- Logbuch der NORDSTERN -

Im Auftrag des EFFerd- Teil 2 (Das kleine Dejeuner in der Suite ) - 28 . Efferd 28 n.H.

NORDSTERN - In der Suite: Alkinoês Schwäche


Freifrau Reckinde streichelt sanft und freundlich der verzweifelten Alkinoê das Haar. Kein Wort kommt über ihre Lippen, kein Kommentar. Sie weiß leider ziemlich genau, dass es momentan keinen Trost für das Mädchen geben kann. Die Geschehnisse aus der ZYKLOPENAUGE liegen eben noch nicht weit genug zurück und wenn es auch heißt, die Zeit heile Wunden, dann müsste man dennoch feststellen, dass für solch tiefe Wunden noch nicht genug Zeit verflossen sein kann.

Doch nicht nur dies bewegt die Freifrau. Mehr und mehr spürt sie, dass sich um Alkinoê ein geheimnisvolles Netz webt und es wird Reckinde zu einer zur Gewissheit neigenden Ahnung, dass der Überfall auf die ZYKLOPENAUGE nicht der Beginn, sondern ein vorläufiger Höhepunkt einer sehr tragischen Geschichte gewesen sein könnte. Da liegen noch längst nicht alle Fakten auf dem Tisch, dessen ist sich Reckinde sicher.

Die Freifrau wird allerings etwas unsicher in eigener Sache. Ihre Zuneigung zu dem jungen,verstörten und verängstigen Mädchen ist echt und wahrhaftig und in einer Tiefe empfunden, als wäre sie die Mutter der jungen Dame. Und trotzdem bleibt da ein Restposten Ungewissheit, denn Alkinoê kam als eine Fremde und das ist sie immer noch.

Es gilt als eine bekannte Tatsache, dass die fanatischen Anhänger des Götterfürsten, in ihrem selbstgerechtem Wahn, sehr viel Schmerz und Leid über die Menschen gebracht haben und sie tun es noch immer, an vielen Orten. Doch da gibt es ja nicht nur unschuldige Opfer, die in die Fänge der Inquisition geraten, da gibt es auch durchaus Leute, die aus einem sehr naheliegenden Grund den Zorn des PRAios zu fürchten haben, eben dadurch, dass sie sich den Feinden des Lichtes angeschlossen haben.

Es würgt ihr Angst und verdeckter Trauer fast die Kehle ab, als Reckinde in Gedanken erwägt, dass Alkinoê finsteren Kreisen angehören könnte, Kreisen, welche die Dunkelheit anbeten und die Weltordnung stürzen wollen. Reckindes Heimat ist von dunklen Mächten und Paktierern geradezu umzingelt und die Freifrau hat sehr viel Gold investiert, um die Streitkräfte des Lichts angemessen zu bewaffnen und auszurüsten. Es will ihr einfach nicht eingehen, dass so ein lichtes Wesen wie Alkinoê sich derart versündigen könnte. Nein - das kann nicht sein!

Radisar kehrt zurück. Auch er scheint ähnliche Gedanken zu haben wie die Freifrau. Seine Erklärung kann Reckinde gut nachvollziehen und sie ist zufrieden. Endlich hat er einmal richtig mitgedacht, der kleine Diener. Wenn es hart auf hart kommt, dann vermag Radisar durchaus noch angenehm zu überraschen.

"Alkinoê, mein Kind, ihr seid sehr tapfer! Doch, so fürchte ich, kämpft ihr einen verlorenen Kampf, einen Kampf, der nicht erst auf der ZYKLOPENAUGE begann. Ich will euch nicht weiter bedrängen und werde es auch gut heißen, wenn ihr schweigen wollt, doch gebe ich euch den Rat, euch so bald wie möglich einer Person euerer Wahl anzuvertrauen. Ihr tragt einen Kern des Verzehrens in euch, es könnte euch sehr schädigen. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn ich euch diese helfende Person sein dürfte und ich versichere meiner vollsten Loyalität. In welchen Schwierigkeiten ihr auch immer stecken mögt, welche Last euch auch immer zu erdrücken versucht, ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam eine Lösung finden werden! FIRun der Grimmige sei mein Zeuge!"



Während sich Alkinoê noch das Hirn zermarterte, um irgendeine passende Erklärung für ihr Verhalten zu finden, dringen plötzlich Reckindes Worte zu ihr. Einen Moment liegt sie wie erstarrt da: ' Woher weiß sie - ...'

Und dann tritt die Versuchung an sie heran:

' Jetzt einfach ehrlich zu sein, nicht mehr lügen und verstellen, wenigstens einen TEIL der Wahrheit sagen, welch süße Verlockung! Sie wird dich bestimmt nicht verraten. Und wenn schon! '

Alkinoê richtet sich auf und nimmt die Hände vom Gesicht: Es ist kalkweiß, und die Augen heften sich mit leidenschaftlichem Ausdruck auf Reckindes Gesicht. Für diesen Moment sieht sie verändert aus, älter, reifer. Was für ein berauschendes Gefühl, plötzlich Mut zu zeigen! Schon öffnet sich der Mund, um zu sprechen, doch dann, für den Bruchteil eines Augenblicks fällt ihr Blick auf Radisar.

' Alkinoê, bist du denn verrückt geworden? Ist dir dein letztes bisschen Verstand abhanden gekommen? Selbst wenn du ihr vertrauen könntest - dich einem Diener in die Hand zu geben wäre Wahnsinn. Außerdem würde es nichts nützen...es gibt ja keine Lösung. Vielleicht würde sie dich sogar entsetzt, voller Abscheu von sich stoßen...'

Abrupt beugt sich Alkinoê hinunter, so dass man ihr Gesicht nicht mehr sehen kann, ergreift die Hände der Freifrau, um sie zu küssen.

" Ihr seid so gütig zu mir, Euer Hochgeboren, dabei bereite ich euch so viel Umstände. Ich- ich sah plötzlich wieder das Geschehen auf der ZYKLOPENAUGE vor mir, und...und erinnerte mich..."

Sie zögert einen Moment, als suche sie nach Worten.



Es ist der Freifrau gar nicht recht, dass Alkinoê ihr die Hand küsst und gerade so, wie ein General es unter Umständen tun würde, geht sie in eine Art Gegenoffensive, denn sie will von dem junge Mädchen keine Ergebenheit spüren, sondern mehr Freundschaft und Partnerschaft. Sie umarmt das Mädchen und drückt ihr mehrere Küsse auf die Wange, ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu hektisch. Es ist gerade eben so, als wolle Reckinde das Mädchen an Aussagen hindern, die allzu künstlich klingen könnten, als wolle sie das Mädchen daran hindern Ausflüchte zu entwickeln.

Frau Reckinde will absolut nicht, dass sich Alkinoê in ein fesselndes Gestrüpp an Erklärungen hinein redet, aus dem es für sie später kein Entrinnen mehr geben kann. Alkinoê ist sehr nahe an der Wahrheit dran, das spürt die Freifrau. Ebenso spürt sie die Erleichterung, die hinter dem Mädchen wartet, sollte sie es endlich schaffen sich zu erklären.

Aber Alkinoê flüchtet sich immer noch auf Nebenplätze. Sicher, die Erlebnisse auf der ZYKLOPENAUGE würden genügen, um auch das stabilste Seelengefüge zu erschüttern. Doch Reckinde weiß. Das kann es nicht sein! Alkinoê verbirgt ein Geheimnis! Und so gern die Freifrau das junge Mädchen auch leiden mag, sie würde sich unwohl fühlen, sich selbst dem Unbekannten auszuliefern. Es ist nicht so, dass sie Gefahren fürchtet, aber sie sollten kalkulierbar bleiben.

Es fällt der Freifrau auf, dass in der stockenden Rede Alkinoê's, der blick des Mädchen immer wieder auf Radisar fällt. Immer dann, wenn das geschieht wird Alkinoê deutlich leider und langsamer in ihrer Sprache. Das lässt nur einen Schluss zu: Alkinoê misstraut Radisar!

Gegen ihren Willen verspürt die Freifrau eine gewisse Erheiterung, kann sie diese Zurückhaltung Alkinoê's in die Integrität des Dieners, auf Grund seiner unbeholfenen Art, durchaus verstehen, doch auf der anderen Seite weiß sie, dass Radisar's Loyalität nicht zu überbieten ist, und ist er auch sonst mit allen möglichen Fehlern behaftet, er ist wahrhaft der Treuesten der Treuen. Alkinoê hätte also gar keinen Grund, des Dieners wegen, mit der Wahrheit zurück zu halten.

Doch wie soll man das Mädchen davon überzeugen?

"Mein Kind, tief in euerem Herzen verbirgt sich ein Geheimnis, dessen Last euch schier erdrücken will. Was ihr auf der ZYKLOPENAUGE erlebt habt, kommt als zusätzliche Last noch hinzu. Ich habe nicht die Fähigkeit in euere Herz zu sehen, aber spüre ich nicht genau, dass etwas in euerem Innersten nagt?Ihr seht Radisar an und ich erkenne in euerem Blick schmerzenden Zweifel, er könnte nicht euere Freund sein. Er ist mir so viele Götterläufe schon ein Treuer Diener und Begleiter. Daher trägt er bei mir auch den Titel Adlatus! Ich bin überzeugt, dass auch er euch von Herzen liebt und sollte es euch beruhigen, dann soll er euch Probe stehn."

Frau Reckinde blickt Radisar an, streng und verständnisvoll zugleich. Dann befiehlt sie ihm:

"Lege er seine linke Hand auf den Tisch. Dann nehme er mit seiner rechten Hand den Dolch mit dem Silbergriff, es ist wohl der schärfste und spitzeste aller Klingen in meinem Besitz! Sollte Alkinoê nun den Befehl dazu geben, dann jage er den Stahl durch seinen Handrücken, dies sein mein Befehl!"

Die Freifrau wendet sich zu Alkinoê und spricht mit ihr in ernster Miene:

"Sollte euch auch nur der Schatten eines Zweifels an Radisar's Zuverlässigkeit treffen, dann gebt den Befehl und er wird euch beweisen, dass er sich jederzeit seiner Loyalität würdig erweisen kann. Dann wird er seine Hand mit dem Dolch durchstoßen. Solltet ihr nunmehr zur Erkenntnis gelangen, dass er geeignet wäre, ein Geheimnis von euch auch ins Grab zu tragen, wenn es die Umstände verlangen würden, dann könnt ihr ihm diesen Treuebeweis ersparen!"



Natürlich hat Radisar gespürt, dass Alkinoê ihm misstraut, immer wieder hat sie ihn angesehen, als sie ihren Zustand erklären wollte und immer dann, wenn sie dies getan hatte, dann hatte Radiasr das Gefühl, sie könnte wieder ein Stückchen unaufrichtiger geworden sein. Und irgendwie ärgert er sich darüber.

Er hätte ja auch ebenso gut hinausrennen können, und jedem, dem er auf dem Oberdeck begegnet wäre, erklären können, dass die junge Herrin immer dann zusammenbricht, wenn man den Namen des Herren PRAios erwähnt. Hat er dies etwas getan? Sicher nicht! Und das, obwohl er sich dem Götterfürsten besonders verbunden fühlt. Niemals würde er das tun.

Doch dies sollte nicht der größte Schrecken dür den kleinen, dicken Diener bleiben. Mit wachsendem Entsetzen hört er die Wort der Herrin, die ihm schreckliches gebieten. Längst ist seine Glatze schweißüberzogen, als er den Dolch mit dem Silbergriff in die Faust nimmt und die linke Hand auf den Tisch legt gerade so, wie ihm geheißen worden war.

Seine rechte Hand krampft sich regelrecht um den wertvollen Griff, doch zittern tut er mit dem ganzen Körper. Er hebt die rechte Hand, den Dolch fest im Griff, dann wartet er, auf das Kommando oder auf die Befreiung. Kurz schaut er Alkinoê an, man kann das Flehen in seinen Augen deutlich sehen, dann schließt er die Augen und hält den Atem an!



Auch Freifrau Reckinde hält den Atem an. Es überkommt sie plötzlich das Gefühl zu weit gegangen zu sein. Sie will sich in Alkinoê nicht getäuscht haben, doch kann sie sich dessen sicher sein? Um so mehr, als Radisar nun ja das gesamte Risiko trägt. Reckinde zweifelt keinen Augenblick daran, dass Radisar seinen Auftrag erfüllen würde, doch ist es genau diese Gewissheit, die sie momentan so verwirrt, denn mit der gleichen Sicherheit könnte sie Alkinoê's Vorgehensweise nicht bestimmen.

Wird sie sich das Mädchen für das Vertrauen oder für den Beweis entscheiden?



Alkinoê spürt es genau:

' Sie glauben mir nicht! Irgendetwas muss ich jetzt erzählen, und zwar so, dass es nicht zu einer großen Untersuchung kommt.'

Aber bevor sie mit ihren Überlegungen zu einem sinnvollen Ergebnis kommen kann, geschieht etwas, das ihren Atem stocken lässt:

Die Freifrau befiehlt den Diener, sich zum Beweis seiner Treue einen Dolch durch die Hand zu stechen, auf ihr Geheiß hin.

Im ersten Moment ist Alkinoê entsetzt. Mit großen Augen starrt sie auf Radisar. Während er langsam den Dolch in die Hand nimmt und seine Hand auf den Tisch legt, wandert ihr Blick zu dem Dolch. Vor ihrem geistigen Auge erscheint das Bild der herunter sausenden Klinge, die sich zitternd in die rosig-fleischige Hand bohrt. Es erfüllt sie zugleich mit Abscheu und mit Faszination:

' Er würde es tun! Er würde es tatsächlich tun! '

Ein leicht dahingesprochenes Wort, vielleicht sogar ein Blick von ihr würden ausreichen, um es geschehen zu lassen. Jetzt einfach zu sagen:

' Ja, tu´s! '

und die Machtfülle zu spüren, die man über einen Menschen haben kann. Ein zugleich reizvoller und abstoßender Gedanke. Süß, berauschend und ein wenig widerwärtig.

Alkinoê ist vielleicht nicht überdurchschnittlich klug, aber sie ist auch nicht dumm: Das Ganze wird als Beweis für Radisars Loyalität zu ihr hingestellt, aber sie erkennt, dass es doch nur Radisars Treue zu seiner Herrin belegen würde. Und noch etwas anderes würde es beweisen: Alkinoês Grausamkeit. Es überläuft sie heiß und kalt, als ihr das klar wird: Das ist gar kein Charaktertest für Radisar, sondern für SIE, Alkinoê!

" Nein, nein! Was tut er denn da! " ruft Alkinoê mit Entsetzen und Verzweiflung in der Stimme. " Ich will das nicht! "

Und genau im richtigen Moment kommen ihr die Tränen: Aus Selbstmitleid wegen ihrer bedrängten, scheinbar aussichtslosen Situation und ein wenig auch aus Abscheu vor sich selbst.



Radisar ist starr wie eine Statue, selbst der kleinste Muskel an ihm ist gespannt wie die Winde eines Torsionsgeschützes. Nur seine Hände bewegen sich, sie zittern. Die Klinge in seiner rechten Hand vibriert wie der Flügel eines Heuschrecke und auch die Hand auf dem Tisch ist sichtbar unruhig, bebt wie rote Grütze bei Erderschütterungen.

An eine Verweigerung des herrschaftlichen Befehls oder an eine Abänderung des Auftrags, der seinem Ansprüchen etwas näher käme, denkt Radisar nicht einen Augenblick lang. Seine Augen sind schon starr auf den gewissen Punkt auf seinem Handrücken gerichtet, dort, wo der Dolch durch die Hand in das Holz des Tisches fahren würde, sobald die junge Herrin das Zeichen gäbe.

Radisar schwitzt, mehr noch als sonst und das will etwas heißen! Er wagt es nicht mehr zu atmen und die Stille im Raum, sieht man von den Geräuschen, die von außerhalb in die Suite dringen einmal ab, legen sich wie warmer, zäher Brei auf die Ohren des kleinen, dicken und todunglücklichen Diener's. Er schließt die Augen, um dem bösen Schicksal nicht in die hässliche Fratze schauen zu müssen.

Radisar hört Alkinoê tief Luft holen. Jetzt kommt es !! Er hebt den Dolch noch ein Stückchen höher. Schnell sollte es gehen, denn Geschwindigkeit ist alles, dann tut es vielleicht nicht so weh!

Doch Alkinoê ist an einem Beweis seiner Treue gar nicht interessiert, im Gegenteil, sie reagiert mit sogar mit Entsetzen. Er solle dies nicht tun, vernimmt sein überglückliches Gehör und schlagartig entspannt sich sein gesamter Körper.

Damit lässt allerdings auch die Spannung in seinem rechten Arm nach, dort, wo er wacker den Dolch gehalten hatte. Und als der Arm, von jedem Muskeltonus befreit, sozusagen kraftlos nach unten saust, wird dem kleinen Diener erst bewusst, dass er ja immer noch den Dolch in den Fingern hält, der nun auch, mit der Spitze voraus nach unten schnellt, wie das Fallbeil eines Scharfrichters, dem Tisch entgegen und dort liegt ja noch immer seine linke Hand. Doch ehe er reagieren kann fährt die Dolchspitze mit einem lauten 'Tock' in die Oberfläche des Tisches.

Radisar wagt es nicht die Augen zu öffnen. Resigniert bekennt er vor sich, dass die Sache wohl dumm gelaufen sei und er spürt in sich hinein, ob ihm sein Körper irgendwelche Schadensmeldungen macht.

Seltsam - er spürt gar nicht, auch nicht speziell in seiner linken Hand, die ja noch immer, wenn auch schlaffer als zuvor, zitternd auf dem Tisch liegt. Dieses Ausbleiben von Schmerzen macht Radisar nun doch etwas neugierig, so dass er seine Angst überwindet und zunächst einmal erst ein Auge öffnen, dann, nach einer kurzen Prüfung der Lage, auch das zweite.

Die Klinge war gar nicht durch seine Hand gefahren.

'HURRA!'

Gut - es war knapp und ein Weniges mehr nach links, rechts oder unten hätte tatsächlich eine ernste Verletzung verursacht. So aber steckt der Dolch zwischen dem Mittelfinger und dem Zeigefinger im Tischholz, ohne die Hand überhaupt berührt zu haben.

In einem Ausbruch von Erleichterung gibt Radisar einen Riesenseufzer von sich, als habe ihm, just im Augenblick, eine höhere Macht ein verlorenes Leben wieder gegeben. Um so entsetzter ist er, als er dann doch noch Blut auf seiner Hand sehen muss. Aber wie kommt das, die Hand war doch unverletzt geblieben?

Die Antwort auf diese Frage präsentiert sich ihm, als er seine andere Hand begutachtet, jene, mit der er den Dolch gehalten hatte. Da er den Dolch fast ohne Druck gehalten hatte, sind seine Finger beim Aufschlag vom Griff abgerutscht und über die scharfe Klinge gefahren. Das ist seinen Fingern nicht unbedingt gut bekommen.

"Bei allen Gehörnten, Geschwänzten und Geschuppten ..... !" flucht Radisar unablässig leise vor sich hin und sein Bestand an derben Schimpfworten ist beachtlich. Dennoch ist er froh, dass nicht mehr passiert ist.



Es ist schön, dass sich Alkinoê langsam beruhigt, doch ist Ruhe nur dann sinnvoll, wenn sie das Herz erreichen kann. Das weiß die Freifrau aus sehr leidvollen eigenen Erfahrungen. Ruhe, die nur äußerlich wirkt, blendet den Betrachter, ist wie ein trutzige Festung, die nur innere Leere verteidigt.

Immerhin kann die Freifrau feststellen und sie tut dies mit Wohlgefallen, dass Alkinoê nicht leichtfertig plappert, sondern ihre Worte aufmerksam abwägt. Die Zunge der jungen Dame wird also vom Geist geleitete und führt kein sinnfreies Eigenleben.

'Das ist gut!' befindet die Freifrau.

Es ist Frau Reckinde aber auch bewusst, dass genaue Wortwahl geheimnisvolle Umstände und Situationen nicht unbedingt zu differenzieren hilft, das genaue Gegenteil könnte der Fall sein. Und Alkinoê hat eine außergewöhnlich geschliffene Ausdruckform, nicht ungewöhnlich für die Erziehung bei jungen, aristokratischen Abkömmlingen, die für ihre noble Umgebung lernen müssen, dass jedes einfache Wort sofort zur Realität werden kann, mit ungeahnten Folgen für jedermann. Reckinde ist sich sicher, dass Alkinoê ihre verbale Gabe nicht unbedingt zur Aufhellung ihres Geheimnisse anwendet.

'Das ist nicht gut !' befindet die Freifrau.

Als Reckinde ihren Diener Radisar in Position befiehlt und es dem Kommando Alkinoês überlässt, ob er sich die Hand mit dem silbernen Dolch nun durchlöchert oder nicht, richten sich die Augen der Freifrau auf Alkinoê, wie die eines Adlers, der die Bewegungen seiner Beute verfolgt.

Alkinoê antwortet oder agiert nicht sofort! Sie scheint nachzudenken!

'Das ist gut !' befindet die Freifrau.

Irgendetwas scheint sich in ihren Gedanken hin und her zu bewegen. Es scheint als wäge Alkinoê ein 'Einerseits' und ein Anderseits' ab, um eine Synthese zu formulieren.

'Das ist gut !' befindet die Freifrau.

Es erscheint Reckinde als gesichert, dass das 'Einerseits' in Alkinoês Gedanken, die pure, unverfälschte Menschlichkeit darstellt. Alkinoê ist ein gutes Kind, da ist sich die Freifrau sicher, sie nimmt diese Annahme als ein Faktum, denn anders kann sie sich das junge Mädchen nicht vorstellen. Alkinoê wünscht sich einem Vertrauen überlassen zu können und ist daher gerne bereit auf solche, nun fast schon ungehörigen Treuebeweise, so wie Reckinde es angeordnet hatte zu verzichten.

'Das ist gut !' befindet die Freifrau.

Zweifellos ist das Mädchen von den Möglichkeiten absoluter Machtausübung gefesselt und fasziniert. Ihre Atem geht rascher und tiefer, ihre Gesicht rötet sich leicht, die Augen werden größer und ihre Pupillen weiten sich. Außerdem befeuchtet sie laufend ihre Lippen mit ihrer Zunge und sie wirkt somit genauso eine junge Frau, die wollüstig erregt und in Leidenschaft gebunden einen unersättlichen Geliebten erwartet und ersehnt. Alkinoê reagiert also auf Macht und deren Möglichkeiten, lässt sich aber nicht davon regieren oder verführen. Sie kann ihre Machtfülle aus Gründen der Ethik, der Ehre und Menschlichkeit auch unausgeschöpft lassen. Das deutet eine große Reife an.

'Das ist gut !' befindet die Freifrau.

Die Freifrau ist hochzufrieden. Sie ist sich nun sicher, dass Alkinoê mit dieser Ansammlung hohe menschlichen und ehrenhaften Attributen, niemals eine Dienerin des Bösen sein. Bliebe allerdings schon noch die Frage, ob ihre Vergangenheit nicht im Übermaß phexischer Natur sein könnte. Auf der NORDSTERN wimmelt es ja nur so von Jüngern des Fuchses, warum sollte nicht auch Alkinoê dazu zu zählen sein.

Reckinde schüttelt den Kopf. Alkinoês edle Herkunft scheint belegt zu sein, wenngleich edel von Herkunft nicht unbedingt auch edel von Gemüt bedeuten muss. Dennoch ist sich Reckinde sicher, dass es sich bei Alkinoê um eine integere Person handelt, da sei Firun vor!

Kann das ganze politische Zusammenhänge haben? Reckinde bereut es nun, sich um die Ereignisse in den südlichen Regionen herzlich wenig gekümmert zu haben. Aber das lässt sich leicht noch feststellen.

Reckinde wird nachdenklich. Jedesmal, wenn sie ein neues Szenario entwickelt fallen ihr gleich darauf ein gutes Dutzend Gründe ein, warum es so nicht gewesen sein kann. Im Grunde genommen bliebe da nur eine einzige Möglichkeit offen. Nur diese einzige Möglichkeit hatte, bei strenger Prüfung, auf Dauer Bestand. Im Grunde würde dies alles erklären, aber kann das sein .... ?



Das richtige Weinen hat Alkinoê zu ihrem Bedauern bislang nicht gelernt. Es kann unglaublich wirkungsvoll sein, wenn im rechten Moment, aus großen, weit geöffneten Augen eine silbrige Perle sich löst, einen kurzen Moment an seidig langen Wimpern verharrt um dann ihre schimmernde Bahn nach unten in die Spitzen des eilig gezückten (oder noch besser hilfreich gereichten) Taschentuchs zu finden.

Dabei dürfen natürlich keinesfalls Augen oder gar (da sei Rahja vor) Nase in Mitleidenschaft gezogen werden. Sehr bedeutend ist es auch, den Moment für diesen Vorgang genau abzupassen und bestimmen zu können. Alkinoê kann dies alles leider nicht.

Als ihr jetzt die hellen Tränen aus den Augen stürzen hat dies all die negativen Konsequenzen, die es bei einer Dame nicht haben dürfte: Die Augen färben sich leicht rötlich, die Lider schwellen an und sogar ihre Nase verliert einiges an Zierlichkeit. Sie selbst ist sich dessen jedoch gar nicht bewusst: Zu sehr befinden sich ihre Gefühle im Aufruhr. Zuerst kreisen sie noch gänzlich um sie selbst, aber bald mischt sich in Angst, Verzweiflung und Scham auch ein wenig Mitleid mit dem armen kleinen Diener. Schließlich weiß sie sehr gut, was blinder Gehorsam ist.

Spontan legt sich ihre kleine schmale Hand gleichsam schützend über die Linke des Dieners, genau auf die Stelle, die sie vor wenigen Augenblicken noch durchbohrt zu sehen wünschte. Mit einem Mal kann sie in ihm ein Lebewesen mit Ängsten und echten Schmerzen sehen, sich, wenn auch nur ein wenig, in ihn hineinversetzen. Ohne dass dafür ein realer Anlass besteht hat sie das Gefühl, etwas an ihm gutmachen zu müssen.

" Wie ka-hann er nur solchen Unsinn machen! Er muss doch wi-hissen, dass ihre Hochgeb-boren ihre Worte nicht ernst gem-meint hat! " stößt sie schluchzend hervor. Dabei bemerkt sie seine Verletzung an der Rechten. Mit einer raschen Bewegung greift sie nach der Hand und zieht sie zu sich heran.

" Da: Sehe er sich an, was er getan hat! " Sie verspürt plötzlich den Impuls, die Wunde auszusaugen, wie es etwa eine Mutter bei einem kleinen Kind tun würde. Bevor Radisar sich wehren kann, hat sie seine Hand zum Mund gezogen, und er spürt für einen kurzen Moment ihre kleine Zunge auf der Wunde, nicht schmerzhaft, aber rauh wie die einer Katze. Aber schon hat sie die Hand wieder losgelassen und sich abgewandt.

" Und lasse er endlich diese unziemlichen Worte, verbinde er lieber die Hand! " sagt Alkinoê verwirrt, obgleich er doch schon längst mit dem Fluchen aufgehört hat.



Radisar fährt zurück. Alkinoês Aktion hat ihn nicht wenig erschrocken. Das sie ihm die Wunden ableckt, damit hätte er nie gerechnet. Und die Vorwürfe die sie ihm macht klingen ganz so, als fühle sie sich mitschuldig an seinem Ungeschick. Die Welt steht auf dem Kopf für den armen Radisar, alles was geschieht ist wie der Bestandteil eines wilden Traums. Man sollte dann aufwachen und sich in einer geordneten Welt wiederfinden.

Radisar überlegt sich kurz, ob er in jüngster Vergangenheit irgendetwas getan haben könnte, das Bishdariel hätte verärgern können. Was für ein Albtraum! Die Freifrau gibt ihm selbstzerstörerische Befehle und ist danach frog, dass es nicht soweit gekommen ist, sonst stünde sie nicht derart erleichtert und aufatmend im Raum. Die junge Herrin ist verzweifelt über Dinge, die nicht passiert sind, sieht man von seiner Ungeschicklichkeit ab. Darüber hinaus erschrickt sich Alkinoê fürchterlich über die bloße Anwesenheit eines Praioten, ohne das es hierfür greifbare Gründe gäbe. Dann weint sie über die Schmerzen Radisars, maßregelt ihn sanft und pflegt demütig sein Wunden, man bedenke: Die Herrin dem Diener! Das alles kann nur ein wundersamer Traum sein. Radisar beschließt vor zum zu Bett gehen nur noch leichte Kost zu sich zu nehmen.

Doch da ist noch etwas anderes, was die Wahrnehmung des Dieners mehr und mehr gefangen nimmt. Sein verwundete Hand beginnt vermehrt zu schmerzen. Sie brennt als stünde sie in Flammen. Radisar schüttelt wie rasend die Hand, aber kein Luftzug verschafft Milderung. Das Brennen nimmt zu und schon wächst ein panischer Schmerzensschrei in Radisars Kehle. Doch dann wird die Hand des Dieners plötzlich wie taub, jeder Schmerz lässt nach und auch der Schrei verebbt hinter seiner Zunge, noch vor seiner 'Geburt'.

Dann lässt die Taubheit nach und es beginnt zu kribbeln, genau dort, wo kurz vorher noch grässliche Schmerzen das Sagen hatten. Es kitzelt richtig gehend und Radisar kann sich ein Kichern nicht verkneifen. Gerne würde er sich an der Hand kratzen, doch wagt er nicht dorthin zu sehen, der Anblick klaffender Wunden bereitet ihm Übelkeit, vor allem dann, wenn es sich um eigene Verletzungen handelt.

Doch als das Kitzeln und Jucken nicht nachlassen will, greift er doch an die besagte Stelle und zu seinem grenzenlosen Erstaunen stellt er fest, dass dort gar nichts mehr klafft, am allerwenigsten eine Wunde.

Tatsächlich: Die Wunde ist verschwunden! Es ist noch etwas geronnenes Blut zu sehen und ein heller Streifen in gesunder Haut markiert noch die Stelle, wo sich die Klinge des Silberdolches in das Fleisch gefressen hatte.

Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen betrachtet Radisar seine Hand. Mit der anderen Hand kneift er sich unentwegt in sein eigenes Hinterteil, denn nunmehr ist er völlig davon überzeugt, dass er sich in einer Traumwelt befindet und er hat es eilig wieder aufwachen zu können, es ist ihm dies alles hier mittlerweile etwas zu unberechenbar geworden. Aber: Er kann offensichtlich nicht aufwachen. Mehr als einen riesigen blauen Flecken an seiner Pobacke hat die ganze Zwickerei nicht gebracht ...



Eben ist die Freifrau noch dabei das Ergebnis ihre tiefen Überlegungen zu relativieren, weil sie von der Befürchtung heimgesucht wird, dass sie ihre Gedanken allzu sehr in 'exotische' Randgebiete hatte abdriften lassen, liebt sie eigentlich Pragmatismus und Sachlichkeit über alles, da wird sie Zeuge eines unglaublichen Ereignisses, ein Wunder schier. Doch für Wunder und Übersinnliches ist ihm Gedankenwerk Reckindes eigentlich nur spärlich Platz.

Nun, da sich alle ihre forschenden Überlegungen gemeinsam in einen fragwürdigen See der Ahnung ergießen, will die schlichte Logik Folge betonten Denkens nicht mehr greifen. Ein Satz fällt Reckinde ein:

'Wenn alle sich alle möglichen Ergebnisse als falsch erwiesen haben, dann muss die Erklärung im Unmöglichen gesucht werden!'

Es will Reckinde aber nicht mehr einfallen, wer dies gesagt haben könnte. Das ist aber auch schon gar nicht mehr wichtig!

Als Alkinoê Radisar Wunde leckt, die danach auf sonderliche Art zu heilen beginnen, wandelt sich Reckindes hilflose Ahnung in eine tragfeste Gewissheit. Nun wird sie wieder gefasster, nun kann ihr Verstand wieder in geordneten Bahnen arbeiten. Auch wenn das Unmögliche nun Realität geworden sein mag, die Wirklichkeit ist Reckindes bevorzugtes 'Spielfeld', dort schlägt sie sich meisterhaft. Und sofort reifen konkrete Pläne in ihr, wird ihr klar, was zu tun ist ....

"Mein Kind, liebe Alkinoê - nun ist mir vesrtändlich, warum du die Gefolgschaft des PRAios zu fürchten hast, das ist eine nur allzu verständlich Angst. Aber lass den Mut nicht sinken, wir werden dir auch dabei helfen. Bedenke - meine Heimat ist die Weite des Bornlands. Dort sind die uralten Legenden noch am Leben. Ich nenne dort viele Töchter Satuarias mein Freundinnen!"

Doch wird Reckinde etwas betriebsam. Sie nimmt ein Seidentuch, befiehlt Radisar, der noch immer staunend seine Hand betrachtet, zurück an die Arbeit und wendet sich dann wieder Alkinoê zu.

"Nun schnell, mein Kind, macht euch schnell etwas frisch! Jeden Augenblick kann der Comte Di Vespasio eintreffen und wir wollen ihn doch mit strahlendem Gesicht willkommen heißen!"

Während Reckinde die sagt, wischt sie mit einem Seidentuch noch die letzten, rinnenden Tränen von Alkinoês Gesicht, beugt sich dann vor und flüstert dem Mädchen warnend ins Ohr:

"Und kein Wort zu niemandem!"



' Nun ist es geschehen! '

Schon seit Jahren kämpft Alkinoê einen ständigen Kampf gegen sich selbst und gegen ihre Impulsivität. In ruhigen Momenten hat sie es mittlerweile recht gut gelernt, sich zu beherrschen, man kann fast sagen: zu verstellen. Zur Zeit ist ihre Gefühlslage aber alles andere als ruhig. Die Erlebnisse der letzten Tage, die dadurch ausgelöste ständige latente Angst, schlimme Bilder, die sie nicht mehr sehen möchte, all dies und dadurch an die Oberfläche gespülte, ältere Erinnerungen haben sie aus dem Gleichgewicht gebracht.

' >Wenn du nicht lernst, dich zu beherrschen, meine Kleine, wirst du dich eines Tages selbst in die Krallen der Gehörnten bringen.< '

So hatte die Tante zu ihr gesprochen. Und nun war es geschehen.

Im ersten Moment hatte sie sogar noch gehofft, es könnte nichts passiert sein. Aber die Reaktion des Dieners verrät es zu deutlich. Es scheint sogar ungewöhnlich heftig, fast untypisch stark gewesen zu sein, was wohl daran lag, dass es unwillkürlich und nicht willentlich geschehen ist.

' >Du musst die Kraft beherrschen statt dich von ihr beherrschen zu lassen!< '

Ach, sie macht alles falsch! Mit gesenktem Kopf sitzt sie da und erwartet ihr Urteil.

Doch dann geschieht ein Wunder: Starr vor Staunen vernimmt sie die Worte der Freifrau. Sie weiß nicht viel über das Bornland. Das Einzige was sie wirklich versteht ist, dass Reckinde Töchter Satuarias zu ihren Freunden zählt. Sollte das möglich sein?

' Aber im Norden werden wir doch von allen gehasst und verfolgt... '

Kaum nimmt Alkinoê wahr, was Reckinde sonst noch sagt. Deren Ermahnung, die Fassung zu bewahren, sonst dazu angetan, ihr augenblicklich Haltung zu verleihen, rauscht ungehört an Alkinoê vorbei. Vergessen ist in diesem Moment alles Übrige, das vor kurzem noch ihre Seele und ihr Gewissen belastet hat.

Durch ihre Freundschaft zu anderen Schwestern rückt Reckinde Alkinoê plötzlich nahe, viel näher, als es in ihrer gesellschaftlichen Position möglich gewesen wäre. Als die Freifrau sich jetzt herunter beugt um Alkinoê die Tränen abzuwischen, schlingt diese ihr spontan die Arme um den Hals und schmiegt sich mit der ganzen Kraft ihres jungen Körpers an sie.



Der Freifrau Aufruf, sich endlich wieder seinen gewohnten Pflichten widmen zu können erzeugt in Radisar einen geradezu alveranischen Wonneschauer. Es tut ihm gut sich aus diesen, wie er selbst es sieht, halbstofflichen Welten der Wunder und der Zauberei zurückziehen zu dürfen, wieder zurück in jene Umgebung die Radisar die seine nennt, eine Welt, wo alles sichtbar und begreifbar ist.

Das ist eben eine Tisch noch ein Tisch und ein Tischtuch noch ein Tischtuch. Das kann man sehen und anfassen. Und genau das will Radisar nun tun, so schnell wie möglich und Geschwindigkeit ist schließlich keine Hexerei.

In Windeseile hat er den Tisch abgeräumt und ein frisches, weißes Leinentuch darüber geworfen. Noch als das Tuch losgelassen auf den Tisch zu schwebt, um dort dann zu landen, exakt zentriert, eben so, wie es sich gehört, da hat Radisar schon Tassen und Teller ergriffen, um an der frischen gedeckten Tafel drei Gedecke auszuwerfen. Es gelingt ihm mit der Genauigkeit eines Akrobaten.

Nun aber schnell Wasser nachschütten im Samowar, denn der geräuschvoll aufsteigende Dampf verkündet in der Regel einen entsprechenden Mangel. Auch Brennstoff könnte nachgelegt werden. Radisar ist derart in Eile, dass vergisst Handschuhe überzustreifen, denn das Gerät ist bei Betrieb heiß wie INGerimms Esse.

Das tut ein bisschen weh, aber was soll's, Schmerzen in der Ausübung seiner Pflichten gegenüber der Herrinnen sind dem kleinen Diener die reinste Wollust. Radisar geht mit seinem Ohr nahe an den Samowar heran: Es zischt, es brodelt, es passt! Gut so!!

Mit einem leicht glühenden Ohr macht sich Radisar sogleich daran ein paar kleine Köstlichkeiten zusammenzuhacken und auf kleine Spießchen aufzupinnen. Das ganze legt er, sortiert zu einem augenfreundlichen Arrangement, auf ein Silbertablett und dieses dann in die Mitte des kleinen Tisch, feierlich und mit übertrieben Gesten, als serviere er Wildschweinbraten flambiert.

Das ganze hat nur sehr wenig Zeit in Anspruch genommen, doch Radisar ist dennoch unzufrieden. Sehr viel schneller hätte er sein können, wäre da nicht dieser verflixte Köter der Freifrau gewesen, der offensichtlich sehr genau weiß, wie und wohin man sich legen muss, um einem eilenden Diener das doppelt an Wegstrecken zu bescheren.



Die Freifrau wird vom Ansturm Alkinoês völlig überrascht, nicht nur von deren Spontanität, sondern auch davon, dass dieses kleine zarte Wesen ganz schön kräftig zudrücken kann, in einer Stärke, die man ihr gar nicht zutrauen würde. Doch sowie sie sich von ihrem ersten Erstaunen erholt hat, erwidert Reckinde die Umarmung, nicht ganz so stürmisch wie es das Mädchen getan hat, doch auch leidenschaftlich und herzlich.

Oh ja, die Freifrau kann mitfühlen, kann die Angst dieses kleinen Wesens verstehen, diese Angst vor Entdeckung, die fatale Konsequenzen nachziehen könnten, dieses Misstrauen gegenüber jedem und allem, zwar lästig und beengend, jedoch zum Schutze der eigenen Person unabdingbar.

Schlimme Zeit hatte sie erleben müssen, die Freifrau, verfolgt von Todeskommandos und von Meuchlern, nur weil sie zu viel wusste von Leuten, die man besser nicht kennen sollte und von Dingen, die 'erntekräftig' im Verborgenen blühen und bei Helligkeit den Tod bringen. Das war lange bevor Reckinde zu einer der reichsten Frauen des Kontinents aufstieg.

Im Grunde genommen will sich die Freifrau aber nicht eingestehen, dass der Antrieb ihrer Hilfe für Alkinoê schon lange nicht mehr von allein Mitleid und Anteilnahme bestimmt wird, sondern schon mehr von Zuneigung und Liebe. Und daher steht Reckinde nun da, drückt Alkinoê an ihre Herz und heißt sie willkommen in ihrer Seele, als wäre sie eine lange tot geglaubte Tochter, die sie nach langen Jahren endlich wieder in die Armen schließen darf. Und so reift in ihr der Entschluss:

Diesem Mädchen darf nichts Böses geschehen ..........

NICHTS!!



Alkinoê genießt zunächst das Gefühl von Geborgenheit und Nähe, das die Freifrau ihr vermittelt, vor allem aber die übergroße Erleichterung, der größten Gefahr entronnen zu sein. Zum ersten Mal, seit dem Unglück auf der ZYKLOPENAUGE fühlt sie sich wieder sicher. Ihr ist schon bewusst, welch unglaubliches Glück sie hat, gerade an eine Frau zu geraten, die Verständnis für ihre besondere Situation aufbringt. Jetzt ist es geradezu ein Vorteil, dass sie sich verraten hat, denn die Freifrau kann ihr jetzt helfen, in Zukunft brenzlige Situationen zu vermeiden. Aber noch aus einem anderen Grunde ist Alkinoê erleichtert: Das, was Reckinde herausgefunden hat, genügt ihr offensichtlich als Erklärung, also ist das Mädchen vor weiteren Befragungen sicher. Mit geschlossenen Augen schmiegt sich Alkinoê noch einmal ganz fest in die Arme der Freifrau. Dann löst sie sich vorsichtig, denn sie hört die Vorbereitungen Radisars und erinnert sich der mit halbem Ohr wahrgenommenen Worte Reckindes.

" Ja, richtig, der Comto. Verzeiht, bitte meinen Gefühlsausbruch, ich ... ich mache mich ein wenig frisch." sagt sie befangen.

Verlegen tritt sie an den Waschkrug heran, in dem sich noch Reste des Rosenwassers befinden, taucht ein Tuch hinein und presst es auf ihr verweintes Gesicht.

' Ich habe wirklich mehr Glück als Verstand! Sie ist so lieb und verständnisvoll - ich werde sie nicht enttäuschen. Und das Andere, das darf sie niemals erfahren. Jetzt noch viel weniger als zuvor! '

Denn je höher Reckinde in Alkinoês Achtung steigt, um so schrecklicher ist ihr der Gedanke, plötzlich Abscheu und Verachtung in ihrer Miene lesen zu müssen.

'Aber nun nicht mehr daran denken - nur noch an das hier und jetzt! '



Während Alkinoê sich Augen und Nase mit dem feuchten Tuch betupft in der Hoffnung, die verräterischen Schwellungen möchten bald verschwinden, ebbt langsam das Gefühl der Erleichterung ab und macht einer großen Verlegenheit Platz. Im Hintergrund hört sie Radisar hantieren und den Tisch decken. Normalerweise wäre sie jetzt - Augen hin, Nase her - hinzugetreten, hätte versucht, noch etwas zu organisieren, ihm Anweisungen zu geben. Nun ist sie jedoch regelrecht froh, einen Vorwand zu haben um ihn nicht anblicken, nicht mit ihm sprechen zu müssen. Wie soll sie jetzt nur mit ihm umgehen? Sie schämt sich ihres altruistischen Handelns fast so sehr wie zuvor ihrer Grausamkeit.

Hinzu kommt, dass sie sich über seine Position bei der Freifrau keineswegs im klaren ist. Bislang hatte sie ihn für einen Kammerdiener, eine Art Lakai gehalten. Nun hat Reckinde ihr jedoch mitgeteilt, dass er den Titel Adlatus führe. Tante Szanta hatte auch einen Adlatus: Einen hochaufgeschossenen, hageren Mann mit dem etwas verkniffenen Gesichtsausdruck der Kurzsichtigen. Er trug (oder trägt wohl noch) den klangvollen Namen Lessandéro Neander und nahm nach außen hin die Funktion eines Majordomus wahr. In Wirklichkeit musste er jedoch nebenbei auch Aufgaben eines Sekretärs übernehmen. Außerdem war er Alkinoês Lehrer gewesen.

Zwar wurde er meist nur Neander genannt, allerdings wäre niemand auf die Idee gekommen, ihm den respektvollen Pluralis der Anrede vorzuenthalten. Er nahm auch seine Mahlzeiten nicht mit den übrigen Dienstboten, sondern entweder ganz vertraulich en famille oder, wenn Gäste anwesend waren, in seinem Zimmer ein. Alkinoê stellt sich seinen Gesichtsausdruck vor, wenn man ihm etwa angetragen hätte die Betten zu machen oder das schmutzige Geschirr abzuräumen!

Aber so lustig diese Vorstellung auch ist, es hilft Alkinoê nicht weiter bei der Frage, wie sie nun in Zukunft mit Radisar umgehen soll. Im Grunde wäre sie ganz froh, wenn der Comto bald käme. Das gäbe ihr Gelegenheit, wieder in die vertraute Rolle der wohlerzogenen jungen Dame zu schlüpfen.



NORDSTERN - Takelage: Meergrün's Streiche


Meergrün beruhigt sich schnell wieder. Gut, er hat die Möwe verfehlt. Aber andererseits ist sie auch weggeflogen. Man kann eben nicht alles haben. Nicht alles geht so, wie man es sich wünscht.


der nächste wurf

geliingt bestiimmt


jetzt brauch iich nur

ein gutes ziiel


Also schaut sich der Klabauter wieder auf dem Deck um. Einer muss ja schließlich für Ordnung sorgen.



NORDSTERN - Oberdeck: Herr Di Vespasio's Schwärmerei


Auch di Vespasio blickt auf zu den paar Möwen, die das Schiff noch umkreisen. Die Blicke und Bewegungen des Predigers sind allzu deutlich, für das was passiert ist. Natürlich ist das eine ernste Angelegenheit, ein leichtes Schmunzeln kann er jedoch nicht verhindern und blickt von dem neben ihm stehenden Mann weg zu Boden.

'Ha! Da möchte man mit Frusius einstimmen: Stolze Schreiter stolpern weiter.'

"Eine interessante Predigt, nicht wahr? Für mich als Laie ist es immer wieder überraschend, in wie vielen verschiedenen Facetten uns sterblichen Menschen die Götter erscheinen können. Und in welcher Mannigfaltigkeit sie in den Lauf der Welt und das Leben jedes einzelnen, unbedeutenden Menschen eingreifen, wenn sie wollen."

Di Vespasio fummelt an seinem Stockknauf herum, als wäre es möglich die darin eingesetzen Intarsien herauszulösen. Doch dann kann er sich davon losreißen und blickt wieder Herrn Troyn an.

"Aber der Geweihte ist ein solcher nach meinem Geschmack. Aufrecht, jedoch nicht über den Dingen. Direkt, jedoch nicht plump. Wortgewandt, ohne für das einfache Volk unverständlich zu sein. Und dabei auch noch ein Mann, der, wie es scheint, sich nicht scheut, auch eigenhändig die Finsternis zu Klump zu schlagen - wenn sie mir diesen brutalen Ausdruck verzeihen mögen."



Während der Predigt hat Anman nur rein äußerlich andächtig gelauscht. In seinem Innern hat er über die folgenden und vergangenen Tage nachgedacht. Der ´Erwerb´ des Holzes; die anschließende Flucht; die schönen Tage auf der Kutsche, mit Esterante, seinem Pferd, als ihm langsam klar wurde, dass man offensichtlich noch nicht entdeckt hatte, dass nur gammelige, knorrige Stämme unter der Plane lagen; anschließend die problemlose Buchung der Überfahrt und auch noch der billige Erwerb der Stoffe; dann die Bekanntschaft der Ersten Offizierin am ersten Abend.

Und nun ? Nun würde er hier auf diesem Schiff sitzen. Für Tage oder Wochen, mit all diesen Fremden. Nicht, dass Anman Probleme hat mit Fremden, beileibe nicht. Seit diesem Tag vor fünf Jahren waren ihm alle Menschen fremd. Aber schon jetzt musste er sich verstellen, bei dieser frevelhaften Andacht. Fast hätte er sich auf die Schenkel geklopft, als diese Möwe ihren beachtenswerten Batzen Darminhalt auf die Stirn dieses Schamanen geklatscht hatte.

Und nun auch noch dieser vornehme Wicht hier an seiner Seite. Genau diese Art von Wicht war es, die damals seine Schulden nicht bezahlt hatte. Und genau noch so einer wie dieses Exemplar hatte dann seine Schergen losgeschickt......

Aber di Vespasio war es nicht gewesen, das musste sich Anman vor Augen halten.

"Ja, es war eine schöne Andacht.", erwidert er dem an seiner Seite stehenden Comte,"So lasst uns denn zum Frühstück schreiten..."



"Oh ja, eine Stärkung wäre jetzt recht angenehm. Sie verzeihen, wenn ich mich an dieser Stelle von ihnen verabschiede. Man erwartet mich zu einem kleinen Dejeuner in der Suite."

Obwohl nicht als Frage formuliert wartet di Vespasio auf eine Reaktion des Händlers.



"Hä ?", antwortet Anman in einem dümmlichen Ton.

Als er sich umdreht, sieht er, dass der Comte stehen bleibt und sich anscheinend verabschieden will.

´Was hat er gesagt ?´, denkt Anman verzweifelt,´Ist sich wohl zu fein mit mir zu essen.....war ja klar.´

"Na klar, Comte.", antwortet er, und verbeugt sich schwach, wobei er mit der rechten Hand eine ausholende Bewegung macht," Ich hoffe, ich erhalte die Gelegenheit, unser Gespräch fortzusetzen ?"

´Vielleicht willst Du ja ein bisschen von mir kaufen, Kumpel !´, fügt Anman in Gedanken an.



Tatsächlich kreisen auch die Gedanken des Adligen um mögliche Geschäftsabschlüsse. Allerdings ist er weniger an dem Erwerb der Waren selbst interessiert, sondern eher an der Weitervermittlung derselben.

"Aber natürlich. Es wäre ja eine Schande, würden wir in den Tagen, bevor wir Kuslik erreichen, nicht unser Gespräch noch fortsetzen können. Zum einen steht mir ja noch aus zu erklären, was mich eigentlich auf diese Reise gebracht hat. Zum anderen gewähren sie mir ja möglicherweise auch einen Blick auf ihre Waren. Hölzer sind zwar nicht ganz mein Spezialgebiet, aber ein Abnehmer wird sich im Horasreich sicherlich finden lassen."



NORDSTERN - Oberdeck: Des Comte's 'Tanz' auf rutschigem Parkett


Die Spritzer, die eine große Welle auf das Vordeck ganz in der Nähe des Adligen fallen lässt, machen diesen wieder darauf aufmerksam, dass er sich an Bord eines Schiffes befindet, nicht etwa auf dem Parkett des Kusliker Handelshauses.

'Du solltest etwas vorsichtiger sein, mein Lieber, schließlich willst Du ja nicht, dass auch noch dein letzter Rock unter dem Salzwasser zu leiden hat. Besser du bewegst dich schnellstens in einen geschützten Raum.'

Di Vespasio wendet sich vorsichtig auf dem schwankenden Deck um. In der Drehung winkt er nochmal mit dem Knauf seines Stockes dem Holz- und Stoffhändler zu.

"Nun, Herr Troyn, bis zu einem späteren Zeitpunkt."

Die Drehung bringt eine andere Person in des Adligen Sichtbereich.

'Der Braungekleidete! Horrible. Wie konntest du ihn nur vergessen? Jetzt nur nicht seinen Blick einfangen.'

Di Vespasio dreht den Kopf schnell weiter herum und hebt auch den Stockknauf noch in Augenhöhe. Dann dreht er sich auch ganz weiter, bis er fast mit dem Rücken zu Torin steht, deutet mit dem Stock auf die steuerbordseitige Sicherheitsleine, als hätte er sie ganz gesucht und jetzt gefunden. Mit ein, zwei vorsichtigen Schritten ...

'_undeins_ _undzwei_'

... erreicht er sie und stützt sich darauf ab, als wäre es das Geländer einer Prunktreppe am Einlass eines Ballsaales und nicht ein grobes Hanfseil.



An der Sicherheitsleine tastet sich di Vespasio im Fechterschritt bis zur Suite vor. Dort angekommen will er schon anklopfen, zieht aber in letzter Sekunde nochmal den Stock zurück und kontrolliert die Sauberkeit seiner Fingernägel.

'Du willst ja schließlich nicht gleich zu Beginn einen schlechten Eindruck hinterlassen. Und wie meinte der alte Graf doch, es gibt nichts unsauberes als dreckige Fingernägel beim Essen. Nun, zumindest die deinen können sich sehen lassen. Eine Schande, dass du so knapp bei den Hemden bist. Im Grunde wäre für einen gesellschaftlichen Anlass eine angemessenere Kleidung notwendig.'

Was den Adligen an etwas anderes erinnert. Er dreht sich kurz gegen die Wand der Suite, so dass er unbeobachtet den Gürtel ein Lock weiter machen kann.

'... und es gibt nicht peinlicheres als bei Tisch, den Gürtel weiten zu müssen.'

Dann legt er sich ein Lächeln auf die Lippen, hebt er den Stock in Brusthöhe und klopft mit dem Knauf an die Tür.

Tock Tock .. Tock Tock



NORDSTERN - Suite: Der Empfang


Wie ein Tänzer wirbelt Radisar leichtfüßig, mit eleganten Bewegungen durch die Suite und er bringt Ordnung bis in die letzten Winkel des Raumes. Als er endlich einhält und sich eine Pause gönnt, blickt er noch einmal prüfend über das Mobiliar und die gedeckte Tafel und befindet, dass alles in Ordnung sei, zumindest den Umständen entsprechend.

Radisar greift in seine Jackentasche und holt zwei weiße, seidene Handschuhe heraus und streift sie über seine Hände. Noch einmal schaut er kurz, staunend auf die Hand, die kurz vorher von Alkinoê auf so wunderbare Art von den Verletzungen befreit worden war. Er trägt diese weiße Handschuhe immer mit sich, für den Fall, wie er sich ja momentan andeutet, dass er auftragen hat. Ein guter Diener ist immer und zu jeder Zeit gut vorbereitet - meistens zumindest!

In diesem Augenblick klopft es an der Türe, es scheint, als wäre der Comte nun eingetroffen. Radisar ist bereit und dennoch rührt er sich nicht von der Stelle, um die Tüte zu öffnen, noch gibt er sonst einen Laut von sich. Stumm schaut er abwechselnd und abwartend auf die Freifrau und auf die junge Herrin, dass sie ihm das Zeichen gäben, den Comte Di Vesapasio herein zu bitten.



Freifrau Reckinde hat sich in ein schlichtes Seidenkleid gehüllt, dass sie daher so schätzt, da es leicht und bequem zu tragen ist. Weniger bescheiden ist der Hausmantel, den sie darüber trägt. Er ist aus leichtem Leder und geziert mit zahlreichen Fellapplikationen. Das Leder selbst ist zart bemalt mit Zeichnungen, die aus Born der Legenden des Nivesenvolkes erzählen.

Dieser Mantel wär es wert, von einem Monarchen und Potentaten getragen zu werden, es ist eine prachtvolle Zierde der Schendierkunst und der Kürschnerei und zahlreicher andere Handwerke, die aufzuzählen zu zeitraubend wäre.

In der Tat sieht Reckinde in diesem Mantel wie eine Königin aus, Herrscherin eines, an sich wilden und leidenschaftlichen Landes, in dem aber gleichzeitig Kunst und Kultur in höchster Form Anwendung findet.

Die Freifrau blickt abwartend zu Alkinoê und macht es sich dabei auf einem der Stühle an der Tafel bequem.

"Mein Kind, setzt euch an meine Seite, wir werden unseren Gast sitzend empfangen!"



tock tock ... tock tock.

Hastig legt Alkinoê das feuchte Tuch beiseite und tupft schnell mit einem trockenen Tuch nach. Wahrscheinlich kann man immer noch sehen, dass sie geweint hat, aber so muss es einfach gehen. Staunend blickt sie auf den Mantel der Freifrau: So etwas hat sie noch nie gesehen! Als ihr dann geheißen wird, sich zu setzen, tut sie dies auch promt, obgleich sie den Comto lieber stehend, mit einem Knicks empfangen hätte, wie es sich gehört. Schließlich steht sie mittlerweile im Rang unter ihm. Aber der Wunsch Reckindes hat selbstverständlich Priorität!

So setzt sie sich neben sie, und blickt sie erwartungsvoll an, denn sie will Reckinde nicht vorgreifen. Zwar ist sie diejenige gewesen, die die Einladung vorgeschlagen und in die Tat umgesetzt hat und sie fühlt sich auch ein wenig verantwortlich für das gute Gelingen, aber offiziell ist Reckinde die Einladende. Außerdem ist dies Reckindes Suite - sie ist ja selbst nur ein Gast hier, wenn sie sich auch fast schon ein wenig zuhause fühlt. Also soll Reckinde den Comto auch hereinbitten. Dabei vermeidet sie bewusst jeden Blickkontakt mit Radisar.



Keiner der Damen sagt etwas zu ihm, keine von beiden gibt ihm irgendeinen Hinweis, aber sie setzen sich an die Tafel und das ist einem Diener Zeichen genug. Fast mit übertriebener Würde schreitet er an die Tür der Suite, die er sogleich mit verhaltenem Ruck öffnet.

Ernst und feierlich mustert er den Herr Di Vespasio und erklärt mit einer seltsam singenden Stimme:

"Die Damen lassen bitten!"

Denn wendet er auf der Sohle geht ein paar Schritte voraus. Radisar geht davon aus, dass ihm der hohe Herr folgt. Dann geht der Diener einen Schritt zur Seite, gibt den Weg für Herr Di Vespasio frei und brüllt in den Raum:

"Seine Edelhochgeboren, der Comte Di Vespasio!"

Dann verbeugt er sich vor den Damen und danach noch einmal vor dem Gast und geht rückwärts auf die Türe der Suite zu, dass er sie schließe.



Schon als di Vespasio die Suite betritt, kann er erkennen, dass hier ein Meister seines Faches die Gestaltung übernommen hat. Stil zeigt sich eben nicht in Prunk ohne Maß. Dies ist ein Vorurteil, wie es nur die Neureichen pflegen.

'Geschmackvoll, nicht überbordend. Durchaus praktisch eingerichtet. Und größer als dein Schlauch. Aber, mein Freund, kein Grund neidisch zu werden.'

Wirklicher Stil zeigt sich in den Details, auf die, unabhängig von den widrigen Umständen, wie sie etwa in den beengten Räumen eines Segelschiffes herrschen, nicht verzichtet wird. Wie etwa auf weiße Handschuhe. Oder auf eine perfekt gedeckte Tafel, die ein hervorragendes Mal verspricht.

'Sitzend? Was ist das wieder für eine Beleidigung? Sie war doch eine Freifrau, oder? Das sollte doch selbst in den Provinzen nur dem Rang eines Barones entsprechen? Aber warte ab, mein Lieber. Es hat keinen Sinn jetzt voreilig einen Tadel auszusprechen. Das raue Leben im Norden macht es eben schwer Anstand zu bewahren.'

So rauscht denn der Adlige mit einem Lächeln auf den Lippen in den Raum, die Augen nur auf seine Gastgeberinnen gerichtet, wedelt sich in einer eleganten Bewegung den Hut vom Kopf bis vor den Leib, wo dieser eine tiefe Verbeugung vor der Freifrau einleitet, wie sie einem Gast gegenüber einer gleichgestellten Gastgeberin im Horasreich angemessen wäre.

'Fell? Ist das nicht etwas zu pompös? Zumal es der Freifrau nicht wirklich gerecht wird. Nun ja, möglicherweise ist es im Norden ja günstig zu haben und hält dabei warm.'

Ebenso verbeugt er sich, den Stock nach hinten abgespreizt, vor der jungen Dame, unter Umständen nicht ganz so tief, etwa wie es einer erwachsenen Tochter seiner Gastgeberin gegenüber passend wäre.

'Und die junge Dame, unfrisiert mit offenem Haar. Es mag ja schön anzuschauen sein, aber du wirst diesen modernen Stil nie wirklich tolerieren können. Es ist gut, mein Freund, dass du wenigstens deiner eigenen Tochter diese Sperenzchen verboten hast. Nun ja, sieh das positive dabei, zumindest harmonieren eure Rottöne miteinander.'

"Zu sagen es wäre mir eine Ehre, das in sich selbst wäre fast eine Spitze, denn es ist viel mehr als das, ein Vergnügen wollte ich sagen, doch hätte ich gewusst, welcher Liebreiz mich hier willkommen heißen wird, dann hätte ich mein Leben für zwei passende Bouquets der edelsten Blumen gegeben, nur um meinen Gefühlen Ausdruck verleihen zu können. So jedoch bleibt mir nichts weiter übrig, als bescheiden zu äußern, wie sehr ich mich freue, hier sein zu dürfen."



' Oh Alveran! Man kann es mit der Höflichkeit aber auch übertreiben! Und ausgerechnet diesen Liebfelder mit seinen ausgefeilten Benimmregeln empfangen wir sitzend! ' denkt sich Alkinoê, die dunklen Augen halb niedergeschlagen und ein schüchternes, aber (wie sie hofft) nichts desto trotz anmutiges Lächeln auf den Lippen. Sie fühlt sich auf ihrem Platz nicht ganz wohl, versucht aber, sich dies nicht anmerken zu lassen. Die feine Röte der Verlegenheit, die ihr ob Reckindes Wunsch ins Gesicht steigt, steht ihr nicht schlecht und paßt auch recht gut zu dem Eindruck, den sie machen möchte.

' Frauen gegenüber kann man ruhig selbstbewusst sein. Männer aber erwarten von einem vierzehnjährigen Mädchen die Aura einer noch nicht erblühten Rosenknospe. Am besten ist, man gibt ihnen das, was sie erwarten! '

Als di Vespasio sich nach der Begrüßung Reckindes auch vor ihr verbeugt, hält es sie nicht mehr auf dem Stuhl. ' Sitzend empfangen ' hatte die Freifrau gesagt. Vom ' sitzenden Begrüßen ' hingegen war ja eigentlich nicht die Rede gewesen.

So erhebt sie sich im gleichen Moment, als der Comto seine Reverenz erweist von ihrem Stuhl und schenkt ihm ein liebreizendes Lächeln:

" Vielen Dank, Euer Edelhochgeboren, aber Ehre und Vergnügen liegen ganz auf unserer Seite. Ich zumindest freue mich sehr, den Tag in so angenehmer und geistreicher Gesellschaft beginnen zu können. "

Dabei hebt sie ganz leicht ihre Hand, den Handrücken nach oben gerichtet, bereit, ihrerseits den entsprechenden Knicks zu machen, für den Fall, dass er die Hand ergreifen sollte.

Ganz wohl ist ihr bei der Sache jedoch nicht zumute, denn erst als sie die Worte ausgesprochen hat wird ihr klar, dass sie auf diese Weise Reckinde nötigt, sich ihrer Ansicht anzuschließen, auch wenn diese das vielleicht gar nicht vorhatte.



Alkinoê lächelt ihn so entzückend an, di Vespasio kann nicht umhin zurück zu lächeln. Das mag zwar eine beruhigende Geste sein, jedoch ist der Adlige innerlich nicht ganz so ruhig.

'Mein Lieber, was hat das denn nun wieder zu bedeuten? Das wird ja immer komplexer! Sie schrieb zwar die Einladung, aber bedeutet das, dass sie auch das Amt des Majordomus innehat? Sie ist ja im Grunde selbst ein Gast. Zudem ist es in so kleiner Gesellschaft sicher etwas übertrieben eine Zeremonienmeisterin einzusetzen. Zumal ein junges Mädchen.'

Um seine Verwirrung zu überspielen, streckt di Vespasio Hut und Stock nach hinten weg, dem hoffentlich wartenden Adlatus entgegen. Das ist zwar selbst nicht der beste Stil, da er ja noch nicht von der Gastgeberin begrüßt wurde. Aber zum einen wäre es ein wenig schwierig, einen Handkuss mit Stock und Hut vollendet auszuführen. Und es schafft einen gewissen Zeitgewinn.

'Denk doch ein wenig nach. Die Damen werden kaum jemand anderen erwartet haben, oder doch? In jedem Fall hatten sie zwischen Klopfen und Eintreten genug Zeit, sich nach gusto zu platzieren. Was wohl bedeutet, dass diese Szene geplant ist. Da die Kleine wohl kaum die Erfahrung hat, sich derartiges auszudenken ... aber was kann die Dame zu Beibach und Bruch schon von dir wollen? Tst, Tst. Nie, Frizzi, hättest du gedacht auf einem so kleinen Schiff in so große Intrigen verwickelt zu werden.'

Der Blick des Südländers sucht kurz den der Freifrau.



' Der Comto lächelt freundlich zurück, ein Zeichen dafür, dass er die Art des Empfangs nicht persönlich genommen hat ' denkt Alkinoê im Stillen. Allerdings fängt sie seinen fragenden Blick in Reckindes Richtung auf und fragt sich selber auch, was die Freifrau wohl bezweckt. Offensichtlich will sie dem Comto ihre Überlegenheit demonstrieren. Nur - wozu? Ob es geschäftliche Gründe hat - immerhin sind beide Kaufleute. Oder politische? Oder gar persönliche? Wenn sie mich eingeweiht hätte, wüsste ich jetzt besser, wie ich mich verhalten soll. Allerdings muss sich Alkinoê der Gerechtigkeit halber auch sagen, dass dazu ja gar keine Zeit war.



Freifrau Reckinde hat jeden Schritt des Comte genauester Betrachtung unterzogen, von dem Augenblick an, da Herr Di Vespasio die Suite betreten hatte. Das erste, was ihr dabei aufgefallen war, das waren seine eleganten, geschmeidigen Bewegungen, fast wie die eines Tänzers - ein Edelmann, ganz ohne Zweifel.

Ein imposantes Auftreten von Herr Di Vespasio, stellt Reckinde anerkennend fest, wären da nicht die Einwirkungen eines rauhen Seegangs gewesen, welche den Schritt des Edelmannes doch hin und wieder außer Takt bringen. Reckinde muss bei dieser Beobachtung ein wenig lächeln. Sie findest es immer wieder erheiternd, wenn die Fassade der sogenannten Zivilisation unter dem Einfluss der wilden Natur zu bröckeln beginnt. Der Ballsaal eines Schlosses ist ein weitaus besserer Untergrund für höfische Tänzeleien als die Planken einer Karavelle bei auffrischendem Wind.

Obwohl Herrn Di Vespasios Rede und Begrüßung nicht das allermindeste anzumerken ist, so konnt die Freifrau jedoch schon erkennen, dass er für einen winzigen Moment gestutzt hatte, nachgedacht, die Situation neu bemessend. Damit hatte ihre leichte Provokation, den Gast sitzend zu empfangen ihren Sinn erfüllt.

Bornländischer Adel pflegt mehr rustikale Traditionen und hat nicht sehr viel gemeinsam mit dem höfischen Geziere der hohen Häuser aus dem Mittelreich oder dem Lieblichen Feld. Dennoch ist der Freifrau Reckinde das aristokratische Parkett des Kaiser- und des Horasreiches nicht unbekannt. Es ist einfach an der Zeit, dass sich die Hochgesellschaft an ein neues Klima gewöhnt, neue Zeiten brechen an.

Reckinde ist zwar nur eine Freifrau, doch ihr ungeheuerer Reichtum und ihr wachsender Einfluß in der Politik macht sie einfach zu Potentatin, die es nicht mehr nötig hat vor ranghöheren Titel den Rücken zu beugen. Und wenn Reckinde eine Eitelkeit in besonderem Maße hat, dann ist es die Macht und die erquickende Früchte die aus ihr entsprießen.

Als sie sich erhebt, um dem edlen Gast verspätete, nachgereichte Wertschätzung zu schenken, so geschieht dies nicht einfach nur als eine Geste, es ist schon fast ein Ereignis. Dem Betrachter will erscheinen, dass sie nicht einfach nur aufsteht, sondern dass sie wächst und größer wird dabei.

Nun kommt auch Reckindes Mantel besonders zur Geltung. Die Zeichnungen auf dem Leder bekommen in der Bewegung fast ein irrisierendes Eigenleben, fast glaubt man belebte Szenen erkennen zu können.

In diesem Augenblick breitet Reckinde einladend die Arme aus und spricht mit tiefer Stimme, das Geschirr und das Besteck auf dem Tisch vibriert dabei:

"Euer Edelhochgeboren, es ist uns eine Ehre und eine Freude euch willkommen heißen zu dürfen. Bitte nehmt Platz an unserer Tafel und teilt mit uns ein einfaches Mahl. Ihr werdet sicherlich Verständnis dafür habe, dass die Besoderheiten einer Seefahrt die Breite unserer Ressourcen erheblich schmälert. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir euch, im Rahmen unserer Möglichkeiten angemessene bewirten werden können!"

Reckinde meint es ehrlich, auch wenn sich ihr Tonfall anhört, wie der eines Predigers, der gerade notorischen Sündern die Schrecken der Niederhölle drastisch vor Augen führt. Es ist einfach IHRE Art von Herzlichkeit.



Im Grunde genommen ist es nicht sehr schwierig Radisar zu verwirren, schon kleine Anlässe genügen um den kleinen, dicken Diener heillos durcheinander zu bringen. Doch was die Etikette betrifft, da kennt er sich aus, da macht ihm so schnell keiner etwas vor. Er hat es im Laufe der Götterläufe sogar die ständig wechselnden Launen der Freifrau in Linie gebracht, weiß er doch, dass es nur wenig gibt, dass die Herrin nicht sehr bedacht tut, dass jede ihrer Handlungen einen wohlerwogenen Sinn hat.

Doch heute hat er es nicht mit einer, sondern mit zwei Herrinnen zu tun und die scheinen sich uneins über das Protokoll zu sein. Zunächst empfangen sie den Gast sitzend, dann schnellt Alkinoê auf die Beine, um den Comte stehend zu begrüßen, zuletzt erhebt sich auch noch die Freifrau.

'So nun stehen sie alle!' denkt sich Radisar leicht irritiert, hat er im Moment nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll. Im Geiste geht er das Programm noch einmal durch:

'Erstens: Empfang an der Türe. Gut - abgehakt! Zweitens: Herein geleiten, Verkünden. Auch erledigt! Viertens: Auftragen der Leckereien! Nun das will nun schon noch kommen, es ist zumindest alles vorbereitet!'

Radisar hat ein dummes Gefühl etwas vergessen zu haben. Nun gut, den Unterpunkt 2a (Kleinen Schluck Meskinnes zum Beruhigen der Nerven), den hat er sich nun nicht extra wieder ins Gedächtnis gerufen. Aber er ist sich sicher, irgendetwas fehlt.

Es fällt ihm, trotz intensivem Sinnieren, erst wieder ein, als er den Comte genauer betrachtet.

'Richtig!' wird es ihm klar 'Drittens: Helfen beim Ablegen. Noch nicht erfolgt, daher noch immer unerledigt!'

So schreitet Radisar feierlich auf den Herrn Di Vespasio zu und versucht dabei sehr viel Würde auszustrahlen, indem er versucht seine Mundwinkel bis unter das Kinn zu ziehen. Daher klingt seine Stimme etwas gequält, so als hinge ihm eine Fischgräte in der Luftröhre, als er bemerkt:

"Euer Edelhochgeboren , wolle sie ablegen?"

Dabei streckt er die Hände aus, um Stock und Hut des Gast in Empfang zu nehmen.



'Nein, ich stehe gerne mit Stock und Hut in der Hand herum. Götter! Schenkt eurem Diener Geduld, diese Rechtsgelehrten sind manchmal allzu blind für ihre Umwelt.'

Di Vespasio wendet leicht den Kopf, um den von hinten herantretenden Radisar anzublicken. Dessen ernste, geradezu steife Miene jedoch überzeugt ihn, dass dieser keinen weiteren Affront intendierte. Daher drückt der Adlige dem Diener einfach Stock und Hut kommentarlos nur mit einem knappen Nicken in die Hände und wendet sich wieder den wesentlich freundlicher anzu- und ausschauenden Damen zu.

Kommentarlos auch deswegen, weil ihn der Auftritt der Freifrau tief getroffen hat. Denn ihren Empfang als etwas anderes zu werten als eine einstudiertes Stück, das käme dem Südländer nicht in den Sinn.

'Diese Stimme! Der Praiot würde vor Neid seinen Glanz verlieren. Nun, das klärt zumindest die protokollarische Bedeutung des sitzenden Empfangs. Während einfaches Sitzenbleiben einem gleichen Standes gegenüber im Effekt allzu peinlich gewesen wäre, trägt zu spätes Aufstehen dieselbe Botschaft, ohne unhöflich zu sein.'

Während sich Di Vespasio von Herrn Kummerer ab- und seiner Herrin zuwendet, mustert er die Dame und ihre Kleidung kurz von unten bis oben.

'Aber mehr als das. Denn sie wird schon wissen, welchen Eindruck allein ihre Größe macht, zumal sie auch noch die Arme hebt um diesen Effekt zu verstärken. Und dabei auch diesen verschwenderisch prächtigen Mantel zur vollständigen Betrachtung freilegt, der wohl den Wert eines kleinen Stadthauses haben mag. Mein Lieber, welche Zurschaustellung von Macht.'

