunma nix für Weicheier!"

Auch Nirkas zweite Feststellung wird ähnlich lautstark erwidert:

"Wenner weeß wat Söß- und Saltwodder is, denn verteel em mol wat der Unnerschied zweten nem Faß und nem Brunn is! Dat weeßer nämlich nich, das wohl!"

Die Bootsfrau indes scheint wenig Wert auf Garulfs Antworten zu legen, stattdessen wendet sie sich wieder dem Schiffsjungen zu, dessen Standpunkt die Bootsfrau offenbar wichtiger einstuft. Der Junge schweigt noch immer, mehr noch, nun behauptet er kaum noch indirekt Garulf sei kindisch. Diese Darstellung entlockt dem Smutje ein schallendes Lachen:

"Hahaha ... Du .. hahaha .. du halbe Portion ... hohoho"

Nirka kann sich jedenfalls glücklich schätzen, dass die NORDSTERN gerade im Hafen einläuft, was ihr die Möglichkeit gibt, die nächsten Tage an Land zu essen. Sie Täte gut daran, diese Möglichkeit zu nutzen, denn eine goldene Regel der Seeleute lautet: Verdirb es dir niemals mit dem Smutje, mit dem Kapitän kannst du dich zanken, aber nicht mit dem Koch ...



Die Bootsfrau der NORDSTERN hat es wirklich nicht einfach. Sie würde im Moment viel dafür geben, das Schiff im schweren Sturm steuern zu müssen, oder in einem Rondrikan im Ausguck zu sein und darauf zu achten, dass die Karavelle nicht gegen irgendwelche Felsen geschmettert wird. Doch... das Los der Bootsfrau ist es zuweilen auch, Dinge zu tun, die sonst eigentlich von Gelehrten verrichtet werden, die in warmen Stuben sitzen in alten Gemäuern, meist weit weg vom Wasser, und in denen die größte Gefahr darin besteht, dass ein Tintenfass zu Boden fällt und dem Gelehrten bei dem damit verbundenen Knall das Herz stockt.

In dem Fall, über den sie hier zu entscheiden hat, ist die Lage im Grunde recht einfach, wenn man die nüchternen Fakten betrachtet: Da ist der Schiffsjunge auf der einen Seite, der ein recht geringes Vergehen begangen hat, bei dem es sogar noch entlastende Umstände zu geben SCHEINT, die man in Erfahrung bringen könnte, wenn man es drauf anlegt. Und da ist der Smutje auf der anderen Seite, der seine Kompetenzen überschritten hat, und den Schiffsjungen selbst gezüchtigt hat, so dass es nötig war, dass zwei Matrosen ihn von dem armen Jungen trennen mussten. Beide "Vergehen" sind auf ihre Weise zwar schlimm - in dem einen Fall für das generelle Verhalten dem begrenzten Süsswasservorrat gegenüber, und im anderen Fall für das Verhalten der Mannschaft untereinander, aber dennoch sind es keine Katastrophen.

Doch Menschen und ihre Handlungen lassen sich eben nicht auf die nüchternen Fakten beschränken, da ist einfach mehr... die berühmte menschliche Komponente, und das macht es so schwer für Nirka. Sie könnte beide bestrafen, ALRIK aufgrund von Garulfs Aussage, und Garulf aufgrund der erwiesenen Züchtigung ALRIKs, für die es Zeugen gegeben hat. Aber ein gutes Gefühl hat sie bei der Vorstellung nicht, denn es würde sie irgendwie erbärmlich neben dem Mut dastehen lassen, den ALRIK aufbringt, um den Anfang der ganzen Geschichte nämlich nicht zu nennen. Aber auch der Schluss daraus, nämlich nur Garulf zu bestrafen, wäre nicht angemessen, denn was auch immer am Beginn von allem gestanden hat - ohne das wäre es wohl auch nicht zu diesem Zwischenfall gekommen, und da stellt sich dann wieder die Frage, wer welchen Anteil daran hatte...

Die Antworten des Smutjes reißen die Bootsfrau schließlich aus solcherlei unerfreulichen Überlegungen, und dafür ist sie ihm fast dankbar, auch wenn es den Konflikt wieder voll hochbringt.

Immerhin glaubt sie, jetzt einen Teil verstanden zu haben... für den THORWALER Garulf sind die Verhältnisse, was eine Züchtigung, und was eine Schlägerei ist, und wie hart man zupacken darf, wohl etwas verschoben... was angesichts seines Körperumfangs auch kein Wunder ist. Das wäre also noch zu klären...

Doch... Garulfs Worte machen Fragen an dieser Stelle und in diese Richtung einfach unmöglich, denn insbesondere sein letzter Satz spricht auch ihr thorwalisches Viertel an, und das nicht wenig.

Kalt sagt sie:

"Es erfordert keinen Mut, einen Jungen zu verprügeln, der sicher nicht einmal halb so schwer ist wie du, Garulf, aber es erfordert Mut, seiner Bootsfrau zu widersprechen, und das nur, weil ER DICH NICHT VERPFEIFEN WILL - UND DAS NACH ALL DEM! KAPIERST DU DAS?"

Wieder einmal wird die Bootsfrau ordentlich laut.

Sie holt tief Luft, um in gleicher Lautstärke weiter zu brüllen, stößt diese dann jedoch wieder aus, und dreht den Kopf kurz zu ALRIK, um das nachzuhaken, was ihr vor kurzem durch den Kopf gegangen ist.

"Und du bedenke, dass Mut zwar anerkennenswert ist, du aber dennoch auf meine Fragen ZU ANTWORTEN HAST! ALSO... wenn du Garulf nicht verpfeifen willst, dann sag wenigstens, ob du seine Züchtigung, die nun mal vor Zeugen stattgefunden hat, als 'Standpauke' siehst, oder eben doch als 'Prügelei'!"

Mitten im Satz wird die Bootsfrau zwar wieder lauter, aber sie fängt sich dabei auch wieder, vielleicht braucht sie ihren Atem ja noch...

Dennoch kommen auch diese Worte an ALRIK, insbesondere der zweite Teil, nicht freundlich, sondern in etwa im gleichen Ton, in dem sie üblicherweise Befehle gibt.



Jetzt fängt dieses Weib auch noch an Tatsachen zu verdrehen!

"ACH JA? FÜR WAT SOLLTER MICH DENN VERPFEIFEN, HÄ? ICH HÄB MI NICH AM SÖßWODDER VERGRIFFEN!!!"

Garulfs Stimme zeigt keine Spur von Zurückhaltung mehr, seine Worte donnern mit einer Urgewalt über das Deck, als gelte es die NORDSTERN allein durch den Schalldruck bis nach Brabak zu treiben. Die einfachsten Tatsachen nach Praiosdienerart auseinander zu puhlen ist ja schon schlimm genug, aber was Nirka jetzt veranstaltet das geht endgültig zu weit! Das grenzt ja schon an Vinsalter Intrigen und ist eines Seemanns und Thorwalers einfach unwürdig!



Nimmt denn das gar kein Ende mehr! Lang genug hat ALRIK sich beherrscht, doch jetzt ist es endgültig vorbei mit der Selbstbeherrschung. Garulf kann es einfach nicht lassen, immer wieder diese lauwarme Wassergeschichte aufzutischen, um seinen Wutausbruch zu begründen. Und obendrein entwickelt er eine wirklich kindliche Freude daran, ständig ihn und dann gewissermaßen auch noch seine Mutter (Boron sei ihr gnädig) zu beleidigen. Nicht zu vergessen kann es auch Nirka mit ihrer weibischen Neugier einfach nicht lassen, immer wieder herum zu stacheln und weiter zu bohren.

"STECK DIR DEIN SCHEISS SÜSSWASSER IN DEN ARSCH! DANN BEKOMMST DU ENDLICH DEN EINLAUF, DEN DU VERDIENST!" brüllt jetzt auch ALRIK los und blickt den Schiffskoch angriffslustig an. Die Gegenwart Nirkas ist ihm augenscheinlich egal, vielleicht hat er sie auch vergessen.



Graue Augen schwenken von Garulf blitzartig zu ALRIK herüber, und dann wieder zurück.

'Sind die beide total durchgeknallt?'

Sie hat keine Zeit, das jetzt zu durchdenken, und will das auch gar nicht. Situationen wie diese löst man nicht mit Denken, man wird im Grunde immer weiter getrieben, ohne dass man auch nur die Chance hat, kühl zu reagieren, wenn die Gefühle einen treiben.

Beide verstoßen gegen elementare Grundsätze, aber es ist Garulf, der sie als Person wieder einmal mehr trifft, denn sein Brüllen richtet sich gegen sie selbst, während das von ALRIK sich "nur" gegen den Smutje richtet, und ALRIK sie nur insofern reizt, als dass er als Schiffsjunge in ihrer Gegenwart nicht zu schreien hat - und seine Worte keinen wirklichen Beitrag darstellen.

So bekommt Garulf auch zuerst eine Reaktion, bei der Nirka sogar unbewusst einige Worte ALRIKs mitbenutzt - wie es eben ist, wenn man in einem heißen Streit Worte hört, und gleich zurück- oder weiter schleudert:

"VERGISS DEIN SCHEISS WASSER! DARUM GEHT ES SCHON LÄNGST NICHT MEHR, DAS HABEN WIR ABGEHAKT UND ICH WEISS, WAS DU DAZU GESAGT HAST, UND ALRIK HAT DA NICHT WIDERSPROCHEN! ES GEHT JETZT DARUM, WAS DU DANACH GEMACHT HAST! WILLST DU IMMER NOCH LEUGNEN, DASS DU HANDGREIFLICH GEWORDEN BIST?"

Nirka holt tief Luft, und dieses Mal geht es wirklich in gleicher Lautstärke weiter:

"UND DU", sie fährt zu ALRIK herum, "BRÜLLST HIER NICHT RUM, WENN DU SCHON NICHT MEINE FRAGEN BEANTWORTEST!"

Nirkas Blick geht wieder zu Garulf zurück, und dann fügt sie noch hinzu, das allerdings wesentlich leiser, fast in normaler Lautstärke:

"Und benehmt euch beide endlich mal wieder vernünftig!"

Allerdings klingen diese Worte wenig überzeugt... und Nirka kommt dabei auch nicht der Gedanke, dass sie selbst sich auch nicht wirklich vernünftig verhält im Moment.



Garulf denkt gar nicht daran sich zu beruhigen oder auch nur seine Lautstärke zu mindern.

"ICH LEUGNE GAR NIX, DU DREIHST HIER AN DE WÖRTERS RUM AS SON VINSALTER WASCHWEIB!! WENNS NICH UM WODDER GEHT, WORUM DENN!?!"

Dieser Satz ist nur deshalb nicht lauter als der vorherige, weil es schlicht nicht mehr möglich ist noch lauter zu brüllen. Aber in gewisser Weise hat Nirka ja sogar Recht: Es geht nicht mehr um Süßwasser, es geht vielmehr darum, dass eine Seefrau aus Riva sich aufführt wie eine Liebfeldische Intrigantin und eine Praiosinquisitorin in einer Person!

Die Bitte der Bootsfrau um Vernunft erreicht indes nicht mal sein Ohr, geschweige denn seinen Verstand, einfach fortgerissen von Wogen des Zorns ...



NORDSTERN - Auf der Brücke: Kurs 'Südhafen'


Der freie Anlegeplatz an der Nordseite eines etwas vor dem eigentlichen Kai gebauten Anlegers ist nun sehr deutlich vor dem Bug der NORDSTERN zu sehen, und der Kapitän lässt das Schiff noch ein wenig mehr anluven, was nun dazu führt, dass das Segel ganz kurz killt, ehe der Wind es von der verkehrten Seite trifft und es umschlägt. Wenn die NORDSTERN noch schnell wäre, würde das deutlich bremsen, so tut es das zwar auch, aber der Effekt tritt nicht so deutlich in Erscheinung.

Dreißig Schritt sind es vielleicht noch, als Jergan wieder gegensteuert. Platz ist nämlich im Grunde genug vorhanden, und so kann er unter spitzen Winkel anlaufen, und den restlichen Schwung dann mit den Haltetrossen abfangen.

Kurz blickt Jergan zu dem alten Lotsen, um zu sehen, ob dieser etwas einzuwenden hat gegen diese Art der Kurswahl, aber er sieht nur ein Grinsen auf dessen Gesicht, und als er den Blick des Kapitäns bemerkt, sagt er leise:

"Wenn Thorwaler loslegen, sind sie wirklich laut!"

Passenderweise sagt er das natürlich genau nach einer gebrüllten Bemerkung Garulfs.

"Das wohl", erwidert Jergan, "meine Bootsfrau schlichtet da gerade was, ich hoffe, sie hat das bald im Griff."

Der Kapitän dreht das Steuer bei diesen Worten wieder ein Stück, so dass das Schiff für das letzte Stück der Fahrt genau richtig liegt.



NORDSTERN - Vordeck: Das 'Gericht' tagt ...


So ist das also, alle dürfen brüllen bis die Stimmbänder vibrieren, aber er, der Schiffsjunge, natürlich nicht! Das passt ja mal wieder wunderbar ins Bild!

"ER SAGT AUCH, WAS ER WILL UND SO LAUT, WIE ER WILL! UND SONST VERSTEHT MICH HIER DOCH EH' NIEMAND! WILL JA AUCH KEINER!"

brüllt ALRIK. Momentan scheint sich die Situation so zu entwickeln, dass sich auch der Schiffsjunge nicht mehr den Mund verbieten lassen wird - und sei es nur im Bezug auf die Lautstärke.

"WORUM'S GEHT? WORUM'S GEHT? DU BIST DOCH VOLLKOMMEN PLEMPLEM, DU! WAS WARST'N VORHER, BEVOR DU HIER ANGEHEUERT HAST? KOCH IN'NEN NOIONITENKLOSTER?"



'Vinsalter Waschweib?' Erst im letzten Moment, schon fast nach dem Luftholen, bricht sie noch ab, weil ihr klar wird, dass es "nur" ein Vergleich war, aber kein direkter Angriff. Aber dennoch, auch eine Viertelthorwalerin kann man mit derlei ordentlich reizen, auch wenn insbesondere die mittelreichische Hälfte ihres Erbes tüchtig dagegenhält.

"DU SOLLTEST MAL DAS WASSER AUS DEINEN OHREN SCHÜTTEN, SMUTJE, UND ZUHÖREN! ES GEHT DARUM, DASS DU ALRIK GEZÜCHTIGT HAST, OHNE DAZU AUCH NUR DIE SPUR EINES RECHTES ZU HABEN! BEI EINER STANDPAUKE WÄREN WOHL KAUM ZWEI MATROSEN NÖTIG GEWESEN, UM DICH ZU STOPPEN!!!"

Nirka gönnt sich kaum eine Pause, um Luft zu schnappen, sondern macht gleich weiter, in ALRIKs Richtung.

"ICH WARTE SOGAR DRAUF, DASS DU ZU DER SACHE ENDLICH MAL WAS SAGST, SCHIFFSJUNGE, STATT DEN SMUTJE ZU BESCHIMPFEN. ICH KANN IHM AUCH OHNE DEINE HILFE KLARMACHEN, WAS ICH VON IHM WILL."

Ungeachtet der Lautstärke merkt man deutlich, dass die Bootsfrau sehr gereizt ist, und die Betonung der Dienstbezeichungen, die sie statt der Namen benutzt, unterstreicht das noch zusätzlich.



So, erstmal der Reihe nach. Der vorlaute Junge wünscht ihn zu den Noioniten? Der hat sich wohl nicht nur am Wasser vergriffen ...

"HALT DEN FRECHES MAUL!"

Ist das einzige, was ALRIK von Garulf zum Thema "Vorgeschichte" zu hören bekommt. Aber da macht die Bootsfrau auch schon weiter. Will sie nicht verstehen oder glaubt sie wirklich, was sie da verzapft?

"ZÜCHTIGEN, ZÜCHTIGEN - PAHH! ICH ZEICH DIR GLEICH WAT ZÜCHTIGEN IS!!"

Die Hände, die sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch ruhig vor der Brust verschränkt befunden haben, ballen sich nur zu Fäusten, bereit Holz und Knochen zu zertrümmern. Jedoch, noch macht der zornige Smutje keine Anstalten tatsächlich handgreiflich zu werden ...



"BITTE! BITTE! DANN WART' ICH HALT SO LANGE, BIS IHR EUCH GEGENSEITIG KLARGEMACHT HABT, WAS IHR WOLLT! IST MIR DOCH EGAL! ICH SACH' DA NIX MEHR ZU! HAUT EUCH DOCH DIE KÖPPE EIN..."

Demonstrativ verschränkt ALRIK die Arme vor dem Oberkörper und heftet seinen Blick an eine Häuserzeile, an der die NORDSTERN langsam in der Dämmerung vorbeigleitet.



Garulfs Worte haben fast die Wirkung, die sie vielleicht erzielen sollten, aber vermutlich mit einem etwas anderen Vorzeichen. Sie lassen die Bootsfrau nämlich erst einmal für einige Augenblicke sehr ruhig werden, während sie nachdenkt, was sie tun wird, falls Garulf tatsächlich gegen sie handgreiflich werden sollte. Das würde zwar seine Laufbahn auf diesem Schiff beenden, und vielleicht auch andere Konsequenzen haben, aber auch sie hätte ein sehr aktuelles Problem, das sie wohl nur durch Flucht oder einen Sprung über die Reling lösen könnte.

Nicht, dass Nirka nicht dazu bereit wäre, aber die mittelreichische Hälfte ihrer Person drängt immer stärker gegen das impulsive thorwaler Viertel - und erinnert die Bootsfrau nachhaltig an die Zukunft. Derlei Dinge eskalieren sehr schnell, und sie machen aus winzigen Anlässen furchtbare Dinge, die im Grunde keiner gewollt hat.

Dann kommen ALRIKs Worte, die sie sogleich wieder hoch peitschen, doch im gleichen Moment wird ihr mit einem eisigen Schauer bewusst, was für eine Wahrheit in den Worten des Schiffsjungen steckt, dass es wohl um ein Haar fast wirklich genau so losgegangen wäre, dass sie beide sich die Köpfe einschlagen. Nicht nur um ein Haar... die Gefahr ist immer noch da, doch es gehören zwei dazu... und das ist wohl die Möglichkeit, das ganze wenigstens etwas herunterzubremsen, denn sie möchte auf keinen Fall, dass der Kapitän womöglich noch eingreift - jedes Wort hat er ja ganz sicher verstanden bei dieser Lautstärke. Sie holt noch einmal tief Luft, und sagt dann sehr beherrscht:

"Garulf, ich hoffe, dass du langsam mal zur Vernunft kommst! Es geht hier längst nicht mehr um das Wasser, du hast gerade deine Bootsfrau bedroht, und ich denke, du weißt, was das bedeutet."

Es ist deutlich zu spüren, dass diese Beherrschung viel Kraft und Mühe kostet, dass Nirka im Grunde ihres Wesens am liebsten in gleicher Lautstärke zurück brüllen würde, doch sie spürt die Verantwortung immer mehr, denn wenn das hier wirklich handgreiflich wird, dann ist das schlimmer als eine Schlägerei zwischen zwei Mannschaftsangehörigen...

"Bist..." Sie bricht mitten im Satz ab, um den Smutje nicht noch mehr zu reizen, und insbesondere, um zu sehen, ob er auf den Versuch einer Beruhigung in irgendeiner Weise reagiert. Denn... Argumente haben wohl keinen Sinn, wenn ein Thorwaler richtig in Fahrt ist, das spürt sie an sich selbst ja auch immer wieder einmal, und dabei ist sie nur zu einem Viertel thorwalscher Herkunft.

Sie wendet sich nur ganz kurz zu ALRIK um, der sich abgewandt hat, so dass sie die zwei Worte, die sie in seine Richtung sagen wollte, auch erst einmal verschluckt...



Was muss man alles tun, um einen Thorwaler wirklich wütend zu machen? Ihn unmittelbar vor dem Anlegen zu einem Praiotenverhör aufs Vorderdeck zitieren und ihm somit die Aussicht auf einen baldigen Tavernenbesuch zunichte machen ist schonmal ein guter Ansatz. Kleinigkeiten hochschaukeln und seine Worte verdrehen, eignet sich sehr gut zur Steigerung seines Unmutes zum Zorn. Wenn man ihm jetzt noch die Schuld an der Eskalation - nein sogar an der ganzen Sache ansich - gibt, ja dann ist die Provokation perfekt! Nun gut, Garulf ist kein Swafnirskind, wie beispielsweise der Schiffszimmermann, aber auch in einem ganz normalen Thorwaler schlummert ein klein wenig Walwut ....

Garulfs Blick wird stechender und senkt sich auf die Bootsfrau hinab, die bereits geballten Fäuste spannen sich noch stärker, so stark, dass das weiße an den Knöcheln nun deutlich hervortritt. Wurde vorher gebrüllt, als gelte es einen ausgewachsenes Rondrikan zu übertönen, so tritt nun das totale Gegenteil ein - Stille. Kein Laut verlässt die Lippen des Smutjes, vielmehr haben sie sich zu einer harten Linie verschlossen. Stille herrscht - es ist die berühmte Ruhe vor dem Sturm ...



NORDSTERN - Oberdeck: Níalyn und Torin


Níalyns Gesicht und ihre braunen Augen nehmen Torins ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Die ganze Aufmerksamkeit?!? - Mitnichten!

Ob er will oder nicht, Torin ist gezwungen, dem lauten Gebrüll der Matrosen auf dem Vordeck zuzuhören. Noch ist er bester Laune und freut sich auf ein paar Tage mit seiner Liebsten in dieser Stadt. Noch! Doch wenn das Gebrüll auf dem Vordeck nicht bald endet...

"Du hat wirklich schöne Augen." flüstert er zärtlich.



Níalyn bemüht sich redlich, die Streitenden zu ignorieren - zu schön ist der Gedanke an die kommende Nacht und an Torin. Aber so langsam wird es auch ihr zu bunt! Ungeduldig blickt sie sich um und schaut dabei reichlich verärgert zu der kleinen Gruppe.

'So langsam reicht es! Kann nicht mal bald einer von denen über Bord geworfen werden? Dann ist vielleicht endlich mal Ruhe!'

Leise grummelnd wendet sie sich wieder Torin zu und versucht so auch weiterhin die brüllenden Mannschaftsangehörigen zu überhören. Zudem war da noch dieser verführerische Vorschlag von Torin, der nicht unkommentiert bleiben sollte.

"Danke für das Kompliment," raunt sie ihm zärtlich zu und nähert sich etwas, wobei sie ihre Arme um seine Hüften legt, "und ein Bad würde mir wirklich sehr zusagen. Aber ... was meinst du? Wer wird dann wohl heißer sein? Das Wasser oder du?"

Mit ihrem linken Auge zwinkert sie Torin kurz zu.



NORDSTERN - Oberdeck: Traviana


Traviana ist noch ein wenig in Gedanken, als sie das Geschrei an Deck hört. Sie sieht sich um, woher das wohl kommt.

'was haben die denn??? Sollen sich mal ein bisschen beruhigen...'

Traviana macht sich keine weiteren Gedanken darüber, sondern wendet sich wieder Perval zu...



NORDSTERN - Vordeck: Das 'Gericht' tagt ...


Stille... gefährliche Stille. Die Bootsfrau stößt sich ein wenig von dem Gehäuse der Rotze ab, an das sie sich gelehnt hat, um im Notfall genug Bewegungsfreiheit zu haben. Sie fürchtet sich nicht vor Garulf, denn sie ist schon mit weit gefährlicheren Situationen zurechtgekommen, ohne dabei Schaden zu nehmen, da ist der dicke Smutje keine wirkliche Gefahr. Kurz huscht die Erinnerung an Ole durch ihren Kopf, als er sich nach der Meuterei blind vor Wut auf sie stürzte, quasi in einen Blutrausch verfiel, und erst innegehalten hat, als ihn die Kräfte verlassen haben. Damals hat ihre Geschwindigkeit geholfen, und das wird sie diesmal sicher auch, wenn es wirklich dazu kommen sollte. Doch... sie kann sich nicht wirklich vorstellen, dass Garulf in einem ähnlichen Zustand ist wie der Schiffszimmermann damals, denn es ist weder Blut geflossen, noch gibt es einen offensichtlichen Grund einer Bedrohung. Und wenn doch... Nirka blickt sich wieder einmal rasch um - in dem Fall wäre die Sache wohl auch klar, und der Kapitän würde den Smutje auf der Stelle vom Schiff werfen, denn derartiges aus solchen Anlässen heraus ist eine gefährliche Bedrohung für das Schiff und die Mannschaft.

Nirkas graue Augen sind fest auf die des Smutjes gerichtet, und sie weicht seinem Blick nicht im geringsten aus, während sie versucht, zu verstehen, was genau ihn an ihren Worten weiter erregt hat. Im Grunde hat sie ja nur versucht, ihn zur Vernunft zu bringen, doch er fühlt sich anscheinend noch weiter angegriffen dadurch, dass selbst der Hinweis auf ihre Autorität nicht die geringste Wirkung zeigt, sondern ihn nur noch wütender macht.

Die vernünftigste Lösung wäre wohl, jetzt wirklich den Kapitän einzuschalten, denn wenn Garulfs Wut sich einfach zielgerichtet und sinnlos auf sie als Bootsfrau richtet, dann würde ein Tausch des "Ziels" wohl schon ausreichen. Doch im Moment geht das nicht, denn der Kapitän ist gerade mit dem Anlegemanöver beschäftigt, und selbst wenn das nicht der Fall wäre, Nirka hat auch ihren Stolz, und der besagt, dass sie mit jedem, der in der Bordhierarchie unter ihr steht, umgehen können muss.

Brüllen hatte keinen Sinn, die Erinnerung daran, was Garulf gerade tut, auch nicht... bliebe drohen... doch das wäre in etwa so, als wenn man Hylaier Feuer auf das Deck eines brennenden Schiffes kippt in der Absicht, den Brand zu löschen.

"GARULF!" Die Bootsfrau brüllt nur den Namen, aber das weniger in dem Ton, den sie zuletzt benutzt hat, sondern eher so, wie sie Befehle über das Schiff brüllt, in der Hoffnung, ihn so an seiner Wut vorbei besser zu erreichen.

"Du bist ein guter Smutje, aber wenn du nicht in der Lage bist, deine Wut zu zähmen und dich zu beherrschen, wenn ein Vorgesetzter mit dir redet, dann hast du an Bord dieses Schiffes NICHTS verloren!"

Nirka sagt das wieder ruhiger, auch wenn ihre Muskeln dabei auf das äußerste angespannt sind, denn ihr ist das kritische Potential dieses Satzes sehr wohl bewusst, insbesondere in dieser Situation. Wenn sie mit dem Smutje alleine wäre, hätte sie vermutlich angesichts der Nichtigkeit des Ausgangsproblems versucht, nachzugeben, um Garulf zur Besinnung zu bringen, das kann sie jedoch jetzt, wo die halbe Mannschaft Zeuge ist, unmöglich tun.

So blickt sie nur kurz in ALRIKs Richtung, der wohl als einziger der Mannschaft dicht genug steht, um im Falle einer Eskalation im Gefahrenbereich zu sein - auch wenn sie für ihn keine Gefahr sieht, denn solche Wut ist meist sehr wenig nachtragend, und stets auf den gerichtet, der sie in der jeweiligen Situation direkt hochgejagt hat.

Das eigentliche Problem, was diesen Zank überhaupt ausgelöst hat, nämlich der Vorfall mit dem Wasser, ist aus Nirkas Gedanken im Moment fast vollkommen verdrängt, denn das andere Problem ist viel gefährlicher.



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan


Eines der schrecklichsten Dinge, die einem Schiff passieren können, ist wenn plötzlich aus heiterem Himmel ein Rondrikan über das Deck peitscht.

Efferdan hatte vorhin wohl bemerkt, dass die Bootsfrau den Smutje und den Schiffsjungen vorne auf dem Vordeck getroffen hat, doch hat er dem nicht viel Beachtung geschenkt. Sicher würde es um die Sache gestern gehen, zwischen dem Smutje und dem Schiffsjungen. Schrecklich so etwas, aber doch eine Sache, die vorkommt und die sicher schnell erledigt sein wird.

Falsch gedacht!

Wie ein Sturmwind peitschen laute Worte über das Deck, übertönen die feierliche Ruhe eines einlaufenden Schiffes. Wie eine riesige Sturmflut rollen sie heran, bereit, Masten zu knicken, Segel zu zerfetzen, Menschen nieder zu reißen.

Bei den ersten lauten Worten war Efferdan zusammengezuckt, hatte sich ängstlich und verstört zum Vordeck gedreht. Was war da los?

Was soll das?

Schäumende Wogen aus urtümlicher Gewalt...

Efferdans Augen erfassen - weit aufgerissen - das Bild auf dem Vordeck. Die brüllende Bootsfrau, den brüllenden Smutje und - den brüllenden! Schiffsjungen!

Machtvolle Stärke gewaltig und zerstörerisch, hernieder schmetternd auf winzige Punkte gefangen in tosender Urtümlichkeit...

`Wie?`

Wut scheint aus den Worten zu sprechen, urtümlicher Zorn, blanker Hass - vergiftet die Umgebung, färbt die Erhabenheit des Einlaufens blutig rot.

Blankes Entsetzen spricht aus Efferdans Gesicht, schützend presst er die Hände auf die Ohren. Nichts hören von dem Zorn, von der Wut, der Gewalt, dem Hass... Doch, es ist vergeblich. Noch immer branden sie heran, nur ein wenig geschwächt von dem Wall aus Fleisch und Blut...

`Warum? Wie können Menschen nur so miteinander umgehen? Sie gehören doch alle zum Schiff?`

Zitternd hofft der blasse Matrose, dass es enden möge, dass das alles nicht wahr ist. Es kann nicht sein! Tränen glitzern feucht in seinen Augen. Für einen Moment hat er ein fürchterliches Bild vor Augen. Ein rotes Rinnsal, dass sich langsam seinen Weg herab bahnt, eine flammende Spur hinterlässt, zäh alles unter sich begräbt. Ein Meer von Blut, brennend vor Wut und Hass. Tropfen die Leben spenden sollen einfach vergeudet, hinfort gespült. Wie damals, bei der Meuterei. Blanker Zorn...

Doch da, plötzlich --- Stille! Ist es vorbei? Kann es das sein? Oder ist es nur die Ruhe kurz vor dem Moment, da die titanische Faust in ihrem grenzenlosen Zorn ausholt um alles unter sich mit urtümlicher Gewalt zu zerschmettern?

Und über all dem schwebt der feine Nieselregen, trüb, kalt. Ein Vorbote kommender Betrübnis?



NORDSTERN - Auf der Brücke: Kurs 'Südhafen'


"SEGEL EINHOLEN!"

Sicherheitshalber brüllt der Kapitän diesen Befehl über das Deck, denn er will nicht, dass das Gebrülle vom Bug unter Umständen seinen Befehl übertönt.

Auf dem Oberdeck machen sich einige Matrosen sogleich daran, dies auszuführen, doch es ist klar, dass es sicher nicht fertig wird, bis das Schiff anlegt. Aber... das ist auch nicht schlimm, und genau so geplant, denn schon jetzt erzeugt das Segel keinen Vortrieb mehr, so dass der genaue Zeitpunkt des Einholens in keiner Relation zum Anlegen steht.

Die NORDSTERN läuft indes weiter in einem recht spitzen Winkel auf den Anleger zu, genau auf die Stelle, die der Lotse genannt hat. Jergan wartet kurz, dann dreht er das Steuer bis zum Anschlag nach Steuerbord.

Das Ruderblatt drückt das Heck der Karavelle herum, und dann ist der Anleger parallel zum Schiff, und die Restgeschwindigkeit fast aufgehoben.

Es knirscht leise, als der Rumpf gegen die Fender stößt, und dann gleitet die NORDSTERN nur noch ein ganz kleines Stück weiter, während die Matrosen mit den Festmachleinen schon über Bord springen.

Havena, da sind wir!



NORDSTERN - Vordeck: Das 'Gericht' tagt ...


Ruhig, ja beinahe unbeteiligt steht ALRIK da und tut derweil so, als beträfe ihn die ganze Angelegenheit nicht mehr. Ein kaum spürbarer Ruck geht über das Schiff, als es schließlich anlegt und der Weg in die Stadt frei ist - jedenfalls für alle anderen Leute.

