- Logbuch der NORDSTERN -

Im Hafen von Salzerhaven (Teil 2: Die letzte Fahrt der ZYKLOPENAUGE) - 26. Efferd, 28

In SALZERHAVEN - Am Kai: Der Boroni


Draknuh sieht sich um und entdeckt zwei Männer, die sich von rechts dem Anleger nähern.

Er nähert sich langsam dem Kai, um einen besseren Blick auf den Schiffsrumpf zu bekommen. Außerdem kann man ihn dort besser sehen - schließlich wurde ja extra ein Matrose nach den Boronis geschickt.



Schweigend betrachtet Lowanger, wie Menschen zur NORDSTERN gehen, und wie welche sie verlassen. Er sieht auch, daß eine weitere Gruppe von Menschen auf dem Weg zum Anleger ist, und zwar aus der Richtung, in der er das Hafenamt weiß. Nun, dann ist es endlich soweit, daß man sich von offizieller Seite darum kümmert.

Auf dem Anleger dagegen entdeckt er eine dunkle Gestalt, die wohl ganz eindeutig aus einem ganz bestimmten Grund hier ist.

"Der Boroni ist da", sagt er leise in Richtung Phaylions, während er zugleich in Richtung des dunkel Gewandteten eine einladende Geste macht.



Mit starren Augen sieht Phaylion zu dem angesprochenen Boroni hin.

"Ich sehe ihn", spricht er gleichmütig. Jetzt könnte es gefährlich werden. Gefährlich für den Gesandten, oder für den Boroni? Vor der Geweihtenschaft hat Phaylion noch nie Angst gehabt.



Draknuh sieht die Garde kommen und sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnen. Da ihn bisher niemand angesprochen hat, versucht er der Gasse, die die beiden Bewaffneten ihrem Herrn bilden, in wenigen Schritt Abstand zu folgen.

Der Stab, vor ihn gehalten, soll das plötzliche Schließen des Weges verhindern.



NORDSTERN - An der Planke: Jarun und Anselm


"Sehr erfreut, Herr Feuerbach!"

Erst jetzt wo Phexane nicht mehr auf ihn einredet, kommt Jarun dazu seinen Gegenüber genauer anzuschauen. Sein Beruf oder der Grund der Reise läßt sich an hand seiner Kleidung nicht feststellen.

"Wie weit werdet ihr auf der NORDSTERN reisen, Herr Feuerbach?"



'Na, als hätte ich es nicht geahnt, ein weiteres Verhör. Nun gut, soll mir recht sein. Rattern wir das Lügennetz ein weiteres mal herunter.'

"Nun, das Ziel meiner Reise ist Kuslik, Herr Jarun. Aber bevor ich mich mit ihnen in ein längeres Gespräch vertiefe... möchte ich vorher..."

Anselm hat schnell entdeckt, daß er und sein baldiger 'Zimmerkamerad' nicht alleine sind. Er bemerkt daß die Frau, welche Jarun vorhin ansprach immer noch dasteht, und dies nur tut um ihn und Jarun zu belauschen. Er blickt die Frau recht zweifelnd an und fragt:

"Sucht ihr was?!"



'Kuslik, aha. Ganz toll ... naja, so weiß ich zumindest, wohin er will.'

Phexane beobachtet immer noch die beiden Männer, etwas, was nun auch Anselm auffällt.

'Was ich suche? Einen Beutel voller Dukaten, wertvolle Edelsteine ... Pffffh! Ziemlich blöde Frage!'

"Hm, ja!" sagt sie schlicht.



Seltsamer Ton, den der neue Passagier anschlägt, denn schließlich war er es doch, der die Unterhaltung von Phexane und Jarun unterbrochen hat. Und übersehen, kann er das eigentlich nicht haben.

"Ähm,..." Bevor Jarun auch nur ein richtiges Wort herausbring, das den neuen Passagier tadeln soll, entschließt er sich, erst einmal doch zu schweigen. Schließlich war Phexane in den letzten Minuten nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen.

'Ich hoffe nur sie ist nicht zu überrascht, um eine geeignete Antwort auf diesen Herrn Feuerbach zu werfen.'

Aber Jaruns Entscheidung steht fest. Er riskiert doch nicht noch einmal eine solche Beleidigung wie beim Aufgang. Immerhin sind ja doch einige Menschen in Hörweite und er hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren. Bevor SIE sich nicht bei ihm entschuldigt hat, wird über ein 'Seid gegrüßt' und 'Schönen Tag' nichts mehr über seine Lippen kommen.

Also verschränkt Jarun die Arme vor der Brust und starrt zum Brückendeck. Immer in der Hoffnung Alberik möge ihn endlich aus dieser unangenehmen Lage befreien.



Phexane hört den Pfiff der Freifrau und blickt kurz zu ihr und dem Schiffszimmermann. Nun nimmt sie auch bewußt das Mädchen wahr, daß auf Oles Armen liegt.

'Die Ärmste! Sie sieht noch so jung aus. Diese Piraten müssen wahrhaft feige und hinterhältige Ratten gewesen sein! Solche Überfälle sind wahrlich nicht phexgefällig! Das ist eher schon dämonisch!'

Doch dann dreht sie ihren Kopf wieder zu den Herren, bei denen sie steht.

'War eine knappe Antwort. Aber warum sollte ich ihm erzählen, was ich eigentlich von Jarun wollte?'

Auf einmal meldet sich in ihren Gedanken eine Stimme zu Wort, die sie lieber überhören möchte:

'Aber eigentlich wäre es doch besser, wenn ich mich bei Jarun entschuldigen würde ...'



"Ah, ja. Nun gut, Herr Jarun, wie bereits gesagt, möchte ich nun schnell den Kapitän davon in Kenntnis setzten, daß ich nun die Doppelkabine mit belege. Wir können uns ja auch später..." Anselm schaut zu Phexane "...noch unterhalten."

Kaum hat er zu Ende gesprochen fährt er zusammen, als wäre ihm der Namenlose persönlich erschienen. Dabei war es nur der Pfiff der Freifrau.

'Welch ekelhaftes Geräusch' denkt Anselm und reibt sich das Ohr. Doch als er sich umdreht um den Grund des Pfiffes zu erfahren, sieht er wie ein großes Matrose ein kleines Mädchen, anscheinend eine derer, die den Angriff auf die ZYKLOPENAUGE überlebt haben, in die Suite trägt. Mitleid keimt in ihm auf und auch in seinem Geiste huschen Worte wie '...warum...' umher.

Leicht betreten und kopfschüttelnd stapft er wieder in Richtung Brückendeck um den Kapitän von seiner 'Umbuchung' in Kenntnis zu setzen.



'Hm, schade! Er will nichts mehr weiter erzählen. Na ja, egal!'

Phexane wendet sich mit einem erwartungsvollen Lächeln Salzerhaven und der Planke wieder zu.

'Endlich runter von diesem Schiff! Jetzt geht es erst mal rein ins Vergnügen!'

Vor ihrem geistigen Auge tauchen noch einmal die Ereignisse dieses Tages auf: Der alte Mann, der sich in der Kabine übergeben mußte, ihre unfreiwillige Rutschpartie und das anschließende Stiefelputzen, das Gespräch mit Ole im EFFerdschrein, das Gebet an EFFerd, das kurze Gespräch mit diesem eigenartigen Frizzi, das Wrack, Torin Rotmarder ....

Phexanes Lächeln erstirbt wieder.

'Noch ein Grund mehr, mich in Salzerhaven zu vergnügen und den Tag zu vergessen! Aber schön, daß ich Efferdan wiedergesehen habe. Auch wenn ich ihn nicht gleich erkannt habe.'

Bevor Phexane die Planke hinabgehen will, dreht sie sich noch einmal zu Jarun um und grinst diesen vielsagend an.

"Phex mit euch!" sagt sie leise und blickt Anselm kurz hinterher.



NORDSTERN - Oberdeck: Sigrun und Nirka


"Bei EFFerd!"

Es ist mehr ein lautes Flüstern als ein Rufen, das sich der erschrockenen Sigrun entringt. Zwar kann sie im Dämmerlicht nicht viel erkennen, aber daß sich das Schiff, auf das Nirka deutet, in einem sehr schlechten Zustand befindet, bemerkt sie auf den ersten Blick.

"Das sieht schlimm aus ..."

'Wie konnte ich nur dabei weiter schlafen?'



Nirkas Blick folgt dem von Sigrun nicht, sondern mustert die Freundin dabei von der Seite, so daß sie den Ausdruck des Schreckens im Gesicht der anderen aus nächster Nähe wahrnimmt.

"Das ist noch nicht alles", fährt sie dann leise fort. "Die Piraten haben aus Gründen, die wir noch nicht verstanden haben, alle Menschen, die sich auf dem Schiff befunden haben, umgebracht. Zumindest haben sie es versucht, aber das ist nicht ganz gelungen. Zwei haben überlebt. Der eine ist irgendeine wichtige Persönlichkeit, der energisch von uns gefordert hat, daß wir das Wrack abschleppen, statt nur ihn zu übernehmen. Der Kapitän hat das dann auch gemacht, nachdem jener Mann ohne jedes Zögern eine riesige Summe dafür angeboten hat. Und die andere - das ist ein junges Mädchen, das Ole gerade nach unten trägt. Sie lag bewußtlos zwischen den Toten - EFFerd sei Dank, daß der Kapitän sich auf die Sache mit dem Schlepp eingelassen hat, sonst wäre sie jetzt vielleicht schon nicht mehr am Leben."

Die Bootsfrau zeigt dabei auf den Menschenauflauf am hinteren Niedergang, wo Ole mit seiner lebenden Fracht mitsamt seinen Begleitern sich aufhält.



Sigrun erblaßt bei Nirkas Worten. Zwar hat ihr der Blick auf das stark zerstörte Schiff schon gezeigt, daß die Piraten kaum etwas an seinem Fleck gelassen haben, aber mit einer solchen Grausamkeit hat sie nicht gerechnet. Nur ein leises "Oh nein!" ist zu hören, bevor ihr Blick der von Nirka angedeuteten Richtung zum hinteren Niedergang folgt. Dort scheint wirklich eine ganze Ansammlung von Menschen zu sein, doch genaueres läßt sich in dem Zwielicht nicht mehr ausmachen.

Sigrun ist zwar neugierig, aber nicht sensationslüstern und die Neuigkeiten stimmen sie sehr betroffen. So bleibt sie neben Nirka stehen, die Augen auf den Niedergang gerichtet.



Nirka fährt mit der Erzählung erst einmal nicht fort - ihre Worte wirken zusammen mit dem, was von den Ereignissen noch "übrig" ist, genug nach. Die Bootsfrau erhebt sich statt dessen von dem Windengehäuse, und stellt sich neben Sigrun.

"Ich verstehe das ganze nicht. Wie können Menschen so etwas tun? Ich habe noch von keinen Piraten gehört, die sinnlos die ganze Mannschaft niedermetzeln - einfach so, ohne jedes erkennbare Motiv."

Die Stimme der Bootsfrau ist dabei sehr leise, und es schwingt deutlich hörbare Betroffenheit mit.



Sigrun blickt nun wieder zu Nirka und schüttelt langsam den Kopf.

"Von so etwas habe ich auch noch nicht gehört."

Die Bilder, die sich bei der Vorstellung der Zustände auf dem anderen Schiff aufdrängen, sind schrecklich. Zwar ist sich Sigrun natürlich bewußt, daß Überfälle von Piraten nicht völlig auszuschließen sind, doch bisher hatte sie an eine trügerische Sicherheit geglaubt.

Die häßlichen Bilder, vor allem aber auch Nirkas betroffener Gesichtsausdruck, halten sie davon ab, genauer nachzufragen. Hat Nirka das furchtbare Resultat selbst gesehen? Nein, sie wird es erzählen, wenn sie möchte, aber im Moment ist es wohl einfacher, das Thema etwas neutraler zu betrachten.

Sie macht eine kurze Pause und fährt dann fort:

"Aber vielleicht ist noch etwas anderes geschehen, etwas von dem wir nichts wissen."



"Das ist gut möglich. Vor allem wir hier auf der NORDSTERN wissen ja längst nicht alle Details, denn im Grunde gabs ja noch keine Gelegenheit, mit Trolske, Ole oder dem Herrn Lowanger zu reden, die von uns drüben waren. Wobei sie so etwas Wichtiges wie die Gründe aber bestimmt herüber gerufen hätten..."

Die Stimme der Bootsfrau klingt nach wie vor recht nachdenklich.

"Was mir aber schon nach dem ersten Kontakt recht klar war - dieser Überlebende erzählt nicht alles. Vielleicht erfahren wir endlich mehr, wenn das verletzte Mädchen geheilt ist, oder wenigstens bei Bewußtsein ist."

Sie weist dabei wieder nach achtern, wo die Freifrau gerade die Suite für diesen Zweck anbietet.

Die Freifrau... Nirka kommt schlagartig wieder das Gespräch an der Rotze in den Sinn - und auch jener Fehlschuß, von dem Sigrun auch noch nichts weiß, und auch nichts...

'Nein', korrigiert sie sich in Gedanken, 'Sigrun ist meine Freundin, natürlich werde ich ihr das erzählen, auch wenn es eine Sache ist, die ich besser verdränge. Aber sie wird es erfahren.'

Doch vorerst beginnt sie damit nicht, denn angesichts der momentanen Situation wäre so ein vergleichsweise banales Thema irgendwie kaum angemessen.



Irgendwie klingt der Ton, in dem Nirka den Überlebenden erwähnt, skeptisch, findet Sigrun.

"Wer ist er denn, dieser Überlebende?"

Auch sie bemerkt das, für die Freifrau recht ungewöhnliche Angebot, doch so sehr wundert sie sich nicht. Nur jemand völlig unmenschliches würde in diesem Fall nicht seine Hilfe anbieten!



Nirka zuckt mit den Schultern.

"Ich habe da nur das gehört, was er ganz zu Anfang gerufen hat, als er sich dem Kapitän vorgestellt hat. Der Name klang recht merkwürdig, so, wie die Leute auf den Zyklopeninseln sich eben nennen. Irgendwas mit 'Pfei' oder so. Er hat gesagt, daß er der Abgesandte eines dortigen Seegrafen ist - also anscheinend eine wichtige Persönlichkeit. So, wie er mit dem Geld umgegangen ist, glaube ich das auch gerne... kannst du dir das vorstellen - er zahlt uns zweihundert Dukaten für den Schlepp von vielleicht dreissig Meilen!"

Nirka zeigt dabei wieder einmal kurz in Richtung des Wracks, das so, wie es aussieht, kaum diese Summe wert ist, und in das man wohl ein Mehrfaches investieren müßte, um es wieder in ein Schiff zu verwandeln.

Gleichzeitig tritt sie ein klein wenig von der Winde weg, und verringert so den Abstand zwischen sich und der Matrosin.



Sigruns Gesichtsausdruck wandelt sich von erschrocken und mitleidig zu ungläubig.

"Zweihundert Dukaten!?"

Noch hat Sigrun ja nicht viel erfahren, aber eins ist sicher: hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu.

"So viel Geld für ein Wrack!"

Obwohl ihre Gedanken um die Fragen um das Abschleppen des anderen Schiffes kreisen, wird sich Sigrun Nirkas zunehmender Nähe bewußt. So lange schon hatten die beiden keine Zeit mehr füreinander. Mit einer plötzlichen Vertrautheit beugt sie sich zu Nirka herüber.

"Du riechst so gut!"



Nirka nickt nur bei der erschrockenen Bemerkung zu der Geldsumme, und auch bei der zweiten Bemerkung, die das Wrack betrifft, den dies versteht sie ebensowenig wie Sigrun. Aber das, was sie dennoch vielleicht dazu sagen wollte, wird durch die nächsten Worte Sigruns gleich sehr weit verdrängt.

Die Bootsfrau macht noch einen Schritt in Sigruns Richtung, und läßt den Abstand zwischen ihnen beiden damit von "sehr nah" auf "kein Abstand mehr" schrumpfen.

"Du auch", flüstert sie zurück, während ihre Hand sich, gegen neugierige Blicke sehr gut durch ihrer beider Körper abgeschirmt, in die der Matrosin schiebt.



Ein Lächeln huscht über Sigruns Gesicht. Die alte Vertrautheit zwischen Nirka und ihr scheint unter der Zeit, in der sie sich kaum sehen konnten, nicht gelitten zu haben. Nicht wirklich hatte sie daran gezweifelt, aber ein wenig Unsicherheit hatte sich schon eingeschlichen, in den langen Stunden, die sie allein nachts auf dem Vordeck verbracht hatte. Leicht drückt sie Nirkas Hand und fragt leise:

"Wahrscheinlich hast du furchtbar viel zu tun im Hafen, oder?"

Sie weiß, daß die Hoffnung, Nirka könnte ein wenig Zeit über haben, kaum berechtigt ist, aber fragen kann ja nicht schaden ...



Nirka erwidert den Händedruck ebenso sanft, wie Sigrun es tut, während sie leise antwortet:

"Eigentlich hatte ich gedacht, daß ich hier im Hafen bis in die Nacht hinein mit unserer angeschlagenen Rudermaschine beschäftigt sein würde, aber durch diese Schleppfahrt hat sich die Ankunft ja jetzt so verzögert, daß wir sicher heute keinen Schiffbauer mehr antreffen werden, der uns da helfen kann. Also ist die Rudermaschine morgen dran, und ich denke, ich sollte jetzt durchaus Zeit für WICHTIGE Dinge haben."

Sie lächelt dabei, und muß sofort an Laderäume denken, die man ja kontrollieren müßte, oder an viele Dinge, die man in Salzerhaven tun könnte - wobei... sie ist sich im Moment nicht so ganz sicher, ob Jergan sie hier von Bord lassen würde.

Doch sie verdrängt diese Gedanken rasch, denn Sigruns Nähe ist etwas, das sie genießen möchte, und fragt leise zurück:

"Hast du denn eine Idee?"



Als Nirka von wichtigen Dingen im Gegensatz zur Reparatur der Rudermaschine spricht, kann Sigrun sich ein Grinsen trotz der belastenden Gedanken nicht verkneifen. Doch irgendwie fände sie es nicht richtig, sich unter diesen Umständen mit Nirka einfach in eine der verschwiegenen Ecken des Schiffes zurück zu ziehen, so wie die beiden Frauen es schon oft außerhalb ihrer Dienstzeiten getan haben.

"Meinst du, daß wir für ein paar Stunden von Bord gehen können? Ich würde am Liebsten mit dir in eine ruhige Taverne gehen, eine, wo man sich in Ruhe unterhalten - und ... ansehen - kann."



Wieder huscht ein Grinsen über Nirkas Gesicht, das von einem sanften und nur für Sigrun spürbaren Händedruck begleitet wird.

"Ansehen... ja, das ist wirklich sehr wichtig."

Wieder einmal trifft ihr Blick auf Sigruns Gesicht, und versucht, den Blick der anderen Frau einzufangen, während sie leise weiter spricht.

"Ich denke, das sollte machbar sein, auch wenn ich mich in Salzerhaven nicht so gut auskenne wie in Prem. Ich müßte nur den Kapitän fragen, aber das sollte nicht das Problem sein, denn schließlich sollte ich wirklich noch mal in die Stadt gehen, um zu sehen, ob der Schiffbauer, an den wir uns wenden wollen, noch arbeitet, und ob vielleicht doch schon jemand zu sprechen ist. Ich denke, er wird nichts dagegen haben, wenn ich eine Matrosin mitnehmen, was meinst du?"

Bei dem letzten Satz verstärkt sich das Grinsen im Gesicht der Bootsfrau wieder, während ihr Blick nicht aus Sigruns Gesicht weicht.



"Das hört sich doch gut an", antwortet Sigrun. Sie drückt noch einmal Nirkas Hand, bevor sie sie losläßt und sich leicht zur Brücke wendet. Der Kapitän wirkt dort sehr beschäftigt, doch Nirka läßt er selten lange warten.

"Dann suchen wir einen Schiffbauer. Um diese Zeit finden wir die sowieso nur in den Tavernen. Dabei können wir uns gleich ein wenig umsehen und uns etwas hübsches aussuchen."



Die Bootsfrau nickt langsam, während ihr Blick dem der Matrosin zur Brücke folgt. Jergan ist anscheinend gerade mit Fiana beschäftigt - etwas, wobei Nirka sich besser nicht einmischt, denn sie kann die erste Offizierin nicht besonders gut leiden.

"Das ist richtig - in einer Taverne sollten wir da sicher Erfolg haben. Wobei mir der Sinn momentan zumindest für uns dann eher nach einem ruhigen Gasthaus steht - wie sieht das bei dir aus? Und... wie gut kennst du dich eigentlich in Salzerhaven aus?"



"Hm, also ich war nur einmal hier und da sind wir in einer Taverne gelandet, die ... Naja, das wär' wohl nicht so das Richtige."

Sigrun überlegt. Damals hatten ein Großteil der Besatzung und auch einige Passagiere ihres Lehrschiffes den Aufenthalt im Hafen zu einem ausgiebigen Landgang genutzt. Wenn sie sich doch nur erinnern könnte, wie das Gasthaus hieß, von dem der erste Offizier so angetan gewesen war.

'Was es irgendwas mit Ponys? Oder Pferden? Hmm?! ... KUTSCHEN! Ja, das war's!'

"Unser erster Offizier war damals ganz begeistert von irgend etwas mit einer Kutsche. Die ganze nächste Woche hat er uns damit in den Ohren gelegen, wie gut er auf der gepolsterten Bank gesessen hat und das der Wein gar keine Kopfschmerzen gemacht hat."

Erwartungsvoll sieht Sigrun Nirka an. Ob so etwas den Vorstellungen der Bootsfrau für den heutigen Abend entspricht?



Erfreut beginnt Sigrun eifrig zu nicken.

"'Zum Fröhlichen Kutscher', ja, genau, das war's!"

Sie ist erleichtert, daß Nirka ihr Vorschlag gefällt und auch froh, daß ihre Freundin sich ebenfalls ein wenig in Salzerhaven auskennt. So ganz genau kann sie sich dann doch nicht an die Beschreibung erinnern, die ihr damals gegeben wurde und sie war sich nicht sicher, ob sie den Weg allein gefunden hätte.

Sigrun freut sich sehr auf den langersehnten gemeinsamen Abend. Etwas nervös beginnt sie daher, allerdings ohne es zu merken, von einem Fuß auf den anderen zu treten.

"Was meinst du, sollen wir dann bald losgehen? Es ist schon ganz schön spät und wenn wir erst noch einen Bootsbauer suchen müssen ..."

Erwartungsvoll blickt sie Nirka an.



Sigrun schließt sich Nirka auf dem Weg zum Brückendeck an. Die Vorfreude steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie meint:

"Dann kann es ja eigentlich keine Probleme geben - zumindest, wenn es keinen Grund gibt, daß wir an Bord bleiben müssen. Aber ich glaube, es sieht ganz gut aus, wenn selbst Fiana von Bord gehen kann ... Soll ich mitkommen oder willst du uns zusammen abmelden?"



NORDSTERN - Brücke: Jergan und Aleara


"Nun, das nicht gerade. Ich nahm einfach an, daß das geschehen würde, hätte ich sie gefragt. Immerhin gibt es noch einiges zu erledigen, und..."

Wieder einmal stockt die blonde Frau in ihrer Rede

"...um ehrlich zu sein, ich glaube sie ist in letzter Zeit nicht besonders gut auf mich zu sprechen. Ich wollte ihr aus dem Weg gehen."

Leise und mit niedergeschlagenen Augen fügt sie an:

"Und wahrscheinlich hat sie sogar recht. Ich bin wirklich ein wenig - verwirrt seit, naja, Prem."

Was ist bloß aus der zuverlässigen, eifrigen, höflichen und immer lächelnden Aleara geworden, die in Riva das Schiff bestiegen hatte? Immer häufiger ertappt sie sich dabei, bei der Arbeit gedankenverloren und unkonzentriert zu sein, und ebenso häufig entfallen ihr auch die selbstverständlichsten Dinge.



Jergans Ärger verfliegt gleich wieder ein wenig, als Aleara Prem und die dortigen Ereignisse erwähnt, die sich in seinen Augen immer noch nicht ganz aufgeklärt haben. Die Aufklärung war damals, nach der Abfahrt aus Prem, ja schon einmal ziemlich weit vorangeschritten, doch ausgerechnet in dieser Situation kam es zu der Meuterei und deren Niederschlagung, was dann die Frage, was mit Aleara geschehen ist, erst einmal in den Hintergrund verdrängt hat. Auch Thorwal hat kaum Gelegenheit geboten, sich damit zu befassen, denn da mußte gegen die üblen Machenschaften Thorbens, des ehemaligen zweiten Offiziers der NORDSTERN, der die Meuterei entfacht hatte, und sich rächen wollte, angekämpft werden.

"Nun", beginnt der Kapitän schließlich, "ich werde bei Gelegenheit mal mit Nirka deswegen reden. Aber zurück zu dir: Was möchtest du denn in Salzerhaven tun?"

Er fragt dies weniger neugierig, als vielmehr so, als sei es sein volles Recht, eine solche Frage zu stellen, und auch eine Antwort darauf zu erhalten.



"Ich möchte mir die Beine vertreten. Außerdem würde ich mich gern mal wieder unters Volk mischen. Hier an Bord sieht man ja doch immer nur die gleichen Gesichter." antwortet Aleara brav. Nicht, daß es den Kapitän etwas anzugehen hätte; nur, daß sie unter seinem Kommando ihren Dienst tut gibt ihm nicht das Recht, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen.

Aber dennoch antwortet sie, denn es gibt keinen Grund etwas zu verschweigen...



Die Antwort, die die Matrosin gibt, ist nicht die, die der Kapitän erwartet hat. Es ist eine ganz normale Antwort, die wenig oder nichts mit dem zu tun hat, was Aleara widerfahren ist. Aber vielleicht ist das ihre ganz persönliche Art, mit dem Problem umzugehen...

Er denkt ganz kurz nach, dann nickt er schließlich.

"In Ordnung. Dein Landgang sei erlaubt, aber fall bitte auf dem Rückweg nicht wieder in das Wasser."

Ein Lächeln begleitet die letzten Worte, was aber ziemlich aufgesetzt wirkt, denn dem Kapitän ist nicht zum Scherzen zumute - nicht, wenn nur wenige Schritt vor dem Bug seiner Karavelle ein Wrack mit fast zwei Dutzend Toten liegt, die vor gar nicht mal so langer Zeit auf grausame und so sinnlose Weise aus dem Leben geschieden sind.



Alearas Gesicht wird kreidebleich ob Jergans letzter Worte, sie reißt die Augen so weit auf, daß man Angst haben muß sie könnten heraus fallen.

Nachdem sie das Schiffsoberhaupt so einige Herzschläge lang anstarrt, macht sie sie "auf dem Absatz" (freilich trägt sie keine Schuhe) kehrt und rennt in atemberaubendem Tempo die Treppe aufs Oberdeck hinab, dabei keinerlei Rücksicht auf den vom Schiffsmagus herbei gerufenen Orgen nehmend. Unten angelangt hastet sie wie vom Namenlosen gehetzt gleich weiter Richtung Planke.



Kopfschüttelnd sieht Jergan der Matrosin hinterher. Er unterdrückt den Impuls, sie zurück zu rufen, denn eigentlich dürfte er sie nicht von Bord gehen lassen, wenn sie alleine die Erwähnung dessen, was in Prem geschehen ist, derart schockiert. Alleine... er kann sich jetzt nicht weiter um sie kümmern, und auch Ole, der wohl dazu noch viel besser in der Lage wäre, ist mit einer anderen, sehr wichtigen Mission befaßt.

So beschränkt Jergan sich darauf, sich fest vorzunehmen, mit der Matrosin am nächsten Tag zu reden, und wendet sich nun wieder den anderen Dingen zu, die zu tun sind.

Zuerst wäre das die Versorgung der Mitfahrwilligen - eine Aufgabe, der sich Fiana und Ottam bereits angenommen haben. Der Kapitän sieht kurz zu der Gruppe, die bei Fiana steht - aus den Wortfetzen, die er auffängt, entnimmt er, daß dort die Verhandlungen bereits abgeschlossen sind, oder zumindest keine Probleme aufgetreten sind.

Auf der anderen Seite hat Ottam einen der Matrosen gerufen, der auch schon fast wieder auf dem Weg nach unten ist - auch das scheint klar - hier ist man sich einig geworden, und zeigt dem Fahrgast wohl die Kabine.

Kabine? Der Kapitän runzelt die Stirn. Ist da nicht aus Ottams Richtung, kurz bevor Aleara so rasant verschwunden ist, das Wort 'Doppelkabinenhälfte' an seine Ohren gedrungen? Naja... Ottam muß wissen, was er tut, wenn er die armen Matrosen dermaßen verwirrt.

Jergan Efferdstreu geht einige Schritte nach vorne, bis er schließlich direkt neben dem Abgang zum Oberdeck an der vorderen Reling des Brückendecks stehenbleibt, und wieder etwas nachdenklicher auf das Oberdeck herabblickt.



In weiterhin rasendem Tempo hastet Aleara über die Planke und nach Salzerhaven hinein. Schnellen Schrittes läuft sie - ja, wohin eigentlich? Jedenfalls erst einmal weg vom Schiff, irgendwohin wo es ruhig ist. So läuft sie einige Zeit einfach gerade aus, erst am Kai entlang und dann durch die Stadt am Wasser so gut daß eben möglich ist.



In SALZERHAFEN - Am Kai: Die Hafenwache


Die beiden Wachen folgen Cephiro durch die Menge. Auch sie haben keine großen Schwierigkeiten, sich den Weg durch die Menge zu bahnen. Immerhin tragen sie ja ihre Uniformen und, was wahrscheinlich der entscheidendere Grund ist, sie sind bewaffnet. Und der Anblick der Äxte der Salzerhavener Hafenwachen sind anscheinend ein "schneidendes" Argument den Weg frei zugeben



"Woll, war er wohl auch nich' begeistert von, aber der Kerle da an Deck" Hjaldar deutet auf Phalyion "hat halt 'nen Batzen Gold dafür gelassen, daß das Stück Treibgut geschleppt wat. Heb ich Dir ja schon verteelt."

Hjaldar wendet sich zu seinen Gesprächspartner um, als er ebenfalls am Anleger die dunkel berobte Gestalt mit dem Boronstab ankommen sieht. Instinktiv zeichnet er das Zeichen des gebrochenen Rades vor sich in die Luft, geht aber einen halben Schritt in die Richtung auf den Boroni zu und winkt ihn her, auf die ZYKLOPENAUGE zu.



Cephiro bleibt neben Hjaldar stehen und folgt dann mit den Augen dessen Arm.

"Das ist also dieser seltsame Überlebende." meint er dann zu Hjaldar "Dann werd ich mir mal anhörn, was er zu sagen hat. Irgendeinen Grund muß er ja für seine Aktion haben. Ihr entschuldigt mich?" erklärt er Hjaldar seine Absicht und macht sich dann bereit, über die Planke an Bord der ZYKLOPENAUGE zu gehen. Es sieht so aus, als würde er nur noch anstandshalber warten, bis Hjaldar seine Absicht registriert hat.

Dabei bemerkt er, daß sich hinter seinen Wachen noch jemand durch die Menge gekämpft hat.

'Dem Aussehen nach kann das nur ein Boroni sein... na der kann sich ja dann gleich an die Arbeit machen... zu tun gibt es da ja genug für ihn. Hier hat jemand ganze Arbeit geleistet' denkt Cephiro, während er seinen Blick genauer über die Reste der ZYKLOPENAUGE schweifen läßt.

'Ja, wink ihn nur gleich her, Matrose, dann geht es schneller' denkt er sich noch, als er sieht, wie Hjaldar dem Boroni zuwinkt.



Endlich scheint ihn jemand wahrgenommen zu haben - da winkt jemand. Draknuh geht in die ihm gewiesene Richtung.

'das Schiff sieht mitgenommen aus - kein Wunder, wer sich auf unsichere Gewässer begibt....'



NORDSTERN - Oberdeck: Alkinoês Schattenreise


...Gibt es, oder gab es überhaupt etwas anderes als das Nichts? Ist das Nichts Alles oder Alles Nichts? Hat der Zeitenfluß geendet, ist alle Zeit der Welt vergangen und ein Welt ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft angebrochen? Oder dehnt sich der Zeitfluß nur unendlich langsam, was mathematisch einem Stillstand gleichkommt ...? Eine unendlich schnell rasende Zeit könnte ebenfalls nicht mehr wahrgenommen werden, würde wohl gleichfalls als Stillstand empfunden, läuft letztlich auf eines hinaus:

NICHTS!!!!!

...nicht, daß Alkinoê in der Lage wäre, sich solche, oder ähnliche Gedanken zu machen. Von ihren Gefühlen jedoch hat das Nichts Besitz ergriffen, läßt sie abstumpfen, auf eine fast angenehme Weise gleichgültig werden, gleichgültig dem gegenüber was sie war und ist. Hat sie einmal einen Namen gehabt? Unbedeutend! Gab es Menschen, die sie liebten und von ihr geliebt wurden? Unwichtig! Hat sie schlimme oder gute Dinge getan in ihrem Leben, sich schuldig gemacht oder ist sie zum Opfer anderer geworden? Alles ganz gleichgültig! Auch die schrecklichen Erinnerungen hat sie weit hinter sich gelassen, die Bilder kommen nicht mehr an sie heran, können sie nicht mehr erreichen.

Hat sie einmal versucht, ein Ziel zu erreichen? Hat sie jemals einen Sinn gesehen in diesem lautlosen Tasten durch das Nichts?

Was bedeutet ein Name, wenn niemand ihn ausspricht?

Was bedeuten Menschen, die nicht mehr real sind?

Was bedeutet Schuld, die keiner verurteilt?

Was bedeuten Erinnerungen, die nicht mehr gedacht werden?

Und das Mädchen, das bald alle Gedanken, Gefühle und Erinnerungen hinter sich gelassen hat, bewegt sich weiter durch das Nichts.



NORDSTERN - Oberdeck: Der Heiler


Es ist zwar sehr ärgerlich, daß es nicht weitergeht, hier am Niedergang, doch nutzt Ole die unverhoffte Rast, seine zarte und zerbrechliche Last zu beobachten, vielleicht spricht sie ja auch wieder und er hätte es dann, vor lauter Hast, nicht bemerkt.

Gewiß, das schummrige Licht mag seinen Teil dazu beigetragen haben, aber der Schiffszimmermann erschrickt, als er dem Mädchen ins Gesicht blickt, das vormals weiß gewesen war und nunmehr aschgrau und eingefallen wirkt. Nun wird es sich offenbar sehr bald entscheiden, ob .....

"NEIN!" brüllt Ole, halb entsetzt und zur anderen Hälfte trotzig, als wolle er sich gegen etwas Unvermeidbares aufstemmen. SO darf es nicht enden !! Es kommt Bewegung in den 'Grauen Riesen'. Er drückt Alkinoê ganz fest an sich, umschlingt sie so, als müsse er sie schon jetzt gegen den Zugriff Golgari's verteidigen. Nein, Ole wird nicht aufgeben, nicht jetzt und auch sonst nicht ....

Sachte drückt er mit der linken Hand das Haupt des Mädchens gegen seine mächtige Brust, so daß Alkinoês Kopf mit jedem seiner Atemzüge sanft geschaukelt wird. Mit sonorer Stimme singt er ihr immer wieder Lieder ins Ohr und wiegt sie zu Takt der Musik. Allerdings wird seine Stimme brüchig, der Kummer und die Angst um das Mädchen drücken ihm langsam die Kehle zu.

Eine Sorgenträne löst sich aus Ole's Auge, rinnt kurz über seine Wange, über seinen dichten Langen Bart hinweg und fällt nur ein kurzes Stück, um dann lind auf Alkinoês Wange zu landen. Dort wandert die Träne weiter, an den Wangen des Mädchens entlang und es scheint so zu sein, als ob die Träne auf ihrer Bahn, Alkinoês Haut wieder frisch und rosig erscheinen läßt.

"Gibt nicht auf, kleine Blume, löse dich. Dort, wo du jetzt bist, da hast du nichts verloren - du gehörst zu uns! Komm zurück, kleine Blume, komm zurück!"

Immer wieder flüstert Ole Zuspruch in das Ohr des Mädchens, er ist sich sicher, daß sie ihn hören kann, dort, im Raum zwischen Leben und Tod, dort wo NICHTS eine Bedeutung hat und eine gefangene Seele jede Hilfe gebrauchen kann.

Den Pfiff der Freifrau kann Ole gar nicht hören, aber er sieht sie winken und er sieht ihre Zeichen, die auf die offene Suitetüre hinweisen. Dann wird ihm klar, was die Edelfrau will.

Sofort setzt er sich in Bewegung.

"Herr Magister Durenald, hier entlang - schnell!"



Zügig schreitet Trolske voran, auf Ole zu, der noch immer am Niedergang steht und auf Durchlasz wartet.

´Wer steht denn da im Weg, sieht und hört der denn nichts?´ denkt der Matrose verärgert. Doch da ist auch schon Abhilfe in Sicht, in Form der Freifrau von Beibach und Bruch, die ihre Suite als Krankenquartier anbietet.

Der Heiler schaut derweil auf die junge Frau in den Armen des Seemanns.

´Bei allen Zwölfen, sie ist ja noch ein Kind!´ denkt er erschrocken. Ohne weiter auf den Matrosen zu achten, wendet sich Ulfried Bellentor an die Menschen vor der Suite, "PERaine zum Grusze, Ulfried Bellentor ist mein Name, ich bin der Heiler, nach dem geschickt wurde."



Fast erschrocken dreht Darian sich um, als er den lauten Pfiff hört. Er erkennt die Freifrau Reckinde, die anbietet, das Mädchen in der Suite unterzubringen.

´Das ist eine gute Idee.´

Gerade will er Ole Draggensson darauf hinweisen, dasz sich ein anderes Quartier gefunden hat, da setzt der Graue Riese sich auch schon in Bewegung. Wortlos folgt der Adeptus dem Schiffszimmermann in Richtung Suite.



'Nun, da der Heiler bereits aufgetaucht ist, muß ich mich wirklich fragen, ob ich hier überhaupt noch gebraucht werde. Aber was begonnen wurde, sollte auch zu Ende gebracht werden.'

Und so macht sich schließlich auch Fargus auf den Weg, um das junge Mädchen endlich nach Dere zurück zu holen.



Es klingt wie ein Sinn entleertes Plappern, doch es ist ein Kampf, ein Ringen um die Seele eines kleinen Mädchens. Ohne Kraft liegt Alkinoês Kopf an Ole's Schultern und die Arme hängen herab, so wie bei einer Gliederpuppe in der Hand eines spielenden Kindes. Noch immer hält sie ihre Augen fest verschlossen. Ihre Gesichtsfarbe wird nun immer grauer und 'gesprochen' hat sie schon seit geraumer Zeit nichts mehr. Und dennoch reden Ole auf sie ein:

"Höre, kleine Blume, höre - das Meer rauscht, Wogen und Wind spielen miteinander und der Horizont ist grenzenlos. Kann du es sehen, kleine Blume? Das ist das Nirgendmeer und eine Reise darüber hinweg ist eine Reise durch die Sphären.

Höre, kleine Blume, höre - das Meer rauscht, Ebbe und Flut wechseln sich treu einander ab und die Wolken zeichnen ein wunderbares Panaroma. Kannst du es spüren, kleine Blume? Das ist das 'Meer der Sieben Winde' - die Heimat derer, die so sehnsüchtig auf dich warten, die auch DEINE HEIMAT ist!

Höre, kleine Blume, höre - das Meer rauscht, die Wellen des Meeres sind wie Musik und Tanz in einem und der Wind trägt dich wie ein Blatt und es ist schön sich treiben zu lassen. Und dennoch mußt du gegen den Strom kämpfen, gegen den Wind angehen, denn du LEBST und dann wirst die die Reibung als Zärtlichkeit spüren und dein Drängen wird dir die Kraft bringen, die sich zu uns zurückführen wird. Laß dich nicht länger treiben, sondern suche deinen Platz in unsrer Mitte .... "

So spricht Ole auf Alkinoê ein, Schweiß steht ihm auf der Stirn, schon ist sein rotes Stirnband klatschnaß. Seine Augen sind starr ins Nichts gerichtet, als könne er die Seele des Mädchens in einer anderen Welt erblicken. Dennoch trägt er sie sicher und seine Schritte sind wohlgezielt.

Der alte Schiffszimmermann trägt Alkinoê in die Suite. Obwohl die Türe kleine und schmal ist, schlüpft er mit seiner teuren Last hindurch, ohne den Rahmen überhaupt berührt zu haben. Der kleine Diener der Freifrau hat ein Lager gerichtet. Dort bettet Ole das Mädchen hin, fährt ihr noch liebevoll durch das Haar, streicht noch eine kleine, vorwitzige Haarsträhne, die sich in Alkinoês Mundwinkel verfangen hatte, aus dem Gesicht des Mädchen und tritt widerwillig zurück, um Herrn Darian Platz zu machen. Außerdem müßte der Heiler jeden Augenblick eintreffen ....



Ole bettet Alkinoê bereits in der Suite, als Darian ebenfalls die Tür erreicht. Gerade will der Adeptus ihm folgen, als der Mann, der mit Trolske an Bord gekommen ist, offensichtlich der bestellte Heiler, die Suite erreicht und sowohl alle als auch niemanden anspricht. Da Darian an der weiteren Heilung Alkinoê wohl nicht mehr mitwirken können wird, kann er ja wenigstens die Aufgabe übernehmen, den Heiler über den Zustand des Mädchens zu informieren.

"Angenehm, Darian Durenald," antwortet er, auf Titel und Herkunft verzichtet er angesichts der Tatsache, dasz man hier nun wirklich keine Zeit für Floskeln verschwenden sollte, "Ihr kommt gerade recht, unsere Patientin wird gerade wieder zu Bett gelegt. Wir fanden sie auf dem Wrack, dasz Ihr da vorne sehen könnt," den letzten Satzteil begleitet er mit einem Fingerzeig Richtung ZYKLOPENAUGE.

"Wir haben ihre physischen Wunden bereits weitestgehend versorgt, alle Blutungen sind gestillt und auch die Knochen gerichtet und geschient. Allein, sie ist noch immer bewusztlos, es scheint geradezu als wollte sie gar nicht wieder aufwachen."

Im letzten Satz schwingen hörbar Betroffenheit und Ratlosigkeit mit.

Ulfried hört sich die Erklärungen des jungen Magus geduldig an. Als der Mann zuerst davon erzählt, das eigentlich alle Arbeit schon getan ist, ist er doch etwas verwirrt.

´Warum läszt man mich dann rufen?´

Doch dann rückt der Adeptus endlich mit dem wesentlichen heraus.

"Sie will nicht aufwachen, sagtet ihr?" antwortet er mit einer Mischung aus Erstaunen und Erschrecken.



NORDSTERN - Oberdeck: Alberik und Jarun


Alberik macht sich auf zur Treppe. Immer noch ist ein Lächeln unter dem weißen Bart zu sehen. Der Grund dafür ist ein Gefühl, das dem Zwerg sagt: Heute wird ein guter Abend, heute wird noch alles so laufen, wie er es sich wünscht.

Ein Matrose kommt zum Brückendeck herauf gestürmt und meldet sich beim Kapitän, kurz bevor der Zwerg die Treppe erreicht. Dann betritt dieser die Stufen.

Von oben nach unten sind diese viel einfacher zu bewältigen als andersherum, trotzdem muß Alberik jede Stufe einzeln bewältigen. Zuerst einen Fuß auf die nächste Stufe, dann den anderen. Die linke Hand liegt auf dem Geländer, um Halt zu verschaffen.

Es dauert seine Zeit, aber dann ist er endlich unten angekommen. Mittlerweile hat sich das gute Gefühl noch en wenig verstärkt, so daß über die Lippen sogar ein Lied kommt und der Zwerg fröhlich vor sich hin pfeift, als er sich weiter auf den Weg zu Jarun macht.



"Möge PHExens Umhang eure Taten verhüllen."

Jarun wendet sich von Phexane ab und geht schnellen Schrittes zu Alberik.

'Jetzt einen lieblichen Weißwein. Hoffentlich kennt er ein gutes Gasthaus.'



Alberik ist schon auf dem Weg von der Treppe zur Planke, als er sieht, wie Jarun auf ihn zu kommt. So treffen sie sich ziemlich genau zwischen diesen beiden Punkte.

Der Zwerg entlastet seine Schulter wieder und stellt seine Axt auf den Boden neben sich.

"Jarun, mein Freund! Du hast doch sicherlich Lust auf ein kühles Bier."

Er spricht ewas lauter, so daß man ihn in der Nähe auch hören kann.

"Ein Händler, den ich vorhin am Kai kennengelernt habe, hat mich auf eines eingeladen. Und vielleicht spendiert er Dir ja auch eins, wenn Du ihm die Geschichte erzählst, wie Du hier in Salzerhaven so bekannt geworden bist."

Dabei zwinkert er dem Gaukler verschwörerisch zu.



"Ja, aber sicher. Je mehr, desto besser. Aber ich würde einen guten Wein einem Bier vorziehen. So was gibt es doch sicher auch hier in Salzerhafen. Du hast doch schon sicher einige Tavernen ausprobiert und kannst eine empfehlen, oder?"

Dabei greift er noch einmal prüfend zu seinem Geldbeutel, um sich zu vergewissern, daß sein Geld nicht mehr in der Kabine liegt. Der neue Passagier, mit dem er die Kabine teilt schaut zwar nicht gerade phexisch aus, aber vorsicht geht vor nachsicht.



Alberik kratzt sich nachdenklich am Kopf.

"Also, da gibt es einmal die 'Springende Salzerelle', in der ich auch war, bevor dein Schiff hier angekommen ist. Das Bier ist ganz gut und nicht zu teuer, die Gesellschaft ist normalerweise auch nicht unangenehm, nur der Fischgeruch stört, aber den kriegst du wohl aus dieser Stadt nicht heraus, den findest du überall.

Und dann gibt es noch die 'Schwimmende Laute' ein paar Straßen weiter. Da ist das Bier aber zu wässrig. Wenn du aber eine lustige Geschichte hören darüber hören willst, wie der Name dieser Wirtschaft zustande gekommen ist, mußt du mal mit dem Wirt reden."

Ein leichtes Grinsen huscht über Alberiks Lippen, der die Geschichte anscheinend schon gehört hat.

"Doch wir haben uns selber genug zu erzählen, deswegen würde ich die Salzerelle bevorzugen. Außer du bist mittlerweile besseres gewohnt, denn dort verkehren hauptsächlich Hafenarbeiter. Oder du willst mit deinen Anhängern dort draußen feiern, aber die befanden sich zum Teil auch in der Salzerelle, als du angekommen bist."



"'Salzarelle', hört sich gut an. Ich könnte nämlich auch noch eine Kleinigkeit essen."

Wieder schaut Jarun zu den Menschen am Kai.

"Ich nehme an sie werden uns folgen. Naja, mir war eh nicht nach einem ruhigen Abend. Wenn euer Begleiter soweit ist, können wir aufbrechen."



"Wo Du gerade von meinem Begleiter redest..."

Alberik schaut zum Brückendeck, um sicher zu gehen, daß Anman noch immer dort steht und auch noch keine Anstalten macht, hinunter zu kommen. Mit der linken Hand winkt er Jarun zu sich hinunter, anscheinend will er ihm etwas mitteilen, was nicht für alle Ohren bestimmt ist.



Jarun folgt etwas irritiert dem Blick des Zwergen. Doch dann beugt er sich ohne zu zögern zu ihm herunter, denn für Geheimnisse ist er immer zu haben.



NORDSTERN - Unterdeck: Torin wartet


Noch immer blickt Torin zur Türe der Gemeinschaftskabine. Längst hätte etwas geschehen müssen. Doch auf die gerufene 'Bitte' des Schiffszimmermannes hin wartet er vergeblich.

Und doch mußte auf dem dunklen Gang des Unterdecks etwas interessantes zu sehen sein, denn sonst hätte sich die junge Druidin sicher schon davon abgewandt.

Schatten huschen über die hölzernen Wände der Gemeinschaftskabine. Wie gespenstische Boten zucken sie auch über die Decke. Doch es ist nicht nur das Licht der Öllampe, die den engen Raum erhellt. In das gelbweiße Licht der Öllampe, mischen sich kaum merklich die rötlich-weißen Schlieren, die vom Kristallknauf seines Stabes ausgehen.

Langsam macht sich Unmut über die lange, sinnlose Wartezeit in Torin breit. So stemmt er sich von der Koje in die Höhe und steht auf. Gemächlich und neugierig geht er auf die Türe und damit auch auf die Druidin zu. Instinktiv versucht er, das leises Knarzen der Bretter unter sich zu verhindern. Über Joannas Schulter blickend, spricht er sie über ihre Schulter hinweg an.

"Sagt, was genau ist da draußen jetzt los?"



Doch die junge Druidin scheint ihn gar nicht wahrgenommen zu haben. Steif wie ein Brett steht sie unter dem Türrahmen und blickt starr in die Düsternis des Ganges.

'Seltsam, vorhin war sie noch so voller Leben und nun starrt sie nur einfach in die Dunkelheit. Sie sind eben ein Volk für sich, diese Druiden.'

Torin seufzt in Gedanken. Dann huscht er an ihr vorbei in die Richtung, die vor ihm auch der hellhäutige Matrose genommen hat.

'Diesem Matrose... wie konnte er es nur wagen... Frau Fuxfell zu...'

Er knurrt leise.



NORDSTERN - Unterdeck: Efferdan, der Helfer


Unten angekommen, sieht sich Efferdan um. Noch immer hat sich hier eine »Menschentraube« -wie er findet- versammelt. Alrik, die junge Frau - und der Mann, der vorhin im Laderaum so traurig war kommt wieder aus der Kabine.

`Der andere Junge fehlt...`

Drei Menschen auf so engem Raum... was wollen die alle hier? Keiner macht Anstalten sich zu Bewegen, etwas zu Tun oder zu Sagen - sie stehen einfach nur da...

Ein Schauer läuft Efferdan das Rückrat hinunter.

`Was macht Wasuren nur so lange? Warum sind wir nicht schon in der Segellast?...`

Da fällt ihm der Grund ein, weswegen er wieder hier hinunter geklettert ist - eine Verletzte sollte hinunter gebracht werden.

Hastig macht Efferdan den Weg frei, tritt vom Aufgang weg - und auch von den drei anderen hier versammelten Menschen. Das die Pläne für die Unterbringung der Verletzten mittlerweile geändert wurden, hat er (noch) nicht mitbekommen...

Nach ein zwei Schritten bleibt er stehen. Wartet, lauscht.

`Die müßten doch jetzt herunterkommen. Schließlich... halt was war das?`

Efferdan dreht den Kopf zur Seite, als seine feinen Ohren durch das Knarzen und Rollen des Schiffes hindurch einen Aufprall und einen Schmerzenslaut vernehmen.

`Was... das ist jemand hingefallen. Aber wer? Wo?`

Efferdan lauscht angestrengt, ob er nicht noch ein weiteres Geräusch vernehmen kann, daß ihm mehr Aufschluß verleiht.

`Sollte vielleicht Bescheid sagen, die anderen haben anscheinend nichts gehört...`

"Äh Alrik..." hallt Efferdans helle Stimme unsicher in Richtung des Schiffsjungen.

"Ich... ich glaub, da ist jemand hingefallen... und... und hat sich vielleicht... verletzt...."



Etwas verwirrt starrt ALRIK nach oben, doch am Aufgang ist immer noch nichts weiteres zu erkennen. Das übliche Geschrei und der Lärmpegel vom Oberdeck aus, dringt wie gewohnt in die Tiefe. Doch ansonsten geschieht nichts weiter. Keine Verletzten, keine Menschenmengen, die sich den Weg nach unten bahnen. Noch nicht einmal Wasuren meldet sich mehr. Verflixt noch mal! So viel Geschrei um nichts und wieder nichts!

'Und wenn sich Wasuren jetzt deswegen verdrückt hat, weil er nicht mit mir an Land gehen wollte - bitte soll er doch! Den Golddukaten kriege ich auch alleine ausgegeben, daran soll es wohl nicht scheitern.'

Während sich ALRIK noch insgeheim ärgert, schwatzt Efferdan bereits wieder irgendwas von einer weiteren Person, die sich möglicherweise verletzt hat.

"Ist mir doch egal," mault ALRIK sichtlich angenervt zurück, "hier ist eben schon der erste Verletzte nicht aufgetaucht."

Unwirsch deutet ALRIK mit den Armen in die Richtung des Aufgangs.

"Wenn sich jemand verletzt hat und Hilfe braucht, dann wird er wohl danach rufen!"



"Äh...???"

Erschrocken sieht Efferdan mit großen Augen zu Alrik hinüber. Das Verhalten des Schiffsjungen hat ihn schon etwas erschreckt. Andere hätte vielleicht nur mit den Schultern gezuckt und gedacht, daß Alrik eben noch ein Kind ist, doch der sensiblen Efferdan - der ohnehin wenig im Umgang mit und im Erklären des Verhaltens von Menschen erfahren ist - kann sich kaum vorstellen, wie jemand so gleichgültig sein kann - jedenfalls ein jemand von der Mannschaft.

Zwar weiß er, daß es "böse" Menschen gibt - wie beispielsweise die grausamen Piraten, die die ZYKLOPENAUGE überfallen haben - aber bisher hatte er eigentlich gedacht, daß alle Menschen auf der Nordstern - na ja, zumindest die Matrosen - nette und "gute" Menschen wären... Na ja, es gab zwar schon einige Ausnahmen in den letzten eineinhalb Jahren, wie zum Beispiel die große Meuterei, aber Efferdan hielt das für unglückliche Ausnahmen. Oder sollte er wirklich zu wenig über die Matrosen wissen... nun ja, er war wirklich die meiste Zeit alleine gewesen, hatte ihre Gesellschaft gemieden und sich lieber dem Meer zugewandt. Sollte er sich geirrt haben?

`Nein, das kann nicht sein!`

Efferdan beschließt, daß Alriks ruppiges und gleichgültiges Verhalten wohl nur darauf zurückzuführen ist, daß Alrik müde ist - oder so... Vielleicht leidet er auch unter der Enge auf der NORDSTERN und würde einfach gerne schnell an Land? Zumindest das Gefühl der Enge kann Efferdan nämlich gut nachvollziehen...

`Am besten wird sein, ich vergesse das einfach und lasse Alrik heute in Ruhe... er ist nicht so... hoffe ich`

Efferdan sieht noch immer etwas geschockt, ängstlich und überrascht aus, aber auch etwas traurig und zurückgezogen.

`Vielleicht sollte ich einfach mal nachsehen gehen. Vielleicht ist jemand über eine Kiste gefallen und hat sich den Kopf angestoßen und liegt jetzt bewußtlos und blutend am Boden... das wäre ja schrecklich...`

Jemand anderen der Anwesenden um »Hilfe« zu bitten, wagt Efferdan nicht, schließlich sind das Gäste, »Fremde« !!!

Und so dreht sich Efferdan schließlich stumm um und begibt sich schnellen und gewandten Schrittes weiter in das dustere Zwielicht des Unterdecks hinein...



NORDSTERN - Brücke: Umlagerter Jergan


Jetzt, da der Herr Darian, ach nein, so will er ja nicht genannt werden, mit dem Heiler spricht, sieht der Matrose seine Aufgabe einen Heiler zu beschaffen als erledigt an. Zwar ist er nicht, wie aufgetragen in der Kabine des jungen Magus, aber so wie es aussieht, wird das Mädchen ja ohnehin in der Suite untergebracht. Trolske ist sich etwas unschlüszig, ob er sich zurück zur ZYKLOPENAUGE begeben soll, um Wulf Lowanger Meldung zu erstatten oder ob er hier auf der NORDSTERN bleiben soll. Was macht ein Matrose, der sich über seine derzeitige Aufgabe nicht sicher ist? Richtig, er geht zum Kapitän. So begibt sich Trolske schnurstracks zum Brückendeck.

"Trolske meldet sich zurück an Bord," sagt er Jergan kurz und knapp.



'So, nun wäre alles geregelt. Nur noch dem Kapitän bescheid sagen und dann hab ich Ruhe.'

Eiligen Schrittes läuft Anselm den Aufgang zum Brückendeck hoch und wäre beinahe am Kapitän vorbei gerannt, welcher sich ja direkt neben den Aufgang positioniert hat. Anselm stellt sich vor den Mann und spricht erleichtert:

"Jarun ist einverstanden. Somit kann ich nun die Doppelkabine beziehen. Wären damit alle Formalitäten geklärt?"



Jergan kommt gar nicht dazu, die kurzzeitige scheinbare Ruhepause auszunutzen, denn schon kommen zwei Dinge auf einmal, mit denen er sich beschäftigen muß. Allerdings... zumindest das eine davon ist sehr schnell abzuhandeln:

Der Matrose Trolske bekommt so auch nur eine kurze Antwort, die nur aus einem

"In Ordnung, du hast dann jetzt den Rest des Tages frei!" besteht, ehe er sich dem auf das Brückendeck zurück kommenden Fahrgast widmet.

"Ja, damit ist alles klar. Damit wird die Reise für Euch zwar etwas teurer, aber das müssen wir jetzt ja nicht machen, ich nehme an, Ihr wollt noch in die Stadt gehen. Kommt einfach irgendwann im Laufe des morgigen Tages bei mir in der Kabine vorbei, dann rechne ich das aus, und Ihr könnt bezahlen. Beziehen dürft Ihr die Kabine selbstverständlich jetzt gleich. Einverstanden?"



"Gut, einverstanden. So, dann werde ich erstmal besagte Kabine besichtigen und vielleicht ein bißchen in der Bummeln. Wie verabredet komme ich morgen wegen der Bezahlung vorbei."

Anselm dreht sich rum, ist bereits im Begriff zu gehen, da stutzt er kurz und spricht abermals:

"Ähm, WO befindet sich diese Kabine eigentlich..?!"



Zum wiederholten Male an diesem Abend schafft es jemand, den Kapitän zu überraschen. Diesmal ist es die Frage, die Anselm stellt, denn damit hat er wirklich nicht gerechnet. Der andere ist seit Thorwal auf der NORDSTERN, und hatte damit mehrere Tage lang Gelegenheit, sich mit dem Aufbau des Schiffes vertraut zu machen, insbesondere damit, wo sich Räume befinden, die an die Gemeinschaftskabine, die er all die Tage ja bewohnte, direkt anschließen. Doch andererseits mag die Neugierde vielleicht nicht bei jedem so ausgeprägt sein, und vielleicht ist es auch gut, wenn die Fahrgäste EBEN nicht alles auf dem Schiff erkunden.

So antwortet Jergan dann nach einer kurzen Pause, die er für diese Gedanken und das Zurechtlegen einer höflichen Antwort benötigt.

"Das ist sehr einfach. Ihr wißt ja, wo die Gemeinschaftskabine sich befindet. Geht einfach den Gang bis zu seinem Ende weiter. Dort steht ihr dann vor den Türen unsrer beiden Einzelkabinen. Wenn Ihr Euch dann nach links wendet, seht ihr am Ende des schmalen Ganges schon die Tür der ersten Doppelkabine, die ihr mit dem Herren Jarun teilt. Sie liegt also direkt neben der Euch bekannten Gemeinschaftskabine."



NORDSTERN - Mannschaftsraum: Trolske geht zur Ruhe


Da der Kapitän ihm für den Rest des Tages freigibt und sich zudem auch gleich wieder den Passagieren zuwendet, hat der Matrose hier auf der Brücke eigentlich nichts mehr zu tun. Er wartet ab, bis Orgen mit dem neuen Fahrgast, ein Geweihter offensichtlich, das Oberdeck erreicht hat. Dann steigt er selbst die Stufen hinab. unten angekommen begibt er sich schnellen Schrittes zum vorderen Niedergang, steigt auch diesen hinab und verschwindet im Mannschaftsraum.



NORDSTERN - Suite: Leidenslager


Nichts läge dem alten Schiffszimmermann ferner, als vorlaut oder unhöflich zu sein, aber er kann nicht anders, als auf die Frage des Heilers zu antworten, obwohl Ulfried ja nun eigentlich den Magus Darian angesprochen hatte.

Ole's Augen blicken dabei permanent auf das bleiche Gesicht des Mädchens und sein Stimme klingt brüchig und rauh, wie das Grummeln eines fernen Gewitters.

"Ihre Seele ist in der Zwischenwelt gefangen. Zweifellos hat sie geliebte Menschen verloren und trachtet danach ihnen zu folgen. Auf der anderen Seite scheint ihre Zeit noch nicht gekommen und dennoch will sie nicht zurück, da sie alles, was sie liebte nunmehr verloren glaubt. Sie fürchtet sich vor der Dunkelheit ebenso, wie vor dem Licht und wahrscheinlich hat sie eine namenlose Angst davor, was sie zu erblicken glaubt, wenn sie die Augen wieder öffnet, da ihr die bösen Szenen, die sie erleben mußte, da sie ihre Augen schloß nur allzu gut bekannt sein müssen. Sie muß unsägliche innere und äußere Schmerzen erlitten haben, und so hält sie nun das sorgenfreie NICHTS für ein kleines Paradies. Sie ist bereit aller Liebe zu entsagen, da sie zu mutlos ist je wieder Liebe zu erfahren, nachdem alles, was sie damit verband über das NIRGENDMEER entschwunden weiß. Könnte ich ihr nur sagen, wie nahe sie mit steht, wie sehr mich ihr Schicksal rührt und wie sehr ich ihr Leben, Liebe und Glück wünsche, auf das sie Hoffnung schöpfe, sich wieder dieser Welt zu stellen!"

Ole seufzt tief und melancholisch, streicht ihr wieder einmal mehr über das Haar, beugt sich über Alkinoês Lager und küßt das Mädchen sacht auf die Stirn.



Radisar schluckt mehrmals, als der den Schiffszimmermann so reden hört. Alles Unwohlsein, alle 'Unpässlichkeit' ist plötzlich, wie auf einem Schlag, von ihm gewichen. Der kleine Diener fühlt sich nun stark und ausgeruht. Es scheint sogar, als wäre er ein Stückchen gewachsen, während der Graue Riese sprach.

'Auf einen Radisar Kummerer kann man sich in der Stunde der Not verlassen!' denkt er sich entschlossen.

Dann stapft er mit energischen Schritten auf den Heiler zu und stellt sich neben Ulfried und Herrn Durenald.

"Sollte ihr irgendetwas brauchen, gelehrte Herren, dann zögert nicht, es auszusprechen. Ich werde versuchen es bei zu schaffen, egal, was es ist, noch ehe der Klang euerer Stimme verschallt sein wird."

Dann sieht Radisar den Heiler nachdenklich an, mustert ihn von Kopf bis Fuß.

"Ihr wirkt abgehetzt und scheint außer Atem zu sein. Darf ich euch einen Tee bringen? Es bedeutet keine Mühe, er ist schon fertig und wartet auf Verzehr."



Noch bevor der junge Magus ihm antwortet kann, mischt sich der grosze kräftige Seemann ein, der das Mädchen hierher getragen hat.

"Sie war nicht allein unterwegs nehme ich an? Habt ihr heraus finden können, mit wem sie gereist ist? Hat sie sich irgendwie gerührt oder lag sie nur still da?"

Während er diese Fragen stellt kniet er sich bereits neben Alkinoês Lager nieder und beginnt damit, sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Ein weiterer Mann spricht ihn an, offenbar ein Diener des Bewohners dieser Suite und bietet ihm einen Tee an.

"Hinterher gerne, danke" antwortet er diesem knapp.



NORDSTERN - Suite: Alkinoês Schattenreise


...Das Nichts ist nicht länger vollkommen. Gleichsam als Brandung eines unbekannten Ozeans rollen große Wellen heran, berühren sie, wirbeln sie herum. Diese Wellen sind weder zu sehen noch zu hören noch auf der Haut zu spüren, sind eigentlich mit keinem der äußeren Sinne wahrzunehmen und doch sind sie ungeheuer präsent und mächtig.

Wie die Wellen von EFFerds Ozean sind sie zugleich schön und schrecklich. Die erste Welle heißt Schreck und Entsetzen, die zweite Welle Mitleid und Erbarmen, die dritte Welle Angst und Trauer und die vierte Welle heißt Liebe und ist die größte und mächtigste von allen.

Obgleich sie von außen heran branden, sind sie nichts eigentlich Fremdes für das Mädchen, sind sie doch der älteste und ursprünglichste Teil des Menschen, Sumus Erbteil. So finden Entsetzen, Erbarmen, Trauer und Liebe ihre Antwort im Kleinen, unsichtbar, unhörbar aber für ein empathisch begabtes Wesen durchaus wahrnehmbar.





NORDSTERN - Suite: Leidenslager


Der Druide verfolgt das Geschehen mit Besorgnis. Immer noch scheint das Mädchen in einer anderen Welt gefangen, immer noch scheinen die Worte des Trostes und der Hoffnung sie nicht zu erreichen. Schließlich flüstert Fargus zu Darian:

"Sagt, mein Herr, wie schätzt ihr denn die Lage ein? Sollten wir vielleicht zusätzlich einen Geweihter bemühen, die Götter milde zu stimmen?"

'Ach Ihr Götter, hört mich alten Mann, warum wollt Ihr dieses junge Geschöpf schon zu Euch rufen, daß so wenig Götterläufe auf Dere verbracht?' denkt er bei sich.



Ole, der Schiffszimmermann dreht den Kopf leicht zur Seite, als der Druiden seine Idee entwickelt, man sollte, zusätzlich zu der Kunst des Heilers, noch einen Geweihten bemühen, der die Gunst der Alveraner sicher stellen könnte. Ole blickt Fargus direkt in die Augen.

"Es wird keine Zeit mehr bleiben!" spricht Ole mit dumpfer Stimme "Wir müssen uns auf das Wohlwollen der Götter verlassen, ohne daß ein Gesegneter dies vermitteln könnte. Doch hielte ich es durchaus für hilfreich, mit flehenden Gebeten die Götter von unserem gerechten Ansinnen zu überzeugen."

Der graue Riese steht ruhig wie ein Turm und er ist ein bißchen unheimlich anzusehen. Sieht man ihn so stehen, dann könnte einem schon der Verdacht kommen, daß Ole mehr sein müßte, als nur ein einfacher Seemann, Zimmermann und Segelflicker, mehr als nur ein Musikant und Spaßmacher.

Es scheint als konzentriere sich um seine Kontur eine starke und unbekannte Macht, erschreckend und schön zugleich. Aber vielleicht trübt die Anspannung den Blick des Betrachters und das flackernde Zwielicht tut ein übriges, die Situation, sowie Ole's mächtige Gestalt in eine geheimnisvolle Farbe zu tauchen.

Der graue Riese starrt nun wieder auf des ruhende Mädchen, er schließt die Augen und legt ein wenig den Kopf nach hinten, so wie es Menschen tun, die auf ein, in der Ferne entstandenes Geräusch aufmerksam werden.

"Ja, kleine Blume, du bist auf einem guten Weg - bleibe nun stark. Klammere dich an die Liebe und fahre auf ihr einer offenen Zukunft entgegen .... !"

Es war ein seltsames Gefühl gewesen, daß den Schiffszimmermann da so plötzlich überrannt hatte. Er spürte Verzweiflung, große Verzweiflung, aber er spürte auch aufkeimende Hoffnung und eine Sehnsucht, die er in dieser Form nur allzu gut kennt: Die Sehnsucht danach geliebt zu werden und geborgen zu sein. Ole ist sich anfangs nicht so sicher, wie ihm diese Wahrnehmungen ins Bewußtsein kommen konnten.

Waren es Abbilder seiner eigenen Lebenstragik oder hat da sein sensibler Sinn etwas aufgefangen, daß, unter Umstände, von der jungen Dame ausgesendet worden war? Was Ole am meisten irritiert ist, daß er dabei das Rauschen gewaltiger Wellen hören konnte, nur kurz zwar und sehr entfernt, es war dennoch insgesamt jedoch eine sehr gespenstische Erfahrung.

"Kleine Blume, die Liebe siegt immer!" ruft Ole dem schlafenden Mädchen aufmunternd zu. Sehr viel leiser, mehr zu sich selbst sprechend, fügt er an:

"Wenn die Liebe dereinst einmal nicht mehr siegen wird, dann werden alle Sphären in sich zusammenfallen und das Chaos wird die neue Weltordnung sein!"

Dann wird Ole still. Es sieht so aus, als denke er angestrengt nach.

"MERIAN!" sagte er plötzlich "Ich glaube sie sprach von einer oder einem Merian. Sie sprach nicht viel, fast nur diesen einen Satz ......"

Ole wendet sich an den Heiler.

"Hilft euch dies weiter?"



Darian kommt nicht mehr dazu die Frage des Heilers zu beantworten, da ihm der Schiffszimmermann zuvorkommt. Das ist auch nicht weiter schlimm, je eher der Heiler mit der Arbeit beginnen kann, desto besser. Eben das scheint ja nun auch der Fall zu sein. Eigentlich kommt sich der Adeptus nun ein wenig überflüszig vor, andererseits, macht auch er sich Sorgen um das Mädchen. Also bleibt er mit im Raum, versucht aber, möglichst niemandem im Weg zu stehen.




NORDSTERN - Ober- und Unterdeck: Hesindian und Orgen


Nachdem er die Summe für die Fahrt abgezählt hat, drückt Hesindian dem Magus eine handvoll Dukaten und noch mal so viele Silberstücke in die Hand. Der Geldbeutel mit seinen verbliebenen Finanzen hat nun beträchtlich an Umfang verloren, als er ihn wieder unter seinem Umhang verschwinden läßt. Er wirft dem dunklen Magus noch einen abschätzenden Blick zu und wendet sich dann dem herbei geeilten Matrosen zu.

Der Respekt, den ihm dieser entgegenkommen läßt, entlockt dem Geweihten ein zufriedenes Lächeln, das jedoch nicht lange anhält, als er sich daran erinnert, welches Schicksal seine Reisetasche unterwegs ereilt hatte.

"Nein." antwortet er mit schwacher Stimme, bevor ihm einfällt, daß er als Mann der Göttin ein Ideal von Sicherheit zu verkörpern hat. "Nein, ich reise gern mit leichtem Gepäck." fügt er etwas sicherer hinzu. Sein Umhang hat die schwersten Blessuren des Marsches auf sich genommen, doch er würde trotzdem noch etwas zusätzliche Kleidung zum Wechseln für die Zeit auf der NORDSTERN benötigen.

'Da das Schiff so bald nicht auslaufen wird, kann ich mir morgen früh etwas in der Stadt besorgen.'

"Nun denn, zeigt mir den Weg." bedeutet er Orgen gönnerhaft.



Pflichtbewußt wartet Orgen auf die Antwort des Geweihten und erwidert dann seinerseits:

"Wie ihr wünscht, euer Gnaden, wir müssen zum Unterdeck."

Spricht er in freundlichem und respektvollem Tonfall. Orgen ist ein gläubiger Mensch, zwar sind es EFFerd und SWAfnir, zu denen die meisten seiner Gebete hallen, doch käme es ihm niemals in den Sinn, einen Geweihten der Zwölf nicht mit dem ihm gebührenden Respekt zu behandeln.

Dann setzt er sich langsam in Bewegung und geht den Abgang des Brückendeck hinab, überquert das Oberdeck und macht am Niedergang kurz halt

"Seid hier vorsichtig, die Stufen sind sehr steil"

Dann geht er voran und wartet darauf das der Geweihte auch nachkommt.



Die Erinnerung an den steilen Treppenaufgang ist noch frisch und läßt sein Schienbein gleich etwas lauter pochen. Dieses mal will er dem Abstieg mit größerer Obacht begegnen und steigt langsam hinab, wobei er sich zusätzlichen Halt am Geländer sichert. Ein wenig unwohl ist ihm schon bei dem Gedanken, daß der Matrose ihm seine noch zitternden Knie vielleicht ansehen könnte, deshalb versucht er ihn mit einer Frage abzulenken:

"Sagt, guter Mann, ist auf diesem Boot denn immer solch ein Betrieb? Was war das denn für ein Tumult, der hier aufkam, während ich um meine Überfahrt verhandelte?"



Orgen, der gerne ein wenig plaudert, geht umgehend auf die Frage ein und der Geweihte erreicht damit ziemlich genau was er will, Orgen schaut nämlich nicht mehr genau, ob die Füße des Geweihten auch nicht abrutschen, sondern blickt auf den Boden, sein Ton wird deutlich ruhiger und scheint ein wenig zu zittern.

"Nein, euer Gnaden, normalerweise ist es ruhiger, nur Heute ist etwas schreckliches passiert. Einige Meilen vor dem Hafen entdeckten wir zwei Drachen, die sich, gerade so schnell sie konnten aus dem Staube machten. Als sie fort waren konnten wir erkennen, daß sie ein Schiff zurück gelassen hatten. Nunja, mehr ein Wrack. Dabei handelte es sich um die ZYKLOPENAUGE, die neben uns im Hafen liegt."

Orgen macht einen Schritt weiter nach Links um die Gemeinschaftskabine herum.

"Das wäre ja noch alles verständlich, Piraten gibt es hier ab und an halt. Aber als wir nahe genug am Schiff waren, erkannten wir, daß es einen Überlebenden gab. Alle anderen scheinen aufs Brutalste niedergemetzelt worden zu sein, sie haben nicht mal vor Kindern halt gemacht - ich meine selbst Piraten haben einen gewissen Ehrenkodex, und das dahin metzeln von Kindern zählt nicht dazu, das waren einfach nur Monster, keine normalen Piraten -. Der Tumult eben liegt darin begründet, daß man unter den ganzen Toten, den Zwölfen sei gedankt, doch noch eine Überlebende gefunden hat."

Erneut geht Orgen einen Schritt weiter auf das Ende des Ganges zu.

"Das merkwürdigste jedoch ist dieser Überlebende, ich weiß nicht, was der ist, die anderen sagen, er sei ein ziemlich hohes Tier. Normalerweise ist ein Schiffbrüchiger froh wenn er so schnell es geht von seinem sinkenden Kahn runter kommt und an Land oder an Bord eines seetüchtigen Schiffes kommt. Der jedoch bot dem Kapitän eine riesige Summe an Dukaten, damit wir sein Schiff abschleppen und in den Hafen bringen. Mehr Dukaten als ich mir auch nur vorstellen kann jemals zu besitzen. Er zahlte ohne auch nur den Versuch des Handelns zu machen. Wißt ihr, wenn er wertvolle Ware hätte, könnte ich mir ja noch vorstellen, daß ihm was daran liegt sie an Land zu schaffen, aber nach einem Überfall von zwei Drachen ist es kaum vorstellbar, daß auch nur noch ein Heller an Bord ist. Irgendwas stimmt mit dem nicht, da bin ich mir sicher. Ich kann mir dieses Verhalten einfach nicht erklären. Falls ihr in die Nähe der ZYKLOPENAUGE kommt, seid also vorsichtig."

Derweil bemerkt Orgen, daß er schon längst an der Kabine angekommen ist, doch es tat einfach gut, einmal über das Erlebte zu sprechen und insgeheim hofft er, daß ein gebildeter Mann, wie ein Hesindegeweihter, vielleicht eine Antwort auf das weiß, was er sich nicht erklären kann.

"Verzeiht euer Gnaden, ich belästige euch, hier ist eure Unterkunft. Noch ist sie unbelegt, ihr könnt euch also aussuchen welche Seite ihr bevorzugt. Ein Schlüssel steckt im Schloß, der andere liegt in der kleinen Mulde dort im Tisch. Bei dem Andrang auf der Brücke eben gehe ich jedoch nicht davon aus, daß ihr die Fahrt alleine verbringen müßt."

Nach einer kurzen Pause fügt er noch hinzu:

"Der Smutje ruft oder läutet, wenn die Mahlzeiten gerichtet sind. Wenn es euch nach Wasser ist, die Kombüse ist gleich der Raum rechts vom Niedergang den wie eben hinabgingen. Das Essen wird in der Messe eingenommen, die direkt gegenüber der Kombüse liegt."

Orgen wartet ab, ob der Geweihte noch etwas möchte.



In SALZERHAVEN - Taverne 'Zum singenden Seehund': Boltan


Phexane wendet sich wieder der Stadt vor ihr zu.

'So, jetzt aber los! Ich habe schon viel zu lange hier herum gebummelt!'

Sie betritt die Planke, geht diese mit sicheren Schritten hinab und betritt - endlich wieder - festen Boden. Doch anstatt länger im Hafen zu verweilen, verschwindet sie rasch ins Innere von Salzerhaven ...



'Níalyn, Níalyn ... an mir ist doch nichts mehr von der, die ich einst war.'

Phexane geht mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch die Straßen Salzerhavens und kickt dabei nachdenklich einen kleinen Stein vor sich her. Schon längst hat sie keine Augen mehr für die Häuser ringsum und auch die Menschen, die um diese Uhrzeit vereinzelt noch unterwegs sind, interessieren sie wenig - zu sehr ist sie in ihren eigenen Gedanken verstrickt, als daß sie nun auf irgendwelche günstigen Gelegenheiten achten würde.

'Eigentlich komme ich zur Zeit ja auch ganz gut klar mit meinem Leben ... nun gut, eine Pechsträhne hin und wieder - das hat jeder mal! Mal dauert sie länger, mal nicht. Wahrscheinlich ist es heute abend damit vorbei und ich kann mit ein paar Dukaten mehr im Geldbeutel auf das Schiff zurückkehren.'

Sie kickt etwas kraftvoller gegen den Stein, woraufhin dieser in einen dunklen Schatten verschwindet.

'Ja, keine Frage: Heute werde ich Glück haben! Allein wenn ich daran denke, daß dieser Frizzi di Dingsbums mir schon wieder auf den Leim gegangen ist! Ha, das wird sicherlich noch spaßig mit diesem Tüchleinschwinger!'

Sie grinst bei dem Gedanken an den Comte - einerseits aus Schadenfreude, andererseits auch aus Vorfreude auf mögliche Gewinne.

Phexane biegt in eine weitere Straße, woraufhin sie Gesang und das Lallen der Betrunkenen, die aus einer Taverne schwanken, hört. Phexane blickt im Vorbeigehen kurz hoch zu dem Schild der Kneipe, auf dem ein Seehund mit geschlossenen Augen und weit offenem Maul abgebildet ist. Darunter steht in schlichten Lettern geschrieben: "Zum singenden Seehund".

Phexane kann es zwar nicht lesen, aber die Abbildung ist äußerst vielsagend!

Von außen macht die kleine Kneipe nicht viel her: ein schmales, kleines Haus, die erste Etage noch aus Stein gebaut, die obere dagegen aus Holz, ein Dach aus Reet und Fenster, die mit Schweinsblasen verschlossen sind.

Phexane öffnet die Tür der Taverne und betritt einen - scheinbar - ganz und gar eigenen Kosmos: während es auf den Straßen dieser kleinen Stadt relativ ruhig zugeht, sieht man mal von ein paar Nachtschwärmern ab, so stürzen auf Phexane hier nun die unterschiedlichsten Sinneseindrücke ein: Der Geruch von süßlichem Pfeifentabak kitzelt in ihrer Nase; ein starker Essensgeruch, auch wenn es nur ein schlichter Eintopf ist, bringt ihren Magen zum Knurren; die Wärme, die ein kleiner Kamin spendet, streicht um ihren Körper angenehm entlang; Gespräche, Gelächter, Musik von zwei Barden, die auf Flöten spielen und die Rufe der Wirtin zu ihrer Schankmaid drängen an ihr Ohr und erfüllen die kleine Taverne mit Leben.

Zwar ist der Boden fleckig und dreckig, die Bänke wackeln, die Tische haben Kerben, das Licht, welches von ein paar Öllampen ausgeht dürftig und die Wirtin könnte ebensogut als Rausschmeißerin arbeiten, aber dennoch strahlt dieser Ort eine gewisse Atmosphäre aus.

Es mag nicht die beste Taverne in Salzerhaven sein, aber die einfachen Gäste, das schlichte Essen und die fröhliche Musik machen es zu einem Ort, an dem man sich entspannen kann, wo man nicht auf irgendwelche Manieren achten muß und wo man sich nach einem Bier bereits duzt.

Kurz bleibt Phexane vor der Tür stehen. Der Schankraum ist gut besucht: Die meisten Tische sind besetzt und auch an der Theke sitzt man dicht an dicht. Doch während sie sich umsieht, bleibt ihr Blick an einem Mann hängen, der etwas weiter hinten an einem Tisch mit einer Frau im Kettenhemd und einem Zwerg sitzt. Phexane schüttelt leicht den Kopf.

'Theovard! Das der noch auf freiem Fuß ist ...'

Phexane steuert auf die kleine Gruppe zu. Als sie den Tisch erreicht, lächelt sie zu dem sitzenden Mann hinab. Seine roten langen Haare sind im Nacken zu einem Zopf zusammengefaßt, seine Kleidung ist eher bürgerlich-schlicht, doch an seinem rechten Ringfinger glänzt ein protziger Goldring, der mit einem ansehnlichen Rubin besetzt ist.

"Theovard, Unkraut vergeht nicht, was!?" grüßt Phexane den Rothaarigen spöttisch.



Mit einem leicht verärgerten Gesicht dreht sich der Rothaarige, den Phexane 'liebenswerterweise' als "Unkraut" bezeichnet hatte, zu ihr um. Einen kurzen Moment blickt er ihr fragend ins Gesicht, doch dann hellt sich sein Gesicht auf.

"Felina!" ruft er erfreut "Was machst du denn hier?"

Die Angesprochene (ja, es ist Phexane) zuckt kurz mit den Schultern.

"Ich bin auf der Durchreise nach Belhanka und habe mir gedacht, hier in Salzerhaven könnte man vielleicht irgendwo ein wenig ... Spaß haben und was spielen."

"Belhanka," die blauen Augen des Rothaarigen funkeln, "die Stadt der Liebe. Wie passend ...."

Ein Lächeln, das einer Erinnerung an eine Nacht vor gar nicht allzu langer Zeit entspringt, huscht über sein Gesicht.

Phexane zieht nur kurz einen Mundwinkel hoch. Selbst zu einem künstlichen Lächeln kann sie sich angesichts der Bemerkung Theovards nicht hinreißen.

"Wie sieht es aus, Theo, spielst du immer noch?" fragt sie ihn mit etwas gedämpfter Stimme.

Theovard, immer noch lächelnd, nickt zu den anderen beiden am Tisch.

"Wir wollten gleich beginnen. Die Wirtin hat hinten ein Zimmer, in dem wir in aller Ruhe spielen können."

Kurz mustert er Phexane.

"Du möchtest also wieder einmal mitmachen?"

Sein Lächeln wandelt sich und wird immer süffisanter.

"Versteh mich nicht falsch, Schätzchen! Ich würde es sehr begrüßen, wenn du mitspielen würdest!"

Das Lächeln geht in ein breites Grinsen über.

"Insbesondere, wenn du wieder solch hochinteressante Einsätze wie beim letzten Mal machst!"

Phexanes Miene hat sich während seiner Rede immer mehr verdüstert. Die Erinnerung an das Geschehene gefällt ihr gar nicht. Nicht, weil "irgend etwas" passiert ist, sondern vielmehr aus dem Grund, daß sie sich einfach nicht mehr an jene Nacht erinnern kann.

"Vergiß es! Letztes Mal hatte ich zuviel getrunken! Dieses Mal werde ich stocknüchtern bleiben!"

Sie schaut ihm mit festem Blick in die Augen.

"Diese Mal wirst du der Verlierer sein!" zischt Phexane (oder Felina ...) ihm zu.

Theovards Grinsen ist offenbar unsterblich! Selbst bei diesen frechen Worten, bleibt er ruhig. Eine Miene der Gelassenheit schmückt sein Gesicht und seine Augen funkeln die Dunkelhaarige vor ihm erwartungsvoll, vielleicht auch ein wenig gierig, an.

"Wir werden sehen, Kleine."

Phexane mustert ihn verärgert. Sie haßt es, mit solchen Worten so degradiert zu werden. Aber noch viel mehr haßt sie die Tatsache, daß in der Nacht damals wohl "etwas" passiert sein muß, daß er glaubt, so mit ihr reden zu dürfen.

'Ich werde nie wieder soviel trinken! Allein die Tatsache, daß ich am nächsten Morgen mit einer Tätowierung aufgewacht bin, bei der ich bis heute nicht weiß, woher die stammt, hat mich vorsichtiger werden lassen.'

"Bevor wir beginnen," der Rothaarige blickt nun etwas ernsthafter zu den beiden anderen, "sollten wir uns ein wenig besser kennenlernen. Die Dame hier an dem Tisch ist Quiria di Trepione."

Phexane nickt zu der Frau, die wiederum ein knappes "Kor zum Grusse" von sich gibt - ohne Frage eine Söldnerin!

Sie trägt ein kurzes Kettenhemd, darunter schwarze Schutzkleidung und etwas Lederzeug an Armen und Beinen, sowie einen Säbel an ihrem Waffengürtel. Die sogenannte Dame hat einen eher muskulösen Körperbau, breite Schultern, schwarzes Haar, das auf selbigen fällt und braune Augen. Dem Teint nach zu urteilen scheint sie wohl aus dem Süden zu stammen.

"Der Herr zu ihrer Linken wiederum ist Gramesch, Sohn des Grumbold."

Theovard deutet auf den Zwerg, der zur Begrüßung lediglich etwas in seinen Bart grummelt, daß von dem übrigen Lärm der Taverne übertönt wird.

Besagter Bart ist rot und der Zwerg scheint wohl zu den eher jüngeren Vertretern seines Volkes zu gehören, wobei er von den Vieren hier wohl schon am längsten auf Dere wandelt. Auch er trägt ein Kettenhemd, dazu einen Helm, etwas Lederzeug und die bei einem Zwerg geradezu obligatorische Axt.

Dann deutet Theovard auf Phexane.

"Und das hier ist Felina. Eine alte Freundin aus Andergast, die mir nie ihren Nachnamen verraten wollte."

Er zwinkert sie an, während Phexane gequält lächelt.

'Blöder Name! Was habe ich mir bloß damals dabei gedacht, als ich den annahm?'



Theovard blickt kurz auf die Bierkrüge der Söldnerin und des Zwerges, dann erhebt er sich. Diese Bewegung, die er macht, ist geradezu katzengleich, wenn nicht sogar raubtierhaft. Und wie ein Raubtier kommt er bedächtig einen Schritt auf Phexane zu, die wiederum abwehrend die Arme verschränkt. Seine Augen funkeln ein wenig lüstern, als er in ihre blickt. Sanft schiebt er seine rechte Hand unter ihr Kinn und hebt es ein wenig zu sich hoch, damit Phexane in die Augen des um einen halben Kopf größeren Mannes schauen kann.

"Ich war damals sehr enttäuscht, als ich aufgewacht bin und feststellen mußte, daß du schon wieder abgereist warst. Diesmal will ich ein paar Tage mehr mit dir verbringen. Und ein paar Nächte ..."

Sein Kopf nähert sich bei seinen Worten und seine Lippen öffnen sich ein wieder ein wenig, als er zu Ende gesprochen hat. Er umgarnt sein 'Opfer' mit einem Blick, der wahrscheinlich schon viele Frauenherzen hat schmelzen lassen und in Gedanken sieht er sich schon allein mit seiner 'Beute', wie er sie genüßlich 'verschlingt' ...

Doch da schnappt, schnell wie eine Kobra, Phexanes Hand zu und klammert sich um sein Kinn, wobei ihre langen Finger, insbesondere die Nägel, sich in seine Wangen links und rechts bohren, ja geradezu krallen.

"Bilde dir bloß nichts ein! Nur weil du offenbar mit mir geschlafen hast, bin ich noch lange nicht dein Täubchen! Wenn du also nicht noch blauere Augen haben willst, dann laß' die Finger von mir, klar?"

Ihre Stimme ist zischend, wie der einer Schlange, die ein hungriges Raubtier bedroht. Die Szenerie würde vielleicht manchen an einen Kampf zwischen Mungo und Schlange erinnern, denn nun windet sich Theovard schnell und gewandt aus ihren Griff und geht wieder einen Schritt zurück.

Dies ist die wahre Phexane, die, die niemanden an sich ranläßt. Die, die keinen Mann, keine Freunde und auch keine Familie braucht. Sie zeigt die Phexane, die sie eigentlich sein will. Kühl, beherrscht, wehrhaft - eine harte Schale und am besten noch einen ebenso harten Kern!

Theovard lächelt unsicher, blickt sich kurz zu den beiden anderen um, registriert aber nicht deren Reaktion sondern blickt noch einmal kurz zu Phexane. Dann, offenbar etwas nervös aufgrund dieses Vorfalles, dreht er sich wieder zu Quiria und Gramesch um.

"Nun," hiermit endet sein Satz auch erstmal abrupt, denn er muß sich räuspern, "ich denke, wir sollten mit dem Spiel beginnen. Seid ihr soweit?"

Er blickt dabei noch einmal kurz zu Phexane, die wiederum ihn warnend anfunkelt.

'Wage es kein zweites Mal, oder ich werde dir die Zähne rausschlagen!'



Die Söldnerin mustert mit scheinbar gelangweiltem Gesichtsausdruck die neu angekommene »Felina« während Theovard aufsteht. Ihre Linke streicht dabei unter dem Tisch über ihren kurzen, nietenbeschlagenen schwarzen Lederrock - den sie zu ihrem kurzen Kettenhemd, dem Lederzeug und den Stiefeln trägt - hin zu ihrem Säbel derweil ihre Rechte locker auf dem Holztisch liegt.

`So so, die alte Freundin Felina aus Andergast. Theovard scheint ja einen Narren an ihr gefressen zu haben. Was er nur an diesem dürren Ding findet? Und mich würdigt er kaum eines Blickes... pfft!`

Gramesch - der Zwerg - hingegen hebt seinen Humpen und leert ihn mit einem kräftigen Zug. Ihn kümmert der Trubel um den neuen Gast, den Theovard vorstellt, nicht. Er war hergekommen, um ein, zwei ... dutzend Bier zu trinken - das Bier im Seehund ist nämlich seiner Meinung nach einigermaßen trinkbar, im Gegensatz zu den Bieren in den meisten anderen Kneipen hier - und um sich etwas beim Boltanspiel zu »vergnügen«. In der Tat ist er sich sicher, heute eine größere Summe gewinnen zu können - und was könnte vergnüglicher sein, als das ein oder andere Goldstück zu verdienen?

`Wie, er war mit ihr schon im Bett? Und jetzt will er sie küssen? Diese Schlampe!`

Quirias Gesicht erscheint ruhig, nur die Augen funkeln in verhohlenem Zorn. Als sie nach Salzerhaven kam, wollte sie eigentlich am nächsten Tag wieder abreisen - bis sie Theo traf. Er hatte Ihr gleich gefallen und so war sie geblieben. Wegen ihm saß sie hier, er hatte sie überredet, bei dem Boltanspiel mitzumachen...

Sie verwendet viel Energie darauf, ihm zu gefallen und er stellt sich blind, schon die ganze Zeit. Das wäre ja noch zu verkraften gewesen, schließlich ist sie sich sicher, ihn doch noch rum kriegen zu können - aber jetzt taucht diese... diese Frau hier auf und Theo hat nur noch Augen für sie.

`Miststück!`

Dann sieht sie, wie Phexane zustößt, Theovards Avancen abwehrt. Ein leichtes Lächeln blitzt kurz auf ihren Lippen auf.

`So, daß hast du nun davon, daß du diesem Flittchen nachstellst, mein Schöner.`

Quiria ist erleichtert. Sie hatte schon befürchtet, diese Unperson könnte ihr »ihren« Theovard wegnehmen wollen. Aber so besteht ja noch Hoffnung, daß...

`Komm mir ja nicht in die Quere, Miststück...`

Auch der Zwerg hat das kleine Gerangel zwischen Theo und Phexane mitbekommen. Innerlich kann er nur den Kopf schütteln über diese Menschen. Wie kann man nur so hastig vorgehen. Man weiß doch, das man bei Frauen langsam vorgehen muß, ihnen Geschenke machen, sie mit Worten interessiert machen muß. Aber sie ist ja auch keine richtige Frau - sie kratzt wie eine Echse. Richtige Frauen kratzen nicht. Wenn ich da an Agescha denke... Das ist eine Frau!

Gramesch kann noch in Gedanken ihren Faustschlag spüren, als sie seine erste ungestüme Werbung ablehnte. Doch mit der Zeit hatte er es geschafft, ihr Herz zu gewinnen. Sie hatte sogar zugestimmt, mit ihm den Bund von Feuer und Erz einzugehen - wenn er sich einen Namen gemacht hatte...

"Einen ungestümen Drachen habt ihr da, mein Freund" grummelt er - nicht einmal für Quiria hörbar - in seinen Bart. Dann etwas lauter, als Antwort auf Theovards Frage:

"Wenn ich dann endlich mein neues Bier kriege, dann kanns los gehen..."

In der Tat hatte er selbiges - es muß wohl heute schon sein sechstes oder siebtes sein - schon vor einer kurzen Weile bestellt - aber die Bedienung läßt auf sich warten.

"... aber die wollen mich wie es scheint wohl verdursten lassen!"

Dann grinst er kurz und setzt feixend hinzu:

"Euch ist ja klar, daß Euer Gold bereits mir gehört..."

Fast gleichzeitig schenkt Quiria Theovard ein süßliches Lächeln:

"Aber sicher doch, mein Lieber."

Dann fixiert sie noch einmal verhohlen Phexane.

`Und du kannst was erleben, Schlampe! Ich werde dich so ausnehmen, daß du keinen roten Kreuzer mehr besitzt!`



Theovard seufzt leise - eine Frau, die so 'liebenswert' wie ein Ork ist, eine weitere Frau, die so kräftig wie besagter Ork zu sein scheint und ein Zwerg, der so goldgierig wie ... nun ja ... wie ein Zwerg ist.