Noch in Gedanken, wie er den beiden Begrüßungen begegnen soll, nähert er sich seinen Gastgeberinnen, immer noch freundlich lächelnd und die Schiffsbewegungen ausgleichend.

'Und dies über einem einfachen Hauskleid getragen. Da braucht man nicht Freykis ´Symbolismen´ gelesen zu haben um die Botschaft zu verstehen. Es ist gut, dass dein analytischer Geist diese Schau so schnell durchdrungen hat. Das gibt dir Gelegenheit, gebührend zu reagieren. Nur wie? Eine Schande, dass du nicht weißt, was die Dame von dir möchte. Du kannst dich ja nicht mal erinnern, womit sie hauptsächlich handelt.'

Vor Alkinoê angekommen greift er mit der Linken -also der falschen Hand- unter die zögerlich dargebotene der jungen Frau und hält sie fest, wie üblich etwas geziert, doch ohne weiteres zu tun oder sonst auf ihre Begrüßung einzugehen.

'Es wäre gut zu wissen, wie die beiden zueinander stehen. Häufig ist das Verhalten einer Frau durch das Verhalten gegenüber einer anderen beeinflussbar. Wer sagte das noch? Verrancce?'

Stattdessen gleitet sein Blick von Reckinde zur Tafel, fährt mehrmals anerkennend nickend darüber hinweg, um dann zu der Freifrau zurückzukehren. Er hebt jetzt auch die Rechte, die Handfläche nach oben geöffnet und in Richtung Reckinde deutend, so dass er jetzt mit ähnlich erhobenen Armen dasteht wie seine Gastgeberin und so in gewisser Weise den Gruß erwidert.

"Ihr seid zu bescheiden. Sicherlich ist eure Tafel für einen König angemessen gedeckt. Wenn dieses Mal nur eure einschränkten Möglichkeiten darstellt, dann solltet ihr an Land den Herren PRAios selbst bewirten können. Aber seid unbesorgt, ich bin ein einfacher Kostgänger. Auf meinen Reisen habe ich gelernt mit den unterschiedlichsten Küchen zurecht zu kommen. Ihr werdet nicht wissen wollen, was etwa in den Zelten der Khom am Morgen gereicht wird."



Radisar nimmt den Stock und den Hut des Edelmannes entgegen, verneigt sich noch einmal kurz und schreitet sodann aus der Szene. Stock und Hut hält er brusthoch vor sich hin, mit einer würdigen Vorsicht, als trüge er eine übervolle Lampe und müsste dabei die Furcht haben, es könnte sich brennendes Öl über die Hände ergießen, sollte er zu viel wackeln.

Er legt seine 'wertvolle' Fracht auf einem Seitentisch ab und will sich schon seinen weiteren Pflichten widmen, als ihm eine kleine, kaum bemerkbare Delle in des Comtes Hut auffällt. Sorgenvoll schaut er sich diese Delle etwas näher an, es könnte ja sein, dass man ihm dies später als Nachlässigkeit auslegen könnte.

Doch diese kleine Unebenheit scheint schon etwas älter zu sein. Sie sieht ein bisschen aus, als habe ein Dame in blanker Wut mit dem Absatz ihres Schuhwerks auf dem Hut herum getrampelt. Radisar kichert verhalten. Nein - dieser Gedanke ist wohl ein wenig sehr weit hergeholt, wie sollte so etwas passieren.

Radisar hat diese Delle aber schon bald wieder vergessen ....



Freifrau Reckinde lächelt herb auf die launigen Anmerkungen des Comtes.

"Euere Rücksichtnahme ehrt mich, werter Herr Comte, doch darf ich euch versichern, dass mir die Art der Speise in der Khom nicht unbekannt ist. Wenn ich auch nicht die genaue Zusammensetzung dieser lokalen Kost kenne, so weiß ich, dass sie gut zur Hälfte aus Sand besteht, obwohl mir schon bewusst ist, dass dieser nicht unbedingt zum Rezept gehört!"

Der Freifrau Geste lädt zum Hinsetzen ein, die ganze Sache scheint ihr sehr viel Spaß zu machen mittlerweile und sie fühlt tatsächlich so etwas wie Dankbarkeit an die Adresse Alkinoês, denn immerhin war es das Mädchen, das den Impuls für dieses Treffen gegeben hatte.

"Aber wenden wir uns doch den Köstlichkeiten dieser Breiten zu. Herr Comte, ihr schmeichelt mir, wenn ihr unsere Tafel zu Hause als unseres Herren PRAios würdig wähnt. Doch mag ich einwenden, es wäre das erste mal, dass sich der ständig zornige Götterfürst mit Speise allein gnädig stimmen ließe. Uns jedoch mag sie Labsal bringen."

Feierlich lässt sich Reckinde nieder und deutet dem Gast, er möchte ihr es gleich tun. Dann winkt sie Radisar herbei und in ihrem Ruf verbirgt sich eine spezielle Aufforderung. Dann erklärt sie dem Edelmann:

"Werter Herr Comte, darf ich sie, einer alten Sitte unseres Hauses entsprechend, zu einem traditionellen Eingangstrunk einladen. Er ist erzeugt aus der Maische der Feuerbeere, eine seltene und im rohen Zustand kaum genießbare Frucht meiner Heimat. Als Brannt jedoch ist sie äußerst wohlschmeckend und man sagt, es gäbe nichts besseres den Magen auf gutes Essen vorzubereiten als die 'Senkenglut', so der Name des Getränks. Ihr würdet mir eine große Freude bereiten, wenn ihr ihn probieren wolltet!"



Während er der Freifrau zuhört, nickt er immer mal wieder, lächelt, verdreht sympathisch die Augen gen Himmel bei der Erwähnung des Sandes in den Khomer Spezialitäten. Erst bei der Erwähnung des Obstschnapses muss di Vespasio sich wirklich anstrengen, um weiterhin ein freundliches, unbesorgtes Gesicht zu machen.

'Bah. Wenn die Burschen in deiner Heimat nicht in vernünftiger Weise mit den berauschenden Getränken umgehen können und aus dem Genuß ein Gelage machen ist das wahrlich schlimm genug. Aber diese Nordländer machen aus dem Trinken gleich einen Sport, einen Wettbewerb, das ist wirklich ... ähm ... barbarisch. Die Sonne ist kaum aufgegangen und sie will mir den Brandwein einflößen!'

Des Adligen Meinung bezüglich des Alkohols ist recht deutlich. Andererseits ist er aber auch nicht der Meinung, dass Wein Alkohol enthält oder ein berauschendes Getränk ist. Wein ist eben ein Kulturgut.

'Oder will sie gar darauf hinaus? Es wäre nicht das erste mal, dass jemand versucht dich unter den Tisch zu trinken, um ein vorteilhaftes Geschäft abzuschließen. Denk an den einsamen Magier in seinem Turm bei Elenvina, wie hieß er doch noch? Eventuell wäre es nicht schlecht einen Verbündeten gegen diese Frau zu gewinnen.'

Am Ende der Einladung der älteren Frau, Platz zu nehmen, folgt er dieser nicht sofort, sondern wendet sich erst nocheinmal der jüngeren zu, deren Hand er immer noch fast zärtlich hält.

'Beziehungsweise eine Verbündete. Was hat sie doch gleich gesagt? Ah, ja.'

"Aber gerne doch. lasst mich nur Fräulein Shilaiellys versichern, dass sie nicht die einzige ist, die sich auf einen Tag in angenehmer Gesellschaft freut."

Dann wechselt er ihre Hand von seiner linken in seine rechte, mit einer Leichtigkeit, wie etwa ein Jongleur seine Bälle tauscht. Und vollführt einen Handkuss. Der natürlich kein echter Kuss ist, wie grobe Tölpel oder Schankmaiden denken würden. Sondern ein Gedicht der Bewegung und Eleganz, wie ein Tanz, doch ohne Musik, der dennoch einem speziellen Takt folgt, den alle Eingeweihten kennen und an dem alle Täuscher scheitern müssen.



Der Comto hat recht lange gezögert, ihre Hand zu ergreifen, so dass Alkinoê sie kurz hat sinken lassen und sie ihm erst wieder reicht, als er sich ihr erneut zuwendet. Ihr Lächeln ist noch um eine Spur herzlicher geworden, da Reckinde nun endlich die begrüßenden Worte gesprochen und die Stimmung - nach Alkinoês Meinung - damit entschärft hat. Aber dann: Der Comto ergreift die ihm freundlich dargebotene Hand mit der Linken ohne Anstalten zu machen, den üblichen Handkuss darüber zu hauchen.

Solche kleinen Nuancen, die von den Anstandsregeln abweichen ist Alkinoê eigentlich gewohnt. Sie sollen sie in ihre Schranken weisen. Diese Gewöhnung bedeutet jedoch nicht zugleich Abstumpfung, eher im Gegenteil: Es trifft sie um so tiefer, weil der Schmerz ein vertrauter ist. Gerade von di Vespasio hätte sie ein solches Verhalten nicht erwartet, nachdem er gestern noch so freundlich war und Verständnis für ihre Situation geäußert hat.

Eben weil sie weiß, wie demütigend diese feinen, gesellschaftlichen Zwischentöne sein können, ist sie dem Wunsch der Freifrau nicht gefolgt sondern hat ihm, in Realitas wie symbolisch die Hand gereicht. Dadurch, dass er ihr den Handkuss verweigerte, hat er Alkinoê im Grunde als nicht salonfähig eingestuft. Unerhört, zumal, wenn man bedenkt, dass im Normalfall sogar die bürgerlichen Maitressen mit Handkuss begrüßt werden, sei es um ihrer Schönheit zu huldigen oder um ihren Geliebten die Ehre zu geben.

Wenn er sie nur stehen gelassen hätte und Reckinde zuerst begrüßt hätte, ja: Das hätte sie verstanden und akzeptiert, aber so etwas!

' Du liebfeldischer Phrasendrescher, was erlaubst du dir. Und ich habe noch für dich die Kontakte geknüpft. Ich bin aufgestanden um dich nicht zu beleidigen, aber du: Du setzt dich nur selbst herab durch dein Verhalten, dass du es nur weißt! ' denkt Alkinoê, während sie weiterhin liebenswürdig und anmutig lächelt.

Ihre Hand verbleibt locker in der seinen, denn sie lässt sich nicht das Geringste anmerken von dem, was hinter ihrer Stirn vorgeht. Denn es wäre ja noch unangenehmer, wenn er erraten würde, was in ihr vorgeht. Aber sie nimmt sich vor, es ihm heimzuzahlen: Irgendwie, irgendwann.

' Vielleicht sollte ich doch zurückgehen zu Tante Szanta und lernen, was es zu lernen gibt. Dann habe ich auch irgendwann die Macht und die Möglichkeit, über alle zu triumphieren... Vielleicht hatte sie einfach recht mit ihrer Sicht der Dinge. '

Dabei lächelt sie Reckinde zu bei deren Worten.



Als sich di Vespasio wieder aufrichtet kann er tief in die schwarzen Augen des Wesens ihm gegenüber blicken. Doch die zwei Augen erzählen immer zwei Geschichten.

Noch etwas tränennass und doch vor kindlicher Freude strahlend gefüllt. Zierlich, zerbrechlich fein in der Gestalt, doch offenbar mit dem Willen gefüllt, sich ihren Platz in der Welt zu erkämpfen. Unschuldig, mädchenhaft mit dem Schimmer einer unter der Oberfläche schlummernden geheimnisvollen Weiblichkeit.

'Ah, ja. Wie als deine Tochter erfahren musste, dass ihre Mädchenliebe noch einer anderen Frau den Hof machte. Nur hat Fräulein Shilaiellys, das muss du zugeben, mein Freund, mehr verloren und die innere Stärke daran auch mehr zu gewinnen. Wie sagte Graf von Phairion?

`Leiden schafft Kraft`.

In Früh-Bosperanto klingt es natürlich besser.'

Der Adlige muss feststellen, dass er einen Augenblick zu lange in Alkinoês Augen geblickt hat. Schnell wendet er sich wieder der Gastgeberin zu und hofft, dass sein Blick nicht als Intimität sondern als Sorge interpretiert wird.

'Sie ist noch so jung. Ob es besser wäre, sie zu schonen? Nein, hier kannst du nur deinem Vater recht geben, wer von Stand ist, kann Schonung nicht erwarten. Streng genommen ist das natürlich nicht der Fall, aber ...'

"Ja, Natürlich. Sicher. Setzen wir uns."

Di Vespasio wartet noch entgegen seiner Gewohnheit schweigsam bis sich Fräulein Shilaiellys gesetzt hat, bevor er zu seinem Platz geht.



Alkinoê hat durchaus registriert, dass der Mann vor ihr tief in ihre Augen geblickt hat. Sofort regt sich die Eitelkeit in ihr und ihr Herz beginnt, etwas rascher zu schlagen.

' Ob ich ihm gefalle? Vielleicht findet er mich hübsch! Er ist zwar schon ziemlich alt, aber trotzdem, ein guter Anfang! '

Einen weiteren Gedanken, der in ihr hochsteigt drängt sie jedoch sofort zurück: Nein, nein, sie hat Merian doch geliebt! Aber es war schon so: Neben einer Schwester, die nicht nur eine stadtbekannte Schönheit sondern auch noch fünf Jahre älter war blieb nur wenig männliche Aufmerksamkeit für die kleine Schwester übrig. Die gesellschaftliche Stellung der beiden Schwestern war nicht unumstritten, was teilweise mit der Degradierung der Eltern, teils auch mit den Aktivitäten ihrer Tante zusammenhing. Merian hatte dies jedoch durch Schönheit und Liebenswürdigkeit ausgleichen können. An Verehrern jedenfalls hatte es ihr nie gemangelt, wenn sich auch lange keiner fand, der sie tatsächlich geheiratet hätte. Vor allem der Eine nicht, von dem sie es erhofft hatte. So musste sie fast noch froh sein, als der viel ältere Scorsese sie um ihre Hand bat...

Scorsese! Er erwartet sie ja immer noch! Bei nächster Gelegenheit muss Alkinoê ihm schreiben, was passiert ist!

Verwirrt merkt Alkinoê, dass alle nur darauf warten, dass sie Platz nimmt. Es darf aber nicht passieren, dass sie sich von ihren Gedanken so ablenken lässt, dass sie einen gesellschaftlichen *Fehltritt* begeht. Aber ist es überhaupt korrekt, dass sie sich vor dem wesentlich älteren und ranghöheren Comto setzt? Dabei wird ihr klar, dass er sie nicht als Kind, sondern als Dame betrachtet und ihr auch die Rechte einer solchen einräumt.

Mit einem leisen " Danke " kommt sie seiner unausgesprochenen Aufforderung nach und nimmt ihren Platz am Frühstückstisch ein. Probehalber wirft sie dabei einen Blick durch den Schleier ihrer langen, gebogenen Wimpern auf den Comto, halb schüchtern, halb provozierend.



Endlich setzen sie sich hin, die hohen Herrschaften. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel hohle Phrasen bei solchen Begebenheiten gedroschen werden müssen, bis sich wirklich einmal etwas sinnvolles ereignet. Nun aber sitzen sie, alle drei! Wohlan ...

Auf einem kleinen silbernen Tablett stehen drei winzige Gläser mit außerordentlich feiner Gravur, eine kleine Kostbarkeit, jedes einzelne Stück. In diesen Gläsern schwappt eine dunkelrote Flüssigkeit, die ein enorm fruchtiges Aroma verbreitet. Radisar schnuppert ein wenig daran, denn er liebt diesen Geruch. Wie gerne würde er sich jetzt auch ein Gläschen genehmigen, doch die Pflicht geht vor.

So wird es leider vorerst nichts aus dem schweren, vollmundigen Geschmack, der für die 'Senkenglut' typisch ist. Auch dass die Kehle so heiß wird als tränke man geschmolzenes Eisen, wird der kleine Diener zur Stunde vermissen müssen. Noch trauriger über seine erzwungene Askese wird Radisar als er des wohligen Gefühls gedenkt, dass dieses Getränk im Magen verbreitet und ihn bestens vorbereitet jedoch Art schwer verdaulicher Nahrung gelassen erwarten zu dürfen.

Erst als die schleifenden Geräusche verschobener Stühle verhallt sind, setzt sich Radisar in Bewegung. Der raue Seegang macht es ihm zwar nicht unbedingt einfacher, die kleinen Gläser zum Tisch zu bringen, ohne etwas der wertvollen Flüssigkeit zu verschütten, aber Radisar ist ein Meister seines Faches. Es würde wahrscheinlich dann keine Tropfen verloren gehen, wenn man Radisar mit einem vollstehenden Tablett von einer riesigen Klippe stürzen würde.

Als er den Tisch erreicht, hebt er das Tablett in die Reichweite der hohen Herrschaften, damit es der Gesellschaft bei Tisch gut sichtbar werde.

"Senkenglut - die rare Köstlichkeit vom Fuße des 'Ehernen Schwertes'. Gut eingelagert für fünfzehn Götterläufe, darf man nunmehr von einer Reife ausgehen, die dem edelsten Gaumen wahre Wonnen bereiten können. Man schreibt ihr heilende Wirkung zu, manche sprechen sogar von Magie. Doch es ist wahrlich der Geschmack der zu überzeugen weiß!"



Die Freifrau sitzt auf ihrem Stuhl und betrachtet sich den sehr langen Blickaustausch zwischen Alkinoê und dem Comte. Obwohl Geduld nicht gerade einer ihrer Tugenden ist, unterdrückt sie ein Räuspern oder eine andere Art sich bemerkbar zu machen. Es kann ja nicht angehen, dass sie länger als nötig zum Zeugen stummen Austausches werden soll, aber dennoch findet sie die Situation recht interessant, also lässt sie sich Zeit.

Mit nicht wenig Erstaunen erkennt sie, wie exakt und spielerisch Alkinoê mit ihrer Anmut umgehen kann. Das Mädchen scheint, obwohl jung an Jahren, doch eine sehr talentierte Strategin zu sein, die zudem strenge moralische Grundsätze nicht unbedingt zur hemmenden Barriere gegen ihr Tun und Handeln aufwachsen lässt. Es ist ein bisschen mehr als nur reine jungfräuliche Koketterie, glaubt Reckinde zu erkennen, es könnte auch sehr viel Berechnung dahinter stecken. Der Freifrau gefällt das, auch wenn sie für sich selbst dahinter noch keinen Vorteil entdecken kann - bis jetzt noch nicht!

Wenn Alkinoê in diesem Sinne als talentiert zu bezeichenen ist, dann könnte es der Freifrau schwer fallen eine entsprechende Einschätzung des Comte aufstellen zu können. Der Edelmann schien von der Anmut Alkinoê sehr beeindruckt gewesen zu sein, ja richtig gehend gefangen und gebunden, zumindest für einen Augenblick. Das mag unter Umständen durch das ungewöhnliche Charisma des Mädchens zu erklären, könnte aber auch bedeuten, dass der edle Herr im Grund seines Herzen von vorneherein einem Abenteuer nicht abgeneigt sein könnte.

Oh ja, der Herr Di Vespasio hat ein sehr schneidiges und geschliffenes Auftreten und er ist mit Sicherheit ein weltgewandter Mann. Daher läge durchaus im Bereich des Möglichen, dass er zudem ein rechter Draufgänger sein könnte, auf allen Gebieten, die ihm das Leben zu zu spielen mag.

Auch das gefällt der Freifrau ....



Di Vespasio wirft einen Blick auf die drei Gläschen mit der blutigen Flüssigkeit.

'Wie widerwärtig. Wie manche Menschen sich diese Flüssigkeit freiwillig zufügen können. Es wird dir wohl immer ein Rätsel bleiben. Vermutlich muss man sich selbst belügen, von Magie und Reife reden. Bringen wir es schnell hinter uns.'

Der Südländer zieht die Brauen etwas hoch und legt den Kopf schief.

'Möglicherweise kannst du der Situation ja durch einige angemessene Worte etwas Würde verleihen. Mal sehen ... Reise ... Ziel ... Schönheit ...'



Drei Gläser! Alkinoê freut sich ehrlich, dass sie nun so selbstverständlich in die Welt der Erwachsenen einbezogen wird, denn das war noch nicht lange so. Ein halbes Gläschen Bosparanjer hier, ein verdünnter Wein dort, ja, dass kennen auch die Kinder im Süden, aber Alkinoê ist natürlich klar, dass es sich bei diesem Aperitif um etwas anderes, stärkeres handelt. Die Worte Radisars verstärken ihre Neugier noch.

Vorsichtig greift sie nach einem der Gläschen, behält es jedoch noch in der Hand um erst zu sehen, auf welche Weise Reckinde und di Vespasio sich den edlen Tropfen einverleiben. Schließlich gibt es Getränke, an denen nur genippt werden darf und andere, die unverständlicherweise mit großer Hast heruntergestürzt werden. Da sie sich vor den beiden hohen Herrschaften keine Blöße geben will, versucht sie, einen möglichst gelassenen Gesichtsausdruck zu machen, als ob nichts ihr vertrauter wäre als ein Umtrunk am Morgen.

Aufmerksam blickt sie den Comto an, der offensichtlich nach Worten für einen kleinen Toast sucht.



'Was denn? Sollen wir uns jetzt selbst bedienen?'

Erneut ist di Vespasio verwirrt ob der Umgangsformen. Im eigenen Land hat jede Geste ihren Platz. Doch hat ihn die Erfahrung gelehrt, immer das andere zu erwarten. Jetzt jedoch tritt eine gewisse unvertraute Vertrautheit ein.

Auf den Bäumen der Elfen mögen ja ungewöhnliche Sitten gelten, doch würde er es bei einem Empfang einer Dame von Stand anders erwarten. Der Adlige entschließt sich deshalb zunächst nicht zum Gläschen zu greifen, sondern das Vorbild oder die Aufforderung der Gastgeberin abzuwarten.



Verwirrt starrt Alkinoê abwechselnd auf ihr gefülltes Glas und auf seine beiden einsamen Kollegen auf dem Tablett, nach denen niemand greifen will. Langsam beschleicht sie dabei das Gefühl, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Bloß was? Ein Diener reicht ein Tablett mit Getränken und jeder Gast nimmt sich eines. Hört sich ganz einfach an, scheint aber nicht so einfach zu sein. Der Comte blickt abwartend auf die Gläser und auf Reckinde, diese wiederum abwartend auf seine Edelhochgeboren.

Offensichtlich muss laut Etikette noch irgend etwas erfolgen, bevor sich die Gäste bedienen dürfen. Aber was? Und vor allem: dass oben im Norden, in Reckindes Heimat ein anderes Protokoll herrscht als im Süden ist ihr schon klar, aber dass bereits wenige hundert Meilen weiter nördlich, im Raum um Vinsalt derart andere Sitten herrschen, verunsichert sie doch. Ach, dass diese Liebfelder alles so komplizieren müssen!

Am liebsten wäre sie das verflixte Glas wieder los aber das lässt sich ja nun unauffällig nicht bewerkstelligen. So fixiert sie nur etwas ratlos die rote Flüssigkeit in ihrem Glas.



Es liegt nun ein Hauch von Paralyse in der Luft. Die Freifrau hätte nie gedacht, dass das einfache Anbieten eines nordischen Getränkes derart lähmende Wirkung haben kann. Gewiss, die Etikette der hohen Häuser mag viel zur Steifheit deren Vertreter bei gesellschaftlicher Zusammenkünfte beitragen, dass sie auch zur völligen Starre führen kann, ist der Freifrau allerdings neu.

Daher ist Frau Reckinde regelrecht erleichtert, dass Alkinoê, schüchtern zwar, aber dennoch entschlossen nach einem der Gläser greift. Das gute Kind scheint doch ein wenig mehr beseelt zu sein, als der Liebfelder, dessen gemüthafte Beweglichkeit offensichtlich unter der des Großmastes der NORDSTERN liegt. Daher bedenkt die Freifrau das Mädchen mit einem herzlichen und warmen Lächeln.

Dann ergreift auch sie ein Glas, schaut dem Edelmann direkt ins Auge, mit einem sehr frostigen und ernsten Blick. Sie erhebt das Glas und spricht mit donnernder Stimme:

"So greift zu, verehrter Comte, trinken wir auf das, was uns lieb und teuer ist!"

Reckinde nippt an dem Glas. Da die Gläser wirklich nicht sehr groß sind genügt das auch, um den Inhalt komplett aufzunehmen. Langsam lässt Reckinde das Getränk durch die Kehle rinnen. Die Auswirkungen ihres Handelns lassen auch nicht lange auf sich warten.

Der Munderaum und der Hals erwärmen sich sofort, sehr stark. Man kann die 'Senkenglut' auf ihrem Pfad in den Magen außerordentlich gut spüren. Manche empfinden Schmerzen dabei, die meisten jedoch beschreiben diese Auswirkung als ausgesprochen wohltuend.

Wenn das Getränk sodann den Magen erreicht, so wird dem Zecher augenblicklich und in einer Weise warm, dass selbst der grimmigste Winter seinen frostigen Schrecken verliert. Das kostbare Getränk wird aber auch seinem Ruf als Elixier des Magens vollauf gerecht. Oh ja, die 'Senkenglut' vermag einen Magen wohl zu verstärken, so dass er, so scheint es das Gefühl wenigsten vermitteln zu wollen,sogar Hufnägel verdaut werden könnten.



Als die Gastgeberin ihn streng anblickt und auffordert greift natürlich auch di Vespasio zum Gläschen. Mit rechts, den kleinen Finger sorgsam von den übrigen getrennt. Nicht weit abgespreizt, wie es wohl die Affen nachzuahmen versuchen mögen, lediglich dezent und leicht abgewinkelt.

Er hebt das Glas und blickt weiter auf die Dame zu Beibach und Bruch. Ihren strengen Blick hat er jedoch nicht als Tadel empfunden, wie auch, da er ja alles richtig gemacht hat. Beim Trinkspruch der Dame kann di Vespasio es nicht verhindern, dass seine Augen zu der jungen Frau zucken.

'Auf das was uns lieb und teuer ist? Wie taktlos! Du darfst sie jetzt nicht wieder an ihre Schwester denken lassen. Die Tränen in ihrem Gesicht sind ja kaum getrocknet. Schnell, mein Freund, etwas Fröhliches.'

Doch hat Reckinde den blutigen Saft schon zum Munde geführt und da es geradezu unmöglich wäre, hierin der Gastgeberin nicht zu folgen, schließt der Adlige, wie es mit allen starken Getränken seine Art ist, die Augen wirklich und die Nase zumindest in Gedanken und stürzt den Trunk herunter, wenn man bei dieser glücklicherweise nur kleinen Menge davon sprechen darf.

"Was könnte mir lieber sein, als mit zwei bezaubernden Damen zu Tisch zu sitzen, und was teurer, als ..."

Was es ist, was dem Südländer so teuer ist, verlässt jedoch nicht seine Zunge. Denn in diesem Augenblick greift die Senkenglut nach eben dieser Zunge und versucht sie durch den Rachen nach unten zu ziehen.

" ... haals ..."

Da das offenbar nicht so ganz gelingen will, greift sie nach den Wänden der Speiseröhre und ritzt mit unzähligen angespitzten Fingernägeln blutige Schrammen hinein. Das blaue Blut des Adligen muss wohl mit dieser roten Flüssigkeit der Dämonen eine heftige Reaktion eingehen, denn seinem Mund entsteigt nun ein heißes

" ... hhhhh ....".

Di Vespasio hat sich ganz gerade in seinem Stuhl aufgesetzt und die freie linke Hand zum Bauch geführt, offenbar in der Hoffnung, dort bald Schlimmeres verhindern zu können. Eine vergebliche Hoffnung.

Als die Flüssigkeit in den Magen trifft und dabei einen Effekt verursacht, der am ehesten umschrieben werden kann durch die Hitze beim Einspritzen von leichtem Öl in eine weißglühende Esse, zuckt die Linke nur kurz, die wirklichen infernalischen Schmerzen unter ihr kann sie nicht verhindern, ebenso wenig, wie das Aufquellen der Augen aus ihren tief liegenden Höhlen, den Schweiß, der sich selbst gegen das reichlich verwendete Puder durchsetzt, oder den leisen Schmerzenslaut, der sich den geschändeten Lippen entringt.

" ... hhhchrrr."



Mit Erleichterung beobachtet Alkinoê, wie Reckinde nach einem Glas greift und sie so aus ihrer peinlichen Situation erlöst.

Bislang strebte sie stets danach, den Weisungen der Tante gehorchend ihre guten Manieren zu vervollkommnen. Dabei war das Vinsalter Protokoll (oder das, was man in Drôl dafür hält) stets ihr Vorbild. Schließlich hielt sie es für eine wichtige Voraussetzung dafür, sich im Leben zu behaupten. So ganz allmählich wird ihr jedoch klar, dass es da noch andere Alternativen geben muss, denn Reckinde ist auf der einen Seite entschieden direkt und unkonventionell, auf der anderen Seit kann man sie als durchaus erfolgreich bezeichnen.

Mehr und mehr empfindet Alkinoê die direkte Art der Freifrau wie einen erfrischenden Luftzug, der in eine verstaubte Stube fährt, zumal dieses Verhalten ihrer ungeduldigen Natur sehr entgegen kommt. Was sie bisher als edel und vornehm charakterisiert hätte, erscheint ihr in Gestalt des Comto plötzlich umständlich, überflüssig, Zeit vergeudend.

So erwidert sie Reckindes Lächeln ebenso herzlich und beobachtet genau, auf welche Weise diese das Getränk zu sich nimmt. Den Trinkspruch nimmt sie lediglich als Auftakt wahr ohne seine engere Bedeutung zu reflektieren. Zu sehr ist sie auf die Senkenglut konzentriert. Diesmal wird sie nicht voreilig sein, schön abwarten, bis die älteren getrunken haben, so kann sie wenigstens nichts falsch machen.

Aber was ist das?! Mit wachsendem Entsetzen beobachtet sie die Reaktion seiner Edelhochgeboren auf das edle Tröpfchen. Der Comto läuft rot an und stößt unartikulierte Geräusche aus. Unwillkürlich lässt sie das Glas, dessen Aroma sie bereits in der Nase gekitzelt hat, sinken. Bei diesem Anblick ist ihr schlagartig der Appetit vergangen und sie ertappt sich bei dem Gedanken, wie sie seinen Inhalt unauffällig loswerden kann. Kein Blumentopf, keine Vase sind zu sehen. Da lenkt eine leichte Bewegung zu ihren Füßen ihre Aufmerksamkeit nach unten: Der Hund! Ja, wenn es sich um etwas Essbares handeln würde, könnte sie es ihm vielleicht...

Nur dieses schauderhafte Zeug will der bestimmt nicht trinken. Aber schließlich könnte sie es ja einfach auf den Boden schütten? Bis das Frühstück fertig ist, wird das bestimmt verdunstet sein.

Schnell blickt sie um sich und versichert sich, dass die Aufmerksamkeit von Reckinde und Radisar vollkommen auf den hustenden Edelmann gerichtet ist, und dieser ist sowieso mit sich beschäftigt. *Schwupp* ist der Inhalt auf den Boden entleert und das Glas wieder hoch an die Lippen gehoben. Unten vor Wölfchens Schnauze auf dem Boden befindet sich nun ein kleiner roter See.

" Hu! " sagt Alkinoê aufatmend. "Das ist ja ein starkes Getränk, aber doch sehr köstlich, wirklich köstlich! Aber Euer Edelhochgeboren, was habt Ihr denn? Ist Euch nicht wohl? "



"Hich? Neihhn, nein. Halles bestens. Wirklich höstlich. Und es wird seinem Nahmen gerecht. In der That, sogar mehr als ich erwartet hätte. Ich war nur, nun ja, etwas in Gedanken gefangen, bei ... bei ... ähm den zu erwartenden Köstlichkeiten, die hier vor uns aufgetischt sind. Auf was dürfen wir uns denn da freuen?"

Di Vespasio wendet sich wieder an seine Gastgeberin und versucht die Schweißperlen zu ignorieren, die von einem inneren Feuer künden. Gleichzeitig hält er noch das Gläschen in der Hand und sucht einen Platz dieses wieder abzusetzen.



Tsa sei es gedankt, Alkinoês schlimmste Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet, dem Comto geht es schon wieder besser! Offensichtlich war es wirklich nur der rote Beerenbrand, der eine solche Wirkung hervorgebracht hat. Fast schämt sie sich der Vermutung, die sie einen Moment hatte, denn bei genauerem Überlegen ist es doch tatsächlich abwegig zu denken, jemand wolle den Comto vergiften. Wer sollte das denn sein? Reckinde etwa?! Oder Radisar?! Nein nein, das ist doch Blödsinn Alkinoê! Du solltest nicht immer gleich das Schlimmste vermuten.

Fast tut es ihr jetzt leid, das edle Schlückchen vergeudet zu haben, aber auch nur fast. Wenn sie sich ausmalt, wie sich das im Hals angefühlt haben mag. Und dieses Husten und Würgen war ja unappetitlich. Direkt ein wenig Ekel erregend! Auch wirkt Seine Edelhochgeboren etwas derangiert, mit seinem verschwitzten Gesicht. Nein, nein! So ist es schon besser.

Schnell richtet sie ihren Blick auf Reckinde um zu sehen, ob diese auch nichts gemerkt hat. Sie sieht dabei ein wenig aus wie eine Katze, die gerade eine Maus verspeist hat: Recht zufrieden mit sich selbst und fast gar nicht Schuld bewußt.



Ein warmer Schauer, der sich hart der Grenze zur Wollust nähert, durchfährt der Freifrau Körper. Sie schließt, völlig dem momentanen Genuss ergeben, die Augen und spürt dem würzig aromatischem Geschmack der bornischen Feuerbeere nach.

Dann stellt sie mit einer ausladenden Bewegung das Glas zurück auf das Tablett, das Radisar, scheinbar zu einer Statue erstarrt, noch immer tapfer vorhält, wenn auch mit steigend zittriger Hand, das Material entwickelt auf die Dauer doch ein ziemliches Gewicht.

"Nun, verehrter Herr Comte, habe ich zu viel versprochen? Nichts auf diesem Weltenkreis erfrischt derart, wie die Senkenglut!"

Frau Reckinde blickt zu Alkinoê und hebt überrascht die linke Augenbraue, als sie bemerkt, dass das Mädchen das Glas offensichtlich auf einem Zug ausgetrunken hat. Die Freifrau ist sehr erfreut, gewöhnlich schätzen junge Menschen den Genuss dieses Getränkes nicht so, aber Alkinoê scheint Geschmack daran gefunden zu haben. Aufmunternd nickt Frau Reckinde dem Mädchen zu. Dann spricht die den hohen Gast an, mit einer warmen, freundlichen Stimme, die jeden Zuhörer geradezu umschmeichelt und ihm das Gefühl verleiht herzlichst willkommen zu sein:

"Nun, mein lieber Herr Di Vespasio, meine Ahnungen müssten sich schon arg täuschen, wenn Ihr nicht der weit gereiste und weltgewandte Herr wäret, den ich in euch zu sehen glaube. Zweifellos seid ihr ein Kenner der Welt, besonders an der Westküste Aventuriens. Ich, für meinen Teil, habe mich sehr lange im Norden und an der Ostküste aufgehalten, dies war zu einer Zeit, da rechtschaffene Menschen dort noch verkehren konnten, ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen, bevor das unsagbar Böse seine Schatten an die östlichen Gestade geworfen hat. Es wäre uns eine Freude und eine Ehre zugleich, wenn ihr euere Kentnisse über die Geschicke der hohen Häuser mit uns teilen würdet, soweit es euch möglich sein wird, denn, und dessen bin ich mir sicher, habt ihr zweifellos ein Wissen, welches nicht für jedes Ohr bestimmt ist."



'Ah, das geht ja sofort zu Sache. Die gute Dame ist von der Ostküste vertrieben worden und sucht jetzt neue Geschäftskontakte, Quellen und Märkte im Westen. Es stellt sich natürlich die Frage, ob dein Metier mit dem der Freifrau vereinbar ist. Nun ja, etwas wird sich schon finden lassen.'

Di Vespasio stellt das Gläschen wieder auf das Tablett. Dann hebt er die Hand vor den Mund und haucht nochmal in die hohle Handfläche, um den letzten Rest des Brandes in seinem Inneren zu löschen.

'Auf den Trunk gehst du lieber nicht ein, das könnte nur dazu führen, dass man dir einen weiteren anbietet. Es fragt sich nur, wie das Kind den Schnaps so schnell trinken konnte? Sie wird dir doch nicht etwa die reine Unschuld nur vorgespielt haben?'

Während di Vespasio zur Serviette greift, sie kompliziert entfaltet und sich die Mundwinkel abtupft, versucht er unverfänglich auf die Andeutungen seiner Gastgeberin einzugehen.

"Liebe Cousine, wie ich es von einer weit gereisten Händlerin eurer Qualitäten nicht anders erwartet haben würde, habt ihr mich leicht durchschaut. Tatsächlich zwangen mich meine Geschäft dann und wann zu längeren Reisen, die ich meist aus Bequemlichkeit auf die südlichen und westlichen Teiles unseres Kontinents beschränkt habe."

Der Adlige legt die Serviette auf seinem linken Oberarm einfach gefaltet ab und zieht dann das allzeit erreichbare Spitzentüchlein aus dem Ärmel.

"Da lässt es sich natürlich nicht vermeiden, das ein oder andere über die Menschen und Städte dieser Regionen zu erfahren, zumal, und das darf ich mit dem Brustton der Überzeugung sagen, es wirkliche einige wunderschöne Kleinodien an der Westküste gibt, die immer eine Reise wert sind, auch wenn ich sonst eher geneigt bin, genauen Karten und sorgfältig geprüften Reiseberichten glauben zu schenken, als mich selbst den Qualen einer Reise zu unterziehen."

Wie eben die Mundwinkel mit der Serviette tupft sich di Vespasio nun auch die Schläfen, um letzte Spuren seinen Schweißausbruches zu vernichten.

"Aber was die Geschicke der Menschen angeht, so wüsste ich wirklich nicht, womit ich euch etwas Neues mitteilen können sollte, zumal ihr ja grade aus der Region kommt, in der sich die wichtigsten Ereignisse und größten Veränderungen der letzten Zeit abspielten, die mich wesentlich interessanter dünken."

Er verstaut das Tuch mit einer lässigen Handbewegung unter dem Ärmel.



Wenn es die Reaktion des Herren Comte nicht anders ausdrücken würde, dann könnte die Freifrau durchaus auf den Gedanken kommen, dass die 'Senkenglut' vielleicht etwas zu stark für den Gaumen des Edelmannes gewesen sein könnte. Herr Di Vespasio zeigt allerdings kein Zeichen der Schwäche, sieht man von seinem Hustenabfall einmal ab. Frau Reckinde kennt dies, denn die 'Senkenglut' hat eine sehr einheitliche Wirkung auf jene, die sie zum erstenmal genießen.

dass der Herr Comte so außerordentlich männlich reagierte, mag der Freifrau sehr gefallen. Von Standhaftigkeit und Stärke hält sie viel, auch wenn es von einem Mann kommt. Hatte sie nicht vernehmen dürfen, zur Person des Comte, dass auch dieser sein Einkommen mit dem Handel von Waren bestreitet? Da täten sich ja ungeahnte Möglichkeiten auf .....

"Herr Di Vespasio, euch eilt der Ruf voraus, dass ihr nicht nur von edlem Geblüt seid, sondern auch in den Wissenschaften bewandert, und zudem dem Handel und dem Wandel zugeneigt. Könntet Ihr euch in diesem Sinne offenbaren, dann könnten wir, unter Umständen, unsere Zukunft in beiderseitigem Intersse etwas, nun sagen wir: 'Goldiger' gestalten. Aber zunächst sollten wir unseren Hunger stillen!"



Aha! Nun fangen die beiden an über Geschäftliches zu reden. Ein Thema, für das sich Alkinoê bislang wenig bis gar nicht erwärmen konnte. Andererseits wäre sie durchaus bereit für Reckinde eine Ausnahme zu machen. Es wäre schon interessant, mehr über das Leben dieser Frau zu erfahren. Besonders, was das unvorstellbar Böse an der Ostküste betrifft. Nur leider hat die Freifrau ja Seine Edelhochgeboren nach dessen Obliegenheiten gefragt, und dieser scheint nun mit lokalen Sehenswürdigkeiten aufwarten zu wollen. Wie er schon sagte: Da kann man auch gleich ein Geographie-Buch lesen.

Sie stellt nun, als Letzte, ihr Gläschen auf das Tablett zurück und erlöst damit Radisar aus seiner ungemütlichen Position. Dabei unterdrückt sie einen unhöflichen Seufzer und richtet den Blick auf die Köstlichkeiten, die auf dem Tisch aufgebaut sind:

Da sind die überzuckerten Kuchen, die Radisar als Thorwaler Feingebäck bezeichnete, daneben auch Brot, welches offenbar von der schwereren Sorte ist. Den Zwieback übergeht sie schnell, denn davon hatte sie in der letzten Zeit eigentlich genug gesehen. Ferner kann sie Räucherschinken, kalten Braten, verschiedene Käsesorten und Sirup entdecken.

Eigentlich keine schlechte Mahlzeit, wenn sie nur nicht weiterhin diesen unangenehmen Druck auf dem Magen hätte. Nach einem schnellen Seitenblick auf di Vespasio greift auch sie nach ihrer Serviette. Aber dann muss sie schnell noch einmal hinsehen: Er legt sich die Serviette auf den Oberarm! Nein, das ist aber doch zu merkwürdig! Vielleicht gehört das auch in Vinsalt gar nicht zum guten Ton sondern ist eine persönliche Marotte von ihm. Entschlossen legt sie die ihrige auf ihren Schoß.

' Wenn ihr denkt, ich mache Euch alles nach, dann irrt Ihr euch gewaltig. Ach, wie lange dauert das denn noch? Ich würde jetzt wirklich gerne mit der Mahlzeit beginnen...'

Dies Frühstück lässt sich nicht halb so amüsant an, wie sie es sich vorgestellt hatte. Und einmischen kann sie sich eigentlich auch nicht, ohne vorlaut zu wirken.

' Hoffentlich reden die auch noch mal über was anderes! '



'Ein Ruf? Dir voraus? So kann man sich täuschen. Niemals hättest du erwartet, die Dame würde sich für Übersetzungen interessieren. Doch nicht unerwartet, alle Menschen von Rang werden letztlich den Reichtum erkennen, der in den Wissenschaften versteckt liegt.'

Erfreut und geschmeichelt mustert di Vespasio die Freifrau erneut. Verwundert erinnert er sich an seinen ersten Eindruck von der Dame, wie sie in Thorwal wie ein Sturmwind von Deck gefegt war, Wirbel von verwirrten Seeleuten hinter sich zurücklassend.

'Wie man sich doch in den Menschen täuschen kann. Ein robustes Äußeres bedeutet eben nicht notwendigerweise einen dumpfen Sinn. Und eine geschickte Wahl von Kleidung, Frisur und Accessoires kann das Bild so wandeln, dass ... was umgekehrt wieder bedeutet, dass ... man auch getäuscht werden kann ... und das bedeutet ..., nun was eigentlich?'

"Ach, was soll ich viel von mir erzählen? Man lebt eben und hadert mit dem Irrungen, in die einen die Götter führen. So kann man mit einem Handstreich ein Erbe verlieren und eine Lebensaufgabe hinzugewinnen. Alles was es braucht ist Geduld. So hätte ich am kümmerlichen Anfang nie gedacht, dass es gerade der Handel sein würde, der mich meine wahre Passion entdecken lassen würde."

Während des Sprechens blickt der Adlige über die verheißungsvollen Dinge auf dem Tisch. Nach dem etwas herben Beginn scheint sich das Dejeuner angenehmer fortzusetzen. Zudem ruft die Glut in seinem Bauch jetzt nach etwas Brot und Wasser, um sie zu ersticken und zu löschen. Er blickt zwischen junger und alter Frau hin und her, in der Hoffnung eine von beiden möge bald von den Speisen anbieten.

"Es eben wie so oft eine Frage der Perspektive, liebes Fräulein Shilaiellys. Vieles versteht man erst in der Rückschau und junge Leute, ich weiß das aus eigener Erfahrung als Vater, sind oft zu ungeduldig, diese Jahre abzuwarten. Man erreicht nie das, was man erwartete, dafür aber jenes, wovon man nie geträumt hatte. Sicherlich kann euch das unsere Gastgebern bestätigen."



' Zunächst einmal den Hunger stillen. Soll das heißen, wir dürfen uns bedienen? '

Aber keiner der beiden Älteren hat hierzu Anstalten gemacht, und Alkinoês Sinn für Anstand empfiehlt ihr immerhin, ihnen den Vortritt zu lassen. Aus dem Augenwinkel versucht sie, einen Blick auf Radisar zu erhaschen, aber da sie sich noch nicht darüber im Klaren ist, wie sie jetzt mit ihm umgehen soll, wagt sie nicht, ihn wenigstens zum Einschenken des Tees aufzufordern. Was würde sie jetzt für eine Tasse dieses heißen, aromatischen Getränkes geben!

Handel und Wandel! Puh! Wahrscheinlich geht es gleich um die Höhe der Grangorer Einfuhrzölle oder die Absatzmärkte im Norden. Alkinoê ist in einer Stadt voller Kaufleute aufgewachsen, daher sind ihr diese Themen nichts Unbekanntes. Andererseits fand sie es immer schon unglaublich öde, wenn in ihrer Anwesenheit die Sprache darauf kam. Tante Szanta hatte sie zwar stets ermahnt:

>Hör genau zu, mit ein wenig Aufmerksamkeit kannst du vielleicht wichtige Informationen aus dem Gespräch herausfiltern!<

Aber sie hatte in solchen Fällen zwar eine freundlich interessierte Miene aufgesetzt aber die Reden spurlos an sich vorübergleiten lassen.

Da fällt plötzlich ihr Name. Erschreckt horcht sie auf:

' Was hat er bloß eben gesagt?!'

Wie unangenehm, wenn er merken sollte, dass sie gar nicht zugehört hat. Zum Glück redet er jedoch weiter, irgendetwas von Geduld und seinen Erfahrungen als Vater. Offensichtlich eine moralische Belehrung. Sie findet es jedoch gar nicht so amüsant, dass er sie sozusagen väterlich betrachtet.

Trotzdem lächelt sie ihn freimütig an:

" Ja, ich muss gestehen, dass Gelassenheit wohl nicht zu meinen Stärken zu zählen ist. Aber ihr gebt mir ja die Hoffnung, dass dies ein Fehler ist, der mit der Zeit abnimmt, ähnlich wie die Jugend."

Für einen Moment blitzt es wie Schalk in ihren Augen auf.



Radisar stellt in schwungvoller Eile das Tablett mit den leere Gläsern auf die Seite, um gleich darauf ein zweites aufzunehmen. Auf diesem Tablett allerdings, stehen nun keine Getränke mehr. Es sind dort kleine Happen zu sehen, die mit kleinen Holzspießchen zusammen gesteckt sind. Auf einer kleine Scheibe Weißbrot in der Größe eines Kusliker Rades, liegt ein großes Stück gewürfelter Schinken oder auch Käse, und zuoberst stecken Weintrauben, riesige, knackige Weintrauben.

Es wird wohl ein Geheimnis Radisars bleiben, wie er es geschafft hat, diese Trauben so frisch zu erhalten. Man möchte fast meinen, sie wären frisch gepflückt vom Rebstock.

Das ganze ist sehr kunstvoll auf das Tablett arrangiert. Wenn man genau hinsieht, dann kann man er kennen, dass die Trauben von verschiedener Farbe sind und offensichtlich nicht zufällig so liegen, wie sie liegen. Der aufmerksame Betrachter kann, wenn er den gesamten Eindruck auf sich wirken lässt, Konturen erkennen, die sehr viel Ähnlichkeit haben mit dem Vinsalter Wappen.

Feierlich schreitet der kleine, dicke Diener zur Tafel und wäre beinahe über den Hund gefallen. Da Tier liegt sehr raumgreifend auf dem Boden und beschnuppert eine seltsame rote Pfütze vor sich. Immer wenn er mit der Schnauze zu nahe an diese Flüssigkeit gerät, zuckt er leise winselnd zurück. Doch scheint ihn die Neugier dazu zu drängen diese wundersame Erscheinung immer wieder untersuchen zu wollen.

Mit einem langen, abgehobenen Schritt steigt Radisar über den forschenden Hund und wäre beinahe ins Straucheln gekommen. Doch kann er sich wieder abfangen und das Tablett sicher an den Tisch bringen. Zuerst stellt er sich neben den Edelmann und hält diesem aufmunternd das Tablett hin.



"Hah! Haha!"

Das Lachen di Vespasios klingt angenehm voll, freundlich, nicht spöttisch schadenfroh sondern es lädt zum Mitlachen ein. Der Adlige ist wohl wirklich amüsiert und hat genug Humor, das auch zu zeigen.

"Nein, Gelassenheit kann man euch wohl kaum vorwerfen."

Di Vespasio wendet sich den vom Diener dargebotenen Speisen zu und dem Problem, wie damit umzugehen wäre.

'Es ist etwas bäurisch, als erster zum Essen zu greifen. Ein Braten oder ein Brot könntest du wohl aufschneiden und weiterreichen. Doch bei diesen Happen ist das wohl nicht angebracht. Andererseits bis du ja auch der Ranghöchste bei Tisch, und nachdem die Dame den Trinkspruch ausgesprochen hat, sollte es wohl erlaubt sein, fortzufahren. Zumal der Hunger langsam sein Recht fordert.'

Di Vespasio nimmt sich das nächstliegende Spießchen - genau eines - und stellt es auf seinen Teller. Dann wendet er sich wieder an Alkinoê.

"Seid versichert, ihr braucht nicht zu befürchten, eure Fehler nähmen mit der Zeit zu, noch eure Jugendlichkeit mit der Zeit ab, wenn ihr euren Humor behaltet."



" Nun, wenn meine Jugendlichkeit ein bisschen abnähme, hätte ich wohl nichts dagegen. Aber ich stelle mir vor, dass zwanzig ein schönes Alter sein muss, um zu verharren. Wenn Satinav dann gnädig wäre, hätte ich wohl keine Einwände. Oder was meint Ihr? Welcher Lebensabschnitt ist der schönste? "

Der Comto fand ihre Bemerkung witzig, ja, er hat sogar gelacht und ihr Humor bescheinigt. Alkinoê sonnt sich in der Anerkennung und entspannt sich ein wenig. Noch ein Lächeln auf den Lippen dreht sie sich zu Radisar um und greift nun ihrerseits zu den Spießchen. Leider macht das Schiff genau in diesem Moment eine heftige Bewegung, die zwar in der Suite weniger stark ausfällt als am Bug, sich aber dennoch auf Alkinoês Arm überträgt. So fährt das Spießchen mit einem Ruck durch die Reihen seiner Kameraden: Einmal hin, einmal zurück.

Dieser Amoklauf hat fatale Folgen: Nicht nur, dass sich jetzt zwei Schneisen in dem schönen Bild befinden: Es herrscht auch erhebliche Unordnung. Nur noch ein in der Hellsicht Bewanderter könnte hierin noch das Vinsalter Wappen erkennen.

Vor Schreck verharrt das Mädchen einen Moment, und die Röte der Verlegenheit steigt in ihre Wangen.



Als das Schiff einmal mehr eine seiner schaukelnden Bewegungen ausführt, muss auch di Vespasio seine Haltung etwas auspendeln. Dennoch hat er einen freien Blick auf den doppelten Durchmarsch. Erst jetzt sieht er, dass auf dem Tablett wohl ein Muster ausgelegt war, doch jetzt ist es zerstört, unmöglich es noch zu deuten.

'Sicherlich hatte Herr Kummerer große Mühe diese Happen zu einem Muster zu arrangieren. Doch jetzt, verloren für alle Zeit. Und im Nachhinein entzieht es sich dem Betrachter, was es hätte darstellen können.'

Der Adlige zuckt kurz mit der Hand Richtung Tablett, doch wäre er vermutlich zu spät, um noch etwas zu retten, sollte es die Hand des Diener verlassen.

'Mit zwanzig hatte dich dein Halbbruder gerade aus Vinsalt und vom Hof vertrieben. Eigentlich haben dich die ersten fünf Jahre nur Trauer um das, was hätte sein können, umgetrieben. Wie hießen die Hofdamen noch? Sequellia und ... vermutlich nicht deine beste Zeit.'



Unwillkürlich richtet sich der Blick aus Alkinoês dunklen Augen für einen Augenblick wie entschuldigend auf Radisars Gesicht. Schließlich hat sie sein Kunstwerk zerstört. dass sie immer noch Probleme beim Umgang mit ihm hat, macht es ihr auch nicht leichter, und die Röte auf ihren Wangen vertieft sich noch. Schnell löst sich ihr Blick wieder und überfliegt prüfend die Mienen der anderen Teilnehmer ihrer kleinen Gesellschaft. Seine Edelhochgeboren macht eine halbherzige Bewegung, wie um das Schlimmste noch rückwirkend zu verhindern.

Irgendwie hat Alkinoê das Gefühl, den peinlichen Moment schnell überspielen zu müssen indem sie etwas sagt und so beginnt sie, aufs Geradewohl drauflos zu plappern:

" Oh, ich fürchte, ich habe das vinsalter Wappen zerstört. Das ist ja fast eine Umkehrung der Realität, denn in Wirklichkeit hat Vinsalt ja Drôl zerstört, äh... ich meine natürlich besiegt, also nur die alten Strukturen wurden zerstört, wobei man natürlich auch der Meinung sein kann, dass es so viel besser ist..."

Alkinoê bricht ab.

' Oh Alveran, was rede ich denn da? Ich rede mich ja um Kopf, Gut und Geld!'



Er ist von einer leidenschaftlichen Liebe ergriffen. Einer Liebe, die sein ganzes Hundeleben umgekrempelt hat. Und er bereut es nicht, nein! Noch nie hat er einen so mächtigen, starken und klugen Leitmenschen getroffen: Es ist einfach ein angenehmes, beruhigendes und gleichzeitig beglückendes Gefühl, zu seinem Rudel gehören zu dürfen. Allein, wenn er an den Geruch seines Leitmenschen denkt, verspürt sein Schwanz das Bedürfnis, sich heftig wedelnd in Bewegung zu setzen.

Leider hat er vor einiger Zeit die Anweisung bekommen, sich etwas entfernt in einer Ecke hinzulegen. Dort hat er auch eine Zeitlang verharrt, denn schließlich darf der Leitmensch nicht verärgert werden. Aber nun ist da ein Fremder dazu gekommen, der seiner Meinung nach nicht zum Rudel gehört, und hat sich dicht neben dem Leitmenschen niedergelassen. Es ist empörend, den schließlich hat ER doch weit mehr Rechte! Und so ist es ihm gelungen, sich weitgehend unbemerkt dem Tisch zu nähern und sich unter selbigem zu verkriechen. Hm! Ganz nahe bei dem guten Geruch des Leitmenschen. Leider ist dieser Geruch seit einiger Zeit verfälscht durch etwas Anderes, heftig riechendes: Direkt vor seiner Nase ist eine merkwürdige Flüssigkeit auf den Boden getropft. Prüfend saugt er den fremden Duft ein.



Vor seiner Nase befindet sich immer noch dieser stark riechende, rote Fleck.

' Schnüffel '

Warum der junge Mensch das wohl vor ihn hin geschüttet hat? Eigentlich könnte er ja mal probieren,

' Schnüffel '

aber er ist sich noch sehr im Zweifel.



Radisar lächelt Alkinoê an.

"Ihr habt recht, junge Herrin, es war in der Tat als das Vinsalter Wappen gedacht, ihr habt es tatsächlich erkannt? Es war nicht einfach gewesen diese Türme im oberen Teil nachzubilden, ganz zu schweigen von dem sitzenden Herrscher darunter, mit allen seinen Würdegegenständen. Dazu, das will ich betonen, waren meine Möglichkeiten doch sehr eingeschränkt. Um so mehr macht es mich stolz, dass ihr es erkannt habt!"

Der kleine Diener lächelt selig. Er scheint überaus glücklich zu sein. Und dennoch lässt er sich von seinem euphorischem Verzücken nur kurze Zeit von seinen Pflichten ablenken.

"Nun möchte ich aber darauf hinweisen, dass das Dekor bei solchen Speisen nicht unbedingt das Bedeutenste sein sollte, es schmeckt auch sehr delikat. Die Gewürze, die ich verwendete stammen alle von einem Basar in Thalusa, der für die Qualität seiner Waren bis weit in den Norden bekannt ist, zumindest für Eingeweihte! Auch die Preise sind unglaublich und das Angebot erst, es reicht von ... "

Radisar hatte noch ein paar Worte auf den Lippen, die sozusagen ein Loblied auf diesen kleinen Basar singen sollten, doch ein strenger Blick der Freifrau lässt ihn verstummen. Es wird ihm plötzlich klar, dass er im Begriffe gewesen war, Dinge zu erzählen, die .... na ja .... keine allzu große Verbreitung finden sollten.



"Das Vinsalter Wappen?!" geht Di Vespasio leise über die Lippen. Er ist sich nicht sicher worüber er mehr entsetzt sein sollte, über das ungestüm unverblümte Vorgehen seiner jungen Gesellschaft oder den Versuch, das Vinsalter Wappen auch Käse-Schinken-Spießen nachzubilden.

'So etwas hast du nicht erlebt seit di Beringa zu Ehren der von und zu Schwanensee einen Schwan aus gesüßtem Eis zu servieren wagte. Er fand die Idee wohl sehr symbolisch. Nur als der Graf von Rondseck sich eine Spaß daraus machte, den Schwan zu köpfen, wollte er nichts mehr von Symbolismus wissen. Der Narr! Starb in der Folge nicht eines seiner Kinder in einem Duell mit von Rodseck?'

Di Vespasio ist so sprachlos, dass im erstmal nichts einfällt. Er blickt stumm zwischen Fräulein Shilaiellys und Frau von Beibach und Bruch hin und her.



Alkinoê wird ganz heiß und kalt. Durch ihre unbedachten Worte hat sie ein kleines Versehen, was leicht zu erklären und im Grunde auch verzeihlich war, in ein völlig falsches Licht gerückt. Langsam wird ihr klar, dass ihr nun wohl niemand mehr glauben kann, dass das Ganze nicht mit Absicht geschehen ist.

Der Comto ist entsetzt, dass ist ihm deutlich anzumerken, und selbst Reckinde macht keine Anstalten einzugreifen. Der einzige, der die Sache offensichtlich nicht übel nimmt, ist der am stärksten Geschädigte: Radisar!

Aber das bedeutet natürlich nur einen geringen Trost für Alkinoê.

" Im Grunde hat sich natürlich alles zum Positiven gewendet im Süden, seit unser Königreich zum horasischen Kaiserreich gehört..."

' Wohl möglich ist er ein fanatischer Anhänger IHrer allergöttlichen Magnifizenz...'

" ...wenn man natürlich von dem Dämonenfluch absieht, wobei ich natürlich nicht andeuten möchte, dass hier irgendein Zusammenhang besteht..."

' Oh Alveran! Alkinoê, halt endlich deinen Mund, du machst es immer schlimmer! '

Dabei lächelt sie den Edelmann die ganze Zeit an, aber diese Lächeln entgleist immer mehr zur hilflosen Grimasse. Im gleichen Moment, in dem sie die Worte ausgesprochen hat, möchte sie sie wieder zurückholen, aber sie sind eben - unwiederruflich. Aber ihr wird klar: Das darf so nicht im Raum stehen bleiben, das nicht!

Nur: Ein weiteres Verharren auf dem Thema macht es eben noch schlimmer. Mit allem, was sie abstreitet deutet sie ja doch nur an, was die meisten Drôler (und auch sie selbst) denken. So plappert sie etwas zusammenhanglos weiter:

" Ja, so ein dummes Versehen. Aber diese starken Bewegungen sind auch wirklich lästig bei einer kultivierten Mahlzeit. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass dieses Schiff ungewöhnlich stark schwankt. "

' Bitte, bitte! Geh´darauf ein! Vergiss doch alles, was ich gesagt habe! '



Freifrau Reckinde blickt, halb interessiert, halb amüsiert, einmal auf dem Comte, dann wieder auf Alkinoê und zurück. Das die Menschen immer so verkrampft wirken, wenn von ihrer Heimat gesprochen wird. Im Falle des Comte und des jungen Mädchens kann die Unruhe, die sich ihrer sichtbar bemächtigt, aber auch ganz anderer, womöglich tiefere Gründe haben.

Der Comte mag mit seiner Heimat nicht unbedingt nur positive Gedanken verbinden. Irgendetwas muss schief gelaufen sein bei seinem Werdegang, es ist ja nicht typisch für den Liebfelder Adel sein Einkünfte aus eigener Hände Arbeit zu beziehen. Und Alkinoê windet sich unter dem Einfluss ihrer geheimen Gedanken, die in ihrer Rede doch ein wenig zu laut wurden.

"Liebe Alkinoê, was sind schon Wind und Wellen gegen die wallende Kraft der Herzen. Ihr dürft nicht dagegen ankämpfen, folgt einfach dem Spiel der Wogen, spielt mit, dann kann euch der Seegang nicht mehr erschrecken, vielleicht erfreut er euch dann sogar!"

Dann beugt sich Reckinde vor, lächelt dem Edelmann zu und spricht zu ihm:

"Ihr seht hungrig aus, nun greift zu und achtet nicht weiter auf die Anordnung von Speisen, verspeist sie einfach ... ihr werdet bemerken, dass es sich lohnt! Mein Adlatus ist ein Liebhaber von gutem Essen und hat auch in der Zubereitung ein glückliches Händchen."



Alkinoê hält einen Moment die Luft an. Der Augenblick scheint sich für sie auszudehnen, zu einer kleinen Unendlichkeit zu werden, aber dann gestattet sie ihrer Brust, den zurückgehaltenen Atem zu entlassen, denn Reckinde hat sich nun doch entschlossen, helfend einzugreifen. Zumindest empfindet das Mädchen es so, denn die Freifrau hat Alkinoê letzte Worte aufgegriffen ohne an das Vorherige zu rühren, fast so, als hätte sie nichts bemerkt.

Zwar ist sie sich im Grunde ihres Herzens sicher, dass seine Edelhochgeboren genau verstanden hat, was hinter ihren Worten stand, aber vielleicht, vielleicht würde ja auch er darüber hinweggehen.

Ja, was hat sie überhaupt gesagt? Doch im Grunde nur Gutes über das Liebliche Feld! Jedenfalls nichts, woraus man eine offizielle Anklage formulieren könnte, oder?

Nachdem sie für kurze Zeit den Blick auf das Spießchen gerichtet hat, das sie immer noch in Händen hält, schlägt sie nun die Augen wieder voll auf und blickt den Comto an. In ihrem Blick schwingt noch ein guter Teil Unsicherheit mit, aber auch ein wenig Trotz, ja fast schon Mutwillen.

' Und: Was willst du nun mit mir tun? Nachweisen kannst du mir ja doch nichts. '



'Schnüffel'

Vielleicht könnte man das Ganze ja noch von einer etwas anderen Seite begutachten? Der Hund versucht sich ein wenig zu drehen. Dabei beachtet er allerdings nicht, dass die Suite auf der Nordstern nicht für Schoßhunde seines Kalibers gebaut und eingerichtet wurde. Rings um ihn her stehen Beine: Links von seinem Kopf von einem roten Kleid bedeckt, rechts von ihm von einer beinahe ebenso roten Hose. Und so kann er, trotz aller Vorsicht nicht verhindern, dass seine eine Vorderpfote für einen Moment auf etwas tritt: Ein menschlicher, genauer gesagt ein männlicher Fuß, der sich ihm sozusagen in den Weg gestellt hatte.

Da sich sein Gewicht jedoch auf vier Pfoten verteilt, dürfte der Tritt für den Herren jedoch nicht schmerzhaft gewesen sein. Eher wie eine zarte, aber deutlich spürbare Berührung auf dem rechten Fuß.



'Nun, das war ein wahrlich besänftigendes Wort, wie es einer Gastgeberin würdig ist. Trotz ihres teilweise recht rauen Tones scheint sie doch ein tiefes Gefühl für Takt zu besitzen. Wie angenehm, mein Freund. Wenn man das doch nur von allen sagen könnte.'

Nach der Aufforderung der Gastgeberin wirft di Vespasio nur noch einmal einen strengen Seitenblick zu Alkinoê und entspannt sich dann sichtbar, ist wieder ganz der alte, herzliche Gesellschafter.

"Oh, ja, natürlich, wir sollten uns dem Essen zuwenden. Und uns nicht weiter an den Wogen stören. Ich bin sicher, bei seinen Qualitäten können wir uns auf einen erlesenen Genuss freuen. Darf ich Ihrer Hochgeboren etwas anreichen?"



Di Vespasio hat gerade sein Frage an die Freifrau gestellt, als ihm etwas zärtlich am Fuß berührt.

'Oho. Was ist das denn? Oder besser, wer? Und, um dich endgültig mit quälenden Fragen zu sättigen mein Lieber, warum?'

Er blickt die Freifrau an, doch die lächelt ihn nur freundlich an. Er blickt wieder zum Fräulein, doch die trägt eine undeutbare Miene zur Schau, hinter der sich alles verbergen mag, nur vermutlich kein Grund für eine sanfte Berührung.

Der Adlige entscheidet sich der Sache vorsichtig nachzugehen und beginnt mit dem eigenen Fuß tastend vorzugehen.



Die Freifrau ist sehr angenehm berührt darüber, dass der Comte wieder zu einer lebefrohen Laune zurück gefunden hat. Seinem Angebot entsprechend blickt sie sich auf der kleinen Tafel um, prüfend welche Köstlichkeit ihr im Moment am nähesten sein könnte.

Fast augenblicklich fällt der Freifrau Reckinde ein kleine Vorlegeplatte auf, die herrlichsten geräucherten Schinken feil bietet. Genau dies würde ihr jetzt gerade recht kommen und schon hebt sie an Herrn Di Vespasio gegenüber ein entsprechende Bitte zu äußern.

Jedoch bleibt sie stumm, als sie erstaunt in das Gesicht des Edelmannes blickt. Es scheint, als quäle und drücke den Edelmann eine unausgesprochene Frage. Doch was sollte dies für eine Frage sein, dass er sie nicht frisch und frei stellen könnte? Und wem sollte diese Frage gelten? Der Freifrau ist wohl aufgefallen, dass der Comte abwechselnd sie, dann wieder Alkinoê anblickt.

'Was ist los mit Ihm?' fragt sich Reckinde in Gedanken 'Ist ihm eine Schlange in den Stiefel gekrochen?'



'Koordination und Fingerspitzengefühl. Oder Zehenspitzengefühl, was die Sache besser trifft. Es ist nur schwierig, dabei eine normale Conversation aufrecht zu erhalten.'

Vorsichtig tastet der Adlige sich mit dem Fuß in kleinen, bogenförmigen Bewegungen weiter vor.

'Denk dir einfach, es wäre ein Tanz. Dabei spricht man auch und bewegt sich. Kein Problem für dich. Die edle Dame scheint etwas nachdenklich zu sein, möglicherweise hat sie dich ...? Man kann ja mal versuchen, etwas anzudeuten.'

"Nun, was darf es sein? Ich kann wohl nicht versprechen, Euch eine güldene Zukunft auf einem Tablett reichen zu können, aber ein Paar Käsewürfel werden mir gerade noch gelingen, wenn ihr mir nur andeutet, welche."

Genau beim Wort 'andeutet' trifft di Vespasios Fußspitze auf etwas. Es ist jedenfalls nicht der Boden.



Die Freifrau Reckinde lächelt freundlich.

"Nun, werter Herr Comte, sicherlich könnte sie mir mit den Käsehäppchen eine guten Dienst tun, doch würde ich euch gerne bitten wollen, mir einige der Fleischscheiben vom geräucherten Schinken zu reichen .... !"

Zwar ist das Tablett, welches die Freifrau angesprochen hat nicht zu übersehen, dennoch gibt sie dem Edelmann einen unterstützenden Fingerzeig. Sehr elegant mach sie das, fast anmutig, obwohl man ihr dies, bei ihrer doch mehr massigen Gestalt nicht eben zugetraut hätte.

"Ich finde es ausgesprochen nett, dass ihr eine 'goldene Zukunft' zu reichen in Erwägung gezogen hattet. Wollen wir diese Option für uns beide nicht unbedingt ausschließen. Man kann nie wissen, was die Zukunft bringt. Doch dass sie 'golden' sein möge, dass ist doch sicher unser beider Bestreben, nicht wahr, verehrter Herr Comte?"

Und wieder lächelt die Freifrau Reckinde. Diesmal allerdings sehr verschmitzt, sehr schelmisch ....



Radisar räuspert sich ein wenig, um auf sich aufmerksam zu machen. Das will es ihm nicht gelingen, daher räuspert er sich wieder, diesmal etwas lauter. Doch die junge Herrin reagiert ebenso wenig, wie die Freifrau und Herr Di Vespasio's Aufmerksamkeit scheint unter den Tisch gelenkt worden zu sein.

"ÄÄHM!" macht Radisar, doch niemand merkt darauf.

Der kleine, dicke Diener kratzt sich am kahlen Schädel, eine Geste der Verlegenheit, denn er weiß nicht so recht, wie er sich noch mehr bemerkbar machen sollte, ohne gleich aufdringlich zu wirken. Vielleicht sollte er einfach auf's Geratewohl beginnen, sein Ansinnen zu verkünden.

"NUN ..!" beginnt er feierlich, doch seine Stimme klingt etwas kratzig. Er hat sich wohl vorher ein paar Male zu viel geräuspert und dies ist den Stimmbändern nicht unbedingt gut bekommen,

"Darf ich fragen, was die Herrschaften zu trinken wünschen. Ich darf verkünden: Es wäre da ein fruchtiger Weißwein zu empfehlen, lieblich wie sein Herkunftsland, das man wohl zu recht das 'Liebliche Feld' nennt. Ein Tröpfchen, mild und erfrischen, wie die Landschaft des 'Alten Reiches'.

Wer sich einem süßen, schweren Wein mehr zuneigt fühlt, dem kann ein thalusischer Rotwein empfohlen werden, ein erlesener Tropfen, der die Sinne betört. Rhaja selbst soll die Trauben gesegnet haben, sowohl dem Manne , als auch der Frau verschaffen sie unerschöpflich Kraft ....."

Radisar's Loblied auf Wein aus Thalusa hätte wahrscheinlich angedauert, doch nach einem Seitenblick auf Alkinoê überspringt er ein paar Eigenschaften, die Kenner diesem Wein gerne und oft zuschreiben.

"Wem ein herber Trunk lieber wäre," fährt der Diener fort, ".. dem sei empfohlen, ein albernischer Wein, rot wie Blut und bissig im Geschmack, vollmundig und reif, ein königlicher Wein, für jedermann, der das Leben liebt.

Wer dagegen den Tod nicht fürchtet, dem sei geraten zu einem Engalsaler Wein, frisch erworben von einem bekannte Schiffsausstatter, Händler und Muschelsammler aus Salzerhaven."

Radisar holt tief Luft, als wolle er endlos weiterreden. Doch das tut er nicht. Mit leiser, fast schüchterner Stimme ergänzt er seine Ausführungen:

"Natürlich haben wir auch noch Tee ... !"

Dann schweigt er und wartet. Entweder die Herrschaften haben keinen Durst oder sie werden sich, so hofft Radisar wenigsten, irgendeine Antwort zu geben aufgemuntert fühlen.



Di Vespasio lächelt freundlich zurück, nimmt das bedeutete Tablett mit dem Schinken auf und hält es der Freifrau hin, sich davon zu bedienen. Gleichzeitig stupst er unter dem Tisch nochmal vorsichtig an das eben gefundene Objekt oder auch Subjekt, je nachdem.

"Nun, wer wünscht sich nicht etwas mehr Glanz in seiner Zukunft. Und wenn er golden ist, um so besser. Allerdings braucht es mehr als Gold um eine glänzende Zukunft aufzubauen."

'Dabei kommt dir doch eine Idee, wie du tatsächlich noch hierbei etwas gewinnen könntest. Interessant, wo sich die Gelegenheiten ergeben.'

Dann jedoch zählt der Diener die Getränke auf. An Wein am Morgen hat sich der Adlige noch nie gewöhnen können. Andererseits stehen die Chancen schlecht, jetzt verdünnten Kirschsaft zu erhalten, wie er es sonst vorzieht.

"Ach ja, etwas zu trinken. Ich denke der Weißwein wird uns munden. Aber bitte stellt noch etwas Wasser anbei, um ihn der frühen Stunde angemessen zu verdünnen."



Freifrau Reckinde nimmt eine Gabel und pickt sich zwei dicke Scheiben Schinken von dem Tablett. Sie erledigt dies schnell und elegant, der Comte, der ihr so höflich das Tablett anbietet, mag kaum einen Druck gespürt haben.

"Wie wahr, wie wahr, mein lieber Comte, Gold allein kann eine Zukunft nicht goldig machen, doch wenn auch das Rezept für Glücklichsein noch nie komplettiert worden ist, so wäre doch fest zu halten, dass sie, mein Verehrtester, genau wie ich, schon eine Menge Zutaten hierfür sammeln konnten und nunmehr der Perfektion entgegen zu streben versuchen. Ist dem nicht so?"