ALRIK war schon einmal kurz in Havena, nämlich auf der Hinfahrt nach Riva, als man auch in diesen Hafen einlief. Die Stadt ist gross, die Stadt ist unglaublich interessant - und im Moment wohl auch unerreichbar.

Dem Smutje sei Dank!

Trotzdem lauscht er - und dafür muss er sich gar nicht gross anstrengen, laut genug ist es ja - immer noch dem hitzigen Wortgefecht, bei dem allen Anschein nach bald nicht nur mit Worten sondern auch mit Fäusten gesprochen wird.

Ein leises "PAH!" erklingt in der Stille, ein unbestimmter Kommentar, der möglicherweise den letzten Bemerkungen der Streitenden oder aber ALRIKs Gedanken zugeordnet werden könnte.



Worte erreichen Garulfs Ohr, die Worte Nirkas. Zwar fällt der Bootsfrau immer noch nichts besseres ein, als auf ihren Stand zu pochen, einen Stand, der ihr aus Garulfs Sicht kaum zusteht. Eine Bootsfrau, die sich aufführt wie ein hysterisches Waschweib - was dem Smutje da von Sigruns Bergung zu Ohren gekommen ist, ist da auch ziemlich eindeutig - hat aus Sicht des Thorwalers einen solchen Posten einfach nicht verdient. Doch leider hat sie ihn nunmal, daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie ihn wohl nur dadurch bekommen hat, dass sie beim Kapitän in die Koje gekrochen ist.

"Gut, du büst de Bootsfru", mühsam presst der Smutje diese Worte hervor, sie lassen keinen Zweifel daran, dass er ihr zwar nicht mehr die Authorität, aber immer noch die Kompetenz abspricht. Er löst die Fäuste und läßt die Arme wieder sinken, dann hebt er den rechten Arm erneut, diesmal mit ausgestrecktem Zeigefinger:

"Aber lass uns nu Klartext vertellen un nich weiter anne Wörters rumtüddeln, wie annem verhedderten Tau ..."

Garulf ist noch immer aufs äußerste gereizt, doch er ist zum Reden bereit.



Langsam nickt Nirka, und dabei macht sich eine Spur von Erleichterung breit, auch wenn ihre Anspannung nicht im geringsten nachlässt. Die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation ist für das erste gebannt, und damit das eigentliche Problem wieder da.

Kurz überlegt sie, was denn eigentlich die letzten Worte waren, ehe das Ganze laut und gefährlich wurde, doch das einzige, was ihr einfällt, ist ihre Frage an den Smutje, ob er gegen ALRIK handgreiflich geworden ist. Gut... in dieser Frage bedarf es wohl nicht einmal der Zeugen, die es dafür ja gegeben hat, nach den letzten Minuten ist es Nirka vollkommen klar, dass dem so gewesen ist - so gewesen sein muss. Es steht wohl außer Zweifel, dass ein wie auch immer motivierter Zugriff des Schiffsjungen auf die Süsswasservorräte vollkommen ausreicht, um den Smutje mindestens genauso zu reizen, wie das gerade eben der Fall war, und das erklärt den Rest dann auch. Also...

Doch zuvor drängt sich ein leises "Pah" in ihre Erinnerung, ausgesprochen noch vor den letzten Worten des Smutjes - ALRIK ist natürlich auch noch da, und sie ist ihm fast dankbar dafür, dass seine recht freche Bemerkung doch geholfen hat, um sie noch einmal zu bremsen. Aber dennoch - diese Dankbarkeit ist etwas, das sie niemals zeigen wird, wäre das doch ein fast schon öffentliches Eingeständnis einer eigenen Schwäche und eines gefährlichen Beinahe-Fehlers.

"Also gut. ALRIK, Havena kannst du dir nachher angucken, jetzt lasst uns das mal weitermachen."

Die Bootsfrau macht eine kurze Pause, während der sie ihre Gedanken sortiert, und sich insbesondere wieder mit der Frage konfrontiert sieht, wie genau sie jetzt entscheiden soll. Und... nicht ganz zum ersten Mal, aber zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit, macht sich ärger über den Kapitän in ihr breit, der sie mit derlei beauftragt. Warum musste das auch genau unter dessen Augen passieren... so, wie die beiden sich benehmen, hätte es nie jemand erfahren, wenn es irgendwo in den Tiefen der Laderäume passiert wäre.

"Du, ALRIK, hast also für irgendeinen, vermutlich bedeutsamen, Zweck Süsswasser gebraucht, und das einfach genommen, statt Garulf danach zu fragen. Und du, Garulf, bist ALRIK daraufhin gefolgt, und hast ihn deswegen zur Rede gestellt, und das wohl auf die etwas härtere thorwaler Art. Und das..."

Nirka hält an dieser Stelle inne, als würden ihr Schuppen von den Augen fallen. WO hat die "Prügelei" stattgefunden, deren Aufklärung der Kapitän ihr befohlen hat? Direkt neben dem Grossmast, an der Wand des Heckaufbaus! Wohin kann ALRIK das Wasser also nur gebracht haben? Möglichkeiten gibt es da nicht viele...

Die Bootsfrau merkt, dass sie mitten im Satz gestockt hat, und fährt darum rasch fort:

"...und das haben dann die beiden Matrosen beendet, und der Kapitän hat euch befohlen, damit zu mir zu kommen. Stimmt das so?"

Ihr Blick huscht zwischen beiden hin und her, versucht, sie beide zu fixieren.

Ihre Gedanken indes drehen sich weiter um das, was ihr gerade eingefallen ist, nicht, dass es eine größere Rolle spielen würde, aber es könnte in dem Zusammenhang durchaus wichtig sein, auch wenn es nicht zur Lösung beitragen kann, denn Fahrgäste werden bei internen Auseinandersetzungen der Mannschaft schon aus Prinzip nicht hinzugezogen.



´Na bitte, es geit doch´ endlich kommt die Boostfrau mal zum Punkt. Warum nicht gleich so? Dann könnten sie jetzt schon alle zusammen in der Taverne sitzen, jetzt wo die NORDSTERN am Kai liegt.

"Jo, so wa dat", antwortet er, wobei er sich lediglich auf den zweiten Teil bezieht, was ALRIK mit dem Wasser angestellt hat weiß er schließlich nicht. Seine Stimme hat jetzt wieder den grummeligen Tonfall angenommen, den sie zum Beginn des Gesprächs hatte. Der Zorn, der noch vor wenigen Sekunden die Bootsfrau der NORDSTERN bedrohte, scheint erstmal verraucht ...




Die Bootsfrau reagiert mit einem knappen Nicken auf Garulfs Bestätigung, während ihre Gedanken sich immer noch um ihren Einfall drehen. Doch... inzwischen macht sich in ihr auch eine kleine Spur der Erleichterung breit, denn die Angelegenheit scheint jetzt wirklich in vernünftige Bahnen zurückzufinden, was zwar das Grundproblem noch nicht löst, aber wenigstens eine Basis schafft, es überhaupt anzugehen. So gibt es außer dem Nicken von ihr erst einmal keine Reaktion weiter, sondern sie wendet sich ALRIK zu, um zu hören, ob er ihre Darstellung so auch bestätigt.



Mit unverändert grimmiger Mine dreht ALRIK sich jetzt wieder um.

"Natürlich habe ich ihn gefragt - und ich habe ihm auch gesagt, wofür ich es brauche", stößt er mühsam und mit seltsam ruhiger Stimme hervor. Wenn des Schiffskochs Wut sich entladen hat, schön und gut. Aber der Zorn des Schiffsjungen ist längst noch nicht verraucht.



ALRIKs Antwort zieht die Aufmerksamkeit der Bootsfrau unwillkürlich in die Richtung des Schiffsjungen, denn DAS hat sie so nicht erwartet, sie hatte gedacht, dass er seine Schuld in dieser Frage bereits eingestanden hat. Doch... sie denkt kurz nach - gesagt hat er das in der Tat nicht, das ist lediglich ihre Interpretation des Nichtsagens, die natürlich nicht zutreffen muss.

"Du hast also gefragt", sagt sie, direkt an ALRIK gewandt, "und wo ist dann das Problem? Oder hast du nicht auf seine Antwort gewartet?"

Das würde zumindest das übrigen Verhalten erklären...

Kurz huscht Nirkas Blick zu Garulf, ob dieser dazu etwas zu bemerken hat, dann sieht sie wieder den Schiffsjungen an.



"Er hät nich socht woför!" ruft der Smutje wieder etwas lauter, als ALRIK die Sache so eindeutig falsch darstellt. Da es nunmehr unvermeidbar geworden ist, setzt Garulf zu einer etwas ausführlicheren Erklärung des wahren Verlaufs an:

"Er kom eenfach in de Kombüs runner un sächt ne Landratte will Wodder, keen Wort woför. Wenn jemand Wodder zum Waschen ham will, denn soller gefälligst Saltwodder nem, dat tuts doch allemol. Un as ich frogt hab ob´s Sößwodder sien mut, da reißt mir der Bengel glatt den Krog usser Hand und verschwindet eenfach mit de hübschen Landratte, das wohl!"



Nimmt das denn nie ein Ende? Warum nur kann sie einfach nicht Ruhe geben? Soll sie doch einfach sagen, was zu tun ist und dann hat sich die Angelegenheit. Das Lagerdeck fegen, die Messe wischen oder die Planken des Unterdecks schrubben... ist doch einerlei! Ob nun jetzt oder in ein paar Tagen - er würde es sowieso tun müssen.

"Nein", meint ALRIK daher nur knapp und gewissermaßen damit auch wahrheitsgemäß. "Nein, hab' ich nicht."

Soll sie doch verdammt noch mal machen, was sie für richtig hält. Es ist ohnehin nicht wichtig.... ein Gedanke hält unvermittelt Einzug in ALRIKs Geist, formt sich dort zu einer Idee und wandelt sich langsam zu einer Entscheidung, die dem Schiffsjungen nach und nach immer besser gefällt. Ja, es ist wohl das beste so.



ALRIKs Eingeständnis lässt die Bootsfrau lediglich nicken, und drängt ihr gleich eine weitere Frage auf, doch da widerspricht Garulf bereits dem ersten Teil der Darstellung des Schiffsjungen, und spuckt dann endlich einen Teil der Vorgeschichte aus.

'Also doch die Suite! Und die hübsche Landratte, das ist dann natürlich Alkinoe!'

Plötzlich passen die Bausteine des Puzzles, und auch noch ein weiterer fällt der Bootsfrau dunkel ein: Stand nicht Alkinoe gerade in dem Moment vor der Kombüse, als sie mit Sigrun die Messe verlassen hat? Hat nicht der junge Adeptus sie gebeten, Platz zu machen? Doch damit...

Nirka holt noch einmal tief Luft, dann beginnt sie, leise und sehr ruhig:

"Also, Garulf: Dies ist ein Schiff, das Fahrgäste transportiert. Die Erfüllung von Wünschen dieser Fahrgäste ist extrem wichtig, und hat Vorrang vor vielen anderen Dingen. Insbesondere die grosse Suite am Heck, in der auch die junge Dame Shilaiellys wohnt, die du wohl mit 'hübsche Landratte' meinst, ist dabei besonders vorrangig und wichtig! Es ist im Grunde schon eine Schande, dass Frau Shilaiellys selbst bis zur Kombüse kommen musste, um Wasser zu holen, aber das hängt vielleicht damit zusammen, dass oben alle noch mit der Bergung beschäftigt waren."

Die Bootsfrau bringt es an der Stelle fertig, so neutral über die Bergung Sigruns zu reden, als hätte sie daran keinerlei persönlichen Anteil.

"Die Erfüllung ihres Wunsches ist also eine Pflicht eines JEDEN Angehörigen dieser Mannschaft, und wenn sie ALRIK um einen Krug Wasser gebeten hat, dann bekommt sie den ohne jede Diskussion. Wofür sie das braucht, geht dich nichts an - du kannst dir vermutlich selbst denken, dass die Herrschaften aus der Suite wohl kaum in einem Krug baden wollen, die sind anderes gewohnt. Du kannst höchstens mich oder den Kapitän darauf hinweisen, wenn du den Eindruck hast, dass sie verschwenderisch mit dem Wasser umgehen, und das ist ja wohl kaum der Fall, wenn sie zur Frühstückszeit einen Krug Wasser haben wollen."

Noch einmal hält Nirka inne, überlegt kurz, und sagt dann, an ALRIK und Garulf gewandt:

"Es ist richtig, dass ALRIK besser auf deine Antwort hätte warten sollen, aber das spielt nicht die geringste Rolle, denn der Wunsch der Frau Shilaiellys hätte in jedem Fall über deinen Einwänden gestanden, Garulf! Zudem kannst du ALRIK durchaus zutrauen, dass er einschätzen kann, ob Salzwasser es auch getan hätte."

Nach diesen Worten schweift der Blick der Bootsfrau wieder abwechselnd über die beiden Kontrahenten.



Der Smutje schlägt die Hände über dem Kopf zusammen:

´Heiliger Pottwal! Wat förn Landei und sowat is Bootsfru!´

"Mit dem Sößwodder hat man sporsam zu sien! Uf jem anner Kahn wirste gekielholt, wenn de so mir nix, dir nix dat Zeuch anne Landrattens verteiln tust! Dat kanns mir globen, ick häf schon aufe Planken gestanden, da hast du noch inne Windel geschiettert! Wie büst DU bloss Bootsfru geworn?"

Garulf rechte Hand ballt sich erneut zur Faust, doch benutzt er diese ´Waffe´ diesmal nur zu einem kräftigen Hieb auf die Planken des Vorderdecks. Planken können ja auch nicht auf ihre unrechtmäßigen Posten pochen, Planken sind das einzige, was jeder, wirklich jeder an Bord, mit Füßen treten darf. Die Frage nach Nirkas Beförderung ist für Garulf natürlich längst geklärt: Auch der Kapitän ist nur ein Mann und hässlich ist Nirka nicht ...

Garulf setzt die Lehrstunde in ´Grundregeln des Schiffsbetriebs´ fort:

"Ne Landratte weeß doch nich, wann man Sößwodder bräucht un wos Saltwodder tut, sölbst wenns der Kaiser von Gareth is! De Landrattens mut man schützen vor ihre eegene Doofheit, dat sin doch de ersten de umkippen wen nix mehr do is, das wohl! Der Junge wird se och nich gefrogt ham, so wie die ihm schöne Augens gemocht hat, das wohl! Un wenn IK nachfrog, denn hat der Bengel sich nich eenfach n Krog zu schnappen un wechzulofen!!!"

Ein erneuter Fausthieb trifft die unschuldigen Steineichenbretter ...



Nirkas Blick huscht kurz von ALRIK weg zum Smutje, und mit einem fast schon eisigen Unterton sagt sie:

"Wenn du mit mir als Bootsfrau nicht einverstanden bist, dann geh zum Kapitän und sag dem das. Was das Wasser betrifft: Das nächste Mal hör zu, wenn ich etwas erkläre. Unsere Fahrgäste ZAHLEN für die Reise, und ein Krug Wasser für drei Personen in der Suite sollte doch wohl angemessen sein, ja?"

Auch wenn diese Frage primär an Garulf gerichtet ist, bleibt Nirkas Aufmerksamkeit dennoch ALRIK gewidmet, denn dessen Reaktion interessiert die Bootsfrau im Moment fast noch mehr als Garulfs Angriffe auf sie.



"Das hat sie gar nicht gemacht!" keift ALRIK los und stemmt die Arme vor Empörung in die Seiten. Der Schmerz in der rechten Schulter ist vorerst mal wieder vergessen.

"Und rede nicht so abfällig von ihr. Sie ist eine Edeldame und nicht so eine..."

'Schlampe, wie deine Mutter... - besser nicht sagen - Straßendirne, die du im Hafen besuchst... - besser auch nicht sagen -'

ALRIK stockt, denn irgendwie hat er jetzt den Faden verloren und weiß noch nicht so recht, wie er den Satz halbwegs versöhnlich ausklingen lässt.

"nicht SO eine, eben."

"Und außerdem ... außerdem segeln wir nicht nach Güldenland, so dass wir Wasser rationieren müssten," fügt ALRIK noch verteidigend hinzu.



Nirka seufzt wieder einmal, als der Tonfall des Streits wieder einmal härter zu werden droht. Es wird wohl wirklich Zeit, dem ganzen mal ein Ende zu setzen - nur einfach ist das wirklich nicht...

Kurz denkt die Bootsfrau nach, dann sagt sie:

"Also... Garulf hat recht damit, dass die Süsswasservorräte von hoher Wichtigkeit sind. Es ist dabei egal, ob wir nach Güldenland fahren, oder nur zwanzig Meilen in den nächsten Hafen - EFFerdsLaunen sind für uns Menschen nicht vorhersehbar, und leicht wird eine Fahrt von einem Tag zu einer wochenlangen Irrfahrt."

Bei diesen Worten hat sie im wesentlichen ALRIK angesehen, nun schwenkt ihr Blick zu Garulf:

"ALRIK hat aber auch recht. So DARFST du nicht von unseren Fahrgästen reden, und ihnen insbesondere nicht derartige Absichten unterstellen! Wenn ALRIK deine Antwort nicht abgewartet hat, weil er den Wunsch oder Befehl eines Fahrgastes schnell ausführen möchte, dann ist das nicht okay, aber auch nicht sehr schlimm, denn an dem Umstand hätte es sicher nichts geändert. Und ein Krug Wasser ist auch kein hoher Preis, wenn es EINMAL vorkommt."

'So... schöne Worte, aber keine Lösung...'

"Sind wir uns soweit einig?"

Während sich im Kopf der Bootsfrau langsam eine Idee formt, blickt sie erst einmal wieder die beiden Kontrahenten an, welche Wirkung ihre Worte zeigen.



"Ja."

Einsilbig stimmt ALRIK zu. So langsam ist der ganzen Angelegenheit ja wirklich nichts mehr hinzuzufügen. Während das Schiff endgültig anlegt und auch schon die ersten Passagiere wieder an Bord zu kommen belieben, fällt ALRIK bei der Erwähnung von 'Wünschen von Fahrgästen' gleich noch siedend heiß ein plötzliches Versäumnis ein.

'Die Kleidung vom Comte! Die hängt noch immer zum Trockenen im Laderaum Vier! Oh, nein, das wird schon wieder ärger geben!'

Ungeduldig tritt ALRIK von einem Fuss auf den anderen...



Die Bootsfrau nimmt ALRIKs "Ja" mit einem knappen Nicken zur Kenntnis, dann richten sich die nivesischen Augen wieder auf Garulf.

Ihre Gedanken drehen sich weiter darum, wie genau sie in diesem verzwickten Fall verfahren soll, denn selbst wenn jetzt - vielleicht, schränkt sie sich ein - Einigkeit herrscht, so muss SIE dennoch eine Entscheidung fällen, und auch über so etwas wie Strafen befinden.

Und das ist noch wirklich nicht sicher... sicher ist sie sich nur darin, dass sie all die Brüllerei des Beginns dieser "Diskussion" wohl besser vergessen wird, denn wenn sie sich selbst gegenüber ganz ehrlich ist, trifft sie auch eine Schuld, dass es dermaßen eskaliert ist. Und die Gründe dafür sind... vorsichtig ausgedrückt... recht vielschichtig.

Doch... ehe das relevant wird, müssen die Wogen erst einmal weiter gesenkt werden, und da ist sie sich bei dem Smutje noch nicht wirklich sicher.



Jetzt verharmlost diese ´Bootsfrau´ das Süßwasserproblem mit der Begründung, die Passagiere zahlten ja dafür. Sie hat natürlich vollkommen Recht, schließlich kann man ja auf hoher See jederzeit einen Brunnen aufsuchen und auch zum nächsten Markt ist es nicht weit. Das Gold selbst mundet natürlich ebenfalls vorzüglich. Garulf verdreht die Augen Richtung Alveran.

"Großer EFFerd..." beginnt er noch leise hörbar sein Stoßgebet ´wie konn sie bloß Bootsfru sien? De versteit jo genauso wenig vonne Seefohrt as ne Hafendirne!´ Ein recht treffender Vergleich, steht eine Frau, die nur um Bootsfrau zu werden, zum Kapitän unter die Decke kriecht, seiner Ansicht nach kaum höher.

Immerhin scheint Nirka nun einzusehen, dass Garulf einfach der fähigere Seemann ist und lenkt in der Frage, wie wichtig Süßwasser ist ein. Garulf kommt gar nicht dazu, etwas zu erwidern, da redet die Frau auch schon weiter. Sie redet vom Umgang mit den Passagieren, ganz so wie der ´Offizier für Landrattenangelegenheiten´ wie Garulf ihn damals genannt hat, auf der Esmeralda. Allerdings war die Esmeralda auch ein Schiff, das ausschließlich dazu diente, Landmenschen heil übers Meer zu bringen. Die NORDSTERN dagegen hat nur wenige Passagierkabinen und eineinhalb Decks für Fracht. Nun gut, welchen Zwecken die NORDSTERN dienen soll, dass ist wohl jetzt kaum Gesprächsthema und die inkompetente Bootsfrau kaum Gesprächspartner. Außerdem ist es unwichtig, ein Schiff muß vor allem anderen eines tun: Schwimmen.

Wichtig ist jetzt auch etwas ganz anderes: Die Karavelle liegt bereits seit mehr als ein paar Augenblicken vertäut im Südhafen Havenas, die Planke liegt aus, der Weg zu den Tavernen der großen Hafenstadt ist frei - theoretisch zumindest, wenn diese blöde Bootsfrau nicht wäre. Zwar sieht diese wiedermal einiges falsch, schließlich geht es nicht um EINEN Krug, sondern um das Prinzip, aber welcher Thorwaler würde schon für eine Grundsatzdiskussion einen Tavernenabend aufs Spiel setzen? So beschränkt sich seine Antwort auf ein gebrummeltes, kaum verständliches "meinetwegen". Seine Augen dagegen suchen bereits den Hafen nach einem lohnenden Ziel ab.



Garulfs Bestätigung kommt nicht gerade sehr überzeugend, aber es ist besser als nichts, nämlich eine Bestätigung des Sachverhalts. Dass diese nicht von Herzen kommt, ist Nirka dabei recht gleichgültig, das ist Garulfs Problem, und nicht das ihre.

"In Ordnung", sagt sie dann, immer noch recht leise, so dass man außerhalb des Vordecks wohl schon gezielt lauschen müsste, um sie zu hören.

"Ich möchte aus dieser Angelegenheit eigentlich nichts grosses mehr mache, ich betrachte sie als erledigt. Ihr habt beide in gewisser Weise recht, und ich denke, dass so etwas so nicht noch einmal passieren wird."

Sie hält kurz inne, wägt ab, ob sie das noch sagen soll, was ihr noch durch den Kopf gegangen ist, und entscheidet sich dann dafür:

"Vielleicht ist der eigentliche Schuldige sogar schon in Thorwal von Bord gegangen - Sören nämlich, unser alter Smutje. Er war ziemlich nachlässig, und das hat eben dazu geführt, dass an einigen Stellen seine Verantwortungen in gewisser Weise auch von anderen wahrgenommen wurden. Aber sei es, das ist jetzt egal."

Sie atmet noch einmal tief ein, und kommt dann zu dem, worüber sie in den letzten Minuten nachgedacht hat:

"Ihr habt beide etwas verkehrt gemacht, aber ich werde euch beide nicht dafür bestrafen. Du, ALRIK, bist durch Garulfs 'Standpauke' weit mehr gestraft, als es dafür angemessen ist, und du, Garulf, bist von anderen Schiffen vielleicht anderes gewohnt. Sollte es JEMALS noch einmal dazu kommen, dass du jemanden körperlich züchtigst, so wirst du den Tag verfluchen, an dem du geboren worden bist."

Es gibt noch eine kurze Pause, dann kommt Nirka mit dem, was sie im Moment für beide wohl schlimmer ansieht als eine Strafe in Form von Ausgangsverbot oder der Reinigung von irgendwelchen Schiffsteilen.

"Das dazu. Dann sind in den letzten Minuten harte Worte gefallen, die eigentlich auch bestraft werden müssen. Doch möchte ich da Milde walten lassen - gebt euch die Hände, und vergesst diese unselige Sache.”

Nirka erwähnt nicht im geringsten die Gründe für diese Milde, sie erwägt es nicht einmal, diese zu erwähnen, sondern blickt lediglich die beiden Widersacher entschlossen an.



Das diese Bootsfrau aber auch einfach nicht zum Punkt kommen kann! Hält endlose Reden, wie die Adelsleute bei ihren Ansprachen, wie soll sie denn bitte eine Mannschaft durch den Rondrikan führen? Bis sie einen Befehl zünde formuliert hat ist das Schiff doch längst gekentert. Garulf verdreht erneut leicht die Augen

´Nimmt dat Gesabbel denn gor keen Ende?´ hört sich aber alles bis zum Schluss an. Lediglich als Nirka meint, erneut falsche Vorwürfe gegen den Smutje aussprechen zu müssen, inklusive Drohungen für einen ´Wiederholungsfall´, erntet sie dafür einen Blick von Garulf, der selbst ihm günstigsten Fall nur als ´Gut, wenn DU Krieg willst, sollst du ihn bekommen´ zu interpretieren ist. Sagen tut der Smutje jedoch nichts, schließlich würde das nur zu einem erneuten Aufflammen der Diskussion führen und es ist einfach höchste Zeit für die Taverne. Außerdem ist nun endlich klar, was der Zweck dieser Veranstaltung war: Machtdemonstration. Es ja nur allzu gut nachvollziehbar, dass eine Bootsfrau, die ihren Posten schlichtweg zu Unrecht trägt, sich bedroht fühlt, wenn ein neuer, fähiger Seemann an Bord kommt.

´Wie lang is die schon Bootsfru? Ob die dat mit Ole och gemocht hät? Oder mit dem Salzerhavener, we het er noch? Pervol glob ik, mut em glatt ma frogen...´

Um endlich zu einem Schluss und damit an die nächste Theke zu kommen, gibt er ein gegrummeltes "wohl" von sich und streckt dem Schiffsjungen dann seine rechte Hand entgegen.



Aufmerksam beobachtet die Bootsfrau den Smutje und den Schiffsjungen. Ihr entgeht nicht, dass beide zögern, und wohl nicht so ganz überzeugt davon zu sein scheinen, aber das ist ihr im Moment recht gleichgültig. Wichtig ist, dass sie es tun, und danach sieht es jetzt doch sehr aus.

Zum ersten Mal seit einigen Minuten erlaubt sich Nirka, wieder direkt an Sigrun zu denken, und auch an Dinge, die sie an diesem Abend noch unternehmen möchte, doch das hat keinen Einfluss auf ihre Aufmerksamkeit, die auf den fast vollzogenen Händedruck der beiden gerichtet ist.

Sie sagt dabei keinen Ton, auch wenn sie sich in Gedanken schon die Worte zurechtlegt, mit denen sie die beiden dann hoffentlich bald entlassen wird - so, wie es aussieht, sehnen beide das ebenso herbei wie sie es tut.



'Hätte es nicht auch eine einfache Strafarbeit getan? Aber nein, jetzt erwartet sie auch noch eine Entschuldigung. Doch, Moment mal, von Entschuldigung war eigentlich nicht die Rede, lediglich vom Händereichen.'

Unschlüssig bleibt ALRIK stehen und weiß nicht recht, ob er seiner Dickköpfigkeit einfach so erlauben kann, jetzt klein bei zu geben. Doch dann macht Garulf den Anfang und hält im die Hand hin. Mit deutlichem Misstrauen betrachtet ALRIK die dargebotene Hand, womöglich drückt der Dicke gleich so stark los, dass es einem vor Wucht die Fingerknöchel zertrümmert oder er plant eine ähnliche Gemeinheit.

"Nun gut", nuschelt ALRIK und beschließt sich zu fügen, um weitere Moralpredigten der Bootsfrau abzuwenden.

Zögernd, so als würde er die Temperatur von heißem Wasser testen, streckt ALRIK die Hand aus, jederzeit bereit, sie zurückzuziehen falls eine 'Verbrühung' droht.



Als auch der Junge zögert, ergreift Garulf endlich die Initiative - und ALRIKs Hand. Er achtet sogar darauf nicht so fest zuzudrücken, wie es sonst unter Seefahrern und Thorwalern und insbesondere thorwalschen Seefahrern üblich ist. Schließlich würde die ´Bootsfrau´ einen ordentlichen Händedrück gleich wieder als ´Züchtigung´ auslegen und die Taverne ruft ...



ALRIK erwidert Garulfs Händedruck, jedoch übertreibt er es auch nicht dabei. Minutenlanges Schütteln und Tätscheln ist nicht seine Sache und so zieht er seine Hand, nach einem einmaligen Drücken und Schütteln rasch wieder zurück.

So, damit dürfte die Bootsfrau vorerst zufrieden gestellt sein. Auch wenn sie es alles in allem ein wenig übertrieben hat, aber nun gut, der friedliche Schein nach außen hin soll gewahrt werden. Im Augenblick jedenfalls.

Unschlüssig bleibt ALRIK stehen. Ein 'Ich hab' noch zu tun' liegt ihm auf der Zunge, doch er verkneift es sich vorerst, um abzuwarten, ob die Bootsfrau noch was sagen möchte.



Es erscheint der Bootsfrau nach der Härte des Streits fast wie ein Wunder, dass sie beide einander tatsächlich die Hände reichen, und dass insbesondere Garulf dies nicht für einen weiteren Beweis thorwalischer Kraft missbraucht. Bei ALRIK hat die Bootsfrau in der Beziehung einfach keinerlei Befürchtungen, der Junge hat ganz sicher nicht die Kraft, um dem Thorwaler auf diese Weise Schaden zuzufügen.

"Gut", sagt sie dann, begleitet von einem Nicken, "ich hoffe, dass die Angelegenheit damit aus der Welt ist! Denkt an das, was ich gesagt habe, und ich möchte keinen weiteren Zank deswegen!"

Sie sieht beide, Schiffsjungen und Smutje, dabei sehr aufmerksam und direkt an, und diesem Blick ist durchaus zu entnehmen, dass es ihr damit sehr ernst ist.

Sie zögert es fast noch ein wenig mehr hinaus, während sie überlegt, ob sie dazu von beiden noch eine Bestätigung haben möchte, doch sie entscheidet sich dagegen - die Angelegenheit hat wirklich schon genug Zeit gekostet, Zeit, die sie viel besser mit Sigrun zusammen verbringt, oder in der sie sich um wichtigere Dinge kümmern kann. So sagt sie dann endlich:

"Ihr könnt wieder zurück an die Arbeit!"

Ein entschlossenes Nicken begleitet diese Worte.



"Ja, gut", murmelt ALRIK. "Da wäre sowieso noch was, was zu erledigen wäre. Dann kümmere ich mich mal gleich darum."

Im Grunde ist er den beiden auch keine Rechenschaft darüber schuldig, was er jetzt zu tun gedenkt. Denn der Auftrag kam ohnehin direkt von Lowanger - und dass er zudem einen Passagier betrifft, ist ALRIK derzeit mehr als recht. Ansonsten käme der Dicke nämlich noch auf die Idee, ihm womöglich weitere Drecksarbeit aufzubrummen. Aber da kann er sich künftig einen anderen suchen, soll er doch selbst sehen, wo er bleibt, denn es gibt auch andere Matrosen, die Küchenhilfsdienste erledigen können. Jawoll!



Endlich gestattet Nirka sich ein Aufatmen, dieser hässliche Streit ist aus der Welt, und wird hoffentlich so bald nicht noch einmal hochkommen. Dass Garulf sich beim Kapitän beschwert... das hält sie etwa genauso unwahrscheinlich, als wenn einem Matrosen Flügel wachsen würden.

"Ja, tu das", antwortet sie ALRIK darum in einem recht freundlichen Tonfall, während sie sich vom Gehäuse der Rotze abstößt, das ihr während der leiseren Phasen des Streits als Sitz- oder Anlehngelegenheit gedient hat.

Endlich hat sie nun die Gelegenheit, ihre volle Aufmerksamkeit wieder auf das Oberdeck zu richten, und das, was sie sieht, gefällt ihr. Das Segel ist geborgen, alles übrige ist ordentlich, lediglich vorne am Bug erinnert noch das beschädigte Tauwerk daran, dass es unterwegs ein Problem gegeben haben muss. Doch die Reparatur dessen ist ebenfalls schon geplant - für den ganz frühen Morgen des nächsten Tagen, denn im Hellen macht sich so etwas einfach leichter.

