- Logbuch der NORDSTERN -

Im Hafen von Salzerhaven (Teil 3: Die göttliche Mission) - 27. Efferd, 28

In SALZERHAVEN - Der nächste Tag


Allmählich kehrt am Abend dieses so ereignisreichen 26. Efferd im Hafen von Salzerhaven Ruhe ein. Das geschäftige Treiben auf den Straßen und Plätzen der Stadt läßt nach, und bald sind die Tavernen die einzigen Orte, an denen noch richtig etwas los ist - und ab und zu auch die Straßen vor ihnen, wenn ein Gast es übertrieben hat, und auf die etwas unsanftere Weise nach draußen befördert wurde.

Der Kapitän der NORDSTERN findet endlich Zeit, sich mit seinem zweiten Offizier zu unterhalten, der ihm in gewohnt knapper Form all die Details erzählt, die nicht schon während der Schleppfahrt hinüber gerufen wurden, und der ihm die Bezahlung übergibt, die er von Phaylion für den Schlepp erhalten hat. Lange halten sich die beiden Männer damit allerdings nicht auf, denn Lowanger ist sehr müde, und nach dem, was er an diesem Tag alles sehen mußte, auch noch weniger gesprächig als sonst. So ist es noch ein ganzes Stück vor Mitternacht, als er in seiner Kabine verschwindet, in der nur noch wenige Sekunden das dunkle Licht einer Öllampe brennt, ehe er sich zur Ruhe legt.

Jergan Efferdstreu findet so rasch keinen Schlaf, und so bleibt er noch fast bis Mitternacht, der vereinbarten Zeit, zu der die anderen von der Schiffsführung zurückkehren, auf dem Brückendeck. Jedoch werden wieder nur wenige Worte gewechselt, und dann verschwindet auch der Kapitän in seiner Kajüte, deren Fenster jedoch noch eine gewisse Zeit erleuchtet sind.


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Ein gutes Stückchen nach Mitternacht ist es, wohl fast zwei Stunden. Die schmale Sichel der Wiedergeborenen Mada, noch mehrere Nächte vom vollendeten Kelch entfernt, wirft nur wenig Licht in den Hafen, und auch jenes wird immer dann knapper, wenn die treibenden Wolken sich wieder einmal vor die nächtliche Lichtspenderin schieben, so daß nur das Funkeln der Sterne bleibt.

Am Ankerplatz der ZYKLOPENAUGE, die mittlerweile ein wenig tiefer im Wasser liegt als bei ihrer Ankunft, war es zuletzt ruhig. Lediglich ein Wachwechsel fand nach Einbruch der Nacht statt. Doch jetzt zu dieser späten Stunde tut sich etwas: Nach und nach sammeln sich etwa zwei Handvoll Schauerleute, durchweg kräftige Frauen und Männer, teilweise mit mitgeführten Laternen, deren verbrennendes Öl ein seltsam flackerndes Lichterspiel aufführt.

Sie bleiben nicht lange alleine mit dem Wachmann, der weisungsgemäß keine unbefugte Person an Bord der beschädigten Karavelle läßt. Von der Stadt her nähern sich zwei Lastenwagen, gezogen von schweren Kaltblut-Pferden, die ebenfalls vor der ZYKLOPENAUGE halten. Wiederum vergehen nicht mehr als ein paar Augenblicke, ehe zwei altbekannte Personen ebenso hier eintreffen: der Hafenbeamte sowie der kalte Mann von den warmen zyklopäischen Inseln, dem die übrige Ladung kostbarer ist als Menschenleben.

Rasch tauschen sich die beiden Männer mit dem Wachmann aus, dann gibt der Beamte mit der Hand ein Zeichen zu den Hafenarbeitern, und der Rest ist Routine: Die Entladung des Schiffes. Unter Mühen, mehrere Arbeiter zugleich, in Kisten wird das geladene Metall herausgeschafft und in die beiden Lastenwagen umgeladen. Eine große Kiste, offenbar nicht sehr viel weniger leicht als das Erz, wird ebenso hinaus geschleppt wie verschiedene kleine Truhen und vermutlich auch die persönliche Habe des Gesandten des Seegrafen. Doch dem wissenden Beobachter bleibt das dumpfe Gefühl, daß gewiß nicht alles Erz entladen wurde, bedenkt man die großen Lagerkisten auf dem Ladedeck, die den Piraten zu schwer und unwichtig waren.

Während der Mann von den Zyklopen die Schauerleute aus einem prall scheinenden Beutel auszahlt und die beiden Fuhrwerke langsam und mit schnaufenden Pferden davon rollen, unterhält sich der Hafenbeamte noch mit seinem Wachmann, ehe er und Phaylion den Wagen folgen.

Und wieder liegt Stille über der ZYKLOPENAUGE und nur die kleinen Wellen schlagen weiter gegen den Schiffsrumpf.


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Doch die Ruhe des schwer beschädigten Schiffes weilt auch dieses Mal nicht lange, denn schon bald nähern sich aus Richtung des Hafenamtes auf dem Wasserwege quer über das Hafenbecken zwei tanzende Lichter - Öllampen, die sich an Bord von zwei kleinen Ruderbooten befinden, die von mürrisch dreinblickenden Männern gerudert werden, die sich allesamt viel bessere Dinge vorstellen können, die sie zu dieser späten Stunde tun könnten.

Zwischen einem der Boote und dem Wachposten auf dem Kai, der nach der Entladung einen sichtlich gelangweilteren Eindruck gemacht hat, werden einige rasche Worte gewechselt, dann platschen zwei Taue ins Wasser, die von den Männern in den Booten aufgenommen werden. Kurz danach gibt es noch einmal kurz Flüche zu hören, als der Wachposten, auch wenn er als Angestellter des Hafenamtes durchaus etwas von Seefahrt versteht, die Halteknoten der ZYKLOPENAUGE nicht gelöst bekommt. Sein scharfer Säbel hilft ihm schließlich, und so bleiben auf dem Anleger nur die absolut unseemännisch zersäbelten Überreste zweier Haltetrossen liegen.

Hart werden die Ruder in das Wasser getaucht, und die Männer in den beiden Booten strengen sich extrem an, um den schweren Rumpf der halb vollgelaufenen Karavelle in Bewegung zu setzen. Flüche begleiten diese Aktion, doch irgendwann siegt die Muskelkraft über die Trägheit. Unendlich langsam wird die ZYKLOPENAUGE herumgezogen, und beginnt steuerlos und ohne Besatzung, nur dirigiert durch die Schleppseile der beiden Boote, ihre wohl vorerst wirklich letzte Fahrt über das Hafenbecken von Salzerhaven, in Richtung einer der jenseits der Hafenausfahrt am Ingval gelegenen Werften.

Hinter dem Wrack bleibt still, aber nicht leblos, und auch nicht verlassen, die NORDSTERN an ihrem Liegeplatz zurück.


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Hafenstädte wie Salzerhaven, die an der westlichen Küste des aventurischen Kontinents liegen, haben den Vorteil wunderschöner Sonnenuntergänge im Meer der sieben Winde zu bieten. Gleichzeitig werden sie aber nie einen Sonnenaufgang über dem Meer erleben, denn die PRAiosscheibe geht stets über Land auf, und das bedeutet, daß sie schon ein gutes Stück über dem Horizont steht, ehe ihre Strahlen über die Landschaft und die Bauten der Stadt hinweg den Hafen erreichen.

So ist es auch schon hell, als die ersten Sonnenstrahlen des 27. Efferd die NORDSTERN treffen - Sonnenstrahlen, die von einem Himmel kommen, der noch mehr als am Vortag von Wolken überzogen ist - Wolken, die von einem recht frischen Wind vorangetrieben werden. Den Menschen in der Stadt mag dieses Wetter nicht unbedingt gefallen, aber für die Seeleute ist es schlicht ideales Segelwetter, das ein gutes Schiff tüchtig vorantreiben könnte.

An Bord der rivaer Karavelle ist längst wieder die übliche Routine eingekehrt. Die ZYKLOPENAUGE und die schrecklichen Ereignisse des Vortages sind zwar noch fest in der Erinnerung aller, aber das Leben und damit die Arbeit geht weiter. Unter Nirkas Führung befördern die Matrosen das Beiboot zurück auf das Oberdeck der NORDSTERN, und zurren es nach eingehender Prüfung an der dafür vorgesehenen Stelle fest. Die Überfahrt und der danach folgende Schlepp haben dem kleinen Fahrzeug keinerlei Schäden zugefügt, sieht man von dem Wasser ab, das über die niedrige Bordwand geschwappt ist, doch das läuft spätestens jetzt, wo das Boot wieder kieloben liegt, ab.

Kaum ist dies vollbracht, taucht auch schon der Schiffbauer auf, mit dem Sigrun und Nirka am Vortag geredet haben - und verschwindet mit den beiden in dem am Heck gelegenen Raum, wo sich die Rudermaschine befindet, die so dringend eine Reparatur nötig hat. Außer eifrigem Gehämmer ist von dort kaum etwas zu hören, aber immerhin künden diese Geräusche davon, daß die Arbeiten vorangehen.

Aber auch die anderen Angehörigen der Besatzung sind aktiv - auf solch einem Schiff gibt es immer etwas zu tun. Schiffskoch und Schiffsjunge verschwinden alsbald in Richtung der Stadt, um die Schiffsvorräte aufzufüllen, und die meisten der Matrosen beschäftigen sich mit der Reinigung des Decks und der Kontrolle der Takelage. Gerade letzteres ist dem Kapitän sehr wichtig, denn so, wie sich das Wetter im Moment entwickelt, mag es gut möglich sein, daß die nächsten Tage auf See rauheres Wetter bringen - vielleicht schon vor Nostria, aber vielleicht auch erst danach - wer weiß das schon so genau.

Doch auch der Kapitän, der die Arbeiten an Bord eher überwacht, als sich selbst daran zu beteiligen, bleibt auf dem Brückendeck nicht lange alleine. Lowanger gesellt sich bald dazu, um noch einige Bemerkungen zum Vortage loszuwerden, und dann kommt auch schon bald der nächste, der mit dem Kapitän sprechen will.



NORDSTERN -Auf der Brücke: Phaylion's Dank


Mehrere Stunden sind seit der nächtlichen Entladung der ZYKLOPENAUGE vergangen, als deren mysteriöser Überlebender wieder den Hafenbereich durchquert und nun auf die NORDSTERN zusteuert - längst hat die PRAiosscheibe mit ihren alltäglichen Wanderung begonnen, auch wenn sie den Horizont noch nicht so lange nicht mehr berührt.

Zufrieden sieht er aus, Phaylion Kenseîra, was nicht weiter verwundert, schließlich ist das Schiff geborgen und in Sicherheit, die verbliebene Ladung ungefährdet und die bereits entladenen Güter gewiß schon unterwegs zu ihrem Bestimmungsort. Und doch, so mancher mag sich fragen, wie der Mann von den Zyklopen überhaupt zufrieden sein kann, wo doch das Schiff schwer beschädigt und die gesamte Besatzung dahin gemordet, die kostbarste Ladung geraubt wurde.

Gehüllt in einen dunklen Mantel gegen das für den Südländer frische Seewetter des Morgens, betritt Phaylion erstmals das Schiff, welches das "seine" auf dem Meer gefunden hat. Aus einer Gruppe von auf dem Deck arbeitenden Matrosen unweit der das Schiff verlassenden Planke deutet einer in die Richtung des kaltherzigen Mannes und murmelt einem anderen etwas zu. Augenblicke später starrt die Gruppe hin zu dem Ankömmling - die Arbeit scheint für den Moment vergessen. Das Schiff des angeblichen Gesandten eines fernen Seegrafen wurde schwer vom Schicksal getroffen, bringt der Mann nun auch noch diesem Schiff Unglück und Verderben? Nicht mehr ganz so ruhig wie noch kurz zuvor, wenden die Matrosen sich dann wieder der Arbeit zu - dem, was sie machen können, um wenigstens einen Teil möglichen Unheils vom Schiff abzuwenden, indem sie dafür sorgen, daß es in einem einwandfreien Zustand ist.

Phaylion findet rasch jenen, wegen dem er gekommen und nicht schon längst abgereist ist. Welch eine Ironie, daß er sich bei diesem Mann bedanken will. Ohne Hast und ausdruckslos begibt er sich zu jenem, mit dem er von Deck zu Deck rufend die Rettung der ZYKLOPENAUGE verhandelt hat.

"Guten Morgen, Capitan", macht er auf sich aufmerksam und deutet eine Verbeugung an. "Wir sind uns noch nicht direkt gegenüber gestanden, ich bin Phaylion Kenseîra."


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Der Kapitän der NORDSTERN wendet sich dem Schiffbrüchigen sogleich zu. Das Gespräch mit Lowanger, das er geführt hat, war ohnehin eher nur eine Sammlung von lose zusammen hängenden Sätzen, die sie beide in größeren Abständen gesagt hatten, etwas, das sie später auch problemlos fortsetzen können.

Auch Jergan mustert den anderen Mann kurz, ehe er dessen Verbeugung erwidert.

"Mein Name ist Jergan Efferdstreu, Kapitän der NORDSTERN. Willkommen an Bord meines Schiffes."

Ganz kurz zögert der Kapitän, dann sagt er leise:

"Ich möchte Euch noch mein Mitgefühl aussprechen wegen der Dinge, die auf Eurem Schiff geschehen sind."

Diese Worte sind ebenso wie der Blick, den Jergan Phaylion zuwirft, offen und ehrlich.



Auf Phaylions Gesicht zeigt sich ein ernstes Lächeln.

"Danke, Capitan. Doch ist es Euch zu verdanken, daß das Ende dieser Geschehnisse nicht noch schrecklicher war. Seid versichert, daß meine Leute nicht umsonst starben, den Göttern selbst ist mein Auftrag wichtig."



Jergan nickt ernst.

"Das macht es für Euch und das Mädchen als einzige Überlebende sicher nicht viel einfacher, aber eine göttergefällige Mission läßt den Tod dieser armen Menschen nicht mehr ganz so sinnlos erscheinen, wie wir zu Beginn den Eindruck hatten, als wir Euer Schiff das erste Mal gesehen haben."

Er überlegt kurz, um seine Frage passend zu formulieren, denn so langsam beginnt die Tatsache, daß die beiden Drachen sich so merkwürdig verhalten haben, und auch sogleich von dannen gemacht haben, als die NORDSTERN erschienen ist, für ihn zumindest ein wenig Sinn, auch wenn da noch sehr vieles offen scheint.

"Dann haben sich jene Piraten also nicht nur mit ihrem hinterhältigen und skrupellosen Verhalten götterwidrig verhalten, sondern haben versucht, eine zwölfgöttergefällige Mission zu vernichten?"

Der Kapitän würde am liebsten nach Details dieser Mission fragen, aber ihm ist vollkommen klar, daß es dazu keine Antwort geben würde - vor allem nach solchen Vorkommnissen nicht, und auch nicht angesichts der Geheimniskrämerei auf dem Wrack, von der Lowanger erzählt hatte.



"Ob sie es bewußt versucht haben, vermag ich nicht zu sagen, womöglich hätten sie auch ein anderes Schiff so behandelt. Doch daß ihr lästerliches Verhalten meine Mission behindert, steht außer Frage", gibt Phaylion praktisch keine weiteren Informationsbröckchen bekannt, und auch sein Mienenspiel ist zu beherrscht, als daß sich viel aus seinem Gesicht mit dem berechnenden Lächeln lesen ließe.

"Ich möchte Euch jedenfalls meinen Dank aussprechen, daß Ihr mein Schiff abgeschleppt habt, und wünsche Euch noch eine erfolgreiche Fahrt."



Der Kapitän nickt ernst.

"Habt vielen Dank! Ich denke, wir werden unsere Fahrt im Laufe des morgigen Vormittags fortsetzen, vielleicht auch erst noch später. Das hängt ein wenig von nötigen Reparaturen ab."

Kurz lauscht er auf das Gehämmer von unten - der Schiffbauer scheint tatsächlich die Rudermaschine komplett zu zerlegen. Nun gut... solange er das Teil wieder zusammengebaut bekommt, ist das in Ordnung so - die NORDSTERN hat keinen festen Termin, zu dem sie diesen Hafen verlassen muß, und diese Reparatur ist einfach zu wichtig.

"Auf jeden Fall wünsche ich Euch bei Euer zwölfgöttergefälligen Mission auch viel Erfolg und Glück - jedenfalls ab jetzt, denn gestern schien das Glück ihr ja nicht hold gewesen zu sein."

Die Neugierde ist immer noch da, endlich zu erfahren, um was es da gegangen ist, doch zugleich ist da auch die Höflichkeit - jemanden, der im Auftrage der Götter unterwegs ist, den hält man einfach nicht mit neugierigen Fragen auf, die dieser ohnehin nicht beantworten darf.



"Vielleicht", meint Phaylion mit einem tiefgründigen Lächeln, "ist dies eine Prüfung gewesen."

Geschickt hüllt er sich wieder ein wenig mehr in seinen Mantel.

"Doch verzeiht, meine Aufgabe darf nicht weiter warten, ich muß los. Und Ihr habt sicher auch noch zu tun. Lebt wohl, Capitan!"

Der kleine Mann deutet eine Verbeugung an und macht Anstalten, sich umzuwenden und seinen Worten nachzukommen.



Der Abgesandte des Seegrafen auf göttlicher Mission hat es eilig, das ist etwas, das der Kapitän versteht und nachvollziehen kann - vor allem, nachdem sich seine Pläne nun doch sehr drastisch geändert haben.

"Lebt wohl, und mögen die Zwölfe mit Euch und Euer Mission sein!"



Schon im Gehen begriffen, nickt Phaylion noch einmal zurück. Die Zwölfe, mit ihm und seiner Mission? Das kalte Lächeln, das der Cyclopäer zeigt, ist von erschreckender Verachtung. Gewiß werden die Zwölfe ein großes Interesse an dieser Unternehmung zeigen, doch ebenso gewiß ist, daß sie es nicht auf diese Weise tun, die der Capitan ihm eben gewünscht hat.

Welch ein Glück es doch war, daß dieses Schiff gerade in jenem Augenblick aufgetaucht ist, als die Mission schon beinahe gescheitert war. Es spielt jetzt keine Rolle mehr, ob die blutrünstigen Thorwal-Piraten, welche die ZYKLOPENAUGE überfielen, gewußt haben, welchen Auftrag das Schiff mit dem Gesandten eines Seegrafen ausführen sollte - wo doch noch nicht einmal dieser Seegraf weiß, was das tatsächliche Ziel dieser Unternehmung ist, warum sein Gesandter Phaylion Kenseîra tatsächlich an Bord gehen mußte -, ob sie nur deswegen so viele der Besatzung töteten, um sicherzugehen, daß sein Auftrag, Phaylions Auftrag, niemals ausgeführt wird. Oder ob es sich doch nur um einen gewöhnlichen Akt der Piraterie handelte.

Es spielt keine Rolle.

Welch ein Glück, daß dieses Schiff, die NORDSTERN, so hilfreich für das weitere Gelingen dieser Mission war. Auch wenn die Zwölfe ihm womöglich fast doch noch ein Schnippchen schlugen, als die Matrosen der NORDSTERN dieses Mädchen noch lebend fanden.

Und das, nachdem er vor Ankunft des Bootes doch noch selbst dafür gesorgt hat, daß eben diese Matrosen keinen weiteren überlebenden vorfinden würden außer ihm selbst. Oh nein, die Piraten hatten in ihrer Metzelei längst nicht jeden an Bord getötet, einige hätten sicher noch gerettet werden können. Doch hätte das Zeugen bedeuten können. Der kleine Mann verspürt grausige Freude, als er daran denkt, wie er seinen Dolch in manchen der Leiber versenkte, wie ihm das fremde Blut über die Hände lief.

Welch ein Glück!

Doch jetzt spielt all das keine Rolle mehr. Welch weise Voraussicht, Rücksicht auf mögliche Probleme zu nehmen und sich Orte mit Unterstützung einzuprägen. Während des Abschleppens war es so kein Problem, einen hiesigen Gleichgesinnten zu informieren. Daß dessen Einfluß sich auf einen Beamten des Hafen erstreckt, hat sich als sehr vorteilhaft herausgestellt.

Die Ladung ist sicher, bereits wieder unterwegs zu ihrem eigentlichen Bestimmungsort. Die tatsächliche Ladung natürlich, die wichtige. Schade um das Purpur und die übrige Ladung, doch weder die Piraten noch die Leute der NORDSTERN haben gefunden, was wirklich von Belang ist, verborgen unter all dem Erz, welches allen viel zu unwichtig schien. Wie gut, das Unternehmen so vorbereitet zu haben.