"Ich werde der Bedienung sagen, daß sie das Bier in das Hinterzimmer bringen soll. Gehen wir?"

Kurz dreht er sich bei der Frage zu Phexane um, die wiederum desinteressiert mit einer Schulter zuckt.

"Folgt mir bitte!"

Theovard geht auf die Theke zu. Dort nickt er kurz der Wirtin zu, die Bier in ein paar Krüge füllt und diese den Gästen an der Theke reicht.

"Geh nur durch!" ruft sie ihm zu, wendet sich dann aber sofort wieder der Kundschaft zu.

"Danke," ruft er, "und dann bitte noch ein Bier für den Herren hier!"

Er zeigt dabei auf Gramesch.

"Bring ich euch!" antwortet die Wirtin mit ihrer rauhen Stimme.

Theovard geht hinter die Theke und durch eine Tür, die sich direkt neben der Küchentür befindet. Dahinter befindet sich ein kurzer, leerer, dunkler Flur, von dem zwei Türen, eine am Ende des Flures und eine auf der linken Seite, in weitere Räume führen.

Theovard scheint sich hier auszukennen und durchquert den leeren Flur, um auf die Tür am Ende zuzugehen. Diese öffnet er, bleibt aber draußen stehen, um den anderen Spielern den Vortritt zu lassen.

In dem kleinen Raum steht in der Mitte ein runder Tisch, darum gruppiert sechs Stühle. Ansonsten dient er als Abstellplatz für noch unbeschädigte Tische und Bänke, die jeweils auf der rechten und linken Seite teilweise sogar gestapelt wurden. Gegenüber der Tür ist ein kleines Fenster, das, wie auch die anderen Fenster der Taverne, mit einer Schweinsblase verschlossen wurde. Von der Decke hängt eine kleine Öllampe und auf dem Tisch steht ein erloschene Kerze, die in einer kleinen Tonflasche gesteckt wurde.



"Gut, aber hoffentlich gleich. Bin fast am verdursten!" ist Grameschs Kommentar auf Theovards Ankündigung, er werde veranlassen, daß das Bier ins Hinterzimmer gebracht wird.

Dann steht er auf - was für Menschen ob seiner kurzen Beine immer etwas lustig aussieht, aber wer würde es wagen, ihn deswegen auszulachen? Spätestens der Anblick der fein gepflegten Axt, die der Zwerg nun wieder in die Hand nimmt, läßt jeden »normalen« Aventurier sofort das Lachen vergehen. Nein, mit Zwergen ist nicht zu spaßen. Denn wie singt der Volksmund:

»Ärgere keinen Zwergen, denn Zwerge ham gar große Wut und dann liegst du in deinem Blut!«

Quiria hingegen erhebt sich mit der Eleganz einer Kämpferin - einer aufreizenden Kämpferin! Betont langsam, mit ihren Händen über die Hüften streichend. Aber Theovard scheint das - sehr zu ihrem Ärger - nicht zu bemerken - oder nicht bemerken zu wollen.

`Daran ist nur SIE schuld!` denkt sie grimmig und folgt, hinter dem Zwerg und als letzte der kleinen Gruppe, Theovard. Dabei funkelt sie Phexanes Rücken an, ihre Augen blitzen in kaltem Zorn. Ihre linke Hand umkrampft den Säbel.

So passieren die Beiden dann - nach dem kurzen Gespräch Theovards mit der Wirtin, daß Gramesch nur mit einem kurzen Kopfnicken kommentiert - ebenfalls die Tür und durchqueren den Flur.

Gewohnheitsmäßig zuckt Quirias Kopf hin und her, so als halte sie nach etwas Ausschau während Gramesch grummelnd zur Kenntnis nimmt, daß die Flurwand seiner Meinung nach hier und da ausgebessert gehört. Immer diese Menschen - können einfach keine stabilen Gebäude bauen. Wie soll das denn hier 300 Jahre halten, bei dieser »Elfenarbeit«?

Immer noch grummlig geht Gramesch dann an dem an der Tür wartenden Theovard vorbei und setzt sich auf den Stuhl direkt der Tür gegenüber - zwerg will ja schließlich sehen, wenn sein Bier kommt - ohne sich um solche unwichtigen Dinge wie etwa Sitzplatzauslosung oder ähnliches zu kümmern. Seine Axt wird kurzerhand an den Stuhl gelehnt, während der Helm auf dem Tisch Platz findet, nachdem Gramesch sich davon überzeugt hat, daß dieser wohl ausreichend stabil ist.

Quiria hingegen schenkt Theovard im Vorbeigehen ein charmant-kokettes Lächeln und meint:

"Vielen Dank mein Herr...", sieht sich im Raum, der nun ihr Boltanzimmer darstellt, um...

`Gut, hier scheint alles sicher zu sein`

... und begibt sich dann - Phexane demonstrativ ignorierend - ebenfalls zum Tisch, bleibt dort allerdings stehen, um auf Theovard zu warten.



Phexane folgt Theovard die ganze Zeit, wobei sie die Blicke der Söldnerin nicht bemerkt. Als dieser die Tür zu dem kleinen Zimmer öffnet, geht sie auch sofort hinein, nimmt ihren Umhang ab, den sie über die Rückenlehne eines Stuhles hängt und setzt sich dann auf diesen an den Tisch.

'Vielleicht hätte ich zuvor noch ein paar Karten in meinen Ärmeln verstecken sollen ... Egal! Dafür ist es jetzt zu spät. Ich vertraue ganz meinem Glück.'

Theovard dagegen bleibt Quririas Lächeln nicht verborgen und lächelt auch kurzum zurück.

'Hmm, wer weiß, vielleicht werde ich nach dem Spiel doch noch Spaß haben. Gut, sie ist nicht ganz mein Typ, aber wer weiß, was sie so für Qualitäten hat ...'

Mit einem leicht vergnügten Ausdruck im Gesicht geht Theovard nun ebenfalls in den Raum und nimmt Platz auf dem verbliebenen Stuhl.



`Er hat mein Lächeln erwidert!` jubelt Quiria innerlich.

`Dann besteht ja noch Hoffnung auf... ich wußte es. Und da kann auch diese Schlampe...` - ein weiterer giftiger Seitenblick auf Phexane begleiten diese Gedanken - `...mir nicht dazwischen funken. Und wenn sie es doch wagen sollte - dann wird sie es bitter bereuen!`

Mit einer Eleganz, die auf eine Herkunft aus besserem Hause schließen läßt, läßt sie sich auf dem Stuhl, den sie für sich gewählt hatte, nieder. Mit schnellem Handgriff löst sie den Waffengürtel und hängt ihn - samt Dolch und Säbel, die daran hängen - über die Stuhllehne hinter sich. Dann streicht sie sich noch einmal mit der Linken über den kurzen, beschlagenen Lederrock (im Amazonenstil), um diesen etwas zu glätten. Die Rechte legt sie locker auf den Tisch.

Derweil kramt Gramesch in einem Beutel an seinem Gürtel, ohne sich um die anderen Anwesenden zu kümmern, wie es scheint. Endlich scheint er gefunden zu haben, was er sucht: In seinen Händen, die sich mit einem Male wieder über dem Tisch befinden, hält er eine kleine metallene Dose, rechteckig und vielleicht 2 Finger mal einem Finger messend. Beinahe andächtig öffnet er den Deckel, langt in die Dose hinein und holt ein schmales Hölzchen heraus, knappe 1 1/2 Finger lang mit einem orange-gelben »Kopf« an einem Ende.

Quiria sieht den Zwerg mit gerunzelter Stirn an? Was hatte er vor? Was waren das für Hölzer? Sollten das vielleicht... könnten das jene Hölzer sein, von denen man erzählt, daß man damit Feuer machen könne? Gehört hatte sie davon schon einmal - aber gesehen hatte sie solch ein Holz noch nie - was Wunder, wenn man davon ausgeht, daß - so sie überhaupt existieren - höchsten eine Handvoll Menschen wissen dürften, wie man solche Hölzer herstellt...

`Menschen - und wie sieht es bei den Zwergen aus?`

Und in der Tat: Quirias Vermutung wird in dem Moment bestätigt, als Gramesch das Holz schnell über den Holztisch streift und ein kleines Flämmchen an der gelben Spitze des Stäbchens aufflackert. Mit dieser Flamme entzündet Gramesch fix die Kerze in der Mitte des Tisches, brummelt ein:

"es war zu dunkel hier!" und wedelt dann schnell mit dem Hölzchen hin und her, bis es verlöscht.

Quiria ist im ersten Moment doch erstaunt und sieht verwundert auf das erlöschende Holzstäbchen, unfähig etwas zu sagen. Zwerge sind wirklich für eine Überraschung gut!

Gramesch flinke Finger beginnen unterdess das kostbare Döschen wieder zu verschließen und wegzupacken. Ganz beiläufig fragt er dabei:

"Fünf Bietrunden, einmal Kartentausch, Höchsteinsatz 10 Silber, Schulden müssen noch an diesem Abend beglichen werden?"

Zuerst nickt Quiria nur. Doch dann wird sie sich bewußt, was für ein Bild sie abgeben muß! Innerlich wütend über sich selbst dreht sie sich zu Theovard um und meint mit einem - vor allem bei den letzten Worten - recht zweideutigem Lächeln:

"Klingt gut. Was meinst du, mein Lieber?"

Wieder kein Blick für Phexane, keine Frage ob sie damit einverstanden ist - Quiria hat beschlossen, ihr erst einmal die kalte Schulter zu zeigen, sie einfach zu ignorieren.



Phexane rutscht etwas nervös auf ihrem Stuhl. Irgendwas hat sie leicht unruhig werden lassen. Irgendein Gefühl ...

Sie ist sich nicht sicher, was es ist. Vielleicht dieser Zwerg mit diesen Hölzern, die so schnell anfangen zu brennen - etwas äußerst Unangenehmes für Phexane, die stets Unbehagen bei Feuer verspürt. Insbesondere wenn es ihr so unberechenbar erscheint wie diese Hölzchen!

Oder ist es diese Söldnerin? Irgendwie fühlt sich Phexane in ihrer Gegenwart nicht sonderlich wohl. Sie hat das Gefühl, als ob sie jeden Blickkontakt mit dieser Frau vermeiden müßte .... sehr seltsam!

'Ich werde sie, sobald sie sich mich anblickt, genau ansehen! Dann weiß ich vielleicht, warum ich dieses Gefühl habe.'

Oder liegt es an Theovard? Was hatte sie damals bloß veranlaßt, so weit zu gehen? Und wie weit ist sie überhaupt gegangen? Sie kann sich nur daran erinnern, daß sie mit einem entsetzlichen Durst aufgewacht ist und neben sich, genauso nackt wie sie, Theovard vorfand, der seelig vor sich hin schnarchte.

Aber vielleicht ist es auch eine Vorahnung? Vielleicht hat sie heute abend doch nicht soviel Glück wie erhofft? Vielleicht wäre es doch besser gewesen ein wenig "vorzusorgen" und Karten zu verstecken? Vielleicht hätte sie sich auch einfach nur einen ruhigen Abend in einer Gaststätte bei Wein und etwas zu Essen machen sollen?

'Hoffentlich passiert mir nicht wieder so etwas wie beim letzten Mal. Allein diese vermaledeite Tätowierung - ein Pferd, das über ein 'T' springt! Was ist, wenn ich mich doch noch einmal verlieben möchte und der Name des Mannes fängt mit 'M' an? .... Noch ein Grund mehr allein zu bleiben!'

Theovard indes hört sich den Vorschlag des Zwerges bezüglich der Spielregeln an und nickt, auch bei Quirias Worten.

"Hm, in Ordnung. Wobei bis zu drei Karten ausgetauscht werden können. Außerdem schlage ich einen Grundeinsatz von einem Silbertaler vor, einverstanden?"

Er blickt in die Runde, angefangen bei Phexane, dann Gramesch und dann, den Blick ein wenig länger verweilend, bei Quiria.

'Die scheint wohl wirklich scharf auf mich zu sein! Gut, sehr gut!'

"Als Kartenkombinationen gelten die Standardkombinationen."

Theovard nimmt den Blick wieder von Quiria und holt bei seinen Worten ein kleines Päckchen Karten hervor, um das ein Band geschnürt ist, welches er nun abwickelt. Dann legt er die Karten vor sich auf den Tisch.

Phexane nickt zu Theovards Worten. Eigentlich wäre ja somit alles geklärt und das Spiel kann beginnen. Aber dieses Gefühl ...

Phexane blickt zu Gramesch.

'Diese Zwerge .... ich habe bisher noch keinen gekannt. Aber die sollen doch so eine Vorliebe fuer Feuer haben .... Unangenehm!'

Dann geht ihr Blick zu Quiria.

'Die sieht ziemlich stark aus. Söldnerin .... für Geld andere Leute töten .... ziemlich ekelhaft! Man kann auch anders zu Geld kommen - ohne daß Menschen sterben!'



Gramesch scheint bei den Worten Theovards über den Grundeinsatz beinahe vom Stuhl zu fallen.

"Waaas? Einen Silbertaler als Grundeinsatz? So viel? Also, die Hälfte würde ja genügen - allerhöchstens!!! Schließlich haben wir ja zehn Silber Höchsteinsatz - bei fünf Bietrunden!. Da könnt Ihr ja genug hochtreiben. Also, ich bin für fünf Heller Grundeinsatz - keinesfalls mehr!"

Gramesch streicht sich aufgeregt über den roten Bart. Es ist ihm anzumerken, daß ihn der vorgeschlagene hohe Grundeinsatz wirklich aufregt.

`Zwerge` denkt sich Quiria mit einem leichten Grinsen auf den Lippen. Dann nestelt sie kurz an ihrem Gürtel, bis sie ihre - gut, aber nicht übermäßig, gefüllte - Geldkatze gelöst hat. Diese stellt sie - klimmpernd - auf den Tisch. "Ob Silbertaler oder Heller, mir ist es gleich!", meint sie locker.

"Ich nehme an, das Amt des Gebers wechselt wie üblich nach links? Und der rechte Nachbar hebt ab?"

Bei den letzten Worten wendet sie sich wieder dem direkt links neben ihr sitzenden Theovard zu.



Theovard seufzt leise.

'Zwerge .... sollte mir eigentlich klar sein, daß so etwas kommt, wenn ich mit einem Zwerg spiele.'

"Nun, wenn ihr es unbedingt möchtet. Mir ist es gleich. Aber mir scheint, ihr seid nicht sonderlich risikofreudig?"

Theovard grinst den Zwerg an. Es ist ein eher freundliches Grinsen, weder feindlich noch großspurig noch frech.

"Also, dann eben fünf Heller Grundeinsatz, in Ordnung?"

Er blickt dabei kurz zu Phexane, die wiederum nur stumm nickt.

Zu Quiria gewendet antwortet er:

"Ja, so hatte ich es mir gedacht."

Dabei nimmt er den Kartenstapel auf und beginnt zu mischen.

"Noch irgendwelche Einwände? Sonst würde ich gerne beginnen."

Wieder blickt er fragend in die Runde.



Quiria nickt zu Theovards Worten, dreht dann den Kopf und sieht - zum ersten Mal - genau zu Phexane hin. Kälte funkelt in Ihren Augen.

`Sie trägt weite Ärmel. tss - etwas, was man beim Boltanspiel nie machen sollte. Ob sie dort wohl Karten versteckt hat? Eigentlich würde nur eine blutige Anfängerin Karten in weiten Ärmeln verstecken - aber, wer weiß?`

Kühl und herablassend, fast feindselig richtet Quiria ihr Wort an Phexane:

"Bevor wir anfangen: Es macht Euch doch sicher nichts aus, vor dem Spiel einmal Eure weiten Ärmel hochzukrempeln. Nur damit es später nicht zu Unstimmigkeiten kommt. Nicht, daß wir Euch nicht vertrauen würden..."

Der Tonfall, in dem der letzte Satz ausgesprochen wird, straft dem Inhalt Lügen.

Mit verengten Augen mustert Quiria die ihr direkt gegen übersitzende »Konkurrentin«. Für einen Augenblick könnte man meinen, sie wirkt wie eine Viper, die nur darauf wartet, auf Ihr Opfer herab stoßen zu können.

`Bitte, Schätzchen, laß uns eine Karte finden... Ich weiß schon, was ich mit dir als ertappte Falschspielerin anstellen werde...`



Gramesch beruhigt sich bei den Worten Theovards wieder, daß der Grundeinsatz jetzt doch »nur« 5 Heller beträgt. Das erscheint ihm angemessener als ein ganzer Silbertaler.

Schon will er Theovard mit einer kurzen Geste zu verstehen geben, daß man von ihm aus anfangen können, als Quiria »Theovards alte Freundin« anspricht.

Leise seufzend fährt er sich mit der Rechten durch den dichten, langen, roten Bart.

"Wenn die Damen das bitte schnell regeln könnten..." brummelt er mit tiefer Stimme kurz nachdem Quiria ihre Ausführung beendet hat.

Ihm entgeht die Aggressivität in Quirias Verhalten nicht - aber es wundert ihn nicht mehr. Mittlerweile ist ihm klar, daß die Menschen untereinander sich ständig Zanken, Mißtrauen, Hintergehen und Intrigen schmieden. Sie sind eben alle noch Kinder. Wie schön ist es da doch in der Harmonie einer Zwergenbinge...

"...du kannst ja schon mal austeilen..." meint er an Theovard gerichtet. während er ebenfalls seine Börse auf den Tisch stellt.



Phexane sieht die Kälte in Quirias Augen und erkennt darin auch die Feindseligkeit der Söldnerin ihr gegenüber. Nun hat sie offenbar ihre Bestätigung und weiß, warum sie so unruhig ist. Aber eines ist noch offen: Die Frage nach dem Warum.

'Was hat die bloß? Ich habe ihr doch gar nichts getan und auch gar nichts Falsches gesagt, oder?'

Phexane versucht dem Blick standzuhalten, selbst als die Söldnerin sie auffordert die Ärmel hochzukrempeln.

'Pfff! Blöde Kuh! Die werde ich noch abzocken!'

Tatsächlich krempelt Phexane ihre weiten Ärmel hoch und entblößt somit die dünnen, nahezu kraftlos aussehenden Unterarme. Als sie bis über die Ellenbogen hinaus gekrempelt hat, hebt sie demonstrativ die beiden Unterarme und dreht sie kurz.

"So, habt ihr alles gesehen, was ihr sehen wolltet?"

Phexane hatte dabei die meiste Zeit Quiria angesehen. Der Blick der Söldnerin war zwar alles andere als angenehm und die Tatsache, daß diese ohne Zweifel stärker und kampferprobter ist als sie, läßt sie auch nicht unbedingt entspannter werden, aber nach außen hin gibt sie sich ruhig und gelassen.

Theovard mischt derweil die Karten weiter und versucht die giftige Atmosphäre, die zwischen Quiria und Phexane entstanden ist, zu ignorieren. Er läßt die Karten zwischen seinen Händen hin- und her"fliegen", bis sie offenbar ausreichend gemischt sind. Da nun Phexane ihre Unterarme und die Leere in ihren Ärmeln gezeigt hat, legt er, mit den Motiven nach unten, den Stapel Quiria hin.

'Ich hoffe, die beiden Hühner keifen sich nicht noch an!'

"Genug des Mißtrauens! Hebt bitte ab."



Quiria registriert die »leeren« Arme Phexanes und plötzlich scheint diese für sie wieder nur noch Luft zu sein - vordergründig.

`Zu Schade - es wäre aber auch zu schön gewesen. Aber - was hast du eigentlich erwartet? Nicht einmal dieses Straßenhur'chen wäre wohl so blöde, Karten in weiten Ärmeln zu verstecken... Trotzdem wird sie mir nicht in die Quere kommen. Ich werde noch einen Weg finden...`

Quiria sieht wieder zu Theovard, schenkt ihm abermals ein Lächeln und meint, während sie mit flinken Fingern den Stapel in fast genau zwei gleich große Hälften teilt:

"Aber sicher doch, laßt uns anfangen..."

Anschließend läßt sie ihre Augen auf den Karten ruhen, nicht daß sich Theovard beim Karten geben vielleicht aus Versehen vertut - Quiria hat zwar viel für Theovard übrig, daß bedeutet aber nicht, daß sie ihm vertraut.

Genaugenommen vertraut sie nur sich selbst, denn die erste Lektion, die sie lernen mußte, als sie ihr Elternhaus verließ war, daß man, wenn man anderen vertraut, nur von diesen verraten werden kann - und bei passender Gelegenheit auch wird.

Auch Gramesch hatte einen kurzen Blick auf Phexanes Arme geworfen, sie für »zu mager« befunden und sich dann damit beschäftigt, einige Heller und Silbertaler aus seinem Beutel zu fischen und diese in kleine, ordentliche Stapel vor sich auf den Tisch zu legen. Ordnung ist schließlich das halbe Leben...

`Wo nur mein Bier bleibt...`

Mißmutig schielt Gramesch zur Tür...



Theovard quittiert Quiriras Lächeln mit Gleichem, legt den neu entstandenen Stapel auf die Karten, die zuvor oben lagen und beginnt dann mit dem Austeilen. Reihum gibt er jedem, auch sich selbst, fünf Karten. Dann legt er den Stapel der übriggebliebenen Karten auf den Tisch in seiner Nähe. Daraufhin holt auch Theovard seinen Geldbeutel hervor, zieht einige Heller und Silbertaler hervor und legt seinen Grundeinsatz von fünf Hellern in die Tischmitte.

In dem Moment, als er das tut, öffnet sich die Tür und die Wirtin tritt ein.

"So, das Bier für den Herrn. Bitte sehr!" sagt sie und stellt den Krug vor Gramesch auf den Tisch.

Theovard allerdings zuckt merklich zusammen, als die Dame des Hauses ohne zu Klopfen eintritt.

"Puh, klopft das nächste Mal an, ja?"

Die Wirtin grinst Theovard an.

"Ihr seid ziemlich bleich. Wohl schon mal Ärger gehabt, was?"

Während sie das sagt, geht sie wieder aus dem Raum. Theovard antwortet nicht, sondern ordnet mit gesenktem Kopf und ernster Miene sein Geld.

Auch Phexane war sichtlich erschrocken, als die Wirtin einfach in den Raum stapfte. Doch sie ließ sich das nicht anmerken. Vielmehr beschäftigte sie sich wieder mit der Frage, warum diese Söldnerin so feindselig ist. Als Theovard diese anlächelt, glaubt sie sogar die Antwort zu wissen. Phexane mustert kurz Quiria, während sie aus ihrem Umhang ihren Geldbeutel "hervorzaubert".

'Meinetwegen soll sie ihn doch kriegen. Sie wird schon sehen, was sie davon hat.'

Sie holt ebenfalls einige Heller und Silbertaler heraus, läßt sie aber, im Gegensatz zum Zwerg, als einen ungeordneten Stapel liegen. Auch Phexane legt nun ihre fünf Heller Grundeinsatz auf den Tisch.

'Meinetwegen kann es jetzt losgehen.'



Quiria bemerkt wiederum mit kaum unterdrückter Freude Theovards Lächeln. In dieser Hinsicht ähnelt sie noch irgendwie einem naiven jungem Mädchen, daß sich über jede schüchterne Geste ihres ersten Liebhabers freut - obwohl Theovard beileibe nicht der erste Mann in ihrem Leben wäre. Es scheint so, als habe sie eher darin etwas von ihrer jugenhaften Unbeschwertheit bewahrt, ein kostbarer Schatz, um die Schrecken des harten Söldneralltags zu vergessen.

Dieser holt sie jedoch sogleich wieder ein - in Form ihrer Sinne und Instinkte, als die Tür so plötzlich geöffnet wird und die Wirtin hereintritt. Reflexartig zuckt ihre rechte Hand zu ihrer linken Hüfte, nur um dort ihre Waffe NICHT vorzufinden - kein Wunder, hatte sie sie doch über die Stuhllehne gehängt.

`Ich Närrin!` schielt sie sich selbst. `Erst einmal sollte man wissen, wo man seine Waffen hat und zweitens ist das nur die Wirtin. Was ist nur los? Habe ich in letzter Zeit zu viel Blut und Schrecken gesehen? Ach Unsinn...`

Doch tief in ihren Inneren keimt leiser Zweifel auf, ob nicht dies doch der Grund für ihr angespanntes Verhalten sein mag. Irgendwie sehnt sie sich schon nach Wärme und Zärtlichkeit - wenigstens für eine kleine Weile. Einfach mal das Leben genießen, sich Rahjas Freuden hingeben, Travias Gaben annehmen, das Schlachtfeld vergessen, ausspannen... vielleicht ist auch darin der Grund zu suchen, warum sie so hinter Theovard her ist? Eine Tatsache allerdings, die sie sich so nie selbst eingestehen würde, auch wenn ihr Verhalten Bände spricht...

Gramesch kann die Unruhe der drei Menschen nicht verstehen. Was ist dabei, wenn die Wirtin ihm sein langbestelltes Bier bringt? Die Menschen sind einfach zu schreckhaft, wie junge Küken.. naja, was will man erwarten von 20 bis 30 Jahre alten Kindern? Wesen in diesem Alter sind ja nicht mal mündig...

"Ihr seid meine Lebensretterin..." begrüßt er die Wirtin "...wenn ihr nicht bald gekommen wärt, wäre ich noch verdurstet! Stellt es bitte gerade hier hin, vor mich auf den Tisch."

Bei den letzten Worten deutet Gramesch tatsächlich mit der Rechten vor sich auf die runde Platte des Holztisches, wo die Wirtin den Krug ja dann auch tatsächlich abstellt.

"Wenn das bei Euch immer so dauert, zapft mir am Besten schon einmal gleich das nächste..." sprichts und hebt dann sogleich den Humpen, um einen tiefen Schluck daraus zu nehmen. Als er ihn absetzt, streicht er sich zufrieden einige Schaumreste aus dem Bart, klopft sich zweimal auf den Bauch und sieht in die Runde.

"Ah, das habe ich gebraucht. Von mir aus können wir jetzt anfangen..."

Während dieser Worte schiebt Gramesch einen Stapel aus fünf ordentlich aufeinander gelegten Ein-Heller-Münzen in Richtung Tischmitte, die er aber - aufgrund seiner kurzen Arme - nicht ganz erreicht.

Auch Quiria macht ihren Grundeinsatz und meint dann trocken:

"Dann laßt uns mal sehen, wem Phex heute Abend hold ist..."

Dabei beginnt die ihre Karten aufzunehmen, peinlich darauf achtend, daß niemand außer ihr deren Werte erkennen kann...



'Wem PHEx heute abend hold ist? Du wirst es noch sehen!' denkt sich Phexane, während sie ihre Karten in die Hand nimmt.

Was sie dann in ihrer Hand vorfindet, sieht doch recht vielversprechend aus: Drei Wahrsagerinnen - Luft, Wasser und Feuer. Die anderen beiden Karten sind wiederum die Humus 3 und Erz 5. 'Eine Wahrsagerin noch .... das wäre perfekt! Es gibt dann nur noch zwei Kombinationen, die dieses Blatt schlagen. Aber die sind doch sehr unwahrscheinlich.'

Phexane behält ihre kühle Miene, zumal ja noch nichts entschieden ist. Dafür ordnet sie nun ihre Karten und wartet darauf, daß die erste Wettrunde eingeläutet wird.

Theovard nimmt ebenfalls seine Karten auf. Doch im Gegensatz zu Phexane sieht er für sich keine große Hoffnung auf Gewinn: Erz As, Eis 2, Humus 5, Ritter des Feuers und Magier des Eises. Doch auch er bleibt gelassen. Man kann halt nicht immer gewinnen ... und bei vier weiteren Spielen ist ja auch noch einiges möglich!

Kurz sieht er sich in der Runde um und hofft so, in den Gesichtern etwas lesen zu können.

"So, meine Damen und mein Herr! Beginnen wir also mit der ersten Wettrunde," sagt Theovard, "Ich passe!" fügt er sogleich hinzu und legt die Karten mit den Motiven nach unten auf den Tisch. Dann blickt er zu Phexane.

Diese schaut durchaus etwas überrascht.

'Nanu? Hat er keine Karten bei sich versteckt? Wäre ja mal was ganz Neues!'

Phexane legt fünf Heller auf die Tischmitte.

"Ich setze fünf."



Quiria betrachtet ihre Karten und jubelt innerlich vor Freude. Drei Fürsten - Fürst des Feuers, des Erzes und des Eises - und die beiden Knappen des Humus und der Luft... eine Familie, ein gutes Blatt.

`Das fängt ja gut an - gleich am Anfang ein recht hohes Blatt auf der Hand. Das könnte wirklich gut für mich laufen heute...`

Und wirklich stehen die Sterne für Quiria momentan äußerst günstig. Natürlich weiß sie es nicht, aber das Blatt, daß sie momentan auf der Hand hält, ist das beste am Tisch. Aber noch kann sich kein Spieler absolut sicher sein. Täuschung ist bei diesem Spiel ein wesentliches Element und nicht selten hat ein Spieler mit besserem Blatt gepaßt, weil er das Blatt des Gegners besser einschätzte, als es war. Und dann ist ja auch noch die Möglichkeit des Kartentauschs... Alles ist noch offen - und DAS wissen die Spieler.

Nachdenklich fixiert Gramesch seine Karten. Mit seiner linken Hand streicht er sich über seinen roten Bart.

`Mmmh, As des Feuers, As des Eises, den Ritter der Luft, die Wahrsagerin der Erde und die Eis 3... ein hohes Paar. Nicht viel, aber immerhin... und Chancen auf ein höheres Blatt.`

Interessiert hört er, wie Theovard paßt - seine Karten müssen wohl wirklich schlecht sein - und seine Nachbarin fünf Heller bietet. Kein besonders hoher Einsatz.

`Mh, entweder hat sie auch nur mittelmäßige Karten... oder sehr gute!`

Gramesch hatte in den letzten Jahren genug Zeit, um das Verhalten der Menschen beim Boltan zu beobachten. Eine Beobachtung dabei war, daß erfahrene Spieler mit gutem Blatt oft mit niedrigen Einsätzen beginnen. Allerdings weiß er nicht, wie erfahren »Theovards alte Freundin« denn ist. Er beschließt, einfach mal den schlechtesten Fall anzunehmen und also zu schließen, daß sie eine erfahrene Spielerin mit guten Karten ist.

`Mmh, am besten ich gehe mal mit kleinen Einsätzen mit, bis zum Kartentausch, dann kann ich neu entscheiden.

Schließlich beendet er seinen Gedankengang, hört auf, seinen Bart zu streicheln und schiebt in aller Ruhe ebenfalls fünf Heller in Richtung Tischmitte.

"Ich halte" grummelt er

Auch Quiria registriert die Vorgänge am Spieltisch.

`Theo paßt, die Schlampe setzt fünf Heller und der Zwerg zieht mit. Mmh. Wenn man davon ausgeht, daß der Zwerg vorsichtig spielt, ist er wohl keine Gefahr. Aber was hat diese Ork-Geliebte auf der Hand?`

Quiria legt mit fast theatralischer Geste die Karten locker auf den Tisch zurück - natürlich mit den Motiven nach unten und greift dann nach ein paar Münzen, die sie zwischenzeitlich auch aus ihrem Geldbeutel auf den Tisch gelegt hatte.

Ihre Augen suchen bewußt Phexane, bewußt überlegen lächelt sie ihre »Konkurrentin« an.

`Dann wollen wir mal sehen, ob wir sie nicht verunsichern, aus der Reserve locken können...`

"Na, vertraut ihr eurem Glück nicht, daß ihr so niedrige Einsätze setzt?" fragt Quiria beiläufig. Dann grinst sie zynisch, fast bösartig.

"Ach entschuldigt, ich vergaß ja, daß es nicht einfach ist auf der Straße so viel Geld zu verdienen. Es erfordert wohl hohen Körpereinsatz...!"

Denn letzten Satz betont sie besonders, so als wollte sie damit etwas bestimmtes aussagen.

`Na, wie gefällt dir das, du kleine Straßendirne?`

Dann legt sie mit lockerer Hand ein fünf Heller in die Tischmitte...

"Eure fünf Heller..."

... und legt ein glänzendes Silberstück daneben.

"...und ich erhöhe um einen Silbertaler."

Dann sieht sie wieder aufmerksam zu Phexane, ihre Reaktion abwartend.

`Mal sehen, ob meine Spitze getroffen hat...`

Gramesch sieht derweil zwischen den beiden Frauen hin und her.

`Na, daß wird noch spaßig werden... Menschen!`

Erneut greift er zum Krug und nimmt einen Schluck des Bieres.

`Sind mir meine Karten Silber wert?`



Phexane registriert das überhebliche Lächeln, daß Quirias Gesicht ziert. Noch immer bemüht sie sich um eine kühle, gelassene Miene, doch dieses Weibsbild, das ihr gegenüber sitzt, macht es ihr nicht gerade einfach. Doch bei den herablassenden Worten, die die Söldnerin zu Phexane sagt, blitzt ein feindseliges Funkeln in den Augen der Streunerin auf.

'Diese verfluchte Söldnerkuh!'

Doch sie zwingt sich wieder zur Ruhe, obwohl sie innerlich langsam anfängt wie ein Vulkan zu brodeln.

"Ich halte," antwortet Phexane und schiebt die fünf Heller plus einem Silbertaler zur Tischmitte, dabei blickt sie Quiria genau in die Augen und lächelt ein seltsam freundliches Lächeln, "und erhöhe um weitere fünf Heller."

Auch diese schiebt sie zur Mitte.

Sie lehnt sich dann selbstgefällig zurück und erhält dabei das Lächeln aufrecht.

"Ich hoffe, ihr hattet in den Zelten bei den anderen Söldnern genug verdient. Ansonsten solltet ihr dieses Spiel lieber .... abblasen! Das könnt ihr doch sicherlich am besten."

Phexanes Lächeln verwandelt sich in ein breites Grinsen.



Während Phexane wartet, ob ihre Spitze bei Quiria trifft, sieht Gramesch etwas erstaunt auf den Einsatz, den Phexane da in die Mitte schiebt.

`Warum legt sie einen Silbertaler UND fünf Heller hin, um mitzugehen? Die ersten fünf Heller waren doch ihr erstes Gebot... Sollte sie wirklich kein Boltan spielen können? Solche Fehler dürfen einem guten Boltanspieler nicht passieren... oder stellt sie sich dumm um uns zu täuschen. Wenn...wenn das wahr wäre, dann wäre diese Menschenfrau ja genauso verschlagen wie die - Angrosch strafe sie - vermaledeite Echsenbrut...`

"Ähm, bei Angrosch, erhöht ihr nun um einen Silbertaler, oder unterlief Euch ein Fehler, als ihr die fünf Heller zusätzlich hinlegtet, um zu halten?" spricht er mit griesgrämigen Tonfall Phexane an.

Derweil funkelt Quiria Phexane an.

`Was erlaubt sie sich eigentlich, diese... nur ruhig. Sie versucht mich zu provozieren. Aber das kann ich besser!`

Dann fällt auch ihr Phexanes Fehler auf, und sie lächelt breit. Zuckersüß ergreift sie nach Gramesch das Wort:

"Über meine Barschaft solltet Ihr Euch keine Sorgen machen. Meine Kameraden bedienen sich im übrigen in solchen Dingen der Hilfe von umherreisenden Damen in weiten Blusen - schon der luftige Schnitt verrät ihre größere Erfahrung - wie Ihr sicher wißt..."

`das sollte sie kapieren`

"...aber ich mache mir wirklich über Euch Sorgen. Seid Ihr sicher, daß Ihr Euch bei der Entlohnung Eurer Dienste nicht manchmal verzählt? Schließlich habt Ihr gerade fünf Heller zuviel gezahlt..."



Während Phexane mit ihrer rechten Hand die Karten hält, schlägt sie die andere vor ihren Mund.

"Oh, äh, ist das denn nicht richtig?"

Mit großen Augen blickt sie fragend zu Theovard. Dieser verengt kurz seine Augen.

'Tss! Die macht Sachen! Jetzt tut sie so, als hätte sie von nichts Ahnung! Na gut, dann werde ich ihr helfen .... und sie später daran erinnern.'

"Nein, es ist nicht richtig." antwortet er geduldig lächelnd. Dann wendet er sich den anderen zu.

"Tja, die kleine Süße hier hat leider nicht genug Erfahrung in diesem Spiel, gell, Felina?"

'Vergiß das bloß nicht!'

"Wenn du vor einer Erhöhung einen geringeren Betrag gesetzt hattest, dann mußt du, sobald du wieder an der Reihe bist, die geforderte Erhöhung nachsetzen."

Phexane nickt und lächelt Theovard unschuldig an.

"Danke, ich denke, jetzt kann ich es mir merken!"

'Nicht schlecht, er hat tatsächlich mitgespielt! Ich hoffe, daß die anderen beiden mich jetzt unterschätzen.'

Kurz blickt Phexane auf ihre Karten, läßt dann ihren Blick über Quiria streifen, deren letzte Bemerkung sie schlicht ignoriert.

"Naja, was einmal im Pott ist, darf nicht wieder raus. Somit habe ich um einen weiteren Silbertaler erhöht."

Sie schaut zu Gramesch, so als wolle sie sagen.

'Na, ist dir dein Blatt soviel wert?'.



Gramesch zupft sich seinen Bart.

`Mmh, zwei Silber... Quiria hat anscheinend ein gutes Blatt... und diese Felina - ob es wirklich ein Fehler war? Menschen sind ja so verschlagen...`

Noch einmal wirft er einen Blick auf seine Karten...

`Nein, dieses Blatt ist keine zwei Silber wert...`

Langsam legt er die Karten mit den Bildern nach unten auf den Tisch und sagt gleichmütig:

"Ich passe..."

Dann greift er nach seinem Bier, nimmt einen Schluck...

`Mist, schon wieder gleich leer... wo bleibt denn die Wirtin. Ist ja langsamer als Granitgestein...` ... und lehnt sich dann zurück, um das weitere Spiel zu beobachten.

Quiria mustert »Felina« aus engen Schlitzen. Man kann beinahe sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitet.

`Sollte sie wirklich... erst der Fehler mit den weiten Ärmeln, jetzt das verkehrte Setzen des Einsatzes... Moment, Theovard fragte sie vorhin, ob sie nicht wieder mal mitspielen wolle, und sie sagte sofort zu - wer ist so schnell dabei, wenn er damit rechnen muß zu verlieren...? Aber warum spielt Theovard dann das Spielchen mit? Diese Orkbraut muß ihm doch den Kopf verdreht haben. Sehr schlau, Miststück, seine Schwäche für deine Zwecke zu nutzen... aber ich habe dich durchschaut. Das ging nämlich zu gut... Na warte`

Quiria setzt ein fast freundlichen Lächeln auf.

`Na, dann spielen wir mal vordergründig mit. Vielleicht kann ich dich ja dann verwirren, mein Täubchen...`

"Wenn das so ist, dann solltet ihr Euch vielleicht noch einmal mit den Regeln vertraut machen. Wir wollen ja schließlich nicht, daß Ihr aus Unwissenheit verliert..."

In ihren Augen blitzt es spöttisch...

Dann nimmt sie mit flinken Fingern einen Silbertaler von ihrem Stapel und legt diese in die Mitte.

"Euren Silbertaler"

Dann nimmt sie fünf Heller von ihrem Stapel.

"Da Ihr anscheinend nicht so erfahren seid, will ich es langsam angehen... schließlich sollt Ihr heute abend noch bei mehreren Spielen Gelegenheit haben, zu lernen..."

`Na, wie gefällt dir das...`

"Deswegen erhöhe ich einmal Euch zuliebe nur um 5 Heller. Außerdem steht es

Euch natürlich frei jederzeit anzusagen, daß Ihr neue Karten ziehen mögt..."

`Mal sehen, was du jetzt sagst. Und mal sehen, wie du guckst, wenn ich keine Karte ziehe - häh häh`



Phexane registriert das Passen des Zwerges, was sie aber auch nicht sonderlich verwundert. Zwar hatte sie in ihrem bisherigen Leben kaum mit Zwergen zu tun gehabt, doch sie hatte schon oft davon gehört, wie goldgierig diese 'Wesen' sind. Irgendwer hatte ihr mal erzählt, daß Zwerge ihr Geld ständig irgendwo verbuddeln und dann, irgendwann, nicht mehr wissen, wo. Eigentlich ein guter Grund mit einer Schaufel durch die Lande zu ziehen ....

Doch nun ist es wieder die Söldnerin, die Phexanes Aufmerksamkeit erregt.

'Aha, du blöde Schlampe willst mir also erzählen, ich könnte jederzeit Karten ziehen?'

"Aha, so so ...... hmmmmmmmmmmm," Phexane blickt nachdenklich auf ihre Karten, "also, wenn ich mich recht entsinne, dann kann ich jetzt noch keine Karten tauschen."

'Eigentlich hasse ich es mich so blöd anzustellen!'

Sie blickt wieder auf und somit direkt in Quirias Augen. Ein verständnisvolles Lächeln, lieb und artig, ziert ihr Gesicht.

"Ihr hattet wahrscheinlich in eurem bisherigen Leben wenig freie Zeit, um euch mit Kartenspiele zu beschäftigen. Manche Männer können und wollen ja ständig, und wenn ihr dann die einzige Frau weit und breit seid ...."

Frech blitzen ihre Augen auf.

"Ich verüble es euch nicht. Im Gegenteil - ihr tut mir direkt leid!"

Phexane löst wieder den Blick von ihr und zählt fünf Heller ab, die sie zur Tischmitte schiebt.

"Naja, wie auch immer - ich halte."



Quiria sieht Phexane bitterböse an. Kaum verhohlener Haß funkelt in ihnen. Wenn Blicke töten könnten, dann hätte Phexane wohl eben gerade eine für sie weniger erfreuliche Begegnung mit Golgari...

`Diese Gassenkuh, wie kann sie es wagen, mich derart... Halt, moment. Eigentlich könnte ich ja... genau`

Plötzlich hellt sich ihr Gesicht auf, es scheint so, als blitze kurz diebische Freude auf ihrem Gesicht auf, als ihr eine Idee kommt, wie sie Phexanes Äußerung gegen diese verwenden könnte...

Kühl und nun wieder vollkommen ruhig antwortet sie:

"Macht Euch mal um mich keine Sorgen. Glaubt mir, ich weiß mich sehr wohl durch zu setzten... Allerdings fange ich an, mir um Euch Sorgen zu machen. Denn wie uns unser allseits geschätzter Freund Theovard..."

ein kurzer Seitenblick Quirias zu eben diesem begleiten ihre Worte, um dem genannten ein Lächeln zu schenken.

"...bestätigte, seid Ihr hier die Person, die wenig Erfahrung mit Kartenspielen hat. Jaja, das Leben muß hart für Euch sein..."

Quiria schafft es sogar, dem ganzen die Krone auf zu setzten, und die letzten Worte tatsächlich mitleidsvoll klingen zu lassen...

`Na, wie hat dir das gefallen. Ich schätze mal Eigentor, wie man beim Imman sagt...`

Gramesch verdreht die Augen. Was soll das? Können die Menschenfrauen nicht einfach in Ruhe Kartenspielen, ohne sich dabei Nettigkeiten an den Kopf zu werfen? So langsam hat er genug. Und wenn er von etwas genug hat, dann wird er ungehalten. Finster blickt er zwischen den beiden Frauen hin und her.

"Würdet Ihr bitte weiterspielen..." grummelt er gereizt, gerade noch so verständlich.

Quiria indess nimmt wieder fünf Heller von ihrem Stapel, schiebt sie in die Mitte und meint fast im Plauderton:

"Weitere fünf..."



Phexane schüttelt belustigt den Kopf.

'Die ist ja so dumm!'

"Nun, wißt ihr, es gibt im Leben auch noch andere Dinge, als DAS!"

Sie macht eine kurze Pause, fährt dann aber weiter fort.

"Ich reise durch das Land, lerne neue Länder kennen und erweitere, im Gegensatz zu euch, meinen Horizont."

'... oder meinen Geldbeutel.'

Doch dann blickt Phexane auf den Geldstapel in der Tischmitte, wo Quiria weitere fünf Heller hingelegt hat.

'Wer hier wohl keine Ahnung hat?'

"Ich sehe schon, es gab in eurem Leben tatsächlich Dinge, die euch vom Boltanspielen abgehalten haben. Aber vielleicht habt ihr auch einfach nur schlechte Ohren: ich habe gehalten! Die erste Bietrunde ist vorbei. Nun werden die Karten getauscht. Aber nett, daß ihr noch etwas in den Pott gelegt habt!"

Bei diesen Worten legt sie verdeckt zwei Karten ab und schiebt diese zu Theovard.

"Ich ziehe zwei."



Bei Phexanes Worten verfinstert sich Quirias Miene immer mehr. Ihre Augen blitzen Phexane wütend und zugleich drohend an, so als wollten sie mitteilen, daß es nun genug sei, daß Phexane es ja nicht wagen soll, den Bogen zu überspannen.

`Noch ein paar spitze Bemerkungen, du Flittchen, und du kannst dir eine neue Behausung suchen - drei Meter tief in Sumus Leib...`

"Ich wollte Euch noch eine Freude machen... aber ich sehe, ihr zieht doch lieber Karten" entgegnet sie trocken.

Dann schweigt sie für einige Augenblicke, wartet ab, bis sich Stille über den Raum senkt. Dann, plötzlich, sagt sie laut und vernehmlich, beinahe wie ein Paukenschlag, mit einem Seitenblick zum Kartengeber Theovard:

"Ich nehme keine!"

Gramesch sieht mit hoch erhobenen Augenbrauen Quiria an. Eben noch hatte er sich zurückgelehnt, geschätzt, wie lange die Wirtin wohl für sein neues Bier braucht und innerlich seufzend gehofft, daß diese beiden Gänse bald mit ihrem Geschnatter aufhören - und jetzt so etwas!

Die Luft entweicht ihm in einem leisen, überrascht klingendem Pfiff.

Quiria will keine Karte tauschen! Entweder blufft sie - und dann müßte sie wirklich gut sein, denn Gramesch kann keien Regung in ihrem gesicht entdecken, die darauf hindeutet - oder sie hat wirklich gute Karten.

`War wohl wirklich gut, daß ich rechtzeitig ausgestiegen bin. Mit meinem Paar hätte ich wohl haushoch verloren...`



Phexane hebt eine Augenbraue, als sie hört, wie Quiria sagt, daß sie keine Karte zieht.

'Was für Blatt hat die bloß? Kann ich dagegen ankommen?'

Auch Theovard, der Phexane gerade zwei neue Karten zuschiebt, sieht man die Überraschung an. Doch er sagt nichts, sondern nickt nur.

Phexane nimmt die beiden Karten auf ... und würde am liebsten laut jubeln! Statt dessen bleibt sie aber weiterhin ruhig und gelassen und kein Gefühl ist von ihrer Miene abzulesen. Tatsächlich hält sie nun vier Wahrsagerinnen in der Hand: Luft, Feuer, Wasser und Erz.

Phexane schaut die Söldnerin, die ihr gegenüber sitzt an.

"Ihr seid an der Reihe mit Bieten. Das letzte Gebot von euch war ja ungültig."



Quiria scheut ihrer Kontrahentin genau ins Gesicht, versucht eine Regung auszumachen, irgend etwas, das ihr verraten würde, wie gut Phexanes Blatt ist. Doch... ist das Licht zu flackernd, läßt sie ihre Beobachtungsgabe im Stich, ist Phexanes Miene wirklich das ultimative Boltangesicht? Jedenfalls kann Quiria nichts genaues erkennen und so...

`Mmh, mein Blatt ist ziemlich hoch... Sie hat zwei gezogen. Das bedeutet, ich muß damit rechnen, daß sie einen Drilling auf der Hand hatte. Hätte sie immer nur noch einen Drilling, dann wäre mein Blatt höher - hat sie jedoch vier gleiche, dann ist ihrs höher... Ich habe den Vorteil, daß ich keine Karte zog - daß heißt, sie weiß noch weniger über mein Blatt als ich über ihrs. Und wenn alles geklappt hat, dann müßte sie überzeugt sein, daß mein Blatt wirklich gut ist. Also - am besten versuchen, den Eindruck zu wahren. Falls sie wirklich vier gleiche haben sollte, habe ich noch die Möglichkeit, sie durch Bluffen dazu zu bringen, daß sie aussteigt! Wer nicht wagt gewinnt!!! Phex steh mir bei!`

Diese Überlegungen laufen innerhalb von Augenblicken in ihr ab, während sie versucht, äußerlich ganz ruhig und unbewegt zu bleiben, immer ihre Gegnerin ansehend. Auch dies ist eine altbewährte Taktik, die dazu dienen soll, den Gegner nervös zu machen...

Mit einer beiläufigen Handbewegung nimmt sie zwei Münzen von ihrem Stapel und legt sie in die Mitte.

"Dann wollen wir einmal klein anfangen - zwei Silbertaler fürs erste..." sagt sie in einem Tonfall, als rede sie über das Wetter in Garethien. Ihr Lächeln, daß sie nun - wie zufällig - aufsetzt wirkt überlegen, siegessicher - doch nur für einen kurzen Augenblick, dann setzt Quiria wieder eine Boltanmiene auf.

`So, mal sehen, ob sie darauf reinfällt. Soll sie doch ruhig denken, ich hätte aus Versehen durch mein Lächeln meine gutes Blatt verraten...`



Phexane nimmt das Gebot Quirias zwar wahr, reagiert aber nicht weiter darauf, als sie sich ein paar Münzen aus ihrem ungeordneten Haufen fischt.

'Ich werde nicht soviel setzen. Dadurch wird sie unter Umständen denken, ich hätte ein nicht sonderlich gutes Blatt.'

Phexane legt einige Münzen auf die Tischmitte.

"Ich halte und erhöhe um sechs Heller."

Nachdem Phexane das gesagt hat, klopft es kurz an der Tür und gleich darauf kommt die Wirtin herein. Ein Schwall von fröhlicher, schneller Musik, Lachen und Schwatzen drängt durch den schmalen Flur in den Raum. Offenbar ist die kleine Taverne noch voller geworden. Auch der Geruch, den die Wirtin mittlerweile trägt, eine unangenehme Mischung aus Pfeifenrauch, Essensgeruch und Schweiß, macht sich in dem kleinen Raum breit.

"Euer Bier, mein Herr." sagt sie und stellt es vor Gramesch auf den Tisch. Dabei geht kurz ihr Blick zu dem Geldhaufen auf dem Tisch.

"Darf es noch etwas sein?" fragt sie schnell und blickt kurz in die Runde.

Phexane winkt ab, während sie mit gelassener Miene auf ihre Karten blickt. Theovard wiederum nickt.

"Für mich einen Rotwein, werte Dame."



Quiria sieht auf, als die Wirtin hereinkommt. Zuerst wirkt sie etwas ungehalten, ob der Störung, aber als sie sieht, daß es die Wirtin ist, die stört, entspannt sie sich wieder - etwas.

"Einen herben Weißwein, wenn Ihr so etwas vorrätig habt" antwortet sie auf die Frage der Wirtin, während sie 6 Heller in die Tischmitte legt, kurz zögert...

`Was soll ich davon halten? 6 Heller - entweder hat sie wirklich gute Karten und sie will nicht, daß ich es weiß, oder sie hat schlechte Karten und ist zu unerfahren zum Bluffen. Mmh. Ich werde einfach nicht schlau aus diesem Biest. Am Besten ich versuche weiterhin sie zum Aufgeben zu bringen...`

... und dann 5 Silbertaler dazu legt.

"Ich erhöhe um 5 Silber" meint sie ruhig, wieder in Richtung Phexane.

Gramesch hatte mit einem stummen Nicken sein Bier entgegengenommen und den mittlerweile geleerten Krug der Wirtin gereicht. Gerade war er dabei, einen tiefen Zug des neugebrachten Nasses zu nehmen, als Quiria ihr Gebot verkündet.

Gramesch reißt erstaunt die Augen auf und verschluckt sich beinahe an seinem Bier. Hustend und mit rotem Gesicht setzt er den Krug ab und sieht in die Tischmitte. Hier und da läuft ein Bierbächlein den Bart hinunter, doch Gramesch scheint es gar nicht zu bemerken.

`5 Silber... FÜNF Silbertaler - das verspricht ja noch interessant zu werden...`

Kurz sieht er zu Quiria, dann zu Phexane und schließlich zur Wirtin.

"Am Besten, Ihr zapft mir gleich noch eins...!" spricht er letztere an und sieht dann wieder auf den kleinen Haufen Geld in der Tischmitte... In seinen Augen scheint es zu glitzern, so als spiegle sich der Schein der Münzen in seinen Augen.

`Silberstücke, ach Silberstücke fein ... ich laß Euch nicht gehn, bald seid Ihr mein... Später, später - beim nächsten Spiel! Das schöne Geld, ich muß es haben. Schätzchen, Schätzchen, ich werd Euch holen... Und wenn Ihr dann durch meine Finger in meinen Beutel rinnt...`



Phexane versucht ruhig zu bleiben, doch das Gebot Quirias läßt sie kurz etwas unruhig auf dem Stuhl herum rutschen. Zwar hat sie noch genug Geld bei sich liegen, aber sie hatte so manches Spiel erlebt, bei der dieser Haufen immer kleiner und kleiner wurde, bis sie am Ende vollkommen blank war.

Doch dann hört Phexane das Husten des Zwerges zu ihrer linken Seite und erkennt, wie 'armselig' es doch eigentlich ist, bei so einer Summe nervös zu werden. Zwar mag es zu einem Vertreter des Volkes passen, die ihre Schätze immer irgendwo verbuddeln, damit bloß kein anderer heran kommt, aber Phexane ist nicht nur ein Mensch, nein, sie ist auch eigentlich schon ganz andere, wahnsinnigere Beträge gewohnt. Sicher, es war oft riskant und manchesmal hatte sie Unsummen verloren, aber oft hatte sie das Geld recht schnell wieder. Sei es durch Einschmeichelei bei dem Gewinner und anschließendem Umtrunk, sei es durch einen Einbruch in ein ungesichertes Wohnhaus. Sie weiß, was sie kann und somit beruhigt sie sich schnell wieder.

"Ich halte und erhöhe um," eine sehr kurze, aber merkliche Pause entsteht, "einen Silbertaler."

Eine vorsichtige, aber auch nicht ZU vorsichtige Erhöhung des Betrages - genau das ist es, was Phexane nun anstrebt. Soll doch die Söldnerin ihre ganzen Silbertaler setzen! Sie, Phexane, wird die dumme Kuh derweil in Sicherheit wiegen - bis es darum geht, die Karten zu zeigen und den Gewinn einzustreichen...

Sie schiebt das Geld in die Tischmitte und blickt dann Quiria mit einem Ausdruck vollkommener Ruhe an.

'Leg noch mehr in den Pott! Tu es für mich!'

Ganz und gar ist Phexane von Ruhe und Entspannung (und ein wenig Vorfreude) erfüllt.

Auf Theovards Gesicht huscht dagegen ein Lächeln nach dem anderen. Diese Söldnerin gefällt ihm mehr und mehr! Sie liebt das Risiko, verfügt über Geld und spielt Boltan - eine bessere Frau kann es für ihn nicht geben!

Klar, wenn er seinen Spaß mit ihr gehabt hat, wird er wieder seines Weges ziehen (oder sie), aber was will er auch mehr von ihr? Zwar könnte er mit ihr zusammen gegen andere Leute spielen und beide könnten die anderen abzocken, aber dann müßte er den Gewinn ja teilen! Dann wäre ihm ein kleines, stilles Mäuschen lieber, das ihm brav den Gewinn überläßt und ihn anhimmelt, bis er genug Geld hat, um sich ein schönes, ruhiges Leben zu machen. Er würde sie verlassen, damit dann Platz für andere Frauen wäre.

Oh ja, so etwas würde ihm gefallen, aber weder diese vorlaute Felina, noch diese ogerstarke Quiria wären die Richtigen für solch einen Plan. Wenn er diesen mit einer der beiden durchziehen würde, dann würde er am Ende entweder mit einem Säbel im Magen oder total ausgeraubt erwachen.

So schaut er einfach nur zu, freut sich auf eine interessante Nacht und auf den Morgen, an dem er wieder weiterziehen wird.

Die Wirtin wiederum nimmt die Bestellung des Zwerges und der Söldnerin entgegen, wobei sie lediglich nickt und ein "Hmhm" von sich gibt. Die Summe, die diese kräftige Frau, die sicherlich eine Menge Bierkrüge, wenn nicht sogar ein ganzes Fass, schleppen könnte, überrascht sie. Sie hatte in ihrem bisherigen Leben selten Boltan gespielt und wenn, dann ging es nur um sehr kleine Beträge.

'Ich hoffe, die anderen Spieler haben am Ende genügend Geld, um ihre Rechnung zu begleichen! Ich will nicht ständig Fremde in der Küche beim Abwasch stehen haben!'

Sie fängt sich relativ schnell und huscht wieder hinaus.



Quiria registriert mit einem kaum wahrnehmbaren Grinsen »Felinas« unruhiges Umherrutschen auf dem Stuhl. Wenn das so weiterginge, dann hätte sie sie gleich soweit, daß sie aufhört.

Als Phexane dann aber doch um einen Silbertaler erhöht, ärgert sie sich schon ein wenig, vor allem, als sie den Ausruck der Ruhe in den Augen ihrer Gegnerin sieht.

`Mist, habe ich mich zu früh gefreut? Hat diese dumme Orkkonkubine etwas bemerkt? ... Oder ist das ein letzter verzweifelter Versuch, MICH zur Aufgabe zu bringen? Na warte!`

Unter Einsatz ihrer ganzen, mühsam erworbenen Selbstbeherrschung schafft sie es, ebenfalls vollkommen ruhig und sogar etwas souverän zu wirken, als sie ebenfalls einen Silbertaler in die Mitte schiebt, mit ihrer Hand wieder zu ihrem Stapel langt und weitere vier Silbermünzen zur Mitte schiebt.

"Euer Silbertaler und weitere vier..."

`So, insgesamt ein halber Dukat - mal sehen, was du jetzt machst, Miststück...`

Theovards Lächeln - eine Sache, über die sie sich sicherlich sehr gefreut hätte, hätte sie bemerkt, daß es ihr gegolten hätte - entgeht ihr bei ihrer Konzentration auf ihre Gegnerin völlig. Auch die Wirtin wird wieder ignoriert. Was zählt ist momentan nur das Spiel. Jeder Moment kann spielentscheidend sein, jedes Wimpernzucken kann wichtige Informationen über den »Gegener« preisgeben, jede Regung kann über Gewinn und Verlust entscheiden ... und Quiria hat vor, dieses Spiel zu gewinnen...



Phexane blickt kurz auf den Geldhaufen neben ihr.

'Wieviel ist mir dieses Blatt wert? Eigentlich schon eine Menge. Aber was wäre, wenn diese Söldnerkuh ein besseres Blatt hat? Ich würde sehr viel verlieren, wenn ich jetzt einiges setze. Dann könnte ich nicht mehr an den weiteren Spielen teilnehmen, weil mir die Mittel dafür ausgegangen sind.'

Sie nimmt einige Silbertaler.

'Ich sollte wirklich vorsichtig sein! Bei dem letzten Spiel mit Theovard hatte ich mich bei den Geboten übernommen. Das darf mir kein zweites Mal passieren!'

"Ich halte," sagt Phexane, schiebt ihr Geld zur Tischmitte, wobei sie mit kühler Miene Quirias Blick fixiert, "und will sehen!"

Das war es! Der Endpfiff für das erste Spiel. Nun wird sich zeigen, wer das bessere Blatt hat und das kleine Vermögen auf dem Tisch bekommt und wer der Verlierer ist.



"So so, ihr wollt also sehen... Nun gut"

Für einen Moment fixiert Quiria ihre Gegnerin. Ihre Augen brennen in einem´ Feuer, da sich in den Augen Phexanes zu spiegeln zu scheint.

"Dann wollen wir mal schauen, was Ihr auf der Hand habt"

Selbstsicher legt sie ihre Karten auf den Tisch.

"Ich habe eine recht hohe Familie - und Ihr?" fragt sie schnippisch.

`Da wird sie wohl nicht drüber kommen...`

Gespannt sieht sie auf Phexanes hand, um zu sehen, was sich ihr dort gleich offenbaren wird...

Gramesch hält die Luft an. Gleich, gleich wird sich entscheiden, wem der Haufen Geld in der Tischmitte gehören soll - wenigstens ein Spiel lange... Kaum wagt er es zu atmen, eine Stille scheint sich über den Raum zu senken, als auch er gespannt darauf wartet, was seine rechte Nachbarin wohl aufdecken wird.

`Immerhin war es gut, wegzugehen - die Söldnerin hätte mein Blatt wohl glatt geschlagen...`



Theovard zieht die Augenbrauen hoch, als er das Blatt Quirias sieht. 'Und das ohne zu tauschen! Nicht schlecht!'

Doch dann blickt er erwartungsvoll zu Phexane.

Diese schaut einen kurzen Moment auf die Karten Quirias, wobei ihr Gesichtsausdruck weiterhin unverändert kühl bleibt. Doch dann grinst sie mit geschlossenem Mund und schnauft leicht verächtlich.

"Nett." sagt sie lediglich, dann liegt auch sie offen ihre Karten auf den Tisch - vier Wahrsagerinnen!

"Familie schön und gut, aber diese vier Damen kommen auch ohne aus."

Sie grinst breiter, als sie nun ihre Arme ausstreckt, um das Geld zu sich zu schieben. Sicher, es hätte noch mehr sein können, aber auch dieser Geldhaufen ist nicht zu verachten.

Als sie das Geld bei sich liegen hat, geht ihr Blick weg vom Geld hinüber zu Quiria. Das Grinsen und ihre Mimik verwandeln sich von einem Moment auf den anderen. Während sie zuvor noch ein Siegerlächeln auf ihrem Gesicht trug, nimmt ihre Miene nun einen diabolischeren Ausdruck an.

Frech funkeln Phexanes Augen die Söldnerin an, als sie einen Heller von dem Haufen nimmt und ihn Quiria zu schnippt.

"Hier! Kauf dir was Schönes!"



Quirias Augen werden weit, als sie wie gelähmt auf die vier Wahrsagerinnen starrt, die nun vor Phexane auf dem Tisch liegen.

`Wie? Was? Warum? Aber - wie kann das sein...?`

Einige Momente ist sie völlig fassungslos, scheint ihre Umgebung gar nicht mehr wahrzunehmen.

`Ich-habe-verloren...` sickert es durch Ihr Gedächtnis.

`Verloren! Und das mit so einem Blatt!...`

Erst als neben ihr ein Heller auf den Tisch prallt und höhnische Worte wie aus weiter Ferne an ihr Ohr dringen, kommt sie langsam wieder zurück in die Wirklichkeit, bemerkt was um sie herum vorgeht.

»Kauf dir etwas Schönes« dringt an ihr Ohr. Ihre Gegnerin wagt es tatsächlich sie zu verspotten! Diese dreckige Straßenhure, dieses Orkliebchen wagt es auch noch, sich über sie lustig zu machen! Flammen der Wut flackern in ihren Augen als sie ihren Blick auf Phexane richtet. Tiefster Haß scheint aus dem inneren ihrer Seele zu sprühen, in dem Versuch, Phexane zu greifen, zu zerfetzen, zu verbrennen, ertränken. Sollte der Wunsch, den Quiria gerade hegt jemals Wirklichkeit werden, dann würde Phexane wohl leiden, wie noch nie ein Mensch vorher...

Quirias Faust schlägt krachend auf den Tisch.

"Wagt es nicht, euch über mich lustig zu machen, ich brauche eure Almosen nicht!" preßt sie laut und zornig hervor. Ihre Arme zittern vor Wut, der ganze Körper scheint zu erbeben - es scheint so, als fehle noch genau ein Tropfen, der das Faß endgültig zum Überlaufen bringt: Sollte dieser Tropfen fallen, dann würde sich Phexane wohl einer Gegnerin gegenübersehen, die von der Gefährlichkeit einer wütenden Ogerin gleichkäme...

Gramesch sieht aufmerksam zu Quiria herüber. Vorsichtshalber ist seine Hand in Richtung Axt gewandert - man weiß ja nie. Falls diese Furie plötzlich beschließen sollte, aufzuspringen und mit ihrem Säbel alles niederzustechen, dann wäre er wohl der einzige in diesem Raum, der ihr Paroli bieten könnte...

`Das diese Großlinge aber auch immer so unbeherrscht sein müssen! Es war aber auch keine gute Idee, die Verliererin derart zu provozieren.`

Ein tadelnder Blick - in etwa so, als betrachte man ein Kind, daß aus Unvernunft einen großen Fehler gemacht hat - trifft Phexane, bevor Gramesch seiner Aufmerksamkeit wieder Quiria zuwendet.

Schwer geht Quirias Atem, nur ganz langsam wird er ruhiger, zuerst kaum merklich, dann deutlicher. Das lodernde Feür in ihren Augen weicht heimtückischer Glut.

"Ihr solltet ihn lieber behalten" meint Quiria nach einige Augenblicke der Selbstbeherrschung.

"Ihr werdet ihn vielleicht noch brauchen!" fährt sie kalt fort und tickt die Münze wieder in Phexanes Richtung

`Vier Wahrsagerinnen - je zwei von gegensätzlichen Elementen. Das mir das nicht gleich aufgefallen ist...`

"Wenn das also geklärt wäre, dann können wir ja weiter machen" grummelt Gramesch sichtlich genervt, aber auch entspannter - es scheint nicht so, als müßte er jetzt (schon) mit Quiria kämpfen. Zwar hätte er nichts gegen einen guten Kampf einzuwenden gehabt, aber: Es gibt eine Zeit zu Kämpfen und eine Zeit zu spielen. Letzteres macht man am Besten, wenn die Karten noch »warm«. So, wie im Augenblick...



PHEx - Gott der Nacht, des Handels, der Diebe und auch des Glücks - ist ein launischer Gott - und so, wie beim Würfelspiel gerade und ungerade Augen im stetigen Wechsel fallen, so teilt PHEx auch die Gabe des Glücks aus. Mal hier ein Quentchen, mal dort ne Prise, hier einen Skrupel und dort für lange Zeit nichts...

Zwar mag es Menschen geben, auf denen der besondere Segen des Glücksgottes ruht, doch ist dies eher die Ausnahme, und so kann sich das Blatt stetig wenden, wie ein Fähnchen im Wind, scheinbar wahllos, planlos...

Wie schnell sich das Glück drehen kann, daß kann man auch in einem kleinen, eher schäbigen Gasthaus in Salzerhaven sehen - genauer am Spiel vierer Personen, daß im Hinterzimmer stattfindet. Denn dort wechseln Glück und Pech sich ständig ab, ein Kommen und Gehen, kurze Rasten und doch dann wieder ein Weiterwandern...

Hatte eine junge Frau in zu weiten Oberkleidern beim ersten Spiel noch den Beistand des himmlischen Fuchs auf ihrer Seite, so hat sich dieses bei den nächsten Spielen stetig geändert. Das zweite Spiel verlief relativ ruhig ab - kaum einer traute sich viel zu setzten - Quiria war vorsichtig geworden, Theovard hatte nur ein mittelmäßiges Blatt und Phexane war mit den getauschten Karten nicht zufrieden - und so gewann Gramesch nur einen mageren Betrag...

Das nächste Spiel gewann Quiria: Es schien so als hätte sie sich von ihrem Schock des ersten Spiels erholt und drehte wieder voll auf. Schlußendlich konnte sie ein stattliches Sümmchen ihrem Pott hinzufügen... und PHEx zeigte, daß jeder von seinen Gaben profitieren kann, daß Gewinner irgendwann verlieren und Verlierer irgendwann auch wieder gewinnen.

Weiter spann sich das Spiel, die Sandkörner der Zeit rieselten unablässig weiter, genau so, wie ein gewisses Schiff am Anfang aller Zeiten ständig weiter segelt, bewacht von einem Gefesselten und seinen Töchtern...

Hin und her sprang das Glück, verweilte mal hier, mal dort und so wechselten die Münzen eifrig ihre Besitzer, aber kein Spiel war so spannend, wie das erste.

Theovard stand die ganze Zeit mehr oder weniger Pari, Quiria konnte ihre Verluste einigermaßen - vor allem auf Grameschs Kosten - ausgleichen. Phexanes Geldhaufen dagegen verlor mit der Zeit mehr und mehr an Ausmaß.

Wieder wird ein Blatt gegeben - doch diesmal ist es anders. es ist einer dieser Momente, in denen der Gott der Nacht seine Gläubigen erprobt, das Glück großzügig über alle verteilt, um dann zu sehen, welcher der kleinen Sterblichen sein Glück am besten zu nutzen weiß...

Die Einsätze waren von Anfang an hoch, jeder vermeint das beste Blatt zu haben - und wie schon im ersten Spiel kann die Möglichkeit zum Kartentausch über Sieg oder Niederlage entscheiden... die Karten liegen auf dem Tisch, Theovard bedient gerade Gramesch als den letzten Tauschwilligen... wer wird gewinnen???



Phexane blickt auf ihre Karten - es sieht, nach diesem Kartentausch, wieder einmal sehr gut für sie aus: eine volle Hand bestehend aus drei Rittern und zwei Magiern.

'PHEx, ich wußte, daß du mich nicht übersiehst! Dieser Söldnerschlampe werde ich Paroli bieten!'

Als Phexane mit dem Bieten an der Reihe ist, hält sie das vorherige Gebot und erhöht um vorsichtige acht Heller.

'Ich muß aufpassen, daß ich nicht zuviel setze! Mein Geld wird immer weniger und wenn die hier nicht langsam mit dem Bieten aufhören, wird es verflucht knapp für mich!'

Sie nimmt einen größeren Schluck von dem herben Met, den sie sich beim letzten Spiel bestellt hatte. Eigentlich hatte sie sich geschworen, während des Spielens nichts Alkoholisches zu trinken, aber einerseits bekam sie von der Wirtin davor einen sehr unangenehmen Blick ab (und dann hatte sie irgendwie keinen Mumm, um sich Milch oder Wasser zu bestellen - der Hohn der anderen Spieler wäre ihr dann sicher gewesen!) und andererseits ist es ja nur ein kleiner Kelch voll. Was kann da schon passieren?



Gramesch blickt nachdenklich in seine Karten. Er hatte ein gutes Blatt - aber das hatte die anderen offensichtlich auch...

Das As des Feuers bildet in seiner Hand eine Einheit mit dem As des Erzes. Seiner Meinung nach ein gutes Zeichen... Und der Drilling dazu...

"Ich halte und erhöhe um zwei Silbertaler" meint Gramesch ernst und entschlossen, während er die Münzen in die Tischmitte legt...

Quiria überlegt nicht lange - auch ihr Blatt ist ein recht gutes.

"Und weitere zwei" meint sie ruhig und legt mit flinker Hand zwei weitere Silbermünzen in die Mitte, zusammen mit den Münzen, die sie setzen muß, um mitzugehen. Zwar sollte sie sich vielleicht überlegen, auszusteigen, wenn das Bieten so weitergeht, aber noch rechnet sie sich gute Chancen aus und denkt noch nicht daran, aufzuhören. Zumal sie noch über ausreichend Mittel verfügt...

Dann nimmt sie einen Schluck Wein und sieht zu Theovard herüber:

"Ihr seid dran, mein Lieber" meint sie lächelnd...



Theovard erwidert das Lächeln, daß ihm Quiria schenkt. Er hält das Gebot und legt noch drei weitere Silbertaler auf den Tisch.

"Ich erhöhe um drei."

Er lehnt sich wieder zurück und sein Blick versinkt in seinen Karten - einem relativ schlechtem Blatt!

'Mal sehen, wie weit ich mit meinem Bluff komme. Felina hat nicht mehr sehr viel Geld und der Zwerg ist auch nicht unbedingt der Risikofreudigste. Bleibt lediglich Quiria .... aber falls ich verliere, weiß ich schon, wie ich wieder an mein Geld - und ein wenig mehr! - komme ....'

Mit einem süffisanten Lächeln wendet er sich Phexane zu und blickt sie herausfordernd an. Phexane bemüht sich, den Blick Theovards gründlich zu mißachten. Die Art und Weise, wie er sie immer mal wieder anschaut und dann wieder mit der Söldnerin flirtet, kann sie einfach nicht ab!

"Ich halte und lege noch einen Silbertaler drauf." sagt sie ruhig. Doch innerlich steigt ihre Anspannung. Immer mehr und mehr schwindet ihr Geld. Aber mit diesem Blatt einfach passen? Unmöglich!



Innerlich windet sich Gramesch wie unter Schmerzen.

`Was soll er tun? Diese Runde wurde schon wieder um insgesamt 6 Silber erhöht... Mein Blatt ist gut - aber so gut? Oh, wie soll man euch je Kleinodien je sammeln, wenn das Risiko euch zu verlieren so groß ist? Lohnt es sich, ein Juwel zu setzten, um vielleicht ein zweites zu gewinnen - oder aber alle beide zu verlieren? Aach Angrosch, du gabst uns keine leichte Aufgabe, als du uns auftrugst, deine Schätze zu ehren, zu sammeln und zu verwahren...

Vielleicht hätte ich mich nie auf so ein Spiel einlassen sollen? Es ist doch einfacher, Angrosch Kleinodien aus einem Verlies oder einer Höhle zu bergen, als in diesem Spiel. Was nützt hier aller Mut, alle Kraft, was eine scharfe Axt?`

Gramesch seufzt - man hat es nicht leicht als rechtschaffener Zwerg auf dieser Welt, der nur seine angroschgegebene Aufgabe erfüllen und somit Angrosch Schätze hüten will... Nun gut, ein guter Kampf und ein feines Bier sind auch nicht zu verachten, aber...

Gramesch schaut finster in die Runde.

"Ich passe..." grummelt er, wobei seine Stimme irgendwo zwischen Bedauern, Wut, Verzweiflung und Resignation zu schwanken scheint.

`Einer weniger - fein`

Äußerlich hat Quiria das Passen des Zwerges ganz ruhig registriert, aber in ihrem Kopf überschlägt sie schon neue Chancen, Möglichkeiten und Risiken.

`Den Zwergen kann man also vergessen - obwohl, so schlecht können seine Karten nicht gewesen sein, immerhin hat er diese Runde fleißig mitgeboten. Theovard? Mmh, Theovard spielt auf Angriff - aber was hat er für ein Blatt? Und diese Straßenschlampe... sie hat wohl auch kein Schlechtes... Ein interessantes Spiel. Wahrscheinlich hat einer der beiden bessere Karten als ich...`

Quirias Blick trifft den Geldstapel, der vor ihr liegt und der immer noch gar nicht mal so mager aussieht. Sie hatte gut verdient in letzter Zeit. In diesen Zeiten sind Frauen mit ihren Fähigkeiten eben sehr gefragt.

`Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Vielleicht kann ich sie zum Aufgeben bringen. Einen Versuch kann ich ja einmal starten. Ich darf mich nur nicht wieder so hinreißen lassen, wie beim letzten Mal. Also! Wie sagt man doch so schön: PHEx ist mit den Mutigen!`

Qurira nimmt vier Silbermünzen von ihrem Stapel und legt sie mit einer leichtfingrigen, man könnte sogar sagen beinahe anmutigen, Geste in die Mitte.

"Eure vier und... der Höchsteinsatz war doch 10 Silber?" fragt sie scheinheilig, während sie ein blinkendes Dukatenstück in die Mitte legt, wohl wissend, daß ein Dukat wirklich der vorher festgelegte Höchstbetrag war...

`Und jetzt will ich Eure Gesichter sehen` denkt sich Quiria mit einem gewinnendem Lächeln auf den Lippen...



Phexane spürt, wie sich in ihrem Hals ein großer, schwerer Klumpen festsetzt und ihr fast die Luft nimmt, als Quiria den Dukaten setzt. Sie schluckt einmal mühselig, denn der Blick auf ihren Geldstapel verrät, daß sie damit wohl kaum noch mithalten kann. Zwar liegen dort ungeordnet noch einige Heller und mehrere Silbertaler herum, aber ob es für einen Dukaten reicht?

Theovard indes quittiert Quirias Gebot mit einem anerkennenden Lächeln.

"Schön! Endlich werdet ihr mutiger!"

Er nimmt einige Geldstücke in die Hand und packt sie auf den ansehnlichen Stapel, der sich auf der Tischmitte befindet.

"Tja, so ein Gebot halte ich natürlich und erhöhe sogleich um einen weiteren Dukaten!"

Breit grinst Theovard in die Runde. 'Der Zwerg ist raus, Felina macht es nicht mehr lange, außer sie setzt was anderes als Geld und diese Quiria ... wird schon kein Problem für mich sein!'

Ein Blick aus den Augenwinkeln geht nach links zu Phexane.

'Hmmmm, vielleicht kann ich sie dazu bringen wieder einmal so einen interessanten Einsatz wie beim letzten Mal zu machen.'

Phexane öffnet ihren Mund etwas, als sie sieht, was Theovard bietet.

'Ist er verrückt geworden? Zwei Dukaten?'

Resigniert blickt sie ihr verbliebenes Geld an.

'Unmöglich! Ich habe nicht mehr soviel!'

"Das ... das geht nicht. Ich habe nicht mehr soviel. Ich muß wohl pa..."

"Mußt du nicht!"

Theovard unterbricht Phexane und blickt sie an, wobei er eine Augenbraue etwas hoch zieht.

"Wa..? Niemals!"

Phexane schüttelt leicht den Kopf und greift nervös zu ihrem Kelch mit dem Met, um daraus einen großen Schluck zu nehmen. Aber andererseits hat sie so gute Karten. Wie soll sie sich nun entscheiden?



Zwar wird Quiria durch Theovards Reaktion etwas überrascht - daß er um noch einen Dukaten erhöht, hätte sie nicht erwartet - aber die Überraschung währt nur kurz. Zu groß ist die Genugtuung auf »Felinas« Reaktion.

`Na, mein Täubchen, habe ich dich in Schwierigkeiten gebracht?`

Interessiert hört sie zu, wie ihre Gegnerin in Schwierigkeiten gerät und schon beinahe paßt, als Theovard andeutet, sie könnte ja einen alternativen Wetteinsatz anbieten.

`Hey, momentmal, da habe ich auch noch mitzureden - obwohl, vielleicht, daß könnte amüsant werden.`

Quiria läßt einen Moment verstreichen, bis es ruhig im Raum ist, dann meint sie ruhig:

"Was meinst du Theovard - sie könnte ja ihre Kleidung setzen. Sie dürfte zwar nicht viel Wert sein..."

Quiria mustert mit abschätzigem Blick Phexanes Kleidung, dann ziert ein leicht grausames, sadistisches Lächeln voll Vorfreude ihr Gesicht

"...aber ich würde dir den Rest aus meinem Beutel begleichen. Der Spaß wär es mir wert!"

Gramesch sieht durch die Runde. Diese Menschen! Sie spielen, bis sie kein Geld mehr haben, anstatt vorher vernünftiger weise aufzuhören und dann lassen sie sich - zur Deckung ihrer Schulden blödsinnige Einsätze einfallen. Sie sind einfach noch ein junges Volk. Kein Sinn für Werte. Genauso sprunghaft und leichtlebig wie die Elfen, so scheint es. Da fällt Gramesch Blick auf einen Gegenstand von Wert, den seine rechte Nachbarin bei sich trägt. Noch bevor jemand anderes auf Quirias Worte antworten kann, grummelt er:

"Wie wärs, wenn sie statt dessen ihren Zahnstocher setzt, der scheint mir etwas wert zu sein" und zeigt dabei auf das Florett, daß Phexane bei sich trägt...



Auf Quirias Vorschlag hin grinst Theovard breit.

"So eine Art Boltan möchtet ihr wohl am liebsten spielen?"

Theovard lacht leise auf, denn diese Spielweise scheint ihm wohl nicht unangenehm zu sein.

"Mir soll es recht sein!"

Phexane dagegen wird bei den Worten leichenblaß! Sie kann kaum glauben, was sie da hört und möchte am liebsten aufspringen und davon rennen. Aber gerade das würde doch dieser Söldnerin gefallen!

Noch einmal nimmt Phexane einen großen Schluck Met, wobei sie Quiria einen überaus giftigen Blick zuwirft.

Doch dann vernimmt sie den Vorschlag des Zwerges.

'Das Florett? Na klar! Das könnte ich setzen und so die Bietrunde halten!'

Phexane blickt kurz zu ihrer Waffe, die sie noch immer an ihrer Seite trägt ... und erinnert sich an die Vorkommnisse in der Gemeinschaftskabine und daran, wie Torin Rotmarder ihr diese Waffe schenkte.

Seine Worte kommen ihr wieder in den Sinn:

'Ich möchte euch das Florett als Geschenk überlassen, und davon bringt ihr mich nicht ab. Im Gegenteil, ich bestehe darauf, daß ihr die Waffe an euerer Seite tragt.'

Das Bild, des hochgewachsenen, leicht fülligen, aber dennoch nicht unattraktiven Mannes mit der freundlichen Stimme schiebt sich vor ihrem geistigen Auge. Wie gerne würde sie jetzt wieder in der Gemeinschaftskabine bei ihm sein und sich von ihm trösten lassen!

Aber sie sitzt nun mal hier, in einer kleinen Taverne in Salzerhaven und muß sich entscheiden.

Ein Geschenk, das sie an ihrer Seite tragen soll ... wenn sie gewinnt, würde sie es immer noch bei sich tragen, aber wenn nicht ...

'Egal! Ich muß es setzen! Bei diesem Blatt geht es nicht anders! Es ist gut und wenn ich gewinne, kann ich erstmal bis Belhanka ziemlich sorglos reisen.'

Phexane greift entschlossen an das Waffengehänge, um es zu lösen, da vernimmt sie wieder diese leise, mahnende Stimme in ihrem Kopf, die sie heute schon einmal gehört hatte.

'Nein, lieber nicht! Er hat es mir geschenkt und war sehr nett zu mir! Er wäre sicherlich sehr enttäuscht, wenn er mich ohne diese Waffe an Bord sehen würde!'

Phexanes Finger ruhen auf dem Gehänge. Unsicher blickt sie wieder auf ihr Blatt.

'Aber ich habe sonst nichts mehr! Ich kann unmöglich diese entwürdigen Einsätze machen! Ich kann nur noch das Florett einsetzen.'

Langsam, aber immer eindringlicher, entsteht in ihr ein schwerer Konflikt, während die Augen der anderen Spieler auf ihr ruhen: Theovard, der ein wenig enttäuscht ist, daß sie nun wohl nur ihre Waffe einsetzen will; Quiria, deren Blick glatt töten könnte und die auch weiterhin keine Möglichkeit auslassen will, um Phexane zu demütigen und zuletzt Gramesch, der diese kurzlebigen und zanksüchtigen Menschen einfach nicht versteht.

Dann aber, nach einem kurzen Moment, hebt Phexane ihren Kopf und blickt kurz in die Runde. Sie nimmt noch einen großen Schluck Met, gerade so, als würde sie sich Mut antrinken.

"Also gut!" sagt sie.



Die Augen der anderen drei Boltanspieler ruhen auf Phexane, als diese ihre Entscheidung bekannt gibt.

"Ich passe!" sagt sie und versucht dabei möglichst ruhig und entspannt zu klingen.

Sie schmeißt die Karten mit den Motiven nach unten auf den Tisch und lehnt sich dann zurück, wobei sie ihre Arme verschränkt und ihre Beine übereinanderschlägt. 'So, du Söldnerschlampe! Du schaffst es nicht, mich zu demütigen! Lieber verliere ich Geld, als meinen Stolz!'

Theovard hatte wohl eine andere Entscheidung erwartet und man sieht ihm die Enttäuschung für einen Moment lang an. Doch dann wendet er sich Quiria zu und lächelt sie wieder charmant an.

"Nun, ihr seid an der Reihe."


*******


An diesem späten Abend passierte, zumindest in diesem kleinen Hinterzimmer, nicht mehr viel: Quiria und Theovard setzten noch ein wenig Geld, dann aber entschied sich auch Quiria dafür zu passen. Theovard gewann so eine stattliche Summe, obwohl er das schlechteste Blatt besaß! An diesem Abend zeigte sich, daß nur derjenige, der PHEx und somit seinem Glück vertraut, von dem himmlischen Fuchs begünstigt wird - vielleicht...

Phexane wiederum schwieg die ganze Zeit. Sie beobachtete das Spiel und den offenkundigen Flirt zwischen Quiria und Theovard. Keiner konnte erkennen oder ahnen, was für Gefühle in ihrem Innersten tobten, doch diese hatte nicht im geringsten was mit Theovard zu tun.

Gramesch schlug am Ende vor, doch noch ein weiteres Spiel zu wagen, aber Theovard blickte nur kurz Quiria an und sagte, daß es nun schon recht spät wäre und er gerne zu Bett gehen würde ...

Phexane murmelte dann nur noch ein "PHEx mit euch!" und verließ den Raum. Im Schankraum angekommen, sagte sie der Wirtin, daß Quiria ihre Zeche zahlen will und ging dann mit kühler, beherrschter Miene nach draußen in die kühle EFFerdnacht hinaus.



NORDSTERN - Oberdeck: Raschid


Auch Raschid, macht sich inzwischen darüber Gedanken, wie er den restlich Abend verbringen soll. Sicherlich hat Salzahafen nicht sonderlich viel zu bieten, aber einige Kneipen werden wohl auf in diesem Dorf zu finden sein.

Unschlüßig schaut er sich auf dem Oberdeck um. Vielleicht könnte er sich einigen Passagieren anschließen. Doch schnell verwirft er wieder diesen Gedanken. Zu enger Kontakt zu den Passagieren könnte dem Kapitän ein Dorn im Auge sein. Besser wäre es mit einigen Matrosen an Land zu gehen.

'Wer käme den da in Frage.' Die meißten der Matrosen scheinen noch schwer beschäftigt sein. Viel Auswahl wird er wohl nicht haben. Und so entschließt er sich neben der Planke zu verweilen und den nächsten Matrosen der das Schiff verläßt darauf anzusprechen, ob er ihn begleiten darf.



NORDSTERN - Unterdeck: Garulf


Mühsam erhebt sich der beleibte Smutje und verläszt den Schrein. Mit den Gedanken noch immer bei seiner Walvision begibt er sich auf den Gang, in der Kombüse ist jetzt zu dieser Zeit eigentlich kaum etwas zu tun. Das kaum vorhandene Licht liesze auch kaum eine sinnvolle Arbeit zu. Was natürlich dringend getan werden musz, ist das auffüllen der Vorräte. Heute Abend wird man zwar keinen Händler mehr aufsuchen können, aber nichtsdestotrotz kann er ja dem Schiffsjungen schonmal Bescheid geben. Da vorne steht der Junge ja auch recht unbeschäftigt herum.



NORDSTERN - Oberdeck: Fiana und Anman


Das freundliche Lächeln, das Fiana auf ihren Lippen hat, trifft Anman mitten ins Herz. Wärme durchfährt seine Glieder und fast bekommt er eine Gänsehaut. Selber zaghaft zurück lächelnd, versinkt er in den smaragdgrünen Tiefen ihrer kristallklaren Augen. Keine Geräusche des Hafens und der Menschen am Kai dringen mehr an seine Ohren, abgesehen vom schwachen Flüstern des Windes und dem Schwappen einiger Wellen. Ab und an weht der Wind sanft den Duft der Frau vor ihm in seine Nase und betört die Sinne.

"Sehr gut.", antwortet Anman endlich."Es freut mich, daß Ihr uns begleiten wollt."

´War da nicht noch was ?´, wundert sich Anman in Gedanken,´Worüber haben wir denn die ganze Zeit geredet ?´

"Sagt, Erste Offizierin.", redet Anman weiter,"Wann soll ich denn nun bezahlen, und wo ist meine Kabine ?"



Fiana gibt Anman weiterhin Gelegenheit in ihren Augen zu versinken, denn es macht nicht den Anschein, daß ihr herzliches Lächeln ein Ende finden würde.

Freundlich und mit warmer Stimme sagt sie:

"Bezahlen könnt ihr am besten Morgen, wenn eure Waren ankommen. Dann müssen wir nicht zweimal abrechnen. Eure Kabine ist auf dem Unterdeck, ich rufe euch jemand, der sie euch zeigen kann."

Zwangsläufig muß Fiana ihren Blick kurz abwenden, um auf dem Oberdeck nach untätigen Matrosen Ausschau zu halten. Doch der einzige der untätig rum steht ist Raschid

"Raschid zu mir auf die Brücke" ruft sie gut verständlich als Befehl, jedoch nicht unhöflich oder überheblich, wie Ottam es gerne tut, hinunter zum Oberdeck.



"Raschid, zeige bitte dem Herrn hier ... " dabei deutet sie in Richtung Anman und wirf ihm ein kurzes Lächeln zu, bevor sie sich wieder in Richtung des Matrosen wendet. "... die Doppelkabine zwei und gib ihm einen der Schlüssel und erkläre ihm auf einem Weg, wo die für ihn wichtigen Räume wie z.B. die Messe liegen."



Raschid schreckt hoch.

'Oh, oh. Die Offizierin hat wohl eine Aufgabe für mich. Der Landgang wird warten müssen.'

Mit großen Schritten legt er schnell die kurze Entfernung zurück und springt den Aufgang zum Brückendeck hoch. Vor Fiana bleibt er stehen und unterdrückt bewußt die schwere Atmung, die der kurze Spurt hervorgerufen hat. Vor einer Frau Schwäche zu zeigen, insbesonders, wenn sie hier auf der NORDSTERN einen gewissen Einfluß hat, wäre für sein Volk und ihn eine große Blamage. Man würde sicher seine Fähigkeiten anzweifeln. Vielleicht ist es aber dafür auch schon zu spät, wenn er so an seinen Einsatz im Ausguck zurückdenkt.



"Sicher ich werde dem Herr ein wenig das Schiff zeigen und ihn zu seiner Kabine bringen."

Raschid bemüht sich die Worte freundlich und langsam zu sprechen. Denn innerlich behagt es ihm gar nicht Befehle von einer Frau entgegen zu nehmen.

'Sie würde wahrscheinlich als Tänzerin eine gute Figur machen. Mit der Verbindung von Geschmeidigkeit einer aranischen Katze und der Stärke eines Tigers würde sie die reichsten Männer des Südens um ihren Verstand bringen. Aber als Kommandierende eines Handelsschiffes? Ich weiß nicht, Jergan scheint doch mehr das Schiff alleine zu führen.'

Weiterhin über die Führungsstruktur der NORDSTERN grübelnd, deutet er Anman, ihm zu folgen und klettert den Niedergang zum Oberdeck und anschließend zum Unterdeck hinunter.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Hjaldar und Draknuh


Dem Hafenbeamten nickt Hjaldar nur noch beiläufig zu, als dieser an ihm vorüber auf die ZYKLOPENAUGE zu geht. Sofort darauf wendet er sich jetzt vollends dem Boroni zu - und streckt ihm allen Ernstes die Hand zur Begrüßung entgegen.

"Die barmherzige Tochter zum Gruße. Warum nur bin ich nie wirklich froh, wenn ich einen von euch seh?" grüßt er den Schwarzgewandeten mit einem halbherzigen, aber ehrlichem Lächeln.

Obwohl Hjaldar als Söldling schon so manche Schlacht geschlagen hat und die Boronis im Nachhinein eines Kampfes mit die wichtigste Aufgabe haben, so recht anfreunden kann er sich mit ihnen nicht.

Rondrageweihte sind wertvolle Mitkämpfer, Traviageweihte haben auch in den magersten Zeiten eine heiße Suppe übrig, Praioten sind immer ein Grund für Heiterkeit und Swafnirgeweihte sind mit die besten Saufkumpane, die man finden kann ... aber Boronis sind die einzigen, die bei Hjaldar immer noch ein leichtes Frösteln aufkommen lassen.

"'Ne Menge zu tun für euch auf dem Schiff. Nichts für'n schwachen Magen."



"Möge Liaiella ihnen den Weg gewiesen haben" erwidert Draknuh, ohne die ausgestreckte Hand auch nur zu würdigen.

Seine Augen bohren sich in den Blick des Mannes, der jedoch keine Anzeichen von Frechheit oder Götterlästerlichzeit zeigt - mehr überspielte Unsicherheit.

'Einfache Gemüter, etwas direkt, aber ehrlich'

Draknuh wendet den Blick ab und schweift über die Tuchplanen, die die Körper verdecken.

"Was ist passiert?"



Hjaldar kämpft tapfer gegen den Drang an, aufzuschreien und davon zu rennen, als der Blick des Boronis seinen für einen schier endlosen Moment gefangen hält.

Daß dieser die Hand nicht annimmt, verwundert ihn nicht - die wenigsten, die er bisher getroffen hatte waren annähernd umgängliche Leute, auch wenn es bisweilen vorkam, gerade bei denen, die auf dem Schlachtfeld dabei waren.

Hjaldar schluckt schwer, dann weist er mit der ausgestreckten Hand auf die ZYKLOPENAUGE.

"Der Pott is' uns heut' mittag vor die Segel gekommen. Hatte wohl'n Stelldichein mit zwei Drachen. ... Äh Piratenschiffen halt."

Hjaldar macht einen Schritt zur Seite, daß der Boroni ungehindert an ihm vorbei auf die ZYKLOPENAUGE gehen kann.

"Wat keiner versteht is', dat die Deibel viel wert drauf gelegt haben, dat niemand überlebt."



Draknuh schaut noch einmal zu Hjaldar, etwas wie Unglaube ist aus seinem Gesicht herauszulesen.

"Piraten?"

Dann geht er zu der nächsten Plane, um sich sich selbst ein Bild von der Lage zu machen und macht sich daran, eine der Leichen aufzudecken

"Helft mir mal"



Schweigend folgt Hjaldar dem Boroni auf das wrackreife Schiff und schickt sich schon an, auf die Gruppe um Lowanger herum zu zu gehen, als ihn der Boroni mit der Bitte um Hilfe anspricht.