Damit bleibt für die Bootsfrau nicht mehr viel zu tun übrig, und sie schickt sich an, das Vordeck zu verlassen.



Die Bootsfrau ist einverstanden. Also, bestens. ALRIK nickt ihr noch einmal knapp zu, dann stapft er die paar Stufen zum Oberdeck hinunter. Gedankenverloren reibt er dabei seinen rechten Oberarm. Eben, in der Hitze des Streits hatte er das leidige Ziehen in der Schulter fast vergessen, doch jetzt setzt der blöde Schmerz wieder ein. Insbesonders bei den Schritten auf der Treppe.

ALRIK seufzt leise. Hätte er doch gleich gesagt, was er sich gestern, als er so richtig verdrossen über die Gemeinheit des Smutjes war, vorgenommen hatte. Doch irgendwie hatte Nirka in dem Gespräch geschickt einige Klippen umschifft, so dass er gar nicht die Gelegenheit hatte, das Eigentliche zur Sprache zu bringen. Und dann hatte ihm auch wieder der Mut dazu gefehlt. Immerhin ist das ja doch eine weit reichende Entscheidung - aber immer aufschieben? Nein, das ist auch nicht richtig.



Ganz kurz zögert die Bootsfrau noch, als würde sie fürchten, dass die beiden übereinander herfallen, sobald sie ihnen den Rücken gekehrt hat, doch dann geht ALRIK los, und diese Gefahr, die vermutlich ohnehin nur in Nirkas Kopf existiert hat, ist gebannt.

Langsam folgt sie dem Schiffsjungen die Treppe auf das Oberdeck hinunter, wobei ihre Aufmerksamkeit ziemlich auf anderes und auf verschiedene Gedanken gerichtet ist, dass ihr sein Armreiben gar nicht weiter auffällt, und sie sich dazu damit natürlich auch keinerlei Gedanken macht.

In der Nähe des vorderen Niedergangs bleibt sie dann stehen - der kürzeste Weg zu Sigrun würde jetzt dort hinunter gehen, aber andererseits ist ihr Platz so kurz nach dem Anlegen natürlich genau hier auf dem Oberdeck...



IN HAVENA - Am Kai: Die Wartende


Während des gesamten Vormittages hatte das junge Mädchen bereits am Südhafen gewartet. Verschiedene Schiffe waren seitdem in den Hafen eingelaufen und einige wenige hatten ihn auch verlassen. Hier in Havena und weiter nördlich zeichnet sich bereits langsam das Ende der schiffbaren Jahreszeit ab. Die bald aufkommenden Herbststürme würden den Schiffverkehr in den nördlichen Gewässern bald deutlich einschränken. Seeleute, die sich jetzt noch auf den Weg nach Olport oder Riva machen, sind entweder besonders kühn oder aber besonders töricht.

Doch dieses eine Schiff, auf das das Mädchen wartet, ist nicht auf dem Weg nach Norden, sondern hätte eigentlich schon mit dem frühen Hochwasser am Vormittag in Havena einlaufen sollen. Doch es kam nicht. Unverrichteter Dinge machte sich das Mädchen auf den Rückweg über den Bennain-Damm ins Fischerdorf.

Am Nachmittag jedoch brach sie wieder auf, denn das Abendhochwasser des 29. Efferd ist die letzte Möglichkeit für das Schiff aus Salzerhaven es rechtzeitig zu schaffen.

Abermals vergeht eine geraume Zeit, in der das Mädchen im Südhafen wartet. Der Nieselregen hat schon längst ihr Gewand durchdrungen, doch das scheint sie nicht zu stören, hat sie doch ihren Umhang locker nach hinten weggeschlagen, anstatt ihn vorn mit klammen Fingern zusammenzuraffen, so wie es viele Leute tun, die ihren Weg kreuzen.

Stattdessen legt sie ihren Kopf in den Nacken, so dass ihr Gesicht nun vollends von dem steten Regen benetzt wird. Ihr glattes, silberblondes Haar, das an die Farbe von Perlmutt erinnert, klebt ihr feucht am blassen Gesicht und an den Schultern. Ihre Augen haben annähernd die graue Farbe des aufgewühlten Meeres in der Dämmerung. Stolz, mit dem starren Gesichtsausdruck einer Statue und mit straffen Schultern steht sie da und wartet. Die Seeleute und Hafenarbeiter nähern sich ihr nur mit respektvollem Gruß und nicht auf die übliche, forsche Weise, wie am es von ihresgleichen angesichts einer jungen Frau im Hafen und ohne Begleitung gewohnt ist. Doch gibt es dafür eine einfache Erklärung: die junge Frau trägt eine Robe der Geweihten der Bruderschaft von Wind und Wogen.

Dann endlich sieht sie, wie eine kleine Karavelle langsam in den Südhafen einläuft und beim Näherkommen kann sie endlich auch den Schriftzug erkennen. NORDSTERN. Zum ersten Mal seit mehreren Tagen zieht sich ein Lächeln über ihr Gesicht, während sie langsam und gemessenen Schrittes dorthin geht, wo die Matrosen der NORDSTERN gerade mit den Festmachleinen über Bord springen.



IN HAVENA - Südhafen: Die NORDSTERN legt an


Das Halteseil fest umklammert, springt Trolske von Bord, noch ehe die NORDSTERN ganz angelegt hat, und noch ehe das Schiff zum Stillstand gekommen ist, steht er bereits auf dem Anleger. Der Sprung ist zwar kraftvoll, aber wer genau hinsieht, wird bemerken, dass der erfahrene Matrose sich zurückhält, denn der Nieselregen hat den Anleger tüchtig feucht und rutschig gemacht.

Einige rasche Schritte, und schon ist der Poller erreicht, um den er das Seil schlingt, und es dann mit seiner vollen Kraft belastet. Dies, verstärkt durch den restlichen Schwung der NORDSTERN, zerrt die Seilschlinge fest um den Poller und stoppt die restliche Fahrt des Schiffes.

Der Matrose blickt kurz zu den anderen beiden, die am Heck ähnlich beschäftigt sind, und wendet sich dann wieder dem Poller zu, um den Knoten zu vollenden.



Mit großen Schritten läuft eine schwer bepackte, hoch gewachsene Frau den Pier entlang. Von der feuchten Abendluft, dem unangenehmen Nieselregen, dem Nebel, den vielen Menschen, Geräuschen und Düften im Hafen nimmt sie nichts wahr. Gekleidet ist sie wie eine Weidener Landfrau, unter einer warmen braunen Bärenfellweste trägt sie eine ungefärbte Leinenbluse, dazu einen knöchellangen braunen Wollrock und ziemlich ausgetretene Lederstiefel. In direktem Gegensatz dazu steht ihr langes, leicht gewelltes, brandrotes Haar, das einen sehr gepflegten Eindruck macht und in schimmernden Kaskaden bis zu ihrer Taille fällt, jetzt aber ziemlich feucht ist. Mit festem Griff krallen sich ihre langen weißen Finger in einen großen Korb, den sie links auf ihrer Hüfte abstützt, eine braune Ledertasche, offensichtlich bis obenhin vollgestopft, zieht ihre rechte Schulter mit schwerem Gewicht ein wenig nach unten. Wieder schweifen ihre großen, grünen Augen, die sie nach Art der Tulamidinnen mit Kohle umrandet hat, unruhig über die Koggen, Schivonen und Karavellen, die in Havena vor Anker liegen. Doch keines der Schiffe vermag ihren Blick länger als einen Lidschlag zu bannen. Immer weiter läuft sie, vermeintlich mit sich selbst redend, als sie unvermittelt stehen bleibt.

"Das ist es..." flüstert sie und stellt behutsam den Korb auf den Boden, als sie den recht zentral gelegenen Anleger erreicht hat. Sie richtet sich wieder auf und streicht sich eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht. Eine Karavelle von mittlerer Größe schaukelt sanft im trüben Hafenwasser von Havena. NORDSTERN steht vorn auf den Bug geschrieben.

Einige Matrosen sind gerade dabei, das Schiff festzumachen, aber denen schenkt sie ebenso wenig Bedeutung wie der anderen Frau, die hier zu warten scheint, denn sie ist ganz auf die Karavelle selbst fixiert.

Endlich reißt sie ihren Blick von dem Schiff los. Warum und weshalb dieses Schiff für sie das Richtige ist, vermag sie eigentlich nicht genau zu sagen, aber es scheint gerade erst angelegt zu haben und das ist fürs Erste ausschlaggebend. Suchend blickt sie sich um und entdeckt nun endlich die Matrosen, die gerade dabei sind, die Karavelle zu vertäuen.

Entschlossen hebt sie ihren Korb wieder vom Boden auf und geht auf den zu, der die Bugleine festmacht.

"He du", spricht sie ihn mit ihrer rauhen Stimme an. "Dieses Schiff da", sie weist mit einer knappen Kopfbewegung in Richtung NORDSTERN, "kannst du mir sagen, wohin es als nächstes fährt und wann es wieder ablegt?"


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Trolske zerrt den Knoten fest, als er von einer Frau angesprochen wird, die wohl an einer Mitfahrt interessiert ist. Zumindest schätzt er das so ein, denn derlei ist beim Anlegen schon öfters passiert.

Dennoch beendet er erst den Knoten, denn das ist einfach extrem wichtig - auch diese Frau hätte nichts davon, wenn das Schiff sich losreißen würde, während es hier in Havena liegt.

Danach richtet er sich auf, und erwidert höflich:

"Die NORDSTERN wird weiter nach Süden fahren, die nächsten Häfen werden wohl Harben und Grangor sein. Wie lange wir hier bleiben, keine Ahnung. Das fragt besser den Kapitän oder einen seiner Offiziere, ich kann Euch nur sagen, dass es bestimmt ein paar Tage sein werden."

Er zeigt bei diesen Worten in Richtung der Brücke am Heck der NORDSTERN.



Die rothaarige Frau dreht sich um und blickt in die Richtung, in die der Matrose weist. Regen und Wind erschweren ihr die Sicht, noch dazu, wo sie keine Hand frei hat, um sich das Wasser aus den Augen zu wischen. Sie blinzelt und pustet sich einen hartnäckigen Tropfen von der Nasenspitze. Ihr Blick wandert die Reling entlang an der sich verschiedene Personen versammelt haben und dann weiter hinauf zur Brücke.

'Ob der große, schlanke Mann da wohl der Kapitän ist?' fragt sie sich. Ohne sich noch einmal zu dem Matrosen umzudrehen, wirft sie ein kurzes "Danke!" über die Schulter in seine Richtung und macht sich daran die NORDSTERN zu betreten.



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan


Das Brüllen hatte wirklich aufgehört. Noch eine ganze Weile steht Efferdan da, beinahe wie erstarrt, wenn man von dem feinen Zittern, dass seinen Körper erfasst hat einmal absieht.

`Haben Sie sich beruhigt?`

Zaghaft mustert er durch den feuchten Schleier in seinen großen Augen hindurch die drei Menschen auf dem Vordeck. Die Gesichter - soweit er einen Blick darauf erhaschen kann - sind immer noch aufgewühlt vor Wut, doch scheint es, als würden sie sich nicht mehr gegenseitig gleich an die Kehle gehen, oder?

Wogen branden heran, branden an den herauf ragenden Ufern des Strandes, zerbrechen, zerfallen, lösen sich auf in kleinere Wassermassen, zerfließen, beruhigen sich...

Vorsichtig senkt Efferdan die Hände, die seine Ohren bedeckten...

... nur um gleich darauf wieder zusammenzuzucken. Erneutes Gebrüll hallt über das Deck. Doch nicht vom Vordeck. Efferdan braucht einen Moment, um zu erkennen, dass es der Kapitän ist, der da etwas brüllt - einen Befehl.

Noch einen Moment braucht er, um sich zu sammeln, um sein kleines bisschen Mut zusammen zu nehmen. Verstohlen wischt er sich die Tränen aus den Augenwinkeln, schluckt - und hofft, dass das Zittern gleich verschwinden wird.

Und das die drei auf dem Vordeck sich friedlich einigen würden.

Etwas später als die anderen, ungewohnt für ihn, aber nicht so spät, dass es wirklich auffallen oder die anderen bei ihrer Arbeit gar stören würde, macht er sich daran, mitzuhelfen, die Segel einzuholen...



NORDSTERN - Oberdeck: Níalyn und Torin


Um Níalyn und Torin herum ist Lärm. Wohin man sich auch wendet, überall auf dem Oberdeck brüllt man herum. Gerade deswegen versucht Torin die letzte noch verbleibende Insel der Ruhe zu schützen. Die kleine Insel, die bis jetzt ihn und seine Geliebte schützt. Verschwörerisch und verlockend zwinkert Níalyn ihn an.

'Du süßes kleines Biest.'

Ihre langen schwarzen Haare fliegen im Wind und nicht zum ersten Mal streift einer ihrer Strähnen seine Hand. Diese führt er nun hoch, um sanft die Spitze ihres Kinns zu umfassen.

"Das hängt vom Wasser und von dir ab." flüstert Torin zurück. Dann senkt er seinen Kopf und küsst zärtlich ihre weichen Lippen.

Diese kleine Insel der Ruhe wird eine Festung der Liebe.



Níalyn wollte eigentlich noch was zum Thema "Heißes Bad" sagen, doch dann hat Torin schon ihre Lippen mit seinen versiegelt und küsst sie zärtlich.

Sie lässt es nur allzu bereitwillig geschehen, denn so wird auch sie ein wenig von dem Lärm vom Vordeck abgelenkt.



Als ein Ruck durch das Schiff geht, muss Torin seine Geliebte loslassen. Etwas verunsichert sieht er sich um und merkt, dass das Schiff endlich angelegt hat und dass auch schon die Planke ausgelegt wurde.

"Also meinetwegen können wir gleich los, meine Holde."




Als der Ruck durch das Schiff geht, klammert sich Níalyn noch einmal kurz fest an Torin, doch als sie sieht, dass die Planke ausgelegt wird, lässt auch sie ihn los.

"Ja, gerne," antwortet Níalyn, "aber was ist mit Ameg?"



"Ameg?" fragt Torin überrascht.

'Ja, Ameg... Miu pikusch! Den Kleinen hatte ich ja ganz vergessen.'

"Wo ist er überhaupt."

Suchend blickt sich Torin einen Moment um. Doch Ameg kann er nicht finden. Dafür aber eine schlanke Matrosin, die schon beinahe so gross wie er selbst ist. Das oliv-grüne Hemd, das sie trägt, zeigt die Spuren der Arbeit. Und sicher nicht weniger alt scheint auch ihre lange, dunkle Hose zu sein.

"Entschuldigt." ruft Torin zu ihr hinüber. "Habt ihr mein Mündel gesehen?"



NORDSTERN - Oberdeck: Angar


Der Matrose Angar hat sich während der ganzen Anlegearbeiten etwas abseits gehalten, und doch ist niemanden diese Faulheit aufgefallen. Er hat sich nämlich schon kurz nach der Zollbrücke mit der Planke "bewaffnet", und kurz vor dem Einlaufen dann das entsprechende Teil der Reling entfernt. Im Grunde hätte das auch schon eher passieren können, aber es passt nicht zu seiner Arbeitsauffassung, solche Dinge nachzufragen, wenn sie sich dann doch ohnehin von selbst ergeben.

Bei den Segelmanövern hat die Planke in seinen Händen dann wunderbar ihre Alibi-Funktion erfüllt, und niemand ist auf die Idee gekommen, dass er ja hier in Wahrheit nur herumsteht, und nichts tut.

Jetzt, wo das Schiff angelegt hat, ist die Planke dagegen wichtig, zumal er sieht, dass eine Frau auf das Schiff zugeht, die sicher an Bord kommen möchte.

Der Matrose schiebt das lange und schwere Stück Holz vorsichtig durch die Lücke in der Reling, dann mit einem kräftigeren Ruck weiter, bis das entgegengesetzte Ende schließlich leicht abwärts geneigt auf dem Anleger zu liegen kommt, und man damit das Schiff auch ohne akrobatische Fähigkeiten und mit Gepäck beladen betreten kann.



NORDSTERN - Auf dem Weg zum Oberdeck: Wasuren


Wasuren stapft langsam und gemütlich aus dem Mannschaftsraum hinaus, trottet sinnig an der Küche vorbei zum Aufgang. Gerade setzt er den ersten Fuß auf die Treppe, da merkt er ein Rucken das durchs Schiff geht.

' Oh sach man bloß dat wir schon anlegen? '

Bei diesem Gedanken legt sich ihm ein Schmunzeln aufs Gesicht und es durch zuckt freudig seinen Körper.

'Jetzt aber schnell, wenn wir nun wirklich in Havena sind, dann steigt ja bald die große Feier bei den Geweihten.'

Nun spurtet Wasuren aber fink aufs Oberdeck.



Wasuren betritt das Oberdeck und guckt sich erst mal ganz genau um.

'Hmm genug Matrosen, das meine Hand nicht unbedingt gebraucht wird!'

Langsam streift er zu einem geeigneten, abgelegenen Beobachtungsplatz an der Reling.

"Ah Havena, nun geht es wieder ab in eine wohl verdiente Abwechslung" kommt es leise über Wasurens Lippen.



NORDSTERN - Oberdeck: Hjaldar


Der lautstarke Streit auf dem Vordeck nimmt für eine geraume Zeit Hjaldars Aufmerksamkeit in Anspruch. So ganz versteht er ja nicht, warum aus dem kleinen Gerangel zwischen Smutje und Schiffbengel vom Vortag so'n Wind gemacht wird. Aber scheinbar geht da richtiger Zoff ab auf dem Vordeck und neugierig hört Hjaldar mit, was sich die drei so an den Kopf werfen.

Bis dann der Kapitän den Befehl gibt, das Segel einzuholen. Das ist eine Arbeit, wo es eigentlich nie eine Hand zu viel geben kann und so begibt er sich mit zum Mast und packt mit an, ganz in der Nähe des schmächtigen Matrosen.

"Moin Kleener!" grinst er diesen an.

'Wat'n dat eegentlich foor'n Henfling? Kreegt der nix zum Futtern hier?' fragt er sich dabei nicht zum erstenmal beim Anblick Efferdans in Gedanken.



Wasuren bekommt den Ruf des Kapitäns mit und sieht aus den Augen winkeln wie der große Thorwaler namens Hjaldar, der ja eigentlich noch immer nen Passagier zu sein scheint, mit beim Segeleinhohlen an packt.

'Na dem kannste doch allein schon mal mit anpacken helfen, weilste dann später schneller mit ihm nen guten Schluck nehmen kannst' denkt er sich und schreitet schnell zu den anderen hinüber.

Mit geschultem Blick findet er schnell eine Stelle wo er mit anpacken kann und meint locker zu dem schlanken Efferdan.

"Na, nun musste aber bald mal was für deine Muskeln tun, wat?"

Hjaldar nickt er freundlich zu und packt kräftig mit an.



NORDSTERN - Oberdeck: Perval und Traviana


"Joo, war schön öfters hier. Hat n paar billige aber gute Schenken. Wenn de ...". Gerade wollte Perval Traviana vorschlagen, ein paar der Kneipen und Schenken gemeinsam zu besuchen um vielleicht nicht nur das Bier und Essen zu kosten, als seine Aufmerksamkeit auf das Vordeck gelenkt wurde. Was dort abgeht, ist kaum noch zu überbieten. Gespannt beobachtete er das weitere Geschehen auf dem Vordeck.

'Wat die Bootsfru sich da gefallen läßt. Dat hät´s uf der SILBERVOGEL nich jejeben, dat da eener von der Mannschaft den Bootsfrau anschreit. Und dazu der Schiffsjung. Der hät schon lang de Peitsche zu spüren bekommen. Aber i hab's ja schon vorher jesagt, die Bootsfru hat keen Format.'

Als der Befehl des Kapitäns zum Segel einholen kommt, wendet Peval sich vom Vordeck ab und wendet seine Aufmerksamkeit wieder der Arbeit zu.




'hmm..... was macht der denn jetzt schon wieder? Klar, Befehl ist Befehl, aber einfach weglaufen..'

Das erinnert Traviana doch ein wenig an die Sache mit dem ausgefallenem Frühstück...

Aber erstmal sollte sie sich besser auch um das Schiff kümmern, wie Perval das ja auch tut. Hinterher sieht man dann weiter. Traviana fasst also auch mit an und hilft den andern Matrosen, vielleicht ein paar Schritt von Perval entfernt...


IN HAVENA - Im Hafen: Die Rothaarige


Wie eine Schlafwandlerin geht die junge Frau auf die soeben ausgelegte Planke zu. Alles in ihr fühlt sich taub an. Von dem ganzen Geschehen um sie herum nimmt sie fast nichts wahr. Noch immer steht sie unter dem Schock des gerade Erlebten.

'Havena ist eine Schlampe,' hatte mal irgend jemand zu ihr gesagt. 'Du liebst diese Stadt, aber sie verhöhnt dich nur.'

Wahre Worte.

'Wie konnte ich mich selbst nur so demütigen?' fragt sie sich und wieder tauchen die Bilder vor ihrem geistigen Auge auf, die noch vor wenigen Stunden unangenehme Realität waren.

Wieder sieht sie das Tavernen-Schild, wie es in Wind und Regen hin und her schwang, spürt die warme, rauchgeschwängerte Luft und hört den Lärm der saufenden Thorwaler der ihr beim öffnen der hölzernen Tür entgegenschlug. Dann sah sie ihn, Cern Thorfinnason und einen Augenblick lang, hatte sie das Gefühl, ihr Herz müsste aufhören zu schlagen. So lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet und nun war sie sicher, ihre Träume hatten sie nicht getäuscht. Er war da! Nach so vielen Jahren, saß er nun hier und erwartete sie!

Gerade wollte sie die Tür hinter sich schließen, ihr Gepäck abstellen und zu ihm herübergehen um ihm, natürlich so, als wäre es das Selbstverständlichste auf Dere, zu sagen, was für ein Zufall es sei, ihn gerade hier zu treffen...als ein Schatten an ihr vorbeihuschte und eine bildschöne, blondgelockte und blutjunge Frau in Cerns weitgeöffnete, muskulöse Arme flog. Der Thorwaler lachte laut, küsste und herzte das Mädchen und sie fühlte sich, als hätte ihr jemand einen Schlag in den Magen verpasst. Auf dem Absatz machte sie kehrt und verließ die Taverne.

'Weg von hier', ist nun der einzige Gedanke, den sie noch hat.

Eine leichte Bewegung unter dem Wachstuch, das den Inhalt des großen Korbes vor dem Regen schützt, holt sie wieder in die Gegenwart zurück.

"Ich bring dich ins Trockene," flüstert sie leise in Richtung des Korbes und setzt dann ihren Fuß auf die Planke



NORDSTERN - Auf der Brücke: Der Lotse geht von Bord


Stille... nicht nur das Gebrülle vom Vordeck ist verstummt, sondern auch die Geräusche, die das Schiff selbst macht, wenn es sich in den Wellen bewegt, sind fast vollkommen verstummt. Lediglich ein leises Knarren ist geblieben, und die sanften Geräusche, die das Schiff macht, wenn es sich relativ zu den Fendern bewegt. Doch das ist nicht sehr stark, denn in diesem windgeschützten Hafenbecken gibt es kaum größere Wellen. Und dazu ist natürlich das normal laute Reden der Leute geblieben, aber das gehört einfach so zum normalen Geräuschpegel, dass der Kapitän es kaum wahrnimmt.

"Habt vielen Dank!" sagt er leise zu dem Lotsen, "Ihr habt das Schiff sehr gut in diesen Hafen geführt, und unser Dank sei Euch sicher!"

Er drückt dem Lotsen bei diesen Worten einen Beutel in die Hand, in der einige Münzen klimpern.

"EFFerd sei mit Euch, Kapitän Efferdstreu!" erwidert der Lotse, während er den Beutel nimmt. Er öffnet ihn nicht, versucht nicht einmal, anhand des Gewichtes zu schätzen, ob der Betrag stimmen könnte, sondern steckt ihn in seine Tasche. Seeleute betrügen einander nicht, und damit ist es vollkommen klar, dass der Betrag stimmen wird.

"EFFerd sei auch mit Euch!"

Der Lotse nickt den Seeleuten auf der Brücke noch einmal zu, dann macht er sich auf den Weg - den Niedergang hinunter, ein kurzes Stück über das Oberdeck, und dann schließlich über die Planke an Land. Er nickt der Frau, die sich gerade anschickt, das Schiff zu betreten, freundlich zu, und läuft dann zügig über den Anleger hin zu den Gebäuden des Hafenamtes.

Der Kapitän lässt seine Blicke indes über Schiff und Anleger schweifen. Der Streit auf dem Vordeck scheint beendet zu sein, so dass da ein Eingreifen seinerseits erst einmal nicht nötig ist, die Matrosen sind mit der Bergung des Segels beschäftigt, und auf dem Anleger warten zwei Frauen, Mitfahrwillige offenbar, und die eine davon... Kurz huscht ein Lächeln über die Züge des Kapitäns, als er deren Kleidung identifiziert... diese Fahrt ist wahrhaft EFFerd gefällig!



Der Kapitän lässt weiter seine Blicke schweifen, und tritt dann ein wenig in Lowangers Richtung.

"Bleibt mal bitte noch kurz auf der Brücke, dann muss diese Frau da nicht warten. Das Wetter ist zwar efferdgefällig, aber sie will bestimmt ihre Sachen ins Trockene bringen, falls sie mitfahren möchte."

"Geht klar, Kapitän. Das Anliegen der anderen dürfte ja ziemlich klar sein."

"Eben, darum werde ich mich kümmern."

Diese Entscheidung ist für den Kapitän vollkommen naheliegend - wenn eine Geweihte des Herrn EFFerd das Schiff besucht, dann ist es selbstverständlich, dass der Kapitän sich persönlich darum kümmert.



NORDSTERN - In der Suite: Alkinoê's Kummer


Irgendetwas reißt Alkinoê aus dem tiefen, fast todesähnlichen Schlaf, in dem sie seit mehreren Stunden gelegen hatte. Er ist ein Geschenk Borons, dass sie erst nach der letzten, schrecklichen Nacht so recht zu schätzen weiß.

Furchtbare Traumbilder vergifteten in der Dunkelheit ihre Gedanken, und Träume: Ein Flüchten durch enge, finstere Gänge, riesige, axtschwingende Männer mit hassverzerrten Gesichtern und immer wieder Merian, blutend, auseinander gerissen oder blass, mit verzerrten Gesichtszügen die Gänge entlang wankend.

Dann wieder bildete sie sich ein, einen einsamen Leichenzug mit Boronis zu sehen, die auf dem nebligen Borosanger einen einzelnen Sarg dem Boden überantworten. Kein Freund, kein trauernder Verwandter steht neben dem Grab, um der Toten den Abschied zu erleichtern.

Am schlimmsten aber war dieses eine Bild, das sich immer wiederholte, und sei es nur, dass sie im Wachen die Augen schloss: Merian, die Augen weit aufgerissen und die Arme angstvoll erhoben und ein Mann, grausam die Axt schwingend, die in ihre weiche Seite fuhr. Während Merian zusammensackte, stemmte der Mann seinen Fuß auf ihren zarten Leib, um seine Waffe herausziehen zu können. Dann wandte er sich langsam um und blickte Alkinoê direkt ins Gesicht, grausam lächelnd, mit eiskalten, blauen Augen: Es war das Gesicht des Praiosgeweihten Onaskje!

Bebend und zitternd hielt es Alkinoê zuletzt nicht mehr auf ihrem Lager aus. Mit klammen, feuchten Händen suchte sie nach ihrem Umhang gesucht und schlich sich leise durch den Hauptraum der Suite nach draußen. Lieber den Rest der Nacht auf Deck im eisigen Wind und Regen verbringen, als von diesen furchtbaren Bildern heimgesucht zu werden. Ihr war klar, dass die Bilder eine Vermischung der Ereignisse der letzten Tage waren und der Geweihte nicht wirklich unter den Mördern gewesen war. Trotzdem schauerte sie im Gedanken an ihn zusammen. Wie hatte sie es nur so lange aushalten können, lächelnd und plaudernd am gleichen Tisch mit ihm, bei diesem schrecklichen Déjeuner!

Am folgenden Tage war sie so bleich und übernächtigt, dass Reckinde sie schließlich um die Mittagszeit in ihre Kammer geschickt hatte. War sie zuerst nur dankbar für die Ruhe, die es ihr erlaubte, die Maske der Höflichkeit abzulegen, so forderte doch bald ihr junger Körper sein Recht auf Schlaf und Ruhe ein.

So mochte sie bestimmt ein paar Stunden geschlafen habe, denn ein Blick aus dem kleinen Bullauge verrät ihr, dass es bereits dämmert. Sie hat so steif und bewegungslos gelegen, dass ihre Glieder und auch ihr Kopf schmerzen. Um sich Erleichterung zu verschaffen, presst sie die Stirn gegen das kühle Glas. Dahinter liegt wieder eine neue Stadt, so groß und fremd, wie alle Städte hier im Norden. Was wird ihr diese Stadt bringen? Gleich muss sie wieder hinaus zu den Menschen, von denen sie abhängig ist. Die Bürde der Dankbarkeit lastet schwer auf ihr: Auf nichts hat sie ein Recht, auf gar nichts! Nicht einmal auf ihre Anwesenheit auf diesem Schiff. Alles muss sie sich erbitten.

Ihre Gedanken schweifen weiter zu dem Schiffsjungen, der so nett ist und so freundlich für sie eintrat. Genau betrachtet gehört er einer anderen Klasse an, steht gesellschaftlich weit unter ihr, aber in diesem einen Fall weigert sie sich einfach, dies zu akzeptieren. Für sie ist er ihr Kamerad aus einer Welt zwischen den Sphären, wo derische Regeln und Hierarchien nicht existieren. Ach, und welcher Klasse gehört sie selber an? Deklassiert, ein gesellschaftliches Nichts, ein Hochstaplerin, die sich in adelige Kreise eingeschlichen hat. Wäre sie in Salzerhaven von Bord gejagt worden, wäre sie wohl längst eine Bettlerin oder Schlimmeres!

ALRIK wird nichts geschenkt, das hat sie wohl gemerkt. Alle sind streng und unfreundlich zu ihm, und er muss anscheinend niedere Arbeiten verrichten.

' Aber trotzdem geht es ihm noch besser als mir. Er arbeitet für sein Auskommen, hat einen Platz, wo er hingehört, und wird bestimmt auch nicht immer Schiffsjunge bleiben. Er weiß wenigstens genau, was aus ihm wird. Ich weiß gar nichts. Vielleicht werde ich schon morgen vom Schiff geworfen...'

Und das Selbstmitleid treibt ihr die Tränen in die Augen.



Er bewegt sich schon sehr sicher in seinem neuen Heim, wenn auch der Boden hier bisweilen abscheulich schwankt. Jede Ecke des Raumes hat er schon ausgekundschaftete und beschnüffelt. Er fühlt sich ausgesprochen wohl hier, obwohl er hin und wieder noch misstrauisch die Türe beäugen muss. Es sind doch ein paar seltsame Gestalten in der letzten Zeit dort durchgekommen und am Ende war sogar noch eine Katze dabei gewesen. Der Geruch von diesem widerwärtigen Tier hängt noch unheilvoll in der Luft, es ist schier nicht auszuhalten. Zu schade, dass er das Biest nicht hatte erwischen können. Gerade will er sich zu einem kleinen Schläfchen zusammenrollen, als ihn eine sehr seltsame Sache aufmerken läßt. Zuerst ist es nur dieser seltsame Duft, ein schwer emotional beladener Geruch, voller klagender Bitternis. Dann aber sind es schmerzende Wellen, die in da erreichen und seine feinen Sinne fordernd überdecken. Er spürt die Trauer um Verlorenes, den Schmerz der Einsamkeit, Ratlosigkeit und Verzweiflung.

Boto ist ein sehr sensibler Hund. Er ist groß und stark, es fällt ihm leicht Respekt zu erzeugen, doch er ist auch sehr feinsinnig, und dass dies bisher nicht bemerkt werden konnte, lag in der Hauptsache daran, dass sein früherer Herr nur die wilden, zerstörenden und Furcht einflößenden Seiten an ihm sehen wollte. In Wirklichkeit liegt die Natur Botos völlig in anderen Bereichen. Und als ihn diese Ahnungen eines schmerzenden Elends erreichen, kann er nicht anders als diesen Dingen nachzugehen.

