- Logbuch der Nordstern -

Im Meer der sieben Winde - Teil 3 - ( Schleppfahrt) - 26. Efferd, 28 n.H

Auf dem Beiboot: Überfahrt


Die Kraft der beiden Matrosen... äh... des Matrosen und des Fahrgastes... treibt das kleine Boot recht schnell voran. Zwar nicht so schnell, wie es wäre, wenn man es zu viert rudert, zumal es ja auch erst noch in Fahrt kommen muß und der Seegang die Fortbewegung auch noch erheblich behindert, aber schnell genug, um Lowanger eine Ruderwirkung spüren zu lassen. Mit hart nach Steuerbord gedrehtem Steuer beschreibt das Boot neben der NORDSTERN eine kleine Rechtswende, bis sein Bug in Richtung des Hecks der NORDSTERN zeigt - das ganze jetzt schon so in gut zehn Schritt Abstand, das bedingt natürlich durch den gefahrenen Kurs. Lowanger dreht das Steuer wieder in die neutrale Position, und läßt das Boot nun parallel zur Karavelle entgegen deren "Liegerichtung" fahren.

Es läßt sich - insbesondere bei der Drehung - natürlich nicht vermeiden, daß das Boot mehr als einmal etwas ungünstig zu den im Vergleich zur Bootsgröße ziemlich großen Wellen liegt, und so kommen einige vorwitzige Spritzer über Bord - genug, um nicht wirklich angenehm zu sein, aber längst nicht genug, um eine Gefahr darzustellen.



Mit einem zufriedenen Nicken nimmt Lowanger zur Kenntnis, daß Ole sich der Halteleinen des Bootes angenommen hat, die mit ihrer Feuchtigkeit nun ebenso wie das ab und zu über Bord spritzende Wasser dazu beitragen, das Innere des Bootes ebenfalls feucht zu machen.

Das Beiboot hat derweil das Heck der NORDSTERN passiert, so daß man auf der Steuerbordseite des kleinen Fahrzeuges jetzt wieder die ZYKLOPENAUGE sehen kann, die bislang von der NORDSTERN verdeckt war.

Lowanger wartet noch kurz, denn er möchte das Heck der Karavelle nicht zu dicht passieren, denn das würde einerseits den beiden Ruderern Probleme schaffen, und andererseits die Führung der Schlepptrosse erschweren, da diese sich dann am Steuer des Schiffes verfangen könnte.

Es dauert jedoch nicht lange, bis dies gegeben ist. Lowanger dreht das Steuer wieder nach steuerbord, so daß das Beiboot nun in einer sanften Kurve hinter der NORDSTERN seinen Bug auf die ZYKLOPENAUGE richtet.



Zügig und mit gleichmäßigen Schlägen tauchen Hjaldar und Trolske ein ums andere mal die Ruder in das Meerwasser und ziehen kräftig durch. Auch wenn zwar nicht häufig gerudert wird, so gibt es dennoch die regelmäßigen wieder kehrenden Kraftanstrengungen bei der täglichen Arbeit, die Trolske und wohl auch Hjaldar, so stellt der alte Trolske für sich fest, natürlich gewohnt sind. So sind die beiden auch nicht so schnell um die Puste zu bringen und befördern das Beiboot Stück um Stück durch das Wasser - immer näher zu dem fremden Schiff hin.



Der zweite Offizier verzichtet darauf, irgendein Gespräch mit den anderen im Beiboot zu beginnen. Es gibt nichts zu sagen, das für die Führung des Bootes wichtig wäre - es ist für Hjaldar und Trolske vollkommen klar, daß sie rudern müssen, und die Richtung kann Lowanger festlegen, ohne etwas zu sagen, schließlich hat er das Steuer in der Hand. Und einfach so zu plaudern... das ist kaum die Art des recht wortkargen Offiziers.

So sitzt er schweigend am Steuer und zielt mit dem Bug des Beibootes etwas backbord des Bugs der ZYKLOPENAUGE, denn das Anlegen muß auf der von der

NORDSTERN abgewandten Seite des Wracks geschehen, da dort die Höhe des Decks über der Wasserlinie aufgrund der Schlagseite ein gutes Stück niedriger ist.

Ab und zu wirft er Darian und Fargus prüfende Blicke zu, um zu sehen, wie es den beiden Fahrgästen auf der kurzen Überfahrt ergeht - schließlich ist das Übersetzen auf hoher See von einem Schiff auf ein anderes ganz sicher nichts, das zu ihrem üblichen Tageswerk gehört.

Die Wellen, die in dem kleinen Boot stark zu spüren sind, drehen es immer wieder ein wenig aus dem Kurs, aber das ist für den erfahrenen Lowanger kaum ein Problem - mit sicherer Hand hält er es auf dem Kurs, während sich die Entfernung zur NORDSTERN ständig weiter vergrößert, und die zur ZYKLOPENAUGE immer kleiner wird.



Aleara sieht dem Beiboot hinterher, welches sich langsam aber sicher dem Wrack nähert.



Auf dem Beiboot: Darian auf den Wellen


Der Kapitän hatte Recht was die Wellen anbetrifft, hier in dem kleinen Boot scheinen sie riesig und schütteln das Beiboot auch ein ums andere Mal ordentlich durch. Da aber der Offizier und die Matrosen offensichtlich alles unter Kontrolle haben, besteht wohl keine Gefahr. Dennoch ist es jetzt von Vorteil, dasz der junge Magus seinen Stab nicht dabei hat, so kann er sich mit beiden Händen festhalten, schon um nicht doch versehentlich von einer Welle über Bord geworfen zu werden.



Allmählich gewöhnt sich der Adeptus an das Schaukeln in dem kleinen Boot, auch die gelegentlichen Wasserspritzer nimmt er bald nicht mehr wahr. Da man auf der Überfahrt zur ZYKLOPENAUGE seine Hilfe noch nicht benötigt, überlegt er bereits sein Vorgehen auf dem Wrack.

´Das effizienteste wird wohl ein ODEM ARCANUM sein, es ist zwar nur eine sehr oberflächliche Clarobservantia, jedoch bringt sie sofort die Gewißheit ob überhaupt Magie gewirkt wurde. Desweiteren hat der ODEM den Vorteil, dasz ich mich ihm nicht allzusehr nähern musz, meist wehrt sich ein Opfer der Controllaria, ja gegen eine Untersuchung ... ´

Was Darian dabei allerdings nicht bedenkt: Was könnte es überhaupt für ein Motiv für einen solchen Zauberzwang geben und weshalb wird ausgerechnet das verzauberte Schiff von Piraten überfallen?



Auf dem Beiboot: Fargus's Visionen


Obwohl die Wellen das kleine Schiffchen viel mehr durchschütteln als die GROSSE NORDSTERN, konzentriert sich der Druide nur nebensächlich auf die Sicherung seiner Person. Und als die ZYKLOPENAUGE schließlich wieder in seinen Sichtkreis gelangt, beginnt er sich auszumalen, was die kleine Schar wohl an Bord erleben wird. In Sekunden spielen sich etliche Szenen ab, wie nur er sie zu sehen vermag :

Vorsichtig öffnet der Offizier die Türe zu einer Kabine, als eine Horde großer, bärtiger Männer ihn unter ihrem Geheul begräbt. Schnell ist die wilde Meute auf dem Oberdeck angelangt und macht mit den sich Wehrenden kurzen Prozeß, Blut fließt aus deren weit aufgerissenen Mündern. "Wen haben wir denn da" spricht der größte von ihnen, offenbar der Anführer, zu den beiden verbliebenen Fahrgästen, "da werden sich die Haie aber freuen." Mit verbundenen Augen balanciert Fargus auf der Planke, vor ihm der Schrei des anderen Fahrgastes....

Hallo, Herr, kommt schnell hier rüber, hier atmen noch zwei. Schnell wie der Wind folgt Fargus dem Ruf des Matrosen. Zwei Leiber, blutüberströmt, aber noch nicht in Borons Hallen, liegen dort, eine junge Dame und ein junger Herr. Während die junge Dame mit ein paar Schrammen und dem Schrecken davonzukommen scheint, hat es den Herrn wohl schon schlimm erwischt, eine tiefe Wunde klafft an seiner Seite. Fachmännisch reinigt der Druide die Wunde und trägt dann einen sanften Film seiner stark verbesserten Wundheilsalbe auf, dem Ergebnis monatelangen Forschens. Völlig in seiner Tätigkeit aufgehend bemerkt er nicht, daß die nebenstehende Dame sich in der Zwischenzeit neben ihm aufgerichtet hatte. Plötzlich vernimmt er einen Schrei des Matrosen, dreht sich zu den beiden um und sieht, wie das Weibsstück genüßlich ihren Dolch in dem Körper des bedauerlichen dreht, während ihr Körper sich in den eines alten Hexenweibes verwandelt. "Gut gemacht, alter Mann, ich danke Dir von Herzen" spricht sie, während sie ihren Stab gegen den Druiden richtet. Er sieht ein gleißendes Licht, bevor sich die ewige Dunkelheit über ihm ergießt.

Zurück in der weniger dramatischen Realität vermischt sich ein Schweißtröpfchen auf seiner Stirn mit dem auf ihm gelandeten aufgespritzten Wasser.

'Beherrsche Dich, mein Freund, sicher droht von dem Schiff keinerlei derartige Gefahr.'



NORDSTERN: Wieder auf der Brücke


Gemessenen Schrittes geht der Kapitän über das Deck seines Schiffes nach Achtern, vorbei an der Ladeluke neben dem Platz, wo üblicherweise das Beiboot lagert, vorbei an Matrosen, die an den Winden darauf warten, die Segel wieder in den Wind zu drehen, und schließlich vorbei am hinteren Niedergang.

Jergan geht vor dem Achteraufbau in Richtung Backbord, und dann den Aufgang auf das Brückendeck empor, wo Fiana am Steuer steht, und der Schiffsmagier ebenfalls noch in der Gegend herumsteht. Letzteren ignoriert er völlig, und bleibt dann in Fianas Nähe stehen, den Blick halb ihr, und halb dem Boot, das gerade das Heck der NORDSTERN umrundet, zugewandt.

"Mal sehen, wie sich die NORDSTERN mit dem Kasten im Schlepp so macht...", sagt er in einem lockeren Plauderton, denn momentan gibt es im Grunde nichts wichtiges zu sagen, und auch wenn Fiana nicht unbedingt zu seinen bevorzugten Gesprächspartnern gehört, so ist ihm ein Gespräch mit ihr noch um Größenordnungen lieber, als jede Bemerkung, die Ottam so sagen könnte.



Fiana antwortet dem Kapitän, unterbricht dabei jedoch nicht das Beobachten des Abstandes der beiden Schiffe.

"Die NORDSTERN ist ein gutes Schiff, aber die Ruderanlage macht mir schon ein wenig Sorgen. Die Belastung mit einem Schiff im Schlepp ist nicht ohne. Aber es ist ja nicht mehr weit bis zum Hafen."

Nach einer kurzen Pause setzt sie nach:

"Und ich kann mir nicht vorstellen, daß man ohne dem Wohlwollen Efferds einen solchen Angriff überleben kann. - Das läßt mich hoffen, daß er seine Hand auch über uns hält, wenn wir dem Mann helfen"

Man merkt Fiana an, daß im zweiten Teil ihrer Aussage sowohl Gottvertrauen, als auch Hoffnung mit schwingt, denn hatte die zuvor die Möglichkeit einer Falle ausgeschlossen, so bringt sie die Tatsache das offensichtlich noch eine größere Menge Geld an Bord ist wieder ins Zweifeln.

'Die Drachen hätten nie so viel Beute zurückgelassen, wenn sie erst mal so weit sind'



Bei Fianas Worten zur Ruderanlage nickt der Kapitän, da hat sie einfach recht, und es ist ein bekanntes Problem.

"Weit ist es in der Tat nicht mehr, aber mit diesem Ding im Schlepp sind wir natürlich viel langsamer. Ich denke, wir können Efferd danken, wenn wir es schaffen, mit der Dämmerung oder kurz nach dieser Salzerhaven zu erreichen."

Er senkt die Stimme wieder ein wenig.

"Dem Mann zu helfen... das ist einfach. Ich weiß im Moment nicht genau, wem wir wirklich helfen, denn sein Interesse an der Bergung ist wirklich ungewöhnlich hoch, finde ich. Alle anderen Schiffbrüchigen, die ich bisher aufgenommen habe, oder mit denen ich geredet habe, denen war das eigene Leben erst einmal viel wichtiger als die Bergung eines ganzen Schiffes."

Jergans Stimme ist dabei nachdenklich geworden, und es ist gar nicht so klar, ob er überhaupt noch mit Fiana redet, oder doch eher nur mit sich selbst.



Langsam und ebenfalls nachdenklich antwortet Fiana dem Kapitän, ohne darüber nachzudenken, ob dieser vielleicht mit sich selbst gesprochen hat.

"Mir erscheint das alles etwas - unwirklich -, ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß nach einem Überfall durch Drachenschiffe noch solche Mengen Geld an Bord sein können. Das widerspricht vollkommen ihrem sonstigen Verhalten. Es ist ja schon sonderbar, daß das Schiff überhaupt noch schwimmt. Wenn ihr mich fragt, ist das entweder doch noch eine Falle - Efferd schütze uns - oder der Überlebende hat einen wirklich guten Draht zum Herrn Efferd. Und natürlich habt ihr recht, jeder andere Schiffbrüchige würde mit Freuden an Bord kommen und Efferd danken das er seinen sinkenden Kahn verlassen kann - alles sehr seltsam"



Jergan schüttelt kurz den Kopf.

"Daß es noch schwimmt, das verwundert mich eigentlich eher weniger - so eine Karavelle versinkt auch nach einem Rammstoß nicht sofort. Wobei das mit einem Drachenboot auch kaum möglich ist. Ich vermute, daß das Schiff bei den Kämpfen Schaden genommen hat, vielleicht ist es auch mit einem der Piratenschiffe zusammen gestoßen beim Entern. Daß Efferd seine Hand schützend über die ZYKLOPENAUGE hält, steht natürlich außer Frage, schließlich hat er dafür gesorgt, daß wir rechtzeitig hier angekommen sind. Rechtzeitig sogar in zweierlei Hinsicht - zum einen dazu, um die Piraten fliehen zu lassen, wie ich denke, und andererseits rechtzeitig für die Bergung."

Leiser fügt er hinzu:

"An eine Falle glaube ich nicht, sonst hätte ich nie das Beiboot geschickt."



"Das war es auch nicht was ich meinte, mit 'schwimmt noch'. Vielmehr wundert es mich, daß die Piraten das Schiff nicht absichtlich versenkt haben, denn ich bin mir sicher, sie haben uns auch gesehen. Normalerweise hinterlassen sie keine Zeugen oder Beweise. Das ist ein weiterer Stein im Puzzle der nicht passen will. Aber wie dem auch sei, die ZYKLOPENAUGE und der Überlebende muß unter unter dem persönlichen Schutz EFFerds stehen, sonst hätte eine solche Reihe von Ereignissen nicht passieren können. Das ist es auch, das mir die Möglichkeit einer Falle wieder unwahrscheinlicher werden läßt."



"Das wohl!" erwidert der Kapitän auf die Worte der ersten Offizierin. Man kann vermutlich stundenlang über dieses Thema debattieren, und wird sicher doch neben der Wahrheit bleiben, wenn diese denn überhaupt jemals offenbar wird.

So spart Jergan sich weitere Worte, und blickt wieder einmal hinüber in Richtung des Wracks, und dann schließlich zu dem kleinen Boot, daß die Hälfte der Entfernung bis zum Ziel schon bewältigt hat.



Zu den letzten Worten des Kapitäns nickt Fiana nur und kümmert sich weiter um ihre Aufgabe



NORDSTERN -Vordeck: Am Geschütz


Mit einem anerkennenden Nicken geht Frau Reckinde von Beibach und Bruch um das Schiffsgeschütz herum. Sie prüft das Holz, betrachtet die Mechanik und erkennt beeindruckt den gepflegten Zustand der Bordwaffe.

Sie lächelt und das ist ein sehr ungewöhnlicher Ausdruck für die Freifrau. Jedem, der sie kennt würde bei diesem Anblick ein eisiger Schauer über den Rücken laufen, denn in der Regel ist die Freifrau nur dann so vergnügt, wenn sie irgend jemanden in die Knie gezwungen hat oder aber kurz davor steht eben solches zu tun.

Tatsächlich hat der Gedanke an Kampf und Zerstörung etwas sehr vitalisierendes für Frau Reckinde. Im Augenblick ist sie dabei sich vorzustellen, wie ein solides Geschoß einen herrlichen Bogen beschreibt, um dann punktgenau am Zielort einzuschlagen. Das Plankenholz gibt nach, wird regelrecht zerschmettert und das Geschoß wird, getrieben durch unglaubliche Kräfte in den Innenraum des Schiffes gepreßt.

Was für ein Geräusch würde es da geben? Wie würde es sein, wenn das Wasser dann eindringt, das Schiff flutet und dann mit Macht in die Tiefe zieht? Reckinde atmet tief durch und lächelt noch immer satt und zufrieden.

'Was für ein angemessenes Ende für einen Feind!' denkt sie sich und dieser Gedanke tut ihr gut.

Fast wäre die Freifrau über einen Mann gestolpert, einen Matrosen, der dort faul, fast regungslos herumlungert und den sie deshalb fast übersehen hätte. Dann kommt auch noch eine Seefrau bugwärts gelaufen. Das paßt Reckinde nicht, das stört ihre Andacht, nährt aber auch ihre Hoffnung die Rotze in Aktion zu sehen.



Interessiert sieht Nirka zu, wie die Frau, die die Luxus-Suite bewohnt, das Schiffsgeschütz begutachtet. Sie bleibt darum erst einmal stehen, und geht nicht bis unmittelbar an das Geschütz heran, weil das leicht den Eindruck erzeugen könnte, sie wollte die Frau kontrollieren, was natürlich gegenüber gut zahlenden Fahrgästen hochgradig unhöflich wäre. So beschränkt sie sich auf das Beobachten, wobei allerdings ihre Muskeln angespannt sind, um rasch einzugreifen, falls die Freifrau der Abschußvorrichtung zu nahe kommen sollte - und auch, um sofort zur Stelle zu sein, falls diese eine Frage zu der Rotze haben sollte.



Frau Reckinde klopft auf das Holz des Schiffsgeschützes, stets bemüht nicht einmal in die Nähe der Winde, der Abschußvorrichtung oder ein anderes bewegliches Teil zu geraten und sie nimmt ihre Hände ganz zurück, als sie bemerkt, daß sie von Nirka beobachtet wird. Obwohl es tatsächlich so aussieht, als kenne sich Frau Reckinde mit derartigen Großwaffen gut aus und die Bootsfrau bisher keinerlei Tadel ausgesprochen hatte, weiß die Freifrau, daß gute Schützen ( ... und eine solche ist Nirka ganz bestimmt, das ahnt Frau Reckinde mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit!) noch sehr viel sensibler mit ihren Geschützen umgehen, als Musiker mit ihren Instrumenten.

Die Frau von Beibach und Bruch schätzt die Bootsfrau sehr, ihre kernige, unnachgiebige Art, den spröden, aber edlen Stolz der der Seefahrerin nivesicher Abstammung zu eigen ist, eben jene vornehme Härte, die man nur bei den Menschen aus dem hohen Norden finden kann.

Frau Reckinde stapft rüstig auf die Bootsfrau zu, die wallenden Gewänder stark raffend. Die Freifrau lächelt, daß können zumindest diejenigen erkennen, die sie schon länger kennen, alle anderen, denen die Frau von Beibach und Bruch fremd ist, müßten annehmen, es wäre eine Grimasse erzeugt von schier unerträglichen Schmerzen. Reckinde ist eine sehr, sehr ernste Frau und völlig ungeübt im Ausdruck von Freude oder Freundlichkeit.

"Bootsfrau, ich muß euch ein Kompliment aussprechen. Wie das Schiff, so ist auch das Geschütz in einem hervorragenden Zustand. Das findet man nicht oft heutzutage, daß jemandem die Güte seines Handwerks noch heilig ist.!"

Frau Reckinde schaut trotzig zu der hochgewachsenen Seefahrerin hinauf und nickt kräftig, sozusagen zur Bestätigung ihrer Aussage.

"Nun sagt, da ja im Moment kein Angriff zu erwarten ist, gehe ich davon aus, daß mit dem Geschütz das treibende Wrack versenkt werden soll. Darf ich bei diesem Vorgang zusehen. Ihr müßt wissen, ich habe gewisse Erfahrungen mit solchen Waffen. Ich ließ sie nach eigenen Plänen herstellen, es war leider nur ein mittelmäßiges Geschäft, doch es hat Spaß gemacht."

Die Händlerin zwinkert Nirka zu:

"Ich biete euch einen ganzen Dukaten, wenn es euch gelingt das havarierte Schiff mit einem einzigen Schuß zu versenken - Na? Ist das ein Angebot?"



Ein kurzes Lächeln huscht über Nirkas Gesicht, als sie sieht, daß keine Gefahr besteht, daß die Freifrau das Geschütz versehentlich auslösen könnte, eher im Gegenteil, die Art, wie sie die Rotze betrachtet, weist recht deutlich darauf hin, daß sie davon durchaus etwas versteht. Das hatte die Bootsfrau bei dieser Bewohnerin der Luxussuite nun überhaupt nicht vermutet, aber es führt immerhin dazu, daß sie in ihrer Achtung steigt - normalerweise hat Nirka für solche Fahrgäste nur wenig übrig, auch wenn sie sich natürlich hütet, das in irgend einer Weise zu zeigen.

Zu den Worten, die die andere Frau spricht, nickt sie, nachdem sie sich mit einer leichten Verbeugung für das Komplimemt bedankt hat. Dann huscht ein weiteres Lächeln über ihr Gesicht, als sie das Angebot vernimmt.

"Dieses Geschütz muss in einem solchen Zustand sein, denn schließlich ist es die einzige weitreichende Waffe, die die NORDSTERN besitzt. Ich glaube, uns beiden ist die Begeisterung für diese Art von Waffen gemein, und natürlich könnt Ihr zusehen, wenn die Rotze einmal zum Einsatz kommt."

An der Stelle macht Nirka eine kurze Pause, und fährt dann in einem etwas anderen Tonfall, den man fast schon als tröstend einstufen könnte, fort:

"Leider dürfen wir das Wrack nicht versenken. Der Kapitän hat anders entschieden, und gerade jetzt ist unser Beiboot auf dem Weg nach drüben, um eine Schlepptrosse anzubringen. An Bord befindet sich nämlich noch ein Überlebender, und der bezahlt uns dafür, sein Schiff nach Salzerhaven zu schleppen."

Sie zeigt dabei kurz in Richtung des Wracks, wo aber nicht sehr viel zu sehen ist, weil das Beiboot bereits hinter diesem verschwunden ist. Mehr Details sagt die Bootsfrau nicht, weil ihr eigenes Wissen ja auch nur aus dem stammt, was sie vernommen hat, als der Kapitän laut rufend die Verhandlung geführt hat.

"Es wird also keinen Schuß geben. Was aber eher möglich wäre, wäre eine Demonstration der Waffe, denn im Grunde wäre es ja Vergeudung, sie jetzt wieder zu entspannen, nicht wahr?"

Fast schon verschwörerisch ist der Blick, den die Bootsfrau dabei Reckinde zuwirft.



NORDSTERN -Vordeck: Angar sucht 'Deckung'


Angar beeilt sich, den Platz auf dem Sockel der Rotze zu räumen, als die Freifrau diese näher inspiziert, und er damit auch Nirkas Aufmerksamkeit auf das Geschütz gerichtet sieht. Scheinbar aufmerksam widmet er sich einigen Seilen, die auf dem Deck herumliegen, aber das ist nur Tarnung, denn er beobachtet die Geschehnisse genau genug, um zu sehen, daß Bootsfrau und Freifrau sich unterhalten. Und das wiederum wird Nirkas Aufmerksamkeit ablenken, also ist die Situation geradezu ideal!