Sofort tritt er hinzu "Klar doch.", wobei in seiner Stimme ein leichtes Widerstreben heraus zu hören ist. Für seinen Geschmack hat er schon genug von den Toten gesehen. Ungeachtet dieser Gefühle hilft er tatkräftig, die Plane über einem der bedauernswerten Opfer zu lüften.



Der zweite Offizier der NORDSTERN geht einige Schritt in Richtung des Boroni, als dieser das Schiff betritt. Er begrüßt ihn nicht mit Worten, sondern deutet lediglich eine leichte Verbeugung an, aus der Respekt und Achtung vor dem Geweihten BORons sprechen.

Still und schweigsam wie ein Boroni - so ist Lowangers Begrüßung, ehe er wieder halbwegs neben Phaylion tritt und diesem einen kurzen fragenden Blick zuwirft - schließlich ist Phaylion nun hier im Hafen als der Eigner dieses Schiffes - Wracks - dafür verantwortlich und zuständig.



SALZERHAVEN - Am Kai: Phaylion und Cephiro


Es nähern sich weitere Leute, darunter einer der Matrosen, der vorhin los gehetzt ist. Still wartet Phaylion weiter ab, noch ist Zeit.



Der Matrose scheint seine Absicht registriert zu haben, deshalb wendet sich Cephiro jetzt ganz der ZYKLOPENAUGE zu und geht über die Planke an Bord. Dann geht er auf Lowanger und Phaylion zu.

" Seid gegrüßt!" sagt er zu beiden und meint dann zu Phaylion "Seid ihr der Besitzer dieses..... Schiffes?"



Phaylion nickt dem fragenden Mann zu, ist er einer der Hafenbeamten, und wenn ja, ist er der richtige?

"Seid ebenfalls gegrüßt", erwidert er neutral und ohne sonderliche Regung seiner Gesichtszüge.

"Ja, das könnte man so sagen, zumindest bin ich verantwortlich für das Schiff und seine Ladung", beantwortet er die Frage. Erst als er zu dem Boroni hinüber blickt, zeigt sich eine Art von Neugier. Etwas ist mit diesem nicht in Ordnung, das kann er spüren.

"Die noch übrige Ladung muß so schnell wie möglich von Bord", spricht er weiter zu dem Mann, in dem er den zuständigen Beamten vermutet, während er weiterhin zu der Gestalt in Schwarz blickt.



Cephiro blickt Phaylion mit einem wissenden Blick tief in die Augen und zwinkert kurz, als würde er damit sagen wollen >>Ich weiß Bescheid und werde tun, was ich kann<<

Dabei ist der darauf bedacht, daß nur Phaylion diesen Blick sehen kann.

"Ich verstehe. Wenn ihr wollt, schicke ich eine meiner Wachen los, um schon ein paar Helfer zum Entladen zu suchen. Ihr solltet aber mit dem Entladen noch warten, bis die Boroni ihre Arbeit erledigt haben." meint er und fügt dann noch hinzu "Aber wenn es so weit ist, dann sollte es möglichst schnell gehn, damit das Schiff in ein Trockendock gebracht werde kann bevor es hier sinkt."



Dieser seltsame Boroni ist für Phaylion im Moment sehr viel interessanter, als Blicke anderer, wenngleich dieser eine bestimmte immerhin ein gutes Zeichen dafür ist, daß alles in Ordnung ist. Zumal in Anbetracht der erhofften Antwort.

"Selbstverständlich", antwortet er, auf welchen der Vorschläge oder ob auf alle hin, geht nicht ganz klar daraus hervor. "Ein Wagen mit zuverlässigem Kutscher wäre von Vorteil."



'Hm, eine Kutsche...daran hab ich gar nicht gedacht, aber eigentlich ist das einleuchtend... müßte sich einrichten lassen... notfalls kümmere ich mich persönlich drum...'

"Ich werde sehn, was ich für Euch tun kann. Aber es wird wohl sowieso noch etwas dauern, bis die Boroni ihre Arbeit erledigt haben. Bis dahin müßte sich auch eine Kutsche auftreiben lassen." erklärt er Phaylion.

Dann winkt er eine seiner Wachen zu sich. Der Wachmann, der zusammen mit seinem Kollegen an der Planke gewartet hat, kommt an Bord der ZYKLOPENAUGE. Bei Cephiro angekommen, flüstert ihm dieser etwas ins Ohr. Der Wachmann nickt und macht sich dann auf den Weg, um seinen Auftrag möglichst schnell auszuführen. Der andere Wachmann bleibt derweil an der Planke stehen und beobachtet das Geschehen um und auf der ZYKLOPENAUGE.



Still nickt Phaylion. Natürlich sollen erst diese Boronis - bislang ist ja nur einer zu sehen, und mit dem stimmt doch wohl etwas nicht - von hier verschwinden, ehe umgeladen wird. Sie könnten das ganze Unternehmen scheitern lassen und der Feind würde triumphieren, nicht auszudenken!



ZYKLOPENAUGE - An Deck: Der Boroni


Es ist schon recht dunkel, und auf dem Schiff unter den Planen ist es auch nicht heller. Draknuh geht in die Knie, nachdem die Plane etwas zur Seite gezogen war, um überhaupt etwas erkennen zu können.

Seine Finger tasten nach dem Kopf des Mannes. Er ist kalt. Als die Finger nach unten wandern, erkennt er, das die rechte Körperhälfte zu früh endet. Irgend etwas hat wohl direkt an der Schulter den Arm von der Schulter abgetrennt.

Während seine Stimme leise bosparanisches Gemurmel erklingen läßt, schweift sein Blick über das Deck. In warmen rötlichen Schimmer sieht er Hjaldar neben sich, die Offiziere, die ihm bei Betreten des Schiff zugenickt haben.

Vor dem Schiff pulsiert das vereinte Pochen vieler dutzend Herzen. Das restliche Schiff erscheint kalt, verlassen, einsam. Nun kommt es ihm fast wie ein Anklage vor.

Draknuh seufzt.

"in nomini Boroni, möge der Rabe sie alle über das Meer getragen haben. Marbo, ich hoffe deine Schwester hat ihnen beigestanden"

Draknuh steht wieder auf.



Hjaldar versteht zwar nicht, was der Boroni murmelt, aber es klingt ziemlich genau wie das, was die Boronis für gewöhnlich bei der Einsegnung der Toten von sich geben.

Trotzdem ist er ein wenig irritiert. Will dieser eine, einzelne jetzt alle Toten so durchgehen? Da würde er eine lange Zeit beschäftigt sein und das Problem wohin dann mit denen wäre damit auch nicht geklärt. Man kann ja schlecht hier im Hafen das Schiff anzünden und die Körper so den Flammen übergeben, wie er es eigentlich von Feldschlachten her kennt.

So sieht er den Boroni etwas fragend an, als dieser mit diesem Toten 'fertig' zu sein scheint.



Draknuh geht ein wenig unschlüssig ein paar Schritt auf die der Kaimauer zugewandten Reling zu und schaut sich um. Dann wendet er sich doch wieder dem Thorwaler zu.

"Hat das jemand überlebt?"



Hjaldars fragender Gesichtsausdruck legt sich wieder.

'Hab ich's doch geahnt, der wartet lieber noch auf seine Kumpels.'

Die Frage des Boronis beantwortet er umgehend.

"Der Kerle da vorne" er deutet auf Phaylion ", der wollt auch, daß wir den Pott schleppen. Und 'ne junge Deern, der ging's aber nicht so gut." nachdenklich zieht er die Stirn kraus "Ich nehm' an, Ole hat sie inzwischen auf die NORDSTERN oder zu 'nem Heiler gebracht."



Draknuh nickt, und wendet sich dann dem Mann zu, auf den der Thorwaler gezeigt hat. Von dem Deck aus kann er sehen, wie sich eine kleine Gruppe mit einem auf das Schiff zeigenden Führer der Menschenansammlung nähert, die am Kai wartet und die Köpfe zusammensteckt.

'Ja, da werden die einen unerwartet aus dem Kreis ihres Lebens gerissen, und die andere sehen plötzlich, daß ihr Streben jederzeit ein plötzliches Ende haben kann. Morgen früh werden die meisten aber wieder nach Ruhm, Ehre oder Geld jagen und es vergessen haben. Vergessen und Schweigen, die Gaben deines Vaters'

Bei den beiden Männern angelangt spricht Draknuh

"BORon zum Gruße - wer kann mir berichten was hier passiert ist?"



"Boron zum Gruße", erwidert der zweite Offizier der NORDSTERN dem Boroni, ohne weiter auf dessen Frage einzugehen, denn deren Beantwortung liegt wohl in erster Linie bei Phaylion, der bei den Ereignissen, die so viele Menschen das Leben kostete, dabei gewesen ist.



"Seid gegrüßt" wendet sich Cephiro dem Boroni zu.

'So, er will also wissen, was hier passiert ist... wer möchte das nicht... aber ich kann mir meinen Teil dazu ja schon denken... und weiterhelfen kann ihm der Überlebende da wohl am besten...'

"Ich für meinen Teil kann Euch wohl nicht recht weiter helfen. Ich habe auch erst gerade eben davon erfahren, als die beiden Schiffe in meinen Hafen eingelaufen sind." erklärt er dem Boroni und wartet dann erst einmal Phaylions Reaktion ab.



Nach dem Gruß und dem Blick zu dem anderen Mann scheint es Draknuh klar, daß nur jener Schweigsame etwas Licht in die Geschichte bringen kann. Und die Formalitäten gehen sicher auch schneller, wenn der Hafenhauptmann schnell einen Bericht bekommt. Der Schweigsame ist wohl so geschockt, das ihm die Worte fehlen.

Während dessen ertönt Hufgeklapper am Kai - die Totengräber mit ihrem Wagen bahnen sich einen Weg durch die Menschenmenge zu dem Schiff.



Mit einer gewissen Neugier folgt Phaylion den Bewegungen dieses Boronis, als jener sich nähert. Mit zuckenden Mundwinkeln nickt er ihm auf dessen Gruß hin zu.

"Auch zum Gruße", beginnt er.

Schon wieder diese Frage, die er nicht einmal beantworten kann.

"Es gab einen Barbarenüberfall auf dem Meer, doch genaues kann ich auch nicht berichten, ich wurde bewußtlos geschlagen."

Oh nein, es gibt bestimmt keine Gründe, diesem Boroni zu vertrauen.



Nachdem Phaylion dem Boroni geantwortet hat und für Cephiro, wie erwartet, dabei nichts Neues für ihn zu erfahren war, wendet dieser sich wieder Phaylion zu.

"Wenn Ihr wollt, könnten wir in meine Stube im Hafenamt gehen, um dort das weitere Vorgehen mit dem Schiff zu besprechen. Dort ist es wesentlich angenehmer und die Boroni können derweil ungestört ihrer Aufgabe auf der ZYKLOPENAUGE nachgehen. Was mein ihr?"

Dabei sieht er Phaylion mit einem Blick an, der diesen erkennen läßt, daß er mit dieser Absicht noch mehr bezweckt.



Nachdem der Boroni sich abgewandt hat, bleibt Hjaldar vorerst bei der Plane stehen, unter der die untersuchte Leiche liegt, unschlüssig, was er jetzt machen soll und wie es jetzt weiter geht, mit den ganzen Toten.

Doch dann vernimmt er das leise Hufgetrappel und Wagengeräusch vom Anleger und erkennt, als er seinen Blick dorthin wendet, auch sofort die Totengräber.

'Damit wäre das auch erledigt.' hakt er in Gedanken den zweiten Punkt der 'Zu erledigen-Liste' ab.

Da dort nichts weiter vorgemerkt ist und er das Rätsel um dieses Schiff zumindest heute nicht mehr gelöst bekommen wird - jedenfalls nicht ohne erhebliche persönliche Einbußen, wie Verzicht darauf einen inzwischen fast schon quälenden Durst und nicht minder starken Hunger zu stillen - geht er kurz entschlossen auf Lowanger zu.

"Ich mach mich dann mal vom Acker, Ihr habt hier ja soweit alles unter Kontrolle, nich'?"



Durch die Worte des "Matrosen" aus seinen Gedanken gerissen, fährt Lowanger herum und sieht Hjaldar erst einige Augenblicke an, ehe er dann antwortet:

"Ist in Ordnung, du hattest ja hier auch einen schweren Tag auf der ZYKLOPENAUGE. Ich werde auch bald rüber auf die NORDSTERN kommen, wenn klar ist, daß dieser Kahn irgendwohin kommt, wo er niemanden stört, falls er versinken sollte."

Diese Gedanken und Sorgen beschäftigen den zweiten Offizier immer noch sehr, so sehr, daß sie ihm wichtiger als die verlockende Ruhe seiner Kabine drüben auf dem anderen Schiff sind.



"Woll." bestätigt Hjaldar kurz Lowangers Aussage und wirft den anderen noch einen kurzen Blick zu.

Als sein Blick auf den Überlebenden fällt, verfinstert sich seine Miene kurzzeitig.

'Ich fress'n Fockmast, wenn Du nich' wat faul bis,

Bürschen.' denkt er bei sich. Doch dann findet er sich damit ab, daß er diesem heute nicht mehr drauf kommen wird. Morgen ist auch noch ein Tag und vielleicht läßt sich da heraus finden, was mit diesem dummen Geröll in den Kisten los ist.

"Also denn, frohes Gelingen." wendet er sich schließlich von der Gruppe ab und verläßt zielstrebig erst einmal das Wrack und macht sich in Richtung auf die Planke zur NORDSTERN hin auf, wobei er die immer noch herumstehenden Leute ziemlich ignoriert.



Draknuh hat das Gespräch des Thorwalers mit seinem Offizier ohne eine Regung abgewartet. Nachdem der Überlebende nicht sehr gesprächig ist, sieht er wenig Sinn in tieferen Untersuchungen.

'Sieht tatsächlich nach einem sinnlosen menschlichen Gemetzel aus. Warum haben sie den da allerdings übersehen?'

Fast beiläufig, schon fast ein wenig von den beiden weggedreht, verlautbart er seine Wünsche.

"Wir werden Verstorbenen vom Schiff bringen. Wenn ihr vom Hafenamt eine Liste der Namen der Toten für die Bücher am Boronsanger bringen könntet."

Noch einmal zurückgedreht zu den beiden hebt er die rechte Hand und zeichnet ein Boronsrad.

"Möge der Herr euch geruhsamen Schlaf und die Gunst des Vergessen gewähren"

... und er schaut dabei Phaylion an



Knapp und gelassen nickt der Zyklopäer dem Hafenbeamten zu. Das Risiko kann eingegangen werden, und womöglich müssen ein paar Dinge angesprochen werden, die nicht für andere Ohren bestimmt sind, um diese Mission nicht noch weiter unnötig zu gefährden.

"Gut, dort können die Einzelheiten des Entladens besprochen werden", entgegnet er. "Ich möchte das Schiff jedoch nicht ohne Aufsicht zurücklassen."

"Ich werde das Logbuch des Schiffes überbringen lassen, dort müssten alle Namen verzeichnet sein", reagiert er sodann auf des Boronis Bitte mit dem Hauch eines überlegenen Lächelns.

Schlaf und Vergessen.

"Möge er Euch dies auch gewähren", murmelt er halblaut.



Draknuh nickt und geht dann zum Zugang auf das Oberdeck. Unten hat sich inzwischen eine Gasse gebildet, und eine kleine Gruppe ist auf dem Weg auf das Schiff.

Direkt unten am Steg steht eine offener Wagen mit zwei Zugpferden. Als die Totengräber fast auf dem Deck angelangt sind, tritt er einen Schritt zur Seite und deutet auf das Deck

"In nomini Boroni, bringen wir sie zur ihrer letzten Schlafstätte"

Während sich die Totengräber daran machen, jeden einzelnen in schweren dunklen Tuch nach unten auf den Wagen zu bringen spricht Draknuh einen kurzen Segen über die Corpi.



Nachdem der letzte Corpus in einer Plane auf den Wagen gebracht wurde, folgt Draknuh den Totengräbern schweigend auf den Kai.

Die Menschenmenge macht der Gruppe respektvoll Platz, als sie langsam mit knarrenden Wagenrädern den Hafen in Richtung Stadtinneres verlassen.



SALZERHAVEN - Am Kai: Verschwörer


Cephiro schaut Phaylion wieder mit wissendem Blick an.

'Gut, er hat also verstanden was ich meine.... sollte also keine Probleme geben...' denkt er bei sich.

"Das ist kein Problem sein. Ich werde meinen Wachmann beauftragen, keine Unbefugten auf Euer Schiff zu lassen. Er hat mein volles Vertrauen." erklärt er Phaylion und deutet dabei auf den Wachmann, der immer noch in der Nähe der Planke steht und das Hafengeschehen beobachtet, während er auf weitere Befehle wartet.

Auf ein Zeichen von Cephiro hin kommt der Wachmann an Bord der ZYKLOPENAUGE und geht zielstrebig auf seinen Vorgesetzten zu.

"Wie lauten Eure Befehle, Herr?" wendet er sich fragend an Cephiro und nickt dabei grüßend Phaylion zu. Cephiro wendet sich dem Wachmann zu, flüstert ihm etwas ins Ohr und meint dann halblaut:

"Also, laß niemanden auf das Schiff, der hier nicht wirklich etwas zu tun hat, Du weißt schon, wie ich es meine! Wenn die Boroni ihre Arbeit erledigt haben und es ans Entladen geht, geb ich Dir wieder Bescheid!"

Der Wachmann nickt und geht zur Planke, wo er stehen bleibt und aufpaßt. Wer die Planke überqueren darf und wer nicht liegt nun in seiner Hand und er wird sich an seine Befehle halten, wie er es immer zu tun pflegt.

'An mir kommt keiner vorbei, nur über meine Leiche' denkte er sich.

Dann wendet er sich wieder Phaylion zu.

"Wenn ihr hier soweit fertig seid, dann laßt uns gehen."

Mit diesen Worten dreht er sich schon langsam in Richtung Planke und wartet nun nur noch darauf, ob Phaylion ihm Folgen will, oder ob er noch etwas zu erledigen hat.



Ein wirklich seltsamer Boroni, denkt Phaylion bei sich, zumal als dieser den Ball auch gar nicht auffängt. Falls er ein Boroni ist. Sein Gefühl sagt Phaylion etwas anderes, und dies sehr eindringlich. Bei diesem Kuttenträger ist sicher Vorsicht angebracht, obwohl der Zyklopäer eine gewisse Ähnlichkeit zu ihm verspürt.

Fast abwesend wirkend nickt er Cephiro zu.

"Gut, gehen wir", bestätigt er halblaut und schickt sich an, dem Hafenbeamten zu folgen. Auch der Schiffsoffizier vom anderen Schiff will sich offenbar verabschieden, gut so, dann kann er nichts dummes anstellen hier.



NORDSTERN -Oberdeck: Hjaldar's Rückkehr


Mit routinierten Rempeleien kämpft Hjaldar sich schließlich bis zur NORDSTERN vor und eilt mit schnellen Schritten die Planke hinauf und in Richtung auf den hinteren Niedergang zu.

Er hat nicht vor lange auf der NORDSTERN zu verweilen, am liebsten wäre er jetzt schon irgendwo in Salzerhafen beim dritten oder vierten Thin - aber ebensowenig wie ein Vinsalter Stutzer den Fuß nicht ohne angemessene Bekleidung vor die Tür setzen würde, geht ein Halvarson nicht ohne Orknase und Schneidzahn einen Saufen und die liegen nun mal noch in der Koje.

Doch kurz bevor er den Niedergang erreicht, hält er kurz inne. Sein Blick sucht und findet den Käpt'n auf dem Brückendeck und er ruft ihm zu

"Hoi Käpt'n! Lowanger macht drüben noch alles klar und kommt dann auch bald rüber."



NORDSTERN - Oberdeck: Anman und Raschid im Konflikt


Dem Ruf der Ersten Offizierin folgend springt ein Matrose herbei, durchzuckt es Anman, der seine Umwelt nur noch am Rande wahrnimmt. Erst jetzt dringen die Geräusche der Menschen, des Schiffes und der Stadt wieder an sein Ohr. Gefangen war Anman in den Augen dieser Frau, die nun diesem Matrosen Befehl erteilt, ihn in die Kabine zu leiten. Der Mann steht stramm vor ihr und eilt dann voraus, um den Weg zu zeigen.

"Bleib stehen, Bursche.", ruft Anman ihm hinterher,"Warte noch."

Sein Blick wandert runter zu Alberik, dem Zwerg, der irgendwo auf dem Oberdeck war, als Anman das letzte Mal seinen Blick darüber streifen ließ. Hoch wandern seine Augen zu Fiana, dann langsam abwärts an ihr gleitend, wieder zurück zum Oberdeck.

"Warum, werte Fiana, fragt Ihr nicht den Kapitän, ob er Eurer Anwesenheit bedarf ?", fragt er schließlich und schaut ihr wieder in die Augen,"Die Kabine wird nicht enteilen, man kann mir auch später den Weg weisen. So lasst uns denn in die Stadt, werte Frau : mein Freund Alberik scheint Durst zu leiden."

Der warme Wind weht durch sein halblanges Haar und bringt eine Brise frischer Meeresluft mit sich. Das Knarren der Taue, die sich dem Winde beugen, ist manchmal unter dem leiser werdenden Geschrei der Menschenmenge zu vernehmen. Die ersten Sterne funkeln am Firmament, eine sternenklare Nacht verkündend.

"Hör zu, Matrose, lauf los und hol mir den Schlüssel meiner Kabine.", wendet sich Anman an den Matrosen,"Und stell einen Krug Wasser hin und ein paar Äpfel und sorg dafür, daß das Bett bezogen ist."

Ein Kupferstück fummelt er aus den Tiefen seiner ledernen Hosen und wirft es dem jungen Matrosen zu, ohne genau hinzuschauen.

"Lauf schnell, Junge.", hängt Anman an,"Soll dein Schade nicht sein."

Und zu Fiana gewandt :

"Die Nachtwache kann mir ja später noch mein Gemach zeigen !"

´Oder Du, mein Täubchen !´, denkt Anman.



Klingend fällt das Kupferstück den Niedergang zum Oberdeck herunter. "Pling! Pling!" Und bleibt auf dem Oberdeck liegen.

'Bursche? Hat diese Landratte wirklich Bursche zu mir gesagt.'

Raschid stapft die Stufen zum Brückendeck wieder hinauf. Etwas unsicher, ob er seinen Gefühlen freien Lauf lassen soll, schaut er zu Fiana. Doch diese schweigt. Dicht vor dem Passagier bleibt er stehen.

"Ich glaube nicht, daß sie wissen, wo sie sich befinden. Dieses ist ein Schiff. Ein Schiff voller Matrosen. Nicht voller Burschen, oder Diener. Wir sind Seefahrer, wenn ihnen das etwas mehr sagt. Und wir werden für unsere schwere Arbeit gut bezahlt. Auch ohne ihr Geld."

Ohne eine Antwort abzuwarten dreht er um und steigt den Niedergang zum Oberdeck hinunter. Noch auf der Treppe sind leise Worte zu hören. Die aber zu leise und undeutlich sind, als das sie jemand verstehen könnte.



´Tja, das ist er also, der Stolz der Habenichtse.´, denkt Anman, während des Gemütsausbruches des Matrosen. Kalte Wut überkommt ihm, so von einem niederen Matrosen angesprochen zu werden. Und das auch noch in Gegenwart einer Dame. Aber niemals würde er seine Gefühle zeigen.

Schallendes Gelächter klingt aus Anmans Mund, als er den Matrosen davoneilen sieht.

"Lauf nur, du jämmerlicher Lappen, lauf davon.",antwortet Anman dem davonziehenden Matrosen mit lautem, über das Deck dahin tönenden Lachen. Seine Hand ruht sicher auf dem Griff seines Rapiers.

" Lauf schön brav den Schlüssel holen.....", ruft er ihm hinterher.

Dann dreht er sich um zu Fiana. Wieder wird er von ihren schönen Augen gefangen gehalten.

"Ihr solltet ein Auge auf diesen Matrosen haben.", schlägt er ihr mit einem Augenzwinkern vor,"Sonst ist dieser vorlaute Penner bald einen Kopf kürzer."



Das lauthalse Lachen und die Worte Anmans schallen Raschid auf dem Weg zum Niedergang hinterher. Wenige Herzschläge verharrt er vor dem Niedergang zum Unterdeck.

Die zu Fäusten geballten Hände des Matrosen erzeugen ein leises Knacken und die Knöchel auf den Handrücken färben sich scheeweiß. Schwer und dumpf dröhnt sein schneller Herzschlag durch den Schädel und behindert klare Gedanken. Wieder und wieder hört er die Worte des Passagiers in seinem Kopf. Trotz der Entfernung spürt er an Hand der Wortwahl den gehässigen Unterton. Wut und Haß nehmen seine kompletten Gedankengänge ein.

Verschiedene Reaktionen spielt er innerhalb von Augenblicken vor seinem geistigen Auge durch. Doch bevor er sich für eine entscheiden kann, läuft er die Treppe in die dieses Mal schützende Dunkelheit des Unterdecks hinunter.



NORDSTERN - Unterdeck: Die stolze Wut des Raschid


Warm und schützend umschließt die Dunkelheit den Matrosen. Viele Stimme und Rufe hallen durch das Schiff und einige Passagiere laufen durch die Gänge des Unterdecks. Doch Raschid's Gedanken sind zu sehr mit den Geschehnissen auf dem Brückendeck beschäftigt, als daß er den Menschen größere Beachtung schenken würde.

Ein paar tiefe Atemzüge der abgestandenen Unterdecksluft und er macht sich auf den Weg zu der zweiten Doppelkabine.

Ohne anzuklopfen betritt er die Doppelkabine, geht geradewegs auf den kleine Tisch zu und greift sich den Schlüssel, der dort an seinem üblichen Ort in einer kleinen Mulde liegt. Ohne zu zögern macht er kehrt und verläßt die Kabine auf dem selben Weg und ebenso schnell, wie er sie betreten hat.

Mit der Rechten den Schlüssel fest umklammert, ganz so, als würde er ihn zerdrücken wollen, macht er sich auf den Rückweg zum Aufgang des Oberdeck. Der Zorn über die Worte des Passagiers herrscht immer noch in Raschid's Körper und versucht hervorzubrechen, doch der Südländer vermochte bisher einen Ausbruch zu verhindern.

'Den Göttern sei Dank! Hätte ich meine Waffe am Gürtel gehabt, wäre dieser Chalbaji nicht ungeschoren davongekommen. Auch wenn man mich dafür in den Kerker geworfen hätte.'

Sicherlich weiß Raschid, daß er wahrscheinlich sein Leben dabei verloren hätte, doch diese Tatsache unterdrückt er wissentlich.

Langsam steigt er die Stufen zum Oberdeck hinauf und schaut sich oben angekommen nach dem Passagier um.



NORDSTERN - Oberdeck: Die Kampfgefährten


Den Blick weiterhin auf die Treppe zum Brückendeck gerichtet, flüstert Alberik durch seinen Bart Jarun zu.

"Vielleicht kannst du vor Anman, das ist der Händler, der uns begleiten wird, einfach ein bißchen betonen, wie gefährlich das Meer ist und daß es bestimmt besser ist, jemanden neben sich zu haben, der mit einer Waffe umgehen kann. Ich habe ihm vorhin schon versucht zu erklären, daß er sicher sein würde, wenn er mich als seinen Schutz anwerben würde, aber ich glaube er hat mich noch nicht ganz verstanden und verzichtet lieber auf meine Hilfe."



Verschwörerisch nickt Jarun bei Alberiks Worten.

"Ich werde sehen, was ich für dich tun kann. Allerdings muß ich sagen, daß ich Menschen besser überzeugen kann, wenn meine Zunge vom Wein gelockert ist. Ich habe noch niemandem erlebt, der mir meine Geschichten dann nicht glaubt."

Vorsichtigt schaut er noch einmal zum Brückendeck, wo allerdings alle schwer beschäftigt scheinen.

"Sorg dafür, daß ich immer einen vollen Becher Wein vor mir stehen habe, dann werde meine Fähigkeiten voll und ganz zur Geltung kommen."



Mißtrauisch wendet sich Alberik vom Brückendeck und er Treppe ab und schaut wieder Jarun an. Hat er das eben richtig verstanden? Soll er etwa für Jarun den Wein bezahlen, damit der ihm einen Gefallen tut?

Doch dann lacht der Zwerg laut los. Es beginnt mit einem Grinsen, dann ein leichtes Schmunzeln, das schließlich in einem lauten "HUA HUA HUA!" endet.

Die linke Hand wird in die Hüfte gestemmt, der Kopf in den Nacken gelegt, als ein weiteres "HUA HUA HUA!" folgt.

Alberik hat sich immer noch nicht ganz gefaßt, als er Jarun erklärt, weshalb er sich so amüsiert.

"Ich dachte schon, Du willst..."

Ein leichtes Kichern unterbricht den Zwerg,

"...Du willst von mir, daß ich den ganzen Abend den Wein bezahle, den du trinkst."

"Hahaha."

Eine Träne, die dem Zwerg vor Lachen ins Auge schießt, wird mit dem Handrücken der Linken weggewischt.



Ein weiteres Lachen schallt über das Schiff, denn auch Jarun stimmt in das Lachen des Angroschim ein. Mehr gezwungener Maßen, um nicht das Gesicht zu verlieren. Doch ebenso überzeugend.

"HA, HIHI HI, HIIIIII"

Noch leicht außer Atem beugt er sich wieder zu Alberik herunter, damit niemand anders die Worte hören kann.

"Ich wollte nur, daß du mich daran erinnerst regelmäßig einen neuen Wein zu bestellen, damit der Nachschub nicht zu lange auf sich warten läßt. Du weißt doch noch wie viel ich trinken kann, nicht mal Hal hätte an manchen Abenden in Greifenfurt meine Zeche zahlen können. Nein, nein. So was verlange ich nicht von einem Freund. Unter Freunden hilft man sich doch gerne. Sicher wird sich auch mal die Gelegenheit ergeben, daß du mir hilfst, nicht wahr. Und dann wirst auch du kein Gold verlangen. Schließlich sind wir ja Freunde."

Diese Sätze sprudeln aus Jarun's Mund hervor, doch innerlich denkt er bereits darüber nach, wie er den Gefallen am sinnvollsten nutzen kann.



Nun, da Jarun und er lachend nebeneinander stehen, verfliegen die letzten Zweifel in Alberik. Es hätte ja doch sein können, daß er für diesen kleinen Gefallen viel Geld für Wein hätte ausgeben müssen. Aber nun weiß er ja, was wirklich gemeint war.

"Aber sicher helfe ich Dir, wenn Du einmal meine Hilfe brauchst. Und wenn Du Anman wirklich dazu bringen kannst, mich und meine Axt zu mieten, dann bekommst du von mir eine ganze..."

Für einen kurzen Moment denkt der Zwerg nach, und kommt zu dem Schluß, vielleicht doch nicht ganz so spendabel zu sein.

"...eine ganze halbe Karaffe Wein, nur für dich alleine."

"Und wenn nicht, so werden wir drei heute trotzdem einen guten Abend zusammen haben."

Beiläufig schaut er mal wieder zum Brückendeck und sieht, wie Anman schon auf dem Weg zu ihnen ist.

"Aber jetzt kein Wort mehr darüber, unser Begleiter kommt schon. Und er läßt sich bestimmt besser überzeugen, wenn er nicht weiß, daß einiges von dem, was Du erzählst, genauso sehr ausgeschmückt ist wie Du," raunt er Jarun zu. Dann dreht er sich zu dem ankommenden Händler.

"Anman, da bist du ja schon. Das hier ist Jarun, der Papagei."

Dabei deutet er mit leicht erhobener Hand auf den bunt gekleideten Mann neben ihm.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Anman und Fiana


Auf das kurze hin und her reagiert Fiana etwas irritiert.

'Wollte er nicht gerade erst - hmm'

"Ja, den Kapitän wollte ich ohnehin gerade fragen, entschuldigt mich einen Moment." erwidert sie auf Anmans Worte und wendet sich nicht ohne noch ein Lächeln zu versprühen in Richtung des Kapitäns.

'Die Sache mit der Kabine müssen Anman und Raschid alleine klären, es wäre nicht gut, wenn sich die Offiziere in solche Kleinigkeiten einmischen würden.' denkt sich Fiana.

Eigentlich hat Fiana im Moment ohnehin keine Schicht, aber die Ereignisse des Tages haben die Doppelschicht notwendig gemacht. Doch eben diese Ereignisse sind es die sie beim Kapitän nachfragen lassen, ob er sie nicht doch noch braucht.

Da die Brücke nicht wirklich groß ist, ist Fiana bereits wenige Schritte später beim Kapitän angelangt. Dort wartet sie ab bis er sein Gespräch beendet hat, bevor sie ihm die folgende Frage stellt:

"Jergan, habt ihr heute noch ein spezielle Aufgabe für mich? Falls nicht, würde ich sehr gerne noch etwas an Land gehen." spricht sie ruhig und höflich zum Kapitän.



"Ja, klar.", antwortet Anman ihr, schaut ihr hinterher, bis sie verschwunden ist, und begibt sich dann zum Niedergang.

Dort angekommen, schaut er runter aufs Oberdeck, um zu sehen, wo sich der Zwerg befindet. Nach einem letzten Blick über den Hafen und hinaus aufs Meer, steigt er in aller Ruhe den Niedergang hinab und läuft in Richtung von Alberik und Jarun.

Seine Blicke wandern dabei in Richtung der Menschenmenge, die noch immer auf dem Kai steht und mit dem Licht ihrer Fackeln und Lampen die unmittelbare Umgebung erhellt. Während er langsam dahin schlendert, da er sehen kann, daß der Zwerg und der Mensch in ein Gespräch vertieft sind, sieht er das Kupferstück, das er dem aufmüpfigen Matrosen geben wollte, im Lichte funkeln. Anman schaut sich um, und sieht eine Matrosin an der Reling stehen.

"Matrosin, he.", ruft er in ihre Richtung. Als sie sich umdreht, lächelt er.

"Schaut, junge Frau !", fährt Anman fort und zeigt auf das Kupferstück,"Ist das etwa Euer Kupfer, das dort umher rollt ?"

Xenias Augen folgen seiner ausgestreckten Hand und erkennen das Geld. Zwar fragt sie sich, warum Anman sich nicht selber bücken wollte, aber seiner Kleidung nach sieht er auch gar nicht so aus, als ob er das nötig hätte.

´Nicht, daß ich es nötig hätte. Aber was soll´s ?´, denkt sie sich, und nickt mit einem zaghaften Lächeln. Anschließend löst sie sich von der Reling und begibt sich hinüber, um das Kupferstück einzusacken.

Anman, froh, daß sein Geld nun nicht doch noch heimlich von dem frechen Matrosen von eben aufgehoben wurde, Läuft weiter in Richtung des Zwerges. Dabei behält er mit einem Auge immer den Niedergang zum Unterdeck im Blick, um gegebenenfalls auf sich aufmerksam machen zu können, sollte sein Schlüssel doch noch das Oberdeck erreichen.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Fiana meldet sich ab


Da der Kapitän ohnehin mit keiner Rückfrage seitens des kabinentauschenden Fahrgastes rechnet, wendet er sich sogleich seiner ersten Offizierin zu, als diese ihre Frage stellt.

Er überlegt kurz - im Grunde gibt es sehr viel zu tun, doch ein Großteil dieser Arbeit wird mit der ZYKLOPENAUGE zusammenhängen, und die muß nicht hier und von der NORDSTERN-Besatzung verrichtet werden, sondern von dem Überlebenden der ZYKLOPENAUGE. Insgesamt also wohl doch weniger Arbeit, als er gedacht hatte.

"Nein, eine spezielle Aufgabe habe ich für Euch nicht, Fiana. Bitte seid Mitternacht wieder auf dem Schiff - man weiß ja nie, was sich mit diesem Wrack da vorne noch ergeben mag."

Für sich hat Jergan schon längst beschlossen, daß er Salzerhaven wohl kaum betreten wird - höchstens irgendwelche Räume des Hafenamtes, falls da die Notwendigkeit bestehen sollte.

"Euch wünsche ich dann viel Spaß für diesen Abend!"



"Gut, ich werde um Mitternacht wieder hier sein und möge die Nacht Angenehmeres bringen als der Tag." erwidert Fiana.



Nachdem der Kapitän offensichtlich nichts mehr hinzu fügen möchte wendet sich Fiana wieder zur anderen Seite der Brücke zu und geht die paar Schritte zu Anman.

"Gut, ich muß um Mitternacht wieder an Bord sein, aber bis dahin sind es ja noch ein paar Stunden. Wenn ich mich kurz für ein zwei Minuten entschuldigt, ich muß noch etwas aus meiner Kabine holen. Danach kann es losgehen."



NORDSTERN - In der Suite: Alkinoês Schattenreise


Was zunächst nur in einzelnen Wellen spürbar war, wird nun zu einem stetigen Strom der Kraft. Er teilt sich dem Mädchen mit, wird zu einem Teil ihrer selbst. Zu Beginn trennt sie nicht zwischen dem da draußen, dem Strom der Kraft, und ihrer eigenen Person, sondern nimmt einen Teil der Kraft in sich auf, während der andere Teil gebrochen und zurückgeworfen wird, wie das Licht der Praiosscheibe, welches auf eine Wasserfläche trifft.

Doch langsam kehrt auch Los` Erbe zu ihr zurück, regt sich ihr Geist, und im gleichen Maße nimmt sie nun auch den Gegensatz zwischen sich selbst und dem Anderen wahr. Da ist sie selbst, Alkinoê, schwach und hilflos, aber auf eine rätselhafte und geheimnisvolle Weise nicht mehr allein. Es gibt also noch etwas anderes außer ihr selbst und dem Nichts, eine dritte Wesenheit, und diese Wesenheit ist ihr nahe, will sie nicht verlassen.Alkinoê hat die Angst hinter sich gelassen, ergibt sich ganz diesem neuen Gefühl von Sicherheit und Vertrauen.

' Wer DU auch bist, ich vertraue DIR, halte DU mich fest, bleibe bei mir. '



Es durchfährt den Schiffszimmermann wie ein eisiger Blitz. Plötzlich fröstelt ihm und es steht im kalter Schweiß auf der Stirn. Er sieht nur noch das bleiche Gesicht Alkinoês, alles andere wird ihm undeutlich, die Konturen verschwimmen, sein Auge trübt sich.

Alle Geräusche, die er jetzt noch hört, schwingen seltsam, als entrücke ihm die Welt, als habe die Wirklichkeit ein winziges Loch bekommen, welches Ole's Bewußtsein erbarmungslos einsaugt und entführt.

Ole hatte sich, in angemessener Distanz zum Lager Alkinoês aufgestellt, um dem Heiler oder Herrn Darian bei ihren Bemühungen nicht im Weg zu sein. Dort steht er nun wie ein Leuchtturm auf einer dunklen Klippe, still, starr und dennoch irgendwie Weg weisend. Er streckt langsam beide Arme aus, die Handflächen nach oben gerichtet, als würde er aus unsichtbarer Hand ein Geschenk empfangen. Für die Anwesenden in der Suite, die diese seltsame Geste des 'Grauen Riesen' beobachten können, wirkt diese Handlung wahrscheinlich mehr grotesk als spirituell und dennoch auf seltsame Weise unheimlich und mysteriös bannend.

In der Tat fühlt sich Ole von einer unbekannten Macht berührt. Vor seinem geistigen Bewußtsein, entstehen die leuchtenden Umrisse eines Menschen, eines Mädchens womöglich. Das Rauschen gewaltiger Brecher will ihm fast den Schädel sprengen. Es klingt wie die Brandung vor Olport, die mit urwüchsiger Macht an den Kreideklippen nagt, um das Land, Schritt für Schritt, zurück zu treiben, doch tönt es im Augenblick schier unendlich lauter.

Das leuchtende Gebilde verteilt sich im Raum, erhellt ihn mit gleißendem Licht, daß es Ole blendet und er, vom Schmerz gepeinigt die Augen schließen muß. Keiner der anderen scheint dieses Licht zu bemerken.

Schon hat Ole die Angst, das Licht könnte ihn verbrennen, als er einen Schatten auf seinem Gesicht spürt, der ihm Erfrischung und Linderung verschafft. Für einen Augenblick glaubt der alte Schiffszimmermann einen riesigen Raben erkennen zu können, doch dann ist da wieder nur noch das grausam helle Licht und entfernt zu hören: Das Geräusch mächtiger Schwingen.

Entweder wird nun das Licht allmählich angenehmer oder Ole's Augen gewöhnen sich an diese überderische Helligkeit. Es wird ihm warm und wärmer und dann spürt er, daß ihm eine schwere Last in die Arme gelegt wird.

Der 'Graue Riese' ist stark, sehr stark sogar, dennoch droht dieses Gewicht ihn in die Knie zu zwingen. Aber Ole gibt nicht auf, er schwankt, aber er stürzt nicht.

"Ich werde dich nicht enttäuschen, kleine Blume, ich werde kämpfen!" preßt er zwischen den Zähnen heraus und dann brüllt er:

"HERR SWAfnir, GIB MIR DIE KRAFT!"

Doch die geheimnisvolle Last drückt immer schwerer auf ihn. Es ist ein Ringen, von dem die anderen Anwesenden bisher kaum etwas mitbekommen. Doch langsam wölbt sich schon der Plankenboden nach unten und das Holz gibt einen gequälten, klagenden Laut von sich.

"Ich werde dich nicht enttäuschen, kleine Blume, folge dem Pfad der Liebe!"

Es versagt ihm fast die Stimme, Ole keucht und atmet schwer.

"Mutter TRAvia, leite mein Herz!"

Inzwischen drückt Ole seine Arme an seinen Brustkorb, so, wie er es getan hatte, als er Alkinoê auf die NORDSTERN brachte. Nur, daß Ole Arme nun ein geisterhaft waberndes Licht umschließen, während Alkinoê totenblaß auf einem Lager liegt.

"Sie ist nah und doch so weit entfernt, so weit entfernt ... " keucht Ole, dann setzt er sich langsam in Bewegung. Schritt für Schritt nähert er sich dem Lager Alkinoês und es scheint, als bereite ihm jeder Schritt unsägliche Schmerzen.



NORDSTERN - Unterdeck: Anselm's neue Kabine


"Linksrum und durch und dann bin ich da. Gut danke..."

Abermals dreht sich Anselm um, doch diesmal schreitet er auch von dannen und macht sich auf den Weg zum Niedergang.

'Hm, nur mal kurz anschauen. Vielleicht fünf Minuten die Beine hoch legen. Aber ein Stadtbesuch wir heute auf jeden Fall noch gemacht.'



Freudig und erwartungsvoll geht Anselm über das Oberdeck Richtung Niedergang. Dabei läßt er noch mal den Blick über das Deck fliegen. Zwar lassen die wenigen, schwach funkelnden Laternen kaum viel erkennen, doch für als Diener des Phex ist Anselm darin geübt, auch bei schwachen Licht gut zu sehen. Auch wenn das was er sieht nicht gerade sonderlich sein Interesse weckt.

Den Niedergang herabgestiegen schreitet er den engen Gang Richtung Doppelkabine. Dem Treiben der anderen Personen schenkt Anselm auch nicht viel Aufmerksamkeit. Alles was ihn jetzt noch interessiert ist die Kabine.

'Hm... links rum, gerade aus, dann wieder links, ah ja!'

Anselm öffnet die Tür und tritt ein. Jeder Rechtspann wird erst einmal begutachtet, dann wirft sich Anselm freudig auf das Bett, welches ihm unbenutzter erscheint.

'Ach... schön.. So, erst mal ein wenig entspannen...'



Der kleine Mann verschränkt seine Arme vor der Brust und schließt die Augen. Ein kleiner Seufzer entweicht seinem Munde, während er es sich in seinem neuen Bett gemütlich macht.

'Ach ja...ich glaube hier werde ich auch noch den Rest der Fahrt überstehen. Dieses Zimmer ist seinen Preis wert... Aber zum Schlafen ist noch keine Zeit! Es ist doch nichtmal Mitternacht!..hm, zuerst einmal werde ich mir das Städtchen ein bißchen ansehen. Wer weiß wann mir eine genauere Kenntnis der Gassen wieder nützen könnte.

Dann such ich mir eine gemütlich kleine Taverene und trink ein zwei Gläschen. Ein gutes Essen könnte ich auch vertragen. Vielleicht gibt es auch ein paar Leute die sich zu einem kleinen Kartenspiel bereit erklären... Schließlich muß ich auch von etwas leben.'

Bei dem Gedanken muß Anselm leicht grinsen.

'Und morgen werd' ich einkaufen, sofern Zeit dazu bleibt. Ich mußte damals so schnell fliehen, ich hatte ja nicht mal Zeit meinen Rucksack mit ein paar Dingen zu packen. Wenigstens sind mir meine Münzen geblieben.'

Anselm klopft erleichtert auf den gut gefüllten Geldsack.

'Und mein Dolch.. ach, wie viele Erinnerungen hängen an ihm.'

Er zieht die Klinge aus ihrer Scheide. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, daß dieses Messer sogar für einen Dolch ziemlich klein ist. Anselm betracht das reich besetzte Schmuckstück wie es im Licht der Laterne funkelt.

'Ich weiß noch wie ich ihn meinem Lehrmeister vom Gürtel geschnitten hab', ohne daß er was merkte.

"Kannst ihn behalten" sagte er damals mit einer Mischung aus Stolz und Ungläubigkeit. Tjalf wußte, daß er mir von da an nichts mehr beibringen konnte. Nun ja, das ist lange vorbei....'

Anselm steckt die Klinge wieder ein und hüpft vom Bett.

'Salzerhaven, mach dich bereit. Jetzt kommt Feuerbach!'



NORDSTERN - Offizierskajüte: Fiana macht sich fein


Fiana geht vom Brückendeck auf das Oberdeck und dann den Niedergang hinunter, um letztlich in ihre Kabine zu gelangen. Sorgsam schließt sie die Kabinentür auf und schließt sie hinter sich wieder.

Dann beginnt sie in ihren Sachen etwas zu suchen und kurze Zeit später zieht sie einen hellgrünen Wollumhang hervor, den sie jedoch erst einmal auf ihre Koje legt. Die Suche ist noch nicht beendet, etwas später fördert sie ein frisches Hemd zutage, denn wenn schon ein kurzer Landgang bevorsteht, dann nicht in dem von zwei Schichten verschwitzen Exemplar.

Schwups ist das alte Hemd ausgezogen und ein dezentes, aber wohlriechendes Duftwässerchen aufgetragen.

Das frische Hemd ist ebenfalls flott angelegt, fehlt nur noch der Umhang, welchen sie jetzt von der Koje nimmt und sich dann über die Schultern hängt. Der lange Umhang reicht fast bis auf den Boden und wird gut gegen die sicher bald kühler werdende Nacht schützen.

Zum Schluß fallen ihr noch ihre Haare ein, sie öffnet den langen Zopf und läßt der Löwenmähne freie Bahn. Da die Haare lange zum Zopf geflochten waren, sind sie jetzt noch lockiger als zuvor. Fiana nimmt ihre Bürste um en wenig Ordnung in die, über den ganzen Rücken fallenden Haare zu bringen.



Nachdem Fiana die Haare sorgsam gebürstet hat, besitzen diese einen seidigen Glanz, der die roten langen Locken noch besser zur Geltung bringt. Der Umhang ist zurecht gerückt und der Inhalt des Geldbeutels wird überprüft. Dann verstaut sie selbigen sicher, man weiß ja nie, was für ein Gesindel einem in der Stadt begegnet.

Fiana öffnet die Tür, geht hindurch und verschließt ihre Kabine wieder sorgsam. Dann geht sie zügigen Schrittes den Niedergang hinauf, gelangt auf das Oberdeck, wo sie die Herren bereits an der Planke stehen sieht. Daher macht sie sich auf den Weg dorthin und begrüßt die Runde mit einem freundlichen Lächeln, das am Ende bei Anman stehenbleibt und den Worten:

"Ich hoffe die Herren mußten nicht zu lange auf mich warten."



NORDSTERN - Unterdeck: Efferdan und Ameg


Zum Glück kennt Efferdan diesen Teil des Schiffes sehr gut - nach eineinhalb Jahren Dienst auf diesem Schiff sollte er das wohl auch - und so kommt er voran, ohne sich irgendwo anzustoßen.

Sein Augen versuchen, im Zwielicht jemanden zu entdecken, die Quelle des Schmerzenslaut, der an sein Ohr drang, zu lokalisieren.

"Hallo?" fragt er leise und unsicher in die Dunkelheit hinein.



Ameg beugt sich runter und massiert seine Kniescheibe.

'au.. das tut verdammt weh... wo bin ich da nur gegen gerannt?'

Er schaut sich vorsichtig um und sieht, daß er irgendwie an der Bordwand angekommen ist und da vorne ist ja auch schon der Niedergang. Langsam geht er bis zum Niedergang und setzt sich dort erst einmal auf die unterste Stufe, um seine Kniescheibe noch ein wenig zu reiben in der Hoffnung, daß der Schmerz dadurch weg geht.... was ihm auch, da der Stoß nicht schlimm war, schnell gelingt.

...dann hört er plötzlich jemanden im Unterdeck leise und vorsichtig 'hallo' sagen.

"äh.. hallo?", fragt Ameg vorsichtig zurück.



Efferdan zuckt kurz zusammen, als er ein leises Geräusch hinter sich zu hören glaubt? Doch da danach nur wieder das Rauschen des Meeres und das Knarren des Holzes zu hören ist, geht Efferdan weiter.

`Vielleicht Traumauge - ob er wieder Ratten jagt?`

Bei dem Gedanken an den kleinen Kater, muß Efferdan lächeln. Er mag den Kater. Dann, in der Nähe des vorderen Niedergangs, antwortet ihm plötzlich jemand. Efferdan strengt seinen Augen an, um etwas zu erkennen.

`Sitzt da nicht jemand auf den Stufen - wer mag das sein... Der Stimme nach, niemand von der Mannschaft...`

Efferdan bleibt abrupt stehen. Unsicher und hell kommt es aus seinem Mund:

"Äh, ich wollte sehen, ob... ich hörte einen Schmerzensschrei ...äh... geht es Euch gut?"

Efferdan wirkt durchaus ehrlich besorgt, aber auch etwas schüchtern und zurückhaltend.



Stimmen, Geräusche, Personen.. langsam kann Ameg verstehen warum der Schiffsjunge bei dem Trubel hier so nervös und gereizt ist.

"'is alles in Ordnung", antwortet Ameg einer unsicheren Stimme, die eigentlich nur dem seltsamen Matrosen gehören kann.

"'hab mir nur mein Knie gestoß'n"

Irgendwo weiter hinten hört Ameg Torin und Joanna.. aber jetzt steht er erst einmal auf und schaut woher die Stimme des Matrosen kam.



"Oh, dann... dann ist es ja gut ... ich fürchtete, Ihr hättet Euch vielleicht... aber wenn es Euch gut geht ... verzeiht ... ich muß wieder zurück..."

Jetzt, da er weiß, daß dem Passagier nichts passiert ist, erinnert er sich wieder an seine alte Aufgabe...

`Wasuren wird wohl ungeduldig ein. Sollte mich beeilen...`

"Verzeiht..." setzt Efferdan noch einmal schüchtern hinzu, dann dreht er sich um, um wieder zurück zum hinteren Niedergang zu gehen.



NORDSTERN - Unterdeck: Torin auf der Lauer


Beinahe verschwindet der hellhäutige Matrose in der Düsternis des Unterdecks, doch Torin folgt ihm. Vorsichtig schiebt er sich an dem scheinbar den ganzen Gang ausfüllenden Schiffskoch vorbei. Da er selber auch nicht der Dünnste ist und zudem auch noch der Rucksack auf dem Rücken trohnt, ist dies ein Unterfangen, welches nicht ganz reibungsfrei vonstatten geht. Doch schließlich drückt sich Torin an Garulf vorbei.

'Miu pikusch! Ich sollte wirklich etwas abnehmen. Wenn ich so weitermache, bleibe ich eines Tages in einem Fensterrahmen stecken.'

Von oben her dringt Lachen und Gegröhle in den Bauch des Schiffes. Torin schüttelt den Kopf.

'Es hört sich fast so an, als sei da oben eine Feier im Gange.'

Er schnaubt leise.

'Na, mir kann es eigentlich egal sein. Ich will heute Abend nur noch ein warmes Bett und ein kühles Met.'

Das Schimmern seines Stockknaufes deckt er so gut wie möglich mit der Hand ab doch zwischen den Fingern sucht sich das schwache Licht einen Weg und findet ihn auch. Fast unsichtbar ziehen die rot-weißen Schimmer über die Wände und über die Decke. Fast wäre Torin in der Düsternis noch mit dem hellhäutigen Matrosen zusammen gestoßen, doch er kann sich gerade noch stoppen. So bleibt er erst einmal still hinter diesem stehen und wartet ab.



NORDSTERN - In der Suite: Wundersame Heilung


Frau Reckinde läßt sich schwer in einen Stuhl fallen. Das bringt auch schon nach wenigen Augenblicken die erwünschte Wirkung, die Schmerzen in ihrem Fuß lassen nach.

Doch könnte es gut möglich sein, daß Frau von Beibach und Bruch ihre Schmerzen sowieso vergessen hätte, wenn sie diesen seltsamen 'Tanz' des Schiffszimmermannes stehend erlebt hätte. Fassungslos beobachtet sie diese, irgendwie vom Wahnsinn gezeichneten Bewegungen und die, mehr als merkwürdigen Begleiterscheinungen, die sich hier in der Suite, vor ihrer aller Augen ereignen.

'Hoffentlich versteht sich dieser Heiler auch auf seelische Verirrungen, wenn nicht für das Mädchen, dann zumindest für den Schiffszimmermann ... " denkt sich Reckinde erschrocken über diese seltsame Veränderung dieses riesigen Seemannes.

Mit brüchiger, kratzender Stimme sagt sie zu Radisar, ihrem Diener, ohne ihren Blick von den Geschehnissen wenden zu können:

"Ich ... ich könnte jetzt einen Tee vertragen .....!"



'Einen Tee will sie haben, die Herrin? Das kann ich verstehen, einen solchen bräuchte ich jetzt auch." denkt sich Radisar als er völlig entgeistert die unheimlichen Vorgänge in der Suite beobachtet.

Ohne den Blick von dem jungen Mädchen, dem Heiler und dem wunderlichen riesigen Seemann anwenden zu können, tastet er zunächst nach einer Teetasse, dann nach dem Samowar, der, auf dem Tisch stehend, dampfend seine Pflicht erfüllt. Schnell haben seine dicken Finger blind und plump eine Tasse ergriffen und auch den Samowar hat Radisar schnell ertastet. Doch dazu hätte er wohl besser hinschauen sollen, denn er verbrennt sich die Finger niederhöllisch.

Er unterdrückt einen Fluch und wehklagt mehr innerlich, um nicht weiter hier im Raum aufzufallen. Doch lernt er aus dem Vorfall wenig, denn als er heißen Tee aus dem wärmenden Gefäß abläßt, schaut er schon wieder nicht mehr hin und so ergießt sich das Aufgußgetränk nicht, so wie es sein sollte, in der Tasse, sondern einige Finger breit neben dem Tassenrand auf den Schuh des kleinen Dieners, der sich dann allmählich darüber wundert, warum es ihm an den Zehen immer wärmer wird ....



Vor ihrem Lager kniend betrachtet Ulfried die Patientin. Es sieht wirklich nicht sehr gut aus. Blasz wirkt ihr Gesicht, wie tot liegt sie auf dem Bett, nur das langsame Heben und Senken ihres Brustkorbes zeugen davon, dasz Golgari sie noch nicht geholt hat. Vorsichtig streichen Ulfrieds Hände über Alkinoês Kopf. Die Platzwunde wurde bereits ordentlich versorgt, dasz ist erstmal beruhigend. Fachmännisch tastet er den Schädel ab, es hiesz zwar, physisch sei alles getan, doch wer weisz, ob die Laien nicht doch etwas übersehen haben. Nach kurzer Zeit stellt er zufrieden fest, das der Schädel intakt ist. Seinem kundigen Auge entgeht jedoch nicht, dasz das Mädchen eine kräftigen Schlag auf den Kopf abbekommen hat.

´Offensichtlich wurde der Sitz ihres Verstandes erschüttert ...´

Die Hände des Heilers bleiben am Kopf der Patientin, doch nun ruhen sie, eine links, eine rechts, am Schädel, geradezu so, als könne er ihren Geist dadurch festhalten. Nun beginnt der schwerere Teil seines Auftrages. Halt, etwas will er noch wissen, ein kleines Wort ist es nur, doch damit ginge seine Arbeit erheblich leichter.

"Kennt hier jemand ihren Namen?" fragt er ungezielt in die Runde.



Darian steht noch immer als stiller Beobachter im Raum. Zur Zeit beobachtet er vor allem den Schiffszimmermann, der hier gerade, ja was eigentlich? Betet? Ein Ritual ausführt? Den Verstand verloren hat? Sehr seltsam, aber interessant, vielleicht kann man ja hinterher mit ihm darüber reden.

Doch dann gelangt eine Frage an sein Ohr, eine Frage, die zwar an die Allgemeinheit gerichtet ist, die aber niemand sonst zu beantworten gewillt bzw. in der Lage ist.

"Nein, ihren Namen kennen wir bedauerlicherweise nicht, der einzige andere Überlebende konnte ihn uns nicht mitteilen, zumindest hat er es nicht," antwortet er dem Heiler.


*************************


"Kein Name also," nimmt dieser die Antwort zur Kenntnis, aus diesen drei Worten ist deutlich zu heraus zu hören, dasz es ihm anders wesentlich lieber gewesen wäre.

´Dann musz es eben so gehen.´

Langsam und deutlich richtet er seine Worte an die noch immer regungslos daliegende Alkinoê:

"Dies hier ist Deine Welt, Du gehörst zu den Lebenden, hier ist Dein Platz."

Er atmet erst einmal tief durch und schaut kurz, ob seine Worte bereits Wirkung zeigen, dann fährt er fort:

"Merian kannst Du nicht erreichen, du muszt zurück kommen, sonst bist auch Du verloren, komm zu Dir, komm zu uns, komm heim nach Dere, hier ist Deine Welt."



Während er spricht, liegen seine Hände noch immer ruhig am Kopf von Alkinoê. Dem Beobachter musz es so erscheinen, als wolle er die Seele des Mädchens durch seine Hände festhalten. Ja glaubt er wirklich durch solch albernen Aberglauben könne man etwas bewirken?

Ein Beobachter jedoch, der sich nicht auf die fünf naturgegebenen Sinne verläzst, einer, der sich der Clarobservantia bediente, der sähe, dasz die Hände Ulfrieds sehr wohl etwas tun - und dasz sie sich dafür gerade am rechten Platz befinden.



"[...] und eine Neue Kraft flosz fürderhin durch alle Sphären. [...]"

- aus dem Epos: ´Vom Anbeginn der Zeit´


Diese Kraft um die es hier geht, flieszt bereits seit Äonen auf und durch Dere. Fast ebensolang gibts es Wesen, die sich dieser Kraft bedienen. So gibt es auch unter den Menschen immer wieder welche, denen HESinde die Fähigkeit verleiht, diese Kraft zu lenken, zu formen, Linien und Muster aus ihr zu bilden.

Doch nicht jeder, dem die Gabe gegeben ist, erfährt davon. So jemand hat dann zwar die Macht, die Kraft zu leiten, doch erlangt er nie die Weisheit und Klugheit, die es braucht, dieses Potential voll auszuschöpfen.

Eben so jemand ist Ulfried Bellentor, der gerade in der Suite der Karavelle NORDSTERN, am Lager eines bewusztlosen, jungen Mädchens kniet ...



Ein Gewebe kann vielerlei Gestalt annehmen. Es kann fein, edel und vornehm sein, wie ein Kleid aus Mirhamer Seide. Es kann aber auch fest, stark und undurchdringlich sein, wie Segeltuch. Es kann auch dreckig, stinkend und voller Löcher sein, wie die Lumpen eines Bettlers. Und es kann auch voller Löcher und trotzdem stark sein und seinen Zweck erfüllen, wie beim Netz eines Fischers.

Ebenso verhält es sich mit Geweben aus arkanen Fäden, vielerlei Gestalt haben sie, von der rohen Kraft der destruktiven Hermetik, über die filigranen, fast verspielten Zauber der Elfen und der Feen bis zu den gnadenlosen Formula, der verachtungswürdigen Diener des Bethaniers. Und ebenso gibt es eine Art arkaner Muster, die grob und voller Löcher ist, aber doch zur Wirkung kommt.

Eben ein solches Muster entsteht an den Händen Ulfrieds und durchdringt Alkinoês Kopf, es ist kein sorgfältig von kundigem Geiste geknüpftes Gewebe, eher vergleichbar mit einem Fischernetz, alt, viel gebraucht und schlecht gepflegt - und doch, der Fisch, der sich im unvorsichtig nähert, der wird wohl bald gebraten auf einem Teller enden.



Eben wie ein Netz, so wirkt die Kraft, wie der Heiler sie hier wirkt. So wie der Fischer sein Netz ins Meer wirft, um darin Fische zu fangen und aus dem Wasser zu ziehen, so wirft Ulfried gewissermaszen ein Netz aus, um Alkinoês Seele einzufangen und sie dann aus dem Nirgendmeer zu ziehen, zurück nach Dere.

Doch was wäre ein Netz ohne Köder? Lockt man den Fisch nicht ins Netz, so gibt es keinen Fang. Ulfrieds Köder sind seine Worte, die das Weben des Netzes begleiten:

"Komm zu uns",

"hier ist dein Platz",

"Dies ist deine Welt".

Wird dieser Köder stark genug sein um ihre Seele ins Netz zu locken? Wird das Netz stark genug sein um sie ´an Land´ zu ziehen? Doch ein Fischer braucht Geduld ...



Zum erstenmal seit unendlich langer Zeit verspürt Alkinoê wieder ein Gefühl der Geborgenheit. Es ist köstlich vollkommen, viel stärker als es dies bei wachem, bewußtem Zustand sein könnte, von keinerlei Zweifel getrübt. Und sie nimmt dies alles mit der gleichen Selbstverständlichkeit an, mit der ein kleines Kind die Liebe und Fürsorge seiner Mutter fordert. Sie hat das deutliche Gefühl, von festen, starken Armen umschlossen und gehalten zu werden.

Während Geist, Gefühl und Verstand langsam wieder zueinanderfinden, und sich Alkinoês Persönlichkeit regeneriert, beginnen ihre Gedanken um die Frage nach dem Quell des Kraftstroms, der Art der fremden Wesenheit zu kreisen. Eine Gottheit? Welche Gottheit könnte sich ihrer annehmen? Wieder spürt sie die Gefühlswellen, Liebe und Mut, aber auch ein wenig Furcht, Anstrengung, unendliche Mühe, beinahe Schmerz. Während sie zu Beginn nicht zwischen den fremden Gefühlen und ihren eigenen unterschieden hat, kann sie nun, durch ihre zurückerlangten Fähigkeiten, feststellen, daß es sich um Gefühle der fremden Wesenheit handelt.

Plötzlich aber durchbricht etwas diese innige Gemeinschaft: Ganz deutlich kann sie spüren wie etwas zu ihr vordringt, nicht sanft und zart, sondern kräftig, bahnbrechend, vorwärtsstürmend. Sie spürt eine Kraft, die ihr einerseits vertraut, andererseits aber auch erschreckend fremd und roh ist, spürt wie diese Kraft in sie selbst eindringt, ihre Barrieren durchbricht, wie sich mit einer unheimlichen Geschwindigkeit Bande um sie legen, gegen die sie völlig machtlos ist.

" Nein, nein, oh nein! Ich will nicht! Laß mich" ruft Alkinoê, und beginnt sich zu bewegen, als ob sie sich instinktiv dem Griff entwinden wollte.



Interessiert sieht Darian dem Heiler bei der Arbeit zu. Was geht hier eigentlich vor, was tut er dort, kann es sein, dasz ... ?

Ob er einen ODEM ARCANUM wirken sollte um sich Gewiszheit zu verschaffen? Ach nein, es wäre verschwendete Kraft.

Als Alkinoês Schrei den Raum erfüllt, bedarf es auch keines ODEMs mehr, nun ist klar, dasz hier ein Zauber wirkt. Neugierig mustert der Adeptus den Heiler, ´Welche Formula ist dies?´ Doch er kommt zu keinem Schlusz, zu wenig ist zu sehen. Keine gesprochene Formel ist zu vernehmen, keine Zaubergeste ist zu deuten. Sollte dieser Heiler tatsächlich die Kenntnis einer, dem Adepten völlig unbekannten, ja vielleicht sogar verschollenen, Thesis besitzen?



Noch immer durchdringen die Fäden des groben Magiegeflechts Alkinoê, es dauert jedoch noch eine Weile, bis etwas passiert. Dann jedoch geht es sehr schnell, der Zauber bekommt ihren Geist zu fassen, der Fisch geht ins Netz, gewiszermaszen. Doch damit ist es nicht getan, denn ist der Fisch im Netz, endet die Arbeit des Fischers mitnichten, im Gegenteil, dann beginnt sie erst. Ist die Zeit zwischen Auswurf des Netzes und Hineingeraten des Fisches nur eine Zeit des Wartens und Beobachtens, so beginnt nun, da die Beute im Netz zappelt, der Kampf.

Dieser Fisch ist wahrlich nicht leicht zu fangen. Dieser Fisch will den Kampf mit dem Fischer, stark und ungezügelt, einem viele hundert Stein schweren Rochen gleich.

Ein Zittern geht durch den Körper des Mädchens, ein Beben, ja sie wirft sich geradezu hin und her. Doch Ulfrieds Hände bleiben an ihrem Platz, halten weiter das Netz, das Netz, das sich nun immer dichter zieht, das Netz, das nun fast zum Zerreiszen gespannt ist. Plötzlich ein Schrei, "Nein, nein, oh nein! Ich will nicht! Lasz mich," ist es ein letztes Aufbäumen der Meereskreatur, bevor starke Arme sie endgültig ins Boot ziehen oder wird die vermeintliche Beute das Netz nun doch noch zerreiszen? Wird der Fischer sich seines Fangs erfreuen können oder wird er mit leeren Hände und zerstörten Netzen heimkehren?

Schweiszperlen treten auf die Stirn des Heilers, sein Gesicht läuft rot an vor Anstrengung, verbiszen konzentriert er sich auf sein Netz. Noch einmal nimmt er all seine Kraft zusammen, zieht das Netz mit einem heftigen Ruck enger, hält es, ist der Fisch im Boot, reiszt es, ist alles verloren ...



Ole hat es unterdessen aufgegeben sich noch räumlich orientieren zu wollen. Inzwischen erscheinen ihm die Ausmaße der Suite auf der NORDSTERN weiter und ausgedehnter als das gesamte Meer der Sieben Winde. Und dennoch bleiben diese wenigen Schritte, die ihn von Alkinoes Lager trennen, schier unüberwindbar, auch wenn seine Arme scheinbar in die Ewigkeit greifen können.

Der Graue Riese ist gewiß kein Hochgelehrter und die Feinheiten arkaner Künste, sowie die Erkenntnisse der Sphairologia sind ihm wahrhaftig fremd, doch ist ihm eine sehr starke und tief gehende Spiritualität zu eigen, den Göttern zum Wohlgefallen. So war Ole schon sehr oft zum Ausgangs- oder gar Mittelpunkt sehr wundersamer Ereignisse geworden, deren Natur, auch lange danach, nur sehr annähernd hatten erklärt werden können. So kam es, daß Ole Vorgänge dieser Art, die in ihrem Ablauf als 'nicht erklärbar' einzuordnen gewesen waren, sie, schon seit langem, in ihrer ganzen Rätselhaftigkeit als natürlich ansieht und als gegeben hinnimmt.

So fühlte sich der Schiffszimmermann nur wenig erschrocken, als er für sich feststellen mußte, daß seine ausgestreckten Arme, obwohl 'diesseitig' noch erkennbar, derische Sphären bereits verlassen und Kontakt gefunden haben. Doch dieser Kontakt lastet schwer auf ihm.

Es ist ihm, als hätte sich am Ende aller Zeiten Licht zu einer greifbaren Materie verdichtet, die er nun in den Händen hält und um die er kämpft, daß sie ihm nicht mehr entgleite. Und über alle Schmerzen, die ihm dieser Kampf kostet, hinweg, spürt er plötzlich eine grenzenlose Erleichterung, Liebe und Vertrauen - Gefühle, die eindeutig von außen an ihn heran getragen werden, als innige Botschaft und flehendem Ansporn.

Doch einen Einblick in jene fremde, ferne Welt wollen ihm die Götter nicht gönnen, Ole bleibt blind, die schwere Last, die er trägt unerkannt. Allein das Gefühl und der Glaube bleiben ihm als Werkzeug zur Navigation und es ist, wie eine Fahrt bei dichtem Nebel durch unbekanntes und gefährliches Gewässer, auf der Suche nach einer Passage, von der man noch nicht einmal weiß, ob sie überhaupt existiert..

Nicht einen Augenblick zweifelt Ole daran, daß er 'die kleine Blume' in den Armen trägt und obgleich er sie nur als gleißend hellen Lichtschein erkennen kann, liebt er sie wie ein eigenes Kind. Und wie eine Löwin es tut, will er um dieses Kind kämpfen, schließlich war es die Leuin, die als Mutter seinen Herren SWAfnir auf die Welt brachte.

Um so stärker ist sein Entsetzen, als er spüren muß, daß es da offenbar eine Macht geben muß, die ihm den Kontakt zu Alkinoê streitig machen will. Er spürt, wie die Lichtlast in seinen Armen fortgezogen wird. Er spürt Fäden und Leinen an den Ober- und Unterarmen, die sich ihm feurig in die Haut brennen, als wäre er mit seinen Armen in einem feurigen Netz gefangen. Irgend etwas greift nach Alkinoê, versucht sie fort zu zerren, einem unbekannten Ziel entgegen.

DAS DARF NICHT SEIN!

"Ich werde dich nicht verlassen, kleine Blume !!!" brüllt der alte Schiffszimmermann und es ist schon erschrecken wie sehr er dabei mit den Zähnen knirscht während er dies verkündet. SO sehr nimmt ihn die Anstrengung mit, bei aller körperlichen und mentalen Kraft, für die der 'Graue Riese' ja bekannt ist ....



Für einen Moment hat Alkinoê das Gefühl, als lockerten sich die Bande etwas. Schon will sie atemholen zum erneuten Widerstand, da spürt sie einen Ruck, stärker und kräftiger als zuvor: Mit einer Macht, der sie nichts entgegenzusetzen hat umschlingen sie Seile des groben Netzes, den Tentakeln riesiger Meerestiere gleich.

Mit jeder Bewegung scheint sie sich nur fester in den Maschen zu verstricken, bis ihr kein Spielraum mehr geblieben ist. Da ist keine Zeit für Überlegungen und Gefühle, dies alles geht so rasend schnell, daß sie gar nicht überlegen kann was mit ihr geschieht, und so verharrt sie schließlich in regungsloser Panik.

Was jedoch nun folgt, will ihr schier den Atem rauben, ist so ungeheuerlich, daß alles bisherige daneben verblaßt, weggefegt wird, wie von einem Sturmwind. Ein gewaltiger Ruck reißt sie hinein in einen Strudel, der sie mit rasender Geschwindigkeit in unermeßliche Tiefen hinab saugt, vielleicht aber auch in schwindelnde Höhen empor schleudert. Ein Meer von Farben wirbelt um sie herum und dann...

...so plötzlich, wie der Strudel begonnen hat verebbt er wieder, die Welt dreht sich langsamer um schließlich zur Ruhe zu kommen. Auch die Bande des Netzes lösen sich auf, fallen ab, eine zentnerschwere Last die sie bislang bedrückte gleitet herunter und langsam, ganz langsam hebt sich der Schleier...



Doch die Ruhe war trügerisch:

Wieder zieht etwas an ihr, hält sie fest umklammert. Die Gefühle, die Alkinoê jetzt noch wahrnimmt, gleichen nicht mehr den intensiven Wellen von eben, sondern sind vielmehr ein schwacher Abglanz. Zwar spürt sie, daß irgend etwas sie in der Traumwelt zurückhält, sie ist jedoch schon viel zu weit aufgetaucht, als daß der emotionale Kontakt so klar und deutlich sein könnte.

Sie fühlt sich wie ein kleiner Zweig, der durch einem reißenden Strom vom Baum abgerissen und nun von den Elementarkräften der Wassermassen einmal nach oben, dann wieder nach unten geschleudert wird. Wie sollte ein solcher Zweig noch Einfluß auf sein Schicksal nehmen? Er ist vielmehr willenlos dem Spiel der Elemente ausgeliefert.

Das dies alles seinen Grund darin hat, das sozusagen von zwei Seiten an dem astralen Netz gezogen wird, in dem sie sich verfangen hat, kann sie unmöglich erraten.



Schlieszlich siegt die Neugier des jungen Adeptus. Zwar würde der ANALÜS weiter reichendere Erkenntnisse liefern, doch die Zeit ist dafür zu knapp bemeszen, so musz der ODEM fürs erste genügen. Schnell ist diese Formel gesprochen, schnell ist das Muster geknüpft, wie schon viele Male zuvor. Die Clarobservantia ermöglicht ihm das Sehen astraler Energie und so läszt er seinen neugewonnenen Blick durch die Suite der NORDSTERN schweifen. Da wäre zunächst das, ihm bereits bekannte, gleichmäszige Leuchten Alkinoês, doch das ist nicht alles. Auch vom Heiler geht ein schwaches astrales Glimmen aus, das sich gleichmäszig über den ganzen Körper des Mannes zieht. Die stärkste Quelle Astraler Energie ist jedoch der Kopf des Heilers, von dort zieht sich ein Strom über seine Arme und Hände in Alkinoês Kopf.

´Hmm, eine Controlaria? Aber was ...,´ der junge Magus kramt in seinem Gedächnis nach einer Formel, aus dem Canon der Magica Controlaria, auf die die Gestik des Heilers paszt, das fällt gar nicht so leicht, schlieszlich musz er noch seinen eigenen Zauber aufrecht halten.

´Nichts, was mir bekannt ist.´

Erst einen Moment später zieht er einen Schlusz aus der Nichdeutbarkeit des Zaubers und dem nur schwachen Energieniveau Ulfrieds:

´Sollte er etwa zu denjenigen gehören, die die Kraft haben und es selbst nicht wissen?´ stellt er mit einer Mischung aus Neugier und Entsetzen fest.

Doch er kommt nicht mehr dazu weiter darüber nachzudenken, denn etwas gänzlich unerwartetes geschieht: Irgend etwas, etwas, das selbst der Clarobservantia verborgen bleibt, aber allem Anschein nach von den Armen des Schiffszimmermannes ausgeht, greift nach dem Zauber des Heilers. Klar ist ein Strömen von Astralenergie, weg von Alkinoê, hin zu Ole Draggensson zu sehen.

´Bei Mada und HESinde, etwas geht schief!´ stellt er mit Entsetzen fest. Doch noch bevor er dazu kommt etwas zu unternehmen, ist es wohl auch schon nicht mehr nötig: Das gesamte arkane Gebilde um Ulfried und Alkinoê wir schlagartig schwächer, der Strom zu Ole versiegt dadurch ganz, dann wird das Leuchten allmählich wieder stärke, diesmal scheint alles in rechten Bahnen zu flieszen ...



Ulfried zerrt verbieszen an seinem Netz, etwas stimmt nicht, irgend etwas läuft verkehrt. So wie sich ein Fischernetz versehentlich am Meeresboden verhaken kann, so hängt auch das Astralnetz an irgend etwas fest. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren, vorsichtig, unter höchster Konzentration, läszt er das Netz ein klein wenig locker, nur soviel, dasz es sich aus der Verhakung lösen kann, nicht jedoch so weit, dasz der Fisch entkommen könnte. Zwar wird der Widerstand des Fanges wieder heftiger, da das Netz nun nicht mehr so stramm sitzt, doch noch hält das Geflecht Alkinoês Geist fest, verhindert das erneute Versinken in der Dunkelheit.

Langsam, ganz langsam beginnt er nun von neuem das Netz heranzuziehen, diesmal musz es klappen ...



Obwohl nun schon seit geraumer Zeit offensichtlich Anstrengungen arkaner Art unternommen werden, sind für den Druiden keinerlei erkennbare Fortschritte bei der Erweckung der jungen Patientin zu verzeichnen. Trübsinnig siniert er über weitere Möglichkeiten, wie dem Geschöpf zu helfen ist, doch auch sein Geist muß den Anstrengungen der letzten Stunden Tribut zollen und so kehren seine Überlegungen stets an ihren Ausgangspunkt zurück, der einen alles wie ein dunkles Tuch überspannenden Frage nach dem Warum. Und so verharrt er still in der Ecke des Raums, halb die Vorgänge beobachtend, halb grübelnd, voller Angst vor dem vielleicht Unabwendbaren.



Ole ist stark, sehr stark sogar, doch alle seine Kräfte sind fast nicht genug, um die Seele eines kleinen Mädchens zu tragen, schwer lastet das alles auf ihm, sehr schwer. Doch er weiß, er kann jetzt nicht nachlassen, das junge Leben eines Menschen hängst davon ab.

Um so entsetzter ist er, als ihm diese Last genommen wird, - was heißt genommen - sie wird ihm entrissen. NEIN - das darf nicht sein. Ole ist bereit alle Last zu tragen, er hat sein Wort gegeben und es war genährt aus den Tiefen seines Herzens.

Seinen Arme schmerzen, sind von schweren Verbrennungen gezeichnet. Dennoch läßt Ole nicht nach, keinen Fingerbreit möchte er gegen Tod nachlassen. Und das Leben dieses Mädchens bedeutet ihm viel. Doch diese MAcht, die sich ihm entgegen stellt ist auch stark, auch sehr stark. Ole hat nicht die geringste Ahnung, welche Macht sich da ihm entgegen stellt. Es muß ein Dämon sein, der ihm das Leben dieses jungen Mädchens entreißen will.

Ole holt tief Luft , seine Lungen sind zum Bersten gefüllt, alles, was an Kraft ihm verblieben ist, lenkt er auf den unbekannten Feind. Das Mädchen soll leben! Egal wer ihren Tod beschlossen hat, er soll in Ole einen entschlossenen Gegner finden.

Der alten Schiffszimmermann ignoriert alle Schmerzen, alle Schwächen, alle Müdigkeit und er gibt alles, was in den Zellen seines Körpers zu finden ist. ALLEIN - er kann nicht verhindert, daß ihm die Last der Seele immer mehr erleichtert wird. Er ist daran seinen Kampf zu verlieren.

Die Schmerzen um seine Arme lassen nach, die Macht, die ihn noch kurz zuvor fast in die Knie gezwungen hat, schwindet mehr und mehr. Er sollte glücklich sein, doch er ist es nicht!

Ole sinkt auf die Knie, die Arme nun nicht mehr voran gestreckt, sondern fast flehend zum Himmel erhoben und er weint.

"Alkinoê, verzeih mir, kleine Blume, ich habe versagt! Ich habe dich nicht halten können. Dein Leben gegen meines, das wäre gerecht!"

Doch die Fäden des Netzes entschwinden ins Nichts, Ole kann sie nicht halten. Der 'Graue Riese' wähnt den Kampf verloren und glaubt das junge Mädchen nun mehr im Reich der Vergessenheit gefangen. Er sinkt auf die Knie und weint bitterlich ............

"ALKINOÊ - wie konnte das passieren ......!"

Ole macht sich keine Gedanken darüber, wie er auf diesen Namen kommt. Wahrscheinlich hat er das Gefühl, so sein 'Kind' ansprechen zu müssen .......



Bevor jetzt Ulfried seine letzten Anstrengungen unternimmt, welche den zarten Körper erneut erschüttern, welche die blauen Schatten um Alkinoês Augenlider noch stärker erscheinen lassen, geschieht unbemerkt etwas anderes:

Eine letzte Gefühlswelle erreicht Alkinoê, aber nur ganz schwach, wie die Ausläufer von EFFerds Ozean, die beim Tidenhochstand auch die fernen Ufer eines Flusses bespülen. Aber es ist eine Welle der Trauer und Verzweiflung, und in ihrem Abglanz hinterläßt sie ein Gefühl der Wehmut.

Diese Wehmut teilt sich unwillkürlich Alkinoês Körper mit, so daß sich hinter den Augenlidern Feuchtigkeit sammelt. Als nun also, endlich, der Körper des Mädchens entspannt und ruhig ausgestreckt auf dem Lager liegt, als eine zarte Röte in das Gesicht zwischen Ulfrieds Händen steigt und nun auch allen Anderen deutlich wird, daß dessen Bemühungen Erfolg gehabt haben müssen, da dringt ein kleiner, salziger Tropfen, ein letzter Überrest jener großen Wellen, ein Gruß aus Efferds Ozean, hervor zwischen den bläulichen Lidern, hängt noch einen Moment an den schwarzen, leicht gebogenen Wimpern um dann, sanft und geräuschlos, eine glänzende Spur hinterlassend die Wange hinunter zu gleiten und in Radisars Kissen zu verschwinden.

Aber als sich jetzt zögernd und langsam die Augenlider heben, um ein Paar dunkle Augen freizugeben, ist von Tränen keine Spur mehr zu sehen, sondern der Blick ist groß und klar.



Einen Augenblick lang denkt der Druide, daß ihm seine Sinne einen Streich spielen, doch auch, nachdem er sich kurz schüttelt, die Augen des Mädchens sind zweifelsohne geöffnet. Sein Trübsinn verfliegt im Nu und macht einer Gefühlsmischung aus Glück und Zufriedenheit Platz. Vorsichtshalber dankt er in Gedanken den Göttern, denn wer weiß schon, welchen Anteil sie an dieser Erweckung tatsächlich gehabt haben.

"Ich denke, für uns gibt es einstweilen hier nichts mehr zu tun", spricht er leise zu Darian, "was haltet Ihr davon, wenn wir dem Städtchen hier einen Besuch abstatten. Ich denke, wir haben uns ein wenig Entspannung verdient, oder ?"

Er erinnert sich kurz an die Verabredung mit dem Schiffsmagus, beschließt aber, das morgen dazu sicherlich auch noch Zeit ist.



Was ist das alles aber auch aufregend. Radisar wagt nicht einmal zu zwinkern, aus der Furcht heraus, er könne irgend etwas verpassen, als würde gerade in dem winzigen Augenblick, da er die Augen geschlossen hätte, das phantastischste aller Wunder geschehen - und er hätte es dann verpaßt.

Auf den Schank genau unterbricht er das Einschenken des Tees, er hat das im Gefühl und er hat sich in der Menge noch nie geirrt. Doch in einem hat sich Radisar sehr wohl geirrt, nämlich in der Annahme, der Tee wäre in der Tasse gelandet.

Doch darauf achtet der kleine Diener nicht und so landet auch der letzte Tropfen nicht in dem wertvollen Porzellangefäß, sondern auf dem Boden der Kajüte, nachdem er Radisar's Schuhe durchdrungen und seine Socken gut befeuchtet hatte.

Noch immer im Bann der Ereignisse reicht Radisar die leere Tasse an die Freifrau weiter und ohne die Herrin anzublicken fragt er:

"Etwas Kandis?"



Die Schmerzen lassen nach, jedoch nicht das tief empfundene Unglück. Noch hat Ole in seiner übergroßen Trauer keinen Blick für seine Umgebung übrig, noch ist seiner Aufmerksamkeit entgangen, daß Alkinoês Seele in ihren Körper zurückgekehrt ist, noch glaubt er das Mädchen für immer in den ewigen Wogen der Nirgendmeers verloren.

Doch als er sehen kann, daß Alkinoê die Augen geöffnet hat und ihr Gesicht wieder eine gesunde, rosige Farbe bekommt, die endlich diese unheimliche Leichenblässe aus ihrem Anlitz verbannt, sinkt eine unendliche Erleichterung über den alten Schiffszimmermann, wie ein erfrischender Regen an einem glühend heißem Tag.

Wäre er nicht so ausgelaugt und erschöpft, würde er jetzt gerne singen und tanzen. Doch seine Beine tragen ihn gerade noch so gut, daß er laufen kann und seine Kehle ist so ausgedörrt, daß Ole allerhöchsten den heiseren Gesang eines Raben hätte anstimmen können.

Ole lächelt zufrieden, doch fühlt er sich müde. Ab und zu zuckt er zusammen, als hätte ihn plötzlicher Schmerz durchfahren. Dann streift sich Ole langsam und vorsichtig das leinerne Hemd ab.

Dann kann man es genau sehen. An seinen Oberarmen und auf seinem mächtigen Brustkorb sind entsetzliche Verbrennungen zu erkennen, schwarze Striemen, die sich wie ein glühendes Netz auf seinen Körper gelegt zu haben scheinen. Auch die Handinnenflächen des Schiffszimmermannes sind dunkel und blasig, als hätte Ole das Feuer eines Drachen mit bloßer Hand in dessen Nüstern zurück gedrückt.

Ole geht ein paar unsichere Schritte. Das Hemd fällt ihm aus den kraftlosen Fingern und mit letzter Kraft schleppt er sich zu einem Stuhl, auf dem er dann zusammensinkt. Der Stuhl biegt sich zwar, protestiert ächzend gegen die Schwere des Grauen Riesen, hält dann aber tapfer dessen Gewicht und ermöglicht ihm so eine labende Rast.

Ein letztes Mal hört Ole das Rauschen des überderischen Ozeans, dazu das Flattern riesiger Schwingen, das sich rasch entfernt. Nun ist sich Ole sicher, daß BORon keinen Anspruch mehr auf das Mädchen geltend machen wird und er lächelt befreit.

"Oh Herr SWAfnir - habe Dank für die Segnung deiner Kraft, die Mut gibt und den Rücken stärkt in jedem Kampf. Oh Mutter TRAvia - habe Dank für deine nimmermüde Liebe, die sanft umhüllt, was wir mit unseren Körpern zu schützen immer wieder ausziehen. Laß du uns nie die Liebe vergessen, damit wir lernen zwischen Kampf und Mord zu unterscheiden....."

Ole unterbricht sein Gebet, da ihm der Text wieder Bilder vom Oberdeck der ZYKLOPENAUGE ins Gedächtnis zwingt. Doch nicht lange läßt er sich aufhalten und er murmelt weiter:

"Herr PRAios - du Richter alles Derischen. Laß die Augen deiner Greife nach den Mordbuben suchen, die dies alles verschuldet haben, lasse sie in den Krallen der Gerechtigkeit vergehen ...!"



Frau Reckinde nimmt die Tasse, von Radisars Hand gereicht, mit Wohlwollen entgegen. Auch die Freifrau beobachtet fasziniert die mysteriösen Ereignisse, so daß auch sie zunächst nicht bemerkt, daß die Tasse leer ist.

Erst als sie die Tasse zu den Lippen hebt, um von ihrem Tee zu nippen, stellt sie fest, daß sich darin weniger Feuchtigkeit befindet als auf der Oberfläche der Gorischen Wüste. Entgeistert schaut sie Radisar an, als dieser auch noch fragt, ob sie Candis haben möchte.

"Das ist eine hervorragende Idee, mein Lieber, etwas Süße könnte dieser Tee schon vertragen!" meint sie mit sarkastischen Unterton.

"Um das Maß deiner Güte perfekt zu machen - wäre es möglich zu dieser Süße ... AUCH NOCH ETWAS TEE ZU BEKOMMEN ???"

Die letzten Wort waren mit erheblicher Schärfe ausgesprochen, gut geeignet jegliche Gemütlichkeit aus einem Raum zu vertreiben. Glücklicher Weise hat das keiner der Anwesenden so richtig mitbekommen, es wäre der Freifrau schon peinlich gewesen, hätte sie mit ihrer Schelte für Diener die Erhabenheit des Moments empfindlich gestört.



"Ich würde gerne noch ein paar Worte mit dem Heiler wechseln, danach können wir gerne in die Stadt gehen," antwortet der junge Magus dem Druiden. Sein Blick ist dabei noch immer auf Alkinoê und den Heiler gerichtet.



Der Zauber strengt Ulfried so sehr an, dasz er erst einige Augenblicke nach der Vollendung desselben bemerkt, dasz Alkinoê erwacht ist. Erst jetzt findet er die Kraft für weitere Worte:

"Willkommen auf der," er zögert einen kurzen Moment, ´Wie hiesz das Schiff noch mal? Achja,´ "NORDSTERN. Ihr seid in Sicherheit."

Mehr sagt er erstmal nicht, schlieszlich soll die kleine Patientin erst einmal richtig wach werden.



Sie befindet sich in einem Raum.

Einem sehr kleinen Raum, holzgetäfelt und relativ dunkel. Rund um sie herum stehen und sitzen eine ganze Reihe von Leuten: Sehr viele Leute für so einen kleinen Raum. Alkinoês Augen wandern von einem zum anderen, wobei ihr etwas höchst Beunruhigendes auffällt: Offensichtlich ist sie der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit dieser Menschen, denn alle blicken sie erwartungsvoll an. Dabei hat sie nicht die leiseste Ahnung, wo sie sich befinden könnte, wie sie hier her gekommen sein könnte, und was diese Leute von ihr erwarten. Sie kann sich nicht erinnern, auch nur einen von ihnen jemals gesehen zu haben.

Direkt an ihrem Bett sitzt ein Mann unbestimmbaren Alters, der einen sehr erschöpften Eindruck macht. Irritierenderweise hat er beide Hände an ihre Schläfen gelegt. Was will dieser Mann von ihr?!

Während sich die Menschen im Hintergrund halblaut über so etwas Normales wie Tee unterhalten, verhält sich ein riesiger, älterer Mann mit Vollbart und struppigem grauen Haar, der direkt hinter dem Heiler steht, entschieden seltsam: Er blickt sie mit großen Augen an, um daraufhin - warum nur?!! - sein Hemd auszuziehen, und das alles vor ihren Augen! Und nun beginnt er auch noch zu beten: War sie bisher eher befremdet, so ist sie nun geradezu bestürzt: Da ist doch von Praios, dem gestrengen Richter die Rede...

Verwirrt sucht sie nach einem Anhaltspunkt:

' Drôl? Nein, das ist nicht das Haus von Tante Szanta, auch keines der anderen Häuser, die sie kennt. Das ist überhaupt kein richtiges Haus. Aber es gab da doch etwas, irgend etwas Wichtiges, das sie unbedingt gewollt hatte...'

' Richtig! ' Ihr wird fast übel vor Erleichterung, daß es ihr wieder einfällt:

Sie wollte Merian nach Thorwal begleiten, und jetzt ist sie auf diesem Schiff. Zwar will ihr immer noch nicht einfallen, warum sie hier liegt, und alle Leute um sie herumstehen. Ob sie krank ist?

Da aber blickt der Mann an ihrem Bett auf, und spricht sie an. 'Willkommen auf der NORDSTERN? Was soll das nun wieder heißen? Sie ist sich eigentlich sicher, daß das Schiff anders hieß...Am besten sie fragt erst mal Merian'.

" Merian? Wo ist Merian? "



Alkinoê ist erwacht und wie fast zu erwarten, fragt sie als erstes nach Merian. Die Frage erinnert Ulfried zumindest daran, seine Hände vom Kopf des Mädchens zu nehmen, schlieszlich werden sie dort nicht mehr benötigt. Die Beantwortung fällt da schon schwerer, das Mädchen gleich mit der vollen Wahrheit zu konfrontieren wäre doch wenig angebracht.

"Merian ist ...," der Heiler zögert einen Moment, in dem er nach einem passenden Wort sucht, "... nicht hier," beendet er den Satz schlieszlich mehr schlecht als recht. "Aber Ihr seid hier in Sicherheit."



In Sicherheit. Sagte er das nicht gerade schon einmal? Alkinoê fühlt sich aber nicht sicher, im Gegenteil, sie wird immer unsicherer. Irgend etwas stimmt hier nicht. Sie hat das deutliche Gefühl, daß etwas Schreckliches passiert ist. Wie ein schlafendes Raubtier lauert in ihrem Inneren die Erinnerung an etwas Furchtbares, wartet nur darauf, geweckt zu werden. Forschend sucht ihr Blick in den Gesichtern der Umstehenden nach einem Hinweis, während sie versucht, sich aufzurichten.

Ein Schmerz zuckt durch ihren Arm und unterbricht für einen Moment ihre Gedankengänge.

" Au! " Entfährt es ihr unwillkürlich, während sie verwirrt auf ihren bandagierten Arm starrt. Dabei entdeckt sie auch, daß ihr Kleid zerrissen und blutverschmiert ist, und ihre Augen weiten sich entsetzt.



Wenn die Stimme der Herrin diesen lauernden Unterton hat, der zwar zunächst freundlich klingen mag, dann aber immer mehr gereizten Ärger offenbart, der wiederum einen Wutanfall ankündigen will, der den Folgen eines Weltunterganges ziemlich nahe kommen könnte, dann läßt sich Radisar von Herzen gerne wieder in die Realität zurückholen und sei das 'Luftschloß' in dem er es sich träumerisch eingenistet hat noch so reizvoll darin zu verweilen.

Selbst ein Rudel hungriger Wölfe, die sich, die Lefzen schlecken, um seine Wade gruppieren würden, um ordentlich Mahlzeit zu halten, könnten dann Radisar nicht abhalten, sich um die Kenntnis der aktuellen Wünsche seiner Herrin zu bemühen.

Es mag sein, daß das Gleichgewicht dieser Welt nicht unbedingt von einer gefüllten, oder eben nicht gefüllten Teetasse abhängen muß, Radisar weiß, daß seine Welt in der näheren Zukunft erheblich besser aussehen könnte, wenn er schleunigst Tee in die leere Tasse der Freifrau bringen könnte.