Tap, tap, tap!

Eigentlich kann Boto hervorragend schleichen, doch gibt er sich momentan keinerlei Mühe sich lautlos fortzubewegen. Boto kann sehr viel. Er überspringt höchste Hindernisse, läuft schnell wie der Wind und kann sogar Türen öffnen, auch solche mit runden Knauf, HESinde allein weiß wie ihm dies gelingen kann.

Boto folgt der bitteren Spur und kommt schließlich zu dem junge Mädchen, von der er annimmt, dass sie zum Rudel der Herrin gehört. Boto mag das Mädchen sehr viel mehr, als den kleinen, dicken, zappeligen Mann, der da auch noch zum Rudel gehört und dass sie offensichtlich so traurig ist, rührt ihn sehr, soweit ein Hund eben Anteil nehmen kann an den Sorgen und Nöten der Menschen.

Tap, tap, tap!

Boto geht ganz nahe zu ihr hin und reibt seinen großen schweren Kopf an ihrem Körper und winselt mitfühlen. Dann setzt er sich und reicht ihr die Pfote ......



Boto läßt sich Alkinoês Kraulen mit sichtbarer Hingabe gefallen und hechelt friedlich vor sich hin. Zwar winselt er hin und wieder, aber dies sind wahrlich keine Zeichen von Trauer oder gar Unbehagen, es scheint, als könne der Hund sein Glück nicht fassen und wäre deshalb so gerührt.

Vor kurzer zeit noch fristete er sein Leben in einer zugigen Lagerhalle, angewiesen alle Eindringlinge zu vernichten. Man hat ihn hungern lassen, damit er auch gut bei schlechter Laune bleibt. Man hat ihn geschlagen, aus welchem Grund auch immer, meistens nur deshalb, da er gerade zur Stelle war, wenn sein Herr jemanden benötigte um brandende Wut los zu werden, und wütend war der ja fast immer gewesen.

Doch mag es auch erst vor Kurzem noch ganz anders gewesen sein, Boto fühlt sich jetzt und hier außerordentlich wohl und mag an schlimmer, vergangene Zeiten keinen Gedanken verschwenden.

Als ihm Alkinoê ins Ohr flüstert gibt Boto einen langen klagenden Laut von sich, wedelt heftig mit dem Schwanz und versucht dem Mädchen die Nase abzulecken. Und immer wieder reckt er mit treuem Blick die Pfote hin, als wolle er das Gesagte bekräftigen ....



Lachend beugt sich Alkinoê zurück, um der schlabbernden Zunge auszuweichen.

" Ja, ja, ich wußte gleich, dass du ein ganz Lieber bist! "

Während ihre Hände weiter durch das Fell fahren, ertastet sie einige Unebenheiten und Knötchen auf der Haut des Tieres, die vernarbten Spuren früherer Misshandlungen.

" Wer hat dir denn das angetan? Gut, dass du jetzt nicht mehr dort bist. Reckinde ist lieb -; bei ihr wirst du es sicher gut haben. "

Ja, Boto hat schon Glück gehabt, gerade an Reckinde geraten zu sein. Genau wie sie selber. In Gedanken schimpft sie sich selbst undankbar.

' Du hast eigentlich gar keinen Grund, mit dem Schicksal zu hadern, Alkinoê! Wenn die Götter nicht aus irgendwelchen Gründen beschlossen hätten, dich zu retten, lägst du jetzt auch in der kalten Erde, wie Merian, und wenn Reckinde dich nicht aufgenommen hätte...gar nicht auszudenken, was aus dir hätte werden können! '

Aber was soll man tun, wenn sich so eine Erkenntnis zwar im Geiste bildet, aber nicht bis zum Herzen vordringt? Obgleich es Göttern und Menschen gegenüber undankbar ist, kann sie sich nicht ihrer Rettung freuen. Am schlimmsten ist ein Gedanke, der tief in ihr lauert, bei dem sie sich hütet, ihn an die Oberfläche steigen zu lassen: Warum ist gerade sie gerettet worden von so vielen, wo doch andere viel würdiger gewesen wären?

Nur ihr loser, kleiner Flattersinn, ihre Fähigkeit, sich leicht und schnell ablenken zu lassen bewahrt sie davor, dem Trübsinn zu verfallen. Jetzt schmiegt sie sich wieder an den Hund, der gekommen ist, sie zu trösten.

" Ach Boto, wenn ich dich nicht hätte..."

Nur leider steigt dabei ein Gedanke in ihr auf, angefüllt mit giftgrünem Neid:

' Das ist ja gar nicht mein Hund. Er gehört Reckinde, und dieser wird auch stets seine größte Zuneigung gelten. Ach, wenn ich doch auch ein Tier hätte, eines, das nur zu mir gehört! '

Dabei ahnt sie nicht einmal, dass dieser Gedanke eng mit einer Seite ihres Wesens zusammenhängt, die sie eigentlich verdrängen, ablegen wollte.



Alkinoê setzt sich so behaglich, wie es die schmale Koje zulässt zurecht und bettet den Kopf des Hundes auf ihren Schoß. Während die Hände über den Kopf gleiten, wandern ihre Gedanken weiter, zurück zu dem Problem, das sie unermüdlich beschäftigt.

' Was soll ich nur tun. Ich habe Merian doch versprochen, endgültig damit aufzuhören. Aber was soll ich jetzt tun, wo sie nicht mehr da ist, wo ich doch keinen Menschen auf der Welt mehr habe als Szanta... Es sein denn... '

Dabei gewinnt ganz langsam ein Plan in ihrem Hinterkopf an Kontur. Ein sehr verlockender Plan. Aber wenn er gelingen soll, so darf ihr kein Fehler unterlaufen.

' Ihr Götter wisst, dass ich vorhatte mich zu ändern, ein besserer Mensch zu werden. Aber im Moment sieht es so aus, als wolltet ihr selbst das verhindern. Also: Wenn ihr nicht wollt, dass alles wieder so wird wie vorher, dann helft mir jetzt, und lasst meinen Plan gelingen.' betet Alkinoê trotzig.



NORDSTERN - An der Planke: Die Wartende


Die junge Geweihte schreitet gemessenen Schrittes auf die jetzt ausgelegte Planke der kleinen Karavelle namens Nordstern zu. Ihre meergrauen Augen mustern die verschiedenen Menschen, die auf dem Deck des Schiffes ihrer Arbeit nachgehen.

Oben auf dem Brückendeck, das sollte der Kapitän dieses Schiffes sein. Seine Gesten und Gebaren weisen ihn zwar auch als erfahrenen Steuermann aus, doch aufgrund seiner Kleidung hebt er sich von der gemeinen Mannschaft deutlich ab. Doch vielleicht ist er es auch, den sie sucht.

Den 'Hüter' des Heiligen Artefaktes.

Abwartend bleibt die junge Geweihte vor der Planke stehen, denn eine andere Frau hat es offensichtlich etwas eiliger an Bord und wie es scheint - auch ins Trockene - zu gelangen. Nun, soll sie ruhig den Vortritt haben, denn jetzt wo das Schiff hier ist, sicher im Hafen, ist keine Eile mehr geboten. Denn das Wasser ist ewig, das Urmeer ist endlos und der Herr aller Wasser ist allgegenwärtig, selbst in dem kleinsten Regentropfen, der kühlend auf der warmen Haut hinab rinnt. Was machen da schon ein paar Augenblicke des Wartens aus?



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan


Efferdan bemüht sich, den Passagier, der plötzlich herantritt um zu helfen, so gut als möglich zu ignorieren, fühlt er sich doch etwas mulmig. Das war doch auch der Mann, der gelacht hat, als ihm das Unglück mit den Kugeln passiert ist. Und - es ist ein Thorwaler! Bei denen muss man vorsichtig sein. An diesem Morgen scheint er guter Laune zu sein - doch, ob das anhält? Wer weiß, wie lange?

Zaghaft nicht er auf Hjaldars Morgengruß, sagt aber nichts und arbeitet weiter.

Dann tritt auch noch Wasuren hinzu - ein weiterer »Riese«. Nun gut, Efferdan ist mit seinen 1.74 Schritt nicht wirklich klein, aber sehr schmal. Und zwischen den großen Thorwalern wirkt er alle Mal verloren.

Auch auf Wasurens Frage nicht er nur verhalten.

Gleichzeitig wünscht er sich, er würde wirklich stärker werden. Doch, was er auch tut - es scheint nichts zu helfen...

Stumm arbeitet er weiter...

Mittlerweile ist das Schiff im Hafen eingelaufen, sie sind angekommen. Doch das Segel muss noch fertig eingeholt werden. Und, irgendwie, verschafft ihm die Arbeit noch eine letzte kleine Frist, über die er doch ganz froh ist...



NORDSTERN - Oberdeck: Perval bei der Arbeit


Geschickt und schnell hilft Perval mit das Großsegel zu verstauen. Die hinzugekommenen Hände des Passagiers und Wasurens sind hierbei mehr als hilfreich. Desto schneller ist doch die Arbeit getan und er kann sich vielleicht in die Hängematte legen.

Vom Vordeck bekommt er nichts mehr mit, auch wenn er ab und zu, so wie die Arbeit es gerade zulässt, einen Blick hinüber wirft. Über die Worte des Passagiers, den er auf der Fahrt schon öfters hat mit anpacken sehen, und auch Wasurens an Efferdan muss er leicht schmunzeln. So unrecht haben beide nicht, auch wenn Perval mitfühlen kann, wie es ist, Kleener gerufen zu werden, obwohl die anderen vielleicht grad mal ein paar Finger größer sind. Hierbei kommen ihm wieder die beiden Auseinandersetzung mit dem Schiffszimmermann vom Vortag in den Sinn. Bisher gab es keine Gelegenheit, die Sache mit dem Alten abzuschließen.

'Aber aufgeschoben is nich aufgehoben'.

Wie so n altes Sprichwort doch sagt.

'N bisschen mehr uf den Rippen könnt dem Hellen allerdings nich schaden.'

Irgendwann am Vortag hatte Perval angefangen, ihn für sich 'den Hellen' zu nennen. Wie er darauf gekommen ist oder ob er es irgendwo aufgeschnappt hat, könnte er nicht einmal mehr sagen. Ist halt genau wie für Perval in Gedanken der Kapitän nur noch einfach 'dat Warzenschwein' und der Schiffszimmermann 'der Alte' oder auch 'der Riese' ist.



NORDSTERN - Oberdeck: Traviana bei der Arbeit


Traviana hat sich gerade an die Arbeit gemacht, als sie jemanden hinter sich rufen hört.

'meint der mich? Hmm.... scheint so.'

``ähm, ... ich? Nein, nicht das ich wüsste. Ich war mit der Arbeit beschäftigt, und hab da nicht drauf geachtet. Tut mir Leid...´´....



IN HAVENA - Im Hafen: Zwei Frauen - eine Planke


Gerade setzt die rothaarige Frau einen Fuß auf die Planke, als sie etwas spürt. Irgend etwas hat sich geändert, hat sich ihr genähert. Einen Moment lang glaubt sie so etwas wie ein Flüstern gehört zu haben, nur ganz kurz.

Sie dreht sich um und sieht hinter sich eine junge EFFerdgeweihte stehen, die offensichtlich ebenfalls vorhat die NORDSTERN zu betreten. Das hat selbstverständlich Vorrang. Nie käme sie auf den Gedanken sich an einer Dienerin des Launenhaften vorbei zu drängeln, wenigstens dann nicht, wenn es um das Betreten eines Schiffes geht. Ihr fällt die alte Saga ein, in der es heißt, das EFFerd Sumus Leib trägt. Sie tritt einen Schritt zurück und sagt:

"Ehre dem Herrn der Gezeiten, Erhabenheit! Ihr habt den Vortritt."



"Ehre dem Herrn der Gezeiten, Erhabenheit! Ihr habt den Vortritt."

"Gepriesen sei der Herr aller Wasser, auf dass er Euch sicher geleite auf Euren Wegen", erwidert das junge Mädchen in der blaugrünen Robe den Gruß.

"Doch erlaubt mir noch einen kleinen Hinweis. Ein solcher Titel - Erhabenheit - steht mir freilich nicht zu. Die übliche kirchliche Anrede für einfache Priester lautet 'Euer Gnaden'."

Mit ruhiger Stimme und einem milden Lächeln, das nur auf ihren Lippen liegt, aber sich nicht in ihren Augen wiederspiegelt, fügt sie diese Belehrung hinzu.



NORDSTERN - Oberdeck: Perval bei der Arbeit


Da der Helle anscheinend nicht auf das Spiel der beiden Thorwaler eingehen will, schweift Pervals Blick weiter auf dem Deck umher während er mit seinen Fingern geschickt die Leinen verknotet, die das Großsegel zusammenhalten. Jahrelange Übung hat daraus eine gewohnte Tätigkeit gemacht, für die Perval kaum mehr eine Blick braucht.

So wandert sein Blick hinüber zu Traviana, die nur wenige Schritt entfernt ebenfalls mit dem Großsegel beschäftigt ist. Dahinter kann er die 'Wildkatze' sehen, die anscheinend ihren Meister gefunden hat. Zumindest hat er die zwei seit dem gestrigen Tage zumeist eng beieinander stehend gesehen, sofern sie an Deck waren.

Während seine Finger einen Knoten nach dem anderen binden, geht er langsam zu Traviana hinüber, um das schon des öfteren unterbrochene Gespräch fortzusetzen.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Der Kapitän


Mit einem Lächeln im Gesicht beobachtet der Kapitän, dass die beiden Frauen am landseitigen Ende der Planke sich offensichtlich unterhalten, und wendet seine Aufmerksamkeit dann wieder der Mannschaft auf dem Oberdeck zu. Das Gross-Segel ist so gut wie geborgen, und viel mehr gibt es dort auch nicht zu tun - all die anderen Arbeiten haben bereits während der Wartezeit auf den Höchststand der Flut und später dann auf dem Großen Fluss stattgefunden.

Eigentlich wäre es dann nach dieser Sturmfahrt noch fällig, das Oberdeck gründlich zu reinigen, aber auch das hat zum Teil schon stattgefunden, und den Rest des Salzwassers wäscht der Regen gerade herunter - es wäre jedenfalls recht sinnlos, das jetzt zu machen.

In diese Gedanken hinein fragt Lowanger:

"Die Kabinen sind alle vergeben, richtig?"

"Ja", erwidert der Kapitän, "aber ich denke, dass später dann auch wieder etwas frei wird. Ansonsten haben wir ja noch den Laderaum vier, wenn der Ansturm sehr gross sein sollte."

Der Blick, den er dabei wieder in Richtung des Kais wirft, wirkt recht zweifelnd, aber das muss nichts bedeuten, denn wer kommt schon zu dieser Stunde und bei diesem Wetter hierher, um auf ein Schiff zu gehen, das gerade angelegt hat?



IN HAVENA - Im Hafen: Zwei Frauen - Eine Planke


'Egal,' denkt die schwer bepackte und vom Regen völlig durchweichte Frau. 'Ob erhaben oder gnädig, beweg dich auf das Schiff!'

Langsam beginnt sie die Kälte zu spüren, die durch den starken Wind noch verstärkt wird. Ihre Finger werden gefühllos, so dass sie erneut ihren Korb abstellen muss. Sie blickt ein wenig mitleidig auf ihn herunter.

'Armer kleiner Kerl.'

Dann hebt sie den Kopf und schaut der Geweihten ins Gesicht, nach und nach löst sich die Betaübung in ihrem Innern und weicht einer Verzweiflung, die sich langsam aber stetig in ihr breit macht. Alles läuft schief, nichts ist so gekommen, wie sie es geplant hat, noch nie, wirklich noch nie hat sie mit ihrem Gefühl, der Deutung ihrer Träume und ihren Entscheidungen so daneben gelegen. Selbst die Anrede für dieses so überheblich milde lächelnde Mädchen hat sie falsch gewählt. Vielleicht ist die junge EFFerd-Geweihte ja ebenfalls ein Zeichen dafür, dass sie an Bord dieses Schiffes nichts verloren hat.

Doch ihr ist klar, dass das Mädchen nicht die Schuld trägt für ihre augenblickliche Verfassung und so schaut sie noch einmal hoch zur Brücke. Neben dem großen, schlanken ist nun ein etwas kleinerer, kräftiger Mann aufgetaucht.

'Nein, ich werde alle Vorzeichen außer Acht lassen und mit diesem Schiff von hier verschwinden.' Sie schaut sich die beiden Männer noch einmal genauer an.

'Gar nicht so übel, der Bärtige.'

Auffordernd blickt sie wieder zu der Geweihten hinüber. Sie wischt sich mit dem Ärmel über ihr nasses Gesicht und sagt, in leicht herablassendem Tonfall:

"So wie es aussieht, beschenkt EFFerd mich im Augenblick überreichlich mit seinem Segen. Wenn es Euch nichts ausmacht, Euer Gnaden, mir ist kalt und ich würde gerne so schnell wie möglich auf dieses Schiff kommen."



Eine leichte Falte, des Unverständnisses macht sich auf der nassen Stirn der Geweihten breit. Denn mitnichten hält sie sich für diejenige, die diese Frau aufgehalten haben könnte. Warum auch? Sie selbst wollte ihr den Vortritt lassen und nun drängt sie auf ein schnelltes Fortkommen. Nun, es ist gewiss nicht die Stunde, um über die Urtümlichkeit des ewigen Regentropfens zu reden, doch vielleicht hatte die Frau ja dergleichen befürchtet.

"Dann sollten wir gehen und nicht reden", meint die Silberblonde kühl und wendet sich ab, um die Planke zu überqueren.

Auf dem Oberdeck des Schiffes angekommen, verharrt sie einen Moment. Das sanfte Schwanken des Schiffes hat etwas unglaublich Beruhigendes und Erhebendes. Dann wendet sie sich zur Brücke und ruft mit klarer, heller Stimme herauf:

"Willkommen in Havena, möge der Herr EFFerd, der euch sichereres Geleit in diesen Hafen gewährte, auch weiterhin seine schützende Hand über euch halten."

Nach einer kleinen Pause in der sie beide Männer auf der Brücke mustert, fährt sie fort:

"Mein Name ist Shioban Clanoir, Abgesandte des Efferdtempels zu Havena. Ich habe dem Kapitän eine Nachricht zu überbringen."



NORDSTERN - Auf der Brücke: Offizieller Empfang


Bei den Worten der jungen Frau nickt der Kapitän seinem zweiten Offizier noch einmal zu, dann tritt er bis an das obere Ende der auf das Brückendeck führenden Treppe und erwidert:

"EFFerd zum Gruße, und willkommen an Bord der NORDSTERN, Euer Gnaden!"

Jergan überlegt kurz, ob er die junge Geweihte in seine Kabine einladen soll, doch insbesondere bei diesem efferdgefälligen Wetter und einer sicher efferdgefälligen Mission ist das Freie vielleicht auch sehr angemessen - vielleicht sollte er ihr die Auswahl auch einfach überlassen. Auf jeden Fall erfordert die Höflichkeit einer Geweihten - und sei sie noch so jung - gegenüber in seinen Augen, ihr entgegenzugehen, und sie nicht einfach auf die Brücke zu zitieren, als sei sie einer der Matrosen.

So geht er langsam die Treppe hinunter, und sagt dabei:

"Mein Name ist Jergan Efferdstreu, Kapitän dieses Schiffes. Ihr habt mich also gefunden."

Genau am Ende dieser beiden Sätze bleibt er vor der jungen Frau stehen, und neigt in einer ehrerbietenden Verbeugung den Kopf.

"Darf ich Euch in die Kapitänskajüte einladen, oder möchtet Ihr bei diesem efferdgefälligen Wetter lieber hier auf dem Deck sein?"



IN HAVENA - Im Hafen: Eine Frau - eine Planke - Die Rothaarige


Verblüfft hebt die rothaarige Frau eine Augenbraue und blickt dem jungen Mädchen nach, wie es an ihr vorbeirauscht.

'Sieh an, der Fisch ist ja gar nicht so blutleer wie ich dachte.' stellt sie erstaunt fest. Kurz beobachtet sie, wie der große, schlanke Mann sich als Kapitän vorstellt und die Geweihte begrüßt. Doch schon wird ihre Aufmerksamkeit wieder auf den großen Korb gelenkt und für einen Moment überlegt sie, ob sie den Matrosen, den sie als erstes angesprochen hatte und der immer noch an dem Tau rum fuhrwerkt, fragen soll, ob er den Korb für sie tragen könnte. Aber diesen Gedanken verwirft sie rasch wieder und seufzend hebt sie den Korb auf, um nun endlich das Schiff zu betreten.



NORDSTERN - Auf dem Weg zur Brücke: Des Geweihten Tagesablauf


Nachdenklich streicht sich der Praiosgeweihte über den Bart. Seine Finger finden den Weg hinunter zu den beiden Amuletten, die er am Hals trägt und spielen mit ihnen. Unentschieden blickt er auf einen Teil seiner Habe, die er auf dem Fußende von Fargus Koje ausgebreitet hat, ohne dass sich der alte Druide dadurch in seinem meditativen Schlaf stören ließe.

Die NORDSTERN nähert sich gerade dem Landeplatz in Havena, wird in wenigen Augenblicken anlegen. Seine Gedanken wandern zurück zu den letzten Ereignissen an Bord, alles in allem liegen hinter ihm zwei aufregende neue Tage an Bord des Schiffes. Turbulent, für seinen Geschmack viel lebhafter als erwartet, so dass er den Gedanken, die Karavelle beim ersten Hafen zu verlassen und die kostbare Ladung ohne persönliche Überwachung weiter gen PRAios zu schiffen für das erste verwirft.

Im Augenblick stellt sich ihm die Frage der notwendigen Kleidung für seinen ersten Besuch in dieser Stadt. Einiges hat er ja schon gehört, vieles davon vom Bruder Aservatus des Gutes, auf dem er seine ersten Lebensjahre verbrachte. Der Bruder stammte ja aus dieser Stadt und konnte immer eine Menge berichten, davon betraf allerdings das Meiste, das ihm jetzt noch im Geist ist, die verfluchte Unterstadt, in der Seelenlose, Unheilige und Dämonen wandeln sollten. Wie konnten die Stadtoberhäupter und die Geweihtenschaft nur solch einen gottlosen Zustand dulden? Hätte er damals dem Bruder nur aufmerksamer gelauscht, wüsste er heute vielleicht mehr über die Hintergründe. Mit dem jungen Hesindegeweihten hier an Bord, mit dem er sich schon längst hatte unterhalten wollen, hatte sich auch noch keine rechte Gelegenheit für ein Gespräch ergeben.

In diesem Augenblicke werden laute Rufe auf dem Vordeck laut, die den Priester wieder in die Gegenwart rufen. Wieder schweift sein Blick auf die elegante Zweihänderklinge, die er in die Hand genommen hat. Bedächtig schraubt er das letzte Ende des Heftes ab und entnimmt der entstandenen Öffnung einen Schärfstein, mit dem er beginnt, die beiden Schneiden der Waffe zu schärfen.

Ein leises, singendes Geräusch entsteht bei jedem Strich über die Schneide, angenehm anzuhören, und es weckt, wie so oft, Erinnerungen an seine Zeit der Jugend.

Wie hatten sie sich damals auf ihre erste Unterrichtsstunde im Umgang mit Schwert und Bidenhänder gefreut, er und die sechs anderen Jungen, die bei Meister Frinneskje für das Leibregiment Baron Merinke von Eichwald-Ouvenmaas ausgebildet werden sollten. Und wie groß war die Enttäuschung als sie zunächst zu einem Haufen völlig verrosteter und Schartiger alter Klingen geführt wurden.

Mit einer edlen Waffe sei es anders als mit einem Stecken, den man einem Strauchdiebe über den Rücken ziehen wolle, erklärte der Meister damals, man müsse ein Gefühl der Vertrautheit und des Stolzes auf seine Klinge haben, und das müsse man sich erst erarbeiten, bevor man mit dem ersten Streich beginnen könnte.

Mit diesen Worten bekamen sie Stein, Öl, Tücher und den Bescheid, dem Meister erst wieder unter die Augen zu treten, wenn die Waffen in altem Glanze erstrahlten oder wenn es Fragen zur rechten Pflege gäbe. Schnell hatten sich die anderen sämtliche leichteren und kleineren Schwerter herausgepickt, so dass für ihn nur die großen, nicht minder verkommenen Stücke übrig geblieben waren. So trat er näher und wählte nach sorgfältigem Suchen dasjenige aus, das mit seinem raffinierten Verschlussmechanismus im Heft nicht nur gehörigen Mehraufwand in der Reinigung versprach sondern zudem noch eine verheißungsvolle Mechanik, die zudem eine Überraschung verhieß.

Zwei Tage, nach dem der letzte der anderen Zöglinge mit den Übungen begonnen hatte, war auch Wulff soweit, ein prächtig poliertes, etwas altertümlich wirkendes Schwert dem Meister vorzuweisen. Mit vor Stolz und Vergnügen glänzenden Augen hatte dieser ihm dann die ersten Griffe in der Handhabung erklärt. Und Meister Frinneskje war es auch, der Wulff schließlich die weitere Ausbildung an der Kaiserlichen Garethischen Akademie der Ritter des Bannstrahles vermittelte, denn er erkannte nicht nur das Talent, sondern auch Wulffs Leidenschaft für den Götterfürsten...

Mit einem Seufzen tauscht Wulff den Schärfstein gegen ein geöltes Tuch, mit dem er beginnt, die Klinge abzureiben.

'Also ist Havena für den Fremdling in erster Linie ein gefährliches Pflaster, vielleicht gerade für einen Geweihten der Zwölfe. Zumal gerade die Abenddämmerung aufzieht. Aber ob die Rüstung notwendig ist? Es ist ja auch viel bequemer ohne! Wie, werde ich etwa schon weich? Ne, Wulffen, so gecht desch niet.'

Entschlossen legt er die Waffe beiseite und ergreift den Plattenharnisch, den er über die Unterbekleidung und Hemd zieht. Gar nicht so einfach, alleine, doch das wäre ja gelacht, wenn ein Mann sich nicht selbständig rüsten könnte. Anschließend befestigt er das Kettenzeug an Armen und Beinen, es liegt schön fest auf der Unterkleidung auf und klimpert beim Laufen kaum vor sich hin. Kurz hält er in der Bewegung inne, das Gebrüll auf dem Vordeck ist lauter geworden.

'Was da wohl los ist?'

Schnell ergreift er den Beidhänder und schiebt ihn in die Scheide, um anschließend in gewohnt hohem Bogen beides auf seine Rücken zu befördern. Doch noch vor dem Zenit der Wirbelbahn gibt es ein lautes Knirschen, als das Stück gegen die niedrige Kabinendecke fährt.

,Was zum Teu... äh, verflixt! Wie konnte ich das nur vergessen?'

Die Schamesröte steigt Wulff ins Gesicht während er sich auf den Boden niederkniet und nach vorne beugt. Dann schwingt er die Waffe erneut auf seinen Rücken, erfolgreich dieses mal. Noch im Aufstehen zurrt er den Lederhalteriemen über der Schulter fest.

'Aber so kann ich ja nicht an Deck steigen, ich will ja eigentlich nicht in den Krieg ziehen.'

Zielsicher zieht seine Hand aus einem Haufen überwiegend schmutziger Wäsche eine lange weiße Überrobe, im Schritt vorne und hinten geschlitzt, auf das man besser reiten und laufen könne. Wie die kurze, die er die vergangenen beiden Tage an Bord getragen hatte, ist auch diese mit der aufgestickten gelben Praiosscheibe versehen. Sorgfältig zupft er die Ärmel über das Kettenzeug, schließt die Spangen und rückt die Falten besonders im Rückenbereich zurecht, so dass einem oberflächlichen Beobachter die Waffe wohl entgehen würde. Schließlich zieht er die Schlaufe für das heilige Sonnenszepter durch eine Aussparung im Gewand und hängt es ein.

Ein leichter Ruck geht durch das Schiff, danach ändert sich der Rhythmus der Schwankungen, diese werden etwas unregelmäßiger, aber viel ruhiger.

Aus dem Haufen vor ihm angelt er sich noch einen Beutel, den er mit schmutziger Wäsche anfüllt, anschließend schaufelt er den Rest seiner Habe wieder in das Kistchen und auf seine eigene Koje hinauf. Mit einem letzten Griff tastet er nach der Geldkatze, sie scheint noch ausreichend gefüllt.

Er schultert den Leinenbeutel und öffnet die Türe der Kabine, die er hinter sich wieder sorgfältig schließt. Schon wenige Schritt später hat er den hinteren Niedergang erklommen und macht einige wenige Schritte auf das Hauptdeck, wo er erst einmal stehen bleibt und sich einmal um sich selbst dreht, und sich sorgfältig das Panorama des Hafens einprägt, jedes Detail in sich aufsaugend.

"Havena..."

Gerade und stolz steht er da, strahlt die ruhige Gelassenheit eines Kriegers aus, der sich seiner selbst und seines Könnens bewusst ist, sowie die überlegene Ruhe und Sicherheit, die ihm sein fester Glaube und seine junge Würde verleihen.

Lange Augenblicke schaut er auf die Häuserkulisse des Hafens, lauscht den Geräuschen, nimmt den Geruch in sich auf und macht sich ein erstes Bild dieser neuen, fremden Stadt. Leise fällt ein leichter Regen, der alle Geräusche ein wenig zu dämpfen scheint und zusammen mit den zarten Nebelschleiern über dem Hafenbecken eine seltsame melancholische Stimmung in Wulff Onaskje auslöst. Er legt den Kopf in den Nacken und schließt die Augen, spürt einzelne Tröpfchen auf seinem Gesicht.

'Dies ist EFFerds Gabe an die Gläubigen. Auf ihre Art ebenso wichtig, wie das Licht, das alles erleuchtet und mit seiner Wärme zum Leben erweckt. Doch SEIN Licht sehe ich heute nicht, außer dem, das ER mir in meiner Seele entzündet hat.'

Dann besinnt er sich wieder auf seine unmittelbare Umgebung, und auf die Leute, die mit ihm an Deck sind. Er öffnet seine Augen, die fast ein wenig von innen heraus zu strahlen scheinen und mustert das Geschehen auf Deck, besonders die nicht zu überhörende Diskussion im vorderen Bereich des Deckes, und die Neuankömmlinge.

Besonders fällt ihm dabei die junge und hübsche Geweihte des EFFerd auf. Höflich tritt er einen Schritt in ihre Richtung und grüßt sie:

"Einen guten Abend wünsche ich Euch, und möge der Segen PRAios ebenso auf Euch legen wie der des EFFerd, der uns ja auch heute reichlich bedacht."

Mit einem leichten Kopfnicken grüßt er anschließend auch den Kapitän, der gerade die Stufen vom Brückendeck herabkommt.

"Guten Abend, Kapitän."



NORDSTERN - Oberdeck: Die Suche nach Ameg


Níalyn hört, dass die Matrosin Ameg wohl auch nicht gesehen hat. Kurz schaut sie sich auf dem Deck um und sieht dabei Efferdan.

'Vielleicht weiß er es. Außerdem sollte ich es ihm sagen, dass ich von Bord gehe. Es ist zwar sehr schade, aber andererseits...'

Ihr Blick geht kurz zu Torin und sie lächelt wieder. Dann setzt sie sich in Bewegung, um zu dem arbeitenden Efferdan rüber zu gehen und versucht dabei einen großen Bogen um den Praiosgeweihten zu machen, der gerade eben auf das Oberdeck gekommen ist.

'Noch ein Grund von Bord zu gehen... '



NORDSTERN - Auf der Brücke: Offizieller Empfang


Shioban Clanoir erwidert die Begrüßungsgeste des Kapitäns, allerdings in etwas weniger ausgeprägter Form. Die Verbeugung ist zwar nicht minder höflich, doch deutlich weniger ausgeprägt, fast nur angedeutet.

"Vielen Dank, Herr Kapitän, doch wenn es euch auch recht ist, dann können wir gern hier verweilen."

Den nun hinzutretenden Geweihten des Himmlischen Richters betrachtet sie mit spürbarem Interesse und Neugier. Denn die Verlautbarung des Efferdtempels besagte, dass das heilige Artefakt sich in 'geweihten Händen' an Bord dieses Schiffes befindet. Und wo sonst wäre es in sicherer Obhut, als in den schützenden Händen eines Geweihten des Praios'?