Die Freifrau lächelt verschmitzt.....

Herr Di Vespasio bestellt in diesem Augenblick einen Weißwein. Freifrau Reckinde denkt einen kurzen Moment nach. Es klang so als hätte er für die gesamte Tischrunde bestellt und dies hätte die Freifrau in diesem Augenblick durchaus ärgerlich stimmen können. Doch der Comte hat eine gute Wahl getroffen und so schließt sie sich ihm gerne an.

"Mein lieber Comte Di Vespasio, sie haben einen erlesenen Geschmack, ich werde mich ihnen in diesem Punkt gerne anschließen:"

Zu Radisar gewandt, schränkt die Freifrau ihre Zustimmung dann doch noch etwas ein:

"Für mich kein Wasser!!"



'Sie nimmt sich zwei? Warum zwei? Nun gut, es sind genug da, aber ist das ein Grund, gleich zwei zu nehmen? Ist sie diejenige, die dich angestoßen hat? Will sie dir etwas sagen? Aber was bedeutet zwei? Zwei Leute? Zwei-samkeit? Eng aneinander geschmiegt? Zwei naheliegende Dinge? Oder zwei Fliegen mit einer Gabel ... Klappe? Was kann sie nur wollen?'

Di Vespasio führt das Tablett hinüber zu Alkinoê und bietet ihr auch vom Schinken an.

'Und warum kein Wasser. Trinkt sie nie Wasser im Wein, oder ist das wieder ein versteckter Hinweis? Und wenn, warum sagt sie es nicht deutlich? Sie kann doch kaum im eigenen Haus etwas fürchten. Oder soll das Fräulein Shilaiellys nichts davon erfahren? Das wäre ein Grund, aber was? Sie stellt doch keine Gefahr dar, oder?'

Der Adlige blickt die junge Frau an seiner Seite nun wieder direkt an und versucht einige weitere Hinweise direkt aus ihren Zügen herauszulesen.

"Genau, ihr trefft damit ins Schwarze. Oder, wie Sempira sagen würde, dii perfectus sunt, homina erunt."



Während sich ihre Tischgesellschaft mit dem reichhaltigen Frühstücksbuffet beschäftigt, blickt Alkinoê leicht geistesabwesend auf ihren Teller. Ganz deutlich hat sie eben an ihrem linken Fuß eine leichte Berührung feststellen können. Zwar ist ihr wohl bewusst, dass sich Reckindes neuer Freund unter dem Tisch befindet - Schließlich hat sie mit dem Gedanken gespielt, ihm die Senkenglut anzubieten - aber etwas war an der Berührung anders. Durch den dünnen Seidenstoff ihres Schuhs fühlte sich die Berührung härter an, fast wie von einem Schuh.

Alkinoê erschrickt ein wenig, und überlegt. Könnte vielleicht Reckinde...?

Aber nein, falls sie ihr verdeckt etwas signalisieren wollte, wäre ihr der andere Fuß viel näher. Auf dieser Seite sitzt der Comte. Aber warum sollte er das tun? Vielleicht, um ihr auf diese Weise mitzuteilen, was er von ihren Bemerkungen hielt....

' Ach was, wahrscheinlich ein bloßer Zufall, er hat bloß sein Bein ein wenig ausstrecken wollen.'

Genau in dem Moment, als sie dem Diener antworten wollte, spürt sie erneut diesen leichten, kleinen Stoß. Nein, DAS kann kein Zufall sein. Und ihre ungeschickten Bemerkungen liegen auch schon eine ganze Zeit zurück, darauf kann sich das auch nicht beziehen. Ihr wird ganz heiß und kalt bei den Gedanken, die nun hinter ihrer Stirn kreisen:

Ihr ist bewußt, dass es ganz bestimmte Gelegenheiten gibt, bei denen Männer oder Frauen so etwas tun. Nicht, dass ihr jemals etwas Ähnliches passiert wäre. Für mehr als einen mehr oder minder taktvollen Scherz war sie den Männern bislang nicht gut gewesen. Wer blickt schon nach einem Küken, wenn ein Schwan daneben schwimmt?

' Sollte ich jetzt beleidigt sein oder mich geschmeichelt fühlen? Immerhin scheint er mich als Frau zu betrachten, sogar anziehend zu finden, was nicht schlecht ist. Andererseits ist die Art seiner Annäherung ein wenig sehr vertraulich, wenn man bedenkt, dass ich ihn bislang in keinster Weise ermutigt habe. Wahrscheinlich denkt er, weil ich mittellos bin, müsse ich noch froh über seine Aufmerksamkeiten sein. Dieser alte Geck! Was soll ich jetzt tun? Was würde Merian an meiner Stelle tun? Gebe ich mich jetzt beleidigt, hält er mich für ein prüdes Jungfräulein. Lächle ich ihn jedoch an, denkt er, dass mir das so gefällt.'

In diesem Augenblick wendet sich di Vespasio direkt an das Mädchen zu seiner Seite, und zwingt sie damit zu einer Reaktion.

Alkinoê wendet den Kopf und blickt ihn groß an. Dabei hebt sie ihre eine Augenbraue fast unmerklich ein Stück nach oben, um den Mund liegt der Anflug eines leicht spöttischen Lächelns.

" Danke, euer Edelhochgeboren, aber das ist nicht ganz nach meinem Geschmack. Ich glaube, ich hätte lieber etwas anderes. "



Der Hund mag sich nicht länger um den Fleck kümmern, denn nun fordert nun etwas anderes seine Aufmerksamkeit: Das eine menschliche Bein schiebt sich langsam, unter den Tisch: nicht linear und zielgerichtet, sondern sich in kleinen Halbkreisen bewegend. Was mag dieses Bein von ihm wollen?

'Schnüffel'

Gut riecht es eigentlich nicht! Ein kräftiger, fast schon zu intensiver süßlicher Duft geht davon aus. Erst mal weicht er ein wenig zurück. Weit geht das allerdings nicht, denn dort befinden sich die Knie seiner geliebten Herrin.



NORDSTERN - Oberdeck: Torin und Efferdan


Als Torins Hand Efferdans Schulter berührt, zuckt der Matrose zusammen, als hätte er sich verbrannt. Reflexartig versucht er die fremde Hand abzuschütteln. Er hat das Gefühl, festgehalten zu werden, gefangen zu sein, will sich befreien, losmachen.

`Herr EFFerd - können sie mich nicht in Ruhe lassen. All der Trubel, der Lärm, dieses Verhalten - ich...ich...`

Da kommt ihm - wohl hervorgerufen von Torins Worten - wieder der Gedanke in den Sinn, denn er soeben schon hatte. Auf den Boden sehend sagt er leise, wie aus weiter Ferne:

"...Trauriger Mann..."



Als Torin das Zucken des Matrosen bemerkt, nimmt er die Hand von dessen Schulter. Dessen beiden leisen Worte irritieren ihn. Ruhig, um ihn nicht wieder zu verletzen, fragt er:

"Was meint ihr mit trauriger Mann?"

Nachdenklich blickt Torin auf Efferdans flachsblondes Haar hinab.



Efferdan ist erleichtert, als er die Hand Torins nicht mehr auf seiner Schulter fühlt. Jetzt ist er wieder frei, kann weg, wenn es sein muss, ist nicht mehr gefangen, eingeengt...

"Ich habe das Gefühl, dass...Ihr...Traurigkeit" fängt Efferdan unsicher an, bis er sich bewusst wird, was er da gerade sagt - und zu wem. Eine zarte Röte steigt ihm ins Gesicht, immer leiser wurden seine ohnehin nicht sehr lauten Worte zum Ende hin.

Hat er überhaupt das Recht, so etwas zu einem Passagier zu sagen? Sicher er möchte helfen - aber, da ist dieser Schlagbaum... noch mehr als bei anderen Patienten, denn das eben jener Passagier ihn wütend angefahren und verletzt hat, macht es nicht eben einfacher.

Und dann sind da ja auch noch die Wanten, die kontrolliert werden müssen - so denkt er sich.

"Äh...bitte vergesst es. Ich...ich..nur Gerede... ähm - meine Arbeit..." stammelt er unsicher...



'Ich...'

"Ich...?"

Noch immer blickt Torin auf den schmalen Rücken Efferdans als dieser ihm antwortet.

'Traurigkeit...'

"Traurigkeit...?"

Den letzten leisen Satz Efferdans über seine Arbeit bekommt er mit, doch die Worte über seine Traurigkeit fressen sich in sein Hirn.

'Hmmm...'

"Hmmm..."

'Was meint er damit? Die Trauer über meine Kindheit bei Vater Rotmarder in den Elendsvierteln von Gareth? Was kann er darüber schon wissen.'

"Nein, ich fühle mich nicht traurig. Im Gegenteil, bald kehre ich nach Hause zurück und..."

*...du hast noch immer nicht das gefunden, weswegen du diese Reise angetreten hast.* mischt sich eine leise aber bohrende Stimme in seine Gedanken.

"...ich freue mich auf meine Heimatstadt."

*Heimatstadt... pha!* stichelt die Stimme weiter. *...Vater Rotmarder hat dich von umherziehenden Gauklern gekauft, weil dich deine Eltern nicht mehr wollten.*

"Aber vielleicht liegt die Trauer ja in euch und nicht in mir?"

*Ja, mach nur weiter so, lüge ihn an. Jedes Mal, wenn jemand dir helfen will igelst du dich ein. Nur, damit du nicht sehen musst, was für ein Mensch du geworden bist.*

'Sei endlich still!'

Torin atmet tief ein. Er hat nicht vor, auf diese Stimme zu hören, nicht jetzt und nicht zu einer anderen Zeit.



`Hat er recht, liegt die Trauer bei mir - Mutter...`

Bilder tauchen vor seinem geistigen Auge auf, Bilder, doe obwohl eigentlich schön, sehr schmerzhaft sind. Bilder seiner Mutter im Tempel, Bilder, wie sie ihm zum Tsatag gratuliert, Bilder, wie sie mit ihm am Strand sitzt, Bilder, wie sie zusammen das erste Mal gemeinsam Fische fangen, Bilder ihres warmen Lächelns, ihrer liebenden Augen. Schätze der Erinnerung, die das bewahren, was er nicht mehr sehen kann. Erinnerungen - neben ihnen gibt es wenig, was ihm von seiner Mutter noch geblieben ist... und sein Vater? Ob er weiß, dass er einen Sohn hat? Ob er weiß, dass Efferdans Mutter tot ist? Warum kam er nie vorbei? Was für ein Mensch ist er? Lebt er noch?

Wieder rollen Tränen seine Wange hinunter, trotz des Versuches, sie tapfer zurückzuhalten und so muss er zugeben, dass er selbst nicht ganz frei von Trauer ist. Ist es die Spiegelung seiner eigenen Gefühle, die er zu spüren vermeint?

`So viele Fragen - und so wenig Antworten...`

Doch - da ist ja auch noch die Sache im Laderaum, als er einen Passagier weinend vorgefunden hatte - denselben Passagier, der nun hinter ihm steht. Auch damals hatte er bemerkt, dass den Passagier offensichtlich etwas bedrückt und eben...

Efferdan schluckt, ballt die Fäuste, kämpft tapfer gegen den Tränenstrom, der langsam versiegt - für diesmal.

"Vielleicht..." antwortet Efferdan nur leise, ein bisschen so, als käme es aus weiter Ferne. Vielleicht - eine zweideutige Antwort, wie auch in der Stimme mitschwingt. Es könnte sein, dass Efferdan seine Trauer verspürt - oder doch die Torins?



'Also, er hat zugegeben, dass die Trauer in ihm liegt und nicht in mir!'

*Ja ja, rede dir das nur ein...*

Die Stimme wird leiser, so, als ob sie sich von ihm entfernen würde. Aber das *Du wirst schon sehen, was du davon hast.* kann Torin sehr wohl noch vernehmen.

'Verschwinde!' ruft Torin der Stimme hinterher, dann ist er endlich wieder alleine. Nun kann er sich wieder ganz auf den Matrosen konzentrieren.

"Kann ich euch in irgend einer Weise helfen." fragt er ebenso leise wie Efferdan eben.



"Mir --- helfen?" wiederholt Efferdan verdattert.

Verdutzt dreht er sich ruckartig um. Wie verdutzt er ist, merkt man nicht nur an seinem verblüfften Gesichtsausdruck, sondern schon an der Tatsache, dass man diesen Gesichtsausdruck auch noch deutlich sehen kann - entgegen seiner sonstigen Angewohnheit sieht Efferdan diesmal nämlich nicht scheu zu Boden, sondern total überrascht zu Torin.

Und so hat Torin diesmal Gelegenheit - zumindest theoretisch - in Efferdans meerblaue Augen zu sehen.

`Warum will er mir helfen? Wobei? Wie?`



dass sich der Matrose auf Torins leise Worte hin ruckartig umdreht, hatte Torin nicht erwartet. Plötzlich kann er in das Gesicht des einen Kopf kleineren Efferdans sehen. Die flachsblonden Haare wirbeln im Wind umher und verdecken hin und wieder den Blick.

Nur zu gut kann Torin die vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen sehen. Dieses tiefe Blau und die grossen Innenhöfe der Augen lassen ihn im ersten Augenblick zwinkern.

Doch es sind nicht nur die auffällig großen und fremdartigen Augen des Matrosen, sondern auch dessen ganzes Gesicht. Die breiten Wangen und das beinahe fehlenden Kinn lassen dessen Gesicht leicht verschoben wirken. Doch es sind auch die vollen Lippen des Gegenübers, die Torin zwinkern lassen.

'Was findet Frau Fuxfell nur an ihm?' ist der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schießt. Doch er drängt ihn zurück. Immerhin hat er dem Matrosen seine Hilfe angeboten. Die Hilfe, die er ihm als Mensch und Geweihter anbieten kann.

"Ja," entgegnet Torin ihm leise. "ich habe euch Unrecht getan und so weit es in meinen Möglichkeiten steht, will ich euch helfen. Es war mein Zorn über die Ungerechtigkeit des PRAiosgeweihten, der mich so handeln lassen hat. Nicht dass ihr glaubt, ich würde die Zwölfe nicht verehren, aber nach den Worten und der Überheblichkeit des Praioten wollte ich meinem Zorn freien Lauf lassen. dass es gerade euch getroffen hat, ist mir wirklich unangenehm."

Torin schaut sich für einen Moment um. Er möchte sicher gehen, dass die nachfolgenden Worte von niemand Anderem gehört werden können. Als er den Kapitän vom Vordeck steigen sieht, wartet er bis er sich sicher ist, dass auch dieser außer Hörweite ist. Dann fährt er fort.

"Ich möchte euch etwas anvertrauen, von dem außer euch wohl niemand auf diesem Schiff Kenntnis hat. Und es wäre mir sehr lieb, wenn dem auch so bliebe. Denn mit dieser Information gebe ich euch etwas in die Hand, das mich schwerer treffen kann als jede Waffe."

Noch einmal blickt sich Torin um, doch niemand scheint das Gespräch der beiden zu belauschen. Sichtlich erleichtert fährt er noch etwas leiser fort. Kaum lauter als das Pfeiffen des Windes mögen seine Worte noch sein.

"Ich selbst bin ein Geweihter des Fuchses."



Für einen Moment sieht der scheue Matrose seinem Gegenüber in dessen braune Augen, versucht unterbewusst den Ausdruck einzuordnen - und begreift plötzlich, was er tut. Er starrt einem Passagier ins Gesicht!

Und so senkt er in genau dem Moment seinen Blick, als Torin anfängt zu sprechen. Hört stumm zu, als dieser von Unrecht spricht und was die Beweggründe dafür waren. Hört, wie der Mann wiederum beinahe respektlos über den Geweihten des Sonnengottes spricht und sich im selben Atemzug dafür entschuldigt, dass sein Zorn den Falschen traf.

Schon will er etwas sagen, als der Fremde weiter spricht. Wie bei einem Fisch öffnet und schließt sich der Mund Efferdans einmal, ohne das ein laut aus ihm hervorkommt.

`Was? Eine Information - als Waffe? Mir?`

Unsicher und verwirrt hört er Torins Eröffnung - und sieht zum zweiten Mal heute erstaunt und mit großen Augen Torin an. Wieder steht ihm die Überraschung regelrecht ins Gesicht geschrieben. Aber noch ein neuer Zug ist zu lesen: So etwas wie ehrfurcht, Respekt - Respekt vor einem Geweihten der Zwölf. Denn dass er das ist, das stellt Efferdan nicht in Frage. Manche mögen lügen, sich als Bauern, Müller, Krieger, Händler, Gaukler, Zuckerbäcker oder Tischler ausgeben - aber wer würde es wagen, sich als Geweihter auszugeben, wenn er keiner ist? Wer würde nicht die Strafe der Götter fürchten, mit der er unweigerlich ob dieses lästerlichen Betrugs rechnen müsste?

`Auch - ein - Geweihter...`

Verlegen sieht Efferdan wieder nach unten. Efferdan scheint noch unsicher zu werden, noch scheuer. Ein Geweihter - und er hatte ihm eben respektlos den Rücken zu gewandt... dass er vorher nicht wissen konnte, dass Torin ein Geweihter des Gotts der Nacht ist, vergisst er dabei völlig.

"oh - äh" stammelt Efferdan leise (nicht unbedingt, um Torins Geheimnis in diesem Augenblick zu wahren, sondern, weil es so seine Art ist) "natürlich - jawohl - äh Euer Gnaden - oh, ähm - Verzeihung - äh... nichts sagen, jawohl..."



Als Efferdan seinen Kopf kurz anhebt, kann Torin in die vor Ehrfurcht geweiteten Augen blicken. Kurz nur, dann senkt der hellhäutige Matrose den Blick wieder. Doch Torin kann die Angst in den Augen erkennen.

'Wovor hat er solch eine Angst? - Vor mir, vor meinen Worten? Oder vor den Göttern und ihren Taten? - War es wirklich klug von mir, gerade ihm die Wahrheit zu erzählen? - Andererseits, so verschüchtert wie er ist, wird er es sicher Keinem sagen.'

Dann hört Torin jedoch etwas, das ihn den Kopf schütteln lässt. Noch immer sind seine Worte kaum hörbar, als er leise flüstert.

"Ich bitte euch, nennt mich auf keinen Fall euer Gnaden. Gerade für mich ist es wichtig, dass niemand davon erfährt."

Als er spürt, wie sich das Schiff dreht, verlagert Torin sein Gewicht. Schnell greift er nach seinem Hut, als der Wind versucht, ihm eben diesen vom Kopf zu reißen. Sein Ledermantel wird ebenfalls vom Wind erfasst, doch dieser ist schwer genug, um nicht im Wind zu flattern. Dann hebt Torin die Stimme wieder etwas. Für einen Moment ist er versucht, das wenig ausgeprägte Kinn des Matrosen zu umfassen und dessen Kopf etwas zu heben um ihm in die Augen sehen zu können, doch er entscheidet sich dagegen.

"Erzählt mir etwas von euch. Was macht euch solche Angst, dass ihr selbst davor zurückschreckt, einem normalen Passagier wie mir in die Augen zu sehen?"



"Sehr - wohl Eu... - werter Herr" antwortet Efferdan mit einem leichten Zögern in der Stimme. Ehrfürchtig. Respektvoll. Scheu.

Sein Blick ist auf den Boden gerichtet, verfolgt die Muster des Holzes, die Linien, Kreise, Ovale, Spiralen. Dort, eine wellenförmige Maserung. Die Welle - Symbol für das Wasser. Das tiefe Unergründliche, Veränderung, langsame, aber stetige wirksame Kraft. Wandel... Ist es Zeit für einen Wandel, für eine Veränderung? Ist es an der Zeit etwas aktiv zu verändern, etwas preiszugeben, die Kraft zu nutzen, um die Unergründlichkeit zu ergründen? Da ist so vieles, was im Dunkel bleibt, ein tiefer Brunnen aus Fragen - wer mag darauf Antwort wissen?

Efferdan spürt den Wind auf seiner Haut, fühlt salzige Gischt den Körper benetzen.

Derselbe Windstoß, der Torins Mantel und Hut ergreift, ergreift auch Efferdans Haar. Die flachsblonden Haare wehen - für einen Moment nur - einer Korona gleich um Efferdans Kopf, die noch helleren Strähnen könnten Silberstreifen sein, die vom Licht beschienen werden.

Der Wind zerrt auch an Efferdans Hose, an seinem Hemd, doch kaum vermag er diese eng anliegenden Kleidungsstücke zu bewegen. Doch da, der Kragen verrutscht im Windstoß, ein verirrter Sonnenstrahl spiegelt sich an einem Stück Metall - wohl ein Anhänger - das Efferdan an einem Lederband um den Hals trägt... Und noch etwas scheint dort zu sein, das scharfe Auge mag vielleicht ein bläuliches Schimmern bemerken, wie von einem (Halb-) Edelstein... doch dann ist der Windstoß vorbei und das Hemd legt sich wieder wie eine schützende Decke um Efferdans Hals, verdeckt das, das er dort trägt.

`Ich soll ihm etwas von mir erzählen, hat er gesagt. Was denn?`

Bilder steigen in ihm auf, Bilder aus der Kindheit. Bilder von mit bunten Kieseln spielenden Kindern, denen einfällt, dass sie nach Hause müssen, wann immer er mitspielen wollte. Bilder des groben Wulf, 2 Jahre älter las er, der ihm zuruft, er sei ein Dämonenbalg und sollte sich vorsehen, eines Tages würde ihn die Inquisition holen kommen. Bilder von hinter seinem Rücken tuschelnden Mädchen - und das Gefühl kalter Blicke, die seinen Rücken zu durchbohren scheinen. Der Unglauben und der Moment betretenen Schweigens, als er im Schwimmen gegen den älteren Gial gewann. Bilder...

Gerade die unschönen Augenblicke scheinen sich in das Gedächtnis einzubrennen, so als wollten die Götter, dass man sich immer an sie erinnert. Vielleicht um zu würdigen, wie gut es einem im Moment doch geht... Und die schönen Momente?

Allzu schnell verblassen sie, werden zu Schatten ihrer selbst. Und wenn man sie nicht lebendig erhält, verschwinden sie einfach, gehen auf im großen Strom der Zeit, nur noch Satinavs großes Buch zeugt dann von ihrer einstigen Existenz.

Was würde es für einen Sinn haben, einen Geweihten mit seinen Erlebnissen zu behelligen? Was ist er denn? Ein Staubkorn, ein winziges Licht in einer Welt strahlender Lampen, Kerzen und Feuerschalen. Ein Windhauch, ein einzelner Tropfen in einem großen Meer - eine Vase, die allzu schnell zerbrechen kann.

"Was soll... ich denn.. erzählen? ...vollkommen...unwichtig....nichts, von Bedeutung" stößt Efferdan stockend hervor. Noch immer sieht er zu Boden.

Das Wellenmuster scheint vor seinen Augen zu verschwimmen, zu verschmelzen, sich hin und her zu bewegen. Unergründlichkeit - Veränderung?



'Oh, Mann! Der Junge hat wirklich ein Problem!' denkt sich Torin, als

er Efferdans stockende Worte hört. Und doch hat er dem hellhäutigen Matrosen seine Hilfe angeboten. Dieses Mal will er zu seinem Wort stehen.

"Ihr habt so lange geschwiegen, wie sollen euere Gedanken da ohne Bedeutung sein." fragt er freundlich und einfühlend nach. "Was ist das für ein Anhänger, der um eueren Hals baumelt? Hat er für euch eine besondere Bedeutung?"

Dann schweigt Torin. Vielleicht sollte er es anders angehen, die harte Schale der Zurückgezogenheit zu öffnen.

"Aber beginnen wir doch mit dem Wichtigsten: Wie ist euer Name?"



Als Torin den (eigentlich sind es die) Anhänger erwähnt, legt Efferdan reflexartig die rechte Hand wie schützend dorthin, wo die Anhänger verborgen hängen müssten...

`Ob sie eine Bedeutung für mich haben? Und wie...`

Doch glücklicherweise wird Efferdan vorerst einer Antwort enthoben, fragt der Fremde ihn doch nach seinem Namen.

"Efferdan... werter Herr... Efferdan Aquirial Peresen..." antwortet er in seinem leisen Tonfall und seiner hellen Stimme. Beinahe hätte er gleich noch »aus Havena« dazu gesetzt, sich dann aber noch zurückgehalten. Der Geweihte hatte ihn nicht danach gefragt, wieso ihn also mit Dingen belästigen, die er nicht wissen will. Falls er diese Information doch wünscht, wird er sicher danach fragen... Und Efferdan fühlt sich sowieso - sichtlich - nicht ganz wohl: all die vielen Worte...



"Efferdan Aquirial Peresen..." wiederholt Torin leise.

'Was für ein seltsamer Name...'

"Was für ein seltener Name, den euch euere Eltern gaben. Aber er klingt schön. Wo kommt ihr her, wenn ich fragen darf?"

'Es ist beinahe schwerer, von diesem Herr Perensen Informationen zu erhalten als von einem Diener des Fuchses. Er ist wirklich sehr schüchtern.'



"Havena" antwortet Efferdan.

Langsam beginnt er unruhig zu werden. Seine linke Hand, trommelt unruhig am Hosenbein, der gesenkte Blick schweift hin und wieder nach rechts und links.

`muss mich langsam wieder an die Arbeit machen. Wieso, wieso lässt man mich nicht Ruhe. Oh, ihr Götter...`



"Aha." sagt Torin. Langsam wird ihm das Spielchen, das der Herr Peresen mit ihm treibt, doch zu bunt.



`Äh - bedeutet das, dass er alles erfahren hat, was er wissen wollte? Dann könnte ich, sollte ich vielleicht...bevor die Bootsfrau...`

Efferdans Stimme klingt respektvoll, zurückhaltend, beinahe unterwürfig, als er leise zu sprechen ansetzt:

"Äh, wenn...Ihr erlaubt...und keine Fragen.. mehr habt.. Eu.. äh.. werter Herr, dann... ich sollte mich wieder... meine Arbeit, ihr versteht?"



Noch immer schaut der Matrose zu Boden, fast als würde er erwarten, dass Torin das Henkersbeil auf ihn niedersausen lässt. Doch Torin starrt nur auf den freigelegten Nacken Efferdans, als er die kaum gehauchten Worte vernimmt.

Entnervt und frustriert schüttelt Torin den Kopf.

'Ich geb's auf! Entweder er ist wirklich so ein Fischkopf wie er vorgibt zu sein oder aber er will mir nicht einmal eine einfache Frage ausführlich beantworten.'

"Jaja..." sagt Torin in einem Ton, der sehr wohl ausdrückt, dass für Efferdan kaum noch Hoffnung besteht. "...ihr könnt gehen. Auch wenn ich glaube, dass ihr wirklich dringend Hilfe benötigt."

Doch dann kommt ihm ein anderer Gedanke und schon hellt sich Torins Miene wieder auf.

'Vor dem brauche ich jedenfalls keine Furcht zu haben, was Frau Fuxfell angeht. Wahrscheinlich hat sie ihn kürzlich getröstet als er in sich zusammengebrochen ist. Naja, er...'

"...braucht wirklich Hilfe..." murmelt Torin, '...aber nicht von mir.'



`Wieso klingt er so... so... genervt, ärgerlich? Habe ich etwas falsch gemacht? Was? Habe ich irgendetwas vergessen? Mh. vielleicht hätte ich mich noch vor ihm verbeugen sollen, aber er wollte doch schon nicht mit »Euer Gnaden« angesprochen werden... Ich bräuchte Hilfe... sagt er.`

"Ihr könnt mir Mutter auch nicht zurückbringen..." sagt er leise und mit etwas verbittertem Tonfall.

"Entschuldigt..." wieder klingt sein Tonfall scheu, respektvoll und etwas ängstlich. "...ich geh dann..."

`Soll ich - soll ich nicht...`

Efferdan entscheidet sich dafür, eine leichte Verbeugung anzudeuten - ein guter Kompromiss aus Ehrerbietung und Geheimhaltung, wie er findet - und macht dann Anstalten an Torin vorbei zu gehen...



'Oha - Ich wollte ja nicht daran glauben, aber es scheint immer wieder zu funktionieren. Kaum vermittelst du deinem Gegenüber, dass du dir an einem Problem die Zähne ausbeißt, schon hilft er dir. Und selbst wenn es bedeutet, dass er dir sein Innerstes öffnet - zumindest einen kleinen Spalt. Nun, jetzt gilt es, geschickt den Fuß in diesen Spalt zu stellen.'

"Wartet bitte." sagt Torin ruhig als Efferdan im Begriff ist, an ihm vorbei zu gehen. Etwas nachdenklich schaut er zu dem hellhäutigen Matrosen hinunter.

"Ihr habt recht, ich kann euch euere Mutter nicht zurück bringen."

Langsam glaubt Torin zu verstehen, weshalb dieser Efferdan Aquirial Peresen so in sich gekehrt ist. Der Schmerz über den Verlust seiner Mutter scheint ihn gefangen zu halten.

"Aber vielleicht kann ich euch helfen, sie gehen zu lassen."



Als der Geweihte ihn auffordert, zu warten, bleibt er stehen. Er schaut wieder zu Boden, hört stumm zu, was Torin zu sagen hat.

`Mir helfen, sie zu gehen lassen? Gehen lassen - wo hin? Wie? Ich werde sie nicht vergessen. Meine Erinnerungen sind beinahe das Einzige von ihr, was mir noch geblieben ist. Soll ich das aufgeben? Wie soll das gehen - sie loslassen? Wie kann man seine Mutter gehen lassen?`

Könnte man in sein Gesicht sehen, würde man Unverständnis darin lesen - aber auch eine Spur von Trotz...

"Nein", sagt er leise, immer noch zu Boden sehend.



'Nein.' diese Antwort des Matrosen war eindeutig.

Torin zuckt resignierend mit den Schultern.

'Dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Naja, was soll's, ich habe mein Möglichstes getan. Wenn der stumme Stockfisch eben nicht will, dann ist das nicht meine Schuld.'

"Dann gehabt euch wohl, Herr Peresen."

Damit ist für Torin die Unterhaltung beendet und langsam wandert sein Blick über das Oberdeck. Noch immer lungern die beiden Matrosinnen an der Reling herum und machen Gesten, als würden sie Steckrüben ernten.

Doch weder sie noch die meisten der anderen Passagiere wecken Torins Aufmerksamkeit. Er sucht jemand anderen. Und nach einer halben Drehung hat er sie auch schon gefunden, dort nämlich, wo sie auch vorher schon gestanden hatte. Und nun endlich kann er auch den anderen Passagier begrüßen, der bei Frau Fuxfell steht.



Efferdan atmet erleichtert auf. Er ist wieder allein - naja, so allein, wie man es auf einem Schiffsdeck voll Menschen sein kann...

Leise murmelt er ein - wohl kaum zu hörendes - »EFFerd mit Euch« und macht sich dann raschen Schrittes auf zu der Stelle, an der er vorhin seine Taukontrolle abbrechen musste.

Dort angekommen, setzt er eben jene Arbeit gewissenhaft fort.





NORDSTERN - Oberdeck: Nirka's Erzählungen


'Hm, wenn sie im Tempel auch nicht gewusst haben, was sie da hatten, können sie ihre Hälfte der Muschel ja sonst wo aufbewahrt haben. Komm, Sigrun, lass dir was einfallen ...'

Sigrun versucht angestrengt, sich etwas Originelles einfallen zu lassen. Doch für die Matrosin sind solche Gedankenspiele nicht leicht. Zu wenig ist sie daran gewöhnt, über die Dinge jenseits ihres Schiffes, und dann auch noch in einem Tempel, nachzudenken. So braucht sie eine Weile und, bevor ihr noch etwas eingefallen ist, wird das Gespräch unterbrochen.

Ein wenig aufgeschreckt sieht Sigrun zu dem neuen Matrosen herüber.

'Wie hieß er noch mal? Ich habe das vorhin im Mannschaftsraum nicht so ganz mitbekommen ... Eigentlich war ich auch nicht besonders höflich, einfach so an den beiden Neuen vorbei zu laufen ... Naja.'

Sigrun schweigt erst einmal, schließlich hat der andere Matrose Nirka angesprochen, bleibt aber stehen.



NORDSTERN - Kombüse: Wasuren hat Hunger


Wasuren guckt ein wenig genervt zwischen dem Smutje und dem Zwerg in der Tür hin und her. Dann meint er an Garulf gewandt :

"Hey Garulf wie sieht es denn nun mit nem Richtigen Frühstück aus, mein Freund?"



Wasuren steht noch immer wartend am Eingang der Kombüse, die Stimme eines weitereren Passagiers dringt an sein Ohr und oben an Deck haben gerade mindestens vier Personen beschlossen zu frühstücken. Letzteres weiß Garulf selbstverständlich noch nicht. Fast etwas träge, wohl auch wegen seines Gewichts, stellt er sich wieder ganz auf die Füße und gibt seine an der Wand lehnende Haltung auf.

´Dieser Zwerg´ - ähh Moment mal, Zwerg? Ein Angroschim auf See? Na wenn das man gut geht - ´ist sicher nicht der einzige, besser ich mach gleich Frühstück für alle fertig.´

"Frühstück für die Passagiere gibts gleich drüben in der Messe," gibt Garulf halb an Alberik, halb irgendwie in den Raum gewandt zu verstehen. "und für die Mannschaft natürlich auch," sagt er zwinkert an Wasuren, während er ihm einen Zwieback zuwirft. Sodann macht er sich auch an die Arbeit, für eine etwas größere Personenzahl etwas essbares zu bereiten.



Wasuren nimmt den Zwieback von Garulf freudig entgegen.

"Kann ich dir was helfen, Garulf ? meine Geschichte kann ich dir ja dann nach'm essen erzählen."

Dann knabbert Wasuren friedlich an seinem Zwieback und verdrängt das 'Genöhle' dieses kleinen Passagiers hinter ihm ein wenig. Wasuren geht wieder ein paar Schritt von Garulf weg und stellt sich in der kleinen Küche etwas an die Seite.

'So wenn ich nun anfange zu helfen, dann wird das vielleicht schneller was mit dem Essen, oder? hmm, wenn ich arbeiten muss bleibt normaler weise aber nie mehr Zeit für irgendwas. Meistens bin ich länger beschäftigt als ich das eigentlich wollte. Oh je hab ich jetzt Garulf wirklich gesagt das ich helfen will? Mist, ich bin wohl noch zu müde. Wie komm ich da bloß wieder raus?'

So steht Wasuren nun vor sich hin sinnend und vom Essen träumend in der Küche herum.



NORDSTERN - Oberdeck: Perval bei der Arbeit


'Kein Wunder das die nicht fertig werden. Die tratschen ja mehr als das sie arbeiten. Oder hat die Bootsfrau die andere etwa zusammen geschissen, dass die sie so anstarrt? Aber das wäre sicherlich zu hören gewesen.'

Perval kann zwar nicht verstehen, was die zwei reden, aber dass sie reden anstelle zu arbeiten, ist so klar wie die Suppe im Armenhaus.

Als er näher an die zwei rangekommen ist, kann er nur noch die letzten Worte der leisen Unterhaltung hören "... das erfahren haben!". Einen guten Schritt von den zwei Frauen entfernt bleibt Perval stehen und nutzt die entstanden Gesprächspause, um die Bootsfrau anzusprechen:

"Verzeiht Bootsfrau."

Er blickt die Bootsfrau dabei unverwandt an. Aus seiner Haltung und auch aus der Stimme ist heraus zu hören, dass er jetzt darauf wartet, dass sich die Bootsfrau ihm zuwendet, bevor er mit seinem Anliegen fortfährt.



NORDSTERN - Oberdeck: Nirka und Perval


"JA?"

Es klingt fast ein wenig barsch, als Nirka den neuen Matrosen dies fragt - sie mag es nicht, wenn man sie bei wichtigen Gesprächen unterbricht, und dazu zählt dieses mit Sigrun für sie persönlich auf jeden Fall. Doch... ihr wird fast im gleichen Moment klar, dass das wohl für den Matrosen nicht so ist, und wohl auch nicht im Interesse des Schiffes.

So ergänzt sie nach einigen Augenblicken leiser und wesentlich freundlicher:

"Womit kann ich dir helfen?"

Wer Nirka kennt, würde sich fast über diese extreme Freundlichkeit wundern, aber der Neue ist wohl kaum lange genug an Bord, um die Bootsfrau groß erlebt zu haben, zumal sie am Vortag ja nicht an Bord war.



Fast hätte Perval im ersten Moment gedacht, er hätte etwas falsch gemacht. Zumindest hörte sich die erste Antwort der Bootsfrau an. Aber die nächsten Worte nehmen ihm diese Gedanken ab, außerdem ist er sich keiner Schuld bewusst.

"Ich bin da hinten", dabei deutet er mit dem Daumen über die Schulter in Richtung Traviana, "fertig. Den Rest macht Traviana alleine. Ich wollte fragen, was für eine Aufgabe Ihr für mich habt."

Das die Bootsfrau eine Aufgabe für ihn hat, ist Perval recht klar, kein Bootsmann oder Bootsfrau lässt einen Arbeit suchenden Matrosen ohne Arbeit stehen. Aber bevor er irgendwo nichts tuend rum steht, geht er dass Risiko ein, irgendeine Drecksarbeit zu bekommen. Man will ja schließlich nicht gleich in den ersten Tagen wie ein Drückeberger dastehen. Auch wenn das Wetter nicht das beste und der Seegang ein wenig rauh ist, so ist doch nicht genug beim Segeln zu tun, als das man damit beschäftigt wäre. Schließlich läuft das Schiff gut und eine Kursänderung scheint nicht in Sicht zu sein.



Die Bootsfrau hat im Grunde immer Aufgaben parat, aber gerade im Moment ist das nicht so einfach, weil ihre Gedanken noch immer bei dem Gespräch mit Sigrun sind, und ob diese das kleine Rätsel wohl herausbekommen wird. Außerdem ist es im Moment so, dass bei diesem Sturm viele Arbeiten, die verrichtet werden müssten, einfach zu gefährlich sind, oder auch überflüssig. Jetzt das Deck zu reinigen - das wäre schlichtweg Unfug, da ohnehin andauernd salzhaltige Brecher über die Reling kommen. Laderäume könnte man kontrollieren, aber das ist etwas, das sie lieber später alleine tun möchte - das heißt, natürlich nicht wirklich alleine...

"Gut", erwidert sie dann, "guck dir mal die beiden Niedergänge an, ob da Seewasser auf die Stufen geraten ist, oder die Stufen sonst irgendwie mit Dingen verschmutzt sind, die von oben in die Schächte gefallen sind. Wir wollen ja nicht, dass bei dem Seegang jemand dort ausrutscht."

Für den Aufgang zum Brückendeck gilt prinzipiell das gleiche, aber den erwähnt sie absichtlich nicht, denn zum einen haben die Fahrgäste da ohnehin wenig zu suchen, während die Seeleute wissen, wie man einen solchen Aufgang bei schwerer See benutzt, und zum anderen will sie dem neuen Matrosen nicht gleich eine solche Arbeit an einer Stelle zumuten, die der Kapitän wohl bald passieren wird.

Die Bootsfrau sieht den Matrosen nur noch ganz kurz nach diesen Worten an, dann kehrt ihr Blick zu Sigrun zurück.



"Aye, aye, Bootsfrau."

Kaum dass Perval die Anweisung der Bootsfrau vernommen hat, dreht er sich auch schon um - im gleichen Augenblick, als die Bootsfrau ihren Blick von ihm abwendet - und geht zum vorderen Niedergang, um dort mit dem 'Angucken der Niedergänge' zu beginnen.

'Mensch, wie die bloß Bootsfrau geworden is'. Nich' mal 'ne ordentliche Anweisung kann die geben. `Angucken´ soll ich mir die Niedergänge, als wenn ich nicht' wüsst', wie die aussehen. Auf der SILBERVOGEL wär das Kommando richtig gekommen. Und da hät' der Bootsmann nich' auch noch den Aufgang zum Brückendeck vergessen. Na ja, den wird ich gleich mal mit `angucken´und wenn er dreckig ist, auch gleich sauber machen.'

Sich so seine Gedanken über die Bootsfrau und deren Fähigkeiten machend, geht Perval zielstrebig auf den vorderen Niedergang zu, wobei er den an Deck befindlichen Passagieren und Matrosen ausweicht. Ein kurzer Blick und ein kurzer Gedanken hinüber zu Traviana, doch scheint die in ihre Arbeit vertieft zu sein

'Hübsches Mädel.'.

Am vorderen Niedergang angekommen, geht Perval diesen hinunter, wobei er `guckt´, ob dort irgendwas rumliegt oder Seewasser auf die Stufen geraten ist. Tatsächlich scheint eine Welle den Weg über die Reling und dann über das Oberdeck Richtung vorderes Unterdeck gefunden zu haben. Die Stufen sind nicht nur feucht, sondern regelrecht nass. 'Na, da wird ich dass doch mal nich' beim Gucken belassen, sondern mal gleich den Wischmop holen.'



NORDSTERN - Oberdeck: Nirka's Erzählungen


Nirka beachtet den anderen Matrosen nicht weiter, sondern wendet sich einem weiteren Speigatt zu, das wohl auch kaum der Reinigung bedarf, aber trotzdem untersucht werden will.

Ihr Blick kehrt jedoch sobald zu Sigrun zurück, und sie fragt:

"Na, hast du schon eine Idee, wo die Geweihten des Salzerhavener Efferdtempels ihre Hälfte der Heiligen Miesmuschel aufbewahrt hatten, ehe sie wussten, um was es sich da handelt?"

Neugierde und gespannte Erwartung stehen in ihrem Blick geschrieben.



Sigrun verfolgt das Gespräch zwischen Nirka und dem neuen Matrosen mit Interesse. Er scheint ja wirklich fleißig zu sein, wenn er extra nachfragt, was es als nächstes zu tun gibt. Allerdings, denkt sie, kann es auch sein, dass er sich einfach gut einführen möchte. Schließlich möchte man auf einem neuen Schiff normalerweise erst einmal einen guten Eindruck machen. Nun, man wird sehen.

Als Nirka sich ihr wieder zuwendet und die Frage wiederholt, muss Sigrun zugeben noch immer keine Idee zu haben. Das ärgert sie zwar ein wenig, lieber wäre sie etwas einfallsreicher, aber diese Frage ist einfach zu theoretisch für sie.

"Ich habe wirklich überhaupt keine Idee," gesteht sie mit einem entschuldigenden Lächeln und leichten Schulterzucken.



Nirkas Grinsen bleibt unverändert, es steigert sich sogar in seiner Intensität noch.

"Die Muschelhälfte befand sich all die Jahre im Arbeitszimmer der Tempelvorsteherin, quasi direkt vor ihrer Nase. Ihre Vorgänger und sie haben das Teil nämlich die ganze Zeit als..."

...Nirka blickt aufmerksam hin, um Sigruns Reaktion auf keinen Fall zu verpassen...

"...BRIEFBESCHWERER benutzt."

Der Tonfall, den die Bootsfrau dabei benutzt, ist aber immer noch ernsthaft genug, um zu zeigen, dass sie da genau das erzählt, was der Wahrheit entspricht, und es nicht der Dramatik wegen umändert.



Jetzt muss Sigrun wirklich lachen. Direkt vor der Nase - so kann man es dann wohl wirklich sagen. Aber wie konnte so etwas sein?

Nachdem sie sich etwas beruhigt hat, fragt Sigrun noch einmal nach:

"Da sieht man's mal wieder. Diese gelehrten Leute - wieso hat die Tempelvorsteherin denn die Muschel nicht erkannt?"



"Nun", antwortet Nirka, während sie ein klein wenig Dreck aus dem Speigatt kratzt, den sie glücklicherweise doch noch entdeckt hat, "das war ja das Problem: Man sieht der Heiligen Miesmuschel nicht an, was sie ist! Sie sieht eben aus wie eine sehr große Miesmuschel, und wie jede Miesmuschel ist sie auch nicht sonderlich ansehnlich. Dazu kam noch, dass man außerhalb von Havena im Grunde nichts mehr über die Muschel wusste - der Diebstahl lag ja schon sechzig Götterläufe zurück."



"Ach so", meint Sigrun. Aber irgendwie findet sie das immer noch merkwürdig.

"Und wieso habt ihr die Muschel erkannt, wenn noch nicht einmal die Geweihten wussten, dass sie etwas Besonderes ist?"



Nirka sieht die Freundin etwas verwundert an.

"Für uns war das ja einfach. Wir haben im EFFerdtempel doch die eine Hälfte der Heiligen Miesmuschel gezeigt bekommen, und wussten damit ganz genau, wonach wir suchen mussten. Oder wie meintest du das jetzt?"

Sie ist sich da nicht ganz sicher, und ihr kommt schon fast der Verdacht, dass sie im Laufe der Erzählung vergessen hat, Sigrun einige wichtige Dinge zu erzählen, die eher am Anfang gestanden haben - oder von denen sie angenommen hatte, dass ALRIK sie schon erzählt hatte.

Leise fragt sie hinter:

"Oder habe ich gar nicht erzählt, wie genau das losgegangen ist zu Beginn?"



Langsam beginnt Sigrun zu verstehen, wie das alles gekommen ist. Aber es ist auch wirklich ziemlich schwer zu durchschauen. Erst erzählt ALRIK von diesem merkwürdigen Braunchen, was genau es damit auf sich hat, wird Sigrun wohl bei anderer Gelegenheit noch einmal heraus finden müssen.

Und dann berichtet Nirka von den Muschelhälften und das sie beide als Briefbeschwerer benutzt wurden. Aber natürlich, ALRIK hatte kurz erwähnt, dass die Gruppe mit den Geweihten zum Tempel gegangen ist. Dort wurde ihnen dann wohl die eine Hälfte gezeigt ...

"Nicht so genau", antwortet die Matrosin auf Nirkas Frage, "aber ich glaube, ich habe das Ganze jetzt so einigermaßen verstanden. Und nachdem ihr die zweite Hälfte dann 'gefunden' hattet, habt ihr sie zum Tempel gebracht und jetzt soll die ganze Muschel zum Fischerfest nach Havena, richtig?"

Während sie sich über das letzte Speigatt beugt, schüttelt Sigrun amüsiert den Kopf.

"Zwei Briefbeschwerer! Das ist echt gut!"



"Das ist es wirklich", erwidert Nirka grinsend.

Sie blickt sich kurz um - Speigatts sind keine mehr zu reinigen, aber das ist ja auch nicht weiter schlimm, weil sie Sigrun ja auch schon fast alles erzählt hat, das es zu erzählen gibt - eben bis auf all die interessanten kleinen Details.

"Ansonsten hast du es schon richtig verstanden, ja. Die Vorsteherin des EFFerdtempels hat sich natürlich sehr darüber gefreut, dass nun die Muschel komplett vorhanden ist, und das einzige Problem war dann noch, dass sie rechtzeitig zum Fischerfest nach Havena muss - sonst könnte man ja erst im nächsten Götterlauf das Entstehen der Perle erleben. Und an der Stelle war es dann ja naheliegend, die NORDSTERN als Transportmittel anzubieten."



"Stimmt", antwortet Sigrun. "Aber die Überfahrt in zwei Tagen zu machen - das wird ganz schön knapp."

Die junge Matrosin wirft einen prüfenden Blick über die Reling aufs Meer.

"Noch können wir die Richtung ja halten, aber wenn der Wind noch mehr auffrischt, wird der Kapitän nicht den direkten Kurs nehmen können," meint sie.



"Das werden wir bestimmt schaffen, denke ich", antwortet Nirka, während sie feststellt, dass das absolut letzte noch nicht untersuchte Speigatt wirklich sauber ist.

"Mich haben sie ja gleich zuerst gefragt, denn ich war ja dabei, als die Idee das erste Mal aufkam. Es sind so ungefähr zweihundertvierzig Meilen von Salzerhaven bis nach Havena, das sollten wir in zwei Tagen eigentlich schaffen. Du hast natürlich recht, dass das sehr vom Kurs abhängt, und dass zu starker Wind auch nicht gut wäre, aber da bin ich unbesorgt - EFFerd selbst wird uns helfen!"

So, wie die Bootsfrau diese Worte ausspricht, kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie genau daran glaubt.



"Das ist wahr!"

Eine plötzliche Sicherheit durchströmt Sigrun. Es war wirklich gut, auf diesem Schiff anzuheuern. Schon in den vergangenen Wochen hat sie die besonnene Art des Kapitäns der NORDSTERN und natürlich auch die besonderen Vorzüge ihrer Bootsfrau sehr zu schätzen gelernt. Doch ein Schiff, das wahrlich im Auftrage EFFerds segelt - Nirka hat wohl wahr gesprochen, eine solche Mission kann nicht fehlschlagen.

Nachdenklich und ein wenig gedankenverloren hat sie zuvor das letzte Speigatt, längst blitzend sauber, angesehen. Doch jetzt 'erwacht' sie beruhigt aus den Tagträumen, die sich mit der 'Heiligen Miesmuschel' und der unerwarteten Eile des Schiffes beschäftigten. Plötzlich verschmitzt grinsend, blickt Sigrun jetzt wieder Nirka an.

"Ich glaube, wir müssen uns eine andere Arbeit suchen."



Nirka erwidert das Grinsen der Freundin, und erwidert:

"Das wohl! Aber ich denke, die Arbeit wird uns wohl eher finden, als dass wir sie finden. Du weißt ja, gerade bei solchen Witterungsbedingungen kann das Schiff manchmal stundenlang laufen, ohne dass auch nur eine kleine Änderung an der Besegelung nötig ist, und dann wieder muss ganz plötzlich ganz viel auf einmal gemacht werden, wenn der Wind dreht, oder der Kurs geändert werden muss."

Die Bootsfrau schweigt kurz, während sie die Takelage, das Deck und schließlich auch den Ozean rings herum mustert.

"Aber im Grunde gefällt mir dieses Wetter weit besser als die Flaute, die wir nach dem Auslaufen aus Prem hatten, dir auch, nicht wahr?"



Sigrun nickt eifrig.

"Ja, das geht mir ganz genauso. So eine Flaute ist echt zermürbend und die Stimmung im Mannschaftsraum lässt dann auch zu wünschen übrig ..."

Nein, an die Flaute erinnert sich Sigrun wirklich nicht gerne. Den ganzen Tag nur rumstehen, das Deck schrubben, bis es glänzt wie ein Spiegel und das auch noch mit dem alten Smutje, bei dem keiner so genau wusste, ob die Vorräte reichen würden. Und was einige der älteren Matrosen sagen würden, wenn so eine Flaute mal zu lange dauert, darüber mag sie lieber nicht nachdenken.



Die Bootsfrau nickt. Für kurz ist sogar das Lächeln aus ihrem Gesicht verschwunden, ruft doch die Flaute auch gleich Erinnerungen an die Meuterei und hervor.

"Wohin so etwas führt, haben wir ja beim letzten Mal sehr deutlich gemerkt. Aber", beeilt sie sich, fortzufahren, "das heißt ja dennoch nicht, dass es immer so ausgehen muss."

Wieder schweift ihr Blick über das Deck, und dann kurz zur Brücke. Der Kapitän spricht gerade mit zweien der Fahrgäste. Mit einer kurzen Kopfbewegung weist sie in die entsprechende Richtung.

"Wenn der Kapitän da oben fertig ist mit den beiden, werde ich mal sehen, ob er wichtige Arbeiten zu verrichten hat. Mit eher nicht so dringenden Tätigkeiten will ich euch heute jedenfalls nicht beschäftigen, denn wer weiß, wie lang dieser Tag noch wird, und was noch alles an Arbeit unerwartet auf uns zukommen wird."

Den zweiten Satz sagt sie deutlich leiser als den ersten, und beugt sich dabei auch ein wenig zu Sigrun herüber, denn das muss wirklich niemand sonst hören - wie würde das zu dem Bild von der harten und erbarmungslosen Bootsfrau passen?



Auch Sigrun wird ernst, weiß sie doch ganz genau, worauf die Bootsfrau anspielt. Nein, solche Ereignisse wie die Meuterei möchte auch sie wirklich nicht noch einmal erleben. Doch die folgenden Worte Nirkas nimmt sie mit Erleichterung zur Kenntnis.

"Ja, das könnte wirklich noch ein langer Tag werden. Und einige haben ja auch heute Nacht schon viel geleistet und sind jetzt schon erschöpft."

Hier macht sie eine kleine Pause, bevor sie grinsend anfügt:

"Wenn der Kapitän nichts Wichtiges hat, könnte ich ja sonst mal wieder mit einer Laderaumkontrolle anfangen ..."



Die Bootsfrau kann nicht anders, bei dem Wort "Laderaumkontrolle" muss sie einfach grinsen. Sie bemüht sich auch nicht, das zu verbergen, denn gerade nach dem kleinen Schatten, der durch die Erwähnung der Windstille und der damit verbundenen Ereignisse kurz über das Gespräch gefallen ist, ist Fröhlichkeit das, was sie haben möchte.

"Das wäre auch eine Idee... wobei, ich glaube, da müsste ich mal wieder mitkommen. Gerade bei dem Seegang sollte man das sehr sorgsam kontrollieren, und da sehen vier Augen natürlich mehr als zwei."

Nirka hat das zwar nicht gerade geflüstert, aber der Wind trägt die Worte zielgerichtet zu Sigrun, und weht sie dann auch im Grunde über Bord, es müsste schon jemand sehr deutlich lauschen, um mehr als nur Brüchstücke mitzubekommen. Oder es müsste jemand die feinen Ohren eines Elfen haben, doch seitdem Sylvhar in Salzerhaven still und leise das Schiff verlassen hat, befindet sich ein solcher ja nicht mehr an Bord.

Dennoch spricht Nirka leiser, als sie fortfährt:

"Das können wir wirklich machen, aber erst werde ich den Kapitän fragen, ob es noch anderes zu tun gibt hier an Deck."

Sie grinst Sigrun dabei an, und in ihrem Gesicht ist deutlich eine freudige Erwartung zu sehen - eine Erwartung, gepaart mit dem Wunsch, es noch ein klein wenig hinauszuzögern, um es damit noch schöner werden zu lassen, denn Vorfreude auf etwas, das sehr sicher stattfinden wird, ist ebenfalls etwas sehr Schönes, das Nirka gerne genießt.

"Naja, und essen müssen wir dann ja auch noch was, wobei ich momentan noch überhaupt keinen Hunger habe. Und du?"



"Nein," antwortet Sigrun. "Hunger habe ich eigentlich auch noch nicht."

Sie neigt sich ein wenig zu Nirka vor und grinst verschmitzt.

"Ich könnte mir aber gut vorstellen, wie ich welchen kriegen könnte ... Du solltest mich wirklich mal wieder in den Laderäumen unterstützen."

Sie lehnt sich wieder zurück und einem Beobachter mag es so erscheinen, als hätte sie nur mit dem Körper die Bewegung des Schiffes ausgeglichen. Zwar ist ein solcher sichtbarer Bewegungsausgleich bei einer routinierten Matrosin selten zu beobachten, doch die leichte Kurskorrektur des Kapitäns könnte hierfür schon einen Grund geben.

"Aber frag nur wirklich erst den Kapitän. Sooo wichtig sind die Laderäume ja auch nicht."



Nirkas Grinsen wird bei Sigruns Worten noch strahlender, und auch sie macht eine leichte, kaum spürbare Bewegung, als sich die Freundin zu ihr vorbeugt - eine Bewegung, die wie die von Sigrun durch das Schaukeln des Schiffes verursacht sein könnte, in dem Fall jedoch zu einer ganz sanften, kaum spürbaren Berührung der anderen Frau führt.

"Das tun wir, keine Sorge, und danach sind wir dann bestimmt hungrig."

Grinsend wirft sie wieder einen kurzen Blick zum Brückendeck.

"Natürlich frage ich erst den Kapitän, das ist ja klar, aber dazu muss er da oben erst mal mit den beiden Fahrgästen fertig werden, dabei wollen wir ihn doch sicher nicht mit so etwas unwichtigem wie Arbeiten, die auf dem Schiff zu verrichten sind, stören, nicht wahr?"

Sie wendet sich natürlich schon nach den ersten Worten wieder Sigrun zu, so dass diese das fröhliche Lächeln in ihrem Gesicht ebenso wie das verschmitzte Grinsen bei der letzten Bemerkung sehen kann.



NORDSTERN - Oberdeck: Darian in Gedanken


Als der PRAiospriester mit seiner Rede begonnen hat, hat Darian eine Haltung angenommen, die so aussah, als lausche er der Predigt, schaute dabei aber an Onjaske vorbei aufs Meer. Die Diener des PRAios erwecken in dem jungen Magier sehr widersprüchliche Gefühle. Einerseits sind es natürlich Geweihte der Zwölfgötter, die man mit Respekt zu behandeln hat, andererseits, sind es eben jene Praioten, die HESindes Gabe als "unheilig" beschimpfen und gegen Magiebegabte hetzen. Ja, man hat es wahrlich nicht leicht, mit solchen Leuten, die eigentlich Verbündete sein sollten, sich aber meist wie Feinde gebären. dass der Geweihte von einer Möwe beschissen wurde bekommt Darian in Gedanken versunken gar nicht mit.



NORDSTERN - Oberdeck: Hjaldar auf dem Weg zur Kombüse


Tja, so kann man sich täuschen. Der Alte schaut nicht nur verschlafen drein, der schäft sogar schon wieder und das Mädel bekommt man vermutlich selbst mit den Posaunen von Perricum nicht wach.

Für einen Moment überlegt Hjaldar, nicht ein Versuch zu unternehmen, vielleicht mit 'nem Kübel Seewasser, doch andererseits: was soll's? Er ist ja nicht im Feld und das sind nicht 'seine' Jungs - dann würde die Sache schon anders aussehen. HA! Dann würd' er denen schon zeigen, wat es heißt 'vom Weibel geweckt zu werden'.

Breit grinsend verlässt er die Gemeinschaftkabine und sieht sich erst einmal ein wenig unschlüssig um. Bei der Kombüse scheint's wat zu geben und ein Tag kann eigentlich gar nicht besser beginnen als mit einem ausgiebigem Frühstück, das wohl.

Fröhlich und vor allem schräg ein 'Wir lagen einst vor Maraskan' pfeifend nähert er sich dem Reich des Smutje.



NORDSTERN - Oberdeck: Phexane und Jarun


Phexane bleibt zwar bei Jarun stehen, dennoch schaut sie verstohlen an dem Gaukler vorbei hin zu Torin und Efferdan. Die beiden stehen nicht allzu weit entfernt, aber trotzdem kann sie nicht verstehen, was sie miteinander reden. Glücklicherweise sieht es so aus, als wenn die beiden nicht streiten würden.

Ohne dass Phexane es richtig bemerkt, gleitet ihr Blick an Torins Körper entlang. Das lange Haar, das im Seewind weht, die breiten Schultern, an denen sie sich ausgeweint hatte, die starken Arme, die sie in der Kabine tröstend umschlungen hatten...

Ein Gedanke reift in ihr. Ein Gedanke, den sie sich noch nicht einmal selbst eingestehen würde. Der Gedanke, was wohl passiert wäre, wenn sie noch ein wenig länger mit ihm allein in der Kabine geblieben wäre. Was hätte er gesagt oder gemacht? Oder was hätte sie gemacht? Was wäre passiert, wenn sie noch mehr über sich erzählt hätte? Wie vertraut wären sie nun einander? Würde sie dann auch endlich mehr über ihn wissen?

Als sie so nah bei ihm stand und er ihr Trost spendete, hatte sie etwas gefühlt, was sie nie mehr fühlen wollte. Ein Glücksgefühl, dass sie einst sehr stark gefühlt und blind für die Wahrheit gemacht hatte. Diese Blindheit wird sie noch ihr Leben lang bereuen und jedes Mal, wenn sie an ihren Sohn denkt oder ihn nach langer Zeit wiedersieht, wird sie schmerzlich daran erinnert. Deshalb hatte sie in der Kabine, nachdem sie erkannte, was sie fühlt, wieder die harte, kalte Phexane wie eine Maske übergestreift. Aber ein Teil in ihr hatte diesen Wandel bedauert.

'Wenn ich... wieder mit ihm allein wäre... vielleicht könnte ich diese Wandlung rückgängig machen?'



Phexanes Blick fällt nun auf den scheuen Matrosen, der vor Torin steht. Auch bei Efferdan hatte sie sich sehr wohl gefühlt. Er versteht es, sie zu trösten und im Gegensatz zu Torin erscheint er beherrschter und weniger anfällig für 'Ausraster' und die Tatsache, dass beide sich noch von früher her kennen, macht ihn wesentlich vertrauter als Torin Rotmarder.

Doch... Torin ist wie sie ein Phexensjünger. Er kennt ihre Motive, warum sie stiehlt. Efferdan dagegen scheint eine eher etwas naivere Einstellung zum Leben zu haben. Er hatte das Glück, dass er vom EFFerdtempel aufgenommen wurde, als er seine Mutter und somit seine Familie verlor.

Sie wiederum konnte, nachdem ihre Geschwister einen Schlussstrich mit ihr gezogen hatte, nicht mehr in Havena leben. Vierzehn Kinder hatte ihre Mutter zur Welt gebracht und der größte Teil von ihnen blieb in der Stadt am Großen Fluss. Zwar hatte sie keiner von ihnen gezwungen aus der Stadt zu verschwinden, aber dieses 'zufällige' Wegsehen, wenn ihr Weg mit einem ihrer Geschwister kreuzte, ließ sie verzweifeln. Sie hatte nach dem Bruch mit ihrer Familie kein Zuhause mehr und da begann das eigentliche Problem.

Als sie weiter östlich ins Landesinnere reiste, in der Hoffnung woanders sich ein neues Leben aufzubauen, war sie bloß eine entwurzelte Zugereiste. In den Dörfern, mit ihren festen Gemeinschaften, misstraute man ihr und in den Städten fand sie ebenso wenig etwas, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Mit einer Familie, die ihr bei der Erziehung ihres Sohnes geholfen hätte, hätte sie mit Sicherheit ihren Lebensunterhalt verdienen können. Doch wo auch immer sie hinreiste, überall stand sie mit ihrem Sohn alleine da.

In dieser Zeit reifte in ihr eine Person heran, deren Namen sie später immer öfter übernehmen würde - eine überaus phexgefällige Meisterdiebin, deren Identität sie in langsamen Schritten übernahm. Eine Frau, die stark gegenüber Enttäuschungen ist, da sie nie jemanden nah genug an sich heranlässt und sich bemüht nicht zuviel Gefühl zu zeigen. Kühl, hart, unbeugsam - doch wie lange kann ein Mensch so leben, ohne selbst an diesem harten Fels zu zerschellen?

Als sie Gareth erreichte, entschloss sie sich ihren Sohn in die Obhut eines Tempels zu übergeben. So konnte sie nun in aller Ruhe und in der Gewissheit, dass ihrem Kind nichts passieren kann, auf Beutezüge gehen. Doch in ihr machte sich immer mehr und mehr die Rastlosigkeit breit, die sie dazu brachte, die Stadt zu verlassen und Richtung Norden weiterzuziehen.

'Meine Profession aufgeben... Herr Rotmarder hatte schon recht mit dem, was er sagte. Nicht jeder ist so wunderbar behütet wie Efferdan aufgewachsen. Er könnte mich in der Beziehung nie verstehen.'

Aber nicht nur das - Efferdan erschien sichtlich geschockt, als Torin Rotmarder den PRAiosgeweihten als Schwätzer titulierte.

Sicher, Phexane hat sehr viel Respekt den Zwölfen gegenüber und bemüht sich, sobald sich eine Gelegenheit bietet, auch zu allen zu beten. Doch muss man alles hinnehmen, was deren irdische Vertreter behaupten, wenn man eine ganz andere Meinung hat? Zwar hat sie ebenfalls Respekt der Geweihtenschaft gegenüber, aber auch diese sind nur Menschen und können Fehler machen. Warum also sollte man das, was sie sagen, ohne nachzudenken übernehmen?

Andererseits...



Erleichtert entkrampfen sich Jarun's Glieder. 'Endlich! Ich dachte schon sie würde es nie über die Lippen bringen.'

"Ich weiß, mein Kind. Jeder hat schlechte Tage, an denen man Dinge sagt, die einem später leid tut. Wichtig ist nur, dass man seinen Fehltritt erkennt und versucht die Situation aufzulösen. Auch mich beschämen die Beschimpfungen, die ich euch an den Kopf warf. Und hättet ihr nicht den ersten Schritt getan, so wäre ich wohl der Entschuldiger gewesen."

Väterlich legt er Phexane die Hand auf die Schulter und lächelt sie an.

"Euch mit einem Krallenäffchen zu vergleichen ist wohl ebenso abwegig, wie dem Herrn dort vorne die Züge eines Fuchses zu unterstellen."



Phexane, die bis eben noch zu Torin und Efferdan gestarrt hatte und mal wieder vollkommen in Gedanken versunken war, blickt ruckartig zu Jarun, als dieser auf ihre Entschuldigung antwortet. Sie muss bei dem, was er sagt, lächeln.

"Tja, sollte noch jemand behaupten, ich würde Ähnlichkeit mit einem Krallenäffchen haben, dann werde ich meine richtigen Krallen benutzen."

Geradezu demonstrativ hebt sie ihre Hand, mit den langen, schlanken Fingern und den nicht gerade kurzen Fingernägeln, verformt diese zu einer Kralle und bleckt geradezu raubtierhaft die Zähne.

Dann aber grinst sie und blickt sich kurz zu Onaskje um. "Die Züge eines Fuchses hat er wahrlich nicht. Er hat eher die Züge eines selbstherrlichen Jagdvogels, der allerdings auf einem Auge blind zu sein scheint."



Spielerisch zuckt Jarun zurück.

"Vorsicht! Vorsicht! Ich habe mich ja gerade entschuldigt."

Dann richtet er ebenfalls seinen Blick zum Vorderdeck. Inzwischen haben er sich an die Helligkeit gewöhnt und auch der Schlaf ist ein wenig aus seinen Augen gewichen.

"Auf einem Augen blind, da kann ich euch nur zustimmen. Angenehmer empfände ich es, wenn er stumm wäre. Doch diese beiden Makel scheinen alle Praioten im Blut zu haben. Was will dieser Streiter des Lichts auf unserem Schiff?"

Die Ironie, die Jarun in die Worte 'unserem Schiff' legt, ist unüberhörbar. Doch irgendwie fühlt er sich auf der NORDSTERN heimisch, was durch die vielen Gläubigen der richtigen Götter, hervorgerufen wird.

"Bisher waren EFFerd und PHEx die eindeutig vorherrschenden Götter auf unserem kleinen Schiff. Ich hoffe dieser Praiot wird nicht zu viel Ärger machen und versuchen die Mitreisenden zu blenden. Diese nette Geschichte heute morgen, sollte doch für den Rest der Reise ausreichen."



Phexane grinst Jarun füchsisch an und in ihren Augen leuchtet ein kleines, vorwitzig-freches Licht kurz auf.

"Eher blenden wir ihn! Immerhin scheint dieser 'tolle' Geweihte Herrn Rotmarder, " sie nickt kurz in Torins Richtung, "abgekauft zu haben, dass er ein Tischler ist."

Während sie spricht, dämpft sie ihre Stimme immer weiter, damit nur noch Jarun sie verstehen kann.

"Dieses Gebet hat doch wieder einmal gezeigt, dass Tempel, die mit ihrem Glanz und ihrem Pomp die PRAiosscheibe versuchen zu übertreffen, nicht nur die Bürger, sondern auch die Geweihten selbst total verblenden."

Noch einmal blickt sie sich kurz um zu Onaskje.

"Gerechtigkeit... Das, was er als Gerechtigkeit ansieht, ist doch nur die Gerechtigkeit, die den wenigen Reichen und Adligen genehm ist."

Verächtlich schnaubt Phexane, ob dieser Sichtweise.



"Pompöse und überheblich. Da müsste er sich ja gut mit unserer Dame aus der Suite verstehen."

Ein kurzer grimmiger Blick streift die Unterkunft von Reckinde.

Doch die Worte Phexanes lassen den Grimm schnellen weiterziehen und trotz seinem angeschlagenem Zustand, legt sich ein Lächeln auf Jaruns Gesicht.

"Herr Rotmarder. Ich hatte bisher noch nicht die Möglichkeit mich näher mit ihm zu unterhalten. Aber das er kein Tischler ist, würde sogar ein blinder Moha erkennen. "

Jarun kratz sich grübelnd am Kinn.

"Immer wenn ich ihn sehe, habe ich das Gefühl, ich hätte sein Gesicht schon mal gesehen, bevor ich auf das Schiff kam. Aber ich kann es einfach nicht zuordnen. Wisst ihr vielleicht woher er kommt?"

Immer noch über Torins Gesicht grübeln, erwartet er Phexanes Antwort.



Phexane zuckt mit den Schultern und blickt kurz zu Torin

"Sieht nicht jeder zweite Herumtreiber so aus wie er?"

Sie sagt dies in einem Ton, der Desinteresse vorgaukelt. Dann aber denkt sie kurz nach.

'Was weiß ich über Herrn Rotmarder? Seinen Namen... aber das ist schon alles.'

"Hm, ich kenne nur seinen Namen. Mehr nicht."

'Dabei bin ist er mir schon oft genug über den Weg gelaufen... ich weiß nur eine Sache, die hier auf dem Schiff wohl die Wenigsten wissen.'



"Dann werd ich ihn wohl persönlich Fragen. Er scheint sich ja gerade auf den Weg zu uns zu machen."

Beim Herrichten seiner Kleidung bemerkt Jarun jetzt erst, in was für einem Zustand er ist. Ein geradezu jämmerlicher Anblick. Mit seinen Fingern versucht er seine strubbeligen Haare wenigstens halbwegs zu glätten, auch wenn das wohl das kleinste Übel ist. Doch zu mehr ist er momentan nicht in der Lage.



NORDSTERN - Unterdeck: Der hungrige Zwerg


Alberik und schaut zu der Tür, die gegenüber von der Küche zu sehen ist.

"Wo gibt's das Frühstück? Da drüben, ja?"

Als er sich wieder umwendet, beobachtet er neidisch, wie der Matrose schon etwas Zwieback bekommt - und er selber bekommt keines!! Leicht verärgert spricht der Zwerg weiter, und in seiner Stimme schwingt deutlich dieser Ärger mit.

"Na gut. Dann beeilt euch mal," damit meint er beide Matrosen, "und macht mir eine große Portion! Ich habe nämlich sehr großen Hunger."

'Hm, was könnte ich denn leckeres zum Frühstück haben wollen?'

Kurz überlegt er, um dann seine Entscheidung preiszugeben.

"Ich bekomme dann einen halben Laib Brot, etwas Käse oder Fleisch, etwas Bier zu trinken ... und könntet ihr mir vielleicht drei Eier zubereiten?"



NORDSTERN - Oberdeck: Kapitän zum Steuer


Die Andacht ist vorbei, das kurze Gespräch mit dem Geweihten erst einmal auf später verlegt. Im Grunde hält den Kapitän also nichts mehr auf dem Vordeck, vielleicht abgesehen von der Tatsache, dass er diesen Ort, wo man dem Meer und den Gewalten irgendwie doch näher ist als auf der Brücke, irgendwie mag. Auch die Wasserspritzer und die Gischt, die immer wieder über die Reling kommen, stören dabei nicht, eher im Gegenteil: Sie verstärken diesen Eindruck sogar noch.

Doch das, was er dem Geweihten gesagt hat, entspricht natürlich der Wahrheit - sein Platz ist jetzt auf dem Brückendeck, wo er den zweiten Offizier ablösen sollte. Natürlich schreibt ihm das keiner vor, aber Jergan wäre der letzte, der Ungerechtigkeit bei der Einteilung der Wachen dulden oder gar anweisen würde - und das schließt seine eigene Beteiligung an dieser Arbeit natürlich mit ein.

"Wir sehen uns dann", sagt er leise, und geht dann die wenigen Stufen auf das Oberdeck hinunter, und vorbei an der großen Ladeluke nach Achtern.

Er hält sich dabei in der Nähe der Sicherungsleinen, die Sigrun und Efferdan vor gar nicht so langer Zeit gespannt haben, weniger, weil er diese benötigt, als vielmehr, um ein Beispiel für die Fahrgäste abzugeben, die längst nicht die Seeerfahrung haben, die der Kapitän besitzt.



Wieder einmal verhindert die Geschicklichkeit des zweiten Offiziers ein Vollbad für die Leute auf dem Oberdeck, als er das Schiff im letzten Moment um einige wenige entscheidende Grad dreht, so dass die Welle, deren Winkel etwas ungewöhnlich war, harmlos unter dem Schiff hindurchläuft, statt an dessen Steuerbordseite zu brechen. Rasant kurbelt er das Steuer wieder zurück, und macht mit der schon so gewohnten Tätigkeit weiter - ständig den Blick auf die See gerichtet, und stets bereits, schnelle Entscheidungen zu fällen, und diese ebenso schnell auch umzusetzen.