Also tut er, wie ihm geheißen und diesmal bleibt auch alles trocken, sieht man davon ab, daß der eine Fuß Radisars recht viel mehr nicht mehr hätte befeuchtet werden können. Sowie er das Verlangen der Freifrau befriedigt hat, schenkt er eine weitere Tasse nach, um nun auch den Heiler zu bedienen, der ja nun seine Werk vollendet hat und den es nun nach einer guten Tasse Tee verlangen könnte.



Frau Reckinde nimmt ihre Tasse nun entgegen, murmelt leise und mürrisch vor sich hin. Es könnte ein knapper und wohl kaum sehr ernst gemeinter Dank an ihren Diener gewesen sein. Frau Reckinde kann manchmal sehr nachtragend sein.

Allerdings hat die Freifrau einen sehr ausgeprägten Sinn für Sachlichkeit und Gerechtigkeit. Ihre Welt hat eine einfachen Ordnung, die Dinge, in ihrer Art und Beschaffenheit sehr genau definiert, stehen in unmittelbarer Wechselwirkung zueinander, dessen ist sie vollends überzeugt und dies ist eigentlich auch das Geheimnis ihres Erfolgs. So hat alles auf dieser Welt ein Masse, eine Ausdehnung, einen Hintergund und, nicht zuletzt, einen Anfang und einen Schluß.

Es erfreut die Freifrau, daß die Vorgänge um diese jungen Dame, die schon dem Tod geweiht schien, durch schicksalhafte Fügung, ihr nun dennoch einen neuen Anfang beschert haben, einer Wiedergeburt nicht unähnlich. Doch kann sie es kaum mit ihrer Vorstellung weltlicher Ordnung auf eine Reihe bringen, daß der Akt der Heilung nun schon zu Ende sein soll, da Körper und Seele zwar vereint scheinen, das Übel selbst aber noch am Wirken ist.

Der ältere Herr, vom äußeren her womöglich ein Druide, verabredet sich schon mit dem jungen Magus auf einen Umtrunk und der Herr Darian sieht, auf diese Anfrage hin, kaum einen Aspekt, der von einem baldigen Aufenthalt in einer Taverne der Stadt aufhalten könnte.

Und da steht Herr Draggensson, völlig unbeachtet in einer dunklen Ecke des Raumes, sein Körper ist verunstaltete von entsetzlichen Wunden, die alle frisch erscheinen und nach dringender, sofortiger Hilfe schreien und alle heilkundigen Personen, die sich hier in diesem Raum befinden, scheinen davon völlig unbeeindruckt davon zu sein.

Frau Reckinde hatte den Schutz und die Wahrung der Gerechtigkeit noch nie als heiliges Ziel auf ihr Banner geschrieben gehabt, doch das wird ihr nun doch zuviel. Sie springt auf und schreit:

"ALLES MANNSVOLK HINAUS!!!! Das ist ja nicht mehr auszuhalten. Ihr steht nur herum und gafft auf einen Erfolg, den euch die Götter in den Schoß gelegt haben, fühlt euch womöglich noch gut und edel dabei und überseht im gleichen Augenblick völlig, daß eure Arbeit noch nicht abgeschlossen ist!"

Reckinde deutet auf den Schiffszimmermann.

"Sehr ihr nicht, daß dieser Mann Hilfe braucht?"

Frau Reckinde blickt sich wütend um und fügt dann an:

" ...oder wollt ihr es nicht sehen, in eurer eitlen Selbstzufriedenheit?"

Die Freifrau schnaubt wie ein Walroß auf der Flucht. Doch beruhigt sie sich rasch, als sie an das Lager des junge Mädchens heran tritt und sie mit freundlicher Stimme fragt:

"Ist euer Name wirklich Alkinoê? Mein Name ist Reckinde von Beibach und Bruch. Ihr befindet euch in meinen Gemächern auf der Karavelle NORDSTERN und ihr seid meine Gast, wenn ihr das wollt. Es wird vieles zu besprechen sein, denn vieles ist geschehen. Doch das wichtigste wird sein, daß ihr wieder zu Kräften kommt. Das wird sehr wichtig für euch werden!"

Reckinde tritt an das Lager heran und lächelt das Mädchen an.

"Ihr sollte nun essen und trinken, euer Körper wird es euch danken!"

Die Freifrau dreht sich zu dem Druiden und dem Magus um und sie verliert ihr Lächeln dabei.

"Es wird wohl nichts dagegen sprechen, wenn ihr diesem Kind zunächst einmal etwas zur leiblichen Stärkung bringen könntet, bevor ihr euch selbst aufmacht, um euch selbst für eure guten Taten köstlich zu entlohnen, in irgendeiner Taverne der Stadt .... - ODER?"



Der Anblick ihrer zerrissenen und blutverkrusteten Kleidung ist in mehrfacher Hinsicht ein Schock für Alkinoê: Zum einen ist dies der deutliche Beweis, daß etwas Schreckliches mit ihr geschehen ist, etwas, an das sie sich anscheinend nicht erinnern kann. Zum anderen ist wird sie sich mehr und mehr der Anwesenheit fremder Menschen, noch dazu Männer bewußt, welche sie in einem solch schrecklichem und unwürdigen Zustand betrachten können. Vor allem aber weckt der Anblick des Blutes die Erinnerung an etwas Furchtbares: Irgend etwas ist geschehen, was mit diesem Blut in Zusammenhang steht, und langsam dämmert ein furchtbares Bild in ihr empor...

Da werden jedoch abermals auf wohltuende Weise ihre Gedanken unterbrochen und die aufsteigende Panik zurückgedrängt:

Eine offensichtlich vornehme Dame, deren Anwesenheit ihr bislang nicht aufgefallen war, erhebt sich, und beginnt, offensichtlich sehr ungehalten, mit den Umstehenden zu sprechen. Bevor Alkinoê jedoch realisiert hat, worum es sich bei diesem Gespräch handelt, ist die Dame auch schon zu ihr herangetreten und hat sie angesprochen.

Der befehlsgewohnte Ton der Dame holt ihre Gedanken weg von den Erinnerungen, hin in die Gegenwart, und hilft ihr, vernünftig zu denken. Offensichtlich handelt es sich bei den Personen im Raum um eine Dame gehobenen Standes und ihre Untergebenen. Diese Dame bietet ihr ihre Gastfreundschaft an: Anscheinend befindet sie sich bereits in deren Räumen. Dies spricht etwas an bei Alkinoê, was sie von klein auf gelernt hat: Sich wohlerzogen und höflich zu benehmen.

So bemüht sie sich um ein Lächeln:

"Ich danke euch herzlich für die angebotene Gastfreundschaft. Es wird mir eine Ehre sein, sie anzunehmen, aber bitte, keine weiteren Umstände: Ich habe euch gewiß schon genug Ungelegenheiten bereitet und muß mich vielmals dafür entschuldigen.Über meinen Namen hat man euch allerdings recht unterrichtet: Ich bin Alkinoê Shilaiellys von Articona bei Drôl".

Den letzten Zusatz fügt sie aus alter Gewohnheit an. Daran, daß sie darauf eigentlich kein Recht mehr hat, denkt sie in diesem Moment nicht.



Die Freifrau nickt.

"Aber ich bitte Euch - das sind doch keine Umstände. Seid mit im Herzen willkommen Alkinoê Shilaiellys, laßt und Schutz und Wärme teilen!"

Mit diesen Worten verbeugt sich Frau Reckinde leicht.

"Doch wollen wir zunächst sehen, daß ihr euch wieder frisch und hübsch machen könnt. Ich kann euch warmes Wasser und eine Reihe guter Öle anbieten, nicht so eine Badewanne, auf diesen Luxus werden wir wohl noch etwas verzichten müssen. Zudem würdet ihr mir eine große Freude bereiten, wenn ihr ein Kleid von mir annehmen würdet, ich bin mir sicher, daß wir in meinem Fundus ein passendes finden werden, das euch sehr wahrscheinlich mehr zieren wird als mich!"

Dann dreht sich Reckinde langsam um, richtete ihren Blick auf die anwesenden Männer und erklärt dann:

"Doch werden wir wohl auch noch warten müssen, bis sich die Herren zurück gezogen haben werden!"

Zum Heiler sagt Reckinde:

"Berechnen sie ihre Forderungen zu meinen Lasten und rechnen sie diese mit meinem Adlatus ab. Er wird die Verbindlichkeiten ausgleichen. Doch ..... rechnet großzügig, aber nicht gierig! Haben wir uns verstanden?"



Zur Zeit ist Alkinoê beinahe überfordert von all den Dingen, die auf sie einstürmen. Zum einen verlangt es die Höflichkeit, auf die Rede der gütigen und selbstlosen Edelfrau zu antworten. Fast ist sie erschrocken über das Ausmaß an Hilfsbereitschaft, welches ihr hier wie selbstverständlich entgegengebracht wird. Zum anderen jedoch kreisen ihre Gedanken unablässig darum, was geschehen sein könnte.

Vieles kann sie sich nun selbst zusammenreimen: Das sie nicht mehr auf dem Schiff ist, welches sie in Rethis bestiegen hatte, hat man ihr gesagt. Und sie selbst war offensichtlich verletzt, oder ist es noch, wie ihr der Blick auf ihren Arm bestätigt. Das Schlimmste ist, daß ganz offensichtlich auch Merian von dem Unglück betroffen ist, denn sonst wäre sie ja da, oder man hätte ihr zumindest etwas über sie gesagt.

Alkinoês Magen krampft sich vor Angst zusammen, als eine düstere Ahnung in ihr hochsteigt und mehr und mehr zur Gewißheit wird.

" All dies von euch anzunehmen hieße nun gewißlich euren Edelmut mißbrauchen, ich sehe ja: Ich stehe ohnehin schon mehr in eurer Schuld, als ich euch jemals entgelten könnte..."

hier kommt sie ins Stocken, fährt dann aber fort, wobei sie Reckinde mit flehendem Blick ansieht:

"... aber, euer Hochwohlgeboren, wenn ihr die Güte haben wollt: Bitte! Ich MUß wissen, was mit meiner Schwester geschehen ist. Sie ist tot, nicht war? Bitte, sagt mir die Wahrheit. "

Im Grunde ihres Herzens lebt ein kleines Fünkchen Hoffnung, daß man ihr jetzt widersprechen würde...



Da der Adeptus noch immer Alkinoê und den Heiler beobachtet, bemerkt er gar nicht, dasz Ole von schweren Verbrennungen gezeichnet auf einen Stuhl niedersinkt. Als Reckinde dann lautstark sein Verschwinden fordert, wirft er ihr einen Blick zu, der etwa soviel heiszt wie:

´Ihr, die ihr nicht gerade im Übermasz von HESindes Gaben profitiert habt, solltet Eure Zunge etwas mehr im Zaume halten.´

Für einen kurzen Moment zieht er gar in Erwägung, die Walwütige mit einem PARALÜ zur Vernunft zu bringen unterläszt es dann aber doch. Es würde nur Ärger einbringen und wäre zudem einfach verschwendete Kraft. Als dann auch noch der Heiler wortlos an ihm vorbei stapft und die Suite verläszt, ist klar, das seines Verweilens hier nicht länger ist.

"Könnt Ihr gehen? Es ware wohl besser, wenn wir meine Kabine aufsuchen würden, unsere Anwesenheit ist hier nicht mehr erwünscht," fragt er Ole Draggensson.



Der Heiler bleibt zunächst in der knienden Position am Lager des Mädchens, schlieszlich ist seine Aufgabe noch nicht erfüllt, solange die junge Dame noch immer orientierungslos ist. Als die Freifrau dann jedoch, nach ihrem lautstarken Wutanfall, gegen alles "Mannsvolk" womit wohl auch er gemeint war, auch noch meint ihm Wucher vorwerfen zu müszen, ist es zuviel.

Tief einatmend reichtet er sich zu seiner vollen Grosze von immerhin gut neun Spann auf. Das reicht zwar nicht um die Freifrau zu überragen, aber doch um ihr geradewegs in die Augen zu sehen.

"Danke, doch man sicherte mir bereits zu, meine Rechnung aus der Schiffskasse zu begleichen. Ich benötige Eure Almosen nicht. Sorgt Ihr lieber dafür, daß die junge Dame hier noch zumindest bis Morgen Bettruhe hält, damit sich die Erschütterung ihres Kopfes beruhigen kann."

Zwar ist Ulfried weder besonders kräftig, er wirkt sogar eher etwas schwächlich, noch hat er einen praiosgegebenen Titel oder ist sonst in irgendeiner gehobenen Position, aber dennoch schafft er es seine Stimme zu gebrauchen, wie ein Wehrheimer Offizier: Scharf, schneidend und keinerlei Widerspruch duldend.

In gleichem Tonfall fährt er fort:

"Da die Patientin erwacht ist, ist meine Aufgabe hier beendet, schönen Tag noch."

Ohne eine Antwort der Freifrau abzuwarten oder auch nur irgend jemanden weiter zu beachten, verläszt er schnurstracks die Suite. Er schaut sich zur Orientierung einmal kurz um und begibt sich dann zum Brückendeck, um mit dem Kapitän seine Bezahlung auszuhandeln.



Frau Reckinde hat den Heiler im Grunde genommen schon vergessen ab dem Zeitpunkt, da sie ihre Rede an ihn beendet hatte. Also achtet sie auch nicht sehr darauf, daß er sich nunmehr empört und verärgert zurückzieht. Zwar stellt sich der Heiler der Freifrau trotzig in den Weg, um ihr ordentlich die Meinung zu sagen, doch nimmt sie dies nun am Rande wahr, es interessiert sie einfach nicht.

Als der Heiler dann endlich das Weite gesucht hatte, nähert sich Frau Reckinde dem Lager Alkinoês, setzt sich an den Rand der Koje, ergreift die bleiche Hand des Mädchen, um sie festzuhalten und zu streicheln. Dann spricht sie mit weicher Stimme, milde und einfühlsam in einer Weise, die allen, welche die Freifrau kennen, absolut fremd erscheinen muß:

"Dankt mir nicht, junge Dame! Nicht bevor ich euch wirklich und wahrhaftig habe helfen können, eben jene Hilfe, die euch stärken kann, sich der Wahrheit zu stellen. Und die Wahrheit wird auch alles, was ihr Tapferkeit zu leisten vermögt abverlangen."

Die Freifrau unterbricht ihre Rede und seufzt tief. Und als sie fortfährt, klingt ihre Stimme nun kratzig und rauh, da sich Trauer und Besorgnis wie eine hemmende Fessel um ihre Kehle legen.

"Wie gerne würde ich euch sagen, daß alles in Ordnung wäre, doch ich fürchte, obwohl ich keine genauen Kenntnis über Vorgänge habe, die euch letztlich zu mir brachten, daß wir davon ausgehen müssen, daß Merian nicht mehr unter uns weilt. Ihr, mein Fräulein, und ein junger Mann, wie man hört, seid das letzte Leben, daß auf einem Schiff des Todes geborgen werden konnte!"



Ole blickt müde auf und in seinen Augen glänzt eine fiebriger Schimmer. Stumm nicht er Herrn Darian zu, doch rührt er sich nicht sonst, bleibt still sitzen, als habe er die Botschaft des junge Magus zwar gehört, abe nicht verstanden.

Der alte Schiffszimmermann schaut auf seine verbrannten Handflächen, dann wieder auf Darian, danach wieder auf seine Wunden. Ole atmet ruhig und tief, eine Tatsache, die befremden muß, denn bei der Vielzahl seiner schweren Verbrennungen sollte er eigentlich arge Schmerzen haben.

"Was ist da nur passiert, Herr Darian?" fragt Ole verwirrt.

Dann erhebt er sich doch noch, langsam zwar, doch sicher, ein deutliches Zeugnis dafür, daß Ole gehen und stehen kann, trotz seiner Verwundungen, obwohl ihm eine bedeutendere Schwäche gut anzusehen ist.

Der Schiffszimmermann wankt zur Tür.

"Erhole dich gut, kleine Blume, komm wieder zu Kräften!" sagt er noch zu Aklinoê und will dann weitergehen, doch hält er noch einmal ein, dreht sich um und dann wirkt es so, als wolle er noch etwas sagen, wichtige Worte, die auszusprechen ihm bedeutend wären, die er dann aber, aus unbekannter Ursache heraus, doch nicht über die Lippen bringt.

Ole schaut traurig zu Boden und wendet sich dann schweigend ab, schleicht weiter hin zum Ausgang .......



Radisar hat also die zweite Teetasse mit Erfolg und ohne, daraus resultierenden Schäden gefüllt. Die Tasse klappert ein bißchen, doch schafft es Radisar den Tee ohne zu einen einzigen Tropfen zu verschütten zu dem Heiler zu bringen.

Gerade zu diesem Zeitpunkt springt der Heiler auf, rennt an Radisar und seinem Tee vorbei, liefert sich mit der Herrin ein kurzes Wortgefecht und verschwindet aus der Suite, ohne sich noch ein einziges mal umzudrehen. Der kleine dicke Diener steht nun da, verwirrt und verdutzt, allein und einsam wie ein Fisch in der Wüste.

Nun, da es offensichtlich ist, daß der Heiler keinen Tee mehr wünscht, denkt sich Radisar, es wäre vielleicht kein schlechter Plan, diese Tasse zu dem kranken Mädchen zu geben, es würde ihr sich gut tun.

Schon macht er ein paar Schritte auf das Lager Alkinoês zu, da rauscht schon die Herrin heran und drängt ihn zur Seite. Dann setzt sie sich an den Rand des 'Betts' und spricht mit dem Mädchen. Da würde er nun wohl nur noch stören, denkt sich Radisar und orientiert sich anders.

Der Schiffszimmermann sieht auch sehr mitgenommen aus, der könnte unter Umständen auch einen Tee gebrauchen. Also wendet sich Radisar nun zu Ole, hat ihn aber noch nicht ganz erreicht, da erhebt sich der Hüne von seinem Stuhl und schleppt sich zur Türe und abermals stehen Radisar und seine Tasse verlassen da.

Ratlos schaut der kleine Diener auf seinen Tee. Dann entdeckt er den Magus Darian und sein Gesicht hellt sich auf. Schnell springt er auf Darian zu hält ihm die Tasse hin und fragt:

"Tee?"



"Ihr wiszt nicht was passiert ist?" fragt der Adeptus den Schiffszimmermann ungläubig. "Nun, ich werde versuchen es Euch zu erklären, auch wenn ich es selbst nicht genau weisz. Doch zuerst laszt uns meine Kabine aufsuchen, damit ich Eure Wunden versorgen kann."

Darian versucht den schwankenden Riesen zu stützen, was aufgrund der Tatsache, dasz Ole ihn gut um Haupteslänge überragt und überdies etliche Stein schwerer ist, einigermaszen lächerlich aussieht. Reckinde beachtet der junge Magier nicht weiter, als das ungleiche Paar die Suite verläszt, die Tatsache, dasz Alkinoê in der jähzornigen Freifrau ihre Retterin sieht, entgeht ihm daher.



Daß sich der Medicus erhebt und nach einigen harschen Worten ungehalten den Raum verläßt, bemerkt Alkinoê nur ganz am Rande. Viel zu stark ist sie von ihren eigenen düsteren Ahnungen und dem verzweifelten Bemühen, sich zu erinnern in Anspruch genommen.

Wenn sie sich doch nur erinnern könnte! Schiffbruch? Unwetter? In ihrer Erinnerung ist alles, was die jüngste Vergangenheit betrifft wie von einem Nebel umhüllt. Einzelne Bilder zucken ganz kurz durch ihren Sinn aber sobald sie versucht, sie mit dem Verstand zu begreifen und festzuhalten, haben sie sich wieder verflüchtigt. Je intensiver sie nachdenkt, um so eher scheinen sie sich ihrem Zugriff zu entziehen, einem Alptraum gleich, an den zu erinnern man sich am nächsten Morgen vergeblich bemüht.

Als nun die Freifrau erneut zu sprechen beginnt, wird Alkinoês Hoffnung immer geringer. Wie erstarrt liegt sie da und wartet auf den Schlag, der jetzt unabwendbar kommen muß. Doch je länger die Freifrau spricht, um so größer wird die Hoffnung wieder: Solange man nicht sicher weiß, daß Merian tot ist, ist ja noch nicht alles verloren. Daß bislang nur sie, Alkinoê, und ein Mann gerettet wurden, ist für sie noch kein Beweis, daß nicht, durch ein Wunder auch die Schwester noch am Leben sein könnte.

" Schiff des Todes? Verzeiht, aber... vielleicht könnt Ihr mir sagen, was geschehen ist... ich kann mich nicht genau erinnern... oh.."

Ein Versuch, sich aufzurichten, wird sofort durch eine Welle des Schwindels und der Übelkeit zunichte gemacht, welche sie zwingt, sich auf das Lager zurücksinken zu lassen.



In ihrem Bemühen, sich zu erinnern und der Angst um Merian richtet Alkinoê ihre Aufmerksamkeit tatsächlich ganz auf Reckinde, die sie für ihre Retterin hält.

Dabei bemerkt sie nicht, daß sich im Hintergrund zwei Männer anschicken, den Raum zu verlassen, denen sie großen Dank schuldig ist. Auch Oles Worte, mit dem sie doch noch vor wenigen Augenblicken auf so einmalige Weise verbunden war und dem sie unwissentlich solchen Schaden zufügte, nimmt sie nur mit halbem Ohr war, als seien sie nur ein beliebiger, daher gesagter Genesungswunsch. Mit ihren Erinnerungen an die Tragödie scheint auch alles andere vergessen zu sein...



Nach anfänglichem Entsetzen über das Verhalten dieser Frau überkommt Fargus das Gefühl, zum Wohle des Mädchens langsam etwas unternehmen zu müssen.

'Da brat mir doch einer einen Storch, dieses Weibsbild ist doch tatsächlich im Stande, dieses Mädchen wieder in die Ohnmacht zu treiben. Dummerweise hält das Mädchen sie wohl auch noch für ihre Retterin. Ich glaube, es bleibt mir nichts anderes übrig...'.

Zu der Freifrau gerichtet spricht er :

"Meine Dame, in der Tat ist es an der Zeit, daß dem Mädchen Ruhe gegönnt wird."

Er macht eine kurze Pause und spricht nur in Gedanken weiter :

'Wie auch denen, die tatsächlich an der Rettung des Mädchens Ihren Anteil hatten, eine Zeit der Entspannung zustehen sollte'.

Dann fährt er fort, nachdem er zwei kleine Fläschchen aus seinem Umhang hervorgeholt hat:

"Dies ist ein Heiltrunk, gebt der jungen Dame davon die Hälfte vor dem Schlafe, die andre Hälfte, nachdem sie wieder erwacht ist."

Er reicht ihr das erste Fläschchen, einen kurzen besorgten Blick auf das Mädchen werfend.



" Nein! "

Voller Entschlossenheit richtet sich Alkinoê auf, verbissen die Übelkeit unterdrückend, und blickt voll Mißtrauen auf das Fläschchen.

" Bitte, nicht schon wieder schlafen! Verehrte, liebe Dame, "

- wendet sie sich mit flehendem Ausdruck an Reckinde, -

" ich muß erst wissen, was los ist. Diese quälende Ungewißheit..."

Dabei drückt sie ängstlich die Hand, die Reckinde ihr gereicht hat.



Da die Situation langsam aussichtslos zu werden scheint, versucht Fargus zu retten, was zu retten ist.

"Ihr müßt aber ein wenig schlafen, helfen, helfen könnt Ihr Eurer Schwester nicht. Wenn Sie noch auf dem Schiff ist, so ist sie nun an einem weit friedlicherem Ort fernab jeglicher derischer Grausamkeiten, doch ist sie nicht dort, so ist sie vermutlich irgendwo auf dem weiten Meer. Also schlaft Euch gesund, daß Ihr Euch bald auf die Suche machen könnt."



Die Freifrau blickt ein paar Male zwischen dem Mädchen und dem Druiden hin und her. Sie fühlt sich sichtlich unwohl, wahrscheinlich deshalb, da, in der Tat, 'zwei Herzen' in ihrer Brust schlagen, wie man im Volksmund so schön sagt.

Sie versteht zwar schon die Besorgnis des Druiden, daß, allzu viel der Wahrheit offenbart, dem Mädchen schaden könnte, auf der anderen Seite kann sie aber auch gut nachfühlen, daß Alkinoê nun endlich Klarheit haben will und auch wahrhaftig bräuchte, wenn keine häßlichen Narben an ihrer jungen Seele zurückbleiben sollen.

Reckinde seufzt. Dann sagt sie zu Alkinoê:

"Ihr müßt nicht schlafen, wenn ihr nicht schlafen wollt, mein Kind, doch sollte ihr beherzigen, daß es hier alle gut mit euch meinen und Schlaf bestimmt ein guter Rat wäre. Ich verstehe eueren Drang nach Aufklärung, doch bitte ich euch, im Gegenzug auch zu verstehen, daß ich euch nur Fragmente der Wahrheit bieten kann. Ohne Zweifel werdet ihr schon bemerkt haben, daß ihr euch nun auf einem anderen Schiff befindet, als auf dem, da ihr euere Reise begonnen habt. Aber, ebenso ohne Zweifel, habe ich bemerkt, daß euch euere Erinnerung an die Ereignisse auf euerem Schiff im Stich läßt. In manchen Fällen ist das Vergessen ein Segen und ich fage mich, ob ihr schon stark genug seid, euere jüngste Vergangenheit zu ergründen, um so mehr, als es mit Schmerz und Leid verbunden ist, mehr als ihr vielleicht momentan tragen könnt.

Was genau auf euerem Schiff geschehen ist müßt ihr die wackeren Männer fragen, die euch hierher brachten. Was sie mit eigenen Augen sahen, könnte ich euch, nicht einmal halb so wahrhaftig, nur aus der Quelle des allgemeinen Geredes erzählen. Doch seid gewiß, es wird euch nicht gefallen, was ihr hören werdet.

Nein, ihr müßt nicht schlafen, denn es lösen sich die Probleme nur sehr selten im Schlaf - ihr müßt leben, ihr müßt tapfer sein und kämpfen, denn das Schicksal hat euch zwar verschont, doch nicht verwöhnt! Es wird nicht einfach für euch werden, das ist sicher, dennoch sei euer Wunsch der unsere! Und wenn es euch nach der Wahrheit verlangt, dann sollt ihr sie erfahren, so bitter sie auch sein mag. Doch gestattet mir euch zu helfen, erst einmal zu Kräften zu kommen. Alles weitere wird sich ergeben!"

Frau Reckinde nimmt die Heilmittel des Druiden an sich, nickt dem alten Mann zu, eine Geste ernsten, aber ehrlichen Danks.

"Mögen euch die Götter segnen, für das, was ihr getan und geleistet habt!"



Radisar kratzt sich unschlüssig am Hinterkopf. Es scheint eine vom Schicksal selbst beschlossene Sache zu sein, daß er heut niemanden mit seinem Tee erfreuen könnte. Auch der junge Zauberer hat sein Angebot schnöde ignoriert und langsam steigt ein gewisser Unwille in dem kleinen Diener auf.

Jawohl, man mag es nicht glauben - Radisar ärgert sich !! Doch gibt es ein gutes Mittel gegen ungesunden Ärger, nämlich Tee! Und so beschließt Radisar, von jedermann unbeobachtet, in seiner Ecke zu bleiben, um, mit allem ihm gebotenen Genuß, eben jene Tasse Tee zu schlürfen, die sonst niemand haben wollte.

Das haben sie nun davon - jawohl!



Während Alkinoê der Rede Reckindes lauscht, sinkt mehr und mehr die Hoffnung, Merian noch lebend zu treffen. Aber sich darüber klar werden, was das für sie bedeutet, das kann sie jetzt noch nicht. Nicht, bevor sie nicht weiß, was passiert ist, bevor sie sich nicht sicher sein kann. Sie fühlt sich innerlich wie betäubt.

' Sie ist tot, aber sie wollen es mir nicht sagen, weil sie mich schonen wollen. Offenbar halten mich alle für zu krank oder schwach. Wer weiß, wie lange ich hier schon liege. Vielleicht schon wochenlang? Warum, warum kann ich mich nur nicht erinnern? '

Mühsam durchforscht sie ihre Erinnerungen. Die Tage auf dem Schiff waren so gleichförmig. Das Letzte, was ihr einfällt, ist der Abend, an dem sie sich mit diesem blonden Mädchen aus Thorwal unterhalten hatte... Nein, nein, da war ja noch der nächste Morgen, das Frühstück in der Messe, und dann, oben an Deck hat sie das Mädchen noch mal getroffen. Gegen Mittag waren sie und Merian dann zum Ruhen in die Kabine gegangen. Und dann, dann...

Aber in dem Moment hat die Freifrau ihre Rede beendet. Die Quintessenz, die Alkinoê all dem entnimmt, ist, daß sie nicht zwangsweise zum Schlafen gebracht werden soll, daß man ihr die Wahrheit jedoch erst dann sagen wird, wenn sie zu Kräften gekommen sein wird. ' Oder ich erinnere mich...' Ob wohl dieser merkwürdige Herr mit dem Fläschchen einer dieser Männer ist, welche bescheid wissen?

Auf jeden Fall hat sie das sichere Gefühl, daß sie jetzt keine Schwäche zeigen darf. So stützt sie sich mit ihrer gesunden Hand an der Koje ab und setzt sich gerade hin. Sie versucht dabei, sich Schwindel und Übelkeit nicht anmerken zu lassen. Zum Glück ist es nicht möglich, einen spontanen Aufsteh-Versuch zu unternehmen, weil Reckinde noch auf dem Bettrand sitzt.

" Danke, es geht mir schon viel besser. Ich denke, ich kann jetzt aufstehen. Ich fühle mich schon ganz kräftig. Wirklich! " beteuert sie.



Eigentlich befindet sich in der zweiten Flasche ein gewöhnlicher Schlaftrunk, doch angesichts der mißlichen Situation entschließt sich Fargus, die Beschreibung der Wirkung dieser Flüssigkeit etwas abzuwandeln.

"Ich war auf Eurem Schiff" führt der Druide aus" und wir fanden einige, die bereits aufgebrochen waren von Dere, doch dann fanden wir Euch und unsere Herzen triumphierten. Ob bei denen Eure Schwester dabei war, kann ich nicht sagen, doch könnt ihr das selbst herausfinden. Dabei hilft Euch der Erinnerungstrank, der sich in der zweiten Flasche befindet. Allerdings muß ich gestehen, solltet Ihr die Ereignisse nicht im wachen Zustand miterlebt haben, so kann Euch auch dieser Trank nicht weiterhelfen und ihr müßt Euch selbst auf die Suche machen. Ich denke, Ihr seid bei der Dame einstweilen in guten Händen, aber denkt bitte daran Euch zu schonen."

Zu Frau Reckinde gewandt fügt er an :

"Die Dosierung jenes Trunks ist eine etwas andere. Nehmt jeweils einen dritten Teil der Flüssigkeit, um ein Stück des Schleiers der Vergessenheit zu lüften."

Er paßt einen Augenblick ab, in dem das Mädchen seinen Blick von ihm abwendet und zwinkert dann der Dame zu. "Denkt daran, nicht zu viel auf einmal davon zu nehmen, denn die Wahrheit ist nicht immer leicht zu verkraften. Solltet Ihr keine Fragen mehr haben, so werde ich Euch jetzt alleine lassen."



NORDSTERN - Unterdeck: Der Smutje und der Schiffsjunge


Der Smutje folgt weiter dem Gang Richtung Heck. Ein Passagier, der den Gang gerade in entgegen gesetzter Richtung durchquert musz, obwohl Garulf sich Mühe gibt, den Weg möglichst frei zu geben, sich mühsam an ihm vorbei zwängen. Doch schlieszlich hat er das Ende des Ganges erreicht, wo der Schiffsjunge noch immer etwas abwesend herumsteht.

"Alrik," spricht er ihn an, mehr sagt er erst mal nicht, der Junge soll erst mal reagieren.



ALRIK schüttelt ein paar Mal energisch den Kopf, um die letzten gehässigen Gedanken, die vor allem Ameg und Efferdan betreffen, endlich zu vertreiben. Das bringt ja doch nichts, sich hier weiter aufzuregen.

Dann bemerkt er, daß Garulf des Weges kommt, um ihn dann auch noch prompt anzusprechen. Innerlich schickt er ein Stoßgebet gen Alveran.

'Bitte, Frau Travia, laßt mich nicht heute noch für die gesamte Mannschaft Kartoffeln schälen müssen. Die Gastlichkeit läßt sich doch viel besser an Land genießen...'

"Aye, Garulf, was gibt es denn?"



´Ein biszchen veräppeln will ich ihn aber schon...,´ " In der Kombüse stehen noch drei Kisten Kartoffeln, die müssen bis zur PERainestunde geschält sein," antwortet Garulf dem Schiffsjungen ohne mit der Wimper zu zucken.



ALRIKS Mundwinkel fallen bis ins Bodenlose, als seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Und da er sich gedanklich bereits mit dieser Schreckensvorstellung vertraut gemacht hat, kommt ihm auch überhaupt nicht in dem Sinn, daß Garulf ihm Seemannsgarn vor spinnt.

"Und wer soll das machen? Doch wohl nicht ich allein?"

ALRIK zieht ein Gesicht, wie drei Tage EFFerdswetter.

"Ich hätte heute eigentlich frei...."



"Ich fürchte auszer Dir ist niemand frei zum Kartoffel schälen, die anderen sind bestimmt schon an Land," bestätigt Garulf die Befürchtungen Alriks, es fällt ihm schon deutlich schwerer ein Grinsen zu verkneifen.



"Wenn die alle schon an Land sind, dann ist doch auch keiner mehr hier, der noch was essen will, oder? Kann ich es denn nicht morgen machen? Wenn ich morgen ganz früh aufstehe? Geht das dann?"

Mit einem Herz erweichenden Blick schaut ALRIK den Schiffskoch an.



NORDSTERN - Unterdeck: Joanna und Torin


Joanna blickt Ameg nach, als er in der Dunkelheit verschwindet. Seitdem herrscht reges Treiben auf dem Unterdeck - Ständig kommen und gehen Leute. Sie wirkt leicht angespannt und plötzlich verschwimmt alles vor ihren Augen.

'Gemächlich und neugierig geht Torin auf die Tür und damit auch auf die Druidin zu. Über Joannas Schulter blickend, spricht er sie über ihre Schulter hinweg an.

"Sagt, was genau ist da draußen jetzt los?"

Doch statt einer Antwort dreht sie sich um. und sieht in Torins Augen. Ihre Blicke treffen sich und verschmelzen ineinander. Die Druidin wird etwas nervös und will ihren Blick abwenden, doch Torin versucht ihr die Nervosität zu nehmen, indem er langsam nach ihrer Hand greift.'

*TOCK* .. "aua!"

Der Lärm reißt sie aus ihren Gedanken. Ganz spontan nähert Torin sich Joanna. Instinktiv versucht er das leise Knarren der Bretter unter sich zu verhindern. Knapp hinter ihr bleibt er stehen und fragt sie, was da draußen los ist. Verwirrt und zugleich unsicher versucht sie sich den Unterschied zwischen Realität und Tagträumen klarzumachen. Da sie kein Wort herausbringt, huscht er nach einiger Zeit an ihr vorbei. Plötzlich wird ihr klar, was sie gerade für einen Fehler gemacht hat, beginnt sie leise zu stottern ... "Torin" und wiederholt es schließlich lauter, sodas es alle in der Nähe stehenden Leute hören können.

"Toorin"

Schon wieder fällt

ihr nicht auf, WIE sie ihn anspricht.

"Wartet ... Bitte"

Blindlings macht sich die Druidin auf den Weg Richtung Dunkelheit...



Torin steht noch immer still in Efferdans Nähe, als Amegs Antwort wie ein leises Echo durch die Düsternis hallt.

Der Smutje ist längst nicht mehr in seiner Nähe, so daß er leicht in die sich im Gang reichlich bietenden Schatten eintauchen kann. Es ist ihm selbst nicht ganz klar, warum er plötzlich so erpicht darauf ist zu erfahren, was der Matrose von seinem Mündel will.

Doch instinktiv wird seine Atmung flacher und seine Bewegungen fliessender als er sich zur hölzernen Wand des Ganges bewegt. Selbst der Rucksack auf seinem Rücken behindert ihn nicht dabei. Allein das schwache Schimmern des Stabknaufes, das noch immer zwischen seinen Fingern hindurchfliesst läßt ihn nicht gänzlich mit der Düsternis verschmelzen.

Doch nur kurz währt dieser Augenblick, denn schon ruft die Druidin seinen Namen aus.

"Miu pikusch!" entfährt es ihm. 'Jetzt ist meine ganze Deckung futsch.'

Doch als ihm die Groteske der Situation bewußt wird, muß er grinsen und wendet sich der jungen Druidin zu.

"Ich laufe euch schon nicht davon."



NORDSTERN - Unterdeck: Efferdan erschrickt


Gerade hat Efferdan besorgt die Gestalt auf der Stufe gefragt, ob ihr etwas fehlt, da tönt hinter ihm ein Ruf durch das Unterdeck:

»Toorin. Wartet... bitte«

Naja, das wäre ja nicht soo schlimm, schließlich können die Passagiere - es muß sich wohl um eine solche handeln - das Deck entlang rufen wie sie wollen.

Was ihn dann aber doch erschreckt zusammenzucken läßt ist der Ausruf »Miu pikusch!« direkt hinter ihm. Fast panisch dreht er sich um. Sein Herz rast, sein Gesicht ist noch blasser geworden, so als ob vollends alles Blut aus seinem Gesicht gewichen. Sein Körper zittert wie Espenlaub.

Mit großen Augen sieht er auf die Person, die ihm gerade den Rücken zuwendet und mit einer nicht näher zu erkennenden Gestalt spricht - wahrscheinlich der Ruferin.

`Was? Wer? Das ist doch... was wollte er von mir? So nahe... ich habe ihn nicht gehört.. warum?`

Fassungslos und ängslich fixiert der Blick des immer noch zitternden Efferdans Torins Rücken.

`Bei EFFerd, hab ich mich erschreckt. Was sollte das? Ich wäre beinahe vor Schreck gestorben! Was will er von mir...`

Eigentlich sollte Efferdan Torin jetzt zur Rede stellen, um zu erfahren, was das sollte, warum dieser ihm hinterher schlich - denn genau das muß er wohl getan haben!

Doch Efferdan ist viel zu ängstlich und schüchtern dazu. Also zögert er noch einen Moment, nur um sich dann umzudrehen und - immer noch leicht zitternd - einen Schritt auf die Gestalt auf der Stufe zuzulaufen...



NORDSTERN - Unterdeck: Torin und Ameg


'Das Knie gestossen...' fängt Torin die Worte Amegs auf, während er noch immer in der Düsternis nach Joanna schaut. Und auch die Worte des Matrosen dringen an sein Ohr. Doch dessen Gestammel interessiert ihn nicht.

'Was sie nur an dem findet...'

Abermals schnaubt er. Dann dreht er sich in die Richtung in der er Ameg vermutet um und geht an dem Matrosen vorbei.

'Dieser.. Matrose. Sogar hier in der Düsternis kann man sein strohblondes Haar noch erkennen.'

Dann jedoch ist er bei Ameg.

"Wir müssen los." ist alles, was er zu Ameg sagt.

Kein Wort wie es dem Jungen geht und ob er noch Schmerzen hat. Schmerzen muß man überwinden! Das hatte ihn Vater Rotmarder gelehrt. Und das würde auch Ameg lernen, so bald sie wieder in Gareth waren. Aus diesem Grund sieht er es auch nicht ein noch länger auf der NORDSTERN zu verweilen. Ohne ein weiteres Wort erklimmt er die Stufen des Aufganges zum Oberdeck.



'wir müssen los... mehr sagt er nicht. Ihm ist wohl irgendwie ganz egal ob ich will oder nicht... vielleicht will ich ja noch ein wenig hier rum sitzen und mein Knie reiben... und ob ich zu diesem Vater Rotmarder will fragt er auch nicht...'

Ein wenig von Torin verunsichert folgt Ameg diesem ans Oberdeck, schaut sich dort nur kurz um und wartet wohin ihn Torin als nächstes dirigieren will.



Als Torin an ihm vorbei geht, drückt sich Efferdan an die Wand, macht sich dünn, so als wolle er möglichst viel Raum zwischen sich und dem Passagier lassen.

Diesmal ist es nicht nur die Tatsache, daß der Vorbeidrängende ein Passagier ist, nein. Es hängt wohl auch damit zusammen, daß dieser ihm nachgeschlichen ist. Und diese Tatsache jagt Efferdan einen kalten Schauer über den Rücken. Was konnte das nur zu bedeuten haben? Was wollte der Fremde von ihm? Oder war es doch Zufall, daß er jenen Mann nicht gehört hat, daß dieser direkt hinter ihm stand? Efferdan kann es kaum glauben - aber, andererseits - was könnte er von ihm gewollt haben? Efferdan weiß es nicht. So beschließt er, diesen Vorfall einfach zu vergessen und sich wieder der Arbeit zu widmen, mit der er und Wasuren eigentlich schon fertig sein könnten.

Flink wieselt er weiter, dem hinteren Niedergang entgegen. Der entgegenkommenden Frau weicht er ebenfalls durch Anpressen an der Wand aus, wobei er ein leises "Entschuldigt bitte" murmelt.



NORDSTERN - Oberdeck: Bereit zum Ausgehen


Kaum hat es Alberik geschafft, den Händler aus seiner Träumerei zu wecken, da tritt schon eine Frau an die kleine Gruppe heran. Zuerst erkennt der Zwerg sie gar nicht wieder, einige Minuten zuvor, als sie mit Anman über den Preis verhandelt hat, sah sie doch sehr anders aus. Mit offenem Haar und dem grünen Umhang sieht sie irgendwie anders aus.

Alberik will es eigentlich Anman überlassen, ihr zu antworten. Aber als er bemerkt, daß dieser seinen Blick nicht mehr von ihr lösen kann und vielleicht nicht mal mehr ihre Stimme vernommen hat, nimmt er sich dieser Aufgabe an.

"Nein, nein, macht euch keine Sorgen. Zumindest von zweien von uns kann ich behaupten, daß uns die kurze Wartezeit nichts ausgemacht hat. Doch Anman konnte es wohl gar nicht mehr abwarten Euch wiederzusehen, zu lang schien ihm wohl die Zeit, die Ihr nicht bei ihm wart."

'Dafür könntest du mir eigentlich noch ein wenig mehr Trinkbares spendieren! Er scheint ja ganz hingerissen von ihr zu sein.'

Alberik schaut sich die erste Offizierin einmal etwas genauer an, um Anmans Geschmack zu überprüfen.

'Hm, gar keine schlechte Wahl, für eine Menschin sieht sie ja ganz annehmbar aus. Wenn man sie sich etwas kleiner vorstellt, und mit etwas mehr Oberweite. Kräftig war sie auch, auch wenn man jetzt unter dem Umhang nicht mehr ganz so viel von ihr sieht. Aber die roten Haare, das ist nicht gut. So etwas gefällt mir gar nicht.'

"Ich glaube, ich habe mich vorhin schon einmal vorgestellt. Ich bin Alberik, Sohn des Atosch. Wie ist euer Name?" fragt er freundlich.



Nur eine kleine Wolke entdecken seine suchenden Augen am Himmelszelt. Einsam hängt sie dort knapp über dem Horizont, und es sieht aus, als ob auch sie nun der Sonne ins Meer folgen wolle. Ansonsten nichts als klarer Sternenhimmel, zwar noch dunkelblau, aber schon mit funkelnden Lichtern besprenkelt, wie kleine Blumen auf einer Frühlingswiese. Selbst das weißliche Himmelsband war schon erkennbar. Sacht wie zarte Nebelschleier zog es sich quer über den dunklen Hintergrund.

Seit er der Matrosin das Kupferstück gezeigt hatte, waren wenige Minuten vergangen. Minuten, in denen es ihn langsam in Richtung der seeseitigen Bordwand gezogen hatte. Zwar stand er immer noch etwa in der Mitte des Decks, doch hatten ihn seine Schritte fast planlos umher getrieben. Mit den Augen suchte er den Horizont und die Ausfahrt des Hafenbeckens ab. Mit den Gedanken versuchte er, die Motive des Matrosen zu ergründen.

´Warum will man hier mein Geld nicht ?´, brütet Anman vor sich hin, ´Und wie stand ich da vor dieser prächtigen Frau ?´

Wut über den ärgerlichen Zwischenfall hatte sein Herzen schon verlassen, als er die Leiter zum Oberdeck hinabstieg, doch Ratlosigkeit über so viel Dreistigkeit dieses jungen Matrosen hielt ihn im Unklaren. Er wollte doch nur freundlich sein, sich spendabel geben in Gegenwart der Offizierin, sich die Hilfsbereitschaft eines Matrosen schon vor der Abfahrt sichern.

´Aber so bin ich seit Jahren nicht mehr abgefertigt worden !´, denkt er sich, aber er sieht auch die komische Seite, ´Danke, ihr Götter, für die schöne Abfuhr vor den Augen dieser Frau. Mein Gott, kann denn niemals etwas einfach sein ?´

Wütend konnte Anman nie lange bleiben, seit jenem Nachmittag vor fünf Jahren war die Wut seines Lebens verbraucht. Mit jeder Erinnerung, und die kam regelmäßig des Nachts, kam diese Wut wieder, und sie würde solange kalt und still vor sich hin brennen, bis die Schuld getilgt war. Neben ihr war niemals lange Platz für anderen Zorn, zu stark war diese Kraft, die ihn verzehrte und verschlang. Damals hatte der Lehnsherr seine....

Die Stimme des Zwergen reißt Anman aus seinen Gedanken. Er mußte nun schon eine Weile so gestanden haben, jedenfalls schien das der zweifelnde Blick des Zwergen zu besagen. Ein kurzer Blick rundum, dann geht Anman herüber, den Zwergen und seinen neuen Begleiter betrachtend. Die Augen des kleinen Mannes, Alberik, funkeln lustig und auch der große, bunt gekleidete Mann sieht ihm voller Vorfreude entgegen.

´Die beiden Kasper haben sich doch irgendwas ausgedacht, oder ?´, kommt Anman ein Gedanke, ´Die wollen Dir doch den letzten Taler aus dem Hemde saufen. ´

Gerade, als Anman zum Sprechen ansetzt, tritt die erste Offizierin herbei und begrüßt die drei Männer mit einem warmen Lächeln. Ein Lächeln, das Anman bis tief in seine Lenden spüren kann. Ihre Stimme kann er kaum vernehmen, so ist er von ihrem bezaubernden Anblick erschlagen. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er sie an, bis er sich dessen gewahr wird und zu Boden schaut.

´Ein Geweihter der Boroni würde während der Messe ein Loch ins Fenster seines Tempel treten, nur um Dich auf der Straße vorbei wandeln zu sehen, mein Täubchen.´, denkt Anman hingerissen.



Anman traut seinen Ohren kaum, als er den neben sich stehenden Zwerg so fröhlich über Anman und Fiana dahin plappern hört. Gerade am Anfang, also während des Kennenlernens, ist einer Frau gegenüber sorgfältige Achtsamkeit angesagt, so weiß Anman. Frauen sind da manchmal sehr empfindlich, man muß so tun, als ob man eigentlich gar nichts will. Allerdings darf man auch nie zu wenig wollen, das ist gerade die schwierige Gratwanderung und macht die Sache eben so schwer.

Er hofft, Fiana nimmt die fröhlichen Worte des Zwerges nicht so ernst. Offensichtlich scheint der Zwerg außer sich vor Freude, nun das die Überfahrt gebucht ist und man zur Feier schreitet, und scheint voller Schabernack zu stecken.

´Hast Du schon gesoffen, mein kleiner Freund ?´, denkt Anman.´Noch paar so Sprüche, und die Erste Offizierin gibt mir eine schallende Ohrfeige. Mein Tagesbedarf an verbalen und richtigen Ohrfeigen ist seit einigen Minuten gedeckt !´

Aber offensichtlich haben ja Alberik und sein Begleiter nichts von dem Vorfall auf dem Brückendeck mitgekriegt Anman schaut in Richtung Hafenbecken. Seine Augen weiten sich.

"Seht !", ruft er laut aus,"Seht nur !"

Mit ausgestreckter Hand deutet er in Richtung der Stadt, wobei er Fiana beobachtet. Sobald sie mit ihren Blicken seiner Hand folgt, und den Blick abwendet, dreht Anman sich zur Seite und schubst den Zwerg ein wenig, wobei er sich mit der anderen Hand vor dem Kopf hin und her wedelt. Trotzdem, ein Grinsen kann er sich nicht verkneifen.

´Das geht ja zu wie früher.´, denkt Anman ausgelassen und erheitert.

"Ach, da war ja doch nichts !", fügt er schließlich laut an und nimmt die Hände herunter.

"Mein Name ist Anman Troyn !", streckt er dann die Hand dem beistehenden anderen großen Mann entgegen.



Zu Beginn muß Fiana leicht grinsen, als Alberik auf Anmans versteiften Blick eingeht. Dann aber erwidert Fiana, ebenso freundlich, auf die Frage des Zwerges:

"Angenehm, Herr Alberik, Fiana Ohldotter mein Name"

Doch dann glaubt Anman plötzlich etwas gesehen zu haben und letztlich stellt sich das Ganze als doch nichts raus. Dann wendet er sich auch gleich wieder ab, um sich Jarun zuzuwenden.

'Irgendwie verhält er sich etwas seltsam, eben war er doch noch anders', denkt sie sich.



Auch Alberik wirft einen Blick in die Richtung, in die Anman gedeutet hat - und bekommt von ihm einen leichten Schubs ab.

Normalerweise würde er sich so etwas ja bestimmt nicht gefallen lassen, aber er ist gut gelaunt, und will den Abend, der nicht schlecht begonnen hat, auch nicht schlecht beenden. Und Anmans gestikulierend Hände und sein breites Grinsen, lassen den Zwerg zumindest vorerst zu dem Schluß kommen, daß dies nur ein freundlicher Schubs sein sollte.

Trotzdem kann er sich nicht erklären, weshalb er geschubst wurde, und leicht irritiert wendet er Fiana zu, die sich ihm nun vorgestellt hat.

"Ich hoffe ihr seid den Umgang mit Matrosen gewohnt, denn ich und Jarun haben uns entschieden, der 'Fliegenden Salzerelle' einen Besuch abzustatten. Aber hier an Bord werdet ihr wohl kaum eine andere Möglichkeit haben."

'Ist sie eigentlich eine normale Matrosin oder eine höhergestellte?'

Sogleich fragt er nach.

"Welchen Rang habt ihr hier auf dem Schiff eigentlich?"



Auch wenn der Zwerg kurzfristig aus ihrem Blickfeld entschwand, stellt er ihr gleich weitere Fragen und da ist er auch schon wieder da, Anman hatte sich dazwischen geschoben.

"Ich denke die Fliegende Salzerelle ist in Ordnung, wenngleich sie nicht gerade das erste Haus am Platze ist." antwortet Fiana grinsend "Aber wenn ihr ordentlich einen heben wollt, ist sie genau richtig."

Nach einer kurzen Pause antwortet sie auf die Zweite Frage.

"Ich bin die erste Offizierin hier an Bord"



Breite Furchen ziehen sich über Jarun's Stirn, als die beisammen Stehenden in die Richtung schauen, in die Anman gedeutet hat und nichts zu sehen ist.

'Seltsam! War da wirklich etwas, oder wollt er uns nur ablenkten?'

Intuitive greift Jarun zu seinem Geldbeutel und entdeckt mit Erleichterung, daß dieser sich noch immer an der Stelle befindet, an der er ihn festgebunden hat.

'Der hätte auch was erleben können, diesen alten Trick bei mir anzuwenden.'

Mit sichtlich entspannterer Miene nickt er Fiana zu.

"Ich freue mich, daß ihr uns begleiten wollt. Sicherlich wird der Abend umso lustiger, je größer die Zahl der Feiernden ist."

Dann greift er die ausgestreckte Hand Anman's und schüttelt sie heftig.

"Freut mich! Freut mich euch kennenzulernen. Ich bin Jarun der Papagei. Leiter der Drachentanz-Akadenie zu Greifenfurt und noch so einiges mehr, was aber sicher im Moment zu viele Fragen hervorrufen würde. Von mir aus, können wir sogleich die Salzarelle aufsuchen."



Zu Jarun gerichtet erwidert Fiana:

"Ja, da habt ihr vollkommen recht."

Nach einer kurzen Pause fährt sie fort:

"Eine grandiose Begrüßung die man euch entgegenbringt." sagt sie in anerkennendem Ton.



Die gesamte Gruppe scheint doch überrascht zu sein, als Anman ihre Blicke kurz weg lenken möchte, um den Zwerg von seiner allzu forschen Kupplerei abzuhalten. Und so fängt sich Anman denn einige seltsame Blicke ein, ohne jedoch auch nur einen einzigen davon mitzukriegen. Nur am Rande seiner Aufmerksamkeit, die inzwischen wieder voll auf die Erste Offizierin Fiana gerichtet ist, kriegt er einen hastigen Griff Jaruns in seine Kleidung mit.

´Da steckt also Deine Börse !´,denkt Anman sofort,´Gut zu wissen.´

Früher hatte er mal für kurze Zeit so gearbeitet : Ständig auf der Suche nach Leuten, die unvorsichtig mit ihren Sachen umgingen. Man brauchte nur auf die Bewegungen der Leute zu achten, wenn sie angestoßen wurden, und schon wußte man, so sie ihr Geld aufbewahrten. Ein kleiner Junge besorgte immer den ersten Schubs, und erhielt dafür immer eine warme Mahlzeit und etwas Silber, nachdem Anman dann zugelangt hatte.

´Tja, das waren harte Zeiten.´, denkt Anman,´Damals.....´

Später hatte Anman erkannt, wie sehr er auf der Stelle trat, und hatte sich umorientiert. Größere Dinger wurden gedreht, mit mehr Vorbereitung, und eindeutig mehr benötigtem Fachwissen. Aber der Erfolg gab ihm recht.....

´Und heute stehe ich hier :´, sinniert er froh,´Und bin ein fast rechtschaffenes Mitglied dieser Gesellschaft.´

Ein Grinsen huscht über sein Gesicht. Seit einiger Zeit nun konnte er seine Geschäfte teilen, und zweigleisig fahren. Zweigleisig hieß, das er soviel Geld über hatte, daß er nun auch noch legalen Handel betrieb. Und seitdem war er noch erfolgreicher, unter dem Mantel seiner Rechtschaffenheit. Sein Grinsen wird immer selbstzufriedener und breiter.

Just in diesem Moment ergreift Jarun seine ausgestreckte Hand und fängt eifrig an, sie zu schütteln. Anmans Augen schrecken auf, und suchen die Augen Jaruns. Der schüttelt munter weiter die Hand, und fängt an sich vorzustellen.

"Gut.", antwortet Anman, dabei kräftig zurückschüttelnd,"Es ist mir eine Freude, Eure Bekanntschaft zu machen."

"Ihr müßt mir später erzählen, woher dieser Spitzname stammt, werter Jarun.", fährt Anman fort, und seine linke Hand deutet in den Ort,"Doch sollten wir zuerst Klarheit verschaffen, wohin sich jeder von uns wenden will in dieser lieblichen Hafenstadt."



"Die Springende Salzarelle! Hört sich gut an. Wenn sie wirklich so nah beim Hafen liegt, würde sie sich anbieten, denn wenn jemandem nicht mehr nach feiern zu mute ist, so kann er sich auf die NORDSTERN zurück ziehen. Und all zu leer wird es dort sicher auch nicht sein."

Schelmisch deutet er auf die Menschenmenge am Kai.

"Wenn euch danach ist, können wir gehen."

Mit diesen Worte wendet er sich von den anderen dreien ab, um den Anfang zu machen. Sein federnder Gang wird noch von der wippenden Planke unterstützt, wodurch er bei jedem Schritt den Kontakt zur Planke verliert.

Ein geradezu kindliches Kichern ist zu hören, als er in der Mitte der Planke stehen bleibt und immer wieder auf der Stelle einige Finger hochspringt, um das auf und ab noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Ein seltsamer Anblick mag dieses Schauspiel schon sein, doch welcher Künstler ist bei Zeiten nicht ein wenig seltsam.



Nur wenige Augenblicke, da hat Raschid das bunte Vierergrüppchen entdeckt und geht mit großen Schritten auf Anman zu. Unauffällig bleibt er hinter ihnen stehen und hält wortlos den Schlüssel mit der flachen Hand in die Runde.

Schließlich ringt er sich doch noch ein paar Worte ab.

"Der Schlüssel der Doppelkabine!"



Anman muß schmunzeln, als er Jarun so auf der Planke umher wippen sieht. Sofort nimmt er sich vor, es dem bunt gekleideten Manne gleich zu tun. Für Unfug ist Anman immer zu haben, dafür war er als kleiner Junge schon berühmt.

Die frische Seeluft, das klare Himmelszelt und die wunderschönen Augen der Frau in seiner Begleitung lassen Anman nun gänzlich vergessen, wie sehr wütend ihn der Vorfall auf dem Brückendeck gemacht hatte. Voller Übermut möchte er nun auch auf die Planke, um zusammen mit Jarun zu WIPPEN !

"Macht Platz....", spricht er auch schon laut vor sich hin und wagt einen Schritt in Richtung der Planke.

Jäh wird Anman zurückgerissen aus seinen Absichten. Die harte, kehlige Stimme des Südländers vom Brückendeck, mühsam beherrscht zwar, aber doch noch voller versteckter Feindseligkeit, dringt an sein Ohr. Und schon streckt jemand seine Hand zwischen ihn und die Erste Offizierin, darin den Schlüssel haltend.

Anman holt tief Luft und reckt sich auf zu voller Größe, während sich sein Blick zunehmend verfinstert. Mit seinen weit über 90 Stein Gewicht bei fast zwei Schritt Größe ist er eine imposante Erscheinung, wenn es sein muß. Die Brauen heruntergezogen, nicht die Spur eines Lächelns auf dem Gesicht, wendet er sich in Richtung des Matrosen. Anman gibt sich Mühe, völlig unbeteiligt und desinteressiert zu schauen. Seine rechte Hand immer in der Nähe des Griffes seines Rapiers, aber nie direkt darauf, streckt er seine linke Hand langsam vor, bis sie unter dem Schlüssel ist.

"Danke, Matrose.", zischelt er leise unter zusammengepreßten Zähnen hervor.



Ah, endlich. Alberik bemerkt voller Freude, daß Jarun den Anfang macht und als erster die Planke herunter läuft - oder besser: herunter hüpft. Der Zwerg folgt ihm und wartet vor der Planke, an der die Vierergruppe steht. Solange der Gaukler dort herum springt, betritt er sie lieber nicht.

Die Spielerei auf der Planke verärgert ihn dann doch leicht. So viel Albernheit kann auch nur von einem Menschen kommen. Als er in dem Alter war, hatte er so etwas schon lange hinter sich. Auch wenn es noch nicht so lange her ist, daß er so alt war wie Jarun heute. 20 Jahre vielleicht? Bei einem Menschen das Alter zu schätzen, fällt dem Zwerg sogar heute noch schwer.

"Jetzt reichts aber auch Jarun, wir wollen heute noch etwas zu trinken bekommen."

Eine Stimme hinter ihm, die nicht Anman oder Fiana gehört, läßt ihn noch einmal herumdrehen. Er erkennt einen dunkelhäutigen Menschen, einen Tulamiden oder Novadi, der der Gruppe einen Schlüssel reicht.

Alberik wartet ab, ob einer der beiden anderen auf den dunkelhäutigen reagieren.



Kaum hat Alberik eine Antwort von Fiana bekommen, wendet diese sich auch schon seinem früheren Kampfgefährten Jarun zu. Aber das macht ihm nichts aus, später ist immer noch genug Zeit zum reden.

Also bleibt er einfach entspannt neben seinen drei neugewonnenen Gefährten stehen, hört sich an, was sie noch zu reden haben. Dabei betrachtet er die Offizierin und versucht sie einzuschätzen.

'Erste Offizierin ist sie also. Wahrscheinlich die erste Befehlsgewalt auf dem Schiff nach dem Kapitän. Wenn ich mich in den Rängen der Seefahrer auskennen würde, wüßte ich dies genau, sofern bei einem Schiff, das hauptsächlich von Zivilisten begleitet wird, überhaupt Ränge vorhanden sind.'

'Vermutlich kampferfahren, aber eine Waffe trägt sie nicht bei sich. Ach, solange ich in der Nähe bin, braucht keiner eine Waffe, den ich zu meinen Freunde zähle.'

Nach dieser, seiner Meinung nach sehr gut gelungenen, Einschätzung, blickt er sehnsüchtig auf den Kai und zu dem Wirtshaus, das kaum 150 Schritt vom Schiff entfernt zu sehen ist. Es wird Zeit für ein Bier.



Einige Augenblicke stehen sich die beiden Streithähne gegenüber und starren sich in die Augen, als versuchen sie einen Zauber auf den anderen zu sprechen. Raschid, der mehr als einen Kopf kleiner als sein Gegenüber ist, ist sich darüber im klaren, daß es für ihn keinen Sinn macht sich aufzuplustern, wie Händler und beläst es bei einem Blick, der einen heran stürmenden Ongallobullen dazu bewegen würde, anzuhalten und kehrt zu machen.

Trotz der Anspannung entgeht im keinesfalls die Tatsache, daß Anman die Hand auf seiner Waffe ruhen läßt. Immer dazu bereit sie zu ziehen. Allein diese Geste bewirkt bei Raschid einen Schub von Gelassenheit, denn für ihn spiegelt es die Furcht seines Gegenübers wieder. Furcht vor einem einfachen Matrosen ohne Waffe.

Merklich entspannen sich Raschid's Glieder und mit einem angedeuteten Lächeln läßt er den Schlüssel in Anman's Hand gleiten.



Alberiks Ruf läßt Jarun und anschließend auch die Planke wieder zur Ruhe kommen. Lediglich ein beleidigtes "Grummelbart" dringt zu den dreien an der Planke durch, als sich sich Jarun wieder in Bewegung setzt und einige Augenblicke später die andere Seite der Planke erreicht.

Mit einem Sprung überwindet er die letzten zwei Schritt und landet sicher auf der Anlegestelle. Eine anschließende schnelle Drehung um die eigene Achse läßt den Umhang noch einmal kräftig herum wirbeln und Jarun kommt mit dem Gesicht zur NORDSTERN zum Stehen.

"Ich habe sie getestet und für sicher befunden!" ruft er seinen Begleitern auf der NORDSTERN mit einem Lächeln herüber.



Alberik bemerkt nicht mehr, was Jarun auf der Planke für Spielchen treibt. Seine Konzentration ist auf Anman und den dunklen Matrosen gerichtet. Man kann die Anspannung zwischen den beiden deutlich spüren. Anmans Hand in der Nähe seiner Waffe, die ernste Miene, die sich mit Eintreffen des Matrosen auf sein Gesicht legt, die gesenkte Stimme und nicht zuletzt die Blicke, die die beiden austauschen.

Trotz der Größe des Händlers rechnet der Zwerg nicht damit, daß er gegen den kleineren Novadi bestehen koennte. Größe ist nicht alles was zählt, daß weiß er besten Gewissens zu behaupten. Und er hat schon einmal sehen können, daß Novadis auch die Kampfkunst beherrschen. Bei weitem nicht so gut wie das Volk Angroschs, aber weitaus besser als viele andere Menschen.

So hält er sich bereit notfalls einzugreifen, falls es tatsächlich zu Handgreiflichkeiten kommt. Nicht zu früh allerdings, denn Anman soll ruhig erst einmal merken, daß es ohne einen fähigen Kämpfer wie einen Alberik, Sohn des Atosch, nicht so einfach ist in einem Kampfe zu bestehen.



Wie eine halbe Ewigkeit kommt es Alberik schon vor, die sich Anman und der südländische Matrose gegenüber stehen und sich gegenseitig anstarren.

Es muss schon wirklich etwas länger sein, denn in dieser Zeit sind ein paar Leute an ihnen vorbei, über die Planke, und haben das Schiff verlassen. Es waren genau fünf, Alberik hat mitgezählt. Und diese fünf sind nun schon auf dem Weg in die Wirtshäuser der Stadt.

Nicht so der Zwerg.

Verärgert, daß immer noch nichts passiert ist, brummelt er etwas unverständliches in seinen Bart, etwas, in denen die Worte "Menschen" , "langsam" und "nicht fähig, Entscheidungen zu treffen" eine große Bedeutung haben.

Noch immer sauer wendet er sich zum gehen und betritt die Planke.

'Bei Kor, wie lange soll ich denn noch warten? Entweder prügelt man sich, oder man läßt es bleiben, aber man denkt nicht erst tagelang darüber nach!'

Die Hälfte dessen, was er denkt, nuschelt er vor sich hin. Und während er so vor sich her brummelt, immer noch sauer über eine möglicherweise verpaßte Schlägerei, hat er die Planke schon an ihrem anderen Ende wieder verlassen und marschiert weiter vor sich her redend an Jarun vorbei, den Anleger entlang, hinunter zum Kai.



Fiana schickt sich derweil an die Planke zu überqueren, nicht jedoch ohne zu Anman noch etwas zu sagen:

"Kommt, die anderen warten schon, wir wollen doch noch etwas vom Abend haben"

Sie geht dann über die Planke in richtung des Zwerges, blickt sich dann um, um zu sehen ob Anman ihr folgt.



"Anman kommt ihr!"

Ein letztes Versuch von Jarun, Anman zum Mitkommen zu bewegen, bleibt ohne Wirkung.

"Wenn ihr eure Angelegenheiten geklärt hat, könnt ihr ja nachkommen. Ihr findet uns in 'der Springenden Salzarelle'. "

Mit diesen Worten wendet er sich von der Nordstern ab und schließt zu Fiana auf, die bereits dem Zwergen folgt.

"Werte Fiana, hat sich Anman doch anders Entschieden. Wollte er vielleicht mit dem Matrosen nach Salzerhafen gehen?"



NORDSTERN - Auf der Brücke: Der Kapitän


Wieder einmal steht Jergan auf der Brücke, ohne daß einer der Fahrgäste oder ein Angehöriger der Mannschaft ein Anliegen hat, das er klären muß. Im Grunde ist ihm das so auch recht, denn schließlich wartet noch jede Menge Arbeit, die in diesem Hafen verrichtet werden muß.

Einige oder fast alle der Fahrgäste scheinen sich darauf vorzubereiten, das Schiff zu verlassen. Auch das ist dem Kapitän sehr recht, bekommt doch die Besatzung so viel mehr Ruhe, die sie gerade nach dieser Schleppfahrt auch wirklich verdient hat.

Jergan Efferdstreu bleibt weiter an der vorderen Reling des Brückendeckes stehen, und läßt seine Blicke über Schiff, Hafen und Stadt gleiten, während seine Hände fast unbewußt über das glatte Holz der Reling streichen, ohne dabei wahrzunehmen, daß gerade diese Stelle erst kürzlich von Ole ausgebessert worden ist, nachdem es dort einen beträchtlichen Schaden während der Meuterei-Kämpfe gegeben hat. Doch mit Ole hat die NORDSTERN einen hervorragenden Schiffszimmermann, und so ist es vollkommen klar, daß man von der Reparatur nur dann etwas sieht, wenn man wirklich sehr genau hinsieht.



In SALZERHAVEN: Anselm in der Stadt


'So, auf geht's'

Ein letztes Mal schaut Anselm sich um, ob er auch nichts vergessen hat. Da er wenige Gepäck mitbrachte erübrigt sich dies eigentlich. Und schon ist er aus der Tür und schreitet zum Aufgang. Auch diesmal übersieht er die anderen Leute auf dem Deck mehr oder weniger. Den Aufgang erklommen geht er schnurstracks die Planke hinab, vorbei an den letzten Bewunderern Jaruns, welche sich noch am Schiff befanden und hinein in die dunklen Gassen von Salzerhaven...



Dunkel ist's in den Gassen von Salzerhaven. Kaum ein Licht scheint aus den Häusern, so daß man teilweise die Hand vor den Augen nicht erkennt.

Stille liegt über der Stadt. Vereinzelt dringen fröhliche Klänge aus den zahlreichen Tavernen an die Ohren der Wenigen welche um diese Zeit noch durch die Stadt streifen.

Einer von diesem ist Anselm. Aufgeweckt betrachtet er die Straßen und Häuser, welche er passiert. Er versucht sich möglichst viel davon einzuprägen, auch wenn eine ganz leichte Müdigkeit sich wie ein zarter Nebelhauch über seinen Geist legt.

Doch plötzlich weckt ein Geräusch den kleinen Mann. Das Trippeln eines zweiten Paar Stiefel welches sich direkt hinter ihm bewegt. Für einen normalen Bewohner Aventurien's sind die Schritte zu leise, es muß sich um jemanden handeln der bewußt versucht leise zu sein. Doch Anselm macht keine Anstalten seinen Verfolger abzuschütteln. Zuerst will er sicher gehen, daß die Person hinter ihm ihn wirklich verfolgt. Er schreitet weiter, verlangsamt und beschleunigt ab und zu. Der mutmaßliche Verfolger tut es ihm gleich. Nun wird es Anselm zuviel. Er bleibt stehen, wartet eine Sekunde ab und dreht sich abrupt um.

Im halbdunklen erkennt er schwach eine Gestalt welche wohl kaum größer ist als er. Wie vor Schreck gelähmt steht die Person da, die rechte Hand ausgestreckt, die linke liegt am Gürtel, wahrscheinlich bereit nach einer Waffe zu greifen.

Anselm schreitet geschwind auf die Person zu, um sie besser erkennen zu können. Er erblickt einen Jungen, welcher wohl kaum mehr als vierzehn Götterläufe zählen kann. Das Gesicht erstarrt, die Augen weit aufgerissen starrt er Anselm an. Anselm geht ein Licht. Er lacht kurz und spricht leise zu dem Jungen:

"He kleiner, 'brauchst keine Angst vor mir zu haben. Glaub' mir, wir dienen beiden dem selben Herrn. Aber du scheinst mir noch ziemlich unerfahren zu sein. Wie kann man nur bei solchem Getrampel erfolgreich sein? Daran solltest du noch arbeiten.

Und lass' deine Waffe stecken." Anselm deutet leicht auf die Linke des kleinen Diebes.

"Einen Geldbeutel stehlen ist eine Sache, Töten eine ganz andere. Als Diener PHEx' solltest du dich auf dein Geschick verlassen, nicht auf Messer. Höchstens zur Verteidigung. So und nun hau ab kleiner."

Der Junge nickte nur stumm während er Anselm's "Rüge" empfing. Doch als er den Befehl zum Abmarsch erhielt erwacht seine Glieder zu neuem Leben und er gab schnellstmöglich Fersengeld.

Anselm schaut dem kleiner PHExdiener hinterher und lacht nur.

"Diese Jugend...PHEx, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun..."



Immer noch über die Begegnung mit dem kleinen PHExdiener grinsend spaziert Anselm weiter durch die Gassen der Hafenstadt. Sein Weg ist nicht länger zufällig gewählt.

Er folgt dem Klang die eine Taverne so von sich gibt... wenn sie gut besucht ist. Und so leiten fröhliches Gelächter und heitere Musik ihn hin zu einem Haus an dessen Front ein Schild hängt mit den Worten "Frischer Seewind".

'Frischer Seewind... hm, na ja, hier tiefer in der Stadt is' der Wind vielleicht nicht ganz so frisch. Aber egal. Ich werd dort mal mein Glück probieren.'

Er öffnet die angelehnte Tür der Taverne, tritt ein und schaut sich um. Den Duft von Bier, Schweiß und gar köstlichem Braten in der Nase erblickt er mehrere Tische und Bänke, die teils doch recht gut bestückt sind.

Ein Gaukler, 'bewaffnet' mit einer Laute, trällert fröhlich, während er durch die Reihen marschiert. Die Ausstattung der Wirtschaft und die Gäste scheinen nicht gerade 'vom Niedersten' zu sein und so freut sich Anselm schon auf den einen oder anderen Geldbeutel, welchen er heute leicht machen wird.

Freudig sich die Hände reibend schlängelt sich Anselm an zwei leicht betrunken Thorwalern schnurstracks zur Theke hin und ruft:

"PHEx zum Gruße! Eins von eurem Besten, und schön kühl wenn's geht!"

Der Wirt, ein nicht gerade schmächtiger Mann mit ungefähr vierzig Götterläufen hinter sich, leicht gebräunt, mit weißem Haar und Bart lächelt Anselm zu und antwortet "Schon auf dem Weg."

Anselm nimmt sein Bier entgegen und zahlt sofort. Schließlich will man für Vertrauen sorgen. Er lehnt sich gegen die Theke, schaut sich noch mal kurz um, setzt den Krug an und während das gute Gebräu langsam in Anselm's Schlund versickert denkt sich dieser

'Auf ein gutes Gelingen....'



Ahhh - das war gut. Den ersten tiefen Zug gemacht entbindet Anselm den Krug wieder seinen Lippen und läßt seinen Blick ein weiteres Mal durch die Kneipe schweifen.

'Na, wer sieht den hier dumm und halbwegs wohlhabend aus... ah, ja, der da. Der wird's sein.'

Sein Blick fällt auf einen hünenhaften, schlanken, blonden Mann mittleren Alters. Gekleidet ist er mit einer ledernen Hose und einem weißem Hemd. Beides recht gepflegt. Sein Schuhwerk sind ein paar schwarze Stiefel, welche auch einen soliden Eindruck machen. Er sieht etwas verlassen aus, da er an einem ansonsten leeren Tisch sitzt und sein blonder Schopf in die Höhe ragt, fast wie eine lodernde Fackel in tiefer Nacht.

Nachdem Anselm den Herrn eine Weile begutachtet hat, schreitet er zu ihm und fragt:

"PHEx zum Gruße mein Herr, darf ich mich zu euch gesellen?"



Eigentlich will Edorian am heutigen Abend nur einen Trinken gehen. Mit ein bißchen Überredungskunst konnte er seine Nachtwache einem anderen aufschwatzen, so daß er den ganzen Abend frei hat. Er mußte sich mal vom Druck befreien, der auf ihm und auf den anderen Gardisten lastet. Mag die Stadt zwar äußerlich sicher und geschützt sein, so bröckelt es doch schwer in ihrem inneren. Denn das PHExgefällige Gesindel wird von Tag zu Tag mehr. Das bedeutet somit auch mehr Arbeit und Ärger für Edorian. Und genau diese Gedanken, an alle das Diebsvolk, wollte er heute in ein paar kräftigen Humpen Bier ertränken.

Doch nicht nur, daß seine Verabredung wohl nicht erscheint (allein trinken nämlich nur die Unglücklichen), jetzt redet ihn auch noch so ein Zwerg an. Zwerg? Nein, das ist kein Zwerg. Nur ein normaler... fast normaler Mensch. Aber egal, wenigstens jemand der einen mit trinkt. Und so antwortet Edorian halb resigniert:

"Wenn ihr wollt, dann setzt euch. Wenn nicht, so laßt es eben bleiben...."



"Nun, dann bin ich mal so frei." antwortet Anselm mit leicht gerunzelter Stirn. Er setzt sich auf den Stuhl, welcher dem Blonden genau gegenüber liegt.

"Da fällt mir ein, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Feuerbach, der Name. Anselm Feuerbach. Und der ihre?"

"Feuerbach...hm...meine Name ist Edorian Bregelsaum. Zum Wohl." Der große Mann hieft seinen Arm und reicht so seinen Krug seinem neuen Trinkkumpan zum Anstoß hin. Dieser vollführt besagtes Ritual auch gleich und fragt noch bevor er den nächsten Schluck tut:

"Sagt, in besonders guter Stimmung seit ihr nicht. Was bedrückt euch, daß ihr versucht es im Bier zu versenken?"



'Was interessiert den Kerl das? Na egal, ich hab ja sonst nichts zu tun..'

"Wißt ihr, ich bin Gardist hier in Salzerhaven. Und seit einigen Götterläufen wird dieser Beruf immer mieser. Es scheint, als ob die Diebesgilden für jeden neuen Gardisten drei neue Mitglieder aufzunehmen. Wir werden dem PHEx-gefälligen Gesocks langsam nicht mehr Herr. Versteht ihr, was ich meine?"



'Bei Phex! Warum ausgerechnet das? Warum muß ich ausgerechnet an einen dieser .... Gesetzes-Frommen geraten? Damit sind meine Chancen auf ein paar schnelle Dukaten schwer gesunken.'

Leicht demoralisiert murmelt Anselm:

"Ja ja, is' schon schlimm..." und nimmt einen weiteren Schluck Bier.

'Aber egal, ich laß mich nicht unterkriegen. Wenn es nicht anders geht, so muß ich diesen Herrn eben mit in meine Pläne einbauen. Vielleicht läßt er sich ja zu einem Spielchen ein...'

Während Anselm ein bischen verloren vor sich her sinniert setzt sich auf einmal noch eine Person an den Tisch.

"Uff, 'tschuldigung, daß ich so spät bin, aber unser Chef war heute wirklich nicht leicht zu überreden. Du weißt ja, wie er ist wenn er einen seiner besten Männer gehen lassen soll, stimmt, Edorian? Hohoho"

Der kleine feiste Mann hält sich seinen Bauch beim Lachen. Sein blonder Freund kann nur ein Grinsen hervorbringen, obwohl sich seine Stimmung doch ein bißchen gehebt hat.

"Hihi, hm.. nun sag mal mein Lieber, wer ist denn das da neben mir."

fragt der Neuankömmling ungeniert und schaut dabei Anselm fröhlich ins Gesicht.

"Hm, was, ach so, ja..ähh, das ist Anselm Feuerbach und das hier ist mein Freund und Kollege Elbrecht Fidian. So.."

"Angenehm" ist alles was Anselm aus seinem Munde entläßt. Er schaut sich den neuen Gesprächspartner genau an, während dieser heftigst versucht den Wirt auf sich aufmerksam zu machen.

Elbrecht ist kaum größer als Anselm, dafür um so 'tiefer'. Er dürft ungefähr im Alter von Edorian sein. Seine hellbraunen krausen Haare hängen fröhlich vom Kopf herunter und verschwinden dort wo sein Rauschebart anfängt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, man hätte einen Zwerg vor sich.

'So, noch einer von diesem... Miesmachern, obwohl dieser doch um einiges fröhlich ist als sein Kumpan. Damit wären wir schon drei... Genug für eine schöne Würfelpartie...'

Ein Funken Hoffnung keimt wieder in Anselm auf...



"Ah, ja. Dank' dir Leta" sagt Elbrecht fröhlich zu einer der Kellnerinnen, welche ihm gerade sein heiß ersehntes Bier bringt. Er zwinkert ihr kurz hinterher, nimmt einen tiefen Schluck, dann spricht er weiter:

"Hmmm, gut. Ach ja, was ich dir noch erzählen wollte: An diesen Gerüchten über ein Schiff daß angeblich überfallen worden ist scheint doch was dran zu sein. Auf dem Weg hier her ist mir ein Wagen begegnet, der eine ganze Menge Tote aufgeladen hatte. Und er kam eindeutig aus Richtung Hafenbecken" sagt er mit erstaunlich ernstem Gesicht. Auch auf Edorian's Stirn bilden sich erneut Sorgenfalten, als er dies von seinem Freund hört. Halb abwesend kommentiert Anselm:

"Jaja, der Kahn sah schlimm aus."

"Wie? Sah aus? Habt ihr ihn etwa gesehen?" will Elbrecht mit entflammter Neugier wissen.

"Öhm, ja, natürlich. Ich bin Passagier des Schiffes, welches diesen Unglückskahn hierher geschleppt hat."

"Na welch Zufall" meint Elbrecht. "Dann könnt ihr uns sicher auch ein bißchen mehr erzählen, als das, was so im allgemeinen Tratsch schon die Runde gemacht hat."

Mit auffordendem und neugierigem Blick schaut der feiste Mann Anselm an.

Auch der etwas langsamere Edorian scheint auf Grund dieses Themas wach zu werden. So blicken beide auf den kleinen Mann herüber, von denen sie sich neue Informationen erhoffen.

"Öh, nun ja... Wir, ich meine die NORDSTERN hat das andere Schiff kurz vor Salzerhaven gefunden. Der ganze Kahn war übersät mit Leichen. Nur einer lief drauf herum. War glaub ich der Kapitän. Der wollte auch unbedingt, daß sein Schiff gerettet wird. Obwohl es mehr einem schwimmendem Stoß Feuerholz glich, als einem seetüchtigen Schiff. Wie und warum das Schiff überfallen wurde hab ich noch nicht mitbekommen. Waren glaub ich Piraten auf Drachenbooten. Na ja, und dann sind ein paar Matrosen in einer Nußschale... "

Und so repetiert Anselm die Geschehnisse des vergangenen Tages mit allen Details, die er in Erinnerung hat. Das so manche unnötige Informationen auch ihren Platz in seinen Erzählungen findet, stört Anselm's Zuhörer weniger.

Sie sind gebannt von den Worten des Diebes. Während dieser so erzählt geht so manche Runde Bier die Kehlen der drei hinunter und mit der Zeit werden sie immer geselliger...



Kein Laut war von Edorian und Elbrecht zuhören, während Anselm erzählt. Gebannt hingen sie an seinen Lippen, während er berichtet, wie die NORDSTERN die ZYKLOPENAUGE ins Schlepp nahm. Mit Spannung lauschten die beiden Anselm's Schilderungen über das Ausmaß und den Anblick des Massakers. Auch über die beiden Überlebenden wußte Anselm ein wenig zu berichten.

Während dessen wurde Anselm den beiden immer vertrauter (vielleicht wurden die zwei auch nur durch den Alkohol 'zutraulicher'). Jedenfalls war man irgendwann per Du und aus der Erzählstunde wurde langsam aber sicher ein Saufgelage.

In einem günstigen Zeitpunkt konnte Anselm dann die beiden auch zu einem Spielchen überreden. Natürlich hat Anselm die beiden gut ausgenommen. Die Würfel waren wie magisch ins seinen Händen. Seine Würfe waren größtenteils sehr beachtlich, so als hätte er das Glück gepachtet.

Alles in allem haben ihm seine Erfahrungen (Zechen & Spielen) aus den mehreren Jahren in Thorwal hier in Salzerhaven ein hübsches kleines Sümmchen eingebracht. Edorian und Elbrecht namens mit Fassungen, soweit sie noch bei Bewußtsein waren. Sie tranken zwar nicht mehr als Anselm, waren aber wohl nicht so "trainiert" wie er.

Weit nach Mitternacht war es, als Anselm und die beiden Gardisten das Lokal verließen und sich auch voneinander verabschiedeten. Zwar waren die beiden Gesetzeshüter kaum noch in der Lage zwei Sätze strack geradeaus zu schwätzen, geschweige denn geradeaus zu laufen, aber auch dies' störte sie nicht.

Man wünschte sich gegenseitig eine gute Nacht und Anselm versprach den beiden sie wieder zu 'besuchen', sobald er abermals in der Stadt ist.

Fröhlich (aufgrund von Bier & Gewinn) schritt Anselm, welcher auch leicht wankte, wieder zur NORDSTERN. Den Weg fand er recht schnell, schließlich hatte er ihn sich vorher gut eingeprägt. Das beim Betreten des Schiffes die ZYKLOPENAUGE nicht im Hafen lag bemerkte er gar nicht. War sowieso schon recht dunkel. Und so wankte er hinab auf's Unterdeck, schnurstracks in seine neue Kabine und landete zufrieden in seinem Bett (sofern er das noch erkennen konnte) wo er auch sofort seelenruhig einschlief.



NORDSTERN - Kabinen: Hesindian zieht ein


Während er sich von dem Matrosen den Weg zu seiner Kabine weisen läßt, folgt Hesindian den Ausführungen Orgen's nur mit halbem Ohr. Mit zitternden Fingern versichert er sich, daß der sorgsam gehütete Inhalt seiner Gürteltasche noch an seinem Platz verweilt.

Verwirrt blickt er auf, als er die nur unbewußt gehörten Worte des Matrosen überdenkt.

'Drachen sind doch Einzelgänger; selbst zur Paarungszeit bleiben sie nicht länger beieinander als für den Akt selbst. Und wieso sollten sie vor einem Schiff flüchten?'

Der Geweihte listet rasch alle ihm bekannten großen und kleinen Drachen- und Halbdrachenarten auf, doch fällt ihm keine ein, die zu beschriebenem in der Lage wäre.

'Dieses Verhalten ist in der Tat unerklärlich. Ob wir während der Fahrt erneut Kontakt mit diesen Drachen haben werden?'

Die Erregung über die unerwartete Möglichkeit einer bedeutsamen Entdeckung läßt ihn fast seine eigentlichen Aufgaben und Sorgen vergessen.

'Hoffentlich haben meine Kohlestifte die Flucht überstanden.'

Die Erwähnung einer Mahlzeit läßt das hohle Gefühl in seinem Magen wieder zum Vorschein kommen, welcher sich mit dumpfen Brummeln zu Worte meldet. Verlegen räuspert sich der Geweihte, um das leise Verdauungsgeräusch zu übertönen.

"Sagt, Matrose, wo kann ich auf diesem Schiff noch eine Mahlzeit erbitten? Oder muß ich womöglich die Hafenstadt besuchen?"

Letzterer Gedanke, das Schiff womöglich verlassen zu müssen, ist ihm nicht sonderlich geheuer.



"Ihr könnt den Smutje fragen, ob er euch außer der Reihe etwas macht, bzw. ob er noch was von der letzten Mahlzeit hat. Ihr findet ihn in der eben erwähnten Kombüse" antwortet Orgen auf die Frage des Geweihten.



"Gut, gut." murmelt Hesindian erleichtert. Nachdenklich bleibt er in der Tür stehen und scheint in fernen Gedankenwelten entschwunden.



Hesindian blickt verwirrt auf, und bemerkt überrascht den immer noch wartenden Matrosen. "Äh, danke." murmelt der Geweihte, während er aus einer Tasche einen einsamen Kreuzer fischt und Orgen in die Hand drückt.

"Ich, äh, werde dann wohl jetzt alleine zurechtkommen."

Dann dreht er sich um und schreitet langsam in die Kabine. Die Tür schließt er vorsichtig hinter sich, dann dreht er den Schlüssel mit solcher Hast im Schloß, daß er ihn fast in selbigem verklemmt. Während er auf eines der Betten zugeht, läßt er seinen Blick durch die Kabine schweifen auf der Suche nach einem geeigneten Versteck für seine wichtige Fracht, doch nichts will ihm sicher erscheinen angesichts der Tatsache, daß wohl noch ein weiterer, ihm bislang unbekannter Fahrgast die Unterkunft mit ihm teilen wird.

Mißmutig läßt er sich auf das erste Bett fallen und prüft dessen Beschaffenheit und Bequemlichkeit.

Die Gelegenheit war günstig, da er momentan alleine war. Wer konnte schon sagen, wie bald sich eine solche wieder ergeben mochte? Er legt seinen Umhang und die kläglichen Überreste seiner Ausrüstung ab und faltet sie sauber in eine Ecke des Bettes, das er sich für die Reise ausgesucht hat, während er weiter über ein geeignetes Versteck nachdenkt. Plötzlich stiehlt sich ein Lächeln in sein Gesicht, das ihn zum ersten Mal an diesem Tage wirklich glücklich aussehen läßt.



NORDSTERN - Oberdeck: Nirka und Sigrun


Die Bootsfrau nickt langsam.

"Ja, ich glaube, davon habe ich auch schon einmal gehört. Besser gesagt, ich habe diese Taverne schon mal von außen gesehen - und ich hab mich da über den Namen gewundert, weil der in einer Hafenstadt ja ein wenig fehl am Platze ist."

Sie schweigt kurz, und fährt dann ebenso leise fort:

"Es war beim vorletzten Mal, als wir hier waren. Da war ich in der Stadt, um Proviant zu besorgen, und einer der Händler, bei denen wir waren, hat seinen Laden genau gegenüber der Taverne 'Zum Fröhlichen Kutscher'. Gekauft haben wir da damals zwar nichts, aber den Namen der Taverne habe ich mir gemerkt, zumal Thorben sie damals sehr gelobt hat."

Die Stimme der Bootsfrau wird bei der Erwähnung des ehemaligen zweiten Offiziers der NORDSTERN noch ein wenig leiser, und stockt sogar kurz. Doch das vergeht sehr schnell, und sie fragt:

"Könnte es das sein? Ansonsten klingt das natürlich sehr gut, was du da gesagt hast."

Ihr Blick weicht dabei nicht vom Gesicht der Freundin.



"Klar, das sollten wir auf jeden Fall tun. Je eher, desto besser, nur..."

Sie verrenkt dabei den Hals ein wenig, und blickt an Sigrun und Teilen der Takelage vorbei in Richtung des Brückendecks, wo der Kapitän gerade mit einem der Fahrgäste spricht.

"... muß ich uns natürlich erst beim Kapitän abmelden. Laß uns schon mal ein Stückchen nach achtern gehen..."

Sie setzt sich bei diesen Worten schon langsam in Richtung der auf das Brückendeck führenden Treppe in Bewegung.

"Finden sollten wir diese Taverne auf jeden Fall, denn zumindest den Weg zu jenem Händler weiß ich noch ziemlich gut - weit ist das jedenfalls nicht."



Nirka lächelt Sigrun kurz zu. Auch in ihrem Gesicht spiegelt sich die Vorfreude auf den gemeinsamen Abend wider - einen zweisamen Abend weit weg von den anderen Menschen, die zum Schiff gehören, an einem Ort, wo sie sich in keiner Hinsicht verstecken müssen.

"Ich melde uns beide ab, keine Sorge", antwortet sie sehr leise, und bleibt dann stehen, denn schließlich ist das untere Ende des Aufganges zum Brückendeck erreicht. Die meisten anderen würden nun nach oben gehen, aber für Nirka macht das wenig Sinn, zumal sie den Höhenunterschied als bedeutungslos empfindet.

"Kapitän?" ruft sie nach oben.

Jergan Efferdstreu hat die beiden Frauen schon beobachtet, und so kommt seine Antwort sofort, denn schließlich möchte er Nirka ohnehin sprechen. Daß sie von alleine kommt, macht das nur noch einfacher.

"Was gibt es?"

"Es ist heute wohl schon zu spät, um noch einen Schiffbauer zu finden, der uns heute die Rudermaschine repariert. Aber wichtig ist das ja trotzdem. Wenn Ihr nichts dagegen habt, dann würde ich jetzt so bis Mitternacht an Land gehen, und diesen Landgang mit der Suche nach einem geeigneten Schiffbauer verbinden - die dürften sich ja jetzt auch in den Hafenkneipen herum treiben. Damit wäre dann sichergestellt, daß es morgen früh gleich losgehen kann."

Der Kapitän zögert nicht, zustimmend zu nicken, denn diese Lösung gefällt ihm sogar noch besser als das, was er sich selbst überlegt hatte - nämlich jemanden bei einigen Schiffbauern in der Hoffnung vorbei zu schicken, doch noch jemanden anzutreffen.

"Tu das. Es wäre gut, wenn du um Mitternacht wieder hier bist - wir wissen ja nicht, was sich mit der ZYKLOPENAUGE noch so alles ergibt, und ob wir vielleicht noch etwas tun müssen."

"Das geht in Ordnung - ich muß morgen ziemlich früh ja dann auch noch einiges an der Rudermaschine vorbereiten lassen. Die Matrosin Sigrun wird mich jetzt begleiten - falls wir schon die Gelegenheiten für Verhandlungen bekommen, dann kann einer von uns zurück gehen und Bescheid sagen."

Nirka sagt das sehr sicher und bestimmt, auch wenn sie selbst nicht im geringsten an eine solche Möglichkeit glaubt. Andererseits ist es ihr gutes Recht als Bootsfrau, über die Matrosen soweit zu bestimmen, wie das nicht Interessen der Schiffsführung entgegen läuft.

"In Ordnung", bestätigt der Kapitän knapp.

Die Bootsfrau wendet sich wieder ihrer Freundin zu, und fragt leise genug, um auf dem Brückendeck nicht gehört zu werden:

"Können wir, oder mußt du noch etwas holen?"



Nachdem Nirkas Vorschlag, der sich mit dem, was der Kapitän ohnehin tun wollte, deckt und im Grunde sogar besser ist, besprochen ist, ist Jergan Efferdstreu wieder alleine auf der Brücke seines Schiffes, das von immer mehr der sich an Bord befindlichen Menschen zwecks Landgang verlassen wird. Doch... insgesamt bleibt die Anzahl der Menschen recht konstant, denn den drei, die das Schiff hier in Salzerhaven verlassen oder schon verlassen haben, stehen schon jetzt, gar nicht einmal so lange nach dem Anlegen, mit dem Händler, dem Zwergen und dem jungen Hesindegeweihten drei neue Fahrgäste gegenüber. Der Kapitän ist sich dabei jedoch recht sicher, daß sich das am nächsten Tag noch ändern mag.

Langsam geht er über das Brückendeck und läßt seine Blicke schweifen, während seine Gedanken sich wie so oft in letzter Zeit mit all den Dingen beschäftigen, die sich seit dem Ablegen in Prem vor gerade einmal fünf Tagen ereignet haben.



"Nein, wir können los", antwortet Sigrun und lächelt Nirka erwartungsvoll an. Ihr Geld und ihre Jacke hat sie bei sich und so ist es wirklich nicht notwendig, noch einmal in den Mannschaftsraum zu gehen.

Sigrun dreht sich um und geht voran zur Planke. Schon setzt sie den ersten Fuß, dreht aber noch einmal den Kopf nach hinten, um zu sehen, ob Nirka ihr auch folgt.



Nirka folgt Sigrun sogleich zur Planke, wobei auch sie sich jedoch noch einmal umsieht, ob auf dem Schiff alles in Ordnung ist. Das ist eine Gewohnheit, die die Bootsfrau in langen Jahren entwickelt hat, und die einfach durch ihr Verantwortungsbewußtsein verursacht ist - auf diesem Schiff ist sie Bootsfrau, und darum muß dort auch alles ordentlich aussehen und ordentlich sein - immer und in jeder Situation. Im Moment stört aber einzig das Fehlen des Beibootes, aber das liegt wohlvertäut zwischen der NORDSTERN und der ZYKLOPENAUGE, und wird dann wohl sicher am nächsten Morgen wieder auf seinen angestammten Platz auf dem Deck der NORDSTERN zurück kehren.