"Efferd, PRAios und die anderen Zehne zum Gruße, Euer Gnaden. Doch ist es hier seit längerer Zeit der erste Tag, an dem der Herr EFFerd dem Herrn PRAios einen ganzen Tag abgetrotzt hat. Gestern hatten wir noch vortrefflichen Sonnenschein, der euch das Herz gewärmt hätte", begrüßt sie den Geweihten, den sie als 'Hüter der Miesmuschel' wähnt, aufs freundlichste.

"Wir haben Euch schon erwartet. Und es ist uns eine aufrichtige Freude, dass Ihr mit EFFerds Hilfe rechtzeitig vor dem Fischerfest eingetroffen seid."

Ihr Blick ruht abwechselnd auf dem Kapitän und dem Geweihten des Praios.



"Einen Guten Abend wünsche ich auch Euch, Euer Gnaden", erwidert der Kapitän dem Geweihten des Praios, der gerade in dem Moment hinzutritt, in dem er Shioban Clanoir begrüßt.

Er lauscht den Worten, die sie an ihn und den Praios-Geweihten richtet, und erwidert dann:

"Dann lasst uns hier verweilen, das ist am heutigen Vorabend des Fischerfestes einfach sehr passend. Der Herr EFFerdhat uns in der Tat sehr geholfen, rechtzeitig vor dem Fischerfest hier einzutreffen, nachdem wir gestern noch vor Sonnenaufgang in Salzerhaven ausgelaufen sind. Es war ein tüchtiger Wind, der uns gut vorangetrieben hat."

Der Kapitän verzichtet bewusst darauf, das kleine Unglück zu erwähnen, das mag Inhalt späterer Berichte sein, und erwähnt auch das Artefakt noch nicht, er möchte es seinem Gast überlassen, dieses Thema anzuschneiden, was ja mit grosser Sicherheit der Grund ihres Besuchs ist.

"Wir sind vor einigen Stunden angekommen, aber wir mussten natürlich noch auf die Flut warten, ehe wir einlaufen konnten. Auf jeden Fall ist es mir eine aufrichtige Freude, von Euch in diesem Hafen willkommen geheißen zu werden."

Kurz bedauert der Kapitän fast, dass der Magus im Moment nicht auf dem Deck ist, denn DAS sollte wohl der letzte Beweis dafür sein, dass die ganze Sache mit der Heiligen Miesmuschel keine magische Täuschung mit dem Ziel ist, seine in Nostria bestellten Waren zu stehlen oder ihn davon fern zu halten. Aber... andererseits... der Kapitän genießt die Erhabenheit dieses Momentes wirklich, so da würde Ottam vermutlich doch nur stören.



NORDSTERN - An der Planke: Lowanger und die Rothaarige


Nun kommt auch die andere Frau an Bord, die nach der Meinung des Kapitäns und seines zweiten Offiziers wohl mitfahren möchte, oder sich zumindest diesbezüglich erkundigen möchte.

Lowanger geht langsam bis zum brückendeckseitigen Ende der Treppe, und blickt die Frau einladend an.

Normalerweise würde er dem Beispiel des Kapitäns folgen, und ebenfalls zum Oberdeck hinuntergehen, aber in diesem Fall lässt er das, denn dazu stehen der Kapitän und die beiden Geweihten einfach am ungünstigen Platz so ziemlich im Wege - es ist wohl besser, wenn er mit der Neuen auf dem Brückendeck verhandelt.



'Mada steh mir bei, der fehlte mir gerade noch.'

Mit gelindem Entsetzen, jedoch ohne mit der Wimper zu zucken erblickt sie den Praiosgeweihten, der offensichtlich hocherfreut zum Kapitän und dem Fischlein getreten ist.

'Nun, da haben sich die Gerechten ja versammelt. Heute scheint wirklich nicht der richtige Tag für mich zu sein...'

Wieder blickt sie hinauf zu der Brücke und irgendwie kann sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Bärtige, dort oben schon darauf wartet, dass sie ihn anspricht, so als hätte er sie sofort als potentielle Mitreisende ins Auge gefasst. Der Wind zerrt an ihren Haaren und ihrer Kleidung und der Regen prasselt auf ihr Gesicht und plötzlich wird ihr klar, dass dieses Wetter tatsächlich ein Segen EFFerds ist, denn so wird sich niemand wundern, wenn sie nur einen kurzen Gruß murmelnd, an den Dreien vorbei, zum Aufgang der Brücke geht.

Sie greift ihren Korb etwas fester und marschiert los über die Planke an Deck.

Wie geplant hastet sie, ein "Ehre den Zwölf göttlichen Geschwistern..." nuschelnd, an ihnen vorbei.



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan und Níalyn


Mit vereinten Kräften geht die Arbeit gut voran, die letzten Handgriffe werden wohl bald getan sein...

Plötzlich tritt eine Frau in sein Blickfeld. Keine einfache Frau, eine Geweihte. Eine Dienerin des Herrn der Gezeiten. Ehrfürchtig hält Efferdan für einen Moment innen und senkt kurz das Haupt - auch, wenn ihm bewusst ist, dass die Geweihte dies wohl schwerlich bemerken wird.

Aber sie ist eine Geweihte und als solche gebührt ihr Ehrerbietung.

Von allen Geweihten sind ihm die des EFFerd am »Liebsten«, soweit man sich so ausdrücken kann. Für ihn sind die Geweihten des Meeresgottes nicht so unnahbar wie die der anderen Götter, sie kann er verstehen, ihre Ansichten teilen - das mag auch daran liegen, dass er unter ihnen aufgewachsen ist, schließlich war seine Mutter ebenfalls EFFerd-Geweihte. Und da ist noch etwas, was er mit ihnen teilt: Die Liebe zum Meer, zum Lauf der Gezeiten, der urtümlichen Kraft des Wassers...

`Ob sie meine Mutter wohl kannte?` schießt ihm durch den Kopf. Doch gleich darauf erkennt er, dass sie wohl zu jung dazu ist.

Dann tritt der PRAiosgeweihte hinzu - Efferdan hatte ihn gar nicht richtig kommen sehen, so konzentriert war er auf die junge EFFerdpriesterin. Schnell senkt EFFerdan den Blick aus Ehrfurcht noch tiefer. Noch immer jagt ihm beim Anblick des Geweihten des Götterfürsten ein leichter Schauer über die Haut. Man sagt, die Geweihten könnten einem bis in die Seele schauen... Nicht, dass er etwas zu verbergen hätte - trotzdem kein sehr angenehmer Gedanke.

Bedingt durch die Geweihten bemerkt er Níalyn erst, als diese fast vor ihm steht. Genauer gesagt bemerkt er erst ihre Beinkleidung, die ihm irgendwie bekannt vorkommt, ohne dass er es einordnen kann. Vorsichtig linst er nach oben und sieht das zu den Hosen gehörige Gesicht: Níalyns!

Überrascht sieht er sie aus seinen großen, meerblauen Augen an.

`Will sie zu mir? Bestimmt nicht. Aber, sie kommt direkt hierher - und der »Traurige« steht dort drüben...`

Hatte sie etwa seine Gedanken gelesen?



NORDSTERN - Oberdeck: Torin - Mann von Welt


'Dann muss ich wohl selber nach Ameg suchen.' denkt sich Torin, als ihm die Matrosin mit knappen Worten klarmacht, dass sie ihm nicht helfen kann.

"Trotzdem Danke." fügt er noch hinzu und blickt sich dann selbst suchend auf dem nassen Oberdeck um. Doch Ameg kann er nicht finden. Und seine Níalyn ist auch gerade unterwegs zu diesem hellhäutigen Matrosen.

'Soll sie ruhig mit ihm reden. Was ich ihr gebe, dazu ist ER nicht im Stande.' lächelt er ihr hinterher. Dann jedoch fällt ihm ein roter Haarschopf auf. Und unter diesem Haarschopf befindet sich eine hoch gewachsene Frau, die sich voll gepackt die ausgelegte Planke hoch müht.

'Dass ihr denn keiner der Matrosen hilft?'

Torin schüttelt den Kopf.

'Immerhin könnte die Planke rutschig sein.'

Noch immer kopfschüttelnd unterbricht Torin seine Suche nach Ameg und nähert sich der mit einer braunen Bärenfellweste gekleideten Frau.

'Allein schon der grosse Korb scheint einiges an Gewicht zu haben, von der prallgefüllten Ledertasche gar nicht zu reden. Und wer weiß, vielleicht springt auch ein Heller für mich dabei raus.'

"Phex zum Gruße. Mein Name ist Torin Rotmarder und ihr seht aus, als könntet ihr eine helfende Hand beim Tragen euerer Last benötigen.“



Doch die Rothaarige beachtet ihn überhaupt nicht und huscht auf Deck und an ihm vorbei. Verwundert blickt Torin der hoch gewachsenen Frau hinterher. Hatte sie ihn übersehen? Naja, bei diesem nieselnden Regenwetter sicher kein Ding der Unmöglichkeit. Und trotzdem!

'Da will ich einmal hilfreich zur Seite stehen und man übersieht mich einfach.' Wieder schüttelt er den Kopf und eine nasse Haarsträhne wischt ihm durchs Gesicht.

'Naja, dann wird diese Bauerntochter wohl ohne meine Hilfe auskommen müssen.'

Noch einmal dreht er sich zu seiner Liebsten um. Diese ist noch immer auf dem Weg zu diesem käsegesichtigen Matrosen. Dann jedoch macht sich Torin bereit, dem regnerischen Wetter endlich aufs Unterdeck zu entfliehen.



NORDSTERN - Oberdeck: Abschied


Níalyn lächelt Efferdan freundlich an, als sie sich ihm nähert.

'Tja, wie fange ich jetzt an? Was soll ich ihm sagen und, vor allem, wie soll ich es sagen?'

Während sie noch immer ihr Lächeln aufrecht erhält, überkommen sie leichte Gewissensbisse. Efferdan hatte ihr in einem Moment, wo sie sich wirklich nicht gut gefühlt hatte, beigestanden und ihr Trost gespendet. Er hatte ihr einen Rat gegeben, den sie in die Tat umgesetzt hatte und nun geht sie einfach so von Bord und fort von ihm, ohne sich revanchiert zu haben.

'Das kann ich nicht. Phexane hätte es getan, aber ich werde es nicht tun.'

Eine kurze Pause entsteht, während sie überlegt und nach den richtigen Worten sucht, dann räuspert sie sich fast schon bedeutungsschwanger.

"Ich möchte mich bei dir für deinen Rat und deiner Hilfe bedanken, Efferdan. Du hattest recht und es hat mir sehr geholfen."

Kurz blickt sie zu Torin, wie dieser den Niedergang hinabgeht.

"Ich möchte mich daher erkenntlich zeigen. Ich habe zwar nichts Besonderes, was ich dir schenken könnte, aber vielleicht finde ich ja etwas für dich hier in Havena."

'Ich muss zu Runwalds Laden! Da finde ich auf jeden Fall etwas.'

Dann aber verändert sich ihr Gesichtsausdruck etwas und wird ernster.

"Allerdings wird das auch mein Abschiedsgeschenk sein. Ich gehe von Bord."



Tatsächlich, Níalyn will zu ihm! Schüchtern erwidert er ihr Lächeln - etwas, was bis jetzt noch nicht viele erlebt haben dürften...

Als sie anfängt, über seine Hilfe zu reden und sich bedankt, senkt er verlegen den Blick. Röte steigt auf und färbt seine blasse Haut in einem zarten Rot.

"Das... das ist doch.. nicht..." stammelt er. Ein Geschenk will sie ihm kaufen. Ihm! Dabei hatte er doch gar nichts besonderes getan. Das kann er unmöglich annehmen. Gerade will er seinen Mut zusammen nehmen und ihr sagen, dass sie dass nicht tun braucht, dass ihr Dank genug ist, da eröffnet sie ihm, dass sie von Bord gehen wird.

Einfach so, aus heiterem Himmel. So schnell wie sie gekommen ist, verschwindet die Röte aus seinem Gesicht. Obwohl das wohl kaum möglich ist, wirkt er nun fast noch blasser als sonst. Seine Augen, mit denen er Níalyn nun ansieht, bergen einen Ausdruck tiefster Traurigkeit. Die Oberfläche des Meers in ihnen kräuselt sich, Tropfen sammeln sich an den Ufern...

`Nein, das ist nicht wahr...`

"Du... du gehst?" stottert er, geschockt und von dem Wunsch beseelt, es möge nicht wahr sein. Da trifft er nun jemand aus seiner Vergangenheit, jemand, mit dem er etwas gemeinsam hat, mit dem er gewisse Dinge teilen kann... und jetzt ist diese Person im Begriff wieder zu verschwinden, einfach so, nach so kurzer Zeit. Irgendwie war

es Efferdan schon klar, dass es eines Tages so kommen musste, schließlich war sie keine Matrosin, aber er hatte diesen Gedanken verdrängt, gehofft, es würde noch einige Zeit vergehen bis dahin...



"Ja, ich gehe," antwortet Níalyn Efferdan. Sie bemerkt sehr wohl, wie sehr ihn diese Nachricht trifft. Doch sie hatte zuvor nicht so recht darüber nachdenkt, was sie damit anrichten könnte. Vielmehr hatte sie sich gefreut, dass sie nun mit Torin nach Gareth gehen wird und ihren Sohn wiedersieht. Dass sich nicht jeder mit ihr freut, hatte sie nicht so genau bedacht...

"Es tut mir sehr leid, Efferdan. Ich weiß, es kommt reichlich überraschend, aber ich sehne mich zurück nach meinem Sohn."

'Soll ich die Sache mit Torin erwähnen? Besser nicht... '

Níalyn seufzt auf. Sie weiß nicht, wie sie es ihm möglichst schonend erklären kann, ohne dabei selber ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

"Ich bin nunmal eine Landratte und noch dazu eine, die sich in großen Städten am wohlsten fühlt. Ein Schiff ist nichts für mich. Diese Enge und keine Möglichkeit... "

'... zu fliehen, wenn man Beute gemacht oder jemanden abgezockt hat. Ja klar, sag das und dazu am besten noch den Grund, warum du aufs Schiff gekommen bist! So ein Blödsinn!'

"... zu ... äh ... gehen, wann es mir passt! Wenn man mal auf dem Meer ist, dann bleibt man dort auch eine Zeitlang, bis man einen Hafen erreicht und somit... "

Wieder seufzt sie.

'PHEx, was rede ich für einen Schwachfug! Ich gehe von Bord. Basta!'

"Es tut mir leid."



Stumm, mit Tränen in den Augen und einem Gesichtsausdruck, der von tiefer Traurigkeit und auch von einer gewissen Verletztheit kündet, hört Efferdan zu, wie sie zu erklären versucht, warum sie geht.

Ihr Sohn, ja, dass ist wohl ein Grund... Und das mit dem Meer - dass kann er auch verstehen. Auch er würde sich sicherlich nicht wohl fühlen, wenn er längere Zeit im Binnenland, abgeschnitten von jedem Meeresarm, leben müsste...

Doch, dass man es versteht bedeutet nicht unbedingt immer Erleichterung.

"Schon... schon gut" stottert er. Tapfer versucht er die Tränen zurückzuhalten, doch eine kleine, vorwitzige entfleucht und rinnt seine rechte Wange hinunter, hinterlässt eine salzige Spur der Traurigkeit.

Warum kann es nur niemand länger in seiner Nähe aushalten? Anscheinend muss er jeden verlieren, zu dem er etwas Vertrauen fasst. Warum? Warum nur? Was hatte er getan? Würde er nun wieder alleine sein? Alleine - eigentlich müsste man ja denken, dass man auf einem Schiff nie alleine ist. So viele Menschen auf so engem Raum... Und doch, trotzdem fühlt er sich meist allein...

Efferdan schluckt. Sie würde gehen, dass steht fest. Warum sollte sie auch nicht? Schließlich wird sie erwartet. Wie egoistisch von ihm, er könnte durch sie noch einige weitere Erinnerungen wecken...

Leise fragt er sie:

"Wann?"



Níalyn fühlt eine schmerzhaften Stich in ihrem Herzen, als sie die Träne Efferdans Gesicht herunterrinnen sieht. Mehr und mehr gerät sie in einen Konflikt - einerseits mag sie Efferdan auf eine geschwisterliche oder freundschaftliche Weise, andererseits liebt sie Torin und will mit ihm reisen.

"Ach, Efferdan," sagt sie leise und legt eine Hand auf seine Schulter, "wir werden uns wiedersehen. Mich hält es in Gareth mit Sicherheit nicht lange und dann werde ich wieder weiterreisen. Vielleicht reise ich dann wieder zurück nach Havena, warte auf die NORDSTERN und ziehe wieder mit diesem Schiff weiter."

Níalyn beachtet die beiden Thorwaler, die Efferdan geholfen haben, nicht weiter, denn viel wichtiger ist es jetzt für sie, den unglücklichen Matrosen etwas zu trösten.

"Außerdem bin ich noch nicht weg. Ich will noch ein paar Tage in Havena bleiben. Vielleicht hast du ja Lust, mit uns zu kommen? Und eigentlich solltest du doch froh sein!"

Níalyn setzt ein reichlich künstliches Grinsen auf, denn zum Lachen ist ihr auch nicht mehr zumute.

"Ich mach' normalerweise viel ärger! Immerhin wollte ich dich damals mit in die Unterstadt schleppen!"



Die großen Augen sehen Níalyn an. Wie funkelnde Wasserflächen, die sich von den Steinen kräuseln, die jemand von irgendwoher hinein wirft, mögen sie wirken. Traurigkeit liegt in ihnen. Einsamkeit. Furcht. Zuneigung.

Und da ist noch etwas. Frisch hinzu gekommen, geboren durch Níalyns Worte: Hoffnung. Hoffnung, dass die Götter es fügen könnten, dass sie beide sich einmal erneut treffen...

Als sie ihre Hand auf seine Schulter legte, war er - wie gewohnt - etwas zusammengezuckt, doch hatte er keinerlei Anstalten gemacht, die Berührung anschließend zu Unterbrechen. Im Gegenteil: Jetzt empfindet er ihren Arm sogar als eine Art Brücke zwischen ihnen.

Die Augenblicke scheinen sich zu kleinen Ewigkeiten zu dehnen - jedenfalls kommt es Efferdan so vor - bis er endlich den Mut und wohl auch das Quäntchen Zuversicht findet, um das zu sagen, was in seinem Kopf umherschwirrt:

"So.. es die... Götter fügen..."

Der Matrose schnieft und wischt sich schnell ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Es macht die Sache für ihn nicht wirklich besser, aber das braucht sie ja nicht unbedingt zu wissen. sie hat beschlossen zu gehen, da darf und will er sie nicht aufhalten.

Naja, so wie sie andeutet, bleibt ja noch etwas Zeit. Zeit, die man nutzen könnte....

"Ich... ich wollte morgen... zum Tempel" erzählt er zögernd von seinen Plänen.

"Kommst... kommst du mit?" fragt er vorsichtig.



"Zum Tempel?"

Níalyn sieht wenig begeistert, sondern eher etwas erschrocken aus. Kribbelig kalt läuft ein Schauer ihren Rücken hinab, als sie an das Gebäude und dessen Insassen denkt. Würde sie in den Tempel gehen, würde sie mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit dort auf ihren Bruder treffen.

Ein Zwiespalt tut sich in ihr auf: gerne würde sie Gial wiedersehen. Vielleicht wäre sogar eine Versöhnung möglich.

Aber vielleicht will er sie gar nicht mehr sehen?

Was wäre, wenn er sie sogar mittlerweile noch mehr verachtet?

Aber warum sollte er?

Der Streit und der ganze ärger sind nun mehr als fünf Jahre her. Vielleicht ist es ja doch möglich, wieder miteinander zu sprechen?

"Vielleicht," antwortet Níalyn Efferdan, "komme ich mit. Aber wahrscheinlich werde ich wohl erstmal alleine hingehen."

'Am besten auch ohne Torin. Sein Hitzkopf wäre wohl etwas hinderlich... '



'Sie will alleine gehen...'

Efferdans Gesichtsausdruck wird noch trauriger.

'Sie will nicht mit mir hingehen. Ist ja auch kein Wunder - wahrscheinlich schämt sie sich, mit mir zusammen gesehen zu werden - immerhin dürfte es dort ein paar Leute geben, die uns kennen, vielleicht sogar welche ihrer alten Kameraden... Wer will schon mit mir gesehen werden?...'

Irgendwie niedergeschlagen antwortet er leise und mit gesenktem Kopf:

"Ist gut..."

Für einen Moment hört es sich so an, als wolle er noch etwas hinzufügen, doch Efferdan schließt den Mund und schweigt.

Was soll er auch sagen?

Plötzlich kommt ihm etwas anderes in den Sinn. Was sagte sie noch? Sie sprach von ihrem Vorschlag, in die Unterstadt zu gehen - damals...

Die Unterstadt - Mahnmal des Schreckens und der Gewalt von EFFerds Zorn. Die Reste der alten Stadt, die auf EFFerds Geheiß für ihre Sünden von der Gewalt des Wassers einfach hinweg gefegt wurde. Man munkelt von furchtbaren Schrecken, die dort hausen sollen - und doch zieht es immer wieder mutige und verwegene Abenteurer dort hin. Schließlich munkelt man auch von dem ein oder anderen Schatz, der dort auf seinen Entdecker harren soll.

Und auch auf viele Jugendliche üben die wenigen, von Ruinen bestandenen Inseln - und erst recht die Gebäude UNTER Wasser - einen fast magischen Reiz aus. Wer besonders mutig sein will, der rudert nachts dort hinaus - und immer wieder kommt es vor, dass der oder die Leichtsinnige nicht wieder kehrt...

Efferdan muss an den Tag denken, da Níalyn ihm vorschlug, die Unterstadt zu besuchen. Er weiß noch, wie er zitternd ablehnte und sie vor den Gefahren warnte, die dort lauern. Sie hatte nur gelacht. Ob sie damals dann wirklich dort war?

Efferdan sieht zu Níalyn auf. Falls ja, dann hatte sie damals Glück gehabt...

"Versprichst... du mir etwas?" flüstert er leise, aber plötzlich sehr ernst.

"Halte...bleib von der Unterstadt... fern, ja? Irgend etwas... das Meer ist dort... merkwürdig..."

Efferdan muss an den Nachmittag denken, an dem er sich bis an den Rand der Unterstadt gewagt hatte. Seine Mutter hatte ihm verboten, die Unterstadt zu besuchen und nach jenem Nachmittag spürte er keinerlei verlangen, das Verbot zu übertreten (- davon abgesehen - nicht, dass er je ein Verbot seiner Mutter übertreten hätte). Er war dort gesessen, an einer einsamen Stelle und hatte das Meer beobachtet. Irgendwie... es hatte ihm Angst gemacht. Efferdan zittert für einen Moment

'Lieber nicht daran denken...



NORDSTERN - Oberdeck: Perval und Traviana


Als die letzten Knoten gebunden sind steht Perval so ziemlich neben Traviana. Der Passagier, der zuvor Traviana angesprochen hatte, wendet sich ab und spricht die gerade an Bord kommende Frau an.

'Tje, scheint ihm eine Katze nich zu reichen. Macht sich gleich an die nächste wenn sein Kätzchen ma nich guckt.'

Als die rothaarige Frau ihn allerdings nicht weiter beachtet, stiehlt sich ein leichtes Schmunzeln in Pervals Gesichtszüge.

'Ha, keen Glück gehabt. Na, werd mal schaun, ob ich hier weiterkomm.'

Damit wendet er sich Traviana zu.

"So, dat wär geschafft. Sieht nich so us, als ob es im Moment noch viel zu tun gäb. Die Bootsfru is noch immer vorn mit de Smutje un Alrik und die Herren Offiziere sind uch beschäftigt."



Traviana hat nun auch endlich alles an Arbeit fertig. Dann wendet sie sich ebenfalls Perval zu.

"Ja, stimmt. Ich bin hier auch fertig..."

Als sie das sagt, blickt sie einmal zu der von Perval erwähnten Bootsfrau, auch um zu sehen, ob dort immer noch diese Streiterei läuft.

Aber sie scheinen sich doch beruhigt zu haben...

Sie wendet sich also wieder Perval zu....




"Wat ich vorher noch sagn wollt. Wenn de willst, könn mir zusammn ma in die Stadt en trinken gehn. Nur wenn de Lust hast, natürlich. Vorher sollt ma de Bootsfru fragn, wat denn mit de Heuer is. Hab nich mehr all zu viel Taler in de Taschen. Sach ma, du weest nich, wer hier die Heuer usjibt und wann? Und wann de Smutje die Schnapsration austeilen?" fragt Perval Traviana, als die sich ihm wieder zudreht.



Traviana ist sichtlich erfreut.

Endlich kommen sie dann wohl doch noch zu einem Gespräch...

"Klar. Können wir machen.... Aber ich weis nicht wie das mit der heuer ist. Muss man halt mal nachfragen....."

Traviana lächelt Perval an.

'Endlich können wir uns mal ein bisschen unterhalten.......'



'Hübsch schaut se us, wenn se so lächelt.' geht es Perval durch den Kopf. 'Vielleicht sollt ich doch noch nich in de Hängematte kriechen. Wer wet denn scho, wat der Abend noch so alls bereithält.'

Perval's Müdigkeit ist bei dem Gedanken, den Abend mit Traviana in einer Nische irgendeiner gemütlichen Kneipen im Hafen zu verbringen, wie weggeblasen.

"Dann lat uns ma sehn, dat wir den Brannt zum Ufwärm kriegen und dann an Land komm."

Nicht das Perval wirklich kalt ist - der Regen läuft zwar an seinem Körper runter und die Haare sehen aus, als hätte er sie in einen Eimer mit Wasser gesteckt, aber der dicke alte Mantel hat den meisten Regen abgehalten, so dass er unten drunter trocken ist, und die Gedanken, wie der Tag noch enden könnte, wärmen ihn zusätzlich - aber die Ration Schnaps könnt er jetzt trotzdem gut vertragen.



Traviana nickt.

Dann blickt sie kurz auf die Stadt. Sie stellt sich vor, wie es dort wohl ist. Viele verschiedene Gedanken kommen ihr in den Sinn....

Auch erinnert es sie an Salza, ihrer Heimatstadt. Aus der ja auch Perval kommt. Darüber wollten sie sich doch auch unterhalten...

Aber sie ist nur einen kurzen Augenblick in Gedanken. Denn sie und Perval wollen ja noch fort.....



Da Traviana nicht antwortet sondern nur zu seinen Worten nickt, schaut Perval sich auf dem Deck um, wenn man denn fragen könnte hinsichtlich der Heuer und des Brannts. Da kommt es ihm mehr als gelegen, als er sieht, wie die Bootsfrau vom Vordeck herunter auf das Oberdeck kommt.

'Scheint die Sache von jestern ja doch noch geklärt worden zu sin. Schaut uch nich besonders verärgert aus.'

An Traviana gewandt fährt er fort "Komm, lat uns de Bootsfru mal frigen, wie ´n dat mit der Heuer und ´m Brannt is."



"Ja, okay, dann geh'n wir mal rüber..."

Traviana geht schon andeutungsweise in Richtung der Bootsfrau, und wartet, ob Perval ihr folgt...



NORDSTERN - Gemeinschaftskabine: Der Angroschim


Ein lautes Schnarchen ist aus dem Schlafsaal zu hören. Wenn man es genau betrachtet, stammt es von der kleinen bärtigen Person, die schlafend in der Koje liegt. Die Decke ist zur Seite geschoben, ein Bein baumelt neben dem Bett. Der Angroschim ist immer noch in den Spiegelpanzer gekleidet, den er gestern getragen hatte, und seine Bewaffnung liegt neben der Koje auf dem Boden.

Nachdem er gestern gemerkt hatte, dass er krank ist, und niemand an Bord den Ernst seiner Lage erkennt, hat Alberik den verbliebenen Tag mit Nachdenken verbracht. Am Abend hat er angefangen, dass kleine Fass Bier, welches er aus Salzerhaven mitgebracht hatte, zu trinken, und weiter nachzudenken. Bis in die frühen Morgenstunden war der Zwerg so in der Messe zu finden, einen Becher nach dem anderen trinkend, schweigend vor sich hin brütend. Erst als das Fass völlig leer war, und die Müdigkeit immer mehr Einfluss auf seinen Körper ausübte, fand er den Weg zurück zur Kabine, und ließ sich so wie er wahr in seine Koje fallen, um bis jetzt zu schlafen.

Das Schnarchen scheint stotternd zu werden und geht schließlich in ein Schmatzen über, als der schwere Körper des Zwergen sich auf die Seite bewegt, um sich in eine bequemere Position zu drehen. Doch dort, wo die Drehung enden soll, endet auch die Koje. Mit einem dumpfen Knall landet Alberik auf dem Kabinenboden.

"Unff"

Mit halb geschlossenen Augen schaut sich der Zwerg um, und versucht erst einmal zu erkennen, wo er sich befindet, bevor er aufsteht. Neben sich sieht er seine eigenen Äxte, auf der anderen Seite die Koje, in der er gerade noch gelegen hat.

"Richtig, ich befinde mich auf diesem schrecklichen Schiff. Warum konnte ich nicht woanders aufwachen?"

Mit langsamen Bewegungen stützt sich Alberik auf seine Hände und richtet sich auf. Dabei bemerkt er nur zu deutlich den Schmerz in seinem Körper, an dem der Sturz von eben schuld ist. Die Koje bietet einen weiteren Halt, und der Zwerg nutzt diese Hilfe um sich ganz aufzurichten, nur um sich anschließend wieder auf das Bett zu setzen.

Ein Stöhnen ist aus dem Munde des Angroschim zu vernehmen, um dem Schmerz in seinem Körper Ausdruck zu verleihen.



Mit langsamen Bewegungen reibt sich Alberik die Müdigkeit aus den Augen.

'Ob wir wohl schon wieder in einem Hafen angekommen sind? Vielleicht kann mich ja dort jemand von meiner Krankheit befreien. Oder mir zumindest erklären, was mit mir los ist. Auf dem Schiff scheint es ja niemanden zu geben, der mir Glauben schenkt.'

Während er dem Regen, der auf das Dach der Kabine fällt, lauscht, und sich seine Laune daraufhin verschlechtert, erhebt er sich von der Koje und sammelt seine Waffen ein, um sie dahin zu verstauen, wo sie hingehören.

Schnell ist er damit fertig, hat er die Handbewegungen doch schon hundertmal vollzogen.

Noch einmal streckt der Zwerg die Arme weit von sich und gähnt mit weit offenem Mund, dann öffnet er die Tür zum Unterdeck und macht sich auf den Weg nach oben, um herauszufinden, ob das Schiff schon in einem Hafen ist, oder sich immer noch auf See befindet.



NORDSTERN - Oberdeck: Jandara an Bord


Den Mann, der ihr so freundlich seine Hilfe anbietet, hat sie gar nicht wahrgenommen. Viel zu sehr ist sie damit beschäftigt, den Praiosgeweihten aus den Augenwinkeln zu beobachten. Als sie auf einer Höhe mit ihm ist hält sie kurz den Atem an, noch ein Schritt, dann ist sie vorüber. Ein kleines triumphierendes Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Der bärtige Mann oben auf der Brücke schaut sie an und sie ruft zu ihm hoch:

"Seid gegrüßt! Mein Name ist Jandara Bera! Wie ich gehört habe fährt die NORDSTERN in ein paar Tagen Richtung Grangor! Darf ich zu Euch hinaufkommen?"



Sehr zufrieden nimmt der zweite Offizier zur Kenntnis, dass die Neue nicht einfach auf die Brücke kommt, sondern vorher fragt. Das tun die wenigsten Fahrgäste, auch wenn das eigentlich die korrekte Vorgehensweise ist.

"EFFerd zum Gruße", erwidert er, "selbstverständlich dürft Ihr auf die Brücke kommen - hier ist im Moment mehr Platz als dort unten."

Den letzten Teilsatz fügt er in einem fast schon entschuldigenden Ton hinzu, ist er sich doch bewusst, dass es eigentlich besser wäre, hinunterzugehen.



Jandara weiß, dass dieser kleine Triumph kein Echter ist, er ist nur eingebildet. Jedoch, ein gutes Gefühl bleibt ein gutes Gefühl und das sollte man auskosten. Wieder einmal stellt sie ihren Korb vorsichtig auf den Boden, ist es doch völlig unmöglich, ihn mit auf die Brücke zu nehmen. Von dort wird sie ihn gut im Auge behalten können.