Zielstrebig, doch ohne Hast geht Phaylion seinen Weg, um die NORDSTERN wieder zu verlassen, und zufrieden blitzen seine Augen auf, als ihm diese und andere Gedanken durch den Kopf gehen. Eine gewisse Emsigkeit scheint vorhanden zu sein, doch er umgeht alle Grüppchen und Hindernisse und geht von Bord. Er dreht sich noch einmal um, das Schiff zu betrachten, mit einem inneren Hohngelächter. Eine gute Tat glauben sie vollbracht zu haben, und doch wissen sie nicht, was sie wirklich taten, als sie ihm halfen, den EFFerd schon fast niedergerungen hatte.

EFFerd, welch ein Schlag in sein Gesicht! Welch heimliches Entzücken, dem Gott der Seefahrt ins Gesicht gespuckt zu haben! Noch herrlicher dadurch, sich bei dem Capitan des Schiffes soeben bedankt zu haben für seine Unterstützung.

Phaylion lächelt still, als er sich in Richtung Stadt wendet und schon bald außer Sicht ist, als er die engen Gassen betritt. Die Mission hat eine änderung erfahren, doch sie ist nicht gefährdet. SEIN neuer Tempel wird bald errichtet werden, und eines Tages wird sich der Gott, der vor den anderen war, erneut erheben. Erheben aus der Position, in welcher er in den meisten Darstellungen gezeigt wird. Etwa Statuen, wie ein neuer Tempel sie braucht, wie sie von einem seiner Augen in Auftrag gegeben wurde, wie sie in ihrer Form jetzt auf dem Weg ist.

Phaylion lächelt still. Dieser Sieg ging an den Goldenen Gott!



Jergan blickt Phaylion freundlich hinterher, froh, daß diese dramatische Rettungsaktion einem guten Zweck diente, und die Götter allen Beteiligten dankbar sein werden - von der wahren Bedeutung der Mission ahnt der EFFerdgläubige Kapitän indes natürlich nichts, und wird das wohl auch niemals erfahren.

Kurz blickt er auch Lowanger und einem bislang unbekannten Mann - einem Matrosen - hinterher, den dieser wohl angeheuert hat - ein weiterer Lichtblick an diesem Tag, denn die Mannschaft ist ja immer noch unterbesetzt.

Wenn das so weitergeht... dann wird dies wirklich ein sehr guter Tag, mit dem der Kapitän ganz sicher zufrieden sein kann.



In SALZERHAVEN - Am Kai: Des Herren PRAios Gesandter


Am nächsten Morgen ist Wulff Onaskje schon vor Sonnenaufgang wach. Viel zu aufgeregt ist er heute, um noch lange in diesem wirklich gemütlichen Bett herum gammeln zu können. Schnell steht er auf und geht in den Schankraum um dem Wirt abzurechnen. Ein Blick auf den Hof zeigt, daß der Kutscher und die vier Söldner, die er für den Transportschutz angeheuert hatte, auch schon bereit sind, jedenfalls schließt er das aus dem Geschimpfe des Kutschers, als sich der eine gerade gegen eines der Wagenräder erleichtert, und aus dem kehligen Lachen der anderen. Selbst Wulff kann ein Grinsen nicht unterdrücken, obwohl er sich in den vergangenen Tagen doch mehrfach gefragt hatte, wie man wohl mit so wenig Anstand ein Göttergefälliges Leben führen kann.

Schnell sind seine Sachen auf die Kutsche geschmissen und schon kann es losgehen. Mit lautem Rumpeln verläßt die Kutsche den Hof der "Goldenen Ranke" und ist eine halbe Stunde später am Kai angekommen. Geschwind reitet der Geweihte zum Hafenmeister. Die Kleine von Gestern ist noch nicht da, aber vielleicht kommt sie ja noch. Er erfährt, daß die 'GLÜCKAUF' wohl in frühestens fünf Tagen aufbrechen wird, da ihr noch einige Matrosen fehlen und erst in einigen Tagen der Schiffseigner, der mitreisen will, seine Darmgrippe auskuriert haben wird. Grinsend erzählt der Hafenmeistergehilfe noch, daß die NORDSTERN wohl schon bald nach Süden segeln wird, aber ob heute oder morgen kann er gerade nicht sagen, es gäbe da wohl ein Problem an der Ruderanlage, wie er irgendwo gehört hätte.

Mit einem Nicken nimmt Onaskje die Information auf und reitet zurück zur Kutsche.

"Mir nach, Ranulf, probieren wirs mal zuerst bei der 'NORDSTERN'!" ruft er dem Kutscher zu. Mit lautem Krachen und Poltern fährt die Kutsche bis zur "NORDSTERN". An Bord ist schon geschäftiges Treiben auszumachen, wie bei den meisten anderen Schiffen hier. Nur... Moment mal, wo ist den dieses kaputte Schiff von heute Nacht hin? Etwa in ein Dock geschleppt worden? Oder gesunken? Der Geweihte läßt seinen Blick wieder über die NORDSTERN schweifen.

'Hab wirklich schon größere Schiffe gesehen, aber dieses hier sieht ja wenigstens ganz gut in Schuß aus, was man wohl nicht von jedem behaupten kann. Und ein Steuerruder scheint es auch zu haben, also wirds so schlimm nicht sein, jedenfalls wohl nichts, was sich nicht beheben liesse, denke ich.'

"Siegfried, erkundige Dich doch einmal, ob das Schiff noch Ladung und Passagiere aufnimmt, auch wann man loszufahren gedenkt und wohin. Und ihr haltet schön die Augen offen, nicht daß noch im letzten Augenblick was dazwischen kommt", wendet er sich an die anderen drei Söldner. Diese sind von der Kutsche gesprungen, und haben selbige in die Mitte genommen. Die Hände auf den Schwertgriffen ruhend, lehnen sie an der Kutsche oder auf ihren Hellebarden und lassen routinierte Blicke über die Menge schweifen.

Während Siegfried auf die Laufplanke zusteuert, lenkt der Geweihte sein Pferd an die Kaimauer heran, dort, wo vergangene Nacht noch das andere Schiff lag. Nachdenklich blickt er auf das schmutzige Wasser, auf die spiegelnden Wellen.

'Zu sehen ist nichts, aber müßte dann nicht mindestens noch der Mast aus dem Wasser ragen? Aber nein, wenn ich mich recht entsinne, war der ja abgebrochen gewesen...'

Inzwischen hat Siegfried die Planke erklommen und spricht einen der an Deck befindlichen Leute an:

"He, Seemann, wo issn hier der Käptn oder so'n Offizier!"

"Versuchs mal da oben!"

Kommt die nicht unfreundliche Antwort des Matrosen, während er im Vorübergehen auf die Brücke zeigt.

Siegfried macht einen Schritt in die angegebene Richtung, als ihm ein lautes Geräusch aus seinen Eingeweiden einen Hinweis gibt. Breitbeinig stellt er sich hin und geht leicht in die Knie. Mit andächtigem Blick lauscht er, als mit lautem Knattern und Zischen ein bestialisch duftender Wind aus seinem Darm entflieht. Anschließend macht er sich mit einem genüßlichen Grinsen im Gesicht die Stufen empor, um oben den erstbesten halbwegs autoritär erscheinenden Menschen anzusprechen. Mit lautem Scheppern stößt die Hellebarde dabei an seinen Brustpanzer. Eine übler Hauch entströmt seinem Mund, als er sich auf der Brücke umsieht, seine schwarzen Zahnstummel zeigt und fröhlich fragt:

"Moin, seid ihr hier der Kapitän?"

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Der Mann, den Siegfried anspricht, ist nicht der Kapitän, und das ist auch deutlich an seiner Robe zu erkennen, die ihn recht eindeutig als Angehörigen der arkanen Zunft ausweist. Es ist nicht der Kapitän...

"Sehe ich so aus?" antwortet Ottam, der Schiffsmagier, recht hart, doch ein rascher Blick verrät ihm, daß dies durchaus der Vorbote eines Fahrgastes sein könnte, der einiges an Bord zu bringen hat. Das ist etwas, das auch in seinem Interesse ist, und außerdem ist es ja auch seine Aufgabe, sich an Geschäften dieser Art zu beteiligen.

"Nein, ich bin Ottam Trosson, Schiffsmagier dieses Schiffes. Der Kapitän steht dort, aber wie Ihr seht, ist er gerade in ein Gespräch verwickelt. Wenn es um eine Mitfahrt oder Fracht geht, so kann ich Euch natürlich auch helfen!"

Der Fingerzeig in Jergans Richtung bei den entsprechenden Worten ist fast schon verächtlich, auch wenn die Stimme dabei recht neutral geblieben ist.



"Ah gut, Ottam-Schiffsmagier!"

Nur kurz blickt Siegfried zum Kapitän hinüber und wendet sich wieder Ottam zu. Schnell legt er dem anderen seine Hand auf die Schulter und dreht denn Magier in Richtung des Anlegers, damit dieser auch ja erkennen könne, auf wen Siegfried mit der anderen Hand deutet.

"Guck da, dieser Pfa- Geweihte da aufm Pferd läßt anfragen ob ihr im Laderaum vom Schiff Platz für seine Kistn habt und ne Kabine für ihn."

Kurzsichtig blinzelt Siegfried zur Kutsche hinab, aus der hinten eine große Kiste heraus ragt.

"Sonst müssn wa nämlich aufn anderes Schiff mit dem Zeugs, weißt du?"

Während unten am Kai der PRAiosgeweihte freundlich zu dem berobten Mann auf der Brücke hinauf nickt, blickt Siegfried mit unbedarftem Grinsen - es scheint ein schöner Tag zu werden, der Job ist wohl bald beendet und er wird sich schon bald dem Würfelspiel in der zahlreichen Hafentavernen hingeben können - zu Ottam, um zu hören, was dieser wohl zu sagen hat.



Angewidert weicht Ottam ein Stück zurück. Wie kann dieser... Bauer... es wagen, ihn anzufassen? Fast uninteressiert und ablehnend gleitet sein Blick dann aber dennoch in die gewiesene Richtung, und sein Gesichtsausdruck wandelt sich undefiniert - man kann nicht sagen, ob ihn die Ankunft des Geweihten erfreut, oder eher verärgert.

Knapp, denn mit diesem unangenehmen Menschen möchte er nichts zu tun haben, antwortet der Magier:

"Für die Ladung ist Platz, und eine Kabine..."

Kurz überlegt er, die Koje in der Doppelkabine, die er Hesindian gegeben hat, war wohl zugleich auch die letzte... "haben wir im Moment nicht frei. Aber in unserer großen Gemeinschaftskabine ist noch Platz, das ist kein Problem. Der Herr Geweihte kann ja später dann noch einmal umziehen, wenn eine der Kabinen frei wird."

Der Blick, den Ottam nun Siegfried zuwirft, ist wieder schwer zu deuten... man könnte fast meinen, ein böser Zauber würde dem folgen. Auf jeden Fall spricht daraus deutlich der Wunsch, der Mann möge zu seinem Herren zurück gehen, und das Schiff so schnell wie möglich verlassen.



Seelenruhig entgegnet Siegfried den Blick des Magus, auch wenn er erkennen kann, daß jener bestimmt kein geeigneter Würfelbruder ist, so wie der guckt.

"Na, prima, wird den... Ehrwürden Onaskje ja freuen zu hören. Ich sach ma gleich Bescheid. Sollte ja nur mal anfragen."

Mit einem Kopfnicken wendet er sich ab und schlängelt sich hinter zwei Leuten durch, die ebenfalls im Gespräch sind, und eilt schnell zurück an Deck und auf die Planke zu.

'Na wenn das nicht fix geht - Bockbier, ich komme!'

Mit zügigen Schritten überquert er die Planke und nähert sich dem Geweihten:

"Alles klar, die nehmen noch Ladung an. Und Betten sind auch noch zu haben, allerdings nur inner Gemeinschaftskabine."

'Au weia, hab vergessen zu fragen, wohin der Pott fährt. Und mit Onaskje war immer so schlecht zu spassen. Eins zu eins dasser nach süden will. Na dann, bei PHEx...'

"Und nach Süden will'er fahren sachta. Glaub ich. Der Schiffsmagier Ottam, mit dem hab ich geredet. Hab nur nicht mitbekommen bis zu welchem Hafen."

Der Geweihte verdreht die Augen gen Himmel.

'Götter! Nicht mal die einfachsten Dinge bekommt dieser Primitivling gebacken.'

"Schön, dann ladet schon mal ab, da drüben, nahe an der Planke. Ich werde mich mal selbst an Bord begeben."

Das Pferd bei der Kutsche lassend, begibt er sich bedächtigen, aber zügigen Schrittes auf die Planke zu und betritt diese. Kaum merklich verharrt er im Schritt.

'Jetzt geht das Abenteuer richtig los!'

Schnell hat er die Planke überquert und nähert sich dem Aufgang zur Brücke, wo er mit den Augen den Mann sucht, der vorhin mit Siegfried gesprochen hat.

'Der da muß es sein.'

Am Fuße der Treppe bleibt er stehen, stemmt seine Arme auf die Hüften und ruft mit moderater Lautstärke hinauf:

"PRAios zum Gruße, werter Magister Ottam, und möge er euch stets einen klaren Blick verleihen! Ist es gestattet, daß ich zu Euch hinauf trete?"



Ottam ist sichtbar erleichtert, daß dieser... Bauer... endlich die Brücke verläßt. Der Geweihte selbst ist ihm als solcher zwar kaum angenehmer, aber immerhin scheint er zu wissen, was Benehmen ist.

"Die Zwölfe zum Gruße, Ehrwürden Onaskje!"

Er hofft, daß der Bauer den Namen des Geweihten richtig ausgesprochen hat.

"Ihr dürft die Brücke betreten."

Es klingt fast ein wenig herrisch, und im Grunde spricht Ottam diese Worte auch so aus, denn es bereitet ihm Freude, in Gegenwart des gar nicht so weit entfernt stehenden verhaßten Kapitäns auf diese Weise über die Brücke der NORDSTERN verfügen zu können.



"Jau." mit zwei Schritten nähert sich der Geweihte Onaskje der Treppe und erklimmt sie. Oben angekommen tritt er an den Magus heran und mustert ihn aufmerksam, dabei muß er leicht nach oben blicken, denn obwohl er eine Schulterbreite wie ein thorwalischer Ringer hat, mißt er doch nur gerade 8 1/2 Spann in der Höhe, was ihm früher zu Zeiten seiner Ausbildung immer Unbehagen bereitete, ihn heute jedoch kaum mehr stört. Aufmerksam blickt er in das Gesicht seines Gegenübers.

'Hm. Intelligenter Ausdruck in den Augen, unverbrauchtes Gesicht. Aber spielt da nicht ein abfälliges Lächel über seine Lippen, und hat er da gerade nicht einen recht arroganten Tonfall angeschlagen? Nun, an mir wirst du dir die Zähne ausbeißen, sollte ich mich da nicht verhört haben.'

"Freut mich wirklich, Euch kennenzulernen."

Ein freundliches Lächeln zeigt sich auf Onaskjes Gesicht.

"Ich habe Fracht bis weit gen PRAios", hier wird das Lächeln ein wenig breiter, "zu verschicken. Ich selbst möchte mich bestimmt bis zum nächsten Hafen einschiffen, um den ordnungsgemäßen Transport der Fracht sichergestellt zu wissen, eventuell werde ich sogar noch länger an Bord bleiben wollen."

Ein leichtes Stirnrunzeln begleiten seine letzten Worte und er blickt kurz zum Pier hinab, wo die vier angeheuerten Söldner zusammen mit dem Kutscher unter großem Geschnaufe und Gefluche die dritte von vier Kisten zu den anderen beiden hinüber schleppen, die sie schon neben der Planke abgestellt haben. Auf dem Wagen befinden sich nur noch eine besonders große Kiste, an die zweieinhalb Schritt lang und anderthalb in der Breite und Höhe, die wie die anderen Kisten aus schlichtem dunklen Holz bestehen und sorgsam vernagelt sind. Außerdem ist noch ein leichter Packsattel sowie eine kleine, etwa vier Spann lange und drei Spann hohe Truhe mit gewölbtem Deckel zu sehen, aus der Nähe ließen sich sicher noch mehr interessante Einzelheiten feststellen.

Onaskje blickt dem Magier wieder direkt in die Augen, als er mit leicht schief gelegtem Kopf fortfährt:

"Nun, wie auch immer, wie weit fährt dieses Schiff eigentlich? Und zu meinem Bedauern habe ich vernehmen müssen, daß nur noch Betten in der Gemeinschaftskabine frei sind? Natürlich würde ich eine privatere Schlafatmosphäre bevorzugen, wie ihr sicher verstehen werdet."



Der Magier mustert den Geweihten kurz, wobei seinem Gesicht keinerlei Wertung anzumerken ist.

Dann erwidert er:

"Wir fahren bis nach Brabak - liegt Euch das weit genug gen PRAios? Was die Kabine angeht, so verstehe ich Euch selbstverständlich, aber dies ist ein kleines Schiff mit wenigen Kabinen. Wenn Ihr ohnehin nur bis zum nächsten Hafen, das ist Nostria, mitfahren möchtet, dann ist das aber vielleicht zumutbar mit der Gemeinschaftskabine, nicht wahr?"

Er sieht den anderen dabei an, und fügt dann noch hinzu:

"Wenn Ihr länger an Bord bleiben wollt, so wird sicher noch eine der anderen Kabinen frei, da bin ich sehr sicher."



Bei der Nennung der Summe ist Onaskje doch einwenig erstaunt. So viel? Zugegeben, viel Ahnung Frachtkosten betreffend hatte er nicht, und früher auf dem Flußschiff hatten ihn andere Dinge interessiert. Kurz überlegt er daher, was ihn die letzten vier Tage Transport mit der Kutsche gekostet haben, rechnet die Strecke bis Brabak hoch und kommt dabei auf eine um das Vielfache höhere Summe. So zögert er nicht mehr als diesen Augenblick bis zur Antwort:

"Hrm, nun, der Preis erscheint mir tatsächlich angemessen, obwohl ich heute morgen, als ich ihn in der 'Goldenen Ranke' abzuschätzen versuchte, doch um einiges niedriger bewertet habe. Ihr müßt mir daher verzeihen, wenn ich Euch darum erst dann den Betrag überreichen kann, nachdem ich zumindest diese Truhe dort

*Handschwenk-irgendwo-Richtung-Anleger*

in Euren gesicherten Laderaum habe schaffen lassen. Dazu brauche ich auch noch keines Eurer Mannschaftsmitglieder, meine Söldlinge werden genügen. Jedoch würde ich Euch bitten, jemanden anzuweisen, mir den Weg zu weisen und hinterher den Laderaum abzuschließen. Wenn Ihr damit einverstanden seit, würde ich dann die Truhe sofort an Bord bringen."

Onaskje läßt kurz den Blick über Deck schweifen, um zu sehen, wo wohl der Zugang zu dem Laderaum wäre, dreht sich dann aber gleich wieder zu Ottam hin.



"Es genügt, wenn Ihr das Geld übergebt, wenn Ihr das Schiff in Nostria verlaßt. Dadurch, daß sich Eure Ladung an Bord der NORDSTERN befindet, haben wir ja genug Sicherheit. Auf Vorauszahlung bestehen wir nur im Fall von Fahrgästen ohne Ladung, wie Ihr sicher versteht."

Der Magier blickt kurz, und fast ein wenig verächtlich, zum Kai. Verladearbeiten... das ist doch nichts für einen Magus, das ist etwas, worum sich die Matrosen zu kümmern haben! Aber der Kapitän ist noch mit diesem seltsamen Schiffbrüchigen zu Gange, und auch der zweite Offizier ist beschäftigt, so muß es wohl sein.

"Es ist wohl besser, wenn unsere Matrosen dies tun, denn die Niedergänge auf dem Schiff sind um einiges enger und steiler, als die an Land es zu sein pflegen. Die Truhe kann dann natürlich gleich an Bord, die größeren Teile werden wir nachher dann verladen, wenn die Ladeluke ohnehin geöffnet wird - das wird der Kapitän dann veranlassen. Werden zwei Matrosen für jene Truhe genügen?"

Der Magier schätzt schon, daß dem so ist, nur weiß er ja nicht, was sich darin befindet.



Der Geweihte muß nur kurz überlegen.

'Nun, die Matrosen werden wohl wirklich geeigneter sein, als es meine Wachfiffis sind. Nicht auszudenken, wenn einer stolpern würde und die Statuette zerbräche! Genügen zweie? Bei dem Gewicht des Steines, das Gold außerdem...'

*die Truhe ist für ihre Größe SCHWER*

"Sofern es sich um zwei kräftige Burschen handelt, wirds wohl angehen."

'Notfalls lang ich halt selbst mit zu, ich werde das Verstauen eh persönlich überwachen. Ich hoffe mal, der Schlaukopf hat anhand meiner Rede mitbekommen, daß mir viel an dem Stück liegt. Daraus sollte er schließen können, daß ich dem Verladevorgang beiwohnen werde.'