Angar huscht ein weiteres Stück in Richtung Bug, wo er sich an einen der Poller lehnt, die im Hafen als Befestigung für die Trossen dienen, die das Schiff mit dem Kai verbinden. Kein sonderlich gemütlicher Platz, aber immerhin steht jetzt das Geschütz zwischen Nirka und ihm, und dazu auch noch die Freifrau als Ablenkung. Und... das allerbeste: Der Auftrag, sich am Geschütz bereitzuhalten, wurde nicht widerrufen, und von diesem Platz aus ist er blitzschnell dort.

Zumindest legt der "eifrige" Matrose sich diese Ausrede in Gedanken zurecht, während er versucht, eine etwas gemütlichere Sitzposition zu finden.



Auf dem Beiboot: Das 'Sturmlied'


Das gleichmäßige Säuseln des Windes, das nimmermüde Rauschen der Wellen und der rhythmische Takt der schlagenden Ruder - das ist Musik in den Ohren des alten Schiffszimmermannes. Und während er langsam die Trosse freigibt, kommen ihm langsam Erinnerungen zurück, die so viele Götterläufe lang auf dem Grund seiner Seele verborgen gelegen haben.

So drängt sich Ole zunehmend eine alte Melodie auf, die ihn mehr und mehr umgarnt, gefangen nimmt und sich in seine Gefühle schleicht, bis er das Lied zunächst fast tonlos vor sich hin pfeift, dann lauter werdend summt, um es zuletzt, als sich zögernd wieder Texte in Erinnerung bringen, lauthals zu singen.

Ole kannte das Lied aus einer Zeit, da er noch auf Drachenbooten gefahren war. Die Otta sang es beim Rudern, immer dann, wenn sich mehrere Tage ereignislos einander ablösten und die Langeweile an den Nerven zerrte. Mit dem Singen kam dann meistens auch die gute Laune zurück und die Moral verstärkte sich.

Nun kann Ole wirklich nicht behaupten, daß seine Zeit auf der NORDSTERN überwiegend ereignislos gewesen wäre, beileibe nicht, im Gegenteil! Langeweile war bestimmt nicht der Grund, warum ihm dieses Lied jetzt einfiel. Es ist vielmehr die leichte Anspannung und die nagende Neugier des Schiffszimmermannes, die ihn fast wieder jung werden läßt und damit die Erinnerungen an damals wach küßt.


Einst fuhren wir stolz durch des Meeresgott's Wut,

durch Wind und Wetter und turmhohe Flut,

des Sturmes zornig' Gebraus'

lachten wir hochmütig aus.


So verloren wir dann erst die Segel, den Mast,

dann schlugen wir Leck und ertranken dann fast,

in allergrößter Not,

begrüßten wir zornig den Tod.


Wir waren die Kinder des Todes, jedoch

Golgari entschwand, verschmähte uns noch,

so sieht uns die Sonne des Tag's

auf dem Leib eines waidwunden Wracks.


Die Sonne verbrannt' uns und das Salz fraß uns auf

die meisten von uns, die gingen noch drauf,

anstatt in der Tiefe der See,

ausgezehrt vom Kopf bis zur Zeh.


Oh EFFerd, du mächt'ger, kommt mir einst die Zeit,

da Boron mir sagt, es wär' nun soweit,

oh EFFerd, verspreche mir dies:

Lad' mich ein in dein Meerparadies.


Ole singt sehr rhythmisch und kräftig. Die Melodie hüllt das kleine Boot ein, wie ein magischer Schirm, der Unheil und Gefahr von dem kleinen Kahn abhalten soll. Der Schiffszimmermann will den Ruderern ein guten Takt geben, der sie einerseits anspornt, aber auf der anderen Seite auch davor bewahren soll, daß Hjaldar und Trolske zuverschwenderisch mit ihrer Kraft umgehen. Für die beiden Magiewirkenden könnte das Lied als Ablenkung dienen, obwohl der Text des Liedes nun ja nicht unbedingt viel Glück verheißt.

Aber die meisten Seemannslieder sind sehr melancholisch gefärbt und handeln meistens von der ungestillten Sehnsucht nach der Ferne. Fröhliche Seemannslieder gibt es nicht, es sei den sie erzählen vom Hafen, wenn es zu feiern gilt, das Meer wieder einmal mehr überlebt zu haben. Diese Lieder erzählen dann von 'Premer Feuer', serviert von der leichten Hand ebenso leichter Mädchen und da bleibt kaum eine Sehnsucht ungestillt.

Solche Lieder kennt Ole auch, doch wäre sie in der momentanen Situation mehr als Fehl am Platz gewesen.



Der zweite Offizier der NORDSTERN führt das Steuer des Beibootes, das inzwischen schon den halben Weg hinüber zum Wrack zurückgelegt hat, weiter mit sicherer Hand, und so, daß die Wellen möglichst wenig Wasser in das kleine Fahrzeug werfen.

Mit einem anerkennenden Nicken nimmt er Ole's saubere Führung des Seiles zur Kenntnis, und das Lied entlockt ihm, trotz des eher melancholischen Inhalts ein kurzes Lächeln - es ist eben einfach schön, wenn an Bord gesungen wird.

Und so, angetrieben von der Kraft eines Matrosen und eines Fahrgastes, gelenkt von Lowangers Hand, und begleitet von Oles Lied, passiert das Boot die unsichtbare Hälfte des Abstandes zwischen den beiden Schiffen und nähert sich dem Wrack immer weiter.



Auf dem Beiboot: 'Fetzensammler'


Schon nach der zweiten Strophe von Ole's Lied beginnt Hjaldar mit zu summen. Den Text kennt er zwar nicht und auch die Melodie ist ihm nicht ganz geläufig, doch hat das noch nie einen Thorwaler davon abgehalten in ein gutes Lied einzustimmen, bei Swafnir.

Während er mit Trolske das Boot zügig durch die bewegte, aber nicht übermäßig unruhige See rudert, läßt er seinen Blick über die Wellen schweifen, hier und dort eine imposante Gischtkrone fixierend und verfolgend, bis sich diese wieder im ureigenen Element des Herren Efferd auflöst. Doch nicht alles, was ihm ins Auge fällt, entsteht und vergeht mit dem Spiel des Windes.

"Niederhöllen! Die Fetzensammler sind auch schon da." sagt er, dabei wohl niemanden Besonderen im Boot ansprechend, während sein Augenmerk scheinbar auf die endlosen Wassermassen gerichtet ist und angewidert verzieht sich sein Gesicht.



Der Gesichtsausdruck desjenigen, der gerade den Begriff 'Fetzensammler' erwähnte, läßt Fargus nichts gutes erahnen. Dennoch verhält er sich still, eigentlich will er es gar nicht wissen, was sich dahinter verbirgt.

'Vielleicht sind es ja nur irgendwelche Aasfresser, die darauf warten, daß die ZYKLOPENAUGE sinkt' denkt er bei sich, während er versucht seine Gedanken wieder auf die vermeintlich anstehenden Aufgaben zu richten.



Hjaldars Ausruf läßt Trolske unvermittelt stocken. Während er nun mit leicht zusammengekniffenen Augen und einer tiefen Stirnfalte in die Ferne späht, verharrt er mit seinem Ruder ungewohnt lange über Wasser und stört somit erstmal den Gleichklang der Ruderbewegung.

"Ich zähle drei", bemerkt er leise, aber mit deutlichem Grimm in der Stimme.



Sicher gleitet das kleine Boot über das Meer der Sieben Winde, dem treibenden und beschädigten Ziel entgegen. Zwei Drittel des Weges mögen schon geschafft sein, vielleicht auch schon ein wenig mehr.

Lowanger hat den Kurs zwischenzeitlich ein klein wenig nach Backbord korrigiert, um das Boot weit genug vor dem Bug der ZYKLOPENAUGE passieren zu lassen - man muß es ja nicht darauf ankommen lassen, von den Wellen in die gefährliche Nähe des Wracks gedrückt zu werden.

Hjaldars Worte lassen ihn aufblicken, während er in Gedanken dem Lied Oles folgt.

'Fetzensammler?'

Sein Blick gleitet von Hjaldar weiter zum Wasser, und dann wieder zurück zu Hjaldar - jetzt mit einem ähnlichen Ausdruck, den auch dessen Gesicht zeigt. Doch auch er sagt nichts - zumindest vorerst.



´Fetzensammler? Was meint er denn damit? Was sieht er da überhaupt? Ich sehe nur Wasser.´

Darian dreht seinen Kopf so, dasz er Hjaldar ansieht:

"Fetzensammler," fragt er verwundert, "was meint Ihr denn damit?"

Sein Tonfall liegt dabei irgendwo zwischen reiner Verwunderung über den Ausruf und ehrlichem Interesse daran was denn nun diese mysteriösen ´Fetzensammler´ sind.



"Fetzensammler nennen wir eigentlich diejenigen, die auf Schlachtfeldern umher kriechen, kurz nachdem die Kämpfe vorbei sind. Die, die Tote und Sterbende plündern ... und bei den leichter Verletzten auch schon mal nachhelfen." erläutert Hjaldar mit deutlicher Verbitterung, fast schon Haß in der Stimme. "In diesem speziellen Fall: Haie."

Wie um seine Worte zu bestätigen taucht just in diesem Augenblick nur wenige Schritt (Schwimmzüge?!) vom Boot entfernt eine sichelförmige Rückenflosse aus den Wellen auf und begleitet das Boot längsseits für einige Ruderschläge, bis sie wieder in die Fluten abtaucht. Der Größe der Flosse nach muß der Hai fast genauso groß wie das Beiboot sein.

"Die Schlange steckt ihnen, wo sie Beute finden." Hjaldar muß sich zusammenreißen um nicht das Ruder los zu lassen und ein Zeichen gegen das Gottlose zu machen. "In ihren Augen ist nur seelenloses Weiß und wer von ihnen lebendig zerissen wird, dessen Seele findet keinen Eingang in EFFerds Paradies."



´Ach so, Haie meint er.´

Gerade in diesem Moment kommt so ein Hai dem Beiboot sehr nahe, gefährlich nahe aus der Sicht eines Menschen, der mit dem Meer und der Seefahrt wenig Erfahrung hat. Dementsprechend erschrickt Darian auch, als er die Sichelflosze im Wasser ausmacht. Er hat sich allerdings auch schnell wieder gefangen und lauscht weiter Hjaldars Worten.

´Schlange? Was hat HESindes heiliges Tier mit diesen Monstern ... ?´

Es dauert einen kleinen Moment bis der Adeptus begreift, dasz mit der Schlange keine normale Schlange, sondern DIE Schlange, also Hrangar, gemeint ist.

"Ja, diese Haie sind fürwahr gefährliche Bestien, die allein von ihrer Blutgier getrieben werden und die bestimmt .... "

´ .... mit Charyptoroth in Verbindung stehen,´ wollte Darian zunächst sagen, besinnt sich dann aber eines besseren. Seeleute gelten allgemein als sehr abergläubisch und wer weisz wie sie auf die Nennung eines Dämonennamens reagieren, noch dazu aus dem Munde eines Magiekundigen. Zwar lege dem hesindetreuen Magus nichts ferner, als eine sphärische Entität herbeizurufen, aber er will auch nicht den Anschein erwecken, er wäre auf dem Gebiet der Daimonologia oder gar der Conjuratio tätig. Zumal er in diesen Zeiten sehr darauf achtet sich als Magier des grauen Zweiges zu erkennen zu geben.

"... nicht unter EFFerds Schutz stehen," beendet er den Satz dann schlieszlich nach einer kurzen Verzögerung.



Lowangers Blicke wechseln zwischen dem Fahrziel, den Menschen an Bord, und den Haien im Wasser hin und her. Ihre Anwesenheit ist eigentlich ein sicheres Zeichen dafür, daß Verletzte oder Tote über Bord geworfen worden sind, denn Blut im Wasser ist ein ideales Mittel, um sie anzulocken.

Andererseits gibt auch gerade das den Menschen im Beiboot etwas mehr Sicherheit, denn solange leicht zu erreichende Nahrung verfügbar ist, werden die Haie das Boot sicher ignorieren.

Das Boot selbst hat derweil den Bug der ZYKLOPENAUGE passiert, und Lowanger dreht das Steuer wieder einmal nach steuerbord, um eine recht enge Kurve zu beginnen, deren Ende voraussichtlich die Bordwand der ZYKLOPENAUGE sein wird - etwa im vorderen Drittel, wie die Reling aufgrund der Schlagseite recht niedrig über dem Wasser ist.

Diese Kursänderung bewirkt, daß sich nun das Wrack langsam zwischen das Beiboot und die NORDSTERN schiebt, und damit in beiden Richtungen die direkte Sicht zu versperren droht.



Der Schiffszimmermann singt nun nur noch leise vor sich hin. Hjaldars Warnruf hat ihn aufgeschreckt. Er bemerkt, daß kaum noch jemand im Boot zu dem Wrack, dem Ziel des Unternehmens, hinüberblickt, sondern fast alle konzentriert das Meer betrachten, in alle möglichen Richtungen!

Haie !!!

Die Geißel der Meere, seelenlose Fleischfresser, angelockt vom Blut, ausschließlich der eigenen unstillbaren Gier verpflichtet, dem namenlosen Bösen auf das Innigste verbunden, sie wären auch eine Gefahr für das kleine Beiboot! Jetzt nur nicht kentern!

Auch Ole reckt sich, um die Wasseroberfläche nach den Unheil verheißenden Dreiecksflossen abzusuchen. Ein kleine, fast unmerklicher Ruck erinnert ihn aber wieder an seine Aufgabe. Die Trosse hatte sich leicht verklemmt. Ole löst sie und sofort gleitet das dicke Tau wieder mit Leichtigkeit ins wogende Wasser.

Der Schiffszimmermann lehnt sich ein wenig zurück und erklärt dann mit einem, etwas bitter anmutenden Lächeln:

"Die Herren Magister tät jetzt gut daran die Hände nicht über die Bordwand hängen zu lassen, sonst ist es vielleicht schnell vorbei mit der Zauberei!"



Als der Schiffszimmermann auf mit Hilfe von Gesten ausgeführte Zauber anspielt, bringt das den Adeptus unweigerlich auf eine Idee:

´Was wohl passiert, wenn man so einen Hai paralüsiert? Ob er versinkt? Oder treibt er dann an der Oberfläche?´

Kurz zieht Darian es in Erwägung es einfach kurzer Hand auszuprobieren, entscheidet sich dann aber doch anders. Zum einen ist der Hai nicht alleine und das Ausschalten eines Haies macht die anderen bestimmt erst recht wütend, zum anderen wird seine Kraft wahrscheinlich schon bald dringender gebraucht: Wo Haie sind, da ist Blut und wo Blut ist gibt es Verletzte. Wenn jetzt ein Mensch sterben müszte, nur weil Darian die Kraft für den BALSAM SALABUNDE fehlt, wäre dies wenig in Darians Sinne.



NORDSTERN - Oberdeck: Torin, Ameg und Alrik Fuxfell


Daß Ameg gleich hinter ihm den Niedergang verläßt, sieht Torin mit Wohlwollen. Etwas seitlich hinter Alrik stehend blickt er aufmerksam und sehr mißtrauisch zum Brückendeck.

Dort am Heck der NORDSTERN stehen die erste Offizierin und der Kapitän zusammen und reden miteinander. Der etwas im Hintergrund stehende schwarzberobte Magier scheint allen Worten der Beiden gierig zu folgen. Fast sieht es so aus, als ob die dunkle, mit silbernen Verzierungen angereicherte Robe des Magus das Umgebungslicht geradezu auffangen und einsaugen würde.

'Wenn ich nicht wüßte, daß er der Schiffszauberer ist, würde ich ihn für einen möglichen Täter halten.'

Ein leichtes Gefühl der Kälte erfaßt Torin und schnell blickt er weiter zum Oberdeck.

'Und trotzdem ist er mir nicht geheuer.' beendet er seinen Gedankengang. Dann erfassen seine Augen Phexane...

'Sie ist also auch schon auf Deck. Gut.'

...und die Katze in ihren Armen. Sofort rollen seine Augen 'gen Himmel und er seufzt leise.

'Diese Frau soll mal einer verstehen...'

Dann jedoch entdeckt er den Matrosen im Ausguck.

'Es ist nicht mehr der dunkelhäutige Bursche.'

Sein Blick kehrt suchend auf das Oberdeck zurück. Schnell hat er den roten Kopfschmuck in der Menge der Leute entdeckt. Geradezu wie ein Leuchtfeuer sticht das Rot gegen den blauen Horizont, den das Meer stellt.

Doch auch er ist nicht in der Nähe des Kapitäns. Nicht einmal mit einem Wurfmesser könnte er ihn wirklich gefährden.

'Unterschätze niemals deine Gegner, Torin.' hört er eine warnende Stimme in seinen Gedanken. Kurz presst er die Lippen aufeinander. Dann gleitet sein Blick weiter zum Schiffsjungen, der bei diesem kleinen, fetten Diener und dem feinen Herrn steht. Torin springt beinahe zurück, so stark schlägt ihm die Erinnerung ins Gesicht.

'Miu pikusch! Hoffentlich hat der Kerl mich nicht gesehen. Ich habe ihn ja wirklich derb beleidigt!'

Geschickt manöveriert sich Torin so, daß der Graugerobte zwischen ihm und di Vespasio steht.

'Zumindest etwas Schutz. Solange, bis ich mich bei ihm entschuldigt habe...'

Dann jedoch merkt er, daß er sich gerade anschickt, hinter Alrik Fuxfell, dem Bruder Phexanes in Deckung zu gehen und ein verlegenes Lächeln fährt auf sein Gesicht. Als er sich wieder zu seiner vollen Größe aufrichtet, tippt er dem Magus leicht auf die Schulter.

"Verzeihung, könnt ihr uns helfen?"



NORDSTERN -Oberdeck: Phexane und das Kätzchen


"Du bist ja niedlich!" sagt Phexane zu dem Kater auf ihrem Arm. "Wie heißt du überhaupt?"

Phexane guckt etwas ratlos.

'Ich habe glatt vergessen, nachzufragen, wie das Kätzchen heißt! Aber ich konnte ja auch nicht so lange herum trödeln. Na ja, egal, ich frage am besten jemanden hier an Deck. Aber zuvor sollte ich aufpassen, daß dem Kapitän nichts geschieht. Am besten postiere ich mich am Aufgang zum Brückendeck. Bevor jemand hinauf stürmen will, muß er erst mal mich überwinden. ... Oh je ....'

Bevor sie sich auf dem Weg zu dem Aufgang macht, schaut sie zu dem anderen Niedergang, wo erst Ameg hochkommt und dann Torin Rotmarder.

'Gut, die beiden sind auch da. Der Kleine wird zwar im Kampf wohl nicht hilfreich sein, aber dafür hat er mit Sicherheit gute Augen und Ohren.'

Doch dann sieht sie, wie Torin, nachdem er sich kurz an Deck umgeschaut hat, sich hinter Alrik versteckt.

'Was soll das denn???'

Aber dann spricht er auch schon den Magier an.

'Hm, er ist irgendwie ein ulkiger Kerl ...'

Phexane schlendert zum Aufgang. Sie streichelt Traumauge weiter und versucht den Eindruck zu erwecken, sie hätte an Deck kein besonderes Ziel. Unterwegs blinzelt sie noch ein paar Male mit den Augen. Das Brennen ist noch immer nicht ganz vorbei und hier oben, bei Tageslicht, kann ein etwas aufmerksamer Beobachter auch ihre verweinten Augen bemerken.



Traumauge schnurrt wie ein Weltmeister und er vermag es seine Niedlichkeit noch zu steigern. Die kleine, rosa Katzenzunge steht vieleicht einen zehntelfinger aus dem Mäulchen hervor und erweckt zusammen mit dem kleinen runden Köpfchen und den großen Augen einfach Beschützerinstinkte. Ja, es scheint, dieser Kater ist sicher das niedlichste und liebesbedürftigste Katzentier Deres, man muß ihn einfach liebhaben.

Weiter schmiegt er sich an Phexane und streckt seine kleine Stupsnase der ihren entgegen.



Phexane macht einen geradezu fatalen Fehler: sie blickt hinab zu Traumauge und verfällt somit endgültig seiner Niedlichkeit!

"Ooooh, du bist ja so eine süße Mieze!" quietscht Phexane.

Als er ihr dann noch sein Stupsnäschen entgegenstreckt, hebt sie ihn etwas weiter hoch, so daß er mit seinen Vorderpfoten auf ihrer Schulter liegen kann, während sie ihren Kopf vorsichtig an ihn lehnt und die Augen schließt.

"Du hast ja so weiches Fell! Am liebsten würde ich dich behalten!" Phexane überlegt kurz.

'Eine Katze habe ich noch nie geklaut - nur einmal ein Pferd kurz 'ausgeliehen'. Aber das habe ich auch schnell genug bereut.'

Dann aber nimmt sie ihn wieder auf den Arm und krault ihm weiter hinter den Ohren.



Traumauge genießt, und wie er genießt. Er schmiegt sein Köpfchen an Phexanes Wange und wohlige Wärme geht von seinem weichen Fell aus, mit dem er sanft die Wange streichelt. Die Vorderpfoten legt er sanft auf ihre Schultern, dabei hebt abwechselnd eine der beiden Vorderpfötchen und erzielt so einen leichten Massage-Effekt. Die weichen Pfötchen sind sehr angenehm, da ganz zart. Die Krallen bleiben natürlich sicher eingefahren. Traumauges buschiger Schweif wiegt sanft nach oben gerichtet im Takt mit und zeigt neben dem Schnurren wie sehr es dem kleinen Kater gefällt so liebkost zu werden. Gerade das hinter den Ohren kraulen ruft schnurrige Verzückungen hervor.



NORDSTERN -Kombüse: Garulf und Wasuren


Jetzt wo die Katze weg ist, kann Garulf endlich tun was er eigentlich vorhatte. Das leere Wasserfasz musz noch in den Laderaum, hier in der Kombüse wird es mit zwei Fäszern doch etwas eng. Ein leeres Fasz ist zwar erheblich leichter als ein volles, jedoch genauso grosz. Deshalb hebt er es erstmal etwas umständlich auf den Gang hinaus. Nun mit dem Fasz im Gang stehend zögert Garulf jedoch noch damit weiterzugehen, schlieszlich steht noch Wasuren und die Katzenfrage im Raum.



Als Phexane mit der Kater verschwunden ist und der Koch mit dem Faß auf den Gang kommt. Meint Wasuren zu diesem :

" Ja, ich meine wir hatten zwei Katzen an Bord. Die ältere ist in Thorwal von Bord gegangen ... worden"

Das letzte Wort nuschelt Wasuren unverständlich in seinen Bart. Dann spricht er schnell weiter.

" Was hast du denn mit dem Faß da vor? Kann ich dir irgend wie helfen? "



´Die Katze ist von Bord gegangen? Merkwürdig.´

Offenbar steckt mehr hinter dem Katzenverschwinden als der Matrose zugeben will, sonst käme er ja auch nicht so eilig auf das Fasz zu sprechen.

"Das ist nur ´n leeres Fasz, soll in´n Laderaum zurück,"

Moment, hatte der andere nicht leichtfertig seine Hilfe angeboten?

"Aber zu zweit geht das natürlich einfacher," fügt er daher nach kurzer Pause hinzu.



" Och, ich pack gerne mit an! " meint Wasuren ermuntert, nun doch etwas Praktisches tun zu können.

Wasuren begutachtet kurz die Faß-Situation, dreht es ein wenig damit er besser zupacken kann und meint dann zum Smutje :

"Können wir dann loslegen? " fröhlich schaut er Garulf voller Tatendrang an und kommt dabei schon wieder etwas ins Überlegen und Gedanken rücken.

'Endlich mal wieder etwas Produktives auf diesem Schiff. Hm, wo die wohl alle sind ? Ameg sagte vorhin etwas von nem fremden Schiff und so was. Fiana war vorhin auch so schnell weg. Ach was solls Xenia is ja hin gelaufen um nach zu sehen, vielleicht kann die mir ja was erzählen. Oder soll ich doch schnell mal nach sehen gehn wenn ich Zeit hab?'



Erfreut, dasz der andere Matrose so bereitwillig mit anpackt, greift Garulf das andere Ende des Faszes. Nachdem er es angehoben hat, sagt er zu Wasuren:

"Und los gehts!"