Noch immer nagen einige Zweifel an ihr. Sie selbst hält ihre Entscheidung, dieses Schiff zu betreten, für ziemlich gewagt. Doch ein Blick in das freundliche Gesicht des Mannes auf der Brücke, schiebt diese Gedanken in den Hintergrund.

'Er hat die gleichen Augen wie Cern!' stellt sie verblüfft fest. Die grauen Schläfen, der gepflegte Bart... Jandara hebt ihren Rock ein wenig höher als unbedingt nötig und steigt die wenigen Stufen zur Brücke hinauf, wobei sie auf ihr Gesicht das strahlendste Lächeln zaubert, zu dem sie sich gerade in der Lage fühlt.

"Es freut mich sehr, Euch kennen lernen zu dürfen!" sagt sie und geht ihm mit ausgestreckter Hand entgegen.



Der zweite Offizier ergreift die dargebotene Hand und drückt sie - allerdings nicht auf die thorwalische Weise, sondern eher etwas behutsamer, ganz so, wie es sich gegenüber einer Dame ziemt.

"Die Freude ist auch auf meiner Seite", erwidert er dann, und holt sogleich sein Versäumnis nach, denn er hat sich noch nicht vorgestellt.

"Mein Name ist Wulf Lowanger, ich bin der zweite Offizier der NORDSTERN! Seid willkommen an Bord."

Bei der Erwähnung des Schiffsnamen macht Lowanger eine weitschweifige Geste, die das ganze Schiff zu umfassen scheint.

"Womit kann ich Euch helfen?"

Aufmerksam blickt er sie bei dieser Frage an, auch wenn zumindest im Groben wohl recht klar ist, dass sie mitfahren möchte.



Nur kurz noch bleiben Jandaras grüne Augen versonnen an Wulf Lowangers Gesicht hängen, dann räuspert sie sich und beginnt in geschäftsmäßigem Tonfall zu sprechen:

"Ich hoffe sehr, dass Ihr mir helfen könnt, denn ich habe ein nicht gerade kleines Problem. Seht, ich bin als Kurierin der bekannten Parfumerie Aranori in Belhanka unterwegs, um eine neu entdeckte und sehr kostbare Ingredienz aus den albernischen Wäldern nach Belhanka zu transportieren."

Mit einer anmutigen Geste weist sie mit der linken Hand hinunter zu ihrem Korb.

"Um was genau es sich dabei handelt, ist natürlich Parfumeursgeheimnis. Jedoch, so viel darf ich sagen, und genau dies ist auch der Punkt, der mich zu Eurem Schiff geführt hat, handelt es sich um eine sehr, sehr empfindliche Ingredienz, die, wird sie zu hohen Klima- und Temperaturschwankungen ausgesetzt, ihr unvergleichliches Aroma sehr rasch verliert."

Sie blickt nun wieder ihrem Gegenüber in die Augen.

"Nun, lange Rede kurzer Sinn, der Bauch eines Schiffes ist der einzige Ort, der mir für den Transport der Ware in den Süden geeignet scheint. Da Euer Schiff gerade erst angelegt hat, ist es einfach ideal für mich, denn ich denke, ich kann davon ausgehen, dass ihr noch eine Weile hier im Hafen bleibt, habe ich nicht Recht?”

Jandara legt eine kurze Pause ein, um Luft zu holen und dem 2. Offizier die Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben.



Aufmerksam und höflich lauscht der zweite Offizier den Worten der Frau, auch wenn ihm weder der Name der Parfumerie etwas sagt, noch er auch nur im Ansätzen etwas von den Problemen versteht, die irgendwelche Ingredienzen betreffen.

Was er aber versteht, ist, was diese Frau möchte - nämlich ihre Ware in den Laderaum einzulagern.

"Ja, da habt Ihr recht, wir bleiben noch einige Tage hier. Es ist natürlich kein Problem, Eure Ware jetzt sofort in den Laderaum zu schaffen."

Er mustert sie kurz, insbesondere ihr Gepäck.

"Ich vermute, dass Ihr selbst auch mitreisen möchtet, richtig?"

Lowanger hebt den Blick, und sieht in Jandaras Augen, während er die weiteren Fragen und Bemerkungen erst einmal aufspart.



"Ja also..."

Jandara ist nun ein wenig überfahren, wie nett von ihm, ihr ihre noch nicht gestellte Frage vorweg zu nehmen. Auf alle Fälle, scheint er auf ihre kleine Lügengeschichte hereingefallen zu sein, die sie sich erst beim Hochgehen zur Brücke hat einfallen lassen. Ein kleines Parfümfläschchen, schon zu lange ungenutzt in den Tiefen ihres Korbes vor sich hin schlummernd, kam ihr in den Sinn, gekauft vor fünf Götterläufen auf einem Markt in Baliho, mit einem kleinen Schildchen dran, auf dem steht:

'_Khablas Ekstase-aus dem Hause ya Aranori/Belhanka_'!

Außerdem weiß sie, dass es nun nicht angemessen ist, ihn weiterhin so anzustarren, so dreht sie jetzt leicht den Kopf zu ihrem Korb hin und spricht in dessen Richtung weiter.

"Es ist so," versucht sie zu erklären, "Ich kann und will die Ware nicht aus den Augen lassen, Ihr versteht?"

Der Augenblick ist gekommen, in dem entschieden wird, ob Jandara in den nächsten Tagen mit der NORDSTERN in Richtung Liebliches Feld entschwinden wird, oder ob sie sich weiter umsehen muss, nach einer Möglichkeit das verfluchte Havena zu verlassen.



Lowanger nickt verstehend. Fahrgäste, die ihre Ware für das allerwichtigste auf Dere halten, und sehr misstrauisch jedem und jeder gegenüber sind, sind ihm nichts neues, so etwas kommt eher sogar häufiger vor. Grinsend erinnert er sich an einen Händler, der auf der vorigen Fahrt nach Norden es nicht lassen konnte, bei seinen Weinfässern im Laderaum zu schlafen, und das war nicht etwa der Laderaum vier, der für derartiges gedacht ist - halt die Unterbringung von Fahrgästen und einiger Ware.

Laderaum vier...

Der zweite Offizier hebt den Blick wieder, und sagt:

"Natürlich verstehe ich das. In Eurem Fall ist es ja auch sehr einfach, wenn es nur dieser Korb ist."

Er unterbricht sich, und blickt kurz zum Kai, ob da vielleicht noch ein Fuhrwerk steht, aber das ist nicht der Fall - außerdem hätte sie dann wohl kaum alles an Bord gebracht.

"Diesen Korb könntet Ihr natürlich auch mit in eine Kabine nehmen, nur..."

Noch einmal stockt er, und es scheint bei den folgenden Worten so, als sei ihm das persönlich sehr peinlich und unangenehm, das so zu sagen:

"...nur ist das Problem, dass wir im Moment keine Kabine mehr frei haben. Selbst in unserer Gemeinschaftskabine haben wir alle Kojen belegt. Es ist derzeit also wirklich nur in einem unserer Laderäume etwas frei - wir haben da einen, in dem wir genau für den Zweck Hängematten spannen, und in dem sonst auch kaum Ladung lagert..."

Der Offizier lässt den Satz quasi verklingen, während er Jandara fragend ansieht - er ist sich alles andere als sicher, ob das für eine Kurierin mit derart vertraulicher Ware auch nur im Ansatz angemessen ist. Darum beeilt er sich, dann doch noch einen Satz nachzureichen:

"Sobald eine der Kabinen oder eine der Kojen frei wird, könntet Ihr die natürlich bekommen!"



"Wenn ich mir den Laderaum einmal ansehen dürfte, bevor ich mich entscheide?"

fragt Jandara mit etwas abwesender Stimme, denn söben hat sie wieder einmal gesehen, wie sich das Wachstuch leicht bewegt.

'Dieser vermaledeite...!'

Sie kann nicht genau sagen, ob es nun der Wind war, der an dem Tuch gezerrt hat oder aber...

'Versuch noch ein Weilchen still zu halten, mein Schöner.'

Die Zeit drängt und so wendet sie sich schon einmal der kleine Treppe zu um Offizier Lowanger anzudeuten, dass sie seine Zustimmung voraussetzt.



"Kein Problem", erwidert der zweite Offizier knapp, und zeigt dann die Treppe hinunter - sich an ihr vorbei drängeln wäre recht unhöflich und auch kaum möglich, da Jandara ja noch den Korb in der Hand hat, dem er keine weitere Beachtung schenkt.

Er setzt sich ebenfalls in Bewegung, wobei er sich weitere Erklärungen zum Weg spart, denn der ganze Weg wäre für jemanden, der das Schiff nicht weiter kennt, ziemlich schwer zu merken, und auf dem Oberdeck ist zudem genug Platz, um an ihr vorbeizugehen, und sie dann in den Laderaum zu führen.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Offizieller Empfang


Mit einem Schmunzeln vernimmt Onaskje die Worte der EFFerdgeweihten. Es wird schon so sein, dass sie diesen Regentag besonders genießt, wenn es vorher überwiegend sonnig war. Und gram ist er dem göttergewollten Wetter nicht, kann es doch sogar passieren, dass derjenige abends mit hämmerndem Kopfe darniederliegt, der sich den ganzen Tag von PRAiosWohltat hat bescheinen lassen; auch wenn dies hier in den nördlicheren Gefilden Deres nicht gar so häufig passiert.

In den vergangenen beiden Tagen hat auch Onaskje mehr oder weniger die Zusammenhänge der Efferdsmission erfahren.

'Auf mich hat sie gewartet? Wohl eher auf uns alle. Wahrscheinlich möchte sie sicher das Efferdartefakt in Empfang nehmen, oder den Bruder Hesindian zumindest begleiten. Vielleicht sollte ihn jemand benachrichtigen?'

Freundlich blickt er die junge Frau an, ihre feuchten weißblonden Haare und dann wieder ihre Augen.

"Auch wenn Euer Herz zweifellos für den launischen Meermeister schlägt, bin ich sicher, dass Euch unter PRAiosleuchtendem Schein Euer schönes Haar zu den hübschesten Perlen dieser Stadt zählen läßt. Mein Name ist Wulff Onaskje. In der Tat haben wir dank der Zwölfe Schutz eine schnelle und überaus glückliche Überfahrt gehabt."

Kurz schweifen seine Gedanken auf die Rettungsaktion ab, 'viele Seeleute haben bei ähnlichen Unachtsamkeiten wohl weit weniger Glück gehabt, wie ich gestern einen aus der Mannschaft habe sprechen hören.'

Nur einen sehr kurzen Augenblick lang dreht er seinen Kopf zum Vordeck, um zu sehen, ob der Schiffsjunge immer noch durch die Bootsfrau beschäftigt wird. Schließlich wird der Junge gleich gebraucht werden. Der Junge bekommt wohl noch weitere Anweisungen, doch ist dem Praiosgeweihten nicht entgangen, dass mit raschen Schritten eine Frau hinter den dreien vorbeigelaufen ist und jetzt vor der Treppe auf die Brücke steht.

Langsam dreht er den Kopf wieder zu Kapitän und Geweihten. Eine leichte Nachdenklichkeit umwölkt seinen Blick, befindet er sich derzeit sowieso schon in feierlicher und erhabener Grundstimmung, die Seelenfühler weit nach außen gereckt. Hat die Frau nicht soeben dem Kapitän und ihnen einen Zwölfgöttergruß zugesprochen? Quasi im flüchtigen vorbeigehen? Verdienen die Zwölfe einen so geringen Respekt, zumal in seiner und der jungen Geweihten Gegenwart? Oder hatte es diese Frau einfach nur eilig, war oberflächlich, wie so viele des einfachen Volkes? Aber warum solche eile, das Schiff hatte doch gerade erst angelegt?

Vielleicht gäbe es ja eine ganz einfache Antwort auf diese Fragen...

Nach kurzem zögern fährt Onaskje fort:

"Einer angemessenen Eröffnung des Festes sollte also nicht im Wege stehen."



Etwas überrascht blickt Shioban den Praiospriester an. So viel Galanterie hat sie von einem Diener des Götterfürsten schlichtweg nicht erwartet. Doch er wird wohl die Wahrheit sprechen, denn Unaufrichtigkeit ist nicht nur den Efferdis, sondern vor allem auch den Glaubensbrüdern der Praioskirche fremd.

Und die Überraschung darüber ist es auch, die die junge Frau darum kurz aus dem angedachten Konzept bringt, denn sie hat hier und jetzt eine Aufgabe zu erfüllen, die auch eine gewisse Verantwortung mit sich trägt.

"Nun, ja... so, also und ja, bevor wir jedoch mit den Feierlichkeiten zum Fischerfest beginnen können, sind noch einige Vorkehrungen zu treffen. Vor allem ist es die 'Heilige Miesmuschel', die sich in Eurer Obhut befindet, die wir noch am heutigen Tage auf geweihtem Wasser ihrer Bestimmung zukommen lassen müssen."

Den ersten Teil ihrer Ansprache hat die Geweihte vor allem an den Kapitän gerichtet, die weiteren Worte richtet sie sich jedoch in erster Linie an den Praiosgeweihten.

"Ich nehme an, Ihr seid es, der die Heilige Muschel des EFFerdverwahrt. Doch Ihr müsst Euch nicht eilen um sie zu holen, denn ich bin lediglich hier, um die Ankunft von Hochwürden Graustein anzukündigen. Er war tief bewegt, als er erfuhr, dass die Heilige Miesmuschel nach so langer Zeit wieder den Weg in den heimischen Hafen gefunden hat und will es sich darum nicht nehmen lassen, heute selbst die Muschel hier abzuholen und in Empfang zu nehmen."

Mit einem leichten Schmunzeln fügt sie hinzu:

"Wir konnten Seine Hochwürden nur mit Mühe davon abhalten, selbst im Hafen auf Eure Ankunft zu warten, doch jetzt will er natürlich unverzüglich informiert werden."



Der Kapitän hört schweigend den Worten Onaskjes zu, dann denen der EFFerdgeweihten.

Bei ihrer Erwähnung der Heiligen Miesmuschel nickt er langsam, dann schleicht sich ein Grinsen in sein Gesicht, als er merkt, dass sie offensichtlich den PRAiosgeweihten als den Hüter des Artefakts ansieht.

Jergan unterlässt es jedoch vorerst, diesen Irrtum aufzuklären, denn diese Worte sind eindeutig an Onaskje gerichtet, und es wäre mehr als unhöflich, sich da zwischen zwei Geweihte der Zwölfgötter zu drängen.

Die letzte Bemerkungs Shiobans entlockt ihm jedoch ein Lächeln, das voller Verständnis ist, und er sagt:

"Das verstehe ich, und ich freue mich wirklich sehr, dass die NORDSTERN die Heilige Miesmuschel hierher nach Havena bringen konnte, und dass wir sie Seiner Hochwürden dann in Kürze übergeben können, damit sie ihre Heimat noch heute erreicht."

Es kostet Jergan fast etwas Mühe, das mit dem Hüter der Muschel nicht gleich zu sagen, doch er beherrscht sich, denn es wäre beiden Geweihten gegenüber unhöflich.



Ob, der Worte der jungen Geweihten muss Onaskje entschuldigend lächeln.

"Nun, das ist sicher vernünftig, die Muschel heute noch ihrer heiligen Bestimmung zu übergeben. Doch ich muss Euch mitteilen, Ihr irrt Euch, verehrte - (hm, sie hat sich mir immer noch nicht vorgestellt...) - junge Dame. Denn nicht ich, sondern seine Gnaden Hesindian hat die Muschel in seiner Obhut. Oder täusche ich mich da, Kapitän?"

Onaskje wendet sich mit der letzten Worten wieder kurz dem Kapitän zu. Dabei sieht er auch, wie der Schiffsjunge unter Deck verschwindet.

'Wie ungünstig, ich brauche doch den Burschen. Aber ihm einfach so in Gegenwart des Kapitäns hinterherrufen? Das geht ja wohl nicht, zumal wir ja mitten im Gespräch sind. Aber wer sonst hier an Bord könnte mir meine Wäsche reinigen?'

Überlegend schaut er den Kapitän an.



Der Kapitän ist froh, dass Onaskje ihm gewissermaßen eine Brücke baut und erwähnt, dass nicht er es ist, der der Hüter der Heiligen Miesmuschel ist. So nickt er knapp, und ergänzt, Onaskje zugewandt:

"Ihr täuscht Euch nicht."

Dann wendet er sich wieder etwas mehr Shioban zu, und fährt fort:

"Seine Gnaden Hesindian, Geweihter der HESinde, ist der Hüter der Heiligen Miesmuschel."

Mehr als diese Feststellung macht er erst einmal nicht, um zu hören, ob die Geweihte des EFFerden Wunsch verspürt, den Hüter der Muschel persönlich zu sprechen, und um ihr gewissermaßen die Führung des Gespräches zu überlassen.



Die Silberblonde lächelt den Kapitän entschuldigend an.

"Oh, verzeiht. Ich hatte nur die Kunde, dass ein Priester der Zwölfe an Bord ist. Und da dachte ich eben... und..."

Verlegen streicht sie sich eine der regennassen Haarsträhnen aus dem Gesicht, während ihre dunklen Augen nun wieder auf dem PRAiospriester ruhen.

"und... wie unhöflich von mir... Shioban Clanoir, mein Name. Ich hoffe, Ihr könnt mir verzeihen, doch die Aufregung um die Heilige Muschel hat auch mich förmlich überwältigt."

Verstohlen blickt sich die Geweihte nun auf dem Oberdeck um, doch ihre Augen finden offensichtlich nicht das, was sie zu suchen scheinen.

"Seine Gnaden Hesindian also. Würdet ihr dann bitte veranlassen, dass er über den Besuch von Hochwürden Graustein informiert wird?"



Der Kapitän schüttelt kurz den Kopf.

"Das macht nichts, es kommt ja nicht so häufig vor, dass ein Schiff gleich zwei Priester der Zwölfe an Bord hat, von daher braucht Ihr Euch da doch auch nicht entschuldigen."

Jergan überlegt kurz, dann kommt er zurück zum eigentlichen Anliegen.

"Selbstverständlich lasse ich Seine Gnaden Hesindian über den Besuch von Hochwürden Graustein informieren. Möchtet Ihr ihn jetzt gleich auch sprechen?"

Bei diesen Worten sieht der Kapitän sich schon fast auf dem Deck um, ob der unge Geweihte dort irgendwo steht, oder ob ein Matrose "griffbereit" ist, um ihn holen zu gehen, falls Shioban das wünschen sollte.



Shioban überlegt einen Augenblick.

"Nun, wenn es keine Umstände macht, dann gern. Aber falls es gerade unpässlich ist, dann vertraue ich darauf, dass Ihr ihn von dem baldigen Besuch in Kenntnis setzt."



"Nun", antwortet der Kapitän, "Seine Gnaden Hesindian sind, soweit ich das weiß, gerade in seiner Kabine. Ich vermute, er bereitet sich auf den Landgang vor..."

Er lässt den Satz etwas fragend ausklingen, weil er nicht einschätzen kann, wie wichtig das der Geweihten ist - einerseits klingt ihr 'gerne' schon danach, dass es ihr Wunsch ist, das andere dagegen klingt eher, als wenn es nicht wirklich wichtig ist, und sie ihn nicht stören möchte.

"Auf jeden Fall werden wir ihn von dem Besuch in Kenntnis setzen, das ist selbstverständlich, und seine Hochwürden Graustein angemessen hier empfangen."



Dem Praiosgeweihten sind die suchenden Augen des Kapitäns nicht entgangen.

'Ah, wie günstig. Ich glaube, der Kapitän schaut gerade, wen er nach Hesindian schicken kann. Vielleicht kann ich diesem Burschen ja auch meinen Beutel anvertrauen. Nachher werde ich, denke ich, nach einem kleinen Stadtbummel eine Taverne aufsuchen. Oder schauen, ob es in der Stadt einen Rahja-Tempel gibt. Wer weiß, vielleicht treffe ich ja sogar jemandem von den anderen Passagieren, der die gleichen Interessen wie ich hat?

Oder ob diese Shioban hier...? Wahrscheinlich nicht, sie wird, besonders jetzt, kurz vor dem Fest, anderes zu tun haben.'



NORDSTERN - Oberdeck: Feierabend - Hjaldar und Wasuren


"So, dat wär dat!" bestätigt sich Hjaldar selbst, als das Segel weit genug eingeholt und sicher vertäut ist. Damit wär eigentlich auch genug getan, man will den Lüt ja nich' die Arbeit wegnehmen. Außerdem tut sich direkt neben ihm ja wat hochinteressantes - die hübsche Kleine aus der Kabine macht sich an den Hänfling ran und der loopt glatt so rot an wie'n gebrühtes Ferkel.

'Mi dat da schon een Geschenk iinfollen...' grinst Hjaldar vor sich hin. Aber die hat sich ja al schon 'nen Betthupferl gefangen, wie unschwer mitzubekommen war in der Gemeinschaftskabine.

"So, denn let us man eenen supen geihn, woll?" schlägt er laut seine Handflächen ineinander, auf dass das allgemeine Gesprächsthema jetzt mal in die richtigen Bahnen gelenkt werde "Salzfaß oder Anker, wat meenste Wasuren?"



Wasuren hilft Hjaldar, die Arbeiten am Segelwerk zu beenden. Sorgsam räumt er alles noch weg und entfernt herabhängende Taue, als er bemerkt was für nen hübsches Mädel da doch gerade mit Efferdan redet.

'Holla, da muss Efferdan aber nen guten Spruch abgelassen haben, das die Kleine ihm was schenken will. Vielleicht kann ich da noch was lernen. Also Wasuren du musst auf jeden Fall nach harken, was er zu der jungen Dame gesagt hat.' überlegt der thorwalsche Matrose bei seinen letzten Handgriffen so für sich.

Dann vernimmt er das Klatschen und die schon lang herbeigesehnte Frage seines Landsmannes.

"Na lass unsch man im Salzfass d´enn Anka wer´fn, Hjaldar. Kumm auf geht´s !!"

Wasuren reibt sich voller Vorfreude die Hände. Auf einmal setzt er ne richtige Fluppe auf und brummelt vor sich hin:

"Och ne ich muss mich ja noch, abmelden!"

'Hmm ob wohl schon andere Matrosen von Bord sind?'



Nun, zumindest Wasuren reagiert auf ihn. Der 'kleine Neue' und das neue Mädel sind mit sich selbens beschäftigt und das rotgefärbte Bleichgesicht tändelt auch noch mit der Schwarzhaarigen rum.

Aber vielleicht geit ja noch sonst wer mit? Suchend blickt er sich auf dem Deck um. 'Wo is'n Ole eegentlich. Und der Efferdsieche Tischkantenbeeter mut doch uk al wach sin?'

"Denn mook man tau." nickt Hjaldar Wasuren zu, als er beim Umsehen die Bootsfrau vom Vordeck auf Oberdeck kommen sieht. Er selber sieht für sich noch keinen Grund 'Landgang' beantragen zu müssen - über die Sache mit dem Anheuern kann er auch kurz vorm Ablegen noch mit'em Käpt'n snacken.



"Jo, ich werd mal schaun was ich machen kann, damit wa endlich man wieder nen paar Landratten untern Tisch saufn könn." meint Wasuren fröhlich in Hjaldars Richtung, dreht sich dann um und geht recht zielstrebig zur Bootsfrau hinüber.

Wasuren kommt auf wenige Schritt an das Beiboot heran und versucht erste einmal Blickkontakt mit der doch manchmal sehr beschäftigten Bootsfrau zu bekommen. Bevor er die mit einem :

"Dat Segel is soweit fertig und fest is der Kahn, och." anspricht. Wasuren dämpft seine Stimme ein wenig, als er Nirka die Worte entgegen schmeißt. Schließlich ist die Bootsfrau hier ja die diejenige die rum schreien darf.

"Kann ich mich nun für heut Abend zum Landgang abmelden?" fragt er nach einer winzigen Pause, in einem völlig anderen, viel harmloser klingenden Ton.



NORDSTERN - Im Versteck: Ameg


Wer auch immer behauptete, dass man an Orten wo wenig Menschen vorbei kommen, gut nachdenken könne, musste sich geirrt haben oder ohnehin ein guter Denker gewesen sein. Ameg jedenfalls konnte im Laderaum gar nicht gut nachdenken. Er war sich immer noch nicht so recht sicher was er tun soll. Ob er Torin folgen sollte oder doch lieber auf der Nordstern weiter reisen sollte.

Er kannte die Reisenden und die Mannschaft der NORDSTERN zwar noch nicht lange, aber er mochte sie alle. Auch die, die weniger freundlich zu ihm waren. Andererseits hatte Torin ihn vor dem Dunklen gerettet und er war sich sicher, dass Torin ihm viel beibringen konnte. Andererseits war da noch diese Szene in der Taverne in Salzerhaven, wo Torin wohl zu viel getrunken hatte. Jedenfalls war Torin danach recht eisig zu ihm (und war es wohl auch schon zum Teil vorher).

Es gab so viele Dinge zum Nachdenken für Ameg und je näher sie Havena gekommen waren, desto weniger konnte er sich zu einer Entscheidung durchringen. Jetzt, wo die Nordstern schon lange angelegt hatte, wusste er überhaupt nichts mehr. Er wusste nur, dass wenn er sich nicht bald aufmachte Torin zu suchen, dann hätte er gar keine Chance mehr ihm zu folgen...

Langsam steht Ameg auf. Entschlusslos und irgendwie traurig (denn er möchte weder die Leute der NORDSTERN, noch Torin, den er irgendwie immer noch mochte, verlieren) steckt er die Hände in die Taschen und spürt etwas. Er zieht es heraus und schaut erstaunt drauf.... Drei Würfel..

'Torins Würfel.. was hatte er noch zuletzt gewürfelt? Egal... vielleicht wollte Torin noch mal verlieren'

Ameg grinst leicht.. wenn Torin wirklich schon los will oder gar schon los ist sollte er sich beeilen. Er schaut sich noch mal im Unterdeck um und schnappt sich ein herum liegendes Etwas was man wohl einen Beutel nennen könnte... dann stürmt er hoch zum Unterdeck, schaut sich kurz um ob die Luft rein ist und holt dann die Weinflasche aus Salzerhaven aus dem Versteck hinter dem vorderen Niedergang hervor..... dann nur noch schnell weiter in den Mannschaftsraum und die letzten Sachen geholt... und dann.. schnell den Aufgang (oder Niedergang?) hoch und auf dem Oberdeck umschauen...



NORDSTERN - Unterdeck: Suche nach Ameg


Dann jedoch steigt Torin vorsichtig die schmalen Stufen zum Unterdeck hinunter. Wieder einmal umfängt ihn die Dunkelheit, die er so schätzt.

Doch seine Augen haben kaum Zeit, sich an die Düsternis zu gewöhnen, da öffnet sich auch schon die Türe der Gemeinschaftskabine auf und Alberik kommt heraus.

'Kleiner Waffensack!' lächelt Torin den Zwerg an.

Kleine Waffensäcke, so hatte dieser Zwerge immer scherzhaft genannt. Allerdings nur bis zu dem Augenblick als Rinzi zu ihnen stieß. Torins Bruder Rinzi. Erst sah es nicht so aus, als könne sich der junge Zwerg bei den Rotmardern sein tägliches Brot verdienen. Er war einfach zu langsam und die Ketten seiner Unterrüstung, die er nicht einmal zum schlafen ablegen wollte, machten ihm das Laufen auch nicht leichter. Doch bald zeigte Rinzi, wo seine Fähigkeiten waren. Denn niemand konnte so feine und doch zugleich bruchfeste Dietriche herstellen wie Rinzi.

'Gareth, meine Heimat. Ich freue mich auf dich!'

Das er dem Zwerg beinahe im Weg steht und ihn auch noch angrinst, das fällt ihm nicht auf.



NORDSTERN - Unterdeck: Drohende Kollisionen


Außerhalb der Gemeinschaftskabine ist es beinahe genauso dunkel, wie innerhalb. Doch Alberik ist an die Finsternis der Zwergenhöhlen des Ambossgebirges gewöhnt, da macht ihm so ein bisschen Dunkelheit nichts aus. Selbst bei der Müdigkeit, die er immer noch nicht losgeworden ist.

So entgeht ihm auch nicht das Grinsen des Menschen, der von dem Aufgang auf ihn zukommt. Es scheint ihm zu gelten. Und es ist kein freundliches Grinsen. Es sieht eher so aus, als hätte der Mann etwas putziges gesehen, und Alberik kann sich schon denken, was das sein könnte.

So etwas kann einen Zwergen schon sehr wütend werden lassen, sogar wenn er noch so müde ist, wie Alberik. Entschlossen geht er jetzt auf den Menschen zu, ohne eine Absicht, ihm auszuweichen.

'Wir werden ja sehen, wer zuerst zur Seite springt, Du oder der kleine niedliche Zwerg...'



Noch immer grinst Torin in die Düsternis des Unterdecks.

'Oh ja, die gute alte Heimat. Vater Rotmarder und die Jungs werden Augen machen, wenn ich ihnen meine Liebste vorstelle.'

"Vorsicht mein Freund, sonst verletzt ihr euch noch." sagt er freundschaftlich als er sich am Zwerg vorbei durch die Türe der Gemeinschaftskabine drängt.



Doch auch hier scheint sein Mündel nicht zu sein. Außer den beiden graugerobten und der Frau de Clare sind alle Passagiere der Gemeinschaftskabine bereits auf den Beinen.

Torin kann nur den Kopf schütteln.

'Also bei den Druiden kann ich es ja verstehen, dass sie außerhalb ihres Waldes die Reisezeit lieber verschlafen. Aber dass dieser Magier ein solcher Faulpelz ist, hätte ich nicht gedacht.'

Interessiert betrachtet er die Haarpracht des Druiden. Der weiße Schnurbart und die zu 3 Zöpfen zusammengebundenen langen weißen Haare sind das einzige, was sich noch außerhalb der bis zum Hals hochgezogenen Decke befindet.

Ebenso sieht es auch bei dem leise vor sich hin schnarchenden Magier aus. Außer dem Gesicht verbirgt sich alles unter der wollenen Decke.

'Naja, vielleicht ist es aber auch ein Zauber, den sie gegen die Seekrankheit einsetzen.' reimt sich Torin zusammen.

Beim Anblick der schlanken Druidin runzelt Torin unwillkürlich die Stirn. Unruhig scheint ihr Schlaf zu sein, denn im Gegensatz zu den beiden Anderen hat sie sich aus ihrer Decke frei gewälzt. Nutzlos liegt diese vor der Koje auf dem Boden.

Torins Blick gleitet über den schlanken Körper der Druidin. Ihr Kleid mit den silbernen Stickereien kann ihr nur wenig Wärme geben.

'Ohne die Wolldecke friert sie doch. Dass der Zwerg nicht einmal so hilfsbereit sein konnte.'

Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, deckt Torin sie wieder zu.

'Ich wünsche dir viel Erfolg auf deiner Suche, Joanna.' wünscht ihr Torin in Gedanken und streift ihr einige Haarsträhnen aus dem Gesicht.

'Es war trotz allem ein schöner Abend mit dir und Ameg. Auch wenn es nicht gerade das war, was ich eigentlich vorgehabt hatte.'

Die Gedanken an den Abend mit ihr und Ameg erinnern ihn wieder daran, was er eigentlich in der Kabine wollte.

'Ameg, wo steckt der Junge bloß?'



Nachdem die Sache vor der Gemeinschaftskabine geklärt ist, und Alberik ohne weiteren Ärger von dem Mann vorbei gelassen wurde, beeilt sich der Zwerg, weiter zum Aufgang und dann ans Deck zu kommen.

Doch schon an der Treppe gibt es ein Problem. Schon wieder wird der Weg von mehreren Personen versperrt.

Mürrisch schiebt Alberik den älteren der beiden Magier zur Seite, und drängelt sich an ihm vorbei auf die Treppe, nicht ohne seine Meinung bekannt zu geben.

"Muss man sich den so breit machen und den Weg versperren? Als ob man nicht auch woanders stehen könnte."



Als Alberik die Stufen emporsteigt, kann er sofort erkennen, dass das Schiff tatsächlich in einen Hafen gefahren ist. Die Freude, wieder festen Boden unter den Füßen spüren zu können, läßt ihn gleich schneller gehen, als er sich auf den Weg zur Planke macht. Diese ist bald überwunden, und der Angroschim würde am liebsten Sumus Leib küssen, als er das Schiff endgültig verlassen hat.