Bei dem Gedanken an eventuelle körperliche Arbeit läßt Onaskje unbewußt seine kräftigen Armmuskeln spielen und reckt sich gerade auf. Aufmunternd lächelt er sein Gegenüber an:

"Nun, dann schaut doch mal, wen Ihr so bei der Hand habt"

'Der hat im Leben sicher noch nie selbst was schwereres hochgehoben als seinen Zauberschwengel...'



"Das geht klar", sagt Ottam, der sichtbar froh darüber ist, das Problem nun erst einmal weiterleiten zu können.

"Trolske, Orgen!" schallt sein Ruf über das Deck, und die beiden Matrosen wenden sich sogleich dem Brückendeck zu. Wenn diese Stimme ruft, die keinesfalls beliebt ist, dann gehorcht man besser...

"Geht am besten voran, diese beiden werden Euch helfen."

In Richtung des Decks ruft er:

"Helft dem Herren Geweihten dabei, seine Truhe in den Laderaum drei zu schaffen - und versperrt den wieder."

Trolske sollte den Schlüssel noch haben, und wenn nicht, dann wird er sich schon melden - Ottam beabsichtigt jedenfalls nicht, sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern.

Die beiden Matrosen begeben sich inzwischen schon zur Planke und an Land, während Ottam auf dem Brückendeck stehenbleibt - ganz offensichtlich hat er nicht vor, persönlich mitzugehen.



Onaskje schaut kurz in den morgendlichen Himmel:

"Ja..."

Und nach einer kurzen Pause zu Ottam hingewendet:

"Nun, das ist wohl sicherlich ausreichend für mich, zumal nur bis Nostria. Ich machte mir nur ein wenig Sorgen wegen jenes Stückes," dabei deutet er in Richtung der kleinen Truhe, die sich noch immer auf dem Wagen befindet, "ich wüßte sei doch gerne hinter sorgfältig verschlossener Türe aufbewahrt. Vielleicht habt ihr dazu ja einen Vorschlag."

Er fummelt einige Momente an seinem Gurt herum und öffnet eine Ledertasche, dann zögert er kurz.

"Wieviel bin ich Euch den Schuldig, für die Fahrt nach Nostria, sowie die Fracht bis nach Brabak, und möchtet ihr die Bezahlung denn schon jetzt an Euch nehmen, oder lieber später, nach dem Verladen? Oh, und wenn ihr mir dafür vielleicht noch zwei, drei kräftige Matrosen zur Verfügung stellen könntet, die eine Kiste ist doch recht schwer!"

Erwartungsvoll schaut der Geweihte dem Magier ins Gesicht.



Ottam nickt bei den Wünschen des Geweihten, auch wenn darin eine gewisse Unterstellung, jemand an Bord würde auf die Idee kommen, in den Laderäumen zu schnüffeln, verborgen ist.

"Das sollte sich machen lassen - unsere Laderäume sind im allgemeinen sehr sicher, aber wir haben auch einen, der noch einmal gesondert abschließbar ist. Viel Platz ist da zwar nicht, aber da kann das rein, was Euch am meisten bedeutet. Einladen können wir das alles gerne nachher, darum kümmern sich unsere Matrosen - dort auf dem Anleger ist Eure Ladung solange sicher, das ist kein Problem. Was die Bezahlung betrifft..."

Der Magier überlegt kurz, und rechnet, und nennt dann schließlich eine durchaus gerechtfertigte Summe. Fracht über solch eine lange Strecke ist nicht wirklich billig, aber die Preise der NORDSTERN bewegen sich im üblichen Rahmen - meist liegen sie sogar etwas unter dem, was andere Kapitäne nehmen.

"Ist das für Euch so in Ordnung?"

Die Frage ist so gestellt, daß man deutlich merkt, daß ein "ja" die erwartete Antwort ist.



"Danke", sagt der PRAiosgeweihte und macht sich an den Abstieg an Deck. Auf der oberen Stufe dreht er sich noch einmal um. "Ihr seid ein interessanter Mensch, vielleicht ergibt es sich ja, daß wir einmal gemeinsam zu Abend speisen, vielleicht sogar schon heute? um unseren intellektuellen Weitblick gegenseitig ein wenig zu befruchten."

'Ob er weiß, was wirklich diese Welt bewegt?'

Mit einem undeutbaren Lächeln auf den Lippen folgt Onaskje den beiden Matrosen an Land.

"So, ihr beiden. Trolske und Orgen, nicht wahr?" Kurz blickt er zwischen den beiden hin und her.

„Diese Truhe bitte ich mit gebührender Vorsicht zu transportieren, sie enthält Gegenstände von gewissem Wert. Außerdem ist sie schwer, also paßt auf."

Kurz blickt er zu der großen Kiste auf der Kutsche hinüber.

"Und wenn die Truhe verstaut ist, könntet ihr den Söldnern helfen, die große Kiste von der Kutsche zu laden, damit ich endlich den Kutscher entlassen kann. Würdet ihr das tun?"



"Kein Problem", erwidert Trolske knapp, während er mit Orgen zusammen die Truhe packt. Sie sind beide erfahrene Matrosen, die schon bei schwerer See schwere und empfindliche Dinge durch die Gegend getragen haben, da ist solch eine Kiste im Hafen wirklich keine Herausforderung,

Zügig überqueren sie die Planke, und verschwinden dann im Niedergang, wo sie wesentlich vorsichtiger den Weg zur nächsten "Treppe" fortsetzen, die zum Ladedeck führt.

Trolske nimmt sich dabei sogar die Zeit, den sicher folgenden Geweihten auf die Steilheit der Niedergänge hinzuweisen.

"Seid vorsichtig, diese Niedergänge sind wesentlich steiler als Treppen, die Ihr vom Land kennt!"

Schließlich erreichen sie den Laderaum drei, der als Aufbewahrungsort sowohl für wertvollere Gegenstände, als auch für einen Teil des Proviants, an den nicht jeder heran soll, benutzt wird. Die Tür ist versperrt, so daß die Truhe kurz abgesetzt werden muß, damit Trolske aufschließen kann - den Schlüssel hat er in der Tat bei sich.

"Entspricht das Euren Vorstellungen?" fragt Trolske, während die beiden Matrosen die Truhe in Wandnähe aufstellen.



Mit interessierten Blicken ist der Geweihte den beiden Matrosen gefolgt. Im Laderaum angekommen blickt er sich kurz um.

"Ja, ganz ausgezeichnet. Erstaunlich hoch, dieses Deck. Als junger Bursche habe ich mir mal einige Zeit lang einige Silberlinge als Ruderer auf einem Flußschiff verdient. Da konnte man unter Deck nur ganz gebückt stehen und wußte nicht, wohin man seine Füße setzen sollte, wenn der Laderaum voll war."

Wehmütig erinnerte er sich an diese Fahrten. Das waren die ersten male gewesen, wo er auf eigenen Beinen stand.

" Gut, dann laßt uns mal noch die Kiste abladen."

Onaskje verläßt den Raum und schaut zu, wie der Laderaum wieder verschlossen wird, dann geht er den selben Weg wieder zurück, bis er an der Kutsche steht. Mit einem Blick vergewissert er sich, daß die beiden Matrosen gefolgt sind, dann ruft er die Söldner zusammen:

"So Jungs, auf auf, flink herunter mit der Kiste!"

Zwei Söldner springen wieselflink auf die Kutsche, um die Kiste über die Hinterkante zu schieben, während die anderen beiden sich hinter dem Fahrzeug aufstellen, um die Last anzunehmen. Zuerst bewegt sich die kiste kein Stück, doch nachdem noch der Kutscher und Onaskje höchstpersönlich mit Hand anlegen, rutscht sie mit lautem Knirschen nach hinten.

"Los ihr beiden, runter zu den anderen!" weist er die beiden Söldner an, als die Kiste fast zur Hälfte über der Hinterkante des Fuhrwerkes schwebt. Schnell springen diese hinab und nehmen mit ihren Kammeraden die Kiste an, während der Geweihte und der heftig schwitzende Kutscher weiter schieben. Langsam kippt die Kiste ab und wird von den Söldnern getragen. Als bald nur noch die hinterste Kante aufliegt, gehen die hinteren beiden Träger schon fast in die Knie. Selbst Gefluche und Gestöhne wäre jetzt zu anstrengend! Man hört nur das Keuchen der Männer als Onaskje zu den Matrosen ruft:

"Jetzt gilts! Schnell das vordere Ende anpacken!"

Der Geweihte macht sich bereit, der Kiste den letzten Schub zu geben, sobald die beiden Seefahrer angepackt haben.



Orgen und Trolske brauchen keine Ermahnung, zumal sie weder Lust haben, daß ihnen die Kiste auf die Füße kracht, noch, daß Ottam dafür sorgt, daß sie die nächsten Tage die Bilge reinigen dürfen oder ähnlich widerliche Arbeiten verrichten müssen.

Der vereinten Kraft der Männer kann die Kiste jedenfalls nicht lange widerstehen, und so steht sie schon alsbald sicher auf dem Anleger. Sicher dabei gleich in doppelter Hinsicht, denn zum einen hat sie diesen Platz unbeschadet erreicht, und zum anderen wird wohl kaum jemand versuchen, dieses schwere Ding zu klauen.

Trolske sieht kurz zum Schiff empor, dann sagt er zu dem Geweihten:

"Das Verladen machen wir nachher mit richtig vielen Leuten, da braucht Ihr Euch dann nicht drum zu kümmern."

In den Worten des Matrosen ist eine Ehrfurcht zu spüren, die sogar über das hinauszugehen scheint, was man Geweihten gegenüber normalerweise empfindet, und es ist auch nichts von der Abneigung zu spüren, mit der insbesondere PRAios-Geweihte doch des öfteren zu "kämpfen" haben. Damit, daß er persönlich mit angepackt hat, scheint dieser Mann sich die Anerkennung des Matrosen verdient zu haben.



Zufrieden nickt der PRAiosgeweihte Wulff Onaskje. Wahrlich, da hat der Matrose recht. Die wirklich wertvolle Fracht sicher im Laderaum, die schwere Kiste trägt eh keiner mal eben weg, da kann er sogar die Söldner entlassen. Er blickt zu dem Kutscher hinüber und sieht, wie dieser gerade das Pferd des Geweihten an einem Hafenpoller angebunden hat.

"Einen Moment noch", sagt er zu den Matrosen und geht zum Kutscher und Siegfried dem Söldner hin. Er nimmt ein Beutelchen aus einer Gürteltasche und holt eine Anzahl Silberlinge und Dukaten heraus, die er dann den beiden gibt.

"Möge PRAios Euch immer den rechten Weg erleuchten. Danke für Eure Dienste und auf Wiedersehen!"

Er läßt noch ein kurzes Schulterklopfen Siegfrieds über sich ergehen, dann wendet er sich Trolske - und Orgen - zu. Kurz überlegt er, ob er den beiden auch einige Münzen in die Hand drücken soll. Aber irgendwie kommt ihm das schäbig vor. Aus seinen Worten spricht Aufrichtigkeit, als er zu ihnen sagt:

"Danke auch Euch fürs Anpacken. Und wenn Ihr mal meint, daß ich Euch bei irgendwas helfen kann, zögert nicht, zu mir zu kommen. Ich kann Euch dann bestimmt weiterhelfen."

Er macht eine kleine Pause während er sich noch rasch die Satteltaschen von der Kutsche angelt, bevor diese davon rumpelt. Dann wendet er sich noch einmal mit einer Bitte an Trolske.

"Eigentlich brauche ich jetzt nur noch jemanden, der mir den Weg zu meiner Kabine weist. Das heißt, eine Kabine war leider nicht mehr frei, aber der Herr..."

'Wie hieß er doch gleich? Ottam - aber war das nicht der Vorname?'

"...Schiffsmagier Ottam sagte mir ein Bett in der Gemeinschaftskabine zu. Wenn ihr mir diese noch rasch zeigen würdet? Dann wäre wirklich alles erledigt."



Trolske und Orgen wechseln einen raschen Blick, dann sagt Trolske:

"Kein Problem, ich zeige Euch den Weg zur Gemeinschaftskabine. Folgt mir am besten einfach."

Er wendet sich schon fast zum Gehen, stockt aber noch einmal.

"Und du, Orgen, sag mal Nirka Bescheid, daß wir diese Kiste hier später noch einladen müssen - damit sie das einplant."

Der andere Matrose nickt, und eilt noch vor Trolske über die Planke. Trolske selbst geht derweil in Richtung der Gemeinschaftskabine vor.



Schnell rückt Onaskje noch einmal die Packtaschen zurecht, dann folgt er Trolske auf das Oberdeck; dort nickt er den Männern auf der Brücke kurz zu und steigt hinter dem Matrosen den Niedergang hinab. Nach wenigen Schritten nach links bleibt Trolske stehen und sagt:

"So, sucht Euch einfach ein der freien Kojen aus, die mit Kram drauf sind belegt."

Er wartet bis der Geweihte an ihm vorbei getreten ist und verabschiedet sich:

"Nun, wenn nichts mehr anliegt, ihr kommt ja jetzt alleine zurecht."

"Ja, das tue ich wirklich."

Kurz legt er die Hand auf des Matrosen Schulter.

"Danke!"

Mit Schwung schmeißt er seine Taschen auf eine der oberen Kojen und sieht noch kurz dem entschwindenden Trolske nach. 'Netter Kerl. Sicher auch ein verläßlicher Seemann. So, wie schauts denn aus hier? Auf jeden Fall eng. Ja, sind ja wirklich schon einige Betten belegt. Gut das die Truhe separat untergebracht ist.'

Nachdenklich starrt er vor sich hin.

'Ich hatte doch noch etwas vor? Ah ja, die Kleine...'

Schon kurz darauf stapft Onaskje wieder an Deck und weicht den umhergehenden Leuten aus.

'Die werde ich später noch kennenlernen. jetzt muß ich mich beeilen, nicht daß ich zu spät käme, was wäre das für ein Beispiel!'

So murmelt er nur ein unbestimmtes "Wir sehen uns ja nachher noch..." in Richtung der an Deck befindlichen Personen und steuert zielsicher auf die Planke zu. Am Anleger schweift sein Blick noch mal kurz über seine vier kleinen und die große Kiste, dann bindet er sein Pferd los und lenkt es im Trab in Richtung der Hafenstube. Dort sitzt etwas abseits auch das Mädchen von gestern Abend und sieht ihm erwartungsvoll entgegen.

Er setzt steigt ab und bindet sein Pferd an einer Bank in der nähe an, auf die er sich dann auch mit dem Mädchen setzt.

Es entfaltet sich ein langes Gespräch zwischen den beiden, während dessen die Kleine immer mehr auftaut und ihm schließlich ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. So erfährt er auch von ihrer Liebe zum Meer und daß sie darum auch lieber in Salzerhaven herumstreunt als in der Oberstadt, obwohl das Pflaster hier ein wenig rauher ist. Lange hat Onaskje überlegt, was für das Mädchen wohl das beste wäre, was in seinen Möglichkeiten läge. Schließlich reift in ihm ein Entschluß, der recht typisch für einen Vertreter der Geweihtenschaft ist. Einen PRAiostempel gibt es in Salza nicht, aber wenn das Mädchen das Meer so liebt...

Er schlägt ihr vor, sie im hiesigen EFFerdtempel erziehen zu lassen, vielleicht würde ja sogar einmal eine Geweihte aus Livgard werden? Auf jeden Fall aber würde sei eine gewisse Erziehung (der bodenständigen, nordischen Art entsprechend)genießen und zumindest in einigen Jahren einem EFFerdgefälligen Handwerk nachgehen können. Und das sollte ja im Interesse aller - nun, der meisten Zwölfgötter liegen.

Livgard ist einverstanden, und so verbringen die beiden einen langen Tag miteinander, in deren Verlauf Onaskje den trunksüchtigen Stiefvater des Mädchens von der Aufnahme in den EFFerdtempel überzeugt (einfach), der Geweihte dem Mädchen bei mehreren Händlern einen Satz einfacher neuer Kleidung und Schuhe besorgt (etwas teür), mit dem Mädchen ein preiswertes Badehaus sucht und tatsächlich Einlaß findet (schwierig), zwischendurch zusammen in einer Wirtschaft etwas essen geht (gut und billig), nebenher das Pferd verkauft (glücklicher Pferdehändler...)und am Nachmittag mit dem Kind an der Hand den Tempel des EFFerd zu Salzerhaven betritt. Zusammen mit Ehrwürden Johlsson, einem jungen Mann von knapp über zwanzig Götterlaufen und der Vizevorsteherin Ehrwürden Gerlinde Meerschaum bespricht Onaskje eine Mögliche Zukunft des Mädchens, denn nur die Götter wissen, welches Leben den sterblichen vorherbestimmt ist. Im Verlauf des Aufenthaltes im Tempel nimmt Onaskje eine kleine beinerne Schnitzerei eines Wales mit, läßt einen Beutel mit Dukaten zurück und am Halse des Mädchens einen kleinen Anhänger, der das PRAiosrund darstellt. Und nicht zuletzt hinterläßt er beim Abschiednehmen eine glückliche, traurige Livgard. Doch das Versprechen, das nächste mal, wenn er in Salzerhafen weilt, sie zu Besuchen, tröstet sie schon wieder ein wenig.

Und so kehrt am späten Nachmittag ein nachdenklicher, müder Onaskje mit langsamen Schritten zu dem Schiff zurück, und begibt sich schnell und unauffällig in die Gemeinschaftskabine um einige Stunden zu ruhen. Schnell hat er sich seiner überkleidung entledigt und unten in seine Koje gestopft. Der Geldbeutel landet in seiner Weste, die zusammengerollt seinem Kopf als Lager dient. Nur den großen und sperrigen Brustharnisch vermag er noch nicht sinnvoll unterzubringen. So läßt er ihn in Ermangelung einer Idee einfach in der Mitte der Kabine liegen und hofft, daß niemand darüber stolpern werde. Mit einem Seufzer der Entspannung streckt er sich auf seinem Lager aus, schließt die Augen und läßt noch einmal die Ereignisse des Tages an sich vorüberziehen...




In SALZERHAVEN - Beim Händler Torstorson: Für die Schiffsvorräte ...


Die möglichen Konsequenzen aus dieser Diskussion mit dem Geweihten bereiten ALRIK eine unruhige Nacht. Schlafen kann er wie üblich gut, ist er doch rechtschaffen müde von der schweren Arbeit an Bord. Doch die Aussicht auf mögliche Unterrichtsstunden, die wohl nur auf Kosten von fröhlichen Landgänge, Gasthausbesuchen und lauen Freischichten stattfinden können, wandern wie ein Spukgespenst durch ALRIKs Träume. Gierige Buchstaben verfolgen ihn durch unterirdische Gänge, umzingeln ihn, fügen sich zu Wörtern zusammen und bedrohen ihn mit den Worten:

"Lies mich! Lies mich!"

Ermattet wacht ALRIK auf und streicht sein schmutziggraues Hemd glatt, auch die alte Hose ist schon wieder starr vor Deck, wie insgesamt der ganze Schiffsjunge auch. Der Besuch im Badehaus ist schon wieder eine ganze Weile her, so schlecht hatte es ihm dort gar nicht gefallen, ganz im Gegenteil. Vielleicht läßt sich ja hier an Land die Gelegenheit für eine neue Grundreinigung finden. Und feste Schuhe wären auch eigentlich nötig, jetzt wo es langsam auf den Winter zugeht. Obwohl es im Süden ja wiederum nicht so kalt ist, vielleicht also doch einfach nur das Allernötigste für den Golddukaten kaufen. Schnaps. Rasch steckt ALRIK das Geldstück ein.


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Kurze Zeit später haben ALRIK und Garulf auch schon festen Boden unter den Füßen. Endlich an Land, freut sich der Schiffjunge und hält die Hand abschirmend vor die Augen, um sie vor der noch niedrig stehenden, blendenden Morgensonne zu schützen.

"Weißt du schon, was wir alles brauchen?" fragt ALRIK neugierig. "Die hochgebildeten und studierten Herren hätten jetzt bestimmt eine Einkaufsliste angefertigt, aber das haben wir hier gar nicht nötig, was Garulf?"



"Zunächstmal brauchen wir Süszwasser und Feuer, dann natürlich Rüben und Kartoffeln - und Honig, das wohl!"

Diese Liste rappelt der sonst eher langsamer Schiffskoch in einem Rutsch herunter, es ist schlieszlich das selbstverständlichste der Welt - zumindest, wenn man seit zehn Götterlaufen nichts anderes macht.