Und macht auch sogleich einen Schritt Richtung Niedergang.



NORDSTERN - Oberdeck: Torin, Ameg und Alrik Fuxfell


Aus seinen Überlegungen gerissen dreht sich der Magus um. Verwirrt schaut er den Mann vor sich an, dann fällt ihm ein das dies der Mann ist der immer um seine Schwester herumscharwenzelt.

"Ihr wünscht?? Wobei braucht ihr meine Hilfe?" fragt er Torin und schaut ihn fragend an.



Als sich der Magier umdreht, merkt Torin, daß dieser durch die Robe größer erscheint als er wirklich ist. Er erwidert den fragenden Blick des Magiers und antwortet in einem Tonfall, daß es nur der Angesprochene und Ameg hören können.

"Euere Schwester und ich sind der Meinung, daß es sich bei dem Schiff um eine Falle handelt. Weiterhin bin ich der Meinung, daß vielleicht einer der Passagiere mit den Piraten auf gleiche Rechnung macht."

Torin macht eine kurze Pause um an dem Magier vorbei auf das Vordeck zu blicken. Er zuckt leicht zusammen, als er sieht, wie dieses dunkelhaarige Weib aus der Luxuskabine um das große Geschütz tänzelt.

'Wie eine fette Spinne, die ihre Beute umgarnt.'

Doch zum Glück ist sie nicht alleine bei dem Geschütz. Die Bootsfrau und auch ein Matrose stehen in ihrer Nähe und würden bei einer falschen Bewegung dieser Person sicher die richtigen Handgriffe kennen, um sie nicht an der Waffe hantieren zu lassen.

Dann kehrt sein Blick zu Alrik zurück.

"Euere Schwester meinte, ihr könntet uns beim Auffinden dieser Person hilfreich sein."

"Habt ihr eine Ahnung, wer diese Person sein könnte? Ist euch vielleicht sogar etwas Ungewöhnliches aufgefallen?"

Er dreht sich kurz zu Ameg hin.

"Hast du irgend etwas Auffälliges beobachtet?'



'heya... ob mir was aufgefallen ist? oh...'

"öh", sagt Ameg erst einmal und läßt seinen Blick kurz noch einmal über das Schiff gleiten. "also unt'n, da wo imma alle essen, ham' vorhin Xenia, Jarun, Wa... Wasusen, oder so .. und noch jeman' von'en Seeleut'n irgen'was mit'n'ander geredet.."

Ameg denkt angestrengt nach, aber ihm will nichts besonders Auffälliges einfallen. Zumindestens nicht von unter Deck wo er gerade herkommt. Hier oben sieht das ganze schon ein wenig anders aus. Noch einmal läßt er kurz seinen Blick schweifen. Er entdeckt jetzt auch, daß auf dem Mast jemand anderes sitzt... (und offensichtlich sind die beiden von vorher heil herunter gekommen, da kein riesiges Loch im Deck ist..) und das das Beiboot schon unterwegs ist, was Torin aber auch bemerkt haben sollte. So fügt er nur, mit einem Nicken in Richtung Ausguck hinzu:

"da obensitz' jeman' anders..."

Doch schließlich fällt sein Blick noch einmal zum Vorderdeck und auf Reckinde und ihr Gebahren an der Rotze. Einen Moment zögert Ameg, doch dann zeigt er mit dem Finger auf sie und meint leise zu Torin und Alrik:

"un' die da find' ich seltsam.."



'Ein Helfer der Piraten an Bord??'

"Nun ich glaube nicht das es jemanden hier an Bord gibt, der etwas mit den Piraten zu tun hat. Viel mehr Sorgen machen mir die Spannung zwischen dem Schiffsmagus und dem Kapitän, das beste wäre sicherlich wenn wir die Augen offen halten."

Alrik schaut sich kurz um als Suche er jemanden bestimmtes, dann wendet er sich wieder Torin und Ameg zu:

"Und wir sollten ein Auge auf meine Schwester haben, mir scheint sie hat die Angewohnheit sich in Schwierigkeiten zu begeben!"



Ameg hat das Gefühl als entgeht ihm gerade irgend etwas, wovon Torin und dieser Mann da offensichtlich glauben, daß er es weiß. Aber Ameg hat nicht die geringste Ahnung wer denn diese ominöse Schwester sein soll, auf die er und Torin aufpassen sollen.

Völlig verwirrt wendet sich Ameg schließlich an Torin und fragt ihn:

"wer is'n seine Schwester?"

Ameg hofft inständig, daß es nicht diese seltsame Frau auf dem Vorderdeck ist.



Torin nickt nur auf die Ausführungen des Jungen hin. Als dieser jedoch mit dem Finger in Richtung des Vordecks zeigt, fühlt er sich darin bestätigt, daß Ameg durchaus schon eine gute Menschenkenntnis innewohnt.

Er lächelt noch zu Ameg hinunter, bevor er sich wieder dem Magier zuwendet.

Wieder hält er seine Stimme gesenkt, so daß es nur der Junge und der Magier den Sachverhalt mitbekommen.

"Ich hatte von euch keine anderen Worte erwartet."

Wie zur Bestätigung nickt Torin einmal, bevor er seine Hand zum Gesicht hebt um sich durch den Kinnbart zu streichen. Wieder einmal merkt er dabei, daß im nächsten Hafen unbedingt etwas gegen den um den Kinnbart angesiedelten Drei-Tage Bart unternommen werden muß.

"Doch bitte ich euch darum, euere Sinne geschärft zu halten. Denn falls euere Schwester und ich Recht behalten, wären euere magischen Kräfte eine gute Unterstützung zu Dolch und Florett."

Abermals blickt Torin vorsichtig zum Brückendeck und zu den Personen, die sich darauf aufhalten.

"Was ihr bezüglich der Spannung zwischen dem Schiffsmagier und dem Kapitän sagt, klingt nach einer wohl überlegten Aussage. Auch auf den Zauberer sollte man ein Auge werfen."

Torin dreht sich wieder zu Alrik und blickt ihm in die blauen Augen.

"Ich glaube, daß das eine Aufgabe für euch wäre. Denn weder euere Schwester, noch Ameg und auch ich selbst hätten im offenen Kampf gegen einen Magier keine Möglichkeit zu bestehen."

Dann jedoch lächelt Torin, als er sich an die erste Begegnung zwischen ihm und Phexane auf den Dächern von Prem erinnert.

"Was jedoch euere Schwester angeht, braucht ihr euch keine Gedanken zu machen. Ich glaube, daß sie sich mit ihrer Art sehr gut selbst aus Schwierigkeiten herausholen kann."

Als er das leichte Zupfen an seinem Mantel spürt, dreht er sich zu Ameg hin und antwortet auf dessen Frage.

"Siehst du die Frau dort hinten mit der Katze im Arm? Das ist seine Schwester. Wenn du willst, kannst du zu ihr gehen und ihr sagen, was du hier gehört hast."



Ameg schaut in die Richtung, die ihm Torin weist und ist nicht wenig überrascht.

"Das is' doch Phexane!", murmelt er leise zu sich selbst. Er schaut zurück zu dem Mann, den Torin die ganze Zeit nur mit 'Ihr' und 'Euch' anredet. Ameg mustert den Mann in der Robe ist aber von dem Anblick nicht ganz überzeugt. So schaut er mit einem Stirnrunzeln wieder zu Phexane und dann wieder zurück zu dem Mann.

'ein paar Ähnlichkeiten sind ja da... aber.. wenn die wirklich Geschwister sind... sie ist ja viel kleiner als er und er sieht viel kräftiger aus.... sollten die sich nicht viel ähnlicher sehen? ... hmm.. vielleicht macht es die Kleidung.. ob er getarnt ist? er sieht aus wie ein Magier... er muß sehr geschickt und vielleicht auch ein wenig gemein sein, wenn selbst Torin glaubt, daß der Mann mit einem Magier fertig werden würde und er selbst nicht..'

Ameg sorgt mit einem kleinen Schritt nach hinten für ein wenig mehr Abstand zu dem gefährlichen Mann und mustert ihn kurz noch einmal vorsichtig.

'Er sieht mit dieser Magier?-Robe wirklich nicht so aus wie sie...', denkt sich Ameg und flüstert dann auch etwas derartiges zu Torin:

"er sieht überhaup' nich' so aus" ...'wie jemand der Phexanes Bruder sein könnte und etwas mit Phex zu tun hat', denkt sich Ameg hinzu. 'Aber das ist eine gute Verkleidung...'



Ohne zu zögern antwortet Torin.

"Warum sollten sie keine Geschwister sein?"

'Gut, sie sehen sich nicht unbedingt sehr ähnlich, aber dafür gibt es sicher Gründe. Gründe, die vielleicht weder der Magier noch Phexane preisgeben wollen. Vielleicht haben sie verschiedene Väter? Aber das kann ich Ameg wohl kaum vor dem Magier erklären.'

"Ich sehe keinen Grund, warum sie keine Geschwister sein sollten? Meine Schwester, die vielleicht auch irgendwann deine Schwester wird, ist eine junge Elfe."

Torin sieht sich nun gezwungen, dem Jungen diese doch auf den ersten Blick verwirrende Tatsache zu erklären und fährt fort.

"Das kommt daher, daß Vater Rotmarder mehrere Findelkinder bei sich aufgenommen und großgezogen hat."

'Genau so, wie ich dich bei mir aufgenommen habe.'



NORDSTERN -Oberdeck: Anselm


'Es ist groß, es ist schwer, es ist Holz. Und bestimmt nix zu holen mehr drauf. Naja, bis die den Typen da ru'ner geholt haben vergeht noch Zeit. Genug um sich mit weiteren Passagieren bekannt zu machen.... und immer schön an deine Rolle denken.'

Und so schreitet Anselm zu Joanna und spricht zu ihr:

"Verzeihung, werte Dame. Nun fahren wir schon seit einigen Tagen gemeinsam auf diesem Schiff, doch hatten wohl noch keine Zeit uns vorzustellen. Meine Name ist Anselm Feuerbach, und der ihre?"





NORDSTERN -Oberdeck: Phexane beobachtet


Phexane beobachtet wie Torin Rotmarder mit Alrik und Ameg redet. Ihre Gedanken kehren zurück zur Gemeinschaftskabine und dem dort Geschehenen.

Sie erinnert sich an das angenehme Gefühl, das sie hatte, als Torin sie umarmte und sie in seinen Armen hielt, so als wolle er sie vor allem Übel der Welt beschützen.

Doch würde ihm das gelingen? Könnte er nicht auch so, wie der Mann, den Phexane einst so liebte, für noch mehr Kummer verantwortlich werden?

'Ich habe ihm wirklich sehr viel anvertraut. Ich frage mich, ob das so gut war. Er könnte das Wissen vielleicht irgendwie ausnutzen. Aber andererseits war es auch schön, von ihm im Arm gehalten zu werden. Hm, ich weiß einfach noch nicht so recht, was ich von ihm halten soll.'

Phexane krault Traumauge weiter, während sie nachdenkt und Torin beobachtet. Sie sieht seine braunen Haare, die Augen, die sie so fürsorglich betrachtet haben, den stoppeligen Bart, die breiten Schultern, die zum Anlehnen einladen, die Hände, die durch ihr Haar strichen ...

'Stop! Es reicht! Ich habe Wichtigeres zu tun, als mir solche Gedanken über einen Mann zu machen!' erinnert sie sich selbst an ihren Auftrag.

Sie läßt ihren Blick über das Deck schweifen, sieht die Matrosen und die reiche Dame aus der Suite bei dem Geschütz, Frizzi mit dem kleinen, untersetzten Diener der Dame und dem Schiffsjungen, den Elfen, der eher etwas teilnahmslos herumsteht, den einen Mann aus der Gemeinschaftskabine, der die andere Frau, die ebenfalls die große Kabine mit bewohnt, anspricht ....

'Der wirkt irgendwie unscheinbar - diese 'Größe', die Kleidung, das Auftreten ... eigentlich könnte man ihn für einen ganz normalen Fahrgast halten. Sehr normal! Geradezu auffällig normal! Was ist, wenn er einer der Piraten ist, die sich an Bord geschmuggelt haben? Dann ist diese Verkleidung nicht schlecht gewählt!'

Phexanes Augen verengen sich leicht und sie bekommt den Blick eines Raubvogels, der gerade eine Beute erspäht hat.

'Die anderen hier an Bord scheiden größtenteils aus. Der Elf ist zu naiv, um ein Pirat zu sein. Dieser Frizzi di Dingsbums ist so was von auffällig! Außerdem ist er adelig - der würde sich niemals bei Piraten die gefeilten Fingernägel schmutzig machen! Der kleine Diener wirkt ziemlich trottelig und linkisch. Seine Herrin dagegen ... na ja, die Art und Weise, wie sie um diese Rotze herum tänzelt ist schon beunruhigend. Aber auch die ist nicht der Typ Mensch, der mit Piraten kooperieren würde. Die Frau aus der Gemeinschaftskabine ... hmmm, bisher wirkte sie sehr nett. Nein, ich denke nicht, daß sie ein Pirat ist! Die anderen gehören zur Mannschaft. Da bin ich mir nun auch nicht so sicher. Aber dieser unscheinbare Kerl .... der führt was im Schilde.'

Sie mustert Anselm Feuerbach etwas genauer.

'Aber wie will er das bewerkstelligen? Hat er vielleicht versteckte Waffen bei sich? Oder wartet er einfach nur ab, bis er Verstärkung vom Wrack oder von einem Schiff, das uns verfolgt, bekommt?'

Phexane seufzt kurz und leise.

'Wie auch immer. Ich sollte am besten mal mit den anderen reden. Vielleicht kann Alrik mit ein bißchen Hokus-Pokus was herausfinden.'

Bevor Phexane allerdings sich auf dem Weg zu der kleinen Gruppe am vorderen Niedergang macht, sieht sie, wie Torin Rotmarder zu ihr schaut und dann etwas zu Ameg sagt.

'Hm? Redet er über mich? Wohl hoffentlich nicht über die Sache in der Kabine! Das würde ich ihm übel nehmen!'

Sie hält noch immer den verschmusten Traumauge auf den Arm, als sie zu Alrik, Ameg und Torin geht.



NORDSTERN -Brücke: Der Kapitän


Das Brückengespräch scheint beendet... auf Jergans knappe Erwiderung kam von der ersten Offizierin nur noch ein Nicken, aber im Grunde war das Thema ja ohnehin nicht wirklich ergiebig und für ein längeres Gespräch geeignet. Der Sinn lag ja - aus Jergans Sicht - eigentlich auch eher darin, dem Schiffsmagier zu entgehen, und diesen Sinn hat es ja auch erfüllt. Zumindest für dieses eine Mal, wie er hofft.

Die Blicke des Kapitäns schweifen hinüber zum Wrack, und zum Beiboot, das gerade hinter diesem verschwindet. Damit wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis die sechs Menschen von der NORDSTERN das jetzt wie ausgestorben wirkende Deck des anderen Schiffes betreten werden - und damit vielleicht auch schon erste Hinweise auf die Lösung der Rätsel finden werden, die momentan wohl fast alle Menschen auf der NORDSTERN bewegen.

Ganz kurz erregt eine Bewegung im Wasser die Aufmerksamkeit des Kapitäns - ganz in der Nähe des Wracks, und natürlich damit auch in der Nähe des Beibootes. Er kneift die Augen ein wenig zusammen, aber im Grunde ist das kaum nötig - als erfahrener Seemann weiß er auch aus fünfzig Schritt Entfernung, was das ist. Doch... er weiß, daß das Lowanger und die anderen Seeleute auch wissen, und damit umzugehen verstehen.

Flüchtig huscht der Gedanke, daß solche Überlegungen von der Brücke der NORDSTERN aus, die etwas mehr als vier Schritt über der Wasserlinie liegt, ganz einfach und beruhigend sind, in dem kleinen Boot, wo man das Wasser anfassen kann, ohne sich zu verrenken, sieht das natürlich ganz anders aus.



NORDSTERN -Oberdeck: Efferdan auf dem Posten


Efferdan nimmt seine Aufgabe ernst, schließlich ist sie nicht ganz unwichtig und irgendwie freut sich Efferdan, daß er diese Aufgabe zugewiesen bekommen hat. Offentsichtlich scheint Lowanger Vertrauen in seine Arbeit zu haben...

So prüft Efferdan auch weiterhin den Sitz der Knoten und das Spiel der Trosse. Plötzlich geht ein kurzer Ruck durch das Tau.

`Efferd hilf! Hat es sich irgendwo verhakt?`

Fieberhaft beugt sich Efferdan über die Reling, um nach der Trosse und dessen Lauf zu sehen.

`Alles in Ordnung, vielleicht..`

die Trosse entspannt sich wieder

`... oh, das Problem lag auf dem Beiboot. Da hat wohl einer geschlafen... aber jetzt ist ja wieder alles in Ordnung.`

Weiterhin hält Efferdan Wacht, niemand soll nachher Grund zur Klage haben!



Immer noch steht Efferdan getreu am Poller, an dem das Schlepptau festgebunden ist. Er würde seine Aufgabe erfüllen, komme was wolle! Zweifellos eine wichtige Aufgabe - und irgendwie fühlt sich Efferdan geehrt, daß auch noch niemand gekommen ist, um ihn zu kontrollieren. Das ist immer ein schöner Moment für einen Matrosen - wenn er merkt, daß man ihm anscheinend vertraut.

Ach ja.

Wie anders war das doch auf dem ersten Schiff, auf dem er war, damals, als er in Havena als Schiffsjunge anheuerte. Allein bis er einen Kapitän gefunden hatte, der bereit war ihn mitzunehmen...oft schlug ihm Ablehnung und - ja, so etwas wie Furcht entgegen.

Wieso nur?

Und als Schiffsjunge - das war kein angenehmes Leben. Der Bootsmann war ein Schinder, mit einer neunschwänzigen Katze im Maul - hatte wenigstens Abi gesagt... Jaja, Abi. Eigentlich hieß sie ja Abigunde, aber ihren vollen Namen auszusprechen kam einer Aufforderung zum Verprügeltwerden gleich. Sie hatte sich seiner angenommen, damals, als er auf der "Heiligen Elida XII" anheuerte, als junger Bursche, dem gerade die Mutter gestorben war...

"Mutter..."

Ein leises Schluchzen entflieht Efferdans Mund. Zieht da nicht eine Träne ihre salzige Bahn über seine rechte Wange? Traurige Augen richten sich auf das Meer, versuchen es zu durchdringen, hinabzusteigen in Efferds Reich, so als könnte er hoffen seine Mutter dort fröhlich und lachend zu sehen. Seine Mutter: Ailill Peresen - Geweihte des Efferd in Havena - starb bei der Rettung einiger Ertrinkender...

Wohl hätte sich Efferdan in der Vergangenheit verloren, als ein Knarren ihn auffahren läßt.

`Das Tross!`

Hastig stürmt er vor - und wirklich. Gerade scheint es, als wolle sich das Seil an Reling und Want verheddern.

`Efferd sei Dank, das ich es rechtzeitig bemerkt habe...`

Eilig aber mit geschickten Fingern sorgt Efferdan wieder für ein freies Spiel des Seils...



NORDSTERN -Vordeck: Rotzenfachfrauen


Frau von Beibach und Bruch nickt eifrig und zustimmend:

"Das Geschütz unbenutzt wieder zu entspannen wäre nicht nur Vergeudung, sondern fast schon eine Sünde!"

Reckinde lächelt und sie gewinnt dabei sehr viel Ähnlichkeit mit jenem mörderischen Seegetier, welches momentan, unbemerkt von den forschenden Augen auf dem Oberdeck, um Wrack und Beiboot im Wasser kreist. Aber Reckinde meint es nicht so, sie fühlt sich vielmehr freundlich gestimmt und die Unterhaltung mit Nirka tut ihr gut.

Die Freifrau streichelt das Holz des Geschützes, als wäre es ein liebes Haustier. Aufmerksam betrachtet sie die Windungen der Spannseile. Dann sagt sie zu Nirka:

"Ich habe eine Faser aus dem Süden des Kontinentes gesehen, der, zum Seil gewirkt, eine hohe Dehnbarkeit und Spannkraft zu eigen ist. Damit könnte man die Schußweite dieser Rotze fast verdoppeln. Man könnte aber auch bis zu drei kleiner Spulen einbauen, ohne die Leistung dieses Geschützes hier zu unterschreiten. Mit einer ausgebauten Mechanik wäre es dann möglich bis zu drei Schuß hintereinander, im Takt eines Fingerschnippens abzuschießen!"



Nirka beobachtet den Umgang der Freifrau mit der Rotze nach wie vor, aber längst nicht mehr mit dieser gespannten Aufmerksamkeit. Jetzt spricht aus ihrem Blick eher Neugierde und Verständnis, als die Befürchtung, daß etwas unvorhergesehenes passieren könnte.

"Das mit diesen Seilen habe ich auch gehört, als wir das letzte Mal im Süden waren. Allerdings wäre das nicht so einfach auszutauschen, denn das würde dieses Geschütz von seinem Aufbau her gar nicht aushalten - es würde unter der Spannung des Seiles zerbrechen, oder beim Abschuß zu einer Gefahr für die Mannschaft werden."

Sie mustert das Geschütz dabei, als überlege sie in der Tat, etwas zu verändern.

"Und mehr als ein Schuß... das wäre natürlich auch fein, aber schließlich ist das hier kein Kriegsschiff. Wenn uns jemand, der gut ausgerüstet ist, überfallen möchte, dann kann er das tun, da hilft die Rotze dann auch nur wenig. Und als Abschreckung... da tut sie es auch so, wie sie ist."

Nirka tritt wieder ein Stück näher, und dreht das Geschütz auf seinem Sockel vorsichtig ein Stück, so daß es jetzt wieder mehr nach vorne als nach Backbord zielt, und auch nicht mehr auf die ZYKLOPENAUGE gerichtet ist.

"Das Entspannen des Geschützes..."

... kommt sie wieder auf dieses Thema zurück...

"... wäre in der Tat eine Sünde, aber dazu muß ich natürlich den Kapitän befragen, ehe wir hier in der Gegend umher ballern. Außerdem hätte ich gerne ein Ziel - einfach so ins Wasser schießen, das ist nicht wirklich schön, und auch keine Herausforderung."



Frau Reckindes Mundwinkel zucken nach unten und auf der Mitte ihrer Stirn, dort, wo ihre buschigen Augenbrauen zusammenstoßen, bildet sich eine steile Falte. Die Dinge entwickeln sich nicht nach ihrem Geschmack.

Woher soll man jetzt ein Ziel für den Abschuß eines Torsionsgeschützes hernehmen, wenn das Wrack schon für unberührbar erklärt worden ist. Irgendein Ziel aussetzen kann man ja auch nicht, denn wenn das havarierte Schiff in Schlepp genommen wird, schränkt dies die Manöverierfähigkeit der NORDSTERN entscheidend ein. Das ist sogar der Freifrau klar, obwohl sie von der Seefahrt gerade so viel Ahnung hat, als daß Schiffe über dem Wasser schwimmen.

In der Erörterung der Geschützmechanik will sie sich jedoch noch nicht geschlagen geben, doch sie weiß, daß die Bootsfrau Recht hat. Ein Seil aus elastischen Fasern würde den Zug der Torsionsspindeln derart erhöhen, daß sich alle Verschraubungen und Verleimungen lockern müßten. Spätestens der Abschuß würde die Struktur in einer Weise erschüttern, daß es gut möglich sein könnte, daß spätestens nach dem dritten Spannen den Matrosen die Einzelteile des Geschützes um die Ohren fliegen könnten.

Frau Reckinde klopft auf den Holzrahmen, als wolle sie dem Geschütz gut zureden.

"Nun, Bootsfrau, ich denke ihr seht das richtig. Unverändert könnte das Geschütz Schaden nehmen, wenn man auf diese Weise versuchte die Leistung und die Durchschlagskraft zu erhöhen. Das Torsionspindelgehäuse müßte natürlich mit einem Stahlband gestärkt werden und der erhöhte Zuge nach dem Abschuß müßte auch noch etwas besser abgefedert werden. Mit einem dickeren Textilgewirke wäre dies einfach zu bewerkstelligen. Etwa hier und da.. !"