Für seinen Geschmack und sein Sicherheitsbewusstsein ist im Moment einiges zu viel an Tuch gesetzt, doch Lowanger würde nie auf die Idee kommen, die Entscheidung des Kapitäns in Frage zu stellen: Zum einen akzeptiert er die Autorität und das Wissen des anderen ohne jede Einschränkung, und zum anderen weiß er auch, warum der Kapitän dieses tut - er weiß von der Wichtigkeit einer rechtzeitigen Ankunft in Havena.

Kurz schweift Lowangers Blick auch über das Oberdeck, gerade für so lange, wie er die Wellen rings herum aus den Augen zu lassen wagt, und er sieht, dass die Andacht anscheinend beendet ist, und dass der Kapitän auf dem Weg nach hinten ist. Kurz, aber wirklich nur ganz kurz, huscht ein kleines Lächeln der Freude über Lowangers Gesicht, ehe dieses wieder den gewohnten Ausdruck annimmt, ein Zeichen der Freude darüber, dass seine lange Wache jetzt wohl bald zu Ende sein wird, und die Kabine mit ihrer gemütlichen Koje wohl nicht mehr sehr lange leer stehen wird.



Die Blicke des Kapitäns streifen fast alle Gegenstände und Personen auf dem Oberdeck, während er langsam nach hinten geht. Am unteren Ende des Aufganges zum Brückendeck bleibt er noch einmal kurz stehen, und sieht sich ein weiteres Mal um - es ist alles so, wie er es erwartet, und es ist vor allem auch so, wie es auf diesem Schiff im Grunde immer ist - eben alles in Ordnung.

Er nickt kurz, dann geht er geschwind den Aufgang zum Brückendeck empor, und bleibt neben Lowanger am Steuer stehen. Er sagt vorerst nichts, sondern sieht kurz zu, wie der andere das Steuer führt und geschickt jede Welle so ansteuert, dass das Schiff möglichst wenig darunter zu leiden hat.

"Ich werde dann übernehmen, Wulf", sagt er schließlich leise, während er in Richtung Bugspriet blickt. "Wie läuft sie so?"



"Sie läuft sehr gut", erwidert Lowanger, während er das Steuer wieder einige Umdrehungen herumwirbeln lässt, und nach einigen Augenblicken wieder ebenso schnell zurück.

"Das Steuer funktioniert so, wie es das tun soll."

"Hoffen wir, dass das so bleibt", antwortet Jergan, "und nicht wie beim letzten Mal, als das Spiel dann immer größer wurde."

"Wir werden sehen. Ich denke aber, wir sollten die Blinde demnächst bergen - sie taucht immer öfter in die Wellen ein, und erzeugt kaum noch Vortrieb."

Der Kapitän blickt bugwärts, und zu dem von hier aus kaum sichtbaren kleinen Rahsegel unter dem Bugspriet. Der Offizier hat da wohl recht, aber eilig ist das noch nicht.

"In Ordnung, dann werde ich jetzt übernehmen. Euch wünsche ich eine wohlverdiente ruhige Freiwache."

"Habt Dank!"

Mit der Sicherheit langer Erfahrung wechseln die beiden Männer die Plätze, während das Schiff gerade ungefährdet einen Wellenberg passiert. Dennoch bleibt das Steuer nicht eine Sekunde frei, denn schon eine kleine Strömung unter dem Heck könnte ausreichen, um ziemlich zu versteuern.



Während Lowanger zur Seite tritt, greift der Kapitän in die Speichen des Rades, um die gerade begonnene Bewegung fortzusetzen - eine kleine, unbedeutende Korrektur. Doch dann dreht ihm eine andere Kraft das Rad nach rechts weg - hart und ungewöhnlich einsetzend, gar nicht so, wie er es von dieser Steuerung gewohnt ist.

Doch das hat nichts zu bedeuten, schließlich hat der Kapitän das Steuer nach der Reparatur noch nicht bei Seegang geführt, und so lässt er das Rad so vielleicht eine Umdrehung in die entsprechende Richtung rotieren, um dann kräftig gegenzuhalten, denn er möchte nun wirklich nicht, dass er gleich zu Beginn seiner Wache das ganze Oberdeck flutet, oder das Schiff tüchtig durchschüttelt.



NORDSTERN - Oberdeck: Meergrün's Streiche


Meergrüns Blick fällt auf den Mann am Steuerrad.


etwas seefahrt

wär mir jetzt recht


eiin steuerrad

macht es ganz leiicht


Der Klabauter schwingt sich auf eines der Seile und rutscht bis über das Brückendeck. Die letzten Meter lässt er sich fallen. Klabauter können so was, aber sie machen es nicht so oft, wegen der Würde.

Er nähert sich dem Steuerrad ganz vorsichtig. Es ist das erste, an das er selbst Hand anlegen kann. Auf den anderen Schiffen gab es nur Ruderpinne. Die kann ein Klabauter nicht alleine bewegen.

Bisher hatte er also noch keine Gelegenheit seine Steuerkünste zu beweisen. Aber irgendwann muss halt jeder mal anfangen. Und mit so einem tollen Steuerrad ist es sicher ein Kinderspiel. Sogar die Menschen können ja ein Schiff steuern.



NORDSTERN - Kabine: Anselm's Habe


Nachdem die letzte Träne weggewischt ist, besinnt sich Anselm wieder auf sein Vorhaben. Es gilt immer noch das Hemd zu wechseln. Somit geht der kleine Mann, nicht mehr sonderlich über sein Missgeschick erbost, den schmalen Gang zu seiner Doppelkabine.

Auf dem Weg dorthin sieht er, dass sich vor bzw. in der Kombüse schon ein paar Passagiere positioniert haben, augenscheinlich darum bemüht ein Frühstück zu erhalten.

'Frühstück.. hmmm... gleich...' geistert es in Anselm's Kopf. Er betritt die Kabine und beginnt sofort in seinem neu erstandenen Lederrucksack herumzuwühlen und den Inhalt auf seinem Bett zu verteilen.

Da wären zum Beispiel:

- ein Kamm aus Horn, schwarz und für einen Struwwelkopf wie Anselm genau richtig.

- ein paar neue Dietriche, wie sie Phex-gefällig nunmal brauchen 'Nich tmal die konnte ich noch rechtzeitig aus meinem Haus retten. Was vermisse ich meinen Satz Lieblingsdietriche...'

- eine Flasche "Premer", auch wenn Anselm kein Thorwaler ist, "Feuer" mag er trotzdem

- eine hübsche schwarze Lederhose, einfach im Schnitt, dafür bequem

- zwei neue Leinenhemden, beide strahlend weiß.

Den Rest lässt Anselm im Rucksack, die Flasche Schnaps, die Dietriche und eine der Hemden wandern auch sofort wieder in den selbingen. Das anderen Hemd sowie die Lederhose sind dazu bestimmt nun getragen zu werden.

Schnell hat Anselm seine Kleidung gewechselt und glatt gestrichen.

'Sieht doch schon viel besser aus.' denkt Anselm während er an sich herunter guckt.

Die getragen Sachen, welchen man es doch recht eindeutig ansieht, dass sie in Gebrauch waren, hängt Anselm zum lüften so gut es geht in der Kabine auf. Bevor diese wieder verlässt nimmt er nochmal kurz den Kamm zur Hand und lässt ihn durch sein leicht verfilztes Haar fahren.

Zufrieden mit sich und seinem Auftreten verlässt Anselm wieder die Kabine.



NORDSTERN - Unterdeck: Vor der Kombüse


Vor der offenen Tür zur Kombüse bleibt Hjaldar stehen und wirft einen Blick hinein. Unwillkürlich kommt ihm das Bild dicht gedrängter geräucherter Fische in einer mit Öl gefüllten Büchse vor Augen, als er sieht, was da drin alles los ist.

Und von der anderen Seite streben schon Alrik und Ameg der Futterstube zu.

"Hoi Jungens!" antwortet Hjaldar auf den Gruß des Schiffsjungen und nickt den beiden fröhlich zu.

"Essen ist das Stichwort Smutje! Solange die da oben noch palavern und sich vor den Göttern schön reden, kann man ja schon mal Vorrat anfuttern." ruft er in die Kombüse hinein, ungeachtet der Tatsache, das Garulf sichtlich schon am Werkeln ist.



"Doch haben wir", entgegnet ALRIK auf die Frage, ob wieder genug Vorräte an Bord sind, während er die Stufen zum Unterdeck hinab steigt.

"Es ist von allem wieder ausreichend da. Für uns wird's jedenfalls reichen. Und wir suchen uns von allem einfach das beste aus und gehen dann halt irgendwo hin, wo es gemütlich ist."

Unten angekommen scheint ALRIK in einer recht abgeschiedenen Ecke hinter dem Niedergang etwas zu suchen.

"Ah ja, hier der alte Weidenkorb ist ganz genau geeignet", meint er schließlich, als er fündig geworden ist.

"Darin sammen wir einfach alles, was wir mögen, denn dann kann es uns auch nicht auf dem Tisch weg kullern, wenn wir essen. Im Horasreich nennen sie das 'Picknick' oder so. Kennst du das? Naja, wir gehen statt ins Grüne einfach nur in die Messe, aber das soll mal auch reichen..."

"Nun komm schon." ALRIK schaut hinter Ameg her. Immerhin weiß man ja nie, ob der kleine Bursche einem noch folgt wie ein treues Hündchen oder ob er sich lieber wie unsichtbar in die nächste dreckige Ecke verkriecht.

"Die Kombüse ist schon hier vorne. Die kennst du ja wohl schon, oder?"

Offensichtlich hatten auch schon andere Leute hungrige Gedanken, denn der Gang vor der Kombüse ist bereits recht gut besucht.

"Grüß dich Hjaldar! Na, schon wieder munter, Wassy? Ah Garulf, ist das Essen schon fertig?" wirft ALRIK mal recht munter in die Runde.



Erst braucht Alrik so lange um endlich den Niedergang hinunter zu gehen und dann ist er plötzlich so schnell, dass Ameg Mühe hat ihm zu folgen und er kaum Zeit hat auf Alriks Fragen zu antworten.

So bleibt Ameg nichts übrig als kurz den Kopf zu schütteln als Alrik fragt ob er 'Picknick' kennt, ein wenig patzig zu murmeln, dass er schon da ist, als Alrik so etwas wie 'nun komm schon' zu ihm sagt und zu nicken als er gefragt wird ob er die Kombüse schon kennt. Als Alrik den Weidenkorb aus einer Ecke hinter dem Niedergang holt bleibt Ameg fast das Herz stehen. Schließlich hat er zwischen den anderen Sachen in der Ecke dort seine Weinflasche versteckt die er in Salzerhaven geklaut hat. Aber der Schiffsjunge scheint die Weinflasche nicht bemerkt zu haben oder tut nur so als habe er sie nicht bemerkt. Auf jeden Fall entscheidet Ameg, dass er sie bald woanders verstecken muss.

Als sie schließlich bei der Kombüse ankommen sind da schon einige Leute. Garulf hat er schon ein paar Mal gesehen. Und Wasuren, Wassy, kennt Ameg auch, denn den findet er nett. Auch Hjaldar kennt er ein wenig vom vorherigen Tag in Salzerhaven.

"'allo Hjaldar", antwortet Ameg dem riesigen Thorwaler fröhlich.

"'allo Waschur'n un' Garulf", begrüßt er auch die anderen beiden.

Den nächsten, der hier an der Kombüse steht kennt Ameg aber nicht. Es scheint ein älterer Mann zu sein, der im Vergleich zu den Thorwalern geradezu winzig wirkt. Ameg kann es im Moment nicht genau erkennen, aber es sieht so aus, dass der alte Mann mit dem weißen Haar auch nicht allzu viel größer ist als er selbst.

Interessiert und abschätzend schaut er diesen Mann an, von dem er nicht weiß, dass es ein Zwerg ist.

"Bis' Du aba klein", sagt Ameg zu ihm... und im selben Moment fängt auch Amegs Magen an sich zu melden...

'hrrrmmmmmrrr' kommt es leise aus Amegs Bauch.

"uhy", meint Ameg leise, "ich hab' Hunger.."



Der Smutje blickt nur kurz von der Arbeit auf, als der Schiffsjunge ihn anspricht. Gerade will er zur Antwort ansetzen, als er sieht, dass auch der andere Junge mit zur Kombüse gekommen ist.

"Ihr," er spricht dabei Alrik und Ameg an, "könnt das hier," er deutet auf die bereits fertigen Speisen, "schon mal rüber in die Messe stellen. Und dann müssen wir noch Bier aus´m Laderaum holen."

Ja, leider ist in der engen Kombüse nur Platz für ein Fass, schließlich muss der Smutje ja auch noch rein passen. So gerne Garulf auch das Bierfass hier oben hätte, er hat sich dann doch wieder für das Wasserfass entschieden. Zum einen wird Wasser während der Arbeitszeit weit häufiger verlangt, zum anderen braucht man es auch zum Kochen.



Einen langen Augenblick wartet Alberik noch, in dem sich so einige Leute vor der Küche versammeln. Doch der Koch geht nicht weiter auf die Wünsche des Zwergen, das Frühstück betreffend, ein.

'Hat er mich jetzt nicht gehört? Oder bedeutet das Schweigen, dass ich alles bekomme, was ich haben will? Ich frage besser noch mal nach, bevor ich nur ein kleines Stück Brot und einen Schluck Wasser bekomme. Würde mich ja nicht wundern, wenn die hier so geizig wären.'

Gerade will er sich bei dem dicken Mann danach erkundigen, ob er denn alles mitbekommen hat, was der Bauch des Angroschim sich so alles wünscht, da dringt etwas unerhörtes an sein Ohr.

-Bis' Du aba klein.-

Damit kann doch nur er gemeint sein.

Geschwind dreht er sich zu dem vermeintlichen Übeltäter. Seine weißen Haare mit den Zöpfen fliegen durch die Luft.

Dann hat er denjenigen ausgemacht, der ihm diese Worte, die der Zwerg gar nicht gerne hört, zugeworfen hat. So ein kleiner Dreikäsehoch, der gerade mal in dem Alter ist, in dem man das Laufen beigebracht kriegt, wagt es, ihn klein zu nennen?! Noch nicht mal ein einziges Haar schmückt sein Kinn oder seine Wangen.

Alberik kocht vor Wut. Ein zorniges und verächtliches Brummen ist zu hören. Aber dennoch unterdrückt er seinen Zorn.

'Kinder sind unschuldig und unwissend. Zuhause durftest du dir in jungen Jahren auch alles herausnehmen. Jeden Unsinn durftest Du treiben, und niemand hat dich bestraft. Also ganz ruhig. Das ist nur ein Kind.'

Doch Kinder müssen auch etwas lernen. Was soll sonst später aus ihnen werden? Und auch wenn dieses Kind es wohl später nie zu etwas bringen wird - wenn ihm jetzt noch kein Bart wächst, wird er wohl auch später keinen bekommen, und wie soll man etwas werden ohne Bart? - so kann es nicht schaden, ihm etwas beizubringen.

Feste stupst er mit dem linken Zeigefinger an die Schulter des Jungen, der anscheinend schon wieder mit etwas anderem beschäftigt ist.

"Ach, ich bin ganz klein?"

Alberik atmet tief ein, um spannt all seine Muskeln, um möglichst imposant zu wirken.

"Vielleicht bin ich klein. Aber hier auf diesem Schiff gibt es trotzdem niemanden, der es mit Alberik, Sohn des Atosch, in einem fairen Zweikampf aufnehmen kann. Denn es ist nicht nur die Größe, die zählt!"



NORDSTERN - Brücke: Klabauter am Steuer


Das Steuerrad ist eigentlich für Menschen gemacht und nicht so ganz perfekt für Klabauter. Aber Meergrün kann sich darunter und etwas rechts davon stellen. Dann kommt er ganz gut von unten an die Griffe dran. So steht er auch dem Menschen nicht genau vor den Füßen und hat auch noch freie Sicht nach vorn.

Im Moment reicht es ihm erstmal, das Ruder den Bewegungen des Menschen nach zu führen. Es sieht auch ganz leicht aus, man muss nur so schräg auf die Wellen zuhalten und die Nordstern drüber springen lassen. Simpel geradezu! der Klabauter hat durchaus Lust, es mal selbst zu versuchen.

Er blickt auf zu dem bärtigen Steuermann etwa zwei Schritt über ihm. Der unterhält sich grade mit dem Kapitän. Der alte Mann sieht auch schon etwas müde aus. Er hätte bestimmt nichts gegen eine Ablösung.

Das wäre doch die Gelegenheit für Meergrün mal zu zeigen, was er schon gelernt hat. Jetzt muss der Mann nur noch die Hände vom Steuer nehmen. Hm.



Die plötzliche, schnelle Drehung des Rades hat Meergrün doch etwas überrascht. Grade noch rechtzeitig konnte er die Hände einziehen und ein richtiges Unglück verhindert. Jetzt ist entsprechend sauer auf das Steuerrad.


wiillst du spiielen?

doch niicht miit miir!


was davon kommt

wiirst du schon sehn


Meergrün drückt den unteren Griff des Rades kräftig nach links.



Ha. Das war schon mal ein Erfolg. Für einen kurzen Augenblick war das Schiff in Meergrüns Händen bestens aufgehoben. Dummerweise hat dann der Kapitän eingegriffen und das Steuer durch rohe Kraft einfach weggedreht. Dabei war wirklich alles in Ordnung.

Der Kapitän hat wohl noch kein rechtes Vertrauen in Meergrüns Steuerkünste. Kapitäne sind halt manchmal besonders pingelig und bekritteln auch die kleinsten Fehler bei ihren Steuerleuten.

Aber kein Problem für den Klabauter. Meergrün ist geduldig und steuert gerne nochmal fünf Minuten nur mit. Das sollte ausreichen, um seine Fähigkeiten zu beweisen.



Den kurzen Kampf des Kapitäns mit dem Steuer bemerkt der zweite Offizier nicht weiter, dazu ging das einfach zu schnell, und auch die Anwesenheit des Klabautermanns fällt ihm - natürlich, wie sollte es auch anders sein? - nicht auf.

Er lässt seine Blicke noch kurz über das aufgewühlte Wasser rings herum schweifen, und geht dann ohne jedes weitere Wort die wenigen Schritte bis zu der Treppe, die auf das Oberdeck hinunter führt, und diese dann auch gleich herab, ohne sich in irgend einer Weise aufhalten zu lassen.

Auch das kurze Wegstück von dem einen Niedergang zum nächsten, der auf das Unterdeck hinab führt, wird rasch zurückgelegt, und nur ein weiterer kurzer Blick trifft das Meer, ehe der zweite Offizier das Deck verlässt.

'Wie mag der Anblick sein, wenn ich - später, vielleicht heute am späten Nachmittag - wieder hier heraufkomme? Werden die Wogen noch höher sein, oder wird es wieder ruhiger?'

Die Wolken helfen ihm bei der Einschätzung eher weniger, auch wenn sie halbwegs stabiles Wetter versprechen, so hat er es doch schon oft genug erlebt, dass es ganz anders kam, als es so früh am Morgen erschienen war.

Während dieser Überlegungen hat Lowanger das letzte Wegstück bis zu seiner Kabine zurückgelegt, wobei er den immer zahlreicher auf dem weiter bugwärts gelegenen Gangstück versammelten Menschen keinerlei Beachtung schenkt - er ist schlicht zu müde für Unterhaltung jeder Art.

So kündet schließlich nur noch das Klappen seiner Tür davon, dass der zweite Offizier in der relativen Ruhe seiner kleinen Kabine verschwunden ist.



was iist denn das

schläft er etwa


siieht er denn niicht

diie welle da


Panisch blickt Meergrün zu Jergan auf. Der Kapitän scheint aber nur entspannt nach vorne zu blicken. Bis jetzt ging ja auch alles glatt. Der Klabauter hat immer genau die umgekehrten Drehungen an Rad gemacht. Wenn der Kapitän oben nach rechts gedreht hat, hat Meergrün unten nach links gedreht, und umgekehrt. Wenn der Klabauter unten nach rechts gedreht hat, hat der Kapitän oben nach links gedreht.

Aber jetzt rollt eine große Welle an und eigentlich muss schnell jemand das Schiff ihr entgegenstellen. Und da der Kapitän offenbar den Ernst der Lage unterschätzt ...

Meergrün hätte nicht gedacht, dass er so bald schon eingreifen muss. Aber er kann in Gedanken bereits sehen, wie die Besatzung sich über das Wunder freut. Ein erstaunliches Wunder, das in letzter Sekunde noch die Nordstern vor dem sicheren Untergang bewahrt haben wird. Und nur ein kleiner Klabauter wird wirklich wissen, wer der Held des Tages ist.



Wieder einmal droht eine grosse Welle dem Schiff, die nicht ganz parallel zu den anderen läuft, und die Beherrschung damit besonders schwer macht, und meist auch nicht ganz so reibungslos, wie es sonst möglich und üblich ist.

Der Kapitän wartet darum fast bis zum letzten Moment, ehe er kräftig in die Speichen des Steuerrades greift und dieses nach Steuerbord kurbelt. Doch... wie bei der Übernahme - da ist ein merkwürdiges Verhalten des Steuers, das Jergan im Grunde auch nur unterbewusst wahrnimmt, weil seine Aufmerksamkeit fast ausschließlich der Umgebung der Karavelle gewidmet ist.

Doch... in der Tat - das Steuer hat mit der - richtigen - Bewegung schon einige Augenblicke vor dem Moment angefangen, in dem Jergan sie eingeleitet hat...

Und so trifft die große Woge unter einen ziemlich günstigen Winkel auf das Vorschiff der NORDSTERN, so dass es nur einige Spritzer sind, die auf das Deck spritzen, und nicht eine halbe Welle.



So passiert das schnell, wenn man zu sehr in der Zukunft lebt. Ein wenig zu blauäugig schaut Meergrün zu seinem eigenen Heldenmut auf, so dass ihn die Reaktion des Kapitäns überrascht.

Mit mächtigem Schwung wird ihm das Steuer aus den Händen gerissen. Doch Meergrün will nicht loslassen. So geschieht das Unvermeidliche. Das Steuer dreht sich. Meergrün hängt an dessen Griff. Also dreht sich auch Meergrün mit.

Am Anfang ist das ja noch ganz lustig. Doch dann beschleunigt Jergan das Rad immer weiter und die dünnen Klabauterarme finden an den für Menschen gemachten Griffen keinen Halt. Nach eineinhalb Umdrehungen rutscht er ab, wird im hohen Bogen vom Steuerrad weggeschleudert und landet zwei Schritt nach Backbord in einem kleinen Klabauterhäufchen.


oh je mii ne

o weii o weii



NORDSTERN - Oberdeck: Perval's Arbeit


Alles was man so zum Aufwischen und Reinigen braucht, befindet sich in einem Schrank, der sich wiederum im Laderaum des Unterdecks in der Nähe des vorderen Niedergangs befindet. Also glücklicherweise nicht weit von dem Ort entfernt, wo Perval sich gerade aufhält. Dabei muss Perval nicht mal an dem Gang vorbei, der vom Laderaum nach achtern verläuft und dabei unter anderem an der Kombüse vorbeikommt. So kommt es, dass er zwar einige Stimmen aus der Richtung der Kajüten der Offiziere und Passagiere hört, den Menschenauflauf vor der Küche aber (noch) nicht sieht.

Schnell ist Perval, bewaffnet mit Wischmop und Eimer, wieder zurück beim ersten Opfer seines 'Gucken'-Auftrages. Auf der obersten Stufe beginnend, wischt Perval jede Stufe ab, so dass kein Wasser mehr auf den Stufen steht Diese sind zwar immer noch feucht, was sich allerdings auch nicht vermeiden lässt. Dazu bedürfte es einiges Sonnenscheins, um die Stufen zu trocken. Glücklicherweise sind bei diesem Seegang die Türen zu den Niedergängen geschlossen, so dass nicht die erste Welle den Niedergang gleich wieder unter Wasser setzt. Und da an diesem Niedergang auch kaum Betrieb herrscht, besteht die Gefahr, dass ein unwissender Passagier die Tür oben offen lässt und so EFFerd einlädt, mittels einer Welle die Seefahrer zu lehren, bei solch einem Seegang die Türen der Niedergänge und die Bullaugen geschlossen zu halten, kaum.

Nach einigen Minuten des Wischens ist Perval dann auch mit dem Niedergang fertig. Kein Dreck noch Seewasser befindet sich nunmehr auf dem Niedergang, so kein keiner der Passagiere versehentlich ausrutschen sollte. Noch einen kurzen Blick wirft Perval auf den sauberen Niedergang, bevor er sich Gedanken macht, am hinteren Niedergang weiter zu machen.



Nachdem Perval sich von dem Anblick des gesäuberten Niedergangs losreißen kann, macht er sich auf in Richtung des achternen Niedergangs. Doch schon nach wenigen Schritten bleibt er vor dem Niedergang zum Ladedeck stehen.

'Wenn ich schon dabei bin die Niedergänge anzugucken und zu reinigen, kann ich den auch gleich mitmachen. Der scheint vom letzten Ladungs-Transport noch dreckig zu sein. Und vielleicht seh' ich ja auch, was wir so geladen haben.'

Perval macht sich noch immer einen Spaß daraus, sich an die genaue Anweisung der Bootsfrau betreffend des `Guckens´ zu erinnern und diese in seinen Gedanken zu benutzen. Zu sehr hat in dieser lapidare Befehl belustigt und verwundert.

Neugierig geht Perval den Niedergang zum Ladedeck hinunter. Gestern bei der Anweisung hatte man ihm das Ladedeck nicht gezeigt, da es dort nichts besonderes gibt. Und bisher hatte er auch noch keinen Grund und keine Zeit, dort hinunter zu gehen. Aber jetzt, wo er eine Arbeit hat, die in sozusagen das Ladedeck zwingt, nutzt er die Gelegenheit, um sich dort umzuschauen. Vom unteren Ende des Niedergangs aus schaut er sich im Ladedeck um.



Das Ladedeck der NORDSTERN macht einen sehr aufgeräumten Eindruck, wenn man von einigen wenigen noch nicht beseitigten Spuren auf dem Boden absieht, die noch von der Beladung stammen. Laderaum zwei, der von oben direkt durch die große Ladeluke beladen werden kann, ist etwa zu zwei Drittel mit Kisten verschiedener Größe, allerlei Ballen und dergleichem mehr gefüllt. Neben den notwendigen Durchgängen für die Matrosen hat man im Grunde nur den Platz in der Mitte freigelassen, direkt unter der großen Luke, denn es ist ja gut möglich, dass noch weiteres großes Gut bis nach hier unten gebracht werden muss.

Der andere Laderaum dagegen, der die Nummer vier trägt und in der Nähe des Hecks liegt, ist noch ziemlich leer. Nur eine Hand voll Kisten sind dort entlang der Bordwand aufgestapelt, und es sieht so aus, als habe man die Absicht, diese bei Bedarf auch wieder um zu stapeln. Weiterhin gibt es einen kleinen Verschlag, in dem eine größere Menge zusammen gerollter Hängematten lagert, ein deutlicher Hinweis darauf, dass dieser Laderaum auch als Unterkunft für Fahrgäste gedacht ist, die nicht bereit sind, viel zu zahlen, oder in den Kabinen auf dem Unterdeck keinen Platz mehr finden. Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass man diesen Raum bislang nur sehr verhalten für die Unterbringung von Ladung benutzt hat.



Etwas wirklich Interessantes kann Perval nicht sehen. Kisten und Ballen sieht man in jedem Laderaum und für eine nähere Inspektion der Kisten hat Perval weder die Zeit noch einen Grund. Er will ja nichts stehlen, nur wissen, was so im Laderaum ist und wie viel Ladung die NORDSTERN zur Zeit hat. Vielleicht kann man sich ja hierher verziehen, um mal einen kleinen Schluck des guten Selbstgebrannten zu sich zu nehmen.

Nach einem kurzen Rundblick durch den Laderaum macht sich Perval daher auch an die Arbeit die Stufen des Niedergangs zu reinigen. Die Arbeit an diesen Niedergang dauert etwas länger, da nicht nur Wasser aufgewischt werden muss, sondern Dreck. Dieser ist wahrscheinlich von den Schuhen der Matrosen beim Beladen des Ladedecks abgefallen. Langsam steigt er Stufe für Stufe hinauf während er immer die nächste Stufe wischt.



Stufe für Stufe des Niedergangs wird gewischt und der Dreck aufgesammelt, bis Perval die letzte Stufe erreicht hat und oben am Niedergang steht. Wieder besieht er sich seine getane Arbeit. Kein Dreck ist auf den ersten Blick mehr zu sehen.

Jetzt wo er sich wieder im Unterdeck befindet, hört er auch wieder die Stimmen der Menschen, die sich irgendwo achtern im Unterdeck aufhalten. Die ganze Zeit, in der er jetzt schon die zwei Niedergänge gereinigt hat, hat er keinen Menschen gesehen.

'Na ja, die Matrosen werden Schlafen oder an Deck arbeiten und die Passagiere werden sich wohl an Deck oder in ihren Kajüten vergnügen. Na, ich wird mal seh´n, was sich da achtern im Unterdeck so rum treibt. Ich muss da ja jetzt eh hin, um den hinteren Niedergang `anzugucken´.'

Ein leichtes Schmunzeln legt sich auf Pervals Gesicht, als er an die Anweisung der Bootsfrau denkt. Immer noch mit Eimer und Wischmop bewaffnet begibt sich Perval nun nach achtern.



NORDSTERN - Kabine: Onaskje's Habe


In der Kabine angekommen ist Onaskje immer noch mit sich selbst beschäftigt und beginnt langsam sein immer noch nicht weg gestautes Zeug wegzuräumen.

'Hinauf!'

Mit Schwung schmeißt er seine Satteltaschen auf seine Koje.

'Na, das war ja mal ein Morgen... Bei windigem Wetter auf See eine kleine Andacht geplant, die doch glatt zu einer Predigt mutiert ist. Ob da der Herr selbst seine Hand im Spiele gehabt hat? Aber jetzt habe ich doch wahrlich ein wenig Hunger.'

Der PRAiosgeweihte klopft sich auf den Bauch, dabei spürt er die Rüstung.

*klonk*.

'Na, auf See ist die wohl doch nicht ganz so angebracht - jaja, die Macht der Gewohnheit!'

Er streift sich den Umhang ab und schält sich aus seinem Brustpanzer. Schnell löst er die Schnallen und legt die einzelnen Teile an das Fußende seiner Koje.

'Aber ein bisschen was Warmes darf es dann schon sein. Vielleicht das blaue Hemd? Noe, nicht richtig warm. Aber an Garderobe habe ich wirklich kaum etwas dabei, seit ich den Kleiderbeutel in dieser beschissenen Waldherberge vergessen habe, bin ich noch nicht zu Ersatzeinkäufen gekommen. Hm. Was habe ich den sonst noch?'

Missmutig legt er das blaue Hemd wieder zuoberst in die Satteltasche, die gerade auf die Koje geflogen ist.

'Da muss ich doch von Grund an inspizieren!'

Wieder wird die Tasche herabgezogen und der gesammte Inhalt auf der Koje des Zwergen ausgeleert.

'So... Da wäre ja noch dieser Pullowir.'

Mit einer Hand hält er einen gestrickten quer blau und weiß gestreiften Pullover vor sich.

'Natürlich auch nicht mehr frisch, aber was solls. Wahrscheinlich werde ich nicht gerade heute mit einem Mädchen im Arme feiern.'

Ein Grinsen läuft über sein Gesicht, als er an sein letztes Vergnügen mit einer Frau denkt.

'Diese Söldnerin, die wusste was sie wollte - und schön war sie. Auch eine, die den falschen Beruf erwischt hatte!'

Tänzerin wollte sie eigentlich sein, hatte sie ihm spät an ihrem zweiten und letzten Abend erzählt. Schnell zieht er das Kleidungsstück über, und hängt sich danach wieder seinen Umhang um. Dann wendet er sich wieder dem Berg an Dingen auf der Koje zu. Da liegen einige Bücher, mehrere Beutel, ein kleines Kästchen, ein in Stoff eingeschlagenes längliches Ding, ein Kurzschwert in seiner Scheide, mehrere bunte Tücher und eine Menge anderer kleiner Dinge. Nachdenklich betrachtet er eines der Bücher:

'Die fünf Potenzen der Mechanik'

Ein interessantes Werk, schon gelesen, aber dennoch mitgeschleppt.

'Diese unglaublichen Einfälle, die die Mecanicae hatten, faszinierend! Und was man alles mit der Anwendung der Potenzen erreichen kann!'

Liebevoll streicht er über das Buch und staut es sorgfältig ganz unten in die Satteltasche.



Flink ergreift Onaskje eines der Tücher auf der Koje. Mit einem raschen Blick vergewissert er sich, dass die beiden Druiden friedlich am schlafen sind, dann spitzt er die Lippen und ein feuchter Speutz landet im Tuch.

'Naja, Wasser wäre besser, aber das gibts halt gerade nicht.'

Er greift sein Kurzschwert und zieht die Waffe aus der Scheide. Mit der linken Hand hält er sie, mit der rechten wischt er sie mit dem feuchten Tuch über, danach wird mit einem trockenen Tuch nach poliert. Nun spiegelt die hervorragend gepflegte Klinge und er kann sein Gesicht sehen.

'Hm, fast sauber...'

Schnell nimmt er das Tuch und reinigt sorgfältig das Gesicht, dort wo ihn der vermeintliche Seeadlerschiss getroffen hat. Dabei dient ihm das mit links gehaltene Schwert als Spiegel.

'So, jetzt erst mal was futtern, das ist jetzt das dringlichste.'

Rasch wird das Tuch ein- und die Klinge wieder weggesteckt. Dann verlässt er die Gemeinschaftkabine und geht in Richtung der Küche. Dort herrscht ein gewisser Andrang, durchaus verständlich, schließlich werden die anderen auch Hunger haben. Beim Anblick des Zwergen fällt ihm wieder das Gespräch über gemeinsames Frühstücken ein. Er bleibt vor der Küche stehen, schließlich ist dort ja kein Platz mehr "Guten Morgen, Allerseits!" grüßt er die zahlreichen ihm noch unbekannten Leute, wohl Passagiere und Matrosen. Zwar scheint sich der Zwerg gerade mit einem kleinen Bengel zu unterhalten ('Was die Rotznase hier wohl will? Ist doch noch viel zu jung fürs Matrosenleben, und Passagier ist er nicht, bei der Kleidung!). Außerdem steht da noch ein anderer Mann neben dem Zwerg,

'Ob die sich vielleicht gerade unterhalten? Egal, will den Steinbeißer ja nur kurz auf mich aufmerksam machen.'

Und so spricht er den Zwergen an:

"Hallo, wie siehts jetzt aus mit einem guten Happen? Ich kann jetzt ordentlich was vertragen."



NORDSTERN - Oberdeck: Darian und Hesindian


Als der Praiot seine Predigt beendet hat und unter Deck verschwindet, entspannt sich der junge Magus wieder. Da die beiden Jungen nun verschwunden sind, kann er ganz ungestört das Gespräch mit Hesindian wieder aufnehmen.

"Wie ich sehe, habt Ihr Euch der Bildung der beiden Jungen angenommen, Euer Gnaden. Und wie ich sehe, habt Ihr mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie meine Eltern, beide ebenfalls Geweihte unsrer beider Herrin, daheim in Yramis. Auch sie haben sich der Volksbildung verschrieben und auch sie stellen immer wieder fest, dass das Volk sich zumeist einfach nicht bilden lassen will. Sehr zum Leidwesen der HESindekirche."



Hesindian wirft dem Magier einen trotzigen Blick zu.

"Ich gebe meine Sache so schnell nicht verloren, Adeptus. Die Herrin lehrt uns, Geduld zu zeigen mit den Unwissenden. Ich setze grosse Hoffnungen und Erwartungen in ALRIK; der Junge ist gewitzt und besitzt eine phexische Schläue."



"Oh, versteht mich nicht falsch, Euer Gnaden. Es liegt mir fern, Euer Vorhaben anzuzweifeln, ich möchte lediglich anmerken, dass es nicht einfach sein wird," antwortet Darian auf die Worte des Hesindegeweihten, "Seht, der Schiffsjunge stammt höchstwahrscheinlich aus sehr einfachen Verhältnissen, er wird den Wert HESindes Gaben nicht zu schätzen wissen. Zwar sind die Dinge, die Ihr ihm zu vermitteln gedenkt, gewiss recht einfach zu lehren - Ihr dachtet doch zunächst an die Kusliker Zeichen? - und auch ein einfacher Schiffsjunge ist durchaus in der Lage sie zu verstehen und doch wird er sich geradezu dagegen sträuben etwas zu lernen. Es liegt einfachen Menschen fern, auch nur an die nähere Zukunft zu denken. Ihre Gedankengänge kreisen einzig um das hier und jetzt, er wird schlicht nicht einsehen, wozu er etwas lernen soll, wenn er doch auch ohne Bildung an Bett und Nahrung kommt. dass er es wesentlich weiter bringen kann, wenn er des Lesen und Schreibens mächtig ist, das ist ihm nicht bewusst. Dieses Bewusstsein müsst Ihr ihm vorallem vermitteln. Glaubt mir, den Jungen zu lehren, warum er lernen soll wird den weit größten Teil der Zeit in Anspruch nehmen."



Bekräftigend nickt Hesindian zu den Ausführungen des Magus.

"Dessen bin ich mir wohl bewusst, und ich hoffe in der Tat, bereits einen Ansatz entdeckt zu haben, dieses Verlangen nach HESindes Gaben in ALRIK zu wecken."

Suchend lässt Hesindian seinen Blick über das Oberdeck schweifen.

"Aber damit es soweit kommen kann, muss ich erst einmal mit dem Kapitän sprechen." meint er und deutet auf das Brückendeck, wo er Jergan am Steuerrad entdeckt hat.

"Wollt ihr mich vielleicht begleiten?" fragt er den Adeptus, während er schon langsam den Schritt in Richtung Brückenaufgang lenkt.



"Gerne werde ich Euch begleiten," antwortet Darian dem Geweihten, dann macht er auch schon einen Schritt Richtung Brücke. Dabei erinnert ihn eine etwas größere Welle daran, dass er sich auf einem Schiff befindet, schnell ergreift er eine der Sicherheitsleinen, was ihn davor bewahrt, sich auf dem Deck hinzulegen.

"Ich glaube wir sollten uns wirklich besser festhalten," sagt er, während er damit beginnt, sich an der Leine entlang zum Brückendeck zu hangeln.



Gerade noch rechtzeitig gelingt es auch Hesindian, sich festen Halt an der Reling zu verschaffen, bevor der raue Seegang ihn von den Beinen fegt.

"Da gebe ich Euch wohl recht, Adeptus." bestätigt Hesindian mit leicht zitternder Stimme, hat er sich doch schon ueber Bord gehen und in dem kalten Reich EFFerds untergehen sehen. Mit der freien Hand drückt er die Schatulle, die die Hlg. Miesmuschel enthält, fester an seinen Körper und vertreibt mit etwas Willenskraft den Gedanken, ob der Herr der Gezeiten sein Heiligtum zu sich holen wolle.

Jeder Schritt ist nun vorsichtiger gesetzt, als er sich zum Brückenaufgang voran arbeitet, und dort nun auf einen günstigen Moment ruhiger See wartet, um den steilen Aufgang empor zu klettern.



NORDSTERN - Oberdeck: 'Füchse' unter sich


Torin sieht, wie Phexane zu ihm hinüber schaut und mit den Schultern zuckt. Ebenso bemerkt er, dass sich auch ihr Gesprächspartner zu ihm hinwendet. Als sich die kleine Schwarzhaarige dann jedoch wieder dem älteren Herrn zuwendet und weiterredet, senkt er die Augenbrauen.

'Miu pikusch... Die werden doch wohl nicht über mich sprechen??'

Durch die feinen Häarchen seiner heruntergezogenen Augenbrauen und unter der Krempe seines Hutes hindurch mustert er den Mann.

'Er scheint schon einige Jahre auf dem Buckel zu haben... Und seine Kleidung sieht auch recht zerwühlt aus. Es sieht fast so aus, als hätte er die Nacht darin verbracht...'

Ein leichtes Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht. Gerade will er sich schon über seine eigenen Witz und das Aussehen des älteren Mannes lustig machen als ihm auffällt, dass sein verdrecktes Hemd und seine schmuddelige Hose auch nicht besser aussehen. Und damit erlischt das auf seinem Gesicht erschienene Grinsen wieder.

'Naja, was soll's! Dann sehe ich eben eher einem Bettler gleich als einem Geweihten...'

Aber irgendwie stört das Torin nicht. Innerlich brennt er darauf, endlich wieder ein Zwiegespräch zu führen.

Als er sich einen Ruck gibt und auf die Beiden zu schlendert, mustert er den Mann eingehender. Die teilweise schräg vom Kopf abstehenden, graublonden Haare und die tief in den Höhlen sitzenden Augen lassen auf eine sicher ebenso lange Nacht schließen, wie die, die er selbst erlebt hatte.

Auch der Versuch, mit Fingern etwas Ordnung in die wirren Haare zu bekommen, scheitert kläglich. Torin kann sich beim besten Willen nicht erinnern, ob er Phexane an diesem Morgen schon gegrüßt hat. Nur zu seiner eigenen Sicherheit, aber deswegen keineswegs uncharmant, nimmt er deshalb seinen Hut ab.

"PHEx zum Gruße, holde Frau Fuxfell."

Während er sich zu dem anderen Passagier wendet, drückt er sich den Hut wieder fest auf den Kopf.

"Und PHEx zum Gruße auch euch, werter Herr. Ich hoffe, dass ich die Herrschaften nicht im Gespräch unterbrochen habe."



Phexane bemerkt wie Jarun sich herrichtet.

'Pagagei... naja, eigentlich passt eitler Pfau besser zu ihm. Aber als Gaukler muss man ja schon stärker auf sein Aussehen achten.'

Doch bevor sie sich überhaupt zusammen reißen muss, um nicht vorlaut den Mund aufzureißen und die Worte zu entlassen, die ihr wieder mal den Unmut Jaruns sichern würden, gesellt sich Torin zu den beiden und grüßt sie reichlich charmant.

Überrascht schaut sie zu dem wesentlich größeren Mann auf. Wann war er eigentlich jemals so ... nett? Im Laderaum? Nein, da hat er sie zu Tode erschreckt. Und später? Absolut nicht! Lediglich in der Gemeinschaftkabine, als sie sich hat gehen lassen.

"PHEx zum Gruße," antwortet sie Torin, "ihr habt uns nicht unterbrochen. Im Gegenteil - Jarun wollte euch etwas fragen."

Bei den letzten Worten deutet sie auf den Gaukler.

'Hmmmm, besser ich bleibe hier. So erfahre ich auch mal mehr über ihn, ohne dass ich ihn selber fragen müsste.'



Torin wendet sich bei Phexanes Worten an Jarun.

"So, und was wolltet ihr mich fragen?"



Phexane betrachtet das Meer und erinnert sich an Efferdans Worte, während Torin Jarun anspricht.

'Das Meer wandelt sich ständig und dennoch ist es immer dasselbe... '

Unwillkürlich spielt sie mit ihrer rechten Hand an ihrem Holzanhänger, der an einem Lederband um ihren Hals hängt. Sie spürt das glatte, warme Holz und ihr Blick scheint sich langsam ins Nirgendwo zu verlieren.

Ihre Gedanken dagegen kreisen um ihre Zukunft. Sie hatte sich nie großartig Sorgen darum gemacht. Phexane ließ sich bisher eigentlich immer nur treiben. Sie kam irgendwo an, sah sich um und ergriff dann irgendwelche Möglichkeiten, die sich ihr boten. Den einzigen Plan für die Zukunft, den sie in ihrem Leben bisher hatte, konnte nie und wird auch nie erfüllt werden.

'Allein... das werde ich auch weiterhin bleiben, wenn mein Leben so weitergeht. Ich reise umher, verschwinde irgendwann und tauche woanders wieder auf.'

Unzufriedenheit macht sich in Phexane breit, während sie versucht sich eine Zukunft vorzustellen, die ungewisser kaum sein kann. Wo wird sie in 10 Jahren sein? Was wird sie dann machen? Und eine noch interessantere Frage: Wer wird sie dann überhaupt sein?

Sie spürt, nach diesem Blick in die ungewisse Zukunft, den Holzanhänger wieder und fühlt, wie ihr Herz schwerer wird.

'Ich will eigentlich nicht mehr länger alleine sein! Ich will... nach Gareth! Zu Nimion.'

Phexane schluckt den Kloß, den sie langsam in ihrem Hals fühlt, hinab und ihr Blick richtet sich auf die Planken am Boden. Sie verfolgt die Maserung für einen Moment, stoppt aber dann bei Torin Rotmarders Stiefel.

'Er will auch nach Gareth. Ob sich unsere Wege dort nochmal kreuzen werden?'

Ihr Blick gleitet an seinen Stiefeln und der Hose entlang nach oben, zu seinem Hemd, dem Hals...

'Wann würde ich ihn dann wiedersehen? In einem halben Jahr oder in fünf Jahren... oder nie wieder?'

... über sein Kinn mit dem Bart und seinem Mund entlang...

'Ich würde lieber mit ihm nach Gareth reisen! Ich habe es satt immer nur alleine zu sein!'

... hin zu seinen braunen Augen. Hier stoppt sie.



Noch immer liegt Torins Blick erwartungsvoll auf Jarun. Er weiß nicht viel über den älteren Herrn, doch dass im Alter die Weisheit kommen soll, das hat ihm Vater Rotmarder oft genug gesagt.

Nur kann er sich gerade das beim Anblick des recht zerzausten Herrn nicht vorstellen. Die Haare strecken sich noch immer in alle Richtungen und das Hemd kann auch nur eiligst zugeknöpft worden sein, steht doch ein Knopfloch leer. Dies jedoch zu erwähnen wäre vor Frau Fuxfell nicht besonders charmant und deshalb entscheidet sich Torin dafür, in in eine andere Richtung zu schauen.

Sein Blick gleitet über das Oberdeck. Um ihn herum gehen die Dinge ihren gewohnten Gang. Der Kapitän steht am Steuerrad und wacht über die sichere Reise der NORDSTERN. Der hellhäutige Matrose steht wieder am Tauwerk und arbeitet, als ob nichts gewesen wäre. Und auch die anderen Matrosen sind offensichtlich am Arbeiten. Nur der Adlige scheint stacksig über das Deck zu tanzen.

Torin schnaubt leise durch die Nase aus und schüttelt den Kopf.

'Diese feinen Pinkel wissen sich wirklich nur in ihren geschmückten Hundehäusern zu benehmen. Sobald sie auch nur einen Fuß vor die Türe setzen, sind sie verloren.'

Dann jedoch fängt er unwillkürlich den Blick Phexanes auf. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass sie ihn anblickt. Ein leichter Schauer bahnt sich den Weg über seinen Rücken als er ihren Blick erwidert.

Mit einem Mal scheint ihr Gesicht nur noch aus den schönen, braunen Augen zu bestehen in denen sein Blick versinkt. Für die Gefühle die ihm plötzlich durch den Kopf schweben kann er keine Worte finden.



"PHEx zum Gruß, Herr Rotmarder. Es freut mich euch endlich kennen zu lernen. Lange reisen wir beide schon auf diesem Schiff, doch die Gelegenheit sich näher zu unterhalten gab es noch nicht."

Jarun gibt es auf, sein etwas unpassende Aufmachung zu richten. Eher lächerlich würde es wohl wirken, als das es seinem Ruf noch irgendwie helfen würde.

"Entschuldigt meine Aufmachung, aber die laute Stimme des Praioten ließ mich aus meinem wohlverdienten Schlaf wachen. Bei einer solch aufdringlichen Rede vermag nicht einmal ein etwas schwerhöriger alter Mann, wie ich, in seinen Träumen zu versinken."

'Vielleicht vermag diese Entschuldigung den ersten Eindruck von mir zu verbessern.'

"Ich sprach gerade mit Phexane über euch, denn es scheint mir, als seinen wir uns schon einmal über den Weg gelaufen, bevor ich auf die Nordstern kam. Auf meinen Reisen bin ich viel in Aventurien herumgekommen. Brabak, Riva, Gareth, Khunchom, Greifenfurt, Havena und natürlich meine Heimat Fasar, um nur die Bekanntesten zu nennen. Möglicherweise war ich auch in eurer Heimat. Könnte es sein?"

Während Jarun auf eine Antwort von Torin wartet, versucht er sich einen Eindruck über Torin zu verschaffen.

'Tischler? Wohl sehr unwahrscheinlich! Möglicherweise ein Wandersmann, der sich sein Geld mit verschiedenen Arbeiten verdient.'



'So so, er hat mit Frau Fuxfell über mich gesprochen. Dann war meine Vermutung also doch richtig. Aber, was weiß sie schon über mich. Doch noch weniger als ich über sie.'

Torin blickt kurz zu Phexane um eine fast unmerkliche Geste zu machen. Doch in engeren Diebeskreisen gehört diese Form der 'Sprache' zur täglichen - und nächtlichen - Arbeit dazu. Seien es kleine Tips beim Boltan oder einfach ein kurzes, unhörbares Zeichen zum Angriff, für Torin ist Atak - die Sprache der Diebe - fast so normal wie seine Muttersprache. Nur eine schnelle Geste, doch sollte Frau Fuxfell sie deuten können, so sieht sie sich der Frage 'Weiß er es?' gegenüber.

Um ihr etwas Zeit für ihre Antwort zu geben, schwenkt Torin zurück zu Jarun und lacht kurz laut auf.

"Der PRAiosdiener... Was den Praiot angeht, ihr könnt von Glück sprechen, dass er sich euch nur mit seiner Stimme aufgedrängt hat. Dieser praiotische Trampel ist mir wahrhaft vom oberen Stockbett aus auf den Fuß gesprungen. Und ich kann mir nach dem Erwachen mit einem Wolf im Kopf wirklich etwas Schöneres vorstellen."

Dann wendet sich sein Blick wieder der kleinen Schwarzhaarigen zu.

"Was meint ihr dazu, Frau Fuxfell?"



'Vielleicht könnten wir zusammen... '

Phexanes Blick versinkt in Torins Augen, doch nur für wenige Sekunden, denn Jarun antwortet ihm und so wird ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Gaukler gerichtet.

Dennoch bleibt ihr nicht die schnelle und geradezu unmerkliche Geste von Torin verborgen. Phexane versteht sie - auch sie beherrscht Atak, dass sie schon als junges Mädchen in Havena erlernte.

Kurz blickt sie ihn überrascht an, will dann ebenso antworten, doch sofort richtet Torin wieder seine Aufmerksamkeit auf Jarun, erzählt ihm von dem Vorfall in der Kabine und wendet letztendlich wieder seinen Blick zu ihr und fragt sie, was sie dazu meint.

"Äh, was? Nein!" antwortet sie leicht verwirrt und nicht sicher, was er denn nun eigentlich meint. Hektisch blickt sie einmal kurz zu Jarun, dann zu Torin, dann wieder zu Jarun und dann nochmal zu Torin.

'Was meint er denn bloß? Meint er die Sache mit dem Praioten? Und was sollte die Frage vorhin? Was weiß Jarun? Was weiß ich???'



Die Worte der Schwarzhaarigen verwirren Torin etwas. So hatte er sich die Antwort eigentlich nicht vorgestellt.

'Kann sie kein Atak? Oder hat sie die Geste nicht gesehen? Oder mir nicht zugehört? Oder hat sie die Antwort nur verpackt... Hmm... Ja... Das könnte es sein... Genau! Das wird es sein. Das muss es sein!'

"Ihr habt mir nicht zugehört." lächelt er Phexane an. "Aber das macht nichts... So wichtig war die Frage auch wieder nicht."

Damit wird Torin wieder ernster und wendet sich Jarun zu.

"Um auf euere erste Frage zurück zu kommen, es kann gut sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Aber ich glaube nicht, dass es weit außerhalb von Gareth war. Natürlich kann es sein, dass ihr schon einmal in meiner Tischlerei wart und einige Stühle kaufen musstet. Das geschieht nach Kneipenschlägereien öfters. Aber an euer Gesicht kann ich mich nicht erinnern. Na ja, Dere ist wohl doch zu groß, um sich gerade hier auf einem kleinen Schiff wieder zu treffen."

Offen und trotzdem wohl nur für Phexane zu erkennen macht er wieder eine Geste: Danke



Interessiert lauscht Jarun Torins Worten. Doch die Gesten, die der angebliche Tischler benutzt, geben seltsamer Weise einen sinnvollen Satz in Atak, der Zeichensprache der Diebe. 'Weiß er es?'

Die Worte über den Praioten rauschen lediglich durch Jaruns Kopf, während er sich Gedanken darüber macht, was Torin vor ihm zu verbergen zu versucht.

"Ich kann mich nicht daran erinnern, in Gareth die Fähigkeiten eines Tischlers benötigt zu haben. Bei Schlägereien halte ich mich meistens raus. Ich bin ja schließlich nicht mehr der Jüngste und mit dem Jungvolk von heute, kann ich es dann wirklich nicht mehr aufnehmen. "

Jarun unterbricht kurz und hustet. Mit seiner linken Hand verdeckt er den offenen Mund, während die rechte Hand, verdeckt von seinem Körper nur für Phexane und Torin sichtbar, einige Worte in Atak formt.

'Weiß er es?'

Jaruns Hustenreiz hat sich gelegt und er zieht seine Hand vom Mund zurück. Ein überaus breites und freundliches Lächeln ziert sein Gesicht.

"Diese frische Seeluft bekommt meiner Gesundheit nicht sonderlich gut und da heißt es immer die Seeluft vermag Duglums-Pest zu heilen. Krank macht sie, dass ist die Wahrheit."

Dabei klopft er sich kurz auf den Brustkorb.

"Es kann durchaus sein, dass ihr mich nicht wiedererkennt, denn normalerweise ist meine Erscheinung wesentlich auffälliger. Mein Beruf und meine Leidenschaft ist die Kunst des fahrenden Volkes und bedarf einer gewissen Portion Auffälligkeit."



Die Verwirrtheit hat nun Phexanes Geist vollkommen übernommen und feiert stolz die Machtübernahme auf den Rest Hirn, den sie glaubte bis eben noch zu besitzen.

'Wofür bedankt er sich?'

Doch bevor sie Torin fragen kann, redet Jarun weiter und macht dann ebenfalls ein Geste auf Atak, wobei er Torin wiederholt. Phexane fängt an breit zu grinsen, denn eigentlich hätte es ihr klar sein müssen, dass Jarun ebenfalls die Diebessprache beherrscht.

Sie wendet sich an Torin, als sie beginnt zu reden, doch nebenbei macht sie ebenfalls ein paar unauffällige Gesten mit ihrer rechten Hand, die die beiden sehen können -

'Jetzt weiß er es.'

"Jarun hatte eine sehr interessante Vorstellung auf dem Schiff in Prem gegeben. Ich hoffe," und dabei wendet sie sich wieder an den Gaukler, "dass ihr noch einmal auf dem Schiff euer Können zum Besten gebt."



'...die Kunst des fahrenden Volkes...' wiederholt Torin in Gedanken, während Phexane spricht. '...fahrendes Volk...'

Dann erhellt sich sein Gesicht.

"Ihr seid der Gaukler... Ja, ihr habt recht, in euerer Maske seht ihr wirklich völlig anders aus."

Doch dann lassen ihn die gestikulierten Sätze von Jarun und Phexane erst einmal verstummen. Einige Male blickt er unschlüssig zwischen den Beiden hin und her. Dann jedoch hat Torin sich wieder unter Kontrolle.

"Die Vorstellung in Prem, im Hafen, wenn ich mich recht entsinne." antwortet er nachdenklich.

Mehr noch als die Geschehnisse vor zwei Wochen beschäftigt ihn allerdings die Frage, wie die zerbrechlich wirkenden Finger des alten Herrn mit solcher Leichtigkeit seine eigenen Gesten nachformen können.

"Ja, ich glaube mich zu erinnern, dass ich vom Fenster meines Dachzimmers ein befestetes Schiff im Hafen liegen sah. Das war kurz bevor Frau Fuxfell und ich uns das erste Mal trafen."

Warum er das letzte Wort so seltsam betont, wissen wohl nur Phexane und er. Doch er tut es nicht ohne Grund.

"Es ist wirklich schade, dass ich euere Vorstellung damals verpasst habe." fährt er fort. "Aber ich stimme Frau Fuxfell zu, es wird schon nicht euere Abschiedsvorstellung gewesen sein. Jemand mit so viel Wissen und Fingerspitzengefühl wie ihr hat sicher sein ganzes Leben lang geübt um diese Präzision zu erlangen."

Wesentlich leiser fügt er noch hinzu.

"Es scheint, als hat PHEx selbst seine Hand im Spiel, denn eigentlich hatte ich vor, in Salzerhaven von Bord zu gehen."



"Ein Abschiedsvorstellung? Dafür wird sich bestimmt noch ein Gelegenheit ergeben. Allerdings dauert es noch etwas, bis ich das Schiff verlassen. Grangor ist mein Zielhafen. Vielleicht überlegt ihr euch ja, auch so lange auf der NORDSTERN zu bleiben."

Jarun schaut an die Stelle, an der vor wenigen Minuten noch der Praiot gestanden hat.

"PHEx scheint entschieden zu haben, das eure Fähigkeiten auf der NORDSTERN dringender gebraucht werden, als in Salza."

Immer noch ist sich Jarun sicher, dass er Torin bereits schon einmal gesehen hat, doch eine Zuordnung ist ihm noch nicht möglich, doch stetig sucht er nach der Herkunft seiner Erinnerung.

'Greifenfurt? Ein Mitglied der Diebesgilde von Fasar? Ein Meuchelmörder aus Al'Anfa?'

Jarun's Gedanken kreisen um die Städte, die er in seinen vielen Jahren als Heimat zu bezeichnen gelernt hat.



Auch Torins Augen folgen dem Blick Jaruns und so schaut auch er zum Vordeck hinauf.

"Möglich, dass der Herr PHEx seine Hand im Spiel hat. Aber trotzdem werde ich in Havena von Bord gehen. Denn der Grund, warum ich auf diese lange Reise ging, den gibt es für mich nicht mehr. Und ich freue mich auf meine Heimat."

Dann blickt er lächelnd zwischen Phexane und Jarun hin und her.

"Aber wer kann schon wissen, was bis dorthin noch geschieht."



Schweigend verfolgt Phexane das Gespräch zwischen Torin und Jarun. Sie mustert beide ein wenig, wechselt mal das Standbein, verschränkt die Arme hinter ihrem Rücken... dann aber sagt Torin etwas, was ihre Neugier weckt.

"Was war denn der Grund euerer Reise?" fragt sie ihn unverhohlen neugierig.

'Und was war überhaupt meiner?'



Auch Jarun schaut Torin neugierig an, denn eine Antwort auf Phexanes Frage könnte durchaus interessant sein. Eine Frage, die er an Phexane richten wollte, stellt er erst einmal zurück, um Torin nicht ins Wort zu fallen.



Torin kann beinahe fühlen, wie sich die Augenpaare von Jarun und Phexane an seine Lippen kleben. Beide sind begierig darauf, zu erfahren, was ihn zu dieser lange Reise bewegt hat.

Für einige Momente blickt er wieder zu Phexane und scheint etwas in sich zu sinken. Konnte er den beiden wirklich die Wahrheit sagen? Aber wieso auch nicht? Wie er 'Herrn' Jarun einschätzt, könnte er sich auf ihn wohl mehr verlassen als auf Mark, seinen jüngeren Bruder. Und Frau Fuxfell? - In ihren Augen glaubt er etwas erkennen zu können, und doch weiß er nicht genau, was es ist. - Trotzdem!

Er nickt Phexane leicht an, bevor er ruhig und etwas melancholisch antwortet.

"Die verlorene Liebe..."

Plötzlich kann er wieder die dunkelblond schimmernden Haare Liasanyas vor sich sehen, ebenso ihr schmales, freundlich lächelndes Gesicht. Tief in seiner Brust glaubt er wieder die Schmerzen des Verlustes zu spüren.

"...und ein Goldeichenherz..."

In Gedanken erscheint ihm der goldene Kopfschmuck, den er einst nur für Liasanya hatte anfertigen lassen. Gerade als würde er den feinen Kopfschmuck in den Händen halten, so kann er das glitzernde Smaragdherz zwischen zwei goldenen Eichenblättern genau vor sich sehen. Sogar den nach hinten offenen, geschwungenen Goldreifen glaubt er fast greifen zu können.

Plötzlich fühlt er sich mutlos. Torin schließt die Augen und lässt den Kopf sinken.

"...trieben mich auf die Reise."

'Ich habe Liasanya nicht gefunden. - Sie hat mich gefunden. - Mitgeteilt, dass es ihr gut geht und dass ich mir keine Sorgen mehr um sie machen soll.'

Abermals glaubt Torin den Schmerz in seiner Brust zu spüren. Liasanya hatte also einen Anderen gefunden...

Vielleicht hatte er zu lange einem schönen Traum nachgejagt. Auch wenn er auf das Goldeichenherz geschworen hatte, niemals eine andere Frau zu begehren, so begriff er in diesem Augenblick, wie träumerisch und bauernschlau seine Sichtweise gewesen war. Fest presst er seine Augen zusammen.

Er versucht, sich an die angenehmen Träume zu erinnern, die ihn immer wieder weiter nach ihr suchen ließen. Es scheint ihm, als fühle er das weiche Gras noch immer unter seinem Körper. Er versucht, sich den warmen Wind und den süßen Blumenduft in Erinnerung zu rufen. Doch seine Gedanken erzeugen nur einen matten Schimmer dessen, was Liasanya ihm zu geben imstande war.

Langsam öffnet er die Augen. Doch er blickt nicht in Liasanyas Gesicht, nicht in ihre schönen graugrünen Augen. Kein Goldeichenherz bändigt ihr dunkelblondes Haar. Statt dessen blickt er in die braunen Augen von Frau Fuxfell. Ihr schwarzes Haar weht locker im Fahrtwind. Und doch spendet gerade ihr Anblick seinem Herzen Wärme und Trost wie er sie bei Liasanya nie finden konnte.



Ruhig, wie ein Fels in der Brandung, steht Phexane da. Und ebenso wirken ihre Gesichtszüge und ihre Körperhaltung - kühl, reg- und gefühllos. Keinerlei Reaktion kann ein zufälliger Beobachter an ihr entdecken. Doch diejenigen, die sie etwas genauer betrachten, während Torin von einer verlorenen Liebe spricht, könnten unter Umständen ein kurzes Zittern der Arme, die sie noch immer hinter ihrem Rücken verschränkt hält, feststellen.

Es ist nur ein kurzes Zittern, hervorgerufen durch das Anspannen der Armmuskeln, um ein auffälligeres Schaudern zu verhindern, denn über ihren Rücken fuhr ein mächtig kalter Schauer, als Phexane Torins Worte vernahm.

'Verlorene Liebe... er trauert ihr immer noch hinterher...'

Phexane fühlt, wie ihr Herz ein wenig schwerer wird und sie holt kurz tief Luft, um diese mit einem stummen Seufzer wieder zu entlassen. Sie fühlt dabei, wie die frische, kühle Seeluft in ihren Mund und ihre Lunge strömt.

Phexane versucht für einen Augenblick lang kühl Torins Blick zu erwidern, doch dieses Unterfangen bleibt erfolglos. Kurz senkt sie ihre Augen, um vorgeblich die Planken zu betrachten.

'Aber... sagte er nicht, dass der Grund, warum er sich auf diese Reise gemacht hat, nicht mehr existiert? Hat er sie aufgegeben?'

Sie hebt wieder ihre Augen und schaut direkt in die von Torin, um darin eine Antwort auf ihre Frage zu finden. Gerne würde sie ihn fragen, doch sie schafft es nicht, ihre bleischweren Lippen zu bewegen, um die Worte, die ihr auf der Zunge liegen, zu entlassen.

'Und wenn schon - es kann mir doch egal sein!'



In den Augen seines Gegenübers vermag der Aufmerksame Antworten zu lesen, doch Torin sieht nur die braunen Augen Phexanes. Noch immer blickt er sie an und versucht sich über sein Leben und Liasanyas Worte Klarheit zu verschaffen.

Je mehr er in seinem Geist nach Antworten forscht, desto mehr scheinen sich ihm diese zu entziehen. Er fühlt sich einsam in der Nacht. Er will nicht mehr die flackernde Kerze im Spiel des Windes sein. Doch wie sollte er das ändern?

"Es ist schon gut," meint Torin mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen. Die Hand auf seiner Schulter gibt ihm Halt. Sie spendet ihm Trost während er sich Worte sagen hört, die er sich selbst nicht eingestehen möchte.

"sie hat eben einen Anderen und ich bin frei..."

Als hätte er noch nie geflunkert, so kann er seinen Worten die wahre Bedeutung nicht nehmen.

"Wißt ihr, Herr Jarun, vor zwei Wochen war ich noch der festen Überzeugung, sie bald wiederzusehen. Doch wenn ihr mich jetzt fragen würdet, so könnte ich euch keine Antwort geben."

'Lügen... Nichts als Lügen... Mein ganzes Leben besteht daraus... Sag mir, Vater Rotmarder... Warum kann ich keinem Menschen vertrauen?'

Mit leicht getrübtem Blick schaut er über Jaruns Hand hinweg auf die wogende See. Sie gleicht seinem eigenen aufgewühlten Gemüt mehr als er es je zugeben würde.

'Flieg meine edle Taube. Flieg bis zum Horizont und weiter... Mögest du es bei ihm besser haben als bei mir...'

Sein Kopf hebt sich etwas, als er einen Vogel in seinem Sichtbereich bemerkt. Gedankenverloren blickt er ihm hinterher.

'Bei mir...' echot es in Torins Kopf. 'Liasanya, ich hätte dir alles gegeben... alles was ich konnte... Aber ich bin kein...'

Er ballt unwillkürlich seine Hände zu Fäusten.

'...Elf.'



Phexane bekommt die Antwort, die sie hören wollte. Wobei sie sich selbst noch nicht mal eingestehen würde, dass sie genau diese Worte hören wollte.

Aber liegt in Torins Worten nicht eine gewisse Trauer? Oder ist es eher Verbitterung?

Wieder senkt Phexane ihren Blick hinab auf die Planken, spürt dabei wie ihr Herz schwer wird, denn Torin ist hier nicht der einzige, der eine Enttäuschung in der Liebe wegstecken musste.

"So richtig kommt man nie darüber hinweg... finde ich," sagt sie ein wenig leise und auch etwas verbittert.



Trotz des Windes, der Torins Haare unter seinem Hut hervor zerrt, hört er die Worte Phexanes. Noch immer hängt sein Blick an den aufgebrachten Wellen. Leicht zynisch denkt er über die Bedeutung ihrer Worte nach.

'Ihr versteht es wirklich, einem Menschen Hoffnung zu machen, Frau Fuxfell...'

Dann aber merkt er, dass sich ihre Worte nicht unbedingt auf ihn beziehen müssen.

'Könnte es sein, dass sie selbst schon in einer solchen Lage war? dass sich ihre Worte auf ihre eigene Lage beziehen?'

Langsam wendet er sich vom aufbrausenden Meer ab.



NORDSTERN - Unterdeck: Das Morgenmahl


Wasuren ruckt erfreut aus seiner ungemütlichen Position an der Wand, in der er fast eingenickt wäre, hoch. ALRIK und Ameg luken gerade in die Küche.

"Tach Jungens" grüßt Wasuren die beiden zurück.

Und just in diesem Moment gibt doch tatsächlich der Smutje wieder ein paar spärliche Worte von sich.

'Hat der eben was von anpacken, Essen und Bier holen gesagt?' hallt es in Wasurens Ohren noch einmal nach.

Wasuren macht mal wieder einen vorsichtigen Schritt, in dieser ach so schmalen Küche, auf den Smutje zu und packt sich mit allerlei bereits fertigen Speisen voll. Dabei murmelt er Garulf ein "Ich bring das mal rüber" zu und dreht sich damit auch schon um.

'Der kleine "Mann" in der Tür da, steht etwas ungeschickt' fährt es Wasuren durch den Kopf als er gerade über legt wie er schnellst möglich aus der Küche kommt.

Auf einmal wirkt dieser kleine Kerl ganz aufgeregt und redet mit Ameg, der ja schon wieder irgendwo anders beschäftigt ist, in einem eher unfreundlichen Tonfall. Dann plustert sich der Kerl auf und Wasuren wird das zu viel.

'Wenn der nicht gleich aufhört muss ich wieder lachen und davon hatte ich eben schon genug!'

Wasuren schüttelt den Kopf, geht dann leicht in die Knie und stupst den Zwerg, schon etwas fester, wie es halt die Art bei Thorwalern ist, an die Schulter. Dann richtet er sich wieder auf und sagt gut gelaunt zu dem Zwerg.

"Hey du, könntest du wohl mal aus dem Weg gehen, die Jungens und ich wir ham

zu tun."

Dabei grinst er wie ein Honigkuchenpferd, mit all seinem Essen in der Hand.



Rundum frisch ist Anselm (besonders sein Magen) bereit nun zu frühstücken. Er schließt die Tür zur Doppelkabine und macht sich fröhlich auf dem Weg zur Kombüse bzw. Messe.

Schon als er um die Ecke biegt fällt ihm auf, dass nun doch ein gewisser Teil der an Bord befindlichen Personen ebenfalls frühstücken wollen. Er nähert sich der hungrigen Menschentraube und bleibt hinter einem kleinen Jungen stehen welcher wohl gerade mit dem einzigen an Bord befindlichen Zwerg redet.

Anselm sieht über die Köpfe der beiden hinüber und erkennt, dass ein Thorwaler bereits diverse Speisen in die Messe tragen will. Er feststellend als fragen sagt Anselm:

"Ah, das Frühstück ist fertig, scheint mir."



NORDSTERN - Oberdeck: Traviana bei der Arbeit


Traviana hat gar nicht richtig mitgekriegt, wohin Perval eigentlich gehen wollte. Sie ist gerade so in ihre Arbeit vertieft gewesen, was sie ja auch sein soll. Das einzige war ein Befehl der Bootsfrau zum 'angucken' von irgendetwas.

'Es ist hier nicht mehr viel Arbeit übrig. Vielleicht sollte ich mich mal an Deck umsehen, ob es noch etwas anderes zu tun gibt...'

Aber dann sieht sie sich um und bleibt doch noch ein bisschen bei dieser Arbeit, alles ist ja auch noch nicht getan.

' Also dann mal weiter'

Bevor sie das jedoch tut muss sie noch einen kurzen Augenblick an Perval denken.



NORDSTERN - Unterdeck: Perval's Arbeit


Am Anfang des Gangs nach achtern bleibt Perval überrascht stehen. So viele Leute hatte er im Gang nicht erwartet. Und alle scheinen sie sich vor der Kombüse zu tummeln. Matrosen und Passagiere, ein heilloses Durcheinander. Jetzt ist auch klar, woher die Stimmen kommen, die er schon gehört hatte.

Einen Moment bleibt Perval kurz stehen, um die Lage zu überblicken und sich zu überlegen, was er jetzt macht - durch den Gang mit all' den Leuten durch oder lieber über Deck zum hinteren Niedergang. Der letztere Weg ist zwar länger, aber ob er durch die Menschentraube da vorne überhaupt durchkommt, ist fraglich.



Gerade in dem Moment, als Perval sich schon fast dazu durchgerungen hat, den Weg durch den Gang und die Menschentraube zu wählen, kommen noch mehr Menschen und sogar ein Zwerg aus der Kombüse und blockieren zusätzlich den Gang, so dass an ein Durchkommen jetzt gar nicht mehr zu denken ist. 'Ich werde doch besser den Weg über das Deck nehmen. Ich möchte nicht der Grund sein, das einige Passagiere noch vor dem Frühstück verärgert sind. Andererseits, wenn die Passagiere jetzt alle in die Messe gehen um zu Frühstücken und die Matrosen sie dann bedienen, ist der Gang natürlich wieder frei. Vielleicht doch besser, ich warte noch einen Moment und sehe, ob ich nicht doch hier durchkomme.'

Auf die Idee, dass das Frühstück unter Umständen auch für die Besatzung, sogar für die einfachen Matrosen, gedacht sein könnte, kommt Perval erst gar nicht. Noch nie hatte er auf einem Passagier- / Handelsschiff dieser Größe erlebt, das die einfache Besatzung mit den Offizieren oder gar den Passagieren zusammen ißt.

'Ich muss nachher unbedingt jemanden Fragen, wie die Regelungen zum Essen sind. Nich' dass ich noch eine Mahlzeit verpasse, weil ich nicht weiß wann und wo.'

Am Vortag hatte Perval nicht auf dem Schiff gegessen, da er da noch nicht da war bzw. schon wieder weg und dann auch noch nicht wieder da.

Perval bleibt also am Anfang des Gangs stehen. Irgendwie sieht er schon recht drollig aus, wie er da so steht - mitten im Gang, in einer Hand einen Eimer und in der anderen den Wischmop.