"Und dann, müszen wir gucken, ob wir so weit im Süden noch Varnheimer Holzfisch kriegen," fährt er mit der Aufzählung fort, "und Zwieback könnte auch mal neu. Ansonsten, brauchen wir so ziemlich alles, dieser Sören war ja ´ne alte Transuse, das wohl!"

Schlieszt er die Aufzählung zunächst.

"Als erstes gehen wir zum alten Torstorson, das wohl!"

Mit dem letzten Satz geht Garulf bereits los und deutet dem Schiffsjungen ihm zu folgen.



Geflissentlich nickt ALRIK, als Garulf mit seiner Aufzählung beginnt. Ja, wirklich, es scheint im Prinzip alles und jedes zu fehlen. Nur gut, daß Garulf so gut weiß, wo man diese Dinge auch einkaufen kann.

"Ja, ich komm' ja schon.... aber den Holzfisch, brauchen wir den wirklich, der schmeckt immer so holzig... äh... trocken, wenn er zu kurz in Wasser eingelegt wird. Gibt's da nichts anderes?"

Vermutlich ist es sowieso ein fruchtloser Versuch, Garulf von der typisch thorwalsch-rustikalen Küche abzulenken, aber probieren kann man es ja mal. Derweil schließt ALRIK zu Garulf auf, marschiert zusammen mit dem Smutje landeinwärts.



Mit einem leichten Kopfschütteln registriert der Smutje die Ablehnung des Schiffsjungen gegen den hervorragenden Holzfisch. Da er kaum damit rechnet, den Jungen mit Worten von den Vorzügen der thorwalschen Küche überzeugen zu können, versucht er es andersherum:

"Wenn der Holzfisch nicht gut genug ist, dann kann ich ja auch Frischfisch machen, dann muszt du aber für uns alle angeln," schlägt er Alrik mit einem Grinsen vor, "dann hättest du auch keine Zeit mehr für den HESindegeweihten, das wohl!"



"Angeln find' ich gar nicht schlecht, aber so bei voller Fahrt ist das natürlich schwierig. So schnell können die Fische gar nicht hinterher schwimmen, kaum haben sie den Köder gesehen, schon ist die NORDSTERN auch schon wieder auf und davon. Aber wenn wir mal 'ne Flaute haben, dann will ich das gern mal ausprobieren... also nehmen wir zur Sicherheit doch mal lieber was vom Holzfisch mit. Das trockene Zeug hält sich ja 'ne Weile."

Munter stapft ALRIK hinter Garulf her. Zu dieser frühen Stunde ist es noch recht ruhig in der Stadt. Die Händler machen erst gerade ihre Geschäfte auf, legen sorgsam ihre Waren in die Auslagen und machen sich bereit für die ersten Kunden des Tages.

"Ist es noch weit?" erkundigt sich der Schiffsjunge, während er ein paar müden, streunenden Katzen hinterher schaut, die wohl die Nacht zum Tage gemacht haben und jetzt langsam nach einem ruhigen Plätzchen Ausschau halten.



Immer noch vor sich hin grinsend, nimmt Garulf die Antwort ALRIKs zur Kenntnis.

´Gar nicht so dumm der Junge.´

Inzwischen ist man schon ein ganzes Stück in das erwachende Salzerhaven vorgedrungen und steht nun vor einem etwas gröszeren Gebäude, das offensichtlich ein groszes Lager beherbergt. Der Besitzer ist sich wohl der Tatsache bewuszt, das ein Groszteil seiner Kunden, des Lesen nicht oder nur unzureichend mächtig sind. Daher prangt eine Seite eines groszen Faszes über dem Eingang, unterhalb des Faszes ist ein Seilstück an der Wand befestigt, das eine Welle nachbildet. Dadurch wird auch Menschen wie Garulf schnell klar, was dieser Händler feilbietet. Den Schriftzug ´Estorik Torstorson Schiffsproviant und Ausrüstung´, der auf dem Fasz angebracht ist, kann und braucht er nicht entziffern, schlieszlich ist er weder zum ersten Mal in Salzerhaven, noch zum ersten Mal bei diesem Händler.

"So, da wärn wir," läszt er den Schiffsjungen wissen, der ihm bis hierhin brav gefolgt ist.

Offenbar sind die beiden Männer von der NORDSTERN gerade zum rechten Zeitpunkt eingetroffen, denn als der Smutje gerade zum Klopfen ansetzen will, wird das schwere Tor, das auszer Fuszgängern wohl auch Fuhrwerke passieren lassen kann, von innen heraus geöffnet. Heraus tritt ein Mann mittleren Alters, gut zwei Schritt grosz und mit fast ebenso breiten Schultern, die langen rotblonden Haare und der ebenso gefärbte Vollbart lassen recht leicht, wie auch schon der Name, auf eine Thorwalsche Herkunft schlieszen.

Der Thorwaler ist zunächst sichtlich überrascht, zu so früher Stunde bereits Kundschaft anzutreffen, nach einem Augenblick des Erkennens ist er jedoch ebenso erfreut, seinen Stammkunden und Landsmann Garulf Nellgardsson zu erkennen.

"Garulf, altes Haus, hast dich ja lange nicht mehr blicken lassen, dachte schon die Schwarzpelze hätten dich gefressen!" begrüszt er den Smujte überschwenglich und klopft diesem dabei kräftig auf die Schulter.

"Das wohl! Und ich sehe, die Salzarelen haben dich auch noch nicht geholt!" erwidert Garulf die Begrüszung, auch seine Worte werden von einem Schulterklopfen begleitet.

"Wer ist denn der Jungske, den du da mitgebracht hast? Biste jetzt schon Vater geworden?" fragt Estorik grinsend.

"Nö, der gehört zum laufenden Gut, soll mal ´n richtiger Seemann werden, wenn er grosz und stark ist," antwortet Garulf im selben Plauderton, dabei legt er seinen Arm um die Schultern des Jungen, der neben den beiden Thorwalern geradezu schmächtig wirkt und zieht ihn zu sich heran.

"Und dazu musz er auch was zu beiszen kriegen und mir selbst hängen die Lederfetzen in Salzwassersosze auch schon zum Hals raus."



"Jawoll, so isses, so und nicht anders", stimmt ALRIK in das thorwal'sche Geplauderei mit ein. Was soll man sich auch groß zur Wehr setzen, wenn man hier mal wieder als klein und mickrig dargestellt wird. Jeglicher Widerspruch im Beisein von zwei Thorwalern, die mit zwei Schritt Höhe und nicht unbeträchtlicher Schulterbreite, jedweden Protest doch lächerlich erscheinen lassen. Also lieber gute Miene zum üblichen Spiel, damit ist man immer gut beraten, besonders wenn man noch Geschäfte machen will.

"Ja, ja. Unser Smutje ist schon aus dem rechten Holz geschnitzt. Aber von ein paar alten Schuhsohlen und 'ner Kelle Wasser wird halt niemand satt. Da lachen ja bloß die Schiffsratten - jedenfalls so lang, bis wir sie als Festtagsbraten für unsere Passagiere servieren. Haha."

ALRIK stimmt ein polterndes Lachen an, so wie es wohl von ihm an dieser Stelle erwartet wird. Dann macht er sich endlich aus Garulfs Umklammerung frei und wirft schon mal ein paar neugierige Blicke in das Innere des Lagerhauses.



"Na denn kommt mal rein," bedeutet Estorik den beiden anderen, während er ein einladende Handbewegung macht und anschlieszend selbst wieder in das Haus zurück geht.

Garulf läszt Alrik los und folgt dem Händler, er achtet nicht weiter darauf, ob der Schiffsjunge ihm folgt, er wird es schon tun, wo sollte er auch sonst hin?

Drinnen erwartet die beiden eine grosze Halle. Am vorderen Ende ist zur rechten Hand ein Tresen aufgebaut, an dem Torstorson tagsüber steht und auf Kundschaft wartet. Hinter dem Tresen ist eine Tür zu sehen, die wohl zu den Wohnräumen des Händlers führt. In der Mitte der Halle ist ein breiter Gang freigelassen, der es ermöglicht, mit einem Wagen in das Lager hinein zu fahren um seine Waren direkt hier aufzuladen. Angesichts der Tatsache, dasz man für eine ganze Schiffsmannschaft nebst Passagieren doch etwas gröszere Nahrungsmengen benötigt, lohnt sich so eine Zufahrt auf jeden Fall, auch wenn sie doch ziemlich viel Platz benötigt. Gerade Platz kann ein Lager gar nicht genug bieten und so ist jeder verfügbare Rechtspann vollgestapelt mit Kisten und Fäszer aller Art und Grösze. Aber auch Dinge wie Seile, Umlenkrollen oder Riemen in verschiedensten Gröszen sind zu sehen. So früh am Morgen ist es noch recht still hier, sowohl in der Halle selbst, als auch auf dem Hof, zu dem sich die Halle am hinteren Ende öffnet.

"Was braucht ihr denn so? Wieder ´Zwiebackreste für eine Handvoll von den Kupfernen´?" spielt Estorik auf den letzten Besuch Garulfs an, bei dem er aus der chronisch leeren Schiffskasse der ´Pfeil von Nostria´ den Proviant bezahlen muszte.

"Ne, von der ´Pfeil von Nostria´ bin ich runter, als der Schimmel die Kombüse aufgefressen hat. Ich bin jetzt wieder auf´m richtigen Schiff und der Käptn hat sogar richtiges Geld in der Schiffskasse - und davon woll´n wir richtiges Essen kaufen, nich vom dem Möwenfutter, dasz dasz du mir letztes Mal eingepackt hast," geht Garulf grinsend auf die Anspielung des Händlers ein.



"Das Wohl! Ratte mit Kellerasseln, das gabs auf der ´Pfeil von Nostria´ zu Käptns Tsatag," wirft Garulf dem Schiffsjungen zu.

"Dann sollns diesmal Rüben und Holzfisch sein? Und wieviel, soviel wie der Jungske tragen kann?" fragt Estorik mit Blick auf Alrik.

"Holzfisch, das wohl und nich zuwenig, der Laderaum ist leer. Der Smutje den die vor mir hatten war vielleicht ne faule Ratte - und ´n Landei. Hat seit Riva kein Wasser nachgefüllt, der Holzkopf und kannst du dir das vorstellen, nichmal an Premer hat er gedacht."

"Wieso? Wasser musz man doch nich mitnehmen, das ganze Meer ist doch voll davon," antwortet Estorik mit verstellter Stimme, kurz darauf brechen beide Männer in schallendes Gelächter aus.



Während die Einkaufsverhandlungen zwischen den beiden Thorwalern weitergeführt werden, schaut sich ALRIK etwas gelangweilt in dem Lager um. Aber so wirklich interessante Sachen gibt es eigentlich nicht zu entdecken, dafür mehr nützliche Dinge.

Als Garulf ein paar Bemerkungen zu seiner vergangenen Tätigkeit macht und dann schließlich mit der NORDSTERN angibt, muß ALRIK heimlich grinsen.

'Hoffentlich wird's dann nicht auch richtig teuer...'



"Hahaha, das wohl! Und dann hatter wohl noch geglaubt man kann die Seekühe melken, hahaha."

"Hoho, aber nur wenn sie ordentlich Seegras zu fressen kriegen, das wohl!"

"Premer Feuer? Aber ein Schiff ist doch aus Holz, ist das nicht gefährlich?," Garulf versucht dabei mehr schlecht als recht die Stimmlage eines kleinen Kindes nachzumachen.

"Hoho, das wohl! Das wohl! Hoho."

Die beiden Thorwaler setzen ihre Witzeleien über Soeren im Speziellen und Landratten im Allgemeinen noch ein Weilchen fort, ehe sie wieder zum Geschäftlichen übergehen.

"Na, denn will ich ma sehen, was ich für euch so da hab," sagt Estorik, dabei deutet er Alrik und Garulf ihm zu folgen, während er zu einer Reihe von Fäszern im hinteren Teil des Lagers geht. Dort angekommen klopft er an ein groszes und sicher auch sehr schweres Steineichenfasz.

"Frisch aus Prem, gerade gestern eingetroffen."

Die Aufschrift "Hjalskes Rotbrand - nach Originalrezepet in Prem gebrannt" kann Garulf zwar nicht lesen, aber das braucht er ja auch nicht, welcher Thorwaler kaeme schon auf die Idee, einem anderen Thorwaler falsches Feuer andrehen zu wollen?



Der Smujte begutachtet das Fasz, dann wendet er sich an Alrik:

"Na, wat meinste, viewiele von den Dingern nehmen wir?"

Zwar ist Garulf längst klar, dasz bei den typischen Rationen, die ein Kapitän an normalen Tagen ausgeben läszt, ein einziges Fasz dieser Grösze eine ganze Zeit lang reichen wird, sehr zum Miszfallen der Thorwaler an Bord, aber der Junge soll ja was lernen.



'Wieso, was ist denn da drin?' will ALRIK gerade fragen. Als Thorwaler muß man das Zeug gewiß nicht mehr beim Namen nennen. Welches köstliche Naß sollte auch sonst von Premer Herkunft sein? Allerdings sprach man die ganze Zeit vorher über Wasser und Milch- bzw. Seekühe. Darum gibt es eine kleine Pause, bis ALRIK die Aufschrift auf dem Faß entziffert hat, wobei er sich gerade noch soweit zusammen reißen kann, daß er nicht mit dem Finger beim Lesen auf die Aufschrift zeigt.

"Das ist Feuer aus Prem", murmelt ALRIK mehr zu sich selbst. "Tja, wie viel...hm?" Nachdenklich kratzt sich der Junge am Kopf. In Anbetracht der Tatsache, daß bereits die kleine Portion, die er Radisar als Stärkungsmittel gebracht hatte so teuer war, ist sich der Schiffsjunge eher unsicher, ob man sich so ein ganzes Faß überhaupt leisten kann (es sei denn, man kann getrost auf andere Vorräte verzichten). Andererseits - man ist auf dem Weg nach Brabak und je weiter die Reise geht, desto schwieriger wird sich wohl die Feuerbeschaffung gestalten. Vermutlich wird das Zeug dann auch unverschämt teuer werden.

"Ja, ich weiß nicht recht. Wenn wir für länger einkaufen, dann wird das schon knapp mit dem einen Faß. Ich meine, wer weiß, wann wir wieder im Norden sind. Andererseits gibt's da unten im Süden guten Rum aus Zuckerrohr, der soll auch nicht schlecht sein. Gibt's vielleicht auch kleinere Fässer?"

ALRIK deutet mit den Händen eine Faßgröße an, die deutlich weniger als die Hälfte des dort abgestellten Fasses mißt.

"So ungefähr. Und dann vielleicht dazu noch ein kleines Faß dunkles Dinkelbier. Das hatten wir vor ein paar Wochen mal. Das hat auch gut geschmeckt... äh... sagte Wasuren damals, meine ich."



Garulf schmunzelt über Alriks Aussage das Dunkelbier betreffend. Dann fragt er den Schiffsjungen noch einmal:

"Was hälst du von drei Fäszern, eins für mich," er zeigt auf sich selbst, "eins für dich," er zeigt auf Alrik, "und eins fürs Schiff?"

Dabei schaut er dem Jungen mit einem leichten Grinsen ins Gesicht,

"Oder sollen wir doch einfach ein Fasz nehmen und noch ein biszchen was zu knabbern für uns beide?"

Dann, als fiele es ihm gerade ein - oder vielleicht tut es das auch wirklich - fügt er noch hinzu:

"Und noch ein, zwei Flaschen extra, für besondere Gelegenheiten?"

Da dieser Einkauf wohl doch etwas gröszer werden wird und ganz bestimmt nicht von 'anderthalb' Männern bis zum Hafen geschafft werden kann, beschlieszt Estorik schon einmal den Transport zu klären. Er dreht sich zur Theke um und formt die Hände zu einem Trichter, kurz darauf erfüllt ein lauter Ruf das Lager:

"ALRIK!".

Wenig später öffnet sich die Tür und ein Jüngling von vielleicht sechszehn Götterläufen betritt schlurfend das Lager, er ist gut eine Haupteslänge kleiner als Estorik und auch nicht so kräftig, auszerdem guckt er momentan etwas vertrottelt.

"Ja?" fragt der Jüngling, in einem Tonfall, kaum weniger tranig als sein Aussehen.

"Lauf mal schnell rüber zu Ugo und sach ihm, er soll ´n Wagen klarmachen," folgt die Anweisung von Estorik, die von dem Jüngling mit einem erneuten, langgezogenem "ja" quittiert wird.

Warum Estorik seinem Knecht befielt "schnell" rüber zu laufen, obwohl sich der Einkauf doch noch etwas hinziehen wird, wird spätestens jetzt klar. Der andere Alrik bewegt sich auf dem Weg zur Strasze kaum schneller, als eben, beim Durchqueren der Tür, immerhin schafft er es nun, die Füsze vom Boden zu heben.



"Du bist der Smutje, du hast das letzte Wort. Eine eigene Flasche für mich allein für besondere Gelegenheiten, da sag' ich nicht nein. Und was gibt es hier sonst noch so?"

Eher leise zischt er zum Smutje rüber:

"Wieviel Geld können wir denn ausgeben? Und für uns, da hab ich doch noch das Goldstück von dem Dicken, weißt' schon, der der den Rest vom Pemer wollte."

Als sein Namensvetter schließlich müde das Lager verläßt, befindet ALRIK, daß es wirklich gut ist, daß man heute nicht mehr auslaufen wird. Denn wenn die Auslieferung der Waren ähnlich lange dauern würde, dann bekaeme man wohl ernsthafte Schwierigkeiten.



Als Alrik von einer Flasche für sich alleine spricht, musz Garulf unweigerlich schmunzeln, ´aus dem Junge wird ja doch noch ein richtiger Thorwaler.´

Als der Junge ihn dann auf das Goldstück des Suitebewohners anspricht, flüstert er ebenso leise zurück:

"Kauf von dem Gold einfach ne neue Flasche und behalt den Rest," und zwinkert ihm dabei zu. Die Frage, wieviel Geld man denn zur Verfügung habe, ist für Garulf, der noch nie gut mit Zahlen umgehen konnte, schon wesentlich schwerer zu beantworten. Allerdings hat er auch nicht das ganze Geld mit, sondern nur einen kleinen Beutel für die Anzahlung, der Rest wird dann bei Lieferung aus der Schiffskasse bezahlt.

"Fuer die Schiffsvorräte haben wir genug," antwortet eher daher nur, moeglichst leise, damit Estorik es nicht hört. Allerdings ist auch nicht so sicher ob Alrik es gehört hat, denn mittlerweile hat auf dem Hof, hinter dem Lager, ein Schmied lautstark mit der Arbeit begonnen.

Estorik guckt dem trägen Knecht noch kopfschüttelnd hinterher, bis dieser auf der Strasze verschwunden ist.

´Wenn er mal nicht einachläft unterwegs, fauler Bengel.´

Dann ist seine Aufmerksamkeit wieder voll bei Garulf und dem Schiffsjungen.

Garulf tut dann auch sogleich seinen Beschlusz kund, es fällt ihm nicht weiter schwer, gegen den Lärm des Schmieds anzubrüllen, ihm Sturm ist es schlieszlich auch nicht leiser:

"Denn nehmen wir eins von den Dingern," er zeigt auf das Premerfasz, an dem er an Alrik stehen, "und dazu noch," gern hätte er zwei gesagt, jedoch weisz er, dasz die meisten Kapitäne andere Prioritäten setzen, "ein Fasz Bier, auszerdem eine Hand voll," er hält fünf Finger hoch, "Fäszer Süzwasser."

Damit wäre der flüszige Teil der Proviantbeschaffung fürs erste abgeschloszen und man kann nun zur festen Nahrung übergehen.

Estorik nimmt die Bestellung mit einem Nicken und einem "das wohl" zur Kenntnis.



ALRIK nickt Garulf zu. Ja, er hat verstanden und wird es gewiß nicht versäumen, seine privaten Einkäufe gleich noch mit zu erledigen. Aber zuerst muß noch der Pflichtteil erledigt werden.

"Wie wäre es denn mit einem Sack Bodirbirnen oder Thosäpfel? Ich hab mag gehört, wenn man jeden Tag im EFFerdmond einen Apfel ißt, kann kommt man ohne Triefnase und Dumpfschädel über den Winter", rät ALRIK und deutet dabei auf ein paar Säcke, von denen einige noch unverschnürt sind. Gefüllt sind sie vor allem mit den kleinen, harten und eher wenig aromatischen Bodirbirnen. Doch auch ein paar Körbe, die mit schönen dunkelroten Koschäpfeln und gefüllt sind, hat ALRIK derweil entdeckt.

"Obst hatten wir jedenfalls schon lange nicht mehr. Das hatte Sören wohl auch vergessen."