Verführerisch leuchten die Lichter der Stadt in den Fenstern der Häuser. Das Licht, welches aus den Wirtshäusern und Gaststuben scheint, scheint besonders schön zu sein.

Besonders die Aussicht auf ein richtiges Bier an einem richtigen Tisch auf richtigem Boden motiviert den Zwergen dazu, sofort aufzubrechen und eines der Wirtshäuser aufzusuchen.

'Richtiges Bier! Auf dem Schiff hat das Bier viel zu wässrig geschmeckt. Genau wie das Essen. Muss wohl daran liegen, dass man sich auf viel zu viel Wasser befindet. Da gelangt es bestimmt auch ins Essen und ins Bier. Zum Glück ist mir das erst jetzt aufgefallen, wo ich endlich wieder an richtiges Essen denken kann.'



NORDSTERN - Oberdeck: Hjaldar


Da guckt man für'n Moment nich' in eine Richtung und schon stürmt der Kleene glatt vorbei. Hjaldar muss grinsen. Alberik muss es ja wirklich eilig gehabt haben

'...wat ja aber uk kien Wunner is', so fahlig wie'em im Gesicht wat de letzten paar Doog.'

"Denn man tau, wenn all's kloor is', Wasuren. Kiek mol, der Lütte is' uk al uff'm Pier." deutet er über die Reling an die Stelle wo der Zwerg auf dem Anleger davonstapft und macht sich auf dem Weg, dessen Beispiel zu folgen. Doch kurz hält er noch inne und dreht sich wieder nach Wasuren um:

"Weet Du eegentlich, wo Ole grad is'? Dem wat dat Salzfaß uk taugen, das Wohl!"



NORDSTERN - Laderaum: ALRIK'S 'Mission'


Sei es, wie es sei. Nun gilt es, nicht noch unnötig Zeit zu vertrödeln, denn die NORDSTERN liegt bereits sicher im Hafen und die Röcke des Comte hängen noch immer geduldig im Laderaum Vier zum trocknen.

Ohne sich unterwegs länger aufhalten zu lassen (die meisten scheinen eh nur noch die Aussicht auf einen baldigen Landgang im Sinn zu haben), gelangt ALRIK zum Laderaum.

Die Röcke hängen noch immer an der langen Leine, die eigens dafür gespannt wurde. Immerhin war das Wetter schlecht und üblicherweise, wenn es schon sein muss, wird frisch gereinigte Kleidung auf Deck aufgehängt, wo der Wind für eine schnellere Trocknung sorgt. Doch in diesem Fall duldete man keinen Aufschub und so musste man eben den Laderaum hierfür zweckentfremden.

Vorsichtig tastet ALRIK nach der Wäsche. Ein wenig klamm und feucht ist sie noch, aber ansonsten recht glatt und vor allem auch sauber. Jedenfalls soweit die Lichtverhältnisse im Laderaum derartige Urteile erlauben. Behutsam nimmt ALRIK den blauen Rock des Comtes von der Leine, dieser sieht wirklich sehr ordentlich aus. Im Grunde war er auch nicht wirklich verschmutzt. Das bisschen Staub, was auf ihm war, ließ sich mit einer Bürste vorsichtig entfernen. Und dann hatte er sowohl Jacke als auch Hose einmal durchs Seifenwasser gezogen und aufgehängt.

Bei dem roten Ensemble war die Reinigung schon schwieriger. Xenia hatte ihm bei der Reinigung geholfen. Bei Weinflecken muss man rasch Salz nehmen, hatte sie gewusst. Also hatte sich ALRIK schnell Salz aus der Kombüse besorgt. Der Smutje war da gerade nicht vor Ort, fällt ihm dabei ein, also war das schon wieder ein Verstoß gegen das neue Garulfsche Kombüsengesetz.

'Aber eine halbe Hand voll Salz wird wohl nicht auffallen, so lange ich es nicht ins Trinkwasser schütte', grinst ALRIK grimmig.

Die Blutflecken auf der Hose waren schon schwieriger. Da hatten Xenia und er tüchtig schrubben müssen.

'Hoffentlich sind sie jetzt weg, die Flecken', grübelt der Junge, denn bei diesem Schummerlicht ist das beim besten Willen nicht feststellbar.

Der gelbe Rock hingegen, den hatte Xenia gestern Abend noch einmal von der Leine genommen, weil er immer noch stark verschmutzt, ja richtiggehend dreckig war. Außerdem verbreitete er noch einen derart unangenehmen Geruch, dass es selbst den Seeleuten in die Nase stieg. Also hatte man ihn erneut im Seifenwasser eingeweicht. Vielleicht sollte man das Wasser auch erhitzen, war Xenias Vorschlag, aber beide waren sich nicht sicher, wie stark man da die Temperatur erhöhen könne. Hier sollte man also auf jeden Fall den Comte noch einmal befragen, bevor man das gute Stück ruinieren würde.

In aller Ruhe legt ALRIK die beiden Röcke so ordentlich zusammen, wie es ein Junge in seinem Alter nun einmal zustande bringt, und schickt sich dann an, bei dem Comte vorstellig zu werden.



ALRIK biegt gerade um die Ecke vor der Gruppenkabine als er hinter der nächsten Biegung eine huschende Bewegung wahrnimmt. Irgendwer scheint sich dort hinter der Ecke zu verstecken - das ist ja seltsam. Aber hier an Bord ist ja einiges durchaus seltsam.

"EFFerd zum Gruße," ruft er erst einmal lautstark in den Gang, um sein Kommen damit angemessen anzukündigen. Sollen die anderen ruhig auf den Gängen schleichen - er hat hier nichts zu verbergen.



NORDSTERN - Ladedeck: Jandara quartiert sich ein


Wulf Lowanger folgt Jandara die Treppe hinunter, und "überholt" sie nun, indem er zwischen ihr und der aus dem Kapitän und den beiden Geweihten bestehenden Gruppe hindurchgeht.

Im Gegensatz zu der Frau bleibt er jedoch nicht stehen, sondern geht noch das kleine Stück bis zum hinteren Niedergang weiter, und öffnet dessen spritzwasserdichte Tür, ehe er sich wieder Jandara zuwendet.

Er sieht kurz zu ihrem Korb, und ihn bewegt ein Gedanke, der dem ihren dazu recht ähnlich ist, doch dann denkt er wieder daran, dass sie diesen Korb mit seinem wertvollen Inhalt nicht aus den Augen lassen will - alleine eine Frage aus dieser Motivation heraus wäre wohl kaum nützlich. Eine andere Motivation dagegen schon, denn diese Frau ist sicher keine Seefrau, und das Gehen auf den schmalen und steilen Niedergängen des Schiffes ist für Nichtseeleute schon schwer genug, wenn sie nichts tragen.

So macht er wieder einen kleinen Schritt in ihre Richtung, und fragt, während er auf den Korb zeigt:

"Unsere Niedergänge sind sehr steil und schmal, soll ich das besser nehmen?"



Mit keiner anderen Antwort hatte Jandara gerechnet. Unten auf dem Oberdeck angekommen, bleibt sie abwartend neben ihrem großen Korb stehen. Große Wasserlachen haben sich schon auf dem grauen Wachstuch angesammelt. Ihren ersten Eindruck von Lowanger hat sie inzwischen revidiert.

'Auch wenn er so schöne Augen wie Cern hat,' denkt sie ein wenig enttäuscht, 'besitzt er doch nicht mehr Ausstrahlung als eine Balihoer Bunte. Vielleicht kommt er wenigstens darauf, dass es sich für einen Offizier gehört, der Dame das schwere Gepäck zu tragen.'



Schmunzelnd nickt Jandara.

"Ihr dürft nur zu gerne." antwortet sie und zwinkert Lowanger schelmisch zu. Rasch begiebt sie sich zu dem hinteren Niedergang. Dort angekommen wartet sie auf ihn, erleichtert, der unangenehmen Nähe des Praiosgeweihte entronnen zu sein. Ein paar Wortfetzen aus dem Gespräch der Gruppe hat sie aufgeschnappt.

'Was für ein Glück, der Praiot verlässt bald das Schiff.' denkt sie und dreht den Dreien den Rücken zu.



Vorsichtig hebt der zweite Offizier den Korb der Dame an, nicht, weil er sich bezüglich des Gewichtes nicht sicher ist, sondern weil er vor allem, das er nicht versteht, einen gewissen Respekt hat, und dazu gehört dieser Korb mit irgendwelchen Duftstoffen ganz sicher.

"Folgt mir bitte!" sagt er lediglich, und geht dann den Niedergang hinunter und sogleich bugwärts weiter.

Der ersten Offizierin und dem Schiffsmagier, die dort zusammen mit dem jungen Adeptus stehen, nickt er im Vorbeigehen zu, denn beide hat er an diesem Tag schon mehr als einmal gesehen, der Adeptus bekommt ein "EFFerd zum Gruße!" zu hören, auch das eher im Vorbeigehen, aber mit der Höflichkeit, die einem Fahrgast von Stand gebührt.

Am vorderen Ende des Ganges, dort, wo dieser auf das obere Ladedeck mündet, bleibt Lowanger erst einmal stehen.



Sowohl Fiana als auch Ottam erwidern das Nicken des 2. Offiziers, wobei Ottam gleich ein Gedanke durch den Kopf geht 'wenn der Kapitän so wenig reden würde wie Lowanger währe er deutlich erträglicher' dabei muss er letztlich beinahe lächeln.



Wie ein zahmer Papagei wiederholt Jandara den Gruß Lowangers, ebenfalls mit einem Nicken in Richtung der drei Personen, die dort stehen und sich unterhalten. Zeit, um auch nur einen der drei genauer zu mustern, hat sie nicht. Trotzdem riskiert sie einen kurzen Blick zurück, zu unverkennbar sind die Attribute, die die beiden Männer als Magier auszeichnen. Doch schon bleibt Lowanger stehen und Jandara kann gerade noch rechtzeitig einen kleinen Schritt zur Seite machen, um nicht gegen ihn zu prallen. Ein wenig verärgert runzelt sie die Stirn und sieht ihn fragend an.



Der zweite Offizier zeigt knapp nach links, dann geht er weiter. Seine Befürchtung, dass Fiana oder Ottam Jandara aufhalten könnten, hat sich glücklicherweise nicht erfüllt, denn das war der Grund seines Wartens. So jedoch kann es weitergehen, und er wendet sich dann dem backbord befindlichen Niedergang zum Ladedeck zu und geht hinunter.

Während im Unterdeck neben den vereinzelten Öllampen auch noch Lichtschächte nach oben für etwas Licht sorgen - zumindest dann, wenn es draussen noch hell ist, jetzt bei der Dämmerung kommt dort freilich kaum Licht durch, gibt es auf dem Ladedeck nur noch die seegangfesten Öllampen, die jetzt momentan auch brennen und für halbwegs ausreichend Licht sorgen.

Lowanger hält sich nicht weiter auf, sondern geht heckwärts weiter, bis er dann den im Moment recht freien Laderaum vier erreicht - nur einige wenige Kisten stehen dort herum, und eine Leine ist gespannt, doch da der Raum ziemlich gross ist, stört beides nicht. Platz ist genug vorhanden, von einer Hängematte ist jedoch nichts zu sehen.

Dort bleibt der zweite Offizier schließlich stehen, und stellt Janadaras Korb sehr vorsichtig auf den Boden.

"Das ist der Laderaum vier."



NORDSTERN - Oberdeck: Nirka


Schweren Herzens entschließt sich die Bootsfrau, erst einmal der Pflicht genüge zu tun, und auf dem Oberdeck zu bleiben - es wäre ja mehr als unpassend, wenn sie gerade bei Sigrun wäre, und dann jemand ankommen würde und nach Landgang fragen würde...

Doch hier auf dem Deck kann sie sich wenigstens nützlich machen, und so geht sie einige wenige Schritte nach Steuerbord, dahin, wo das Beiboot verkehrt herum auf dem Deck liegt, und kontrolliert mit raschen Blicken die Verankerungen. Es ist zwar in hohem Masse unwahrscheinlich, dass derartiges in Havena passiert, aber die Bootsfrau hat schon von Schiffen gehört, denen man im Hafen das Beiboot einfach so gestohlen hat.



Die Befestigungen des Beibootes sind alle so, wie sie sein müssen: Fest, nicht ohne weiteres zu lösen, und insbesondere nicht im geringsten verrutscht. Im Grunde ist das auch kein Wunder, hat man das Beiboot doch erst in Salzerhaven hier wieder verstaut, und zeichnet sich diese Mannschaft durch sehr präzise und ordentliche Arbeit aus.

Genau in solche Gedanken hinein kommt die Frage Wasurens, und so zögert die Bootsfrau nicht mit der Antwort:

"Kein Problem, sei bis zum Sonnenaufgang wieder zurück. Viel Spaß in Havena!"

Der letzte Satz klingt direkt freundlich, freundlicher jedenfalls, als man das von Nirka üblicherweise kennt, und ist womöglich ein kleiner Ausdruck von Freude über die Tatsache, dass dieser unselige Streit gelöst ist.



Die Bootsfrau wartet selbstverständlich keine Antwort Wasurens ab, die Sache ist ja klar, und wenn er wider Erwarten noch weitere Fragen haben sollte, so wird er sich damit schon melden

So wendet sie sich den nächsten beiden Matrosen zu, die da ankommen, beides Neulinge, die erst in Salzerhaven an Bord gekommen sind. Im Gegensatz zum Kapitän weiß Nirka aber immerhin die Namen der beiden - Traviana und Perval. Doch sie spricht sie nicht an, schließlich ist sie ranghöher, und die beiden sind es, die etwas wollen.



Wasuren nickt Nirka kurz dankend und mit strahlendem Gesicht zu. Als er sich doch dann abwenden will bemerkt er das ein Pärchen von den neuen Matrosen Nirka anspricht.

Wasuren geht ein paar Schritte fort um einen Gewissen gesellschaftlichen Gesprächsabstand zu gewähren. Dann dreht er sich um und lehnt sich neben der Planke an die Reling um interessiert das Geschehen mit den Neuen zu beobachten und vielleicht sogar ein wenig zu lauschen.

'Wow, schau mal einer an. Wasuren, hast du die ganze Zeit geschlafen? ich

glaub ja *grübel* Das is ja genau die richtige. Von der must´e erst mal den Namen raus kriegen. Dann wird das vielleicht nen richtig netter Landgang.'

Fröhlich lehnt Wasuren so da, sinnt über den kommenden Landgang und Blickt interessiert und Kontakt suchend zu Traviana hinüber.



NORDSTERN - Oberdeck: Bitte um Landaufenthalt - Perval und Nirka


Perval folgt Traviana zur Bootsfrau. Bei ihr angekommen stellt er sich neben ihr hin und wartet, dass die Bootsfrau von ihrer Überprüfung des Beibootes aufblickt.



Wasuren, der die Bootsfrau aus der anderen Richtung angerufen hatte, bemerkt Perval erst, als die Bootsfrau ihm antwortet. Zu sehr war er damit beschäftigt, sich Travianas Hinterteil anzusehen, als sie vor ihm ging.

'Wenn der kann, könn wir ja wohl uch. Scheint gut druf zu sein, die Bootfru, na d komm wir ja genau richtig.'



Als die Bootsfrau sich ihnen zuwendet, spricht Perval sie sofort ohne Scheu an. Schließlich hat man insbesondere in den letzten Minuten gesehen, dass man vor ihr nicht allzu viel Angst haben braucht, greift eh nicht wirklich durch.

"Verzeiht Bootsfru, aber wir wollt`n frag`n, wie n dat hier uf der NORDSTERN mit ´m Landgang gehalten wird. Und wann den de Heuer und de Schnapsration ausjejebn wird.“



'Landgang... ist doch klar, dass sie das alle wollen jetzt...'

Andererseits gibt es jetzt im Hafen wirklich kaum etwas auf dem Schiff zu tun, und während der Sturmfahrt haben alle ordentlich gearbeitet, so dass ihre Frage vollkommen berechtigt ist. Aber eigentlich war DAS ja auch nicht genau die Frage...

"Die Heuer gibts beim Kapitän", antwortet sie dann, "und den Schnaps beim Smutje. Das mit dem Landgang wird so gehalten, dass man sich bei mir abmeldet, und ich dann jeweils entscheide."



Traviana läuft also in Richtung der Bootsfrau, als sie sieht, das Perval ihr folgt. Noch ein anderer Matrose spricht die Bootsfrau an, also will Traviana noch warten. Während sie sich schon überlegt, wie man die Bootsfrau anzusprechen hat, übernimmt das Perval und fragt sie ...was Traviana ganz gelegen kommt.

Sie hört zu, was die Bootsfrau sagt, und sieht dann zu Perval.



'Mei Bootsfru, hörste denn gar nich zu. Ich had doch gefrag, wann `s denn de Schnaps gibt und de Taler. Scheint ech nich uf de Höh` zu sin, die Gute. - Mmh, dat det Warzenschwein sich selber um die Heuer kümmert. Schon ungewöhnlich. Vertrut wohl uch der Bootsfru nich so rech. Na ja, mir soll`s recht sein.'

"Und wann gibt´s die Heuer ausjezahlt? Ihr versteht, ich würd gern en Bier un vielleich uch n Schnaps trinken gehn, doch sin meene Taschen recht leer. Und da wär`s jut, wenn ich de Heuer vielleicht noch in Havena kriegen könnt." versucht Perval zu erfahren, wann er denn nun an seine Heuer kommen kann. "Ihr wißt schon, uch wegen dat Fischerfest. In n Tempel sollt man doch nich mit leere Händ gehn." setzt er noch nach. DIe Masche mit den Göttern zieht bei den meisten.

Auf den größeren Schiffen, auf denen Perval gefahren ist, hatte sich meist ein Zahlmeister um die Heuer und auch die Ausgabe der Schnapsration gekümmert. Den Schnaps gabs meist nachdem man in einem Hafen angelegt hatte. Ab und zu, wenn das Wetter lange Zeit flau war oder man einen großen Sturm oder Angriff überstanden hatte, hatte man die Schnapsration auch schon auf See bekommen, um die Mannschaft bei Laune zu halten oder aber als Belohnung. Aber meist gab es den Schnaps erst im Hfen, wenn man einige Tage dort blieb. Damit die Mannschaft auf See nüchtern blieb. Die Heuer gabs meist nach dem Landaufenthalt auf See, damit die Leute auch wieder mitkamen und nicht irgendwo besoffen liegen blieben und nicht rechtzeitig zum Dienst erschienen.

Auf den kleineren Schiffen war es meist einer der Offiziere oder auch der Bootsmann, der sich um die Ausgabe kümmerte. Aber dass die Ausgabe so zwischen Kapitän und Smutje aufgeteilt wurde, war ihm noch unter gekommen.

Perval hoffte, dass das mit der Heuer hier anders (lascher um genau zu sein, wie so vieles anders auf der NORDSTERN auch) gehalten wurde. Ansonsten müsste er seine eiserne Ration, den Pflaumenschnaps, anbrechen, der noch unten in seinem Seesack lag.



Fast schon verständnislos blickt die Bootsfrau den Matrosen an - sie hat ihm doch schon gesagt, was er wissen wollte - oder hat er nicht zugehört?

"Geh zum Kapitän und frag."

Sie will sich schon fast abwenden, aber da wird ihr wieder bewusst, dass Perval ja neu ist, und da derlei auf verschiedenen Schiffen verschieden gehandhabt wird, ist es ja nicht wirklich seine Schuld. In einem deutlich sanfteren Ton fährt sie fort:

"Wir sind eine ziemlich kleine Mannschaft, darum haben wir keinen Zahlmeister. Derzeit kümmert der Kapitän sich selbst um derlei. Da du neu bist, und demzufolge hier auch noch keine Heuer bekommen hast, wird er dir wohl die komplette Heuer der Fahrt von Salzerhaven nach hier auszahlen, es sei denn, du möchtest sie erst einmal nur zum Teil haben, denn kein Ort hier ist so sicher wie die Schiffskasse."

'Erst recht nicht die Taschen besoffener Matrosen...'

"Das sollte wohl reichen für eine Spende im Tempel, und sicher auch für ein Premer oder so."



'Soll ich denn jetzt den Kapitän fragn, wann der de Heuer usbezahlt? Weiß denn die Bootsfru nich, wann der dat macht? Scheint ech nich zu wissen, wat hier uf m Kahn abgeht. En Wunder, dat de Bootsfru is. Muss wohl gut mit dem Warzenschwein oder ener seener Offiziere stehn. Dann meint se bestimmt uch, ich kann infach zum Smutje gehn, un de Schnaps einfordern. Echt keene Ordnung hier uf m Schiff. Aber dat mach dat Leben einfach un jut.'

"Is jut, Bootsfru. Dann frag ich den Smutje nach m Schnaps und de Kapitän nach der Heuer. Wir", damit nickt Peral zu Traviana rüber, die neben ihm steht, "wollt´n dann uch gern in die Stadt gehen, wenn Ihr keene Arbeit mehr habt."



Glücklicherweise ahnt die Bootsfrau nichts von den Gedanken des Matrosen, sonst würde sie ihn wohl damit beauftragen, die Ratten in der Bilge zu jagen, oder nachzuzählen, wie viele Ballaststeine in selbiger lagern.

So lässt sie nur noch ein weiteres Mal kurz die Blicke über das Schiff schweifen, erinnert sich, dass diese beiden bei der Rettung aktiv beteiligt waren und auch sonst bei der Fahrt hierher fleißig gearbeitet haben... warum also nicht?

"In Ordnung. Seid morgen früh zum Sonnenaufgang wieder an Bord."



Traviana verfolgt das Gespräch zwischen Perval und der Bootsfrau...

Diese tut ihr auch schon fast Leid. Da müssen doch ständig irgendwelche Matrose kommen, um sie irgendwas zu fragen....

Daran fühlt sich Traviana natürlich auch mitschuldig. Aber vermutlich ist sie das schon gewöhnt...

Bei der Bootsfrau bekommen Perval und sie also nur die Auskunft, woanders hin zu gehen, also zum Kapitän. Das hat Traviana dann auch vor.

"Na gut. Sollen wir dann mal beim Kapitän nachfragen?"

Schlägt sie vor. Erstens um voran zu kommen, und nicht die ganze Zeit nur herum zu stehen...

Und zweitens, um die Bootsfrau nicht noch weiter zu belästigen....



Da Perval nicht so dumm ist, alle seine Gedanken in Worte zu fassen, geht der Kelch, die Ratten zu jagen oder die Ballaststeine zu zählen, noch einmal an ihm vorüber.

"Is jut, Bootsfru." Mit diesen Worten wendet sich Perval von der Bootsfrau ab und Traviana zu. Aufgrund ihres Vorschlages blickt er kurz zu der Stelle hinüber, dort, wo der Kapitän vor kurzen noch stand und noch immer mit den zwei Geweihten steht.

"Nee, dat War... äh, de Kapitän scheint noch immer mit de Geweiht´n beschäftigt. Gluub nich, dat dat jetzt en gutter Moment wär. Miin Taler reichen noch für heut Abend. Lass uns besser de Smutje suchen, un uns de Schnaps trinke, bevor wir geh´n.... Wo is´n de Kombüsenmeister überhaupt hinne?"



Traviana sieht auch nach dem Kapitän.

"Ja, das ist wohl kein so guter Zeitpunkt, du hast recht..."

'Hmmm....'

"Ich hab keine Ahnung, wo der hin ist.....hab ihn doch vorhin noch gesehen...oder?..."



NORDSTERN - Unterdeck: ALRIK's 'Mission' - Herr di Vespasio


'Oh, ja der Junge, das trifft sich ja vorzüglich. Wie war doch gleich sein Name, naja, wie auch immer.'

Der Gruß des Schiffsjungen erreicht di Vespasio gerade als dieser sich wieder hinter die Ecke zurückziehen will. Stattdessen macht er jetzt einen Storchenschritt um die Ecke und zieht das verletzte Bein nach. Er stützt sich auf den Stock mustert Alrik strafend von oben herab und ruft ihn ohne Gruß zu sich, so als hätte er schon Wochen auf ihn gewartet.

"Ah, Junge, da ist er ja. Er komme stante pede zu mir."



Sieh mal einer an, hinter der Ecke steckt sogar der Comte persönlich! Etwas verwunderlich ist das ja schon, wie er hier so um die Ecke schleicht, aber Passagiere sind halt manchmal ein wenig seltsam. Obendrein sieht der Comte noch recht ungeduldig, ja fast verärgert aus und da ist es besser, ihn nicht mit unnötigen Fragen zu belästigen.

"Gewiss doch."

Flott kommt ALRIK herbei und bleibt dann abwartend stehen. Die beiden Röcke trägt er vor sich, wobei er die Arme weit ausgestreckt hat, um den Stoff nicht noch unnötig zu verknautschen.



"Ah, die Röcke, schön, sehr schön, geradezu wunderbar. Moment, wo ist der Gelbe?"

Von der Wäsche hebt sich der Blick di Vespasios zu Alriks Gesicht.

'Bei diesem Seefahrervolk muss man aufpassen, mein Lieber. Das sind raue Burschen und mit feinem Tuch können sie nicht umgehen.'

"Er hat ihn doch wohl nicht zerstört, oder?"



"Natürlich nicht, Herr Comte." ALRIK schüttelt energisch den Kopf. Kurz jedenfalls - denn dann fängt die Schulter wieder an zu zwicken und er bremst sich in seinen Bewegungen.

"Der Gelbe war nur sehr verschmutzt. Wir mussten ihn abermals waschen. Wir haben wirklich alles getan, was wir konnten, doch so ganz ließen sich die Flecken nicht entfernen", gesteht ALRIK und fügt dann noch hinzu:

"Aber wenn Ihr wünscht, dann können wir ihn auch zur Reinigung an Land geben."



"Das will ich gerne glauben, dass er sehr verschmutzt war. Wenn man sich unbewaffnet aus der Gefangenschaft skrupelloser Entführer befreit, kann man wohl kaum erwarten, die Kleidung würde das ohne Schaden überstehen."

'Nun mal allegro, mein Freund, dieser Junge ist wohl kaum der geeignete Zuhörer und dieser Gang nicht der geeignete Ort für eine derart spannende und gefährliche Geschichte.'

"Gut, gut, gut. Bringe er den Gelben in Havena zu einer Wäscherei. Und dann möge er mir noch beim Ankleiden helfen ..."

Di Vespasio wirft einen Blick auf seine neutralen, grauen Beinkleider.

'Was denkst Du? Bei dem Wetter wäre Gelb natürlich die bessere Wahl. Aber vermutlich wird der Blaue am feinsten mit dem grauen Stoff harmonisieren. Zudem ist ja ein Festtag des EFFerd, da ist blau und grau eine passende Kombination. Ja, ich denke wir können uns auf Blau einigen.'

"... und zwar den grauen .. äh blablabla ... den blauen."



"Natürlich, gewiss doch", entgegnet der Schiffsjunge mit der üblichen Höflichkeit, mit der man eben 'schwierige' Passagiere behandelt. Schwierig mag vielleicht auch nicht so ganz das richtige Wort sein, 'anstrengend' passt entschieden besser.

Es ist wirklich wie verhext, denn immer, wenn alle anderen längst auf dem Landgang sind und je nach Kondition unter Umständen auch schon besoffen unter 'nem Tavernentisch liegen, muss er mal wieder schuften. Hoffentlich hat die Wäscherei heute Abend überhaupt noch auf. Denn morgen ist da dieses Fischerfest und übermorgen ist gleich noch ein Feiertag, 'der Tag der Heimkehr' nämlich. Und wer weiß, wie lange die Nordstern überhaupt in Havena vor Anker liegt. Also muss die leidige Angelegenheit mit dem gelben Rock unbedingt heute noch erledigt werden.

'Und vorher darf ich noch die männliche Kammerzofe mimen. Na, bestens!'

"Der blaue also. Ausgezeichnete Wahl", meint ALRIK unverbindlich, aber ohne Überschwang in der Stimme. Höflichkeit gehört eben zum Geschäft. Noch.



'Nun, das ist zwar nicht gang falsch, aber bei zwei Stücken, kann man kaum von Wahl sprechen, eher von Qual.'

Di Vespasio dreht sich von Alrik weg, so dass ihm Torin entgeht, der gerade die Gruppenkabine verlässt, und stellt den Stock in die Ecke zwischen Kabinentür und Wand. Dann streckt er dem Jungen nach hinten die beiden Arme entgegen.

'Qual ist in jedem Fall ein sehr passendes Wort. Wie sehnst du dich doch nach deinem Ankleidezimmer und den Schränken in Kuslik. Ach, das sanfte Licht des späten Vormittags auf den Rosen im Garten, Vinette bringt mit bezaubernder Grazie etwas gewürzten Wein und als höchste Qual die Frage, in welchem Blauton du den Tag beginnen willst.

... Hm alveranisch ...

Stattdessen stehst Du in einem dunklen, salzwassergetränken Gang, der kaum breit genug ist, die Schultern zu strecken, und läßt dir von einem Jungen in den Rock helfen. Götter, wofür?'



NORDSTERN - Laderaum Vier: Streit um des Klaubauter's Heim


Laderaum vier ist natürlich nicht ganz verlassen. Nein, in einer Ecke ist immerhin das Klabauterheim untergebracht. Obwohl, man es kann es nicht sehen, das macht den Raum auch nicht voller.

Auch Meergrün, den Klabauter kann man nicht sehen. Der Klabauter steht im Raum und freut sich, dass man etwas drittes nicht mehr sehen kann. Nicht weil es unsichtbar ist, sondern weil der Junge es eben abgeholt hat, lediglich ein blasser, feuchter Geruch ist noch davon verblieben.

Das war schon merkwürdig. Da hingen diese drei Röcke auf der Leine. Der erste blau und roch nach Seife. Der zweite rot und roch nach Alkohol. Der dritte gelb und roch nach Scheiße.

Meergrün hat mindestens eine Stunde davor gesessen und vergeblich versucht dieses Rätsel zu lösen und schließlich den Kopf über die Menschen geschüttelt. Aber immerhin hat er an den Röcken zwei schöne Knöpfe gefunden. Wer weiß, wann man so was braucht.

Als sich wieder Schritte nähern, springt er schnell ins Dunkel der Schiffswand. Und beobachtet wie ein Mann und eine Frau hereinkommen. Der Korb, den der Mann abstellt, riecht interessant. Was er sagt, klingt auch so.


wiie laderaum

das iist meiin heiim



NORDSTERN - Laderaum Vier: Jandara quartiert sich ein


Ein dumpfer, feuchter Geruch liegt in der Luft.

'Aha, hier wird also die Wäsche getrocknet. Was für ein würdiges Domizil für mich.'

Wieder spürt sie, wie die eiserne Kralle der Verzweiflung sich um ihr Herz legt. Aber sie hat keine Zeit für Selbstmitleid, da ist noch jemand, an den sie denken muss und dem wird es hier sicher gefallen.

'Ich habe schon an ganz anderen Orten geschlafen,' versucht Jandara sich zu trösten. 'So wie damals in dem Baum, auch wenn da an Schlaf eigentlich nicht zu denken war.'

Vor ihrem inneren Auge taucht das lustige, sommersprossige Gesicht eines Schelmes auf, mit dem sie, es mag wohl schon einige Götterläufe her sein, damals vor einem wütenden Pöbel in den nahen Wald geflüchtet war. Der kleine Dummkopf hatte unbedingt die wertlose Glasperlenkette von ihr haben wollen und sie hatte sich kurz vorher fürchterlich über die hohen Preise der Dorfschmiedin geärgert, die für das einfache Schleifen eines Messers einen ganzen Silbertaler verlangte.

So ergab eines das andere und als Schelm und Jandara sich einig waren, begann die Schmiedin, die gerade mit einem Kunden verhandelte, zu schrumpfen, immer kleiner wurde sie und immer breiter. Ein großartiger Anblick! Bald schon entstand Aufruhr, immer mehr Menschen liefen zusammen um sich die Schmiedin, die immer mehr einem wandelnden Kürbis glich, anzuschauen, während Schelm und Jandara sich vor Lachen bogen, wegen des verblüfften und überaus blöden Gesichtsausdrucks der geldgierigen Frau.

Doch plötzlich rief ein Kind:

"Ich habs genau gesehen, der war's!!!" und es zeigte auf den Schelm.

Da konnten beide nur noch ihre Beine in die Hand nehmen...