NORDSTERN - Kabine: Lowanger's Ruh'


Es dauert nach dem Schließen der Kabinentür nur wenige Augenblicke, bis Lowanger sich rasch ausgezogen und in die schmale Koje gelegt hat - all das, ohne dass ihn das Schaukeln des Schiffes dabei auch nur im Ansatz gestört hat.

Dennoch - nach dem Hinlegen will der Schlaf nicht sofort kommen, auch wenn die dafür nötige Müdigkeit eigentlich mehr als vorhanden ist. Das Schaukeln des Schiffes ist jedoch auch dafür nicht die Ursache - da ist Lowanger ganz anderes gewohnt. Nein... es sind die außergewöhnlichen Ereignisse der letzten Zeit, die noch durch seinen Kopf schwirren, und auch die Aussicht auf das, was noch kommen wird - diese Überfahrt nach Havena, dann dort die Übergabe der Heiligen Miesmuschel an den EFFerdtempel, vielleicht das Fischerfest dort... vielleicht Ereignisse, die von EFFerd selbst bestimmt sein werden...

Und... in dem Zusammenhang natürlich auch die ganz praktischen Dinge, an denen der zweite Offizier in den letzten Stunden beteiligt war - die Entscheidung, diesen Auftrag anzunehmen, die rasche nächtliche Ausfahrt, das allmähliche Erwachen Fahrgäste und Matrosen, die sich plötzlich auf hoher See wiedergefunden haben... und das Steuern des Schiffes.

Lowanger sieht sich wieder am Steuer der Karavelle, während rings herum die Wellen immer größer werden, viel größer, als sie seit dem Auslaufen aus Salzerhaven jemals waren - vielleicht so groß, wie jene einzelne Welle war, die vor gar nicht so langer Zeit ein grüner Wal ganz in der Nähe der NORDSTERN erzeugt hatte...

Schließlich verschwimmen die Gedankenbilder immer mehr ineinander, und endlich kommt der wohlverdiente Schlaf...



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan's Arbeit


Wie vorhin wird Tau um Tau, Want um Want genau kontrolliert, der halt geprüft, die Festigkeit der Knoten getestet. Sollte ein Tau reißen oder sich lösen, wäre es wohl mühsam und bei diesem Seegang und der gesetzten Segelfläche unter Umständen sogar sehr gefährlich, es wieder zu befestigen.

So prüft denn Efferdan gewissenhaft, konzentriert - und mit einiger Erfahrung. Nur hin und wieder gönnt er sich einen kurzen Blick auf das tosende Meer, auf diese Komposition von blau und weiß, die für ihn Kraft und Weichheit, Wildheit und Geborgenheit gleichermaßen verkörpert. Das Lied des Meeres... wie der Klang einer Laute, der - einmal in einer wunderschönen Melodie angeschlagen - bis ins Herz zu dringen vermag.



`Aach, wie schön so ein Tag doch sein kann...`

Während seiner Arbeit lässt Efferdan sich den salzigen Wind um die Nase wehen, genießt jeden Tropfen Gischt, der seine Haut befeuchtet. Fast vermeint er, dass sein Atem eins wird mit dem Rauschen des Meeres, der Takt seiner Hände, dem Takt der Wellen gleicht, die an das Schiff schlagen. Und über allem schwebt noch immer die »Melodie des Meeres«, er vermeint sie noch in seinem Herzen zu fühlen.

All dies stimmt ihn froh. Efferdan fühlt sich glücklich und geborgen. So glücklich, dass er leise anfängt ein Liedchen zu pfeifen...

Die vielen »Fremden«, die an Deck stehen, hat er fast vergessen...



Das leise, vorher fast lautlose Pfeifen des scheuen Matrosen schwillt langsam an, wird etwas lauter - vielleicht ein zwei Schritt mag es tragen, bevor sie im Geräusch brausender Wellen und knarrender Planken untergeht. Die Melodie ist die eines bekannten Seemannsliedes, einfach, beschwingt.

Efferdans Finger scheinen fast von selbst zu arbeiten, flinken huschen sie über die Knoten, prüfen diese auf Festigkeit. Efferdans Blick wechselt zwischen mehr und Knoten hin und her.

Wer in seine Augen sehen könnte, der würde ein Glänzen in ihnen entdecken. So gefällt es Efferdan. Das wilde Meer vor Augen, der salzige Geschmack auf der Zunge, der Wind, der Gischttropfen als feiner Sprühregen auf die haut bläst ... und niemand mehr, der ihn stört. In so einem Moment kann Efferdan sich vorstellen, er wäre alleine, weit weg von allem Trubel und fremden Menschen.

Und genauso, wie er die Menschen um ihn herum verdrängt, so sind auch die - für ihn - seltsamen Worte des Phexgeweihten wie ausgelöscht. Es existiert nur noch das Meer um ihn herum - und das Tau in seinen Händen, dessen Knoten etwas nachgezogen werden muss...



NORDSTERN - Brücke: Klabauter am Steuer


Meergrün sammelt seine Knochen zusammen und setzt sich auf. Er schüttelt den kleinen Kopf, wie um die Müdigkeit abzuschütteln, und blickt zum Steuer und Steuermann auf.


miieser fiiesliing

du gemeiiner


stiiehlst meiinen ruhm

ganz ungeniiert


Aber so schnell die Gefühlsausbrüche des Klabauters kommen, so schnell sind sie auch wieder verflogen. Schon als er aufsteht und wieder zum Rad geht, hat er seinen Hass auf den Kapitän vergessen.

Jetzt macht er sich Gedanken, wie er sich besser am Steuerrad festhalten kann. Nur auf den Gedanken aufzugeben, darauf kommt er nicht. Echte Klabauter verlieren zwar die Lust, aber Aufgeben, das gibt es nicht.



Von der ganzen Tragödie, die sich so unmittelbar in der Nähe ereignet, bekommt der Kapitän natürlich nichts mit, denn es ist ja bekanntlich nicht die Natur der Klabautermänner, sich bei derartigen Dingen bemerkbar zu machen. Und die wenigen Auswirkungen der Existenz Meergrüns, die sich nicht verbergen ließen - jenes Verhalten des Steuers - finden mühelos eine andere und gut passende Erklärung.

Langsam dreht Jergan das Steuerrad wieder in die neutrale Lage zurück, um das Schiff zumindest für kurze Zeit auf diesem Kurs zu halten. Lange wird das nicht so bleiben können, denn die Wellen diktieren nur zu rasch neue Kurse, doch immerhin lässt die See im Moment noch genug Spielraum, um den Kurs nach Havena weitgehend beibehalten zu können. Noch genügt es, sich an das Spiel der Wellen anzupassen, ohne dabei die eigenen Ziele zu vergessen, doch Jergan weiß nur zu gut, dass sich das auch ändern kann - starke Stürme zwingen den Schiffen komplett ihren Willen auf, und die einzige Möglichkeit, die einer Besatzung dann noch bleibt, ist es, diesem Willen zu gehorchen, um Schiff und Leben zu retten. Doch... soweit ist es noch lange nicht, und der Kapitän glaubt auch nicht, dass das passieren wird - ist es nicht schließlich EFFerd selbst, dem am Gelingen dieser Mission gelegen ist?

Kurz schaut Jergan empor zu den stolz geblähten Segeln, die sich der Gewalt des Windes entgegenstellen, und sie in Vortrieb für die Karavelle umwandeln, Vortrieb, dessen Lenkung in seinen Händen liegt. Wieder einmal rotiert das Rad langsam ein kleines Stück in Richtung Backbord, um den Winkel des Schiffes zu den Wellen zu optimieren, und dann gleich wieder zurück.

Es ist keine leichte Arbeit, aber sie bereitet dem Kapitän viel Freude, kann er doch spüren, wie das Schiff - SEIN Schiff - seinem Willen gehorcht, und sich so spielend leicht steuern lässt, dass es förmlich über die Wogen hopst. Es mögen gut und gerne zehn Knoten sein, die die NORDSTERN im Moment läuft, vielleicht sogar noch mehr - ein wunderbares Reisetempo für die Karavelle aus Riva.



Klabauter sind normalerweise nicht sehr bekannt für ihr logisches Denken. Doch Meergrün ist sich sicher, dass er zwei Probleme hat, die einander sehr ähnlich sind.


iich lass es los

er hält es fest


Er meint das Steuerrad. Meergrün hat sich dazugestellt und führt es zusammen mit dem Kapitän. Dabei denkt er so richtig konzentriert nach.

Der Kapitän ist das größere Problem. Sicher ist er ein guter Seemann. Aber wie man grade gesehen hat, reagiert er etwas langsam und dann zu heftig. In so einer kritischen Situation sollte er das Steuer an einen Besseren übergeben. Überflüssig zu sagen an wen.

Es wird jedoch nicht ganz so leicht, den großen Mann davon zu überzeugen. Dagegen wird das andere Problem grades simpel zu lösen sein.



Recht gleichmäßig drückt der Wind gegen die Segel, und diese übertragen die Kraft über die Masten, die Wanten und die Schoten auf den Rumpf der Karavelle, der in der gewünschten Richtung vorangetrieben wird.

Im Moment zeigt sich diese Gleichmäßigkeit ausnahmsweise auch einmal an den Wellen - die NORDSTERN liegt auf einem sehr idealen Kurs, der kaum Korrekturen erfordert. So muss Jergan das Steuer auch höchstens um kleine Beträge - vielleicht eine Handbreit oder nur wenig mehr - hin und her drehen, um diesen Zustand beizubehalten, der das Schiff so ruhig hält.

Ruhe ist dabei freilich nur relativ - verglichen mit der Überfahrt von Thorwal nach Salzerhaven ist es alles andere als das - nämlich eine ziemliche extreme Schaukelei. Noch extremer fällt dieser Vergleich natürlich aus, wenn man die Fahrt mit der Überfahrt von Prem nach Thorwal vergleicht, als das Schiff in die Flaute geraten ist. Harmlos dagegen scheint das Schaukeln, wenn man in der Geschichte dieser Fahrt noch weiter zurückgeht, und den Vergleich zu den ersten Tagen auf See, zu jenem Sturm im Golf von Riva, zieht, der um einiges stärker war als das, was jetzt stattfindet.



Das andere Problem ist der Halt am Steuerrad. Der Klabauter hat keine Lust, nochmal so durch die Luft zu fliegen. Normalerweise hat Meergrün nicht solche Schwierigkeiten sich an Holz festzuhalten. Er klettert ja auch an den Schiffsmasten hoch. Aber das Rad ist wohl etwas besonderes.

Für besondere Fälle braucht man auch besondere Lösungen. Zuerst hat er daran gedacht die Griffe mit Leim einzustreichen. Aber grade hat er keinen Leim zu Hand. Dafür hat er etwas viel besseres als Leim: Sahnebonbons.

Aus einer verborgenen Tasche nimmt der Klabauter einen seiner großen Schätze heraus. Nicht nur, dass sie besser als Zwieback schmecken, satt und glücklich machen. Man kann sie auch für vielerlei nützliche Dinge gebrauchen, so dass Meergrün eigentlich nie ohne aus dem Heim geht. Es ist schon komisch, dass die Menschen so wertvolle Sachen unbewacht in irgendwelchen Gläsern herumstehen lassen.


Sahnebonbons

deiin retter siind


eiin mahl eiin schatz

eiin spiiel eiin kiiel


eiin saft eiin heiil

und auch eiin leiim


Meergrün leckt einmal großzügig an dem Bonbon und beginnt dann, den untersten Griff wie mit einem Schwamm einzustreichen. Glücklicherweise geht es im Moment geradeaus, so dass er ganz gut vorankommt.



Wieder einmal dreht der Kapitän das Steuer um zwei oder drei Speichenbreiten nach links, und kurz danach wieder um den gleichen Betrag zurück - eine nur winzige Korrektur, aber er weiß ja auch nicht, dass er dem Klabauter damit die "Arbeit" erschwert, mit der jener sich beschäftigt.

Und doch bleiben diese Arbeitsbedingungen verhältnismässig gut, denn das war erst einmal die größte Bewegung des Rades, die nächsten bleiben fast im Bereich des jetzt sehr geringen Spieles der Steuereinrichtung - also einige Fingerbreit in jede Richtung.



Der Kapitän hat ja keine Ahnung, was er mit seinen hektischen, überflüssigen Steuerbewegungen anrichtet. Meergrün ist mit dem Einschmieren des Griffes fast fertig, als der Griff plötzlich einen Satz nach rechts macht.

Hey, denkt sich der Klabauter und eilt dem Flüchtigen einen Schritt hinterher. Gerade im dem Moment macht der Griff eine Kehrtwende und die beiden, Griff und Klabauter, stoßen zusammen. Und bleiben aneinander kleben. Gesicht an Holz. Wie bei einem Kuss.


der breii iist gut

besser als leiim


Meergrün könnte sich jetzt frei lecken. Der Brei ist schließlich nur aus Sahnebonbon und Klabauterspucke gemacht. Aber das würde die bisherige Arbeit kaputt machen. Also klebt Meergrün die Reste des Bonbons unten an den Griff, setzt die Hände links und rechts neben sein Gesicht und drückt feste.


au - das war vom

schnurrbart eiin haar


Jetzt ist zwar der Kopf frei, aber die Hände kleben dafür am Griff. Mit etwas Kraft kann Meergrün die rechte Hand aus dem Sirup befreien, dafür klebt die linke um so fest drinnen. Alles Ziehen hilft nichts.

Also hangelt sich der Klabauter mit der rechten Hand am Rund des Steuerrades hoch und setzt die Füße neben die linke Hand. Dann richtet er sich aus der Hocke auf und befreit seine linke Hand. Das ist zwar keine Verbesserung, weil er jetzt mit beiden Füßen am Griff und mit der rechten Hand am Rad klebt, aber immerhin eine Veränderung.

Als nächstes befreit Meergrün seine rechte Hand vom Steuerrad. Das geht zwar recht leicht, hat aber die Folge, dass Meergrün jetzt auf dem Griff steht, nur leider waagerecht.


ha das iist toll

miit diiesem breii


kann iich sogar

wände hochgeh'n


So lustig das auch ist, auf dem wackeligen Steuerrad fühlt sich Meergrün nicht wohl. Hoffentlich kommt der Kapitän nicht grade jetzt auf die Idee, das Steuerrad Ringelrein tanzen zu lassen.



Der unausgesprochene Wunsch des Klabautermanns erfüllt sich weiterhin - zwar dreht der Kapitän das Steuer weiter munter hin und her, doch sind das nur kleine Beträge, er kommt vorerst nicht auf die Idee, es rasend schnell etliche Runden rotieren zu lassen - etwas, das bei der Übersetzung zwischen Rad und Ruder durchaus im Rahmen des Möglichen liegt.

Doch die Wellen verhalten sich momentan brav, und ändern ihren Winkel zur Fahrtrichtung nur so wenig, dass kaum Korrekturen nötig sind, und diese auch so klein bleiben, dass kein "Hart Ruder!" nötig ist.



Der Kapitän zeigt sich endlich mal kooperativ und hält das Steuerrad ruhig. Gut so! Meergrün lässt sich auch nicht davon abhalten, sich erstmal aus dem klebrigen Brei zu befreien.

Der Klabauter ist aber nicht so doof, jetzt wieder die Hände auf den Griff zu legen. Dann würde er ja nur mit den Händen festsitzen. Stattdessen greift es sich an das Bein und zieht es aus dem Kleber. Das hat den Vorteil dass er jetzt nur noch an einer Stelle am Griff fest hängt.

Es aber auch den Nachteil, dass er jetzt mit beiden Händen an seinem Hosenbein festklebt. Das kann nicht lange gut gehen. Klabauter sind zwar sehr stark (für ihre Größe) aber das hilft nicht beim einbeinig- waagerecht-an-der-Wand stehen.

Langsam löst sich die Ferse des anderen Fußes aus dem Leim und kurz darauf findet sich Meergrün mal wieder auf dem Boden des Brückendecks wieder.


au au au au

das iist niicht nett



Wieder einmal bekommt der Kapitän von der Klabautertragödie, die sich in so unmittelbarer Nähe abspielt, überhaupt nichts mit. Er kommt aber auch noch nicht in den Genuß des klabautermännischen Sahnebonbons, denn weiterhin ist der Seegang zwar heftig, aber auf dem derzeitigen Kurs recht problemlos zu beherrschen, so dass Jergan kaum mehr tut, als das Steuer immer nur um kleine Beträge zu drehen.

Da Meergrün genau die Speicher erwischt hat, die in Ruder-Neutralstellung unten ist, befindet diese sich nun auch wieder sehr oft, im Grunde fast immer, an dieser Stelle oder nur wenige Handbreit daneben.

Die Gedanken des Kapitäns sind derweil natürlich bei ganz anderen Dingen, nicht zuletzt auch, weil er von dem Treiben des Koboldes weder etwas ahnt, noch bislang einen Verdacht in dieser Richtung schöpfen konnte. Sie sind vielmehr bei den Segeln, und dem immensen Winddruck, den die hochbelastete Takelage im Moment in Vortrieb umsetzt. Lowangers Worte, die Blinde doch einzuholen, spielen bei diesen Überlegungen auch eine Rolle, denn das kleine Rahsegel unter dem Bugspriet taucht in der Tat in fast jede Welle ein, was weder für das Tuch, noch für das Schiff sonderlich gut ist.



NORDSTERN - Unterdeck: Morgenmahl - Wasuren und Hjladar


Wasuren macht sich daran, die fertigen Speisen in die Messe zu schaffen, zwar hatte der Smutje eigentlich die Jungen damit beauftragt, aber wer die Sachen rüber trägt ist letzten Endes ja auch egal. Der Andrang vor der Kombüse hat indessen noch zugenommen, immer mehr Passagiere haben sich hier eingefunden.

"Die ersten können schon rüber in die Messe gehen, der Rest kommt gleich," ruft der Smutje daher ohne jemand bestimmtes anzusprechen in die Menge. Ohne eine Reaktion abzuwarten macht er sich wieder an die Arbeit.



dass der Zwerg auf ein 'Bist Du klein' reagieren würde wie ein Rotauge, das man mit Steinen bewirft, war ja klar, aber als der Lütte Mann dann sein Maul SO weit aufreißt, kann sich Hjaldar ein glucksendes Lachen nicht verkneifen.

"Hört hört. Vermutlich auch linkshandich und mit verbundenen Hühneraugen, woll?"

Er macht einen Schritt zur Seite, so dass Wasuren ungehindert mit den Guten Sachen in die Messe passieren kann.

"Da flakst Dich nieder." grinst er Wasuren an, der ebenfalls kurz vor einem Heiterkeitsausbruch zu stehen scheint.

Da inzwischen auch schon eine ganze Horde hungriger Mäuler aufgetaucht sind und das Nahrungsmittelkontingent bedrohen, beschließt Hjaldar, Wasuren auch dicht auf dem Fuße zu folgen, sobald dieser an ihm vorbei ist. Den Bartmurmler, wie der verrückte Halbelf in seiner Truppe immer Zwerge genannt hat, kann man auch nach dem Essen noch weiter veräppeln. Dann wird's auch nicht so schnell langweilig an Bord.



NORDSTERN - Unterdeck: Morgenmahl - Alberik und Onaskje


Während er noch auf eine Antwort dieses kleinen Bengels wartet, wird Alberik gebeten, doch zur Seite zu gehen. Der Zwerg kommt dieser Aufforderung gerne nach. In der Küche herrscht auch ohne ihn schon genug Gedränge.

Doch auch nachdem er aus der Küche in den Gang getreten ist, bietet sich ihm immer noch nicht mehr Platz. Anscheinend hat sich das gesamte Schiff versammelt, um jetzt Essen abzuholen.

Die Bemerkung des Thorwalers bekommt er nicht mehr mit. Oder er hat sie einfach ignoriert. Was soll man auch anderes tun bei Leuten, die sich gleich für einen großen Zwergenkrieger halten, nur weil sie einen Bart tragen und wissen, wie man eine Axt in den Händen hält?

Den PRAiosgeweihten hingegen bemerkt er sehr wohl.

'Ach, die Andacht! Die habe ich ja glatt vergessen.'

"Ja, etwas zu beißen wäre jetzt nicht schlecht. Aber so langsam, wie der Koch das Essen fertig macht, werde ich wohl noch bis zum Abend warten müssen, bis ich was zu essen kriege."

'Hoffentlich kommt er nicht darauf, mich darauf ansprechen zu müssen, wo ich denn während seiner Predigt war. Das geht nämlich nur mich selber etwas an!'

"Aber ich glaube, wir sollen wohl in den Raum gegenüber, und dort warten."

Dabei zeigt er mit der rechten Hand auf die Tür gegenüber.



Der PRAiosgeweihte hält die Idee des Angroschim durchaus für vernünftig, und vernünftigen Ideen folgt er gerne. Er beschränkt sich mit der Antwort auf ein kurzes:

"Ja, jaja...", denn er denkt dabei, 'dort werden wir uns auch viel besser unterhalten können. Geht immer besser mit etwas Schmieröl für die Kehle.'

So geht er schon mal zwei, drei Schritte in Richtung der Messe, seine Gedanken gehen inzwischen ihre ganz eigenen Wege. Gerade hat er noch darüber nachgedacht, was so ein kleiner Bengel wohl auf dem Schiff macht und da er seinen Wissensdurst gerne stillt, sagt er (durchaus positiv meinend, schließlich nannte ihn sein Vater auch immer liebevoll seinen 'Kleinen Zwergen') im Vorübergehen zu Ameg, sich dabei nicht über die Missverständlichkeit im Klaren seiend:

"Na Du kleiner Zwerg? Was ist mit Dir, kommst Du auch mit herüber?"



Alberik ist keineswegs bewusst, dass der Geweihte mit 'du kleiner Zwerg' nicht ihn meinte, sondern den Jungen, von dem er eigentlich noch immer eine Antwort erwartet.

"Natürlich komme ich mit. Wenn ihr nicht so ungeduldig sein würdet, würdet ihr das gleich schon ganz von alleine merken."

'Aber jetzt kann er warten. So lässt sich Alberik, Sohn des Atosch, nicht behandeln. Als ob irgendjemand mir zu sagen hätte, wann ich zum Essen gehen müsste.'

"Ich habe noch eine Kleinigkeit zu erledigen. Ihr könnt ja schon einmal vorgehen, ich werde nachkommen, sobald ich Zeit dazu habe."

'Außerdem wollte ich ja noch untersuchen, ob das Schiff auch in Ordnung ist. Und das Essen scheint ja auch noch auf sich zu warten.'

Dabei wirft er einen kurzen Blick in die Küche, in der sich immer noch nicht viel zu tun scheint. Leider. Denn Alberiks Bauch würde lieber essen, bevor die Untersuchung des Schiffes weitergeht.

"Wir sehen uns dann später."

Schon dreht der Zwerg sich um und geht zügigen Schrittes in die vorderen Bereiche des Schiffes, in denen er noch nicht war.

dass er den Jungen, für den das 'du kleiner Zwerg' des PRAiosgeweihten eigentlich bestimmt war, einfach stehen lässt, ohne ihm eine Gelegenheit für eine Antwort zu lassen, fällt ihm nicht weiter auf.



NORDSTERN - Unterdeck: Perval's Arbeit


Der kurze Moment des Wartens hat sich gelohnt. Schon löst sich der Zwerg aus der Gruppe und kommt direkt auf ihn zu. Kurz tritt Perval beiseite, so dass er kurzfristig wieder hinter einer der Ecken verschwindet, um den Zwerg vorbeizulassen. Sobald dieser an ihm vorbei ist, tritt Perval wieder in den Gang. Dieser hat sich in dem kurzen Augenblick doch sichtlich geleert: Wasuren und der Passagier, der eigentlich mehr wie ein Matrose aussieht, sind aus dem Gang verschwunden, so dass jetzt nur noch wenige Personen den Gang blockieren. In der Hoffnung, das auch die restlichen Personen in die Messe oder Kombüse verschwinden und keine Neuen hinzukommen bevor Perval dort ankommt, macht Perval sich nun langsamen Schrittes auf in Richtung des hinteren Niedergangs. Dabei nimmt er den größten Teil des Gangs ein, da er ja noch immer in der rechten Hand den Wischmop und in der linken den Eimer trägt.



NORDSTERN - Kombüse: Morgenmahl - Garulf's Aufruf


Aus der Perspektive eines Zwerges unbemerkt ist Garulf mit dem Bereiten des Frühstücks fertig geworden. Auch hat Garulf nichts vom Verschwinden des Angroschim bemerkt, denn auf die Leute im Gang hat er bei der Arbeit nicht weiter geachtet. Das einzige, was ihm aufgefallen ist, ist, dass Alrik seiner Aufforderung das Essen in die Messe zu bringen immer noch nicht nachgekommen ist. Also schnappt er sich selbst erstmal einige Teller und Platten, soviel, wie er eben tragen kann, ruft dem Schiffsjungen, der offenbar nichts gehört hat.

"Na, los, fass mit an, das muss alles rüber in die Messe, die Leute wollen Essen," zu und betritt dann den Gang in der Erwartung, dass man ihm schon Platz machen wird, schließlich haben alle ein Interesse daran, dass das Frühstück unbeschadet in die Messe kommt.



Das Gedränge nicht weiter beachtend, stellt Garulf sein erste Ladung Essbares auf dem Tisch in der Messe ab. Sogleich wendet er sich wieder um zur Kombüse, um weitere Teller aufzunehmen. Wieder draußen auf dem Gang bekräftigt er noch einmal für die dort wartenden Passagiere, dass das Frühstück fertig ist, einige scheinen doch zu sehr in ihre Gedanken und Gespräche vertieft, dass sie vom Essenstransport Notiz genommen haben könnten. Missbilligend nimmt er dabei wahr, dass der Schiffsjunge immer noch verträumt in die Gegend starrt anstatt mit anzufassen.



Die letzte Ermahnung des Schiffskochs kam an. Der Schiffsjunge zuckt kaum merklich zusammen. Verflixt nochmal! Irgendwie hatte er gerade einen Gedanken gefasst, einen seltsamen, fast unheimlichen Gedanken, der sich in seinen Geist gebohrt hatte, wie ein Fremdkörper. Doch im gleichen Moment, als er wieder zu sich kommt ist dieser fremde Gedanke schon vergessen. Was bleibt, ist ein unwohles Gefühl, das wohl an ehesten vergleichbar ist mit dem Erwachen aus einem Traum, an dem man sich nachher nicht mehr erinnert.

Etwas betreten schaut sich ALRIK um, die meiste Arbeit ist ja schon getan. Jedoch stehen noch einige Sachen in der Küche parat, um hinüber gebracht zu werden. Rasch greift er sich eine einzelne Schale mit frisch eingekauftem Obst, um sie mit neuer Tatkraft in die Messe zu stellen.

"Jau, Garulf. Ich komm' schon."

Etwas hektisch nach dem plötzlichen Erwachen macht sich ALRIK auf dem Weg, um die Schale in der Messe abzuliefern.

"Hoffentlich bleibt das auch alles auf dem Tisch stehen und rollt man nicht durch die Gegend bei dem Seegang", murmelt der Schiffsjunge als er die Schale abstellt.



Der Schiffsjunge ist offensichtlich doch noch aufgewacht, gerade noch rechtzeitig, bevor gar nichts mehr zu tun ist.

´Na, wenigsten rührt er sich doch noch,´ denkt der Schiffskoch so bei sich, als er sieht, wie Alrik eine Obstschale von der Kombüse in die Messe trägt. Garulf selbst betritt wieder die Kabine und schnappt sich zwei weitere Platten auf denen er zuvor Wurst und Käse angerichtet hat, damit ist nur noch ein einziger Teller hinüber zu tragen. So beladen geht er auf den Gang hinaus, dabei sorgfältig darauf achtend, nicht mit dem anderen Matrosen, der hier mit allerlei Putzgerät Durchlass sucht, zusammenzustoßen. Der Smutje stellt die Platten auf dem großen Tisch der Messe ab, dann wendet er sich an Alrik:

"Bring noch schnell den Rest rüber, wir müssen dann noch mal runter aufs Ladedeck:"



NORDSTERN - Unterdeck: Morgenmahl - Ameg und Onaskje


'Wir sehen uns dann später? Gerade noch hat er sich doch auf ein gemeinsames Frühstück gefreut. Komischer Kauz! So leicht wird man wohl nicht aus ihm schlau.'

Onaskje guckt kurz dem Angroschim hinterher, macht dann aber lieber doch keine Anstalten, ihm zu folgen, schließlich hat er Hunger und will wissen, was nun der Grund für Ameg ist, sich auf dem Schiff aufzuhalten. So legt er eine Hand auf Amegs Schulter und dreht diesen sanft aber bestimmt zu sich herum.

"Nun?"



Ameg rieb sich die Stelle an der Schulter wo ihn der Zwerg mit den Finger angestubst hat. Erstaunlich kräftig für so einen alten kleinen Mann... aber wieso sah der nur so anders aus als andere alte Menschen?

Völlig versunken in Gedanken, Theorien und Geschichten die er mal gehört hat bekommt er nicht mit was um ihn herum vorgeht bis der PRAios-Geweihte ihn an der Schulter packt und herum dreht.

"Mwaa", macht Ameg erschreckt und entwindet sich gewandt dem Griff des Praioten, steht dann aber mit dem Rücken zur Wand. Zumindestens ist er die Hand auf der Schulter los. Amegs Herz rast ziemlich. Langsam musste er sich mal das Träumen abgewöhnen. Ein Blick zu dem Praioten zeigt ihm, dass dieser ihn offensichtlich nicht angreifen will und so entspannt sich Ameg ein klein wenig. Aber was will der Mann nur? ... Ameg hat irgendwie nicht so recht zugehört. Manchmal gingen die Dinge einfach ein wenig schnell für ihn...

"has' du was gesagt?", fragt Ameg ohne Recht zu realisieren, dass man den, der vor ihm steht, bestimmt nicht mit 'du' anreden sollte.



Da Wasuren auf dem Gang noch immer nicht weiter gekommen ist und nun Garulf hinter ihm ebenfalls Krach macht und scheinbar selber Hand anlegt um die Speisen in die Messe zu befördern, räuspert Wasuren sich laut und macht mit etwas Tellergeklapper auf sich aufmerksam.

'Diese drei Schritte werden ja wohl noch irgendwann zu machen sein.'

Genau in diesem Moment zuckt Ameg verschreckt auf und zieht sich bis an die nächste Wand zurück. Diesen Augenblick muss Wasuren nutzen und sofort startet er durch bevor noch irgend jemand auf den Gedanken kommen kann hier wieder nachzurücken.

'Eins, zwei, drei Schritte!' zählt er in Gedanke mit.

Wasuren stellt all seine Speisen auf dem Tisch in der Messe, ab. 'Puh endlich geschafft. aber ich bin jetzt schon sssoooo kaputt, das gibt's gar nicht. Was essen und dann weg hier. nun sind hier mal so viele Menschen und ich kriege nur Kopfschmerzen von denen. Keiner reagiert auf mich, nicht mal der olle Garulf und nen Fass Bier hat er auch noch nicht her geholt. vielleicht sollt ich mich einfach mal wieder zurück ziehen?'

Wasuren steht grübelnd vor den reichhaltigen Speisen, die schon auf dem Messentisch ausgebreitet sind und Garulf wird noch mehr bringen. Ein ungeübter Beobachter würde nur zu einem Schluss kommen : Dieser Thorwaler da kann sich wohl nicht entscheiden was er essen soll !



NORDSTERN - Unterdeck: Morgenmahl - Anselm


'Wirklich ein komischer Zwerg' denkt sich Anselm, während besagter Felsenroller bereits um die Ecke biegt.

Dem vor sich verbleibenden Jungen und dessen Gespräch mit dem PRAiosgeweihten kann Anselm nicht viel abgewinnen. Als der Praiot dann auch noch versucht, den Kleinen in Ehrfurcht und Respekt PRAios gegenüber zu belehren, wird es dem PHEx-Diener zu viel.

'Will dieser Großkotz jetzt dem armen Jungen beibringen wie man diesen Fanatiker scheinheilig die Stiefel leckt? Bah, schnell weg hier.'

Mit diesen doch recht feindseligen Gedanken geht Anselm schnell an den beiden vorbei, direkt in die Messe. Er schlängelt sich an dem Matrosen vorbei, der da grundlos im Raum rum steht und setzt sich schräg gegenüber des rotblonden Thorwalers hin.



NORDSTERN - Unterdeck: Morgenmahl - Hjaldar und Wasuren


Wie geplant folgt Hjaldar Wasuren auf dem Fuße in die Messe, zumal der Zwerg ja überhaupt nicht reagiert.

'Völiig untypisch eigentlich' befindet Hjaldar.

'Ob der wohl zu viel Wirselkraut genascht hat?'

Mit breitem Grinsen denkt er an die Reaktion Buguls, eines Zwergs den er noch vor seiner 'Söldnerkarriere' gekannt hat, auf eine gut gemeinte Verabreichung des heilkräftigen Krautes hin. Eine gehörige Efferdsieche bei einer Landratte war nix dagegen.

Aber auch Wasuren scheint nicht recht auf der Höhe zu sein. Stapft an ihm vorbei wie'n kalter Alrik und steht dann vorm Essen rum und träumt in den Tag.

"Sach mal, hat Dir Boron zu viel eingeschenkt? Du pennst ja im Stehen und beim Laufen kann man Dir auch gleich die Schuhe besohlen!"

stellt sich Hjaldar neben Wasuren und sucht sich im Gegensatz zu diesen schnell und zielgerichtet von den, seiner Meinung nach, wirklich guten Sachen wat aus, bevor er sich einfach auf den nächstbesten Hocker fallen lässt, was dieser mit vernehmlichen, ungehaltenen Knarzen beantwortet.



"hmm?" kommt es aus Wasuren geschossen, als Hjaldar ihn anspricht.

"Och weist du BORon ist da eher weniger dran schuld!"

Wasuren greift ähnlich zu wie Hjaldar. Nur das beste und das seltenste und dazu nicht wenig Brot.

"Hatte in der Nacht viel zu tun und nach unserem langen Landausflug habe ich bis jetzt noch kein Auge zugekriegt. Aber nun muss ich hier leider verschwinden, Matrosen dürfen nicht in der Messe essen. Und außerdem erwähnte der Smutje etwas von einem einsamen Fass Bier das im Lagerraum wartet."

Wasuren grinst.

'So lange werd ich wohl noch wachbleiben können. ich glaub ich warte einfach unten darauf das Garulf mit dem Schlüssel kommt.'

"Also ich werd dann mal, man sieht sich Hjaldar! und guten Hunger mein Freund."

Mit diesen Worten dreht sich Wasuren um und geht langsamen Schrittes auf den Gang und hinunter zu den Lagerräumen.



NORDSTERN - Unterdeck: Morgenmahl - Ameg und Onaskje


Gerade als Ameg aus seiner Träumerei erwacht, schiebt sich ein mit leckeren Sachen beladener Matrose hinter Onaskje vorbei, gleich gefolgt von dem Thorwaler; so kommt es, dass sich der Bengel seinem Griff entwinden kann, was diesem sonst wohl kaum gelungen wäre. Der Geweihte macht einen Halbschritt zur Seite, damit der Durchgang zur Messe ein wenig breiter wird.

"Ja, allerdings!"

Onaskje schiebt die Augenbrauen zusammen. Die längste Zeit seines Lebens war er noch kein Geweihter gewesen, aber ebenso hat es die längste Zeit seines Lebens zu seinen Grundsätzen gehört, Höhergestellte und Respektspersonen mit Achtung zu behandeln, und dazu gehört auch die Titulatur. Wenn einer schon nicht den korrekten Terminus kennt, so erwartet er jedoch, dass zumindest eine angemessene Anrede verwendet wird.

"Gerade sah ich Dich hier herumstehen und habe Dich gefragt, ob Du auch in den Raum nebenan zum Frühstücken willst."

Ein süffisantes Lächeln spielt um seine Lippen, als er hinzufügt:

"Es kann jedoch sein, dass Du in Deiner Jugend keinen Appetit hast und lieber lernen willst, wie man die Geweihten der Zwölfgötter korrekt begrüßt und anspricht."

Die linke Augenbraue hebt sich leicht, ohne zu blinzeln blickt er dem Jungen in die Augen.

"Ist dem vielleicht so?"



'Ein Geweihter.. ach herrje.. was will der denn hier? ..und was will der von mir.. und was ist das überhaupt für einer? .. HESinde? nee.. dafür haben wir Hesindian schon.. PHEx? nee. der würde das wohl nicht so offen sagen.. BORon? .. nein... viel zu hell.. der hier strahlt ja fast schon bei dem weiß und gold.... Gold...'

Ameg starrt für einen Moment auf goldenen Schimmer und stolpert über seine eigenen Gedanken... aber im nächsten Moment weiß er was für eine Art Geweihter vor ihm steht... "PRAios..", sagt er aus Versehen leise.

'aber wie begrüßt man die richtig? .. ich glaube mit -Hilfe, weg hier!- oder -ich war's nicht- gibt der sich nicht zufrieden.. abgesehen davon kann ich hier schlecht weglaufen... hmm.. wie war das? .. euer Heiligkeit? nee... euer Hochwürden? auch nicht... vielleicht euer Gnaden? ... ach was soll's...'

"Ja, euer Gnad'n...", sagt Ameg und überlegt einen Moment verwirrt. "ehm... Nein, euer Gnad'n?", fragt Ameg, schaut den Praioten zweifelnd an und überlegt was überhaupt die verdammte Frage war.



Onaskje meint förmlich zu sehen, wie es im Kopfe des Kleinen arbeitet. Nur mühsam kann der Geweihte ein Grinsen unterdrücken; das wäre jetzt doch fehl am Platze, wo der Junge so angestrengt nachdenkt, was er jetzt sagen soll.

"PRAios heiße ich nicht, aber ihm diene ich, damit hättest Du recht."

Jetzt huscht doch ein freundliches Lächeln auf des Priesters Lippen.

"Du kennst Dich ja doch schon ein wenig aus, musst nur noch ein wenig üben, die Augen aufzumachen, um die anderen Menschen richtig einschätzen zu können. Glaub mir, das kann Dir im Leben manchen..."

'Vorteil verschaffen? Wie hört sich das denn an?'

"...Einblick in die wirklichen Gegebenheiten der Dinge verschaffen."

Der Priester macht ein kurzes Päuschen. Der Junge scheint immer noch leicht verwirrt, aber noch eine Brücke will Wulff ihm jetzt nicht bauen.

'Mal sehen, wie sicher er auftreten kann.'

"Aber Du scheinst Dich nicht entscheiden zu können, richtig? Dabei sagt einem doch der Magen von ganz alleine, wo es langgehen soll."



NORDSTERN - Unterdeck: Perval's Arbeit


Gerade als Perval die im Gang stehenden Personen erreicht, kommt der eine Junge, der nach dem Aufstehen dieses vermeintliche Seemannsgarn von sich gegeben hatte.

'Wie hatte Wasuren ihn vorhin genannt - Alrik?!', mit Essen beladen aus der Kombüse um in der Messe zu verschwinden. Der Smutje hat sich wie gedacht weiter in seine Küche verzogen, so dass Perval sich einigermaßen an dem Geweihten und dem Jungen vorbei drücken kann, ohne einen von beiden anzurempeln. Dabei nickt er dem Geweihten kurz zu.

'Verzeiht Euer Gnaden, ich müsste hier mal eben durch.'

Gerade als er dann an der Tür zur Kombüse vorbeigeht, kommt der Smutje raus. Doch dieser passt auf, so dass es nicht zu einem Zusammenstoß kommt und mit einem weiteren Schritt ist Perval auch schon an der Kombüse vorbei und aus dem Weg des Smutjes.

Mit schnellen Schritten geht Perval zum hinteren Niedergang. Jetzt wo kein Hindernis mehr den Gang vor ihm blockiert, beschleunigt er seinen Schritt merklich. Schließlich will man ja nicht den ganzen Tag mit Niedergang 'angucken' verbringen. Vor dem Niedergang bleibt er dann stehen und besieht sich erstmal, ob dieser sehr verdreckt ist oder sich Seewasser auf ihm befindet. Genau genommen führt er seinen Auftrag aus, er guckt sich den Niedergang an.



NORDSTERN - Messe: Ameg und Onaskje


'Der Bursche scheint schon wieder darüber nachzudenken, wie er auf mich reagieren soll...'

In dem Augenblick werden von Garulf und Alrik Obst und Aufschnitt in die Messe gebracht, diese ziehen natürlich sofort Onaskjes Aufmerksamkeit auf sich, schließlich hat er Hunger.

'Hmm. Sieht ja aus wie Nordländer Fleischwurst! Da kann ich nicht wiederstehen!'

Nach alter Gewohnheit zieht Onaskje rasch ein großes Messer aus seinem linken Stiefel, wirbelt es rasch herum und schneidet - einer Attacke gleich - eine dicke Scheibe Brot von dem Laib, den er gleichzeitig mit der rechten Hand ergriffen hat. Schnell landen eine dicke Scheibe der Schinkenwurst und eine kleine Käsescheibe auf dem Brot. Dann kann sich der Geweihte nicht mehr zurück halten. Herzhaft beißt er in die Scheibe.

"Scha scheggt aschescheichned!" murmelt er mit vollem Mund und einem Grinsen in Richtung Ameg.



NORDSTERN - Brücke: Lektionen und Informationen


Der Adeptus folgt dem Geweihten dicht auf. Er hält sich dabei gut an der Sicherheitsleine fest, das ist auch nötig, denn hier, wo er sich nicht auf der Reling abstützen kann, würde er nur allzu leicht stürzen, bei dem Geschaukel. Kurz hinter Hesindian erklimmt auch Darian die Stufen zum Brückendeck. Hier oben ist das Schaukeln noch ein bisschen mehr zu spüren als auf dem Oberdeck, fast ein wenig krampfhaft hält er sich wiederum an der Reling fest. Der junge Magier bleibt erstmal dicht am Aufgang stehen und lässt dem Geweihten den Vortritt, ist es doch dieser, der ein Anliegen beim Kapitän vorzutragen gedenkt.



Erleichtert pausiert Hesindian nach der gefährlichen Erkletterung des Brückendecks einen kurzen Moment und wartet, bis auch Darian die steilen Stufen erklommen hat, um sich einen festen Tritt zu sichern. Dann schließlich entlässt er den sicheren Halt der Reling, um an den Kapitän heranzutreten, der gerade das Steuer fest in Händen hält.

"Kapi..." stockt Hesindian das Wort und er bleibt stehen, während er verwirrt das Steuerrad mustert. Weshalb er das nun tut, weiß er selbst nicht genau in Worte zu fassen, doch nun ist es zu spät, darüber hinweg zu spielen.



Trotz der Konzentration auf das Steuer überraschen die beiden Männer, die das Brückendeck betreten, den Kapitän nicht wirklich, denn natürlich hat er sie aus dem Augenwinkel heraus schon längst wahrgenommen.

'Da war doch was... ach nein, das war der PRAios-Geweihte, der da noch mit mir reden wollte, nicht der Hüter der Heiligen Miesmuschel...'

"Womit kann ich Euch helfen?" fragt er höflich, und das Stocken des Geweihten überspielend, während er weiter das Steuer in recht kleinen Ausschlägen in beide Richtungen bewegt.

Sein Blick huscht dabei auch kurz zu dem Magus, und ihm fällt bei dessen Anblick wieder ein, dass er die beiden Männer ja auch noch etwas fragen wollte. Doch zuerst hat deren Anliegen natürlich Vorrang, und so schweigt er mit dem seinen erst einmal.



Die an ihn gerichteten Worte des Kapitäns reißen Hesindian aus seinen Gedanken, denn immer noch kann er keinen Grund finden, weshalb ihm der untere Bereich des Steuerrades so interessant erschien, dass er von seinem direkten Anliegen an den Kapitän abgelenkt worden war.

'Das wird wohl der Seegang sein.' redet der Hesindegeweihte sich ein, auch wenn diese Antwort ihm nicht wirklich Befriedigung verschafft.

"Kapitän Efferdstreu, ich möchte Euch um Erlaubnis bitten, die Räumlichkeiten der Schiffsmesse nach dem Morgenmahl für meine Lektionen okkupieren zu dürfen. Die relative Ruhe sowie die Ausstattung mit Tisch und Sitzgelegenheiten würden meinen Bemühungen sehr entgegenkommen." kommt er schließlich auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen, während er sich dazu zwingen muss, nicht immer wieder auf das Steuerrad zu starren.



'Lektionen...'

Der Kapitän braucht einen Moment, bis ihm wieder klar wird, von welchen Lektionen da die Rede ist, und fühlt sich wieder an jenes Gespräch mit Hesindian im Hafen von Salzerhaven erinnert.

'Die Messe?'

Ablehnung steht kurz in Jergans Gesicht geschrieben, schließlich ist das die OFFIZIERSmesse, doch dann... dann wird ihm mit einem Schlag wieder klar, wer da eigentlich fragt. Vor ihm steht nicht der junge, und so unerfahren wirkende Geweihte, mit dem er das erste Mal über dieses Thema geredet hat, nein, vor ihm steht kein Geringerer als der HÜTER DER HEILIGEN MIESMUSCHEL!

"Das geht in Ordnung. Wenn die Fahrgäste und die Offiziere gefrühstückt haben, könnt Ihr gerne die Messe benutzen."

Ruhig kommt diese Antwort, ohne dabei auch nur im Ansatz etwas von den dahinter stehenden Gedanken zu verraten. Einzig ein kleines Zögern mag auffallen, aber das kann genauso gut auch daran liegen, dass Jergan sich ja auch noch um das Steuer und den Kurs kümmern muss, und die Karavelle sicher durch die Wogen leitet.



Hesindian setzt schon zu einer Rechtfertigung an, weshalb die Messe für seine Zwecke so unentbehrlich wäre, als ihm klar wird, dass Jergan ihm bereits die Erlaubnis, diese zu nutzen, erteilt hat. Nach der langwierigen Diskussion vor zwei Nächten in Salzerhaven hatte er eigentlich ein längeres Streitgespräch mit dem erfahrenen, wettergegerbten Seemann erwartet.

Ein leises "Danke." entfleucht seinen Lippen. Offenbar hat er sich in Kapitän Efferdstreu getäuscht, als er angenommen hatte, dass dieser den Stellenwert einer Teilausbildung durch die HESindekirche nicht recht zu schätzen wüsste.

Gerade fällt ihm auf, dass er den Kapitän anstiert wie ein Bauernbub einen Elfen, und so reißt er sich zusammen und nickt noch mal bekräftigend.

"Nach dem Frühstück, natürlich."



Der Kapitän bekräftigt seine Worte noch einmal mit einem Nicken - mehr Worte sind zu diesem Thema wohl auch nicht mehr nötig. Doch er hat selbst ja ebenfalls noch ein Anliegen, bei dem ihm vermutlich sowohl Hesindian, als auch Darian helfen können - einfach, weil diese bei der Mission am Vortag dabei gewesen sind, und sich auch weit mehr mit der Heiligen Miesmuschel beschäftigt haben.

"Verzeiht", sagt er darum nach einigen Augenblicken, in denen er wieder einmal die Position des Ruders leicht korrigiert hat, "ich habe an Euch da auch noch eine Frage."

Er sieht dabei beide Männer abwechselnd an, um klar zu machen, dass er auch wirklich beide meint.



Diesen Tag wird Hesindian sich rot im Kalender anstreichen, denn die Überraschungen scheinen kein Ende nehmen zu wollen.

'Eine Frage? Was kann der Kapitän nur auf dem Herzen haben, dass er meine Hilfe braucht?'

Aber auch Stolz schwillt in seiner Brust, denn endlich scheint es so, als würde die Welt ihn nicht mehr als schmächtigen, unerfahrenen Jungen, sondern als den vertrauenswürdigen und verantwortungsbewussten Geweihten sehen, der er nun war. Der Auftrag des Kirchenvorstandes war schon eine große Ehre und Herausforderung gewesen, aber die in seine Obhut gegebene Hlg. Miesmuschel war natürlich noch eine Größenordnung wichtiger gewesen. Und nun wollte der Kapitän der NORDSTERN ihn um Rat fragen?

dass diese Frage sowohl an Darian als auch ihn ging, übergeht er gedanklich, als er den Kapitän neugierig und erwartungsvoll anblickt.



Der erwartungsvolle Blick des jungen Geweihten lässt den Kapitän auch sogleich weitersprechen, ohne dem Magus groß Gelegenheit zur Erwiderung zu geben - ihm genügt im Grunde ja auch EINE Antwort.

"Ich habe vorhin noch einige Details zu den Ereignissen von gestern in unser Bordbuch geschrieben. Dabei bin ich auf eine Frage gestoßen, bei der ich sicher weiß, dass die Tempelvorsteherin die Antwort gegeben hatte, aber ich war ja eben nicht von Anfang an dabei, und musste mich auch noch um die Aufbruchsvorbereitungen kümmern."

Jergan macht eine kurze Pause, in der er das Steuer wieder einige Grad verstellt, und das Schiff weiter auf dem optimalen Kurs hält. Dann fährt er ruhig fort:

"Und zwar geht es um die Angabe, vor wie vielen Götterläufen die Heilige Miesmuschel aus dem Tempel in Havena entwendet worden ist. Sie hatte das gesagt, und damit sollte es wohl auch im Bordbuch Erwähnung finden."

Diesmal ist es der Kapitän, der die anderen beiden fragend ansieht.



Aus Sicherheitsgründen weiterhin an der Reling stehend, verfolgt der Adeptus das Gespräch der beiden Männer. Etwas erstaunt ist er schon, dass Hesindian die Frage nach der Messe nicht längst geklärt hat, aber offenbar war es ohnehin nur noch eine formale Frage. Eigentlich könnte man nun ja schon wieder gehen und den Kapitän nicht weiter bei seiner Arbeit stören, als eben dieser seinerseits eine Frage hat. Da sich diese Frage, nicht nur an Hesindian, sondern auch an ihn richtet, wie an Tonfall und Blickrichtung Jergans leicht zu erkennen, macht er nun doch einen Schritt weg von der Reling, näher zum Steuer hin. Sein Stab leistet ihm bei dem Seegang, der hier oben am stärksten zu spüren ist, eine wertvolle Stützhilfe.

Mit einem schlichten "ja?" nimmt Darian die Frage Jergans zur Kenntnis.



Das "Ja" des Magus bringt den Kapitän dazu, nach einer weiteren kleinen Korrektur am Steuer sich diesem zuzuwenden, und ihn weiter fragend anzusehen - die Frage ist ja schon gestellt. Kurz überlegt er, ob der Magier sie vielleicht überhört hat, aber das wird er in dem Fall wohl sagen, so dass der Kapitän sich besser für das Warten entscheidet - ihm genügt ja EINE Antwort, wer sie gibt, ist dabei recht egal.

Die See ringt herum verhält sich derweil weiter ordentlich, und macht keine größeren Kurskorrekturen nötig - der Kurs, den die Wellen dem Schiff auferlegen, weicht kaum oder gar nicht von dem Kurs ab, der im Moment ohnehin der beste ist, um Havena rasch zu erreichen.



Als der Kapitän ihn fragend ansieht, guckt der Adeptus erstmal ebenso verwundert zurück. War es nicht Jergan, der eine Frage stellen wollte? Oder hat er das schon getan und Darian hat sie überhört, da der Wind die Worte verweht und das Gehen auf dem schwankenden Deck einen Teil seiner Konzentration erfordert? Sicherheitshalber fragt Darian nochmal nach:

"Ihr hattet eine Frage, Kapitän?"



Also hat der Magus die Frage tatsächlich überhört! Im Grunde ist das bei dem Geräuschpegel, den Wind und Wellen erzeugen, auch kein großes Wunder.

"Ja", erwidert Jergan, "aber da war der Wind wohl zu laut, und hat die Frage in die falsche Richtung getragen."

Flüchtig huscht ein Lächeln über seine Züge, doch das Gesicht des Kapitäns wird sofort wieder ziemlich ernst, fast ernster noch, als es der Situation angemessen wäre, denn wieder einmal hat sich eine schon gelöst geglaubte Sorge in sein Bewusstsein geschoben.

Er schüttelt kurz, und kaum merkbar den Kopf, als wolle er jene Sorge erst einmal aus seinen Gedanken verdrängen, und fährt dann fort:

"Es geht um ein Detail zur Heiligen Miesmuschel, und zwar darum, vor wie vielen Götterläufen das Artefakt in Havena gestohlen worden ist. Ich bin mir recht sicher, dass die Tempelvorsteherin das gesagt hat, und würde es später gerne im Bordbuch mit erwähnen. Ich war ja nicht die ganze Zeit dabei, und zudem mit den Vorbereitungen für das Auslaufen beschäftigt, so dass mir diese Angabe entfallen ist, oder ich sie nie hatte... das weiß ich momentan gar nicht so genau."

Der letzte Satz ist fast ein wenig entschuldigend ausgesprochen.



Hesindian muss einen Moment lang über die Frage des Kapitäns nachdenken. Schließlich war die Information, wie lange die Muschel nun verschollen war, nur beiläufig im Gespräch mit der Tempelvorsteherin gefallen.

"Wenn ich mich recht erinnere," meint der Geweihte schließlich mit gefurchter Stirn, "so sprach die Tempelvorsteherin davon, dass das Heilige Artefakt vor etwa sechzig Götterläufen aus dem EFFerd-Tempel zu Havena gestohlen worden sei. Ob es sich dabei um eine genaue Zeitangabe handelte, oder ob sie nur auf Jahrzehnte gerundet ist, weiß ich leider nicht mehr zu sagen." bedauert der junge Geweihte ehrlich.



"Sechzig Götterläufe...", wiederholt der Kapitän leise, während er überlegt, ob das zu den anderen Informationen passen kann, an die er sich erinnert. Vor dreißig Götterläufen ist die eine Hälfte des Artefakts wohl in die Hände des Tempels in Salzerhaven gekommen, und der Tempel in Havena hat das Artefakt wohl das erste Mal vor weit einhundert Götterläufen gehabt. Das passt beides zu dem, was Hesindian sagt.

"So ganz genau müssen wir das ja auch nicht wissen", beeilt er sich dann, hinzu zu fügen, als ihm das Bedauern des Geweihten bewusst wird, "für unser Bordbuch reicht die ganz grobe Angabe ganz gewiss."

Jergans Blick huscht dann zu Darian, um zu sehen, was dieser zu dieser Angabe zu sagen hat, ob er der gleichen Meinung ist, oder das anders in Erinnerung hat.



Zwar hat der Geweihte die Frage des Kapitäns bereits beantwortet, doch dieser wünscht offenbar noch eine Bestätigung in Form einer zweiten Antwort und schließlich war die Frage auch an beide gerichtet.

"Ja, sie sagte etwas von sechzig Götterläufen, so habe ich es auch in Erinnerung," sagt er Jergan daher. Er spricht diese Worte etwas lauter als nötig aus, damit er trotz des Windes auf jeden Fall verstanden wird.



"Dann wird das so sein, und ich werde es nachher so in das Bordbuch eintragen.

Das war es, was ich wissen wollte, und ich danke Euch für Eure Hilfe."

Wieder korrigiert der Kapitän den Kurs der NORDSTERN etwas, und diesmal sind die Steuerausschläge wieder etwas größer als zuvor. Es scheint so zu sein, dass der immer noch etwas zunehmende Wind die günstige Art der Wellen, die es dem Mann am Steuer in den letzten Minuten so leicht gemacht haben, nun wieder in eine nicht so optimale Richtung verändert.

"Ich wünsche Euch dann ein angenehmes Frühstück, und Euch", der Kapitän sieht dabei den jungen Geweihten und Hüter der Heiligen Miesmuschel an, "viel Erfolg bei Eurem Vorhaben der Ausbildung unseres Schiffsjungen."

Ein Lächeln huscht dabei über die Züge Jergans, doch die Worte klingen sehr ernst und ehrlich gemeint.



Die Erwähnung des ausstehenden Frühstücks lässt Hesindians Magen lautstark seinen Protest verkünden, doch endlich gefüllt zu werden, schließlich muss er schon seit einiger Zeit mit dem halben Keks vorhalten. Ein Kanten Brot, mit etwas Fleisch und Käse, dazu vielleicht einen Schlucken Milch oder Wasser, das wäre etwas, um die unbequeme Untätigkeit zu beenden und wieder die Säfte sprudeln zu lassen. Um seiner Forderung etwas Nachdruck zu verleihen, krampft er sich ein wenig zusammen und lässt ein unheilvolles Grollen ertönen.



Unbewusst streicht sich Hesindian mit einer Hand über den knurrenden Magen. Seit dem Feenkeks hat er nichts mehr zu sich genommen und spürt nun deutlich, wie seine leiblichen Bedürfnisse ihn einholen. Sicherlich könnte er eine Weile noch Herr darüber bleiben, aber was soll er sich ohne Not unnötig quälen?

"Ich hoffe, dass Ihr euch bald hinzu gesellen werdet?" fragt er den Kapitän. "Oder habt Ihr schon Euer Morgenmahl zu Euch genommen?"



Auch der Magen des Adeptus sehnt sich ungeachtet des Seegangs nach Füllung.

"Ja, wir sollten und jetzt wirklich zum Frühstück begeben, bevor für uns nichts mehr da ist," sagt er halb scherzhaft zu Hesindian. Auf die Idee, dass der Kapitän selbst auch mitkommen will, kommt er erst gar nicht, schließlich muss sich dieser im Moment um das Steuer kümmern. Die Seeleute haben sicherlich ihre eigenen Zeiten, zu denen sie ihre Mahlzeiten zu sich nehmen.



"Habt Dank", sagt der Kapitän in Richtung des Geweihten, "doch ich werde wohl später essen, oder mir etwas nach hier bringen lassen. Im Moment möchte ich das Steuer noch nicht verlassen, und die Bootsfrau, die es übernehmen könnte, muss sich gleich noch um unsere Beseglung kümmern - wir wollen ja die Heilige Miesmuschel schnell und sicher nach Havena schaffen."

"Euch also Guten Appetit!"

Es klingt recht abschließend, denn unmittelbar nach diesen Worten wendet der Kapitän sich wieder voll dem Steuer zu, das diese Aufmerksamkeit auch deutlich nötig hat, wie die wieder heftiger gewordenen Bewegungen der Karavelle verraten.



"Dann wünsche ich Euch noch eine angenehme Wache."

´So sagte man das doch unter Seeleuten?´ sagt der Adeptus dem Kapitän zum Abschied. Sodann wendet er sich Hesindian zu, um ihn mit den Worten:

"So lasst uns zum Frühstück gehen," zum mitkommen aufzufordern. Er selbst macht dabei bereits den ersten Schritt auf dem schwankenden Brückendeck, Richtung Niedergang.



Auch Hesindian verabschiedet sich von Jergan mit einer angedeuteten Verbeugung und folgt dann Darian von der Brücke, darauf acht gebend, bei der bewegten See nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

"Wo wird das Frühstück eigentlich eingenommen?" fragt er seinen Begleiter schließlich nach einer kurzen Weile.

"In der Messe?"

Da Hesindian sich mit den Örtlichkeiten noch nicht vertraut machen konnte, und demzufolge auch nicht weiß, wo die Messe überhaupt ist, entschließt er sich, Darian die Führung zu überlassen, da der Magier sich schon länger auf dem Schiff befindet als er selbst.



Den Wunsch des Magiers erwidert der Kapitän mit einem knappen Nicken, dann ist er wieder alleine auf der Brücke, ein Zustand, der eigentlich gar nicht so selten ist. Das Steuern eines Schiffes ist meist eine einsame und zum Teil auch langweilige Tätigkeit, die aber von höchster Wichtigkeit ist, und stets die Bereitschaft zu höchster Konzentration erfordert.

Im Moment ist diese noch nicht nötig, und so kann Jergan sich endlich auch anderen, ebenfalls aufgeschobenen, Dingen zuwenden. Lowangers Worte, ehe dieser nach unten gegangen ist, sind ihm noch deutlich im Gedächtnis, und er hat in den letzten Minuten mehrfach gesehen, dass dieser einfach Recht hat - die Blinde unter dem Bugspriet ist des öfteren in die salzigen Wogen eingetaucht.

Sein Blick huscht über das Deck, doch lange muss er nicht suchen, um die Bootsfrau zu finden, die, der Blickrichtung zufolge, wohl auch vorhat, ihn etwas zu fragen. Sie und die erfahrene Sigrun - das sind genau die richtigen...

"Nirka und Sigrun, zu mir!" hallt sein Ruf so auch über das Deck.



NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Joanna's schwere Träume


Noch immer liegt Joanna in ihrer Koje in der Gemeinschaftkabine. Ob sie nun schläft oder nicht, kann wohl keiner der Anwesenden feststellen. Ihre Augen sind geschlossen und die Atmung ist ruhig und gleichmäßig. Sie glüht und zittert zwar noch immer, doch die Tränen sind nun endgültig über ihren Hals hinunter gelaufen. Wie lange die Druidin schon so daliegt macht für sie keinen Unterschied, denn in ihren Visionen vergehen Sekunden, höchstens Minuten. Und diese Energie ist so stark, dass selbst ihr Geist und ihr Körper diese Visionen als Realität akzeptieren.


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Nur noch kurze Zeit steht Joanna unschlüssig da, als sie endlich Osin al Gossaras Hand ergreift. Ein greller Blitz durchzuckt die Dunkelheit und die beiden werden von einem hellen Licht umfasst, so dass die Druidin kaum die Augen offen halten kann. Ein kurzer Schmerz durchzuckt sie.

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Wenn in der Gemeinschaftkabine jemand aufmerksam wäre, hätte er in diesem Moment sehen können, wie der Mund der träumenden Druidin sich zu einem lautlosen Schrei öffnet, doch einen solchen Beobachter gibt es nicht, denn sowohl der blauberobte Magier, als auch der andere Druide schlafen ebenfalls noch. So sieht niemand, dass sich Joanna kurz in ihrer Koje aufrichtet, ehe sie wieder zusammensackt und wieder voll in ihren tiefen Traum abgleitet und nach außen hin einfach nur still und harmlos schläft.


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'Ist das jetzt das Ende?' fragt sie ihn ängstlich.

'Nein, meine kleine Jo. Dies ist erst der Anfang...'

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NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan's Arbeit


Fest ist nun wieder der Knoten und so macht Efferdan einen Schritt seitwärts - und damit Heckwärts - um sich dem nächste Tau zuzuwenden.

Das Schlagen der Wellen an die Schiffswand scheint für ihn fast die Wirkung einer Trommel zu haben: Im Takt der Wellen bewegen sich seine Finger, huschen fleißig hin und her.

Ihm gefällt der Seegang. Wo andere Schwierigkeiten haben mit dem stehen, steht er sicher an der Reling, arbeitet, sieht hinaus in das Gemisch aus Blau und Weiß, das das Meer ist. Noch immer singt er seine fröhliche Melodie - obgleich sie im Brausen des Meeres nicht allzu weit zu vernehmen ist...



Mittlerweile ist Efferdan beinahe am Brückenaufbau angekommen. Nicht mehr viel ist zu tun, bald haben seine flinken Hände die Taue kontrolliert, hie und da die wenigen festgezogen, die etwas locker waren. Doch noch ist er nicht fertig...



Das letzte Tau! Wie immer bei solchen Arbeiten bedarf gerade das allerletzte Tau noch eines Handgriffes, um den Knoten wieder fester zu ziehen. Doch nun ist auch das geschafft und Efferdan ist mit seiner Arbeit fertig.

Für einen Moment bleibt er an der Reling stehen, und atmet tief durch. er zieht den Geruch des Meeres in sich ein, lässt noch einmal die Gischt seine Haut benetzen. Dann dreht er sich um. Der Blick aus seinen meerblauen Augen wandert über das Deck.

`Es ist wieder leerer geworden. Gut.`

Mit geübtem Augen sieht er an Deck umher, ob noch etwas zu tun ist. Klar, tun kann man auf einem Schiff immer etwas, es ist nur die Frage, ob es gerade sinnvoll oder notwendig ist. Sein Blick bleibt für einen Moment auf dem neuen Matrosen hängen, der mit Eimer und Wischwerkzeug bewaffnet am Aufgang zum Brückendeck steht. Dann schweifen seine Augen weiter, zu den anderen Arbeitenden an Deck.

`Die Aufgänge wurden wohl von ihm von Unrat gesäubert. Die Winden sind besetzt und auch sonst scheint alles in Ordnung...`

Efferdan zuckt mit den Schultern. Anscheinend gibt es für ihn momentan nichts zu tun.

`Gelegenheit, den Herrn EFFerd um eine gute Reise zu bitten...`

Auch ihm war es natürlich nicht entgangen, dass der Wind in den letzten Tagen fast stetig auffrischte. Momentan lief das Schiff gut und der Wind war noch nicht so stark, dass er für ein Schiff wie die NORDSTERN eine wirkliche Gefahr wäre - aber, wenn er noch stärker werden sollte.

Erinnerungen flackern auf. Bilder eines schlimmen Sturmes. Der Himmel rabenschwarz, wie um zu zeigen, dass der schweigsame Gott schon seinen Handel mit dem Meeresgott geschlossen hatte. Ein Blitz fährt durch das Bild seiner Erinnerung und taucht ein einzelnes Schiff in fahles Licht. Fast meint er wieder das Geräusch brechender Masten, berstender Planken zu hören. Schreiende Menschen. Eine Frau, die verzweifelt um ihr Leben kämpft, aber nie schwimmen gelernt hat. Daneben, im Wasser treibend, die Leiche eines Mannes, der Kopf voll Blut. ...

Bleich schüttelt Efferdan den Kopf.

"Nein, nicht noch einmal. EFFerd schütze uns" haucht er Tonlos vor sich hin. Die Worte werden schon nach wenigen Fingern von den Geräuschen um ihn herum verschluckt. Einfach untergegangen, zerquetscht. So wie es einem Schiff passieren kann, dass in einen schweren Sturm gerät...

`Und dann dieser Traum heute Nacht...`

Fast hastig steuert Efferdan auf den hinteren Niedergang zu. Sein Ziel ist der Schrein. Ein Gebet an EFFerd kann sicher nie schaden...



NORDSTERN - Oberdeck: Meergrün's Streiche


Meergrün dreht sich auf den Rücken und schlägt die Augen auf. Er blickt direkt in das Gesicht eines HESindegeweihten. Der ist zwar noch ein Stück entfernt, scheint aber irgend etwas an dem Klabauter lustig zu finden (Abgesehen davon, dass er ihn nicht sehen kann).


was glotzt du so

biin iich komisch


Klabauter sind nicht für ihre feinen Manieren oder ihren vorsichtigen Umgang mit Respektspersonen berühmt. Meergrün steht auf, windet seine Hände von der Hose und dreht dem Geweihten eine lange Nase. Der wird das jedoch kaum mitbekommen, und setzt auch schon sein Gespräch mit dem Kapitän fort.

Götter hingegen sind durchaus für ihre Toleranz gegenüber Klabautern bekannt. Doch in diesem Fall ist der Kleine zu weit gegangen. Getreu der Devise, dass kleine Sünder sofort bestraft werden, klebt jetzt Meergrüns Daumen an seiner Nase. Nach Meergrüns Gesichtsausdruck zu urteilen, ist das nicht ganz angenehm.


so jetzt reiichts miir

aus miit steuern


soll der käp'ten

es doch selbst tun


iich geh jetzt und

wasch miich erst mal



Meergrün hat für die Erfahrung mit dem Zuckerbrei teuer bezahlt. Deshalb hat er jetzt auch fast keine Schwierigkeiten, sich auf den Weg zu machen. Zuerst leckt er Daumen und Zeigefinger ab. Damit kann er die Schuhbänder öffnen. Dann steigt er aus den am Boden klebenden Schuhen. Mit einem Ruck zieht er die Schuhe dann auch einzeln an der Ferse vom Boden los.

Der Klabauter macht sich auf bloßen Füßen und mit je einem Schuhe in jeder hand auf die Suche nach etwas Wasser. Da fällt ihm der kostbare Sahnebonbon ein. Meergrün hat ihn zwar halb aufgebraucht, um den untersten Griff einzustreichen, aber die andere Hälfte ist noch gut und klebt an der Griffspitze.


der käptn wiird

iihn nicht nehmen


so eiin bonbon

merkt er ja niicht


siieht er ja kaum

iist viel zu kleiin


jetzt kleb iich eh

nur daran fest


iich komm später

weiitersteuern


Also macht Meergrün nochmal einen Freudenhupfer und kehrt der ernsthaft diskutierenden Gruppe am Steuerrad den Rücken.



NORDSTERN - Oberdeck: Perval und Traviana


Der Niedergang hat tatsächlich einige Ladungen Seewasser abbekommen. Dafür ist allerdings kein Dreck zu sehen. Man scheint diesem Niedergang mehr Beachtung zu schenken als den beiden anderen, da hier die Passagiere normaler weise lang gehen.

Perval macht sich sofort an die Arbeit, das Wasser aufzuwischen. Nicht, dass doch noch einer der Passagiere ausrutscht und sich womöglich etwas bricht. Wie bei den anderen Niedergängen auch, ist Perval nach einigen Minuten fertig. Auch hier fängt er wieder unten an und arbeitet sich die Stufen hoch, so dass er am Ende seiner Arbeit auf dem Oberdeck steht. Die Tür zum Niedergang schließt Perval ordentlich hinter sich, so dass kein unnötiges Seewasser in das Unterdeck fließen kann.

Oben an Deck bleibt er für einen Moment stehen und schaut sich kurz auf dem Oberdeck um und auf das Brückendeck hoch. Die Bewegungen des Schiffs stören ihn dabei nicht im geringsten und auch die Sicherungsleinen benötigt er nicht. Zu viele Jahre hat er dafür auf See verbracht. Wahrscheinlich hat er mehr Zeit seines Lebens auf See verbracht als auch Land.



Traviana scheint in ihrer Arbeit vertieft und wendet ihm den Rücken zu, so dass Perval nur diesen und ihre langen schwarzen Haare betrachten kann.

'Mal seh'n, wie der Abend so wird.'.

Sein Blick streift auch kurz die Bootsfrau, die noch immer mit Sigrun an der Reling steht. 'Ach, die Bootsfrau scheint doch auch schon mit ihrer Reinigung der Speigatten fertig zu sein. Was die so viel mit der anderen Matrosin zu reden hat? Weiber, werden wohl tratschen. Scheint auch vor 'ner Bootsfrau nicht halt zu machen. Na ja, werd' mal schnell meine Arbeit erledigen, bevor die noch denkt, ich würd' nichts tun.'

So beendet Perval dann seinen kurzen Rundblick über das Ober- und Brückendeck und begibt sich zum Aufgang des Brückendecks. Dieser hat einige Ladungen Seewasser abbekommen, so dass Perval sofort anfängt, das Wasser aufzuwischen bevor die zwei Passagiere, die sich oben mit dem Kapitän unterhalten, wieder herunterkommen. Dabei hält er die Augen auf den Aufgang gerichtet, die Ohren allerdings mehr in Richtung der Unterhaltung des Kapitäns mit den Passagieren.

'Vielleicht erfährt man ja was über diese Geschichte, die einem der Schiffsjunge auftischen wollte. Wenn überhaupt etwas an der dran ist.'



Traviana muss irgendwie gespürt haben, dass Perval wieder an Deck ist, denn als sie sich ein Stückchen umdreht kann sie ihn sehen. Er scheint sie noch nicht gesehen zu haben oder nur kurz wahrgenommen zu haben, denn sie kann wohl gerade keinen Blick von ihm auffangen.

Die junge Matrosin denkt schon die ganze Zeit an die Einladung Pervals' und freut sich schon darauf, dass die Arbeiten doch bald getan sein müssten. Also dreht sie sich wieder um und versucht noch fleißiger als zuvor an ihre restliche Arbeit zu gehen.



NORDSTERN - Messe: Morgenmahl


Laut schmatzend verleibt sich Hjaldar das Frühstück ein und wundert sich dabei, wat der Smutje so alles auffährt. Er kann sich eigentlich kaum an eine Fahrt erinnern, wo's mehr als Zwieback und getrocknete Rationen und dazu den üblichen Finger Branntwein gegeben hätt'. Auf der anderen Seite ist er ja auch noch nicht so häufig als Passagier dabei gewesen - etwas dass man also durchaus wertschätzen kann.

Die Befürchtungen Alriks bezüglich der Eigeninitiative des Essens tut er mit einer abwinkenden Handbewegung ab.

"Dann müsch'n wir's Essen halt erscht jag'n..." grinst er kauend.

Ein bißchen erstaunt ist er über den Praioten, der sich nun so gar nicht benimmt, wie er es von diesen gewohnt ist. Andererseits ist dieser zwar kein Thorwaler, aber scheinbar gleichwohl von einem ähnlichen 'naturverbundenen' Menschenschlag, dem der gesunde, hesindegegebene Verstand noch nicht durch Dufttüchlein und Gesichtsschmiere vernebelt wurde.

"Klar isch's gut. Fret man tau." nickt er diesem denn auch zu und winkt auch Ameg zuzugreifen. Kann man ja nich' mit anseh'n, wenn da einer verhungert im Eck' steht.