Die beiden Frauen überqueren rasch die Planke, und gehen auf der anderen Seite an Land ohne weitere Umstände oder Bemerkungen an den sich dort befindlichen Menschen vorbei über den Anleger, in Richtung der Kaianlagen und des eigentlichen Hafens.


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"Ich werde mich dann also morgen zur neunten Stunde auf Euer Karavelle einfinden, und genügend Material mitbringen, um gegebenenfalls die ganze Ruderanlage auszutauschen."

"Soviel wird wohl nicht nötig sein", antwortet Nirka dem alten Schiffbauer, "aber das werdet Ihr morgen selbst sehen und entscheiden können."

Sie hütet sich, dem Fachmann gegenüber irgendwelche ihrer Vermutungen über die nötigen Arbeiten zu erwähnen, denn für gewöhnlich mögen es solche Menschen überhaupt nicht, wenn man ihnen sagt, wie sie ihre Arbeit zu verrichten haben.

"Das wohl. Wollt Ihr noch ein wenig hierbleiben, oder ruft die Pflicht?"

Der Schiffbauer sieht die beiden Frauen dabei einladend an - mit einer sicher ehrlich gemeinten und nicht geheuchelten Höflichkeit, doch Nirka schüttelt den Kopf. Grundsätzlich wäre zwar nichts dagegen einzuwenden, in dieser kleinen und engen Hafenkneipe noch etwas zu verweilen, aber die Aussicht, mit Sigrun zusammen in den "Fröhlichen Kutscher" zu gehen, ist doch um Größenordnungen verlockender.

"Leider ruft sie - wir haben ja erst vor kurzem angelegt. Euch möge EFFerd noch einen schönen Abend schenken."

"Habt Dank. Efferd sei auch mit Euch!"

Nach diesen Worten verlassen Sigrun und Nirka die Hafenkneipe.

"Das ging ja schnell", stellt die Matrosin draußen fest.

"Ja, in der Tat. Da haben wir Glück gehabt, und damit natürlich noch mehr Zeit für uns."

Sigrun nickt grinsend, und fragt dann:

"Wo entlang geht es zu dem Gasthaus?"

"Laß uns einfach dieser Straße weiter folgen, in einer der nächsten Querstrassen wird es sein. Ich werde das sicher erkennen, auch wenn ich den Straßennamen nicht mehr weiß - so etwas merke ich mir eigentlich prinzipiell nicht."

Raschen Schrittes setzen die beiden Frauen ihren Weg durch das immer dunkler werdende Salzerhaven fort.


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Die Straße, in der sich laut Nirkas Erinnerung das Gasthaus "Zum Fröhlichen Kutscher" befindet, gehört zu den etwas besseren der Hafenstadt. Zwar liegt auch hier Schmutz herum, doch es ist ohne Probleme möglich, dem auszuweichen, und eine Reihe von Öllampen sorgt dafür, daß man auch zu dieser Stunde noch deutlich sieht, wohin man seine Füße setzt.

Die Straße ist gesäumt von den Häusern der etwas wohlhabenderen Bürger, die es geschafft haben, sich einen Lebensstandard zu schaffen, der über der Armut vieler in solchen Hafenstädten liegt, aber natürlich auch noch weit unterhalb des Standards derer, die die großen Handelshäuser besitzen, die meist am Marktplatz angesiedelt sind, und im Hafenviertel ausgedehnte Lagerhäuser besitzen. In vielen Erdgeschossen gibt es kleine Läden, die im Moment natürlich geschlossen sind, aber in denen man tagsüber den bunten Schildern zufolge so ziemlich alles kaufen kann - von Gewürzen und Weinen über Lebensmittel bis hin zu Waffen, Fuhrwerken und Ausrüstungen für Schiffe.

Etwa nach der Hälfte der Länge der Straße bleibt Nirka stehen.

"Das da ist der Schiffsproviantverkäufer, bei dem wir damals waren", sagt sie, und zeigt auf ein recht großes und pompöses Haus, das anscheinend auch Lagerräume für allerlei Waren besitzt. Das Schild über der großen Eingangstür ist mit mehreren Muscheln verziert, die sicher nicht aus den hiesigen Gewässern stammen, und kündet davon, daß es hier Schiffsproviant und Weine zu kaufen gibt. Rechts neben diesem Gebäude gibt es einen weiteren Laden, der anscheinend mit allerlei Waren aus Leder handelt, und auf der linken Seite steht ein Wohnhaus, das möglicherweise auch Geschäftsräume birgt, deren Angebot aber nicht nachzuvollziehen ist - die Inhaber haben es unterlassen, mehr als ihre Namen auf entsprechende Schilder zu schreiben. Auf der gegenüberliegenden rechten Straßenseite steht ein ebenfalls recht pompös angelegtes Gebäude, bei dem es sich sehr eindeutig um ein Gasthaus handelt, das nicht nur von der Bewirtung von Gästen lebt, sondern sicher auch das eine oder andere Gästezimmer besitzt. Das Schild über dem Eingang verkündet stolz:

"ZUM FRÖHLICHEN KUTSCHER"

Die Herkunft des Namens mag in einer Hafenstadt rätselhaft sein, doch das rechts daneben stehende Gebäude - eher ein Hof mit angeschlossenen Gebäuden - mag dieses Rätsel wenigstens zum Teil klären - dort stehen nämlich allerlei Fuhrwerke herum, die dort wohl gepflegt, repariert und wohl auch verkauft werden.

"Und das ist dann das Gasthaus", ergänzt Sigrun lächelnd, während sie darauf zeigt.

Nirka lächelt zurück, und geht dann auf die Eingangstür zu, die sie der Freundin einladend aufhält.



NORDSTERN - Unterdeck: Joanna


'Ich laufe euch schon nicht davon' hört Joanna Torin sagen. Sie will sich ihm nähern, doch schon hat sie ihn aus der Sicht verloren als er Richtung Aufgang davongeht.

'Will er denn jetzt überhaupt noch Essen gehen? .... Und vor allem gemeinsam?'

Unsicher, jedoch zielbewußt und mit schnellen Schritten, macht sie sich auf den Weg.

'Entschuldigt bitte' murmelt Efferdan als er sich an die Wand preßt um auszuweichen, was bei Joannas schlanker Gestalt eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Unbewußt verringert sie ihr Tempo als sie ihn sieht.

'Irgendwie hat er etwas seltsames an sich. Seine Augen ... seine Haut..., seine Haare...'

Die Druidin lächelt ihm noch einmal freundlich zu bevor sie dann schließlich die Stufen zum Oberdeck hinaufsteigt.

Oben angelangt sieht sie sich nach Torin und Ameg um.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Torin und Ameg verabschieden sich


Die dunklen Stufen des vorderen Aufgangs zu erkennen, ist für Torin Rotmarder kein Problem. Oben angekommen blickt er in Richtung der Ortschaft. Doch die abendliche Idylle Salzerhavens, die sich ihm bietet, berührt ihn nicht. Zu sehr beschäftigen sich seine Gedanken mit dem, was er an diesem Tag noch vor hat.

"Was ist mit der Druidin? Wollte sie nicht mit uns kommen?" fragt er mit einem kurzen Blick zur Seite sein Mündel.

'Hoffentlich plagen sie nicht wieder ihre Visionen. Das muß ja schlimm sein.'

'Naja,' schwächt er ab 'sie ist das sicher gewohnt.'

Dann dreht er sich nochmals zu Ameg.

"Komm mit, ich habe noch etwas mit dem Kapitän zu besprechen."

Kaum daß Torin diese Worte gesagt hat, setzt er sich auch schon in Bewegung und geht schnurrstracks auf den Aufbau des Brückendecks zu. Dort angekommen erklimmt er auch die paar Stufen zum Brückendeck und grüßt den Kapitän.

"PHEx zum Gruße, Kapitän Efferdstreu."



"EFFerd zum Gruße", erwidert der Kapitän dem Fahrgast, der gerade auf die Brücke gekommen ist, und damit das Grübeln und in der Gegend-umher-gucken unterbricht. Anscheinend ist die Ruhe noch nicht so ganz eingekehrt, doch das stört Jergan im Moment auch nicht besonders, vor allem auch, weil dieser Fahrgast sehr höflich grüßt, und nicht einfach nur auf die Brücke stürzt, um seine Frage loszuwerden.



"Nun." beginnt Torin, nachdem der Kapitän den Gruß erwidert hat. "Eigentlich wollte ich mich bei euch für die sichere und..."

'...abenteuerliche Überfahrt bedanken.'

Torin stockt für einen Augenblick, als er merkt, daß er den Satz so nicht beenden kann. Die noch immer auf der ZYKLOPENAUGE liegenden Toten mahnen ihn, daß es beileibe nicht nur eine 'abenteuerliche' Fahrt war.

"...äh... Nun, ich möchte mich für die sichere Überfahrt bedanken."

Er greift mit der freien Hand an seinen Gürtel und löst geschickt seine Geldkatze.

"Ich möchte mich erkenntlich zeigen." sagt er zu Efferdstreu, während er in dem nun offenen Lederbeutel etwas sucht.

"Nicht, daß ihr mich falsch versteht, aber ich glaube, daß die Matrosen ihre Arbeit mehr als gut gemacht haben und ich möchte, daß sie diese hier unter ihnen verteilen."

Mit diesen Worten streckt er dem Kapitän die offene Handfläche mit fünfzehn Hellern hin.



Jergans Gesicht verfinstert sich bei Torins Griff nach dem Geldbeutel ein wenig, doch die Worte, die der andere dazu spricht, lassen ihn sogleich wieder ruhig werden.

"In Ordnung, das werde ich veranlassen. Ich danke Euch im Namen meiner Mannschaft dafür, auch wenn es selbstverständlich ist, daß wir alle unsere Fahrgäste sicher an ihr Ziel bringen."

Er nimmt das Geld entgegen, und steckt es in den Beutel, in dem er auch das Geld unterbringt, das Fahrgäste für die Mitfahrt bezahlt haben - einem kleinen "Ableger" der Schiffskasse sozusagen.

"Ihr wollt uns hier in Salzerhaven verlassen?" fragt Jergan dann.



Torin lächelt, als der Kapitän ihn versichert, daß das Geld seiner Bestimmung zugeführt wird. Er nickt auf die Frage hin, ob er das Schiff in Salzerhaven verlassen will.

"Ja, das will ich. Mein Mündel und ich haben noch einen langen Weg bis Gareth. Und sicherlich werden wir den größten Teil des Weges zu Fuß gehen müssen."

Er lacht auf, bevor er fortfährt.

"Aber wir werden uns sicher oft an die gemütlichen Kojen im Bauch der NORDSTERN erinnern."

Als sein Lachen abebbt wird er leiser und beugt sich etwas zu Kapitän Efferdstreu vor. Nach Möglichkeiten soll keine der umstehenden Personen seine nächste Frage mitbekommen.

"Sagt, wißt ihr zufällig, ob Frau Fuxfell auch von Bord gegangen ist?"



Ameg folgt Torin betont langsam und kommt so erst auf dem Brückendeck an, als Torin sich gerade zum Kapitän rüber beugt und etwas flüstert.

'nicht mal auf mich warten tut er', denkt sich Ameg und schlendert über das Brückendeck. 'was beredet er nur mit dem Kapitän? hmm.. vielleicht will er mich schon hier los werden...'

In ein wenig bösartigen Gedanken über Torins Absichten versunken geht Ameg zum Steuerrad... schaut es ein wenig trotzig an, um es dann mit der Hand ein wenig an zu schubsen.. woraufhin es sich nicht sichtbar rührt.... 'hmm.. wie weit man das wohl drehen kann... ob ich das kann?'



Der auf dem Brückendeck umherstreifende Junge fällt dem Kapitän zwar auf, er unternimmt aber nichts, ihn zu stoppen. Zum einen kann er momentan keinerlei Schaden anrichten, und zum anderen kann Jergan sich noch sehr gut daran erinnern, wie neugierig er selbst war, als er das erste Mal auf dem Brückendeck eines richtigen großen Schiffes stand. Das ist zwar schon sehr viele Götterläufe her, aber die Erinnerung ist immer noch da - recht lebendig sogar.

"Dann wünsche ich Euch eine gute Reise nach Gareth. Dorthin kann die NORDSTERN Euch ja leider nicht bringen."

Auch der Kapitän lacht an dieser Stelle kurz, vielleicht angesteckt durch Torins Lachen kurz zuvor.

"Was die Frau Fuxfell betrifft - ich weiß nicht, ob sie das Schiff zum Landgang verlassen hat. Auf jeden Fall hat sie nicht gesagt, daß sie uns verläßt - von daher gehe ich davon aus, daß sie noch länger mitfahren wird."

Jergan spricht die Antwort auf die zweite Frage wesentlich leiser aus als den Beginn seiner kurzen Rede - ganz so, wie Torin es auch bei seiner Frage getan hat.



Erst jetzt fällt Torin auf, daß mittlerweile auch Ameg auf dem Brückendeck herum schleicht. Doch er beachtet ihn nicht weiter.

'Solange er keine Dummheiten macht, kann er seine Freiheit in vollen Zügen genießen.'

"Auch euch und euerer Mannschaft wünsche ich eine gute Reise." entgegnet er dem Kapitän.

"Wie sagt man in der Seesprache noch? - Mögen euere Winde günstig wehen? - Und gehabt euch wohl."

Mit diesen Worten wendet er sich langsam dem Niedergang zum Oberdeck wieder zu.

Den letzten Satz des Kapitäns läßt er bewußt ohne einen weiteren Kommentar seinerseits. Dieses Thema ist für ihn wie eine kleine Wunde - nicht so tief um ihm zu schaden und doch tief genug um ihn schmerzlich daran zu erinnern, daß sie vorhanden ist.

'Sie wird also noch weiter auf der NORDSTERN fahren.'

"Hmmhmmn." grummelt er leise.

Nachdenklich streicht er durch seinen Bart.

'Sie hatte irgend etwas an sich...'



Jergan nickt höflich zu den Worten Torins, und blickt diesem kurz nach, als er sich zurück zieht - wohl, um seine Absicht, das Schiff zu verlassen, in die Tat umzusetzen.

Wieder einmal ist der Kapitän damit mehr oder weniger alleine auf dem Brückendeck, und wieder einmal bietet sich damit eine Gelegenheit, sich mit den noch anstehenden Arbeiten in Verbindung mit der Schiffsführung zu kümmern.

Seine Blicke huschen über das Deck, um Nirka zu suchen - und finden sie dann sehr günstig in ziemlicher Nähe des Aufganges auf das Brückendeck in Begleitung der Matrosin Sigrun. Die beiden sind anscheinend zielstrebig auf dem Weg nach achtern, und das kann im Grunde nur bedeuten, daß sie ohnehin auf dem Weg zu ihm waren.

So bleibt Jergan an Ort und Stelle stehen, und wartet erst einmal.



NORDSTERN - Unterdeck: Efferdan und Wasuren


Bald darauf ist Efferdan wieder am hinteren Niedergang, vor dem immer noch zwei Personen stehen: Alrik und Garulf .

`Aber wenigstens keine Passagiere mehr...`

Efferdan begibt sich zum Aufgang und beginnt diesen wortlos soweit hochzuklettern, daß er auf das Oberdeck sehen kann denn ganz nahe am Niedergang müßte ja Wasuren stehen...

`Ob Wasuren wohl ärgerlich ist, weil ich solange gebraucht hab?`

"Äh, es ist jetzt alles frei..." sagt Efferdan leise...



Wie lange Efferdan nun schon weg ist? Wasuren verliert bei dem ganzen Warten und nichts tun sein Zeitgefühl.

Die Realität der NORDSTERN verschwimmt wie selbstverständlich vor seinen Augen und er befindet sich nun auf einem mit heiter feiernden Menschen gefüllten Oberdeck. Die NORDSTERN liegt bei schönem Wetter in einem malerischen Hafen, der nur in Thorwal sein kann. An Deck wird gerade eine kleine Darbietung eines Gauklers u. ein wunderbares Festmahl zu ehren des Tsa-Tages von Fiana geboten. Wasuren genießt die Feier u. das Bier als willkommene Abwechslung zur Arbeit. Hier und dort unterhält er sich mit seinen Matrosen Kollegen(innen). Die Dämmerung nähert sich und Wasurens Bierkonsum hat sich dramatisch gesteigert, doch noch immer wird ausgelassen gefeiert.

Nun nimmt Wasuren auch rasch Kontakt zu den weiblichen Mitreisenden und Gästen an Bord auf, denn solch eine Abwechslung ist stets willkommen und sehr reizvoll, da dies auf jeder Fahrt streng untersagt ist.

Also zimpert er nicht lang und plaudert mal mit dieser u. jener Mitreisenden wobei der Seebär nun vom Bier auf Wein umgestiegen ist, da dieser auch bei den Frauen besser anzukommen scheint. Gerade geht Wasuren auf eine schlanke geschmeidige Frau mit zierlichen, gut geformten Rundungen zu. Sie trägt einen dunklen leinenartigen Umhang und unter der bis ins Gesicht gezogenen Kapuze schauen güldenfarbene Haarsträhnen hervor. Gerade will er die wohl neue Dame an Bord begrüßen, als sie sich ihm zu wendet und ihn mit einer gut bekannten Stimme zu haucht ....

Die Szene verblaßt vor Wasurens Augen als Efferdan ihn anspricht.

"hmm, was?" fragt er brummig den Niedergang hinab, als seine Blicke auch schon die vor ihm auf dem Boden liegende Trosse erhaschen.

'Die Arbeit ruft!' kommt ihm ein alt bekannter Gedanke. Wasuren streckt und reckt sich, geht in die Hocke und zerrt die Trosse ein Stück um es dann anzuheben und Efferdan hinunter zureichen.

"Wird´s so gehn? " fragt er.



`EFFerd sein Lob und Preis. Offensichtlich ist Wasuren nicht böse.`

Efferdans Gesicht wird von einem etwas erleichterten Gesichtsausdruck dominiert. Doch dieser Ausdruck wandelt sich sogleich in Bestürzung, als er die schwere Trosse sieht, daß er nun den Niedergang hinunter wuchten muß.

`Was solls. Ich kann ja jetzt schlecht kneifen. Was soll er sonst nur von mir denken?`

"Es muß wohl gehen" seufzt Efferdan leise und greift mit der rechten Hand die Trosse, während er sich mit der linken Hand immer noch festhält.

Langsam beginnt er hinabzusteigen, die Trosse hinunter ziehend...



Zuerst geht der Abstieg relativ leicht, schleift doch ein Ende der schweren Trosse noch wenigstens ein Stück auf den Planken des Oberdecks. Der Wendepunkt des Trossentransportes den hinteren Niedergang hinunter stellt sich ein, als Efferdan denselben etwa zu drei Vierteln bewältigt hat. Die ganze Zeit schon hatte er unter dem immer mehr zunehmenden Gewicht geschwitzt und hin und wieder mal laut ausgeatmet. Sein rechter Arm, mit dem er die Trosse hält, zittert schon aufgrund der Anstrengung, das schwere, dicke Tau zu halten...

Jetzt also, auf dreivierteltem Wege hinab geschieht etwas, was normalerweise nicht geschehen sollte, womit man - damit wäre ein aufmerksamer Beobachter des Geschehens gemeint - allerdings schon hätte rechnen können. Efferdan allerdings war zu verbissen, in seiner Anstrengung, es zu schaffen, endlich zu zeigen, daß er ein vollwertiges Mitglied der Mannschaft ist - was soll man schließlich von ihm denken, wenn er bei den »einfachsten« Arbeiten kneift -, Efferdan also war viel zu verbissen, unvernünftig - obwohl normalerweise nicht seine Art -, um zu bemerken, daß die Trosse zu schwer zu werden droht. Und genau dieser Punkt ist jetzt erreicht:

Jäh reißt ihn die nun zu schwer gewordene Trosse nach unten. Hilfesuchend klammert er sich mit der linken Hand an den Niedergang, doch seine Finger finden kaum festen Halt und so rutscht Efferdan unweigerlich ab, nach unten gezogen, von der Trosse, die er halten sollte und nicht halten kann.

`Ich falle...` zuckt es durch Efferdans Kopf.

Ein helles "Vorsicht" entschlüpft noch einigermaßen laut seinem Mund, dann verliert Efferdan endgültig den Halt, stößt sich - mehr reflexartig denn aus bewußter Überlegung heraus - etwas von den Stufen ab und legt die kurze Strecke nach unten im Fallen zurück, die Trosse noch in der Hand...

Unten würde er wohl gerade so neben den dort stehenden landen - falls diesen nicht einfällt plötzlich zur Seite zu treten...



Kaum hat Wasuren den Niedergang zum Laderaum überwunden, schlängelt sich auch schon Efferdan an ihm vorbei und sorgt dafür das Wasuren freie Bahn in den Lagerraumbereich hat.

'Komisch dieses mal ging die Sache mit dem Niedergang aber deutlich schneller.' stellt Wasuren gerade fest, als er den ersten Lagerraum schon fast durchquert hat.

Doch dann rutscht ihm die ungünstig gelegene Trosse von der Schulter und Wasuren kann es nur noch mit einer schnellen, unbeholfenen Gestik des linken Armes abfangen. Mit in falten gezogenem Gesicht hält er die Trosse fest umklammert mit beiden Händen vor der Brust und trägt es bis in den zweiten Lagerraum hinein.

Jegliche Blicke oder behelfs versuche von Efferdan blockt er mit einem schnaufen ab. Die letzten paar Schritt zur Segellast schleift Wasuren die Trosse über den Boden, um dann vergebens an der verschlossenen Tür dort halt zu machen. Kurzerhand legt er die Trosse neben die Tür, rollt es einigermaßen gut auf und wischt sich dann den Schweiß von der Stirn.

"Nichts gegen Dich Efferdan, aber wir woll hier ja nicht länger als nötig arbeiten oder?"

Langsam erholt Wasuren sich schnaufend und stößt dann Efferdan Kumpelhaft (locker) in die Seite.

"Du mußt wohl auch noch ein wenig üben, was ? Laß uns doch auf die getane Arbeit einen Trinken gehn!"



Als Efferdan sah, wie die Trosse von Wasurens Schulter zu rutschen drohte, wollte er hinspringen und ihm helfen, doch Wasurens Schnaufen zeigte ihm, daß dieser ihm das Übel nehmen würde. So beschränkt sich Efferdan darauf, Wasuren den Weg soweit freizumachen, daß dieser ungehindert passieren kann.

An der Tür angekommen, fängt er an, an seiner Kleidung herum zu näseln - seine Hose besitzt nämlich in der Tat eine Tasche - als Wasuren ihm in die Seite stößt. Was für diesen locker ist, das empfindet Efferdan doch schon als recht hart und so entfährt ihm ein lautes "Umpfff" und er weicht reflexartig etwas zur Seite. Sein Gesicht macht einen etwas gequälten Eindruck, als er sich tapfer gegen den Schmerz wehrt, der von seiner Seite aus den ganzen Körper zu bedecken scheint.

`Au... ausgerechnet auf den blauen Fleck...`

"Äh..Geh du nur Wasuren" preßt er zwischen den Zähnen hervor, während seine rechte Hand gleichzeitig einen Schlüssel aus der besagten Hosentasche zieht.

`Zum Glück habe ich vorhin dran gedacht, den Schlüssel einzustecken`

"Ich... ich bringe es schon alleine rein. Du... du willst sicher schnell an Land..? Geh nur.... ich äh... ich bleib lieber hier... "

`Warum wollen alle nur immer so schnell an Land. Ich kann sie nicht verstehen - was wollen sie dort? Da ist es staubig, laut - und... und es ist nicht das Meer...!`

"Du weißt doch... ich äh trinke... nicht" meint er scheu und mit entschuldigendem Tonfall mit einem Seitenblick zu Wasuren, bevor er sich dran macht, die Tür aufzuschließen, die in die Segellast führt.



Wasuren guckt immer verdutzter als er Efferdan so reden hört.

'Hmm er will die Trosse also allein darein bringen. Und nun faselt er schon wieder von all den Dingen die er nicht mag und tut.'

"Danke Efferdan, das du den Rest alleine machst. Ich muß jetzt unbedingt an Land,. du weißt schon ein paar Frauen aufreißen, ein paar Bier trinken, Armdrücken und sich mit den üblen Landratten rum balgen, bis Du Eisen im Mund schmeckst. Du weist wirklich nicht was du dir da entgehen läßt Efferdan! "

Wasuren dreht sich um und trollt sich von dannen. Er poltert schwer den Weg zurück und den Niedergang hinauf. Doch kaum oben angekommen, dreht er sich um und schleicht so leise es ihm möglich ist wieder hinunter in den Lagerraum 1. Dort sucht er sich ein Plätzchen hinter eine paar Säcken und einem Faß, von wo aus er Efferdans Aktivitäten beobachten kann.

'Mal schauen was Efferdan so macht wenn er alleine vorsichtig hin arbeitet.'



Noch einen kurzen Moment sieht Efferdan mit seinen großen blauen Augen dem davon schwindendem Wasuren hinterher, dann seufzt er kurz und öffnet die Tür in die Segellast. Rasch zieht er den Schlüssel ab und steckt ihn wieder ein - nicht, daß er vielleicht noch herunterfällt und verloren geht, öffnet die Türe weit und wendet sich wieder der Trosse zu.

"So, jetzt muß ich das nur noch rein bringen" murmelt er leise vor sich hin. Seufzend spukt er zweimal in die Hände, dann packt er mit beiden Armen die aufgerollte Trosse und beginnt es die kurze Strecke in die Segellast zu ziehen.

"Hau-Ruck. Hau-Ruck"

Schon diese Arbeit strengt ihn an. Schweiß perlt auf seiner ehemals blaß-weißen, nun geröteten Stirn. Aber Efferdan beißt die Zähne zusammen.

`Ich muß es einfach schaffen - ich kann es schaffen. Wenn ich lange genug trainiere, muß ich doch stärker werden...`

Und wirklich - Efferdan schafft es, die Trosse in die Segellast zu ziehen. Schwer atmend verharrt er für einen Augenblick, um zu verschnaufen. Die Trosse hat er losgelassen, es liegt jetzt neben der Tür in der Segellast. Efferdans Augen schweifen durch den Raum. Eigentlich erwartet er nichts besonderes, alles sollte so sein wie immer - sollte.

"Was ... ist das?" entfährt ihm verdutzt, hell dringt seine Stimme durch die offene Tür, hinaus in den Laderaum.

Irritiert sieht Efferdan auf das halb aufgerollte Segel am Boden. Wie konnte das sein? Wer auf dem Schiff würde ein Segel derart schlampig verstauen? Nein, daß kann kein Matrose gewesen sein... Aber wer war es dann? Die Segellast war doch abgeschlossen?

`Am Besten erst einmal aufräumen. Das Segel kann auf keinen Fall so liegen bleiben!`

Flink kniet sich Efferdan neben das Segel und beginnt damit, es wieder richtig zusammenzulegen...



Enttäuscht sieht Wasuren zu wie Efferdan die Segelast aufschließt und sich mit der Trosse abmüht. Efferdan verschwindet in der Segellast und kurz darauf ist ein verblüfftes "Was ... ist das?" in dem für Efferdan typisch hohen Ton zu vernehmen.

Wasuren zuckt merklich zusammen und das Adrenalin in seinen Adern steigt an. Gespannt wartet er auf eine weitere Reaktion, doch statt dessen hört er wenig später nur das geschäftige rumoren eines fleißig arbeitenden Efferdans.

Enttäuscht trollt sich Wasuren wieder leise von dannen.

'Und ich hatte doch so gehofft, das ich diesem Efferdan nun endlich mal auf die Schliche komme. Ob ER wirklich eine SIE ist wie manchmal an Bord gemunkelt wird? oder er hätte wenigstens einmal zaubern können, nach den Gerüchten müßte doch irgend etwas davon wahr sein.'

Wasuren geht nun nicht mehr ganz so leise den Niedergang hinauf und begibt sich in den Mannschaftsraum, um seine Sachen für den Landgang zusammen zu suchen.

'Mit Efferdan stimmt irgend was nicht! ' geht es ihm immer noch durch den Kopf. 'Ich glaube ich muß mal einen von den Jungens beauftragen Efferdan etwas länger im Auge zu behalten. Dieser Ameg ist ja recht Geschickt, obwohl ALRIK viel Erfahrener an Bord ist. Mal sehen vielleicht frag ich sie am besten beide. doppelt hält besser. "

Und mit diesen Gedanken kommt Wasuren zufrieden und voller Vorfreude im Mannschaftsraum an.



Sehr sorgfältig und routiniert - in seinen Jahren auf See hat Efferdan schon oft Segel zusammengelegt - faltet Efferdan das Segeltuch wieder zusammen. Gewissenhaft überprüft er immer wieder einmal die richtige Lage der Nähte, zupft hier und da eine Falte glatt, legt die Refbändsel wieder ordentlich hin - kurz, er sorgt dafür, daß das Großegel wieder in dem Zustand ist, in dem es sein sollte.

Dabei läßt er sich viel Zeit - denn das Segel ist eines der wichtigsten und zugleich wohl anfälligsten Teile auf einem Schiff. Und so kommt es auf besondere Sorgfalt im Umgang mit eben diesem an, die Efferdan auch an den Tag zu legen gedenkt.

`Ich möchte nur wissen, wer das gemacht hat... Keiner von den Matrosen wäre so schlampig und gedankenlos, das Segel einfach so hinzuwerfen. Ob sich der Knoten gelöst hat? Aber dann wäre das Segel bestimmt nicht so ausgefaltet...

Vielleicht... vielleicht sollte ich das doch später melden... Wer hinterläßt in der Segellast nur eine solche Unordnung?`



Auch die schwerste Arbeit ist bei aller Sorgfalt irgendwann einmal getan. Und so ist auch Efferdan irgendwann mit dem Segel - und mit der endgültigen Verstauung der Trosse - fertig. Sauber zusammengelegt liegt das Segel wieder an seinem angestammten Platz. Die Trosse befindet sich ebenfalls in dem dafür vorgesehenen Fach - keine leichte Arbeit für Efferdan. Und so bleibt er noch einen Moment stehen, um zu verschnaufen, zu warten, bis die Röte in seinem Gesicht, die er zwar nicht sehen kann, von der er aber weiß, daß sie da ist, verschwunden ist. Noch einmal blickt er sich in der Segellast um, ob auch wirklich alles so ist, wie es sein sollte, dann tritt er hinaus, in den Laderaum und schließt die Tür zur Segellast wieder sorgfältig zu. Knirschend dreht sich der Schlüssel im Schloß. Noch einmal prüft Efferdan, daß die Türe auch richtig zu ist. Wer immer in der Segellast für Unordnung sorgte, soll nicht einfach dort hineinspazieren können, falls ihn wieder danach gelüstet.

Dann huscht Efferdan durch den dunklen Laderaum nach oben.

`Soll ich jetzt noch Bescheid sagen? Sicher schlafen alle bis auf die Nachtwache... ich bin sicher, das hat bis morgen Zeit...`

Efferdan geht. Zum Glück ist er heute nicht zur Nachtwache eingeteilt... Zwar macht er die Nachtwache meistens gerne, aber jetzt ist er - wohl bedingt durch die Schlepperei der Trosse - rechtschaffen müde. Außerdem pochen die blauen Flecke, die er sich heute erst bei dem Sturz mit den Kugeln, dann auf dem Sturz den Niedergang hinunter, zugezogen hatte und schreien gerade nach Erholung.

Schnell bringt er noch den Schlüssel zur Segellast an seinen Platz, dann huscht Efferdan zu seiner Hängematte im hintersten Winkel des Mannschaftsquartiers.



NORDSTERN - Unterdeck: Schule droht ....


Mit einem frischen Schritt tritt Hesindian auf den Gang hinaus. Ihm ist, als wäre ihm eine schwere Last vom Herzen genommen, und ihn erfüllt eine herzhafte, ungetrübte Lust nach einer schmackhaften Mahlzeit. Kurz blickt er den Gang hinunter, dann macht er sich auf den Weg zur Kombüse, den ihm Orgen gewiesen hatte.

Er kommt gerade rechtzeitig, um den Einwand des Jungen mitzubekommen.

"Hat etwa gerade jemand von Essen gesprochen? Mich erfüllt ein Hunger, der einem Titanen würdig wäre."

Dabei lächelt er den Alrik und Garulf offenherzig und unschuldig an.



Eigentlich wollte Garulf das Spielchen mit dem Schiffsjungen ja noch ein wenig weiter treiben, aber da stöszt ein Passagier hinzu und fragt nach Essen.

"In der Kombüse stehen drei Kisten Vinsalter Luftkartoffeln, die echten sind leider noch beim Händler," erklärt er Hesindian fröhlich, "und von da holen wir sie morgen früh ab, das wohl," fährt er ebenso fröhlich, an ALRIK gewannt fort.



"Luftkartoffeln, soso." Schnell hat ALRIK begriffen, daß es mit dem drohenden Arbeitseinsatz längst noch nicht so eilig ist, was dann auch spürbar für eine weitere Verbesserung seines Gemütszustands sorgt.

"Morgen früh also, alles klar, Smutje. Außerdem müssen wir ja sowieso noch Schnaps kaufen, nicht wahr?"

Fröhlich patscht der Schiffsjunge ein paar Mal auf seine Hosentasche, in der sich immer noch die wertvollen Goldmünzen befinden, die der spendable Radisar hat springen lassen.

Auf den Essenswunsch des jungen Geweihten geht ALRIK vorsichtshalber nicht näher ein. Zu groß ist das Risiko, doch noch eine neue Arbeit aufgebrummt zu bekommen. Naja, Garulf wird schon selbst wissen, ob noch was von dem letzten Eintopf nach Art des Küchenchefs übrig geblieben ist. ALRIKs Geschmack hatte er ja nicht getroffen, aber der Hunger trieb es halt rein. Und 'Besser den Magen verderben, als dem Koch was schenken', so sagte es auch schon immer ALRIKs Schwester.



'Luftkartoffeln, soso.' Diese Spezialität des Alten Reiches ist Hesindian bislang unbekannt und weckt die faszinierte Neugierde in ihm, mit der er allerlei Ungewöhnlichem und Bizarrem zu begegnen pflegt. Die Worte des kleinen Jungen indes lassen ihn verwirrt blinzeln.

"Junger Mann, bist du denn nicht noch etwas zu jung für derlei unziemlichen Genuß?" fragt er belustigt lächelnd, während seine Hand herab fährt, dem frechen Jungen durchs wirre Haar zu streichen.

"Du solltest dich lieber einem göttergefälligen Lebenswandel widmen, daß du unter dem Antlitz Der Zwölfe zu einem kräftigen Burschen heranwächst."



Gerade schien die Welt wieder in Ordnung zu sein, kurzfristig wenigstens. Doch eine achtlos und unbedacht dahin geworfene Bemerkung und der daraufhin folgende Tadel des Geweihten, sorgt schon wieder für deutliche Mißstimmung bei ALRIK. Die mahnenden Worte, die ALRIK zwar schon häufiger aus dem Mund von Passagieren im gesetzeren Alter zu hören bekommen hat, treffen ALRIK in diesem Falle um so mehr, denn der Geweihte wirkt selbst noch recht jung an Jahren.

"Aber..."

Der natürliche Respekt vor einem Diener der Geweihtenschaft, macht es ziemlich schwierig für ALRIK, sein Gesicht vor dem Schiffskoch zu wahren. Wenn der Geweihte doch wenigstens nicht so herablassend über sein Haar gestrichen hätte, ganz so als würde er mit einem Milchbubi reden.

"Aber..."

Irgendwas muß ihm jetzt rasch noch einfallen, bevor Garulf das noch weitererzählt und am nächsten Abend im Mannschaftsraum alle dämliche Witze machen. Und dann kommt die rettende Idee.

"Aber ja doch, natürlich, Herr. Aber Einkaufen gehört nun mal zu meinen Aufgaben an Bord, hier, wo ich arbeite, wie die andere Matrosen auch", sagt ALRIK und reckt sich dabei ein wenig, um noch etwas größer und kräftiger zu wirken, während er die Statur des Geweihten mustert. Üblicherweise sind sie ja weniger körperliche Arbeit gewohnt und somit vermutlich schmächtiger gebaut. "Aber sagt, Herr, stimmt das wirklich, daß man nur stark und kräftig wird, wenn man einen göttergefälligen Lebenswandel führt?"



"Nein." erwidert Hesindian verwundert auf ALRIKs Frage. "Du kannst eine Implikation nicht einfach umkehren, ohne den Sinn des Gesagten zu verdrehen. Vorher mußt du prüfen, ob eine Äquivalenz vorliegt, also zweiseitige Implikation. Das lag bei dem von mir genannten Beispiel nicht vor. Ich empfehle dir das Studium der Schriften des Aristotelicus, in seinem Werk der 'Mathematica axiomatum' führt er genau diese Problematik näher aus."

Daß die Schrift in Bosparano verfaßt ist, ist ein Detail, das der Geweihte nicht mit dem Faktum in Beziehung setzt, daß ALRIK gute 12 Götterläufe alt ist.

Nachdenklich zupft Hesindian an seinem Bärtchen, während er ALRIK eingehend mustert.

"Das solltest du doch längst in der Schule gelernt haben. Du gehst doch zur Schule? Er besucht doch eine Schule?" wendet er sich mit dem letzten Satz an Garulf.



"Als Kind bin ich natürlich zur Schule gegangen", meint ALRIK, wobei er fast versucht ist, ein wenig beleidigt zu gucken. "Aber jetzt natürlich nicht mehr."

Sicher, die Umstände damals waren alles andere als glücklich, doch sie ließen ihm keine Wahl. Bosparano wird daher wohl immer ein Buch mit sieben Sigillus Custodis Zaubersiegeln bleiben, aber nichts desto trotz, das Leben ist die wahre Schule, und was immer auch in verstaubten Folianten steht - hier auf der NORDSTERN hatte er einiges gelernt, was die alte Hauslehrerin ihm damals nicht beantworten konnte. Mal davon abgesehen, hätten ihr gewisse Fragen bereits die Schamesröte ins Gesicht getrieben. Grinsend denkt der Vierzehnjährige an die vergangene Zeit zurück.



Unglauben und Entsetzen spiegeln sich gleichermaßen in Hesindians Gesicht, als er die unbedachte Antwort ALRIKs hört. Der Knabe, der hier vor ihm steht, soll zu einem Leben in Analphabetismus verdammt sein, ohne jemals die klare Schönheit der Mathematik, die Pracht der vieltausendjährigen Geschichtsschreibung, all die Wunder der Zwölfe im allgemeinen und der Hesinde im Besonderen jemals erfahren zu haben?

Tränen drängen in seine Augen, als er sich das trostlose Schicksal dieses unschuldigen Schifferjungen vorstellt, sein Ende nach einem kurzen, schmerzlichen Leben in Lumpen gehüllt in einer schmutzigen Gasse einer unbekannten Stadt findend.

"NEIN!"

Hesindian wollte seinen Widerspruch zu dieser Schreckensvision nicht laut kundtun, aber nun hat er sich seiner Kehle entrungen. Er räuspert sich kurz, um dann in einem ruhigeren, einem Geweihten angemessenen Tonfall weiter zu sprechen.

"Zum Glück bin ich ja noch rechtzeitig gekommen. Ich werde gleich den Kapitän bitten, deine Bildung in meine Hände zu geben, auf daß du wenigstens einen Bruchteil der derischen Schönheit überhaupt erahnen kannst."

Sprach's und macht schon Anstalten loszueilen...



"Aber... aber ich kann lesen", versucht ALRIK das drohende Unglück gerade noch abzuwenden. Jedoch scheint es beinahe schon zu spät, denn der Geweihte macht sich bereits auf den Weg, um den Kapitän aufzusuchen.

"Und meinen Namen kann ich auch schreiben!" ruft er sicherheitshalber noch hinterher.

Ein schönes Schlamassel wird das ja werden! Gedanklich sieht sich der Schiffsjunge schon in der wenigen freien Zeit, die ihm hier an Bord bleibt, über langweiligen, verstaubten Büchern brüten.

daß das einzige, was der Junge jemals gelesen hat, das alte Kinderbuch vom "Eichhörnchen Stupsi im Zauberwald" war, und das überdies auch schon mehrere Jahre her ist, behält er lieber für sich. Lesen verlernt man schließlich nicht, auch wenn man es mehrere Jahre nicht macht... hoffentlich.



"Lasz mal gut sein," ruft Garulf dem sich bereits abwendenden Geweihten zu, "der Junge soll schlieszlich Seemann werden und kein Gelehrter."

Er klopft Alrik kräftig auf die Schulter, "und das lernt er bei uns am besten," ergänzt er seinen ersten Satz.



Hesindian stockt der Schritt in dem Moment, in dem ihn die Worte des Schiffskochs erreichen. Mit bleichem Gesicht dreht er sich um und starrt Garulf aus entsetzt geweiteten Augen an. Der Wert einer guten und breit gefächerten Bildung scheint diesem Mann nicht klar zu sein, ein Umstand, der das Weltbild Hesindians erschüttert.

"Was sprecht ihr da, guter Mann? 'Er soll Seemann werden?' Ein einfacher Matrose, meint ihr wohl! Niemals seine Möglichkeiten erfahren, sein göttergegebenes Schicksal erfüllen! Dieser Junge kann weit mehr werden als so ein einfacher Matrose, dessen Erwartungen an sein Leben nicht über die nächste Flasche Schnaps hinausgehen!"

Hesindians Ton steigert sich in der Intensität, in der seine gerechte Wut über die ignorante Einstellung Garulfs zunimmt, von einem leisen, heiseren Flüstern bis in einen stürmischen Ausbruch.

"Als Offizier muß er die Rechenkunst beherrschen, und das über ein Masse der primitiven Arithmetik hinausgeht, wie sonst soll er Frachtkosten und Mannschaftssold gegeneinander abwägen können? Ohne ein Wissen von den Ländern und ihren Gepflogenheiten, wie soll er da den Wert einer Ladung zu schätzen wissen? Ohne Kenntnis von den Sagen und der Geschichte fremder und seines eigenen Volkes, wie soll er da den Mut zu neuen Entdeckungen aufbringen."

Inzwischen trennt nur noch wenig Luft Hesindians Nasenspitze von Garulfs Kinn, auch wenn der Geweihte sich dafür arg recken muß. Wütend schüttelt er den erhobenen Zeigefinger dicht vor dem Gesicht des Thorwalers.

"Erzählt mir nicht, nur weil ihr es ohne Bildung bis zum Koch eines kleinen Frachtschiffs geschafft habt, daß es andere nicht weiter bringen könnten! Wissen ist der Schlüssel zu den Geheimnissen dieser Welt, zu Erfolg und zu Ruhm. Wenn ihr dem Jungen nicht diese Chance gönnt, so werde ich es dennoch auf mich nehmen, ihn nicht in Ignoranz und Unwissenheit versinken zu lassen!" knurrt er dem Thorwaler mit einer Inbrunst entgegen, die man dem hageren Mann nicht zugetraut hätte.



ALRIK seufzt.

Oh ja, es ist ihm klar, daß der Geweihte es gut mit ihm meint. Das Funkeln in seinen Augen und die Inbrunst in seiner Stimme erinnern ihn unvermittelt sehr an die Gebaren seiner Schwester. Oh ja, etwas Vernünftiges soll aus ihm werden. Und vernünftig war es bestimmt nicht, dicke, haarige Spinnen in der Schublade des Pultes der Frau Lehrerin zu verstecken. Jezabella hatte trotzdem darüber gelacht.

Aber die Zeiten sind längst schon vorbei und der Herr Geweihte würde es gewiß nicht verstehen, wie man ein Leben voller Möglichkeiten, voller Bildung und Zukunftsperspektiven gegen ein Leben als einfältiger Schiffsjunge einzutauschen vermag.

ALRIK seufzt abermals.

"Laßt es doch gut sein, Herr. Ihr bringt mich so nur in Schwierigkeiten. Ich bin doch bloß ein einfacher Schiffsjunge, wenn Frau HESinde gewollt hätte, daß aus mir ein gelehrter Wissenschaftler wird, dann hätte sie mich nicht auf ein Schiff, sondern in eine Studierstube geschickt."



Empört ringt Hesindian um seinen Atem. Welchen mißgünstigen Einflüssen muß dieser Junge ungeschützt ausgeliefert gewesen sein, um jegliche Hoffnung in ein erfülltes Leben verloren haben zu können! Nein, Hesindian ist nicht bereit, dieses Kind in den Fängen der Ignoranz untergehen zu sehen. Nein, sein Ziel ist klar und deutlich vor seinen Augen.

"Hätte die Göttin HESinde gewollt, daß du nur ein einfacher Matrose wirst, hätte sie mich dann zu dir geführt?"

Enthusiastisch ergreift er die Schultern ALRIKs und rüttelt ihn durch.

"Nein! Dein Schicksal ist es nicht, in Unwissenheit zu ertrinken, ohne zu wissen wie dir geschieht. Dein Wohl hat die Göttin in meine Hände gelegt, und das wohl! Ich werde diese Herausforderung annehmen. Sorge dich nicht, junger Mann, denn ich werde dir die Künste und das Wissen nahebringen. Und niemand, niemand auf diesem Schiff wird mich davon abhalten können."



Glücklicherweise fällt es niemandem ein, zur Seite zu treten, so, daß Efferdan in der Tat neben Schiffskoch, Schiffsjunge und geweihtem Passagiere auf den Planken landet.

Zuerst trifft ein Teil der Trosse auf das Holz, ein lautes TOCK verursachend, während Efferdan nur ein halbes Augenblinzeln später unten aufkommt. Zwar gelingt es ihm, mit den Beinen aufzukommen, sich etwas abzufedern, doch bedingt durch den Schwung des Abstoßens und durch das leichte Schaukeln des Schiffes verliert er sogleich wieder das Gleichgewicht und landet - diesmal endgültig auf Hinterteil und Rücken. Glücklicherweise war der Fall nicht sehr tief - schon von daher, daß Efferdan den Weg nach unten schon zu dreiviertel auf herkömmlichem Wege hinter sich gebracht hatte - und auch die eher weniger elegante Landung hat einiges von der Wucht des Falles abgelenkt, so daß sich Efferdan kaum ernsthaft verletzt haben kann und auch nicht hat. Zwar wird er wohl einen weiteren blauen Fleck davontragen - aber, der fällt bei der Menge an blauen Flecken, die sich Efferdan vorhin während des Kugelholens geholt hat, gar nicht mehr weiter auf.

So liegt Efferdan dann kurz etwas verdattert am Boden, richtet sich dann aber in Sitzposition auf und sieht auf die Trosse, daß nun neben ihm auf den Planken liegt.

`Das ist wohl wirklich nicht mein Tag heute. Erst beim Kugelholen die Treppe hochgestolpert, jetzt hinuntergefallen... na wenigstens ist die Trosse unten.`

Dann fällt Efferdans Blick auf die drei Menschen ganz in der Nähe, von denen mindestens zwei zu ihm herüber sehen.

`Oh EFFerd, wie peinlich. Warum muß aber auch immer mir das passieren. Und... der eine scheint ein Passagier zu sein. Hoffentlich habe ich ihn nicht verschreckt - der Kapitän wäre sicher furchtbar böse, wenn ein Passagier einen falschen Eindruck erhalten und deswegen nicht mitfahren sollte... Hoffentlich...`

Und hoffentlich sagt Garulf nichts zu Nirka. Wie würde sie reagieren, wenn sie hörte, daß er schon wieder hingefallen sei? Würde sie ihn wegen seiner Schwäche vom Schiff werfen?

`Bitte nicht - wohin sollte ich gehen?`

Efferdan sieht verlegen nach unten - tatsächlich wird er etwas rot - und fängt dann an, langsam aufzustehen.

"Verzeihung" murmelt er dabei leise...



Mit fanatischer Überzeugung bringt Hesindian diese Worte hervor, und scheinbar entfalten sie ihre Wirkung. Er läßt sie einen Moment wirken, doch dann erregt etwas anderes seine Aufmerksamkeit.

"Was ist das für ein Poltern?"

Verwundert richtet er den Blick den Niedergang hinauf...



Garulf wirft Hesindian einen ziemlich unverständigen Blick zu.

´Was ist denn in den gefahren?´.

"Das erste was der Junge lernen musz," dabei legt er seine Hand auf Alriks Schulter und beläszt sie dort, "ist wo er sich im Sturm festhalten musz. Was nützt es ihm, wenn er lesen kann, und dann bei einem biszchen Seegang über Bord geht? Und fremde Länder kann man nur kennenlernen, indem man sie bereist, das kannst Du mir glauben. Ich habe bereits ganz Dere gesehen, das wohl!"

Den letzten Satz spricht er etwas lauter und nicht ohne Stolz.

In der Nähe ist ein Poltern zu hören und etwas später sieht man den Matrosen Efferdan am hinteren Niedergang liegen.

"Und der da," er zeigt auf den Gestürzten, "musz erstmal lernen auf zwei Beinen zu gehen," fügt er lachend hinzu.



Während sich von einer Seite aus eine starke Hand auf seine Schulter legt, rüttelt an der anderen Seite der Geweihte so energisch herum, daß ALRIK zwar nicht die Befürchtung hegt, es könne ihn in Stücke reißen, aber für eine unliebsame Nackenstarre wird dieser "Übergriff" gewiß reichen.

"Ja, aber ja." ALRIK stimmt rasch dem Geweihten zu, bevor dieser ihm noch die Schulter auskugelt. Selten wird eine Suppe so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Und Nirka wird gewiß schon dafür sorgen, daß er als Schiffsjunge vorrangig seiner Arbeit nachzugehen hat und nicht so was Unnützes machen muß... wie Geschichtszahlen und Göttergedichte auswendig zu lernen.

Und zu allem Überfluß fliegt dann Efferdan noch Stufen hinab, und landet schlußendlich unsanft auf den Planken.

"Mir scheint fast, es gibt einen Wetterumschwung, die Matrosen fliegen heute so niedrig", prophezeit ALRIK und stimmt anschließend in Garulfs Gelächter mit ein. Kaum sind die Worte ausgesprochen, schon beißt sich der Schiffsjunge auf die Lippen. Im Beisein des Geweihten sollte man vielleicht doch besser nicht so laut lästern.

"Kannst du aufstehen", fragt ALRIK schließlich noch den gestürzten Efferdan. Aber wohl mehr, weil so eine Frage die Höflichkeit (der Geweihte hört zu) gebietet und weniger, weil Efferdan irgendwie ernstlich verletzt aussieht.



Während Alrik ihm noch die Frage stellt, richtet sich Efferdan gänzlich wieder auf und reibt sich mit der linken Hand verstohlen das Steißbein.

"Äh... ja, danke, ...geht... schon" antwortet Efferdan mit verschämt gesenkten Kopf und (gewohnt) glockenheller Stimme. Dann sieht er zur Trosse auf dem Boden, dann nach oben, zur Öffnung des Aufgangs im Deck und dann zu den drei Personen vor ihm.

"Äh, entschuldigt ... ich muß ... die Trosse ..."

`Warum passiert nur mir immer so etwas...`

Anschließend, etwas lauter, in Richtung Oberdeck:

"Äh Wasuren... die Trosse ist unten..."



"Das wohl!" ruft Garulf weiterhin lachend, zur Bestätigung der Wetterprognose des Schiffsjungen. Der Gestürzte rappelt sich derweil bereits wieder auf beginnt, das fallengelassene Seil wieder aufzusammeln.

´Na, wenigstens steht er wieder auf.´

Irgendwie ist es doch ein recht seltsamer Anblick, der beleibte Smutje und der hagere Hesindegeweihte zerren beide an dem armen Schiffsjungen, während der sowohl der Gezerrte als auch Garulf, Efferdan beim Aufstehen beobachten.



"Ja, ähm... so ist das", ALRIK räuspert sich, während er Garulf noch einmal heimlich angrinst. Efferdans Lebenszeichen wird noch mit einem kurzen Nicken quittiert, mehr Aufmerksamkeit kann der Schiffsjunge dafür nicht erübrigen - und außerdem ist ja auch nichts ernstliches passiert. Soll Efferdan mal lieber seine Arbeit machen, er ALRIK, hat jetzt fürwahr andere Probleme, die auf seinen Schultern lasten.

'Oder ob jetzt doch keine tadelnden Worte vom Geweihten mehr kommen?'

Irgendwie traut sich der Schiffjunge nicht, die Hand des Geweihten, die noch immer fest auf seiner Schulter liegt, abzuschütteln.



Nachdem sich Hesindian davon überzeugen konnte, daß dem Matrosen, der da auf so naive Art und Weise die momentane Funktionstüchtigkeit der Schwerkraft überprüft hat, nichts ernsthaftes zugestoßen ist, widmet er seine Aufmerksamkeit wieder voll dem thorwalschen Schiffskoch zu, der die unschuldige Seele des Schiffsjungen mit Ignoranz, Unwissenheit und Stolz zu vergiften sucht.

'Oh, selig sind die geistig Armen, denn sie wissen nicht, was Sie tun.'

Die Unschuld, mit der dieser Barbar argumentiert, weckt Mitleid in dem Geweihten.

"Was Ihr sagtet, ist vollkommen richtig." bestätigt er erst die Worte des Kochs. "Was nutzt dem Jungen Wissen, wenn er nicht in der Lage ist, einen einfachen Sturm zu überstehen? Aber das entkräftet nicht mein Argument, daß zusätzliches Wissen die Fähigkeiten dieses Jungen vervielfachen werden. Muß er denn nicht erst einmal lernen, wo er auf dem Schiff sicher ist, wenn das Schiff von Naturgewalten erschüttert wird? Muß er nicht erst noch lernen, wie er Knoten zu knüpfen hat, damit sie halten, oder wie er die Schiffsmahlzeiten vorzubereiten hat?" fragt Hesindian.

"Ich kann ihn die Schriftkunst, die Mathematik, die Naturkunde lehren; Dinge, die ihm auf der NORDSTERN wohl niemand sonst vermitteln kann. Und Wissen, das ihm eines Tages nützen können wird, und sei es nur, weil er einen in Rechnung gestellten Betrag überprüfen kann."

Der Geweihte schüttelt kurz den Kopf.

"Aber wieso diskutiere ich das mit Euch. Ich sollte mich direkt an den Kapitän wenden."



Hesindian nickt Garulf noch zu und klopft ALRIK aufmunternd auf die Schulter, bevor er sich zum Gehen wendet. Rasch erklettert er den Niedergang, nachdem er sich kritisch davon überzeugt hat, daß ihm nicht etwa noch ein Matrose entgegen fällt, und eilt weiter zum Brückendeck, um dem Kapitän dort seinen Vorschlag, den Schiffsjungen zu unterrichten, zu unterbreiten. Daß dieser womöglich abgeneigt sein könnte, kommt dem Geweihten nicht in den Sinn, schließlich wird ein aufgeklärter und gebildeter Mann wie der Kapitän eines Schiffes die Vorteile einer breiten Bildung wohl zu schätzen wissen. Oder?

Er blickt sich kurz um, und fragt die nächstbeste Person auf dem Brückendeck, wo er denn den Kapitän finden könne.



Da verschlägt es ALRIK doch glatt die Sprache. So eine bodenlose Frechheit! Wie kann dieser Geweihte, der zeitlebens vermutlich nur der Gefahr ausgeliefert war, sich an einer Seite eines seiner Lehrbücher zu schneiden, nur so etwas über ihn, ALRIK, zu behaupten. Und das auch noch in seiner Gegenwart! Pah! Stürme soll er nicht überstehen können, das ist doch wohl glatt gelogen. Und den doppelten Premer-Ankerstichknoten bekommt er schneller hin als die meisten der anderen Matrosen - und wie der hält! Und für Schiffsmahlzeiten ist immer noch der Smutje da - und das ist auch gut so!

Noch immer blickt ALRIK dem entschwindenden Geweihten fassungslos hinterher, dann läßt er spürbar die Schultern hängen.

"Was, Garulf, der tut's wirklich! Der meint das echt ernst, der tut's wirklich! Der geht jetzt zum Käpt'n, was mach' ich jetzt bloß?"



Wasuren stutzt etwas alles am Niedergang etwas rumpelt, geht aber dann den Niedergang gelassen hinunter als er Efferdans Ruf vernimmt.

"Hey, Klasse, Efferdan das Stückchen Trossentransport hätten wir dann schon mal hinter uns."

Jeder etwas gebildete Mensch, der die Situation lange genug mit erlebt hatte, würde bei diesen Worten eine todernste Ironie vermuten, aber Wasuren sagt dies in einem so monotonen Tonfall vor sich hin, daß es ihm keiner übelnehmen kann, was er da sagt.

Sofort bückt sich Wasuren zu der neben Efferdan liegenden Trosse, richtet es einigermaßen, damit es transportfähig wird und nimmt es auf seine breiten Schultern.

"Efferdan hilfst du mir bei den Türen im Lagerbereich?"

fragt Wasuren noch als er sich geschickt an den Leuten auf dem Unterdeck vor bei drückt und seine schwere Last behutsam Richtung nahe gelegenem Niedergang trägt.



Efferdan sieht Wasuren beinahe ehrfürchtig an, als dieser die, ach so schwere Trosse, so scheinbar leicht auf seine Schulter nimmt.

`Oh - wäre ich doch auch so stark wie Wasuren...`

Die scheinbar sarkastischen Worte vorher nimmt er gar nicht als solche war - schließlich kennt man sich ja und weiß, wie der andere solche Dinge meint...

wenigstens glaubt Efferdan zu wissen, wie Wasuren das meint...

Noch immer bewundernd auf die straken Arme Wasurens sehend, folgt Efferdan diesem ein paar Schritte. Die Frage nach den Türen beantwortet er mit einem einfachen:

"Ja".

Dann scheint ihm etwas einzufallen - nämlich, daß auch Wasuren nicht ewig Kraft haben kann.

"Äh, wenns dir zu schwer wird...ich kann dir helfen..." meint er leise und zögernd, immer noch Wasuren zum Niedergang folgend...



Wasuren antwortet schon etwas ruppiger den leisen Kommentaren und Anworten von Efferdan.

"Nun komm in die Puschen, Efferdan. Ich kann die Trosse nicht ewig allein halten, aber den nächsten Niedergang will ich schon noch schaffen. Schließlich will ich ja auch noch was von meinem Landgang haben."

Dann stapft er weiter auf den Niedergang zu, dreht sich vor diesem um und steigt behutsam einhändig den Niedergang hinunter. Mit der anderen Hand hält er die schwere Trosse fest auf seiner Schulter, so das es bei seinem Abstieg nicht einmal um einen Fingerbreit verrückt.

Langsam und äußerst vorsichtig setzt Wasuren einen Fuß vor den anderen.

'Wie oft bin ich schon diesen Niedergang hinunter gegangen. 30x, 50x ach das muß wohl viel viel öfter gewesen sein.'

Wasurens rechter Arm krallt sich in das Halteseil neben dem Niedergang und seine Muskeln zeigen ein Schauspiel aus kraftvollen Berg und Tal ebenen, die scheinbar einen unentwegten Kampf gegeneinander führen, wenn Wasuren wieder umgreifen muß.

'Hoffentlich bin ich bald unten und Efferdan kommt schnell nach. Diese Trosse hat schon ein ganz schönes Gewicht. Ich weiß, warum ich das nicht so oft hier herunter trage. Merk dir das Wasuren wenn du das nächste mal kurz vorm Landgang auf die Idee kommst noch ne kleine Arbeit vor den Augen der Bootsfrau oder dem Kaptain zu übernehmen, dann such dir was leichteres aus.'

Wasuren brummelt schlecht gelaunt vor sich hin umd seine Anstrengungen etwas verbergen zu können.



"Äh...ja" antwortet Efferdan schnell auf Wasurens etwas ruppige Worte

`Ich habe doch gesagt ich würde ihm tragen helfen. Was hat er nur? Was habe ich falsch gemacht? Am Besten ich beeile mich und tue was er sagt...` ...

... und beeilt sich, ihm zu folgen. Am Niedergang wartet er, bis Wasuren ein paar Stufen Vorsprung hat, dann klettert er ihm gewand hinterher. Unten angekommen wieselt Efferdan an Wasuren vorbei, zum Durchgang zum vorderen Laderaum, um zu dafür zu sorgen, daß Wasuren den ohne Probleme

`Warum die alle nur so schnell an Land wollen? Das Meer ist doch viel schöner...`



In SALZERHAVEN: Torin in der Stadt


Kühler Abendwind streicht über die Schiffe im Hafen hinweg. Er riecht nach Meer, doch auch die Gerüche Salzerhavens mischen sich in ihm. Der Geruch von gebratenem Fleisch und gezapften Bier weht ebenso mit dem Wind wie die noch vor kurzem von der Sonne verwöhnten Abfälle der Unterschichten.

Abendlärm dringt zu den beiden Schiffen hinüber und für einen Moment genießt Torin die Atmosphäre. Er steht nahe des Niederganges zum Oberdeck an der Reling des Brückendecks und schaut gen Himmel. Wolkenfetzen verdecken einen großen Teil des Firnaments und hin und wieder auch das Madamal. Torin blickt zu den Sternen. Nicht, daß ihm die Konstellationen der einzelnen Sterne zueinander etwas sagen würden - das war nicht Teil der Lehre Vater Rotmarders. Doch in solchen Augenblicken fühlt er sich losgelöst.

Losgelöst von seinen Sorgen, von seinem Körper und seinem Geist. Es ist nur ein Augenblick...

'Miu pikush!'

Schlagartig ist Torin wieder er selbst.

'Es ist spät und wir haben weder etwas im Bauch noch ein Zimmer, in dem wir schlafen können...'

Mit einem Ruck fährt er herum.

"AMEG! Laß das Steuer los und komm. Oder hast du keinen Hunger?"

Ohne auf eine Antwort seines kleinen Freundes zu warten, geht er zum Niedergang und steigt hinunter auf das Oberdeck.

'Hoffentlich bekommen wir überhaupt noch ein wanzenfreies Bett. Und wenn Frau de Clare nicht bald kommt, wird sie wohl alleine speisen müssen.'



Ameg zuckt zusammen als Torin seinen Namen ruft.. fast schon schreit. Das mag er irgendwie gar nicht. Am liebsten würde er ja nun stehenbleiben und sich noch weiter vorstellen, daß er Kapitän eines Piratenschiffes ist, aber die Aussicht auf etwas zu essen mindert seine Lust zum Spielen und Schmollen.

"Die Feindä überren''' das Booooot", ruft Ameg, "... alleee von Booord!!"

Und mit diesen Worten hetzt Ameg über das Brückendeck, hinunter auf das Oberdeck, an Torin vorbei.. in einem zu schnellen Tempo über die knarrende Planke und endlich wieder auf nicht schwankenden Boden.

Hier nun wartet Ameg. Schaut sich aber interessiert um, anstatt darauf zu achten ob Torin nun auch hinterher kommt..



'Hmm wo könnten die beiden denn nur sein, sind sie etwa schon ohne mich gegangen?'

Langsam geht sie über das Oberdeck. Genau in diesem Moment steigt Torin den Niedergang vom Brückendeck herunter.

'Keine Ahnung wo der hinsieht, aber mich hat er wohl nicht bemerkt. Und warum verläßt Ameg das Schiff alleine?'

Als sie bei Torin vorbeigeht, wirft sie ihm einen traurigen Blick zu. Schnell sieht sie wieder auf den Boden und verläßt das Schiff.

'Ameg scheint mich auch nicht zu bemerken. Wie spreche ich ihn nur an, ohne daß er sich erschreckt?'

So sagt sie ganz leise:

"Ameg..."



Torin kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, als Ameg an ihm vorbei auf die Planke und dann zum Hafen läuft.

'Ihm scheint es wirklich zu gefallen. Das ist gut, schließlich haben wir noch eine weite Reise vor uns.'

Als die Druidin ihn passiert, scheint es ihm für einen Augenblick so, als wäre sie über etwas besorgt. Doch zu kurz nur hatte er ihr Gesicht sehen können.

'Ich kann sie ja beim Essen vorsichtig darauf ansprechen.'

Dann folgt er ihr über die Planke, die bei jedem seiner Schritte bedenklich federt. Und trotzdem wagt er einen scheuen Blick nach unten in den Spalt zwischen dem Schiff und der Hafenmauer.

In der Dunkelheit des Abends ist es nicht ganz einfach den etwa fünf bis sechs Spann unter ihm wogenden Wellen zu entnehmen, was dort schwimmt. Doch allein schon der Gedanke an im Wasser treibende Blätter, tote Fische und den Unrat der Salzerhavener Bewohner läßt ihn vor dem Gedanken schaudern, in diesem Wasser ein unfreiwilliges Bad zu nehmen. Gerade die Gedanken an den Unrat und die Abfälle der Leute lassen ihn eilig den letzten Schritt über die Planke machen.

Froh darüber, endlich das feste Pflaster des Hafens unter seinen Füßen zu spüren, läßt er seinen Blick über die Häuserfronten schweifen. Hinter einigen Fenstern herrscht bereits die Dunkelheit der Nacht, doch noch sind die Mehrzahl hell erleuchtet.

'Es sieht vielleicht doch noch nicht so schlecht für ein Bett und eine gute Mahlzeit aus.'

Diese Aussichten lassen seine Laune wieder steigen und mit einem freundlichen: "Also von mir aus können wir los..." trifft er bei Joanna und Ameg ein.



Ameg dreht sich um und sieht, daß Joanna und Torin inzwischen auch vom Schiff herunter und nun bei ihm sind.

'Joanna kommt also mit.. hmm.. aber ich werde Torin trotzdem noch wegen dieses Vater Rotmarders fragen. Ich verstehe immer noch nicht wer das sein soll und was ich da soll... ich will da nicht hin'

Es ist windig und nicht mehr wirklich warm. Ameg zieht die Jacke dir Harad ihm gemacht hatte enger um sich und freut sich endlich mal nicht frieren zu müssen. Auch die Aussicht auf ein echtes Bett scheint verlockend. Das müßte eigentlich noch besser als eine Schiffskoje sein.. und noch tausend mal besser als die Straße.

In einer Mischung aus ein wenig verklingendem Ärger über Torins Verhalten und freudiger Erwartung auf Essen und ein schönes Bett schaut Ameg zu Torin und Joanna hoch.

'das so große Leute immer so lange brauchen...'

Ameg läuft bis zum Ende des Anlegers und schaut sich dann um.

"kommt ihr?"



"Klar kommen wir." ruft Torin seinem Mündel hinterher. "Glaub bloß nicht, daß du uns hier einfach stehen lassen kannst."

Und so folgen Joanna und Torin dem jungen Ameg vorbei an dem Menschenauflauf tiefer in die abendlichen Straßen Salzerhavens.



Während Torin und Joanna Ameg folgen dreht sich die Druidin noch einmal unterm gehen zum Menschenauflauf um. Beinahe wäre sie über ihre eigenen Füße gestolpert, doch sie ist geschickt genug um das Gleichgewicht doch noch einmal so unauffällig wie möglich zu halten.

Ganz so, als ob nichts geschehen ist, fragt sie Torin:

"Habt ihr eigentlich schon ein bestimmtes Ziel im Auge oder wollt ihr abwarten, wo uns das Schicksal hinführt?"



"Ich war noch nie in Salzerhaven, also kann ich euch kaum sagen, wo es eine gute Unterkunft und ein Bett für die Nacht gibt. Aber ich sehe darin eigentlich kein Problem." antwortet Torin auf Joannas Frage.

"Wir finden sicher etwas annehmbares."

Leise mit Joanna plaudernd folgt er Ameg in die Gassen von Salzerhaven.



In SALZERHAVEN - 'Zum fröhlichen Kutscher': Gutes Mahl mit heimlichem Gast


Sigrun verbeugt sich mit einem amüsierten Gesichtsausdruck, als sie an Nirka vorbei in das Gasthaus tritt. Schnell geht sie noch einen Schritt weiter, um auch der Freundin die Möglichkeit zum Eintreten zu lassen und sieht sich dann erst einmal um. Ein wenig nervös ist sie dabei, obwohl sie sich selbst dafür belächelt. Doch schließlich hat sie den Vorschlag gemacht, in dieses Gasthaus zu gehen, und das nur auf eine lang zurück liegende Empfehlung hin.

Doch sie ist erleichtert, als ihr Blick durch den Schankraum schweift. Schon von außen war ja zu erkennen, daß es sich um ein ziemlich großes Haus handelt. Dies kann man auch im Inneren sofort bemerken, doch der geräumige Raum, der bei Tageslicht sicher von Sonne durchflutet ist, die durch die vielen großen Fenster herein scheinen kann, hat auf jeder Seite vier kleine Nischen, die es ermöglichen, ein wenig abseits zu sitzen. Die Nischen sind durch Holzwände voneinander getrennt, in die kleine Glasfenster eingelassen sind. Direkt gegenüber der Tür, vor der Nirka und Sigrun gerade stehen, befindet sich ein großer Tresen aus dunklem Holz, hinter dem ein gut gekleideter Mann mittleren Alters gerade dabei ist, Wein abzufüllen. An der Wand hinter ihm stehen in einem Regal viele verschiedene Flaschen und Gläser, offensichtlich kann man hier zwischen sehr vielen Getränken auswählen.

Links neben dem Tresen ist am Ende des Raumes eine Treppe nach oben zu erkennen und Sigrun vermutet, daß man von dort aus wohl zu den Gästezimmern gelangen kann. Auf der anderen Seite des Tresens ist ein kleines Podest, fast eine Bühne, wo sich ein junger Mann gerade über seine Laute beugt. Im gesamten mittleren Bereich der Schankstube sind Tische in verschiedener Größe aufgestellt, aus dem selben dunklen Holz gefertigt wie der Tresen, und umstellt von gepolsterten Stühlen mit einem Blumenmuster.

Sigruns Blick gleitet nun zu den Wänden, an denen neben vielen Bildern (nach Sigruns erstem Eindruck vorwiegend Kutschen im Sonnenuntergang) auch zwei Kutschengeschirre angebracht sind. Gut kennt sich Sigrun damit nicht aus, aber wenn in diese Geschirre jemals Pferde gespannt waren, würde sie sich doch sehr wundern. Das Leder glänzt, als wäre es eben frisch poliert worden und auch die Nieten glänzen im Schein der Kerzen.

Die gesamte erste Musterung des Raumes hat nur wenige Sekunden gedauert, doch diese haben gereicht, um Sigrun zu überzeugen, daß sich hier sicherlich ein geruhsamer Abend verbringen läßt. Normalerweise würde Sigrun einen etwas weniger gepflegten Stil bevorzugen, man weiß ja nie so genau, ob man sich nicht falsch verhält bei diesen 'feinen' Leuten, doch heute abend hat sie sich genau so etwas vorgestellt. Kurz überlegt sie, beschließt dann, daß zu laute Musik einem intensiveren Gespräch eher abträglich ist, und wendet sich zu Nirka.

"Was hälst du von der Nische dort drüben?"

Dabei zeigt sie auf die zweite Nische an der linken Seite.

"Der Barde dort mag ja gut sein, aber wir wollten ja ein wenig Ruhe, oder?"



Nirka folgt ihrer Freundin langsam, während sie die Tür leise hinter sich schließt. Normalerweise hat sie keinerlei Probleme damit, eine Gasthaustür mehr oder weniger lautstark hinter sich zufallen zu lassen, doch in ihrer derzeitigen Stimmung und insbesondere in der Atmosphäre dieses Hause kann sie gar nicht anders, als dies sehr leise und vorsichtig zu tun.

An Sigrun vorbei mustert auch sie den Schankraum, der zwar nicht ganz so ist wie die Schenken, in denen sie üblicherweise einkehrt, der aber irgendwie

wunderbar zu dem paßt, was die beiden Frauen auf dem Schiff als das Ziel ihres Ausfluges für diesen Abend besprochen haben.

Auch die nicht-seefahrerischen Verzierungen an den Wänden stören nicht, und Bemerkungen, die Nirka an anderem Ort und zu einer anderen Zeit dazu vielleicht von sich gegeben hätte, bleiben unausgesprochen, ja sogar nicht einmal gedacht.

Sie tritt dichter an Sigrun heran, als diese sich ihr zuwendet, was den Abstand zusätzlich noch verringert.

Ein warmes Lächeln huscht über ihr Gesicht, als Sigrun sehr genau das ausspricht, was auch ihr Wunsch ist - ein gemütliches, ein wenig abgelegenes Plätzchen, wo sie die Ruhe finden können, die ihnen die letzten beiden Tage auf dem Schiff nicht gelassen haben.

"Das hast du gut ausgesucht", antwortet sie, wobei sie absichtlich ein wenig offen läßt, ob sie damit den Wahl des Platzes, oder den des Gasthauses, oder auch beides meint.

"Dann sei diese Nische die unsere."

Die Bootsfrau setzt sich langsam in Bewegung, sorgsam darauf achtend, den Abstand zu ihrer Freundin nicht zu groß werden zu lassen.



Sigrun ist erleichtert. Nirka scheint nicht nur die Auswahl des Gasthauses sondern auch der zurückgezogene Platz an der Seite zu gefallen. Forschen Schrittes, doch vorsichtig darum bemüht, in dem ruhigen Gasthaus nicht aufzufallen, geht Sigrun auf die Nische zu. Dabei läßt sie den Blick erneut schweifen und mustert unauffällig die anwesenden Gäste. Der 'fröhliche Kutscher' ist an diesem Abend nicht gerade überfüllt, doch man würde wohl von gut besucht sprechen. Auf der Seite, zu der Nirka und Sigrun gerade unterwegs sind, ist noch eine weitere Nische besetzt. Dort, direkt vor dem Treppenaufgang, sitzen vier Personen, offenbar vollkommen in ein Gespräch vertieft. Auf der gegenüberliegenden Seite sind ebenfalls zwei Nischen besetzt, eine mit vier und eine mit zwei Personen. In dem freien Raum in der Mitte sitzen sechs Männer beim Würfelspiel an einem langen Tisch, an zwei weiteren Tischen sitzen je vier Personen und ein einzelner Mann sitzt mit einem Glas Wein direkt vor dem Musiker. All diese Gäste unterhalten sich, doch die Lautstärke ist gedämpft. Jeder nimmt Rücksicht auf die Anderen und nur von den Würfelspielern dringt gelegentlich ein etwas lauteres Lachen in die anderen Ecken des Gasthauses vor.

Als die beiden Frauen die Nische fast erreicht haben, hebt der Mann hinter der Theke kurz den Kopf und nickt ihnen mit einem Lächeln zu. Dann dreht er sich ein wenig in Richtung der Treppe und ruft:

"Melissa! Kommst du jetzt?"

Die Stimme klingt gar nicht so, wie die beiden Seefahrerinnen es gewöhnt sind: kurz, befehlend und schroff, sondern es scheint sich um eine wirkliche Frage zu handeln, die einer Antwort harrt.

Beim Tisch angekommen, lächelt Sigrun Nirka kurz zu und entscheidet sich für den der Theke abgewandten Platz. Sie möchte Nirka die Möglichkeit geben, den Schankraum zu betrachten.

"Hoffentlich haben sie hier etwas Bezahlbares zu essen. Ich habe einen Bärenhunger."



Nirka folgt ihrer Freundin zu der Nische, die diese ausgesucht hat. Ein kurzes Lächeln huscht über ihr Gesicht, als Sigrun ihr den 'besseren' Platz überläßt - wenn sie zuerst am Tisch gewesen wäre, dann hätte sie es natürlich genauso gemacht, und Sigrun den Vortritt gelassen. Die Bootsfrau nimmt Platz, während sie den Blick Sigrun zuwendet - einen Blick, aus dem Dankbarkeit und auch Zuneigung sprechen.

Sie wartet, bis Sigrun es sich ebenfalls gemütlich gemacht hat, und antwortet dann leise:

"Davon gehe ich einfach aus. Dieses Haus paßt einfach zu gut zu unserer heutigen Stimmung, als daß wir es hungrig verlassen sollten. Heute soll das Geld einmal keine Rolle sielen - irgendwann muß es doch auch für uns einmal Vorteile haben, daß ich Bootsfrau auf der NORDSTERN bin."

Bei dem zweiten Satz grinst sie Sigrun offen an, und blickt dann in Richtung der Theke, die dank Sigrun so prima in ihrem Sichtbereich ist.

"Hungrig bin ich auch, das ist keine Frage nach diesem Tag. Aber... wir sollten uns Zeit lassen, und den Abend ebenso wie das Essen genießen."

Nirka lehnt sich ein wenig zurück, fest entschlossen, genau dieses zu tun - einen anstrengenden Tag angenehm ausklingen zu lassen - in Gesellschaft ihrer Geliebten und besten Freundin.



"Da hast du recht", nickt Sigrun. "Irgendwie habe ich das Gefühl, ich müßte alles auf einmal tun. Das liegt wahrscheinlich an diesen elend langen Nachtschichten. Wenn man da oben auf Deck rum steht, bleibt die Zeit einfach stehen und hinterher glaubt man, man hätte alles Wichtige verpaßt und müßte unheimlich viel aufholen."

Während Sigrun so darüber sinniert, warum sie noch nicht so ganz zur Ruhe gekommen ist, beginnt die Treppe im hinteren Teil des Raumes laut und regelmäßig zu knarren. Dies liegt nicht etwa daran, daß die Treppe sich in einem schlechten Zustand befände, vielmehr ist es so, daß in diesem Moment eine große Last auf die oberen Treppenstufen einwirkt. Etwas später wird diese Last auch sichtbar, zumindest für einen Teil der Gäste des 'fröhlichen Kutschers'. Doch Sigrun, die mit dem Rücken zur Treppe sitzt, und Nirka, deren Blick die Abteilung der Nische nicht durchdringen kann, können noch nichts sehen. Die junge Matrosin nimmt die schweren und langsamen Schritte kaum wahr, ihre Gedanken sind bei der Frau, die ihr gegenüber sitzt und die Umgebung stellt für sie nur ein hübsches Beiwerk dar.

Andere Gäste, die gerade nicht zu sehr mit ihren eigenen Belangen beschäftigt sind, sehen eine große Frau die Treppe herunterkommen. Auf ihren Armen trägt sie einen ebenfalls sehr großen Stapel dreckiger Wäsche, bei näherem hinsehen ein Zeichen dafür, daß es sich hier wirklich um eins der besseren Häuser Salzerhavens handelt, denn neue Gäste bekommen hier auch neue Bettwäsche. Von irgendwo hinter dem Wäschestapel ist ein Brummen zu hören, möglicherweise eine Antwort an den Mann an der Theke? Jedenfalls sagt dieser etwas von Tisch drei, bevor der Wäschestapel in einer Ecke neben der Treppe abgelegt wird und zum Vorschein kommt eine Frau, die fast ebenso breit wie lang ist und im Alter wohl zu dem Mann passen mag. Etwas schwerfällig richtet sie sich auf, ein stark gerötetes Gesicht spricht von enormer Anstrengung. Doch sie gönnt sich keine Pause, sondern strafft ihre Schultern, streicht sich über das umhangförmige Kleid und die Schürze, die sie darüber trägt, und begibt sich in Richtung der Nische, in der Nirka und Sigrun soeben Platz genommen haben.

Dort angekommen, wendet sie sich an die beiden Frauen, die sie nun natürlich sehen, aber auch den schweren rasselnden Atem hören können:

"Guten Abend und willkommen, hhh, im 'Fröhlichen Kutscher'. HHH! Was, hhh, kann ich den Damen, hhh, Gutes tun?"



Nirka nickt bei dem, was Sigrun sagt:

"Das liegt sicher auch daran, daß wir immer noch zu wenige Matrosen auf dem Schiff haben. Wobei ich im Grunde auch nur wenig Hoffnung habe, daß sich das hier in Salzerhaven ändert - aber spätestens in Havena müßten wir das eigentlich gelöst bekommen."

Die Bootsfrau bricht ab, als die nicht gerade schlanke Frau, die vielleicht die Wirtin ist, an den Tisch kommt.

"TRAvia zum Gruße!"

Sie sieht Sigrun kurz an, und fährt dann gleich fort:

"Wir möchten hier einfach gut speisen - was würdet Ihr uns da empfehlen?"

Daß eine solchermassen direkte Art in solchen Gasthäusern vielleicht nicht unbedingt korrekt ist - darauf achtet Nirka nicht...



"Seid auch Ihr, hhh, gegrüßt, im Namen der Herrin Travia. Hhh. Ein gutes Essen, hhh," ein freundliches Lächeln tritt auf das Gesicht der Frau, "nun, hhh, damit können wir sicherlich dienen."

Mit einem nachdenklichen Blick mustert sie die beiden Seefahrerinnen.

"Ihr wünscht sicherlich etwas Handfestes, hhh, nicht wahr? Dann könnte ich, hhh, Euch unser saftiges Steak vom Schwein mit Pilzen empfehlen, hhh, oder vielleicht, hhh, nun, hhh, wir haben gerade heute morgen ein sehr gut gewachsenes Wildschwein ins Haus bekommen, hhh. Da könnte ich Euch eine gute in Wein eingelegte, hhh, Keule anbieten."

Erwartungsvoll sieht die Wirtin zwischen Nirka und Sigrun hin- und her, neigt allerdings dazu, länger bei Nirka zu verweilen, schließlich hat ihr diese geantwortet. Sigrun hält sich auch zurück, allerdings läuft ihr schon bei der Erwähnung dieser Speisen das Wasser im Mund zusammen. Fisch und Eintopf hat sie jetzt wirklich wieder häufig genug gegessen und so ein gutes Stück Wild wäre eine sehr willkommene Abwechslung. Daher ist die Begeisterung in ihren Augen deutlich zu erkennen, als die Wirtin von der Keule spricht.


**********************


Während die beiden Frauen bereits drinnen an ihrem Tisch sitzen und ihr Essen auswählen, tritt ein eng umschlungenes Pärchen auf die Tür des Gasthauses zu. Diese beiden werden, ohne es zu merken, genau beobachtet.

'Ja, laß sie rein gehen! Das wäre doch mal eine Chance', denkt sich das Wesen, dessen Augen schon seit einer Weile auf eben diese Eingangstür gerichtet sind.

'Jetzt nur nicht auffallen!'

Gedacht, getan, sucht sich dieses Wesen, das sich selbst unter Artgenossen gern mit dem Namen Petunia vorstellt, einen guten Platz auf dem Kragen des jungen Mannes aus und begibt sich dorthin. Ein leises Bsss läßt sich nicht verhindern, doch der junge Mann bemerkt es nicht und nickt zu einer Bemerkung der hübschen Dame an seiner Seite, bevor er die Tür öffnet.

'Ja', denkt Petunia, als er einen ersten Schritt ins Gasthaus setzt und die Tür hinter ihm zufällt.



Nirka nickt anerkennend bei den Worten der Wirtin, denn das, was sie da zu hören bekommt, gefällt ihr sehr. Wild - das ist etwas, was nicht auf dem Speisezettel eines Schiffes steht - höchstens ganz selten mal für die Offiziere, aber sicher nicht für die Mannschaften, zu denen auch die Bootsfrau zählt,

Nirka ist versucht, Sigrun zu fragen, ob ihr dieser Vorschlag auch gefällt, aber ein Blick in das Gesicht der Freundin verrät ihr, daß dem so ist, und daß sie das sicherlich nicht noch einmal nachfragen muß.

"Das klingt sehr gut", erwidert sie, "ich denke, wir nehmen dies zweimal. Und zum Trinken... was möchtest du trinken, Sigrun?"

Sie wirft der Freundin dabei einen auffordernden Blick zu, doch diese Entscheidung zu fällen.



Fast ein wenig spöttisch ist das Lächeln, das über Sigruns Gesicht huscht.

'Das ist ja kaum zu glauben, wie höflich wir sind. Gut, daß keiner vom Schiff das mitbekommt', denkt sie, doch sie freut sich darüber. Eigentlich wollte sie einen Wein als Getränk vorschlagen, doch zu einem so deftigen Essen wäre sicherlich auch ein guter Met nicht zu verachten. Kurz überlegt sie hin und her und entscheidet sich für den Wein.

"Habt Ihr einen kräftigen Roten dazu, gute Frau?", fragt sie daher die Wirtin, über deren Gesicht sofort erneut ein freudiges Lächeln huscht.

"Oh ja, wir, hhh, haben da einen ganz hervorragenden vom letzten Jahr. Der wird Euch sicherlich gefallen."

Jetzt, wo sie schon eine Weile am Tisch der Freundinnen steht, ist sie nicht mehr ganz so außer Atem und es gelingt ihr fast, einen Satz ohne lautes Nach-Luft-Schnappen zu beenden. Noch einmal blickt sie von Nirka und Sigrun und zurück, als sie fragt:

"Soll ich Euch, hhh, noch ein wenig Wasser dazu bringen?"

Hier muß Sigrun nicht lange überlegen. Ein wenig Wasser gegen den Durst und ein guter Wein für den Geschmack - genau so soll es sein. Mit einem knappen "Ja, bitte" beantwortet sie daher die Frage der Wirtin, die daraufhin nickt und sich erneut mit ihren schweren Schritten auf den Weg macht, diesmal in Richtung Theke.


****************


Erstmal im Gasthaus angekommen, benötigt Petunia den Kragen des jungen Mannes nicht mehr. Dort ist es auch nicht besonders interessant: Die Jacke wurde vor nicht allzu langer Zeit gewaschen. Petunia macht sich also auf den Weg, die Gegebenheiten in diesem Gasthaus zu erkunden.

'Hier muß es doch etwas Vernünftiges zu Essen geben! Ich habe wirklich genug von diesem Hinterhoffraß. Immer nur kalte Reste ... und dann muß man sich auch immer noch mit diesem durchschnittlichen Gesocks abgeben. Ha, noch nicht einmal bunt sind die! Und viel zu klein! Und von weißen Augen haben die noch nie was gehört! Nein, nein, da sucht man sich doch lieber ein schönes ruhiges Plätzchen, wo man ungestört genießen kann.'

"Bsssssss sssssssssss sssssssssssss"

Petunia beschreibt eine elegante Kurve und landet auf dem mittleren Tisch, an dem das Würfelspiel gerade in seine entscheidende Phase tritt. Mit geschultem Blick erkennt sie einen Humpen mit Met, auf dessen Rand sie sich geschickt niederläßt.



Nachdem die Wirtin wieder unterwegs ist, sagt Nirka leise:

"Rotwein ist sehr gut, das hast du gut ausgesucht."

Kurz schweifen ihre Blicke durch den Raum, um dann wieder zu Sigrun zurück zu kehren, denn bei all dem Luxus dieses Gasthauses ist die Freundin doch mit Abstand der willkommenste Anblick für sie.

"Ich überlege gerade, wie Garulf gucken würde, wenn er wüßte, was wir seinem Essen vorziehen."

Ein leichtes Grinsen, das aber schon fast der Anfang eines Lachens ist, begleitet diese Worte.



Sigrun lacht fröhlich auf.

"Ja, der gute Garulf. Er gibt sich ja echt viel Mühe und im Vergleich zu Sören ist er ja auch ein echt guter Smutje. Aber so auf die Dauer bleibt Schiffskost eben Schiffskost, ganz egal wie gut der Koch ist."

Hier macht sie eine kurze Pause und fügt mit breitem Grinsen an:

"Wir müssen es ihm ja nicht unbedingt auf die Nase binden, sonst ist er nachher beleidigt und wir kriegen versalzene Suppe."

Jetzt beginnt Sigrun sich zu entspannen. Ein Abend allein mit Nirka in einer angenehmen Atmosphäre, nein, mehr wünscht sich die Matrosin wirklich nicht. Eigentlich ist sie auch viel zu glücklich, als daß sie wieder auf so ein schreckliches Thema wie den Überfall auf dem anderen Schiff zurückkommen möchte. Doch andererseits ist sie auch Besatzungsmitglied und es ist für sie selbstverständlich, zu versuchen, allen Ereignissen, die für die NORDSTERN von Bedeutung sind, zu folgen. Nun, immerhin ist der Abend noch lang, lang genug jedenfalls, daß man erstmal einfach genießen und vielleicht später ernsthaftere Unterhaltungen führen kann. Entschlossen lehnt Sigrun sich auf ihrem Stuhl zurück und fragt:

"Du hast vorhin von den fehlenden Matrosen gesprochen. Hat der Kapitän denn schon was gesagt, ob du versuchen sollst, hier welche anzuwerben? Oder will er erst nach Havena wegen der größeren Auswahl?"



Petunia macht es sich so richtig gemütlich. Die Auswahl des Platzes war gut. Der Humpen, den dieser Würfelspieler vor sich stehen hat, ist gut gefüllt (offensichtlich hat der Wirt an diesem Tisch vor nicht allzu langer Zeit eine neue Runde gebracht) und hat einen breiten Rand, auf dem sich bereits einige Tropfen Met gesammelt haben. Petunia nimmt einen ersten Schluck.

'Hmmm, lecker!'



Nirka lacht fröhlich mit, als Sigrun dies bei der Erwähnung des Schiffskochs tut.

"Das stimmt, mit dem Schiffskoch darf man es sich auf keinen Fall verderben, selbst dann nicht, wenn man eine höhere Stellung an Bord hat als wir. Seine Mittel sind eben weitreichend, und die Folgen auch - nichts ist schlimmer, als bei einer langen See-Etappe zu merken, daß die Würmer im Zwieback das einzige Fleisch an Bord sind, das man essen könnte."

Bei diesen Worten wird Nirkas Stimme plötzlich viel leiser, denn ihr wird schlagartig bewußt, wie wenig dieses Thema in einem Gasthaus wie diesem passend ist - im Gegenteil - es ist komplett unpassend. Glücklicherweise hat Sigrun aber auch gleich die passende Fortsetzung angeboten, und die greift die Bootsfrau auch sogleich auf.

"Er hat mir in der Richtung nichts konkretes gesagt, aber da wir momentan das einzige Schiff hier im Hafen sind, das in Richtung Süden unterwegs ist, denke ich mal, das Matrosen, die an Arbeit interessiert sind, schon von alleine zu uns kommen werden. Und in Nostria und insbesondere später dann in Havena werden wir natürlich wieder losgehen, um Heuerwillige zu finden, das ist ganz klar."

Nach einer kleinen Pause ergänzt sie noch:

"Vielleicht werden wir dann auch endlich mal mehr Frauen auf dem Schiff!"



"Oh ja, das wäre schön. Allerdings," hier schleicht sich ein leicht schelmisches Lächeln auf Sigruns Gesicht, "hätte ich durchaus etwas dagegen einzuwenden, wenn sich andere Frauen zu häufig in deiner Nähe aufhalten würden."

Diese Bemerkung ist zwar scherzhaft gemeint, doch ein Körnchen Wahrheit steckt trotzdem darin. Natürlich vertraut sie Nirka und ist sich sicher, daß die Beziehung der beiden Frauen auch für Nirka etwas Besonderes ist, doch neue Besatzungsmitglieder können immer sowohl eine Bereicherung als auch ein Störfaktor sein.



Der erste Schluck hat Petunia sehr gut geschmeckt.

'So etwas Gutes hatte ich lange nicht.'

Und so verschwindet auch gleich eine zweite kleine Pfütze vom Rand des Humpens.

'Nein, so etwas bekommt man nicht auf der Straße. Ein herrlicher Abend wird das heute, das habe ich im Gefühl. Und es scheint keine Konkurrenz unterwegs zu sein, dann sind die Menschen auch nicht so aufmerksam. Ob ich, ..., ach noch ein kleines Schlückchen ...', denkt sie und arbeitet sich langsam aber sicher rund um den Humpen.

"Ha, und was ist das! Ich habe euch doch gesagt, daß ihr heute gegen mich keine Chance habt", poltert es plötzlich laut über ihr los. Ein erschrockener Blick nach oben und schon ist es passiert: Der Würfelspieler schlägt mit der Faust auf den Tisch, so daß dieser stark erschüttert wird. Zunächst rutscht nur ein Bein, doch als Petunia sich in ihrem leicht angetrunkenen Zustand an den Rand des Humpens klammern will, entgleitet ihr auch der Halt mit den anderen drei Beinen und ... bevor sie auch nur ihre Flügel ausspannen kann, liegt Petunia im Met.



Nirkas lächelt nicht nur, sie lacht fast schallend los. 'Fast', weil ihr noch gerade rechtzeitig einfällt, wo sie sich eigentlich befindet, und das da so ein lautes Lachen eher unangebracht sein könnte.

"Das möchte ich doch aber hoffen, daß sich andere Frauen nicht zu oft in DEINER Nähe aufhalten, denn in der Richtung trifft das ja auch zu."

Immer noch grinsend schüttelt sie kurz den Kopf, um dann fortzufahren:

"Viel schöner ist es doch, wenn wir uns gemeinsam über sie amüsieren können, nicht wahr?"



"Ja", antwortet Sigrun nun mit einem nicht mehr zu unterdrückenden Kichern. "Wenn sie dann der Meinung sind, sich für die Arbeit an Bord erst einmal schön machen zu müssen, und sich in die hinterste Ecke im Mannschaftsraum zurückziehen, weil sie Angst vor den vielen Männern haben ..."

Während Sigrun ihre Vorstellungen von 'anderen' Frauen an Bord der NORDSTERN noch weiter ausführt, sind erneut die schweren Schritte der Wirtin zu hören. Doch noch nähern sie sich nicht dem Tisch der beiden Frauen. Sie kommt offensichtlich aus einem Raum, der sich hinter der Theke befindet, wohl der Küche des Hauses, und wirft einen kurzen Blick auf die Theke.

"Kannst den Wein schon mitnehmen," beantwortet der Mann die unausgesprochene Frage, die in diesem Blick liegt. Sie nickt kurz, geht dann selbst hinter die Theke und nimmt ein kleines Tablett zur Hand, auf dem schon zwei Gläser und eine Karaffe mit einem dunkel schillernden Wein stehen. Bei dem Tisch der Seefahrerinnen angekommen, lächelt sie ihnen kurz zu und stellt den Wein auf den Tisch.