Die Freifrau deutet auf die Stellen die sie meint. Es sind die Aufschlagstellen der Spannseilarme, die natürlich abgefedert werden müssen, da sie sonst durch den erhöhten Druck zerschmettert werden würden.

"Wenn wir vorgefertigte Torsionsspulen verwenden würdem, dann könnte der Umbau in kürzester Zeit erledigt sein. Ein Aufrüstung eine Mehrfach-Abschußanlage würde etwas länger dauern, da vier neue Gehäuse angebracht werden müßten, ganz zu schweigen vom Abschußmechanismus. Doch die Torsionspulen wären kleiner, handlicher und es entfiele die Verstärkung des Grundaufbau's!"

Frau Reckinde blickt Nirka ernst an.

"Natürlich ist die NORDSTERN kein Kriegsschiff und wären es andere Zeiten, würde ich euch uneingeschränkt zustimmen. Doch die Zeiten sind nicht so, sie sind gefährlich, das Wrack dort steht mir Zeuge dafür. Wenn Piraten angreifen, dann wäre es nicht schlecht noch ein 'As im Ärmel' zu haben, besonders dann, wenn sie mit mehreren Schiffen angreifen. Eine Salve von drei Schüssen sollte ausreichen um den blutgierigen Tatendrang der bösen Buben eindrucksvoll zu erschüttern. Um so mehr, als das Nachladen nach wie vor über eine einzige Winde laufen würde, also kaum mehr Zeit in Anspruch nehmen würde als es momentan der Fall ist. Stellt euch vor Frau Nirka: Sechs für zwei !!! Das könnte sich schon sehen lassen, nicht wahr?"



Auf dem Beiboot - Ort des Grauens


Während er weiterhin wachsam ein Auge auf die immer wieder mal auf- und abtauchenden Dreiecksflossen hat, rudert Hjaldar schweigend mit Trolske weiter. Als sie um den Bug des Wracks herum biegen und damit aus dem Sichtfeld der NORDSTERN verschwinden, schickt Hjladar stumm eine schnelles Stoßgebet an den Herren der Meere und schließt auch die Toten an Bord mit ein.

Von der NORDSTERN aus sah das Ganze nach einem Gemetzel der üblen Art aus und auch wenn er als Söldner solche Anblicke, wie sie sie jetzt gleich wohl erwarten, gewohnt ist - Gefallen kann er, im Gegensatz zu den 'echten' Korfanatikern, keinen daran finden.



NORDSTERN -Vordeck: Am Geschütz


"Das könnte sich sehen lassen, ja. Aber... wir werden die Rotze sicher nicht umbauen - und ich schon gar nicht, denn das wäre eine Entscheidung, die die Schiffsführung zu fällen hätte. Wißt Ihr, das Geschütz in dieser Form genügt den Ansprüchen des Schiffes vollauf, etwas leistungsfähigeres, das teurer wäre und mehr Aufwand bei der Bedienung und Wartung machen würde, lohnt einfach nicht."

Sie hält kurz inne, denn schließlich will sie die Freifrau, die ebenso wie sie selbst Interesse für Torsionsgeschütze hat, nicht abschrecken.

"Im Grunde hätte ich schon gerne ein viel besseres und stärkeres Geschütz... aber das bleibt eben ein Traum auf diesem Schiff. Die Rudermaschine ist eben weitaus wichtiger als die Rotze, das ist eben so."

Nirka sieht sich bei diesen Worten um, als suche sie immer noch nach einem geeigneten Ziel für die Rotze, denn sie hat keine sehr große Lust, das Geschütz mühsam zu entspannen.

"Im Grunde müssen wir mal wieder schießen mit dem Ding... seit Riva haben wir es kein einziges Mal abgefeuert..."

Diesen Satz sagt sie wieder mehr zu sich selbst, als zu der Freifrau, auch wenn ihr deren Nähe noch sehr deutlich bewußt ist.



Angar lehnt sich etwas weiter zurück, und schließt die Augen. Wenn das Gerede auf dem Deck nicht wäre, könnte er fast meinen, gemütlich in seiner Hängematte zu liegen, und das zu tun, was er am liebsten macht... aber dieses Gerede ist da. Warum müssen Nirka und diese komische Freifrau diese nutzlose Diskussion auch gerade hier führen?



Während die Bootsfrau auf die Fortsetzung des Gespräches wartet, fallen ihr Bewegungen im Wasser in der Nähe der ZYKLOPENAUGE auf, die von anderen - nämlich den Leuten im Beiboot, und auch dem Kapitän - schon längst entdeckt wurden, was Nirka zwar nicht weiß, was ihr aber sofort klar ist, denn DAS müssen sie drüben gesehen haben, und so, wie der Kapitän da auf dem erhöhten Brückendeck steht, kann ihm das auch nicht entgangen sein. So, als halte sie sich an eine stumme Übereinkunft, sagt auch Nirka nichts, aber ihr nun wieder auf die Freifrau gerichteter Blick wirkt plötzlich eine Spur gelöster, denn ein fast schon abenteuerlicher Gedanke beginnt, von ihr Besitz zu ergreifen.



Gedankenverloren starrt die Freifrau auf die See hinaus. Der Horizont bildet eine gerade Linie, Wellenberge, Wellentäler wechseln sich in eintöniger Gleichform ab, nicht einmal ein Seevogel wollte dieses langweilige Einerlei durch sein Dasein ein bißchen aufregender machen.

Wo, im Namen Phexens, soll man in dieser Öde aus Wasser und Luft nur ein Ziel für einen Abschuß aus dem Torsionsgeschütz finden? Jetzt abgeschossen, würde das Geschoß zischend durch den Seewind fliegen, um dann beim Aufprall, mit einem mächtigen 'Blubb', unter der Wasseroberfläche zu verschwinden, keine sehr erstrebenswerte Aussicht auf Kurzweil.

Frau Reckinde ist enttäuscht, die Dinge laufen nicht unbedingt nach ihrem Geschmack. Die Freifrau ist ganz froh darüber, daß sich auch Nirka in Schweigen hüllt, was anderes hätte sie auch nicht erwartet. Die Bootsfrau ist Frau der Tat und nicht der gezierten Worte, vielleicht ist dies auch der Grund, warum sich Frau Reckindes Sympathie, in einer, ganz und gar nicht gewohnten Weise, der Bootsfrau zuneigt.

In einer solchen Verbundenheit versteht man sich auch ohne viel Gerede. Auf jeden Fall kann Reckinde deutlich spüren, als mit Nirka eine innere Veränderung vor sich geht. Der Blick der Bootsfrau wird klarer, als habe sie ein Bild vor Augen, daß ihr Freude macht. Dann ist auch noch dieses versteckte Lächeln, auch scheinen ihre Hände unruhig zu werden, als dränge es sie nach baldigster Verwirklichung eines Vorhabens, daß jetzt gerade im Augenblick in ihrem Geist Konturen annimmt. Da ist kein Zweifel möglich: Die Bootsfrau plant irgend etwas. Und das macht Frau Reckinde sehr neugierig.

Ob es eine undeutliche Ahnung sein könnte oder ob Reckinde's scharfer Verstand die richtigen Schlüsse gezogen hat, entzieht sich wohl der Beurteilung der Außenstehenden, doch mit einem Mal erhellt sich Reckindes Gesicht, als habe sie auch ohne Worte verstanden, welche Gedanken Nirka bewegen könnten.

Und auf einmal erscheint der Freifrau das Meer doch mehr so langweilig und leer. Es hat die Frau, die ihren Lebensunterhalt hauptsächlich an Land verdient, eben nicht diesen Blick für die Besonderheiten des Meeres, auch wenn diese speziellen, die Frau Reckinde nun gegenwärtig werden, im direkten Kontakt sehr wohl über Leben und Tod entscheiden können

Lächelnd zieht sie sich einen Ring vom Finger, einer der vielen die sie trägt. Aber dieser Ring ist ein besonders schöner. Er ist geschmiedet aus reinem Gold und geziert mit einem hervorragend geschliffenen, großen Rubin, zweifellos ein Arbeit aus einer zwergischen Schmiede.

Und dann sagt sie zu Nirka:

"Meine Hochachtung und zudem dieser Ring seien euer, wenn ihr trefft!"



"Was trefft?" fragt Nirka sogleich zurück. Dem Ring schenkt sie dabei kaum Beachtung, sie hat sich noch nie etwas aus Schmuck gemacht, und wird das sicher auch nicht ändern, aber vielleicht kann man ihn gegen Geld oder etwas Nützliches eintauschen... vielleicht gegen ein schönes Geschenk für Sigrun. Doch ihre Gedanken verharren nur kurz bei der Freundin, dann fügt sie hinzu, auch wenn das kaum nötig ist:

"Einen der Haie?"

In ihrem Gesicht breitet sich dabei fast so etwas wie Jagdlust aus, denn viel Zeit für so etwas ist wirklich nicht mehr... das Schiff wird sicher bald mit dem Schlepp beginnen, und dann ist der Schußwinkel ungünstig bis unmöglich.



Im Beiboot: Haie


"Das wohl, unter Efferds Schutz stehen diese Bestien gewiß nicht", bemerkt der zweite Offizier auf Darians Bemerkung hin, ohne den Blick dabei vom Wasser und dem näher kommenden Wrack zu nehmen. Die Fahrt wird wohl bald ihr Ziel erreicht haben, auf jeden Fall ist es gleich soweit, daß das Anlegen eingeleitet werden muß.

Lowanger wartet, bis der Bug des Beibootes so ziemlich rechtwinklig auf die Bordwand der ZYKLOPENAUGE zielt, und legt das Steuer dann leicht in die entgegengesetzte Richtung, als nach Backbord. Das bewirkt, daß das Boot auf dem verbleibenden Fahrtstück eine sanfte Linksdrehung beginnt, die es in Kürze dann neben dem Wrack ankommen lassen wird - den Bug in Richtung des Hecks der ZYKLOPENAUGE, und mit der Steuerbordseite zur Steuerbordseite der havarierten Karavelle.

Aber noch ist es nicht ganz so weit, und Lowanger begeht auch nicht den weit verbreiteten Fehler, in der Aufmerksamkeit nachzulassen, nur weil das Ziel schon fast zum Greifen nahe ist. Gerade jetzt, unter diesen Bedingungen, wo die Wogen des Meeres, die in der Nähe schwimmenden Haie, und auch das näherkommende Wrack die Sicherheit des Bootes bedrohen, wäre so etwas sehr leichtsinnig und gefährlich.



Ole räkelt sich. Er hat, im Gegensatz zu den anderen Passagieren, reichlich Platz zur Verfügung, die anderen sitzen doch noch etwas sehr eng. Diese komfortable Sitzmöglichkeit für den Schiffszimmermann kommt daher, da sich die Schlepptrosse nun schon fast vollständig entrollt hat und ins Wasser geglitten ist. Wie bei einem langen Schwanz eines riesigen Stachelrochens zieht das Boot das Tau hinter sich her. Jetzt, da so viel Tau ausgeworfen ist, wird er kleine Kahn noch anfälliger für die Wellenbewegungen. Ole beneidet den 2.Offiezier um dessen Aufgabe nicht, das Boot wird nun immer schwieriger zu manövrieren.

Wahrscheinlich wird die Länge des Schlepptau's ausreichend sein, um jetzt dann anlegen zu können. Dennoch will Ole die Tatsache, daß er gerade die letzten Schritt des langen dicken Seils zu Wasser läßt nicht unerwähnt lassen.

"Herr Lowanger, die Trosse wird langsam knapp. Entweder wir legen bald an oder die NORDSTERN muß näher bei fahren, damit sie uns eine längere Leine geben können!"

Die Sache mit der Trosse ist jetzt absolut in EFFerds Hand. Wenn Wellen, Wind und Drift es nun gut meinen und der 2.Offizier die Übersicht behält, dann wird wahrscheinlich alles wie geplant laufen.

Da es nunmehr nicht mehr so arg viel für ihn zu tun gibt, kramt Ole in seiner Werkzeugkiste.

"Soll ich den Enterhaken klar machen?"



Lowanger antwortet dem Schiffszimmermann nicht sofort, denn nur Sekunden nach dessen Frage stößt das Boot mit einem sanften Ruck gegen die Bordwand der ZYKLOPENAUGE - etwa im vorderen Drittel der Steuerbordseite und an einer Stelle, wo das Deck, bedingt durch die Schlagseite, nur etwa einen Schritt über der Wasseroberfläche ist.

"Ich denke, das ist nicht nötig", erwidert der zweite Offizier dann, "wir können das Boot mit den Händen, den Rudern und dann vom Deck aus mit den Seilen halten, bis wir alle ausgestiegen sind."

Er sieht kurz zum Wrack hinauf, dann fährt er fort:

"Und dann bringst du, Ole, die Schlepptrosse zum Bug und befestigst sie da geeignet, und du..." er sieht dabei Hjaldar an, dessen Nichtzugehörigkeit zur Mannschaft ihm ein weiteres Mal zu entgehen scheint... "... ziehst das Boot mit Hilfe der Seile bis zum Heck, und machst es da fest, so daß wir es hinterher ziehen werden. Laß ihm genug Leine, daß es nicht gegen das Heck gedrückt wird. Ansonsten... steigen wir jetzt um."

Er sagt dabei nichts über die Reihenfolge des Aussteigens, was im Grunde auch bei so wenigen Menschen nicht nötig ist.



Das Beiboot liegt jetzt zwar neben dem Wrack, aber auch wenn es durch die Schlagseite nur etwa ein Schritt Höhe ist, die sich das Deck über dem Wasser befindet, so verhindert das doch im wesentlichen Blicke vom Boot aus auf das Deck, solange niemand das Beiboot verläßt, oder sich in selbigem hinstellt.

Doch... die Bordwand selbst macht auch keinen guten Eindruck - als wenn man recht brutal dagegen gefahren wäre, und an einigen Stellen haben große Enterhaken deutliche Spuren hinterlassen. Dicht über der Wasserlinie, und vielleicht auch noch ein Stückchen unter dieser, sind an einer Stelle die Planken etwas eingedrückt - eine deutliche Spur einer abgeglittenen Kugel eines Torsionsgeschützes.

Die Reling scheint an etlichen Stellen zerhackt worden zu sein - ihrer eigentlichen Aufgabe, das Deck zu begrenzen und zu verhindern, daß Menschen oder auch Gegenstände einfach über Bord gehen können, kann sie in dem Zustand wohl kaum noch nachkommen.

Takelagenteile liegen so wirr herum, daß einiges über die Bordwand ragt, und darum von unten aus zu sehen ist... alles in allem ein Anblick, der sehr an der Seetüchtigkeit dieses Fahrzeuges zweifeln läßt. Zumindest aus eigener Kraft wird es ganz sicher so bald nicht wieder fahren können...



Während die Seeleute das Anlegen am Wrack vorbereiten und die Schlepptechnik besprechen guckt Darian besorgt auf das beschädigte Schiff.

´ Wie lange das wohl noch schwimmt ...´.





NORDSTERN -Oberdeck: Die Wächter


Alrik schaut bei Torins Worten unbewußt hinauf zum Schiffsmagus, dabei zieht er die Kapuze vom Kopf. Er mustert Ottam und versucht sich ein Bild zu machen. Ohne denn Blick von Ottam zu nehmen, wendet er sich an seine beiden Gesprächspartner.

"Sicher kann Phexane sich selbst sehr gut helfen, allerdings glaube ich nicht, daß der Schiffsmagier mit den Piraten gemeinsame Sache macht. Mir scheint eher, er versucht eifersüchtig seine Stellung an Bord zu waren, kein Wunder bei dieser Sammlung an gelehrtem Wissen hier."



Als der Magier die Kapuze vom Kopf nimmt, sieht Torin die krausen, rabenschwarzen Haare des Magiers.

'Er hat die gleiche Haarfarbe wie seine Schwester. Bis auf diese weiße Strähne.'

"Nun, daran, daß der Schiffszauberer mit Piraten gemeinsame Sache macht, hatte ich eigentlich nicht direkt gedacht. Denn dann hätte er sich sicher bereits bei der Meuterei gegen den Kapitän gerichtet."

Torin greift nach seinem Mantel, als eine kurze, heftige Windbö versucht, diesen zu öffnen. Dann folgt er dem Beispiel des Magiers und blickt ebenfalls wieder zum Brückendeck hinüber.

'Aber trotzdem ist mir dieser Mensch nicht geheuer.'

"Wie dem auch sein mag," versucht Torin die Situation wieder in die von ihm gewünschte Richtung zu bringen. "ihn im Auge zu behalten ist sicher keine schlechte Idee."

'Phexanes Bruder ist wohl keine große Hilfe in dieser Angelegenheit. Aber vielleicht hat sie mehr Glück und kann ihn doch noch überzeugen. - Da kommt sie ja.'

Aus den Augenwinkeln sieht Torin, wie Phexane auf sie zusteuert. Und trotz daß er seinen Blick nicht vom Brückendeck abwendet, kann er sich eines Lächeln nicht erwehren.



Während Phexane auf die kleine Gruppe am vorderen Niedergang zu geht, sieht sie, wie Torin zum Brückendeck blickt und lächelt.

'Was ist dort?'

Kurz dreht sie sich um und sieht dort den Kapitän, den Schiffsmagus und die erste Offizierin stehen. Mit einem etwas fragendem Blick dreht sie sich dann wieder zu der Gruppe hin und geht weiter ihres Weges. Dabei krault sie immer noch Traumauge.

"Da bin ich," sagt Phexane schlicht, als sie bei den dreien ankommt, "und ich habe was entdeckt, was mich etwas mißtrauisch macht."

Abwechselnd blickt sie von Torin zu Alrik, dann sogar hinunter zu Ameg.



"Schön, euch zu sehen, Frau Fuxfell." entgegnet Torin, als er den Blick vom Brückendeck nimmt und Phexane ansieht. Noch immer lächelt er.

'Das muß wohl die neue Schiffskatze sein.' geht ihm durch den Kopf, als er den Blick kurz über Traumauge schweifen läßt. 'Ob sie wohl schon Mäuse jagen kann?'



Phexane blickt Torin kurz etwas überrascht aufgrund dieser überschwenglich freundlichen Begrüßung an, doch dann lächelt sie ihn an.

"Also," beginnt sie so leise, daß nur die drei es verstehen können, "ich habe einen Verdacht, wer diese Person sein könnte, die sich auf das Schiff eingeschmuggelt hat."

Kurz überlegt sie, ob es wirklich so gut ist, den Dreien von ihrem Verdacht zu erzählen. Es könnte ja sein, daß einer von ihnen sich verplappert oder zu dumm anstellt. Aber andererseits könnte es auch mächtig viel Ärger geben, wenn derjenige doch ein Pirat ist und sie den anderen nichts von ihrem Verdacht erzählt hat.

"Ich denke, es ist ..." sie schaut sich kurz um, "... der Kerl, der bei der einen Dame aus der Gemeinschaftskabine steht."

Bei dem letzten Satz geht sie so nah wie möglich an die Drei heran und flüstert nur noch.

"Aber es ist nur ein Verdacht! Er wäre in meinen Augen der Einzige, bei dem ich es mir vorstellen kann! Er ist so auffällig unscheinbar!"



Ameg schaut ganz kurz zum Mast herüber, wo Joanna und ein Mann stehen. Es scheint ihm, daß der Mann der 'Kerl' sein muß, von dem Phexane gesprochen hat.

"der Mann is' doch auch bei uns in'er Kabine, oda nich? ...und die Frau is' Joanna.", flüstert Ameg leise, um sich dann wieder mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen.

'Wer ist eigentlich Vater Rotmarder.. Torin wohl nicht.. und wenn eine Elfe so etwas wie seine Schwester ist und sie auch irgendwann meine Schwester sein soll... dann wäre Torin mein Bruder?? ..und ...will Torin mich etwa weggeben? .. mag er mich nicht?'

Ein wenig mißmutig schaut Ameg Torin an und wünscht sich, er könnte dessen Gedanken lesen.



"Ja, der Mann ist auch in unserer Kabine." antwortet Phexane Ameg leise. Dann aber sieht sie, wie Ameg Torin etwas mißmutig anschaut.

'Nanu? Was ist denn mit dem Kleinen los? Haben die sich irgendwie in die Wolle gekriegt?'

Sie schaut Torin kurz etwas fragend an, doch dann wendet sie ihren Blick zu ihrem Bruder Alrik.

"Was ist mit dir? Hast du was Besonderes beobachtet? Ist dir was aufgefallen?"



NORDSTERN -Heck: Efferdan's Wache


... was im auch - natürlich - gelingt. Das Seil ist frei, das Beiboot wohl fast da - zumindest ist es von Efferdans Position aus nicht mehr zu sehen...

Weiterhin hält Efferdan seine Trossenwacht...



NORDSTERN -Unterdeck: Das leere Faß


Als Garulf Wasuren anspricht und auch gleich zur Tat schreitet, bricht auch in Wasuren nun der volle Tatendrang durch. Und so schleppen die beiden dann gemeinsam das Faß zum Niedergang. Da auf dem Unterdeck zur Zeit nicht viel los ist, stehen auch kaum irgend welche Leute im Weg. Falls doch, sollten sie sich hüten mit Wasurens Rücken schmerzhafte Bekanntschaft zu machen.

Am Nierdergang angekommen meint Wasuren :

" Ich glaube es ist besser wenn du vorgehst. Erstens weißt du, wo du das Faß hin haben willst und zweitens gehe ich ungerne diesen Niedergang rückwärts hinunter. Dafür bin ich etwas zu gut gebaut."

Wasuren grinst breit bei seinen letzten Worten und hofft das Garulf sogleich ein kleines Faßwendemanöver einleiten wird.



Wasuren packt nicht nur bereitwillig mit an, sondern er will auch noch freiwillig hinten gehen. Dasz jemand unbedingt darauf besteht einen Niedergang vorwärts herunter gehen zu dürfen ist Garulf in seiner langen Laufbahn als Seemann noch nicht vorgekommen. Zwar hat er schon häufig erlebt wie Passagiere, vor allem solche die noch nie zuvor ein Schiff betreten hatten, versucht haben einen Niedergang wie eine Treppe in einem Haus an Land zu benutzen, aber selbst die haben es meist begriffen, manche sofort, manche auch erst nachdem sie mehrfach schmerzhafte Erfahrung mit den Planken des tieferen Decks gemacht hatten. Eine Erinnerung drängt sich in seine Gedanken, damals auf der ´Esmeralda´ hatte sich ein weidener Ritter eingeschifft, der auch auf See sein schweres Rüstzeug nicht ablegte. Man machte in der Mannschaft schon Witze darüber und fragte sich, ob er sich auch dann nicht von seiner Stahlhülle trennen würde, wenn er mit einer Frau zu rahjagefälliger Zweisamkeit zusammenkam. Dieser Ritter jedenfalls, war eine so eingefleischte Landratte, dasz er gar nicht auf die Idee kam, es könne einen Unterschied zwischen einer Treppe auf seiner Burg und einem Schiffsniedergang geben. Auszerdem, welcher echte Rondrianer geht schon freiwillig rückwaerts? So kam es wie es kommen muszte: Von fast ganz oben stürzte der Rittersmann scheppernd auf das untere Deck, dasz dessen Planken bedenklich knackten und ächzten. So laut war das Scheppern, dasz die halbe Schiffsführung herbei gestürzt kam, da man befürchtet hatte es sei Ladung verrutscht. Ja, das war schon lustig damals und auch jetzt, so viele Jahre später, musz Garulf sich noch zusammen nehmen um nicht vor Lachen das Fasz fallenzulassen.

"Na gut, wenn Du unbedingt vorwärtsgehen willst ..." antwortet er Wasuren dann auch und beginnt sodann das ´Wendemanöver´ einzuleiten. Dasz ein auffällig bunt gekleideter Passagier, der vorhin schon hier herumstand, immer noch unverändert hier steht und Löcher in die Luft starrt nimmt er derweil gar nicht wahr.



"Och das wird schon gehen. Ich bin sehr geübt in dieser Technik, so kann ich nämlich vermeiden, daß ich mir hin und wieder den Kopf stoße." meint Wasuren zu Garulf, als die beiden das Faß drehen, um dann den Abstieg ins Ladedeck zu beginnen.