NORDSTERN - Messe: Ameg und Onaskje


Ameg folgt genau wie der Praiot dem Weg des Essen und den Entscheidungen des Magen in die Messe. Irgendwie ist Ameg ein wenig überrascht von dem PRAios-Geweihten. Er scheint netter als erwartet zu sein. Allerdings hatte Ameg wohl auch ziemliches Glück, dass er die halbwegs richtige Anrede gefunden hat.

Als der PRAios-Geweihte eine erfolgreiche Attacke auf Wurst und Käse ausführt lacht Ameg auf und wird etwas lockerer. Der darauf folgenden Aufforderung von Hjaldar kommt Ameg dann auch gerne nach und greift zu. Mit einem Stück Brot in der einen und einem Stück Wurst in der anderen Hand futtert Ameg so schnell, dass es selbst einen Thorwaler erstaunen dürfte wie man so schnell etwas in sich hinein stopfen kann...

"schnche.. schmescht schut..", bringt Ameg mit vollem Mund hervor und greift sich noch ein Stück Wurst...



Gerade wartet der Geweihte noch auf eine Antwort des Jungen, da sieht er, wie sich ein mit Putzzeug und Eimer beladener Matrose nähert, augenscheinlich benötigt dieser viel Platz.

'Na, da werde ich wohl besser ein wenig Raum freigeben. Oh, da kommt ja auch schon der Koch. Sieht wirklich lecker aus, was der da in die Messe stellt. Gleich mal hinterher, ich habe Hunger wie ein Steppenwolf!'

Kurz blickt Onaskje zu dem Bengel hinab.

'Worüber der wohl immer nachdenkt?'

"So, ich werde jetzt mal meinen Instinkten folgen. Das solltest Du einfach auch tun."

Das Wasser lauft ihm im Munde zusammen, als er kurz nach dem Schiffskoch die Messe betritt und seinen Blick über den Tisch wandern lässt.



Mit einem Grinsen blickt Onaskje in Richtung des Thorwalers und des Bengels, dann schiebt er sich den letzten Bissen der Brotscheibe zwischen die Zähne. Wieder blickt er auf den Tisch.

'Fehlt nur noch ein ordentlicher Schluck Bier! Hm und was jetzt? Will mal hoffen, dass der Koch noch nicht zu fett ist, um schnell mal ein Schluck ran zu schaffen. Immerhin, guten Proviant hat er da, handfest, schmackhaft ohne dass man noch ewig dran rum tun muss und reichlich. Irgendwas sagt mir, dass ichs hätte schlechter treffen können.'

Während seiner Gedanken hat sich die linke Hand selbstständig gemacht und einen der Äpfel gegriffen, an der Robe poliert und... ihn in eine der Innentaschen gesteckt!

'Warum weiter experimentieren wenn ich doch schon zufrieden bin?'

Noch einmal belegt sich Wulff eine dicke Scheibe Brot mit Wurst und Käse, dann lässt er sich mit einem genussvollen Schnaufen auf einen der Stuhle sinken. Von dieser sicheren Position aus - Tisch in Reichweite, Eingang zur Messe gegenüberliegend, und eine Wand zum dagegen lehnen bei besonders fiesen Wellen, schaut er zu dem an seiner Seite befindlichen Regal, in dem zahlreiche Becher und Krüge stehen. Einer gefällt ihm besonders, ein schlichter metallener Krug mit großem Griff, größerem Fassungsvermögen und massiv ausgeführtem Bodenteil.

'Modell 'Seegang' würde ich denken. Ideal für mein Frühstücksbier, wenn es dennn mal kommt.'

Onaskje streckt den Arm und schnappt sich das gute Stück, bevor ein anderer Passagier auf diese Idee kommt. Dann schaut er wieder zu Ameg hin, schiebt sich das Brot in den Mund, lässt die Scheibe los und klopft mit der nun freien Hand laut auf den Stuhl neben ihm. Dann beißt er ab und sagt zu dem Jungen:

"Scho! Nu schetzt Disch mal hie hin *schluck*, das ist ein wenig bequemer, und sag mir mal, wie Du heißt und was Du hier auf dem Schiff zu tun hast."



Ameg setzt sich hin und futtert munter weiter. Nachdem er sich noch ein Stück Wurst geschnappt hat und nachdem der Praiot hustend sein Verlangen nach etwas anderem als Wasser kund getan hat, beginnt Ameg kurz zu erzählen.

"isch b'n Ameg", sagt er mit vollem Mund, "un' isch 'ab hier nischt zu tun. To'in hat misch mit'enommen. Aba isch glaub' der mach misch nisch' meh'. Un' jetz' bin isch hier weil isch bei de' heilischen Mischmusch'l scheholfen hab un' schum Feschd 'n 'avena einscheladen bin"

Durch den vollen Mund ist Amegs Aussprache nicht gerade besser geworden, aber das interessiert ihn nicht sonderlich. Ein wenig fragend schaut er den Praioten an.

'Ob der noch mehr wissen will? Egal.. mehr sag ich nicht.. und von dem Ring erzähle ich auch keinem.. wenn ich das dem Praioten erzähle ist das vielleicht sogar gefährlicher als wenn ich das einem anderen Dieb erzähle..'



"Ameg, soso. Freut mich dich kennenzulernen. "

Der Praiosgeweihte greift sich erneut einen Apfel und beginnt, ihn zu vertilgen.

"Und bei der Muschelsuche hast Du geholfen? das war sicher eine spannende Geschichte, oder? Aber was hast Du für die Zukunft vor, ich meine, möchtest Du hier als Schiffsjunge arbeiten, oder wirst Du den Tischler begleiten?"

Interessiert blickt Onaskje Ameg an.



NORDSTERN - Messe: Anselm beim Mahl


Kaum hat Anselm sich es auf dem Stuhl gemütlich gemacht, langt er auch schon voll zu. Eine gewisse Gier ist in seinen Handlungen dabei kaum übersehbar. Er nimmt sich ein großes Stück Brot und belegt es dick mit Wurst, genauso wie die anderen "Frühstücksteilnehmer" in der Messe. Gierig schlägt er immer wieder die Zähne in sein Brot um dann die Bissen genüsslich zu kauen und runter zu schlucken.

So ist es kaum verwunderlich, dass das erste Brot bereits nach kurzer Zeit verputzt ist. Aber Anselm geniert sich nicht und nimmt sich eine weitere Scheibe Brot, diesmal mit viel Käse drauf. Da sein Heißhunger nun etwas gezügelt ist, kaut er langsamer, während er den anderen beim Frühstücken zuschaut.



NORDSTERN - Messe: Bier


"Hey, ALRIK, willst Du Seemann sein oder BORonpriester?" wirft der Smutje dem Jungen, boch halb scherzhaft zu, als er sieht, dass dieser schon wieder zu Tagträumen begonnen hat. Dann beachtet er ALRIK allerdings nicht weiter, sondern wendet sich an die Personen in der Messe.

"Wer will hier alles was anderes als Wasser zu trinken?" fragt er, ohne jemanden bestimmtes anzusprechen in die Runde. Hier oben in der Kombüse steht aus Platzgründen nur das Wasserfass und bevor er jetzt für jeden Krug einzeln hin und herlaufen muss, fragt er lieber gleich, wer alles Bier will.



"Du kannst vielleicht blöde Fragen stellen." grinst Hjaldar den Smutje an. "Wo Wasuren doch just wat von Bier versnackt hat."

Er nimmt noch ein großen Bissen von einem Stück Brot und beginnt gemütlich zu kauen.

"Schll ich Euch hölpen das Fass raufzuschleppen?"



"Na, dass Du kein Wasser willst war klar," antwortet der Smutje dem anderen Thorwaler lachend, "aber das Fass lass ich ma besser unten, ich muss ja selbst noch rein in die Kombüse und die paar Krüge schaff ich auch so."

Anselms Bierbestellung nimmt er mit einem Nicken und einem schlichten, gemurmelten "Du auch" zur Kenntnis. Ein weiterer Finger an der Hand Garulfs krümmt sich. Noch macht er jedoch keine Anstalten die Messe zu verlassen, vielmehr schaut er weiterhin in die Runde, ob noch weitere Bierwünsche geäußert werden.



Anselm schluckt gerade den letzten Bissen Brot hinunter, als der Smutje eintritt und nachfragt, wer alles Bier wolle.

Anselm braucht nicht lange zu überlegen, er ist entschieden gegen Wasser. Als er den Mund öffnet und seinen Entschluss dem Koch mitteilen will, verirrt sich ein Brotkrümel in seine Luftröhre, worauf sein Rufen eher einem reinen Gehuste gleicht.

"Röchel...hier, ich...hust"



NORDSTERN - Unterdeck: Ärgerlicher Alberik


Alberik geht in die vorderen Bereiche des Schiffes, bis er sich sicher ist, dass ihn niemand mehr sehen kann, und auch niemand in seiner Nähe ist. Hier ist es sehr viel ruhiger als bei der Küche und dem Essenssaal und es ist auch nicht so viel Licht hier.

Wütend tritt er gegen die Holzwand des Schiffes.

'Von denen scheint mich niemand ernst zu nehmen. Sogar Matrosen und Kinder machen sich über mich lustig. Und der Geweihte muss es sogar auf die Spitze treiben und mich wie ein Kind behandeln. Vor allen Leuten!'

Es ist dem Angroschim keineswegs entgangen, wie manche Matrosen und Passagiere hinter seinem Rücken über ihn lachen. Und das macht ihn sauer.

'Vielleicht sollte ich ihnen ja einmal zeigen, was so ein kleiner Kerl alles mit so großen Leuten machen kann.'

Dabei starrt er das Blatt seines Felsspalters an, den er leicht hin und her dreht, um die Klinge von allen Seiten anschauen zu können. In Gedanken malt er sich aus, was die Axt mit mehreren der auf dem Schiff anwesenden alles machen könnte.

'Wenn die wüssten, was ich schon für Dinge gesehen und vollbracht habe, würden die bestimmt ganz anders über mich reden.'

Wieder tritt er gegen die Wand des Schiffes. Alberik ist in seinem Stolz gekränkt. Noch nie hat er sich so verletzt gefühlt, wie jetzt.



'Was soll ich jetzt nur tun?'

Nachdenklich schaut er in die Richtung der Küche, wo sich alle anderen befinden, auch wenn er sie von seiner Position aus nicht sehen kann. Etwas in ihm will sich am liebsten verstecken, wo ihm niemand mehr begegnen kann, der sich über ihn lustig macht.

Doch andererseits ist Alberik nicht jemand, der sich vor irgendetwas verstecken würde.

'Ich muss auch etwas essen. Und ich habe dafür bezahlt.'

Nach diesem wichtigen Grund, wieder zurück zum Frühstücksraum zu gehen, rappelt sich der Zwerg wieder auf und sammelt sein gesamtes Selbstvertrauen und seinen Stolz. Die Rüstung und die Waffen werden noch einmal zurechtgerückt, die Haare nach hinten geworfen und der Bart gerade gestrichen. Dann geht es wieder zurück zur Küche.



An der Küche ist nicht mehr allzu viel los, als Alberik dort ankommt. Nur noch einer der Matrosen steht zwischen auf dem Gang zwischen dieser und dem Essensraum.

'Das war auch einer von denen, die denken, mich wie ein Kind behandeln zu können.'

Der Zwerg atmet tief ein, um dann ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, so als ob er den Matrosen gar nicht bemerkt hätte, an ihm vorbei in die Messe zu gehen. Dort bleibt er am Eingang stehen und schaut sich um. Die Passagiere, die vorhin noch in dem Gang hinter ihm standen, hat es wohl alle hierhin verschlagen. Auch den Geweihten und den kleinen Jungen.

'Vielleicht sollte ich mich möglichst weit weg setzen? Dann können sie sich nicht mehr über mich lustig machen.'

Alberik würde sich lieber noch ganz verkriechen und vielleicht sogar auf das Essen verzichten.

'Nein, so leicht werden die mich nicht los. Die sollen nicht denken, dass sich Alberik, Sohn des Atosch, vor ihnen verstecken würde, nur weil sie ihn wie ein Kind behandelt haben. Die werden schon noch sehen, was sie davon haben, wenn sie so weiter machen.'

Langsam geht er auf der Seite des Tisches entlang, die den beiden gegenüber liegt. Im Gehen wirft er vor allem dem Geweihten noch böse Blicke zu und versucht sich etwas zu überlegen, was er tun würde, wenn dieser einfach weitermachen würde, wie bisher.



Wortlos stapft der Zwerg, der vorhin so plötzlich verschwunden war, in die Messe.

´Ach ja, der wollte ja auch Bier,´ denkt Garulf, dann Fasst er die eingegangenen Bierbestellungen noch einmal zusammen:

"Also Du wolltest Bier," er zeigt auf Anselm, "und Du," er zeigt auf Hjaldar, "und Du," er zeigt auf Alberik. "Die anderen trinken Wasser?" Vergewissert er sich noch einmal, um nicht am Ende noch zwei- und dreimal hin und herzulaufen, um noch mehr Krüge nachzuholen.



"Mir nur einen *räusper*" sagt Anselm nickend zu Garulf, als dieser abermals durchzählt.



"Also einen für Dich, zwei für Dich und zwei für Dich, für euch beide noch ja zwei Feuer," fasst Garulf ein letztes Mal die Bestellungen zusammen, dabei nickt er jeweils in Richtung der entsprechenden Person. Da der Rest die Frage ob sie Wasser trinken würden nicht verneint hat, geht der Smutje einfach mal davon aus, dass diese drei auch wirklich die einzigen Biertrinker sind. Während er sich zum Gang umdreht, überlegt er, ob er es riskieren kann, den Schiffsjungen mit dem Bereitstellen von Wasser zu beauftragen. Er kommt schließlich zu dem Schluss, dass er es so oder so selber machen muss, ob der Junge es nun vertrödelt oder gar nicht erst gesagt bekommt, aber versuchen kann man ja mal.

"ALRIK, stell schon mal ´n Krug Wasser und Becher in die Messe!" ruft er ihm daher nur kurz zu und stapft dann ohne eine Antwort abzuwarten in Richtung Niedergang.



NORDSTERN - Messe: Söldner unter sich ...


"Mir bring' man gleich zwei Krug, eener alleene macht nur noch mehr Brand." ergänzt Hjaldar zwischen dem Kauen. Mit einem fröhlichen Grinsen nickt er grüßend dem Zwerg zu, der grad vorhin so wortlos davon gestapft ist.

"Und ich wette, dass gilt auch für Dich, großer Krieger, oder?"



Noch nicht einmal hingesetzt hat er sich, da muss er die Worte des Thorwalers hören. Ihm entgeht nicht, wie er die Worte 'großer Krieger' betont.

"Ganz genau, bring mir gleich noch ein zweites Bier. Und am besten auch noch einen Schnaps für jedes dazu. Unser Freund hier," damit meint er Hjaldar, " möchte doch sicherlich auch noch einen Schnaps zu jedem Bier. Oder nicht?"

'Mal sehen, wie viele er braucht, um vom Stuhl zu fallen.'

Der Zwerg hofft, dass der Thorwaler mit trinkt, und dass er ihn dazu kriegt, noch mehr zu trinken, bis einer von ihnen aufgeben muss.

Bisher hat ihn nur ein anderer Zwerg im Wetttrinken geschlagen. Und dass auch nur, weil er selber schon den ganzen Tag durch die Gegend gelaufen ist und sowieso schon müde war.

Doch diesen Menschen würde er bestimmt schlagen, wenn er nur mitmachen wird.



Ja wat? 'Ha, der Kleene will ein Wettrinken?' denkt sich Hjaldar und lächelt um so breiter. Damit wär der Tag ja schon wieder gerettet ... wenn nicht ... ja, wenn ihn nicht der Käpt'n noch für was braucht. Klar isser nur Passagier, aber wenn's hart auf hart kommt, will er ja mit anpacken und in dem Punkt geht's auf'm Drachen zivilisierter zu als auf manchen horasischen Gammelkahn: Feuer gibt's erst, wenn Praios über der Rahe steht. Einer der schon ohne Seegang schwankt hat in den Segeln nix verloren.

Nu kann er aber auch kaum abwinken, wie sähe das aus? Also schleicht sich ein nachdenkliches Stirnrunzeln in sein Gesicht, was auch von unvoreingenommenen Zuschauern vielleicht als leichte Zweifel an Siegeschancen gedeutet werden könnte - indes er selbst zweifelt nicht, denn wie heißt's doch so schön:

' "Das geht über mein Fassungsvermögen" sprach der Zwerg und setze das Bierfass wieder ab.'

Es passt halt rein raummaßmäßig nich' so viel hinein bei der Größe, ist doch praiosklar.

Aber EFFerd sei Dank nimmt Garulf ihm die Entscheidung ab - dem Smutje hinterherzurufen, dass er doch kein Feuer möchte, fiele Hjaldar im schlimmsten Alptraum nicht ein. muss der Käpt'n halt wenn's ernst wird mit einem Thorwaler auskommen, der nur für zwei und nicht für vier Matrosen zählt...

"Und was mach'mer, wenn dat Fass leer ist, bevor Du aufgibst?" grinst er den Zwerg an. "Ich heet übrigens Hjaldar."



Abwartend schaut Alberik zu, wie der Thorwaler anscheinend über sein Angebot nachdenkt. Nebenbei schaut er sehnsüchtig auf das Essen, das auf dem Tisch steht. Endlich hat sich sein Gegenüber entschieden.

'Gut, er hat angenommen. Der Tag fängt ja doch nicht so schlecht an. Erst bekomme ich Essen und Getränke umsonst, und dann werde ich auch noch dem Kerl zeigen, wer als erster unter dem Tisch liegt.'

Tatsächlich wird Alberik durch die Tatsache, dass er sich auf Kosten anderer gehörig betrinken kann, ein wenig besser gelaunt. War er gerade dem Throwaler noch eher feindselig gesonnen, so ist er jetzt zu einem Trinkpartner geworden. Nur den Sieg will er ihm nicht lassen.

"Mein Name ist Alberik, Sohn des Atosch."

Einen kurzen Moment wartet er darauf, ob sein Name dem Thorwaler bekannt ist, erinnert sich aber daran, dass hier so weit Efferdwärts wohl noch niemand von ihm gehört hat. Also spricht er weiter.

"Und wenn das Fass leer wird, bevor einer von uns aufgegeben hat, können wir in die Gemeinschaftkabine. Ich habe mir noch ein kleines Fass mitgenommen, dass können wir dann trinken."

Beinahe bereut Alberik was er eben gesagt hat, würde es doch bedeuten, dass die Sauferei nicht mehr ganz umsonst wäre.

"Vielleicht sollten wir aber vorher etwas essen. Mit leerem Magen lässt es sich nicht so gut trinken."



"Greif nur zu, drum steit dat door." muntert Hjaldar mit einem Nicken in Richtung der Essensvorräten den Zwergen auf und nimmt sich auch gleichzeitig einen Viertelleib Brot vom Korb.

"Wat hat Dich'n aufs Meer verschlagen? Ich heff immer gegloobt, Zwerge geh'n nur dorthin, wo 'se sich'n Tunnel buddeln könnt."

Mit breitem Grinsen beißt er ein großes Stück von Brot ab und beginnt zu kauen.

'Ich will mal hoffen, Garulf beeilt sich mit dem Beer, ganz schön trocken dat Zeugs, so ohne'.



Während sich der Thorwaler schon Brot aus dem Korb nimmt, setzt sich Alberik auf einen Stuhl.

Besser gesagt, er macht etwas, was man mit einer Mischung aus Hüpfen und Klettern beschreiben könnte. Nachdem er seinen Felsspalter schon einmal auf den Tisch gelegt hat, geht er zuerst neben den auserwählten Stuhl, legt seine Hände darauf und springt hoch. Mit den aufgestützten Händen dirigiert er seinen Körper nun ein wenig nach vorne, um mit den Knien auf der Sitzfläche zu landen.

Nun noch eine kurze Drehung, um die Beine nach vorne zu kriegen, und schon sitzt der Zwerg auf dem Stuhl. Seine Hände legt er auf den Tisch, wobei die eine auf dem Stiel seiner Axt ruht. Sein Blick geht zu Hjaldar, der kauend neben ihm steht.

"Mein Weg führt mich in den Süden, noch hinter Mengbilla. Eigentlich wollte ich ja zu Fuß reisen, so wie auch schon Vater und Großvater und deren Väter und Großväter gereist sind."

Während er spricht, wandert seine noch freie Hand über den Tisch, um etwas essbares zu finden.

"Aber hast du schon einmal ausgerechnet, wie viel man bezahlt auf so einer langen Reise? Ein Freund hat mir mal vorgerechnet, was man für Gasthäuser und Essen alles an Geld lassen muss. Möglicherweise verliert man durch Zölle an den Grenzen noch einmal wieder. Und in den verschiedenen Ländern muss man auch noch sein Geld in die verschiedenen Währungen umtauschen. Dabei verliert man auch noch mal ein Vermögen."

Immer noch sucht seine Hand nach dem Korb mit dem Brot. Doch nun wendet Alberik seine Aufmerksamkeit wieder auf den Tisch, nur um mit einem enttäuschten Seufzer festzustellen, dass das Brot und die Wurst zu weit weg stehen für die Arme eines durchschnittlichen Zwergen.

'Können Menschen die Tische nicht mal in einer normalen Größe bauen?'

In der Gewissheit, dass man ihn sicherlich wieder wie ein Kind anschauen wird, wendet er sich wieder an Hjaldar.

"Könntest Du mir mal das Brot und die Wurst herüber reichen?"



Der Zwerg macht es Hjaldar schon nicht leicht, bei seinen Akrobatikübungen nicht einen dummen Kommentar loszulassen und ein verschmitztes Grinsen kann sich einfach nicht verbergen.

Als Alberik nach dem Brot fragt hingegen, ist keinerlei Spott oder Geringschätzung bei Hjaldar zu erkennen.

"Klar. Bedien' Dich."

Mit der freien Hand greift sich Hjaldar das Verlangte und reicht es hinüber.



Endlich kann auch Alberik etwas essen. Und ausnahmsweise hat er mal nicht das Gefühl, dass man sich über ihn lustig macht, als Hjaldar ihm das Gewünschte herüber gibt. Bevor er weiter spricht, nimmt er sich ein Stück des Brotes und ein großes Stück der Wurst und verspeist es gierig.

"Hm, das ist lecker," stellt er mit vollem Mund fest.

Nach einigen großen Bissen ist die Hälfte des Brotes schnell weg, und auch die Wurst wird immer weniger. Der letzte Bissen wird heruntergeschluckt, dann erzählt der Zwerg weiter.

"Also, ich habe mir dann mal gehörig durch den Kopf gehen lassen, wie ich in den Süden komme. Entweder begebe ich mich auf eine lange Reise zu Fuß, die mich eine ganze Menge kostet, oder ich komme schnell auf einem Schiff in den Süden, und bezahle dafür zwar einen hohen Preis, aber bei weitem nicht so viel, wie ich auf dem Landweg abgeben müsste. Und das Essen und Bier ist auch noch im Preis."

Alberik schiebt sich einen weiteren Bissen in den Mund. Bei so viel Erzählerei will er nicht das Essen vergessen, denn schließlich muss er nichts dafür bezahlen, wie er gerade selber erneut festgestellt hat. Und wenn es etwas umsonst gibt, nimmt sich Alberik, Sohn des Atosch, so viel, wie er nehmen kann.



NORDSTERN - Messe: Anselm lauscht ...


Während Anselm noch auf sein Bier wartet, lenkt sich seine Aufmerksamkeit auf das Gespräch des Zwerges mit Hjaldar. Während der kleine Dieb die letzten Krusten seinen Brotes kaut, lauscht er aufmerksam den Worten, die dieser Alberik, wie er sich nennt, da spricht.

Anselm freut sich, dass er mal wieder kostenlos, ja regelrecht zugeworfen, viele Informationen über diesen Herrn bekommt. Selbst ausfragen wäre vielleicht nicht so ergiebig gewesen und hätte eine weitere Selbstvorstellung Anselm zu folge.

'Lieber kein Risiko mehr eingehen. Bald bist du runter von dem Kahn.'

Und so hört Anselm konzentriert und wachsam zu, was der Zwerg zu erzählen hat. Sein Bier hat der kleine Mann darüber fast vergessen...



NORDSTERN - Messe: Ameg und Onaskje


Ein wenig abgelenkt, durch das Gespräch des Thorwalers und des Zwerges schaut Ameg den Praioten verwirrt an. Von welchem Tischler redet er nur?

"welcha Tischlä? ich weis' nich' was ich weita mach'. Schiffsjung' wohl nich'"

'schließlich ist Alrik ja der Schiffsjunge. Aber zu zweit wäre es wohl ganz nett. Vor allem weil Alrik gar nicht so schlimm zu sein scheint. Und mit den vielen netten Leuten an Bord wäre es sicherlich auch nicht schlecht', denkt sich Ameg.

"eingenlisch wollte Torin... aber... hmmm"

Ameg bricht ein wenig traurig ab. Irgendwie scheint er Torin ziemlich verärgert zu haben. Anders kann er sich nicht vorstellen, dass der ihn los werden wollte. Zu gerne würde er alles von Torin lernen und ein wenig so sein wie er. Doch daraus würde wohl nichts mehr werden. Ameg war sich sicher, dass er sich irgendwie alleine in Havena durchschlagen würde, wenn sich nicht die Möglichkeit ergab irgendwie auf der NORDSTERN zu bleiben.

Ameg blickt auf und wischt sich einige beginnende Tränen aus den Augen. Lustlos knabbert er an einer neuen Scheibe Brot herum. Irgendwie muss er sich ablenken...

...der kleine aufgeregte Mann mit den vielen Haaren, der sich gerade mit dem Thorwaler unterhält sieht immer noch interessant aus.

Während Ameg diesen, ohne es selbst richtig zu bemerken, anstarrt überlegt er ob er sich nicht entschuldigen sollte. Der kleine Mann schien ziemlich erbost gewesen zu sein, als Ameg ihn klein nannte.



NORDSTERN - Messe: Söldner unter sich ...


"Hätt' ich mir ja denken können, dat da das Gold hinter is'." grinst Hjaldar kauend. "Naja, ich krieg' halt überall Gold, wo sich welche in de Haar lieg'n und annen Hals wollt. Aber da giffet noch weit bessere Gründe auf'm Kahn zu fahren. Hass mal geguckt, wie lang Du von Thorwal bis Havena loopen müßt? Mit'm Drachen weniger als ein Madaviertel."

Da betritt der junge Magus die Messe. Nu hält Hjaldar nich' viel vom dem ganzen Zauberbrimborium, aber andererseits hat sich der Jung' schon ein wenig Achtung verdient, drüben auf den ZYKLOPENAUGE und dann auch in Salzerhaven.

"Moin Moin Meister Darian. Hock Dich hin und greif zu, der Smutje hett de Kombüüs plünnert."

Mit ausladender Geste zeigt Hjaldar auf die aufgedeckten Speisen.



Während Alberik vor sich hin kaut, versucht er das sehr befremdliche Gerede des Thorwalers zu verstehen.

'Hab ich das jetzt richtig verstanden? Verdient er sein Geld überall, wo sich welche in den Haaren liegen?'

Es wird weiter gekaut, als Hjaldar anscheinend einen Bekannten entdeckt hat.

'Warum muss der auch so komisch reden, da versteht man ja kein Wort.'

Endlich ist das Essen im Mund in so kleine Teile zerlegt worden, dass man es herunterschlucken kann.

"Bist du ein Söldner, und verdienst dir so dein Gold, oder habe ich das jetzt falsch verstanden?"



"Woll, die beste Axt diesseits der Sieben Winde die de für zwei Gold kriegen kannst." nickt Hjaldar zu Alberik's Frage, nachdem der Magus noch nicht so ganz wach scheint. "Greifenfurt, Silkwiesen, ... dat lustige Baronienspielchen als eenen Hal verschütt gangen' is ... sogar einmal bei denne Holzfäller- und Flußfischerkönigreichen, dumm wie Selemer Sauerbrot dee, aber da war nur'ne trübe Fischssuppe drin für uns."

Mit breitem Grinsen erinnert er sich an die hesindeverlassene Idee, bei den Andergastern anzuheuern.



Als er die Worte des Thorwalers hört, lässt Alberik erst einmal das Essen sein. Wenn er könnte, würde er dem Hünen nun die Hand väterlich auf die Schulter legen, während er spricht.

"Die beste Axt, die man mieten kann? Wenn du da mal nicht übertreibst. Meine Axt kann ist nämlich auch zu mieten, und jeder weiß doch, dass Zwerge die besten Kämpfer überhaupt sind."

Dies sagt er aus voller Überzeugung. Warum sollte er auch denken, dass es einem Menschen gelingen sollte, die Kunst des Kampfes mit der Axt besser zu beherrschen, als den Zwergen?

Schon seit seiner Kindheit hat er gelernt, ein Beil in der Hand zu halten und es gezielt einzusetzen. Dies ist zwar nicht bei allen Zwergen so, aber alle erlernen genug Wissen über den Umgang mit den Zwergenwaffen, um jeden Menschen in dieser Hinsicht noch etwas beibringen zu können.

Und schon alleine seine Kindheit hat länger gedauert, als das Leben des Thorwalers lang ist. Seit dem Tag, an dem er in die Welt der Menschen gegangen ist, hat er noch eine Menge dazu gelernt. eine Ausbildung war also weitaus größer als die des Menschen.

Warum also sollte er an seinen Worten zweifeln?

An dem Schaukeln des Schiffes versucht Alberik sich nicht weiter zu stören. Es nervt ihn zwar, aber das wird wohl etwas normales auf einem Schiff sein. Und vor einem anderen, besonders vor einem seefahrterfahrenen Thorwaler, wird er sich nicht die Blöße geben und zugeben, dass ihm die wilde Fahrt etwas ausmacht.



Hjaldar grinst breit und kichert.

"Die größten unter den Kleinen, woll woll! Wie willste denn eenen den Kopp eindellen? Da musste dem doch erst gegen's Schienbein petten, dat der sich runner bückt." wobei diese Worte auch so klingen, wie sie gemeint sind, nämlich als gutmütiges 'Den-anderen-aufziehen'.

Tatsächlich weiß Hjaldar um den Wert eines zwergischen Kriegers, wobei die Fertigkeit mit der Axt für ihn jedoch eher im Hintergrund steht.

"Aber eens mut man Euch lassen, mit der Armbrust macht Euch keener wat vor."

Stolz klopft er auf den am Gürtel hängenden Schneidzahn.

"Wobei ich den uff zwanz'g Schritt locker zwischen zwee Orkenglubschern plazier, das Wohl!"



Während er versucht die Worte des Thorwalers zu verstehen, beißt Alberik wieder von dem Brot in seiner Hand ab und kaut darauf herum.

Doch so sehr er sich auch anstrengt, er kann einfach nicht verstehen, was Hjaldar da von sich gibt. Es scheint, als würde er immer schneller und unverständlicher reden, je länger das Gespräch dauert.

Der Zwerg lebt schon lange in der Welt der Menschen und hat auch gelernt ihre Sprache zu sprechen. Zumindest die, welche von den Menschen im Mittelreich gesprochen wird. Aber diesmal kann er nur wenige Worte verstehen oder auch nur erahnen.

Das der kleine Junge ihn die ganze Zeit anstarrt, bekommt er nicht mit, so sehr wie er sich auf den Thorwaler konzentriert.

Trotzdem, so sehr er sich auch angestrengt hat möglichst viel zu verstehen, kann Alberik nicht viel verstehen. Nur die letzten Worte, bei denen Hjaldar auf seinen Schneidezahn klopft, glaubt der Angroschim zu verstehen.

"Ja, mit meinen Wurfbeilen kann ich auch gut umgehen. "

Eines seiner beiden Wurfbeile zieht er schon mal aus seinem Gürtel, falls er seinen Worten auch Taten folgen lassen soll.

"Aber die benutze ich nur bei Gegnern, die auf mich mit Bögen schießen. Ansonsten geht doch nichts darüber zu spüren, wie die Axt die Knochen des Gegners zerbersten lässt."



"Na, ich kannt auch drauf verzichten, dat mir eener so nahe kommt, dat er zurück hauen kunnt." grinst Hjaldar "Wennichem schon up dee Ferne kloor maken kunnt, dat er verloren hat, isset mir nur recht."

Das Stück Brot, das er bisher in der Hand und von dem er immer wieder einen Bissen genommen hat, legt er jetzt vor sich auf den Tisch und greift statt dessen nach einem der Äpfel in der Obstschale.

Mit einiger Wucht und Geschwindigkeit lässt er diesen ein paarmal zwischen den Händen hin- und herspringen, bevor er dann tatsächlich ein großes Stück heraus beißt und schmatzend zerkaut.

"WafnnimstndudnsoanSold?"



Nicht genug damit, dass der Mensch neben Alberik sowieso schon so seltsam redet, ohne dass er was im Mund hat. Jetzt muss er auch noch gleichzeitig einen Apfel essen.

'Wie? Hat er was über Waffen erzählt oder gefragt? Oder sollte das SWAfnir heißen?

Warum muss ich auch an jemanden geraten, der so seltsam redet. Nicht dass Menschen nicht sowieso schon eine seltsame Sprache hätten, aber die Thorwaler sind ja noch viel schlimmer.'

So bleibt Alberik, Sohn des Atosch, diesmal nichts anderes übrig, als nachzufragen.

"Was hast Du gerade gesagt? Irgendetwas über Waffen?"



NORDSTERN - Laderaum 3: Bier und anderes ...


Wasuren kommt die Treppe zum Lagerraum hinunter und umrundet den in der Mitte plazierten persönlichen Lagerraum des Smutje. An der Tür angekommen, probiert er erst einmal aus, ob der Smutje nicht vielleicht doch beim letzten mal das abschließen vergessen hat. Aber die Tür ist zu und so lässt sich Wasuren davor einfach nieder. So an die Tür gelehnt genießt er das mit gebrachte Essen aus der Messe, bricht etwas Brot und genießt die Stille hier unten.

'Garulf wird schon irgend wann kommen und Bier holen wollen. Dann krieg ich hoffentlich auch was ab.'

"Uha" gähnt Wasuren ausgiebig.

'Hier ist es eigentlich recht gemütlich. immer nett leise und keine Menschen Seele da. Vor allem selten Vorgesetzte die was von Arbeit schreien.'

So sitzt Wasuren eine ganze Weile dort unten. Das einzige das ihm vorm einschlafen bewahrt ist das Essen was er sich fortwährend in den Mund schiebt.



Vorbei am EFFerdschrein und oberen Laderaum geht der Smutje zum Niedergang, dort steigt er auf das Ladedeck hinab und begibt sich zum Laderaum 3, der auch als Vorratslager dient. Hier erblickt er zu seiner Überraschung Wasuren, der sich zum Frühstücken hier herein zurückgezogen hat.

"Ah, hier steckst Du, kannst gleich mal mit anfassen. Wir brauchen zwei Krüge für den Zwerg, zwei für Hjaldar und dann noch einen für ein von den Landratten,"

erklärt er dem anderen Matrosen, während er den Schlüssel aus seiner Hosentasche kramt und aufschließt.

"Und dann wolln wir selbst doch auch noch ein?" fügt er mehr als Feststellung denn als Frage hinzu.



Als Wasuren den Smutje kommen sieht, hört er schlagartig zu essen auf und packt seine Sachen an die Seite. Während Garulf die Tür öffnet steht Wasuren auf und meint nur voller Erwartung :

" Na klar zapfen wir erst mal einen für uns, ich hab auch schon ne richtig trockene Kehle."

Dann scheint er erst die vorherigen Worte des Smutje verarbeitet zu haben und schaut diesen etwas verwundert an.

"Sag mal Garulf, wie wolltest du diese ganzen Krüge eigentlich allein da hoch bringen? du wusstest doch gar nicht das ich hier unten bin, oder?"

Leicht aufgeregt und mit einem Blick wie nen blödes Kalb steht Wasuren neben der nun offenen Tür und wartet ab was der Smutje tut.



"Na, die für den Zwerg und für Hjaldar in die rechte, den letzten in die linke Hand," beantwortet der Smutje scherzhaft die Transportfrage Wasurens. Dann betritt er den Laderaum 3 und geht zielstrebig zu einem der Bierfässer. Da dieses Fass aus der jüngsten Proviantbeschaffung stammt und diese erst gestern Mittag erfolgte, ist es natürlich noch verschlossen. Vor sich hingrummelnd sucht er ihm Halbdunkel des Ladedecks nach dem Zapfwerkzeug.



Nach etwas suchen hat der Smutje das gesuchte gefunden. Also dreht er sich wieder zum Fass um und setzt den Zapfhahn an. Man merkt, dass er dies nicht zum ersten Mal macht, denn schon wenige Augenblicke später sitzt der Hahn fest am Fass und nur wenig der kostbaren Flüssigkeit wurde verspritzt.

"So, nu kanns losgehen."

Garulf greift sich einen der irdenen Krüge, die hier in einem Regal lagern und beginnt das Bier für die Passagiere, Wasuren und sich selbst abzufüllen.



Nach und nach füllen sich die Krüge. Etwas mühselig zählt der Smutje noch einmal durch:

"Zwei für den Zwerg."

Er schiebt zwei Krüge ein wenig zur Seite.

"Zwei für Hjaldar."

Auch diese Krüge verrückt er ein Stück.

"Einen für die Landratte."

Er zeigt auf einen weiteren Krug.

"Ein für mich und ein für dich."

Er zeigt auf die letzten beiden Bierkrüge.

"Na, denn lass uns ma," fordert er Wasuren auf, die Krüge an ihren Bestimmungsort zu schaffen.

Ein weiteres Mal stürzt das Schiff krachend in ein Wellental, die Krüge sind zum Glück mit schweren zinnernen Deckeln versehen, so dass nichts von der kostbaren Flüßigkeit verspritzt, auch ist der Boden der Krüge schwer genug, um keinen davon umstürzen zu lassen. Ganz anders sieht es da schon für eine etwas höher gelagerte und wohl nur schlampig gesicherte Kiste aus, sie schiebt sich durch den Stoß ein ganzes Stück nach vorn und liegt nun nur noch sehr knapp auf der darunter liegenden Kiste auf. Der an den Seegang gewöhnte Schiffskoch bekommt von all dem nichts mit.



Wasuren guckt Garulf aufmerksam beim zapfen zu und bekommt dabei ein immer breiter werden des Grinsen.

"Ok ich nehm dann die hier " meint er zu Garulf als er ein wenig an ihm vorbei greift und die letzten beiden Krüge nimmt. Dann geht er ein paar Schritte zurück und stellt die Krüge draußen noch ein mal kurz ab, um seinen Rest Brot in der Tasche zu verstauen. Geschickt nimmt er die beiden Krüge in seine linke hand und fragt dann :

"Soll ich dir noch was abnehmen Garulf, sonst gehn wir dann mal hoch bevor die alle verdursten."



Eigentlich sollte man meinen, dass der Koch selbst den kleineren Teil der Traglast übernehmen sollte und eigentlich ist es nun Garulf, der bei weitem mehr Krüge trägt als Wasuren. Eigentlich, aber welcher Thorwaler würde schon eine Traglast umverteilen und somit so etwas wie Schwäche zugeben? Also sagt er nur:

"lass mal, lass uns lieber zusehen, dass wir nach oben kommen, die Landratten werden sonst so schnell ungeduldig."

Währenddessen sorgt das beständige Schaukeln des Schiffes, dass eine gewisse Kiste immer weiter nach vorn und damit immer weiter zum Rand des Stapels bewegt. Kaum das die beiden Männer den Laderaum 3 verlassen haben, da ist es auch schon soweit: Krachend fällt die Kiste auf den Boden, die Planken zu einem recht unschönen Geräusch veranlassend. Nun gibt sie auch ihren Inhalt preis, etliche kleine, runde Kartoffeln rollen nun munter durch den Laderaum ...



NORDSTERN - Oberdeck: 'Füchse' unter sich - Der Kampf


'Wieder ein gebrochenes Herz. Es scheint eine abenteuerliche Suche gewesen zu sein, so wie er von seiner Liebe spricht, wäre er ihr wahrscheinlich bis nach Güldenland gefolgt. Wie viel Zeit wird brauchen, bis die Zeit ihn wird vergessen lassen.'

Die Traurigkeit, die aus Torins Augen spricht, legt sich bedrückend auf Jaruns Gemüt. Er kennt zu gut das Gefühl, wenn sich alles um einen herum zusammenzieht und er Angst hat, Dere und alles was dort existiert würde ihn erdrücken. Es gibt nur wenig, dass Jarun in solchen Situationen aufgemuntert hat.

Seine Gedanken schweifen wieder mal in die Vergangenheit. Auf seinen Reisen über Aventurien, hat Mausling, oft den einzige Punkt dargestellt, der ihn aus seinen bedrückenden Täumereien gerissen hat. Mit seinem ruhigen Gemüt und steten Zuversicht, war er meist der einzige Halt, der Jarun noch blieb, als er angefangen hat, selbst an dem guten Willen der Götter zu zweifeln.

'Satinav heilt alle Wunden. ... Nein, auch Satinav hinterlässt Opfer, die ihr Leben nie mehr in den Griff bekommen und sich Rauchkraut oder dem Namenlosen hingeben, um einen neuen Sinn in ihrem Leben zu finden.'

Sanft legt sich Jaruns Hand auf Torins Schulter.

"Ihr müsst stark sein. Vertrau auf die Dinge in eurem Leben, an dem euch etwas liegt. Sie werden euch helfen."



Traurig beobachtet Jarun den liebeskranken Mitreisenden.

"Frauen. Gebt euch keine Mühe ihre Gründe zu verstehen. Wenn es wirklich eine solche Frau, wie ich glaube, wird sie sicher ihre Meinung ändern."

Für sich weiß Jarun, dass solche Geschichte jeden Tag tausende Male auf Dere passieren und nur wenige liebende Herzen wieder den Weg zueinander finden, doch was soll er sonst sagen. Schweigend daneben stehen. Nein. Dieser Mann braucht jetzt ein paar unterstützende Worte.

"Nutzt lieber die freie Zeit die ihr noch habt. Schneller als euch lieb ist, werdet ihr wieder unter ihrer Fuchtel stehen."

Aufmunternd lächelt er Torin an. Auch wenn er wahrscheinlich unrecht hat, das weiß er. Doch schauspielern, dass hat er wirklich gelernt.



Phexane kann kaum glauben, was sie aus dem 'Schnabel' des Papageien hört. Nicht nur, dass sie sich mit diesen Verallgemeinerungen höchstgradig angesprochen fühlt, nein, sie weiß selber gut genug, dass auch Männer ein Talent zum Brechen von Herzen haben.

"So, Fuchtel, hm?"

Ihre linke Augenbraue scheint in die Höhe zu wachsen und mit strengem Blick und lodernden Augen fixiert sie Jarun. Wenn Blicke töten könnten...

Ihre Stimme bekommt einen drohenden, lauernden Unterton, so wie das leise Knurren und Fauchen eines Pardels, während sie weiterspricht.

"Wahrscheinlich sind auch Frauen daran schuld, dass es euch Männern ja immer so schlecht geht."

Mehr und mehr sinkt die linke Augenbrauen wieder, dafür aber verengen sich die Augen zu Schlitzen.

"Natürlich seid ihr Männer ja auch so unschuldig und viel zu gut für diese Welt."

Doch dann explodiert der Vulkan, der im Inneren Phexanes sich aufgebaut hatte.

"Ihr Männer seid doch die größten Schweine, die es gibt!" donnert sie laut los.



Die Worte und das aufmunternde Lächeln Jaruns sollen Torin wohl Trost spenden. Doch noch bevor sich dieses Gefühl in Torin ausbreiten kann, hört er auch schon die knurrende, drohend leise Stimme Phexanes.

Plötzlich sind all seine vorherigen Gedanken wie ausgelöscht. Fast so, als hätte ihm die Kraft des Fahrtwindes seine Gedanken geraubt. Das Mienenspiel Phexanes bekommt er nicht mit. Um so besser jedoch die unverschämten Beschuldigungen die sie von sich gibt. Und je lauter sie wird, desto lauter wird auch die innere Stimme des Zornes. Als sie dann sogar über das ganze Oberdeck brüllt, gibt es für ihn kein Halten mehr. Als er fühlt, wie ihm das Blut in den Adern zu kochen beginnt, reißt er den Kopf endgültig zu ihr herum.

"Jetzt ist aber genug!" brüllt er in der gleichen Lautstärke zurück. "Wer gibt euch das Recht zu solch' dreckigen Behauptungen!?!"

Nicht mehr als einen knappen Schritt trennen ihn von Phexane.



Die Aufmerksamkeit von dem Gaukler weg zu Torin hinwendend, fletscht Phexane kurz wie eine wilde Raubkatze die Zähne. Torins Worte lassen sie nicht abkühlen - im Gegenteil! So, als wenn Öl ins Feuer gekippt wurde, wirken nun seine Worte auf sie und lassen den explodierenden Zorn, der sich eben entladen hatte, noch weiter steigern.

"Wer mir das Recht gibt?" brüllt sie ebenfalls zurück. "Ihr verdammten Kerle seid es doch selber, mit euerer selbstgerechten Art. Ihr spielt mit den Gefühlen wie es euch passt und jammert dann am Ende herum, wenn die Frauen keinen Respekt mehr vor euch haben!"

Sie hat sich in Fahrt geredet und das Unausweichliche geschieht - sonst so darum bemüht sich möglichst zu beherrschen, lässt sie nun ihren angestauten Gefühlen freien Lauf.

"Ihr seid doch genauso ein dreckiger, verlogener Straßenköter!!!"



Bis vor wenigen Augenblicken hatte Torin noch versucht, sich gegenüber Phexane zurück zu halten. Doch nun mehr! Das raubtierhafte Gebaren und besonders dies letzte Beschimpfung von ihr war mehr, als er selbst zulassen konnte.

"Halt den Mund, du elende PRAIOTENTOCHTER!" schleudert er ihr die Worte ins Gesicht.

Sein Puls schlägt laut in den Adern. Es ist das einzige Geräusch, das er noch ungedämpft hört. Selbst das Flattern der Segel oder das Knarren der Bretter unter seinen Füßen hört er nicht mehr.



Mit weit geöffnetem Mund steht Jarun neben den beiden Streithähnen und kann es nicht glauben, was seine tröstlich gemeinten Worte bewirkt haben.

' War ich das. Aber ... . Ich wollte ... . Sie muss doch merken,... . Er wird doch nicht... . Ich könnte ... .Nein! Aber ... .'

Es dauert einige Zeit bis Jarun die Gedanken geordnet hat und den ersten Versuch unternimmt den Streit wieder zu schlichten. Genau im richtigen Moment wie es scheint, denn wenn Phexane schon als PRAIOTENTOCHTER beschimpft wird, dauert es sicher nicht mehr lange, bis der erste der Beiden über Bord geht.

Mit weit geöffneten Armen setzt er an, um die Schultern der Beiden zu umfassen und ruft:

"KINDER! BERUHIGT EUCH!"

Diese Wort spricht er mit voller Absicht in einer tieferen Tonlage aus, um den Eindruck eines weisen Vaters zu erhöhen.



Die Worte Torins sind die letzten Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen. Das, was Phexane nun fühlt, kann man nicht mehr als Zorn oder Wut bezeichnen. Diese Worte sind zu schwach, um das Gefühl zu beschreiben, welches sie nun vollkommen übermannt und verhindert auf Jarun zu hören, um wieder vernünftig zu werden.

Mit hasserfülltem Blick zieht sie in einer schnellen Bewegung das Florett, das Torin ihr schenkte, schlägt die Hand von Jarun beiseite und --- sticht zu!



Nur knapp kann Torin der schnell gestoßenen Klinge Phexanes durch einen Sprung zur Seite entgehen. Weniger Glück hat jedoch sein Mantel, durch dessen ledernes Material die spitze Klinge des Floretts dringt.

"Jetzt bist du zu weit gegangen!"

Während dieser Worte zieht Torin sein Florett aus der Scheide. Nicht einen Gedanken verliert er an den roten Samt der Waffenhülle oder gar an die fünf Smaragde, die darin einpasst sind.

Selbst Jaruns Worte nimmt er nicht mehr wahr. Mit einem hastigen Schritt zurück schafft er es gerade noch, die weitere Attacke Phexanes zu parieren. Ein metallenes Sirren erklingt, als die benutzte Klinge Phexanes sich mit der fein verzierten eigenen kreuzt. Mit einem Knurren zielt er selbst nun auf den Oberkörper Phexanes und sticht zu. Ihm geht es nur noch um den Kampf auf Leben und Tod.



dass Torin Phexane duzt und somit seiner Geringschätzung zu ihr noch mehr Nachdruck verleiht, überhört sie vollkommen. Verbissen konzentriert sie sich auf die Bewegungen.

Sie sieht, wie Torins Klinge auf sie zielt, versucht diese zur Seite weg zu schlagen, doch sie spürt die Kraft, die hinter Torins Attacke steckt und dass ihre nicht reichen wird, um die angreifende Klinge unschädlich zu machen. Seine Klinge rast nahezu ungebremst auf ihren Oberkörper zu, dann aber dreht sie sich rasch und in allerletzter Sekunde zur Seite weg.

Torin wiederum sticht ins Leere. Phexane ist nun so nahe an seinem Körper, dass es zwar für die lange Klinge ihres Floretts schon zu nahe ist, aber dafür schlägt sie ihn mit dem Griff auf sein rechtes Schulterblatt.



Als Phexane seine Schulter mit dem Griff ihrer Waffe trifft, schreit Torin auf. Nicht durch den Schmerz, den sein lederner Mantel zum Teil lindert, sondern weil er seinem eigenen Zorn Luft machen muss. Denn der Schlag Phexanes hat ihm noch mehr Geschwindigkeit gegeben und so sieht er die Reling schnell näher kommen.

'Dieses Biest ist verdammt schnell.' rasen ihm die Gedanken durch den Kopf, während er sich abrollt und sich blitzartig wieder Phexane zuwendet.

Obwohl ihm das Schaukeln des Schiffes zu schaffen macht, stürmt er die knapp drei Schritt auf die kleine Schwarzhaarige zu. Dieses Mal würde er sie treffen!



Phexane sieht, wie Torin auf sie zu stürmt. Eigentlich ein guter Moment, um zur Seite zu springen, damit er wieder an ihr vorbei stürmt und sie ihm unter Umständen noch einen Schlag versetzen kann. Doch für einen Moment wird sie abgelenkt.

'Warum?'

Plötzlich ist Torin direkt vor ihr! Erschrocken reißt sie ihr Florett zum Schutz hoch, doch ein erneutes leichtes Schaukeln des Schiffes holt sie von den Füßen und lässt sie hinfallen.



Zwar kann die Schwarzhaarige abermals seinen Angriff abwehren, doch dieses Mal holt seine Angriffskraft sie von den Beinen. Jetzt, da sie beinahe wehrlos vor ihm liegt, wäre der passendste Zeitpunkt, um diesem Kampf ein Ende zu setzen. Ein kurzer, schneller Stich und niemand könnte ihm einen Vorwurf machen. Sie hatte den Kampf begonnen und er hatte sich nur verteidigt.

*Doch das wäre falsch!* ermahnt ihn die innere Stimme. *Reicht dir der Gemordete in Thorwal noch nicht? Willst du noch mehr Unglück über die Menschen bringen?*

Mit einem Mal verschwindet der Schleier vor Torins Augen. Es scheint ihm, als würde er aus einem Wahn erwachen. Plötzlich sieht er nicht mehr die tödliche Gegnerin vor sich liegen die es niederzustrecken gilt, sondern nur noch Frau Fuxfell.

Ihr wilder Gesichtsausdruck und die Narbe in ihrem Gesicht lassen ihn jedoch keineswegs über ihre Gefährlichkeit hinwegsehen. Doch die langen, im Wind wehenden Haare und die Tatsache, dass sie vor ihm liegt, machen die schwarzhaarige Frau nicht länger zu einem Gegner.

"Ihr habt die Gewandheit einer Wildkatze." kokettiert er, während er sein verziertes Florett senkt. "Auf festem Boden hättet ihr mich wohl besiegt. Doch hier an Bord ist PHEx mit mir."



'Jetzt ist es wohl aus - er wird zustechen.'

Phexane schließt die Augen halb, fixiert den Boden vor sich, erwartet jeden Moment einen schmerzhaften Stich, der ihrem Leben ein Ende setzen könnte - doch nichts geschieht! Stattdessen lobt Torin sogar ihre Gewandtheit!

Überrascht schaut sie zu ihm auf. Jetzt, wo er direkt vor ihr steht, mit der Waffe in der Hand, wirkt er noch größer, mächtiger, als zuvor. Ein Bild aus frühen Kindertagen kommt ihr wieder in den Sinn - das letzte Mal, als sie ihren Vater sah.

Der Hass, der zuvor wie ein Rauschgift ihren Geist vernebelt hatte, verzieht sich langsam. Doch sie denkt nicht länger darüber nach, sondern achtet vielmehr auf die Waffe, die er nun sinken lässt.

'Jetzt könnte ich zustechen. Aber... ich will es eigentlich gar nicht!'

"Danke," antwortet sie leise, "dafür seid ihr aber sehr stark." Ihr Griff um das Florett lockert sich wieder.



'Naja, so stark bin ich auch wieder nicht...' will Torin eigentlich antworten. Doch warum soll er sein Licht unter den Schemel stellen? Nein, so etwas hat er nicht nötig.

Das Lächeln, mit dem er Phexane bedenkt, sagt weit mehr als nur ein 'Danke'. Flink wechselt er das Florett in die linke Hand und reicht der sitzenden Wildkatze die andere Hand.

"lasst mich euch hoch helfen, Frau Fuxfell. Oder zieht ihr es vor, den Rest der Reise auf den feuchten Brettern zu verbringen?"

Für Jarun hat er jetzt gerade keine Augen.



"Nein, dass nun wirklich nicht," antwortet Phexane Torin, reicht ihm ihre rechte Hand und steht dann auf. Doch seine Hand hält sie nicht lange, sondern bückt sich nach ihr Florett, dass sie auf dem Deckboden liegen gelassen hat, und steckt es sofort weg.

'Ausgerechnet mit der Waffe habe ich ihn angegriffen,' kommt es ihr in den Sinn. Sie dreht sich wieder zu ihm um und grinst leicht gequält.

"Das Schicksal hat es wohl so bestimmt, dass ich, immer wenn ich euch treffe, euch nach dem Leben trachte."

Ein kurzes, freches Glitzern keimt in ihren Augen auf.

"Mal sehen, wie das endet!"



Während sich Phexane nach ihrem Florett bückt, hat Torin Zeit genug, seine Rundklinge zurück in die samtene Scheide gleiten zu lassen.

Angesichts des gerade zurückliegenden Disputs und den wachenden Augen Jaruns wagt er es jedoch nicht, Phexanes durch die enge Lederhose gut zur Geltung kommenden Hintern mehr als einen flüchtigen Blick zu zu werfen.

Als sie sich ihm leicht grinsend zuwendet, kann er nicht sofort beurteilen, ob sie sich ihm gewollt so provokativ gezeigt hatte oder nicht. Und auch ihr frecher Blick trägt nicht gerade zu einer schnellen Lösung bei.

"Tja, schauen wir einfach einmal. Vielleicht möchte ich gar nicht, dass es endet."

Dann lächelt Torin etwas breiter.



"So? Euch macht es wohl Spaß, mit mir zu kämpfen? Dann sagt mir nur Bescheid, wenn ihr durchlöchert werden wollt. Ich bin dann sofort zur Stelle!"

Phexane lacht kurz leise auf und der Zorn, der bis eben noch ihre Waffenhand 'beflügelt' hatte, verschwindet vollkommen und macht somit einem Gefühl der Reue Platz.

"Entschuldigt bitte, dass ich euch angegriffen habe. Ich war wütend wegen diesem großkotzigem Gerede. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gerade Männer sind, die es mit Liebesschwüren nicht so ernst meinen."

Doch dann schaut Phexane Torin reichlich hintergründig an.

"Aber... vielleicht sind ja nicht alle Männer so, hm?"



Den Göttern sei Dank, haben sich die Beiden wieder beruhigt. Jaruns Körper, der scheinbar zum Sprung bereit war, entspannt sich wieder.

'Zum Eingreifen bin ich dann doch nicht mehr gekommen. So schnell, wie der Streit da war, ist er auch wieder verflogen gewesen. Die Beiden benehmen sich schon sehr seltsam, ganz so als verheimlichen sie noch etwas vor mir.'

Lächelnd tritt Jarun wieder zu den Beiden, nachdem er vorhin beim Ziehen der Waffen vorsichtshalber einige Schritte zurückgetreten war.

'Besonders Phexane scheint von einer Laune in die nächste zu fallen. Typisch Frau.'

Doch diese Gedanken behält Jarun zur Sicherheit aller erst einmal für sich und bemerkt dabei in keinster Weise, dass er auf dem Schiff auch schon einige Male ausfallend geworden ist.

"Schön, dass ihr euch beide wieder ber... " Jarun sucht nach den richtigen Worten, um nicht einen erneuten Wutausbruch von Phexane zu provozieren. "versöhnt habt! So ein kleines Gefecht am Morgen lockert doch die Glieder aufs angenehmste, nicht wahr. Vieleicht sollte ich mir auch mal jemanden suchen."

Kurz lässt er seinen Blick über das Oberdeck schweifen, wendet sich dann aber wieder mit einem verschmitzten Grinsen zu Phexane und Torin.

"Ich glaube nicht, dass ich angemessen gefordert werden würde. Besser ich verschieb es auf ein andermal."



Während Phexanes Ausführungen wird auch Torins Stimmung deutlich besser.

"Ja, was die Männer angeht, da seid ihr wohl scheinbar wirklich immer an die Falschen geraten..."

Dann jedoch sagt er nichts mehr. Ohne recht darüber nachzudenken, hebt er die rechte Hand zum Hut und schiebt ihn etwas zurück.

'Wie meint sie das jetzt? Und wieso schaut sie mich so an?'

Torin selbst merkt nicht, dass er sich längst am Kopf kratzt.

"Ja,... äh."

Plötzlich ist Torins Kopf leer. Nicht jedoch die Art der Leere, die sich einfach durch das Fehlen von Gedanken auszeichnet. Nein, das genaue Gegenteil ist der Fall. In Torins Kopf schießen so viele Gedanken gleichzeitig durcheinander, dass er keines Einzelnen mehr habhaft werden kann.

Und erst als Jarun sich rettend nähert, kann er wieder einen klaren Gedanken fassen. Doch so ganz hat Torin nicht begriffen, über was der alte Gaukler spricht.

"Ja, ganz genau, Herr Jarun, das meine ich auch." sagt er nur etwas abwesend, während er noch immer in das lächelnde, fast grinsende Gesicht der kleinen Frau Fuxfell schaut.



Phexane bleibt die Verwirrung Torins nicht verborgen. Kurz lacht sie auf und blickt dann ihn wieder genauso hintergründig an wie zuvor.

"Macht euch keine Sorgen, Herr Rotmarder. Wenn ihr wollt, dann könnt ihr mir auch später noch antworten."

Ihre Stimmung scheint langsam, aber sicher, auf den Höhepunkt zuzustreben - zumindest der Höhepunkt, der in Anbetracht der Tatsache, dass es noch viel zur früh für gute Laune ist, möglich wäre. Auch mag der Vergleich mit ihrem letzten Duell, das 'dank' der bleibenden Narbe im Gesicht ihr wie eine lästige Zecke im Gedächtnis haften blieb und nicht so glimpflich ausging, sie ein wenig aufheitern. Diesmal hat sie es sich anscheinend nicht mit jemandem verscherzt und sich auch keinen neuen Feind geschaffen.

So wendet auch sie sich sichtlich gut aufgelegt an Jarun und antwortet ihm wesentlich sinn- und wortreicher als Torin.

"Nun, wenn ihr wollt können wir uns gerne mal miteinander im Fechten messen. Aber für heute habe ich erstmal genug Übung! Man soll es ja auch nicht übertreiben, nicht wahr?"

Frech zwinkert sie dem Gaukler zu.



NORDSTERN - Oberdeck: Darian und Hesindian


"Ja, in der Messe, hier den Niedergang hinunter, dann gleich rechts und dann die erste Tür auf der linken Seite," beschreibt Darian den Weg, "aber ich glaube zu dieser Zeit dürfte der Weg gar nicht zu überhören sein, Euer Gnaden," fügt er scherzhaft hinzu.

Der junge Magier hält in seinen Weg kurz inne, um einen Matrosen durchzulassen, der plötzlich fast aus dem Nichts auftaucht und ziemlich hastig nach unten stürzt.

´Huch´.

Kurz darauf setzt er seinen ersten Fuß auf die Stufen des Niedergangs. dass keine zwanzig Schritt entfernt gerade ein Kampf auf Leben und Tod ausgebrochen ist, entgeht ihm - und so begibt er sich nichts ahnend zum Frühstück, statt die Streitenden mittels PARALÜ zur Raison zu bringen ...



Unten angekommen bleibt Darian erstmal stehen und dreht sich noch einmal um, Hesindian ist aus irgendeinem Grunde an Deck geblieben und steht etwas unschlüssig am Niedergang. Fragend guckt der Adeptus zum Hüter der Heiligen Miesmuschel herauf.



Einen Moment bleibt Hesindian am Niedergang zum Unterdeck stehen und wartet, bis Darian vor ihm den schmalen, steilen Treppengang herab gestiegen ist. Während er da steht, blickt er sich unschlüssig auf dem Oberdeck um. Wieder beschleicht ihn das Gefühl, irgendetwas Wichtiges übersehen zu haben, kann die Ursache aber nicht wirklich greifen.

In der Tat hat ihn das schnelle Waffenklirren erreicht, ohne dass er es als solches erkannt hat. Als sein Blick Torin und Phexane erreicht, sind die Beiden jedoch dabei, sich freundlich zu unterhalten und lachen, so dass er das ungewohnte Geräusch nicht den beiden zuordnen kann.

Er zuckt zusammen, als er Darian unten auf ihn warten sieht. Der Adeptus muss ihn ja für einen wahren Tagträumer halten, der seine Zeit zu verschenken hat.

'Das wird wohl der Hunger sein...' sagt sich der junge Geweihte. Höchste Zeit, was in den wartenden Magen zu bekommen und endlich wach zu werden, und so macht er sich daran, Darian ins Unterdeck zu folgen.



Als er sieht, dass der Geweihte ihm folgt, geht Darian nun endlich zur Messe. Suchend schaut er sich ihm Raum nach einem freien Platz um. Diese Suche ist gar nicht so einfach, ist es hier doch schon recht voll. Außerdem will er unter allen Umständen vermeiden direkt neben oder gegenüber dem Praioten zu sitzen, da wäre ihm ja sogar ein zwei Schritt großer Thorwaler als Tischnachbar lieber.



Vorsichtig nimmt Hesindian den Abstieg den Niedergang herab. Am Boden angelangt, ordnet er erst sein Gewand, doch dafür bleibt ihm nicht viel Zeit, da Darian bereits in die Messe weiterschreitet. Eilig folgt ihm der Hesindegeweihte, um nicht zurück zu bleiben, und betritt nur knapp hinter dem Magier den gemeinsamen Speiseraum.

Er reckt den Hals, um einen Überblick zu erlangen und einen geeigneten, freien Platz für sich zu finden, als ihm plötzlich die Hlg Miesmuschel einfällt, die er in ihrer sperrigen Schatulle immer noch unter dem Arm trägt und sicher in Händen hält, als wäre es ein Kind. Oder eher, sein Kind.

In dem engen Raum kann er die Schatulle kaum sicher deponieren; auf der voll gestellten Tafel, um die sich die Passagiere drängen, ist dafür nicht genügend Platz, und die Hlg Miesmuschel wie einen alten Koffer unter den Stuhl zu schieben oder in eine Ecke zu stellen, erscheint ihm einem derart wertvollen göttlichen Artefakt nicht würdig.

Hilflos blickt er in die Runde und wartet auf eine Eingebung, was er tun könnte. Schließlich bleibt ihm kaum etwas übrig, als die Schatulle in seiner Kabine zu deponieren, bevor er sich zu den anderen Passagieren zum Frühstück gesellt.

Halb dreht er sich schon zum Gehen, als sein Blick auf die reich gedeckte Tafel fällt und sein Magen sich grollend in Erinnerung ruft. Einen Moment hadert er, dann greift er auf die Tafel hinaus und bemächtigt sich eines Stückchen Käse, mit dem er die kurze Wegesstrecke in seine Kabine und zurück in die Messe zu überbrücken gedenkt.

"Wenn Ihr entschuldigen mögt," wendet er sich an Darian, der noch nach einem Platz Ausschau hält, "ich werde mich sogleich zu Euch gesellen."

Ohne eine Antwort abzuwarten beißt er in das Käsehäppchen und marschiert los in seine Kabine.



Darian kommt nicht mehr dazu dem entschwindenden Geweihten irgend etwas zu antworten, aber das war wohl auch gar nicht nötig. Mit einem schlichten

"Die Zwölfe zum Gruße,"

grüßt er die hier anwesenden und setzt sich dann auf einen der noch freien Plätze. Da Hesindian sich ja bereits etwas mitgenommen hat, sieht er keinen Grund, nicht schon mit dem Frühstück zu beginnen. Er verschafft sich einen kurzen Überblick, dann nimmt er sich ein Stück Brot, das er mit Käse belegt und zu verzehren beginnt.



Das Gespräch von Zwerg und Thorwaler dreht sich, wie zu erwarten war, um Bier und Eisen. Beides Themen, zu denen ein Magus eher weniger zu sagen hat. Andererseits ist es ihm so ganz lieb, kann er so doch in Ruhe sein Brot mit Käse belegen und verspeisen. Außerdem bemerkt der Praiot auf diese Weise vielleicht gar nicht, dass hier ein Magier anwesend ist.



NORDSTERN - Mannschaftsraum: Angar 'ruht'


Die Hängematte schaukelt bei jeder Bewegung des Schiffes ein klein wenig hin und her, nicht sehr viel, aber gerade ausreichend, um die Bewegungen des Schiffes für den darin Schlafenden recht unspürbar zu machen, und das so, dass sie auch nirgends anstößt.

Der Schlafende ist Angar, der besonders fleißige Matrose der NORDSTERN, der stets bemüht ist, möglichen Arbeiten weit aus dem Wege zu gehen, oder sie, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt, so zu verrichten, dass er so wenig Energie wie nur möglich investieren muss, und so rasch fertig ist, wie es nur geht. Von daher gefällt ihm die derzeitige Lage - träumend in der Hängematte - wirklich am besten. Zumindest würde sie es tun, wenn es da nicht störende Umstände gäbe:

Das Schaukeln des Schiffes ist es jedenfalls nicht, denn daran ist er als Seemann sehr gut gewöhnt und nimmt es im Grunde auch kaum wahr, erst recht nicht in dieser Hängematte. Es ist auch nicht die Tageszeit, zu der er als Matrose eigentlich schon wenigstens einmal auf dem Oberdeck gewesen sein sollte. Nein... es sind andere Dinge, wirklich wichtige Dinge: Da ist der Lärm, den die anderen auf dem Deck und auch ganz in der Nähe wohl im Bereich von Küche und Messe veranstalten, und da ist dieses störende Hungergefühl, dass ihn daran erinnert, dass die abendliche Mahlzeit nun doch schon wieder eine geraume Zeit zurückliegt.

Beides zusammen reicht aus, dass Angar ein Auge vorsichtig und unauffällig öffnet, und sich in dem durch das spärlich durch die Lichtschächte kommende Licht schwach erleuchteten Mannschaftsraum umsieht, ohne seine Lage auf der Hängematte dabei auch nur in Ansätzen zu ändern. Er ist sich nicht ganz sicher, aber es sieht so aus, als würden wenigstens Trolske und Aleara ebenfalls noch hier unten sein, vielleicht auch Xenia, aber deren Hängematte kann er von der seinen aus nicht so gut einsehen, wie er das manchmal gerne hätte.

Kurz lauscht er, ob er den Stimmen auf dem Unterdeck etwas entnehmen kann, aber das ist nicht der Fall. Doch... wichtig ist auch, dass eine bestimmte Stimme sehr deutlich dort NICHT zu hören ist, die der Bootsfrau nämlich, und das ist einfach gut so.

Langsam dreht Angar sich ein wenig auf seiner Hängematte, so dass er nun die recht dicht über ihm befindliche Decke des Mannschaftsraumes anblickt - die Decke, deren andere "Seite" das Vordeck mit der darauf stehenden Rotze ist. Kurz schweifen seine Gedanken zu diesem doch recht gemütlichen Platz dort oben, aber sie finden auch genauso schnell wieder in die Realität der noch gemütlicheren Hängematte zurück, als ihm nämlich klar wird, dass es auf dem Vorschiff bei dem Seegang, auf den die Bewegungen des Schiffes schließen lassen, sicher alles andere als gemütlich ist.

Im Grunde sollte er jetzt wirklich aufstehen, und sich um das Frühstück kümmern, nicht, dass die anderen alles wegessen und ihm, dem eifrigen und fleißigen Angar, nichts mehr übrig lassen.



NORDSTERN - Oberdeck: Der begehrte Eimer


Aus seiner Ruhe wurde er jetzt schon vor etlicher Zeit gerissen. Aus dem Schrank, welchen er sein Zuhause nennt, wurde er entführt, weg von seinen Freunden und Weggefährten. Unsanft hat man ihn behandelt, achtlos und grob hat man ihn auf die harten Schiffsplanken gestellt, so dass er einen Schrei nicht unterdrücken konnte. Dann wurde Wasser in ihn gefüllt. Nicht das klare, reine Wasser des Meeres, welches er so gerne in sich hat. Nicht das Wasser, welches ihn streichelt, liebkost und tröstet, wenn er dann doch arbeiten muss. Nein, Wasser aufgewischt vom Boden war es, verdreckt durch die Menschen. Kein Vergleich zu dem sauberen Wasser des Meeres. Wasser, welches man am liebsten sofort wieder entleeren möchte.

Und wieder hochgerissen am Griff, schmerzhaft, ohne auf seine Gefühle zu achten um kurz darauf wieder grob auf den Boden gesetzt zu werden. Nicht das die Tortur jetzt vorbei gewesen wäre, nein noch mehr Dreck wird ihm zugemutet. Dreck, welcher an ihm haften bleibt. Dreck, der ihn juckt; ihn, der sich doch nicht kratzen kann. Erbarmungslos sind sie, die Menschen, denken, dass einer wie er keine Gefühle hat. Doch da irren sie, wie sie immer irren.

Und wieder der Schmerz, als man ihn unsanft packt. Aber zum Glück wird er nicht gleich wieder fallen gelassen. Nein, es gelingt ihm sogar ein wenig zu schwanken. Vielleicht kann man so ja doch noch wenigstens etwas von der Brühe loswerden. Aber zu fest hält ihn der Griff des Menschen, ermöglicht ihn nicht noch mehr zu schwanken, um die Brühe über den Rand zu kippen. Immer und immer wieder versucht er den Menschen zu täuschen und inne zu halten im Schwanken, so dass dieser den Griff doch lockert. Aber sobald er wieder etwas Freiraum hat, sobald er wieder anfängt, ein wenig zu schwanken, so bald wird er auch wieder festgehalten, in diesem schmerzvollen Griff.

Dann die Hoffnung, als man ihn an die Luft bringt. Die Hoffnung, nun seinen verdorbenen Inhalt loszuwerden und frisches, reines Seewasser in sich zu spüren, welches ihn reinigt, und die Ränder, welches das verdorbene Wasser hinterlässt, wegzuspülen. Die Hoffnung, sauber und gereinigt zurückgebracht zu werden an den Ort, den er sein Zuhause nennt. Zurück zu seinen Freunden, mit den er lachen und sich freuen kann. Zürck zu den anderen, die sind wie er, klein aber robust. Aus guten Holz geschnitzt und von starken, metallenen Bändern umgeben.

Aber so groß die Hoffnung auch war, so groß ist die Verzweiflung, als er wieder auf die Bretter knallt. Wieder wird Wasser in ihn gefüllt, nicht das reine Wasser der Meere, nein, noch immer ist es dreckig, auch wenn dieses Wasser bei weiten nicht so verdorben ist. Zumindest lindert es den Dreck, spült ihn ab ein wenig.

Doch noch ist das Leiden nicht vorbei, der Schock über die Behandlung überdeckt fast den Schmerz, der ihn durchfährt, als er den Tritt in die Seite spürt. Ein wenig rutscht er auf den nassen Planken, bevor er hart an die Reling stößt und dort stehen bleibt. Der Schmerz überkommt ihn jetzt doch. Von einer Seite getreten, an der anderen angestoßen an ein Holz, welches um einiges größer ist als er selbst. Aufschreien tut er, doch wer sollte ihn hier hören. Die Menschen sind doch taub, und seine Freunde sind alle unendlich weit weg.