Nachdenklich schaut ALRIK dem Händler-ALRIK hinterher, bis dieser endlich außer Sichtweite gelangt. Auf der Lagereinfahrt des Hofes nähert sich derweil langsam und im Dreck scharrend ein stolzer Gockel mit schwarzgrauem Gefieder und einem leuchtend roten Kamm. Kurz danach marschiert ein kleines Rudel Hühner hinterher und pickt ebenfalls munter in dem Strassenstaub herum.

Dieser Anblick bringt ALRIK auf eine Idee nach Schiffsjungenart:

"Oh, Garulf, sieh mal. Hühner! Ob wir davon ein paar mitnehmen können? Dann hätten wir immer frische Eier."

Aufgeregt deutet ALRIK auf die Hühner, den bei dem Lärm, den der Schmied von nebenan immer noch verursacht, versteht man wirklich kaum noch sein eigenes Wort - geschweige denn, das von anderen Leuten.

"Wenn Nirka was dagegen hat, dann kannst du sie ja immer noch schlachten, die Hühner meine ich. Na?"

Die Tatsache, daß man eigentlich immer recht küstennah segelt und auch im Abstand von einigen Tagen immer wieder an Land kommt, um frischen Proviant nach zu kaufen, wurde durch die Idee täglich ein frisches Ei zu bekommen, dabei wohl vollkommen aus dem Bewußtsein des Schiffsjungen verdrängt.



"Obst, das wohl! Aus dir kann noch mal ´n richtiger Smutje werden," antwortet Garulf auf Alriks Rat. Zwar ist frisches Obst nicht so haltbar, wie Zwieback und Hartwurst, aber man kann sich ja einfach mit kleineren Mengen begnügen, die in ein paar Tagen aufgebraucht sind. Dann hat man meist auch schon den nächsten Hafen erreicht und kann wieder nachfüllen.

Schwieriger ist es da schon mit Alriks Wunsch nach lebenden Hühnern. Zwar ist Garulf schon auf Schiffen gefahren, die Kühe und Schweine an Bord hatten, um sie unterwegs zu schlachten und frisches Fleisch zu haben, aber die Kapitäne sind da sehr unterschiedlicher Ansicht. Dasz auf der NORDSTERN keine lebenden Tiere an Bord sind könnte natürlich auch auf die Schlampigkeit Sörens zurückgehen, aber wahrscheinlicher ist, dasz Jergan derlei schlicht nicht wünscht. So erklärt der Smujte dem Schiffsjungen:

"Jeden Tag ´n Frühstücksei hätt ich auch gerne, aber irgendwer musz sich um die Hühner kümmern, die müszen fressen und brauchen Wasser. Auszerdem müszte Ole uns erstmal ´n Verschlach für die Viecher bauen oder willst du sie im Mannschaftsraum rumflattern haben? Und schlieszlich will je wenn, auch jeder an Bord ein Ei haben also bräuchten wir auch für jeden ein Huhn," eigentlich müszte der Schiffskoch nun erklären, wie viele Hühner das wären, aber Zahlen? Nein, darum drückt sich Garulf so gut er kann,

"und dasz geht ja nun wirklich nicht, wo solln wir die alle laszen?" Sagt er daher nur.

Estorik tritt derweil einige an die Obstsäcke heran und entnimmt ihnen einige Stücke, die er den beiden Männern von der NORDSTERN als Proben anbietet, "na, wie wärs mit ´n biszchen Frischfutter?"

Garulf greift sich sogleich einen Apfel und verzehrt ihn laut krachend mit wenigen Bissen, dies ist auch deutlich hörbar, denn der Schmied auf dem Hof hat offenbar eine Pause eingelegt.

"Ja ... knack," gibt er noch kauend Bescheid, "eszbar ... krunsch ... ein Sack ... krunsch ... davon ... krunsch"



Auch ALRIK schnappt sich einen dicken, roten Apfel. Kurz reibt er ihn noch an seinem Hemd, um ihn noch ein bißchen mehr aufzupolieren, dann beißt er herzhaft hinein, so daß ein paar Tropfen des Apfelsaftes weit zu den Seiten wegspritzen.

"Hmhm, ja. Lecker."

Darüber, daß die Hühneridee allerdings auf so wenig Gegenliebe stößt, ist ALRIK dann doch ein wenig enttäuscht.

"Aber wir haben doch auch eine Katze an Bord, da hat der Käpt'n doch auch nichts dagegen. Und füttern würd' ich sie schon. Und den Verschlag würd' ich denn auch mit sauber machen", bietet ALRIK an. Doch im Grunde hat Garulf ja recht. So viele Hühner, wie man brauchen würde, um alle satt zu kriegen, könnte man gar nicht unterbringen.

"Aber vermutlich hast du Recht. Also, was brauchen wir sonst noch?"



"mampf ... wasch wir ... krunsch ... noch brauchen?" antwortet Garulf während er die letzten Reste des Apfels kaut und vertilgt. "Wir brauchen auszerdem noch Rüben und Kartoffeln, da nehmen wir auch je zwei Sack von", diese Antwort richtet sich im ersten Teil an Alrik, im zweiten Teil an Estorik, der die Bestellung auch sogleich registriert. Einen kleinen Moment wartet der Smutje ab, dann fährt er mit seiner Aufzählung fort:

"Dann brauchen wir natürlich noch langhaltbare Vorräte: Zwieback, Holzfisch und Hartwurst."

Estorik macht sich daran, eine der Kisten mit Holzfisch zu öffnen, damit Garulf einen Blick darauf werfen kann, denn wer kauft schon gerne die sprichwörtliche Katze im Sack?

Der Smutje tritt an die Kiste heran und begutachtet die getrockneten Meerbarsche gründlich. Er prüft zunächst die Grösze der Fische durch einen raschen Blick auf den Inhalt der Kiste. Dann nimmt er einen der Fische heraus und überprüft die Härte, denn nur wenn sie wirklich gut durch getrocknet sind, sind Holzfische auch wirklich haltbar. Er befindet die Ware für gut, aber auch hier will er den Schiffsjungen testen, schlieszlich soll Alrik was lernen - etwas sinnvolles lernen.

"Na, was meinst Du? Ist der Meerbarsch hart genug?" fragt er den Jungen, während er ihm den Fisch unter die Nase hält.



ALRIK kräuselt die Nase ein wenig, als er den Holzfisch so auf unmittelbare Nähe hingehalten bekommt. Doch die erste Sorge, daß dem Fisch ein widerlicher Geruch anhaftet, stellt sich spätestens auf dem zweiten Riecher als unbegründet heraus. Alles was nicht gen Alveran stinkt, kann schon mal so schlecht nicht sein. Mit dem linken Zeigefinger pikt ALRIK dann noch einmal kräftig in den Fisch. Und auch dieser Test fällt zu ALRIKs Zufriedenheit aus. Der Fisch ist fest und gibt unter der Berührung nicht nach.

"Er stinkt nicht und auseinander fällt er auch nicht. Hart isser jedenfalls. Ich glaub', der is' gut. Ich hoff' nur, daß er wieder weich wird, wenn er in Wasser eingelegt wird."

Zweifelnd betrachtet ALRIK den Holzfisch, der im Grunde noch nie zu ALRIKs Leibgerichten gehört hat. Ein dickes Rührei mit fettem Schweinespeck, das wäre was Feines. Aber Hühner sind ja unerwünscht, seufzt ALRIK.



Der Holzfischtest fällt zu beider Zufriedenheit aus und so wendet man sich weiteren Vorräten zu. Alles, aber auch wirklich alles, was auf einem Schiff dieser Gröszenordnung und Funktion als Proviant dient, musz aufgefüllt bzw. ganz neu gekauft werden. Sören hatte die Vorratshaltung sträflich vernachläszigt und so fällt dieser Einkauf entsprechend umfangreicher aus. Sehr zum Leidwesen der Schiffskasse und sehr zur Freude von Händler Estorik Torstorson.

Fast eine halbe Stunde dauert es, bis Händleralrik endlich mit dem Kutscher zurückkommt. Es ist nicht ganz einfach, das schwere Lastgespann so zu wenden, dasz man es rückwärts in die Halle fahren kann. Dennoch macht man sich die Mühe, denn alles erst hinaus auf die Strasze zu schleppen wäre noch zeitaufwendiger - und das bereits beladene Fuhrwerk zu wenden wäre vollkommen undenkbar.

Sogleich machen sich Garulf und Estorik daran, die Ware zu verladen, auch Ugo der Kutscher und ALRIK faszen tüchtig mit an. Nur der träge Händlergehilfe drückt sich weitestgehend von der Arbeit, hält sich ewig mit einem Stück auf oder steht gänzlich untätig herum, falls gerade keiner guckt. Nach und nach wandern Wasser-, Bier- und Premerfäszer auf den Wagen, zusammen gut anderthalb Quader schwer, dazu noch je zwei Säcke mit Kartoffeln und Rüben sowie ein Sack äpfel. Schlieszlich wandern noch einige Kisten Holzfisch, Schiffszwieback und Hartwurst auf die Ladefläche, die nun fast bis auf das letzte Rechtspann gefüllt ist.

Die vorhandenen Ware ist verladen, doch etwas fehlt noch - ein wesentlicher Bestandteil thorwalscher Küche: Honig. Doch eben gerade Honig hat Estorik nicht in seinem Lager, der Imker wohnt etwas auszerhalb von Salza und liefert erst gegen Mittag. Weder möchte man auf Honig verzichten, noch möchte man den Kutscher nur wegen eines Fäszchens noch einmal fahren lassen.

Man trinkt noch ein Gläschen Premer Feuer auf den gelungenen Geschäftsabschlusz, dann beschlieszt man erst einmal zur NORDSTERN zurückzukehren, schlieszlich ist man im Dienst und nicht auf Freilandgang.

ALRIK erledigt noch schnell seine persönlichen Einkäufe: Eine kleine Flasche Premer Feür und eine Zuckerstange wechseln den Besitzer, ebenso wie das Goldstück, das Radisar so groszzügig dem Schiffsjungen überliesz. 8 Silbermünzen gehen zurück, für einen einfachen Schiffsjungen immer noch ein groszer Reichtum.

Ein weiterer Beutel Gold wird weitergereicht: Die Anzahlung für den Schiffsproviant, der nachher bei Lieferung vollständig bezahlt werden wird. Nach einer wortreichen Verabschiedung verläszt man Estoriks Lager und begibt sich zurück an Bord.



In SALZERHAVEN -Am Kai: Der Richtschütze


Schon früh am Morgen, noch bevor die Sonne richtig aufging, ist Perval nach Salzerhaven gegangen, um sich im Hafen die zwei Schiffe anzusehen, die die letzte Nacht angekommen sind. Viel hat er in der letzten Nacht von diesen Schiffen gehört. Von Piraten sollen sie überfallen wurden sein, viele Tote soll es bei diesen Überfall gegeben haben und ein großer Krieger sei auf einem der Schiffe. Eines der Schiffe sei dermaßen zerstört wurden, daß EFFerd persönlich seine Hand im Spiel gehabt haben soll, daß das Schiff überhaupt noch bis in den Hafen gekommen ist. Auch wenn sich einiges davon arg übertrieben anhörte, wie soviel was er in den Jahren an Seemannsgarn gehört hat, muß doch etwas an dieser Geschichte dran sein.

Nahe der Tavernen und Läden, die den Hafen umgeben, stellt sich Perval in die Sonne. Von hier aus kann er weite Teile des Hafen überblicken und die Sonnenstrahlen wärmen angenehm sein Gesicht. Von seinem Standpunkt beobachtet er das frühe Treiben im Hafen und auch das eine neu angekommene Schiffe kann er gut sehen. Als Kind hat sich Perval oft hier im Hafen rumgetrieben, um die Schiffe aus fernen Ländern und alle die fremden Menschen zu beobachten. Auch heute noch sieht er sich gerne das Treiben in den Häfen an (wie auch jetzt gerade), auch wenn er es jetzt mit anderen Augen sieht.

Die Geschichte mit dem Piratenüberfall und den vielen Toten scheint ein blauer Hering gewesen zu sein. Zumindest kann Perval kein Schiff entdecken, welches so aussieht, wie es einige der Nachbarn beschrieben haben. Keines der Schiffe im Hafen ist so zerstört. Aber vielleicht hat man es auch schon weggeschafft oder es ist irgendwo vorm Hafen gesunken.

Während er da so steht, spürt er wieder die Sehnsucht nach fremden Ländern in sich und den Ruf des Meeres. Dieser Ruf ist in den letzten Tagen immer stärker geworden. Zu lange ist er schon wieder an Land. Auch wenn die Zeit, die er bei seiner Familie verbracht hat, sehr schön war, ist es an der Zeit, sich eine neue Heuer zu suchen. Vielleicht ist ja auf dem neu angekommenen Schiff eine Heuer frei?

Wer Perval dort so müßig in der Sonne stehen sieht, könnte auf den ersten Blick meinen, einen der zahllosen alten Bettler, die es in allen Häfen rund um Dere gibt, zu sehen. Doch ein Zweibeiner mit etwas Menschenkenntnis wird auf den zweiten Blick trotz des abgewetzen, ausgebleichten und geflickten blauen Mantels und des wettergegerbten und sonnengebräunten Gesichts einen gepflegten Mann mittleren Alters von ca. 30 Götterläufen erkennen. Das Gesicht weist kaum eine Narbe auf und auch ist es frisch rasiert. Die Kleidung, bestehend aus dem erwähnten blauen Mantel, Beinkleidern aus Leinen und schweren, für Seemänner typische Stiefeln, scheint sauber und gepflegt zu sein, wenn auch teilweise alt und geflickt.

Nachdem Perval sich sicher ist, daß auf Deck des neu angekommenen Schiffs Betrieb herrscht und auch zumindest einer der Offiziere anwesend zu sein scheint, macht er sich auf in Richtung des Schiffs. Ruhig geht er hinüber zum Schiff, um es sich dabei noch genauer anzuschauen. NORDSTERN ist der Name des Schiffes, auf dem er nach einer Heuer fragen will.

'Ein guter Name, aber hoffentlich fährt es nicht gerade nach Norden wie sein Name sagt. Eine Heuer Richtung Süden wäre jetzt angenehmer, auch wenn es im Grunde egal ist. Hauptsache, ich bin wieder auf See und die Heuer ist gut'.

Als Perval näher an die NORDSTERN herangekommen ist, bleibt er nochmals kurz stehen und betrachtet die NORDSTERN.

'Ja, jemand von den Offizieren ist definitiv auf dem Brückendeck. Vielleicht sogar ja der Kapitän selber.'

Sicheren Schrittes begibt Perval sich über die Planke an Bord und geradewegs in Richtung des vermutlichen Kapitäns. Allen Leuten, denen er auf seinem Weg auf dem Schiff begegnet, nickt er freundlich zu. Der Mann, den er für den Kapitän hält, ist gerade in das Gespräch mit einem anderen Mann vertieft, doch einer, der eigentlich nur ein Offizier sein kann, steht recht untätig daneben, und wendet sich ihm auch schon zu, kaum, daß er das Brückendeck betreten hat.

"Verzeiht Herr, seid Ihr Offizier hier auf der NORDSTERN?"


*******************************


Lowanger hat den ankommenden Matrosen schon beobachtet, als dieser in Richtung der NORDSTERN gekommen ist, und im Grunde hat er das Anliegen - das wichtige Anliegen - des Mannes auch schon erraten. So tritt er denn auch gleich vor - so etwas kann er zumindest zu Beginn ebenfalls tun, und man muß den Mann nicht unnütz warten lassen.

"Ja, das bin ich. Mein Name ist Wulf Lowanger, zweiter Offizier der NORDSTERN. Womit kann ich Euch helfen?"

Er fragt dies höflich, auch wenn es für ihn recht klar ist, was der Mann möchte - so, wie er gekleidet ist, und auftritt, kann er eigentlich nur ein Matrose sein, der eine Heuer sucht.



"EFFerd zum Gruße. Mein Name ist Perval Karolus. Ich bin Matrose und Richtschütze und zur Zeit auf der Suche nach einer neuen Heuer." erwidert Perval auf die Frage des 2. Offiziers. Aufrecht und ohne Scheu steht Perval vor diesem Mann, doch nicht ohne dem einen Offizier gebührenden Respekt.

"Ich wollte daher fragen, ob nicht auf diesem Schiff vielleicht gerade jemand gesucht wird, der das Seemannshandwerk kennt und schon einige Götterläufe an der Küst auf- und abfährt."



Lowanger ist ein Mann, der nur recht selten Gefühle zeigt, egal, ob diese positiv, oder eher negativ sind. Diesmal ist ihm die Freude über die Bestätigung seiner Ahnung aber anzumerken, denn Matrosen sind etwas, das an Bord seit Thorwal wirklich sehr fehlt. Perval Karolus kommt sozusagen gerade wie gerufen, und auch das zweite, was er sagt - Richtschütze - hört der zweite Offizier sehr gerne, denn unwillkürlich muß er an das denken, was Jergan ihm am Abend über Nirkas Rotzenschuß auf die Haie erzählt hat. Zwar glaubt er nicht, daß man Nirka an der Rotze so ohne weiteres schlagen kann, doch "Konkurrenz" wird auch an der Stelle nicht schaden. Andererseits... vielleicht gibt es ja dann bald ZWEI Rotzenbegeisterte in dieser Mannschaft, und ob das so gut ist?

Das Grinsen in Lowangers Gesicht bleibt erhalten, und er antwortet freundlich:

"Da kommst du hier genau richtig."

Dadurch, daß der andere sich eindeutig als Matrose ausgegeben hat, geht der Offizier auch zum 'du' über, der üblichen Anrede für die Mannschaften.

"Die NORDSTERN braucht in der Tat Matrosen, und wenn dir dieses Schiff gefällt, dann kannst du sogleich hier anheuern."

Kurz überlegt Lowanger, ob er das Finanzielle auch gleich ansprechen sollte, aber das ist vermutlich besser so, denn nichts enttäuscht mehr als ein erfolgversprechendes Anheuergespräch, das dann letztendlich an derartigem scheitert.

"Wie klingen drei Silber pro Tag als Belohnung, zuzüglich von Prämien, wenn du als Richtschütze besonders gute Leistungen zeigst?"



Schon die ersten Worte des Zweiten erfreuen Perval, auch wenn dieses ihm nicht so deutlich anzusehen ist. Lange Jahre hat er gelernt, seine Gefühle gegenüber Offizieren nicht zu deutlich zu zeigen. Zu oft hat er gesehen, was gerade ein Grinsen in Anwesenheit eines Offiziers für schmerzvolle Folgen haben kann.

'Entweder hat der Offizier die normale Heuer der EFFerdbrüder nicht im Kopf oder ich habe vielleicht wirklich mal ein richtig Glück. Vielleicht suchen die auch wirklich so dringend Matrosen, wie sich der Offizier anhört.'

Ein Offizier, der so erfreut zu sein scheint, daß jemand anheuern will, hat er nicht oft getroffen. Viele Offiziere, besonders die auf den Kriegsschiffen, waren bei weiten mürrischer als dieser Wulf Lowanger.

'Drei Silber pro Tag plus eventuelle Prämie. Wirklich nicht schlecht. So schlimm kann die Arbeit hier gar nicht sein, daß die 3 Silber das nicht weg machen würden und wohin das Schiff dann fährt, soll mir auch egal sein.'.

Selten hat Perval solch ein gutes Angebot bekommen.

'Und gut gepflegt ist daß Schiff auch'; das hatte Perval schon beim Näherkommen sehen können.

Schnell, ohne seine Überraschung ob der guten Heuer durch mehr als ein leichtes Zucken seiner Mundwinkel zu zeigen, antwortet Perval dem 2. Offizier:

"Wenn Euer Angebot die üblichen zwei Hohlfinger Branntwein pro Tag beinhaltet, will ich gerne auf diesem Schiff anheuern."

Sich seiner Fähigkeiten als Schütze wohl bewußt, fügt Perval noch hinzu:

"Und die Prämie, die wird ich mir verdienen. Davon könnt ihr ausgehen."

Daß man auf einem Handels/Transportschiff wie der NORDSTERN wohl eher selten dazu kommen wird, die Rotze auch wirklich einzusetzen, übersieht er hierbei aufgrund der Freude über die gute Heuer allerdings.



Lowanger nickt, Branntwein ist kein Problem. Zwar wird auf der NORDSTERN dieser nicht wirklich regelmäßig ausgegeben, aber wer ihn haben möchte - kein Problem. Und das kann sich jetzt ja ohnehin ändern, denn der letzte Koch war in der Hinsicht etwas schlampig, was die Vorratshaltung anging.

Grinsend erwidert Lowanger:

"Ich hoffe eher, daß du keine Gelegenheit hast, diese Prämie zu verdienen, denn das würde ja bedeuten, daß wir in großer Gefahr sind. Aber vielleicht veranstaltet die Bootsfrau auch mal ein Übungsschießen mit der Rotze, dann hättest du doch eine Gelegenheit dafür. Was den Branntwein betrifft - kein Problem."