"Dann geh mal vor, ich reiche dir das Faß dann etwas herunter, damit ich leichter hinterher steigen kann."



"Na denn, auf gehts," als Garulf diese Worte spricht geht er auch schon die ersten Schritte hinab, selbstverständlich rückwärts. Nach ein paar Stufen bleibt er stehen und streckt die Arme aus, um das Fasz in Empfang zu nehmen.



Wasuren trägt das Faß das kleine Stück bis zum Abgang alleine und reicht es dann dem voraus gegangenen Garulf an.

Immer wieder wartend, das Garulf sich eine Stufe nach dem anderen vor tastet, geht Wasuren Stück für Stück auf den Abgang zu und hält das Faß nun schon sehr steil.

Zu Garulf sagt er fragend :

" Alles klar bei dir da unten? Ich komme nun auch runter, .. ... pass ein wenig auf " fügt er kurz danach in frohem Ton hinzu.



Garulf nimmt das Fasz mit einem "Alles klar" entgegen. Als er merkt, dasz Wasuren nachkommt, macht er einen weiteren Schritt in Richtung des Ladedecks.



Wasuren hält das Faß mit leicht gebücktem Oberkörper so tief und so weit wie möglich von dem Abstieg entfernt.

Dann setzt er einen Fuß nach dem anderen auf die "Treppe" und zwängt sich vorsichtig mit dem Faß vor den Beinen vorwärts den Abgang hinunter. Zwei, drei Schritte geht es gut und Wasuren hat beide Hände frei um das Faß zu halten.

Dann muß er sich aber irgend wie festhalten um nicht nach vorne weg zu kippen. Etwas plump, wie er nun mal ist, rutscht ihm das Faß weg, als er eine Hand los löst um sich mit dieser am Abgang festzuhalten.

Das Faß rutscht und Wasuren kann es nur noch mit äußerster Kraft einhändig halten. Hastig beginnt er den Endspurt seines Abstieges.

'Hoffentlich kann mir der Koch von unten irgendwie helfen, oder er steht wenigstens nicht im Weg, wenn's schief geht. Sonst isser platt'



Garulf steigt die letzten Stufen hinab und steht nun auf dem Ladedeck.

"Hoh, langsam, nich dasz du mir ins Fasz kippst," kommentiert er lachend das wacklige herum balancieren des anderen Faszendes durch Wasuren. Ihm selbst gelingt es problemlos sein Faszende stabil zu halten, für ein leeres Fasz ist seine Kraft durchaus ausreichend.



Wasuren murmet sich zu Garulfs Kommentaren nur ein :

"Wird schon klappen" in seinen Bart und macht sich dann daran die letzten paar Stufen zu überwinden.

'Hmm ich könnte ja auch einen gewagten Abgang am Schluß wagen! Ich muß einfach nur das Faß kurz hoch schupsen, damit ich genug Zeit habe, die letzten Stufen hinunter zu springen und es wieder aufzufangen. Ein Versuch ist mir der Spaß wert!'

Kaum gedacht, schon schupst Wasuren das leere Faß mit der einen Hand in die Höhe. Doch leider bringt der etwas ungestüme Seebär viel zu viel Kraft für das Vorhaben auf und so fliegt das Faß auf Wasurens Seite rasant in die Höhe.

Sofort darauf springt Wasuren die letzten 3-4 Stufen hinunter, kommt mit festem Stand auf beiden Füßen auf und versucht das immer noch aufsteigende leere Faß wieder zu schnappen.



NORDSTERN -Brücke: Der Kapitän


Inzwischen sollte das Beiboot angekommen sein, denkt Jergan sich. Zwar kann er das nicht sehen, aber er weiß ziemlich genau, wo Lowanger anlegen wird, und er weiß aus seiner Erfahrung auch, wie lange das dauern wird. Jetzt sind sie vermutlich dabei, das Boot zu sichern und das Wrack zu betreten - und in Kürze werden sie wohl herüber winken und dann auch die Trosse in Position bringen.

Da der Kapitän der NORDSTERN nicht vorhat, nach der Befestigung der Trosse länger zu verweilen, als die Meldung benötigt, daß die ZYKLOPENAUGE schlepptauglich ist, wendet er sich rasch ab und geht die wenigen Schritte bis zur Steuerbordseite des Brückendecks - es sind genug andere Augen auf das Wrack gerichtet, so daß keine Meldung, die von dort kommen wird, verloren gehen kann.

Er beugt sich leicht über die Reling des Brückendecks und blickt zum Matrosen Efferdan hinunter, der sich so ziemlich genau unter ihm am achternen Steuerbordpoller mit der Schlepptrosse beschäftigt. Der Kapitän blickt nur kurz, aber mit viel Sachverstand auf das Werk, und sieht, daß der Matrose seine Arbeit gut und richtig gemacht hat. Die Trosse wird sich sicher nicht lösen, und jetzt, wo sie nur noch in eine Richtung - nämlich beim Schleppen - belastet werden wird, droht auch keine Gefahr.

"Gut gemacht, Matrose!" lobt er diesen von oben herab - dieses natürlich nur im räumlichen Sinne, nicht im sprachlichen, denn eine solche Herabsetzung von Menschen, die ihre Aufgaben gut erfüllen, wäre nicht die Art des Kapitäns.


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Wieder achtet Efferdan auf die Trosse nachdem er es gelöst hatte. Seine ganze Aufmerksamkeit ist auf das Tau gerichtet. Efferdan ist so bestrebt, seine Aufgabe richtig und zur Zufriedenheit des Kapitäns und der Offiziere zu erledigen, dass er gar nicht bemerkt, wie der Kapitän hinter und über ihm auf das Brückendeck tritt und sein Werk begutachtet.

Erst als der Kapitän ihn mit knappen Worten lobt blickt er erschreckt auf. Ja, er zuckt regelrecht zusammen.

`Meint er mich?`

Fast kann er es nicht fassen. Schüchtern blickt er auf, zum Kapitän. Tatsächlich, der Kapitän sieht zu ihm herunter.

`Er meint - mich!`

Eine leichte Röte überzieht sein Gesicht, ein leises, klingelndes

"Danke, Kapitän" stiehlt sich aus seinem Mund, dann sieht Efferdan kurz verlegen zu Boden. Doch sogleich erinnert er sich seiner Aufgabe und wendet sich wieder dem Tross zu, damit es sich ja nicht irgendwo verheddert.

Innerlich aber jubiliert Efferdan.

`Der Kapitän hat mich gelobt! Der Kapitän - mich!`

Freude und Beschwingtheit stehen in seinem Gesicht, doch das sieht natürlich niemand, wendet Efferdan doch sein Gesicht wieder dem Meer zu. Er würde es kaum zugeben, aber das Lob des Kapitäns bedeutet ihm viel. Vielleicht liegt es auch daran ,daß der Kapitän auf der Elida XII ihn nie gelobt hatte?

`Ich werde Euch nicht enttäuschen!`



ZYKLOPENAUGE -Oberdeck: Stätte des Grauens


"Aye. Wird erledigt." - ist Hjaldars knappe Bestätigung des Befehls. Doch vorerst steht er noch nicht auf, er erachtet es für sinnvoller, wenn zunächst auch Lowanger und der Alte das Beiboot verlassen.

Der Offizier wird sich so schnell als möglich ein Bild von der Situation auf dem Wrack machen wollen und für den Alten könnte es eine wackelige Angelegenheit werden umzusteigen, wenn er das Boot jetzt noch zusätzlich in Unruhe bringt.



Auch Trolske macht noch keine Anstalten aufzustehen, sondern hält es wie Hjaldar, der ebenfalls noch auf der Ruderbank sitzen bleibt. So bleibt das Boot wenigstens noch einigermaßen stabil im Wasser liegen - und man kann bei den Passagieren notfalls noch von unten schieben, wenn sie sich allzu ungeschickt anstellen.



Ole hangelt sich die Bordwand der ZYKLOPENAUGE hoch. So richtig abspringen kann er dabei nicht, das Beiboot würde sonst zu stark in Bewegung geraten und könnte jemand ins Wasser fallen. Und wer wem würde das schon gefallen, um so mehr, als mehrere Haie unter den Wellen auf Beute lauern und einen über Bord gegangenen Zauberer oder Matrosen sicher nicht verschmähen würden.

Das alles sieht sehr athletisch aus, so wie sich Ole langsam hochzieht und ab stemmt, um dann, mit einem kurzen Schwung, mit beiden Beinen auf den Planken des havarierten Schiffes landet. Kraft hat er ja, der alten Schiffszimmermann und geschmeidig schneidig scheint er auch noch zu sein, obwohl es in seinen Gelenken schon sehr laut und verräterisch kracht, so langsam lassen sich die vielen Götterläufe nun doch nicht mehr so richtig verbergen.

Ole läßt sich nun Werkzeugkiste und das Trossenende hochreichen. Die Kiste stellt er gleich wieder auf den Planken der ZYKLOPENAUGE ab und sieht sich sofort danach nach einem Befestigungspunkt für das dicke Tau um.

Viel Stabiles scheint es hier auf dem Oberdeck nicht mehr zu geben. Die Pollern fallen als Haltepunkt aus. Die wenigen, die, oberflächlich gesehen noch zu taugen scheinen, haben, bei genauerer Betrachtung, doch sehr viele Risse und fehlende Ecken und würden bei ersten Ruck zerbröseln wie trockener Keks.

Ein kleine Weil steht Ole etwas hilflos mit dem Tampen in der Hand auf dem Deck herum. Dann fällt ihm der Stumpf des geborstenen Fockmastes auf. Dort könnte die Trosse befestigt werden, denn dieser Mast ist unmittelbar mit der Grundstruktur des Schiffes verbunden und könnte jedem Ruck standhalten.

Doch darauf alleine will sich der Schiffszimmermann nicht verlassen. So zieht er die Trosse, soviel sie in ihrer Länge eben noch hergibt, über das Deck, bis hin an den Bug und schlingt das Tau zusätzlich um den Bugspriet. Damit liegt das Wrack beim Schleppen besser im Wasser und auch das Tau selbst ist ordentlicher fixiert, daß nicht etwa ein rutschendes Tau jemanden der Notmannschaft über Bord fegt.

Ole hat sich bis zur Erledigung dieser Aufgabe kaum Zeit genommen, daß Oberdeck näher zu betrachten. Dort ist aber auch überhaupt nicht zu sehen, was man gerne anschauen würde. Ole gibt während seiner Arbeit nur am Rande Obacht, daß er nicht in einer blutstarrenden Pfütze ausrutscht oder über ein abgetrenntes Körperteil stolpert.

Diese Stille auf diesem Schiff ist gespenstisch, beunruhigend. Doch Ole hat keine Zeit sich düsteren Gedanken hinzugeben. Alles, was er nun zu tun hat, muß schnell geschehen. Wann immer noch vorhin an Bord der NORDSTERN von einer Falle die Rede gewesen war, man hat immer dabei angenommen, es könnte sich um einen Hinterhalt von Piraten handeln.

Wenn auch Ole dieser Gefahr nicht all zu viel Bedeutung beimißt, er hat durchaus auch die Furcht, sie könnten sich in eine Falle begeben haben. Doch das Schiff selbst könnte diese Falle sein. Noch immer ist nicht gewiß, ob nicht just im nächsten Moment der Rumpf auseinanderbricht und alles, was schwerer als Luft ist in die Wellen geworfen wird, den Zahnreihen hungriger Haie entgegen.

So drängt die Zeit und trotzdem verweilt Ole noch ein kleine wenig am Bug, um sinnierend ins Wasser zu starren. Dann prüft er noch einmal die Befestigung der Trosse. Dann dreht er sich langsam um.



Lowanger hilft dabei, Ole die Kiste mit dem Werkzeug hoch zu reichen. Kurz folgt sein Blick dem Zimmermann, der mit der Schlepptrosse rasch aus der Sichtweite eilt, um seine Aufgabe zu erfüllen. Der Eifer, mit dem das geschieht, wirkt natürlich sehr ansteckend, und so beschließt er, der nächste zu sein, denn es ist sicher nicht verkehrt, wenn er sich ein Bild von der Lage verschafft, ehe die Fahrgäste aussteigen.

Er blickt kurz Trolske und Hjaldar an, und deutet mit einer knappen Kopfbewegung an, daß die beiden den Fahrgästen beim Aussteigen helfen sollen, dann greift er nach der nahen Bordwand der ZYKLOPENAUGE.

Die Relativbewegung der beiden Wasserfahrzeuge gleicht der erfahrene Offizier geschickt aus, dann stemmt er sich nach oben und passiert die Stelle, an der eigentlich die Reling wäre - an der Stelle fehlt sie ganz, und auch die Teile liegen soweit weg, daß sie nicht stören.

Langsam steht Lowanger auf und läßt seine Blicke über das Deck gleiten:

Vorne, am Bug, steht Ole, der wohl gerade mit der Befestigung der Trosse beschäftigt ist - und ist damit zugleich der einzige auf dem Deck, der lebendig aussieht, und einer üblichen Tätigkeit nachgeht.

Der Rest des Decks ist übersät von Trümmern, die von der Takelage, der Reling und auch Teilen des Heckaufbaus stammen. Manchen Trümmern sieht man jedoch noch nicht einmal die Herkunft an.

Überall dazwischen liegen Tote herum, manche einfach nur niedergestreckt, ohne daß man große Verletzungen erkennen kann, andere jedoch in großen Blutlachen und mit den entsetzlichen Verletzungen, die brutal eingesetzt Äxte verursachen. Entsprechend ist auch das Deck blutgetränkt, doch die Ausrutschgefahr ist dennoch recht niedrig, da die Schlagseite verhindert, daß sich große Pfützen bilden. Leben ist nirgendwo mehr zu sehen...

Alles in allem ist es ein Anblick, der nichts für schwache Naturen ist - doch das sind die Seeleute ja ohnehin nicht. Bei den beiden Fahrgästen ist Lowanger sich da nicht so sicher, aber das wird sich gleich erweisen.

Er läßt noch einen prüfenden Blick über das Deck gleiten, dann ruft er zum Boot hinunter:

"Der nächste!"

Er selbst bleibt dabei in der Nähe der ehemaligen Reling stehen, um gegebenenfalls von oben beim Klettern zu helfen.



NORDSTERN -Oberdeck: Disput


Di Vespasio tritt mit dem linken Fußen einen halben Schritt zurück. Dies hat zum einen den Zweck, der allzu weiträumig geschwungen Flasche und dem noch drinnen verbliebenen, vermutlich niederhöllischen Destillat auszuweichen. Zum anderen ermöglicht es dem Adeligen, etwas Abstand zu gewinnen und seinen Gesprächspartner während dessen Vortrag von neuem zu begutachten.

'Ist er dir auch unverständlich, mein Lieber? Er trägt feine Seide, stellt sich aber ohne Titel vor. Er redet wie ein Studierter, aber läßt sich ohne zu Zucken wie einen Diener ansprechen. Wie würdest Du ihn einordnen?'

Di Vespasio Vorstellungswelt ist einfach, was die grundsätzliche Einordnung der Menschen betrifft. Es gibt ´Unten´ und es gibt ´Oben´. Unten ist der Pöbel, das Volk, Gesinde und Bauern, Ungebildete, Bettler und Arbeiter, nicht zuletzt Diener. Oben sind Adelige und Geweihte, Magier, Händler und Offiziere, Gelehrte, Reiche, Künstler und auch Frizzi di Vespasio da Balirii.

'Was kannst Du nur tun, Frizzi?' Di Vespasios Nervosität ist an dem verkrampften Griff des Stockes und seiner starren Körperhaltung für die, die darauf achten deutlich zu erkennen.

Das Wechselspiel der Beziehungen zwischen denen, die Oben sind, ist sehr kompliziert und durch allerlei Ränge und Sphären geregelt, was einen Großteil der Zeit des Adeligen beansprucht. Hingegen ist die Beziehung von Oben nach Unten geradezu trivial, von genau so einem Gefälle bestimmt, wie die Beziehung zwischen Oben und ´ganz Oben´, den Göttern.

'Was wäre, wenn du ihn gleich am Anfang falsch bewertet hättest? Du Dummkopf! Allein der Gedanke an die Folgen.'

Bisher hat diese Methode der Klassifizierung recht gut funktioniert, zumal sie ein solides, theortisch begründetes Fundament besitzt. Lediglich manchmal macht die Einordnung aufgrund unzureichender oder sich widersprechender Fakten Schwierigkeiten.

'Du solltest dich besser zurückhalten, ihn in irgendeiner Form anzureden, insbesondere das ´du´ vermeiden, und auch sonst vorsichtig agieren. Eigene Vorsicht ist besser als Nachsicht anderer. Greif einfach das Thema auf, bis er sich selbst deutlich macht.'

Zum Thema Vorsicht kann di Vespasio ganze Zitatenbibliotheken zusammenstellen. Vorsicht könnte sich als richtig erweisen, da Radisar jetzt den Adeligen mit großen Augen und einem Grinsen auf den Lippen ansieht, als ob er nur auf dessen nächsten Fehler warten würde.

"Nun, das ist eine sehr interessante Frage, die ... die dort im Raume steht. Geradezu ein Fragenkomplex. Schließen sich Mut und Angst gegenseitig aus? Ist das erstere nur mit dem zweiten zusammen denkbar? Sind sie gemäß der Theorie von Thorne, wie alle Gefühle, Ideen, lediglich präsent als Abschriften, dadurch veränderbar, austauschbar. Oder sind sie im Einklang mit dem Konzept der organischen Repräsentanz physisch gebunden? Darum geht es ... uns doch, oder?"

Di Vespasio merkt langsam, daß es nicht so einfach ist, ein Gespräch ganz ohne Anrede zu führen, daher gibt er zunächst einmal den Faden weiter, auch wenn dies nicht seiner sonstigen Gewohnheit entspricht.

"Daher denke ich, man sollte zunächst klären, ob die Angst einen körperlichen Ort, einen faßbaren Zustand besitzt."



Radisar nickt eifrig vor sich hin während er dem Herrn di Vespasio zuhört. Der kleine Diener sieht dabei ein bißchen aus wie ein Frettchen, das auf Futter wartet. Obwohl er nun eine hektische Unruhe verstrahlt, seine Arme bleiben wenigstens ruhig und so stellt auch die Branntweinflasche keine unmittelbare Gefahr mehr für die nähere Umgebung dar.

"Sehr wohl, Herr, sehr wohl!" beeilt sich Radisar zu sagen "Da habt ihr ein weises Wort gesagt. Ist der Körper auch nicht die Mitte des Universums, die Mitte unseres Empfindens ist er allemal und die Mitte unserer Überlegungen sollte er sein. Da kann ich euch nur aufrichtig zustimmen.!"

Jetzt erinnert sich Radisar wieder an sein 'Stärkungsmittel' und entscheidet, daß weitere Stärkung als unverzichtbar gelten müsse. So führt er die Flasche wieder an den Mund, mit einer elegant anmutenden Bewegung, etwa so, wie die eines Dirigenten, der sein Orchester zur Konzentration mahnt. Auch hält er die Flasche nicht mehr plump in der geschlossenen Hand, sondern hat geziert den kleinen Finger abgespreizt. Außerdem sei betont, daß er sich den Flaschenhals nicht einfach an die Zähne hält, sondern er spitzt die Schnute und trinkt nur wahrhaftig kleine Schlucke. Genießerisch verdreht er die Augen, als rännen ihm edelste Tropfen die Kehle hinunter. Allein das kernige Aufstoßen nach dem Trinken mag nicht so recht zu dem Bild passen, daß sich vorher einem staunenden Beobachter angeboten hat.

Danach dreht er sinnierend die Augen nach oben, als wäre in der Takelage ein Schild angebracht, auf dem sein weiterer Text stünde.

"Die Frage, die mich interessiert ist jene: Ist 'Angst' eine körperliche Substanz oder lediglich eine eine Art körperliche Manifestation. Die Sprache selbst bringt, um 'Angst' als solche zu schildern, allerhand Gleichnisse, welche Angst mit körperlichen Reaktionen zu beschreiben sucht. So schlägt Angst auf den Magen, läßt einen den Atem stocken oder auch am ganzen Körper erzittern. 'Angst' lähmt, läßt das Herz rasen und macht wirr im Kopf. In ganz schlimmen Fällen kann 'Angst' auch bewirken, daß sich 'Pforten' des Körpers zur Unzeit öffnen und daraufhin Dinge in die Hose gehen, was besser drin geblieben wäre."

Was die körperlichen Folgen und Auswirkung von Angst betrifft, da ist Radisar ein wirklicher Kenner aus eigener Erfahrung. Es gelingt ihm aber gut zu verbergen, daß er sich gerade dieses Wissen nicht aus höheren Abhandlungen, sondern aus persönlichem Erleben erworben hat. Und so fährt er fort:

"Ist nun aber 'Angst' eine Art Besessenheit? Dann wäre der Mensch von Natur aus frei von Angst, solange bis sie ihn, vielleicht als Fluch aus dämonischer Quelle oder auch aus ganz anderen Gründe ereilt! Ist es eine Substanz im Übermaß? Wenn das stimmt, was ist dann Angst im Regelmaß? Vielleicht eine Art distanzierte Vorsicht, ein zurückhaltendes Kalkulieren? Oder ist 'Angst' vielleicht sogar ein formloses Empfinden, das Wertigkeit erst aus einer äußeren Betrachtung erhält?"

Radisar's Redefluß wird von einem erneuten Aufstoßen unterbrochen.....



'Welch ein Ekel! Macht er sich über uns nun lustig, oder kann er nicht anders als sich so daneben benehmen? Wer oder was auch immer du bist, leiden können werden wir dich nicht.'

Di Vespasio kann nicht umhin auch nach oben zu schauen und sich wieder betrogen zu fühlen, als er begreift, daß der kleine Diener dort nicht wirklich etwas sieht. Statt dessen darf der adelige Herr das Rülpsen seines Gesprächspartners vernehmen. Dies ist natürlich ein Todesstich für jemanden, der an die strenge Einheit von Form und Inhalt glaubt.

'Dies ist entwürdigend. Wenn du dich schon beleidigen lassen mußt, dann könnte dies wenigstens in vollendeter Form erfolgen. Diese Posse würde nicht einmal in einem Gasthaus der untersten Kategorie geduldet.'

Des Leben ist halt ungerecht und der Südländer ist es nicht weniger. Während er die schlechten Sitten anderer Reisebekanntschaften wohl noch tolerieren kann, schließlich wissen sie es ja nicht besser, so ist sein Urteil über den schlechten Stil Radisars, der es eigentlich besser wissen müßte, besonders hart.

'Nun, die Angst mag manche Pforten des Körpers zur Unzeit öffnen, aber bei dir öffnet die Unverschämtheit ständig eine andere Pforte und produziert ein nicht weniger stinkendes Gut. Aber Vorsicht, mein Lieber, Vorsicht. Dieser Kerl hat dich schon einmal gereizt, bevor er dir Gelegenheit zu einem vollständigem Urteil gab. Geduld.'

Der Gelbberobte nutzt den zweiten Rülpser, um das Gespräch wieder an sich zu reißen. Schließlich ist für einen Gelehrten der Gesprächsanteil gleich der fachlichen Kompetenz.

"Nun, dies sind ja alles recht sinnfällige Spekulationen, aber ein Mann von Bildung sollte sich doch eher an die erkenntnistheoretisch wohlbegründeten und durch das Klare Denken dem Philosophen an die Hand gegebenen Prinzipen halten."

"Als da wären, die Verallgemeinerung, der Umkehrschluß und die Analogie. Und selbstverständlich die Texttradition. Andernfalls werden wir wohl kaum zu einer Klärung der Frage kommen."



Mit großen, staunenden Augen verfolgt Radisar die Auszählung des Herren di Vespasio. Er richtet seine kleinen Körper dabei auf und steht nun fast schon so stramm wie ein Wehrheimer, die Branntweinflasche wie einen Paradesäbel vor sich hin haltend.

" ... Klares Denken ... - ... aller klar ... !" flüstert er fast tonlos vor sich hin. Sein breites Gesicht wird fast noch ein wenig breiter, durch ein Grinsen, das sich in seinem Anlitz festsetzt, als Radisar das eben Gehörte noch einmal gedanklich durchgeht und dabei einige Punkte entdeckt, die für ihn markant und bedeutend sein könnten.