Jandara muss lächeln und für den Moment ist ihre Verzweiflung verschwunden. Sie schaut Lowanger an und sagt: "Es wird schon gehen, aber Ihr werdet einen neuen Platz zum Wäschetrocknen finden müssen."



Lowanger sieht sich ebenfalls kurz im Laderaum um, der sicher nicht die Bequemlichkeit einer der Kabinen aufweist - es ist eben genau das: Ein Laderaum.

"Das ist kein Problem", erwidert Lowanger. Normal benutzt man ja auch diesen Raum nicht dafür, in dem Fall war es aber der Wunsch eines Fahrgastes, der erfüllt werden musste, und da es auf dem Deck nicht möglich war, und in diesem Laderaum noch niemand untergebracht war...

All das sagt der zweite Offizier jedoch nicht, denn im Grunde geht das Jandara auch nichts an. So erwähnt er nur das, was wohl im Moment noch wichtiger ist:

"Ich werde veranlassen, dass man Euch eine Hängematte aufspannt."

Seine Augen richten sich dabei wieder einmal fragend auf die Frau, um zu sehen, ob sie weitere Fragen oder Wünsche hat.



NORDSTERN - Laderaum Vier: Streit um des Klaubauter's Heim


Meergrüns Augen weiten sich vor Schreck. So war das nicht abgesprochen. Dies ist sein Raum. Gut, es ist auch ein Laderaum. Deshalb ist er bereit ein paar Kisten mit aufzunehmen. Aber eine Hängematte? Menschen? Nie!


neiin meiins raus hiier

leute raus hiier


Meergrün greift sich den Korb und beginnt schonmal ihn wieder raus zu tragen. Das heißt, er würde gern, aber der Korb ist etwas zu schwer und zu groß. So kann er nur die Hände um das Bastgeflecht legen und ziehen, bis sein Kopf ganz rot ist.



was diie frau wiill

schon eiinziiehen


jetzt aber schnell

der korb muss weg


Statt weiter zu ziehen, was ja offenbar nichts bringt, läuft Meergrün um den Korb herum und fängt an zu drücken. Zuerst passiert nichts. Dann verformt sich der Korb ein wenig. Gleichzeitig gibt er ein Geräusch von sich, ein quietschendes Knarren, wie das Körbe unter Belastung schon mal tun.

Für einen Augenblick ist Meergrün wie gelähmt. Dann huscht er in den Schatten der Schiffswand zurück.



"Ja, aber wenn es geht, schnell," antwortet Jandara. "Ich möchte mich nämlich so rasch wie möglich umziehen und habe keine Lust noch ewig so hier herumzustehen."



NORDSTERN - Laderaum Vier: Jandara quartiert sich ein


Der zweite Offizier versteht zwar den Zusammenhang zwischen Umziehen und einer Hängematte nicht ganz - will sie da ihre Sachen drauf ablegen oder sich draufsetzen? - aber das ist ein Wunsch eines Fahrgastes, und damit von Wichtigkeit. Doch... etwas anderes ist da auch noch...

"In Ordnung. Dann wollt Ihr also bis Grangor an Bord bleiben?"

Er überschlägt kurz - vierhundertzwanzig Meilen sind es bis nach Grangor, das macht bei zwei Silber pro hundert Meilen...

"Das kostet dann acht Silber und vier Heller, sagen wir acht Silber."

Lowanger blickt Jandara fragend an, denn auch wenn ihm das ein wenig peinlich ist, so sollte das doch geklärt sein, ehe es um Fragen der Einrichtung geht.



Jetzt stellt er also doch noch die Frage. Jandara weiß nicht, wie weit es von Grangor nach Belhanka ist und wo überhaupt diese Städte im Lieblichen Feld sind. Auf der anderen Seite, könnte sie ja, falls überhaupt jemand darauf kommt, behaupten, sich mit einem Mitglied des Hauses ya Aranori in Grangor treffen zu wollen.

Ja, so wird sie es wohl machen. Gerade als sie Lowanger antworten will, knirscht ihr Korb vernehmlich.

'Oh weh, hoffentlich hält der Schöne noch still und kommt nicht gerade jetzt heraus.' denkt sie und geht langsam zu dem Korb herüber.

"Bis Grangor, ja das hatte ich mir so gedacht. Einen kleinen Augenblick, ihr bekommt sofort eure Taler."

Sie hockt sich vor den Korb und greift vorsichtig unter das Wachstuch, so als würde sie nach ihrem Geldbeutel suchen.



Lowanger erwidert nichts, wozu auch, was gesagt werden musste, ist gesagt, und den Umstand, dass Jandara nach ihrem Geld sucht, muss er nicht kommentieren.

So sieht er sich kurz um, ob vielleicht vorschriftswidrig doch eine Hängematte hier herumliegt, statt sich in der Segellast zu befinden, wie sich das gehört, aber da die NORDSTERN ein ordentliches Schiff ist, erblickt der zweite Offizier keine.



Der Rabe ist sehr aufgebracht. Oooh, aufgebracht ist nicht das richtige Wort.

Nein, er ist aufgewühlt!!!

Erst muss er sich in diesem unseligen Dings verstecken ("Das musst du verstehen mein Schöner, Havena ist eine sehr magiefeindliche Stadt..." bla, bla, bla) und dann trödelt SIE auch noch mit diesem Kerl herum, der keine Ahnung davon hat, wie man einen Dings mit wertvollem Inhalt durch ein Dings bugsiert!!!

Und zu guter Letzt, fangen auch noch die Ratten an, sich für ihn zu interessieren!!!

Ja, der Rabe ist sehr aufgewühlt!!!

Er spürt, wie sich IHRE Hand unter das grausliche Tuch schiebt, wie SIE sich ihm vorsichtig nähert, wie IHRE tastenden Fingerspitzen seinem Kopf immer näher kommen.

Oh, er ist ja sooo wütend über diese entsetzliche Behandlung...

...aber wenn SIE ihn unter dem Schnabel krault, ja dann...das ist ja soooo schön!!!



Langsam zieht Jandara ihre Hand wieder unter dem Tuch hervor. Sie steht auf und grinst Lowanger verlegen an.

"Mein Geld trage ich ja am Gürtel, entschuldigt, ich bin wohl ein wenig aufgeregt."

Sie greift an ihre rechte Seite, wo tatsächlich, halb unter der nassen Weste versteckt, ein kleiner brauner Lederbeutel hängt. Gewissenhaft zählt sie die acht Silbertaler ab und drückt sie ihm in die Hand.

"Bitte sehr, doch sagt, wie sieht es eigentlich mit der Verpflegung aus? Ich meine solange wir hier in Havena sind?"



Geduldig wartet der zweite Offizier, während Jandara in ihrem Korb herum kramt, und das Geld dann dort doch nicht findet. Sie kommt ihm jedoch nicht wie eine vor, die nur zum Schein sucht, und sich dann in irgendwelche Ausflüchte rettet, und dies bestätigt sich rasch, als er das Geld dann in der Hand hat und damit alles so ist, wie es sein muss.

Die Frage, die sie dann stellt, gefällt Lowanger, verrät sie doch, dass Jandara nur Dinge fragt, die wirklich gefragt werden müssen, etwas, das ihm persönlich sehr gefällt.

"Im Hafen müsst Ihr Euch selbst verpflegen, oder Ihr sagt dem Smutje Bescheid und bekommt gegen Bezahlung von ihm etwas."

Das Geld lässt Lowanger in der Tasche verschwinden, ohne es länger zu prüfen.



'Was war denn das?' interessiert stellt Jandara eine Veränderung an Lowanger fest. Irgendetwas hatte ganz hinten in seinen Augen geblitzt.

Anerkennung?

Oder mehr?

Wie schade, dass sie jetzt keine Zeit hat, der Sache genauer auf den Grund zu gehen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.

"Ich danke Euch sehr, Offizier Lowanger, Ihr seid wirklich sehr zuvorkommend, ich hoffe, ich kann mich auch weiterhin an Euch halten, wenn ich noch Fragen haben sollte?"



Der zweite Offizier nickt.

"Selbstverständlich. Ein Matrose wird in Kürze mit der Hängematte kommen."

Langsam wendet Lowanger sich ab, ist dabei jedoch bereit, noch auf eventuelle weitere Wünsche der Frau einzugehen - vielleicht will sie ihn ja wieder an Deck begleiten, jetzt, wo ihr Korb verstaut ist, oder vielleicht möchte sie sich auch erst umziehen, ehe der Matrose kommt...



NORDSTERN - Unterdeck: Ottam ist aufgebracht


'Ohhh das ist ja unglaublich was sich dieser Zwerg rausnimmt.' denkt sich Ottam und die altbekannte, gereizte Kälte kehrt zurück in seine Augen. Er will schon ansetzen etwas wie - Hier ist Platz für nen Drachen... - hinzuzusetzen, als ihm seine Geldgier die Worte hinunterschlucken lässt bevor sie den Mund verlassen können, denn der Zwerg ist ja zahlender Gast. Dennoch merkt er sich den Vorfall um ggf. im unpassenden Momenten Rache für Unverschämtheiten dieser Art zu üben.

Finster und kalt blickt er empor und macht sich schließlich auf den Weg zum Oberdeck. Die Gedanken die ihn bewegen kreisen hauptsächlich darum ob er Rache nehmen soll oder ob dies unterhalb der würde seiner erhabenen Persönlichkeit liegt.

Ohne zu einem Schluss gekommen zu sein verschafft er sich zunächst einen Überblick über das Geschehen an Deck.

Stirnrunzelnd erblickt er etwas entfernt die Versammlung von Geweihten beim Kapitän.

'Oh je, was heckt der nur wieder aus' denkt er sich, bleibt aber stehen wo er ist.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Offizieller Empfang - Onaskje's Gedanken


Zu den letzten Worten des Kapitäns nickt der Praiosgeweihte, dem kann er sich nur anschließen. Welcher Zwölfgöttergeweihte würde einem Tempelvorstand der Zwölfe keinen hohen Respekt zollen? Sofern er nicht gerade abwesend ist, natürlich...

"Ja, bestimmt. Auch ich freue mich darauf, Seine Hochwürden Graustein zu begrüßen."

Gerade läuft nicht weit der Matrose Trolske vorüber und erregt des Geweihten Aufmerksamkeit.

'Der Bursche hat doch bei der Verladung meiner Kisten mit angepackt?'

Sicherlich könnte ich ihm vertrauensvoll meine Wäsche übergeben, er wird sie mindestens dem Schiffsjungen weitergeben können.'



Während man so dasteht und das Gespräch friedlich vor sich hin plätschert, EFFerd sei dank!, tut sich an Deck immer mal was neues. Einer geht, der andere kommt und plötzlich wird es wieder interessant.

'Ah, sieh an, da ist ja dieser überhebliche Magus, mit dem ich die Passage ausgehandelt habe. Den habe ich ja auch nicht mehr gesehen, seit Salzerhaven. Vielleicht könnte ich mit diesem Individuum mir die Zeit vertreiben nach dem Rundgang durch die Stadt, oder schon währenddessen? Das letzte Wort war ja zwischen uns noch nicht gesprochen, jemand - ich - müsste diesem Orkenhobel mal ein wenig Anstand und feinere Umgangsformen beibringen. Das heißt die Werte dieser Formen, schließlich scheint er sich seinem Ausdruck nach fast besser in der Etikette auszukennen als ich. Allein, es fehlt an der Göttergefälligen Einstellung. Nun denn, lade ich ihn mal ein.'

Gesagt, getan: Onaskje zaubert ein unverschämtes Grinsen auf sein Gesicht, versucht dabei aber möglichst unschuldig zu gucken. Dann winkt er einen freundlichen Morgengruß hinüber und nickt zweimal mit dem Kopf.

'Jaja, Dir werde ich schon den rechten Weg beibiegen, ob Du willst oder nicht. Und es wird mir Spaß machen!'

Dabei öffnet er die Lippen und zeigt seine blanken Zähne, das Grinsen des Wolfes im Schafspelz.

Kurz überlegt er, ob das wohl schon ein neugierig machen und Herausforderung genug war, kommt dann zu dem Schluss, das es nie schaden kann noch einen halben Augenblick länger hinüberzublicken und dabei die linke Augenbraue zu heben.

Anschließend wendet er sich wieder mehr zu Kapitän und der Geweihten zu, dabei entspannen sich seine Züge wieder.

'Der Kapitän könnte was gesehen haben, doch glaube ich es nicht, er scheint recht auf Shioban konzentriert zu sein. Diese sollte nichts bemerkt haben, dafür stünde sie zu ungünstig.'

Onaskje ist wieder ganz Ohr, sowohl für seine kleine Gesprächsrunde, wie auch für Trolske, und besonders für den Magier Ottam, den er aus den Augenwinkeln weiterhin beobachtet.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Shioban geht ...


Der Kapitän verbeugt sich erneut leicht.

"Wir werden dafür sorgen, und das wird auch seinen Wünschen entsprechen. Er nimmt seine Pflicht als Hüter der Heiligen Miesmuschel sehr ernst."

Jergan macht eine kurze Pause, mehr der Form halber, als das es wirklich nötig ist, und fährt dann fort:

"Möge EFFerd mit Euch sein, Euer Gnaden! Wir werden bereit sein, wenn seine Hochwürden kommen."

Auch er blickt kurz in Richtung des Wassers, dessen Pegel seit dem Anlegen der NORDSTERN sicher schon um einige Finger gesunken ist, ehe sein Blick wieder zu Shioban zurückkehrt.



"Nun gut, so dringend erforderlich ist es natürlich auch nicht. Sorgt bitte nur dafür, dass er gleich anwesend ist und den Landgang noch ein wenig verschiebt," überlegt die Geweihte.

"Doch jetzt ist es an der Zeit, dass ich mich auf den Rückweg mache. Die Abendflut ist ja schon weit fortgeschritten."

Die Silberblonde macht eine ausladende Geste in die Richtung des Meeres.



Noch einmal verbeugt sich der Kapitän leicht und erwidert das Lächeln der Geweihten.

"Die Freude ist auch auf meiner Seite, habt Dank für diese Einladung. EFFerd sei mit Euch!"

Er hatte die Abschiedsformel zwar schon einmal gesprochen, aber da es noch anderes zu sagen gab, stellt er sie noch einmal an das Ende seiner Worte.



"Vielen Dank. Ich würde mich freuen, Euch morgen zum Fischerfest begrüßen zu dürfen. Es beginnt mit dem mittäglichen Niedrigwasser und endet mit dem Flutfest zum Abendhochwasser. EFFerd mit Euch!"

Mit dieser Einladung und einem freundlichen Lächeln verabschiedet sich die Silberblonde von Kapitän und Praiospriester.



Auch Onaskje blickt nun kurz auf das Hafenwasser, um dann anschließend die Geweihte zu verabschieden.

"Vielleicht sehen wir uns ja morgen auf dem Fest wieder. Bis dahin aber wünsche auch ich Euch den Segen der Zwölfgötter."

Nach einigen Augenblicken wendet er sich an den Kapitän und sagt leise:

"Nun, eine nette junge Dame ist sie, nicht war? Ich würde mich wirklich freuen, sie morgen wiederzusehen.

Ich für meinen Teil werde mich jetzt noch eine Weile an Bord aufhalten, vielleicht kann ich seine Hochwürden grüßen. Später am Abend werde ich wahrscheinlich noch eine Runde durch die Stadt machen, denn ich kenne sie bisher nur aus Berichten. Und vor dem morgigen Feste, in dem die ganze Stadt hoffentlich im Freudentaumel zu einem kribbelnden Ameisenhaufen erwachen wird, sollte ich diese Möglichkeit nutzen, denn morgen werden wir ja wohl alle zu Ehren EFFerds feiern."

Nachdenklich schaut Onaskje wieder über das Wasser.

"Aber man kann ja nie wissen, was die Götter für einen Mann vorbestimmt haben..."



NORDSTERN - Laderaum Vier: Lowanger zieht sich zurück


"Nochmals Danke!"

Jandara findet es recht unhöflich von Lowanger, sich einfach so abzuwenden und langsam aus dem Raum zu verschwinden. Kopfschüttelnd schaut sie ihm nach, soweit es das schwache Licht der kleinen Ölfunzel zulässt.



"Bis später dann", erwidert Lowanger, und verlässt dann rasch den Laderaum in Richtung des nächsten Laderaumes. Oben mag Arbeit warten, denn die Geweihte wird nicht umsonst zum Kapitän gekommen sein, sondern aus Gründen, die der zweite Offizier sich sogar ziemlich genau vorstellen kann. Und das wiederum kann bedeuten, dass der Kapitän das Schiff ziemlich bald verlassen muss, und sicher mindestens einer seiner Offiziere mit ihm, während der andere selbstverständlich erreichbar sein muss.

In solche Gedanken und sein Pflichtgefühl vertieft, erreicht Lowanger schließlich das Unterdeck.



Auch auf dem Unterdeck hält sich der zweite Offizier nicht lange auf, sondern eilt geradewegs weiter in Richtung des vorderen Niedergangs und diesen hinauf. Den hinteren vermeidet er bewusst, weil da zum einen der Weg länger wäre, und weil er sich zum anderen dem in der Nähe des hinteren Niedergangs stattfindenen Gespräches zwischen Kapitän und EFFerdgeweihter nicht zu sehr aufdrängen möchte - den Beginn desselben hatte er ja noch beobachtet, ehe er mit Jandara nach unten gegangen ist.

So erreicht er schließlich das Oberdeck, und orientiert sich kurz...



NORDSTERN - Laderaum Vier: Die Hexe und der Rabe


Jandara wartet noch ein wenig, um ganz sicher zu gehen, dass Lowanger außer Hörweite ist. Dann, endlich, legt sie ihre Tasche neben den Korb und nimmt das Wachstuch herunter. Der Rabe sitzt dort eingeklemmt zwischen in bunte, weiche Tücher gewickelten Krimskrams. Ganz schrecklich unglücklich schaut er drein und mitleidig hält sie ihm ihre Hand hin, auf die er auch sofort klettert. Zärtlich gräbt sie ihre Nase in sein Federkleid.

"Es tut mir ja so leid, Zach." murmelt sie. "Aber in letzter Zeit läuft einfach alles schief. Ich hoffe wir finden hier auf dem Schiff ein wenig Ruhe."



'Es tut IHR leid, es tut IHR leid,'

Zach tritt unruhig von einer Kralle auf die andere. Er plustert sich auf und schüttelt sein blauschwarzes Gefieder. Misstrauisch schaut er sich um. Kisten, Kisten und sonst nichts? Wo soll man es sich denn hier gemütlich machen? Nein, nein, da macht er nicht mit!

"Kraaah, Zach bleibt hier nicht. Bring mich weg!"



eiin lustiig diing

schwarzmöve spriicht


Und auch noch Sachen die richtig vernünftig sind. Meergrün weiß aber nicht mehr so sicher, ob er will, dass die Frau mit dem Korb verschwindet. Denn die Neugier ist doch größer als die Wut, dass jemand ohne seine Einwilligung das Schiff betritt. Schon jetzt steckt er die Nase aus der dunklen Ecke an der Schiffswand, um einen besseren Blick auf das Tier zu haben.


am besten iist

iich mach das so


diie frau geht weg

der vogel bleiibt



"Noch nicht," antwortet Jandara dem Raben, "aber mir wird schon was einfallen."

Da ist sie sehr zuversichtlich. Eigentlich fällt ihr immer etwas ein. Doch nun muss sie erst mal das nasse Zeugs loswerden, die grobe Wolle, die Fellweste, das alles hat sich voll gesogen mit Regenwasser und hängt nun schwer und unangenehm kalt an ihr herunter.

Sie setzt Zach auf den Rand des Korbes. Auch er beginnt sofort sein derangiertes Federkleid zu putzen.

Jandara richtet sich gerade auf, sie schließt die Augen und konzentriert sich. Dann beginnt sie, sich einmal langsam um sich selbst zu drehen. Sie hebt ihren rechten Arm und streicht mit der Hand über ihr langes rotes Haar......und schon sind Kleidung und Haare wieder in einem trockenen Zustand.

'Das ist besser.' denkt sie sich und fühlt sich so angenehm erfrischt, als hätte sie gerade eine Stunde in einem Badehaus hinter sich.

Achtlos kickt sie ihre Stiefel in eine Ecke und setzt sich neben Zach auf den Boden.



Feder für Feder zieht der Rabe vorsichtig und liebevoll durch seinen langen schwarzen Schnabel. Er knabbert hier ein bisschen unter dem linken Flügel und dort ein wenig unter dem rechten Flügel.

'SIE hat gut reden,' ärgert er sich wieder einmal. 'Wenn SIE sich was einfallen lässt, ist doch Hopfen und Malz verloren.'

Er ist sich sicher, am Ende bleibt alles an ihm hängen.



NORDSTERN - Oberdeck: Abschied - Níalyn und Efferdan


Níalyn schüttelt leicht den Kopf. Efferdan ist ihr immer noch ein Rätsel - mal geht er problemlos auf die Menschen zu und hilft ihnen, so wie bei Torin, als es diesem schlecht ging, dann wieder, so wie jetzt, ist er wie ausgewechselt, ein anderer Mensch, der sich am liebsten ins nächste Mauseloch verkriechen möchte. Das kann nicht ewig so bleiben...

Aber bevor sie das anspricht, ist noch etwas anderes zu klären.

"Ich war in der Unterstadt," sagt sie ruhig, geradezu gelassen, als wäre nichts dabei (obwohl sie freiwillig nie wieder dorthin zurückkehren würde), "ich weiß, was dort ist - alte Ruinen, die einst wohl grosse, prachtvolle Häuser waren und jede Menge Schrott."

'Und so manches ... Seltsames... '

"Mach' dir aber keine Sorgen - ich gehe nicht wieder dorthin zurück. Der Rest von Havena ist viel amüsanter!"

Aufmunternd zwinkert die Diebin dem Matrosen zu.

"Und da ist noch was, was ich dir sagen möchte!"



Also doch, sie war in der Unterstadt gewesen! Für einen Moment stockt Efferdan der Atem. Was ihr dort wohl wiederfahren war? Efferdan will es nicht wirklich wissen. Jedenfalls sollte sie wohl EFFerd danken, dass sie damals wieder heil zurück kam - und wahrscheinlich tat sie das auch schon.

Immerhin - sie sagt, dass sie nicht mehr dorthin zurückkehren wird. Gut. Efferdan vertraut ihren Worten. Warum sollte sie lügen?

"Gut..." wispert er "da ... mehr als ... nur Schrott..."

Doch da gehen seine letzten Worte auch schon in denen von Níalyn unter. Sie möchte ihm noch etwas sagen. Was dass wohl ist?

Fragend und etwas überrascht sieht Efferdan Níalyn an.

`Was jetzt noch?`



'Tja, da hat er leider recht. Dort ist mehr und es ist ein sehr guter Grund, lieber in einer eher ruhigen Taverne zu sitzen, als in der Unterstadt sein Glück zu versuchen.'

Kurz verzieht Níalyn ihren Mund, doch da war ja etwas, was sie Efferdan noch sagen möchte. Etwas, was ihr wirklich wichtig ist.

"Hör zu, Efferdan! Ich bin mit Sicherheit nicht die richtige Person, wenn es um 'kluge Ratschläge' geht. Aber eines solltest du endlich beherzigen!"

Kurz macht sie eine Pause. Mehr eine künstlerische, als eine notwendige. Sie will sich sicher sein, dass er ihr zuhört.

"Habe mehr Selbstvertrauen! Wenn du dich weiterhin so sehr in dein Schneckenhaus verziehst, wirst du noch reichlich unglücklich werden! Du bist nicht auf den Kopf gefallen und siehst auch nicht wie eine Moorleiche aus! Lass endlich mal die Sau raus!"

Wieder eine kurze Pause, wobei Níalyn ihn genau mustert.

"Und heute Abend fangen wir damit an! Du kommst mit uns - einen saufen!"

So wie sie das sagt, duldet sie wirklich Widerspruch.

'Wollen doch mal sehen, ob er dann endlich mehr aus sich herauskommt. Zur Not unter Alkohol!'



Da sind sie wieder, diese Worte. Er soll mehr Selbstvertrauen haben. Das sagt es sich so leicht! Alveran hilf, als ob das so einfach wäre...

Selbstvertrauen in was? Was kann er denn schon groß Nützliches? Wer will denn schon mit ihm zu tun haben? Selbst sie will lieber allein zum Tempel gehen, als mit ihm zusammen...

`Die Sau raus lassen...`

Bei diesen Worten stutzt Efferdan. Bei den nächsten ändert sich sein Gesichtsausdruck von überrascht zu entsetzt. Er soll mit in eine dieser Kneipen? Zu all den vielen Fremden?

Dichtes Gedränge zuckender, verschwitzter Leiber. Stickige Luft in einem engen Raum, fern ab des Meers. Rohheit. Gewalt. Bedrohung...

Efferdan fängt an zu zittern, allein der Gedanke daran macht ihm Angst.

"Ich... ich kann nicht...nein..." stottert er ängstlich...



Níalyn schüttelt den Kopf. Eigentlich hätte sie diese Reaktion vorhersagen können, aber andererseits hatte sie gehofft, dass er noch etwas länger mit ihr zusammen sein möchte und somit in einer der Tavernen mitkommen würde. Und warum stottert er immer noch? Sie beißt ihn doch nicht.

"Du musst es selbst wissen, Efferdan. Aber du verpasst eine Menge, wenn du nicht mitkommst."

Kurz geht Níalyns Blick weg von Efferdan und sie sucht das Deck nach Torin ab, der wohl offenbar immer noch unten im Schiff ist. Dafür sieht sie allerdings Ameg, den er ja sucht.

"Ah, Ameg," ruft sie dem Jungen zu, "Torin sucht dich!"



"'allo Phexane", ruft er Phexane zu und läuft auf sie zu. "Wo is' Torin denn? Unt'n hab' ich ihn gar nicht geseh'n"

Das er unten gar nicht gesucht hat verschweigt Ameg.

"Will er 'n schon los? ... da is' doch noch dies' Fest wo ich mit hin darf..."



NORDSTERN - Gemeinschaftskabine: Schlafende Schönheit - Torin


Noch einmal blickt Torin zu der schlafenden Druidin. Scheinbar hatte sie die wärmende Decke wirklich gebraucht, denn nun liegt sie wieder ruhig in ihrer kleinen Koje.

'Sie sieht so friedlich aus.'

Das braune, leicht gewellte Haar, das ihr Gesicht umspielt, bewegt sich mit jedem ihrer Atemzüge.

'Vielleicht hat sie etwas von Wert dabei.' denkt sich Torin.

Doch etwas hält ihn davor zurück, sich ohne weiteres ihren Besitz anzueignen. Torin weiß sehr wohl, dass es ihm nicht deshalb schwer fällt, weil seine Diebesfähigkeiten nicht dazu genügen würden. Auch nicht, weil sie eine Frau ist. Doch...

'Wie ehrenvoll ist es wohl, einer schlafenden Frau ihren Besitz zu nehmen?'

*Nicht ehrenvoller, als an einem Bettler vorbei zu gehen, ohne einen Heller in seinen Hut zu werfen, Torin Rotmarder.* meldet sich die Stimme in seinem Kopf wieder.

Torin verdreht genervt die Augen. 'Dich hatte ich nicht gefragt!'

*Ich wollte dich nur daran erinnern.*

'Ja, danke.' Torin verzieht den Mund. Dann jedoch erhellt sich sein Gesicht. 'Du kannst mir sicher sagen, wo sich Ameg befindet.'

Doch dieses Mal bleibt es still. Und so bleibt ihm auch nichts anderes übrig, als einmal tief zu seufzen und sich selbst auf die Suche nach dem Jungen zu begeben. Mit einem geraunten "Typisch!" verlässt er die Gemeinschaftskabine.



NORDSTERN - Oberdeck: Der 'Kombüsenmeister'- Garulf, Perval und Traviana


So, der Praiotenmist ist endlich vorüber, der Junge und die ´Bootsfrau´ haben sich getrollt, jetzt steht einem Landgang ja nicht mehr viel entgegen.

´Am besten frog ik den Kaptein sölbst, de Bootsfru kreegt dat doch nich gebacken´, beschließt er, dann jedoch sieht er eben jenen mit zwei Geweihten verhandeln.

´Oha, ne Efferdsfru un n Praiot.´

Da ein Praiospriester momentan so ziemlich da letzte ist, dem der Smutje begegnen will, zieht er es dann doch vor, den Landgang noch etwas zu verschieben und erstmal unter Deck zu gehen. Gemächlichen Schrittes begibt er sich zum vorderen Niedergang und hinab aufs Unterdeck.

´Außerdem wolln jo noch n paar Lüts ihr Für ham - ik tum bespeel´#



Noch einmal blickt Perval sich auf dem Oberdeck um.

'Vorhin war de doch noch mit de Bootsfru uf de Vordeck. Wo isn ´n de jetzt hin?'

Da sieht er, wie eine grosse, kräftige, sehr beleibte Gestalt mit einer Fastglatze - der gesuchte Smutje - den vorderen Niedergang hinunter geht. "Da isser. Komm," wendet er sich Traviana wieder zu "bevor de uch an Land geht und wir hier nichts mehr zu suffen kriegn."

Ohne eine Antwort abzuwarten, geht Perval die ersten Schritte Richtung des vorderen Niedergangs. Manche mögen es Unhöflichkeit nennen, einer Dame den Rücken zuzukehren und zu gehen, für Perval ist es die normalste Sache auf Dere (neben dem Pinkeln). Erstens ist Traviana keine Dame sondern eine Matrosin, zweitens hat Perval keine Ahnung von höfischer Höflichkeit und drittens geht es hier um etwas Lebenserhaltendes - den Schnaps. Und für den Moment zumindest steht Traviana in der Rangliste hinter dem Schnaps. Dieses wird sich allerdings nach Genuss des ersteren schlagartig ändern.



Jetzt sieht ihn Traviana auch.

'ja, da ist er...Und Perval rennt schon wieder weg....'

Traviana ist etwas verwundert, läuft ihm dann aber hinterher. Mehr zu sich selbst als zu ihm sagt sie dann:

" Warte doch, ich komm ja schon.."

Ob er das gehört hat, oder es überhaupt hören könnte ist fraglich...



NORDSTERN - Kabine der Bootsfrau: Sigrun kränkelt


"Haaaatschi!"

Erschrocken schlägt Sigrun die Augen auf. Zunächst weiß sie gar nicht, wo sie sich befindet. Doch dann sieht sie sich um und erkennt den Raum, den sie bisher vielleicht am meisten auf diesem Schiff gemieden hat: Nirkas Kammer.

Was war nur passiert? Richtig, ihr war schrecklich kalt gewesen und Nirka war da, ihre Hände, ihr Mund, ihr ganzer Körper um Sigrun zu wärmen. Doch jetzt ist die Bootsfrau nicht mehr bei ihr und die junge Matrosin fühlt, dass die Wärme in ihren Körper zurückgekehrt ist. Doch gleichzeitig glaubt sie, sich noch nie so elend gefühlt zu haben.

"Haaaatschi! Haatschi"

Erneut muss sie niesen und ihr Hals fühlt sich an, als wäre er auf das Dreifache seines normalen Umfangs angeschwollen. Prüfend führt sie die Hand an den Hals und schon diese kleine Bewegung erscheint ihr unglaublich anstrengend.

'Oh nein, jetzt hat es mich richtig erwischt,' denkt sie. 'Was ist denn bloß passiert? Und das, wo ich doch den Landgang mit Nirka so richtig genießen wollte.'

Mit ihrem Schicksal hadernd bleibt Sigrun zunächst auf Nirkas Bett liegen.



NORDSTERN - Kapitänskajüte: Die Druiden gehen von Bord


Am Abend des Tages des Fischerfestes wird der Kapitän, der in seiner Kajüte einige Papiere studiert und Eintragungen in das Bordbuch macht, durch ein zaghaftes Klopfen gestört. Er bittet hinein, und zu seiner Überraschung treten gleich zwei Personen ein - Fargus und Joanna, beides Druiden, wie ihm recht bald klar wird.

Es entwickelt sich ein längeres Gespräch, von dem der Kapitän einige Teile nicht so ganz versteht, doch der hauptsächliche Inhalt ist, dass die beiden Druiden das Schiff hier in Havena verlassen wollen, und wohl vor Abfahrt nicht wieder zurück sein werden.

Ein wenig später hilft Trolske den beiden dann, ihr Gepäck an Land zu schaffen, und dann verschwinden sie beide im Regen...







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