"Der wird Euch sicher schmecken", bemerkt sie freundlich und geht, nachdem Nirka und Sigrun ihr gedankt haben, mit hängendem Tablett wieder zurück in Richtung Theke. Schnell nimmt sie noch einen kleinen Becher und ein Schälchen von einem der Fenstersimse, um sie an der Theke mit Milch und Keksen aufzufüllen und stellt sie anschließend wieder auf ihren Platz.



Petunia kämpft.

'Das kann doch wohl nicht wahr sein! Da gönnt man sich einmal etwas Gutes und schon geht alles schief!'

Schon jetzt bemerkt sie, daß ihre Flügel verkleben und langsam macht sich Panik in ihr breit.

Doch da, wie durch ein Wunder, wird der Methumpen angehoben: Der Würfelspieler möchte einen Schluck nehmen. Noch schlimmer wird Petunias Angst: Wird er sie entdecken und vielleicht sogar umbringen? Petunia hat schon oft davon gehört, daß Menschen so etwas mit ihresgleichen tun. Oder wird er sie vielleicht mitsamt dem Met einfach herunterschlucken?

Wild versucht Petunia, mit ihren Beinen einen Halt zu finden ...



Nachdem die Wirtin den Wein gebracht hat, kann Sigrun ein neues Kichern nicht so ganz unterdrücken. Sie bemerkt selbst, daß sie heute abend etwas albern ist, aber zu groß ist ihre Freude über die Zeit mit Nirka, als daß sie sich bremsen würde. Als sie sich ein wenig beruhigt hat, nimmt sie die Karaffe und schenkt zunächst Nirka und dann sich selbst Wein ein.

"Laß uns anstoßen auf einen einmaligen Abend!"

Die beiden Frauen lassen ihre Gläser leicht gegeneinander stoßen und probieren dann den wahrhaft guten Wein. Nein, die Wirtin hat wirklich nicht zuviel versprochen.



Während Nirka und Sigrun sich weiter über die wirklichen und möglichen Ereignisse auf der NORDSTERN unterhalten und es dabei genießen, ihren Gedanken einmal freien Lauf lassen zu können, kämpft Petunia ums Überleben. Sie strampelt verzweifelt mit den Beinen ... und da bekommt sie etwas zu fassen. Noch weiß sie nicht, woher dieser plötzliche Halt kommt, doch nichts kann schlimmer sein, als weiterhin hilflos im Met zu schwimmen. Mit all ihrer Kraft hält sie sich fest und wirklich, sie wird aus der todbringenden Flüssigkeit herausgezogen. Doch Petunia weiß genau, daß es zu früh ist, sich eine Entspannungspause zu gönnen. Mit den schlimmsten Befürchtungen öffnet sie ihre Augen und sieht: Menschliche Haut und Haare. Sie verharrt regungslos. Noch weiß sie nicht genau, wo sie sich befindet, aber sie spürt, daß ihre Flügel sie noch nicht tragen können. Sie müssen erst ein wenig abtrocknen und Petunia kann nur hoffen, daß sie nicht zu verklebt sind. Aber eines ist sicher, solange sie nicht fliegen kann, muß sie unentdeckt bleiben, sonst werden diese Menschen über sie herfallen.

Gerade will sie sich ein wenig entspannen, weiß sie doch, daß sie zunächst in dieser Position verharren kann, ohne allzu gefährdet zu sein, da kommt mit erstaunlicher Geschwindigkeit etwas Riesenhaftes, daß offensichtlich ebenfalls zu dem Menschen gehört, auf sie zu und, bevor sie überhaupt die Tragkraft ihrer Flügel testen kann, wird Petunia katapultartig durch die Luft geschleudert.

Die anderen Würfelspieler haben nur wahrgenommen, daß ihr Mitspieler zunächst einen großen Schluck aus seinem Humpen genommen und sich nach einer Weile genüßlich über den Oberlippenbart gestrichen hat.

'Platsch'

Das war eine harte Landung und erst nachdem Petunia sich mühsam auf ihre Beine gequält hat, stellt sie fest, daß sie sich am hinteren Ende des Tisches befindet, unbemerkt von den Würfelspielern.

'Das ist doch wohl die Höhe! Da gönnt man sich einmal etwas Gutes und schon jagen sich die Katastrophen. So, woll'n doch mal sehen! Nur nicht unterkriegen lassen! Also, die Beine sind heil. Gut! Die Flügel...'

An dieser Stelle könnte ein aufmerksamer Zuhörer ein leises Brummen hören, doch solch einen Zuhörer gibt es im Moment nicht im Fröhlichen Kutscher.

'Ja, sie scheinen heil zu sein, aber verklebt. Die werde ich erstmal säubern müssen ... Naja, war eh mal wieder dran', denkt Petunia und beginnt, hingebungsvoll ihre Flügel zu putzen.


*********************


Nirka und Sigrun haben nun schon das erste Glas geleert und mit dem zweiten Einschenken geht der Inhalt der Karaffe auch schon deutlich zur Neige. Die Laune der beiden Frauen hat sich mit Hilfe des Alkohols nur verbessert und so ist die Unterhaltung sehr angeregt und beide bemerken erst sehr spät, daß die Wirtin erneut an ihren Tisch getreten ist. Als sie es aber bemerken, läuft ihnen das Wasser im Mund zusammen, denn die beiden Keulen, die gerade in diesem Moment vor ihnen abgestellt werden, sehen nicht nur vortrefflich aus, sie verbreiten auch einen sehr anregenden würzigen Geruch.

"Das sieht ja großartig aus! Habt Dank gute Frau", freut sich Sigrun.

"Ich hoffe, es entspricht Euren Vorstellungen", antwortet die Wirtin lächelnd.

"Wenn Ihr noch weitere Wünsche habt", fügt sie an und deutet in Richtung der Theke,"wendet Euch nur an meinen Mann. Guten Appetit wünsche ich."

Damit wendet sich die Wirtin ab und geht zurück, um diesmal erneut über die Treppe nach oben zu verschwinden.



Nirka lacht mit, Sigruns Kichern ist einfach ansteckend.

"Genau, und wenn sie womöglich noch darauf bestehen, daß wir einen Spiegel im Mannschaftsraum anbringen müssen, oder sich gar hinter irgendwelchen Lappen verstecken, wenn sie sich umziehen..."

Der Satz geht im Lachen fast unter, doch die Bootsfrau wird dann rasch wieder ernst, als der Wein gebracht wird.

"Habt vielen Dank, gute Frau!" erwidert sie freundlich - in einem Tonfall, den außer Sigrun an Bord der NORDSTERN wohl kaum jemand kennt.



"Warum sollten sie das?" ist Nirkas spontane Antwort, doch sie grinst Sigrun dabei weiter an.

"Dann laß uns doch einfach beweisen, daß auch Seeleute richtig manierlich essen können, ohne dabei das Gasthaus zu zerlegen, oder mit dem Essen um sich zu werfen."

Auch die Bootsfrau schneidet sich langsam ein Stück von ihrem Fleisch ab, wobei sie allerdings mehr Sigrun, als das Essen ansieht. Dennoch gelingt das Vorhaben, schließlich ist dieses Fleisch ordentlich zubereitet und nicht so zäh wie das, das Sören auf dem Schiff des öfteren mal aufgetischt hat, wenn es überhaupt Fleisch gegeben hat. Es fliegt jedenfalls nichts durch die Gegend, und alles bleibt auf dem Teller, ganz so, wie es richtig ist - zumindest an diesem Ort, denn auf der NORDSTERN hat man die Bootsfrau schon ganz anders essen gesehen.

Langsam führt sie das Stück zum Mund und verspeist es richtig genießerisch - sie zwingt sich regelrecht dazu, es langsam zu tun, denn der Hunger ist nach diesem langen Arbeitstag auch entsprechend groß.

Dann verstößt sie allerdings doch ein wenig gegen die guten Manieren, denn noch kauend fügt sie hinzu:

"Das ist aber wirklich gut!"



Auch Sigrun nimmt ihr Besteck zur Hand. Mit einer plötzlichen Intensivität sieht sie Nirka an.

"Auch dir einen guten Appetit."

Nur langsam löst sie ihre Augen von der Freundin, senkt sie und beginnt, ein erstes Stück Fleisch abzuschneiden. Hierbei ist sie sehr vorsichtig. Als sie es geschafft hat, hebt sie die Gabel zunächst nur halb an und wirft erneut einen, diesmal wieder amüsierten Blick zu Nirka.

"Stell dir vor, wenn uns diese Keulen durch das ganze Gasthaus fliegen würden!"



Ein sehr angenehmer Geruch dringt an Nirkas Nase, noch ehe ihre Augen das, was diesen Geruch verursacht, überhaupt wahrnehmen.

"Habt vielen Dank", sagt auch sie, ehe die Wirtin wieder entschwindet, und wendet sich wieder Sigrun zu.

"Von so einem Essen habe ich auf der NORDSTERN wirklich oft geträumt. Das ist einfach... herrlich."

Was ein wenig schüchtern, wie man es bei Nirka nun überhaupt nicht gewohnt ist, greift sie nach dem Besteck, beginnt allerdings noch nicht mit dem Verzehr.

"Dann... möge TRAvia dieses Mahl segnen. Guten Appetit, liebe Sigrun!"

Aus dem Blick, den sie der Matrosin dabei zuwirft, sprechen Liebe und Zuneigung.



Auch Sigrun hat jetzt wirklich den ersten Happen probiert und nickt begeistert kauend zu Nirkas Worten. So ganz kann sie ihre Tischmanieren nicht dem Haus anpassen, doch sie bemüht sich nach Kräften und wenn auch das Stück, das sie auf einmal in den Mund geschoben hat, etwas groß war, so schluckt sie zumindest einen Großteil davon herunter bevor sie antwortet.

"Echt lecker! So etwas habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen."



Nirkas Antwort besteht nur aus einem Nicken, denn gerade rechtzeitig fällt ihr noch ein, daß eine mit wirklich vollem Mund ausgesprochene Antwort von Sigrun zwar sicher verstanden werden würde, aber ganz bestimmt nicht den Manieren dieses Hauses entsprechen wuerde.

So vergehen einige Augenblicke, ehe sie den Mund das nächste Mal öffnet, um etwas zu sagen, nicht, um das nächste Fleischstück verschwinden zu lassen.

"Das stimmt. Du, Sigrun..."

Nirka hält kurz inne, um zu überlegen, wie sie das Thema von dem Essen auf das lenken kann, was ihr gerade eingefallen ist, und entschließt sich dann für die einfachste Variante - es nämlich einfach zu sagen:

"...wenn du dir jetzt etwas wünschen dürftest... egal was... was wäre das?"

Verschmitzt sieht sie die Freundin dabei an.



"Hm, was würde ich mir wünschen?" überlegt Sigrun laut. So richtig mag ihr nichts einfallen, denn im Moment geht es ihr so gut wie lange nicht mehr. Geistesabwesend schiebt sie sich ein weiteres Stück Fleisch in den Mund und wieder genießt sie den hervorragenden Geschmack.

"Also eigentlich könnte es mir gar nicht besser gehen! Aber wünschen würde ich mir vielleicht einen Abend ganz ähnlich wie diesen, nur mit dir allein, aber auf dem Schiff, so daß wir die Sonne auf dem Wasser untergehen sehen könnten. Und dann," hierbei blickt sie direkt in Nirkas Augen,"könnten wir jede Stelle des Schiffes genau untersuchen."



********************************


Petunia hat sich ein wenig erholt. Mit viel Geduld hat sie ihre Flügel gereinigt und dabei festgestellt, daß Met zwar sehr klebrig und schwer zu entfernen, dafür aber nach wie vor sehr wohlschmeckend ist. Dank der diversen Schlückchen, die sie vor und während ihres Sturzes zu sich genommen hat, ist sie auch nicht gerade in einer Stimmung, in der sie sich über kleinere Unannehmlichkeiten allzu sehr, und vor allem allzu ausdauernd, ärgern würde.

'Mal sehen', denkt sie und breitet die Flügel einmal probehalber aus.

'Ja, das geht doch schon ganz gut.'

BSSSS

Ja, es funktioniert. Zwar führte dieser kleine Probeflug nur von einer Ecke des Tisches bis zur nächsten, doch Petunia merkt eindeutig, daß ihre Flügel keinen bleibenden Schaden genommen haben und wieder voll einsatzfähig sind.

'Jetzt erstmal neu umgucken!'

Die Augen wandern im Schankraum hin und her. Den Tisch mit den Würfelspielern möchte sie nun eigentlich endgültig verlassen. Sie hat schon bemerkt, daß hier außer Met nichts zu holen ist und nach den eben gemachten Erfahrungen verzichtet sie lieber auf eine weitere Kostprobe. Suchend blickt sie sich in alle Richtungen um und da - gar nicht weit entfernt - entdeckt sie in einer der Nischen genau das, was sie gesucht hat.

Wenn sie es könnte, würde Petunia jetzt anfangen zu grinsen. So aber weiten sich nur die großen weiß umrandeten Augen noch ein wenig mehr und die Fluegel breiten sich aus. Langsam, fast ein wenig genießerisch, nähert sich Petunia dem Tisch, an dem Nirka und Sigrun vor ihren beiden Keulen sitzen.


*****************************


Gerade hat Sigrun verträumt vor sich hin gesprochen, da wird sie jäh aus ihrer Ruhe gerissen.

BSSSSSSSSSSS BSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS

Ein sehr unangenehmer Laut, noch dazu auffällig laut in der Ruhe, die im Schankraum herrscht, dringt an ihr Ohr.

"WAS ..."



Nirka ißt weiter, während sie den laut geäußerten Gedanken ihrer Freundin lauscht. Den Blick, den die andere ihr zuwirft, bemerkt sie natürlich sofort, und für die Zeit, die sie sich beide in die Augen blicken, hält sie mit dem Kauen inne und geht fast ganz in diesem intensiven Blickkontakt auf. Erst das Surren irgendeines Insekts zerstört diesen Moment, doch Nirka ist nicht gewillt, sich von so etwas stören zu lassen - nicht an diesem Abend, nicht hier. Fast ein wenig hastig schluckt sie den Bissen herunter, den sie gerade im Mund hat, und antwortet leise:

"Nur eine Fliege oder so... die können wir getrost ignorieren. Aber... dein Wunsch ist natürlich auch mein Wunsch. Das würde ich auch gerne machen, und mir jede Stelle ganz genau ansehen."

So, wie sie das ausspricht, ist sehr deutlich, daß sie keineswegs nur jede Stelle des Schiffes meint, sondern noch mehr als das. Sie hält wieder inne, und fast unbewußt beginnen ihre Augen, nach dem kleinen geflügelten Ruhestörer zu suchen.



"Du hast recht, ich bin wohl etwas nervös."

Sie wirft einem selbstironischen Blick durch das Gasthaus. "Irgendwie ist das hier halt nicht so die gewohnte Umgebung."

Sie nimmt sich vor, sich von nichts und niemandem von Nirka ablenken zu lassen und nimmt das Gespräch wieder auf.

"Hast du denn so einen richtig großen Wunsch?"


************************


Nirkas Augen haben keine großen Probleme, Petunia zu entdecken. Gerade hält sie in wenig elegantem Sturzflug direkt auf den Teller der Bootsfrau zu.

Petunia hält sich selbst für ein sehr gelungenes Exemplar der Gattung Brachycera. Sie ist eine große Schmeißfliege, gut genährt und mit metallisch blau schillernden Flügeln. Ihre Augen sind groß, weiß umrandet und stehen vor. Momentan sind sie starr auf Nirkas Keule gerichtet.



"Das ist eine gute Frage."

Während Nirka kurz nachdenkt, versucht sie, eher abwesend mit der linken Hand diese dumme Fliege von ihrem Essen zu vertreiben.

"Im Moment ist mein größter Wunsch, einfach ganz doll und ganz lange mit dir zusammen zu ein."

Sie sieht Sigrun dabei wieder an, und ihrer Stimme merkt man deutlich an, daß genau das ihr größter Wunsch ist.



Sigrun ist glücklich! Wenn sie auch nur eine Sekunde daran gezweifelt hatte, daß Nirka noch immer genau so fühlt wie sie, ist sie sich jetzt wieder völlig sicher.

'Diese Heuer auf der NORDSTERN war echt in jeder Hinsicht ein Glücksgriff.'

Doch als ihre Gedanken wieder zur NORDSTERN wandern, fallen ihr auch die jüngsten Ereignisse wieder ein und noch nicht einmal Nirkas Gesellschaft und das wirklich äußerst gute Essen können sie völlig vergessen lassen, daß sie noch nicht viel von Nirka erfahren hat.

"Entschuldige, daß ich wieder davon anfange, aber es läßt mir irgendwie keine Ruhe. Wie war das denn, als ihr dieses andere Schiff gesichtet habt?"

Sie versucht, sich durch die Fliege nicht ablenken zu lassen, doch sie kann nicht verhindern, daß ihre Augen der Bewegung von Nirkas Hand folgen.


**********************


Unerhört! Da möchte diese Menschin doch wirklich mit ihrer Hand, ach was heißt Hand, das ist ja wohl eher eine Pranke, Petunias wohlverdiente Abendmahlzeit verhindern! Petunia ist entsetzt und äußerst verärgert angesichts solcher Unverschämtheit. Geschickt, allerdings in Anbetracht des Met-Konsums etwas zu schwungvoll, weicht sie Nirkas Hand aus. Dabei gerät sie aber etwas zu weit in Richtung Fenster, so daß sie wenden und erneut Kurs auf das Essen nehmen muß.


BSSSSSSSSSSSS BBBBSSSSSSSSSSSSSS...



Nirka wird schlagartig wieder ernst, denn auch wenn die fröhliche Stimmung die Ereignisse des Tages ein wenig zur Seite gedrängt hat, so sind sie dennoch präsent, und werden das wohl auch noch ziemlich lange bleiben. Dennoch vergeht ein Moment, bis sie antwortet.

"Nun, zuerst hat Raschid Segel am Horizont gesehen, dann Rauch. Hjaldar ist zu ihm emporgeklettert, der arme Raschid wußte gar nicht, wie ihm geschah. Die Segel gehörten zu zwei Drachen, die dann rasch das Weite suchten. Und zurück geblieben ist das Wrack, von dem eine Rauchwolke ausging - anscheinend hatten die Piraten es angezündet. Das Feuer wurde dann gelöscht, sicher durch diesen merkwürdigen Überlebenden, und dann... dann waren wir da. Wie es dann aussah, das hat du vorhin ja gesehen."



Sigrun schüttelt den Kopf. Warum nur haben diese Piraten das Schiff angezündet und so viele Leute umgebracht? Und aber auch, warum sind sie geflüchtet, als die NORDSTERN hinzukam?

"Das ist alles irgendwie seltsam", meint sie und schiebt leicht gedankenverloren einen weiteren Happen der Wildschweinkeule in ihren Mund. Nach der kurzen Kaupause ergänzt sie:"Vielleicht kann Hjaldar ja mehr darüber berichten. Ich habe ihn vorhin auf dem Schiff gesehen."

Sie schüttelt sich ein wenig, um aus der angespannten Stimmung wieder herauszukommen. Schließlich sind die beiden Frauen nicht hierher gekommen, um Trübsal zu blasen.

"Ich hätte nicht davon anfangen sollen. Morgen ist auch noch ein Tag, an dem man genaueres erfahren kann und wir sind ja schließlich zu unserem Vergnügen hier!"

Bei den letzten Worten sieht sie Nirka erneut an. Aus diesem Blick sprechen Zuneigung und Verständnis, aber auch Aufmunterung.


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'Ah, ja, das scheint etwas wirklich Gutes zu sein!'

Petunia hat Nirkas Teller erreicht und läßt sich gemütlich nieder. Schon probiert sie ein wenig von der Sauce, die sie über und neben der Keule auf dem Teller befindet.



Nirka erwidert Sigruns Blick gleichermaßen, und sagt dann leise:

"Es ist nun mal alles passiert - wir müssen damit leben. Es wird sich bestimmt noch öfter in unsere Gedanken drängen, denn so etwas läßt sich nicht einfach so beiseite schieben. Wir müssen lernen, mit diesem Wissen und mit dieser Erinnerung zu leben."

Sie überlegt, ob sie noch mehr zu dem Thema sagt, entschließt sich aber dagegen, denn Sigrun hat sehr recht damit, daß dieses Thema wohl kaum das richtige ist. Immerhin hat die Ablenkung gereicht, daß sie die Fliege übersieht, die sich ein weiteres Mal auf ihrem Teller niedergelassen hat.

"Komm, laß uns das Essen einfach weiter genießen. Die Arbeit und der Alltag werden uns viel zu früh wieder haben... aber... das hat immerhin auch eine gute Seite, denn wir beide sind ja auf dem gleichen Schiff, und beisammen."



"Ja! Ich glaube, wir haben es eigentlich ziemlich gut. Ich meine, wie viele Leute gehen ihrer Arbeit nur nach, weil sie das Geld brauchen und würden eigentlich viel lieber etwas anderes tun. Bei uns ist das nicht so. Ich würde nirgends mein Leben lieber verbringen als auf der NORDSTERN ... und natürlich bei dir."

Genießerisch schneidet Sigrun wieder ein wenig von ihrem Essen ab. Man merkt ihr deutlich an, daß sie zwar ihr Leben am liebsten auf der NORDSTERN verbringen möchte, an diesem Abend aber vermißt sie das Schiff kein bißchen.


******************************


Petunia hat es sich so richtig gemütlich gemacht. Niemand scheint sie bei ihrem Mahl stören zu wollen und so wagt sie sich immer weiter vor, gierig hier und da von der Sauce probierend.



Auch Nirka ißt ein wenig weiter, ehe sie antwortet, denn das ist ja gerade das Feine an diesem Abend - Zeit ist genug da, und man muß sich mit nichts abhetzen.

"Wir haben, was wir zum Leben brauchen, wir haben eine Arbeit, die uns erfüllt, und die uns Spaß macht, und.... das wichtigste... wir haben UNS."

Sie lächelt die Matrosin dabei liebevoll an, und ignoriert - so ablenkt - die Fliege, die sich über ihr Essen hermacht, natürlich vollkommen.



"Ja. Das ist wirklich das Wichtigste," antwortet Sigrun. Sie lächelt Nirka an und ißt genüßlich weiter. Das gute Essen und die ruhige Atmosphäre verfehlen ihre Wirkung auf sie nicht: sie wird langsam müde - und, jedenfalls für den Moment, schweigsam.

Auch Petunia wird ruhiger. Die Sauce auf Nirkas Teller hat sich als sehr wohlschmeckend und äußerst sättigend erwiesen und langsam spürt sie auch die beruhigende Wirkung des Mets. Petunia nimmt noch einen letzten Schluck von der Sauce, dann erhebt sie sich, um sich ein gemütliches Plätzchen zum Ausruhen zu suchen. Und da bietet sich auch schon etwas an: nicht besonders groß, doch vorstehend, so daß man einen guten Blick in alle Richtungen hat, und mit einem wohltuenden, von schwerer Arbeit zeugenden, leichten Schweißgeruch behaftet - ein wirklich geeigneter Platz, findet Petunia. Mit einem anmutigen Schlenker und lautem Summen läßt sie sich nieder - auf Nirkas Nase.



"Da hast du recht." Wie so oft verhält die Bootsfrau sich ihrer Freundin recht ähnlich, nur daß sie kaum müde wirkt - ihre Schweigsamkeit hat ein wenig andere Gründe, die mit dem zu tun haben, was an diesem Tag so geschehen ist, auch wenn sie sich fest vorgenommen hat, sich davon jetzt nicht stören zu lassen.

So gesehen ist die freche Fliege gar nicht so unwillkommen, denn immerhin unterbricht sie nicht nur Nirkas Essen, sondern auch die Nachdenklichkeit recht abrupt.

"He!"

Die Bootsfrau schnipst mit dem Finger nach dem aufdringlichen Insekt, nicht ohne ihre Nasenspitze dabei ein wenig mit zu treffen.

"Guck mal, Sigrun... diese freche Fliege hat sich doch tatsächlich DA hin gesetzt!"

Da sie sich nicht sicher ist, ob die Freundin das Wegschnipsen beobachtet hat, zeigt sie dabei noch einmal auf ihre Nasenspitze.





Petunia ist erneut empört.

'Das kann ja wohl kaum wahr sein. Soviel Pech an einem Abend!' Erst wird man in einen riesigen Bottich geworfen, aus dem man sich nur mit Mühe und Not retten kann, dann kommt man endlich zur wohlverdienten Mahlzeit und kann sie noch nicht einmal in Ruhe genießen. Beleidigt, schwerfällig und müde sucht sich die Fliege einen anderen Erholungsplatz - die Fensterbank.


BSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS


******************************


Nach der kleinen Unterbrechung durch die Fliege wenden sich Nirka und Sigrun wieder ihrem Essen zu und langsam, geradezu genießerisch, essen die beiden Frauen auf. Eine weitere Karaffe Wein wird gutgelaunt geleert und beide genießen die Ruhe und Vertraulichkeit, die sie hier, im Fröhlichen Kutscher, weit abseits des Hafens, antreffen. Die Unterhaltung plätschert leicht dahin, sie erzählen sich ein paar alte Geschichten aus der Zeit bevor sie sich kennengelernt haben, und gelegentlich berühren sich die Hände über dem Tisch - oder auch die Knie unter demselben.

Eilig haben die Seefahrerinnen es nicht, doch irgendwann erinnern sie sich, daß sie nicht allzu spät an Bord zurückkehren wollten und so machen sie sich auf den Rückweg. Langsam schlendern sie eng umschlungen durch die dunklen Gassen Salzerhavens, grob in Richtung des Hafens, doch keineswegs auf dem direkten Weg. Doch auch der längste Umweg ist einmal zünde und die beiden Frauen nähern sich dem Kai und der dort ruhig liegenden NORDSTERN. Mit einem leisen Seufzen lösen sie sich voneinander, als das Schiff in Sicht kommt.

Als sie an Bord kommen, ist alles ruhig. Nur die Nachtwache geht an Deck auf und ab und Sigrun ist erleichtert, daß sie diese Aufgabe zunächst einmal bis auf weiteres hinter sich hat. Vor dem Mannschaftsraum gönnen die Beiden sich noch eine kurze aber intensive Umarmung, bevor Sigrun ihren Schlafplatz und Nirka ihren kleinen Raum aufsuchen. Sigrun fällt schnell in einen erschöpften Schlaf. Es wird wirklich Zeit, den Schlafmangel der vergangenen Tage auszugleichen und der Wein und das gute Essen tun ein übriges. Nirka hingegen liegt noch eine Weile wach, trotz des gelungenen Abends mit den Gedanken bei der ZYKLOPENAUGE.



In SALZA: Entführt


Mißmutig starrte Rofen vor sich hin als er die Kutsche langsam zum Hintereingang des "Admirals" bewegte. Mit einem leisen Schnalzen der Zunge brachte er Trudi und Waldblume zum stehen. Ein wenig hellte sich seine Miene auf als Rofen vom Kutschbock stieg und zur Hintertür ging.

Seine zwei kleinen Stuten, wenn sie doch nur endlich im gehören würden. Ein leichtes Seufzen entfährt Rofen, es war doch alles so einfach wenn ihm die Pferde gehörten konnte er es endlich wagen und Rowina zum Weibe zu nehmen. Nur noch dieses eine Unternehmen und dann war es so weit.

Leise klopfte er an die Hintertür und wartete bis die Schankmaid kurz ihren Kopf hindurch gesteckt hatte, er nickte ihr zu und sie verschwand wieder.

Rofen bestieg wieder den Kutschbock und Fuhr die Kutsche an den großen Eingang des Gasthauses. Lange brauchte er nicht zu warten, dann bestiegen zwei vornehm gekleidete Männer die Kutsche und wiesen ihn an sie nach Salza zu fahren. Ein kurzer Pfiff von Rofen genügte und Trudi und Waldblume trabten los.



Unauffällig setzt Alrik sich etwas bequemer zu recht. Diese Fahrt kann noch in Weilchen dauern und sein Körper wird langsam schwer. Nur mit Mühe kann er sich auf die Worte des Adligen konzentrieren.

'Wird der denn nie müde?'

Ärgerlich sinniert Alrik vor sich hin. Welcher Zauber sollte helfen den Adligen ruhig zu stellen? Etwa ein Silent....

*grrrrgrrrr*

Ein leises Schnarchen ist alles was Alrik noch von sich gibt.



Merik "Das Messer" ist nicht aus Salza. Er selbst sagt immer, daß er aus dem Osten kommt, was nicht ganz gelogen ist. Zuletzt war er in Andergast, bis ihm die Stadtwache überdeutlich zu verstehen gab, daß er gerne noch weiter nach Westen wollte. Davor war er in Greifenfurt gewesen, und davor, nun, im Osten halt.

Glücklicherweise reist er immer mit leichtem Gepäck. Ein Profi wie er kann überall in kurzer Zeit ein neues Geschäft aufbauen. Ein Paar Dolche sind leicht für wenige Silbermünzen zu haben und sonst braucht Merik "Das Messer" nur noch seinen Spitznamen mit zu führen und an den Straßenecken zu warten.

Die Auftraggeber kommen wie die Kunden zu den Huren. Es sind mehr als man gemeinhin erwarten würde. Zuerst sind sie ein wenig zurückhaltend und tasten sich vorsichtig vor. Manche wollen eine lange Geschichte erzählen, manche wollen Verschwiegenheitsschwüre hören und manche wollen wissen, warum ein so sympathischer Mensch "ääh diese ääh Dinge ääh erledigt".

Merik weiß inzwischen, daß er zuhören muß, daß er alles beschwören muß und daß er die üblichen Lügen erzählen muß. Es macht es den Anderen einfacher und das ist alles was zählt. Bis auf das Geld, natürlich.

Im Moment ist Merik "Das Messer" in einer Kiste. Die Kiste ist hinten auf einer Kutsche und die Kutsche ist auf dem Weg nach Salza. Er macht das schon zum Dritten Mal und ist etwas beunruhigt, weil der eine nicht aufhört zu reden und die Zeit langsam knapp wird. Hat sich Frau-faß-mich-nicht-an-den-Po etwa bei ihren Pülverchen vertan?

Aber dafür ist ja Merik in der Kutsche - beziehungsweise in der Kiste - und hat einen Knüppel dabei. Der Deckel ist so gemacht, daß er ihn leise aufklappen kann. Merik erhebt sich aus der Hocke und linst über das offene Verdeck der Kutsche. Der eine Kerl schnarcht schon leise, aber der Hutträger redet immer noch.

"Bei Retro fääähhllt mir eine amüü-müüh-müühh-müühhhsante Geschichte ein ..."

Merik holt grade mit dem Knüppel aus, als sein Opfer nach rechts weg kippt und es sich an der Schulter des anderen gemütlich macht.

'Gute Nacht, was?', denkt sich Merik und schüttelt sicherhaltshalber noch mal die Schlafenden. Dann wendet er sich an den Kutscher.

"Hey, Rofen, du has' sie innen Schlaf geschaukelt. Schaun' mer mal ob Anne nochn Bett frei hat, oder?"



Als di Vespasio die Augen öffnet, ist es, als hätte es es nicht getan. Es ist finster. Es ist wie in einem Alptraum. Es ist nicht nur finster, sondern auch noch kalt und klamm und es stinkt. Und dann sind da noch die Gefühle.

Zum einen das Gefühl auf der Zunge: dick, geschwollen, pelzig und weich, als hätte er mit Schleim gegurgelt. Zum anderen das Gefühl im Kopf. Als würde ein gemeiner Kobold abwechselnd mit einem stumpfen Holzpflock und einer spitzen Wollnadel in sein Hirn stechen. Von hinten, zwei Finger über der Stelle, wo man den letzten Halswirbel ertasten kann, nach oben in die Stirn.

Beim zweiten Nachdenken entscheidet sich di Vespasio die Gefühle beim Namen zu nennen, es sind ganz eindeutig Schmerzen.

Noch liegt er auf dem strohbestreuten, festgestampften aber feuchten Lehmboden. Als er versucht sich aufzusetzen, rasen die Schmerzen durch seinen Kopf. Er will mit der Hand zum Kopf fahren, doch auch das geht nicht ohne Schmerzen, den um das rechte Handgelenk liegt eine schwere Manschette, die mit einer soliden Kette verbunden ist. Die Kette reißt heftig an seinem Handgelenk, so daß für einen Moment die Hand mehr schmerzt als der Kopf.

"Au!" entfährt es dem Gebundenen. "Wo bin ich? Was ist los?"

Doch auch das Sprechen ist schmerzhaft und di Vespasio muß mehrmals kräftig durchatmen, um eine aufkommende Panik zu besiegen.

'Ganz ruhig, mein Freund. Es wird alles in Ordnung kommen. Du warst schon in viel gefährlicheren Situationen. Auch wenn Dir grade keine einfallen. Die Zwölf sind bei Dir, es besteht kein Grund, in Angst zu geraten. Es gibt nichts, was sich nicht durch ein wenig Logik lösen ließe. HESinde, hilf deinem Diener.'

Di Vespasio erhebt die linke Hand und versucht mit den Fingern dem ekligen Gefühl auf der Zunge nachzugehen. Es bricht den Versuch aber schnell ab, als er merkt, daß die Hand nach Erde schmeckt und vermutlich noch dreckiger ist, als seine Zunge.

'Etwas Wasser wäre jetzt nicht schlecht. Aber vermutlich ist es Unsinn, hier ein Glas zu bestellen. Wie kommst Du hier her? Das letzte was ... moment ... das Schiff ... die Piraten ... das Wrack ... dann Salzerhaven ... richtig, das Gasthaus. Du hattest Lammbraten. Aber wo sind wir jetzt?'

Da reines Nachdenken nicht hilft, beginnt er seine Umgebung vorsichtig mit den Händen zu ertasten.

'Hier ist eine Kette, die endet an der Wand. Ein Ring aus Metall, der der Kette hält. Der Ring ist schon verrostet und vermutlich viel länger hier, als die Kette. Die Wand ist aus gehauenen Steinen. Die Steine sind feucht und mit Mörtel zusammen gefügt. Die Wand, die Wand, immer noch die Wand und hier noch ein Ring, und daran ist noch eine Kette, und hier geht die Kette weiter, immer weiter ... eine Hand.'

Zunächst ist di Vespasio erschreckt, mitten in der Dunkelheit auf eine feuchte, kalte Hand zu stoßen. Es ist ein unangenehmes Gefühl, so in der Dunkelheit die Privatsphäre eines Anderen zu verletzen. Aber dann erinnert es ich wieder.

'Der junge Herr Fuxfell! Wir waren zusammen in dem Gasthaus. Er hatte Wachteln und wir haben uns angeregt unterhalten. Hoffentlich geht es ihm gut.'

"Herr Fuxfell! Hallo! Wie schön Euch gefunden zu haben. Ich hatte schon Angst hier allein zu sein."



Als von dem Magus keine Antwort kommt, beginnt di Vespasio, sich echte Sorgen zu machen. Offensichtlich befindet er sich in einer nicht angenehmen Lage. Die Ketten an den Händen geben durchaus Anlaß zur Sorge, von der Dunkelheit ganz abgesehen. In einer solchen Situation will man nicht allein sein.

'Er wird doch wohl nicht tot sein? Du wärst wirklich nur sehr ungern mit einem Toten allein. Aber, nein, Unsinn, warum sollte sich jemand die Mühe machen, einen Toten anzuketten?'

Dabei fällt dem Adligen die Kette um sein Handgelenk wieder ein. Er befühlt sie tastend - das Material scheint solide zu sein - und kann sich grade zurückhalten, zu versuchen wie wild an der Kette zu zerren.

'Andererseits, warum sollte überhaupt jemand uns hier anketten? Wir können nur hoffen, daß es keine Kannibalen sind. Oder solche Barbaren, die dich ihren primitiven Götzen opfern. Huch - allein der Gedanke.'

Di Vespasio schüttelt sich leicht vor Schaudern und wendet sich lieber praktischen Problemen zu.

'Solltest du Gewalt anwenden, um ihn ins Bewußtsein zurückzuholen?'

Er tastet sich bis zur Schulter Fuxfells vor und schüttelt diese heftig.

"Wohlgelehrter Herr Fuxfell. AUFWACHEN."



Gerade wirft Alrik noch einen verheißungsvollen Blick in den Ausschnitt des Serviermädchens, als er des Herrn de Vespasios Stimme vernimmt. Mit einem aufseufzen richtet der Magus sich auf und schaut sich verwundert um.

"Was in allen Niederhöllen ist passiert?"



Di Vespasio ist so damit beschäftigt, andere Methoden zu entwickeln, wie er den anderen wecken könnte, daß er im erstem Moment völlig verblüfft ist, als dieser von selbst wach wird.

"Oh, Herr Fuxfell, schön daß ihr noch am Leben seid. Ich hatte schon befürchtet mir euer Leiche hier allein in der Dunkelheit zu sein. Ich könnte Euch um den Hals fallen. Ähm. Bildlich gesprochen, natürlich. Wenn ich euch denn sehen könnte."

Für den Augenblick ist di Vespasio recht froh, daß die Dunkelheit seine leichte Röte verbirgt. Selten hat er sich so gehen lassen. Allerdings war er nur selten in einer so prekären Lage und etwas Erhellung wäre auch schön.

"Könnt ihn nicht ein wenig Licht machen, ich hatte immer den Eindruck, das wäre einer der leichteren Zauber, nicht daß ich mich in euer Geschäft einmischen möchte. Ich meinte das so als Vorschlag. Aber seien sie vorsichtig, ich glaube wir sind mit Eisenketten gefesselt und Eisen ist ja nicht so förderlich, sagt man, für Magie. Hallo, warum sagen sie den nichts mehr?"



Nach einigem orientierungslosem Herumstochern konzentriert sich Alrik und schnippt mit seinem Finger.

"Ha!","Ähm?, wo auch immer mein Stab sich befindet, hier ist er nicht."

"Wie bekommen wir denn nun Licht? Moment früher hat mich doch mein Lehrer immer mit einem Spruch traktiert."

Der Magus versinkt in tiefes Schweigen.



'Flim Flam!'

"Ich hab den Zauber einen Moment noch, Herr de Vespasio!"

"Oh ja, das ist es. Wie lang ist es schon hab ich diesen Zauber nicht mehr verwendet? Das ist doch in Riva?"

Wenn es mittlerweile hell wäre, zum Beispiel durch Alriks Zauber könnte man sehen wie er überlegend den Kopf schüttelt.

" Nein, Nein das muß viel früher gewesen sein. Es war... nein das kann unmöglich sein, da hatte ich meinen Stab, ach ja der Stab, wo kann er überhaupt sein?? Hoffentlich haben sie ihn nicht zu weit weg versteckt."

Langsam schweifen die Gedanken des Magus immer mehr ab.



Als Alrik Fuxfell wieder etwas von sich hören läßt, ist der Adlige sehr beruhigt. Zumindest fürs erste. Jedoch dient der folgende Monolog des Magus nicht zu einer wirklichen Entspannung seiner Nerven.

'Meine Güte, diese Magier. Es ist dir doch ein wenig unheimlich bei dem Gedanken mit einem alleine zu sein. Selbst nach all den Jahren, in denen du im Geschäft bist, mein Lieber, hast du dich nie an die Madas Geschenk gewöhnt.'

Di Vespasio faßt sich an den Hals und hat schwer an einem großen Kloß zu würgen, der sich in seinem Hals festgesetzt hat.

'Aber es ist eben doch etwas ganz anderes, mit einem Künstler des Arkanen im Salon zu sitzen und über Kräuterbücher zu plaudern, als einen dieser wohlgelehrten Herren seine Gedanken bei der Arbeit äußern zu hören.'

Als Herr Fuxfell nach seinem Stab fragt, ist das genau die Gelegenheit, etwas Handfestes zu tun, um sich von der Situation abzulenken. Und es ist ein weiterer Vorwand nicht still im Dunkel zu sitzen.

"Euer Stab? Wartet, ich helfe euch suchen. Konzentriert ihr euch auf den Lichtzauber. Ich werden mich mal etwas umschauen. Oder, ha, um ein besseres Wort zu gebrauchen, etwas umfühlen. Bisher habe ich nur die Kette gefunden, aber das war ja auch nicht schwer."

"Der Boden ist mit Stroh bedeckt und etwas feucht. Geradezu schmutzig, ich möchte nicht wissen, wie mein Rock aussieht. Ich kann nichts besonderes fühlen. Doch, hier! Was ist das? Es ist hart und aus Leder. Oh! Euer Fuß. Entschuldigung."

"Zumindest auf dieser Seite ist euer Stab nicht. Mein Stock und mein Hut sind auch weg und, moment, ... ja meine Börse ist nicht mehr da. Man muß mich beraubt haben."

'Nun, mein Freund, dieser Kommentar war wenig intelligent. Man hat dich nicht nur beraubt, sondern auch entführt und in einem feuchten Keller angekettet. Du mußt dich etwas zusammenreißen und Haltung zeigen, wie es deinem Stand entspricht.'

Di Vespasio richtet sich grade auf, auch wenn das in der Dunkelheit nicht zu bemerken ist. Zu bemerken ist jedoch der Wechsel in der Stimme des Mannes. Vorher war sie eher hoch, fast kindlich oder weibisch, an der Grenze zur Panik, jetzt hat sie eine sehr distinguierten Tonfall, reserviert, wie sie einem gelehrten und welterfahrenem Herren zusteht.

"Hrm. Nun. Das war zu erwarten. Aber es besteht kein Grund, sich davon Beunruhigen zu lassen. Diese Dinge werden sich wiederfinden lassen. Diesen Halunken stehen noch einige Überraschungen bevor, nicht wahr?"



Der junge Magus ist noch reichlich verwirrt ob des plötzlichen Erwachens in tiefster Finsternis. Mittlerweile hat er sich aber soweit gefaßt, das mitten in Herrn de Vespasios aufgeregtem Geplaudere ein leicht tanzendes Lichtgebilde entsteht. Dank seiner wiederkehrenden Konzentrationsfähigkeit scheint es leichter zu sein die arkanen Muster des Foramen zu finden.



In dem flackernden Licht, das der Magier herbeigerufen hat, kann di Vespasio schemenhaft die Einrichtung des Raumes bewundern. Nicht daß es da viel zu bewundern gäbe.

Der Raum, um das unschöne Wort Zelle zu vermeiden, ist etwa vierteltonnenförmig. D.h. er ist dadurch zustande gekommen, daß man von einem Tunnel mit gewölbter Decke einen Abschnitt mit Brettern abgetrennt hat.

Die eine Wand, die langsam in die Decke übergeht, ist aus großen, gehauenen Steinen gemauert, aber die drei anderen Wände bestehen aus groben Holzbretter, die auf ein Gerüst genagelt sind, das hinter ihnen verborgen bleibt. Die Wand gegenüber beginnt etwa auf 3/4 der Breite des Tunnels und hat eine einfache Tür.

Der Boden besteht aus Lehm und ist mit sehr altem und stinkendem Stroh bestreut. Offenbar haben frühere Gäste dieses Hauses sich bei ihren Geschäften nicht auf den Eimer beschränken können, der auch in der Ecke steht.

Ansonsten glänzt die Inneneinrichtung durch den dezenten Verzicht auf überflüssige Extras. Lediglich drei Ketten, von denen im Moment zwei in Benutzung sind, geben dem Raum etwas Flair. Die Ketten sind durch Ringe in der Steinwand gezogen und scheinen recht solide zu sein. Die Ringe zeigen etwas Rost.

Di Vespasio verzieht angewidert das Gesicht.

"Wie abscheulich. Nun ja, wenigstens haben wir Licht. Wir sollten dringend sehen, daß wir hier herauskönnen. Habt ihr eine Idee wegen der Ketten? Leider hat man mir offenbar alles abgenommen, was als Werkzeug dienen könnte."

Tatsächlich besitzt der adlige Herr weder Stock noch Hut noch Rock. Selbst auf seine Gürtelschnalle muß er verzichten. Die Entbehrungen sind ihm auf das Gesicht geschrieben.



Beim Foramen Foraminor scheint Alriks Ausbildung wieder vollständig zu funktionieren. In den kurzen Augenblicken die der Herr di Vespasio braucht um sich umzusehen, berührt der Magier kurz 3 mal das Schloß der Handschellen und murmelt die Formel. Beim der dritten Berührung streicht er fast sanft über das Schloß und mit einem leisen Klicken springt es auf.

Beim Aufstehen rasseln die Ketten laut vernehmlich zu Boden und der Magus zuckt zusammen. Kurz lauscht er dann kniet er sich zu Herrn di Vespasio, um auch den hohen Herrn zu befreien.



Als sich der Magier seinen eigenen Ketten zuwendet, kann sich di Vespasio nur mit Mühe bezwingen. Er ist so aufgeregt und ihm fallen tausend Sachen ein, die er grade jetzt fragen will.

'Nun reiß dich doch mal zusammen. Es wäre höchst unerquicklich, sollten deine Fragen den Zaubernden aus dem Konzept zu bringen. Wohlmöglich schließen sich die Ketten noch fester zusammen oder sonst was. Man hat ja schon einiges gehört von sogenannten Patzern der Magie.'

Auf seiner Stirn bilden sich einige Schweißtropfen.

'Was dauert das so lange? Bei ihm selbst ist das doch schneller gegangen, oder? Muß er jetzt nicht dreimal drauf klopfen. Oder kann er sich nicht mehr an die Formel erinnern? Funktioniert das etwa nur einmal in der Stunde? Meine Güte, mit diesen Dingen sollte man wirklich keinen Spaß treiben.'



'Puh'

Ein einzelner Schweißtropfen rinnt dem Magier über die Stirn hinab. Ein Schwindelgefühl erfaßt ihn und Alrik muß erst einmal kräftig durchatmen. Dann schließt er die Augen streicht fast zärtlich über das Schloß, welches den Herrn di Vespasio fesselt. als er seine Augen wieder öffnet scheint der Blick des Magus in anderen Sphären zu weilen.

Leise murmelt er den Spruch, und zwar so leise das ihn selbst der edle Herr nicht verstehen kann der bloß einen Hauch entfernt ist. dann klopft er sacht mit dem Finger 3mal aufs Schloß und nichts passiert. Verwundert runzelt Alrik die Stirn. Er zieht kräftig an den Ketten und mit einem laut vernehmlichen Klick öffnet sich das widerspenstige Stück Metall.



"Uff" erleichtert atmet di Vespasio aus. Er fühlt sich gleich wesentlich befreiter als eben noch. Sofort springt er auf und bewegt die vormals umklammerte Hand.

"Einen ganz herzlichen Dank! Ihr könnt es euch nicht vorstellen, wie wichtig es für mich ist, wieder frei zu sein. Aber seien wir nicht so voreilig, noch sind wir ja nicht raus. Was meint ihr wo wir sind? Es sieht nach einem Keller aus und riecht auch so, aber die Decke ist so merkwürdig."

Di Vespasio geht zur Tür und rüttelt daran.

"Hm, die ist nicht grade stabil, nur ein einfacher Riegel, ich kann ihn von hier aus sehen. Schaut ihr euch den Riegel doch mal an. Wenn ihr daran magisch nichts machen könnt, sollte die Tür einem kräftigen Ruck von uns beiden nicht standhalten können."



In SALZA - Auf Leben und Tod


TOCK.

Acht.

"Scheiße! daßis doch alles'ne Scheiße hier!"

Merik fühlt sich eindeutig überqualifiziert für seine jetzige Beschäftigung. Er ist schließlich Profi. Ein Künstler in seinem Fach. Und was soll er tun? Wachdienst schieben! Wozu überhaupt. Die Frau und die beiden Neuen sind angekettet und die Tür ist verschlossen, was soll denn da passieren!

"Scheiße, hier! Selbst Anne, wennse voll zu is, könnt da aufpassn!"

Merik geht zu dem Schrank und zieht die drei Wurfdolche aus der Tür mit den Zielringen aus Kreide, die unter seinen fortgesetzten Würfen schon sehr gelitten hat. Besonders die Region um die 'Zehn'.

Er geht die acht Schritte bis fast zur gegenüberliegenden Seite des Tunnels zurück und stellt sich wieder auf. Der Raum ist wie eine halbe, liegende Tonne geformt. Zwei Wände, Nord und Süd, gehen in die Decke über und bilden zusammen ein Tonnengewölbe aus gehauenen Steinen.

Die Ostwand ist auch aus Stein gemauert. In der Mitte ist eine ebenso aus Stein bestehende Tür angebracht. Von dieser Seite kann man natürlich den recht komplizierten Schaniermechanismus sehen, aber von der anderen Seite der Wand, bleibt sie vermutlich sehr gut verborgen.

Demgegenüber ist die Westwand aus Holz. Bis zur Decke zieht sich ein Regal hin, das mit einigen wenigen Dingen gefüllt ist. In einer Seite befindet sich eine schwere Holztür, die mit einem Riegel und einem Vorhängeschloß gesichert ist.

TOCK.

Zehn, aus der Hüfte.

TOCK.

Zehn, in der Drehung mit links.


*****


Die Geheimtür war schwer zu finden gewesen. Hätte er sich nicht nach der stundenlangen Suche in den Kanälen grade hier zum Ausruhen hingelegt, und wäre das Geräusch nicht gewesen, dann hätte er wohl aufgegeben.

Aufgegeben nach einer Suche, die ihn quer durch Aventurien geführt hatte. Aufgegeben wohl nur wenige Schritte vor dem Ziel. Aufgegeben nach drei Monden. Neunundneunzig Tage, in denen seine Tulpenblüte in diesem stinkenden, schlammigen Loch ...

Würde er etwas anderes besitzen als nur seine Ehre, wäre dies ein passender Grund, dies in Rastullahs Namen den Armen zu schenken.

"Rast al in akra ben salem ir ak Melmaliq."

Es hatte auch etwas Nachdenken gekostet, aus dem Geräusch auf einen Messerwerfer mit drei Messern zu schließen. Der Mann links, das Ziel rechts, dazwischen, auf halben Weg, die schwere Geheimtür. Kein einfaches Problem, aber Al'Razoq hatte sich für einen Überraschungsangriff entschieden, grade in dem Moment, in dem der andere sein drittes Messer geworfen hätte.

Viel komplizierter würde das Problem werden, wenn es kein Messerwerfer sondern eine Messerwerferin sein würde. Der Tulamide küßt die Breitseite seines Krummsäbels.

TOCK.


*****


Neun, zwischen Daumen und kleinem Finger.

Grade will Merik sich wieder zum Schrank aufmachen. Da schwingt die Geheimtür auf. Die Tür ist aus Stein und schwer; dennoch schafft es der andere sie sehr schnell zu öffnen. Er muß über große Kräfte verfügen, die man seinem eher kleinen Wuchs nicht zutrauen würde. Er trägt dunkelblaue, weite Stoffgewänder, die mit Bändern eng an Brust, Unterschenkel und Unterarme gebunden sind. Der Kopf ist in eine Art Schal gewickelt, wie ein Schleier, nur die Augen bleiben frei. Über dem Kopf vorgestreckt schwingt er ein großes, gebogenes Schwert und rennt auf Merik zu.

Merik ist für einen Moment überrascht. Er hat von solchen Kriegern gehört. Aus dem Süden. Natürlich nur Gerüchte, weil sie dazu neigen, keine Zeugen am Leben zu lassen. Mit seinen Messern hat er im Zweikampf gegen den Säbel keine Chance. Jeder andere würde jetzt wohl nur noch ein kurzes Stoßgebet beginnen können, doch Merik ist wirklich ein Profi und hat sich blitzschnell entschieden.

Er zieht mit jeder Hand ein Messer aus seinen Ärmeln. In derselben Bewegung wirft er sie auch schon. Das eine zielt auf den Hals des Angreifers und würde bei jedem anderen wohl das Ende bedeuten, doch der führt eine ebenso blitzschnelle Drehung mit dem Säbel aus und lenkt das Messer ab. Merik nickt anerkennend. Auch ein Profi. Merik wartet, daß das zweite Messer sein Ziel erreicht.


*****


'Maqqik!'

Das Licht. Wer kann auch ahnen, daß ein Messerwerfer im Halbdunklen bei nur einer Kerze übt. Da ist es auch schon passiert, das zweite Messer trifft die Kerze und löscht sie sofort aus.

'Wirklich ein guter Messerwerfer. Das wird eine interessante Kombination der Lektionen ´sisquiad´ und ´halsamen´.'

Al'Razoq schließt im Lauf die Augen und stellt sich den Raum bildlich vor: Tisch Schrank Hocker Geheimtür Wandregal Gegner ein Messer etwa hier und eines hinter dem Tisch. Es wird zwar vermutlich bei so einem Gegner nichts bringen, aber er schlägt trotzdem mal nach dessen Beinen. Beziehungsweise an die Stelle, wo diese vorher waren. Vorsichtshalber in tief gebückter Haltung.

TOCK.

'Nein, da war er nicht mehr. Am Regal an der Holzwand ist ein Messer aufgeschlagen. Der Ungläubige muß es noch im Sprung geworfen haben, im Glauben, ich würde aufrecht stehenbleiben, wenn ich nach ihm schlage. Da es über meinen Rücken hinweg geflogen ist und dort gelandet ist, muß er dorthin gesprungen sein.'

Der Krieger greift in den Lehm, zerreibt eine Handvoll und streut sie breit in die entsprechen Richtung.



Merik hat sich grade gebückt und etwas Lehm vom Boden aufgenommen als um ihn herum ebenfalls Lehm auf den Boden prasselt. Scheiße, nein. Er hatte ja damit gerechnet, daß der Hirsefresser dem Messer ausweichen würde, aber daß er auch noch die eigenen Tricks benutzt, das ist wirklich zuviel.

Und dann sind auch noch die Messer bald zuende. Der Andere hat bessere, längere Waffen und kann damit umgehen. Das läßt nur einen Weg übrig. Merik schleudert den Lehm von sich weg und hechtet zur Tür.


*****


Al'Razoq hat die Augen geöffnet, was ein Fehler ist. Die kleinen Sandkörner irritieren ihn genug, um den Vorteil, die Position des Messerwerfers entdeckt zu haben, nicht ausnutzen zu können.

Doch der ist jetzt kaum zu überhören, wie er zur Tür stürmt. Eher auf Schnelligkeit als auf Lautlosigkeit bedacht. Eine Falle? Unmöglich kann der Tulamide den Anderen unverfolgt in seinem Rücken lassen. Zu groß das Risiko, daß der zurückkommt, oder schlimmer, Melmaliq holt und als Körperschild verwendet. Also hinter ihm her.

Er nimmt Anlauf und springt durch die Tür, auch wenn er sie im Moment nicht sehen kann. Nichts. Merkwürdig, er selbst hätte sich hinter die Tür gestellt und gewartet. Wo ist der Schlitzer hin? Die Laterne abdecken? Nein, gegen solch einen Messerkünstler zu riskant. Da! Schritte, die sich entfernen.

Fast lautlos setzt Al'Razoq seinem Gegner nach.



'Scheiße! Der Hirsefresser ist noch hinter mir her. Was jetzt? Verstecken oder weiter laufen? Gleich müßte erstmal der erste Ablauf in den Quertunnel nach unten kommen.'

Dieser erste Gang ist zwar Teil des Tunnelsystems unter Salza, jedoch ist er sehr Trocken, lediglich im hinteren Teil wird der Boden etwas feucht und es findet sich ein dünnes Rinnsal am Boden, wenn es gerade geregnet hat.

Demgegenüber in in den unteren Etagen der Tunnel manchmal mit mehr Wasser als Luft gefüllt. Wirklich keine Gegend um umherzuschleichen und um sein Leben zu kämpfen. Da kommt Merik eine Idee für einen Hinterhalt.

Er ist die Strecke so oft gelaufen, kennt sie fast auswendig, und wird langsamer, kurz vor der Stelle, wo sich ein Loch im Boden auftut. Schnell hat er die Wandgriffe gefunden und steigt hinab, so lautlos wie möglich um seinem Verfolger keine Hilfe zu geben. Unten macht er sich bereit, den Kommenden abzufangen.


*****


'Einundfünfzig Zweiundfünfzig und stop.'

Auch Al'Razoq stoppt einen Schritt vor dem Loch im Boden. Er ist etwas vorsichtiger durch den Tunnel geschlichen, immer eine Falle des Messerwerfers erwartend.

Es ist eine Frage der Reichweite und der Geräusche. Mit Messern ist man besser auf Wurfdistanz und im extremen Nahkampf. Für einen Wurf braucht man ein deutliches Geräusch. Und um in den extremen Nahkampf zu kommen, muß man völlig lautlos warten bis der Feind ganz nah ist und dann ein, zwei schnelle Attacken anbringen.

Schon hier kann man das leise Gluckern des Wassers hören, das nur etwas tiefer die Fußtritte und Atemgeräusche überlagern wird. Sollte der andere sich beim Anschleichen zu früh verraten ist man mit dem Säbel deutlich im Vorteil, besonders wenn der Gegner keinen Schild hat. Bis er wieder wegläuft.

Der Tulamide legt sich bäuchlings auf den Boden und streicht mit dem Säbel durch die Öffnung im Boden.


*****


"AAHHH!"

Etwas hat ihn am Handgelenk gestreift und Blut gefordert, schmerzhaft und er konnte den leisen Schrei nicht mehr unterdrücken, wobei doch alles auf völlige Lautlosigkeit ankommt. Also nimmt Merik die Beine in die Hand und läuft bergab davon, so leise wie möglich.

Während er seine Wunde mit der Zunge prüft, hört er hinter sich den Feind herunterspringen. Er hat es dann wohl doch noch gewagt, herunterzukommen.

'Woher wußte der nur, wie weit es bis zum Loch ist? Er wäre genau ins Messer geplumpst.'



Der Tulamide landet im Wasser und läßt seinen Krummsäbel zweimal im Halbbogen um sich schwingen. Auf der einen Seite streift er die Mauer, sonst aber nichts. Al'Razoq springt federnd zur Seite und lauscht in die Dunkelheit.

Der Messerschlitzer muß weggelaufen sein, nachdem er ihn getroffen hatte. An der Säbelspitze ist eindeutig Blut zu riechen. Er selbst würde dem Wasser folgen. In der Richtung ist auch ein leises, regelmäßiges Platschen zu hören. Er erinnert sich an einen langen graden Gang, vielleicht kann er den anderen einholen. Also hinterher.


*****

Das ist ein langer grader Tunnel, aber bald kommt schräg ein Quergang, der sehr viel Wasser führt. Dort wird Merik noch mal versuchen einen Hinterhalt zu legen. Aber es muß schnell gehen, der Hirsefresser ist bestimmt nicht weit hinter ihm.

'Scheiße!'

Die Wunde ist wohl doch tiefer als zuerst angenommen. Der Säbel muß mindestens so scharf sein, wie seine Messer. Merik wollte schon seine Jacke als Schild und Verband um die Linke wickeln, aber der Stoff wird gegen diesen Säbel kein Schutz bieten.

Aber es gibt da eine Möglichkeit. Merik verschiebt unter Schmerzen die Unterarmmesserscheide nach außen und steckt eines seiner Reservemesser hinein. Nicht perfekt, aber genug um mit Glück einen Streich abzufangen.

Da, das Wassergeräusch wird auch schon lauter. Etwas weiter vorne muß dieser große Hauptkanal sein, der die festen und flüssigen Abfälle von Salza in den Ingval spült. Der Gestank spricht eine deutliche Sprache. Am Quergang angekommen versteckt sich Merik hinter der linken Biegung und macht sich bereit, je ein Messer in jeder Hand, den Atem angehalten.


*****


Als der Südländer zum Quertunnel kommt kann er den Hinterhalt förmlich riechen. Neben dem Gestank der körperlichen Ausscheidungen der Menschen, die über ihm ihren Geschäften nachgehen und die ihren Dreck nicht etwa im Sand vergraben, wie es der Rechtgläubige tut, sondern das Wasser damit verschmutzen.

Er drückt die Augen fest zu und bewegt sich tastend vor. Der Angriff wird von links kommen, das hat er im Blut, also führt er den Säbel schräg rechts vor den Körper, um im passenden Moment zuzuschlagen.

Ein leiser Schritt läßt ihn den Schlag ausführen, und tatsächlich er trifft etwas.


*****


"AAAAH!"

Merik spürt den harten Schlag auf sein Unterarm, doch das Messer in der Scheide fängt die Säbelklinge ab, wenn auch die Wunde darunter zu brennen beginnt. Sein Plan ist geglückt.

Mit dem Messer in der Rechten führt er jetzt eine unfehlbare Attacke gegen das Herz des Scheißkerls, der ihn in diese Lage gebracht hat.


*****


Sind es jahrelang trainierte Reflexe, angeborene Instinkte, seine geringe Größe oder die Hilfe Rastullahs? In jedem Fall kann Al'Razoq sich aus der Stoßrichtung des Messers heraus drehen, so daß dieses ihm 'nur' die linke Schulter aufreißt.

Doch jetzt ist nicht die Zeit für Schmerzen oder religiöse Überlegungen. Der Messermann ist über ihm, und wenn er ihn nicht schnell auf Distanz bringen kann ist es ganz vorbei.

"Melmaliq!"

Der Tulamide reißt sein linkes Knie hoch, dahin, wo der Körper des Anderen auf ihm lastet und drückt ihn weg.


*****


Das lief doch nicht ganz so wie geplant. Er hat den anderen nicht ganz erwischt. Dann trifft ihn etwas schweres von unten und stößt ihn von seinem Ziel weg. Aber doch hat er ja das zweite Messer, während der Hirsefresser nur seinen nutzlosen Säbel hat.


*****


Der Säbel ist ihm bei dem ersten Schlag abgeprallt und hängt kraftlos mit der Spitze im Boden. Al'Razoq kann nicht wirklich ausholen, aber für ein schwächliches Wischen in Bodenhöhe reicht es noch aus, bevor er sich fallen läßt und den tödlichen Stoß erwartet.


*****


Merik will grade mit der der Linken noch mal zustoßen, als ihn etwas am linken Unterschenkel trifft und die Sehne auftrennt. Unter ihm gibt das Bein nach und er stolpert unwillkürlich einen Schritt zurück, verliert das Gleichgewicht und stürzt nach hinten in den Wasserlauf.

'Scheiße!'



Wieder zurück auf der NORDSTERN stürmt di Vespasio direkt in seine Kabine, ohne nach links und rechts zu blicken. Das mag zwar auf die, denen er am Vormittag auf dem Schiff begegnet, merkwürdig wirken, aber in seinen jetzigen Zustand kann er sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen.

Es war schon erniedrigend genug sich bis zur nächsten Kutschenstation durchzufragen. Die Hose bis zum Schritt stinkend durchnäßt, die Haare wild durcheinander, das Puder völlig verlaufen. Glücklicherweise hatte er seinen Rock, der mit allen anderen Sachen im Vorraum der Zelle in einem Schrank versteckt war, trocken halten können, so daß zumindest ein Deckmantel über seine Schande gebreitet gewesen war. 'Soll doch der Magier den Neugierigen die ganze Geschichte erzählen. Die Befreiung ist ja auch zu ganz wesentlichen Teilen sein Verdienst. Allein die Öffnung der Schlösser war ein Meisterwerk der arkanen Kunst. Du mußt dich noch einmal ganz deutlich bedanken, möglicherweise mit einem kleinen Geschenk.'

Leider hatte er dann bei der Durchquerung des Tunnelsystems unter Salza ein nicht mehr so sicheres Händchen. Di Vespasio ist überzeugt, daß wenn der Magus ihm gefolgt wäre, dann wären sie wesentlich schneller herausgekommen. Nun gut, der Adlige hatte sich beim ersten Mal etwas in den Sackgassen verhaspelt, aber das sollte doch kein Grund sein, in die Gegenrichtung davon zu stampfen, zumal mit dem einzigen Licht. Beim zweiten Versuch wäre er zuerst links abgebogen, in den langen Gang und diesmal die schräge Rampe hochgegangen und dann ... wie auch immer, jetzt erstmal umkleiden. Glücklicherweise ist die rote Kombination ja noch frisch.


*****


Merik humpelt auf der Straße nach Norden. Es tut kaum noch weh. Der Heiler hatte wirklich Wunder gewirkt, aber unmöglich hätte er jetzt noch eine Woche Bettruhe halten können, nicht mit dem blutrünstigen Killer auf seiner Fährte. Merik blickt sich um und beschleunigt seine Schritte.


*****


Al'Razoq steht vor einem Wirtshauszimmer Wache. Hinter der Tür läßt sich seine angebetete Tulpenblüte baden und waschen. Hundert Tage hatte er ihre Spur verfolgt, schlecht gegessen, die Nächte auf Pferderücken verbracht, unzählige Hindernisse überwunden, sie schließlich in einem Holzverschlag am hinteren Ende eines ausgedehnten Abwassersystems angekettet gefunden und was sagt sie?

'Du? Warum hat das so lange gedauert? Los, öffne die Ketten, ich brauche ein Bad.'

Wohlmöglich würde es ihrem Vater schwer fallen, den zweiten Teil seines Versprechens einzuhalten.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Jergan und der Heiler


Wieder einmal wird die "Ruhe" des Kapitäns auf dem Brückendeck unterbrochen. Diesmal ist es ein Jergan unbekannter Mann, der forschen Schrittes nach oben kommt, wobei Jergan sich nicht bewußt ist, gesehen zu haben, wie der Mann das Schiff betreten hat - es scheint ihm, als sei er eher schon auf selbigem gewesen.

Viel Zeit zum Rätseln bleibt jedoch nicht, denn der Eilende ist rasch an Ort und Stelle - was wohl auch dieses Rätsel lösen wird.

"EFFerd zum Gruße", spricht Jergan den Mann an.



"Die Zwölfe zum Grusze," erwidert Ulfried den Grusz des Kapitäns. "Ich bin der Heiler, den Ihr für das verletzte Mädchen rufen lieszet. Die Patientin ist nun erwacht und auf dem Wege der Genesung, mein Auftrag ist damit erfüllt."

Ulfried redet mit Jergan ruhig und sachlich, jedoch muz man kein überragender Menschenkenner sein, um die vorangegangene Verärgerung über Reckinde in seinem Gesicht zu erkennen.

"Man sicherte mir zu, die Begleichung meiner Rechnung durch die Schiffskasse zu," trägt er schlieszlich sein eigentliches Anliegen vor.



Jergan nickt, als der Heiler sein vollkommen verständliches Anliegen vorträgt. Zuvor kann man jedoch im Gesicht des Kapitäns einen deutlichen Ausdruck der Freude darüber sehen, daß es dem Mädchen anscheinend wieder besser geht.

"Das höre ich gerne", erwidert er, "und das mit der Bezahlung geht selbstverständlich klar. Ich vermute mal, der Herr Lowanger hat Euch das zugesichert, was ja auch vollkommen in Ordnung so ist. Wieviel sind wir Euch denn schuldig?"

Die Frage ist in einem neutralen Ton gestellt, der ziemlich im Widerspruch zu der doch spürbaren Verärgerung des Heilers steht.



Allmählich beruhigt sich der Pulsschlag des Heilers und auch sein Gesicht kehrt mehr und mehr zu einer normalen Farbe zurück. Es ist schlieszlich nicht der Kapitän, über den er sich ärgert, im Gegenteil, dieser scheint tatsächlich, wie angekündigt, bereit zu sein, die Schiffskasse zu öffnen. Ulfried rechnet einen Augenblick, dann nennt er dem Kapitän die Summe. Diese fällt aufgrund des Zaubereinsatzes zwar etwas höher aus, als man vielleicht erwartet hätte, ist jedoch keinesfalls überzogen, schon gar nicht, wenn man die Tageszeit bedenkt.



Jergan sieht den Heiler kurz an, dann greift er kommentarlos in den Beutel, in dem üblicherweise das Geld landet, das die Fahrgäste für ihre Mitfahrt bezahlen, und der im Moment auch ausreichend gefüllt ist, so daß kein Rückgriff auf die Schiffskasse unten in seiner Kabine erforderlich ist.

"Bitte sehr. Wir sind Euch wirklich sehr dankbar, daß Ihr ungeachtet der ungewöhnlichen Stunde so rasch gekommen seid."

Mit diesen Worten überreicht er dem Heiler die genannte Summe, zuzüglich etwa eines Zehntels.



Der Heiler nimmt das Geld entgegen. Da der Kapitän einen ehrlichen Eindruck auf Ulfried macht, verzichtet er darauf, die Münzen genau abzuzählen. Nach einem kurzen einschätzenden Blick, läszt er sie in seinen eigenen Geldbeutel gleiten.

"Das ist doch selbstverständlich, die Not fragt ja leider nicht nach der Tagesstunde. Nichtsdestotrotz würde ich mich nun gerne verabschieden."

Bevor er jedoch wirklich geht, wartet er noch eine Antwort des Kapitäns ab. Es könnte ja sein, das man hier auf dem Schiff noch weiteren Bedarf an einem Heiler hat.



Der Kapitän nickt.

"Das ist wahr, was Ihr da sagt, das kennen wir Seefahrer auch. Unwetter kommen auch gerne zur ungünstigsten Tageszeit, vorzugsweise immer dann, wenn man sich nach langer Arbeit gerade zur Ruhe gelegt hat."

Jergan zeigt in Richtung des anderen Schiffes.

"Wenn jenes Unglück anders ausgegangen wäre, dann würden wir Eure Hilfe noch viel mehr in Anspruch nehmen müssen, so habt Ihr der einzigen Verletzten bereits geholfen. Es gibt noch einen Überlebenden, aber der ist wie durch ein Wunder unverletzt geblieben - die Zwölfe haben bestimmt ihre Hände schützend über ihn gehalten."

Man merkt der Stimme Jergans deutlich an, daß ihm die Geschehnisse immer noch sehr nahe gehen - und auch eine gewisse Müdigkeit ist zu bemerken, was nach diesem Tag wohl kein Wunder ist.

"Ich will Euch darum auch nicht länger aufhalten - und wünsche Euch noch einen angenehmen Abend!"



Das Mädchen ist geheilt, die Rechnung wurde beglichen, alles was gesagt werden muszte ist gesagt, damit gibt es eigentlich keinen Grund mehr hier zu verweilen. Zudem kommen noch weitere Personen auf die Brücke und verlangen nach der Aufmerksamkeit des Kapitäns. Jergan noch ein ...

" ... den wünsche ich Euch ebenfalls, die Zwölfe mit Euch,"

zuwerfend macht er sich daran, die Stufen zum Oberdeck hinabzusteigen. Es wird wirklich Zeit wieder nach Hause zu kommen.



Zügigen Schrittes überquert der Heiler das Oberdeck und die Planke. Er geht ein paar Schritte in Richtung Stadt und bleibt dann noch einmal kurz neben der ZYKLOPENAUGE stehen. Kopfschüttelnd sieht er den Boroni einen Augenblick zu, wie sie diejenigen auf einen Wagen verladen, die der Herr des kleinen wie des groszen Schlafes nun endgültig zu sich geholt hat. Nein, hier kann Ulfried wirklich nicht mehr helfen, auch wenn seine Fähigkeiten ein wenig über das hinausgehen, was andere Heilkundige können. Er wendet sich von dem schaurigen Anblick ab und verschwindet dann endgültig in der Menschenmenge und macht sich auf den Heimweg.



NORDSTERN - Brücke: Hjaldar's Rückkehr


Jergan läßt sich von dem Ruf des Fahrgastes in seiner Aufmerksamkeit kaum von dem Heiler ablenken, der ihm gegenüber steht, er nickt nur knapp, und ruft Hjaldar zu:

"Habt vielen Dank! Ich komme nachher noch mal zu Euch, wenn hier auf der NORDSTERN alles klar ist."

Es ist eben nicht einfach, Kapitaen eines Schiffes zu sein, immer ist vieles zu beachten, und das meistens auf einmal, und es läßt nur wenig Freiraum für eigene Wünsche - im Moment würde Jergan kaum etwas lieber machen, als Hjaldar zu einem Premer einzuladen, und sich alles erzählen zu lassen, was auf der ZYKLOPENAUGE passiert ist - Lowanger wird nach der doppelten Schicht wohl noch weniger gesprächig als sonst sein, und nur in seine Koje wollen. Doch noch läßt die Arbeit dem Kapitän keine Zeit für derartiges...



Hjaldar macht sich gleich nach seiner 'Meldung' weiter auf den Weg zum Niedergang, der nur Momente davor von Wasuren und Efferdan 'geräumt' wurde und eilt die Stufen hinunter.

Mit ein paar weiteren Schritten erreicht er die Tür zur Gemeinschaftskabine und öfnnet diese. Nicht wirklich überrascht, stellt er fest, daß die Kabine leer ist.

"Die Landratten torkeln wahrscheinlich schon durch die Abwässergräben der Stadt." murmelt er leise vor sich hin und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sich ihm dieser Gedanke bildlich darzustellen beginnt.

Da die Bilder handfester Trinkgelage vor seinem geistigen Auge allerdings auch die Wirkung haben, ihm seinen Durst umso deutlicher spüren zu lassen, eilt er sich mit dem Anlegen der 'Stadtgarderobe'.

Zur Orknase und dem Schneidzahn, die Hjaldar mit Sorgfalt am Gürtel befestigt, kommen dann noch eine Kette aus gut einem Dutzend, fast einem Spann langer, kegelförmiger Zähne und ein Stirnband aus farbig schillernder Schlangenhaut dazu, die er aus seinem Rucksack kramt.

Dermaßen 'herausgeputzt' kann es auch gleich losgehen. Mit viel Schwung verläßt er die Kabine wieder, wobei er die Tür krachend zufallen läßt und steigt wieder die Stufen zum Oberdeck hinauf, bereits eine altbekannte Melodie auf den Lippen, die wohl so ähnlich geht:

"Was wollen wir trinken, sieben Tage lang..."



SALZERHAVEN - Am Kai: Der Blinde


Das Stimmengewirr von der Menschenmenge im Hafen, das die letzten Minuten nur als leises Brummen zu hören war, nimmt nun wieder an Lautstärke zu. Jetzt wo sich Jarun endgültig in ihre Richtung bewegt, schaukelt sich die Stimmung wieder hoch. Erst vereinzelt, doch dann immer häufig und schließlich im Chor werden die Rufe nach ihrem Helden laut.

"Flieg für uns, Papagei. Flieg für uns."

Ein alter Mann mit zerlumpter Kleidung, verfilzten Haaren und einem großen Stab in seiner Rechten löst sich aus der Gruppe und geht langsam auf Alberik zu. Vorsichtig tastet er sich mit der Hilfe seines Stabes vor. Schritt für Schritt nähert er sich dem heran stapfenden Zwerg. Dabei scheint er seinen Blick gen Güldenland schweifen zu lassen und zu lauschen.

Schließlich bleibt er zwei oder drei Schritt vor Alberik stehen und spricht den Angroschim an.

"Jarun, seid ihr es? Seid ihr endlich wieder da?"



Wütend marschiert Alberik weiter auf den Kai zu, immer auf den Boden starrend und weiter vor sich hin redend. Er bemerkt nicht, daß Jarun und die erste Offizierin ihm bereits folgen. Und auch den alten Mann, der auf ihn zu kommt, und das Geräusch seines Stabes, der ab und an den Boden berührt, bleibt von ihm unbemerkt.

Erst als der alte Mann ihn anspricht, wird sich der Zwerg seiner Umgebung wieder bewußt und bleibt stehen.

"Was...?"

'Ich soll Jarun sein? Hat der weise Angrosch ihn etwa mit dem heiligen Feuer geblendet, oder warum redet der Alte so ein wirres Zeug?'

Alberik antwortet, bevor er sein Gegenüber betrachtet und überlegt hat. Zu lange wurde er schon aufgehalten, und wenn es so weiter geht und er noch lange Zeit vertrödelt, wird es heute abend nichts mehr für ihn zu trinken geben.

"Bist Du blind? Ich bin ein Zwerg, kein Mensch. Kann ich also Jarun sein? Nein!"



"Ihr seid nicht Jarun?" Unglaube, aber auch ein gewisses Maß an Enttäuschung tritt aus der Stimme des Alten hervor. Zittrig tastet er sich mit dem Stab noch näher an Alberik heran. Dabei hält er seine Hand in der Höhe, in der er den Kopf des Zwerges vermutet, um sich zu vergewissern, daß sein Gegenüber die Wahrheit spricht.



Nun wird Alberik klar, daß er gar nicht so falsch mit dem lag, was er behauptet hat. Die Bewegungen, mit denen sich der der Alte vorwärts bewegt, die Hände, die suchend und tastend nach vorne gestreckt werden, die Augen, die in die Ferne starren, als ob sie am Horizont etwas entdeckt hätten. Dieser Mann ist tatsächlich blind.

Für einen kurzen Moment verspürt der Zwerg so etwas wie Mitleid. Doch nicht die Blindheit ist es, die ihn so fühlen läßt, sondern das Alter, das auf dem Mann vor ihm sichtbar schwer lastet. Für ihn ist es unbegreiflich, wie Menschen in dem Wissen, daß sie schon nach sechzig oder siebzig Jahren Schwächen des Alters zeigen und sie leichter von Krankheiten geplagt werden, ein glückliches Leben führen können.

Doch mit dem Mitleid ist es spätestens vorbei, als der Blinde Anstalten macht, ihn anzufassen. Niemand wagt es, Alberik, Sohn des Atosch ohne seine Erlaubnis zu berühren und danach noch mit beiden Händen weiterleben zu dürfen. Schon gar nicht, wenn er so spät am Abend länger auf ein Bier warten muß als ihm lieb ist. Also schiebt er die Hand des alten Mannes zur Seite, als sie ihm zu nahe kommt. Nicht so feste, als daß es grob wirken koennte, aber doch energisch genug, um klar werden zu lassen, daß ihm das nicht gefallen wird.

"Behalt Deine Hände bei Dir!"



"Nein, scheinbar seid ihr wirklich nicht Jarun!"

Schwer Atmend und sichtlich enttäuscht geht er weiter. Ab und zu bleibt er stehen, um zu lauschen. Das Plätschern, der leichten Brandung, deutet ihm den Weg und hält ihn auf sicherem Kurs in Richtung Fiana und Jarun. Sein Stab, mit dem er den Weg vor sich abtastet, erzeugt ein monotones

"Tock!...Tock!...Tock!..."

Je näher der Greis den beiden Nordsternlern kommt, desto gespenstischer wird sein Anblick. Im faden Fackelschein lassen die Umrisse seine verfilzten Haare und seine abgerissenen Lumpen ihn als Dämon oder Zombie erscheinen, was durch die monotone Laute seines Stabes und sein schweres Keuchen nur noch verstärkt wird.



Schneller als der Zwerg erwartet hat, gibt der alte Mann auf und wendet sich von ihm ab. Zuerst ist das Alberik nur recht. Wenn man so durstig ist wie er im Moment, kann man sich nicht mit solch unwichtigen Leuten beschäftigen.

Noch ein wenig verärgert über diese weitere Unterbrechung auf seinem Weg zum Wirtshaus, schaut er dem Blinden hinterher. Er will sich schon wieder abwenden, als ihm ein wichtiger Gedanke kommt.

'Nur weil ich nicht Jarun bin, heißt das aber nicht, daß ich nicht auch wichtig bin. Wenn man hier schon von meinen Taten gehört hätte, würde ich mindestens genauso gefeiert werden wie Jarun.'

Wenn man hier schon nichts von ihm gehört hat, so soll man zumindest erfahren, daß er ein Freund des Helden Jarun ist, und ihn zu schätzen weiß. Bevor der Alte zu weit weg ist, ruft Alberik ihm hinterher, um ihn zu stoppen, bevor er ihm mit schnellen Schritten hinterher geht.

"He, warte mal!"



Nur ein paar Schritte ist der alte Mann an dem Angroschim entfernt, als dieser ihm hinterher ruft. Unbewußt zuckt der Alte zusammen und stütz sich schwer auf seinen Stab. Sichtlich bemüht die korrekte Richtung zu finden wendet er sich zurück zu Alberik.

"Wa... Was wollt ihr, Herr."

Schlimme Befürchtungen treiben die Angst in das Gesicht des alten Mannes. Nicht nur einmal waren diese Worte der Beginn zu einer Tracht Prügel, weil er sich den Zorn einiger Bürger auf sich gezogen hatte.

"Ich wollte euch nicht belästigen. Scheinbar seid ihr wirklich nicht der Mann, den ich suche."



Alberik kann die Angst in dem Gesicht des Mannes erkennen, als er näher kommt. Die blinden Augen zucken hin und her, so als ob er dadurch eine Gefahr schneller erkennen könnte, mit den Ohren scheint er noch genauer auf jedes Geräusch zu achten, das der Zwerg verursacht, der gesamte Körper scheint angespannter zu sein.

Doch der Angroschim hat nicht vor, ihm etwas zu leide zu tun. Und um den Mann nicht noch mehr zu beunruhigen, spricht er so ruhig, wie es ihm nur möglich ist, weiter. Dennoch ist ein barscher und rauher Unterton in seiner Stimme, die es gewohnt ist einem jeden deutlich zu machen, daß man lieber aufpassen sollte, was man sagt, weil man sonst die Klinge einer Zwergenaxt zu spüren bekommen könnte, nicht zu beseitigen.

"Du wollt mit Jarun, dem Papageien sprechen? Ich bin zwar nicht der, den du suchst, aber ich bin ein guter Freund von ihm."

Alberik macht eine kurze Pause, um dem nun folgenden mehr Bedeutung zu verleihen.

"Mein Name ist Alberik, Sohn des Atosch."

Eine Menge Stolz schwingt bei seinem Namen in der Stimme mit.

"Jarun ist ein alter Kampfgefährte von mir, und wenn du willst, kann ich dich zu ihm bringen."



"Oh, ihr seid ein Freund von Jarun dem Freudenspender, der meinem Leben wieder, daß zurückgab, was ihm so viele Jahre fehlte."

Über die Wendung sichtlich erfreut lächelt er und streckt seine Hand in Richtung des Zwergen aus, ohne diesem aber zu nah zu kommen.

"Bitte führt mich doch zu eurem Freund. Ich möchte ihm meinen Dank aussprechen."

Inzwischen scheint der Alte vom vielen hin und her drehen die Orientieren verloren zu haben, was wohl seiner Aufregung zuzuschreiben ist.



Zumindest weiß jetzt einer der Menschen, die am Kai schon lange auf Jarun warten, daß Alberik, Sohn des Atosch ein guter Freund von diesem ist.

Insofern ein wenig zufrieden gestellt will der Zwerg dem Mann die Bitte gerne erfüllen, und schaut an ihm vorbei zum Schiff, bei dem der Gaukler vorhin noch stand.

Dieser spaziert aber bereits gemütlich neben Fiana und Anman auf ihn zu - eigentlich viel zu langsam, wenn es nach Alberik gehen würde - und sind schon fast bei ihm und dem Blinden angekommen. So braucht der Zwerg auch nicht über den gesamten Anleger zu brüllen, um Jarun zu sich zu rufen und ihn mit der Hand her zu winken.

"He, Jarun, komm mal her. Der Mann hier hat Dir etwas zu sagen."



In SALZERHAVEN - Am Kai: Anman


Als der Schlüssel in seiner Hand liegt, spürt Anman noch den Schweiß des Matrosen an ihm haften.

´Entweder ist es warm, mein kleiner heißblütiger Freund,´, denkt Anman sich,´oder Du hast die Hosen gestrichen voll.´

Dabei dreht er sich, ohne ein weiteres Wort an den rüpelhaften Matrosen zu verlieren, lächelnd in Richtung der Planke. Da gerade mehrere Personen dem Schiffe zustreben oder es verlassen wollen, und somit der einzige Weg vom Schiff herunter besetzt ist, wandern seine Augen wieder einmal über den Hafen und die dahinter liegende Stadt. Das flackernde Licht, ausgesendet von den Fackeln an Bord des Schiffes und in den Händen der Menschen auf dem Kai, erhellt seinen Blick. In Gedanken versunken über die beste Strategie, um vor Fiana zu glänzen und ihr Herz zu erobern, steht er so da, bis er ihre Stimme vernimmt.

Mit einem Lächeln suchen seine Augen ihren Anblick. Offensichtlich hat der warme Klang ihrer Stimme einige Zeit gebraucht, um seinen Weg zu Anman zu finden, denn schon sieht er sie auf dem Kai mit verwundertem Blick zu ihm herüber schauen, bevor sie weitergeht. Vor ihr läuft Jarun und weiter vorne steht der Zwerg, der gerade mit einem alten Mann ein Gespräch zu führen scheint.

Mit einer überschwenglichen Bewegung schmeißt er den Schlüssel hoch, fängt ihn wieder auf und begibt sich über die Planke.

"Hossa.", ruft er dabei laut aus, innerlich voller Vorfreude über den bevorstehenden Abend mit der Ersten Offizierin.



"Ahh! Scheinbar hat es sich unser Begleiter doch anders überlegt."

Der Ruf des Händlers lies Jarun kurz aufblicken, um zu erkennen, woher der Ruf kam.

"Kommt Anman. Wir wollen uns eilen, damit wir unseren Zwerg nicht noch mehr Erzürnen. Schließlich müssen wir den ganzen Abend noch mit ihm auskommen."

Hurtig schwenkt er den rechten Arm in Richtung Alberik, um deutlich zu machen, daß man sich doch beeilen möchte.



Von Jarun angesprochen wendet sich Fiana diesem zu und erwidert:

"Nein, er scheint doch zu kommen" als sich Anman doch noch in Bewegung setzt



Raschid Augen folgen Anman.

'Wie leicht wäre es jetzt die Planke mitsamt dem Passagier ins Wasser zu stoßen.'

Die paar Schritte sind schnell zurückgelegt und Rachid kommt direkt vor der Planke zum Stehen.

'Bei den Zwölfen! Man könnte mir nicht mal einen Vorwurf daraus machen, so wie die Planke momentan liegt.'

Durch das Wippen des Gauklers ist die Planke doch weit auf die Anlegestelle gerückt worden, wodurch sie auf dem Schiff sicher nur noch zwei, drei Finger Auflagefläche hat.

Vorsichtig schaut sich der Südländer um. Niemand scheint ihn momentan zu beobachten. Die Gelegenheit wäre wirklich günstig. Doch scheinbar genau im richtigen Moment werden seine Gedanken von anderen Dingen, als Haß und Feindschaft, geprägt.

'Aischa! Ich muß bald nach Hause. Zu Dir. Deine samtenen Lippen spüren. Deinen geschmeidigen Körper umarmen. Ich bin auf dem Weg und nichts wird mich davon abhalten dich in naher Zukunft in die Arme zu schließen.'

Entschlossen wendet er sich ab und geht zur anderen Seite der Reling wo er in die weite der Meeres starrt. Ob Rahja selbst diese Augenblick für die Erinnerung an seine Liebste wählte, wird wohl auf ewig ein Geheimnis der Götter bleiben.



Daß er nur so knapp einem Bade entgeht, als sich teuflische Gedanken in Raschids Kopf regen, ist Anman natürlich überhaupt nicht bewußt. Aber niemand weiß so genau, wie oft es jedem einzelnen Menschen, Zwerg oder Elfen so ergeht. Niemand weiß genau, ob Leute, die ein hohes Alter erreichen, die besten, kräftigsten Körper haben, oder einfach nur die größten Glückskinder sind. Wie oft mag es schon gewesen sein, daß Anman mit seinem Gespannpferde Esterante eine Richtung an der Kreuzung aussuchte, nicht wissend, daß eine andere Wahl sie beide oder meist nur Anman in den sicheren Tod geführt hätte.

Unter anderem war der Zeitpunkt des Todes seiner Eltern, als der Hof mutwillig in Brand gesteckt wurde, auch für ihn von Gefahr. Wäre er damals nicht beim Spielen am See auf einen Frosch gestoßen, den er unbedingt mehrere Male aufs Wasser hinauf schmeißen wollte, der jedoch immer wieder ans Ufer schwamm, so wäre Anman nun nicht hier und Raschid nicht so böse. So ist also manchmal alles, was passiert, gleichwohl voller Geschick ausgeführt wie jene sagenhaften Flüge dieses Frosches ) am Ende doch nur Schicksal.

Für unsere beiden Streithähne an Bord dieses lieblichen Schiffes war diese Szene nun also auch Schicksal. Und richtig, wäre Raschid, ohne seiner Wut weiter nachzugeben und über die Lage der Planke nachzudenken, sofort an die gegenüber liegende Reling getreten, so hätte eine Möwe, oder besser gesagt, ihr leiblicher Abfall, seine Kleidung verschmutzt. Denn dort, wo er nun steht, liegt ebend gerade jenes Prachtstück von Mageninhalt, das ansonsten für ihn bestimmt war.

´Welch fleißiger Meeresvogel !´, mag mancher sich wundern. Welch glücklicher Umstand, wissen wir nun. Auch für Anman war Raschids Entscheidung, lieber an seine Geliebte zu denken, wichtig. Nicht, daß er mit dem Leben bezahlt hätte, nein, schwimmen können auch Landbewohner, erst recht, wenn sie noch so jung sind wie dieser. Und obwohl seine Rache an Raschid, die dieser Aktion auf jeden Fall gefolgt wäre, für alle Anwesenden unangenehme Konsequenzen hätte, teils letal oder nur juristischer Natur, so hätte ihn der Verlust seines heißgeliebten, schwer erkämpften und talentierten Rapiers doch sehr zu schaffen gemacht. Und genau das hatten die Götter in ihrer Vorsehung, wäre der Fall eingetreten.

Die Lehre aus dieser Geschichte ? Wiedermal im Laufe der Welten hat eine Frau die entscheidende Wendung herbeigeführt. Raschids Geliebte, bestimmt nicht zum ersten Mal, hat über eine so große Entfernung Ungemach oder sogar den Tod von ihrem Geliebten abgewendet.

Und eine Frau beherrscht nun auch die Gedanken Anmans, als er, völlig unbedarft der großen Ereignisse, die nun nie stattfinden werden, fröhlich über die Planke schreitet, die Augen fest auf den Körper Fianas gerichtet, seine Gedanken sich Szenen ausmalend, wie derselbige ohne seine Kleidung aussehen würde. Als er, eiligen Schrittes, sie erreicht, lächelt er sie an und schreitet neben ihr in Richtung des Zwerges.

Apropos Schicksal und Götter : Wenig ahnen unsere beiden Helden und Männer Raschid und Anman denn auch, daß der Lauf der Geschichte noch einige amüsante Aspekte in Vorbereitung hält, die ihre Wege wieder und wieder kreuzen lassen werden.

Und wieder einmal werden letztendlich Frauen ihre Geschicke bestimmen. Aber dem Stolz der beiden Streithähne tut es gut, daß sie auch dann keine Ahnung haben werden, daß sie all ihr Glück und Leben "schwachen, unbedeutenden, quengelnden Weibsbildern" verdanken und verdanken werden.......



NORDSTERN - Oberdeck: Raschid's Träumereien


Khunchom, seine Heimat, in der alles zu finden ist, was ihm etwas bedeutet.

Aischa, die Frau, welche RAHja mit ihrem Antlitz alle Ehre machen würde und deren heller Geist und Wissensdurst den Gelehrtesten der HESinde gleicht. Die Erinnerungen an den Geruch ihrer Haare, den Wohlklang ihrer Stimme und ihre Haut, die sowohl Farbe, als auch Geschmeidigkeit von Schnee besitzen muß, sind ebenso real vorhanden, wie am ersten Tag seiner langen Reise. Täglich denkt Raschid an die letzten gemeinsamen Stunden mit ihr.

Sein Vater, der ihn viele Jahre als unwürdig und träumerisch betitelt hat, weil er nicht in seine Fußstapfen treten wollte. Schneider, welch aufregender Beruf, hatte er damals gedacht. Jetzt nach über der Hälfte seiner Reise, sehnt er sich fast nach einem ruhigen Jahr in der Schneiderstube seines Vaters. Doch nach der Klärung vor seiner Abreise, wäre das wohl ein großer Schritt in die Vergangenheit.

Wie weit Khunchom weg sein mag. Ihm scheint eine Reise nach Güldenland einfacher, als der Weg zurück in die Heimat.

Die bedenken, die sich in ihm regen, werden durch eine kleine Falte zwischen seinen Augen sichtbar. Nachdenklich wendet er sich von dem Wasser ab und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Reling, um das Geschehen auf dem Oberdeck zu beobachten.

Der Zorn über Anman ist wie mit einem Zauber fort geblasen. Vorerst! Denn andere Probleme beschäftigen seine Gedanken.



SALZERHAFEN - Am Kai: Der Blinde


Nach einem kurzen Nicken zu Alberik läuft Jarun die letzten Schritt zu den beiden.

"Ich hoffe es ist nicht Unangenehmes, Alberik?"



"Nein, ich denke es ist nichts unangenehmes."

Alberik klopft dem alten Mann kurz auf den Rücken, und gibt ihm Bescheid, daß er nun reden kann.

"Vor Dir steht Jarun, der Papagei. Du kannst nun sagen, was Du sagen wolltest."

Gespannt auf die Worte des Blinden hört der Zwerg ihm genau zu, denn er will gerne erfahren, weshalb die Leute in Salzerhaven dem Gaukler so einen Empfang bereiten. Der Blinde sieht zwar nicht wie die anderen aus, die hinten am Kai stehen, er sieht bettelarm aus, die anderen fein herausgeputzt, aber Alberik vermutet, daß der Alte aus dem gleichen Grund hier ist wie diese.



Der Greis versucht sich in Jaruns Richtung zu drehen und während er redet, bewegt er sich fast unmerklich auf den Gaukler zu.

"Ihr seid es. ... Ihr seid es wirklich. Ich ... ich konnte es nicht glauben, ... als ich von eurer Ankunft in unserem kleinen Städtchen erfuhr."