"Verallgemeinerung ... hm ... - das könnte dann doch bedeuten, daß es sich bei der Angst als solchen um kein individuelles Problem handeln könnte, sondern vielmehr um ein allgemein verbreitetes. Gibt es also ein Formel für die Angst und gilt diese für alle Menschen? Kann man diese Formel beherrschen, eventuell nutzbar machen?"

Radisar ist voll bei der Sache, auf seiner Glatze bilden sich schon die ersten hektischen Flecken und der Schweiß fließt ihm in Strömen von der Stirn.

'Diese Herr di Vespasio ist doch ein wunderbarer Mensch!' denkt sich der kleine, dicke Diener 'Um wieviel gebildeter er doch ist, im Vergleich zur Dame von Beibach und Bruch. Es ist schon erstaunlich, wie meisterlich er ein so gravierendes und schwerlich zu fassendes Thema einzukreisen vermag!'

Tief in Radisar regt sich eine kleine, dünne Stimme, die klagend darauf hinzuweisen versucht, daß es bis jetzt bei eine 'Einkreisen' des Themas geblieben war und das der Comte bisher noch keinen einzigen Versuch unternommen hatte, wahrhaftig und wirklich zum Kern vorzustoßen. Doch all diese will der kleine, dicke Diener gar nicht wissen und so verhallt die innere, kleine, dünne Stimme ungehört.

'Erkenntnistheorie !! Was für ein erhabenes Wort! Es klingt bedeutend, ja sogar richtig tragend!'

Radisar ist vom Vortrag des Comte derart begeistert, daß er mit einem einzigen, wütenden Gedanken wieder das kleine, dünne Stimmchen zum Schweigen bringt, das ihm begreiflich zu machen versucht, daß theoretische Erkenntnisse allein noch nicht geeignet wären, sein, durchaus sehr praktisches und reales Problem zu bewältigen.

Voller Elan erklärt der kleine, dicke Diener:

"Bei diesen unzähligen Wegen, sich diesem Thema zu nähern, mag es fast unmöglich klingen, daß sich alle auf einem einzigen Zielpunkt kreuzen werden .... !"



Langsam gewinnt di Vespasio wieder Boden unter den Füßen und gelangt in bekannte Fahrwässer. Oder ist es diesem Zusammenhang besser zu sagen, er hat wieder Wasser unter dem Kiel. Jedenfalls ist er wieder in seinem Element und plaudert munter drauflos.

"Ah, ja. Es ist schon wundervoll. Eine in allen Punkten stimmige und elegant vorgetragene Argumentationskette beinhaltet ebensoviel Schönheit, wie eine Statue von Darint und ebensoviel Harmonie wie eine Oper der Altmeister. Da mögen Ungebildete noch so viel nörgeln, es seien ja nur aneinandergereihte, blasse Wörter, der wahre Gelehrte erkennt die Pracht und Anmut des dahinter verborgenen Gedankens."

Di Vespasio breitet die Arme aus und führt mit rechtem Arm und Stockdegen in der Linken weite, dirigierende Bewegungen aus, als müsse er ganze Chöre prächtiger Gedanken an die passenden Stellen in anmutig schwebenden Argumentationsketten lenken. Dabei leuchten seine Augen, wie man das sonst nur von den feurigen Bekehrungsreden fanatischer Ingerimmgeweihter kennt.

"Ganz besonders gilt dies natürlich, wenn es gelingt, auf mehreren Wegen zu demselben Ziel zu gelangen, wie ... wie eben gesagt wurde. Dies gilt mir dann als ein Meilenstein der Erkenntnis, ja geradezu als ultimativen Beweis einer These, wenn sie von zwei Punkten unabhängig voneinander zum demonstrandum geführt wird."

"In gewisser Weise ist dies auch bei der Frage der Angst gegeben, auch wenn die Einzelheiten hier ein wenig verändert sind. So war es Schwarzmann, der vor etwas mehr als sieben Jahrhunderten erste Feldstudien aufnahm. Seine Aufzeichnungen waren jedoch lange Zeit verschollen und erst vierhundert Jahre später konnte Brissi dann die Schwarzmannschen Ergebnisse in seine große Theorie von dem Wärmehaushalt des Körpers einarbeiten und dessen vorläufigen Thesen auf neuem Wege bestätigen"

Unbewußt beendet der adelige Händler seine ausschweifende Gestik und führt die Hand ans Ohr, um am Ohrläppchen zu zupfen, wie er es sich angewöhnt hat zu tun, wenn ein kniffeliges Problem zu lösen ist. Offenbar beschäftigt ihn noch etwas anderes als die Anmut der Gelehrigkeit.

'Wie kannst Du nur erkennen, ob dieser Kummerer ein echter Gelehrter oder, was Hesinde verhüte, ein Simulant ist? Eine Falle! Du solltest ihm eine Falle stellen, der nur ein wirklicher Gelehrter ausweichen kann. Aber wie?'



Als der Herr Comte die große Theorie des 'körperlichen Wärmehaushaltes' erwähnt, kann ihm Radisar nur aus tiefstem Herzen beipflichten. Es ist ihm wirklich warm geworden bei diesem höchst hesindegefälligem Austausch. Allerdings ist ihm nicht so recht klar, ob diese körperliche Wärmeentwicklung mehr von der Masse der, von Herr di Vesapasio geforderten 'klaren Gedanken' herrührt oder mehr vom reichlichen Genuß seines 'Stärkungsmittels' verursacht wird.

Auf jeden Fall wird der kleine Diener um die Erfahrung bereichert, daß auch die klarsten Gedanken verwirrend wirken können, wenn sie ungeordnet und in großer Menge den Brägen durchfluten. Radisar kann, und man sollte dabei den besten Willen voraussetzen, sich noch immer nicht vorstellen, daß alle diese Gedankenstränge, die der hohe Herr vor ihm ausbreitet, irgendwo einen gemeinsamen Knoten haben könnten.

Tausend Fragen brennen ihm auf der Zunge, so sehr ist Radisar bereit, sich in das Labyrinth erkenntnistheoretisch wohlbegründeter Prinzipien zu werfen, im vollen Vertrauen auf die leitende Hand berufener Philosophen, unter denen Radisar den Herren di Vespasion für den allergrößten hält.

Noch immer wiegt sich der kleine, dicke Diener in dem, was er als Lob des hohen Herren aufgenommen hatte, als er Radisars Darstellung praktischer Hintergründe der Angst als sinngefällig bezeichnet, schlicht negierend, daß er sie als 'Spekulationen' abgetan hatte und den Begriff des 'klaren Denkens' als zwingen alternativ dagegen gesetzt hatte.

'Sinngefällig, jawohl sinngefällig, das ist schon in Ordnung! Der Herr Comte hat schon ein gutes Ohr!' denkt sich Radisar, hat er doch in diesem ganzen gedanklichen Wirrwarr, daß eigene Empfinden als einzige Richtschnur. Trotz der umfassenden Ergebenheit, die Radisar dem, mittlerweilen schon fanatisch geliebten Intellekt Herr di Vespasios entgegenbringt, drängt es jetzt Radisars Sinne und Trachten in die Einzelheiten der Begriffserörterung, hat er doch steigend das Gefühl, daß sie die Gedanken um den Begriff 'Angst' schon fast bis zum geistigen Kollaps verallgemeinert haben.

Gerade in dem Augenblick, da Radisar im Strudel der verschiedenen Aspekte unter zu gehen droht, überkommt ihn der stählerne Drang, nun wieder etwas schrecklich Gescheites sagen zu müssen, etwas 'sinngefälliges', wie es der Herr di Vespasio ausdrücken würde. Er holt tief und hörbar Luft, bis sein Brustkorb bis zum Bersten gefüllt ist. Radisar hebt bedeutungsschwanger den Finger und gleicht bei dieser Aktion einem Lehrer an einer Praios-Schule, der seinen Schülern bei der Unterweisung des Schreibens und Lesens, ernst und erhaben die 'Schönheit' des Buchstaben 'B' nahebringen will, nachdem die Klasse das 'A' nur mit Mühe bewältigt gehabt hatte.

"Wohl den gelehrten Herren und Hesindes Segen sei ihnen gewiß, die durch ihre Schriften, in Theorien und Axiomen, dem komplexen Weg des menschlichen Lebens nachzeichnen, gestalten, vielleicht sogar erschaffen, damit uns, denen die Welt als Chaos erscheinen will, eine wohltuende Ordnung spürbar wird. So sind doch alle Dinge miteinander verwoben, bedingen sich gegenseitig, und würden doch nur im Verborgenen wirken können, wäre da nicht das Wort, daß allem Form, Farbe und Gestalt gibt. Alles läßt sich beschreiben, definieren, egal ob man als Ausgangspunkt den Kern eines Dinges nimmt, seine Kontur oder die Konsequenzen aus seiner Existenz. Doch das Wort trennt auch, da die Einstellung Einzelner Masse und Leere anderes gewichten. Ist Dunkelheit nur das Fehlen von Licht? Ist Mut nur das Fehlen von Angst? Kann der Begriff 'Angst' in gesellschaftlich geduldete Beschreibungen erklärt werden, immer dann, wenn die 'Angst' so noble, verbale Gewänder verliehen bekommt wie: Vorsicht, Besonnenheit, Abklärung? Wie steht es mit der Skaldierung von Mut und Tapferkeit? Schließlich geschieht es nicht selten, daß Menschen dabei eine ganz andere Draufsicht haben, als jene, die Mut und Tapferkeit als höchstes Gut sehen. Mahnt nicht der Vater den Sohn nicht so leichtsinnig, tollkühn oder forsch zu sein, schilt er ihn nicht als dumm und einfältig, wenn der Sohn mit zu leichtem Herzen Dinge angeht, deren Risiken er nicht abzuschätzen weiß?"

Zu Radisar's großem Ärger wird er bei dem letzten Teil seiner Rede von einem heftigen Schluckauf geplagt, der immer dann in Erscheinung tritt, wenn er dramatisch die Stimme hebt.



NORDSTERN -Heck: Efferdan's Wache


Beunruhigt bemerkt Efferdan, wie sich die Trosse spannt.

`Es wird doch wohl hoffentlich langen...`

Sehr genau überprüft Efferdan nun das Tau auf eventuelle Stellen, an denen es festsitzen oder scheuern könnte, was gefährlich wäre....



...doch anscheinend besteht keine Gefahr. Das Seil ist zwar fest und gespannt, es besteht aber momentan kein Grund zur Sorge: Das Seil scheint nirgendwo zu hängen oder zu scheuern...

Efferdan stellt sich neben die Reling an die Trosse, verschränkt die Arme auf der Brust und sieht auf das Meer hinaus, fixiert die Wasseroberfläche.

Freudig betrachtet er das Spiel der Wellen, das Tanzen der Gischt. Vor seinem geistigen Auge entstehen Muster. Es ist fast, als rede das Meer. Es erzählt von Stärke, von Ausdauer. Es berichtet von fremden Ländern, von nie gesehenen Früchten, von seltsamen Tieren und fremdartigen Wesen. Es beschreibt den Sturm, der auf ihm wütet und Praios Sonnenschein, der an einer anderen Stelle das Wasser mit goldnen Strahlen wärmt. Das Meer...

Wie gerne saß er damals als Junge am Strand bei Havena und sah hinaus auf das Meer. Sah, wie sich abends am Horizont die Praiosscheibe, mit dem Wasser vermählte. Verfolgte stundenlang das Spiel der Wellen, erfreute sich an den Bildern, die das Wasser am Strand hinterließ. Bei warmen Wetter war er oft im Wasser, paddelte, planschte, schwamm, tauchte. Das Meer... Irgend etwas zog ihn immer wieder an den Strand. Es war wie ein Zwang - nein, eigentlich kein Zwang, eher eine Sehnsucht... Und diese Sehnsucht ist bis heute nicht gewichen. Deshalb hatte er sich auch entschlossen, zur See zu fahren, als ihn nichts mehr in Havena hielt...

Wieder erfaßt eine traurige Stimmung Efferdan.

`Als mich nichts mehr in Havena hielt... Mutter, warum mußtest du nur so früh von mir gehen...`

Sanft gleitet eine Träne aus dem rechten Augenwinkel, streichelt die Wange und schmiegt sich um das Kinn, verharrt und fällt, fällt, fällt... So wie er selbst damals, als man ihm die klarmachte, daß seine Mutter in EFFerds Reich eingegangen war...

Vorbei fällt die Träne an der Reling, wird hinausgetragen übers Meer, nähert sich der Meeresoberfläche, verschmilzt mit dem Meer, ein Tropfen bestimmt für EFFerds Reich...



NORDSTERN -Brücke: Der Kapitän


In der Gewißheit, daß das diesseitige Ende der Schlepptrosse bei Efferdan in sicheren Händen ist, geht der Kapitän wieder über das Brückendeck, um neben Fiana stehenzubleiben.

Sein Blick schweift hinüber zum Wrack, auf dessen Deck er jetzt Bewegungen sehen kann: Ein Mann - ziemlich sicher Ole - geht zum Bug, um dort die Trosse zu befestigen, und ein weiterer, durch die Neigung des Decks nicht vollständig zu sehen, aber sicherlich Lowanger, macht sich wohl bereit, den anderen zu helfen, an Deck zu kommen.

Im Grunde könnte man jetzt mit dem Schlepp anfangen, aber dazu muß Lowanger erst einmal melden, daß die Ruderanlage drüben in Ordnung ist, daß alle an Bord gegangen sind, und daß das Beiboot sicher vertäut ist, denn das will Jergan auf keinen Fall verlieren.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Darian's Mission


Da sonst niemand der Aufforderung des Offiziers folgt steht Darian auf. Vorsichtig, um in dem wackligen Boot nicht umzufallen, dreht er sich zur ZYKLOPENAUGE oder besser dem, was von dem einstmals sicher stolzen und seetüchtigen Schiff noch übriggeblieben ist. Er ergreift die obere Kante der Bordwand, die hier ja wirklich nicht mehr sehr hoch aus dem Wasser ragt, ja geradezu beängstigend tief liegt. Zum Glück hat er seinen Stab nicht dabei und kann so beide Hände einsetzen, dennoch fällt es ihm nicht gerade leicht auf des Wrack zu steigen. Nein, das umher klettern zwischen Wasserfahrzeugen ist wahrlich keine Tätigkeit für einen Magier. Seine Eltern hatten ihn zwar darauf vorbereitet, dasz er, wenn er auf Reisen ginge, seine körperlichen Fertigkeiten ebenso häufig gebrauchen müszte wie seine geistigen, so dasz er sich nicht ganz so tollpatschig anstellt wie andere Vertreter seines Standes, aber man merkt ihm doch deutlich an, dasz "Wrackbesteigung" kein Bestandteil der klassischen Magierausbildung ist.



Der junge Magus sieht sich an Deck um und musz erst einmal mit dem Anblick fertig werden, der sich ihm bietet. Zwar wurde er auf seinen Reisen bereits einmal mit dem Tod konfrontiert, aber da war es lediglich ein Toter gewesen. Dieser war zudem an einem Stich mit einem Giftdolch gestorben und zeigte somit nicht solche grausamen Wunden. Der bornländische Winter hatte dann noch ein übriges getan, die übelsten Spuren zu überdecken. Aber hier: Das Schiff ist geradezu übersäht mit leblosen Körpern, stellenweise liegen abgetrennte Arme, Köpfe und Teile denen man nicht einmal mehr ansieht, was sie einmal gewesen waren, herum und dann noch das Blut, überall Blut. Darian musz sich zusammennehmen um nicht blindlings an die Reling zu stürzen, zumal dies hier unweigerlich einen Sturz zu den Haien zur Folge hätte. Schlieszlich besinnt er sich auf seine Aufgabe, die Arbeit war schon immer eine gute Ablenkung. Auf ungewöhnliches achten sollte er, besonders auf den etwas merkwürdigen Schiffbrüchigen, der scheinbar als einziger überlebt hat, wo steckt er eigentlich? Andererseits, dieser Mann stand vor kurzem noch auf beiden Beinen und machte nicht den Eindruck als sei Golgari schon zu ihm unterwegs, ihn auf Controllaria und Besessenheit zu untersuchen kann daher noch einen Moment warten, fliehen kann er schlieszlich nicht. Die Akademie zu Lowangen ist dafür bekannt, neben der Mutanda auch die Curativa, also die Heilzauberei zu pflegen und genau diese ist von Nöten, sollte sich in einem der hier liegenden doch noch ein Fünkchen Leben befinden. Vorsichtig, denn das Laufen auf einer schiefen Ebene ist er nicht gewohnt, begibt sich der Adeptus zu einem Körper, der zumindest äuszerlich noch vollständig ist und beginnt diesen auf Lebenszeichen zu untersuchen.



Der Mann, der hier vor dem Adeptus auf dem Deck liegt, sieht auf den ersten Blick unverwundet aus. Er mag vielleicht dreiszig Götterläufe zählen, hat kurzgeschnittene, schwarze Haare und einen ebenso schwarzen Vollbart. Seine grosze, kräftige Statur läszt darauf schlieszen, dasz es sich um einen Vollmatrosen handelt oder besser gehandelt hat. Darian kann beim besten Willen kein Lebenszeichen mehr erkennen, kein Atemzug ist zu vernehmen, der Herzschlag ist verstummt, für immer.

´Woran ist er blosz gestorben, es ist doch gar keine Wunde zu sehen?´

Läge das Schiff nicht schräg, so dasz jede Flüszigkeit sogleich steuerbords dem Meer entgegenflieszt, so hätte der junge Magus vermutlich gleich bemerkt, dasz eine der Blutlachen ihren Ursprung im Rücken dieses Mannes hat. So aber kommt er erst einige Augenblicke später auf die Idee, den Körper auf den Bauch zu drehen. In dieser Lage ist es ein leichtes die Todesursache zu finden: Die abgebrochene Klinge eines Dolches steckt noch immer im Rücken des Matrosen, genau an der Stelle, an der man vorne das Herz vorfindet. Darian reiszt ein Stück Stoff von der Kleidung der Leiche ab und ergreift damit die Klinge, die er vorsichtig herauszieht. Bei der Betrachtung des Dolches fällt ihm eine dünne, in die Klinge eingearbeitete Röhre auf.

´Ein Mengbillar, Gift! Heiliger Argelion! Diese Piraten waren wirklich besonders gründlich.´



Darian wickelt die Klinge in das Stoffstück ein und steckt sie in die Tasche seines Gewandes. Vielleicht kommt er ja später noch dazu sie genauer zu untersuchen, die Art des Giftes läszt vielleicht Rückschlüsze auf die Motive der Piraten zu. Nur um Gold und Ladung kann es diesen jedenfalls nicht gegangen sein, zum einen befinden sich ja noch 200 D an Bord, zumindest nach Angabe des Schiffbrüchigen, zum anderen musz man dazu kein derartiges Blutbad anrichten. Es sieht, zumindest für jemanden, der sich sonst lieber mit der Magica Mutanda als mit "Piratentaktik" beschäftigt, nicht so aus, als wenn die Besatzung der ZYKLOPENAUGE sich ernsthaft gewehrt hat. Dieser Tote jedenfalls ist unbewaffnet und wurde zudem von hinten erdolcht, beides verträgt sich wenig mit einem rondragefälligen Kampf.

Der Adpetus spricht ein kurzes Gebet an Marbo, die mildherzige Tochter des Herrn der Toten, auf dasz die Seele dieses Mannes sicher in Borons Hallen eingehe, dann wendet er sich dem nächsten zu. Zwar miszfällt es Darian zutiefst einen Toten einfach so liegen zu lassen, aber wie auf See mit den sterblichen Überesten von Menschen zu verfahren ist, überlaeszt man dann doch lieber den Seeleuten. Die einzigen eindeutig lebenden sind ohnehin die Männer von der NORDSTERN und von denen sieht keiner wie ein Nekromant aus.

Die nächste Untersuchung ist schnell abgeschloszen, ein Axthieb hat diesem Mann den Kopf abgetrennt, hier kann auch die mächtigste Curativa nicht mehr helfen. Als Darian nach dem zum Torso gehörenden Kopf sucht, schlieszlich soll wenigsten zusammen liegen was zusammen gehört, fällt sein Blick auf ein blutgetränktes Fell. Dieses Fell ist zu klein um einmal ein Kleidungsstück gewesen zu sein und der daranhängende kleine, behaarte Kopf läszt keinen Zweifel mehr zu: Nicht einmal vor der Schiffskatze haben diese Blutsäufer haltgemacht. Wurde sie von einem unbedachten Schritt zermatscht oder wollten die Angreifer tatsächlich alles Leben auf dem Schiff auslöschen? Wenn letzteres der Fall ist: Wieso überlebt dann als einziger ausgerechnet der Abgesandte des Seegrafen? Fürwahr irgend etwas stimmt hier nicht ...



Der Adeptus untersucht einen weiteren Körper, auch dieser ist ein Mann, schon etwas älter an Jahren, fünzig vielleicht. Seine Kleidung macht, trotz der Löcher und zahlreichen Blutflecken, einen etwas besseren Eindruck, als die eines einfachen Seemannes. Offensichtlich ist er ein Offizier, wenn nicht gar der Kapitän. Wäre der Kapitän zu retten, wäre dies natürlich von groszem Nutzen. Natürlich liegt es Darian fern, Leben in wertvoll und unwert einzuteilen, nein er würde seine Kraft selbstverständlich gleichermaszen für jeden Verletzten einsetzen, ob Adliger oder Schiffsjunge, jedoch der Kapitän hat vielleicht eine Vermutung, was hinter diesem grausamen Überfall steckt.

All´ diese Überlegungen sind jedoch müszig, eine Stichwaffe hat das Herz des Mannes durchbohrt, prinzipiell ist der BALSAM SALABUNDE zwar in der Lage selbst solche Verletzungen zu heilen und doch - auch ein solcherart geflicktes Herz wird niemals wieder schlagen. Mehr als ein paar Augenblicke verweilt die Seele nicht in einem zerstörten Körper und einen seelenlosen Körper zu reanimieren hätte nichts mehr mit Heilung zu tun - es wäre nichts weiter als verabscheuungswürdige Nekromantie. Was Darian noch tun kann ist erneut ein Gebet zu sprechen, damit eben diese Seele in die Gefilde Borons geleitet wird.

Aus den Augenwinkeln nimmt der junge Magus eine huschende Bewegung war. Erschrocken wendet er sich um, er erblickt eine Ratte, die quiekend zwischen den Toten über die Planken springt. Normalerweise ist der Anblick einer Ratte wenig erfreulich, doch hier, an dieser Stätte des Todes, wirkt dieses lebende Wesen wie ein Zeichen. Ein Zeichen, dasz das Leben trotz allem weitergeht, dasz die junge Göttin niemals vor Axt und Giftdolch kapitulieren wird.

Dasz eine Ratte an Deck jedoch vor allem ein sicheres Zeichen für eingedrungenes Salzwasser ist, dafür, dasz man sich auf einem sinkenden Schiff befindet, dasz schon bald den eigenen Tod in den Fluten des Siebenwindigen Meeres bedeuten kann, bedenkt der junge Magier nicht ...



Ist das Untersuchen von Leichen generell schon keine schöne Tätigkeit, so ist dieser Anblick, der sich dem Adeptus nun bietet, besonders grausam: Eine junge Frau liegt vor ihm auf den blutverschmierten Planken der ZYKLOPENAUGE, sie hat etwa ebenso viele Götterläufe gesehen wie Darian selbst, eher noch ein paar weniger. Eine Axt oder eine schwere, scharfe Hiebwaffe hat sie knapp unterhalb der Brust getroffen und ihren Körper regelrecht durchgeschnitten, erst an der Wirbelsäule ist die Klinge zum Stehen gekommen.