Gerne würde er die Arbeit erledigen, die man von ihm erwartet. Gerne würde er Wasser durch die Gegend tragen. Solange es reines und sauberes Wasser wäre. Niemand müsste ihn durch Tritte und Schläge zur Arbeit anhalten, nie würde er versuchen, das Wasser vorzeitig auszukippen. Wenn es doch nur klares und sauberes Wasser wäre. Stattdessen steht er hier, halb gefüllt mit dieser ekligen, verdorbenen Brühe, die die Menschen Wasser nennen, und ist verzweifelt. Wer wird sich seiner annehmen? Wer erbarmt sich, ihn zu entleeren und das verdorbene Wasser aus ihn zu kippen? Wer wird ihn reinigen? Und wer wird ihn zurückbringen zu seinen Zuhause, wo er sicher steht und vor den Tritten und Schlägen der Menschen zumindest ein wenig geschützt ist? Zurück zu seinen Freunden.



Nichts bekommt Perval mit von den Qualen des Eimers, welchen er sich zur Erledigung seiner Arbeit geholt hat. Wie die anderen Niedergänge auch wird dieser gründlich gereinigt. Nichts kann Perval von der Unterhaltung des Kapitäns und der Passagiere verstehen. Der Wind treibt die Wort weg von ihm. Nur noch wenige Stufen muss er abwischen. Weiterhin ist sein Blick auf die Stufen gerichtet, während seine Ohren versuchen zu verstehen, was dort oben geredet wird und er Stufe um Stufe abwischt.



Meergrün springt die Treppe zum Oberdeck hinunter. Da sieht er der Eimer, den Perval zum Putzen braucht verlassen herumstehen.


hey da iist ja

wasser driinnen


das kommt miir doch

wiie gerufen


Meergrün weicht dem Lappen und dem Matrosen, der daran hängt, aus. Dann stellt sich auf die letzte Stufe. Der Eimer sieht gut aus, ein wenig knorrig vielleicht. Das Wasser ist möglicherweise etwas schmutzig, aber Meergrün ist nicht wirklich wählerische oder pingelig.

Schwierig wird es jetzt nur noch, Wasser und Meergrün zusammenzubringen. Einfach rein zu springen wäre natürlich eine Möglichkeit. Aber wie soll der Klabauter dann wieder trocken werden. Und eigentlich will er sich ja nur die Hände, die Nase und die Schuhe waschen. Zu viel Wasser sollte man auf alle Fälle vermeiden.



NORDSTERN - Oberdeck: Perval's Arbeit ...


Mit der letzten Stufe des Aufgangs ist Perval nun fertig und steht oben auf dem Brückendeck. Um zu vermeiden, das der Kapitän oder einer der Passagiere auf dem Brückendeck denken, er würde versuchen, ihr Gespräch zu belauschen, dreht er sich sofort wieder um und begibt sich den gewischten Aufgang hinunter. Dabei blickt er über das Oberdeck. Sein Blick bleibt kurz an der Gestalt Travianas hängen.



Als Perval bemerkt, dass die beiden Passagiere, die sich zuvor mit dem Kapitän unterhalten haben, offensichtlich das Brückendeck verlassen wollen, beeilt er sich, schnell die letzten Stufen zum Oberdeck hinunter zu eilen. Unten stellt er sich an die Seite Richtung Kapitänskajüte, um die zwei Herren vorbeizulassen. Als der Geweihte den Aufgang herunterkommt, deutet Perval eine leichte Verbeugung an. Dieses sieht mit dem Wischmop in der Hand allerdings nicht gerade sehr elegant aus.



Während Perval nahe der Kapitänskajüte steht, um die zwei Herren vorbeizulassen, hört er von anderer Stelle ein Geschrei. Da keifen sich doch tatsächlich zwei Passagiere, ein Mann und eine Frau, in gemeinster Weise an.

'Praiotentochter, Straßenköter. Wau, da geht's aber ab.'

Fasziniert von der Ausdrucksweise der Passagiere hört Perval den Passagieren zu, wie diese sich anschreien. Als allerdings langsam in seine Gedanken dringt , was die Frau zuerst gesagt hatte, fühlt er sich ein persönlich angegriffen.

'Männer sind Schweine!? Die Wildkatze braucht wohl mal 'ne feste Hand, die sie zähmt.'

Seine Augen suchen die Gestalt Travianas, um zu sehen, ob diese das Geschrei auch mitbekommen hat. Allerdings ist es schwierig, es nicht mitzubekommen.

'Denkt die vielleicht auch so? Dann kann das ja ein "schöner" Abend werden.'



Während Perval noch nach Traviana schaut, hört er plötzlich das Klirren von Klingen. Während seiner Zeit auf der SILBERVOGEL hatte er solche Töne öfters gehört, wenn es darum ging, gegen Piraten vorzugehen. Aber hier, auf diesem scheinbar friedlichen Schiff, hatte er sie nicht erwartet. Sein Blick gleitet zurück zu den Streitenden und wahrlich, die beiden scheinen in einen Kampf auf Leben und Tod vertieft. Schnell geht sein Blick hoch zum Kapitän am Steuerrad und streift dabei auch die Gestalt der Bootsfrau. Doch weder der eine noch die andere scheint etwas von den Vorgängen auf dem Oberdeck mitzubekommen. Sein Blick wechselt wieder zu den Kämpfenden, als dort die Frau gerade zu Boden geht. Da er im Moment nicht weiß, wie er reagieren soll - soll er Eingreifen und die Streitenden trennen oder soll er abwarten - geht sein Blick wieder hoch zum Kapitän. Aber dieser scheint das Geschehen nicht mitzubekommen oder ignoriert es. Doch noch während Perval versucht sich zu entscheiden, ob er den Mann davon abhalten soll, die Frau zu erstechen, hört er den Mann die Frau loben anstatt sie zu erstechen.

'Kann es wahr sein? Habe ich mich vielleicht verhört? Aber nein, er senkt die Waffe. Sollte es sich vielleicht doch nur um ein Geplänkel, um einen kleinen Wettstreit gehandelt haben?'

Erstaunt steht Perval einige Momente da und versucht seine Gedanken zu ordnen.



NORDSTERN - Oberdeck: Neugieriger Klabauter


Meergrün macht einfach den kleinen Schritt von der untersten Treppenstufe auf den Rand des Eimers und blickt hinein. Der Eimer ist zwar nicht groß, aber bei weitem noch nicht voll. Wenn der Klabauter sich hineinwagt, dann steht er bis zu den Knien drinnen und kann gerade noch hinaussehen.

Aber eigentlich hat Meergrün gar keine Lust, bis zu den Knien im Wasser zu stehen. Damit ist schon mal klar, dass Meergrün nicht zum Wasser kommen wird. Aber was dann? Der Eimer hat einen Henkel und man könnte ...



Meergrüns Ohren sind für den hohen Klang gekreuzter Klingen sehr empfindlich. Er blickt sofort auf und sieht die Kämpfenden. Für ihn ist die Idee eines Kampfes mit Waffen unvertraut.

Auch reiner Neugier verschiebt er daher erstmal sein Bad auf später und springt vom Rand des Eimers herunter. Dann verfolgt er ganz genau, was die Beiden da machen.


merkwürdig iist

diieses kliingen


iist das eiin spiiel

was diie da tun


warum schreiit er

dabeii so laut


haben sie angst

vor den messern



NORDSTERN - Oberdeck: Traviana


Traviana bemerkt diesmal gleich, dass Perval nach ihr schaut, und dreht sich ein Wenig um, so dass sie ihn sehen kann. Er scheint im Moment nicht sehr viel mit Arbeit beschäftigt, also steht Traviana auf, und läuft in seine Richtung.

'Mal sehn...'

Traviana weis nicht genau, ob er sie schon wahrgenommen hat, aber sie beginnt dann zu sagen:

" Schon fertig mit der Arbeit?"

Traviana dreht sich ein Stück um um anzudeuten, dass sie ihre Arbeit auch beendet hat.



NORDSTERN - Oberdeck: Zum Kapitän gerufen ...


Gerade wollte Sigrun Nirka antworten, da ruft der Kapitän nach der den beiden Frauen. Dann wird die Bootsfrau ihn wohl nicht nach Arbeit fragen müssen. Ohne Grund wird der Kapitän sie sicherlich nicht zu sich beordern.

"Die Frage hat sich wohl erledigt," meint die junge Matrosin daher, lächelt Nirka noch einmal zu und wendet sich bereits zum Brückendeck.



Nirka nickt, um der jungen Matrosin dann sogleich in Richtung des Brückendecks zu folgen, und sie vor dem Aufgang noch zu überholen - es ist wohl besser, wenn sie das Brückendeck zuerst betritt. Den Eimer des saubermachenden Matrosen umgeht sie, ohne ihn weiter zur Kenntnis zu nehmen - und den zweiten, der sich um den Eimer "kümmert", den sieht sie gar nicht - ebenso, wie ihn keiner der Menschen auf dem Schiff sehen kann.

"Bootsfrau Nirka Eiriksdottir und Matrosin Sigrun Persdotter melden sich wie befohlen", meldet sie dem Kapitän in raschen Worten, auch wenn sie weiß, dass er auf Formalismen wie diesen kaum Wert legt.

Sie bleibt dabei am oberen Ende des Aufganges stehen, weil ihr ziemlich klar ist, dass das, was Jergan möchte, sie beide sicher wieder nach unten führen wird.



Der Kapitän nimmt Nirkas Meldung mehr oder weniger nur mit einem knappen Nicken zur Kenntnis, wichtig ist ihm das nicht, und außerdem beschäftigt ihn das Steuer wieder mehr, denn die Karavelle läuft nun in einem zunehmend ungünstigen Winkel zu den Wellen.

So bleibt seine Anweisung auch knapp, und wird zwischen zwei recht heftigen Bewegungen des Steuers gegeben:

"Bergt die Blinde, die wird bei dem Seegang ohnehin nur nass, bringt uns aber nichts."

Mehr als das sagt er nicht, aber das ist auch nicht nötig, denn er weiß ganz genau, dass die Bootsfrau weiß, wie das gemacht wird, und vor allem auch weiß, welche Bedeutung das hat. Und er weiß, dass dies für Sigrun auch zutrifft, so dass die Aufgabe bei diesen beiden wirklich in guten Händen ist, und er sich wieder der verantwortungsvollen Aufgabe der Steuerung zuwenden kann.

Ohne eine Antwort oder Bestätigung abzuwarten, wendet er den Blick darum auch wieder nach vorne, und wirbelt das Steuer erneut herum. Wieder ist es weit mehr als eine Umdrehung, aber wiederum verhindert ein Zufall - oder Glück? - dass er in einen gewissen Sahnebonbon greift, der noch an einer Speiche des Rades klebt...



Sigrun ist Nirka auf dem Fuß gefolgt. Auch sie umgeht den Eimer und bleibt dann einen Schritt hinter der Bootsfrau stehen. So kann sie Nirka das Reden überlassen, bekommt aber alle Anweisungen des Kapitäns mit.

Als Nirka die Ankunft der beiden Frauen meldet, schweigt Sigrun daher und wartet ab. Der Auftrag des Kapitäns ist dann auch kein Unerwarteter und Sigrun nickt zu seinen Worten. Ja, die Blinde ist bei diesem Wetter wohl wirklich ziemlich sinnlos.

"Jawoll, Kapitän!", lautet ihre zackige Antwort. Doch bevor sie losgeht, um sich der Aufgabe zu widmen, wartet sie noch Nirkas Reaktion ab. Vielleicht möchte die Bootsfrau noch etwas mit dem Kapitän klären und Sigrun weiß, wie lästig es sein kann, wenn man alle Anweisungen noch einmal wiederholen muss, nur weil eine der beteiligten Personen zu schnell weggelaufen ist.

Abwartend, doch bereit jederzeit loszugehen, sieht sie Nirka an.



"Wird gemacht, Herr Kapitän!" antwortet Nirka nun ebenfalls, und beginnt dann, den Niedergang zum Oberdeck wieder hinabzugehen. dass Jergan in der derzeitigen Situation nicht viel mit ihnen reden möchte, versteht sie vollkommen, denn auch sie weiß aus Erfahrung, dass bei solch einem Seegang das Führen des Schiffes zuweilen sehr viel Aufmerksamkeit erfordert.

Auf der Treppe dreht sie sich halb zu ihrer Freundin um, und sagt, ohne stehen zu bleiben:

"Das erledigen wir, und danach sind dann die Laderäume dran - auch zum Aufwärmen."

Dabei grinst sie ein wenig, doch das Grinsen verschwindet für einen Moment wieder, als ihr klar wird, dass sie das im Grunde viel zu laut gesagt hat. Doch die nächste Idee ist auch schon parat, und so ergänzt sie in gleicher Lautstärke:

"Ich denke nämlich, dass das da vorne eine reichlich feuchte Angelegenheit wird, findest du nicht auch?"



"Das könnte schon sein", meint Sigrun und deutet ein Lächeln an.

Doch da wird Nirka von der neuen Matrosin angesprochen und Sigrun am Weitersprechen gehindert.

In dem Wissen, dass die Bootsfrau sicherlich nicht gerade jetzt, wo sie dabei ist, einen direkten Befehl des Kapitäns auszuführen, ihre Zeit mit Plaudern vertun wird, geht Sigrun voran. Nach ein paar Schritten wendet sie die forschen Schritte ein wenig nach steuerbord und berücksichtigt damit die Tatsache, dass die Blinde sich nur von zwei Personen, die von den beiden unterschiedlichen Seiten des Schiffes kommen, geborgen werden kann.

Nach Nirka sieht sie sich erst einmal nicht um. Die junge Matrosin hat einen klar definierten Auftrag zu erfüllen und die Bootsfrau wird mit Sicherheit so schnell wie möglich hinterher kommen und ihren Platz einnehmen.



NORDSTERN - Oberdeck: Perval und Traviana


Nachdem die zwei Streitenden doch keine Streitenden mehr sind und sie sich augenscheinlich versöhnt haben oder aber nie eine Streit hatten und das ganze nur Spaß war, erschrickt Perval ein wenig, als er die Stimme der Bootsfrau über sich vernimmt.

'Was hat die gesagt? Aufwärmen im Laderaum? Hält die nich´ mal ´n bisschen Wasser aus? muss die sich gleich trocken legen gehen wenn sie feucht wird? Gehört wohl doch nich´ auf ´n Schiff, eher hinter ´n Herd, wo ´s warm und trocken is´.'

Perval sieht kurz zur Bootsfrau hoch, die über ihm auf dem Aufgang geht. Sein Gesichtausdruck ist leicht verzogen, so als hätte jemand etwas Falsches oder Unpassendes gesagt.

Aber bevor er noch weiter dazu kommt, seine Meinung über die Bootsfrau und ihre Fähigkeiten zu vertiefen, wird er von Traviana abgelenkt, die sich ihm nähert. Er wendet sich ihr zu, wobei sein Gesichtsausdruck sich im ersten Moment allerdings nicht verändert.

'Ja, is´ ´n die blind. Redet von fertiger Arbeit , wo die Bootsfrau fast direkt neben einem steht.'

Aber dann überzieht wieder ein freundliches Lächeln sein Gesicht, als er ihr antwortet.

"Fast. muss nur noch dat Zeug zurückbringen und der Bootsfrau Meldung machen."

Dabei nickt er in Richtung des Eimers und hebt den Wischmop leicht an.



"Ach so." entgegnet Traviana, "dann will ich dich nicht groß dabei stören".

'Schade...'

Traviana sieht in diesem Moment auch die Bootsfrau in ihrer Nähe stehen. Die junge Matrosin hat hier ja nun ihre Arbeit getan, und kommt sich etwas hilflos vor, wie sie da an Deck steht und nichts tut. Sie sieht die Bootsfrau an und fragt sie dann nach einer Arbeit.

" Ich habe meine Arbeit dort vorne beendet; habt ihr noch etwas zu tun für mich?"

Jetzt ist sie doch schon etwas erleichtert, auch wenn sie noch nicht weis ob, und was sie zu tun haben wird, aber irgendwas wird sich schon finden.



NORDSTERN - Oberdeck: Kein Auftrag von Nirka


Die Bootsfrau hält am Fuß der Treppe kurz inne, als Traviana sie anspricht, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie sich gerade mit Sigrun unterhält. Doch... es handelt sich um die Ausführung ihrer Pflicht als Bootsfrau, und auch Traviana tut ja nur ihre Pflicht, so dass Nirkas Antwort längst nicht so ungehalten kommt, wie sie es vielleicht unter anderen Umständen wäre.

"Erst einmal nicht, du kannst ja kurz Pause machen, oder unten was essen. Ich denke, heute wird auf uns alle noch mehr als genug Arbeit zukommen."

Der letzte Satz klingt schon wieder fast freundlich, was sicherlich an der Aussicht auf das liegt, das Nirka und Sigrun sich für nach dem Bergen der Blinde vorgenommen haben.



Irgendwie hatte Perval gedacht, vielleicht auch ein klein wenig gehofft, Traviana würde die Gelegenheit, das beide keine Arbeit haben bzw. in wenigen Augenblicken die Aufgaben erledigt haben, nutzen, um das Gespräch fortzusetzen oder gemeinsam eine neue Aufgabe zu suchen. Statt dessen dreht sie sich weg und fragt die Bootsfrau nach Arbeit.

'Na ja, kann natürlich nich´ neben der Bootsfrau dumm rumsteh´n und nichts tun. Mal hör´n, vielleicht fällt ja ´ne Arbeit ab, bei der man sich ´n wenig unterhalten kann und die Kleine näher kennenlernt.'

Also nimmt Perval den an der Seite stehenden Eimer ohne besondere Rücksicht auf, so dass dieser gegen einen Pfosten der Reling knallt, und wendet sich halb zum Gehen um und halb der Bootsfrau zu.



Die Antwort der Bootsfrau bekommt Perval mit und er freut sich darüber, heißt es doch, dass auch er eigentlich Frühstücken gehen und sich dabei weiter mit Traviana unterhalten kann. Dann allerdings wird er abgelenkt. Es war ihm, als hätte der Eimer einen plötzlichen Ruck bekommen. Verwirrt sieht er hinunter zum Eimer in seiner Hand, nur um festzustellen, dass dort nichts anderes als der Eimer ist. Der wackelt zwar ein wenig, aber schließlich war der vorher auch gegen die Reling gestoßen.



Nachdem die Bootsfrau wohl nichts mehr zu sagen hat, wendet sich Perval nun vollends in Richtung des vorderen Niedergangs und geht an Traviana vorbei Richtung desselben.

'Nur noch schnell die Sachen weggebracht, und ich kann sehen, ob ich auch nich´ auch wat zwischen die Zähne krieg´.'



NORDSTERN - Oberdeck: Der 'Kampf' um den Eimer


hey neiin moment

meiin wasser fliieht


Mit schnellen Schritten eilt Meergrün zum Eimer zurück. Er klemmt sich die Schuhe unter den Arm und springt hoch. Grade noch rechtzeitig greift er mit der freien Hand den Rand des Eimers und hält sich verzweifelt an dem schaukelnden Ding fest, nur um sein Wasser nicht zu verlieren.




Als nächstes zieht sich Meergrün bis zum Rand des Eimer hoch und schwingt sich darauf, so dass er jetzt wie ein Reiter auf seinem Pferd auf dem Eimerrand sitzt. Die Schuhe zu halten ist ihm nun doch etwas unhandlich, so dass er sie erstmal überstreift. Dann macht er sich auf den Weg Richtung Griff. Immer die Hände vorsetzen und dann mit dem Hosenboden nachziehen.


und hop und hop

das geht ganz flott



Wieder bekommt er eine Ladung des dreckigen Wassers ab. Hört denn das nie auf? Was er hat getan, dass er so gequält wird?

Zu allem Überfluss steigt irgend etwas auch noch auf ihn. Eine Ratte ist es nicht und auch keine Katze. So ein Ding hat er noch nie gesehen. Sieht aus wie einer dieser dummen Menschen, doch kleiner. Dann huscht Es weg, ohne ihn von der dreckigen, stinkenden und verdorbenen Brühe zu befreien. Also auch kein Retter, der sich seiner erbarmt.

Und wieder hochgerissen, ohne Rücksicht auf seine Gefühle. Angestoßen an ein Holz. Ein Schmerzensschrei nicht mehr zu unterdrücken. Kann man ihn den nicht mit Rücksicht behandeln? Auch er tut doch niemanden etwas.

Und plötzlich heruntergerissen, als sich dieses komische Wesen an ihn hängt. Auch dieses ohne Rücksicht, auch wenn es nicht gar so schlimm ist, wie was die Menschen mit ihm tun. Aber könnt Es ihn nicht kippen, so dass das Unreine ausgekippt wird? Und was ist jetzt das, Es hüpft auf ihm rum. Ja, ist er denn ein Spielzeug? Zum Tragen von Wasser ist er gedacht, dieses ist seine Aufgabe. Leicht fängt er an zu schwanken. Vielleicht kann man Es ja abschütteln.



Traviana ist ein wenig verdutzt, als die Bootsfrau keine Arbeit für sie hat, aber sie freut sich natürlich, denn so könnte sie vielleicht etwas essen gehen, wozu sie bisher noch nicht gekommen war, was die Bootsfrau ihr ja auch vorgeschlagen hatte.

Perval ist schon in Richtung des Niedergangs gelaufen, aber wenn sie schnell genug hinterher kommt, geht er vielleicht mit ihr etwas essen. Sie wollte doch schon die ganze zeit diese Unterhaltung weiterführen.

Traviana eilt ebenfalls in Richtung des Niedergangs. Sie sieht, wie Perval sich mit jemandem oder etwas (?) 'herumärgert', und wundert sich erstmal darüber.

'Komisch, wer ist das? Ein bisschen klein für ein Besatzungsmitglied...'

Sie wartet lieber, bis das sich gelegt hat, dann wird Perval sie bestimmt auch bemerken



NORDSTERN - Brücke: Des Kapitän's Umschau


Die Aufmerksamkeit des Kapitäns ist zuerst durch die Auftragsvergabe an Bootsfrau und Matrosin, und danach durch die Konzentration auf die schwerer werdende See so gebunden, dass ihm die dramatischen Ereignisse auf dem vorderen Teil des Oberdecks vorerst vollkommen entgegen. Die durch den Seegang verursachten Bewegungen und Geräusche tun dabei noch ein übriges...



Zu den Aufgaben desjenigen, der am Steuer steht, gehört nicht nur die Steuerung des Schiffes und die Beobachtung der Natur rings herum, sondern auch die Ordnung und Sicherheit auf dem Schiff. Jedoch hat die Sicherheit der Fahrt Vorrang, und so fällt Jergans Blick erst in Richtung der beiden Kämpfenden, als der Kampf schon vorbei ist. Mehr noch, bei dem mehr oder weniger flüchtigen Blick sieht er nicht viel mehr, als dass da eine Frau auf dem Deck liegt, und ein Mann sich anschickt, ihr aufzuhelfen. Das gesenkte Florett, das Torin noch in der Hand hält, bemerkt er aus seiner Perspektive dabei nicht, zumal der Fall ja ziemlich klar ist - beim derzeitigen Seegang kann es leicht vorkommen, dass jemand stolpert.

Und schon ist die Aufmerksamkeit Jergans wieder darauf gerichtet, eben solche heftigen Bewegungen, die einen Menschen von den Beinen reißen können, zu vermeiden.



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan's Arbeit ...


Als Efferdan so über das Deck wieselt, ruft plötzlich der Kapitän über eben jenes. Efferdan wird für einen Moment langsamer, zuckt zusammen. Doch dann werden ihm die Worte Jergans bewusst, er merkt, dass er nach der Bootsfrau und Sigrun gerufen hat - zwei Frauen, die eh schon zusammen stehen.

Da er nicht gemeint ist, und wohl auch in nächster Zeit nicht wirklich dringend gebraucht wird (wie er - trotz des Herbeizitierens der Bootsfrau durch den Kapitän - hofft), kann er sich doch seiner »wichtigen Mission« zu wenden: Dem Gebet zu EFFerd.

Kaum am Niedergang angekommen, beginnt er auch diesen hinunterzusteigen. Sorgfältig schließt er die Luke wieder hinter sich.



NORDSTERN - Oberdeck: Mürrischer Ole


Der Schiffszimmermann lehnt lässig an der Reling und schmaucht seine Pfeife. Der raue Seegang scheint ihm nichts auszumachen, doch das täuscht. Wann immer das Schiff von einer großen Welle erschüttert wird, fährt Ole ein stechender Schmerz durch den Brustkorb.

Natürlich könnte man dies auf sein Alter schieben, die Knochen werden im Laufe der Jahre eben nicht biegsamer, um so mehr nicht, wenn sie schon so viel haben mitmachen müssen, wie die Ole's. Aber das würde der Wahrheit nicht gerecht werden. Die Strapazen, die er hatte durchleben müssen, bei der Schleppfahrt, lasten noch schwer auf ihm. Und der Heilzauber, der Ole von seinen jüngsten, schweren Verletzungen hatte befreien müssen, hatte leider doch nicht die erhoffte Tiefenwirkung. Viele Hautstellen seines Körpers sind noch nicht in Ordnung und daher einer natürlichen Heilung überantwortet.

Ole seufzt. Er hat in der letzten Zeit viel zu oft eines Heilungszaubers bedurft und es macht den alten Schiffszimmermann etwas nervös, sich derart abhängig von den Talenten der Zauberer erkennen zu müssen. Es ist, in der Tat, mehr als zweifelhaft anzusehen, dass Ole hier noch stehen könnte, hätte ihm die Magie nicht verlorenes Leben wieder zurückgegeben.

Verlorenes Leben! Oh ja, er hatte es am eigenen Leib gespürt, mit welcher Urmacht das Leben verrinnen kann, welches Mensch des Derekreises kann von sich schon behaupten die Seele eines Menschen in der Hand gehalten zu haben, mit all ihrer Energie, dem Lebenslicht sozusagen. Die dramatische Rettung des Mädchens in jener besagten Nacht, hatte Ole's Leben schon sehr umgekrempelt.

Er ist nachdenklicher, ernster geworden, viele mögen auch sagen mürrischer. Von dem lustigen, Augen zwinkernden, stets lächelndem Ole ist augenblicklich nicht viel zu sehen. Müde schaut er aus, abgespannt, alt!



NORDSTERN - EFFerdschrein: Die Gebete des Einsamen


Dunkelheit und stickige Luft umfängt Efferdan, als er auf dem Unterdeck ankommt. Sein Blick wandert nach oben, zu der geschlossenen "Tür" auf das Oberdeck und für einen Moment fühlt er sich abgeschlossen, gefangen, beinahe lebendig begraben. Er vermisst den Wind, den Anblick des Meeres, die Gischt auf der Haut. Mit aller Kraft unterdrückt er den Impuls, sich wieder herum zu drehen, nach oben zu rennen, hinaus in die »Freiheit«.

`Ruhig atmen`

Für einen Moment schließt er die Augen, atmet tief ein und aus, hört das Aufklatschen der Wellen auf den Schiffsrumpf.

So entgeht ihm auch fast die kleine Gestalt, die stumm an ihm vorbei stapft und von der er gerade noch sieht, wie sie in der Messe verschwindet. Er scheint ihn gar nicht bemerkt zu haben - was Efferdan irgendwie freut. Denn von der Statur her kann es nicht der Schiffsjunge gewesen sein, also war es ein Passagier. Und dass dieser ihn nicht bemerkt, bedeutet auch, dass er ihn in Ruhe lässt. Und das ist es, was Efferdan so freut. Nach der Hektik des noch frühen Morgens einfach etwas Ruhe.

`Und außerdem ist das Gebet wichtig`

So geht Efferdan die wenigen Spann bis zum Eingang des Schreines. Nocheinmal holt er tief Luft, wie um sich Mut zu machen, dann geht er hinein...



Ehrfürchtig betritt Efferdan den Schrein. Leise, so als fürchte er die Ruhe dieses geheiligten Ortes zu stören, schließt er die Tür. Still bleibt er einfach in der Mitte des Raumes stehen. Sein Blick streift umher, seine Atemzüge sind ruhig und gleichmäßig.

Seine Füße spüren den schwankenden Boden, der für Efferdan so vertraut, so heimatlich ist. Noch immer dringt kein Laut über Efferdans Lippen, er wagt nicht, sich zu bewegen. Seine Ohren lauschen auf den Klang des Meeres, dass an die Schiffswand brandet. Sein Blick fällt auf die Delphinstatue.

Langsam, vorsichtig, geht Efferdan auf die Knie. Er schließt die Augen, stellt sich das Aussehen des Meeres vor, den Geruch nach Salz, den Wind, der über die Haut streicht, feine Gischttropfen, die den ganzen Körper benetzen. Die Enge des Raumes weicht, er hat das Gefühl, auf einem Teppich von Wasser zu knien, nichts als blauen Horizont um ihn herum. Ein Gefühl von Wärme umfängt ihn, Geborgenheit. Sacht bewegen sich seine Lippen, formen stumm die Worte seines Gebetes.

»Oh EFFerd, Herr der Wasserfluten, Gebieter des Meeres, der du wachst über all seine Tropfen und über alles, was in, auf und um es ist. Du, der du uns Seefahrer kennst und uns, wenn es dir beliebt, zu dir holst. Du, dessen Gnade und Geleit die Schiffe sicher in den Hafen segeln lässt Ich bete für dieses Schiff und seine Besatzung um deinen Schutz auf dieser Fahrt. Oh Herr EFFerd, erlaube uns weiter auf deinen Ozeanen zu segeln, erfolgreich Wellen und Wind zu trotzen, ich bitte dich.«

Efferdan macht eine kleine Pause, versucht zu spüren, wie die stummen Worte sich ausbreiten, den raum erfüllen. Er hofft, dass sie hinauf steigen, in die Gefilden Alverans, an das Ohr des gestrengen Gottes dringen - und dass dieser nicht bereits andere Pläne mit diesem Schiff hat.

dass manche auf dem Schiff glauben, dass der Segen EFFerds bei dieser Fahrt bereits über dem Schiff liegt, davon weiß er nichts, auch von einem gewissen Artefakt hat er keine Kenntnis - niemand hat es ihm erzählt und er hatte niemanden gefragt...



Erneut bewegen sich Efferdans Lippen, formen lautlose Worte. Nach diesem Gebet an den Gott des Wassers möchte er noch mit jemanden reden, von der er sicher ist, dass sie in seinem Reiche lebt: Seine Mutter.

Er tut dies öfter. Nicht regelmäßig, aber wenn ihn etwas bedrückt, dann hat er das Gefühl, dass es besser wird, wenn er seiner Mutter davon erzählt. Und wenn er mit ihr redet, ihr Dinge erzählt, dann hat er das Gefühl, dass sie wieder bei ihm ist, wieder wie damals ihre Hand auf seinen Kopf legt oder ihn in den Arm nimmt...

»Mutter, ich bin wie immer sicher, du kannst mich hören, von dort, wo du bist. Du siehst auf mich herab, nicht? Ich hoffe nur, es erfüllt dich mit Stolz, was du siehst und nicht mit Ärger. Ich bitte dich, wache über deinen Sohn. Mutter - ich wünschte, du könntest mir sagen, was mich quält. Ich bin hier zu Hause, doch... irgendwie glaube ich, dass etwas fehlt. Ist es richtig, dass ich hier bin? Ich frage mich oft, wer ich bin. Und was meine Bestimmung ist. Aach Mutter, warum gingst du so früh? Und wer ist mein Vater ... Aber es ist ungerecht zu hadern.«

Efferdan zögert für einen Moment. Diese Fragen hatte er schon oft gestellt...

Doch da ist noch etwas, was er ihr erzählen möchte.

»... Stell dir vor, ich habe Níalyn getroffen, du kennst sie doch noch. Sie war auch mit ihren Geschwistern im Tempel. Ihr Bruder Gial ist doch auch Geweihter...«

Efferdan hatte sich manchmal gefragt, ob seine Mutter gewollt hat, dass auch er eines Tages Geweihter wird. Doch - er konnte es nicht. Als seine Mutter starb... er hoffte, dass sie das verstand. Er hatte schon früher darüber zu ihr gesprochen, still, im Gebet.

»Sie hat gesagt, ich soll mutiger sein. Mehr zu anderen hingehen. Ich frage mich ob... Jedenfalls, könntest du nicht auch ein klein wenig auf sie aufpassen? Ich glaube sie hat es nicht leicht und könnte es gut gebrauchen...«

Vor seinem inneren Augen, formt sich für einen Moment das weiche Gesicht, seiner Mutter, sie lächelt. Schlanke Arme strecken sich ihm entgegen, Efferdan vermeint eine Umarmung zu spüren, warm und herzlich.

`Ich wollte doch noch von meinem seltsamen Traum erzählen...` dringt ein letzter Gedanke zu ihm vor, dann zerfließt alles, wird zu Rauch, stille legt sich über seinen Geist, Leere. Er fühlt sich, als ob er schwebt. Träumt er? Wacht er? Efferdan weiß es nicht. Er lässt sich einfach treiben...



Efferdan kann nicht sagen, wie lange dieser Zustand dauerte, in dem er sich befand. Augenblicke?

Stunden?

Tage?

Jahre?

Irgendwann - ihm erschien es ewig gedauert zu haben - öffnete er die Augen. Noch immer kniet er vor der Delphinstatue auf dem Boden des Schreins.

Delphin... War es das Bild eines Delphins gewesen, dass ihn zurückgeholt hatte in die Wirklichkeit? Ein weißer Delphin, der plötzlich die glatte Oberfläche des leeren Raumes, in dem er schwebte, durchbrach? Auf ihn zu stürzte, glitzernde Wellen mit sich zog, die ihn erfassten, umherwirbelten, zurück spülten? Oder war alles nur Einbildung? Ein Traum? Zimmerte er sich vielleicht gerade eben, jetzt in diesem Moment, dieses Bild zurecht?

Efferdan will es gar nicht wissen. Er hatte getan, was er tun wollte und irgendwie hat er das Gefühl, dass es gut war. Er fühlt sich ruhig, zufrieden. So als hätte jemand oder etwas eine Seite seiner Seele zum Schwingen gebracht, die ihm Wärme gibt, Ruhe, Kraft.

Langsam erhebt Efferdan sich aus seiner knienden Position, verbeugt sich noch einmal vor dem Bild des Delphins und begibt sich leise und langsam zur Tür.

Noch einmal atmet er tief durch, um diese dann zu öffnen und wieder hinaus auf das Unterdeck zu treten. Hinaus in all den Trubel, der ihn wohl noch erwarten wird...



Dass der Trubel fast direkt vor der Tür des Schreins anfängt, hätte er nicht gedacht. Seine großen Augen blicken geradeaus, durch die Tür in die Messe, wo sich mehrere (für Efferdan eigentlich schon zuviele) Menschen - Passagiere - dem Frühstück - jedenfalls vermutet Efferdan anhand der herumstehenden Speisen das es eins sein soll - widmen.

Der »Lärm« der Stimmen scheint ihn für einen Moment fast zurück zu drücken, jedenfalls zuckt Efferdan kurz zusammen. Efferdan atmet tief durch, konzentriert sich auf die Ruhe, die eben noch in ihm strömte. Er schluckt.

`Eigentlich wollte ich mir ja nach dem Gebet etwas zu essen holen, aber wenn die ganzen Passagiere speisen, hat Garulf wohl genug zu tun...` denkt er so bei sich.

Dann kommt ihm ein zweiter Gedanke: Wenn alle »Fremden« hier unten sind - dann sind sie nicht oben, das Oberdeck müsste fast leer sein! Ein erfreulicher Gedanke.

Vorsichtig schließt er endgültig die Tür zum Schrein. Dann schickt er sich an, zum hinteren Aufgang zu huschen. Er bittet stumm, dass ihn noch keiner der Passagiere gesehen hat und ihn aus irgendeinem Grund zu sich ruft...



NORDSTERN - Oberdeck: Anman's Gedanken


Als er da so auf dem Oberdeck stehen blieb, und seine Augen über die weite, vor ihm liegende See wanderten, folgten auch seine Gedanken dieser überwältigenden Freiheit. Niemals zuvor war ihm ein ähnliches Gefühl von Weite widerfahren, wie hier an Bord dieses ungemütlich stampfenden und schlingernden Schiffes, das auf seinem Weg durch die anrollenden Wellen ächzte und knarrte.

Wäre Anman jemals zuvor auf einen der großen Berge gestiegen, die es aber in seiner Heimat nicht gab, von denen er aber in den Geschichten und Sagen seiner Großeltern gehört hatte, so hätte er das Gefühl gekannt. Weite, Erhabenheit und die Macht der Schöpfung wären ihm dann schon in dieser Form präsentiert worden, und er wäre nicht so niedergeschlagen ob seiner Winzigkeit und gleichzeitig so beglückt angesichts der ihm sich offenbarenden Größe.

Lange Zeit stand er so da. Die Hände auf der Reling, die Beine breitbeinig davor, um den Bewegungen des Schiffes einen bequemen und sicheren Stand abzutrotzen, war er das erste Mal seit langer Zeit allein mit sich und seinen Göttern. Die Menschen um ihn herum, den Kampf nicht weit entfernt, nichts nahm Anman wahr, nur zum ersten Mal die Schönheit, Macht und Erhabenheit der Natur. Bis zum Horizont erstreckten sich Wellenkämme über Wellenkämme, Massen von Wasser, die jeder Beschreibung trotzten, und sie tobten mit solch unbändiger und doch gleichförmiger, geordneter Macht. Und auf ihnen ritt, schwer stampfend, aber unbeirrbar, die Nordstern, und mit ihr als zahlender Kunde, Anman. In seinen Ohren war nur Platz für das Pfeifen des Windes in der Takelage, seine Nase vernahm nur den salzigen Duft der See und seine Augen sahen nur Wellen. Frieden durchströmte ihn zum ersten Mal seit langer Zeit, und Freiheit.

Ein neuer Gedanke erfasste ihn. Sollte er nicht für immer ....... an Bord ?



NORDSTERN - Oberdeck: Das Bergen der 'Blinden'


Nachdem der neue Matrose seine Antwort hat, beeilt die Bootsfrau sich, Sigrun auf dem Oberdeck wieder einzuholen. Das Schaukeln desselben stört sie dabei nicht im geringsten, das ist sie gewohnt. Eher im Gegenteil - sie fühlt sich beim Laufen auf einer Fläche, die sich bewegt, wie es dieses Deck tut, irgendwie wohler als auf dem Festland, wo alles so starr ist, wie es sonst nur bei einer Windstille der Fall ist. Und Windstillen mag Nirka überhaupt nicht...

Sie sieht, dass die Freundin sich nach Steuerbord wendet, und so lenkt sie ihre Schritte ein klein wenig nach Backbord, denn es ist klar, dass die Blinde von beiden Seiten des Bugspriets aus bedient werden muss, wenn man sie im Stück an Bord bekommen möchte.

Kurz vor dem Aufgang zum Vordeck hat sie dann Sigrun eingeholt, und nickt ihr nur kurz zu - über diese Aufteilung der Arbeit müssen sie wohl keinerlei Worte verlieren - da sind sie sich schlicht stillschweigend einig.



Auch Sigrun hat nun das Vordeck erreicht und bemerkt, dass Nirka sich wie selbstverständlich nach Backbord wendet. Ein leichtes Lächeln schleicht sich auf ihr Gesicht. Dieses wortlose Verständnis ist nicht nur durch die eindeutige Situation bedingt, es ergibt sich auch einfach daraus, dass die beiden Frauen die Schritte der jeweils Anderen etwas genauer verfolgen, als dies sonst an Bord üblich ist.

Sigrun nickt zurück, zwinkert Nirka gut gelaunt zu, und geht weiter.



NORDSTERN -Oberdeck: Meergrün's Not


Für kurze Zeit schiebt sich auf dem weiteren Weg bugwärts die Rotze zwischen die beiden Frauen, dann gibt es ein ganz kurzes Stück, auf dem sie zumindest theoretisch wieder dicht nebeneinander gehen könnten, und dann beginnt auch schon der leicht schräg nach oben gehende Bugspriet, das vordere Ende des Vordecks in zwei Teile zu teilen.

Nirka bleibt auf "ihrer" Seite, während sie zügig weiter nach vorne geht, davon, wo nahe dem hinteren Ende des Bugspriets die Schoten der Blinde befestigt sind. Sie bleibt dort stehen, denn zuerst muss das Segel ein wenig aus dem Wind gedreht werden, damit es sich bei der Bergung nicht selbständig macht oder gar Schaden anrichtet.

Nirka blickt kurz nach rechts, ob Sigrun den Beschlag, an dem die Steuerbordschot befestigt ist, auch schon erreicht hat, während ihre Finger geschickt, und ohne dass sie dabei hinsieht, die Schot von dem Beschlag lösen.

"lass die Schot mal ein ganzes Stück frei", sagt sie dabei leise, auch wenn sie weiß, dass Sigrun das auch weiß, und alleine durch die Beobachtung dies wohl zum richtigen Zeitpunkt tun wird.



Der Mann will das Wasser in dem Eimer wohl bald wieder ins Meer zurück kippen. Deshalb beeilt sich Meergrün sehr, um seine Schuhe sauber zu machen, bevor das Wasser wieder weg ist.

Als erstes schwingt er sich wieder über der Rand des Eimers. Aber diesmal nach innen. So kann er sich mit den Armen auf den Rand aufstützen und sich am Griff festhalten. Dann taucht die Schuhe ins Wasser.

Glücklicherweise ist etwas unter der Wasserlinie ein Tritt. Darauf stellt er sich mit dem linken Fuß und beginnt den rechten Schuh mit allen Seiten gegen den Tritt zu reiben, um ihn sauber zu kriegen.


scheuer schiiebe

sauber kriiege


schrubbe reiibe

vom schuh den leiim



Als die Bootsfrau vorbei an Perval Richtung Vordeck eilt, nimmt Perval seine unterbrochenen Gedanken über dieselbe wieder auf.

'Hat die doch tatsächlich keine Arbeit für jemanden der fragt. Sowat hät´s auf anderen Schiffen nie gegeben. Wär´ doch vielleicht besser als Heimmutter in ´nem Bruderheim aufgehoben. Na ja, vielleicht nich´schlecht, wenn man ´ne nachlässige Bootsfrau hat. Zumindest scheint sie die Peitsche nicht locker zu führen.'

Plötzlich bleibt Perval für jemanden, der ihn beobachtet, unerwartet stehen.

'Erst mal das Wasser auskippen. Wär´ doch glatt mit vollen Eimer nach unten gelaufen. Sollt´ nich´so viel über die Bootsfrau nachdenken.'

Schon bei den letzten Gedanken hat Perval sich Richtung Reling gedreht. Den Wischmop legt er vor sich aufs Deck, damit er bei dem Seegang und der Fahrt nicht umfällt. Dann den Eimer mit beiden Händen gepackt - die Linke am Henkel und die Rechte am unteren Eimerrand.



Meergrün reibt grade seinen linken Schuh an dem Tritt ab, als der Matrose den Eimer anhebt.


jetzt aber schnell

sonst gehts iins meer


Meergrün springt hoch, um aus dem Eimer rauszukommen. Da macht es *plop* und der Tritt gibt unter seinen Füßen nach. Das wirft den Kleinen etwas aus der Bahn. Statt auf den Schiffsplanken sicher zu landen, bleibt der Klabauter am Eimergriff hängen, dicht unter den Händen Pervals.


das wars nun biin

iich haiifutter



Perval hebt den Eimer höher und streckt die Arme, so dass der Eimer sich jetzt ungefähr auf Brusthöhe von Perval und über der Reling befindet.



NORDSTERN - Oberdeck: Kapitän am Steuer


Der Kampf auf dem Oberdeck ist ebenso wie die kaum minder spannende Aktion mit dem Eimer und dem Klabautermann am Kapitän vorbeigegangen - das eine, weil er zu dem Zeitpunkt mehr mit der Steuerung des Schiffes beschäftigt war, und das andere, weil es ohnehin nicht sichtbar gewesen ist.

Die Steuerung des Schiffes dagegen erfordert zunehmend seine Aufmerksamkeit, da die See unruhiger wird, und der Wind noch ein klein wenig zunimmt. Das erste muss dabei noch nicht einmal die Folge des zweiten sein - es ist einfach so, dass die Wellen um so größer werden können, desto mehr Angriffsfläche der Wind hat, und desto mehr Zeit ihm bleibt, richtig schöne große Wellen zu erzeugen.

Durch diese steuert Jergan die kleine Karavelle aus Riva - stets bedacht, die unvermeidbaren Bewegungen des Rumpfes so gering wie möglich zu halten. Dies geschieht natürlich nicht nur den Fahrgästen zuliebe, sondern auch als Arbeitserleichterung für die Mannschaft, der das Schaukeln grundsätzlich weniger ausmacht, und auch, um das Schiff selbst nicht über Maßen zu belasten.



NORDSTERN - Oberdeck: Perval und Ole


Ole flucht! Auch nach seinem vierten Versuch seine erloschene Pfeife wieder zu entzünden scheitert er am auffrischende Seewind. Es will ihm einfach nicht gelingen den Glimmspan zu entflammen und so bleibt die Pfeife vorerst kalt.

Aber der alte Schiffszimmermann will nicht aufgeben, das ist für ihn nun eine Sache des Prinzips. Darum kommt es für ihn auch nicht in Frage, sich auf das Unterdeck zu begeben, um dort, in aller Ruhe versteht sich, das Pfeifenkraut in der Pfeife anzuzünden. Manchmal kann er schon sehr stur sein, der alte Schiffszimmermann.

Ole kratzt Aschenreste aus dem Pfeifenkopf und füllt frischen Tabak nach, bis oben hin. Zwar kann ihm der Wind etliche Tabakkrümel entreißen, die dann wie dunkler Schnee über das Oberdeck fliegen, aber mit kleinen Verlusten war zu rechnen.

Nachdenklich betrachtet er Zunder und Glimmspan. Sein Vorrat würde nicht ewig bestehen können und daher beschließt Ole sich nun doch etwas auf die besondere Wetterlage einzustellen. Ole sieht sich um.

Da kommt ein junger Matrose an die Reling, er trägt einen Eimer.

'Das muss dieser Perval sein,' denkt sich Ole 'der Kerl, der mich heute früh so lautstark aus dem Schlaf gerissen hat!'

Nun denn, wie auch immer, im Augenblick kommt er gerade recht.

"He du, Kleiner, stell mal deinen Eimer ab und geb mir Winddeckung, ich will mir eine Pfeife anzünden" ruft der Schiffszimmermann mit donnernder Stimme.



Das war ja eine Rettung in letzter Sekunde. Da der Eimerträger jetzt abgelenkt ist, hat Meergrün Gelegenheit den Eimer mit einem tollkühnen Sprung zu verlassen und den Tag woanders zu verbringen als im Magen eines Haies.


meiine güte

das war ja knapp


wär der riiese

niicht iih wär weg


Auch an anderer Stelle besteht Grund zur Erleichterung. *Plop* macht es. Und das Korkstück, auf dem Meergrün bisher gestanden hatte, löst sich aus dem Astloch in der Eimerwand. Ah! Es sieht so aus, als würde der Eimer das Wasser doch noch schneller loswerden als erwartet. Gurgelnd und spritzend läuft es aus dem Loch heraus.

Es verlässt den Eimer und bildet ein leichten Bogen. Der Bogen endet auf Pervals Hose und bildet dort schnell einen großen feuchten Fleck. Genau an der Stelle, an der ein nasser Fleck normalerweise mit einer anderen Flüssigkeiten verbunden wird. Aber das Putzwasser riecht zumindest ähnlich schlecht.

Der Rest des Wasser läuft noch eine kurze Strecke über das Oberdeck und verlässt die NORDSTERN durch blitzblanke Speigatts, um sich dann mit dem Meer der sieben Winde zu vereinigen.



Gerade als Perval den Boden des Eimers die letzten Halbfinger heben will, um den Inhalt mit dem Wind ins Meer zu entleeren, hört er neben sich eine Stimme, die anscheinend ihn meint. Er dreht den Kopf in die Richtung der Stimme und will schon zu einer Erwiderung von wegen <Kleiner> ansetzen, als er feststellt, dass derjenigen, zu dem die Stimme gehört, ihn mit recht <Kleiner> nennen kann. Zumindest was die Körpergröße betrifft. Trotzdem ist Perval ob der Anrede nicht besonders begeistert, was sich auch auf seine Hilfsbereitschaft niederschlägt.

'Wenn de deine Pfeife nich´ allein´ ankriegst, musst´e noch warten bis ich hier fertig bin."

Daraufhin wendet er sich wieder dem Eimer zu, um diesen jetzt endlich zu entleeren. Erst jetzt stellt er fest, dass das Wasser schon angefangen hat, sich aus dem Eimer zu ergießen. Allerdings nicht aus der dafür vorgesehenen Öffnung, sondern anscheinend durch ein Loch. So verdutzt ist Perval, dass er einige Momente braucht, um zu bemerken, dass seine Hose von dem aus dem Eimer laufenden Wasserstrahl nass geworden ist.

'Was´n das? Wieso ist dat so feucht?'

Langsam erkennt Perval, was da passiert ist.

Regen, Sturm und auch Meerwasser ist Perval gewöhnt, auch dass seine Kleidung nass ist stört ihn normalerweise nicht im geringsten. Aber so wie das aussieht, könnte jeder meinen, dass er sich nicht mehr hatte halten können. Mit dem letzten Rest Wasser, den Perval automatisch aus dem Eimer ins Meer schüttet, entringt sich ein Aufschrei Pervals Mund. Alle möglichen Folgen sind vergessen, als auch die Passagiere, die sich auf dem Deck aufhalten

"MÖWENDRECK !!!!"



Meistens fallen den Menschen die Schönheit kleiner unbedeutender Dinge gar nicht auf. Stets suchen sie nach monumentalen Eindrücken, welche die Sinne meist überladen und dazu führen, dass sich der Betrachter klein und nichtig fühlen muss. Vielleicht ist es aber auch dieses tief berührende Gefühl der Demut, dass die Menschen dadurch regelrecht suchen.

In diesem Falle allerdings ist das Ereignis eher unscheinbar. Und kein Mensch an Bord der NORDSTERN hat Augen für den kleinen, eleganten Wasserstrahl, der dort aus einer misslichen Öffnung des Eimer abgeht. Es ist ein schöner Strahl, findet Ole, lang und geschwungen, getrieben durch den Druck des Wassers im Eimer durch ein enges Loch gepresst, schießt er mit Macht ins Freie, ehe es ihn, in einem herrlichem Bogen wieder nach unten zieht.

Unglücklicherweise steht dort der junge Matrose im Weg und der findet es gar nicht lustig, auf diese Art eingenässt zu werden. Aber Ole findet es lustig. Er lacht laut auf und sagt dann zu dem Jungen:

"Hoi, mein Kleiner, ich wollte dich wirklich nicht erschrecken. Hast es wohl nicht halten können. Das passiert schon manchmal ... "

Und dann lacht der alten Schiffszimmermann haltlos weiter und bekommt schier kein Wort mehr heraus ....



Der Aufschrei des Matrosen entgeht auch Meergrün nicht. Klabauter können die menschliche Sprache gut verstehen. Auch wenn sie in ihren Ohren dumpf, laut und langsam klingt.


das iist ja niicht

diie feiine art


weder würde

noch benehmen


hat diieses volk

der seeleute


bepiisst siich erst

und flucht dann noch


Es ist schon eine Last mit diesen Tölpeln. Aber wenigstens hat der Große Humor. Auch wenn es ein deftiger Humor ist, es ist schon mal ein Anfang. Überhaupt kommt Meergrün der Riese bekannt vor. Aber es ist sehr schwer Leute zu erkennen, wenn sie direkt vor einem zehnmal so hoch aufragen, wie man selbst groß ist.



dass seine Hose an einer Stelle naß geworden ist, an der man das eigentlich nicht so mag, kann Perval noch recht gut verkraften. Doch dass ihn dieser alte Mann zum zweiten Mal <Kleiner> nennt und sich darüber hinaus auch noch über ihn lustig macht, bringt ihn doch fast bis an den Rand seiner Geduld Nachdem er sich durch den Kraftausdruck ein wenig Luft gemacht hat, dreht er sich langsam um. Während dieser Drehung gewinnt er seine Selbstbeherrschung vollends wieder und unterdrückt seinen ersten Gedanken, den Alten niederzuschlagen. Sein zweiter Gedanke, dem Alten eine Ladung Wasser über die Hose zu kippen, lässt sich leider nicht realisieren, da der Eimer mittlerweile leer ist.

Als er sich ganz zu dem alten Riesen umgedreht hat, stiehlt sich ein Grinsen auf Pervals Gesicht.

"Immerhin kann bei mir noch was rauskommen. So wie du aussiehst, alter Mann, scheint bei dir ja alles eingetrocknet zu sein."

Dabei betont Perval das ALLES besonders. Da der alte Riese sich noch immer nicht beruhigt hat, setzt Perval gleich nochmal nach.

"Du bis´ doch der Schiffszimmermann hier, oda? Dann sieh doch mal zu, dass du das Loch stopfst. " Dabei drückt Perval dem Riesen den Eimer vor die Brust. "Und paß ma´ auf, dat du das auch richtig machst. Nich´ dass dat genauso nichts wird, wie mit der Pfeife."



Ole lacht immer noch, verdammt, das sieht aber auch zu komisch aus. Der Matrose dort findet das allerdings nicht so lustig. Seine zornigen Bemerkungen können Ole aber nicht treffen, im Gegenteil, er lacht nun noch lauter als zuvor.

"Das ist gut ... das ist wirklich gut ... oh ja, das sieht man, dass da bei dir noch etwas raus kommt ... das kann sogar gut sehen ... kann ja nicht viel rauskommen dabei, wenns immer in die Hose geht ... "

Ole muss sich nun schon am Geländer festhalten, so arg wird er von einem Lachanfall geschüttelt. Erst als er von einem wüstem Husten ausgebremst wird, schafft er es wieder etwas zur Besinnung zu kommen. Doch es ist schnell vorbei mit seinem vorübergehenden Ernst, als sich Ole den Eimer betrachtet, den der Matrose ihm wütend zur Reparatur übergeben hatte.

"Nee, mein Kleiner, dafür braucht es keinen Zimmermann, den Eimer kannst auch du flicken. Ich empfehle feuchte Tücher, die dichten am Besten ab .... !"

Und wieder geht es los, wieder lacht sich der alte Schiffszimmermann kaputt.



Der Große hört gar nicht mehr auf zu lachen. Dann fängt er auch noch an zu husten. Hoffentlich ist er nicht krank. Meergrün fände das sehr schade. Denn als der Große sich an die Rehling lehnt, kann Meergrün ihn erkennen. Es ist der Mensch, der ihm bei der Rettung der ZYKLOPENAUGE geholfen hat. Mit solchen Menschen muss man vorsichtig umgehen. Es gibt nicht viele, die so gut mit Holz umgehen können und die auch noch Lachen können.


ein netter kerl

nur etwas groß



'Schlagfertig is´ der Alte ja. muss ma´ ihm ja lassen´.'

Pervals Grinsen wird nun noch breiter und für jeden sichtbar. Auch verliert es seinen spitzbübischen Ausdruck. Als der Riese plötzlich anfängt zu husten, macht Perval sich doch einen Moment sorgen. Wär nicht das erste Mal, dass so ein alter Mann auf See plötzlich tot umfällt. Aber dieser scheint noch recht rüstig zu sein. Zumindest fällt er nicht tot um sondern lacht noch weiter. Lachen soll schon immer eine gute Medizin gewesen sein. Das weiß selbst Perval.

"Nee, feuchte Tücher helfen hier gar nich´. Da muss ´n Holzpropfen rein und ordentlich mit Leim verschmiert. Tücher fall´n doch gleich raus und wir woll´n doch net, dat du dat nächste Mal ´ne feuchte Hose hast. Da würd´ sich doch de´ Frauenslüt glatt Hoffnung machen. Und wie seh ´s dann aus, wenn du dann doch net kannst. Nich´ war, Alter Mann."

Lautstark fällt Perval nun in das Lachen des Riesen ein.



Traviana muss lächeln. Es ist schon komisch, wie sich dieser ältere Mann und Perval streiten.

Sie kann, da sie doch noch ein paar Schritte entfernt steht, nicht viel verstehen, aber wie die beiden lachen.....

Ein wenig verdutzt ist auch Traviana, als dieser alte Mann anfängt zu husten. Aber sie sorgt sich nicht groß darum.

'Was will er denn eigentlich von Perval?'

Traviana sieht der Sache recht amüsiert zu, und wartet ab.



'Das walte SWAfnir', denkt sich Ole, auf das Äußerste erheitert 'So gelacht habe ich schon lange nicht mehr, der Kleine hält sich wacker!'

Und mit dröhnender Stimme, unter einem nicht minder dröhnenden Gelächter erklärt der alten Schiffszimmermann:

"Nun mal langsam, Kleiner, auf meinem Großmast kann noch immer die Kriegsflagge gehisst werden, wenn es darum geht irgendeinen Hafen zu entern, das schreib dir mal hinter die grünen Ohren. Gibt mal her das Ding, dann zeig ich dir einmal wie das geht, keiner soll sagen können, man könne vom alten Draggensson nichts lernen!"

Dann reißt er den Eimer an sich und schwingt ihn demonstrativ durch die Luft. Anschließend bückt er sich und ergreift den Korken, der nach seiner Flucht aus dem Spund des Eimer nun warten auf den Planken der NORDSTERN ruht. Mit dem Eimer in der rechten Hand und dem Korken in der linken Hand steht Ole nun da, wie ein Gaukler, der seinem Publikum nun die 'große Nummer' ankündigen will.

"So solltest du tun!" ruft Ole dem jungen Matrosen zu und dann schiebt er den Korken, mit allen Zeichen gespielter Wollust in den Spund zurück und haut zum Abschluss noch einmal kräftig mit der flachen Hand darauf, so dass der Korken nun wieder fest und sicher sitzt.

"Nun ist er wieder drin, hast du es gesehen? So solltest du das auch machen. Und dann kann auch der Hose nix mehr passieren, in den Eimer passt immerhin ziemlich viel rein. Nur den Korken solltest du dann vorher wieder rausnehmen!"

Und lachend gibt er den Eimer wieder zurück.



Den Korken hatte Perval nicht gesehen. Er muss glücklich gefallen sein, so dass er nicht im Meer verschwunden ist. So ist das mit dem Eimerflicken natürlich einfach. Langsam kann Perval sich wieder einkriegen und sein Lachen nimmt ab.

Den letzten Satz des Riesen hat Perval nicht recht verstanden. Ob das wieder auf seine Kosten gehen sollte, weiß er nicht. Darum ignoriert er dieses auch besser. Besser ist, jetzt auch langsam wieder zur Arbeit zurückzukommen. Das Wetter wird augenscheinlich schlechter und das heißt wahrscheinlich über kurz oder lang doch noch ordentliche Arbeit. Und Wischmop und dieser Eimer müssen schließlich auch noch verstaut werden.

'Und frühstücken und 'ne Runde mit der Traviane schnacken woll´t ich ja uch noch.'

"Na, dann will ich dir mal glauben. Kannst ja in Havena deine Kriegskünste unter Beweis stellen. Ich kenn da `n paar Bräute, die lassen auch ´nen alten Seebär´n noch siegen."

Ein letztes herzhaftes Lachen erschallt, bevor er sich an das Anliegen des Riesen erinnert. "Wenn du immer noch deine Pfeife anstecken willst, kann ich dir den Eimer als Windschutz halten. Als Dank für das Eimerflicken sozusagen."



Nun scheint sich die Diskussion wieder gelegt zu haben. Traviana überlegt einen Moment, und geht dann auf Perval zu.

'Na endlich...'

" Hallo! Lust auf frühstücken? Ich bin noch nicht dazu gekommen, wegen der Arbeit! Wir könnten gemeinsam hin."

'Was war denn das mit dem Eimer eigentlich? Naja, das wird er sicher nicht erzählen wollen; vielleicht kann ich ihn später mal fragen.'

Traviana sieht, dass Perval den Eimer noch immer in der Hand hat, und den müsste er ja zuerst wegräumen, oder? Er wird ihn wohl kaum mitnehmen wollen....

Aber darüber denkt Traviana in diesem Moment nicht viel nach. Warum sollte sie auch über einen Eimer nachdenken???

Naja, mal sehn, ob Perval mitkommt.



Auch Ole hat sich langsam wieder beruhigt. Aber er muss schon noch ganz schön grinsen, als er zu dem jungen Matrosen sagt:

"Ist ja mal schön, dass du so viele Mädels kennst, Kleiner. Ich fürchte nur, die werden nix mehr von dir wissen wollen, wenn sie mich erst mal so richtig kennen gelernt haben!"

Dann steckt der alte Schiffszimmermann wieder sein Pfeife in den Mund, sucht hinter dem Rücken des jungen Matrosen Deckung, um dort, im Windschatten endlich das Pfeifenkraut anstecken zu können. Nun hat der Seewind keine Chancen mehr, der Glimmspan verlöscht nicht mehr, wie vorher so oft schon und schon bald steigen wieder kleine Rauchwölkchen auf, die Pfeife brennt.

Eine junge Matrosin, Ole kennt sie sie nicht, sie muss im letzten Hafen angeheuert haben, geht vorüber und erklärt irgendetwas von einem gemeinsamen Frühstück. Damit muss wohl der 'Junglachs' gemeint sein, der Schiffszimmermann wüsste keinen Grund, warum er sich angesprochen fühlen sollte.

"Die junge Frau scheint es ja ziemlich eilig zu haben. Nun schau mal, dass du in die Riemen kommst, mein Kleiner!"



Meergrün will sich gerade in die Deckung der Reling zurückziehen. Da sieht er dass der Große sich hinter dem Eimerträger bückt. Das sieht zuerst etwas merkwürdig aus. Doch dann sieht man Rauch aufsteigen und ein erfreulicher Verdacht steigt in dem Klabauter auf. Der Große ist der Tabakbesitzer, den er vorhin von der Rah gesehen hat.


toll das wiird ja

iimmer besser


holzsiinn humor

und kraut er hat


Aufgeregt springt Meergrün auf der Stelle auf und ab und versucht zu sehen, wo der Große den Beutel versteckt.



Perval bleibt den Moment stehen, während der Riese hinter ihm seine Pfeife entzündet und grinst Traviane dabei an. Er nickt leicht hinter sich in Richtung des Riesen und verzieht die Augen nach oben, was man auf vielerlei Weise deuten könnte. Unter anderem, dass der Riese ein ganz schöner Angeber ist.

"Joo, Alter Mann. Dat wird ich ma´ tun. Und paß ma´ uf, dat dene Pfeif´ nich´ gleich wieder usgeht." Auf die Bräute geht er nicht weiter ein, schließlich steht Traviane jetzt daneben, und die muss ja nicht alles hören. Zu Traviane gewandt fährt er fort: "Sicher, muss nur noch dat Zeug", dabei hebt Perval kurz beide Hände, in denen sich noch Eimer und Wischmop befinden, an, "wegbringen. Aber dat kann ich auf´m Weg machen."

Der nasse Fleck auf der Hose ist im Moment völlig vergessen auch wenn dieser natürlich noch da und schön für jedermann und auch jederfrau zu sehen ist. Noch ein weiteres Mal wendet sich Perval an den Riesen

"Übrigens, mein Name ist Perval." bevor er sich Richtung vorderen Niedergang aufmacht.



Zufrieden bläst Ole ein paar Rauchkringel in die Luft.

"Ist gut, dein Name ist also Perval, Kleiner."

Wieder zieht Ole, mit allen Zeichen des Verzückens an seiner Pfeife.

"Ich bin der alte Draggensson. Darfst mich Ole nennen ... macht jeder hier!"



Traviana sieht jetzt den Eimer zum ersten Mal richtig.

'Da steckt ja ein Korken drin!?!?'

'Naja, wird wohl jemand repariert haben.'

Aber Traviana lächelt freundlich zurück, da sie sich wirklich freut, dass die zwei endlich mal einen Zeitpunkt gefunden haben, an dem sie nicht unbedingt arbeiten müssen. Außerdem hat sie schon Hunger bekommen, da wäre ein Frühstück jetzt das richtige, auch wenn sie sich doch noch mehr auf ihr Gespräch freut.

" Okay, dann gehen wir vorher vorbei, und du kannst den Eimer wegstellen."



"Und den Wischmop."



NORDSTERN - Oberdeck: Perval und Traviana


"Is´ jut, Alter Mann." ruft Perval dem Riesen über die Schulter noch zu, bevor er sich außer Hörweite des Riesen begibt und zielstrebig den vorderen Niedergang ansteuert. Wischmop in der einen und Eimer in der anderen Hand geht er neben Traviane her.

"Ganz netter Kerl, dieser Ole."



"Naja, ich weiß nicht. Er ist ein wenig seltsam, aber freundlich."

Traviana läuft in Richtung Niedergang, obwohl sie gar nicht genau weiß, wo Perval den Eimer und den Wischmop hinbringen will.

'Er wird's ja wissen'



"Seltsam - wieso? Sein Humor geht zwar stark auf Kosten anderer aber sonst scheint Ole ganz in Ordnung zu sein."

So miteinander redend nähern die zwei sich dem vorderen Niedergang. Als sie dort angekommen sind, wartet Perval, dass Traviana ihm die Tür öffnet. Schließlich hat er beide Hände voll und sein Sinn für höfische Höflichkeit ist nicht gerade groß.



Traviana sieht gleich, dass Perval alle Hände voll hat und öffnet die Tür. Sie lässt Perval vor laufen und geht hinterher.

" Vielleicht mögen andere Leute seinen Humor nicht so... Vorallem, wenn es auf eigene Kosten geht!"

Dabei sieht Traviana noch einmal auf das Deck zurück, um zu sehen, ob er noch dort steht.

Dann aber geht sie hinter Perval weiter.



NORDSTERN - Oberdeck: Ole's Entdeckung


Grinsend schaut Ole dem davon eilenden, junge Matrosen nach. Ein bisschen nassforsch der Gute, aber das Herz auf dem rechten Fleck, beim SWAfnir, so soll es sein!

Dann reckt Ole wieder die Nase in den Wind, schaut auf zum Himmel. Das Praiosgestirn hat sich nun vollends hinter einer dicken Wolkendecke versteckt und es wird immer finsterer. Sollten noch mehr Sturmwolken aufziehen, dann würde der Tag zur Nacht werden, aber so weit ist es noch lange nicht. Doch sollte dies geschehen, dann würde man kaum noch die Hand vor den Augen sehen und die Gischt und die riesigen Wellen würde keine erhellendes Feuer zulassen. Dann könnte in der Tat jeder Schritt ins Verhängnis führen.

Es ist sowieso schon sehr nass und glitschig auf den Planken des Oberdecks, da kann das verschüttete Wasser aus einem lecken Putzeimer auch nicht wesentlich mehr schaden.

Doch dann stutzt Ole. Nachdenklich betrachtet er eine Weile die Pfütze Schmutzwassers, die Perval zurückgelassen hatte. Es ist wirklich nicht leicht zu erkennen und Ole muss tief in die Knie gehen um genaueres sehen zu können. Aber das sieht doch tatsächlich so aus, als wäre da eine kleine Fußspur aus den Planken abgedrückt. Eine wirklich kleine Fußspur, kleiner noch als die eines Kindes. Viel ist da nicht zu betrachten und Ole zweifelt auch ein wenig an dem, was er da sehen kann. Aber sieht wirklich so aus wie die Fußspur eines Menschen, der allerdings noch sehr viel kleiner als ein Zwerg sein müsste.

Die Spur führt nicht weit. Schon nach einem knappen Schritt verliert sie sich auf dem leicht überschwemmten Deck und auch die Spuren, die momentan noch zu sehen sind lösen sich in zulaufendem Wasser immer mehr auf und sind, nach kurzer Zeit, letztlich ganz verschwunden.

Ole denkt nach. Hat er nun recht gesehen oder hat ihm die Phantasie etwas vorgegaukelt?

'Nein!' denkt sich Ole 'Was ich gesehen habe, das habe ich gesehen! Und sollte es ein Spuk gewesen sein, dann muss eben dieser Spuk aufgeklärt werden, beim SWAfnir!'

Ole beschließt seine Entdeckung vorerst geheim zu halten, denn er kann schließlich nichts mehr vorweisen, nachdem die Spuren völlig ausgelöscht sind und wie anders sollte er erklären können, was er das gesehen hat.

'Am Ende denken die Leute dann noch, es wäre ein Klabauter gewesen ...'



miit namen siind

siie großzügig


eiin ole iist er

und drachensohn


Menschen können da großzügig sein. Magische Wesen müssen natürlich viel mehr darauf achten, dass sie ihren Namen nicht jedem verraten.


rauch spuckt er auch

iin drachenart


da frag iich doch

wo iist seiin schatz


Meergrün hält den Großen unter genauer Beschau. Es wundert ihn etwas, dass der die Pfütze so genau untersucht. Aber welcher Klabauter weiß schon, was für verrückte Gedanken Menschen denken.



Das Leben des Menschen ließe sich nur mit Mühe so gestalten, dass alle Ereignisse, die ihm in seiner Zeit auf Dere begegnen und dabei seine Existenz formen, einfach voraus zu berechnen wären. Streng genommen ist dies nur dann möglich, wenn unerbittliche Mauer, wie die eines Klosters, die Welt auf ein überschaubares Maß verkleinern. Wenn klare Riten jeden Tag zu einem nahezu perfekten Duplikat des vorher gegangenen werden lassen, dann mag es sein, dass der Geist allein triumphieren kann und jedes Gefühl zum nichtigen Luxus werden würde.

Nun ist das Leben eines Seemannes alles andere als gleichförmig und jeder Tag kann gefährlicher Abenteuer bringen. Kein Geist der Welt und sei es der größte Gelehrte, könnte da die Gegenwart erfassen, geschweige denn die Zukunft vorausberechnen. Noch nicht einmal Rohal der Weise hat das bis hin in die letzte Falte des Schicksals vollbracht.

Hätte Ole bei seinen Abenteuern nicht immer seinen Ahnungen vertraut, dann wäre es ihm oft sehr schlecht ergangen. Ein Schein kann trügen, ein sichere Herberge könnte sich als eine grausame Falle entpuppen, der Freund könnte sich als Intrigant erweisen, das Leben hält so viele üble Überraschungen bereit. Aber mehr als einmal entging Ole dem sicheren Tod nur dadurch, dass ihm eine innere Stimme riet, nicht auf das zu vertrauen, was man sehen kann, sondern auch das einzubeziehen, was man nicht sehen kann.

So ist die kleine Fußspur, die Ole auf dem Oberdeck erblickt hatte, nun schon lange nicht mehr zu sehen, untergegangen unter dem Weg gieriger Wellen, die sich an das Deck der NORDSTERN hinauf gekämpft hatten. Doch sie waren da! Und wenn Ole eines klar ist, dann die Erkenntnis: Wo es Spuren gibt, da gibt es auch einen Verursacher!

Doch so wie die Spuren nicht mehr zu sehen sind, einen Verursacher kann Ole auch nicht entdecken. Zwar hat er sich die Richtung gemerkt, dort wo die Spuren hin deuteten. Doch ist an dieser Stelle niemand auszumachen, der zu diesen Spuren gepasst hätte, es waren ja ziemlich kleine Spuren.

Aber da ist dieses Gefühl, diese Ahnung einer fremden Gegenwart, die Ole die Gewissheit gibt, dass es dort jemanden geben muss, auch wenn man ihn nicht sehen kann. Ole lächelt ein wenig, denn die Seelenheiler nennen solche Ahnungen meistens einen 'Verfolgungswahn' oder so ähnlich, und halten sie für krankhafte Erscheinungen.

Aber krank fühlt sich der alten Schiffszimmermann überhaupt nicht. Gut - die Augen wollen vielleicht nicht mehr so wie früher. Aber Ole weiß, was er gesehen hat und er weiß, was ihm seine Ahnung erzählt. Für ihn ist es klar, dass die NORDSTERN einen Passagier beherbergt, den noch keiner kennt, ja noch nicht einmal gesehen hat.

Aber vielleicht ist das alles doch nur eine Täuschung, die ihm nimmer widerfahren wäre, hätte er heute morgen ausschlafen dürfen. Wieder lächelt Ole. Es heißt ja, das Alter mache den Menschen etwas wunderlich. Ganz sicher ist es besser, wenn er keinem von den anderen von seiner Entdeckung berichtet.



NORDSTERN - Oberdeck: 'Füchse' unter sich - Die Aussprache


Phexane hört einen lauten Fluch. Sie schaut nur kurz zu dem Verursacher hin, offenbar ein Matrose, der sich mit dem Schiffszimmermann unterhält, wobei Phexane von ihrem Platz aus die Worte nicht so genau hören kann. Doch dann lenkt ein Gefühl in ihrer Magengegend wieder von den beiden ab. Ein unangenehmes Drücken breitet sich aus und entlädt sich mit einem lauten Knurren.

"Oh, ich denke, es wird langsam Zeit zu frühstücken. Was meint ihr?"

Phexane blickt Jarun und Torin abwartend an.



"Nein Danke. Ich halte es für angebrachter, dass ich mich erst einmal vollständig ankleide."

Mit einem entschuldigenden Blick schaut Jarun an sich herunter.

"Aber ich würde mich gerne später zu euch gesellen."



Mit dem über das Oberdeck Fluch des Matrosens kommen auch Torins Gedanken endlich wieder in die Gänge. Er hat sich zu der Antwort eines Problemes durchgewunden, dessen Frage er sich noch nicht einmal gestellt hatte - zumindest nicht wissentlich.