Die Stimme des Alten bricht immer wieder und kleine Bäche von Tränen rinnen ihm die Wangen hinunter. Ungehemmt läßt er seinen Gefühlen freien Lauf und hat sichtlich Schwierigkeiten die wohl überlegten Worte auszusprechen. Schluchzen unterbricht seine Worte immer wieder, doch das scheint dem Alten egal. Er redet unaufhörlich weiter.

"Mein Enkel, der kleine Timal. ... Seid dem Tod seiner Eltern ... wurde sein Geist von Trauer überschattet. Kein Lachen, nicht mal ein Lächeln kam über seine Lippen. ... Die Erinnerung an den schweren Verlust hatten sich zu schwer in seine Seele ... und sein Herz gebrannt. Oft hatte ich daran gedacht einen Seelenheiler aufzusuchen, doch die Preise eines solchen konnte ich nicht bezahlen."

Der Alte unterbricht kurz seine Erklärung und schluck kräftig, als könnte er dadurch die Erinnerungen, die auch ihn beschäftigen verschwinden lassen und wirklich scheint es zu helfen, denn seine Stimme nimmt an Sicherheit und Kraft zu.

"Dann, kam der Erlöser. Vor drei Götterläufe wart ihr Jarun ebenfalls in Salzerhafen. Timal und ich hatte die Möglichkeit euch mit eurer Gauklertruppe zu sehen. Eine prächtige Vorstellung! Timal war gebannt von euren Fähigkeiten und eurem Witz."

Wieder schweigt der Mann für ein paar Augenblicke. Dann, unerwartet und für sein Alter ziemlich schnell fällt er auf die Knie und hebt die Hände gen Himmel. Die Worte, die er unter größtem Schluchzen und Wimmern hervorbringt sind geradezu unmenschlich verzerrt und schwer zu verstehen.

"Und wirklich! Er lachte. Der kleine Timal lachte und freute sich über eure Kunst. Seid jenem Tag besserte sich sein Zustand von Tag zu Tag. Immer wieder erzählte er mir freudestrahlend von der Vorstellung und mein Herz ging auf bei der fröhlichen Stimme des Kleinen. Ich wußte, daß sich alles zum Guten wenden würde. Die Götter selbst müssen den Herrn Jarun zu uns geschickt haben."



Gebannt lauscht Jarun den Worten. Auch er bleibt von den Tränen des Greises nicht unbeeinflußt. Sein Blick verschwimmt und ein dicker Kloß setzt sich in seinem Hals fest. Ein wenig unangenehm scheint ihm die Aufführung des Alten schon, denn während sich der Alte zu Boden wirft, fingert der Gaukler nervös an seinem Geldbeutel herum.



Alberik lauscht gebannt der Erzählung des greisen Mannes, der Geschichte über den kleinen Timal, der nicht mehr lachen konnte, und dem Jarun das Lachen zurück gegeben hat.

In Erwartung, daß die Geschichte noch weitergeht, und in einem finalen Kampf endet, bleibt der Zwerg noch einen Moment ruhig. Aber der alte Mann schweigt.

'Das war's schon?'

Alberik kann es nicht fassen. Das soll Jaruns Heldentat gewesen sein? Nein, das kann nicht sein. Er wirft einen fragenden Blick zu Jarun.

"War das schon alles? Damit bist Du hier so berühmt geworden?"

Die Enttäuschung steht dem Angroschim ins Gesicht geschrieben. Er kann nicht glauben, daß Menschen jemanden so sehr verehren, nur weil man mit ein paar Gaukeleien ein Kind zum Lachen bringt.

'Kein Wunder, daß mich hier niemand kennt. Echte Heldentaten zählen in Salzerhaven wohl nicht.'

Alberik ärgert sich.



Dicke Tränen laufen dem Gaukler übers Gesicht und hinterlassen ihre Spuren in der Schminke. Jarun stimmt, wenige Augenblicke nachdem der Alte seine Erzählung beendet hat, in das Schluchzen mit ein.

Niemals, niemals hätte er so etwas gedacht. Hier, weit draußen in der tiefsten Provinzen, wo sich sich Hase und Igel gute Nacht sagen, passiert ihm so etwas.

Jarun ist gerührt. Er hätte mit allem gerechnet, doch damit, daß er hier einem wahren Künstler vom Herrn entdeckt, hat er nicht gerechnet.

'Diese Einfühlsamkeit, mit der dieser Mann die Geschichte vorträgt, läßt einem den Atem stocken. Diese Mimik und Tränen verleihen seiner Erzählung die gewissen Tiefe und sein Kostüm.'

Innerlich schwärmt Jarun von dem gelungenen Auftritt des Mannes und muß sich stark zusammenreißen, nicht den wahren Hintergrund der Jarun-Fanatiker preiszugeben.

'Das Kostüm ist prächtig. Haar, Kleidung und der Dreck in seinem Gesicht. Als hätte er sich gerade im Stall einiger Schweine gewälzt. Sogar unter den Fingernägeln befindet sich Dreck und auch der Gestank, der den Alten umgibt, ist keinesfalls zu überriechen. Und auf solche Details achtet ein Fachmann bei der Bewertung einer Darbietung. Etwas übertrieben scheint mir die Sache mit der Blindheit, aber das mindert die Vorstellung nur geringfügig.'

Ein tiefer Seufzer entfleucht Jaruns Kehle.

Alberiks Frage hört Jarun durchaus, antwortet aber nicht, wenn er sich auch über diesen Banausen ärgert.

'Was will er denn noch. Reicht es nicht, daß ich von den Götter selbst mit heilenden Fähigkeiten ausgestattet worden bin. Muß mich denn auch noch ein strahlendes Leuchten umgeben und die Pflanzen in meiner Umgebung in difarscher Geschwindigkeit wachsen. Es gibt einfach Menschen ... ? Zweibeiner, die von nichts beeindruckt scheinen.'

Jarun reicht dem vor ihm Knieenden seine Hände und hilft ihm wieder auf. Für außenstehende mag es so aussehen, als würde er ihm aus Mitleid, ob seiner Blindheit helfen, doch in Wahrheit tut er es aus tiefster Bewunderung.



Alberik schaut dem Treiben des Gauklers und des Blinden weiter mißgestimmt zu, die nun beide Tränen vergießen. Der Zwerg wartet nur darauf, daß sich die beiden umarmen und jeder sich an der Schulter des anderen ausweint.

'Menschen wissen einfach nicht, was wahre Heldentaten sind.'

Alberik erinnert sich aber gerne daran, daß Zwerge (und eigentlich nur diese) dies sehr wohl wissen.

Kurz schweifen seine Gedanken in die Vergangenheit. Seine erste Schlacht hatte er geschlagen, nur wenige Monde nach seiner Feuertaufe. Mehrere Wochen hatten er und einige erfahrenere Männer seiner Sippe eine Gruppe Schwarzpelze verfolgt.

Die Orks hatten einen Angroschpriester getötet.

Schließlich wurden sie gestellt und Alberik hatte am Ende dieses Tages seinen ersten Gegner überwunden. Als sie zurück in die heimatlichen Stollen gelangten, wurde ihr Sieg großartig gefeiert und Alberik war einer der Helden.

Hätte sein Rogar, sein Seelenbruder, ihn nicht betrogen......

...vielleicht wäre er bei seiner Sippe geblieben und wäre heute ein großer Held unter den Angroschim.

Doch Alberik kennt die Geschichte, und so dauert es nicht lange, bis er aus seinen Gedanken erwacht und erkennt, daß unbedingt etwas getan werden muß, bevor sich Jarun anstellt wie ein Elf - oder noch schlimmer, wenn das noch geht.

Leider fällt ihm nicht viel ein, wie er diese Situation elegant lösen könnte, und so bietet sich ihm nur eines an.

"Jetzt ist aber genug mit diesen Gefühlsdingsda. Ich hab was Besseres zu tun als mir Geschichten über lachende Kinder anzuhören."

Damit ist z.B. der Besuch der 'Fliegenden Salzerelle' gemeint.



'Dieser nervige Zwerg. Geduld ist wohl keine seiner Tugenden.'

Die Drängelei des Zwerges bewirkt aber, daß Jarun den Alten doch ein wenig abwürgt.

"Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, aber es freut mich, daß es dem Kleinen wieder besser geht. Was haltet ihr davon wenn ich morgen Nachmittag bei euch vorbei schau. Ich würde euren Enkel gerne kennenlernen."

Der alte Mann scheint sehr erfreut über das Angebot Jaruns und beschreibt ihm den Weg zu der Hütte, in der er mit seinem Mündel lebt.

"Ihr braucht einfach die Straße dort drüben bis zum Stadtrand zu gehen. Die letzte Hütte auf der rechten Seite ist unser zu Hause."

Jarun verabschiedet sich von dem Mann und geht in Richtung der Salzarelle. Den Göttern sei Dank, muß das Grüppchen nicht durch die Menschengruppe am Kai, sondern man kann sich einigermaßen schadlos an ihrer linken Flanke vorbei drücken. Sonst müßte Alberik wahrscheinlich ohne den kleinsten Tropfen Alkohol in seine Koje.

Als Jarun an Alberik vorbeigeht, flüstert er ihm leise etwas zu.

"Kinderlachen sind das Wunderbarste im Leben, Brummbart. Es scheint wahrlich ein lange Zeit her zu sein, daß wir Seite an Seite gekämpft haben. Was bringen all deine Kämpfe, wenn es keine Nachkommen gibt, die die Freiheit genießen und von deinen Taten berichten?"



Für einen Moment bleibt der Zwerg verdutzt stehen, nachdem Jarun ihm von der Wichtigkeit der Kinder erzählt. Doch schnell eilt er dem Gaukler hinterher, um ihm eine Antwort zu geben, sobald er wieder neben ihm her schreitet.

"Kinder sind wichtig, daß wissen gerade wir Zwerge am besten. Aber ihr Menschen habt Unmengen davon, da fällt eins mehr oder weniger überhaupt nicht ins Gewicht. Bei uns dagegen kommt es auf jedes Kind an. Eure Frauen können acht oder neun Geburten haben, wenn sie es nur wollen. Vielleicht sogar noch mehr. Bei uns wird schon die erste gefeiert, jede weitere um so mehr. Doch viele schenken nicht mehr als zwei mal Kindern das Leben. Und unsere Frauen haben eine viel größere Lebensspanne als eure."

Während er neben Jarun herläuft, tut es ihm eigentlich schon leid, daß er über menschliche Kinder redet, als wäre ihr Leben nicht viel wert. Aber bei Kor, das würde er jetzt niemals zugeben.

"Und was ich von meinen Kämpfen habe? Ich ziehe in die Ruhmeshallen der Götter ein, mögen es nun Rondra, Kor oder Angrosch sein, die mir einen Platz dort geben werden. Und wenn der Tag kommt, an dem der güldene Drache wieder erscheint und seine Brut das Land verwüsten wird, werde ich den Ruhm ernten, an der Seite der Götter gegen die Feinde zu streiten."



"Ich glaube, daß ich eure Gedanken ein wenig verstehe. Viele Eltern geben ihren Kindern zuwenig, von dem was sie brauchen. Bei zu vielen Kindern ist es natürlich auch sehr schwer."

Nachdenklich schaut Jarun in die Dunkelheit des Ozeans und beginnt dann geistesabwesend weiterzureden.

"Wenn ich einen Nachkommen hätte, so würde ich ihm alles geben, was in meiner Macht steht. Weder an Dukaten, noch an meiner Unterstützung soll es ihm mangeln. Alles würde ich für ihn tun. Doch leider habe ich meine Chancen vertan. Zu viele andere Dinge beschäftigten mich in der Vergangenheit. Das ist wohl die Strafe, die sich die Götter für mich ausgedacht haben. Die Zeit der Jugend ist lange vorbei."

Das bunt bemalte Gesicht des Gauklers dreht sich wieder zu Alberik. Doch mit dem notgedrungene Lächeln, das er sich abringt, würde er nicht einmal vor einem Echenmenschen die Fassade des lustigen Gauklers aufrechterhalten können.



Eigentlich hatte sich Alberik nun auf eine heftige Auseinandersetzung gerechnet. Ohne es selber zu merken, hat sich seine linke Hand zur Faust geballt, als er Jaruns Antwort erwartet hat. Doch diese ist nun ganz anders ausgefallen, als er sich dachte. Und als er nun in das Gesicht des Gauklers blickt, wozu er seinen Blick vom Weg nach oben richten muß, sieht er Bitterkeit und Trauer darin.

Der Zwerg erinnert sich an Greifenfurt. Schon damals hat der Gaukler viel für die Kinder der belagerten Stadt getan. Und wie er damals beinahe sein Leben verschenkt hätte für ein Mädchen, daß sich zu weit nach vorne gewagt hatte und beinahe den Pfeilen der Orks zum Opfer gefallen wäre. Todesmutig stürmte Jarun nach vorne, und nahm das kleine Kind auf den Arm, um es wieder in Sicherheit zu bringen, während die Pfeile um ihn herum schossen. Tatsächlich hatte ihn eines der Geschosse getroffen. Doch irgendwie schaffte er es, sich noch in Sicherheit zu bringen, und das Mädchen war gerettet.

"Weißt Du," versucht der Zwerg seinen Freund wieder aufzumuntern, "ich bin auch noch kinderlos, und wie viele Zwerge kann ich damit rechnen, niemals welche zu bekommen."

Bei diesen Worten denkt er kurz darüber nach, ob es vielleicht anders gewesen wäre, hätte er damals die anderen nicht begleitet, als man die Orks verfolgt hat, die den Angroschpriester getötet haben.

"Aber wie vielen Kindern hast Du schon das Leben gerettet - oder ein Lachen zurück gegeben."

Nur schwer kommen diese Worte über seine Lippen, denn damit gesteht er sich eigentlich eine Niederlage ein. Aber im Moment ist der Freund wichtiger.

"Und damit hast Du ihnen schon viel gegeben, manchmal sogar alles, was Du konntest und was niemand anderer zustande gebracht hätte."

Alberik schaut seinem Freund immer noch ins Gesicht, und hofft, daß die Trauer wieder daraus verschwindet, und das fröhliche Grinsen, daß man sonst sehen kann, wiederkehrt.



"Ja, du hast recht. Möglicherweise steckt in jedem der Kinder ein gewisser Teil von mir, wie in einem Sohn. Doch ist es schwach im Vergleich zu einem wirklichen Nachkommen, der Ideale, Erinnerungen und Freude mit mir teilt."

Jarun schüttelt den Kopf, als wolle er die bedrückenden Sorgen aus seinen Gedanken schüttelt und klopft dem Zwerg auf die Schultern.

"Vielleicht haben die Götter ja ein einsehen und schenken mir doch noch eine Familie. Wer kennt schon die Absichten der Götter. Laß uns schnell etwas trinken gehen. Dann geht es mir sicher bald wieder besser."

Mit einem dieses mal überzeugendem Lächeln gibt er dem Zwerg zu verstehen, daß er ruhig als erste die Springende Salzrelle betreten soll. Linke Hand an Alberiks Schulter und die rechte Hand auf die Tür deutend, lächelt er den Zwerg an, doch innerlich denkt er immer noch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach.

'Wäre ich in meiner Jugend nur nicht so ein unzuverlässiger Springinsfeld gewesen. Wäre ich mal besser ein Tuchhändler geworden. Wie es schon mein Vorfahren waren. Dann hätte ich diese Problem nicht gehabt. Wahrscheinlich wäre ich jetzt schon längst Großvater und würde nicht bangen müssen, meine Zukunft alleine verbringen zu müssen. Einsamkeit und das Alter sind die wahren Feinde der Menschen. Und beides zusammen kann selbst für den stärksten Krieger den Tod bedeutet.'



Endlich entdeckt Alberik wieder ein Lächeln in dem Gesicht des Gauklers. Es wäre ihm auch schwer gefallen, einen weiteren Versuch zu wagen, die Trauer, die vorher darin zu sehen war, zu vertreiben. Schließlich ist er ja kein Priester der TSA oder RAHja, die sich der Aufgabe widmen, den Menschen die Freude zu bringen. Und was hätte ihm schon weiteres einfallen können? Es gibt noch weitaus mehr Sachen auf dieser Welt, die zum Heulen sind und über die man sich ärgern kann, da sind Kinder noch das kleinste Übel, auf welche Art auch immer!

Noch erfreuter ist der Zwerg, als Jarun ein ganz bestimmtes Thema anspricht. Dabei bemerkt er auch seine schon sehr ausgetrocknete Kehle, die nach Flüssigkeit, am besten etwas alkoholisches, förmlich schreit.

Während des kurzen Gespräches hatte Alberik gar nicht bemerkt, daß sie nun schon vor der Wirtschaft stehen, in der er die Rufe seiner Kehle wieder zum Schweigen bringen will. Spätestens jetzt ist der Trübsal von gerade eben wieder vergessen.

"Ah, dann wollen wir mal."

Kurz bevor er eintritt, ist ein seinen Augen ein Leuchten zu sehen, wie man es einem Forscher untergegangener Kulturen zutrauen würde, der eben ein uraltes Relikt vergangener Rassen entdeckt hätte. Und auf ihn wartet auch etwas darauf von ihm entdeckt zu werden. Dazu gehören unter anderem mindestens fünf verschiedene Arten, wie man Alkohol konsumieren kann.

Beinahe schon andächtig betritt er die 'Salzarelle'. Diese ist nun schon weitaus leerer vorzufinden wie noch vor einiger Zeit. Die Menschenmassen, die sich hier vorher befunden haben, stehen fast alle noch draußen am Kai. Nur wenige hat es hier gehalten. Außer dem Wirt und den jungen Frauen, die hier arbeiten, sind nur zwei aeltere Männer geblieben, die an einem der wenigen Tische sitzen, und sich bei einem Becher Rum über bessere Zeiten unterhalten, als die Westküste noch nicht so vor Piraten wimmelte.

"Zum Glück sind die alle weg. Dann brauche ich ja keine Angst mehr haben, erdrückt zu werden," murmelt Alberik, als er auf einen freien großen Tisch ziemlich in der Mitte des Schankraumes zusteuert.



SALZERHAVEN - In einer Taverne: Joanna, Torin und Ameg beim Mahl


Längst ist das Madamal hoch am nächtlichen Himmel und die schmalen Gassen von Salzerhaven sind nur noch von einzelnen, schwachen Ölfunzeln erleuchtet.

Joanna, Ameg und Torin sind noch immer auf der Suche nach einer Unterkunft, doch bis jetzt sind sie nicht fündig geworden.

Noch hatten sie kein Zimmer für die Nacht finden können und Torin Rotmarder merkt man an, daß er langsam die Nase voll hat durch die nächtlichen Straßen zu laufen und überall abgewiesen zu werden.

"Miu pikusch!" grummelt er vor sich hin, als die kleine Gruppe die engen Räume der kleinen Taverne betritt.

Warme, verbrauchte Luft strömt ihm entgegen. Der Gestank von fettem Fleisch und Alkohol weht darin ebenso mit wie die Geräusche einer gut besuchten Kaschemme. Doch die warme Luft tut ihm gut. Viel zu lange sind sie schon durch kalte EFFerdnacht gewandert.

'Mir ist es egal wie das Bett aussieht. Heute Nacht schlafe ich auch neben einem Ork im Schlafraum. - Aber wehe, er schnarcht!'

Langsam hebt er seinen Hut, den er tief in die Stirn gezogen hatte. Im schummrigen Licht der Taverne kann er im Raum vier Tische erkennen. Drei davon stehen an der linken Seite, ein großer im hinteren Bereich.

Der Alkoholgeruch, der ihm beim Eintreten aufgefallen war, scheint größtenteils von zwei ältere Männer an einem Ecktisch verursacht zu werden, die wohl eine Art Wett-Trinken veranstalten. Zumindest deuten die vielen leeren, halbvollen und vollen Humpen auf dem Tisch darauf hin.

Langsam schiebt sich Torin weiter in die Taverne, schielt nach einem Platz zum Sitzen und findet ihn auch. Zwischen zwei der Tische geht es einige Stufen nach oben. Dort oben, etwa einen halben Schritt über dem eigentlichen Tavernenboden steht in einer gemauerten Aussparung ein unbesetzter Tisch.

Er geht darauf zu, bedacht darauf, daß auch Joanna und Ameg ihm folgen. Vorbei an einem Tisch mit einem junges Paar, das miteinander Händchen hält und sich sicher leise Worte der Liebe entgegen flüstert.

Vorbei auch an einem einen junger Mann in leicht rahjanisch anmutender Kleidung, der jedoch auch einen hübschen Dolch dabei zu haben scheint. Es sieht so aus als warte er auf jemanden, während er das Pärchen in der Mitte beobachtet und dabei scheinbar weniger auf die Frau zu achten scheint.

An dem großen Tisch sitzen drei weitere Gäste mittleren Alters und spielen an einem Tisch ein wenig Karten, während der letzte Gast, ein Mann in dunkler Kleidung, in der schattigsten Ecke der Taverne sitzt. In seinem Gesicht scheint ein leichtes Lächeln zu sein, ganz so als gefallen ihm die unsicheren Blicke die ihm einige der Gäste gelegentlich zuwerfen.

Als sich Joanna, Ameg und Torin an dem Tisch oberhalb der Stufen niedergelassen haben, steht auch schon ein etwa 16jähriger Junge bei ihnen. Er ist wohl vom Tavernenbesitzer, der offensichtlich sein Vater ist, dazu angetrieben worden, die Bestellung der Neuankömmlinge aufzunehmen.

Dementsprechend ist auch seine Laune. Mürrisch und etwas müde fragt er die Sitzenden:

"Wollt ihr nur 'was trinken oder 'was auch essen?"



"Beides natürlich. Wir wollen essen und trinken." antwortet Torin dem Sohn des Wirts. "Doch bring uns zuerst die Karte."

Plötzlich beginnt der Sechzehnjährige breit zu grinsen.

"Wir habn keine Karte." erklärt er. "Paps meint, die Leute, die hier rein kommn brauchen keine Karte."

Mit diesen Worten hebt er die Hand und deutet mit dem Daumen hinter sich in den Schankraum.

"Aber wir haben eine gute, warme Fleischbrühe mit Gemüse drin. Und zum trinken gibt es helles Bier."

Torin sieht den Jungen einige Sekunden schweigend an.

'Dann wird es wohl nichts mit einem knusprigen Schweinebraten und einem Humpen Met dazu...'

Er seufzt.

"Naja, dann nehmen wir das. Zweimal die Brühe und ein Bier."

'Obwohl... ich hatte in diesem Alter auch schon meinen erste Rausch hinter mir...'

"Oder willst du auch Eins, Ameg?"



Als die Drei die Taverne betreten, braucht Joanna einige Zeit, um sich an den Geruch und die allgemeine Stimmung zu gewöhnen. Sie setzt sich zu Torin und Ameg.

'Keine Karte?'

Joanna sieht den Jungen etwas unsicher an. Ihr Blick folgt ihm, als er mit dem Daumen hinter sich in den Schankraum zeigt.

'Fleischbrühe mit Gemüse drinnen und ein helles Bier?'

Zögernd blickt sie Torin an, als er für sich und Ameg bestellt.

'Wie alt der Junge wohl sein mag, wenn Torin ihm ein Bier anbietet? Naja, das geht mich wohl nichts an.' Gleichgültig sieht sie Ameg noch einmal an, bevor sie sich dem 16 jährigen Jungen zuwendet. Dabei macht sich eine Haarsträhne selbstständig und hängt ihr frech ins Gesicht. Doch anstatt sie wieder hinter die Ohren zu schieben, fährt sie sich mit der rechten Hand durchs Haar. Sie wirft den Kopf leicht auf die rechte Seite zurück, damit die Haare ihr nicht zu sehr die Sicht versperren.

"Ich nehme auch einmal die Brühe und ein Bier."

Ob Ameg sich jetzt ein Bier bestellt? Egal, jetzt wird sich's erst einmal gemütlich gemacht.'

Sie läßt ihren Blick durch die Taverne schweifen und mustert ihre Umgebung. Ungewollt verweilt ihr Blick bei dem Pärchen und sie seufzt leise.



Es ist schon recht spät und Ameg ist ein wenig müde. Außerdem betrachtet er interessiert das Innere der kleinen Taverne. Zum ersten Mal kann er sich alles genauer anschauen ohne sich etwas klauen zu müssen oder gerade wieder hinaus geworfen zu werden. So bekommt er leider die Bestellung nur halb mit.

'keine Karte.. nur Brühe.. hä? was für eine Karte... so groß ist die Taverne doch gar nicht und Karten lesen kann ich eh nicht... das ist was für Reisende oder Seeleute... also.. Brühe gibt's und.. Torin bestellt zwei mal.. das ist bestimmt für.. ja.. Joanna will also auch die Brühe.. und Bier? .. und Torin fragt... hä??'

Irgendwie bekommt Ameg nicht ganz mit, daß sich die Frage ob er auch eines möchte auf das Bier bezieht und nicht auf ein Mahl aus Brühe. So antwortet Ameg, ein wenig ängstlich, daß er nichts abbekommen könnte:

"natürlich will ich auch 'was..."



Torin nickt nur auf Amegs Antwort. Ganz so hatte er sich die Antwort vorgestellt. Er lächelt, als er sich an die alte Zeit in Gareth zurück erinnert. Auch wenn diese Zeiten nicht immer die besten waren, so haben sie ihn doch geprägt.

'Natürlich will ich auch was...' so ähnlich hatte Torins Antwort damals auch geklungen. 'Damals... bei der Vermählung Prinz Brins und Prinzessin Emer von Albernia. Damals... als Brin König wurde...'

Er selbst hatte als kleiner Junge dem neuen König zugejubelt.

"Jawoll," spricht nun Torin wieder den Schankjungen an. "bring jedem von uns zu essen und zu trinken. Und hurtig, wir haben einen Bärenhunger!"

Doch der Junge hält nur die Hand auf. "Das macht dann für jeden vier Heller."

Ohne lange zu diskutieren kramt Torin einen Silbertaler und vier Heller aus seinem Beutelchen und gibt sie dem Jungen.

"Stimmt so." meint er nur knapp. "Und frag deinen Vater, ob er eine gute Unterkunft für die Nacht weiß."

Der Junge nickt zustimmend und geht die weingen Stufen hinab in den Schankraum zurück.

Erst jetzt merkt Torin, daß die Druidin seit einer Weile stumm auf das Pärchen unten im Schankraum blickt.

'Sie hatte doch vorhin ihre Visionen erwähnt. Ob sie jetzt gerade eine hat?'

Leise, gerade so, als ob er ihre Gedanken nicht unterbrechen möchte, spricht er sie an.

"Entschuldigt, aber eine Frage habe ich schon seit längerem auf der Zunge, Frau de Clare. Wie kommt es eigentlich, daß sich eine so reizende und junge Dame auf die Reise macht?"



Es dauert beinahe eine Ewigkeit bis der Schankjunge endlich mit drei tönernen Bechern die Stufen hinaufkommt. Die Druidin starrt noch immer hinunter in den Schankraum, als er die Becher auf den Tisch stellt.

'Sehr gesprächig ist sie ja nicht gerade.' denkt sich Torin, als er seinen Humpen entgegen nimmt.

'Naja, vielleicht hat sie wirklich eine ihrer Visionen und ich sollte sie nicht stören.'

Das Johlen nach neuem Bier aus dem Schankraum läßt den Jungen herum hetzen. Scheinbar haben die beiden älteren Männer noch immer nicht genug bekommen. Als sich der Junge des Wirtes anschickt, die kleine Gruppe wieder zu verlassen, erinnert ihn Torin noch einmal an die Frage, die der Junge seinem Vater stellen sollte.

"Ja ja, das Zimmer..." kann er noch aus der Richtung des Burschen hören, als dieser schon beinahe wieder unten im Schankraum ist.

'...die Zimmer...' schießt es Torin durch den Kopf als er den Humpen zum Mund führt. Schluck für Schluck rinnt das aromatisch leicht bittere Hellbier seinen Gaumen herab.

'Naja, ist mir jetzt auch egal. Hauptsache, wir haben ein Dach über dem Kopf. Und morgen sehen wir weiter.'

Langsam schweift sein Blick über die gemauerten Wände der Taverne.



Ameg starrt auf den tönernen Becher. Das soll ja wohl kaum das Essen sein. Hat er etwa auch ein Bier bekommen? Ameg schaut kurz zu Torin und Joanna, doch die scheinen ihn nicht weiter zu beachten. Und so rutscht Ameg auf seinem Stuhl etwas näher an den Tisch heran und nimmt dann den Becher in beide Hände. Vorsichtig hält er sich das Getränk unter die Nase und riecht daran.

'brrr... in so einem Becher riecht das Zeug noch schlimmer als sonst.. wie das wohl schmeckt?'

Ameg stellt sich den Becher auf den Schoß und hält ihn mit einer Hand fest, während er den Zeigefinger der anderen hinein steckt, wieder hinauszieht und ihn ableckt.

'hm? ...seltsamer Geschmack...'

Ameg schaut Torin eine Weile zu, der ohne Probleme immer wieder einen Schluck nimmt. Er nimmt den Becher wieder in beide Hände, führt ihn zum Mund und nimmt einen kleinen Schluck.

'brrrr... scheußlich'

Ameg verzieht das Gesicht und stellt den Becher so schnell wieder auf den Tisch, daß ein wenig heraus aus dem Becher schwappt und auf seiner Hose landet.

"huch..."

'iii... jetzt rieche ich bestimmt wie ein Thorwaler nach einer langen Nacht...'

Ameg schaut auf, aber keiner scheint etwas bemerkt zu haben. Torin nippt weiter an seinem Becher. Eigentlich die Gelegenheit eine Frage zu stellen:

"Tooorin? Wieso wills' du mich 'n zu dies'm Vata Rotmada bring'n?"



Schluck für Schluck rinnt Torin das leicht bittere Bier die Kehle hinab, während er die steinernen Wände der kleinen Taverne inspiziert. Die gemauerten Steine passen nicht nahtlos ineinander, aber sie sehen durchaus so aus, als ob sie sehr wohl das draußen halten könnten, was nicht hier herein gehört.

'Es sieht beinahe so aus, als ob dieses Gebäude einmal einem anderen Zweck gedient hat. Vielleicht war es nicht immer eine Taverne.'

Mit einem Mal kommen ihm Gedanken an die ungemütlichen Zeiten im Gewahrsam der Garether Stadtgarde. Man hatte dem jungen Rotmarder zwar nie etwas nachweisen können, doch angenehm waren diese Aufenthalte trotzdem nicht.

Plötzlich wird Torin klar, daß er schon seit längerem nicht mehr die Wände der Taverne, sondern das innig kuschelnde Pärchen betrachtet. Torin spürt wie seine Wangen plötzlich wärmer werden und er nimmt einen ordentlichen Schluck, um seine Wangen hinter dem Bierbecher zu verbergen.

'Miu pikush!' flucht er innerlich.

Das laute schlagen eines Bierbechers auf Holz läßt ihn für einen kurzen Moment versteinern, bevor er einen weiteren Schluck nimmt. Auch als Ameg seine Frage stellt, blickt Torin noch verstohlen über den Rand des Bechers zu dem jungen Pärchen hinüber. Plötzlich verengen sich seine Augen. Zorn steigt in ihm aus, als Ameg zum wiederholten Male die selbe Frage stellt.

"Damit du all das lernst, was auch ich habe über mich ergehen lassen müssen." antwortet er Ameg langsam und sehr ernst. Dann stellt Torin den tönernen Becher an und wendet sich an Ameg. Leise zischt er zu ihm hinüber.

"Stell dich nicht so an! Wenn der Dunkle dich erwischt, dann kannst du mit deinem Leben abschließen. Und du weißt so gut wie ich, daß ich dich ein zweites Mal wohl nicht retten kann!"



Ameg blickt betrübt auf Tisch. Torins Antwort gefiel ihm gar nicht. Er will nichts hören über den Dunklen, reichte es nicht, daß er jetzt schon anfing ihn in seinen Träumen zu sehen, mußte Torin ihn unbedingt auch noch an diese Gestalt erinnern während er wach war?

Und über diesen Vater Rotmarder weiß Ameg immer noch nicht das was er wissen will, auch wenn Ameg das Gefühl bekommt, daß das einzige was er von diesen Rotmarder-Vater wissen will, ist, daß Torin ihn nicht dorthin bringt. Aber das scheint nicht der Fall zu sein. Torin scheint diesen seltsamen Vater auch nicht allzu gerne zu mögen, aber trotzdem will er, daß der ihm, Ameg, genau daßelbe antut wie Torin. Ameg fragt sich langsam warum er eigentlich so werden wollte wie Torin. Irgend etwas an ihm gefällt ihm überhaupt nicht mehr.

'...aber warum sollte ich bei ihm bleiben? ... der Dunkle ... pah.. der ist doch bestimmt tot... und wenn nicht, dann findet der mich hier auch nicht... ich habe auch vorher allein überlebt'

Ameg merkt wie er die ganze Zeit nebenbei die beiden alten Männer bei ihrem Saufgelage beobachtet hat... die Geschwindigkeit mit der sie das Bier herunterstürzen ist... erstaunlich. Ohne richtig nachzudenken schnappt Ameg sich den Becher... setzt an und trinkt ihn aus... und stellt dann den fast ganz leeren Becher zurück.

'...das Zeug schmeckt auch nicht besser, wenn man es schnell trinkt

... uhmm'

Ameg blinzelt einen Moment den Becher an...

... irgendwie scheint sich etwas in seinem Magen zu beschweren.

"...bin gleich wieda da...", murmelt er, hüpft vom Stuhl und rennt nach draußen...

...um dort neben der Tür das Bier wieder loszuwerden...



"Hier ist die Suppe!" unterbricht der Junge die Gedanken Torins. "Und ein Zimmer gibts nich mehr aber ihr könnt im Schlafsaal übernachten sacht mein Vatter." meint der Sechzehnjährige sich wieder abwendend.

"Geht klar." antwortet Torin ruppig. Auch jetzt, nachdem Ameg aufgesprungen ist, um wohl zum Donnerbalken zu gehen, ist Torin noch immer wütend auf den Kleinen.

"Und bring mir noch ein Bier!" ruft er dem Jungen hinterher.

'Ameg! Dieser verflixte Bengel wird nie ein echter Rotmarder. Wie konnte ich nur annehmen, daß er es jemals schaffen könnte?'

Schluck für Schluck fließt Torin das Bier die Kehle hinab. Als er den Becher laut hörbar absetzt ist dieser leer.

'Es ist besser, wenn ich diesen nichtsnutzigen Dreikäsehoch wieder zurück in die Gosse schicke! Dorthin wo er herkommt... Dorthin, wo er sein ganzes Leben bleiben soll, dieser Mistbengel!'

Torins verengter Blick schweift von seinem Becher ab und zu Amegs Becher hinüber.

'Leer! War ja klar!'

Seine Augen wandern zu Joannas Becher. Noch immer steht er unberührt und voll vor ihr. Noch immer starrt sie geistesabwesend hinunter in den Schankraum. Langsam aber sicher steigert sich Torin in einen Wutanfall hinein. Er hatte sich diesen Abend ganz anders vorgestellt!

'Von mir aus soll sie doch die ganze Nacht ihre Visionen haben! Aber ihr Bier steht nicht ab!'

Mit einer schnellen Geste tauscht er seinen und ihren Becher gegeneinander aus.

'Die trinkt das eh' nicht!'

Torin hat den Becher auch schon angesetzt und sofort schießt das herbe Bier seine Kehle hinunter. Das dabei auch einiges daneben geht, stört ihn nicht. Er leert den Becher mit einem tiefen Zug. Torin will nur noch das lodernde Feuer seiner Wut löschen. Doch eben das will sich nicht löschen lassen, auch wenn Torin schon langsam die Wirkung des Bieres spürt.

'Ein vollkommen versauter Abend! Ein nörgelnder Bengel und eine apa... apa... ACH! glotzende Druidin!'

Wie die Wut in Torins Bauch steigt ihm nun auch die Wärme ins Gesicht. Zwei Biere in einer knappen halben Stunde sind für einen Thorwaler oder gar einen Zwerg kein Problem. Für Torin stellen sie jedoch eine Grenze dar, über die er nur selten hinausgeht. Doch heute hatte er nicht vor, auf 'Beutezug' zu gehen. Diesen Abend wollte er mit einer netten Begleitung und seinem Mündel feiern.

'Pha! Mündel!' steigt ihm die Wut weiter in den Kopf.

Und schon ist der Junge mit dem nächsten Becher da.

"Dann sinds noch fünf Kreuzer für das Bier."

Längst nicht mehr so geschickt wie noch vor einer halben Stunde zerrt Torin an seinem Lederbeutel. Er fingert einige Heller daraus hervor und gibt sie dem Jungen.

"Dann bring mir noch... mehr."

Langsam verschwimmen die gemauerten Steine der Tavernenwände vor Torins Augen. Doch nun will er nur noch seinen Frust ertränken.


************


Auch das vierte Bier ist schnell getrunken.

'Wo bleibt der Bengel nur?'

Längst steht das fünfte Bier vor Torin und die Druidin regt sich noch immer nicht. Mit zusammengekniffenen Augen versucht Torin sie zu fixieren, was ihm jedoch nicht so einfach gelingen will. Doch nach einigen Abgleitern ist er sich sicher, daß sie wohl doch noch atmet.

Torin blickt zurück zu seinem Bier. Eine gewisse Schwere lastet auf seinen Händen, auf seinem Rücken und auf seinem Geist. Plötzlich stößt er laut auf. Mit erschrockener Miene preßt er sich die Hand vor den Mund. Doch auch dies scheint die Druidin nicht mitbekommen zu haben.

"Tschuldigung..." flüstert er durch seine Hand hindurch. "ich bin gleich wieder da."

Langsam erhebt er sich von seinem Platz.

'Nur nicht wanken.'

Seinen Stab und seinen Rucksack läßt er bei Joanna liegen. Schließlich will er sich nur kurz erleichtern. Langsamer und steifer als es eigentlich nötig, steigt er die wenigen Stufen zum Schankraum hinunter. Vorbei am Tisch mit den Wettsäufern in Richtung der Türe. Erleichtert stellt er fest, das sich weder die beiden Trinker noch das Pärchen übermäßig für ihn interessieren.

Endlich erreicht er die Türe der Taverne. Torin öffnet sie und die kühle Nachtluft schlägt ihm entgegen. Die schwache Licht, das aus den beleuchteten Räumen auf die Strasse dringt, ist das einzige Licht in dieser Seitengasse. Als Torin die Türe hinter sich schließt, steht er beinahe im Dunkeln. Leicht wankend schlendert er durch die Nacht als er plötzlich für einige Augenblicke jemand bekanntes zu sehen glaubt. Es kann gar nicht anders sein.

'Der weiße Mantel... die weißgraue Hose... helle Lederstiefel... Das ist er, der Elf... Sylvhar!'

Endlich ein Lichtblick in dieser Nacht. Vielleicht kann sich Torin ja mit ihm über einiges unterhalten. Torin steuert seine schwankenden Schritte zu der Gasse, in die er Sylvhar entschwinden sehen hat. Doch zu seiner Enttäuschung findet er sie leer vor, als er sie endlich erreicht.

'Na ja, das wäre... ja auch zu... schön gewesen...' denkt er sich resignierend. Doch etwas Gutes hat auch diese Gasse. Zumindest ist sie dunkel genug, so daß Torin sich endlich von der Last seiner drei Biere befreien kann.


************


Als Torin Minuten später aus der Gasse kommt, zeugt nur noch eine dampfende Lache von seinem Unterfangen.

Noch immer wankend tritt er den Rückweg durch die nächtlichen Gassen an. Doch in Torins Zustand sehen plötzlich alle Häuser gleich aus. Langsam geht er von Haus zu Haus und blickt in die meist erleuchteten Fenster. Aber keines davon zeigt ihm die Einrichtung der kleinen Taverne, in der er sich selbst noch vor einigen Minuten befand.

'Wenn ich doch wenigstens... wüßte, wie diese verflixte... Taverne heißt.' tropfen die Gedanken wie durch ein Sieb in seinem Kopf. 'Dann könnte ich... wenigstens jemanden fragen... aber so...'

Urplötzlich hat Torin die Befürchtung, wieder auf dem Schiff zu sein.

'Wie sonst kann... es sein, daß der Boden... unter mir schwankt...'

Doch nicht nur der Boden scheint zu schwanken, nein, selbst die Häuser scheinen sich von ihm weg zu bewegen.

"Bleibt doch... hier!" ruft Torin durch die Nacht. Noch setzt er einen Fuß vor den anderen, doch schon spürt er, wie seine Füße ihm immer weniger gehorchen. Er torkelt noch bis hinüber zur anderen Gassenseite, wo er sich an der festen Hauswand anlehnt. Langsam sinkt er hinunter auf den kalten Boden um mit angezogenen Knien der vorbei hastenden Gasse zuzusehen.

'Mir... ist... sooo... schlecht!!!'



NORDSTERN - Oberdeck: Verletzter Ole


Schwer lastet Ole auf Darians Schulter. Die Schwäche des Schiffszimmermanns schreitet fort, ab und zu wird sein Körper von Krämpfen, dann wieder von Schüttelfrost überwältigt. Doch noch steht er, wankend, aber nicht fallend.

"Ich hatte sie in der Hand ... " erklärt er, etwas wirr im Ausdruck dem Magus "Noch nie ist mir dergleichen passiert ... Ich hatte das Gefühl, daß meine Arme immer länger und stärker würden ... und gelangte in eine Welt ... die noch kein Mensch gesehen hat und später davon berichten konnte .... Ich berührte ihre Seele ... und dann kam .... kam ... kam ...!"

Ole kann nicht weiter sprechen, da es ihn bis ins Innerste erschaudert ...



Der junge Magus bemüht sich dem Gewicht des Grauen Riesen einigermaszen standzuhalten, was ihm sogar, wenn auch schwerlich, gelingt. Trotz seiner groszen Last, gelingt es ihm noch, aus den Aussagen des Schiffszimmermann seine Schlüsze zu ziehen.

´Seine Arme wurden länger? Ja, das könnte passen ...´

Die beiden Männer erreichen schwankend das obere Ende des Niedergangs, nicht ahnend, dasz dieser mittlerweile von einem gestürzten Matrosen blockiert wird ...



"Es war ..... " der alte Schiffszimmermann scheint nach Worten zu ringen, " ... einfach unbeschreiblich. Irgend etwas kam auf mich zu ... Ich konnte nicht erkennen was es ist ... und dennoch schien es mir auf unheimliche Weise vertraut."

Die Augen Ole's weiten sich, als ob sie einen Punkt, nicht von dieser Welt fixieren würden.

"Es bewegte sich nicht, es atmete nicht und dennoch lebte es. Es pulsierte wild und heftig und ich spürte große Angst .... "

Ole blickt Darian mit fiebrig glänzenden Augen an.

" ... ihr müßt recht verstehen - es war nicht meine Angst - sondern die von ..."

Der Schiffszimmermann stockt und seine Augen blicken wieder ins Leere. Sein Atem geht schnell und flach, als habe kaltes Entsetzen sein Herz ergriffen. Es scheinen ihm Worte auf der Zunge zu liegen, die aber nicht geboren werden wollen und so wird das plötzliche Schweigen des Schiffszimmermannes zu einem Akt zermürbender Spannung. Glucksende Laute kommen aus seiner Kehle und es dauert eine Weile bis er sich wieder verstehbar machen kann.

" ... es war eine seltsame Angst, eine Angst vor dem Wissen, Sehen und Verstehen - doch da war nichts, was man wissen, sehen oder verstehen hätte können. Da waren die Wellen des Meeres, riesige, donnernde Wogen, dieses dumpfe Krächzen und das gewaltige Rauschen mächtiger Schwingen. Und das war dieses Licht, das sich in meinen Armen einbettete und immer schwerer wurde, immer schwerer, immer schwerer ...!"

Ole's Stimme wird immer leiser und verstummt letztlich ...



Der Schiffszimmermann stützt sich schwer auf die Schulter des jungen Magus. Lange wird er dieses Gewicht sicher nicht mehr halten können und nun müszen die beiden Männer auch noch den Niedergang hinunter. Die körperliche Anstrengung hält den Adeptus jedoch nicht davon ab, weiter einen Sinn in den Worten Oles zu suchen.

´Wogen? Meer? Schwingen? Meint er womöglich das Nirgendmeer und Golgaris Schwingen? Ob ER das Rauschen der Schwingen gehört hat, das für das verletzte Mädchen bestimmt war?´

Nun diese Fragen lassen sich sicher einfacher klären, wenn der Mann erstmal wieder bei Kräften ist.

Wenigsten scheint der Niedergang diesmal frei zu sein.

"Schafft ihr es noch die Treppe hinunter?" fragt Darian den Schiffszimmermann, während er sich schon verzweifelt nach einem freien Matrosen umsieht, der ihn bei der Stützarbeit sicher unterstützen könnte.



"... es wird genug für alle sei... Heda, Vorsicht!" unterbricht Hjaldar sein Lied, als er, auf den oberen Stufen angekommen, zwei scheinbar schwer angeschlagene Gestalten ausmacht, von der die eine die andere nur mühsam stützt.

'Jetzt schon blau? Die hatten's aber eilig...'

Doch dann erkennt er, wer sich dort heran schleppt. Da er weder Ole noch dem Astralmurkser zutraut, sich so schnell und gründlich zu besaufen, muß ihr Verhalten einen anderen Grund haben.

"Holla, was ist denn mit euch beiden passiert?" fragt er, mit durchaus ernster Besorgnis in der Stimme - die Verbrennungen an Oles Armen bemerkt er wegen der Dunkelheit erst beim zweiten Blick.

"Sach mal, hast Du versucht dem Smutje sein Feuer mit bloßen Händen zu klauen, oder was?" eilt er hinzu und hilft dem Magier Ole zu stützen.



'Vielleicht kommt ja der Magus mit, wenn er den Seemann in sein Quartier befördert hat' denkt sich der Druide. Als er sich umschaut, entdeckt er auch schon die beiden, die sich gerade anschicken, den Niedergang runterzusteigen. Die Last scheint für den Magus durchaus eine Herausforderung darzustellen.

Zum Glück für Fargus eilt gerade ein Seemann heran und hilft dem Magus, sonst wäre diese Aufgabe wohl ihm zugefallen und er sah sich schon im Unterdeck liegen, begraben unter einem großen Seemannsleib. So folgt er den Dreien einfach wortlos, in der leisen Hoffnung, doch noch eine Begleitung für einen kurzen Landgang zu finden.



Ole lächelt Hjaldar müde an. Der Schiffszimmermann versucht sich aufzurichten, doch das mißlingt ihm kläglich. Die Wunden an seiner Brust reißen wieder auf und nässen bereits.

"Oh, oh, Hjaldar, um diese 'Gabe' mußte ich nicht lange bitten. Irgendwer gab sie mir und ehe ich sein 'Geschenk' ablehnen konnte merkte ich, daß es sich nicht um Premer, sondern um echtes Feuer handelte. Ich wüßte zu gerne, wem ich dies hier verdanke, ich würde ihm nur allzu gerne 'Feuer' unterm Arsch machen ...!"

Der 'graue Riese' lacht stockend, bis ihn der Schmerz wieder zum Schweigen bringt. Dann unternimmt der Schiffszimmermann einen zweiten Versuch auf eigenen Füßen zu stehen und diesmal gelingt es ihm - halbwegs zumindest ...

"Magister Darian, ich glaube ich schaffe es schon ...!" erklärt er dem jungen Magus, allerdings auf wenig überzeugender Weise.



Ganz ohne Stütze läßt Hjaldar Ole auch bei dessen Versuch nicht, sich 'auf eigenen Beinen' zu behaupten und -falls er dies angehen sollte- nach unten zu klettern, zumindest hät er sich jederzeit bereit zu zu fassen, sollte es nötig werden.

"Willst Du mit vertellen, daß dich jemand angzündet hat, Oller?" Hjaldar blickt Ole ungläubig an "Oder haben diese Astralpfuscher mal wieder was vermurkst und Du hast's ab bekommen?"

Ein mißtrauischer Blick wechselt zwischen den ebenfalls noch stützenden Magier und den hinzu tretenden Alten.



Ole grummelt ärgerlich, als ihn Hjaldar dennoch stützen will, obwohl sich der alte Schiffszimmermann doch so viel Mühe gegeben hat, seine Hilfsbedürftigkeit zu vertuschen. Aber im Grund ist er froh, daß sich Hjaldar nicht davon hatte beeindrucken lassen.

"Stell dir vor... " beginnt Ole mit einem bitteren Lächeln, "... du hieltest die schönste und heißeste aller Frauen im Arm, kannst du dir dieses Glückgefühl wirklich vorstellen? Doch auf einmal stellst du fest: Das ist kein Mädchen sondern die Mutter aller Feuerquallen - und so wurdest du nicht heiß beglückt, sondern unglücklich versengt. Und du hast keine Ahnung was da passiert ist, nur, daß da ganz gewaltig etwas schiefgelaufen ist!"

Ole hustet, ringt nach Luft und fährt dann fort:

"Aber vielleicht kann dir der kleine Herr Magister hier ein bißchen mehr erzählen. Der versteht sich ja auf so etwas ... !!"



Mehr schlecht als recht ist Ole den Niedergang hinunter getorkelt. Ein paar mal stößt er sich an der Seite und das schmerzt höllisch. Langsam, aber mit Macht wird er sich der Anstrengungen der letzten Zeit bewußt, sie fordern nun ihren Tribut. Schlafen! Nur noch schlafen, lang und ausgedehnt! Es wird Zeit dazu ...

Ole stützt sich an der Wand ab, das Hemd, das er in der Hand trägt, entgleitet seinen kraftlos werdenden Fingern und fällt zu Boden. Ole achtet nicht mehr darauf, läßt es einfach liegen. Schlafen, nur noch schlafen.

Der Schiffszimmermann achtet auf nichts und niemanden mehr. Sein Auge trübt sich und die Knie werden weich wie ein Hartkäse in der Khom. Er kommt leicht aus dem Gleichgewicht kann sich aber wieder auffangen. Jetzt nur nicht hinfallen, er würde sich nicht mehr erheben können. Alle Kraftreserven sind verbraucht, er würde auf den Planken einschlafen. Nicht, daß er momentan etwas gegen das Einschlafen hätte, aber ein kleiner Rest Vernunft in ihm siegt über das Verlangen nach sofortiger Ruhe. Er will zu seiner Hängematte, die wäre wohl besser geeignet für gesundenden Schlaf als der blanke Boden.

Als er den Mannschaftsraum erreicht hat er schon fast geschafft. Seine Hängematte befindet sich gleich neben dem Eingang, Ole läßt sich einfach zur Seite fallen und er trifft seine Hängematte. Nun ja, vielleicht nicht ganz so genau, doch der Oberkörper liegt sicher im Netz, wenn auch etwas schräg und die Beine hängen seitlich herab. Mühsam hebt er die Füße nach und ein klagender Laut dringt aus seiner Kehle. Nicht minder klagend ist das Geräusch, das die Hängematte dabei abgibt. Nun liegt der geschundene Körper auf seinem erstrebten Ruhelager und der zerstreute Geist findet endlich seinen Frieden.

Es schwinden ihm die Sinne und die Schmerzen verfliegen. Ist es ein Schlaf oder eine Ohnmacht? Wer weiß das schon?



NORDSTERN - In der Suite: Wundersame Heilung


Während Alkinoê der Rede Reckindes lauscht, sinkt mehr und mehr die Hoffnung, Merian noch lebend zu treffen. Aber sich darüber klar werden, was das für sie bedeutet, das kann sie jetzt noch nicht. Nicht, bevor sie nicht weiß, was passiert ist, bevor sie sich nicht sicher sein kann. Sie fühlt sich innerlich wie betäubt.

' Sie ist tot, aber sie wollen es mir nicht sagen, weil sie mich schonen wollen. Offenbar halten mich alle für zu krank oder schwach. Wer weiß, wie lange ich hier schon liege. Vielleicht schon wochenlang? Warum, warum kann ich mich nur nicht erinnern? '

Mühsam durchforscht sie ihre Erinnerungen. Die Tage auf dem Schiff waren so gleichförmig. Das Letzte, was ihr einfällt, ist der Abend, an dem sie sich mit diesem blonden Mädchen aus Thorwal unterhalten hatte... Nein, nein, da war ja noch der nächste Morgen, das Frühstück in der Messe, und dann, oben an Deck hat sie das Mädchen noch mal getroffen. Gegen Mittag waren sie und Merian dann zum Ruhen in die Kabine gegangen. Und dann, dann...

Aber in dem Moment hat die Freifrau ihre Rede beendet. Die Quintessenz, die Alkinoê all dem entnimmt, ist, daß sie nicht zwangsweise zum Schlafen gebracht werden soll, daß man ihr die Wahrheit jedoch erst dann sagen wird, wenn sie zu Kräften gekommen sein wird. ' Oder ich erinnere mich...' Ob wohl dieser merkwürdige Herr mit dem Fläschchen einer dieser Männer ist, welche bescheid wissen?

Auf jeden Fall hat sie das sichere Gefühl, daß sie jetzt keine Schwäche zeigen darf. So stützt sie sich mit ihrer gesunden Hand an der Koje ab und setzt sich gerade hin. Sie versucht dabei, sich Schwindel und Übelkeit nicht anmerken zu lassen. Zum Glück ist es nicht möglich, einen spontanen Aufsteh-Versuch zu unternehmen, weil Reckinde noch auf dem Bettrand sitzt.

" Danke, es geht mir schon viel besser. Ich denke, ich kann jetzt aufstehen. Ich fühle mich schon ganz kräftig. Wirklich! " beteuert sie.



Eigentlich befindet sich in der zweiten Flasche ein gewöhnlicher Schlaftrunk, doch angesichts der mißlichen Situation entschließt sich Fargus, die Beschreibung der Wirkung dieser Flüssigkeit etwas abzuwandeln.

"Ich war auf Eurem Schiff" führt der Druide aus" und wir fanden einige, die bereits aufgebrochen waren von Dere, doch dann fanden wir Euch und unsere Herzen triumphierten. Ob bei denen Eure Schwester dabei war, kann ich nicht sagen, doch könnt ihr das selbst herausfinden. Dabei hilft Euch der Erinnerungstrank, der sich in der zweiten Flasche befindet. Allerdings muß ich gestehen, solltet Ihr die Ereignisse nicht im wachen Zustand miterlebt haben, so kann Euch auch dieser Trank nicht weiterhelfen und ihr müßt Euch selbst auf die Suche machen. Ich denke, Ihr seid bei der Dame einstweilen in guten Händen, aber denkt bitte daran Euch zu schonen."

Zu Frau Reckinde gewandt fügt er an :

"Die Dosierung jenes Trunks ist eine etwas andere. Nehmt jeweils einen dritten Teil der Flüssigkeit, um ein Stück des Schleiers der Vergessenheit zu lüften."

Er paßt einen Augenblick ab, in dem das Mädchen seinen Blick von ihm abwendet und zwinkert dann der Dame zu.

"Denkt daran, nicht zu viel auf einmal davon zu nehmen, denn die Wahrheit ist nicht immer leicht zu verkraften. Solltet Ihr keine Fragen mehr haben, so werde ich Euch jetzt alleine lassen."



Alkinoê hat sich, während der Druide sprach, unauffällig gegen die Kabinenwand hinter ihr gelehnt.

' Ah, das tut gut. '

Langsam ebben Übelkeit und Schwindel ab. Aber dann fährt sie zusammen:

Erinnerungstrank?!

Alkinoês Augen leuchten auf, während sie den Druiden mustert. Er sieht schon sehr merkwürdig aus, hat aber irgendwie einen gütigen Ausdruck in den Augen. Bislang hatte sie doch stark das Gefühl, daß diese Menschen hier es gut mit ihr meinen. Andererseits...- Erinnerungstrank - da müßte er ja schon ein Magiekundiger sein, denn ein Kraut, welches verlorene Erinnerungen zurückbringt, gibt es ihres Wissens nicht. Erinnerungen rauben, oh ja!

Vielleicht will dieser nördliche Magiekundige ihr ja tatsächlich einfach nur helfen. Wenn er wirklich so einen Trank hätte, wäre das ja eine ganz einfache Möglichkeit, Klarheit zu erlangen. Und Klarheit wünscht sie sich jetzt mehr als alles andere.

' Aufgebrochen von Dere! Warum sagt er nicht einfach, daß sie tot sind! Wenn er dabei war, könnte er doch ganz einfach SAGEN, was wirklich geschehen ist. Aber darauf warte ich wohl vergebens...'

"Wenn das wirklich ein Erinnerungstrank ist...- Verzeiht mein Mißtrauen, aber so ein Trank erscheint mir etwas sehr...hm... Besonderes zu sein. Seit ihr irgendwie in astralen Künsten bewandert? "



"Nun, ich habe mich der Forschung verschrieben. Deshalb unternehme ich im übrigen auch diese Reise, da ich ein sehr seltenes Gewächs benötige. Aber das ist eine andere Geschichte. Wie dem auch sei, bei Versuchen mit Regenbogenstaub und Schlafpulver gelang es mir bei einer bestimmten Zusammenstellung der Ingredentien eine derartige Wirkung zu erzielen."

Fargus wundert sich über sich selbst, denn Lügen ist gewiß nicht seine Stärke. Vielleicht fällt es ihm so leicht, weil es zum Wohle dieses Mädchens ist.

"Ich beherrsche im übrigen durchaus den einen oder anderen Zauber, doch war die Magie in diesem Fall gar nicht vonnöten. Es steht Euch aber natürlich frei, an meinem Können zu zweifeln. Ich kann Euch ja noch eine wenig über die Wirkweise berichten, vielleicht überzeugt Euch das : ihr fallt in einen tranceähnlichen Zustand. Die Augenlider werden schwerer und schwerer, der Blick für die Wirklichkeit verschwimmt. Nach einer kurzen Zeit aber wird der Blick wieder klarer und ihr seht in die Vergangenheit. Vielleicht ist es nicht das Stück der Vergangenheit, an das Ihr Euch gerade erinnern wollt, doch gewiß ein Stück, an das ihr Euch nicht erinnern könnt. Allerdings sollte man immer nur ein wenig von dem Trunke zu sich nehmen, denn je nach Art der gesehenen Ereignisse und Konstitution des Einnehmenden können sonst unvorhersehbare Nebenwirkungen eintreten."



Allmählich wird Alkinoê wach. Hellwach sogar, bei dem, was ihr der Druide jetzt erzählt.

' Oh Alkinoê, du dumme Gans! Beinahe wärst du auf diesen Erinnerungstrank hereingefallen. Ausgerechnet du! Wenn er mir nun von besonders komplizierten Formeln erzählt hätte, welche er mit dem Trank verknüpfte... Du warst schon so weit, ihm Glauben zu schenken. Schlafpulver?! Regenbogenstaub??!! '

Ihre dunklen Augen werden vor Ehrfurcht ganz groß und rund, während sie ihm zuhört. Als er geendet hat, verzieht sich ihr Mund zu einem schüchternen, mädchenhaften Lächeln:

" Oh ich danke Euch vielmals für diesen gewiß sehr seltenen Trank. Wenn ihr ihn mir hierlaßt, werde ich die vorgeschriebene Dosierung zu mir nehmen, sobald ich mich ein wenig frischgemacht habe. Ich hoffe, das verstößt nicht gegen eure Behandlungsvorschriften, Herr....äh, oh verzeiht mir, ich glaube ich habe bei der Vorstellung euren Namen nicht recht verstanden..."

' Wenn ich nur wüßte, warum die mich betäuben wollen? '



"Wir wurden einander nicht vorgestellt, Ihr lagt auf den Planken des Schiffes und der Magus und meine Wenigkeit versuchten euer Leben zu retten. Aber das läßt sich ja nun nachholen. Mein Name ist Fargus und ich stamme aus Andergast."

Der Druide ist sich nicht sicher, ob das Mädchen ihm den Erinnerungstrank wirklich abnimmt, doch sind seine Mittel nun auch erschöpft, so das er nur hoffen kann, das dem so ist.

"Es scheint, als seid ihr bereits dazu in der Lage selbst zu entscheiden, wann ihr etwas über die zurückliegenden Ereignisse erfahren wollt. So bin ich denn also entbehrlich und überlasse Euch der Obhut der Dame."



Alkinoê ist angenehm überrascht, daß er nicht heftiger darauf besteht, daß sie den Trank in seiner Anwesenheit schlucken soll.

' Vielleicht tue ich ihm ja unrecht, und er sagt doch die Wahrheit. '

Ihre gereizten Nerven beruhigen sich allmählich wieder.

' Wahrscheinlich sehe ich Gespenster. Und jetzt ist vielleicht vorerst die letzte Möglichkeit, ihn nach dem Vorgefallenen zu fragen. So macht sie noch einen letzten Versuch:

" Werter Herr Fargus, ihr sagtet, ihr hättet mich auf den Planken gefunden. So müßt ihr doch wissen, was passiert ist. Gewiß würde es mir bei der Wiedergewinnung meines Gedächtnisses sehr helfen, wenn ihr mir sagtet, unter welchen Umständen ihr unser Schiff gefunden habt und was aus ihm geworden ist. "

Dabei schaut sie ihm in die Augen, ein flehendes Lächeln auf den Lippen. Immerhin hat sie die Klippe Merian geschickt umrundet. Erst als sie den Satz bereits beendet hat, fällt ihr ein, daß sie sich ja für ihre Lebensrettung bedanken müßte, obwohl sie momentan recht wenig Dankbarkeit empfinden kann.

" Oh, und vielen Dank für eure Bemühungen. Worte sind wohl in jedem Fall zu schwach für das, was ihr für mich getan habt. " setzt sie etwas matt hinzu. Dabei zittert ihre Stimme ein wenig. Sie hat das Gefühl, sich kaum noch zusammenreißen zu können. Die Angst um Merian, die Verzweiflung und Ungeduld ob der Tatsache, daß ihr anscheinend keiner die Wahrheit sagen will, der Schrecken wegen des Trankes und vor allem die kaum ausgestandene Krankheit fordern ihren Tribut. Normalerweise kann sie sich recht gut verstellen. Schließlich hat sie jahrelange Übung darin. Nun aber droht die Maske der Ruhe und Selbstbeherrschung herunter zu gleiten.



"Euer Schiff wurde Opfer eines Piratenüberfalls." beginnt Fargus bedächtig, wohlwissend, das es auf der einen Seite keinen Zweck hat, alles zu verschweigen, auf der anderen Seite er seine Worte sehr gut auswählen muß, um keinen Rückfall einzuleiten.

"Es waren zwei Überlebende an Bord, Ihr und ein Herr, mit dem ich jedoch noch nicht sprechen konnte, daß übernahm ein Offizier der NORDSTERN."

Nun wird es brisant und daher wählt Fargus die Worte auch sehr sorgsam :

"Einige Tote fanden wir an Deck, bei denen leider jede Hilfe zu spät kam. Euer Schiff wurde ins Schlepptau genommen. Mehr weiß ich selber nicht, Ihr solltet morgen mit dem anderen überlebenden Passagier sprechen, vielleicht weiß er Antworten auf Eure Fragen."

Der Druide hofft, die Worte getroffen zu haben, auf die Reaktion Alkinoês wartend.



Die Freifrau lächelt still vor sich hin. Sie findet es mehr als paradox, daß dem Mädchen versucht wird einzuflüstern, das Beste, was ihr passieren könnte, nach einer langen unseligen Ohnmacht, wäre ein langer seliger Schlaf. Und als sich Alkinoê, zwar höflich, aber bestimmt gegen den Trank zu wehren versucht, gehört ihr die ganze Sympathie der Freifrau.

"Natürlich habt ihr recht, mein Kind!" erklärt Reckinde in einem fast feierlich klingendem Ton, "Ihr solltet euch frisch machen. Das allein schon könnte eure Kräfte wieder zurückbringen. Dennoch wäre es mir eine Ehre euch auch zu einem kräftigendem Mahl und einem nicht minder kräftigendem Trunk einzuladen. Doch ich eile voraus, laßt uns mit dem ersten Schritt vor dem zweiten beginnen!"

Frau Reckinde winkt ihrem Diener, der gerade geistig und wie es scheint auch mit seinem Kopf in einer Tasse Tee versunken scheint. Sie muß sich mehrmals und immer lauter werdend räuspern, damit Radisar endlich auf die aufmerksam wird. Dann allerdings genügen ein paar Gesten und Handzeichen, um ihm einen Auftrag zu geben. So einfältig er manchmal zu sein scheint, er zeigt bisweilen eine unglaubliche Auffassungsgabe.

"Verehrter Meister," wendet sich die Freifrau sodann an den Druiden, "bitte verzeiht mir meine Leidenschaft, solltet ihr euch vorhin allzu derb angesprochen gefühlt haben. Dennoch möchte ich euch bitte uns nun alleine zu lassen, ihr hört selbst, die junge Dame möchte sich frisch machen .... !"

Ein Hauch von Ungeduld mischt sich in Reckindes Stimme.



Radisar verschluckt sich fast an seinem Tee. War ihm doch so als habe ihn die Herrin gerufen und gleich darauf mußte er die Erfahrung machen, daß eine ergebene Antwort, bei gleichzeitigem Teetrinken problematisch werden kann. Tapfer unterdrückt er den Hustenreiz und nickt stumm bestätigend und eilt sofort daraufhin seinen Auftrag zu erfüllen.

Zuerst holt er eine großen Krug mit Wasser und stellt ihn auf ein silbernes Tablett. Gleich daneben legt einen Tiegel mit wohlriechendem Balsam und eine Phiole mit erlesenem Öl. Zuletzt gesellt er zu diesem Arrangement ein Stück parfümierte Seife, einen großen Schwamm und ein feingewebtes Leinentuch. Dann trägt er das Tablett an Alkinoês Lager, stellt es dort ab, verbeugt sich kurz und hektisch und entfernt sich danach rasch.

Doch es dauert nur einen kurzen Moment, schon steht er wieder Frau Reckinde zur Seite. Er hat eine Haarbürste, mehrere Haarspangen und Bänder gebracht und er trägt mehrere Kleider über dem Arm, die er Frau Reckinde übergibt. Dann trollt er sich wieder, um in einer dunklen Ecke verzückt in seine Teetasse zu blicken.

Tee ist wirklich etwas wunderbares. Das köstliche Aroma dieses Getränks, sowie ein gelegentlicher Schädelschmerz als Folge vergangenen, allzu ausschweifenden Alkoholgenusses, lassen in ihm den festen Vorsatz wachsen, nie wieder, in seinem ganzen Leben nicht, etwas anderes zu trinken als Tee.



Zwar war das mehr oder weniger ein Rausschmiß, doch ist der Druide nicht sonderlich böse drum, denn er ist nicht gerade geübt im Umgang mit solchen Situationen. Und merkwürdigerweise scheint das Mädchen ja dieser Frau zu vertrauen, was Fargus zwar nicht verstehen kann, aber sei es drum. Und so verabschiedet er sich schleunigst:

"Oh, natürlich laß ich Euch nun alleine, verzeiht mein Benehmen, meine Damen! Habe die Ehre." , verbeugt sich jeweils kurz und verläßt dann den Raum.

Als er die Türe hinter sich geschlossen hat, atmet er erstmal tief durch.

'Hoffentlich findet sich eine Begleitung für einen kleinen Stadtbummel' denkt er bei sich.



Daß der alte Druide nun doch mit einer Beschreibung der furchtbaren Wahrheit aufwartet, überrascht Freifrau Reckinde dann doch und läßt sie Ehrfurcht und Respekt gegenüber dem Sumus's Gelehrten empfinden, da er Worte fand, die einfühlsamer nicht zu sprechen gewesen wären.

So sehr sie auch Wahrheiten schätzt, nun ist sie doch sehr bemüht wieder den Alltag zu betonen. Sie nimmt die Kleider die Radisar gebracht hatte und breitet sie vor Alkinoê aus ....



' So. Ein Piratenüberfall war es also. Damit ist auch die Hoffnung zunichte, daß Merian sich vielleicht an eine Planke klammernd hätte retten können. '

Aber etwas in Alkinoê sträubt sich einfach, der Realität ins Auge zu sehen.

' Sie KANN einfach nicht tot sein. Sie war doch so lieb und schön, jeder war gleich von ihr begeistert. Vielleicht haben die Piraten sie einfach mitgenommen? '

Aber der Gedanke ist im Grunde so furchtbar, daß sie dies Schicksal Merian nun wirklich nicht wünscht. Dann schon besser tot.

' Nun hör doch auf, dir etwas einzubilden. Sie ist tot. Tot! Tot! ' denkt Alkinoê.

Obgleich sie das Ausmaß des Verlustes und seine Folgen noch gar nicht ermessen kann, fühlt sie sich auf einmal unendlich einsam und verzweifelt. Am liebsten würde sie jetzt laut schreien, sich auf das Bett werfen und heulen wie ein kleines Kind. Aber das ist natürlich ganz ausgeschlossen in Anwesenheit der hohen Dame und der beiden Herren. Ein wenig hilft ihr die Erziehung dabei, jetzt nicht völlig die Fassung zu verlieren, aber sie kann nicht verhindern, daß in ihrem Hals ein Kloß dicker und dicker wird und ihre Augen verdächtig brennen. Nur jetzt nicht auch noch weinen!

Daher schaut sie gar nicht hin, als der Herr Fargus den Raum verläßt und nickt nur stumm, als Reckindes Diener die Utensilien zum Waschen bringt. Danach fixiert sie die ausgebreiteten Kleidungsstücke. Es ist ihr im Augenblick völlig egal, was sie anzieht, aber sie fühlt, daß nun von ihr erwartet wird, sich ein Kleid auszuwählen.

Diese Tätigkeit, die ihr normalerweise großes Vergnügen bereitet hätte, kostet sie jetzt regelrecht Überwindung. So zeigt sie einfach kurz auf das nächstbeste, ein messinggelbes Kleid. Zum Sprechen ist sie jetzt einfach nicht in der Lage.



Sie spürt, daß sie allmählich den Kampf gegen die Tränen verlieren wird. Nicht, daß dies eigentlich so schlimm wäre. Sie fürchtet sich aber vor Mitleidsbekundungen und Tröstungsversuchen. Dann, das weiß sie, wird sie vollständig die Kontrolle über sich verlieren. So starrt sie auf das messinggelbe Kleid, die Augen weit aufgerissen. Jetzt nur nicht blinzeln!

Aber vergebens: Plötzlich löst sich eine Träne, sucht sich ihren Weg, und da Alkinoê den Kopf gesenkt hält, rinnt die Träne bis hin zur Nasenspitze, um von dort in ihren Schoß zu tropfen.

Hastig greift Alkinoê nach dem Tuch, taucht es ins Wasser und beginnt, sich das Gesicht zu reinigen.



Ernst und besorgt blickt die Freifrau Reckinde auf das schweigende Mädchen, die ganz offensichtlich alle ihre verbliebene Kräfte aufwenden muß, um ihre Haltung zu bewahren.

'Was für ein tapferes, kleines Mädchen!' denkt sich die Freifrau voller Respekt 'Sie hat Stil und sie hat Grazie. Bestimmt hat sie eine ausgezeichnete Erziehung genossen!'

Trotz ihrer tief empfundenen Bewunderung für die Weise, wie Alkinoê ihre, geradezu tragisch zu nennende Belastung, trägt und meistert, will Reckinde nicht übersehen, daß alle Kraft der jungen Dame nur noch eine dünnhäutige Fassade darstellt und sich dahinter blanke Verzweiflung mit Macht eine Bahn ins Sichtbare erkämpfen will.

Diesen Kampf kann Alkinoê jetzt und hier nicht gewinnen, dessen ist sich Reckinde sicher. Auch weiß sie, daß es zwar als edel gilt, nagende Trauer für sich zu behalten, da es in höheren Kreisen als unfein gilt, sich öffentlich gehen zu lassen, doch kennt die Freifrau solche Situationen, das Leben hat es auch für sie nicht immer sehr freundlich gemeint und sodann Reckinde die Erfahrung vermittelt, daß zurück gehaltener Schmerz den Menschen von innen her auffressen kann.

Bei allem Glück, das der Frau Reckinde in ihrem weiteren Leben widerfahren ist, Mutterglück war nie dabei gewesen, zu sehr hat sie sich dem Anhäufen von Reichtümer verschrieben gehabt. Und so ist ihr das Gefühl, daß nun in ihr wächst und immer bestimmender wird vollkommen fremd.

Es ist eine Art Mitleid, nicht jene Floskel, die man in Gesprächen gern und oft, aber völlig Sinn entleert heuchelnd anbringt, es ist mehr ein Gefühl der Verbundenheit, daß Alkinoês Trauer für Reckinde Wirklichkeit werden läßt, daß sie den Schmerz ebenso wie das Mädchen fühlen kann, der das Herz der Freifrau zwar umwölkt, aber nicht abschnürt, da in ihr das Bedürfnis erwacht lindernd auf die Seele Alkinoês einzuwirken.

Reckinde braucht keinen Plan, keine Strategie. Noch nie ist ihr geschehen, daß sie aus dem Gefühl heraus zu handeln bereit war. Mutter TRAvia persönlich muß ihr diese Worte ins Herz gesetzt haben. Und so schließt Reckinde wortlos in die Arme, drückt sie an ihre mächtige Brust, steichelt ihr das Haar und den Rücken und spricht mit sanfter milder Stimme:

"Weint ruhig, wenn euch danach zumute ist. Es wird euch befreien. Mit den Tränen wird euch das Gift des Leides verlassen. Ein weiser Mann hat einmal gesagt, ein Becher voll mit Kummertränen habe die gleiche Wirkung wie der Verzehr eines Krötenschemels. Also heraus damit, ich werde sie auffangen und von euch wegtragen!"



Vor Alkinoês Augen entsteht für einen kurzen Moment das Bild des großen, rot-gelb-gefleckten Pilzes. Sie kann nichts dafür: Sie findet den Vergleich einfach komisch. Leider hatte sie schon immer die unliebsame und äußerst peinliche Eigenschaft, in den unpassendsten Momenten einen starken Lachreiz zu verspüren. Im Lauf der Jahre hat sie natürlich gelernt, ihn zu unterdrücken oder doch zumindest mit einem Hüsteln zu kaschieren. Nun aber, da ihre Nerven zum Zerreißen gespannt sind und sie noch dazu in keinster Weise darauf vorbereitet war, entringt sich ihr ein Laut, den man genausogut als Kichern wie als Schluchzen interpretieren könnte.

Dieses Kichern allerdings durchbricht den Damm ihrer Selbstbeherrschung, so daß sie nun tatsächlich in haltloses Schluchzen ausbricht, die Hände mitsamt dem Waschlappen vors Gesicht gepreßt.



Freifrau Reckinde nimmt Alkinoê nun etwas fester in den Arm und wiegt den Oberkörper des Mädchens ganz sachte hin und her, wie zu einem beruhigenden 'Tanz'. Der unendliche Schmerz der Trauernden rührt die Dame von Beibach und Bruch tief und bringt am Grunde ihrer Seele eine Saite zum klingen, die nach einem langem Dasein in Vergessenheit, nun wieder einen klagenden Ton von sich gibt.

Reckinde sieht vor ihrem geistigen Auge das Bild einer greisen Frau, die in einem großen Schaukelstuhl sitzt. Reckinde kennt diese Frau, doch will ihr der Name der Alten nicht einfallen. Die Greisin strickt. Ihre Finger sind brüchig und verbraucht, doch ungebrochen ist ihr Geschick im Umgang mit den Nadeln. Sie singt ein Lied dabei, so scheint es, denn noch kann Reckinde nichts hören, ihre Erinnerung ist zunächst stumm.

Doch dann kommen auch langsam die Laute aus der Tiefe der Vergangenheit zurück und der Freifrau offenbart sich ein allzu bekanntes Lied aus ihrer Kindheit. Die alte Frau aus Reckindes Wachtraum mit greisenhafter Stimme, die der Freifrau die Melodie nur erahnen lassen. Und dennoch legen sich die Worte der Alten schmeichelnd auf die Zunge Reckindes.

Zuerst spricht sie die Worte nur nach, dann allerdings schleicht sich eine kleine Melodie in ihre Sprache, zuletzt beginnt Reckinde zu singen.


"Einst zog ein Falke in turmhohem Flug

hinweg über Firun's Revier,

ein stolzes, prächtiges Tier.

in den Krallen die Beute, die er sich schlug,


Hoch im Gipfel des mächtigsten Baums

hat er ein Nest sich gebaut,

nie hat man ein schön'res geschaut,

in den Weiten des derischen Raums."



Radisar horcht verwundert auf. Die Herrin singt! Das hat sie nicht mehr getan, seit nahezu zehn Götterläufen, als sie im Wettstreit um den Erwerb eines kleinen Waldschlosses den Baron Rundwalden unter den Tisch getrunken und dadurch den Zuschlag erhalten hatte.

Doch - und das muß Radisar anerkennend feststellen - damals hat es sich um ganz andere Art von Lieder gehandelt. Diese Melodie, die Frau Reckinde jetzt vorträgt, kommt Radisar sehr bekannt vor. In der Heimat der Freifrau von Beibach und Bruch wird diese Lied oft gesungen, man sagt die Großmutter Frau Reckindes habe es einst verfaßt.

Da ihm die Worte geläufig sind, beginnt auch Radisar zu singen.


"Wenn sich der Falke in die Lüfte erhebt,

drunten vom rauschenden Bach,

dann sehe ich ihm sehnsüchtig nach,

wie er stark und leicht im Winde entschwebt.


Du schillernde Tsa, die allen Wandel erschafft,

der einzige Wunsch den ich hab'

bitte gewähr mir die Gab':

Des Falken Leichtigkeit und schwebende Kraft!


Auf leichten Schwingen flög ich dahin,

weit weg von den Sorgen der Welt,

das einzige, was dann noch zählt,

ist glücklich sein, Frieden und Freiheit im Sinn."



Frau Reckinde ist nicht wenig überrascht, als Radisar ebenfalls beginnt zu singen. Sie kann ihm diese 'Frechheit' allerdings verzeihen, denn erstens singt er gut und zweitens kennt er den Text besser und kann ihr somit helfen, wenn sich für sie der genaue Wortlaut des Textes in ihrer Erinnerung verdunkelt.


"Du bist zwar ein Mensch und kein Falke, mein Kind

und gebunden an erdigen Ort,

doch höre genau auf mein Wort:

Deine Seele ist frei, wie der Falke im Wind!


Und siehst du den Falken, dann vertrau seiner Macht,

und nun, mein Kindchen, sei brav,

Boron schenke dir Schlaf,

und fühl dich beschützt, denn der Falke hält Wacht!"



Alkinoê weint, als wollte das Herz ihr brechen. Zunächst klang ihr Schluchzen noch halb unterdrückt, wird dann aber lauter, klagend und herzzerreißend wie bei einem Kind, daß sie ja auch in einem Teil ihres Wesens noch ist. Sie vermag selbst nicht zu beurteilen, ob vor allem sie um ihre Schwester weit, welche am Anfang ihres Lebens stand, so schön, lieb und mutig war, so voller Hoffnungen für die Zukunft, oder um sich selbst, die sie jetzt den wichtigsten Menschen verloren hat und allein irgendwo in der Fremde gestrandet ist. Vielleicht ist aber auch vor allem die Anspannung und die Erschöpfung der Grund.

Sie weint so lange, bis ihr erschöpfter Körper selbst dazu nicht mehr in der Lage ist, sie sich nur noch müde, erschöpft und ausgebrannt fühlt. Selbst die Trauer empfindet sie jetzt nur noch wie einen dumpfen Schmerz tief in ihrem Innern. Verwundert registriert sie jetzt, daß die Freifrau sie in ihren Armen hält. Diese Art der mütterlichen Zuwendung ist für sie etwas völlig Ungewohntes. Obgleich sie sich nicht eigentlich unwohl fühlt, wagt sie doch nicht, die Umarmung zu erwidern, und liegt lediglich ruhig in Reckindes Arm, während das Schluchzen allmählich leiser wird. Mit noch weit größerem Erstaunen vernimmt sie jedoch den Gesang Reckindes und Radisars. Erst gegen Ende des Liedes wird ihr klar:

' Die singen das für mich, um mich zu trösten! '

Stumm und regungslos verharrt sie, ohne sich im Klaren darüber zu sein, wie sie sich jetzt verhalten soll.



Frau Reckinde drückt das verzweifelte Mädchen fest an sich heran, streichelt ihr Rücken und Haar. Sie nimmt Alkinoê das Tuch aus den Händen, und tupft damit die Flut der Tränen von den Wangen. Sie spürt die Mutlosigkeit, aber auch die Kraftlosigkeit der Trauernden und die Freifrau weiß, daß es unter solchen Bedingungen keine Heilung geben kann, weder für den Körper und schon gar nicht für die Seele.

"Schlaft, mein Kind, schlaft ruhig. Ich werde an euerem Lager Wache stehen und eueren Schlaf beschützen. Und wenn ihr wieder erwacht, dann werde ich euch helfen bei allem, was ihr zu tun gedenkt. Nur: Ihr müßt erst wieder zu Kräften kommen, dies ist wohl im Moment eure erste Pflicht! Schlaft gut, mein Kind!"

Beschwörend redet die Freifrau auf Alkinoê ein und als sich das Mädchen langsam beruhigt, läßt sie den entspannten Körper der Verzweifelten vorsichtig auf das Lager sinken. Weiterhin streichelt sie das Haar Alkinoês und noch immer spricht sie beruhigend auf sie ein:

"Schlaf, mein Kind!"



Alkinoê fühlt sich zu kraftlos, um noch an Höflichkeit zu denken. Trotzdem, irgendwie spürt sie dankbar die Wärme und Zuwendung der Dame. Sie fühlt sich plötzlich weit weniger einsam, ein bißchen wie ein kleines Kind, welches von seiner Mutter getröstet wird.

Als jedoch Reckinde sie sanft auf das Lager zurück gleiten läßt, fällt ihr Blick auf die kleine Flasche des Druiden, von der sie als sicher annimmt, daß sich ein Schlafmittel darin befindet. Jetzt, jetzt möchte sie nicht mehr wach sein, hat gar kein Bedürfnis mehr nach Klarheit und Wahrheit. Sie sehnt sich nach Borons Geschenk an die Menschen: Schlaf und Vergessen. Daher greift sie jetzt mit der gesunden Hand nach der Flasche, und murmelt:

" Ich glaube, ich sollte noch einen Schluck aus dieser Flasche nehmen. " Mit zitternder Hand entfernt sie den kleinen Korken und nimmt einen kräftigen Schluck. Es schmeckt weit weniger unangenehm, als sie befürchtet hatte. Dann stellt sie die Flasche zurück und läßt sich zurück auf das Lager fallen. Mit dem Anflug eines Lächelns auf den Lippen fügt sie hinzu:

" Was auch immer darinnen ist, ich glaube, es wird mir gut tun, "

und schließt sie erschöpft die Augen. Dann jedoch, einem plötzlichen Impuls gehorchend schlingt sie ihren gesunden Arm um die Freifrau. Doch bereits nach kurzer Zeit verraten tiefere Atemzüge und ein Nachlassen des Drucks, daß Alkinoê eingeschlafen ist.



Freifrau Reckinde ist sehr erleichtert, als sich Alkinoê einem, wie sie hoffen will, erquickenden Schlummer überläßt. Schon bald ist das Mädchen fest eingeschlafen. Als sich Reckinde sicher sein kann, daß Alkinoês Schlaf tief genug ist und so leicht nicht mehr zu stören ist, beginnt die Freifrau vorsichtig die zerschlissene und übel verdreckte Kleidung Alkinoês vom Körper des Mädchens zu streifen.

Mit einem Anflug von Ekel betrachtet Reckinde die Blut durchtränkten Fetzen. Nach einer sehr kurzen Prüfung entscheidet die Freifrau, daß dieses Kleid wohl 'ausgedient' hat, die besten Waschfrauen und Schneiderinnen des Dererunds könnten da nichts mehr daran ausrichten. Angewidert reicht Reckinde die Überreste des einstmals vornehmen Textils an Radisar weiter, daß dieser es entsorgen möge.

Reckinde befeuchtet den Schwamm und streicht damit langsam über Schulter und Arme des Mädchens, vorsichtig und mit Bedacht, um Alkinoê nicht aufzuwecken. Mit Staunen und Ehrfurcht betrachtet Reckinde die vielen, auffallend hellen Stellen an Alkinoês Körper, dort, wo noch vor kurzer Zeit gräßliche Wunden klafften und die der junge Magier Darian mit seiner astralen Gabe geschlossen und heilen lassen hat.

Die Freifrau geht sehr ausdauernd vor, bei ihrem Werk. Nachdem sie Alkinoês Körper gründlich gereinigt, Staub und Blutreste entfernt hat, ergreift sie die kleine Phiole, die ein kostbares Körperöl enthält. Dieses Öl reibt sie mit langsamen Bewegungen in die Haut des Mädchens. Besonders bei dem Gesicht Alkinoês läßt sie sich besonders viel Zeit. Bald schon glänzt Alkinoês Haut in einem seidigen Glanz, eine Anmut verstrahlend, die sonst nur die Schönsten der Feen ihr eigen nennen können. Der betörende Duft von Rosen und Jasmin macht sich in der Suite breit.

Zuletzt ergreift die Freifrau eine wirklich sehr kleine Bürste. Die Schnurrbarthaare eines Mäuschens könnte man damit kämmen. Strähne für Strähne, mit außerordentlicher Vorsicht und Feingefühl, befreit Reckinde Alkinoês Haar von geronnenem Blut, Splittern und Spänen. Das dauert zwar sehr lange, doch Reckinde nimmt sich die Zeit. Alkinoê schläft fest und die Nacht ist noch lang.

Als das Werk getan ist, nimmt Reckinde das Kleid, das Alkinoê gewählt hatte und streift es der nackten Schlafenden über. Dann deckt sie Alkinoê zu, streicht ihr noch einmal sachte über das Haar und drückt ihr, einem plötzlichen Impuls folgend eine sanften Kuß auf die Stirn.

"Schlaf gut, mein Kind. Wie nannte dich der Schiffszimmermann? Kleine Blume? Ich glaube er hat recht!"

Reckinde rückt sich einen Stuhl zurecht und beginnt ihre Nachtwache .......



Langsam sinkt der Kopf der Freifrau nach vorne. Die Stunden sind wohl doch zu lang geworden und Reckinde ist auf ihrem Stuhl eingenickt. Der Griff um das Buch, das sie sich zur Zerstreuung in nächtlicher Stunde aufgeschlagen hatte, lockert sich. Das Buch rutscht langsam an Reckindes Oberschenkel abwärts und plumpst platt zu Boden. Das laute Geräusch läßt Reckinde kurz aufschrecken, vermag aber den Schlaf der Freifrau nicht unterbrechen.

Die Öllampe ist am Erlöschen und verbreitet nur noch ersterbendes Flackerlicht. Eine steile, streng wirkende Falte bildet sich auf der Stirn der Freifrau. Wenn sie gerade träumen sollte, dann ist es sehr wahrscheinlich nichts Erbauliches. Schwerwiegende Gedanken scheinen sich in der Traumwelt Reckindes zusammen zu ballen. Ihre Hände zucken, doch das Buch ist schon fort, ihre Finger greifen ins Leere. Was vermag die Freifrau nur so zu bewegen?



NORDSTERN - In der Suite: Alkinoês Traum


Alkinoê schläft.

Ihr Schlaf ist so fest, daß er nicht einmal dadurch gestört werden kann, daß sich Reckinde und Radisar um sie kümmern, das zerfetzte und beschmutzte Kleid entfernen und Haut und Haar reinigen. Der Schlaftrunk sorgt dafür, daß sie von diesen Ereignissen nichts bemerkt, auch nicht davon, daß sich Reckinde für den Rest der Nacht hinsetzt, um Wache zu halten.


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Der größte Teil der Nacht verläuft ereignislos. Alkinoê liegt völlig ruhig da, fast wie am vorausgegangenen Tag, jedoch mit dem Unterschied, daß ihr Atem ruhig und gleichmäßig fließt und ihr Gesicht wieder eine gesundere Farbe angenommen hat.

Als der Nachthimmel im Osten hinter der Stadt langsam beginnt, sich von schwarz zu grau zu verfärben, liegt die NORDSTERN im Hafen noch in völliger Dunkelheit. So dringt auch noch keine Dämmerung durch das kleine Fenster in die Kammer der Suite. Sonst hätte ein aufmerksamer Beobachter vielleicht bemerken können, daß zunächst die Augen hinter den geschlossenen Lidern des Mädchens sich bewegen, daß die Hände ein wenig zucken und sich auch der Kopf ganz leicht von der einen zur anderen Seite dreht. Alkinoê träumt.



Mit einem Ruck fährt Alkinoê aus dem Schlaf. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie entsetzt ins Halbdunkel der Kammer. Einen Augenblick braucht sie, bis sie bemerkt, wo sie sich befindet. Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfährt ihr, und sie fährt sich über die Augen, um den fürchterlichen Traum wegzuwischen, den sie eben gehabt hat.

Den Traum? Die Erkenntnis durchfährt sie wie ein eisiger Schreck, und läßt sie wie erstarrt sitzen bleiben: Sie hatte doch, vor dem Schlafen noch einen Schluck aus dieser Flasche genommen. Was hatte der Mann doch gesagt? Man fällt in eine Art Trance und erinnert sich dann an das, was man gesehen hat. Fast wie einem Zwang gehorchend versucht sie nun, sich an den Traum zu erinnern:

Sie lief durch die düsteren Gänge, wurde dabei von der einen auf die andere Seite geschleudert, weil das Schiff unter schrecklichen Stößen erbebte. Dann war da diese steile Treppe nach oben. Escoda stand davor und versuchte, ihr den Weg zu versperren:

' Um der zwölfgöttlichen Gnade willen, bleibt hier, ihr wißt nicht, was da oben los ist! '

Aber flink war sie unter seinen Armen hindurch geschlüpft:

' Nein! Sie ist da oben! ' und weiter, die Treppe hoch, und da ist er wieder, dieser Grauen erregende Anblick, der sie eben aus dem Schlaf riß!

Alkinoê drückt die Fäuste fest auf die Augen, um das Bild wieder zu vertreiben, aber vergebens.

'Ach, hätte ich doch nur diesen Erinnerungstrank nicht genommen! Aber ich dachte doch, es wäre ein Schlaftrunk! '


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Alkinoê weiß, daß sie dieses Bild nie mehr vergessen wird. Nie, solange sie lebt. Der Anblick, wie sich das grobe Eisen der Axt in Merians zarten Körper frißt, sie beiseite schleudert, die hilflos erhobene Hand mit dem nutzlosen Zierdolch (ein Geschenk von Scorsese), der Fuß, den der Mann in ihre Hüfte stemmt, um die Axt besser herausziehen zu können und ihr Schrei!

Nun kommen ihr aber auch Details in den Sinn, die nicht in ihrem Traum enthalten waren: Sie beide, unten in der Kabine, das Trampeln von Füßen und die Unruhe über ihnen an Deck, die gebrüllten Befehle, das verstärkte Schwanken des Schiffes. Der Anblick der Schwester, zum letzten Mal gelassen und unversehrt: ' Ich gehe mal nachsehen, was da oben los ist. Bleib du am besten hier unten, Kina. ' Das darauffolgende, bange Warten, verbunden mit der Erkenntnis, daß dort oben etwas Schreckliches geschieht, ihr Entschluß, der Schwester zu folgen. Escoda, dieser Feigling, war natürlich unten geblieben, statt Merian beizustehen, was doch eigentlich seine Pflicht gewesen wäre. Und er wollte sie, Alkinoê, auch noch aufhalten! Aber sie war viel zu schnell für ihn gewesen. Und dann oben. Es hatte einige Momente gedauert, bis sie sich darüber klar war, was dort wirklich geschah. Die Menschen, die sich auf dem Boden krümmten und schrien, ein blutiger Fleischklumpen, der erst auf den zweiten Blick als menschliche Hand zu erkennen war, das dumpfe Schnaufen der Kämpfenden, das Geräusch splitternden Holzes. Merian entdeckte sie erst kurz vor deren blutigem Ende am anderen Ende des Decks.



Und was die Fremden für schreckliche Sachen riefen! Alkinoê überläuft ein Schaudern. Plötzlich jedoch wird ihr eiskalt vor Schreck. Was haben die da noch genau gesagt? Die werden doch nicht etwa...? Einen Augenblick wird ihr ganz schlecht vor Angst bei dem Gedanken, die könnten vor allem SIE, Alkinoê gemeint haben.

Aber nein! Das ist doch Blödsinn. Niemand bringt eine ganze Schiffsmannschaft um, nur um ein kleines Mädchen zu vernichten. Obwohl...

Ein weiterer, ebenso beängstigender Gedanke schließt sich an. Sie muß an die letzten Worte ihrer Tante denken:

' Zu dir sage ich nur >Auf Wiedersehen<, meine Kleine, denn ich weiß jetzt schon, daß du deine Entscheidung sehr bereuen wirst. Glaub`mir, du wirst schon bald, sehr bald zu mir zurückkommen! '

Sie wird doch nicht SO ETWAS veranlaßt haben? Aber zu Szanta passen diese grauenhaften Ausrufe erst recht nicht, nein! Alkinoê traut ihrer Tante zwar einiges zu, aber das: Nein, das ist nicht ihr Stil!

' Das kann einfach nicht um meinetwillen geschehen sein! ' versucht sich Alkinoê zu beruhigen. Trotzdem, irgendwie fühlt sie sich schuldig. Schuldig vor allem daran, daß Merian sterben mußte, während sie immer noch lebt. Und wenn dies nur die Strafe der Götter ist.

' Ach Merian, warum nur haben die Götter dich sterben lassen, wo du doch immer lieb und gut warst. '

Am liebsten würde sie wieder weinen, aber irgendwie wollen keine Tränen mehr kommen. Statt dessen erfüllen eine große Bitterkeit, vermischt mit Haß auf diese Männer und auf das Schicksal ihr Herz, während sie in den herauf dämmernden Morgen starrt.