Trotz dieser grausamen Verwundung, musz man die junge Frau einfach als schön bezeichnen. Seidiges, fast schwarzes Haar fällt, fast einen halben Schritt lang, an ihrem schlanken Körper hinab. Nein, fiel hinab, als sie noch lebte, als ihre zarten Füsze noch auf dem Boden ruhten, nun liegt es blutverkrustet neben ihr. Ihrem Gesicht ist noch im Tode das Entsetzen und die panische Angst anzusehen, die die Frau in ihren letzten Augenblicken durchgemacht hat. Ihre schlanken und doch so weiblichen Formen, verliehen ihr jene rahjagefällige Gestalt, die sicher so manchem Manne den Kopf verdreht haben mag. Nun aber, wird das Spiel der Rundungen und Kurven von diesem grauenhaften Schnitt jäh durchbrochen. Offenbar stammte sie aus einem wohlhabenden Hause, ihre zarten, feingliedrigen Hände haben jedenfalls niemals schwere Arbeit verrichten müszen.

Die rechte Hand hält verzweifelt einen Schmuckdolch umklammert, auch dieser ist blutüberströmt, sollte sie es wenigstens geschafft haben ihren Mörder zu verwunden, ihn vielleicht gar mit in den Tod zu reiszen? Man wird es wohl nie erfahren.

Fast zärtlich rückt Darian den Oberkörper der Toten zurecht, so widernatürlich abgeknickt soll sie nun wirklich nicht liegenbleiben. Danach schlieszt der junge Magus ihr die Augen, diese braunen Augen, die vor vielleicht gerade mal einer Stunde, noch glänzend aufs Meer hinausgeschaut haben, nun aber für immer verschloszen bleiben werden.

Bis jetzt hat Darian sich zusammennehmen könen, nun aber kann er die Tränen nicht mehr zurückhalten. Verschämt verbirgt er sein Gesicht mit den Händen. Was ist das für eine Welt in der so etwas geschehen kann? Was ist seine Magie noch wert, wenn sie nicht einmal verhindern kann, dasz ein Mensch lange vor der Zeit in Borons Hallen abberufen wird?

Eine Stimme dringt gedämpft in sein Bewusztsein, von Leben und Heilungsbedarf ist da die Rede, augenblicklich versiegen die Tränen und Darian kehrt zurück ins hier und jetzt. Der Druide eilt bereits Richtung Heck und bestätigt noch einmal den Ruf des Matrosen. Der Adeptus springt auf, wischt sich kurz mit dem Ärmel durchs Gesicht und läuft zum Heck, so schnell das auf einer blutverschmierten, schrägen Fläche, wie sie das Deck der ZYKLOPENAUGE momentan darstellt eben möglich ist.




ZYKLOPENAUGE: Oberdeck: Lowanger und Draggensson


Der zweite Offizier steht nach wie vor an der Stelle, wo das Beiboot neben der ZYKLOPENAUGE liegt, und ist bereit, den Fahrgästen zu helfen. Bei dem jungen Magier ist das allerdings nicht nötig, er kommt von alleine nach oben, ohne daß Hilfe nötig ist, auch wenn es nicht so elegant wie bei den Seeleuten aussieht.

Lowanger nickt Darian anerkennend zu, und blickt dann wieder nach unten, denn er glaubt schon, daß der Druide Hilfe brauchen wird. Aber inzwischen... da kann doch schon etwas anderes passieren:

"Ole, untersuch mal bitte das Steuer!"

Er ruft das, ohne mehr als nur kurz in Richtung des Bugs zu blicken.



Lowangers Stimme reißt Ole aus seinen Überlegungen. So viel ist zu tun und alles ist wichtig. Doch wo soll man anfangen? Der Schiffszimmermann ist fast schon erleichtert, daß ihm der Befehl des 2. Offiziers eben jene Entscheidung abnimmt.

Zwar wäre das Ruder nicht unbedingt die erste Stelle gewesen, die Ole aufgesucht hätte, denn viel mehr drückt es ihn die Bordwände unterhalb der Wasserlinie zu untersuchen, doch nach einem zweiten Bedenken scheint der Zustand des Rumpfes tatsächlich von zweitrangiger Bedeutung zu sein, denn immerhin schwimmt dieser Kahn noch, wären klaffende Lecks zu beklagen, dann wäre alles hier wahrscheinlich schon längst abgesoffen.

Das Ruder hingegen könnte wichtig werden, besonders deshalb, da die NORDSTERN so schnell wie möglich wieder Fahrt aufnehmen will und dies ginge um so besser, wenn das Schiff im Schlepp durch ein eventuell verklemmtes Ruder nicht ständig gegensteuert.

Wie auch immer: Ein Befehl ist ein Befehl! Deshalb richtet sich Ole kurz auf und ruft zu Lowanger hinüber:

"Woll, Herr! Wird gemacht!"



ZYKLOPENAUGE -Oberdeck: Fargus, der Druide


Offensichtlich warten nun alle auf den Druiden. Fargus richtet sich langsam auf und streckt seine Hand Richtung ZYKLOPENAUGE. Als er bemerkt, daß der Versuch, es seinen Vorgängern gleich zu tun, zum Scheitern verurteilt wäre, gibt er sich einen Stoß :

"Herr Offizier, könntet Ihr mir bitte eine Hand reichen?"

'Falscher Stolz und Übermut sollten wahrlich keine Attribute des Alters sein' denkt er sich dabei.



"Aber selbstverständlich", erwidert der zweite Offizier und greift nach der Hand, die der Druide ihm entgegenstreckt. Lowangers Griff ist fest, ohne schmerzhaft zu sein, und man sieht ihm kaum eine Anstrengung an, als er Fargus kraftvoll hilft, auf das Deck des Wracks zu gelangen.

"Vorsicht", warnt er dann noch, "das Deck ist abschüssig, und die Reling fehlt!"

Anschließend wirft er noch einen kurzen Blick zum Boot hinunter - die Matrosen sind die einzigen, die noch dort sind, und sie wissen ja beide, was sie zu tun haben.



"Habt Dank" spricht Fargus dem Offizier, noch bevor er seinen Blick über das Oberdeck schweifen läßt. Was er dann allerdings sieht, läßt sein Blut in den Adern gefrieren. Die Ängste und Sorgen um sein eigenes Leben, die er eben noch durchlitten hatte wegen der Haie, machen nun Fragen nach dem Sinn Platz, dem Sinn einer solchen Metzelei, dem Sinn von Gewalt an sich, dem Sinn von Dasein an sich.

Nachdem er seinen Blick wieder auf die Szene fokussieren kann, muß sich der Druide zunächst einmal heftigst übergeben. Nachdem er sich davon wieder erholt hat, beginnt er nach Zeichen von Leben zu suchen.



NORDSTERN -Unterdeck:Tagträume


Die junge Matrosin zuckt zusammen, als die beiden Männer mit dem Faß ankommen... sie wird geradezu aus ihren Tagträumen gerissen. Erst rennt Ole sie fast über den Haufen, nun diese beiden... Aber im Grunde ist es ja ihre eigene Schuld, denn so sinnvoll ist es ja nun wirklich nicht, hier so ziemlich in der Mitte des Weges rum zu stehen. Wenn da nur nicht all diese Gedanken wären... die sich um die Funde aus Thorwal und das, was sie in der Messe an Plänen vernommen hat, drehen...

Xenia reißt sich zusammen, und geht dann mit flotten Schritten bugwärts, bis sie im Eingang zum Mannschaftsraum erneut stehenbleibt.

'Ob ich mich in meine Hängematte legen sollte? Aber wenn Nirka das mitbekommt...'

So bleibt sie erst einmal unschlüssig stehen



NORDSTERN -Oberdeck: Die Wächter


Bei den ersten Worten Phexanes wendet sich Torin langsam in die angegebene Richtung und blickt zu der Druidin und dem kleinen Mann hinüber. Die schwarzen Umhänge, in die sich die beiden gekleidet haben, wehen leicht im Wind.

Auf Torins Lippen schleicht sich für kurze Zeit ein Lächeln, als ihm ein Gedanke kommt.

'Mit der passenden Kleidung unter den schwarzen Umhängen könnte man die beiden für Abgesandte eines Boron-Tempes halten.'

Dann wird er jedoch wieder ernster, als er sich zu Phexane zurückdreht und nickt. Diese Regung erscheint ihm als ausreichend. Als er in die Augen der einen Kopf kleineren Frau blickt, fühlt er abermals dieses seltsame Gefühl in seiner Magengegend. Doch zum Glück wendet sie den Blick von ihm ab, als sie ihren Bruder anspricht. Torins Blick schweift abermals zu der kleinen Gruppe in schwarz. Daß die Augen des Jungen auf ihm ruhen, merkt er nicht. Der wehende Wind läßt hin und wieder kurze Blicke auf die unter den Roben liegende Kleidung zu.

'Er trägt ein Hemd, wie man es in fast jeder größeren Stadt bekommt, dazu eine dunkelbraune Hose, die sicher aus Leder ist. Ebenfalls ein Kleidungsstück, das man in jeder Stadt bekommen kann.'

Torin hebt die Hand und streicht sich durch den Bart.

'Vielleicht bekomme ich aus seinem Spind weitere Hinweise auf seine Herkunft und sein Vorhaben. - Doch jetzt unter Deck zu gehen, ist ein zu großes Risiko. Die Mannschaft ist bereits auf dem Wrack und stakst bereits darauf herum. Die Falle dürfte also in den nächten Augenblicken zuschnappen.'

So unauffällig wie möglich streift Torin seinen Mantel beiseite und legt sein Florett frei. Noch einmal schweifen seine Gedanken zu Phexanes Wurfdolch, den er griffbereit unter seinem Mantel versteckt hält.

"Ich glaube, daß die Falle in den nächten Minuten zuschnappen müßte." sagt er leise zu den anderen.



ZYKLOPENAUGE -Oberdeck: Hjaldar und Trolske


Nachdem auch der letzte Passagier heil auf das Wrack geklettert ist, macht sich Hjaldar daran die Bugtrosse des Beiboots zu fassen zu bekommen. Dann zieht auch er sich, trotz des Seilendes in der einen Hand recht mühelos, auf das Deck der ZYKLOPENAUGE. Dort angekommen läßt er seinen Blick nur kurz über das Deck schweifen und dreht sich gleich wieder zum Beiboot hin um, dabei trotz der Schrägen einen festen Stand suchend.

Um Trolske das Nachkommen zu erleichtern, hält er das Beiboot erst einmal kurz an der Trosse, so daß es erst einmal seine Position direkt neben der ZYKLOPENAUGE beibehalten muß.

"Alles klar." nickt er dem Matrosen zu, sobald er sich sicher ist, weder ausrutschen zu können, noch versehentlich das Seil zu verlieren.



"Jau!" erwidert Troske, nachdem auch Hjaldar das Beiboot verlassen und auf das Deck des Wracks geklettert ist. Nachdem er sich versichert hat, daß keine weiteren Gebrauchsgegenstände im Beiboot liegen geblieben sind, überwindet auch der letzte Matrose schließlich den kurzen Höhenunterschied, der zwischen Beiboot und Wrack liegt.

Das blutige Bild, das sich dem Betrachter auf dem Deck der ZYKLOPENAUGE bietet, ist wahrhaftig erschütternd. Auch hartgesottene Seebären bleiben davon gewiß nicht unberührt, so auch Trolske, der vorerst nur angewurzelt stehen bleibt und ein stummes Stoßgebet gen Alveran schickt.

Ein junger Bursche, kaum zwanzig Götterläufe mag er wohl zählen, liegt übel zugerichtet mitten auf dem Deck. Den glasigen Blick starr nach oben gerichtet und das kurze dunkle Haar blutverschmiert. Ein Leben, das kaum, daß es begonnen hatte, schon durch einen barbarischen Axthieb beendet wurde. Daneben liegt, ebenfalls blutbesudelt, ein älterer Matrose mit durchtrennter Kehle. Unter einem Durcheinander von Holzteilen, deren genaue Herkunft nicht mehr festzustellen ist, ragen zwei menschliche Beine hervor. Der Oberkörper dieser Person liegt verborgen unter dem Holz. In der Nähe des Heckaufbaus - oder das was von ihm übrig ist - liegen zusammengekrümmt zwei Menschen, ein Mann und eine Frau. Der eine Arm des Mannes umfaßt den Oberkörper der Frau, fast so, als wolle er sie vor dem Tod bringenden Hieb einer Axt beschützen.

Eine gewisse Verbitterung macht sich bei Trolske breit. Bei so viel Leid und so vielen Toten, selbst wenn es Unbekannte oder Fremde sind, wie kann man da nur an die Bergung des Schiffes denken? Und vor allem - wo steckt der Überlebende bloß?



ZYKLOPENAUGE -Oberdeck: Ole und Trolske


Der Schiffszimmermann geht, über die Zeugnisse des Grauens hinweg schreitend, vorsichtig zwar, aber dennoch um Geschwindigkeit bemüht, heckwärts. Ole versucht bei der Betrachtung seiner Umgebung, sich nicht allzu sehr in die Einzelheiten der Situation zu vertiefen, lediglich darauf achtend, nicht irgendwo anzustoßen oder gar zu stolpern.

Dennoch zieht es seinen Blick geradezu zwingend auf die vielen Toten hin und er merkt, daß eine eisige Faust nach seinem Herzen greift, als er unter den so gewaltsam Dahingeschiedenen ein Mädchen entdeckt, daß nicht nur ungefähr die gleiche Anzahl an Götterläufen erlebt haben mochte wie Rahajana, Ratthaldes und mutmaßlich auch seine Tochter, sondern ihr darüber hinaus auch noch schrecklich ähnlich ist, so daß sich Ole plötzlich an sie erinnern muß.

Das Mädchen liegt auf dem Rücken. Die goldenen, langen Haare, zu ihren Lebzeiten sicherlich die vornehmste Zierde ihrer äußeren Erscheinung, umgeben ihren Kopf wie eine Aureole und ihre starrenden Augen wirken selbst im Tode noch sanft. Der Mund ist leicht geöffnet, wie zu einem Ausruf des Erstaunens, als habe sie der Tod erreicht, noch ehe das namenlose Grauen seinen Höhepunkt erreicht hatte.

Die Bluse des Mädchen ist ziemlich zerfetzt und mitten auf ihrer Brust klafft eine furchtbare Wunde. Nur ein gezacktes Axtblatt kann solche Wunden reißen. Das Brustbein ist völlig zerschmettert, die Rippen eingedrückt und auf der rechten Seite kann man, immer dann, wenn das gnadenlose Licht des PRAiosgestirns die Tiefen dieser entsetzlichen Brustverletzung erhellt, das stumm ruhende Herz sehen. Vor ein paar Stunden hatte es noch geschlagen.

Es schnürt dem alten Schiffszimmermann die Kehle zu, als er solches erblicken muß. Ein kurze Moment der Unaufmerksamkeit ist es gewesen, ein Keim unendlicher Trauer und die, immer wieder vergeblich gestellte Frage nach dem 'Warum?', da stößt Ole mit seinem Stiefel gegen den leblosen Körper eines jungen Matrosen. Die Hand des armen Jungen ist noch immer krampfhaft um das Heft eines geborstenen Entermessers gekrallt, doch hat ihm die Waffe das Leben offensichtlich nicht retten können. Oder doch !?

Der Junge liegt zwar leichenblaß auf den Planken und seine Augen sind geschlossen, doch sind bei ihm, auf dem ersten Blick, kaum Verletzungen zu erkennen. Ole kniet nieder und sieht sich dabei nach einem der Zauberer um, damit er ihn rufen könnte, wenn er noch ein Lebenszeichen bei diesem jungen Matrosen erkennt.

Er sieht Herrn Darian. Der junge Magus hat sich gerade über einen, am Boden liegenden Körper gebeugt, zweifellose ist er schon bei der Arbeit. Schon will ihn Ole rufen, damit er den jungen Matrosen wiederbelebe, da wandelt sich die Freude des Schiffszimmermanns, einen Überlebenden gefunden zu haben, in jähes Entsetzen.

Ole hatte gerade den Oberkörper des jungen Seemanns angehoben, als der Kopf des Matrosen, mit einem sehr widerliche Knirschen, in einen sehr unnatürlichen Winkel nach hinten klappt. Wahrlich, da ist kein Leben mehr in diesem Körper. Traurig läßt Ole den toten Körper wieder zu Boden sinken. Er empfiehlt die arme Seele in die Gnade Borons, daß Rethon sich zu Gunsten des junge Verblichenen neigen möge.

'Das Ruder!'

Der Befehl Lowangers kommt Ole wieder in den Sinn. Oh ja, das kommt Ole nun sehr gelegen.

'Das beste Mittel gegen melancholisches Grübeln ist harte Arbeit, das ist immer schon so gewesen, das wird immer so sein!'

Mit diesem Gedanken versucht sich Ole selbst aufzumuntern, sich wieder Antrieb zu verleihen, um sich von dem namenlosen Grauen nicht lähmen zu lassen. Er geht weiter und diesmal läßt er sich nicht mehr ablenken. Nur als er an Trolske vorbeigeht, der sich, wie Ole kurz vorher auch, mit schreckensgeweiteten Augen auf dem Oberdeck umsieht, bleibt der Zimmermann stehn und sagt:

"Laß' mal, Trolske, denk nicht darüber nach, das führt zu nichts. Was geschehen ist, ist geschehen und unsere Gedanken sollten nun denen gelten, die noch leben!"

Auch wenn Ole's Worte als Trost gedacht waren, man kann die Bitternis in seiner Stimme nicht überhören.



Der Matrose nimmt die Worte Oles kaum wahr, auch wenn er sie sehr wohl versteht - gefühlsmäßig fast noch mehr, als vom Inhalt her. Und so ist es diese Mischung aus Trost und Bitterkeit, die ihn schließlich aufblicken läßt.

"Ja... da hast du wohl recht..." erwidert er, und sieht dann wieder zu den Toten. Ihm ist sehr wohl klar, daß die beiden Fahrgäste viel bessere Möglichkeiten haben, eventuellen Überlebenden zu helfen, aber dennoch... er kann nicht daneben stehen, wenn es vielleicht doch noch einen Überlebenden gibt, der vielleicht übersehen wurde. Und da Lowanger ihm im Gegensatz zu Hjaldar und Ole auch noch keinen Befehl gegeben hat, will er wenigstens die wenigen Augenblicke nutzen, bis die Arbeit auf diesem Schiff beginnen wird - daß sie das tun wird, ist ihm sehr klar.

So erhält Ole außer der knappen Antwort keine weitere Reaktion von Trolske, und dieser geht langsam und bedächtig über das Oberdeck, um sich neben einem dahin gestreckten Matrosen zu bücken.



Im Grunde genommen hat Ole keine Antwort von Trolske erwartet, was soll man auch schon sagen, bei einem Anblick, der dem des Vorhof's der Niederhöllen sehr nahe kommen muß. Der Schiffszimmermann hat für Trolske's Wortkargheit das allergrößte Verständnis. Für längere Unterhaltungen wäre im Augenblick eh keine Zeit.

Es ist sehr schwierig auf dem Oberdeck einen Weg zu finden, ohne immer wieder von Entsetzen heimgesucht zu werden. Zwar hat sich Ole vorgenommen, nunmehr seine Auftrag ohne Unterbrechung auszuführen, doch so richtig will ihm das nicht gelingen.

Immer wieder zieht es seinen Blick hin zu Darian und es steigert Ole's Gefühl der Beklemmung, als er sehen muß, daß sich der Magus immer wieder zu einem Körper hinunter beugt, sich aber schon nach kurzer Zeit wieder aufrichtet, mit einem deutlichen Mienenspiel, daß hier wohl jede Hilfe zu spät käme.

Ole's Augen füllen sich mit Wasser, Tränen der Erschütterung und der Trauer, aber auch Tränen des hilflosen Zorns. Er empfindet es fast als Erleichterung seine Umgebung nur noch durch den Schleier der Tränen wahrnehmen zu können.

Endlich aber geht ein Ruck durch seine Seele und Ole erinnert sich an den Rat, den er noch vor wenigen Augenblicken Trolske gegeben hatte. Er beschließt nun, sich selbst ein wenig von der 'Medizin' zu gönnen, die er dem anderen so wärmstens empfohlen hatte 'einzunehmen'.

Der 'graue Riese' brummt nun ein einfaches Lied vor sich hin, eine eintönige kurze Melodie, eine Mantra, welche die Geweihten des Zirkels angewendet haben, um sich seelisch und geistig zu 'reinigen'. Und das Liedchen verfehlt auch bei Ole seine Wirkung nicht. Die nagende Trauer verliert ihre Macht und die Flut des Zorns wird wieder hinter den Damm der Selbstbeherrschung zurückgedrängt, Ole's Gedanken werden klarer und wieder sehr viel zielgerichteter.



NORDSTERN -Oberdeck: Der 'Glücksbringer'


'Mögen die Geister der Toten sich nicht an uns für diese Grausamkeit rächen!'

Unsicher und ängstlich beobachtet Raschid das Treiben auf dem anderen Schiff. Die letzten Minuten war er zu keine Handlung in der Lage gewesen. Seine Beine schienen wie angenagelt an den Planken des Oberdecks zu sein und sein Blick war starr auf das zerstörte Schiff gerichtet. Immer wieder betete er zu den Göttern und dankte seinem Glücksbringer, daß er ihn und das Schiff, auf dem er war, vor den Piraten geschützt hatte. Wie leicht hätten sie das Ziel des Angriffes werden können. Und ebenso wie die ZYKLOPENAUGE hätte die NORDSTERN keine Chance gegen die Drachenboote der Thorwaler gehabt.

'Diese Glücksbringer sind wahrlich ein Schatz, der nicht mit Gold und Edelsteinen aufzuwiegen ist. Aischa's Vater wußte schon, warum er diesen forderte.'

Vorsichtig tritt Raschid näher an die Reling heran.




NORDSTERN -Unterdeck: Planänderung


Der Augenblick schien nicht geeignet, trotz der Ereignisse, die sich auf dem Deck abspielten, war das Unterdeck noch zu stark besucht. Später würde sich sicher eine bessere Gelegenheit bieten, auf das Ladedeck zu kommen. Außerdem wurde Jarun langsam neugierig auf das, worüber alle auf dem Deck redeten. Jarun macht auf dem Absatz kehrt und betritt das Oberdeck über den Aufgang im hinteren Teil des Schiffs.



Ohne Probleme erkennt Jarun den Ursprung der Aufregung, die auf dem Schiff zu spüren ist. Fast alle Passagiere und die ganze Besatzung steht auf einer Seite der NORDSTERN und schauen gespannt zu einem Wrack herüber, das neben der NORDSTERN treibt.

Auch Jarun tut es den anderen gleich und richtet seinen Blick auf das Deck des zerstörten Schiffes. Zwischendurch löst er aber seinen Blick, um nach links und rechts zu schauen. Dort hofft er einige Hinweise in den Gesichtern der anderen zu finden, die darauf hindeuten, was passiert ist oder in den nächsten Augenblicken auf dem Wrack passieren wird.



ZYKLOPENAUGE -Oberdeck: Lowanger's Andacht


Nachdem die Leute alle auf dem Deck der ZYKLOPENAUGE stehen, sieht sich auch Lowanger weiter um. Der Anblick ist wirklich nicht schön, und er hat volles Verständnis für den Druiden, der sich übergeben muß. Ihm selbst ist auch nicht so ganz wohl zumute, auch wenn er dies unterdrückt, denn er ist hier momentan der Kommandant, und sollte damit kaum Gefühle dieser Art zeigen - auch wenn ihm, der nur selten Gefühle zeigt, das ganze ziemlich nahe geht.

Sein Blick huscht über die Toten, fixiert den übel zugerichteten jungen Burschen für einen Moment, huscht weiter zu den beiden beieinander liegenden Menschen, und dann wieder für einen Moment hinüber zur NORDSTERN. Für wie sicher und solide man so ein Schiff auch immer hält... Anblicke wie dieser hier machen einem die Verwundbarkeit doch überdeutlich klar. Sicher war das Leben hier an Bord genauso lebendig und oft fröhlich, wie es auf der NORDSTERN der Fall ist, und das hat sich dann innerhalb kurzer Zeit - eine Schlachterei wie diese hier dauert sicher kaum mehr als eine Stunde - in das komplette Gegenteil umgekehrt.

'Entsetzlich' erfaßt kaum, wie schlimm es wirklich ist, vielleicht gibt es dafür auch keine Worte...

Tief in Gedanken sieht Lowanger, wie Ole in Richtung Heck über das Deck geht, und erinnert sich dann wieder an den Befehl, den er diesem gegeben hat. Für diese armen Menschen hier hat die Zeit jede Bedeutung verloren, während sie aber dennoch weitergeht...