Der zweite Offizier überlegt kurz - offen ist da wohl nichts mehr, und der Kapitän hat ihm derartige Anheuerungen explizit erlaubt. Zwar wird Jergan mit dem neuen Matrosen auch noch reden wollen, aber das kann später passieren.

So hält Lowanger dem anderen Mann einfach die Hand hin, um diesem die Gelegenheit zu geben, die Heuer per Handschlag zu besiegeln.



Perval schlägt ohne Zögern in die angebotene Hand des 2. Offiziers ein:

"Habt Dank."

Der Händedruck Pervals ist fest, doch nicht so, daß einem die Hände schmerzen. "Und wegen dem Übungsschießen halt ich mich an die Bootsfrau."

Bei den letzten Worten kann er sich dann ein leichtes Grinsen dann doch allerdings nicht verkneifen, auch wenn er sonst in Gegenwart von Offizieren bemüht ist, solches nicht zu tun. Aber der vor ihm stehende Offizier scheint ein ehrlicher und netter Mann zu sein, der einem nicht gleich für jedes Grinsen die Peitsche spüren läßt.

"Wenn Ihr mir dann noch zwei Fragen gestatten würdet: Wohin fährt die NORDSTERN und wann sticht sie wieder in See?"



Lowanger erwidert den Händedruck ebenso fest - der typische feste Händedruck eines Mannes, der fast sein ganzes bisheriges Leben zur See gefahren ist.

"Die Bootsfrau kümmert sich momentan gerade um die Reparatur der Rudermaschine, aber ich bin mir sicher, du wirst Nirka bald kennenlernen. Die NORDSTERN ist im Moment auf dem Weg nach Brabak, und wir werden voraussichtlich morgen auslaufen. Das hängt ein wenig von dieser Ruderreparatur ab, aber ich denke mal, so etwa gegen Mittag sollte es losgehen. Ansonsten kommt das Schiff aus Riva, wie du vielleicht schon gehört hast, und wir laufen so ziemlich alle Häfen der Küste an - der nächste wird dann Nostria sein."

Aufmerksam beobachtet der zweite Offizier den Matrosen dabei, um zu sehen, ob und wie er auf Ziel und Herkunft des Schiffes reagiert.



Als Perval der Zielhafen der NORDSTERN hört, kann er sich gerade noch beherrschen vor Freude keinen Luftsprung zu machen. So überzieht nur ein neuerliches Grinsen sein Gesicht, das aber schon nach einem kurzen Moment wieder verschwindet und dem üblichen freundlichen aber gleichgültigen Ausdruck Platz macht. Allerdings scheinen die Augen ein Wenig mehr zu blitzen als zuvor und auch die Mundwinkel sind ein Stück höher gezogen als normal. Soviel Glück hatte Perval, wissen die Götter, wirklich nicht erwartet. Nicht nur, daß die Heuer mehr als gut ist, sondern das Ziel der Reise liegt auch noch so weit im PRAios, wie er bisher selten gekommen ist. Daß die NORDSTERN auf der Fahrt so ziemlich alle Häfen anläuft, verspricht eine lange Reise zu werden und ein dementsprechend guter Verdienst. Dazu kommt,daß durch die häufigen Unterbrechungen die Fahrt nicht ganz so langweilig wird, sondern man öfters die Gelegenheit hat, eine alte Bekanntschaft aufzufrischen. Auch ist das Wetter im PRAios des Kontinents weitaus angenehmer als es in den nächsten Monden in der hiesigen Umgebung sein wird. Und wenn alle Offiziere der NORDSTERN nur annähernd so gut sind, wie es dieser Lowanger zu sein scheint, kann man es sicherlich gut auf der NORDSTERN aushalten.

Daß die NORDSTERN aus Riva kommt, stört Perval nicht im Geringsten. In den Götterläufen auf See ist er schließlich unter den verschiedensten Flaggen gefahren und die der nördlichen Häfen waren dabei mit Sicherheit nicht die schlimmsten. Zumindest verspricht es, das immer ein Feuer an Bord ist, oder wenigstens ein anderer guter Brannt. Und dieses ist schließlich eines der wichtigsten Dinge.

Um seinen guten Willen zu zeigen (auch auch die 3 Silber für den heutigen Tag zu verdienen), bietet Perval dem Zweiten dann auch an, sofort anzufangen:

"Wenn es Euch recht ist, kann ich sofort mit der Arbeit anfangen. Ich würde dann im Laufe des Tages oder des Abends nochmals an Land gehen, um mich zu verabschieden und meine Sachen zu holen."



Dem erfahrenen Seemann, der der zweite Offizier ist, entgeht die Freude nicht, die der Matrose empfindet, und darüber wiederum freut er sich, denn es ist für das Klima an Bord schon ziemlich wichtig, daß die Matrosen zufrieden mit dem sind, was sie tun, und das beinhaltet nicht nur den Lohn und die Arbeit, sondern auch solche Umstände wie die Reiseroute oder Zielhäfen. Er selbst empfindet es so, daß Fernfahrten, wie die NORDSTERN sie unternimmt, wesentlich interessanter sind als ewige Pendelfahrten zwischen zwei Häfen, und ist im Grunde über jeden froh, der das auch so sieht. Das sind längst nicht alle, denn vielen sind regelmäßige Treffen mit Bekannten und Freunden, wie sie solche Pendelfahrten ermöglichen, noch wichtiger.

Diese Gedanken verhindert eine sofortige Antwort Lowangers, doch man merkt dabei auch deutlich, daß das kurzzeitige Schweigen nichts böses zu verheißen hat.

"Das ist gut. Du mußt heute bestimmt noch nicht viel machen, aber auf diese Weise kannst du das Schiff, und vor allem auch deine Kameraden hier an Bord schon sehr bald kennenlernen. Du bist sicher schon auf havena-getakelten Karavellen ähnlich dieser gefahren, oder?"

Auch wenn dies eher wie eine Feststellung klingt, so sieht Lowanger den Matrosen doch fragend an und scheint eine Antwort zu erwarten.



Den kurzen Moment, bevor der Zweite ihm antwortet, wartet Perval ab und schaut dabei weiterhin den Zweiten an. Nicht daß er ihn anstarren würde, sondern mehr wie jemand, der gewohnt ist, Befehle zu empfangen und eventuell zu warten, bis ein Vorgesetzter sich wieder an ihn wendet. Dabei geht er kurz die Dinge durch, die er vor dem Ablegen noch erledigen will. Da wären zum einen der Abschied von seiner Familie, ein kurzer Besuch im EFFerdtempel und - da spricht ihn der Offizier wieder an und seine Gedanken sind sofort wieder bei dem Gespräch und bei der Frage, die ihm gestellt wurde.

"Sicher. Unter anderem habe ich eine Zeit auf einer Karavelle der Hylailer Bauart verbracht, als ich im 3. Hochseeschwadron der Mittelreich-Flotte gedient habe."

Perval überlegt kurz, ob er ihm auch noch die anderen Schiffe auszählen soll, auf denen er gedient hat, verwirft diesen Gedanken dann aber:

'Wenn er mehr wissen will, wird er schon fragen und ansonsten wird er sehen, was ich kann.'

Nachdem für Perval die wichtigsten Sachen geklärt sind, versucht er das Gespräch zu einem Ende zu bringen. Nicht daß dieses ihm unangenehm ist, dazu ist sein Gesprächspartner zu freundlich, doch ist er kein Mann vieler Wort und schon gar nicht gegenüber Vorgesetzten. Viel lieber würde er jetzt gleich unter Deck gehen, um das Schiff und vor allem seine Kameraden kennenzulernen. "Könntet Ihr mir vielleicht die Namen der anderen Offiziere sagen, nicht daß ich nachher da stehe, ich nicht weiß, mit wem ich es zu tun habe. Und wenn nichts mir anliegt, könnte mir einer der Matrosen ja kurz meine Schlafplatz zeigen und mich zur Bootsfrau bringen."



Lowanger nickt, denn das, was der Matrose da vorschlägt, ist durchaus sinnvoll und nützlich - und kommt zudem seiner eigenen wortkargen Art entgegen.

"Der Kapitän heißt Jergan Efferdstreu, und steht dort drüben auf dem Brückendeck."

Der zweite Offizier neigt dabei kurz den Kopf in die entsprechende Richtung.

"Fiana Ohldotter ist unsere erste Offizierin, mich als zweiten Offizier kennt Ihr schon, und dann ist da noch Nirka Eiriksdottir als unsere Bootsfrau. Ich werde einen unserer Matrosen rufen..."

Lowanger stockt. Eigentlich hatte er an Trolske gedacht, aber der ist gerade sichtbar beschäftigt, und von denen, die auf dem Oberdeck gerade etwas tun, wäre höchstens Angar abkömmlich, aber das möchte er Perval nun wirklich nicht zumuten.

"Nein, ich werde selbst mit dir eine kurze Runde über das Schiff drehen, und dabei werden wir sicher einen der Matrosen treffen, der dir den Rest dann zeigen kann."

Er zeigt dabei einladend in Richtung des Niedergangs zum Oberdeck.



Als der Zweite den Namen des Kapitäns nennt und in dessen Richtung weist, sieht Perval seine Vermutung, wer hier der Kapitän ist, bestätigt. Als er ihm dann anbietet, persönlich das Schiff zu zeigen und ihm auch noch augenscheinlich den Vortritt zum Oberdeck läßt, ist Perval einen Moment verwirrt. Etwas Ungewöhnlich ist es ja schon, daß ein Offizier sich die Mühe macht, einen Matrosen rum zu führen, zumal auf dem Deck zumindest ein Matrose so aussieht, als könnte er seine Arbeit jederzeit unterbrechen. Aber vielleicht will er einen ja auch noch ein wenig prüfen und beobachten, geht es Perval durch den Kopf. Aufgrund dieser Gedanken läßt Perval dem Zweiten mit einem:

"Nach Euch Herr Lowanger" den Vortritt. Dabei tritt Perval einen Schritt beiseite, um dem Zweiten den Weg zum Niedergang gänzlich frei zu machen.

Die wenigen Momente des Über-Deck-Schauens und des Beiseite-Tretens nutzt Perval, um auch einen schnellen Blick über das Brückendeck zu werfen, und sich den Kapitän und den Schiffsmagier, denn nur um diesen kann es sich bei der einen Person auf dem Brückendeck handeln, nochmals anzuschauen und einzuschätzen.



Der zweite Offizier geht die Treppe zum Oberdeck hinunter, und bleibt so ziemlich in dessen Mitte stehen. Zu den Einrichtungen des Schiffes sagt er nichts weiter, denn es ist ja klar, daß Perval als erfahrener Matrose nicht gesagt bekommen muß, was eine Winde ist, und welchen Zweck sie erfüllt, aber er nennt die Namen der anderen Matrosen, und weist auf Besonderheiten dieser Karavelle hin.

An der Art, wie Lowanger mit knappen Worten erklärt, merkt man deutlich die Erfahrung, die der Offizier besitzt.



Nachdem der Zweite an Perval vorbei und runter zum Oberdeck gegangen ist, folgt Perval ihm den Niedergang hinab. Er läßt dabei genügend Abstand, so daß er dem Zweiten nicht rein laufen würde, wenn dieser stehenbleibt, aber auch nicht zu weit weg, als daß dieses als Desinteresse angesehen werden könnte. Auf dem Oberdeck angekommen, stellt sich Perval neben den Zweiten und folgt dessen Ausführungen zu den Besonderheiten mit Interesse und merkt sich die genannten Namen der Matrosen. Den Matrosen, die ihn ansehen, nickt er freundschaftlich zu.

Perval empfindet es angenehm, daß der zweite ihm keine Kleinigkeiten erklärt, die er sowieso schon weiß. So muß er kein Interesse heucheln Ganz im Gegenteil ist sein Interesse an den Ausführungen und Erläuterungen des Zweiten sehr groß. An seinem Gesicht kann man sehr gut erkennen, wie seine Gedanken arbeiten. Immer wieder wechselt der Ausdruck von einem fragenden über einen denkenden zu einem verstehenden Ausdruck, der öfters mit einem

"Ah", "Aha" oder "Verstehe" verbunden ist.

Durch die Art der Erläuterungen steigt der Zweite noch mehr in der Achtung Pervals. Nicht nur daß er freundlich ist, auch scheint er sein Handwerk zu verstehen.



Nachdem der Zweite seine Schiffsführung beendet und Perval an einen der Matrosen übergeben hatte, begann für Perval der erste Arbeitstag auf der NORDSTERN. Außer einigen kleineren Tätigkeiten gab es für ihn allerdings nicht viel zu tun, so daß er sich mit einigen der Matrosen bekannt machen konnte. Von den Passagieren hat er mit keinem gesprochen. Er zieht es vor, nach Möglichkeit diese zu meiden, da man nie weiß, wie diese reagieren und ob sie sich nicht wegen jeder Kleinigkeit bei den Offizieren beschweren.

Am Nachmittag hatte er sich dann abgemeldet und war in die Stadt gegangen. Sein erster Weg führte in den EFFerdtempel, um dort dem Gott des Meeres für seine neue Heuer zu danken und ihn um eine gute Reise zu bitten. Wie jedesmal, wenn er einen Tempel EFFerds besucht, hat er auch heute eine kleine Spende zurückgelassen, die aber aufgrund seiner hohen Heuer üppiger als sonst ausfiel.

Nach dem Besuch im Tempel ging er zum Haus der EFFerdbrüder, um auch dort eine Tagesheuer abzugeben und sich abzumelden. Wie auch an vielen anderen Orten gibt es in Salzerhaven ein Bruderheim, wo Seefahrer billig Unterschlupf bekommen und in der Kanzlei Fahrten vermittelt werden und man Informationen über die verschiedenen Schiffe und Kapitäne erhalten kann Hier erfuhr Perval auch, daß der Kapitän der NORDSTERN, Jergan Efferdstreu, als guter und gerechter Kapitän bekannt ist.

Die längste Zeit brauchte Perval allerdings, um seine Sachen zu holen und sich von der Familie zu verabschieden. Nicht daß er so viele Sachen hätte, die gepackt werden mußten, diese passen alle in seinen alten Seesack, der zum Teil noch nicht einmal richtig ausgepackt war. Vielmehr trauerte seine Mutter wieder einmal, daß er sie nach so kurzer Zeit schon wieder verläßt, und man nie weiß, ob man sich noch einmal wiedersieht. Daher wurde er auch mindestens ein Dutzendmal umarmt und auf die Wange geküßt, bevor sie ihm zum Abschied noch einen Beutel ihrer herrlichen, selbstgebackenen Kekse und eine Flasche des Selbstgebrannten mit auf den Weg gab. Auch von seiner frisch verheirateten Schwester und ihrem Mann, als auch von seinen anderen Schwestern und Brüdern, Nichten und Neffen, die noch in Salza und Salzerhaven wohnten, sowie von einigen Nachbarn, verabschiedete er sich, so daß es doch schon fast dunkel wurde, bevor er wieder die NORDSTERN erreichte und seine Sachen verstauen konnte. Danach suchte er sich noch einige kleine Tätigkeiten, um nicht am ersten Tag wegen Nichtstuns aufzufallen.



NORDSTERN - Die neue Matrosin


Der Morgen dieses 27. EFFerd setzt sich auf der NORDSTERN genauso arbeitsam fort, wie er begonnen hat, es kommt sogar noch ein wenig Arbeit hinzu, denn Ladung muß an Bord genommen werden, und ein neuer Matrose eingewiesen werden.

Andere Arbeiten werden fertig, manche rascher, als man es gedacht hat. So ist die Ruderreparatur nach nur zwei Stunden bereits abgeschlossen, und ein sichtlich erfreuter Kapitän bezahlt einen ebenso erfreuten Schiffbauer dafür, während eine gleichfalls erfreute Nirka sanft am Steuer dreht und das fast nicht mehr zu spürende Spiel genießt - so muß das Steuer sein, und so wird die NORDSTERN auch in schwerster See bestehen können.

Alrik und Garulf kehren alsbald von ihrer Proviantbesorgung zurück, allerdings ohne Proviant, denn der wird erst im Laufe des Tages angeliefert werden.

Und auch noch jemand hat still und fast von allen unbemerkt auf die NORDSTERN zurückgefunden - Ameg, der kleine Junge, der in Thorwal auf das Schiff gekommen ist.

Der Morgen schreitet unterdessen voran, und geht langsam in den Vormittag über. Das Wetter ist nach wie vor ein hervorragendes Segelwetter - ziemlich starker Wind, immer öfter Wolken, und ab und zu auch ein wenig Sonnenschein. Nach Regen sieht es jedenfalls nicht aus, und so verlockt dieser Tag doch sehr dazu, das Schiff zu verlassen, und die Stadt weiter zu erkunden, und vielleicht auch noch das eine oder andere Geschäft zu tätigen - oder wenigstens etwas zu erleben.

So ist es auch noch recht zeitig, als sich nach und nach einige der Fahrgäste, aber auch Angehörige der Mannschaft, die an diesem Tag frei haben, auf den Weg nach Salzerhaven machen - hinein in die kleine Stadt, die einigen schon vom Vorabend näher bekannt ist. Was sie alle jedoch noch nicht ahnen, ist das, was sie an diesem Tag und an diesem Ort für Erlebnisse erwarten werden...


**************************


Es ist vielleicht Mittag, als Jergan, der zu den wenigen gehört, die auf dem Schiff zurückgeblieben sind, bemerkt, daß eine kleine Gruppe von Personen recht zielstrebig über den Anleger kommt, und auf sein Schiff zusteuert. Zuerst denkt er an eine Familie, die eine Seereise unternehmen will, dann, als sich eine Frau von den anderen verabschiedet, und über die Planke auf die NORDSTERN kommt, an eine einzelne Mitfahrwillige, doch es kommt anders:


**************************


Eine recht große, schlanke Frau, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, läuft zielstrebig in Richtung des Hafens. Sie hat lange, schwarze Haare und trägt eine lange, dunkle Hose und ein oliv-grünes Hemd, welches von der Arbeit schon gestreßt wirkt. Etwas aufgeregt, aber entschlossen geht sie rasch den Weg entlang.

Etwa zwei Meter hinter ihr läuft eine ältere Frau, die ziemlich sicher ihre Mutter ist, mit einem kleinen Jungen, der wohl ihr Bruder ist, und den die Mutter mit "Ramo" angeredet hat. Er ist zwar für gewöhnlich sehr aufgeweckt und flink, heute jedoch will er nicht recht zum Hafen laufen, vielleicht weil er weiß, daß seine Schwester heute die Familie und auch die Stadt verlassen wird.

Ihre Mutter weiß das natürlich auch, kann aber die Traurigkeit verbergen - ein großer Abschied mit tränenüberfluteten Gesichtern hätte die junge Frau sowieso mehr verunsichert als ihr geholfen.

Im Hafen angekommen bleibt sie stehen und wartet auf ihre Familie - zumindest auf die beiden, die mitgekommen sind, um sie zu verabschieden. Ihr Vater kann nicht da sein, weil er gerade auf See ist. Er ist Offizier auf einem anderen Schiff, welches jedoch ab und zu in Salzerhaven anlegt.

Früher ist sie oft mit ihm auf See gefahren, und hat das Meer und die Seefahrt dabei lieben gelernt. Und jetzt ist sie selbst Matrosin, die bald auf der NORDSTERN dienen kann, wie sie hofft, ebenso, wie sie hofft, daß dieses Schiff eine gute Wahl ist. Alle drei stehen wortlos beieinander. Keiner weis so recht was er sagen oder tun soll. Schließlich beginnt die junge Frau:

"Nun ist es also soweit. Ich werde euch alle sehr vermissen."

Ihr läuft eine Träne die Wange hinab.

"Versprich mir, daß du ein braver Junge sein wirst, Ramo, und hör auf deine Mutter. Ja?"

Ramo nickt, möchte aber nicht sprechen. Für einen kleinen Jungen wie ihn ist das gewiß nicht leicht.

Sie deutet an, daß es Zeit zu gehen ist und umarmt noch ein letztes Mal ihren kleinen Bruder und ihre Mutter, die sich dann, ihrer Bitte gemäß, auch entfernen, denn sie möchte keine langen Abschiedsszenen zwischen Schiff und Anleger. Nun geht sie entschlossen auf die NORDSTERN zu, und ruft mit fester Stimme:

"Ahoi! Darf ich an Bord kommen?"


**************************


Der Kapitän wundert sich ein wenig, denn das fragen Fahrgäste für gewöhnlich nicht nach. Es sei denn... er sieht genaür hin, und langsam findet ein Lächeln den Weg in sein Gesicht. Die hier in Salzerhaven nur sehr verhalten durchgeführte Werbung scheint dennoch einen weiteren Erfolg zu haben!