In SALZERHAVEN - Am Kai: Anman und Fiana


Anman läuft langsam neben Fiana her, zu der er mittlerweile mit einigen sehr schnellen Schritten aufgeschlossen hatte. Einige Schritte vor ihm kann er sehen, wie der Zwerg einen alten, gebrechlichen Mann führt.

´Mann...du siehst aber finster aus.´, denkt sich Anman beim genaueren Anblick des Mannes.

Anmans Augen schwenken wieder zu Fiana, deren Profil er neben sich sehen kann. Ein Lächeln legt sich auf sein Gesicht, dann, nachdem sein Blick über die Menschen am Kai streift, richtet er seine Augen wieder nach vorne.

"Sagt, werte Fiana, wie viele Reisen als Erste Offizierin habt Ihr denn schon hinter Euch ?", fragt er die Frau an seiner Seite."Und wie seid Ihr zur Seefahrt gekommen ?"



Erfreut bemerkt Fiana, daß Anman derweil zu ihr aufgeschlossen hat und wieder ein Gespräch sucht.

"Ich bin erste Offizierin seid ich auf der NORDSTERN angeheuert habe, das ist jetzt schon etwas her, da die NORDSTERN aber eher längere Fahrten unternimmt, sind es noch nicht so schrecklich viele Fahrten. Wie ich zur See gekommen bin, tja, als Kind nahm mich mein Vater einmal mit und zeigte mir das Schiff auf dem er fuhr. Von da an ließ mich die Begeisterung nicht mehr los und ich habe ich jede freie Minute im Hafen verbracht, um die majestätischen Schiffe zu beobachten oder mir beim Be- und Entladen ein paar Heller zu verdienen. Für mich stand schnell fest, daß ich zur See wollte, die unendliche Weite des EFFerdreiches, die vielen Menschen, Länder und Schiffe - all das fasziniert mich. Ich meine wie vielen Menschen ist es schon vergönnt, so viel vom Kontinent zu sehen? Ich begann wie wohl jede die zur See will mit einem Posten als Schiffsmädchen, dann später wurde ich Matrosin. Ich wechselte die Schiffe oft, immer wenn sich eine Aufstiegsmöglichkeit oder eine interessante Fahrt anbot versuchte ich die Gelegenheit zu nutzen. So wurde ich Bootsfrau und Offizierin. Erst jetzt auf der NORDSTERN bin ich bereits länger und habe auch vor noch eine Weile hier zu bleiben. Denn solch lange Fahrten sind selten und ich will viel von Dere sehen."

All dies erzählt sie in gemütlichem Plauderton, während sie Ihren Blick ab und an zwischen Anman und Jarun, der wohl einen Bekannten getroffen hat, wechselt.



Anman kommt nun auch neben Jarun, dem Zwergen Alberik und dem tattrigen Greis zu stehen. Die letzten Worte des alten Mannes vernimmt, doch ist er mit seinen Gedanken viel zu weit weg, um ernsthaft Anteil an dieser Geschichte zu nehmen.

Das Wagnis der Reise, nun noch vergrößert durch die augenscheinliche Gefahr von Piratenüberfällen in dieser Region, die überhastete Abfahrt, fast Flucht, die ihn nach Salzerhaven führte, das finanzielle Risiko und nun auch noch die Anwesenheit dieser Frau, all diese Gedanken beschäftigen Anman gerade mehr als die Geschichte eines fremden, alten Mannes, dem das Leben auch schon seine schlechten Seiten gezeigt hatte. Nur mit einem Ohr verfolgt Anman das Gespräch und steht auch nicht direkt im Kreise der Erzählenden, sondern einen Schritt seitlich hinter Jarun.

Anmans Augen wandern umher, nehmen die Bilder des Hafens auf, die Menschen am Kai und das Licht des Sterne und Fackeln. Ab und zu läßt er seinen Blick auf dem Antlitz Fianas verweilen, doch nie zu lange.



Während Anman gedankenversunken die Umgebung betrachtet, und mit einem Ohr dem Gespräch des alten Mannes mit Jarun lauscht, und der Zwerg Alberik sich offensichtlich über irgendwas ärgert, wahrscheinlich, so denkt Anman, über das fehlende Bier, antwortet Fiana und erzählt von ihrer Jugend und wie sie auf das Schiff kam. Eingefangen von ihrer klaren Stimme, hört Anman ihr zu und betrachtet sie dabei.

"Interessant.", bekundet er anschließend laut und lächelt dabei.

"Nun sagt, werte Erste Offizierin.", fährt er mit einem Lächeln fort, "Und wann werdet Ihr Euer eigenes Schiff führen ?"

Die beiden stehen immer noch etwas abseits der Gruppe, ein, zwei Schritt hinter Jarun. Anman schaut ab und zu herüber zu Jarun und dem Zwerg, aber seine volle Aufmerksamkeit widmet er nun der Ersten Offizierin. Auch alle seine lüsternen Gedanken weilen bei dieser Frau.



Freundlich Anmans Lächeln erwidernd sagt Fiana:

"Nun, wer weiß schon, was die Zukunft bringt, ich denke das wird noch ein wenig dauern bis ich ein eigenes Schiff habe, zumal davor noch eine Prüfung steht"



Mit Freude empfängt Anman Fiana´s Lächeln.

"Nun, Ihr werdet es doch wenigstens versuchen, diese Prüfung zu meistern ?",

hakt Anman nach. Er hebt eine Hand etwas höher und weist der Ersten Offizierin zuvorkommend den Weg, eine leichte Verbeugung andeutend. Jarun und der Zwerg haben ihren Weg fortgesetzt, und auch Anman will nun langsam seinen Durst stillen und ihnen folgen.

´Außerdem, mein Täubchen, wollen wir uns ja betrinken, nicht ?´, kommt ihm ein Gedanke, und sein Lächeln gewinnt an Breite.

"Wieviel kostet ein Schiff denn so ?", fragt Anman weiter, "Oder wartet Ihr auf eine günstige Gelegenheit......."

Er schaut über seine Schulter auf die ZYKLOPENAUGE. Seine Augen bleiben kurz auf dem Schiff haften, untersuchen die Schäden an Rumpf und Takelage.

´Geht doch fast noch.´, denkt er sich, wohl wissend, letztendlich doch wenig Ahnung von Schiffen zu haben.

"So wie zum Beispiel dieses Wrack da....", sein Finger zeigt hinüber zur ZYKLOPENAUGE,"Das kann man doch billig kaufen und etwas reparieren, oder ?"



Während Anman auf die Antwort der Ersten Offizierin wartet, schreitet er langsam aus. Jarun und der Zwerg Alberik eilen wieder voraus, und auch Anman möchte nun langsam den Hafen verlassen und in eine der örtlichen Kaschemmen einziehen, um ein oder zwei Bier und Wein seine vertrocknete Kehle hinunter schütten zu dürfen.

Die Nacht senkt sich langsam herab auf die Hafenstadt, trotzdem weicht die Wärme des Tages nur langsam einem kühlen Wind. Punkt auf Punkt gesellt sich zu den glitzernden Sternen am Himmelsrund, und auch das milchige Band der Milchstraße ist nun schon sichtbar. Anmans Augen gleiten über die nächtliche Szene, aber hier hinten am Kai stehen nur noch vereinzelt Menschen aus der Stadt.

´Warum ist Jarun denn nicht vor diese Menschenmenge getreten und hat sich zu erkennen gegeben ?´, fragt sich Anman, aber entscheidet sich mit einem Achselzucken, nicht weiter darüber nachzudenken.

Wieder einmal suchen seine Augen die Erste Offizierin. Für einen kurzen Moment erschrickt Anman, da er sie nicht sofort neben sich finden kann und er befürchtet fast , sie sei eventuell ins Hafenbecken gefallen. Über die Schultern gleitet sein Blick, und da steht sie dann auch drei Schritt hinter ihm. Dort, wo die beiden miteinander gesprochen haben, als Jarun dem Greis die Hände drückte und mit dem Zwergen weiter schritt.

"Oh, verzeiht.", stammelt Anman. Sich halb umdrehend, wartet er, bis Fiana zu ihm aufgeschlossen hat. Seine Augen mustern eingehend die Figur der Ersten Offizierin, halb in der Annahme, daß sein visueller Wissensdrang im Dunkel der fehlenden Kaibeleuchtung unerkannt bleibt.

"Wem gehört denn so ein Schiff ? Gab es Überlebende, die Ansprüche haben ?", fragt er weiter.



NORDSTERN - Mannschaftsraum: Raschid geht zur Ruh'


Trotz der späten Stunde ist noch reges Treiben auf der NORDSTERN. Die schwere Arbeit des Tages macht sich langsam bemerkbar. Wenn Raschid nicht von der Reling in das Hafenbecken von Salza stürzten möchte, so sollte er sich lieber in seine Koje begeben.

Mit müden Glieder stößt er sich von der Reling ab und geht den Niedergang zu den Mannschaftsquartieren hinunter. Schon leicht in Halbschlaf träumt er von seiner Geliebten und schmeißt sich in seine Koje.

Schnell umschließen ihn BORon's Arme und ein tiefes Schnarchen ist bald aus seiner Richtung zu hören.



NORDSTERN - Bilge: Meergrün's neue Heimat


Meergrün geht den Großmast hoch und bleibt auf der Aussichtsplatte stehen. Dabei kümmert er sich nicht um das Hin und Her der Menschen und des Zwerges, denn er ist tief in Gedanken und auf die Bewältigung seiner nächsten Aufgabe vorbereitet.

Wenn die Segel so was wie die Muskeln des Schiffes sind, dann sind die Taue seine Sehnen. Da ist es natürlich besonders wichtig, auf sie zu achten. Soviel ist Meergrün auch klar. Aber was meint dann:


geschmeidig stramm das tauwerk

im block kein faden lose


Es war schon schwierig genug, sich den Vers in Gedächtnis zu rufen. Aber was bedeuten die Worte genau? Langsam fühlt sich der Klabauter etwas gelangweilt, insbesondere, wenn er daran denkt, daß noch fünf weitere Prüfkriterien folgen.

Meergrün steckt die Hände in zwei Schlitze seines Kaputzenmantels und starrt auf das Deck herunter. Es war ein langer Tag, viel Aufregung und schwere Entscheidungen. Jetzt liegt die Nordstern ruhig im Wasser und an der Mastspitze kann man das typisch-leichte Schaukeln eines Schiffes im Hafen fühlen.

Er sammelt etwas Spucke im Mund und läßt sie langsam herunter tropfen. Der Tropfen kreist leicht und wird etwas zur Seite abgetrieben, bevor er viele, viele Koboldslängen weiter unten auf das Deckt platscht.

Die Mastspitze ist eigentlich ein Lieblingsplatz Meergrüns. Auf der Karina, dem Heim seiner Mutter, zumindest. Dort hat er Ewigkeiten auf dem Mast verbracht und den Seeleuten bei der Arbeit zugesehen. Doch jetzt ist auf dem Schiff nichts los und Meergrün hat keine Lust in der frischen Abendbrise lange herumzustehen.

Also spaziert er auf das Seil, das Groß- und Fockmast miteinander verbindet. Das Seil ist recht straff zwischen den beiden gespannt, denn es ist Teil der Konstruktion, die die Masten stabilisiert. Dabei kommt dem kleinen Mann ein Gedanke.


Diies wäre das

eiin strammes tau


doch iist es dann

geschmeiidiig auch


iist das so wiie

locker und fest


Am tiefsten Punkt des Taues angekommen beginnt Meergrün auf und abzuspringen. Am Anfang macht das kleine Gewicht des Klabauters kaum etwas aus, und das Seil fängt nur leicht zu zittern an. Doch dann springt er immer genau im Rhythmus wieder auf das Seil und es schwingt immer stärker, auf und ab, die Masten zusammen und wieder auseinander, Meergrün hoch und runter.


Hey das macht spass

so muss es seiin


ganz fest und doch

geschmeiidiig freii


Zum Abschluß läßt er sich am Seil vorbei fallen, greift es mit den Händen, die er dazu aus den Manteltaschen nimmt, und wird hoch in die Luft geschleudert. Mit so ganz rechten Dingen kann das nicht zugehen, denn er hat noch Zeit für zwei Überschläge, bevor er wieder sicher auf dem ausschwingenden Seil landet.

Jetzt fehlt nur noch ein Block. Meergrün hat schon einen erspäht, keine drei Meter unter dem Fockmast. Also läuft er schnell dahin, springt die drei Meter herunter und landet auf dem Block, den er ungeduldig mit ein paar Fußtritten prüft.


kein faden lose

das hat sein recht


auf geht es jetzt

zum nächsten streich



Mit glitzernden Augen (wenn man sie denn sehen könnte) steht Meergrün auf dem Brückendeck und bewundert das Steuerrad.


wow welch ein glück

eiin steuerrad


Das ist auf den Schiffen dieser Grösse bei weitem nicht selbstverständlich, zumal in den nördlichen Breiten des Meeres der sieben Winde. Und das hat sich der Klabauter schon immer gewünscht, ein echtes Steuerrad.


das ruder muß kraft haben

fest halten den graden kurs


Mit Ehrfurcht nähert sich Meergrün dem Rad. Der niedrigste Griff ist grade in Kopfhöhe und Meergrün streckt vorsichtig eine Hand aus, um das Holz zu berühren. Es macht einen guten Eindruck.

Mutiger umschließt er den Griff mit beiden Händen und drückt kräftig nach links. Zuerst gibt das Rad ganz leicht nach, aber nach wenigen Fingern wird der Widerstand sehr groß und er läßt das Rad lieber schnell los, um nichts kaputt zu machen.

Erst muß er die Seeleute mal beim Steuern beobachten, bevor er sich mehr traut. Aber eines Tages wird ... er im Sturm an dem Ruder stehen und während der Wind die Segel peitscht mit aller Kraft den Kurs halten, um das Schiff sicher in den nächsten Hafen zu führen.


toll das schiiff hat

eiin steuerrad



Meergrün tastet sich vorsichtig voran. Zwar kann der Klabauter in der Dunkelheit sehen, aber die Bilge ist mit einer Dunkelheit gefüllt, die mehr ist als die Abwesenheit von Licht.

Matrosen gehen normalerweise nur sehr ungern hier herunter, selbst mit einer Laterne. Der Raum ist groß und niedrig, bis zur halben Höhe mit kopfgroßen Steinen aus Riva gefüllt, die jedoch nur teilweise aus dem Wasser ragen. Es riecht muffig und die Ratten sind hier in der Mehrheit.

Wenn, dann sind hier unangenehme Arbeiten auszuführen, wie Wasser pumpen oder Ballast umladen. Knochenarbeit, die dem aufgebürdet wird, auf den die Offiziere ein Auge geworfen haben. Es wäre nicht notwendig die Bilge abzuschließen, freiwillig geht hier keiner rein.

In der Bilge ist es immer unheimlich. Es ist wesentlich ruhiger als sonst auf dem Schiff. Das Klatschen der Wellen und das Streichen des Windes in den Segeln sind hier unten nicht zu hören. Statt dessen gibt es ein leises Tropfen von Wasser oder, wenn das Schiff von den Wellen hin- und her geworfen wird, ein Gurgeln und Gluckern und bei extremen Seegang selten ein Poltern, wenn ein Stein nicht so sauber gelegen hat.

Man spürt den Druck des Wassers auf den Schiffsrumpf und auch sonst wird ein Gast in diesem Raum immer daran erinnert, daß man sich in einer kleinen Holzschüssel befindet, die in einem riesigen Ozean treibt. All das Wasser, das durch die Ritzen und an dem Pech vorbei in das Schiff dringt, sammelt sich tief unten, in der Bilge zu einem kalten und dunklen See.

Auch Meergrün ist nicht gerne an diesem gruseligen Ort. Zwar braucht er sich nicht zu bücken, dafür sind die Ratten nicht viel kleiner als er. Aber das sind nicht die, die er im Moment fürchtet. Während nicht wenige Seefahrer schon einen Klabauter als unheimliches Wesen beschreiben würden, erzählen sich die Klabauter untereinander von wirklich unheimlichen Wesen, die in den tiefen Bäuchen der Schiffe leben.

Unerkannt von den Menschen hausen in mancher Bilge ekelhaft glitschige Schleimmonster, Spinnen, mit Augen so groß wie Untertassen und Seeschlangen, die so lang sind, daß sie sich hier nicht ganz ausstrecken und die einen Klabauter mit einem Bissen verschlingen könnte.

Doch Meergrün hat hier das Schiff einer wichtigen, ja geradezu der wichtigsten, Prüfung zu unterziehen. Deshalb schleicht er jetzt von Stein zu Stein, schaut sich hastig um, bleibt ab und zu stehen, um in die Dunkelheit hinein zu lauschen.


der kiel faßt verliebt den mast

nah schlägt das herz laut und klar


Glücklicherweise ist das Ziel seiner Suche nicht weit entfernt. Er erreicht unbehelligt die Stelle, an der der Großmast in den Schiffskiel eingesetzt ist. Dies, sagen die Schiffsbauer, ist die schwierigste Arbeit am ganzen Werk. Hier entscheidet sich, wie gut das Schiff als ganzes wird.

Und mehr noch, denn die Klabauter wissen, daß hier noch etwas anderes verborgen liegt. Das Herz. Der lebendige Kern des Schiffes. An dieser Stelle, dicht unter dem Holz, ja in dem Holz selbst, ist es enthalten und kann Auskunft geben, sein Wesen verraten, wenn man zuzuhören weiß. Meergrün legt eine Hand an den Mast und eine auf den Kiel und lauscht in das Holz hinein.

Ein Schiff ist nicht einfach ein Schiff, etwa nur ein Ding. Es mag für den Unkundigen von außen so aussehen. Aber jeder, der schon mal das Ruder verschiedener Schiffe in der Hand hatte, weiß, daß es gemütliche und heimtückische gibt; es gibt drängende und zurückhaltende, zahme und wilde, alte und junge, störrische und solche, die fast von alleine segeln.

Meergrün schließt die Augen und hält den Kopf etwas schief. Für einen Augenblick ist sein Gesicht in tiefster Konzentration entspannt, dann huscht ein Lächeln über seine Lippen und er nickt langsam, bevor er wieder die Augen öffnet. Er streichelt noch mal langsam über das Holz bevor er vom Mast zurücktritt.



Ein wenig verloren steht Meergrün auf dem Boden des Unterdeckes und blickt zu den Schränken der Kombüse auf, die über ihm emporragen. Natürlich ist das Essen wichtig. Und auch Klabauter leben nicht nur von Luft und Magie.


ohne brot gehts nicht gut

leerer mund fährt nur zur not


Es ist nur so, daß er sich noch nie so viele Gedanken über dessen Zubereitung gemacht hat. Klabauter brauchen nicht so viel und meist liegt ein genügend großer Leckerbissen in der Kombüse rum. Aber woraus die Leckereien hergestellt werden? Keine Ahnung. Meergrün gehört eben eher zu den Essern und weniger zu den Kochern.


was biin iich dumm

iich weiiss doch niix


wiie konnt' iich nur

leben biisher


doch halt moment

jetzt fällt's miir eiin


Meergrün schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn.


backt man niicht brot

aus mehl alleiin


eiin weniig mehl

das such iich miir


Das Öffnen der Schränke ist für einen nur einen Spann kleines Wesen schon ein akrobatisches Kunststück. Doch der Klabauter ist darin geübt, an Stellen zu gelangen, die eigentlich durch Türen verschlossen sind. Und wenn es schwierig wird, dann nimmt er eben ein paar Tricks zuhilfe.

Im ersten Schrank befinden sich nur Teller und Becher. Auch im zweiten hat er nicht viel mehr Glück, es sind meist Tücher oder Töpfe. Im dritten Schrank sind lauter irdene Töpfe aneinander gestellt, was schon vielversprechender ist.

Dort angelangt, öffnet er als erstes einen relativ kleinen Topf. Der Klabauter kann über den Rand grade noch hineingreifen und nimmt einen der kleinen, farblosen Kristalle daraus vor und leckt vorsichtig daran.


iiiihg das kenn iich

salziiges salz


Da er ein ordentlicher Klabauter ist, legt der das Salzkorn wieder an seinen Platz zurück und wendet sich dem nächsten noch kleinerem Steinguttopf zu. Hier sind wieder Kristalle drin, diese sind jedoch vor braunen Schlieren durchzogen und dem kleinen Mann sehr vertraut. Meergrün langt nach dem größten und steckt sich ihn in den Mund. Zucker! Grade ist die NORDSTERN wieder ein ganzes Stück in Meergrüns Ansehen gewachsen.

Der dritte Topf ist etwa genausogroß wie der zweite und fest verschlossen. Nach dem sich Meergrün mit dem Korken abgemüht hat, blickt er auf ein unattraktives schwarz-graues Pulver, das ihm zunächst unbekannt ist.

Vorsichtig nimmt Meergrün eine Handvoll und schnuppert daran. Pfeffer! doch, zu spät. Meergrün kann grade noch das Schlimmste verhindern, sich weg drehen und den mächtigen Nieser etwas dämpfen.


Ha Ha Ha Ha

Tschii_ii_ii_ii


Auch so ist in der nächtlichen Stille das Geräusch unheimlich laut. Meergrün bleibt ganz still und lauscht, doch offenbar hat ihn niemand gehört.

Der vierte Topf ist größer als Meergrün, der sich sehr anstrengen muß, um den Deckel abzunehmen. Und dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als ganz in den Topf zu steigen, um raus zu finden, was drinnen ist. Es ist ein weißes Pulver, sehr fein gemahlen und riecht nach fast nichts. Meergrün scheint sehr zufrieden. Er springt ein paarmal auf und ab, um die Festigkeit zu prüfen, aber das Pulver scheint sehr trocken zu sein und Meergrün sinkt bis über die Knöchel ein.


wenn das niicht iist

mehl dann sonst niichts


Meergrün will sich schon wieder abwenden, als es plötzlich beginnt in seiner Nase zu jucken. Erst ganz vorne und nur ein wenig, steigt es langsam immer höher, immer höher, bis es bei den Augen angekommen ist und diese Tränen macht. Und es wird auch immer schlimmer, zuerst nur ein so sanftes Kitzeln wie von einer Kükenfeder, wird es über den Nasenrücken immer stärker, eine Taubenfeder, ein Gänsekiel, eine ganze Adlerschwinge reibt schließlich an der Nase des armen Klabauters entlang, ohne daß der sich wehren kann.


Ha Ha Ha Ha

Tschii_ii_ii_ii


Das Mehl nimmt diese Aufforderung gerne entgegen und erhebt sich, so daß auch der nachtsichtige Meergrün in den nächsten Sekunden nur ein weißes Schneetreiben zu sehen bekommt. Als er dann wieder aus dem Topf heraus klettert ist das Bord von einer weißen Schicht bedeckt, so wie es auch ein Schneesturm mit den Häusern und Feldern tun würde.


solch eiin chaos

das iist niicht nett


denn der smutje

soll kochen gehn


und niicht putzen

meiin mehlgeschiick


Also macht sich Meergrün daran, einen Löffel zu holen und das Mehl zusammenzukratzen. Glücklicherweise findet sich dann in einer Schublade noch ein Pinsel und Meergrün kann den Rest vom Mehl, das sich nicht aufzukratzen lohnt, vom Bord herunter fegen.

Eine kleine Schwierigkeit ist das Mehl, daß sich in den anderen offenen Topfen abgesetzt hat. Aber nach einem Moment des Nachdenkens entscheidet sich der Klabauter dafür, einfach den jeweils obersten Halbfinger von Pfeffer, Salz und Zucker abzukratzen und mit in den Mehltopf zu geben. Dann fällt auch kaum auf, daß etwas Mehl fehlt. Und wenn man dann noch eine Mehlschicht darüber breitet, ist es, als wäre nichts passiert.

Nach etwa einer Viertelstunde harter Arbeit blick Meergrün zufrieden auf eine (fast) saubere Kombüse (wenn man mal vom Mehl auf dem Boden absieht).



Die Nacht hat jetzt so richtig feste angefangen. Der Himmel ist dunkel und die Schiffe im Hafen werden nur von den Lichtern der Menschen beleuchtet. Meergrün ist wieder an Deck. Er hat sich im Schneidersitz auf die Backbordreling des Brückendecks gesetzt und beobachtet den Mann, der an der vorderen Reling steht.

Der ist etwa zehnmal so groß wie der Klabauter, wirkt aber trotzdem recht dünn. Er ist im besten Alter, für einen Menschen natürlich, ein Klabauter dürfte grade mal aus den Windeln raus sein. Naja, fast.

Der Mann scheint nachzudenken, was ja schon mal ein nicht so schlechter Anfang ist. Zumindest rennt er nicht hektisch hin und her, oder trinkt, oder gibt sinnlose Befehle. Oder schläft im Stehen, was nicht so gut wäre.


der kapitän ist aller haupt

ein kluges und ein weises


Klugheit hat ja was mit Denken zu tun. Meergrün hat auch beobachtet, daß kluge Menschen oft mit dem Zeigefinger in der Luft wedeln, wenn sie reden, das wäre ein Anhaltspunkt, aber offenbar will dieser nicht reden, zumindest nicht mit sich selbst.

Diese Probe scheint wirklich etwas schwieriger zu sein. Es würde sich wohl kaum schicken, auf den Kapitän zu zu treten und so was zu sagen wie


meergrün biin iich

eiin schiiff such iich


der kap'tän seiin

sollte klug seiin


da denk iich miir

mach doch miit miir


eiin rätselspiiel

eiin denkkraftspiiel


Mit den Kapitänen ist es sowieso immer ein Problem. Immer glauben sie an Bord das Sagen zu haben. Alles soll nach ihrer Pfeife tanzen. Backbord! Steuerbord! Segel reffen! Das kann einem Klabauter den Tag ziemlich versauen, wenn er grade das Schiff zur Ruhe gebracht hat und der Kapitän mit einem gedankenlos gebrüllten Befehl mal wieder alles ins Chaos stürzt. Was glauben die denn, daß das Schiff zu ihrem Privatvergnügen da ist?

Vielleicht wäre ja ein kleiner Streich der rechte Test. Weisheit und Humor liegen ja nicht ganz so weit auseinander. Aber andererseits, jetzt guckt ja keiner zu, und dann macht Meergrün die Trickserei auch keinen Spaß.

Am besten ist man froh, daß der Kapitän nicht betrunken ist und ihm auch nicht der Sabber über das Kinn läuft.


mutter sagt ja

miit all den tests


seii niicht so streng

das beste schiiff


das giibt's eh niicht

folgst du der giier


dann bleiibst du bald

ganz ohne kahn


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eiins zweii dreii viier

und liinks her-um


zweii und viier und

sechs und eiinhalb


hiier iist platz da

und stiill iists auch


Meergrün bleibt in der Mitte seiner möglicherweise zukünftigen Wohnstätte stehen und blickt sich um.


zu aller letzt suche dir

ein stillen platz für ein heim


Natürlich gehört zu einem Klabauterheim mehr als nur eine Kiste. Im Grunde werden die wahren Wände durch Magie errichtet, die es den anderen Lebewesen auf dem Schiff recht schwierig macht, den Türklopfer zu Meergrüns Haus zu finden.

Auf manchen älteren Schiffen sollen die Klabauter sogar ganze Teile des Laderaumes in ein Labyrinth verwandelt haben, in dem sich neue Matrosen verirren können und auch schon mal eine Ladung verloren geht.

Meergrün hält das für übertrieben, aber so ein wenig Sicherheit und Ruhe ist durchaus notwendig. Er wird es aber garnicht erst dazu kommen lassen, daß auf seinem Schiff Hektik ausbricht. Und ebenso ist es eine Frage der Ehre für einen Klabauter wie Meergrün, daß sein Schiff sicher durch die Meere Deres segelt.

Er hat es selbst noch nicht gemerkt, aber ganz ohne einen bewußten Gedanken steht für Meergrün fest: die Nordstern ist sein neues Heim.

Meergrün setzt sich auf das Deck und kramt eine Pfeife aus seinem Kapuzenmantel hervor. Der Tabak ist ein wenig feucht geworden, aber der Magie eines Klabauters kann keine Nässe lange widerstehen.

Bald steigt Rauch aus ihrem Kopf auf, dünne Fäden zunächst, ein ganzes Bündel, die sich jedoch nicht auflösen, sondern durch diese Ecke des Laderaumes treiben, sich vielfach umeinander drehen, sich winden, zusammen- und wieder auseinanderfließen, dabei immer feiner werden, hauchdünn, geradezu unsichtbar und dabei eine diffuse Undurchsichtigkeit verbreiten, wie bei einem Schleier, ein Nicht-Sehen, ohne daß man das Gefühl hätte, es gäbe etwas, was hier verborgen werden soll.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Das Schiff wird verlassen


Der zweite Offizier der NORDSTERN verfolgt das Gespräch zwischen dem Hafenbeamten, dem Überlebenden und dem Wachmann sehr aufmerksam. Seine Aufgabe hier an Bord scheint damit, daß der Hafenbeamte das Schiff nun quasi "übernommen" hat, erledigt zu sein, insbesondere ist nun dafür gesorgt, daß jemand darüber zu befinden hat, dem es alles andere als gleichgültig ist, ob das Wrack an dieser Stelle versinkt oder nicht.

Er tritt noch einen Schritt näher heran, und spricht Cephiro dann an.

"Verzeiht, Herr, ist meine Anwesenheit als Offizier der NORDSTERN und derjenige, der das Schiff in diesen Hafen gesteuert hat, noch erforderlich? Auf der NORDSTERN wartet nämlich noch eine Menge Arbeit auf mich, und ich denke, Ihr werdet schon dafür sorgen, daß dieses Wrack nicht genau hier absäuft."

Das mit der Arbeit ist nicht einmal gelogen, denn schließlich muß dem Kapitän eine Menge berichtet werden, und dann wartet noch etwas anderes - nämlich die Koje, die nun schon so lange unbenutzt ist, nachdem ALRIK ihn kurz nach dem Einschlafen wieder geweckt hat. Und zwei Dienste hintereinander, vor allem in so einer Situation, das belastet doch erheblich.



Während Cephiro auf die Antwort des Überlebenden wartet, wendet sich der Offizier der NORDSTERN an ihn...

'....dann besprechen wir alles im Hafenamt und dann sehn wir weiter...' denkt Cephiro, der in Gedanken noch mit der Planung der weiteren Vorgehensweise beschäftigt ist, als der Offizier ihn anspricht.

'Wie? Was?... Gehen?...Ach so! Ob er hier noch gebraucht wird, fragt er...hm eigentlich nicht..... eigentlich ist es sogar besser, wenn er weg ist...' denkt er bei sich.

"Nein, wenn ihr wieder auf Euer Schiff gehen wollt, dann geht nur. Ich denke hier ist alles so weit im Griff. Ich werde mich schon darum kümmern, daß das Wrack HIER nicht absäuft, das könnt ihr mir glauben. Tut Ihr nur ruhig Eure Pflicht. Hier gibt es im Moment eh nichts zu tun, während die Boroni ihre Arbeit machen und um den Rest kümmere ich mich dann zusammen mit dem 'neuen' Besitzer des Schiffes" meint er zu Lowanger, nickt diesem noch verabschiedend zu:

"Gehabt Euch wohl!"

Dann wendet er sich wieder Phaylion zu.

" Gut, wenn ihr bereit seid, dann laßt uns gehen."

Mit diesen Worten setzt Cephiro sich in Bewegung und geht auf die Planke zu. Dort angekommen dreht er sich kurz um und vergewissert sich, ob Phaylion ihm auch wirklich folgt.



Phaylion nickt dem Offizier zum Abschied noch zu.

"Vielleicht sehen wir uns am Morgen noch einmal, Herr Lowanger. Jedenfalls noch einmal meinen Dank, auch an den Capitan, Ihr habt mir sehr geholfen."

Des Cyclopäers Blick schweift noch einmal über das Deck, scheint sich alles fest einzuprägen. Bald ist die Arbeit auch hier getan, was dann mit dem Schiff geschieht, ist zumindest ihm völlig egal, soll es hier sinken oder an anderer Stelle. Und wenn noch weitere Menschen sterben müssen, es gibt wichtigeres ...

Abrupt schwenkt er herum und folgt dem Hafenbeamten hin zu dessen Amt.



Der Blick nach hinten zeigt Cephiro, daß Phaylion ihm folgt.

'Gut, dann können wir gleich ungestört reden...'

Er dreht sich um und geht weiter auf die Planke zu. Dort wendet er sich nochmals dem Wachmann zu:

" Du weißt, was Du zu tun hast?!"

Der Wachmann nickt bestätigend.

"Gut, wir sehn uns später..."

Dann setzt er seinen Weg fort, über die Planke und durch die Menschenmenge zum Hafenamt. Der Weg durch die Menge ist diesmal allerdings etwas schwieriger, da ja kein Wachmann für ihn den Weg frei macht.

Am Hafenamt angekommen öffnet er die Tür und bittet Phaylion mit einer einladenden Geste einzutreten.

"Nach Euch." meint er leise zu Phaylion und läßt ihm den Vortritt.



"EFFerd sei mit Euch", erwidert Lowanger dem Gesandten des Seegrafen, "ich werde Euren Dank ausrichten, und Ihr seid morgen natürlich willkommen auf der NORDSTERN."

Er geht langsam einen Schritt zur Seite, um das Deck der ZYKLOPENAUGE noch einmal zu mustern, jenes Deck, auf dem vor gar nicht so langer Zeit solch entsetzliches Unrecht stattgefunden hat, und auf dem die Boroni nun fleißig bei der Arbeit sind, das Deck, das er selbst vor gar nicht einmal so langer Zeit auf hoher See vom Beiboot aus betreten hat, und das er nun wohl für immer verläßt, denn dieses Schiff wird sicher nie wieder fahren, und, selbst wenn: Die Wahrscheinlichkeit, daß er, Lowanger, ihm noch einmal begegnen würde, ist einfach verschwindend gering.

Langsam, und immer noch in Gedanken versunken, verläßt Lowanger schließlich die ZYKLOPENAUGE und geht auf dem hölzernen Anleger die wenigen Schritte entgegen der Fahrtrichtung des wracken Schiffes, bis er neben der NORDSTERN steht. Wie jedes Mal, wenn er nach längerer oder kürzerer Abwesenheit wieder auf dieses Schiff "heimkehrt", läßt er auch dieses Mal seine Blicke über die Linien des Rumpfes gleiten, verfolgt das Tauwerk der Wanten, und verharrt kurz bei den Spitzen der beiden Masten, die sich stolz in den schon recht dunklen Himmel über Salzerhaven recken.

Schließlich gibt es sich einen Ruck, und überquert die Planke, die ihn auf das Oberdeck führt. Ein rascher Blick verrät, daß der Kapitän gerade beschäftigt ist, und so bleibt der zweite Offizier neben dem Heckaufbau stehen, und wartet einfach.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Jergan und Hesindian


Der Heiler hat seinen ehrlich verdienten Lohn erhalten, und ist nun wieder auf dem Weg in den ebenso ehrlich verdienten Feierabend - etwas, das Jergan auch ganz gerne tun würde, doch es ist abzusehen, daß das so bald nichts wird. Zum einen ist gerade der zweite Offizier auf das Schiff zurück gekommen, und zum anderen ist der Fahrgast, der gerade erst vor kurzem auf das Schiff gekommen ist, nun wieder auf der Brücke und sucht offenbar jemanden.

Er sieht Lowanger die Müdigkeit direkt an, aber er ist sich auch sicher, daß das Gespräch mit dem zweiten Offizier nachher schnell gehen wird - nicht nur wegen dieser Müdigkeit, sondern auch deswegen, weil Lowanger einfach kein Freund von vielen unnötigen Worten ist.

Da Fahrgäste Vorrang haben, es sei denn, es handelt sich um einen seefahrerischen Notfall, wendet sich der Kapitän aber dennoch zuerst diesem zu:

"Kann ich Euch helfen?"



Hesindian tritt mit erfreuten Lächeln auf den Mann mit der Kapitänsmütze zu, der seine Frage nach dem Kapitän beantwortet hat.

"Wir sind uns noch nicht vorgestellt worden, mein Name ist Hesindian, Diener der Bewahrererin des Wissens, der Göttin HESinde."

Aufmerksam mustert er sein Gegenüber.

"Willkommen an Bord der NORDSTERN. Ich bin Jergan Efferdstreu, Kapitän dieser Karavelle. Ihr habt mich also gefunden - womit kann ich Euch helfen?"

Sein Blick ruht dabei auf dem jungen Geweihten, der, soweit er sich erinnern kann, von Ottam hier an Bord begrüßt worden war.

"Es geht um Euren Schiffsjungen, der bei seinem Zusammentreffen mit mir ein inakzeptables Maß an Unwissenheit von den schönen Künsten offenbarte."

Damit meint der Geweihte natürlich dessen Kenntnisstand von der Mathematik - besonders die elementaren Grundbegriffe der Logik ging dem Jungen vollkommen ab - und seine mangelhaften Schriftkenntnisse.

"Als lebenserfahrenem Mann von Welt ist Euch der Wert einer umfassenden Allgemeinbildung natürlich bekannt. Da die Göttin nun meinen Weg für die nächsten Wochen mit dem dieses unschuldigen, unbedarften Jungen verknüpft hat, will ich meine hesindegefällige Pflicht wahrnehmen und seine diesbezügliche Ausbildung mit Freude übernehmen. Wenn Ihr nichts dagegen habt." setzt er schnell hinzu.

"Äh..."

Bei der Erwähnung ALRIKs zuckt dem Kapitän zuerst der Gedanke durch den Kopf, was der Junge da wohl ausgefressen hat, doch der Redeschwall des Geweihten geht sogleich weiter, so daß der Kapitän langsam ein Bild von dem Anliegen des Anderen bekommt - ein Anliegen, das er so wohl NIEMALS erraten hätte.

Schließlich, nach einer deutlich spürbaren Pause, faßt er sich wieder, und erwidert:

"Also... ich gebe Euch natürlich recht, was die HESindegefällige Bildung betrifft, keine Frage, aber wißt IHR denn, was die Aufgaben eines Schiffsjungen hier an Bord dieser Karavelle sind?"

Insgeheim ist Jergan dabei froh über die relativ fortgeschrittene Dunkelheit, die seinen verblüfften Gesichtsausdruck wohl recht gut tarnt - hofft er zumindest.

Hesindian überlegt einen Moment, doch nach einigen Augenblicken ist er sich sicher, daß in den langwierigen Lehrstunden seiner Mentoren die Aufgabengebiete eines Schiffsjungen zwischen Calculus und historischen Berichten Heiliger Männer (und Frauen) HESinde's und der anderen Zwölfe nicht besprochen worden sind.

"Er unterstützt den Schiffskoch bei seinen Aufgaben. Führt Hilfsdienste aus?" improvisiert er zaghaft.

Jergan grinst kurz, was die Dunkelheit aber weitgehend verschluckt.

"Ja, das stimmt, das ist ein kleiner Teil seiner Aufgaben. Darüber hinaus hat er noch viele weitere, die letztendlich dazu führen, daß aus ihm ein guter Seemann wird, der all das weiß, was man wissen muß, um auf See bestehen zu können. Er lernt, wie man Knoten knüpft, wie man das Schiff instand hält, wie man das Wetter interpretiert, was für Gefahren auf dem Meer drohen, und vieles, vieles andere mehr."

Der Kapitän läßt den Satz gegen Ende hin leiser werdend ausklingen, denn ihm wird gerade etwas bewußt - ein Anflug eines Gedankens, und einer Erinnerung.

Das Meer barg in der Tat eine Vielzahl an Unbekanntem und Gefahren. Der Geweihte fühlt sich an die Geschichte über die beiden Drachen erinnert, die das Schiff hinter der NORDSTERN so übel zugerichtet hatten. Trotzdem würde er eine Möglichkeit, dieses ungewöhnliche Sozialverhalten studieren zu können, sehr begrüßen.

"Der Junge mag auf dem Schiff vieles lernen, doch das, was ich ihm zu vermitteln vermag, wird er nur in den nächsten Wochen, die ich auf dem Schiff verbringe, lernen können. Knoten oder Holzhandwerk mag ich ihn nicht lehren können, oder das Kochen; aber dafür gibt es geeignetere Lehrmeister für ihn hier. Was ich ihm geben kann, ist ein Überblick über das Wissen, das die Welt bereithält, und vielleicht mag es mir gelingen, ihm dadurch die Augen für die unzähligen Wunder zu öffnen, die ewig im Verborgenen vor den unwissenden Tölpeln bleiben werden. Ich kann ihm zeigen, wie er seinen Verstand benutzt, und wie er erworbenes Wissen erfolgreich einsetzen kann."

Das würde natürlich eine bescheidene Wissensbasis voraussetzen, die der Geweihte aber sicher rasch schaffen können würde.

"Ich brauche nicht mehr als einige Stunden des Tages für den Jungen, doch bedenkt, was er dabei gewinnen mag", appelliert der Geweihte.

Kurzes Schweigen ist die erste Reaktion des Kapitäns. Das, was er da hört, ergibt durchaus Sinn. Kurz geht ihm die Frage durch den Kopf, was der Geweihte von solch einer uneigennützigen Tat denn hat, doch die Antwort darauf hat er im Grunde gleich zu Beginn schon gegeben - ein Beitrag zur Erfüllung seiner göttlichen Mission. Das ist etwas, das Jergan, der in seinem Leben schon mit vielen Geweihten der zwölf Götter zu tun hatte, versteht, und er versteht auch die Möglichkeiten, die sich dem Jungen damit bieten. Möglichkeiten, die dieser selbst jetzt ganz sicher nicht so sehen wird, aber für die er später vielleicht dankbar sein wird.

Kurz verharren die Gedanken des Kapitäns in der Vergangenheit, auf einem anderen Schiff vor unzähligen Götterläufen, auf dem ein kleiner Junge gespannt den Erklärungen eines alten Offiziers lauschte...

Fast prüfend ruht sein Blick nun auf dem jungen Geweihten - ist dieser sich klar, daß diese Herausforderung keine geringe ist? Ist er ihr gewachsen?

Noch immer schweigt der Kapitän, während seine Gedanken um das Problem und die damit verbundenen Fragen kreisen. Zumindest das letzte Problem scheint nicht so schwer zu sein, denn wenn die Diener der HESinde diesen jungen Mann in ihre Reihen aufgenommen haben, und alleine mit einer wie auch immer gearteten Mission auf die Reise schicken, dann muß er selbst auch eine Reihe von Prüfungen bestanden haben, die seine Fähigkeiten nachweisen. Wer wäre er, Jergan, dann, wenn er solches in Frage stellen würde?

Endlich, nach deutlich lange wirkendem Schweigen, redet der Kapitän wieder.

"Angenommen, ich würde zustimmen. Würde das gehen, ohne den Schiffsjungen in der Ausübung seiner Pflichten auf diesem Schiff zu behindern? Ihr müßt wissen, daß er durchaus Freizeit hat, wie jeder auf diesem Schiff hier..."

Etwas enttäuscht antwortet der Geweihte zögerlich:

"Das dürfte durchaus möglich sein. Allerdings würde eine ungestörte Ausbildung des Jungen natürlich auch gründlicher sein..."

"Nun", antwortet der Kapitän, "versteht bitte, daß ich als Kapitän in erster Linie dafür sorgen muß, daß die Angehörigen meiner Mannschaft in der Lage sind, die Arbeiten zu verrichten, die zum Betrieb dieses Schiffes nötig sind. Das hat allerhöchste Priorität an Bord."

Das muß Hesindian tatsächlich widerwillig einsehen. Schließlich hat er noch eine wichtige Botschaft nach Kuslik zu übermitteln, und das wird er nur mit der NORDSTERN rechtzeitig schaffen. Inwieweit der Schiffsjunge für den reibungslosen Betrieb immanent wichtig war, da würde er dem Urteil des Kapitäns vertrauen müssen.

"Ich werde versuchen, was in der kurzen Zeit möglich ist," gibt Hesindian schließlich bei, "Jedes Quentchen, das ich zu lehren vermag, ist dieser Mühe wert."

"Gut." Jergan spricht dieses Wort ziemlich wertneutral aus, es ist seiner Stimme nicht anzumerken, ob Hesindians Argumente ihn überzeugt haben, oder ob er die Idee eher von Anfang an positiv aufgenommen hat.

"Gut", wiederholt er dann, "ich bin einverstanden. Allerdings unter einer Bedingung."

Jergan macht eine kurze Pause eher rhetorischer Art.

"Ja?"

"Ihr könnt Alrik ausbilden, so, wie Ihr es gesagt habt, aber dies darf, wie ich gesagt habe, nur in seiner Freizeit geschehen. Wenn mir zu Ohren kommen sollte, daß Alrik dadurch seine Pflichten an Bord vernachlässigt, oder nicht in der Lage sein sollte, ihnen nachzukommen, dann werde ich dies untersagen. Einverstanden?"

Ernst blickt der Kapitän den jungen Geweihten an.

"Ihr macht es mir wahrlich nicht leicht. Aber für das intellektuelle Wohl des Jungen - Einverstanden."

Hesindians Stimme klingt trotzig und verrät etwas von dem Widerwillen, mit dem er der Bedingung Jergans begegnet, aber letztendlich bleibt ihm nichts anderes übrig.

"Dann sind wir uns ja einig, und ich wünsche Euch viel Erfolg dabei."

Zum ersten Mal in diesem Gespräch klingt die Stimme des Kapitäns deutlich wärmer.

"Ich werde mich nun zurückziehen - meine Anreise war sehr anstrengend, mir wird etwas Ruhe gut tun. Mit Alriks Unterrichtung werde ich morgen beginnen."

"Tut das. Mögen die Zwölfe Euch eine geruhsame Nacht gewähren."

"Mögen die Zwölfe Eure Träume beschützen."

Hesindian nickt dem Kapitän respektvoll zu, bevor er sich abwendet und über den Niedergang zum Oberdeck klettert, um sich von dort aus auf den Weg zu seinem Quartier zu machen.

Jergan erwidert das Nicken, und winkt dann Lowanger zu sich auf das Brückendeck hinauf.



In SALZERHAVEN - durch die Stadt: Des Herren PRAios Gesandter


Ein leichter Wind weht einen kraeftigen Hauch von Algen und Fisch - eben diesen typischen Duft von Meer und Hafen - in das Gesicht eines Reiters, der gerade die kurze Strecke von Salza nach Salzahaven hinab reitet. Vorhin, vom Balkon der "Goldenen Ranke" aus, hat er den schönen Sonnenuntergang über dem Meer betrachtet. Und obwohl er erst spät am Abend in Salza eingetroffen war - die Reisegeschwindigkeit auf das Tempo einer schweren Kutsche reduziert war doch erheblich geringer als geschätzt gewesen - trieb ihn die Neugierde, noch vor einem Nachtmahle zum Hafen hinunter zu reiten und sich nach den dort liegenden Schiffen umzusehen. Bei dem Stallburschen bekam er zwei in Pech getränkte Fackeln für den Ritt nach Salzerhaven, weniger um gut zu sehen - daß wollte er seinem Pferd überlassen - denn um schnell reiten zu können und den zahlreichen Menschen auf den Straßen die Möglichkeit zu geben, ihn zu sehen und ihm auszuweichen.

'Ich muß mich aber wohl ein klein wenig beeilen, wenn ich auf den Schiffen noch etwas erkennen möchte, schließlich wird meinen Erfahrungen nach der Mond bald durch Bewölkung verdeckt werden.'

"Hej, vorwärts, Freundchen!"

Mit diesem Ruf spornt der Reiter das Tier an, einen rotbraunen Hengst von beachtlicher Größe. Sicherheitshalber gibts gleich noch einen kräftigen Schlag mit der Hand aufs Hinterteil, was das Tier mit einem empörten Schnauben und einem Satz - und erhöhter Geschwindigkeit - quittiert , schließlich war der Schlag nicht ohne. Mit lautem Klappern nähern sich die beiden den ersten Tavernen, die nun eindeutig Salzerhaven zuzuschreiben sind. Der Übergang zwischen den beiden Städten selbst ist ein gleitender, es gibt nur einige wenige freie Abschnitte an der abwärts führenden Straße, meistens ist sie von obskuren Hüttchen, Lagerhäusern und gelegentlichen Werkstätten gesäumt, keine Gegend in der man Nachts alleine unterwegs sein sollte, jedenfalls nicht, wenn man sich seiner Haut nicht zu wehren wüßte. Ein Tavernenschild, daß mit einem mit Flossen und zwei großen Augen ausgestatteten Etwas bemalt ist, nähert sich: "Seeunke" ist mit weißer Farbe darunter gemalt, im Lichte einer Laterne gerade noch zu lesen. Auf einer Bank vor der Taverne sitzen zwei Männer:

"Praios zum Gruße, Ehrwürden!" ruft der jüngere, während der ältere der beiden einfach eine Hand hebt.

´Was wohl eine Seeunke ist? Wohl nicht besonders gefährlich... Eher durstig´ denkt der Reiter. Und zu den Männern im vorrüber reiten:

"...und mit Euch!"

Ja, seit einiger Zeit gehört er nun dem Geweihtenstand an, und wenn er auch schon immer an das gerechte Werken des Fürsten glaubte, so war er ebenfalls auch schon immer ein Mann der weltlichen Taten gewesen. Davon zeugt allein schon sein Äußeres: Das Kämpfen gewohnt und die vielen hinterlistigen Gefahren, die es in diesen unsicheren Zeiten besonders auch hier im Norden Deres hinter jeder Wegeskehre geben konnte, trägt er auch jetzt seine stählerne Brünne, an deren blank polierter Oberfläche PRAios seine schiere Freude beim Spiegeln seiner Strahlen hätte, wäre sie nicht zum größten Teil von einem weißen Umhang mit dem goldenen Sonnenrad auf der Vorderseite und den beiden kleinen goldenen Spangen, die den Umhang an den Seiten schließen, verdeckt, und würde die Sonnenscheibe überhaupt erstrahlen. Die Arme sind durch ein blaues Leinenhemd verdeckt, gute Ware von der eher stabilen als der feinen Art. Zu festen, rotgegerbten Lederhosen trägt er hohe, schwarze Reitstiefel, an einem breiten Waffengurt, der mit einer runden, dem Sonnenrad nachempfundenen Metallscheibe verschlossen ist, hängen neben einigen Beutelchen und einem beim Reiten wenig behindernden Kurzschwert in einer ebenfalls rotgegerbten Lederscheide auch ein gewaltiges Sonnenszepter. Nämlich jenes Exemplar, daß er zusammen mit den anderen Insignien seiner Würde erhalten hatte. Ein besonders schweres, robustes Stück mit nicht zu langen, aber scharf geschliffenen Strahlen, und gut ausgewogen, hatte er sich ausgewählt, besonders gefallen hatte ihm dabei der Gedanke, dabei über eine Waffe zu verfügen, die er überall hin mitnehmen konnte ohne allzuviel Anstoß zu erregen.

Vorbei an diesem wirklich langen Lagerhaus geht es, nach rechts um seine Ecke und schon kann er am Ende dieser Straße die erste Mole ausmachen. Geschwind trabt er voran, so daß er den Wind sich in seinem kurzen Haar fangen spürt. Er liebt dieses Gefühl und vergnügt blitzen seine Augen. Sie sind von klarer blauer Farbe und sitzen in einem von der Sonne gegerbten kräftig bräunlichen Gesicht. Einige Falten zieren es, viele davon um die Augen, einige durch den sorgsam gestutzten Bart verdeckt. Die gerade Nase und die ansatzweise kantigen Gesichtskonturen verleihen dem Gesicht trotz einer zweifingerlangen Narbe zwischen rechtem Ohr und Wange eine herbe Schönheit. Wie auch das Haupthaar war er einst von lichtem hellblond, doch inzwischen sind fast alle seine Haare weiß geworden oder haben einen weißen Hauch abbekommen, so daß das Abendlicht silbrig auf seinem Kopf spielt.

"Heda, langsamer jetzt!" sagt er und zieht dem Pferd an den Zügeln, um es in den Schritt fallen zu lassen. Er lenkt das Tier an Ballen und Fässern , an Netzen und Kisten aller Größe vorbei, um von der Fischmole an die Handelsmole zu gelangen. Trotz der fortgeschrittenen Stunde herrscht rege Betriebsamkeit, in den Großen Häfen gibt es wohl niemals Ruhe. Laut ist das Klappern der eisenbeschlagenen Hufe beim überqueren eines hölzernen Brückchens zu hören, schließlich bringen Pferd und Reiter einiges an Gewicht zusammen. Noch einmal lenkt er das Pferd um einen großen Stapel Hölzer und in Richtung eines auf den Kai gezogenen großen Ruderbootes, an dem zwei dralle Frauen mit Reperaturarbeiten beschäftigt sind. Deutlich sind helle, neu eingesetzte Planken zu sehen, zwischen die die beiden Frauen Dichtwerk passen. Die eine schlägt mit einem Hammer und einem Keil geharztes Tauwerk zwischen die Holzritzen, während die andere die Spule mit dem Werk hält und mit Quast und Kleistertopf zusätzliche Harzmasse aufpinselt. In einigen Schritt Abstand verbrennt mit großen Flammen Altholz und dem Gestank nach zu schließen sicher auch altes Pech und Fischreste. So interessant ist es, diesen schnellen, präzisen Handgriffen zu zu gucken, daß Onaskje das Pferd versehentlich gegen zwei sich in den Armen haltende Thorwaler laufen läßt!

"Ver ... dammter Sauf... Sau...bock!"

"Misthund, dir werde ich zeigen, was es heißt, mich um zu rempeln!"

Die beiden Männer in Seemannstrachten drehen sich um. Während der Kleinere einen auffordernden Schluck aus der Flasche nimmt ("Das wohl, Brendik, zeigs - hick - ihm, dem ...dem... da!"), die er in der linken Hand hält, und gegen die Fackel blinzelt, um etwas erkennen zu können, haut der Große dem Pferd mit der Faust aufs Maul, um den Trottel, der da nicht aufgepaßt hat, auf auf den harten Boden der Tatsachen zu holen.

Wild bäumt sich der Rotfuchs auf. Ständig muß man auf ihm herumschlagen! Aber das geht zuweit! Diesem Zweibeiner, der da vor ihm herumfuchtelt und der ihm so schmerzhaft auf die Nüstern gehauen hat, wird er wohl lieber überspringen und dann nichts wie ab in den Stall!

´Bei Phex! Wie konnte mir das nur passieren!´

Wildes Wiehern und Tänzeln des Pferdes.

"Ruhig, Ludwig!"

Kräftig zieht Onaskje die Zügel zurück, er spürt das Zucken des Pferdes, der Hinterläufe, und eine vage Idee, was der Gaul vorhaben könnte durchzuckt sein Hirn. Mit kräftigem Schenkeldruck drückt er das Tier nach links und mit seiner Rechten packt er blitzschnell den Kopf des Pferdes und dreht ihn ebenfalls nach links, vom ziehen an den Zügeln unterstützt. Das Tier macht einige Sprünge nach links, wo unter Gelächter und Gejohle andere Matrosen zur Seite springen. Mühsam hält er dabei die Fackel fest, nicht, daß er auch noch das ohnehin fuchsige Tier verbrennte, wenn sie ihm hinunter fiele.

"Ach! Einer von diesen aufgeblasenen hohen Herren meint mich zur Seite schubsen zu können, mich, Brendik den Starken!"

Inzwischen hat sich der große Thorwaler wieder ein wenig dem Reiter genähert.

"Komm runter von deinem hohen Roß, Feigling!"

Onaskje dirigiert das Tier im Bogen um die beiden herum.

"Was fällt diesem Schwachkopf ein, einfach so auf mein Pferd einzuprügeln?"

'Hat mir nicht mal Zeit gelassen, mich angemessen zu entschuldigen! Werde ihm wohl hoffentlich nicht ein wenig Anstand in seine dicke Birne hämmern müssen! Würd´ ihn ja lieber auf ein Bier einladen, wäre mir selber eher nach!'

Der Geweihte schätzt den anderen ab.

´Ja, so wie der dasteht und die Fäuste ballt und rot anläuft wartet der wohl wirklich darauf, daß ich absteige und mich mit ihm schlage?!´

"Nur die Ruhe, Mann!"

Mit diesen Worten hält er die Fackel hoch und vor sich, so, daß sowohl der rauflustige Kerl als auch die Umstehenden gut seinen weißen Umhang mit dem Zeichen der PRAiospriesterschaft darauf sehen können. Mit kalten Augen mustert Wulff Onaskje den Thorwaler:

"Auf jeden Fall hat ein gewisser Respekt einem Geweihten gegenüber noch niemandem geschadet!"

Er wartet einen Wimpernschlag ab um hinzuzufügen

" Entschuldige bitte meine Unachtsamkeit. Vielleicht solltest Du einfach meine Entschuldigung annehmen, und einen guten Schluck auf mein und Dein wohl nehmen. Es ist ja eigentlich nichts passiert."

Boldjar läßt die Fingerknöchel knacken. Betrunken ist er bei acht Maß Bier noch nicht ganz, aber die Worte brauchen doch einige Augenblicke, um bis in sein Hirn vorzudringen.

"Hauhinn ´n Stücke, den Pferdehändler!"

Aus Ermangelung seines Freundes lehnt sich inzwischen der andere auf ein großes Faß, das dem Geruch nach Salzerelen entalten haben muß. Animiert durch besagten Duft läßt er einen tiefen Rülpser aus der Kehle hervor orgeln, der mit saurem Duft und mit tiefen Tönen endet.

"Leider bin ich sehr in Eile und hatte bereits einen anstrengenden Tag hinter mir."

Sagt Onaskje mit ruhiger Stimme, und versucht seine aufkeimende Wut über diesen Pferdeschinder zu unterdrücken. Er fingert zwei Silbermünzen aus einem der Beutelchen und hält sie dem Mann hin.

" Aber für Dich und Deinen Freund wirds für einen feuchten Abend schon noch reichen."

Er treibt sein Pferd zwei Schritte näher an den anderen heran.

"Nun, was ist!"

Ungehalten über den schwankenden und gestikulierenden Riesen wirft er die Münzen einfach dem anderen vor die Füße. Mit einem hellen *pling* kullert die eine in Richtung der Umstehenden, während die andere vor dem Thorwaler liegenbleibt.

Entrüstet über dieses unverschämte Verhalten fängt der Thorwaler an, dem Reiter wüste Flüche zu entgegnen, da dreht dieser einfach sein Pferd zur Seite. Gerade hat er aus dem Augenwinkel gesehen, wie ein kleinen Mädchen in einem alten Kleidchen flink ihren baren Fuss auf das eine Silberstück gesetzt hat.

"Und du," mit stechendem Blick und leiser Stimme wendet er sich dem Bettelmädchen zu, "du wirst nicht nehmen was anderer ist! Du hebst die Münze auf und gibst sie jenem Mann", dabei deutet er auf den wutschäumenden Thorwaler, "und wenn du selbst was haben willst, wirst du auch etwas dafür tun!"

Mit erschrocken aufgerissenen Augen starrt das Mädchen sprachlos vor Angst auf den Thorwaler und dann auf den Geweihten, hebt dann die Münze auf, macht dann aber keine Anstalten, sich dem Schläger zu nähern sondern bleibt starr stehen. Den anderen Umstehenden ist inzwischen die frohe Laune vergangen, eine zünftige Schlägerei gibts wohl nicht, und wie der Reiter mit dem Kind umgeht will manchem nicht schmecken.

"Ich seh schon, daß wird wohl nichts. Nun, ein Silberling sollte zum saufen auch reichen, also gib mir den anderen. Und dann wirst Du mich zur Hafenstube bringen, denn Du willst Dir ja etwas verdienen, nicht wahr?"

Dies ist der Kleinen inzwischen längst vergangen, aber bevor sie sich wieder eine Tracht Prügel einfängt - die letzte bekam sie erst heute morgen, weil sie sich zu Boden gefallenes Obst an einem Marktstand genommen hatte - macht sie lieber alles, was der andere will. Mit zitterndem Arm reicht sie dem Reiter, der sie so streng anschaut, die Münze nach oben und deutet in eine Richtung.

"Da lang."

Mit gesenktem Kopf dreht sie sich um und geht los. Langsam folgt der Reiter und achtet nicht auf den Thorwaler, der sich inzwischen nach dem anderen Silberling gebückt hat und ihm wütend hinterher spuckt. Nach kurzer Zeit erreichen sie ein kleines Gebäude, an dem ein Schild verkündet, daß man hier den Hafenmeister zwischen Sonnenauf- und untergang findet.

Inzwischen hat sich Wulff wieder beruhigt. 'Ich habe mich wohl ein wenig zu sehr gehen lassen, die Kleine kann doch nichts dafür. Ist sicher beschissen genug, das Leben hier als Hafenbettlerin. Wieviel Gesochs sich wohl schon an ihr vergriffen haben mag, sie wird ja wohl noch keine acht Sommer gesehen haben.'

Schnell steigt er ab und kniet sich neben dem Mädchen nieder, daß zurück weichen will. Doch rasch faßt er ihre Hand.

"Hör zu, meine Kleine, ich habe Dich sicher verschreckt. Doch lag dies nicht in meiner Absicht, ich war nur etwas aufgebracht über diesen Streithahn vorhin. Und jetzt paß auf." Ein Lächeln zeigt sich in seinem Gesicht und die Augen, die vorhin so hart aussahen, sind jetzt in dem hellen Licht einer Laterne am funkeln. Ich möchte, daß Du morgen früh eine Stunde nach Sonnenaufgang hier auf mich wartest. Ich werde dann eine kleine Gabe für Dich haben, die Dich wohl entschädigen mag."

'Ob sie wohl kommt?'

"Wirst Du mir beim Herren PRAios versprechen zu kommen? Keine Sorge, es soll Dein Schaden nicht sein."

Durchdringend blickt er die Kleine an.

"Und wie heißt Du überhaupt?"

Angst hat Livgard immer noch, aber daß PRAiosgeweihte niemals lügen würden hat auch sie schon gehört.

"Liv heiße ich und ich komme morgen."

Schnell schüttelt sie seine Hand ab und schaut ihm kurz ins Gesicht. Was könnte sie schon verlieren? Noch bevor dieser Mann etwas erwidern kann, huscht sie in die Dunkelheit davon. Mit einem Seufzen erhebt sich Wulff. Das alles immer so schwierig ist! Jetzt sich aber noch rach einen Überblick über die Schiffe verschaffen. Schnell steigt er auf sein Pferd und reitet nur rasch den gesamten Pier ab um einen Eindruck über die hier liegenden Schiffe zu bekommen, morgen früh beim Hafenmeister wird er sich dann genau über diese

Schiffe informieren können.

Und so reitet er mit prüfendem Blick an den Schiffen vorbei, einer dicken Karacke, die scheinbar schon bessere Zeiten gesehen hat, an diesem fürchterlich kaputten Schiff, daß er keinesfalls nehmen wird.

'Oh, das scheint das Schiff zu sein, von dem ich vorhin oben in der Stadt jemanden hab reden hören. Angeblich das letzte aus einer Schatzflotte, die von Piraten überfallen wurde. Und jenes Schiff da, diese Karavelle, die dicht daneben liegt, hat das havarierte Schiff abgeschleppt. Hm, "NORDSTERN", da steht es ja auf dem Schild, daß da in der Nähe der Laufplanke hängt. Muß ein wagemutiger Kapitän sein, einfach ein anderes Schiff abzuschleppen, Schatz hin oder her.'

Nachdenklich bringt Wulff Onaskje das Pferd in einigem Abstand vom Schiff zum Stillstand und läßt seinen Blick kurz über das Schiff schweifen. Kurz verharrt sein Blick auf einem großen schlanken Mann der direkt neben dem Steuer steht.

'Ob das der Kapitän ist? Vielleicht. Man wird sehen, morgen.'

Er gibt dem Pferd einen leichten Schenkeldruck und reitet weiter. Er kommt an einer weiteren Karavelle vorüber.

'Vielleicht dieses Schiff? Es liegt andersherum am Kai, mit dem Bug gen PRAios hin. Vielleicht sollte ich dies als gutes Omen nehmen? Ich glaube ja nicht, daß dies etwas zu bedeuten hat, aber ich werde mich morgen beim Hafenmeister erkundigen, was er über dieses Schiff weiß. Wie heißt es doch gleich, "GLÜCKAUF". Hm, es gibt schon ulkige Namen für Schiffe...' oder sollte Onaskje es lieber mit einem der hier häufigen Drachen versuchen.

'Die Mannschaften haben den Ruf, von EFFerd begünstigt zu sein. Allerdings habe ich Fracht, die eine weite Reise die Küste hinab machen muß, und wenn diese Drachenhitzköpfe auf eine Galeere stoßen, nicht auszudenken. Diese Thorwaler sind zwar ordentliche Kämpfer, aber das Pack hinter der Khom kämpft listiger und hinterhältiger als ein Fuchs den der Jagdhund stellt. Lieber nicht.'

Inzwischen ist das Ende des Hafens erreicht. Schiffe scheint es ja einige zu geben, aber angesichts der späten Stunde zieht es Wulff Onaskje vor, umzukehren und früh am nächsten morgen ein Schiff auszuwählen. Er wendet sein Pferd und reitet in leichtem Trab am Kai zurück. Gerade als er an diesem schrecklich zerzausten Schiff vorbeikommt, sieht er sogar einen Boroni, der langsam an ihm vorbeiläuft, sozusagen ein ferner Kollege. Höflich hebt er eine Hand und ruft ein "PRAios zum Gruße!" hinüber, das von einem langsamen Kopfnicken quittiert wird. Schließlich erreicht er die Straße hinauf nach Salza. Wieder setzt es einen Schlag auf die Kruppe des Pferdes, schließlich hat er Hunger und in der "Goldenen Ranke" gibt es nicht nur ausgezeichnete Weine, sondern heute auch einen vom Wirt hochgelobten frischen Wildschweinbraten vom Spieß. Der Rotfuchs beschleunigt seine Schritte und schon bald liegt das Hafengelände weit unten.



In SALZERHAVEN - In dunklen Gassen: Straße der Verlierer


Das Madamal leuchtet nur schwach vom Himmel und auch die Sterne zeigen sich nicht so zahlreich wie in manch' anderen Nächten. Ein kühler Wind weht vom Meer her durch die ruhigen und leeren Gassen Salzerhavens und treibt einige Wolke am Himmelszelt vor sich her.

Die meisten Bürger liegen wohlbehütet in ihren warmen, weichen Betten und nur selten dringt ein Laut, der von einer rahjagefälligen Nacht kündigt, durch die geschlossenen Fensterläden hinaus ins Freie.

Ein einziges Mal hört man einen Hund in einem kleinen Stall kurz bellen, aber dann tritt wieder diese geradezu greifbare Ruhe ein.

Doch nicht jeder wurde von dieser Ruhe erfaßt: eine Frau, noch nicht ganz Mitte 20, mit langen schwarzen Haaren und einem Florett an der Seite, schlurft mit gesenktem Kopf durch die Strassen. Einmal bleibt sie kurz stehen und blickt hinauf zum Himmel, um dann wieder kopfschüttelnd weiterzugehen. Wer genau hinhören würde, würde den resignierenden und verzweifelten Seufzer hören, den die Frau von sich gibt.

Sie biegt in eine weitere Gasse ein und bleibt auf einmal stehen.

"VERFLUCHT!" schreit sie und tritt gegen ein hölzernes Regenfaß, das in ihrer Nähe steht. Doch dies war nicht unbedingt das Klügste: die Frau gibt einen Schmerzenslaut von sich und geht in die Knie. In einem Haus, ganz in der Nähe von ihr, bellt ein Hund laut los.

"Verdammter Mist," flucht sie leise weiter, "verdammt, verdammt, verdammt!!!"

Noch weiter vor sich hinfluchend und über den Fuß und das Bein streichend, bemerkt sie nicht die Bewegung einer dunklen Person, die in sich zusammengesunken an einer Hauswand kauert...



Eine schier endlose Zeit blickt Torin auf die auf ihm vorbei huschende Gasse. Mehrere Male versucht er noch, sich wieder aufzurichten, doch jedesmal muß er den Versuch abbrechen, da ihm das Bier zu sehr den Kopf vernebelt. Schließlich gibt er die Versuche mit einem leichten Stöhnen auf. Mit schweren Augen beobachtet er die Schatten, die Mada auf den nächtlichen Boden zeichnet.

Daß er mit offenen Augen nicht schlafen kann, ist ihm klar. Doch noch viel weniger würde er zum Schlafen kommen, wenn er jetzt die Augen einfach schloß. Denn in dem Augenblick, in dem er die Augen schloß, würde die Gasse aufhören, sich zu drehen und statt dessen würde er sich selbst drehen. Und das wollte er noch weniger!

Doch auch mit solcherlei überlegungen fallen Torin irgendwann die Augen zu und er beginnt wild zu träumen. Immer wieder schreckt er kurz hoch, nur um dann wieder in den Schlaf zu fallen. Leise brabbelt er im Schlaf von Gareth und den anderen Rotmardern, mit denen er durch die Strassen und Gassen jagt. Kurze Wortfetzen sind es nur und doch würde ein eifriger Zuhörer einiges über ihn und die Rotmarder erfahren. Ab und zu zuckt auch eines seiner Beine, gerade so, als wolle er auch im Schlaf seinen Verfolgern entfliehen. Erst nur vereinzelt, werden die Bewegungen Torins immer hektischer und plötzlich reißt er die Augen auf. Gellend laut gröhlt er in die dunkle Nacht:

"Die .... THORWALA komm'n!!!"


*********


"Die .... THORWALA komm'n!!!"

Phexane schreckt hoch und starrt erschrocken und mit wild pochendem Herzen die Gasse hinab. Wieder bellt der eine Hund und irgendwo geht ein Fenster auf und eine männliche Stimme brüllt hinaus:

"Schnauze da unten!"

Dann fliegt das Fenster wieder klappernd zu.

Phexane wiederum bleibt leise und wie angewurzelt stehen. Da hinten, an einer Hauswand, kauert irgendwas, doch kann sie in der Dunkelheit nicht erkennen, was oder wer es ist.

"Hallo," ruft sie leise und zaghaft, "ist da wer?"

Der dunkle Schatten bewegt sich etwas, rülpst und stammelt dann:

"Tschulligung!"

Dann ist das langsame Ziehen von einer Waffe zu hören und matt schimmert der Stahl von einem Florett in der Gasse. Mit der gezogenen Waffe geht Phexane vorsichtig auf den Schatten zu.

'Diese Stimme ... sie kommt mir bekannt vor!'

"Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich tue euch nichts!"

'Aber wenn ihr mir was tut, werdet ihr mein Florett zwischen die Rippen bekommen!'

Wieder bewegt sich der Schatten, schaut hinauf zu der Frau, die auf ihn zukommt. Er lallt unverständlich, versucht dann langsam aufzustehen, wobei er sich krampfhaft an der Hausmauer festhält.

Somit kann Phexane die Silhouette der Person etwas deutlicher erkennen: ein Hut, etwas längere Haare, ein Umhang und am Gürtel eine schlanke Stichwaffe, deren Waffenscheide im Glanz des Madamals leuchtet.

"IHR?"

Phexane steckt sofort das Florett wieder weg und läuft auf den Besoffenen zu. Dieser ist schon wieder im Begriff nach unten zu rutschen, doch dann greift Phexane ihn schnell am Arm und an der Schulter und versucht ihm so etwas Halt zu geben. Nun kann sie auch das Gesicht mit dem Bart etwas besser erkennen und nimmt den nur allzu vertrauten Brandgeruch wahr.

"Was macht ihr hier, Herr Rotmarder?"


*********


Torin bekommt kaum mit, daß er versucht, sich hochzustemmen. Zu sehr ist er noch von seinem Alptraum verwirrt. Auch daß Phexane ihm hoch hilft bekommt er kaum mit.

"Die Thorwala komm'n..." sagt er noch einmal leise, nur um ganz sicher zu gehen, daß man seine Nachricht auch verstanden hat. Durch die kleinen Augenschlitze sieht er die Gasse noch immer vor sich drehen. Noch immer ist es dunkel und noch immer ist ihm schlecht.

"Ich will... heim..." stammelt er in das Ohr seines Retters. Nicht ahnend, daß sein Retter Phexane ist.


*********


Phexane rümpft kurz die Nase, als sie die Alkoholfahne von Torin riecht. Doch dann legt sie sich seinen linken Arm um ihre Schultern und stützt ihn mit ihrem rechten Arm. Torin Rotmarder ist wesentlich größer und schwerer als sie und Phexane verfügt über nur sehr schwache Muskeln. So braucht sie schon eine gewisse Zeit, bis sie die Position gefunden hat, mit dem sie ihn besser halten kann.

"Ich bringe euch heim." sagt sie leise zu Torin und setzt sich dann in Bewegung Richtung Hafen.

Es dauert eine ziemliche Weile, bis sie endlich mit ihrer "Begleitung" den Hafen und somit die NORDSTERN erreicht hat. Zwischendurch mußte sie sich immer mal wieder an eine Hauswand lehnen, Luft holen und um dann, mit ein wenig mehr Kraft, den Weg fortzusetzen.

Etwas unsicher steht sie vor der Planke, doch dann wagt sie sich vorsichtig mit ihrer ungewöhnlichen Fracht hinauf. Schritt für Schritt erklimmt sie die Planke, hält Torin fest an sich gepreßt, nur damit er nicht unversehens ins Hafenbecken fällt.

Ein wachhabender Matrose entdeckt die beiden und erkennt auch rasch Phexane. Er hilft ihr dann den Niedergang hinab, indem er von oben Torin langsam herunter schiebt und Phexane ihn unten vorsichtig zieht. Als auch das geschafft ist, schlurft sie langsam mit Torin zur Gemeinschaftskabine, öffnet diese leise, da einige Passagiere schon längst schlafen und legt dann Torin Rotmarder auf seine Koje. Kurz steht sie noch daneben, holt tief Luft und reckt sich, dann aber geht auch sie zu ihrer Koje und legt sich schlafen.



In SALZERHAVEN - Am Anleger: Frühe Aktionen


Serget hat grade mit Arinka eine von den schweren Erzkisten geschleppt, aber jetzt soll es mal wieder eine Leichtere sein. Die Bezahlung ist zwar Spitze, aber das will ja nicht heißen, daß man sich kaputt arbeiten muß, zumal es ja wirklich mitten in der Nacht ist.

Also nimmt Serget diese eine mittelgroße Kiste mit. Die darf auf keinen Fall vergessen werden, ist SEHR wichtig, hat man gesagt. Serget paßt das ganz gut, denn die Kiste sieht zwar groß und stabil aus, ist aber so leicht, als wären nur Sägespäne drin.

Der Hafenarbeiter ist SEHR vorsichtig mit der Kiste, schließlich ist der Inhalt SEHR zerbrechlich, wie man ihm gesagt hat und er trägt sie mit großer Konzentration über die beiden Aufgänge und die Planke bis auf den Anleger.

Dort setzt er sie SEHR langsam erstmal neben dem Wagen ab, so daß sie nachher obenauf geladen werden kann, wie man ihm gesagt hat. Serget ist das durchaus recht, denn er hat keine Lust, die Kiste jetzt auf den Wagen hochzustemmen, so leicht sie auch sein mag.

Danach macht er sich wieder auf den Weg in den Schiffsbauch. Aber diesmal wird er zur Abwechslung mal eine von den leichten Kisten nehmen, nicht immer nur diese schweren Erzbehälter, die man zu mehreren anpacken muß.


*****


Xenia ist am Morgen die Erste, die wach ist. Sie hat sich extra am Abend richtig früh in die Hängematte geworfen, um am Morgen ganz früh zum Markt zu gehen. Heute ist nämlich Einkaufstag für die Matrosin. Und Xenia hat da so eine Theorie, daß ganz früh am Morgen die Händler noch nicht so ganz wach sind, und man wesentlich besser feilschen kann.

Auf dem Anleger steht eine Kiste rum, die doch eigentlich zur NORDSTERN gehört. Merkwürdig, wie die dahin kommt. Dabei ist es doch grade bei dieser Kiste SEHR wichtig, daß sie sicher im Schiff verstaut ist. Besser sie schnell rein bringen, bevor Nirka sie nachher zur Schnecke macht, weil sie nicht auf die Sachen des Schiffes aufgepaßt hat.

Also hebt sie SEHR vorsichtig die relativ leichte Kiste auf und trägt sie SEHR langsam, damit der SEHR zerbrechliche Inhalt nicht beschädigt wird, auf ihren angestammten Platz im hinteren Ladedeck. Dort rückt sie die Kiste noch so lange hin und her, bis sie das Gefühl hat, daß diese richtig steht.

Danach macht sich die Matrosin wieder auf in die Stadt, die genauen Umstände ihrer morgendlichen Aktivität vergessen, nur mit dem unbestimmten Gedanken, heute schon eine gute Tat getan zu haben.





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Für einen Moment bleibt der Zwerg verdutzt stehen, nachdem Jarun ihm von der Wichtigkeit der Kinder erzählt. Doch schnell eilt er dem Gaukler hinterher, um ihm eine Antwort zu geben, sobald er wieder neben ihm her schreitet.

"Kinder sind wichtig, daß wissen gerade wir Zwerge am besten. Aber ihr Menschen habt Unmengen davon, da fällt eins mehr oder weniger überhaupt nicht ins Gewicht. Bei uns dagegen kommt es auf jedes Kind an. Eure Frauen können acht oder neun Geburten haben, wenn sie es nur wollen. Vielleicht sogar noch mehr. Bei uns wird schon die erste gefeiert, jede weitere um so mehr. Doch viele schenken nicht mehr als zwei mal Kindern das Leben. Und unsere Frauen haben eine viel größere Lebensspanne als eure."

Während er neben Jarun herläuft, tut es ihm eigentlich schon leid, daß er über menschliche Kinder redet, als wäre ihr Leben nicht viel wert. Aber bei Kor, das würde er jetzt niemals zugeben.

"Und was ich von meinen Kämpfen habe? Ich ziehe in die Ruhmeshallen der Götter ein, mögen es nun Rondra, Kor oder Angrosch sein, die mir einen Platz dort geben werden. Und wenn der Tag kommt, an dem der güldene Drache wieder erscheint und seine Brut das Land verwüsten wird, werde ich den Ruhm ernten, an der Seite der Götter gegen die Feinde zu streiten."



"Ich glaube, daß ich eure Gedanken ein wenig verstehe. Viele Eltern geben ihren Kindern zuwenig, von dem was sie brauchen. Bei zu vielen Kindern ist es natürlich auch sehr schwer."

Nachdenklich schaut Jarun in die Dunkelheit des Ozeans und beginnt dann geistesabwesend weiterzureden.

"Wenn ich einen Nachkommen hätte, so würde ich ihm alles geben, was in meiner Macht steht. Weder an Dukaten, noch an meiner Unterstützung soll es ihm mangeln. Alles würde ich für ihn tun. Doch leider habe ich meine Chancen vertan. Zu viele andere Dinge beschäftigten mich in der Vergangenheit. Das ist wohl die Strafe, die sich die Götter für mich ausgedacht haben. Die Zeit der Jugend ist lange vorbei."

Das bunt bemalte Gesicht des Gauklers dreht sich wieder zu Alberik. Doch mit dem notgedrungene Lächeln, das er sich abringt, würde er nicht einmal vor einem Echenmenschen die Fassade des lustigen Gauklers aufrechterhalten können.



Eigentlich hatte sich Alberik nun auf eine heftige Auseinandersetzung gerechnet. Ohne es selber zu merken, hat sich seine linke Hand zur Faust geballt, als er Jaruns Antwort erwartet hat. Doch diese ist nun ganz anders ausgefallen, als er sich dachte. Und als er nun in das Gesicht des Gauklers blickt, wozu er seinen Blick vom Weg nach oben richten muß, sieht er Bitterkeit und Trauer darin.

Der Zwerg erinnert sich an Greifenfurt. Schon damals hat der Gaukler viel für die Kinder der belagerten Stadt getan. Und wie er damals beinahe sein Leben verschenkt hätte für ein Mädchen, daß sich zu weit nach vorne gewagt hatte und beinahe den Pfeilen der Orks zum Opfer gefallen wäre. Todesmutig stürmte Jarun nach vorne, und nahm das kleine Kind auf den Arm, um es wieder in Sicherheit zu bringen, während die Pfeile um ihn herum schossen. Tatsächlich hatte ihn eines der Geschosse getroffen. Doch irgendwie schaffte er es, sich noch in Sicherheit zu bringen, und das Mädchen war gerettet.

"Weißt Du," versucht der Zwerg seinen Freund wieder aufzumuntern, "ich bin auch noch kinderlos, und wie viele Zwerge kann ich damit rechnen, niemals welche zu bekommen."

Bei diesen Worten denkt er kurz darüber nach, ob es vielleicht anders gewesen wäre, hätte er damals die anderen nicht begleitet, als man die Orks verfolgt hat, die den Angroschpriester getötet haben.

"Aber wie vielen Kindern hast Du schon das Leben gerettet - oder ein Lachen zurück gegeben."

Nur schwer kommen diese Worte über seine Lippen, denn damit gesteht er sich eigentlich eine Niederlage ein. Aber im Moment ist der Freund wichtiger.

"Und damit hast Du ihnen schon viel gegeben, manchmal sogar alles, was Du konntest und was niemand anderer zustande gebracht hätte."

Alberik schaut seinem Freund immer noch ins Gesicht, und hofft, daß die Trauer wieder daraus verschwindet, und das fröhliche Grinsen, daß man sonst sehen kann, wiederkehrt.



"Ja, du hast recht. Möglicherweise steckt in jedem der Kinder ein gewisser Teil von mir, wie in einem Sohn. Doch ist es schwach im Vergleich zu einem wirklichen Nachkommen, der Ideale, Erinnerungen und Freude mit mir teilt."

Jarun schüttelt den Kopf, als wolle er die bedrückenden Sorgen aus seinen Gedanken schüttelt und klopft dem Zwerg auf die Schultern.

"Vielleicht haben die Götter ja ein einsehen und schenken mir doch noch eine Familie. Wer kennt schon die Absichten der Götter. Laß uns schnell etwas trinken gehen. Dann geht es mir sicher bald wieder besser."

Mit einem dieses mal überzeugendem Lächeln gibt er dem Zwerg zu verstehen, daß er ruhig als erste die Springende Salzrelle betreten soll. Linke Hand an Alberiks Schulter und die rechte Hand auf die Tür deutend, lächelt er den Zwerg an, doch innerlich denkt er immer noch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach.

'Wäre ich in meiner Jugend nur nicht so ein unzuverlässiger Springinsfeld gewesen. Wäre ich mal besser ein Tuchhändler geworden. Wie es schon mein Vorfahren waren. Dann hätte ich diese Problem nicht gehabt. Wahrscheinlich wäre ich jetzt schon längst Großvater und würde nicht bangen müssen, meine Zukunft alleine verbringen zu müssen. Einsamkeit und das Alter sind die wahren Feinde der Menschen. Und beides zusammen kann selbst für den stärksten Krieger den Tod bedeutet.'



Endlich entdeckt Alberik wieder ein Lächeln in dem Gesicht des Gauklers. Es wäre ihm auch schwer gefallen, einen weiteren Versuch zu wagen, die Trauer, die vorher darin zu sehen war, zu vertreiben. Schließlich ist er ja kein Priester der TSA oder RAHja, die sich der Aufgabe widmen, den Menschen die Freude zu bringen. Und was hätte ihm schon weiteres einfallen können? Es gibt noch weitaus mehr Sachen auf dieser Welt, die zum Heulen sind und über die man sich ärgern kann, da sind Kinder noch das kleinste Übel, auf welche Art auch immer!

Noch erfreuter ist der Zwerg, als Jarun ein ganz bestimmtes Thema anspricht. Dabei bemerkt er auch seine schon sehr ausgetrocknete Kehle, die nach Flüssigkeit, am besten etwas alkoholisches, förmlich schreit.

Während des kurzen Gespräches hatte Alberik gar nicht bemerkt, daß sie nun schon vor der Wirtschaft stehen, in der er die Rufe seiner Kehle wieder zum Schweigen bringen will. Spätestens jetzt ist der Trübsal von gerade eben wieder vergessen.

"Ah, dann wollen wir mal."

Kurz bevor er eintritt, ist ein seinen Augen ein Leuchten zu sehen, wie man es einem Forscher untergegangener Kulturen zutrauen würde, der eben ein uraltes Relikt vergangener Rassen entdeckt hätte. Und auf ihn wartet auch etwas darauf von ihm entdeckt zu werden. Dazu gehören unter anderem mindestens fünf verschiedene Arten, wie man Alkohol konsumieren kann.

Beinahe schon andächtig betritt er die 'Salzarelle'. Diese ist nun schon weitaus leerer vorzufinden wie noch vor einiger Zeit. Die Menschenmassen, die sich hier vorher befunden haben, stehen fast alle noch draußen am Kai. Nur wenige hat es hier gehalten. Außer dem Wirt und den jungen Frauen, die hier arbeiten, sind nur zwei aeltere Männer geblieben, die an einem der wenigen Tische sitzen, und sich bei einem Becher Rum über bessere Zeiten unterhalten, als die Westküste noch nicht so vor Piraten wimmelte.

"Zum Glück sind die alle weg. Dann brauche ich ja keine Angst mehr haben, erdrückt zu werden," murmelt Alberik, als er auf einen freien großen Tisch ziemlich in der Mitte des Schankraumes zusteuert.



SALZERHAVEN - In einer Taverne: Joanna, Torin und Ameg beim Mahl


Längst ist das Madamal hoch am nächtlichen Himmel und die schmalen Gassen von Salzerhaven sind nur noch von einzelnen, schwachen Ölfunzeln erleuchtet.

Joanna, Ameg und Torin sind noch immer auf der Suche nach einer Unterkunft, doch bis jetzt sind sie nicht fündig geworden.

Noch hatten sie kein Zimmer für die Nacht finden können und Torin Rotmarder merkt man an, daß er langsam die Nase voll hat durch die nächtlichen Straßen zu laufen und überall abgewiesen zu werden.

"Miu pikusch!" grummelt er vor sich hin, als die kleine Gruppe die engen Räume der kleinen Taverne betritt.

Warme, verbrauchte Luft strömt ihm entgegen. Der Gestank von fettem Fleisch und Alkohol weht darin ebenso mit wie die Geräusche einer gut besuchten Kaschemme. Doch die warme Luft tut ihm gut. Viel zu lange sind sie schon durch kalte EFFerdnacht gewandert.

'Mir ist es egal wie das Bett aussieht. Heute Nacht schlafe ich auch neben einem Ork im Schlafraum. - Aber wehe, er schnarcht!'

Langsam hebt er seinen Hut, den er tief in die Stirn gezogen hatte. Im schummrigen Licht der Taverne kann er im Raum vier Tische erkennen. Drei davon stehen an der linken Seite, ein großer im hinteren Bereich.

Der Alkoholgeruch, der ihm beim Eintreten aufgefallen war, scheint größtenteils von zwei ältere Männer an einem Ecktisch verursacht zu werden, die wohl eine Art Wett-Trinken veranstalten. Zumindest deuten die vielen leeren, halbvollen und vollen Humpen auf dem Tisch darauf hin.

Langsam schiebt sich Torin weiter in die Taverne, schielt nach einem Platz zum Sitzen und findet ihn auch. Zwischen zwei der Tische geht es einige Stufen nach oben. Dort oben, etwa einen halben Schritt über dem eigentlichen Tavernenboden steht in einer gemauerten Aussparung ein unbesetzter Tisch.

Er geht darauf zu, bedacht darauf, daß auch Joanna und Ameg ihm folgen. Vorbei an einem Tisch mit einem junges Paar, das miteinander Händchen hält und sich sicher leise Worte der Liebe entgegen flüstert.

Vorbei auch an einem einen junger Mann in leicht rahjanisch anmutender Kleidung, der jedoch auch einen hübschen Dolch dabei zu haben scheint. Es sieht so aus als warte er auf jemanden, während er das Pärchen in der Mitte beobachtet und dabei scheinbar weniger auf die Frau zu achten scheint.

An dem großen Tisch sitzen drei weitere Gäste mittleren Alters und spielen an einem Tisch ein wenig Karten, während der letzte Gast, ein Mann in dunkler Kleidung, in der schattigsten Ecke der Taverne sitzt. In seinem Gesicht scheint ein leichtes Lächeln zu sein, ganz so als gefallen ihm die unsicheren Blicke die ihm einige der Gäste gelegentlich zuwerfen.

Als sich Joanna, Ameg und Torin an dem Tisch oberhalb der Stufen niedergelassen haben, steht auch schon ein etwa 16jähriger Junge bei ihnen. Er ist wohl vom Tavernenbesitzer, der offensichtlich sein Vater ist, dazu angetrieben worden, die Bestellung der Neuankömmlinge aufzunehmen.

Dementsprechend ist auch seine Laune. Mürrisch und etwas müde fragt er die Sitzenden:

"Wollt ihr nur 'was trinken oder 'was auch essen?"



"Beides natürlich. Wir wollen essen und trinken." antwortet Torin dem Sohn des Wirts. "Doch bring uns zuerst die Karte."

Plötzlich beginnt der Sechzehnjährige breit zu grinsen.

"Wir habn keine Karte." erklärt er. "Paps meint, die Leute, die hier rein kommn brauchen keine Karte."

Mit diesen Worten hebt er die Hand und deutet mit dem Daumen hinter sich in den Schankraum.

"Aber wir haben eine gute, warme Fleischbrühe mit Gemüse drin. Und zum trinken gibt es helles Bier."

Torin sieht den Jungen einige Sekunden schweigend an.

'Dann wird es wohl nichts mit einem knusprigen Schweinebraten und einem Humpen Met dazu...'

Er seufzt.

"Naja, dann nehmen wir das. Zweimal die Brühe und ein Bier."

'Obwohl... ich hatte in diesem Alter auch schon meinen erste Rausch hinter mir...'

"Oder willst du auch Eins, Ameg?"



Als die Drei die Taverne betreten, braucht Joanna einige Zeit, um sich an den Geruch und die allgemeine Stimmung zu gewöhnen. Sie setzt sich zu Torin und Ameg.

'Keine Karte?'

Joanna sieht den Jungen etwas unsicher an. Ihr Blick folgt ihm, als er mit dem Daumen hinter sich in den Schankraum zeigt.

'Fleischbrühe mit Gemüse drinnen und ein helles Bier?'

Zögernd blickt sie Torin an, als er für sich und Ameg bestellt.

'Wie alt der Junge wohl sein mag, wenn Torin ihm ein Bier anbietet? Naja, das geht mich wohl nichts an.' Gleichgültig sieht sie Ameg noch einmal an, bevor sie sich dem 16 jährigen Jungen zuwendet. Dabei macht sich eine Haarsträhne selbstständig und hängt ihr frech ins Gesicht. Doch anstatt sie wieder hinter die Ohren zu schieben, fährt sie sich mit der rechten Hand durchs Haar. Sie wirft den Kopf leicht auf die rechte Seite zurück, damit die Haare ihr nicht zu sehr die Sicht versperren.

"Ich nehme auch einmal die Brühe und ein Bier."

Ob Ameg sich jetzt ein Bier bestellt? Egal, jetzt wird sich's erst einmal gemütlich gemacht.'

Sie läßt ihren Blick durch die Taverne schweifen und mustert ihre Umgebung. Ungewollt verweilt ihr Blick bei dem Pärchen und sie seufzt leise.



Es ist schon recht spät und Ameg ist ein wenig müde. Außerdem betrachtet er interessiert das Innere der kleinen Taverne. Zum ersten Mal kann er sich alles genauer anschauen ohne sich etwas klauen zu müssen oder gerade wieder hinaus geworfen zu werden. So bekommt er leider die Bestellung nur halb mit.

'keine Karte.. nur Brühe.. hä? was für eine Karte... so groß ist die Taverne doch gar nicht und Karten lesen kann ich eh nicht... das ist was für Reisende oder Seeleute... also.. Brühe gibt's und.. Torin bestellt zwei mal.. das ist bestimmt für.. ja.. Joanna will also auch die Brühe.. und Bier? .. und Torin fragt... hä??'

Irgendwie bekommt Ameg nicht ganz mit, daß sich die Frage ob er auch eines möchte auf das Bier bezieht und nicht auf ein Mahl aus Brühe. So antwortet Ameg, ein wenig ängstlich, daß er nichts abbekommen könnte:

"natürlich will ich auch 'was..."



Torin nickt nur auf Amegs Antwort. Ganz so hatte er sich die Antwort vorgestellt. Er lächelt, als er sich an die alte Zeit in Gareth zurück erinnert. Auch wenn diese Zeiten nicht immer die besten waren, so haben sie ihn doch geprägt.

'Natürlich will ich auch was...' so ähnlich hatte Torins Antwort damals auch geklungen. 'Damals... bei der Vermählung Prinz Brins und Prinzessin Emer von Albernia. Damals... als Brin König wurde...'

Er selbst hatte als kleiner Junge dem neuen König zugejubelt.

"Jawoll," spricht nun Torin wieder den Schankjungen an. "bring jedem von uns zu essen und zu trinken. Und hurtig, wir haben einen Bärenhunger!"

Doch der Junge hält nur die Hand auf. "Das macht dann für jeden vier Heller."

Ohne lange zu diskutieren kramt Torin einen Silbertaler und vier Heller aus seinem Beutelchen und gibt sie dem Jungen.

"Stimmt so." meint er nur knapp. "Und frag deinen Vater, ob er eine gute Unterkunft für die Nacht weiß."

Der Junge nickt zustimmend und geht die weingen Stufen hinab in den Schankraum zurück.

Erst jetzt merkt Torin, daß die Druidin seit einer Weile stumm auf das Pärchen unten im Schankraum blickt.

'Sie hatte doch vorhin ihre Visionen erwähnt. Ob sie jetzt gerade eine hat?'

Leise, gerade so, als ob er ihre Gedanken nicht unterbrechen möchte, spricht er sie an.

"Entschuldigt, aber eine Frage habe ich schon seit längerem auf der Zunge, Frau de Cl