Mit der Linken hält er seinen Hut auf dem Kopf, während seine Augen den bewölkten Himmel über der NORDSTERN nach eben jenem Vogel absuchen. Doch die Möwe entzieht sich seinem Blick.

"Also ich hätte eigentlich nichts gegen einen kleinen Happen nach dem Frühsport." antwortet er erfreut auf die Frage der Schwarzhaarigen.

Dann wechselt sein Blick zu dem älteren Herrn.

"Wir sehen uns dann ja in der Messe wieder. Ich bin gespannt, ob man uns wieder das Gleiche auftischt wie in den letzten Tagen auch."

'Außerdem scheint der Wolfstöter des Smutje wirklich Wunder zu wirken, wenn man denn erst einmal weiß, was da auf einen zukommt. Vielleicht sollte ich mir eine kleine Portion dieses Gebräues holen wenn der Smutje nicht in der Kombüse ist.'

Auf die Idee, den Smutje einfach danach zu fragen, kommt Torin natürlich nicht.

"Und Ihr, Frau Fuxfell," Torin wendet sich wieder der Frau zu. "wenn es euch recht ist, könnt ihr euch bei mir einhaken. Dann könnt ihr sicher sein, dass euch nicht noch einmal solch ein Missgeschick passiert."

Auffordernd streckt er ihr den rechten Ellenbogen hin, während er mit der Linken noch immer den Hut vor dem nun doch recht starken Wind schützt. Auch das anhaltende Gelächter des Matrosen und des weisen Schiffszimmermannes lassen in ihm nicht gerade den Drang aufkommen, sich weiter auf dem windigen Oberdeck aufzuhalten.



Phexane nickt Jarun zu.

"Gut, dann sehen wir uns später."

Doch dann sagt Torin mal wieder etwas, was ihr gar nicht gefällt.

'Missgeschick? Glaubt er etwa, ich würde alle Nase lang auf dem Schiff hinfallen? So etwas Eingebildetes! So ein großkotziger.... '

Weiter kommt Phexane in Gedanken nicht mehr, denn andererseits ist da noch diese reichlich kecke Frage offen, die sie ihn gestellt hatte und vielleicht macht sich Torin gerade daran sie zu beantworten - auf seine Art.

Etwas zögerlich hakt sie sich bei ihm ein.

"Ich sehe schon: Auf dem Schiff habe ich wohl doch hin und wieder Gleichgewichtsprobleme. An Land wohl wiederum ihr - zumindest wenn ihr Geschmack am Alkohol gefunden habt. Oder?"

Die Worte hat sie nicht übertrieben laut gesagt, denn sie legt ausnahmsweise nicht Wert darauf, ihn vor anderen bloß zu stellen. Dennoch blickt sie ihn herausfordernd an.



'Humpf.'

Mit ihren Worten hat Phexane in eine der vielen kleinen Wunden Torins getroffen.

'So eine freche Göre. Ich sollte sie mal so richtig übers Knie legen.'

Doch der bloße Gedanke an das Bild, wie sie mit entblößtem Hintern über seinem Knie liegt, lässt ihn leise kichern. Er zieht seinen Arm und mit ihm die Schwarzhaarige etwas näher zu sich heran und genießt für den Augenblick ihre Nähe. Noch immer hält er seinen Hut fest, so dass weder Gischt noch Fahrtwind ihn ihm entreißen kann.

Nicht mehr grinsend, sondern mit einem Lächeln auf den Lippen sagt er zu der kleinen Schwarzhaarigen:

"Wisst ihr, Frau Fuxfell, euer hitziges Temperament weiß mich mehr zu erfrischen als ein morgendliches Bad in einem Fluss. Ich gewöhne mich sogar schon an euer keckes Mundwerk. Nur was die Erziehung Amegs angeht, da bin ich nicht ganz euerer Meinung."



Phexane fühlt die Nähe und Wärme Torins und fühlt sich wieder ein wenig an den Moment in der Gemeinschaftkabine erinnert, als er sie umarmt hatte. Ihr Herz beginnt ein wenig schneller zu klopfen.

'Warum diese Aufregung? Er ist doch nur ein Mann wie jeder andere.'

Phexane blickt zu ihm hoch, während er spricht und bemerkt das Lächeln auf seinen Lippen. Bei seinen Worten huscht auch über ihr Gesicht kurz ein kleines Lächeln, doch es verweilt nicht allzu lang, denn Torin spricht sodann ein Thema an, bei dem sie noch vor wenigen Tagen ihm einen Vortrag halten wollte.

"Die Erziehung Amegs? Ach ja, stimmt! Naja... ich bin ja auch nicht gerade das Paradebeispiel einer tollen Mutter."

Bei dem letzten Satz wird ihre Stimme leiser und auch ein wenig traurig. Sie wendet den Blick von Torin ab, hin zu dem Niedergang, auf den die beiden sich gerade zu bewegen.



'Ja, Ameg.' grübelt Torin während vor Phexane und ihm zwei Matrosen den Niedergang passieren. Diesen Gedanken wollte er eigentlich erst später klären, viel später, vielleicht sogar ganz auf die Seite schieben, doch sein eigenes Mundwerk hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

'Was soll ich bloß machen mit dem Jungen? Einerseits ist er noch nicht alt genug, um selbst für sich zu sorgen, aber andererseits will er sich auch nicht helfen lassen. Er war ganz verdutzt, als ich in der kleinen Taverne ein Bier für ihn mit bestellt hatte. Und dann hat er den ganzen Abend kein Wort mehr mit mir geredet. Was soll ich nur machen mit dem kleinen Dreikäsehoch?'

Dann aber bemerkt Torin die leichte Traurigkeit, die sich in Phexanes Worte schleicht.

'Scheinbar hat sie ähnliche Probleme mit ihrem eigenen Kind.'

Noch immer zerrt der Wind an seinem Hut und er muss schon einiges an Kraft aufwenden um ihn auf dem Kopf zu halten.

'Wie soll ich mich jetzt verhalten? Sie darauf anzusprechen wäre wohl die einfachste Lösung, aber sicher auch die Schlechteste. Aber ich kann das Thema auch nicht einfach unbeachtet Beiseite schieben. Hmm... Vielleicht sollte ich es einfach Mal - wie würde dieser feine Pinkel sagen - 'ganz dezent' versuchen. Ja, ich denke, das paßt jetzt vielleicht ganz gut.'

"Ich glaube nicht, dass ihr eine schlechte Mutter seid. Meine eigenen Eltern haben mich wohl ausgesetzt, als ich noch ein Kleinkind war. Auf jeden Fall hat mich Vater Rotmarder bei sich aufgenommen und ich dachte mir, ich könnte das Gleiche mit Ameg machen. Aber..."

Torin stockt für einen Moment.

'Ist das dezent?'

"Aber es ist nicht das Gleiche. Ameg ist einfach schon zu alt. Er hat seinen eigenen Kopf und ich befürchte, dass er nie ein richtiger Rotmarder werden würde."

Als die Schwarzhaarige und er am vorderen Niedergang ankommen, öffnet er die Klappen.

"Andererseits befürchte ich, dass er noch immer verfolgt wird."



Phexane will in dem Moment, als Torin kurz stockt, etwas sagen, doch der Wind und ihre Haare machen ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie bekommt, als sie ihren Mund öffnet, eine Strähne hinein und gibt somit nur leise ein "Pft-Pft" von sich, als sie erfolglos versucht sie wieder hinaus zu spucken. Schnell streicht sie ihre Haare mit der Hand aus dem Mund und klemmt sie sich dann hinter ihre Ohren. Dadurch bekommt Torin die Möglichkeit weiter zu sprechen und sie hört mehr von ihm, als er bisher von sich erzählt hatte.

"Macht euch keine Sorgen," sagt sie, während sie noch am Absatz des Niederganges stehen bleibt, "ihr kennt euch doch erst seit Thorwal."

Sie schaut hinab in die Dunkelheit des Unterdecks.

"Vielleicht habt ihr ihn ein wenig zu sehr 'bemuttert' und eingeengt. Außerdem glaube ich nicht, dass ihn dieser 'Dunkle' noch immer verfolgt. Thorwal ist doch schon weit weg."

Phexane bemerkt nicht, dass sie etwas anspricht, wovon Torin ihr noch gar nichts erzählt hatte. Doch das Gespräch mit Ameg hatte ihr, kurz vor Salzerhaven, Klarheit über die Geschehnisse in der thorwalschen Hauptstadt gebracht. Somit schaut sie wieder zu ihm hoch und redet unverblümt weiter.

"Ich finde es sogar ausgesprochen mutig von euch, dass ihr ihn gerettet habt. Aber... mein Problem ist doch etwas anders, als eures."



"Woher wißt ihr von dem 'Dunklen'?" entfährt es Torin erstaunt.

'Sie kann doch keine Meuchlerin sein?'

"Ich hatte es niemandem erzählt!"



Phexane wollte sich gerade endlich daran machen, den Niedergang hinab zu steigen, als sie Torins Worte hört.

'Oh, daran habe ich gar nicht gedacht - ich hatte es von Ameg und nicht von ihm erfahren.'

"Äh...," kommt von ihr erst nur, doch dann spricht sie weiter, "Ameg hatte es mir erzählt."

Etwas unsicher blickt sie ihn an, denn er wirkt auf sie etwas misstrauisch...



'Soso, von Ameg also...'

Torin blickt hinunter in Phexanes Gesicht. Ihr unsicherer Blick scheint ihm Einiges zu erzählen. Und gerade jetzt ist er für solche Erzählungen sehr zugänglich. Ob jedoch Phexanes unsteter Blick wirklich das aussagt, was Torin darin sucht oder ob es nur die salzige Luft ist, die sie unsicher blinzeln lässt, dass weiß er nicht zu deuten.

'Woher soll ich wissen, ob sie die Wahrheit sagt? Vielleicht hat sie den Auftrag, mich und dann Ameg zu töten? Vielleicht war das vorhin ein verunglückter Anschlag auf mein Leben?'

Noch immer konzentriert er sich nur auf Phexanes Augen. Doch ihre schönen, tiefbrauen Augen scheinen ihm mitzuteilen, dass sie wirklich die Person ist, die sie vorgibt zu sein.

'Blödsinn, wieso sollte gerade sie eine bezahlte Mörderin sein, die jemand in Thorwal auf Ameg und mich angesetzt hat? Außerdem habe ich sie doch bereits in Prem kennen gelernt und sie scheint Ameg recht gut leiden zu können.'

*Und dich auch, du Torfkopf.* meldet sich unbeachtet die leise Stimme in seinem Kopf wieder.

'Wieso kann ich keiner Menschenseele mein Vertrauen schenken?

Vielleicht fordert der Herr des nächtlichen Treibens gerade jetzt mein Vertrauen?'

Torin hebt den Kopf und blickt in die düsteren Wolkenmassen, die schon beinahe den gesamten morgendlichen Himmel bedecken.

'Forderst du mich, hoher PHEx? Willst du, dass ich den Menschen mehr Vertrauen schenke?'

Doch Torin weiß, dass ihm der Gott der Diebe und Kaufleute; die ja im Grunde auch nicht mehr als 'ehrbare' Diebe sind; keine Antwort schuldet. Diese Antwort muss er für sich selber finden. Deswegen schaut er nun auch wieder zu Phexane hinunter, die ihn wiederum erwartungsvoll anblickt.

"Von Ameg wisst ihr es also."

Mit seinen Worten kehrt das Lächeln, welches vorhin aus seinem Gesicht gewichen war, wieder zurück.

"Eigentlich hätte ich es mir denken können."

'Ich werde Ameg trotzdem fragen, nur zur Sicherheit.'

Um etwas von diesem doch heiklen Thema abzulenken, nimmt er den beinahe schon verlorenen Gesprächsfaden wieder auf.

"Aber ihr davon gesprochen, dass euer Problem etwas anders sei. Wie genau meintet ihr das?"

Kaum hat Torin diese Worte ausgesprochen, so bereut er sie auch schon.

'Oh! Miu pikusch! Ich wollte doch dezent fragen! Ich alter Trampel! Das war ganz sicher nicht dezent!'



Als Torin ihr für einen längeren Moment in die Augen sieht, spürt sie einen kalten Schauer ihren Rücken hinunterjagen. Vielleicht stammt er ja von dem kühlen Wind, vielleicht ist es die Unsicherheit, vielleicht ist es aber auch dieser Blick aus Torins warmen, braunen Augen.

Als er dann den Kopf hebt schaut sie auch weiterhin zu ihm auf. Sie betrachtet die dunklen Bartstoppeln an seinem Hals, die Lippen, die von seinem Bart eingerahmt werden, die Nasenspitze, die zum Himmel zeigt... und dann senkt sich wieder sein Kopf und ihre Blicke treffen wieder seine.

Doch ihre Befürchtung, dass er mal wieder pampig werden könnte, bewahrheitet sich nicht. Stattdessen lächelt er sie sogar an und in Folge dessen kehrt auch auf ihr Gesicht ein Lächeln zurück, doch nur kurz - denn sofort spricht Torin ihr 'Problem' an.

"Mein Problem...," wieder wandert ihr Blick hinunter in die Dunkelheit des Unterganges, "ist...," verliert sich mehr und mehr in der Schwärze, zieht ihr Herz mit hinab, "ist...," lässt sie leise seufzen...

'Noch einmal würde ich gerne mit ihm alleine sein... so wie in der Gemeinschaftkabine. Zumindest noch ein einziges Mal würde ich gerne seine Nähe spüren und ihm mein Herz ausschütten.'

Ihr Blick schweift zurück zu Torin. Intensiv und durchdringend blickt sie in seine Augen.

'Wie finde ich einen Anfang?'

'Nein, nein! Ich sollte es besser lassen! Dieser Mann vertraut mir ja noch nicht einmal richtig!'

"Es ist so...," beginnt sie noch einmal von vorne, doch sehr weit kommt sie nicht. Verzweifelt sucht sie nach Worten. Doch wenn ihr welche einfallen, sagt ihr irgendwas, dass sie sie nicht sagen soll.

'Ich werde noch wahnsinnig! Jetzt ist Schluss!'

Mit einem leisen Knurren und mit geballter Faust schlägt sie gegen das Geländer des Niedergangs, doch das Geländer ist weitaus stabiler und vor allen Dingen stärker als Phexane, so dass sie mit schmerzverzerrtem Gesicht die Faust an ihren Körper presst.

Trotzig und wütend auf sich gleichermaßen hebt sie ihr Gesicht wieder hoch.

"Ich habe euch bisher noch nicht für das, was ihr für mich in der Kabine getan habt, gedankt!"



NORDSTERN - Unterdeck: Perval und Traviana


Schnell begibt Perval sich den Niedergang hinunter um den Passagieren, die sich oben auf dem Deck bereit machen, auch den Niedergang hinabzusteigen, nicht im Wege zu sein. Unten angekommen umrundet er den Niedergang und bleibt vor dem Schrank, der das Putzzeug und allerlei anderen Krimskrams beherbergt, stehen. Mit der Hand, in der der Wischmop ist, wird die Verriegelung gelöst und die Schranktüren geöffnet. Nur gut, dass die Sachen im Schrank alle gut und korrekt verstaut sind, sonst wäre wohl das eine oder andere bei diesem Seegang hinaus gefallen.

Während des Wegräumens setzt Perval die Unterhaltung mit Traviana fort:

"`n bisschen Spaß muss sein. Wir sin´ doch nich´ solche Mimosen, wie die Passagiere in der Suite oben oder dieser ober eitle Herr. Nee, nee, der Ole scheint schon janz in Ordnung zu sein. Bisschen alt, vielleicht uch nich´ mehr janz frisch im Kopp, aber sonst janz in Ordnung."

Eimer und Wischmop sind schnell im Schrank verstaut, und zwar so, dass auch diese nicht rausfallen, wenn die Türen geöffnet werden. Dann die Türen wieder geschlossen und die Verriegelung vorgelegt. Perval dreht sich zu Traviana um und blickt ihr gerade in Gesicht.

"Fertig. Und, woll´n wir uns nun mal nach was Essbaren umschauen?"



" Jaja, mit dem Ole hast du schon recht. Is ganz in Ordnung. Du kennst ihn ja besser und weißt das eher. Also dann, was Essbares kann nie schaden, oder?"

Ein wenig wundert es Traviana, dass dieser Schrank so ordentlich und aufgeräumt ist. Das Matrosen ihn so sorgfältig aufgeräumt hatten???

Aber es ist gut zu wissen, wo man Eimer und Putzzeug überhaupt her bekommt. Traviana hatte das vorher nicht genau gewusst.

'Nun aber los! Klar muss auch Spaß sein. Und so streng ist man hier ja auch nich'. Da kann man ,wenn's grad keine Arbeit gibt schon mal nen bisschen Spaß haben.'

" Also dann, machen wir uns auf den Weg!?!"



"Jut, dann lass uns ma´ zur Kombüse gehen. Mal seh´n, wat der Smutje für uns hat. Zum Essen könn´ wir ja in den Mannschaftsraum gehen. Oder wenn der Wasuren oder ein andere dort zum Pennen liegt vielleicht auch runter ins Ladedeck."

Nach diesen Worten dreht Preval sich um und geht vor Richtung Kombüse.



"Klar. Gerne."

Traviana folgt Perval den Weg entlang.

'Wieso Laderaum? Naja, da stört uns wenigstens keiner. Gute Idee!'

Traviana sieht sich auf dem Weg ein wenig um, sie hatte ja von diesem Schiff bisher nicht viel gesehen. Sie war vom Mannschaftsraum direkt an Deck zur Arbeit gelaufen, und hatte sich nicht weiter umgesehen. Aber nun sieht sie ja mehr vom Schiff.



"So wie dat Wetter aussieht, wird dat heute noch ´n lustiger Tag. Wie weit hast du vor, mit der NORDSTERN mitzufahren? Ich will bis nach Brabak und wieder zurück. Sollt´ ´ne schöne Fahrt werden."

Perval versucht das Gespräch mit Traviana in Gang zu halten, bis sie zur Kombüse kommen.



"Ich weiß noch nich genau, wie weit ich mitfahren werde, aber eigentlich hatte ich schon vor wieder zurück zu fahren, ich hab doch noch so viele Bekannte und Verwandte in Salza. Ach ja, du kommst ja auch von dort...."

Bei diesen Worten muss Traviana an ihren Bruder denken. Ob er wohl mittlerweile eingesehen hat, dass sie weg musste. muss er wohl. Aber Traviana ist sehr glücklich, dass sie ausgerechnet hier auf der NORDSTERN angeheuert hat.



Als Perval und Traviana an der Kombüse angelangt sind, guckt Perval hinein.

"Na typisch, wenn man den Smutje mal braucht, is´ er nich´ da. Werden wir wohl auf den Knaben warten müssen."



NORDSTERN - Unterdeck: Der Eimer


Es kletterte weiter auf ihm und stieg dann auch noch in ihn hinein. Noch mehr Dreck und Unrat hat Es in das Wasser gemischt, das doch auch schon so eklig genug. Doch dann die Rettung in greifbarer Nähe. Er spürte wie er gehoben wird, der Boden mehr als der Henkel. Das Wasser gleich nicht mehr in ihm sei, wenn dieses so weiter geht. Doch dann ein Schmerz, ein lautloser Schrei, als Es ihn tritt und verletzt. Dann ist Es weg und auch das Wasser, diese eklige, dreckige, unsaubere Brühe, ergießt sich hinaus aus dem Loch, das vorher nicht war und auch so sehr schmerzt. Der Mensch, der ihn hält, dieser grobe Klotz, dann noch den Rest des Wassers ausgießt.

Nun ist er leer, kein dreckiges Wasser mehr in ihm ist. Welch eine Freude, welch ein Glück. Auch wenn die letzten Ränder des Drecks noch an ihm haften, so ist doch das Wasser, das dreckige, hinweg. Noch ein Bad im frischen Wasser, das täte ihm gut gefallen. Schon keimt die Hoffnung, auf sauberes frisches Wasser.

Doch was ist das, ein weiterer Schmerz, als er von einem noch größeren Menschen erfasst. Und noch ein Schmerz, ein lautloser Schrei, als das schmerzende Loch gestopft. Nun ist es gut, nun kann er kaum noch und doch sind die Freunde noch fern.

Noch einige Male herumgeschaukelt. Dann kann er auch schon die Rufe der Freunde hören. Hinein in den Schrank und verschlossen die Tür, sitzt er nun wieder im Dunkel. Die Freunde um ihn, sie sind alle froh, ihn endlich wieder zu sehen. Er erzählt was passiert und wie er - der kleine Eimer - die Welt hat erlebt.



NORDSTERN - Vordeck: Das Unglück


Allmählich leert sich das Oberdeck weiter, und es bleiben mit Ausnahme der Beteiligten des Kampfes, den der Kapitän nicht gesehen hat, im Grunde nur Angehörige der Besatzung auf dem Deck zurück. Vorne nahe dem Bugspriet befassen sich die Bootsfrau und eine Matrosin mit der Bergung der Blinde, weiter achtern ist eine weitere Matrosin in Richtung eines Niederganges unterwegs, ein weiterer Matrose schüttet gerade einen Eimer Wasser über Bord, und der Schiffszimmermann hält sich ebenfalls in dessen Nähe auf.

Dem Kapitän ist das ganz recht so, schließlich gehört das Deck im weitesten Sinne mit zur segeltechnischen Ausrüstung des Schiffes, und da ist es einfach gut, wenn dort nur diejenigen sind, die sich mit selbiger auskennen. Natürlich würde er bei diesem Wetter noch längst keinem der Fahrgäste verbieten, das Oberdeck aufzusuchen, oder auch nur in Ansätzen Zeichen des Missfallens zeigen, doch tief in seinem Inneren sind das die Gedanken in diesem Zusammenhang.

Doch nun werden sie wieder an den Rand gedrängt, weil eine besonders große und leicht dwars zu den anderen laufende Welle sich vor dem Bug der Karavelle auftürmt. Jergan lässt das Rad rasend schnell nach Steuerbord rotieren, doch die Steuerwirkung kommt ungeachtet der recht hohen Fahrt des Schiffes nicht augenblicklich, denn dazu ist die Masseträgheit einfach zu groß.

So bricht die Welle klatschend am Vorschiff und lässt die NORDSTERN kurz etwas stärker krängen, während eine größere Ladung Wasser im hohen Bogen auf das Vorschiff spritzt



Sigrun sieht, was Nirka da tut, und ihre Hände sind schon dabei, exakt das gleiche auf "ihrer" Seite ebenfalls zu tun, noch ehe sie Nirkas Worte ganz gehört hat.

So lösen die beiden Frauen die Schoten, die die Blinde in ihrer derzeitigen Stellung halten, in der der von Steuerbord kommende Wind sie treffen kann und damit Vortrieb erzeugt. Zumindest tut er das dann, wenn sie nicht gerade in die Wogen eintaucht, was immer öfter passiert, so dass das inzwischen triefend nasse Segel den Vortrieb eher behindert.

Die gelösten Schoten geben der kleinen Rah der Blinde mehr Spielraum, und so dreht das Segel beinahe von selbst aus dem Wind und wird zu einem mehr oder weniger schlaffen und feuchten "Lappen", den der Wind zuweilen noch ordentlich flattern lässt.



Die beiden Frauen kommen erst einmal nicht dazu, mit dem nächsten Schritt der Segelbergung fortzufahren, denn das rasante Eintauchen des Bugs in die nächste Welle beschert ihnen eine unverhoffte, ziemlich heftige und auch recht kalte Dusche frischen Meerwassers.

Während selbiges noch durch die Speigatts abläuft, und auch zum Teil hinunter auf das Oberdeck, setzt Nirka zu einem herzhaften Lachen an, denn im Grunde mag sie das. Das Lachen verharrt jedoch kurz, und wird erst fortgesetzt, als sie sieht, dass der Freundin dabei nichts geschehen ist - wenn man davon absieht, dass sie ähnlich nass ist wie die Bootsfrau.

Sigrun stimmt in das Lachen sogleich ein, und zeigt dann mit der freien Hand, in der sie nicht die Schot der Blinde hält, auf Nirka:

"Die grüne Alge da passt herrlich zu deinen Haaren!"

In der Tat hat sich in Nirkas dunkelblonden schulterlangen Haaren eine grünliche Alge festgesetzt, die die Welle mit auf das Schiff gebracht hat.



Nirka hält mit einer Hand die Schot auf ihrer Seite des Bugspriets fest, während sie mit der anderen Hand rasch durch ihre triefend nassen Haare fährt, bis ihre Finger etwas erfassen, dass noch nasser als die Haare sind... ein glibbriges grünes Stück einer Alge.

Sie betrachtet es kurz, schüttelt dann gespielt geekelt den Kopf, und wirft es nach Backbord über Bord.

Ein ganzes Ende vor den beiden Frauen hat die Blinde, die nun von den Schoten nicht mehr so eng fixiert wird, ebenfalls ein tüchtiges Bad genommen, und hängt nun wieder schlaff und nass an der kurzen Rah, die ihrerseits munter hin und her pendelt.

"Wir müssen das Ding stabilisieren, ehe wir es bergen können!" ruft die Bootsfrau ihrer Freundin zu. Eigentlich hatte sie gehofft, dass der Wind dabei ein wenig hilft, aber im Moment ist das recht aussichtslos.

"Soll ich die Schot wieder festmachen?"

Die Bootsfrau überlegt kurz, dann nickt sie. Da das Nicken aber sicher gesehen wird, da die Matrosin ebenso wie sie selbst angespannt nach vorne zum Segel schaut, fügt sie rasch hinzu:

"Ja, tu das mal, dann kann ich später mit der Backbordschot das Segel so herumziehen, dass der Wind uns hilft."

Sigrun folgt dieser Anweisung, und spannt "ihre" Schot wieder ein ganzes Ende, was die pendelnde Rah zumindest für einen Moment wieder beruhigt.



Die Bootsfrau lässt der Schot auf ihrer Seite sogar noch viel mehr Freiraum, so dass sich Segel und Rah so drehen, dass der Wind recht ungestört dran entlang wehen kann, ohne all zu viel Druck auszuüben.

Nirka lässt die Blinde dabei allerdings keine Sekunden aus den Augen, denn die recht unstabile Lage kann sich rasch ändern, falls das Schiff ein Stück drehen sollte, oder wenn das Segel wieder einmal in die Wellen eintaucht.

Sie überlegt nun ganz kurz - normalerweise würde man auf den Bugspriet klettern, um Rah und Segel nach oben zu bergen, doch das ist im Moment etwas zu gefährlich. Dann lieber in zwei Arbeitsschritten - zuerst das Segel reffen, und dann alles zusammen mit den Schoten soweit nach achtern ziehen, dass man es von der Bugspitze aus erreichen kann. Jetzt, im gedrehten Zustand der Rah, ist das Steuerbordende der Rah von Sigruns Position aus nämlich fast zu erreichen, so dass diese das Segel dort zur Rah hin hochbinden kann - dann könnte man die Rah mit der Backbordschot herumziehen, und dort das gleiche tun.

"Sigrun, reff mal das Segel auf deiner Seite - das ist besser und sicherer, als wenn einer von uns auf den Bugspriet turnt!"



"Stimmt!" antwortet Sigrun auf die Aufforderung der Bootsfrau. "Mach ich!"

Die junge Matrosin muss sich jetzt ein wenig strecken. Zwar ist das zu reffende Segel nur klein, doch um es ganz hochbinden zu können, lässt sich das nicht vermeiden. Sigrun sieht sich kurz um und entdeckt sofort, wonach sie gesucht hat: eine Möglichkeit, sich festzuhalten.

Sie ergreift erneut die inzwischen fest gespannte Schot und umfasst sie fest, bevor sie sich vorsichtig ein Stück über die Reling lehnt. Den Blick hat sie auf ihr Ziel, die Blinde, gerichtet, deren Ende sie nun mit dem freien Arm zu erreichen versucht.



Die Bootsfrau nickt nur kurz, als die Freundin ihren Vorschlag bestätigt - dass Sigrun das Nicken kaum sehen wird, weil sie wohl eher in Richtung des Segels blickt, entgeht ihr im Arbeitseifer dabei.

Sie ist kurz versucht, Sigrun zu sagen, dass sie vorsichtig sein soll, doch das wäre nicht nur überflüssig, sondern auch störend und gering schätzend, schließlich weiß Sigrun ebenfalls, dass sie aufpassen muss, wenn das Schiff wieder eine Welle scharf ansteuern sollte. Zudem sieht es im Moment nicht danach aus - der Kapitän hat wohl wieder eine halbwegs stabile Lage gefunden, in der die NORDSTERN halbwegs ruhig gut vorankommt. Auch der Kurs mag in etwa stimmen, aber das vermag Nirka nicht so genau zu sagen - jedenfalls nicht ohne die Hilfe des Südweisers achtern auf dem Brückendeck.

Die Bootsfrau nickt dann noch ein zweites Mal - die Idee, die Schot als Halteleine zu "missbrauchen", ist sehr gut und sicher. Ganz sanft spannt sie die Schot auf ihrer Seite auch wieder ein klein wenig, um die Rah durch den beidseitigen Zug weiter zu stabilisieren, und um es der Matrosin noch leichter zu machen.



Jetzt hat Sigrun es geschafft! Mit der freien Hand greift sie nach dem kleinen Segel und beginnt, dieses hoch zu binden.

Einer Warnung durch Nirka, die ja auch nicht erfolgt ist, hätte es wirklich nicht bedurft. Sigrun weiß, dass eine große Welle bei ihrer jetztigen Position ausreichen könnte, um sie über die Reling zu schleudern. Doch sie hat diese Tätigkeit schon oft ausgeführt und würde sich niemals so weit vorlehnen, wenn sie sich nicht entsprechend sichern könnte. So greift sie noch einmal etwas fester um die sichernde Schot und verlegt ihr Gewicht noch ein kleines Stück weiter nach vorn.



Nirka beobachtet aufmerksam, wie die Freundin geschickt nach dem Segel greift und dieses gewandt und rasch zu reffen beginnt. Damit ist der wichtigste Schritt der Arbeit im Grunde auch schon getan, denn wenn das Segel auf der Steuerbordseite gerefft ist, hat sich seine Windangriffsfläche insgesamt schon so verringert, dass die weitere Handhabung wirklich nicht mehr schwer sein wird - und damit ist die Arbeit dann wohl auch schon fast beendet.

Ungeachtet der erfreulichen Gedanken an das, was danach kommen wird, bleibt die Bootsfrau der NORDSTERN jedoch sehr wachsam und gleicht mit der Schot auf der Backbordseite kleine Schwankungen der Rah der Blinde nahezu vollständig aus, um es Sigrun einfach zu machen.



Völlig vertieft in ihre Arbeit bemerkt Sigrun nicht das leise Geräusch, das plötzlich an der Schot zu hören ist. Doch selbst wenn sie es gehört hätte, wäre ihr wohl kaum genug Zeit zum reagieren geblieben. Denn schon mit dem Ausklingen des leisen reißenden Geräusches schwingt die Schot - und mit ihr Sigruns Hand - dem Druck des Segels plötzlich nachgebend - aufs Meer hinaus.

Instinktiv entringt sich der Matrosin ein Aufschrei und die Hand schließt sich noch fester um die Schot, doch zu sehr hat sie ihr Gewicht nach außen verlagert, als dass es ihr gelingen könnte, diesem Druck entgegen zu wirken.

Mit einem Ruck wird Sigrun nach vorne gerissen. Ihre Füße verlieren den Halt und auch die am Segel befindliche Hand findet keinen festen Griff mehr. Kopfüber stürzt sie, gezogen von der Schot, die sie noch immer festhält, über die Reling.

"NIIIIRKAAA!!!"



Das leise Geräusch der reißenden Schot, im Lärm der Wellen und des Windes kaum zu hören, dringt dennoch an das Ohr der Bootsfrau, denn solche Geräusche gehören zu jenen, gegen die sie als Seefrau regelrecht allergisch ist, denn reißendes Tauwerk gehört zu den größten Schrecknissen der Seefahrt.

Ihr Blick verlässt augenblicklich das Segel, und schwenkt hinüber zu der Freundin: Ohne jede Möglichkeit des Eingreifens, weil es einfach viel zu schnell geht, aber dennoch scharf und in jedem Detail, muss sie zusehen, wie diese den Halt verliert und über die Reling stürzt - ein Anblick, den sie sicher niemals vergessen wird.

Die Backbordschot, die Nirka noch in der Hand gehalten hat, wird losgelassen, denn die Bootsfrau versteht sofort, dass sie Sigrun damit nicht helfen kann, denn wenn sie daran ziehen würde, würde sie die linke Seite der Rah nach achtern ziehen, und damit die rechte nach vorne, was Sigrun nur noch weiter über Bord schleudern würde. Also kann sie die Schot ebenso gut loslassen, und den aussichtslosen Versuch einer direkten Hilfe versuchen.

Zwischen ihr und dem Platz, an dem Sigrun noch vor ganz wenigen Augenblicken gestanden hat, befindet sich jedoch das hintere Ende des Bugspriets, eine der Winden der Fock, und die beiden Beschläge für die Schoten der Blinde.

Diese Hindernisse halten die Bootsfrau kaum auf, als sie drüber hinweg springt, ohne dabei den kurzen und stechenden Schmerz zu beachten, der durch die harte Berührung einer der Winden durch ihr linkes Schienbein entsteht, und erreicht den freien Raum steuerbords des Bugspriets - so ziemlich nahe der Stelle, an der Sigrun stand, ehe sie sich über die Reling gebeugt hat, um das Segel zu erreichen.

Während sie die Hand verzweifelt in Richtung Sigrun ausstreckt - dieser entgegen, und doch ohne jede ernsthafte Chance, sie damit zu erreichen, ruft nun auch sie den Namen der Freundin:

"SIIIIGRUUUUN!"

Mehr kommt von ihr noch nicht, weder ein Hilferuf, noch ein Alarmschrei - dazu hat sie bislang einfach zu instinktiv und zu sehr aktionsgetrieben agiert, um auch nur zu erfassen, was passiert ist, und daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Und so bleiben die ereignisreichen Augenblicke auf dem Vordeck auch auf dem Brückendeck, das sich nahezu zwanzig Schritt weiter achtern befindet, und von dem aus zudem die Sicht durch die Segel blockiert ist, noch unbemerkt und ungehört - von den beiden laut und verzweifelt gerufenen Namen einmal abgesehen.



NORDSTERN - Oberdeck: Meergrün's Entsetzen


So ein Schiff ist ja nicht sehr groß. Für einen Klabauter ist es dann doch größer. Aber auch nicht sehr groß. Vielleicht so groß, wie für einen Menschen eine kleine Burg oder ein Kloster. Also so, dass man gerade noch den Überblick halten kann.

Nun vermutlich hat auch kein Mensch, Vogt oder Hochgeweihter, die Übersicht über alle Dinge in der Burg. Es gibt eben doch immer Sachen die neu sind. Ereignisse, die in das tägliche Einerlei einbrechen. Veränderungen im Kleinen bleiben meist aber erst unbemerkt. Denn wer kann schon am Kleinen auf die großen Auswirkungen in der Zukunft schließen.

Gebäude sind aus Stein gemacht. Ein Schiff besteht aus lebenden Stoffen, oder solchen, die mal gelebt haben. Vieles ist aus Holz. Es gibt auch Pflanzenfasern in den Tauen oder Wolle, für das Tuch. Aber in jedem ist noch etwas Lebenssaft und alles wispert miteinander. Der Mast mit dem Kiel, das Oberdeck mit dem Unterdeck, das Segel mit den Brassen.

Die meisten Menschen sind viel zu laut im Geist. Sie denken zu viel. Sie wollen das Besondere erleben. Und so überhören sie das gewöhnliche Wispern der Dinge. Aber Klabauter haben feine Ohren und flinke Zungen. Wenn Meergrün horcht, dann kann er das Geschnatter der eitlen Segel hören. Und das Brummen des Kiels. Und das Keuchen des Werkes. Sie unterhalten sich über alles, was passiert, und diskutieren, was die Zukunft bringt.

Doch manchmal erhebt sich ein lauter Schrei über das leise Wispern. Dieser Schrei läuft dann wie eine Welle durch das Schiff. Alle Teile sind beunruhigt. Auch Meergrün hat den Schrei gehört. Er schaut zum Vordeck, von wo der der Schrei ausging.


das klang ja wiie

eiin todesschreii



NORDSTERN - Brücke: Der Kapitän reagiert ...


Jergan Efferdstreu unterdrückt einen Fluch, der alles andere als zwölfgöttergefällig gewesen wäre, und lässt das Steuer in die andere Richtung, also nach Backbord, rotieren, um zu verhindern, dass die nächste Welle das Vorschiff der NORDSTERN gleich wieder flutet und alles durchschüttelt.

Die straff gespannten Seilzüge der Rudermaschine übertragen die Bewegung des Rades fast ohne Verzögerung auf das große Ruderblatt, das sich ein ganzes Ende unter dem Brückendeck und ein kleines Stück weiter achtern befindet, doch das Schiff selbst braucht wesentlich länger, um auf die Ruderbewegung auch zu reagieren - trotz der momentan recht hohen Geschwindigkeit verhindert die Trägheit des Schiffes einfach schnelle Kurswechsel.

Doch es genügt auch so, die Karavelle liegt wieder einmal auf dem richtigen Kurs. Zumindest ist der Kurs "richtig" in Bezug auf die Wellen, die dem Schiff so am wenigsten antun können, in Bezug auf das Fahrziel Havena ist der Kurs nicht mehr ganz so optimal.

Der Kapitän nutzt die kurze Verschnaufpause, die der neue Kurs ihm bietet, um seine Blicke wachsam über den Horizont und den Himmel schweifen zu lassen:

Rings herum ist nach wie vor nur Wasser, etwas anderes wäre bei der Entfernung von der Küste auch recht verwunderlich, und kein anderes Segel ist zu sehen. Die Wellen rings herum mögen vielleicht eine Hoehe von eineinhalb Schritt erreicht haben, und der Wind hat gegenueber der Staerke, die er zu dem Zeitpunkt, zu dem die Praiosscheibe sichtbar geworden ist, ein klein wenig zugenommen. Das wiederum hat verstärkt Wolken über den Himmel getrieben, die insgesamt zu einer zunehmenden Bewölkung führt. Durchfuhr die NORDSTERN noch vor kurzem sehr oft sonnige Abschnitte, so werden diese immer seltener, und es gehört wohl nicht viel Geschick dazu, um vorherzusagen, dass man sie sehr bald wohl gar nicht mehr sehen wird.



Nach dem Meer rings herum ist das Schiff selbst das nächste Ziel der Blicke des Kapitäns. Noch immer fährt die NORDSTERN unter vollen Segeln, und macht mächtig Fahrt. Im Grunde fast schon zu viel Fahrt, aber in diesem speziellen Fall - schließlich muss die Heilige Miesmuschel rechtzeitig in Havena sein - ist das jedoch gerechtfertigt.

Jergans Blicke verharren kurz bei den beiden mächtigen Havena-Segeln und den extrem straff gespannten Tauen der Takelage. Der Wind bringt bei seiner jetzigen Stärke einiges an Kraft auf, und diese Takelage muss diese von steuerbord kommende Kraft in Vortrieb umsetzen, was natürlich das Material stark beansprucht. Doch an der Stelle macht der Kapitän der Rivaer Karavelle sich keine weiteren Gedanken, denn er weiß um die Qualitäten des Schiffes und der Besatzung, die kritische Teile öfter kontrolliert, als das eigentlich nötig wäre.

Ja, er wird die Segel mit Ausnahme der Blinde, mit deren Bergung Nirka und Sigrun gerade beschäftigt sind, noch für eine Weile so gesetzt lassen, es sei denn, der Wind wird doch noch zu einem richtigen Sturm. Doch das glaubt er nicht, schließlich hält doch EFFerd selbst seine Hände über dieses Schiff auf dieser Mission!



Das nächste, das der Kapitän mustert, sind die Leute auf dem Oberdeck. Es ist wieder einiges an Bewegung dort, Matrosen, die umher eilen, und Fahrgäste, die anscheinend auf dem Weg nach unten sind. Beides gefällt Jergan, denn deutet das eine doch schließlich auf fleißige Betriebsamkeit hin, und das andere darauf, dass das Deck möglichst leer wird, was ihm bei diesem Wetter auch ganz recht ist.

Und damit sind die kontrollierenden Blicke erst einmal wieder abgeschlossen, und das Steuer hat die volle Aufmerksamkeit des Kapitäns.



Das Auge des Kapitäns erspäht eine Welle, die ein klein wenig schräg zu den anderen heran rollt, und wohl wieder eine mittlere Dusche für das Vordeck verspricht, wenn er dagegen nichts unternimmt.

Ruhig und recht langsam dreht er das Steuer mit kundiger Hand, bis die NORDSTERN wieder den optimalen Winkel erreicht hat, und auch diese Welle vollkommen schadlos passiert - natürlich von dem üblichen Geschaukel abgesehen, aber das nimmt Jergan kaum noch wahr, auch wenn es für die Fahrgäste an Bord wohl ziemlich stark ist.

Rasch lässt er das Steuer dann wieder zurück rotieren, und sogar ein kleines Stück in die Gegenrichtung, um den alten Kurs wieder herzustellen, denn die eine Welle ist kein Grund, den Kurs insgesamt zu ändern - nicht, nachdem sich dieser in den letzten Minuten so gut bewährt hat.

Und dann geht es wieder langsam in die Neutralstellung zurück - wenn es nicht sein muss, vermeidet der Kapitän natürlich heftige Bewegungen am Steuer, die sowohl die Seilzüge, als auch die Aufhängungen des Ruderblattes extrem belasten.

Nur hat das langsame zurück drehen diesmal auch einen kleinen Nachteil, denn als das Steuer gegenüber der Neutrallage nur noch um etwa neunzig Grad gedreht ist, greift die rechte Hand des Kapitäns an der Speiche des Rades, die in Neutralstellung so ziemlich genau unten ist, in etwas recht klebrig ekliges!



Es gelingt dem Kapitän recht mühelos, sich von dem klebrigen Zeug loszureißen, denn der Wille, das Steuer wieder in die richtige Position zu drehen, ist bei ihm viel stärker als der typische menschliche Drang, herauszufinden, wo man sich da vollgeschmiert hat.

Und so bringt er die NORDSTERN wieder auf den Kurs, und betrachtet dann seine Finger und die daran befindliche klebrige Masse. Sollte das von irgendeiner Arbeit Oles übrig geblieben sein - eine Art Klebstoff für irgendwas? Das mag der Kapitän nicht so recht glauben, schließlich weiß er genau, dass der Schiffszimmermann hier in den letzten Stunden nicht aktiv gewesen ist. Doch... was ist es dann?

Er überlegt, ob er die entsprechende Speiche rasch untersuchen sollte, ehe er einen Matrosen ruft, der die Sauerei beseitigt, doch da hallen vom Vordeck die gerufenen Namen der Bootsfrau und der Matrosin, mit der sie zusammen die Blinde bergen sollte herüber. Es sind weniger die Namen, als der Tonfall, der den Kapitän zusammenzucken lässt - so ruft man einen Namen nur, wenn man in großer Not ist, oder etwas sehr Schlimmes passiert ist.

Die klebrige Masse ist damit sofort unwichtig geworden und fast vergessen, und Jergans Aufmerksamkeit voll dem Schiff gewidmet. Leider kann er das Vordeck nur zum Teil einsehen, weil die beiden Havenasegel die direkte Sicht blockieren, aber er ist sich sehr sicher, sehr bald zu erfahren, was da passiert ist - schließlich sind die beiden erfahrene Seeleute, und mit Ole ist noch jemand auf dem Deck, der sehr viel Erfahrung besitzt.



NORDSTERN - Vordeck: Sigrun in Not ...


Sofort ist Sigrun klar, in welcher Situation sie sich befindet. Ihr Gehirn arbeitet auf Hochtouren und schickt immer neue Ideen und Anweisungen, die doch sogleich wieder als undurchführbar verworfen werden. Nur eines ist der jungen Matrosin klar: Sie muss um jeden Preis versuchen, sich an der gerissenen Schot festzuhalten - ein schwieriges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass diese nun ein Stück vom Vordeck entfernt, von den Bewegungen der Blinde getrieben, hin- und herschwenkt.

Schnell Fasst Sigrun auch mit der noch freien Hand nach dem Tau und versucht, es sich um die Hand zu schlingen, um einen festeren Halt zu bekommen. Doch schon spürt sie den Schmerz in den Fingern, an denen die rauhe Schot reibt.

Von den Ereignissen auf dem Schiff bekommt sie im Moment nichts mit. Auch Nirkas antwortenden Schrei nimmt sie nicht wahr. Mit zusammengebissenen Zähnen klammert sie sich fest, als sie plötzlich von einer seitlich anrollenden Welle geradezu überschwemmt wird:

Blinde und Schot versinken zum Teil, die Matrosin ganz, im Wasser.

"GRRRRRGHHHH!"



Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen, bestrebt, zu helfen, und doch nicht in der Lage, dieses zu tun, weil es einfach nicht geht, beobachtet Nirka, wie die Woge die Freundin verschlingt. Noch hat sie die Schot der Blinde in der Hand, aber der Zug des Wassers hier am Bug ist wohl zu groß, um das lange halten zu können, zumal sie jederzeit gegen den Rumpf der Karavelle geworfen werden kann. Sigrun schwebt da in höchster Lebensgefahr, und sie, Nirka, muss ohnmächtig zusehen, hat keine Möglichkeit, zu helfen. Der Drang, hinterher zu springen, um sie zu retten, wird immer stärker...

Doch langsam dringt auch die Vernunft wieder gegen das Entsetzen durch, und die Bootsfrau zwingt sich, überlegter und weniger emotionsgetrieben zu handeln, auch wenn ihr das extrem schwer fällt. Sigrun hat nämlich nichts davon, wenn sie hier über Bord starrt und ihr sinnlos die Hand entgegen streckt, wo ein Seil vielleicht helfen würde, falls sie sich lange genug halten kann.

Und noch etwas...

Nirka reißt ihren Blick fast mit Zwang von der Stelle los, wo Sigrun im Wasser um das Überleben kämpft, und brüllt dann mit gellender Stimme:

"FRAU ÜBER BORD AUF DER STEUERBORDSEITE!"

Sie selbst dreht sich fast panisch um, und macht dann einen Satz Richtung achtern, denn sie hat das andere Ende der gerissenen Schot entdeckt, das Sigrun vor wenigen Augenblicken an dem Beschlag befestigt hat. Lang ist das Ende wohl nicht mehr, aber weit und breit das einzige Seil, das griffbereit ist, es sei denn, man schneidet etwas aus der Takelage heraus. Doch so verrückt ist Nirka nicht, ist ihr doch auch in dieser Situation bewusst, dass die NORDSTERN im schlimmsten Fall ihre volle Manövrierfähigkeit braucht, um Sigrun zu retten.

Hastig arbeiten die Hände der Bootsfrau an dem Beschlag, um das Seil zu lösen - es einfach zu kappen, entfällt, denn dann wäre der Rest eindeutig zu kurz.



Nirkas Ruf, der weithin hörbar über das Deck schallt, bestätigt die schlimmsten Vermutungen des Kapitäns. Es ist etwas passiert, das zu den schlimmsten Ereignissen auf See gehört, und bei einem Wetter wie im Moment kann das sehr schnell tödlich enden, wenn Fehler gemacht werden.

Kurz denkt Jergan dankbar an die weise Voraussicht des zweiten Offiziers, der die Sicherheitsleine hat auswerfen lassen, die dies wesentlich vereinfachen kann.

Doch zuerst... die Lage muss geklärt sein. Das "Warum" ist dabei unwichtig, das kann viel später geklärt werden, jetzt muss er, Jergan, erst einmal herausfinden, wie genau die Situation da vorne ist, denn nichts wäre schlimmer, als die Rettung durch eine unbedachte Reaktion zu erschweren.

Nirkas Ruf kam gerade eben, und er hat bislang niemanden im Wasser dwars der NORDSTERN erblickt, und auch die Reaktionen der anderen deuten darauf hin, dass dem so ist - Sigrun, denn sie wird es sein, die da verunglückt ist, wird also noch weit bugwärts sein.

Ein rasches Beidrehen, um die Fahrt aus dem Schiff zu bekommen, könnte sie damit sehr leicht in große Gefahr bringen, wenn der Rumpf der Karavelle sie unter Wasser drückt. Also darf der Kurs nicht geändert werden, solange nicht klar ist, wo sich Sigrun befindet. Zugleich muss die Fahrt reduziert werden, denn die sicher zehn bis zwölf Knoten, die die NORDSTERN im Moment läuft, erschweren sowohl die Bergung, als auch die Chance, die Rettungsleine rechtzeitig zu erwischen.

Der Kapitän flucht kurz über den Umstand, dass kaum Matrosen auf dem Deck sind, und brüllt dann:

"ALARM! Segel fieren!"

Es gäbe noch mehr zu befehlen, aber die Zeit ist zu knapp, um das zu tun, zumal das Steuer in dieser Situation noch viel mehr Aufmerksamkeit erfordert - gerade im Moment bricht wieder eine nicht gerade kleine Woge am Bug des Schiffes.

Jergan steuert nur sanft gegen, während seine Augen das Wasser steuerbords der NORDSTERN mustern - glücklicherweise hat Nirka die Richtung mit angegeben, so dass er sich schon ein passendes Manöver überlegen kann...



Zwar konnte Sigrun noch einmal schnell nach Luft schnappen, bevor die Welle sie mit sich riss, doch das kalte Wasser scheint die Lunge zusammen zu pressen und sämtliche Lebensfunktionen lahm zu legen.

Im ersten Moment völlig benommen merkt die Matrosin nicht, dass sich ihre Hände von der Schot lösen. Das Wasser zieht an ihrem Körper, lockt sie nach unten, immer weiter in die schwarze Tiefe.



NORDSTERN - Oberdeck: Hilfe unterwegs


Und wahrlich, wie es Torin schon befürchtet hatte, erzielen seine Worte genau den Effekt, den er unter allen Umständen vermeiden wollte. Nicht nur, dass das wärmende Lächeln der Schwarzhaarigen erstarrt; sie wendet sich sogar von ihm ab und lässt den Kopf sinken.

Kaum kann er die Wortfetzen gegen den reißenden Fahrtwind hören. Doch die Worte sagen nichts aus gegen den flehenden Blick, mit dem Phexane ihn nun wieder ansieht. Sie scheint sich uneins zu sein, was sie ihm sagen soll, gerade so, als tobe in ihrer Brust ein heftiger Streit.

Die heftige Reaktion, die daraufhin folgt, hatte Torin keinesfalls erwartet. Der Schlag Phexanes gegen das Geländer des Niedergangs lässt ihn etwas zurück zucken und so schaut er für einen Augenblick hinüber zu den auf dem Vordeck arbeitenden Matrosinnen.

'Ups, scheinbar waren meine Worte wirklich nicht besonders dezent!'

Dann jedoch blickt er wieder hinunter zu der Schwarzhaarigen. Die Worte, die sie ihm wütend entgegenbringt, kann er sehr gut hören, jedoch nicht in einen Zusammenhang bringen.

"Hä? Wie kommt ihr jetzt darauf?"

'Ich werde ihr Kind und das Thema Erziehung bei ihr wohl nicht mehr ansprechen, soviel ist sicher!'

Bevor Torin jedoch mehr sagen kann, hört er kurz hintereinander zwei gekreischte Namen vom Vordeck her. Dadurch aufgeschreckt hebt er den Kopf abermals und blickt zum etwas höher gelegenen Vordeck. Zwei Schreie waren erklungen, doch kann er nur die schlanke Bootsfrau entdecken, die sich weit über die Reling beugt.

Es dauert einige Sekunden, bis er kapiert hat, was gerade geschehen sein könnte und das einzige, was ihm darauf einfällt, ist ein leises:

"Scheiße!"



"Wie ich darauf komme?"

Phexane spürt wie ihr Herz laut klopft. All ihren Mut, den ein Teil von ihr, der jetzt gerne mit Torin alleine wäre, zusammenkratzen kann, sammelt sie, um Worte auszusprechen, der vielleicht ein anderer Teil ihrer Persönlichkeit nie sagen und es wahrscheinlich auch noch unterbinden würde, wenn sie noch weiter wartet.

"Nun," beginnt sie bedächtig, "ihr seid... "

Doch weiter kommt sie nicht!

Phexane vernimmt die Schreie der beiden Matrosinnen, denen sie bis eben ihren Rücken zugedreht hatte, hört Torins leisen Fluch und dreht sich sodann rasch zum Vordeck um, wo sie sieht, wie sich die Bootsfrau über die Reling beugt.

"Was ist los?" fragt sie unwissenderweise.



Einige Sekunden sind nur verstrichen sein Torins letztem Wort, doch sie schienen sich endlos lang hinzuziehen. Noch immer starrt er ungläubig hinüber zur Bootsfrau, die sich weit über die Reling streckt.

Die von Phexane gestellte Frage hört Torin wohl, doch findet er auf die Schnelle nicht die richtigen Worte für eine Antwort.

"Kommt!" stößt er nur hastig aus, als er sich vom Geländer des Niederganges abstößt und die wenigen Schritte zur Treppe des Vordecks eilt. Doch der für Torin heftige Seegang verlangsamt sein vorwärts kommen und er fürchtet, dass er für den Weg vielleicht zu lange braucht, als dass er noch helfen kann. Die brausende Gischt spritzt ihm ins Gesicht, doch noch immer hält er seinen Hut fest als er die Stufen des Vordecks hinauf springt.

Hinter dem verdeckten Aufbau der Rotze sieht er sie die Bootsfrau noch immer über die Reling lehnen. Hier, ganz vorne auf der NORDSTERN ist der Seegang noch intensiver zu spüren als anderswo auf dem Schiff und Torin muss sich mit seiner freien Hand erst einmal selbst festklammern.

"Was ist los?" ruft er der Bootsfrau entgegen.



Phexane folgt Torin, wobei sie allerdings etwas vorsichtiger die Treppen zum Vordeck hinaufeilt. Oben angekommen fällt als erstes ihr Blick auf die dunklen Wellen vor dem Schiff. Kurz schluckt sie, denn bei dem Anblick bemerkt sie sehr wohl, dass sie wohl doch nicht ganz so seefest ist, wie sie bisher dachte.

Dann aber blickt auch sie zur Bootsfrau, um zu erfahren, was passiert ist.



'Meine Güte!' Torin möchte sich am liebsten das Ohr reiben, so laut hatte ihn die Bootsfrau angebrüllt.

'Ich bin ja nicht taub; zumindest noch nicht.'

Doch noch immer reißt der Wind an seinem Hut. Und so hält er mit der Einen diesen und mit der Anderen sich selbst am Geländer fest. Zumindest hatte er nun Gewissheit über das, was er eigentlich schon vermutete. Eine Matrosin ist über Bord gefallen.

Irgendwie scheint ihn die Bootsfrau trotz allem noch nicht wirklich wahrgenommen zu haben. Und doch sieht es so aus, als würde sie wissen, was in diesem Fall zu tun ist. Denn ihre hastigen Bewegungen scheinen sogar für die ungeschulten Augen Torins zielgerichtet zu sein.

Ohne einen weiteren Schritt zu tun - immerhin könnte er plötzlich im Weg stehen - ruft er zu der dünnen Bootsfrau hinüber:

"Hey! Wie können wir helfen?"



Phexane hört die gebrüllten Worte der Bootsfrau, doch zu mehr, als entsetzt auf das Meer zu starren - natürlich nicht von der Reling aus, denn die Angst selber ebenfalls von Bord zu fallen ist bei Phexane doch größer als ihre Neugierde - ist sie im Moment nicht imstande.

Sie hört dann auch noch den Kapitän etwas brüllen, sieht Efferdan über das Deck laufen und hört wie Torin wieder die Bootsfrau anspricht.

'Verdammt, was kann man da tun? Ein Seil auswerfen? Würde sie es überhaupt erwischen? Die See ist doch reichlich aufgewühlt. Außerdem scheint die Bootsfrau auf Herrn Rotmarder gar nicht zu achten.'

Phexanes Gehirn strengt sich an, doch mehr als unsicher herum zu stehen kommt dabei nicht heraus. Dabei schaut sie wieder zu Efferdan.

'HA! Das ist es!'

"Herr Rotmarder," ruft sie Torin - wie immer förmlich - zu, "kommt! Ich weiß vielleicht, was wir tun könnten!"

Mit den Worten dreht Phexane sich wieder zum Oberdeck, schaut noch einmal kurz zu ihm, dann aber huscht sie rasch die Stufen hinab, wobei sie kurz einmal aufgrund des Seegangs leicht schlingert und läuft dann zu Efferdan, der an einer Winde arbeitet.



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan greift ein


Glücklicherweise wird er nicht beachtet und so kann Efferdan unbemerkt zum hinteren Aufgang huschen. Er beeilt sich etwas, hört er doch vom vorderen Aufgang her Stimmen, die ihm nicht so vertraut sind, so dass sich auf weitere Fremde schließen lässt, die von dort kommen... und von Gesprächen mit »Fremden« hat Efferdan erst einmal für heute genug - wenn er an die Sache auf dem Oberdeck denkt...

So öffnet er die Türen des Aufgangs und steigt diesen flink hinauf - natürlich nicht, ohne die Klappen hinter sich wieder zu verschließen.

Beinahe oben angekommen, vermeint er noch die Fetzen eines - oder mehrerer? - Rufes zu hören...

»...uuun!«

Wenn laute Rufe über das Deck schallen, dann bedeutet das meistens Arbeit, denn wenn man bei diesem Seegang das Geräusch der Wellen übertönen will, um mehreren Leuten Anweisung zu geben, muss meistens geschrien oder zumindestens laut gesprochen werden...

So ist auch Efferdans erste Handlung, als er so - blinzelnd ob der Helligkeit - an Deck steht, die des Umschauens. Es könnte ja sein, dass bei der Arbeit, die zu tun ist, noch etwas Hilfe gebraucht wird...



Blinzelnd sieht sich Efferdan an Deck um. Auf den ersten Blick kann er eigentlich nichts entdecken, was auf verstärkte Aktivitäten oder ähnliches hindeutet. Warum hat also jemand gerufen? Hatte er sich das nur eingebildet?

`War das nicht die Stimme der Bootsfrau - kann das sein? Wo ist sie denn?`

Efferdans Blick schweift weiter umher.

`Da ist der Kapitän am Steuerrad. Ole ist da. Ein Passagier steht an der Reling. Am vorderen Niedergang stehen Nía und der traurige Mann... Wo schauen die denn hin?`

Efferdan folgt ihren Blicken zum Vordeck und vermeint nun auch Nirka zu sehen - über die Reling gelehnt.

`Was ist denn da los? Sollte etwa jemand...`

Es gibt nur wenige Möglichkeiten, warum jemand so an der Reling steht - und bei diesem Seegang bleiben davon nicht viele übrig.



Also doch - Frau über Bord! Eine der schlimmsten Situationen, die passieren kann.

`Wer mag das wohl sein? Hoffentlich kann sich schwimmen?`

Denn letzteres ist nicht gerade selbstverständlich - Efferdan hat erfahren müssen, dass nur wenige Matrosen - so wie er - überhaupt schwimmen können. Und um sich bei diesem Wellengang zu halten, muss man recht gut schwimmen können!!!

Doch jetzt ist keine Zeit für Panik!

»Segel fieren!« kommt der Befehl von der Brücke. Ein vernünftiger Befehl - obgleich er wohl zu spät kommt. So schnell wie es nötig wäre, kann die NORDSTERN wohl gar nicht an Fahrt verlieren - obwohl: Selbst wenn die Fahrt nur etwas nachlässt erleichtert es eventuelle Rettungsversuche.

Efferdan ist merkwürdigerweise ruhig. Einen Augenblick lang sucht er noch einmal den Wellenkamm ab, es könnte ja sein, dass die über Bord gegangene zu sehen ist und ein zugeworfenes Seil hilfreich wäre.

Doch er kann nichts entdecken und so tut er dass, was wohl das vernünftigste ist: Den Befehl des Kapitäns auszuführen. Wenn er eben richtig sah, sind nur wenige Matrosen an Deck. Da wird jede Hand benötigt.

Also huscht er flink zur nächst gelegenen Winde und beginnt mit der Erfahrung von acht Jahren auf See die Segel zu fieren.



Efferdan handelt instinktiv - aus Erfahrung weiß er, dass wenn jemand über Bord gegangen ist - was eine der Möglichkeiten ist, die sich aus dem Verhalten der Bootsfrau ergeben und dabei die ist, die man als erstes prüfen sollte - dann hat es keinen Sinn, zu erst zum Vordeck zu rennen. Zum einen sind dort mittlerweile genug Leute, zum anderen ist anzunehmen, dass sich eine über Bord gegangene Person relativ zum Schiff schon »auf dem Weg« zum Heck befindet. Schließlich macht die NORDSTERN gute Fahrt!

So springt er also direkt zur Steuerbord-Reling. Seine scharfen Augen suchen die Wellenkämme ab, versuchen irgendetwas zu entdecken, dass auf eine über Bord gegangene Person hindeutet. Ein Kopf, eine Hand, die sich aus den Wellen erhebt, ein Körper, der auf den Wellen treibt - irgendetwas.

Gleichzeitig rotieren seine Gedanken. Wenn es ihnen nicht gelänge, eine über Bord gefallene Person sogleich da rauszuholen, dann wäre sie bei diesem Seegang verloren. Nur ein Wunder EFFerds könnte sie dann noch retten. Doch - wie birgt man bei diesen Wellen und bei der Fahrt des Schiffes einen treibenden Körper - wäre das nicht ebenfalls ein Wunder?



Geschwind dreht Efferdan an der Winde. Zwar hat er nicht die Kraft der anderen Matrosen an Bord, doch mit Geschick, Erfahrung und vor allem Ruhe gelingt es ihm, diesen Nachteil auszugleichen.

Hin und wieder fällt sein Blick aufs Deck, um vielleicht zu erkennen, was als nächstes zu tun ist. Von seiner Schüchternheit und Angst ist in diesem Moment nicht viel zu bemerken, wenn man ihn ansehen würde. Sein Blick ist forsch und entschlossen, seine Haltung aufrecht - fast wie ein Fels in der Brandung.

Da ist er wieder, der zweite, der ruhige, der selbstbewusste Matrose - keine Zeit für Scheu, was zählt sind Taten.

Als er während einer Umdrehung aufblickt, sieht er eine Gestalt in seine Richtung eilen. Und er sieht noch etwas - ein aufgerolltes Tau, ganz in der Nähe.

Das könnte die Chancen der über Bord gegangenen weiter verbessern: Eine Person, die ein weiteres Tau reicht. Er selbst wird - genau wie die anderen Matrosen an Deck - für die Segel gebraucht. Aber einer der Passagiere könnte doch...

Und so ruft er über Deck der Person etwas zu, alle Bitten um falsche Namen vergessend. Hier ist nicht der richtige Zeitpunkt für so etwas.

"Nía, links, das Tau!!!"

Er hofft nur, dass sie versteht.



NORDSTERN - Oberdeck: Rettungsaktionen


Mit dem in Rekordzeit gelösten Seil tritt Nirka an die Reling und sieht gerade noch, wie Sigrun im Wasser verschwindet und sogleich in Richtung achtern getrieben wird, denn das andere Stück der Schot baumelt nun lose in das Wasser hinunter. Das Herz der Bootsfrau zieht sich bei diesem Anblick zusammen, und ganz kurz drängt sich die Frage in ihr Bewusstsein, ob dies vielleicht das letzte Mal gewesen sein könnte, dass sie Sigrun in diesem Leben gesehen hat - Gedanken, die gefährlich und störend sind in ihrer Realitätsnähe...

Die Bootsfrau lässt das Seilstück, mit dem sie Sigrun helfen wollte, los, denn die Freundin ist durch die Bewegung der NORDSTERN schon viel zu weit in Richtung Heck getrieben, um sie damit noch zu erreichen.

Nirka dreht sich um, gerade in dem Moment, in dem der eine Fahrgast, der auf das Vordeck gekommen ist, seine Frage wiederholt. Diesmal hört und versteht sie seine Worte, und ganz kurz durchflutet sie ein Gefühl der Sympathie für diesen Mann, der da seine Hilfe anbietet. Doch... hier vorne kann nichts mehr getan werden, nicht von hier aus, und nicht mit diesen Mitteln. Das, was der Kapitän angewiesen hat, ist die einzige Möglichkeit...

Den Brecher, der genau in diesem Augenblick das Vorschiff trifft, und in einem Sturzregen auf das Vordeck niedergeht und sie fast völlig, und den Fahrgast zum Teil durchnässt, ignoriert sie, während sie zwei Dinge entscheidet... nämlich was sie dem Fahrgast sagt, und was sie selbst zuerst tun sollte.

"Helft an den Winden", ruft sie dem Mann zu, während sie selbst in Richtung achtern losstürmt, um das ebenfalls zu tun, denn sie weiß sehr genau, dass im Moment einfach zu wenig Leute auf dem Deck sind, um das schnell zu machen.

Während sie die Stufen vom Vordeck auf das Oberdeck hinunter in einem Satz nimmt, wird ihr auch klar, warum der Kapitän noch keine weiteren Manöver eingeleitet hat, und so brüllt sie in Richtung Brückendeck:

"Ruder hart steuerbord!"

Sie ist dem Kapitän gegenüber zwar nicht im geringsten weisungsberechtigt, aber dieser Gedanke kommt ihr in diesem Moment, in dem Sigruns Rettung an oberster Stelle steht, nicht einmal im Ansatz. Und dazu weiß sie ganz genau, dass sie die Lage im Moment weit besser kennt als der Kapitän, der nur aus ihren Worten grobe Vermutungen folgern kann und darum das Steuer wohl bislang noch in der Neutralposition gelassen hat, um Sigrun nicht mit der schweren Karavelle ins Wasser zu drücken. Diese Gefahr besteht jetzt zwar auch, aber das von Nirka vorgeschlagene Manöver sollte sehr dabei helfen, die Fahrt aus dem Schiff zu bekommen, und bringt zudem die am Heck befestigte Schleppleine in eine für Sigrun bessere Position.

Aber dennoch... Nirkas Angst um die Geliebte ist gewaltig, denn sie weiß genau, wie schwer es bei diesem Seegang ist, einen Menschen zu finden, und wie schnell die Schleppleine für Sigrun außer Reichweite ist, denn eine Karavelle von über zweihundert Quader Wasserverdrängung stoppt nicht innerhalb weniger Sekunden, das ist ein wesentlich länger dauerndes Manöver, während dessen Verlauf das Schiff eine weit längere Strecke zurücklegt, als die Schleppleine lang ist.



"Ruder hart steuerbord!"

Auch wenn es schon eine ganze Menge Götterläufe her ist, seit Jergan Efferdstreu das letzte Mal auf Kommandos hören musste, statt sie selbst zu geben, so sitzen die alten Reflexe noch sehr gut.

Noch ehe ihm richtig bewusst wird, dass Nirka da einen Befehl gegeben hat, den sie gar nicht geben darf, und dass sie auf der anderen Seite die Lage im Moment wohl weit besser einschätzen kann als er hier achtern auf dem Brückendeck, haben seine Hände schon längst damit begonnen, das Steuerrad bis zum Anschlag im Uhrzeigersinn herumzuwirbeln.

Die Wogen rings herum sind erst einmal vergessen, aber das ist in dem Fall nicht so ganz schlimm, weil diese Steuerbewegung den Bug der NORDSTERN in den Wind dreht, so dass ihre Lage zu den Wellen auch noch halbwegs in Ordnung ist - einzig die Bewegungen des Schiffes werden wohl um einiges heftiger werden, wenn der Druck der Segel weg ist.

Die Karavelle reagiert, gemessen an ihrer Geschwindigkeit, natürlich nur langsam auf das Ruder, und so scheint eine halbe Ewigkeit zu vergehen, bis der Bug des Schiffes endlich sichtbar nach steuerbord schwenkt.

Etwas Gutes hat dieses Manöver jedoch noch zusätzlich - es hilft nämlich, die Segel aus dem Wind zu drehen, indem es einfach den Winkel zwischen Schiff und Windrichtung verändert. Und das wiederum erleichtert den Matrosen auf dem Oberdeck die Arbeit, da sie die Schoten nicht mehr so sehr weit fieren müssen.

Jergans Augen mustern derweil das Wasser steuerbords des Schiffes, und ab und zu wirft er auch einen Blick zu der Schleppleine, die jetzt eine schon ganz sanft zu ahnende Kurve auf dem Wasser bildet - bedingt durch die Kursänderung des Schiffes, das im übrigen natürlich noch kaum langsamer geworden ist.



NORDSTERN - Unterdeck: Perval und Traviana


Während Perval noch so über den Smutje lästert, spürt er plötzlich, wie sich das Verhalten das Schiffes ändert. Die Art und Weise wie sich die Bewegung des Schiffes und die Geräusche des Wassers außen herum und das Holzes des Schiffes verändern, verrät ihm genug, um zu wissen, dass die Stellung der Segel verändert wird.

"Mmh, scheint, als hätte der Kapitän Befehl gegeben, die Segelstellung zu ändern. Vielleicht sollte´ wir ma´ rufgehen, und seh´n, ob wir helfen könn´n. Sin´ nich´ viele Leute oben."

Dieses ist mehr als Feststellung denn als Frage an Traviana gerichtet. Da Perval eigentlich auch keine Antwort erwartet und der Smutje eh nicht da ist, macht er sich auch schon auf den Weg zum hinteren Niedergang.



Auf dem Weg zum Niedergang merkt Perval deutlich, wie das Schiff in den Wind gedreht wird. Dazu muss es einen sehr wichtigen Grund geben, dass der Kapitän solch ein Manöver fährt. Irgendetwas muss passiert sein. Auch wenn Perval bisher nicht weiß, was dieses ist, weiß er, dass in solchen Momenten jede Hand an Deck gebraucht werden wird.

"Wir sollt´n schnell seh´n, dat wir an Deck komm. Scheint wat passiert zu sein." ruft er über die Schulter Traviana zu, bevor er seinen Schritt beschleunigt und so schnell, wie es der Seegang und das Manöver des Kapitäns eben noch zulassen, den hinteren Niedergang hinauf auf das Oberdeck stürmt.

'Dat Frühstück wird wohl noch wart´n müssen'.

Oben angekommen, bleibt er einen Moment lang stehen um sich auf Deck umzuschauen und zu sehen, was getan werden muss. Ein schneller Blick hoch zum Kapitän am Ruder, ob der irgendwelche Befehle gibt.



Traviana bemerkt, dass es Perval ziemlich eilig zu haben scheint. Aber sie will natürlich auch wissen, was los ist, und eilt ihm hinterher.

"Warte, ich komm mit!"

'Ob er das noch gehört hat?'

Auf jeden Fall beeilt sie sich, damit sie auch noch mitbekommt, was an Deck stattfindet.

'Warum wurde die Richtung des Segels bloß geändert? Was ist los?'



NORDSTERN - Mannschaftsraum: Angar regt sich ...


Mittlerweile hat der Matrose Angar das Wunder vollbracht, seine Hängematte zu verlassen, und ist trägen Schrittes auf dem Weg in Richtung Kombüse, denn er hat Hunger, und das ist ihm im Moment wesentlich wichtiger als jede Arbeit auf dem Deck, von der es sicher noch genug geben wird.

Doch soweit kommt er gar nicht, er hat gerade einmal den Mannschaftsraum verlassen, als oben herumgebrüllt wird, und dann rasche Manöver folgen. Das Gebrülle versteht er natürlich nicht - zum einen, weil der übrige Lärm ausreichend stört, und zum anderen, weil er es sich schon längst angewöhnt hat, solches Gebrülle weitgehend zu ignorieren, wenn es nicht an ihn direkt gerichtet ist.

Was er jedoch nicht ignoriert, sind die raschen Manöver, die folgen. Angar ist zwar alles andere als ein fleißiger Matrose, aber er ist erfahren, und er weiß um die wenigen Dinge, die wirklich wichtig sind. Und so entgeht ihm nicht, dass der Druck des Windes auf die Segel plötzlich nachlässt, was zu verstärkten Bewegungen des Rumpfes führt, und es entgeht ihm auch nicht, dass die NORDSTERN anluvt.

Bei diesem Seegang sind beide Manöver im Grunde ziemlicher Irrsinn, und werden darum nur gemacht, wenn ein wirklich wichtiger Grund vorliegt, so wichtig, dass man dafür Schäden am Schiff oder der Ladung riskiert. Und das wiederum bedeutet in den meisten Fällen eine sehr ernste Gefahr - etwas, das für den Matrosen weit über seiner bekannten Faulheit steht und ihn diese vergessen lässt.

Angar beschleunigt seine Schritt und ändert die Richtung - nicht mehr die Kombüse, sondern der vordere Niedergang ist nun sein Ziel. Er nimmt die Stufen in einem Tempo, das bei ihm noch niemand beobachtet hat, und ist dann schon auf dem Oberdeck, wo er sich erst einmal kurz umsieht, um heraus zu finden, was genau passiert ist, und wo er am besten helfen kann.






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