"Erlaubnis erteilt!" ruft er zurück.

Die junge Frau überquert die Planke zügig und mit einer Eleganz, die verrät, daß sie dies gewiß nicht zum ersten Mal tut. Sie verbeugt sich kurz vor dem Kapitän, den sie sofort als diesen erkannt hat, und sagt knapp:

"Mein Name ist Traviana... ich würde gerne bei Euch anheuern!"

Immer noch lächelnd erwidert der Kapitän:

"Willkommen auf der NORDSTERN, ich bin Jergan Efferdstreu, Kapitän. Wir suchen in der Tat Matrosen, das ist richtig."

Er hält kurz inne, um die junge Frau dann nach ihren bisherigen Erfahrungen, und dem, was sie gelernt hat, zu befragen. Ihre Antworten, die rasch und ehrlich kommen, gefallen ihm, und so dauert es nicht lange, bis das Gespräch auf der Brücke damit endet, daß die NORDSTERN eine neue Matrosin hat, die von Trolske dann sogleich das Schiff und insbesondere auch den Mannschaftsraum gezeigt bekommt.


**************************


Es dauert wieder nicht lange, bis die nächste Störung stattfindet, aber auch diese ist höchst willkommen, denn es handelt sich um nichts anderes als die Proviantlieferung, die Garulf am Morgen bestellt hat, und die nun pünktlich und vollständig auf der NORDSTERN eintrifft, sehr zur Freude des Schiffskochs, der all den schönen Proviant gleich in die entsprechenden Laderäume bringen läßt.


**************************


Auf diese Weise vergeht dieser 27. EFFerd auf der NORDSTERN - mit kleinen Ereignissen, die im Grunde dem Schiff und den Menschen darauf Gutes bringen, und ohne große Zwischenfälle oder Störungen. Zumindest auf dem Schiff ist es noch ein Hafentag wie viele andere...


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Traviana sieht sich um. Das Schiff gefällt ihr sehr gut. Es ist viel größer und schöner als die Schiffe auf denen sie bisher gefahren ist. Der Käpten ist sehr freundlich zu ihr gewesen, was gleich einen guten Eindruck vermittelt hat. Und sie hatte sich keinen Falls getäuscht, denn was sie bisher von der NORDSTERN gesehen hat gefällt ihr sehr gut. Auch Trolske, welcher ihr das Schiff gezeigt hat wirkt sehr freundlich. Alles in allem findet sie es hier sehr schön und beeindruckend. Sie freut sich schon darauf endlich in See zu stechen...



In SALZERHAVEN - Der Tag vergeht .....


Der 27. EFFerd 28 nach Hal vergeht in Salzerhaven ohne besondere Ereignisse. Zumindest passiert nichts, das in irgendeiner Weise im Hafen besonders zu spüren ist. Auch in der Stadt selbst ist kaum etwas zu bemerken, warum auch? Probleme, mit denen einzelne Menschen zu kämpfen haben, greifen nur sehr selten auf andere über, und noch seltener werden sie so groß, daß man in einer ganzen Stadt etwas davon bemerken könnte.

Das einzige, was an diesem Tag vielleicht nicht so ganz normal ist, ist eine gewisse Unruhe, die den EFFerdtempel erfaßt hat - eine Unruhe, gemischt mit Trauer. Doch der Tempel steht nicht im Mittelpunkt der Stadt oder des öffentlichen Interesses, und die Geweihten verbergen diese Trauer sehr gut, so daß darüber und insbesondere auch über die Hintergründe nichts weiter an die Öffentlichkeit dringt.

Auch für die Stadtwache von Salzerhaven ist dieser Tag recht normal. Daß ein recht offensichtlich heimatloser Streuner auf offener Strasse gestorben ist - das ist zwar nicht gerade alltäglich, aber auch kaum größere Aufregung wert, zumal in dem Fall keine Fremdeinwirkung festzustellen ist.

Höchstens auf einem der Schiffe im Hafen, der NORDSTERN, wird dieser Tag doch nicht ganz so alltäglich, wie es noch am Nachmittag erschienen ist. Die Gruppe aus Fahrgästen und Matrosen, die sich hungrig zu einem Frühstück an Land zusammengefunden hat, ist am Nachmittag noch nicht wieder auf das Schiff zurückgekehrt. Das alleine wäre nichts besonderes, schließlich ist es normal, sich mehrere Stunden in der Stadt zu vergnügen, aber nicht ganz so normal ist es, daß alle zusammen so lange wegbleiben, und ebenfalls nicht ganz normal sind Botschaften, die die ebenfalls beteiligte Bootsfrau dem Kapitän überbringen läßt. Doch dieser zeigt kaum Spuren von Besorgnis, eher im Gegenteil - diese Botschaften scheinen ihm als Erklärung zu genügen, auch wenn er darüber zu niemanden spricht - mit Ausnahme von Lowanger.


**************************


Doch schließlich, die PRAiosscheibe steht nur noch knapp über dem Meer der sieben Winde, kehrt die Gruppe zurück, und trifft sich sogleich mit dem Kapitän in dessen Kajüte, die für die vielen Menschen fast ein wenig klein ist - doch das Anliegen ist wichtig, und vor allem auch eilig.

Durch die nur angelehnte Tür dringen einige Worte nach draußen, bei denen es um eine wichtige Mission, eine rätselhafte Muschel, die Stadt Havena, und insbesondere auch das Auslaufen geht. Es mag fast so scheinen, als würde man versuchen, den Kapitän zu etwas zu überreden, das nicht so ganz den bisherigen Plänen entspricht.

Doch die Gespräche dauern nicht lange, und führen dazu, daß Jergan Fiana und Lowanger rufen läßt und mit ihnen kurz etwas bespricht.

Wiederum kurz danach macht sich eine Gruppe von Leuten auf den Weg in die Stadt, zu denen neben Jergan persönlich auch der junge Geweihte Hesindian gehört. Sie bleiben nicht viel länger als eine knappe Stunde weg, und haben bei ihrer Rückkehr ein Kästchen bei sich, neben dem Hesindian mit sehr ernstem Gesichtsausdruck, aus dem Verantwortung und das Bewußtsein um etwas sehr wichtiges sprechen, einher schreitet. Auf der anderen Seite geht eine Frau, die noch nie auf der NORDSTERN gewesen ist, aber sie ist keine Unbekannte - wer im EFFerdtempel gewesen ist, weiß, daß es niemand anders ist als Erkenhild Thurensdottir, die Vorsteherin des EFFerdtempels von Salzerhaven.

Die Nacht ist bereits hereingebrochen, dann kommt Leben in das Schiff. Leise huschen einige Matrosen im Licht von Öllampen über das Deck, und führen Kommandos aus, die Nirka halblaut von der Brücke aus gibt. Das ganze hat den Anschein von ein wenig Heimlichkeit, und es ist deutlich zu sehen, daß längst nicht alle Matrosen beteiligt sind, und man sich bemüht, nicht zu viel Krach zu machen, um die Fahrgäste nicht zu wecken. Doch... einem potentiellen Beobachter muß schnell klar werden, was hier gemacht wird - man macht die NORDSTERN nämlich auslaufbereit!

Doch noch bleibt die NORDSTERN im Hafen, und lediglich das Licht, das aus der Kajüte des Kapitäns fällt, verrät, daß dort noch wichtige Dinge zwischen Kapitän und Tempelvorsteherin besprochen werden.

Erst zwei Stunden nach Mitternacht - im Hafen ist längst Ruhe eingekehrt - verlassen die beiden die Kajüte und begeben sich in Richtung der Planke.

"Ich danke Euch und Eür Mannschaft für Eure Hilfe und wünsche Euch eine gute Reise, Jergan. EFFerd wird seine Hände schützend über dieses Schiff halten, und Euch günstige Winde schicken, die Euch und den 'Hüter' mit der 'Heiligen Miesmuschel' so rasch wie möglich direkt nach Havena bringen!"

"Habt Dank!" ist die schlichte Antwort des Kapitäns auf diesen sehr ernst ausgesprochenen Wunsch der Tempelvorsteherin, die fast widerwillig über die Planke geht und das Schiff verläßt.

Kurz nach ihr huschen Trolske und Xenia über eben jene Planke - die beiden haben die Halteleinen gelöst, und holen nun die Planke ein.

Jergan tritt ihnen rasch aus dem Weg, denn auch wenn sie ihm als Rangniedrigere eigentlich aus dem Weg gehen müßten, so sind sie es doch, die im Moment wichtige Arbeiten verrichten. Er geht langsam über das Deck, und bleibt schließlich am Bug neben der Rotze stehen - ein hervorragender Platz, um das Hafenbecken vor dem Schiff zu beobachten, aber zugleich auch ein höchst ungewöhnlicher Ort für den Kapitän. Er dreht sich um, und nimmt das im schwachen Licht der Öllampen zu erkennende Bild seines Schiffes aus - düster ragen die Masten in den Nachthimmel, dunkel begrenzt der Heckaufbau das Deck nach hinten, und recht hell spiegeln die Segel, die die Matrosen bereit halten, das Licht wider.

"Setzt die Segel!" befiehlt er - leiser als sonst, aber der Befehl wird in gewohnter Geschwindigkeit ausgeführt. Die beiden großen Havena-Segel werden gesetzt, und der Wind greift sofort nach ihnen, vorerst jedoch ohne jede Wirkung, weil der Anstellwinkel einfach verkehrt ist.

"Dichtholen! Ruder hart Steuerbord!"

Auf dem Brückendeck kurbelt Nirka das Ruder bis zum Anschlag herum, und auf dem Deck knarren die Winden, die die Segel in den Wind drehen. Der starke Druck läßt die NORDSTERN sofort nach Steuerbord krängen, doch das Ruder tut ein übriges, und so beginnt das Schiff fast auf der Stelle mit einer Drehung.

Für einen zufälligen Beobachter mag es fast etwas Gespenstisches haben, wie die Karavelle mitten in der Nacht unter fast vollen Segeln geräuschlos im Hafenbecken wendet, ein Anblick, der gewiß nicht alltäglich ist, und bei dem sich wohl alle fragen, was das soll, warum man das zu dieser Zeit tut.

Die einzige an Land, die das beobachtet, und auch Bescheid weiß, ist die Tempelvorsteherin, die vom Anleger aus dem drehenden Schiff noch einmal zuwinkt, und sich dann auf den Rückweg zu ihrem Tempel macht - in Gedanken jedoch bei diesem Schiff und einem Gegenstand ist, der sich an Bord befindet.

Jergan Efferdstreu hat am Bug voll zu tun, denn die Hafenausfahrt ist zwar im Hellen bei langsamer Fahrt leicht zu passieren, aber im Moment ist es dunkel, und der Wind treibt das Schiff schon hier tüchtig voran. Aus diesem Grund hat er diesen Platz auf dem Vordeck gewählt, denn er weiß, daß er sich auf Nirka am Steuer voll verlassen kann - sie wird seine Befehle gedankenschnell umsetzen, und ebenso werden die Matrosen auf dem Oberdeck unter Fianas Kommando die Segel genauso bedienen, wie es nötig ist, daß kein Unglück passiert.

"Ruder hart steuerbord!" Zum zweiten Mal ruft er diesen Befehl, aber diesmal klingt es fast erleichtert, denn nun schwenkt die NORDSTERN aus der Hafeneinfahrt in die Ingval-Mündung ein, und nun - vielleicht drei Stunden vor Sonnenaufgang - geht es nur noch geradeaus auf das Meer der sieben Winde hinaus. Jergan wartet dennoch am Bug, bis es sicher ist, daß sie keine unerwarteten Untiefen mehr zu passieren haben, um dann zum Heck zurückzukehren, und dort die weiteren Verrichtungen dieser nächtlichen Ausfahrt vorzunehmen.


**************************

Lowanger hält das Steuerrad mit beiden Händen fest, während er ab und zu einen Blick nach Backbord wirft, wo die PRAiosscheibe gerade aus dem Meer auftaucht - das Schiff ist gerade weit genug hinausgefahren, damit das Land außer Sicht geraten ist, und hat dann auf Südkurs geschwenkt. Es ist ein schöner Sonnenaufgang für die wenigen Seeleute, die sich zu dieser Zeit auf dem Deck der Karavelle befinden, doch zugleich weiß Lowanger auch schon, daß dies wohl einer der wenigen sonnigen Momente dieser Fahrt sein wird, denn fast der gesamte Himmel ist von kleinen Wolkenfetzen überzogen, die der kräftige Wind von Westen her heran treibt, und die immer weniger Stücke blauen Himmels übrig lassen.

Der zweite Offizier beobachtet das Meer noch kurz, dann wendet er sich wieder der Schiffsführung und einem Befehl zu, den der Kapitän gegeben hat, ehe er sich in seine Kajüte zurückgezogen hat - daß nämlich ab Sonnenaufgang die Fahrt heraufgesetzt werden soll.

"Setzt die Klüver und die Blinde!" ruft er dann schließlich, Befehle, die die Matrosen rasch ausführen, denn auch sie haben den Befehl des Kapitäns vernommen, und sie wissen auch, daß sie nun bald abgelöst werden, denn mit der Ruhe und dem Schlafen auf dem Schiff ist jetzt für die anderen sicher vorbei. Die bisherige Fahrt verlief nämlich vergleichsweise ruhig - zuerst war das Schiff noch recht dicht beim Land, wo Wind und Seegang es nicht so stark getroffen haben, und dann wurden die Segel nur sehr verhalten eingesetzt. Damit ist jetzt aber Schluß...

"Dichter holen!"

Lowanger spürt den stärkeren Gegendruck sofort am Steuer, und seine Ohren registrieren an den Geräuschen, die das Tauwerk macht, daß die Belastung erheblich gestiegen ist. So macht das Segeln Spaß, so kann die Karavelle zeigen, wozu sie in der Lage ist!

Ein Lächeln huscht über das Gesicht des erfahrenen Offiziers, als der Bug der NORDSTERN, der durch den Druck der Segel und des starken Windes tiefer als gewöhnlich in das Wasser getaucht wird, laut platschend eine Welle trifft, und sich eine gehörige Ladung Seewasser über das Vordeck ergießt. Er korrigiert den Kurs relativ zu den Wellen ein wenig mit dem Steuer - übertreiben soll man es ja nicht, aber immerhin liegt das Schiff jetzt wesentlich unruhiger als zuvor. Es rollt in den Wellen, ab und zu gibt es ruckartige Bewegungen, wenn eine Welle ungünstig getroffen wird, und allgemein ist eine leichte Schlagseite nach Backbord festzustellen, verursacht durch den Druck des Windes und die Tatsache, daß ungeachtet des Wetters sämtliche Segel gesetzt sind, und die NORDSTERN ordentlich Fahrt macht.

Lowanger freut sich darüber, und wenn er ganz ehrlich sich selbst gegenüber ist, freut er sich auch schon auf die ersten verwirrten Fragen von den Fahrgästen, die sich plötzlich auf hoher See wiederfinden, oder aber vielleicht denken, daß sie das normale Auslaufen verschlafen haben...

'Hoffentlich hat der Kapitän recht, daß von denen wirklich keiner nach Nostria möchte', geht ihm auch noch durch den Kopf, während er damit an den zweiten Beschluß der letzten Nacht denkt, der ebenfalls noch nicht verkündet ist... wie überhaupt über die ganze Mission bislang nur eine Handvoll Menschen Bescheid weiß. Doch das wird sich in Kürze wohl rasch ändern.

So segelt die NORDSTERN unter vollen Segeln an diesem frühen Morgen des 28. EFFerd 28 nach Hal in Richtung Süden, während an Bord das Leben gerade wieder erwacht...





- 26 -



Der zweite Offizier geht die Treppe zum Oberdeck hinunter, und bleibt so ziemlich in dessen Mitte stehen. Zu den Einrichtungen des Schiffes sagt er nichts weiter, denn es ist ja klar, daß Perval als erfahrener Matrose nicht gesagt bekommen muß, was eine Winde ist, und welchen Zweck sie erfüllt, aber er nennt die Namen der anderen Matrosen, und weist auf Besonderheiten dieser Karavelle hin.

An der Art, wie Lowanger mit knappen Worten erklärt, merkt man deutlich die Erfahrung, die der Offizier besitzt.



Nachdem der Zweite an Perval vorbei und runter zum Oberdeck gegangen ist, folgt Perval ihm den Niedergang hinab. Er läßt dabei genügend Abstand, so daß er dem Zweiten nicht rein laufen würde, wenn dieser stehenbleibt, aber auch nicht zu weit weg, als daß dieses als Desinteresse angesehen werden könnte. Auf dem Oberdeck angekommen, stellt sich Perval neben den Zweiten und folgt dessen Ausführungen zu den Besonderheiten mit Interesse und merkt sich die genannten Namen der Matrosen. Den Matrosen, die ihn ansehen, nickt er freundschaftlich zu.

Perval empfindet es angenehm, daß der zweite ihm keine Kleinigkeiten erklärt, die er sowieso schon weiß. So muß er kein Interesse heucheln Ganz im Gegenteil ist sein Interesse an den Ausführungen und Erläuterungen des Zweiten sehr groß. An seinem Gesicht kann man sehr gut erkennen, wie seine Gedanken arbeiten. Immer wieder wechselt der Ausdruck von einem fragenden über einen denkenden zu einem verstehenden Ausdruck, der öfters mit einem

"Ah", "Aha" oder "Verstehe" verbunden ist.

Durch die Art der Erläuterungen steigt der Zweite noch mehr in der Achtung Pervals. Nicht nur daß er freundlich ist, auch scheint er sein Handwerk zu verstehen.



Nachdem der Zweite seine Schiffsführung beendet und Perval an einen der Matrosen übergeben hatte, begann für Perval der erste Arbeitstag auf der NORDSTERN. Außer einigen kleineren Tätigkeiten gab es für ihn allerdings nicht viel zu tun, so daß er sich mit einigen der Matrosen bekannt machen konnte. Von den Passagieren hat er mit keinem gesprochen. Er zieht es vor, nach Möglichkeit diese zu meiden, da man nie weiß, wie diese reagieren und ob sie sich nicht wegen jeder Kleinigkeit bei den Offizieren beschweren.

Am Nachmittag hatte er sich dann abgemeldet und war in die Stadt gegangen. Sein erster Weg führte in den EFFerdtempel, um dort dem Gott des Meeres für seine neue Heuer zu danken und ihn um eine gute Reise zu bitten. Wie jedesmal, wenn er einen Tempel EFFerds besucht, hat er auch heute eine kleine Spende zurückgelassen, die aber aufgrund seiner hohen Heuer üppiger als sonst ausfiel.

Nach dem Besuch im Tempel ging er zum Haus der EFFerdbrüder, um auch dort eine Tagesheuer abzugeben und sich abzumelden. Wie auch an vielen anderen Orten gibt es in Salzerhaven ein Bruderheim, wo Seefahrer billig Unterschlupf bekommen und in der Kanzlei Fahrten vermittelt werden und man Informationen über die verschiedenen Schiffe und Kapitäne erhalten kann Hier erfuhr Perval auch, daß der Kapitän der NORDSTERN, Jergan Efferdstreu, als guter und gerechter Kapitän bekannt ist.

Die längste Zeit brauchte Perval allerdings, um seine Sachen zu holen und sich von der Familie zu verabschieden. Nicht daß er so viele Sachen hätte, die gepackt werden mußten, diese passen alle in seinen alten Seesack, der zum Teil noch nicht einmal richtig ausgepackt war. Vielmehr trauerte seine Mutter wieder einmal, daß er sie nach so kurzer Zeit schon wieder verläßt, und man nie weiß, ob man sich noch einmal wiedersieht. Daher wurde er auch mindestens ein Dutzendmal umarmt und auf die Wange geküßt, bevor sie ihm zum Abschied noch einen Beutel ihrer herrlichen, selbstgebackenen Kekse und eine Flasche des Selbstgebrannten mit auf den Weg gab. Auch von seiner frisch verheirateten Schwester und ihrem Mann, als auch von seinen anderen Schwestern und Brüdern, Nichten und Neffen, die noch in Salza und Salzerhaven wohnten, sowie von einigen Nachbarn, verabschiedete er sich, so daß es doch schon fast dunkel wurde, bevor er wieder die NORDSTERN erreichte und seine Sachen verstauen konnte. Danach suchte er sich noch einige kleine Tätigkeiten, um nicht am ersten Tag wegen Nichtstuns aufzufallen.



NORDSTERN - Die neue Matrosin


Der Morgen dieses 27. EFFerd setzt sich auf der NORDSTERN genauso arbeitsam fort, wie er begonnen hat, es kommt sogar noch ein wenig Arbeit hinzu, denn Ladung muß an Bord genommen werden, und ein neuer Matrose eingewiesen werden.

Andere Arbeiten werden fertig, manche rascher, als man es gedacht hat. So ist die Ruderreparatur nach nur zwei Stunden bereits abgeschlossen, und ein sichtlich erfreuter Kapitän bezahlt einen ebenso erfreuten Schiffbauer dafür, während eine gleichfalls erfreute Nirka sanft am Steuer dreht und das fast nicht mehr zu spürende Spiel genießt - so muß das Steuer sein, und so wird die NORDSTERN auch in schwerster See bestehen können.

Alrik und Garulf kehren alsbald von ihrer Proviantbesorgung zurück, allerdings ohne Proviant, denn der wird erst im Laufe des Tages angeliefert werden.

Und auch noch jemand hat still und fast von allen unbemerkt auf die NORDSTERN zurückgefunden - Ameg, der kleine Junge, der in Thorwal auf das Schiff gekommen ist.

Der Morgen schreitet unterdessen voran, und geht langsam in den Vormittag über. Das Wetter ist nach wie vor ein hervorragendes Segelwetter - ziemlich starker Wind, immer öfter Wolken, und ab und zu auch ein wenig Sonnenschein. Nach Regen sieht es jedenfalls nicht aus, und so verlockt dieser Tag doch sehr dazu, das Schiff zu verlassen, und die Stadt weiter zu erkunden, und vielleicht auch noch das eine oder andere Geschäft zu tätigen - oder wenigstens etwas zu erleben.

So ist es auch noch recht zeitig, als sich nach und nach einige der Fahrgäste, aber auch Angehörige der Mannschaft, die an diesem Tag frei haben, auf den Weg nach Salzerhaven machen - hinein in die kleine Stadt, die einigen schon vom Vorabend näher bekannt ist. Was sie alle jedoch noch nicht ahnen, ist das, was sie an diesem Tag und an diesem Ort für Erlebnisse erwarten werden...


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Es ist vielleicht Mittag, als Jergan, der zu den wenigen gehört, die auf dem Schiff zurückgeblieben sind, bemerkt, daß eine kleine Gruppe von Personen recht zielstrebig über den Anleger kommt, und auf sein Schiff zusteuert. Zuerst denkt er an eine Familie, die eine Seereise unternehmen will, dann, als sich eine Frau von den anderen verabschiedet, und über die Planke auf die NORDSTERN kommt, an eine einzelne Mitfahrwillige, doch es kommt anders:


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Eine recht große, schlanke Frau, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, läuft zielstrebig in Richtung des Hafens. Sie hat lange, schwarze Haare und trägt eine lange, dunkle Hose und ein oliv-grünes Hemd, welches von der Arbeit schon gestreßt wirkt. Etwas aufgeregt, aber entschlossen geht sie rasch den Weg entlang.

Etwa zwei Meter hinter ihr läuft eine ältere Frau, die ziemlich sicher ihre Mutter ist, mit einem kleinen Jungen, der wohl ihr Bruder ist, und den die Mutter mit "Ramo" angeredet hat. Er ist zwar für gewöhnlich sehr aufgeweckt und flink, heute jedoch will er nicht recht zum Hafen laufen, vielleicht weil er weiß, daß seine Schwester heute die Familie und auch die Stadt verlassen wird.

Ihre Mutter weiß das natürlich auch, kann aber die Traurigkeit verbergen - ein großer Abschied mit tränenüberfluteten Gesichtern hätte die junge Frau sowieso mehr verunsichert als ihr geholfen.

Im Hafen angekommen bleibt sie stehen und wartet auf ihre Familie - zumindest auf die beiden, die mitgekommen sind, um sie zu verabschieden. Ihr Vater kann nicht da sein, weil er gerade auf See ist. Er ist Offizier auf einem anderen Schiff, welches jedoch ab und zu in Salzerhaven anlegt.

Früher ist sie oft mit ihm auf See gefahren, und hat das Meer und die Seefahrt dabei lieben gelernt. Und jetzt ist sie selbst Matrosin, die bald auf der NORDSTERN dienen kann, wie sie hofft, ebenso, wie sie hofft, daß dieses Schiff eine gute Wahl ist. Alle drei stehen wortlos beieinander. Keiner weis so recht was er sagen oder tun soll. Schließlich beginnt die junge Frau:

"Nun ist es also soweit. Ich werde euch alle sehr vermissen."

Ihr läuft eine Träne die Wange hinab.

"Versprich mir, daß du ein braver Junge sein wirst, Ramo, und hör auf deine Mutter. Ja?"

Ramo nickt, möchte aber nicht sprechen. Für einen kleinen Jungen wie ihn ist das gewiß nicht leicht.

Sie deutet an, daß es Zeit zu gehen ist und umarmt noch ein letztes Mal ihren kleinen Bruder und ihre Mutter, die sich dann, ihrer Bitte gemäß, auch entfernen, denn sie möchte keine langen Abschiedsszenen zwischen Schiff und Anleger. Nun geht sie entschlossen auf die NORDSTERN zu, und ruft mit fester Stimme:

"Ahoi! Darf ich an Bord kommen?"


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Der Kapitän wundert sich ein wenig, denn das fragen Fahrgäste für gewöhnlich nicht nach. Es sei denn... er sieht genaür hin, und langsam findet ein Lächeln den Weg in sein Gesicht. Die hier in Salzerhaven nur sehr verhalten durchgeführte Werbung scheint dennoch einen weiteren Erfolg zu haben!

"Erlaubnis erteilt!" ruft er zurück.

Die junge Frau überquert die Planke zügig und mit einer Eleganz, die verrät, daß sie dies gewiß nicht zum ersten Mal tut. Sie verbeugt sich kurz vor dem Kapitän, den sie sofort als diesen erkannt hat, und sagt knapp:

"Mein Name ist Traviana... ich würde gerne bei Euch anheuern!"

Immer noch lächelnd erwidert der Kapitän:

"Willkommen auf der NORDSTERN, ich bin Jergan Efferdstreu, Kapitän. Wir suchen in der Tat Matrosen, das ist richtig."

Er hält kurz inne, um die junge Frau dann nach ihren bisherigen Erfahrungen, und dem, was sie gelernt hat, zu befragen. Ihre Antworten, die rasch und ehrlich kommen, gefallen ihm, und so dauert es nicht lange, bis das Gespräch auf der Brücke damit endet, daß die NORDSTERN eine neue Matrosin hat, die von Trolske dann sogleich das Schiff und insbesondere auch den Mannschaftsraum gezeigt bekommt.


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Es dauert wieder nicht lange, bis die nächste Störung stattfindet, aber auch diese ist höchst willkommen, denn es handelt sich um nichts anderes als die Proviantlieferung, die Garulf am Morgen bestellt hat, und die nun pünktlich und vollständig auf der NORDSTERN eintrifft, sehr zur Freude des Schiffskochs, der all den schönen Proviant gleich in die entsprechenden Laderäume bringen läßt.


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Auf diese Weise vergeht dieser 27. EFFerd auf der NORDSTERN - mit kleinen Ereignissen, die im Grunde dem Schiff und den Menschen darauf Gutes bringen, und ohne große Zwischenfälle oder Störungen. Zumindest auf dem Schiff ist es noch ein Hafentag wie viele andere...


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Traviana sieht sich um. Das Schiff gefällt ihr sehr gut. Es ist viel größer und schöner als die Schiffe auf denen sie bisher gefahren ist. Der Käpten ist sehr freundlich zu ihr gewesen, was gleich einen guten Eindruck vermittelt hat. Und sie hatte sich keinen Falls getäuscht, denn was sie bisher von der NORDSTERN gesehen hat gefällt ihr sehr gut. Auch Trolske, welcher ihr das Schiff gezeigt hat wirkt sehr freundlich. Alles in allem findet sie es hier sehr schön und beeindruckend. Sie freut sich schon darauf endlich in See zu stechen...



In SALZERHAVEN - Der Tag vergeht .....


Der 27. EFFerd 28 nach Hal vergeht in Salzerhaven ohne besondere Ereignisse. Zumindest passiert nichts, das in irgendeiner Weise im Hafen besonders zu spüren ist. Auch in der Stadt selbst ist kaum etwas zu bemerken, warum auch? Probleme, mit denen einzelne Menschen zu kämpfen haben, greifen nur sehr selten auf andere über, und noch seltener werden sie so groß, daß man in einer ganzen Stadt etwas davon bemerken könnte.

Das einzige, was an diesem Tag vielleicht nicht so ganz normal ist, ist eine gewisse Unruhe, die den EFFerdtempel erfaßt hat - eine Unruhe, gemischt mit Trauer. Doch der Tempel steht nicht im Mittelpunkt der Stadt oder des öffentlichen Interesses, und die Geweihten verbergen diese Trauer sehr gut, so daß darüber und insbesondere auch über die Hintergründe nichts weiter an die Öffentlichkeit dringt.

Auch für die Stadtwache von Salzerhaven ist dieser Tag recht normal. Daß ein recht offensichtlich heimatloser Streuner auf offener Strasse gestorben ist - das ist zwar nicht gerade alltäglich, aber auch kaum größere Aufregung wert, zumal in dem Fall keine Fremdeinwirkung festzustellen ist.

Höchstens auf einem der Schiffe im Hafen, der NORDSTERN, wird dieser Tag doch nicht ganz so alltäglich, wie es noch am Nachmittag erschienen ist. Die Gruppe aus Fahrgästen und Matrosen, die sich hungrig zu einem Frühstück an Land zusammengefunden hat, ist am Nachmittag noch nicht wieder auf das Schiff zurückgekehrt. Das alleine wäre nichts besonderes, schließlich ist es normal, sich mehrere Stunden in der Stadt zu vergnügen, aber nicht ganz so normal ist es, daß alle zusammen so lange wegbleiben, und ebenfalls nicht ganz normal sind Botschaften, die die ebenfalls beteiligte Bootsfrau dem Kapitän überbringen läßt. Doch dieser zeigt kaum Spuren von Besorgnis, eher im Gegenteil - diese Botschaften scheinen ihm als Erklärung zu genügen, auch wenn er darüber zu niemanden spricht - mit Ausnahme von Lowanger.


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Doch schließlich, die PRAiosscheibe steht nur noch knapp über dem Meer der sieben Winde, kehrt die Gruppe zurück, und trifft sich sogleich mit dem Kapitän in dessen Kajüte, die für die vielen Menschen fast ein wenig klein ist - doch das Anliegen ist wichtig, und vor allem auch eilig.

Durch die nur angelehnte Tür dringen einige Worte nach draußen, bei denen es um eine wichtige Mission, eine rätselhafte Muschel, die Stadt Havena, und insbesondere auch das Auslaufen geht. Es mag fast so scheinen, als würde man versuchen, den Kapitän zu etwas zu überreden, das nicht so ganz den bisherigen Plänen entspricht.

Doch die Gespräche dauern nicht lange, und führen dazu, daß Jergan Fiana und Lowanger rufen läßt und mit ihnen kurz etwas bespricht.

Wiederum kurz danach macht sich eine Gruppe von Leuten auf den Weg in die Stadt, zu denen neben Jergan persönlich auch der junge Geweihte Hesindian gehört. Sie bleiben nicht viel länger als eine knappe Stunde weg, und haben bei ihrer Rückkehr ein Kästchen bei sich, neben dem Hesindian mit sehr ernstem Gesichtsausdruck, aus dem Verantwortung und das Bewußtsein um etwas sehr wichtiges sprechen, einher schreitet. Auf der anderen Seite geht eine Frau, die noch nie auf der NORDSTERN gewesen ist, aber sie ist keine Unbekannte - wer im EFFerdtempel gewesen ist, weiß, daß es niemand anders ist als Erkenhild Thurensdottir, die Vorsteherin des EFFerdtempels von Salzerhaven.

Die Nacht ist bereits hereingebrochen, dann kommt Leben in das Schiff. Leise huschen einige Matrosen im Licht von Öllampen über das Deck, und führen Kommandos aus, die Nirka halblaut von der Brücke aus gibt. Das ganze hat den Anschein von ein wenig Heimlichkeit, und es ist deutlich zu sehen, daß längst nicht alle Matrosen beteiligt sind, und man sich bemüht, nicht zu viel Krach zu machen, um die Fahrgäste nicht zu wecken. Doch... einem potentiellen Beobachter muß schnell klar werden, was hier gemacht wird - man macht die NORDSTERN nämlich auslaufbereit!

Doch noch bleibt die NORDSTERN im Hafen, und lediglich das Licht, das aus der Kajüte des Kapitäns fällt, verrät, daß dort noch wichtige Dinge zwischen Kapitän und Tempelvorsteherin besprochen werden.

Erst zwei Stunden nach Mitternacht - im Hafen ist längst Ruhe eingekehrt - verlassen die beiden die Kajüte und begeben sich in Richtung der Planke.

"Ich danke Euch und Eür Mannschaft für Eure Hilfe und wünsche Euch eine gute Reise, Jergan. EFFerd wird seine Hände schützend über dieses Schiff halten, und Euch günstige Winde schicken, die Euch und den 'Hüter' mit der 'Heiligen Miesmuschel' so rasch wie möglich direkt nach Havena bringen!"

"Habt Dank!" ist die schlichte Antwort des Kapitäns auf diesen sehr ernst ausgesprochenen Wunsch der Tempelvorsteherin, die fast widerwillig über die Planke geht und das Schiff verläßt.

Kurz nach ihr huschen Trolske und Xenia über eben jene Planke - die beiden haben die Halteleinen gelöst, und holen nun die Planke ein.

Jergan tritt ihnen rasch aus dem Weg, denn auch wenn sie ihm als Rangniedrigere eigentlich aus dem Weg gehen müßten, so sind sie es doch, die im Moment wichtige Arbeiten verrichten. Er geht langsam über das Deck, und bleibt schließlich am Bug neben der Rotze stehen - ein hervorragender Platz, um das Hafenbecken vor dem Schiff zu beobachten, aber zugleich auch ein höchst ungewöhnlicher Ort für den Kapitän. Er dreht sich um, und nimmt das im schwachen Licht der Öllampen zu erkennende Bild seines Schiffes aus - düster ragen die Masten in den Nachthimmel, dunkel begrenzt der Heckaufbau das Deck nach hinten, und recht hell spiegeln die Segel, die die Matrosen bereit halten, das Licht wider.

"Setzt die Segel!" befiehlt er - leiser als sonst, aber der Befehl wird in gewohnter Geschwindigkeit ausgeführt. Die beiden großen Havena-Segel werden gesetzt, und der Wind greift sofort nach ihnen, vorerst jedoch ohne jede Wirkung, weil der Anstellwinkel einfach verkehrt ist.

"Dichtholen! Ruder hart Steuerbord!"

Auf dem Brückendeck kurbelt Nirka das Ruder bis zum Anschlag herum, und auf dem Deck knarren die Winden, die die Segel in den Wind drehen. Der starke Druck läßt die NORDSTERN sofort nach Steuerbord krängen, doch das Ruder tut ein übriges, und so beginnt das Schiff fast auf der Stelle mit einer Drehung.

Für einen zufälligen Beobachter mag es fast etwas Gespenstisches haben, wie die Karavelle mitten in der Nacht unter fast vollen Segeln geräuschlos im Hafenbecken wendet, ein Anblick, der gewiß nicht alltäglich ist, und bei dem sich wohl alle fragen, was das soll, warum man das zu dieser Zeit tut.

Die einzige an Land, die das beobachtet, und auch Bescheid weiß, ist die Tempelvorsteherin, die vom Anleger aus dem drehenden Schiff noch einmal zuwinkt, und sich dann auf den Rückweg zu ihrem Tempel macht - in Gedanken jedoch bei diesem Schiff und einem Gegenstand ist, der sich an Bord befindet.

Jergan Efferdstreu hat am Bug voll zu tun, denn die Hafenausfahrt ist zwar im Hellen bei langsamer Fahrt leicht zu passieren, aber im Moment ist es dunkel, und der Wind treibt das Schiff schon hier tüchtig voran. Aus diesem Grund hat er diesen Platz auf dem Vordeck gewählt, denn er weiß, daß er sich auf Nirka am Steuer voll verlassen kann - sie wird seine Befehle gedankenschnell umsetzen, und ebenso werden die Matrosen auf dem Oberdeck unter Fianas Kommando die Segel genauso bedienen, wie es nötig ist, daß kein Unglück passiert.

"Ruder hart steuerbord!" Zum zweiten Mal ruft er diesen Befehl, aber diesmal klingt es fast erleichtert, denn nun schwenkt die NORDSTERN aus der Hafeneinfahrt in die Ingval-Mündung ein, und nun - vielleicht drei Stunden vor Sonnenaufgang - geht es nur noch geradeaus auf das Meer der sieben Winde hinaus. Jergan wartet dennoch am Bug, bis es sicher ist, daß sie keine unerwarteten Untiefen mehr zu passieren haben, um dann zum Heck zurückzukehren, und dort die weiteren Verrichtungen dieser nächtlichen Ausfahrt vorzunehmen.


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Lowanger hält das Steuerrad mit beiden Händen fest, während er ab und zu einen Blick nach Backbord wirft, wo die PRAiosscheibe gerade aus dem Meer auftaucht - das Schiff ist gerade weit genug hinausgefahren, damit das Land außer Sicht geraten ist, und hat dann auf Südkurs geschwenkt. Es ist ein schöner Sonnenaufgang für die wenigen Seeleute, die sich zu dieser Zeit auf dem Deck der Karavelle befinden, doch zugleich weiß Lowanger auch schon, daß dies wohl einer der wenigen sonnigen Momente dieser Fahrt sein wird, denn fast der gesamte Himmel ist von kleinen Wolkenfetzen überzogen, die der kräftige Wind von Westen her heran treibt, und die immer weniger Stücke blauen Himmels übrig lassen.

Der zweite Offizier beobachtet das Meer noch kurz, dann wendet er sich wieder der Schiffsführung und einem Befehl zu, den der Kapitän gegeben hat, ehe er sich in seine Kajüte zurückgezogen hat - daß nämlich ab Sonnenaufgang die Fahrt heraufgesetzt werden soll.

"Setzt die Klüver und die Blinde!" ruft er dann schließlich, Befehle, die die Matrosen rasch ausführen, denn auch sie haben den Befehl des Kapitäns vernommen, und sie wissen auch, daß sie nun bald abgelöst werden, denn mit der Ruhe und dem Schlafen auf dem Schiff ist jetzt für die anderen sicher vorbei. Die bisherige Fahrt verlief nämlich vergleichsweise ruhig - zuerst war das Schiff noch recht dicht beim Land, wo Wind und Seegang es nicht so stark getroffen haben, und dann wurden die Segel nur sehr verhalten eingesetzt. Damit ist jetzt aber Schluß...

"Dichter holen!"

Lowanger spürt den stärkeren Gegendruck sofort am Steuer, und seine Ohren registrieren an den Geräuschen, die das Tauwerk macht, daß die Belastung erheblich gestiegen ist. So macht das Segeln Spaß, so kann die Karavelle zeigen, wozu sie in der Lage ist!

Ein Lächeln huscht über das Gesicht des erfahrenen Offiziers, als der Bug der NORDSTERN, der durch den Druck der Segel und des starken Windes tiefer als gewöhnlich in das Wasser getaucht wird, laut platschend eine Welle trifft, und sich eine gehörige Ladung Seewasser über das Vordeck ergießt. Er korrigiert den Kurs relativ zu den Wellen ein wenig mit dem Steuer - übertreiben soll man es ja nicht, aber immerhin liegt das Schiff jetzt wesentlich unruhiger als zuvor. Es rollt in den Wellen, ab und zu gibt es ruckartige Bewegungen, wenn eine Welle ungünstig getroffen wird, und allgemein ist eine leichte Schlagseite nach Backbord festzustellen, verursacht durch den Druck des Windes und die Tatsache, daß ungeachtet des Wetters sämtliche Segel gesetzt sind, und die NORDSTERN ordentlich Fahrt macht.

Lowanger freut sich darüber, und wenn er ganz ehrlich sich selbst gegenüber ist, freut er sich auch schon auf die ersten verwirrten Fragen von den Fahrgästen, die sich plötzlich auf hoher See wiederfinden, oder aber vielleicht denken, daß sie das normale Auslaufen verschlafen haben...

'Hoffentlich hat der Kapitän recht, daß von denen wirklich keiner nach Nostria möchte', geht ihm auch noch durch den Kopf, während er damit an den zweiten Beschluß der letzten Nacht denkt, der ebenfalls noch nicht verkündet ist... wie überhaupt über die ganze Mission bislang nur eine Handvoll Menschen Bescheid weiß. Doch das wird sich in Kürze wohl rasch ändern.

So segelt die NORDSTERN unter vollen Segeln an diesem frühen Morgen des 28. EFFerd 28 nach Hal in Richtung Süden, während an Bord das Leben gerade wieder erwacht...





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