Der zweite Offizier seufzt kurz, dann geht er ebenfalls in Richtung Heck. Es wird für die Toten gesorgt werden, denn diese Zeit muß sein, und sie wird da sein - wenn die ZYKLOPENAUGE schleppfähig ist, und der Schlepp begonnen hat. Und... wenn er, Lowanger, mit dem Überlebenden gesprochen hat, der momentan nirgends zu sehen ist... ob er noch unter Deck das Geld zusammensucht?

Langsam und vorsichtig, den Toten Respekt erweisend, geht Lowanger nach achtern.



ZYKLOPENAUGE -Oberdeck: Hjaldar und Lowanger


Sobald Trolske an Deck ist, gibt Hjaldar der Trosse wieder mehr Spielraum und dank des günstigen Windes wird das Beiboot jetzt von der ZYKLOPENAUGE weg gedrückt, so daß es kaum gegen die Bordwand schlagen kann. Vorsichtig macht er sich auf den Weg Richtung Heck, das Beiboot dabei an der Trosse neben sich her ziehend.

Der Anblick des Blutes und der ganzen Toten bereitet ihm dabei wenig Probleme. In seiner Zeit als Weibel eines kleinen Söldnertrupps im Banner der 'Schwarzen Katla' waren er und seine Jungs häufig mit der 'ehrenvollen' Aufgabe bedacht ganz vorne zu stehen. Nach kaum einem halben Götterlauf konnte er die, die er noch vom Anfang seiner Truppe an kannte, an einer Hand abzählen ... und mußte dazu nicht einmal alle Finger hernehmen. Und auch als er noch als junger Spund mit der Otta im Südmeer Al'anfaner versenkte waren blutige Kämpfe und der Tod ständige Begleiter.

Trotzdem zeigt sich jetzt auf seinem Gesicht deutlicher Ekel vermischt mit tief empfundenen Zorn und in Gedanken verflucht er die, die dies hier angerichtet haben, in die ungemütlichsten Winkel der Niederhöllen, während er weiter geht und aufmerksam das blutige Chaos auf dem Deck mustert. Krieg und Schlachten sind eine Sache - ein solches Gemetzel an nahezu Wehrlosen eine ganz andere.

Als er das Heck erreicht, sucht er sich suchend um nach einen passenden Ort, an der er das Beiboot festmachen kann. Schnell hat er sich für einen der Poller entschieden, der unversehrt erscheint und leeseitig liegt, so daß das Beiboot auch weiterhin nicht gegen die ZYKLOPENAUGE gedrückt werden kann. Mit schnellen und sicheren Handbewegungen vertäut er die Trosse so, daß sie sich allensfalls durch einen Axthieb ohne weiteres lösen würde.

Mit ein paar schnellen Schritten nähert er sich dann dem zweiten Offizier und auch Ole, der ja ebenfalls achtern ist.

"Das war kein Kampf, das war ein Massaker." konstatiert er mit kaum zurückgehaltenen Zorn gegen die Urheber in der Stimme. "Kaum einer von denen" er deutet mit einer ausladenden Geste auf die verstreuten Toten "hat auch nur eine Waffe. Das war keine Otta. Eine solche Metzelei habe ich erst zweimal gesehen: Bei einem kleinen Dorf, das von Orken überrannt wurde und damals bei Chorhop, als eine Horde fanatischer Blutsäufer einen ganzen Stamm niedergemacht hat."



Schweigend folgt Lowanger dem Schiffszimmermann, während seine Gedanken weiterhin sehr weite Kreise drehen, die sich um Leben und Tod drehen, um Seefahrt und Untergang, um Werden und Vergehen, um Glück und Trauer... um viele verschiedene Dinge, und doch immer wieder in der Gegenwart ankommen.

Aber dennoch sieht er, wie Hjaldar flott den Auftrag ausführt, und das Beiboot zum Heck bringt und dort vertäut, damit ist die nächste Voraussetzung für den Schlepp erfüllt. Einzig der Zustand des Ruders ist noch fraglich, aber das sieht selbst Lowanger, als sie dem Heck näher kommen: Die ZYKLOPENAUGE hat kein modernes Steuerrad wie die NORDSTERN, sondern ein herkömmliches Ruder mit einer Pinne. Und die ist zersplittert unter der Wirkung eines Axthiebes und sicher nicht mehr zu gebrauchen... soviel sieht der zweite Offizier, ob das repariert werden kann... darüber muß wohl Ole befinden.

Er will gerade etwas entsprechendes fragen, als Hjaldar wieder dazukommt, und seine Sicht auf den Kampf schildert - etwas, das Lowanger mit einem energischen Nicken unterstreicht.

"Das denke ich auch! Aber wir werden das rasch erfahren... das wird uns dieser Überlebende erzählen, wenn er endlich mal wieder auf dem Deck auftaucht."

Die Worte werden gegen Ende hin etwas leiser und nachdenklicher, und der zweite Offizier sieht sich dabei noch einmal sehr aufmerksam um, als erwarte er, daß der Überlebende jeden Moment auftaucht.



NORDSTERN -Oberdeck: Traumauge im Paradies


Traumauge hat seine Erfüllung gefunden, eifrig ist er dabei die Liebkosungen, die ihm widerfahren Phexane zurück zu geben, indem er mit der Oberseite seines Köpfchens unsagbar sanft über ihre Wange streicht. Einfach zum verlieben, flauschig und weich ist das feine Fell, das dort zwischen den Ohren ist. Dies wird von einem sanften, beruhigenden und genüßlichem Schnurren begleitet.

Ja hier will er den Rest seines Lebens verbringen, auf diesen schönen weichen Schultern, gekrault von jener netten Frau. Stets ist er auch bemüht seine Niedlichkeit in vollster Perfektion zu präsentieren, die großen runden Katzenaugen werfen Phexane immer wieder einen liebebedürftigen Blick zu.



NORDSTERN -Oberdeck: Die Wächter


Während Phexane auf Alriks Antwort wartet, krault sie das Köpfchen von Traumauge. Kurz lächelt sie dem kleinen Kater auf ihrer Schulter zu, der ihr so liebesbedürftige Blicke zu wirft. Aber dann hört sie Torins Worte bezüglich der Falle.

Ihre Blicke gehen zu dem Wrack. Sie sieht dort ein paar Leute von der NORDSTERN herumlaufen. Was sie dort aber genau machen, und wie es auf dem Deck dort aussieht, kann sie von ihrem Standpunkt nicht ausmachen. Kurz geht ihr Blick auch zu dem Verdächtigen. Noch immer steht er bei der einen Dame und redet mit ihr.

'Ob sie vielleicht auch was mit ihm zu tun hat? Aber sie ist schon etwas länger an Bord. Oder ...'

"Hmmm, er könnte sie als Geisel nehmen," denkt sie laut, spricht es aber dennoch leise aus, so daß es nur die anderen drei - und Traumauge, natürlich - mithören können.



NORDSTERN -Brücke: Fiana und Ottam


Fiana konzentriert sich auf ihre Arbeit, dennoch vermag dies nicht jegliche Gedanken an die Schrecken, welche die Leute, die hinüber gerudert sind, jetzt sehen, zu vertreiben. Zu grausam sind die Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen und krampfhaft konzentriert sie sich weiter auf das Steuer, das noch nicht viel Arbeit erfordert.

Sie wartet ebenso wie die Anderen auf eine Meldung, vielleicht, ja vielleicht hat doch noch jemand überlebt.

'Efferd schütze sie, und gewähre denen die bereits gegangen sind Zutritt zu deinem heiligen Reich'



Ottam steht da, nach außen hin locker, wütend wohl, aber locker. Doch unter der Kleidung ist jede Sehne gespannt, jeder Muskel hart. Was mag wohl passieren, oh diese Törichten, wenn es etwas Wichtiges und Wertvolles auf diesem Schiff gibt, werden sie es sicher nicht finden. Könnte er nur hinüber, mit einigen Hellsichtzaubern wäre schnell Licht ins Dunkel gebracht, doch von hier aus ist es einfach zu weit oder der Kraftaufwand übersteigt den Nutzen immens.



NORDSTERN -Ausguck: Der Mann im Mast


Orgen geht seinem Befehl nach wie vor mit großer Motivation nach. Er, der er von oben einen guten Blick hat, schaut auch immer mal wieder auf das Wrack selbst, es könnte sich ja doch plötzlich jemand erheben und angreifen. Wenn dem so ist, will er es sein, der die Warnung ausruft. Doch nichts dergleichen passiert und eigentlich ist er auch froh darüber, genau wie über die Tatsache, daß er die Leichenteile nicht genau genug sehen kann, um den ganzen Schrecken zu erfassen. So späht er wieder den Horizont ab, doch nichts ist zu sehen.



NORDSTERN -Oberdeck: Anselm und Joanna


'Schläft wohl mit offen Augen', denkt sich Anselm, während er die Druidin fragend anschaut. Resigniert dreht er sich wieder der Reling zu.

"Nun ja, wenn ihr das Wrack für so interessant haltet, so will ich mich diesem auch wieder zuwenden. Aber sagt, was könnt ihr erkennen? Ich bin... wie soll ich es ausdrücken..."

- Ein leicht verlegener Blick liegt auf Anselms Gesicht -

"...etwas benachteiligt aufgrund meiner Größe."



Joanna starrt unbewußt auf das Wrack hinaus, doch sie nimmt es nicht wirklich wahr. Vielmehr ist sie mit ihren Gedanken wieder bei ihrem Mentor. Anselm versucht sie schon einige Male anzusprechen, doch anscheinend hat er nicht viel Erfolg dabei. Als sich die Druidin vorstellt, daß Osin al Gossera durch ihr Verschulden schon längst tot sein könnte, wird sie aus ihren Gedanken gerissen und zuckt leicht zusammen, als Anselm bemerkt.

"Es tut mir leid, aber ich war gerade so in Gedanken versunken, daß ich Sie gar nicht bemerkt habe."

Unsicher lächelt sie ihm zu.

"Mein Name ist Joanna de Clair."



'Normalerweise wär' sie das perfekte Opfer..schade um die Gelegenheit.'

"Nun, 'erfreut euch kennen zu lernen...Bevor ich euch wieder euren Gedanken überlasse, ist es erlaubt zu fragen, welches euer Reiseziel wäre?"



"Mein Reiseziel? Da muß ich euch enttäuschen, denn das weiß ich wohl selbst nicht so genau. Ihr müßt wissen, daß ich auf der Suche nach jemandem bin."

Erst jetzt betrachtet die Druidin ihren Gegenüber etwas näher. Sie sieht einen sehr kleinen Mann, der ein weißes Hemd, eine dunkelbraune Hose und eine schwarze Robe trägt.

"Ich bin schon wieder ganz zurück in der Realität, aber wenn ich so in Gedanken versinke, ist das so, als ob ich in eine andere Welt versinken würde. Außerdem waren es ohnehin keine schönen Gedanken, und da bin ich über jede Ablenkung froh."

Joannas schwarze Augen blicken Anselm erwartungsvoll an.

"Und welchen Hafen steuert ihr an?"



"Auf der Suche nach einer bestimmten Person. Nun, Aventurien ist groß... daß ist ein recht kühnes Unterfangen. Nun ja, ich werde mit diesem Schiff bis nach Kuslik reisen."

'Weit weg von allen Problemen.'

Mehr zu sich selbst spricht er:

"Was hat da eigentlich so geknallt. Ach, auch egal..."



"Ich weiß, daß es ziemlich unwahrscheinlich ist, daß ich die Person finde, die ich suche, aber mein Instinkt hat mich auf dieses Schiff geführt, und so werde ich auch an mein Ziel gelangen."

Bei dem Gedanken an DAS Ziel ihrer Reise beginnen Joannas schwarze Augen zu funkeln.

"Wenn ich fragen darf, was führt euch nach Kuslik?"

Joanna lächelt Anselm freundlich zu.



ZYKLOPENAUGE -Oberdeck: Fargus und Lowanger


Auch der Druide kann keine Zeichen von Leben mehr hier auf dem Oberdeck entdecken.

'Wie grausam und gewissenlos muß man sein, um derartige Untaten begehen zu können?' fragt sich Fargus 'Irgendwie hatte ich mir diese Aufgabe doch ein wenig anders vorgestellt. Vielleicht braucht der Überlebende ja Hilfe, vielleicht ist aber auch unten -'

Fargus schaut sich nach einem Niedergang um.



Leichenblaß ruft der Druide dem Offizier zu :

"Herr Offizier, ich würde mich gerne mal unter Deck umschauen, hier oben sind keine Lebenszeichen mehr zu entdecken. Begleitet Ihr mich oder stellt mir einen Eurer Männer zur Seite ?"



Die von weiter vorne gerufene Frage des Druiden holt den zweiten Offizier noch ein weiteres Stück in die Gegenwart und zu den aktuellen Ereignissen hin zurück - auch auch dazu, daß er derjenige ist, der hier die Verantwortung trägt, und eine klare Aufgabe hat, die umgesetzt werden muß.

"Gleich, Herr Fargus! Ich möchte zuerst die Schleppfähigkeit des Schiffes herstellen, und mit dem Überlebenden reden, ehe wir den Rest des Schiffes untersuchen."

Er ruft diese Antwort laut genug nach vorne, um von allen auf dem Deck der ZYKLOPENAUGE gehört zu werden, und vielleicht auch von dem Schiffbrüchigen, falls der nicht gerade in einem abgeschiedenen Teil des Laderaumes ist. Aber im Grunde müßte er das Anlegen des Bootes und das Umhergetrampel auf Deck gehört haben.

Lowanger hat jedoch noch einen Grund, der gegen eine sofortige Untersuchung spricht, doch den behält er für sich, um keine Panik zu schüren.

'Und ich möchte erst mehr wissen, ehe ich meine Leute soweit verteile, daß ich sie nicht einmal mehr alle auf einmal sehe, und keinen Überblick habe, was passiert.'

Sein Blick kehrt wieder zu Ole und der Ruderanlage zurück, die für das, was er gerade gesagt hat, von großer Wichtigkeit ist.




ZYKLOPENAUGE -Heck: Das Ruder


"Ich fürchte die Pinne können wir vergessen, Herr Lowanger!" brummt Ole vor sich hin "Hoffentlich haben wir Glück und der Rest ist noch heile!"

Ole bleibt einen Moment stehen und sieht sich um, wonach ist noch nicht zu erkennen. Dann nimmt er ein paar gebrochene Bretter auf und wirft sie nach einer kurzen Untersuchung wieder weg. Genauso geschieht es mit ein paar Balken und Stäben. Dann entdeckt der Schiffszimmermann ein Entermesser, das zwischen den Trümmern auf dem Boden liegt.

Vorsichtig hebt es Ole auf, vorsichtig nicht deshalb, weil das Entermesser besonders scharf wäre, es ist nur in besonderer Weise blutverschmiert und das nicht nur an der Klinge, sondern auch am Heft, so daß Ole erst ein leichtes Ekelgefühl überwinden muß, bevor er zugreifen kann.

Mit dieser Waffe in der Hand geht nun der Schiffszimmermann auf die Reste des Ruders zu, kraftvoll und entschlossen, als gälte es einen bösen Feind zu erschlagen. Als er dort ankommt, wirbelt er die Klinge über Kopf nach vorne und treibt den Stahl einen guten Spann weit in den Holzstumpf hinein. Nun sitzt die Waffe fest im Holz und ragt rechtwinkelig ab, nunmehr als Behelfspinne gut zu gebrauchen.

Danach sammelt Ole lose Seile auf, die in genügender Anzahl zwischen all den toten Körpern auf dem Oberdeck der ZYKLOPENAUGE herum liegen, Reste der zerstörten Takelage. Mit diesen Seilen bindet der Schiffszimmermann den Holzpfahl, oberhalb und unterhalb der festsitzenden Klinge ab. Das Entermesser läßt sich nun keine Quentchen mehr bewegen, außerdem hat die ganze Behelfskonstruktion nun eine bessere Stabilität.

Ole probiert das reparierte Ruder sofort aus und es funktioniert tatsächlich. Das Ruder läßt sich über den Griff des Entermessers leicht bewegen, vielleicht sogar ein bißchen zu leicht, befindet Ole. Sofort bilden sich auf der Stirn des 'grauen Riesen' ein paar markante Sorgenfalten. Sollte die Übertragungsstange gebrochen sein, dann könnte es kompliziert werden. Wer repariert schon gerne schadhafte Stelle, einen Schritt hoch über dem Meeresspiegel, wenn man damit rechnen muß, daß ein hungriger Hai einem ein Stück aus dem Hintern beißt.

Ole geht bis an den äußersten Rand des Hecks, legt sich dann auf die Planken und schaut vorsichtig und sichernd über den Rand. Es ist wohl noch ein Stück der Reling dort übrig geblieben, doch möchte sich Ole nicht auf die Haltbarkeit dieser Überreste verlassen.

Nach einer kurzen Zeit ruft Ole:

"Das Ruderblatt scheint noch in Ordnung zu sein, zumindest soweit ich das von hier aus erkennen kann. Könnte 'mal jemand das Ruder bewegen, damit ich sehen kann, ob sich da hinten was tut?"



NORDSTERN -Brücke: Der Kapitän


Der Kapitän der rivaer Karavelle beobachtet weiterhin die andere Karavelle aufmerksam. Ab und zu gleitet sein Blick auch über den Horizont, doch dem widmet er nur wenig Aufmerksamkeit, weiß er doch, daß man sich auf Orgen im Ausguck verlassen kann.

Drüben sind sie mittlerweile alle auf dem Deck, wie Jergan durch rasches Zählen herausfindet, und er sieht auch, daß das Beiboot hinter dem Heck der ZYKLOPENAUGE auf den Wellen schaukelt. Die Aktivitäten an Deck scheinen sich auf die Toten, und auf das Heck zu konzentrieren - damit sollte wohl bald klar sein, ob es weitere Überlebende gibt, und ob das Wrack wirklich schleppfähig ist.



NORDSTERN -Vordeck: Der Ring


Frau von Beibach und Bruch lächelt. Es scheint sie nicht zu stören, daß Nirka Reckindes Trefferprämie kaum Aufmerksamkeit schenkt. Überhaupt scheint die Freifrau locker und entspannt zu sein und von einer inneren Heiterkeit, so wie man sie kaum hatte jemals erleben dürfen. Die meisten Menschen kennen sie als eine jähzornige, dominate und intolerante Frau, bei der schon Kleinigkeiten genügen, um sie heftiger explodieren zu lassen, als dies der Ausbruch eines Vulkans je hätte erreichen können.

"Sie müssen das verstehen. Bootsfrau! Dieser Ring ist nicht nur einfach ein Ring. Gewiß, er hat einiges an Wert, doch sein wahrere Wert liegt woanders. Ich habe diesen Ring seinerzeit nicht gekauft, er wurde mir verliehen. Ich war damals noch sehr jung und wild und ich handelte mit Fellen aus dem Norden. Das war bevor Nagrach den Norden zu einem Bezirk der Niederhölle machte. So kam ich auf meinen Reisen in eine Dorf, daß bis weit in den Süden für das Geschick seiner Jäger und Fallensteller berühmt war. Doch all der Wagemut und das Können jener Leute konnte nicht verhindern, daß Urugorn, der Bär, die Herden der Umgebung erklecklich dahin raffte. Nun war es nicht so, daß ich mich an die Fährte dieses Untiers geheftet hätte, ich habe schon immer meine Grenzen gekannt, das Schicksal selbst wollte es, daß sich unsere Wege kreuzen. Und was keinem der besten Jäger gelungen war, ich schaffte es den Bären zu erlegen und zwar nur bewaffnet mit einem langen, aber einfachen Messer. Thoralf, ein Geweihter des Jagd- und Wintergottes gab mir jenen Ring als Anerkennung meiner Leistung, doch machte er mir klar, daß ich nur ein Zwischenträger sein könnte, in einer langen Reihe Würdiger, die den Ring schon getragen hätten und noch tragen werden."

Rekinde macht eine kleine Pause. Ihr Gesicht scheint sich auf wunderbare Weise zu verjüngen, während sie sich stumm ihren Erinnerungen hingibt. Die Zeit damals muß sie schon sehr geprägt haben und es muß eine Zeit des Glücks gewesen sein.

"Das ist das Geheimnis des Ring, den man 'Firun's Lob' nennt: Man verdient ihn sich, indem man in besonderer Weise einen tierischen 'Menschenfresser' erlegt und man trägt ihn solange, bis man einen Würdigen gefunden hat, an den man den Ring weitergeben kann, so wie man ihn selbst erhalten hat!"

Die Freifrau richtet sich feierlich auf und spricht:

"Wenn ihr mit diesem Torsionsgeschütz einen der Haie erlegen könnt, dann habt ihr mit hervorragendem Geschick dem Morden eines Untiers ein Ende bereitet und seid damit würdig den Ring statt meiner zu tragen, solange, bis ihr jemanden finden werdet, der nach euerem Betrachten würdig genug ist diesen Ring zu erhalten!"

Reckinde lächelt nun wieder:

"Schon mehr als tausend jahre soll der Ring jetzt schon so unterwegs sein!"



Die Bootsfrau hört mit zunehmenden Interesse zu - auch wenn sie der Ring selbst kaum interessiert, so stößt diese Geschichte doch schon viel eher auf ihr Interesse. Allerdings... auch sie weckt in ihr nicht den Wunsch, diesen Ring zu besitzen, denn so, wie sie die Bedeutung des Ringes versteht, bezieht sich diese eher darauf, mit solch einer Tat das Leben von Menschen gerettet zu haben, und das würde man bei einem Schuß auf einen Hai ja nicht tun, weil niemand in Gefahr ist. Zumal auch nicht ganz klar ist, ob man einen Hai, der im Wasser schwimmt, mit einer Steinkugel überhaupt töten kann, wenn man nicht gerade den Kopf trifft. DAS interessiert die Bootsfrau jedoch, und so nickt sie schließlich - trotz ihrer Bedenken, ob solch eine Tat, so diese überhaupt ausführbar ist - dem Ring angemessen ist. Aber... sagte Reckinde nicht gerade, daß diese Entscheidung im Ermessen des Ringbesitzers liegt, und damit ihre, Reckindes Entscheidung ist? Und wenn Reckinde meint...

"Gut", erwidert die Bootsfrau schließlich, "werden wir es versuchen, falls der Kapitän nichts dagegen hat."

Suchend blickt sie sich um, wobei zu Angars Glück die Freifrau zwischen ihm und der Bootsfrau steht, und diese ihn darum nicht erblickt. Nirkas Augen suchen jemanden, der den Kapitän fragen kann, denn sie selbst hat nach wie vor den Befehl, am Geschütz zu sein, und da kann sie nicht fragen gehen.

Sie erblickt ALRIK, der in der Nähe zweier Fahrgäste herumsteht, und anscheinend gerade nichts tut... doch das mag täuschen, falls er da gerade beschäftigt ist, so ist das wichtiger als solche eine Spielerei, wie sie sie plant. Auch andere Matrosen, die sich auf dem Oberdeck befinden, sind mit Vorbereitungen für die Weiterfahrt beschäftigt...

Fast wirft sie wieder einen Blick nach vorne, da erblickt sie am so ziemlich entgegengesetzten Ende des Schiffes den Matrosen Efferdan, dessen Auftrag, den sie ihm gegeben hat, offensichtlich erfüllt ist.

"Efferdan! Zu mir!" schallt ihre Stimme über das Schiff, während sie sich schon wieder Reckinde zuwendet.



NORDSTERN -Oberdeck: Jarun lauscht


Auch für Jaruns Ohren bleibt das Angebot der Dame von Beibach und Bruch nicht ungehört. Vorsichtig, so daß nur schwer zu erkennen ist, daß er genau in ihre Richtung schaut, inspiziert er den Ring, den sie der Bootsfrau angeboten hat. Leider befindet er sich noch zu weit von der Dame entfernt, um sich ein genaues Urteil zu erlauben.

Langsam bewegt er sich in Richtung Vorderdeck, wo sich das Geschütz befindet. Dabei reckt er sein Kopf nach oben und stellt sich auf die Zehenspitzen, um über die anderen, an der Reling stehenden Personen, hinüberzublicken. Doch die Informationen, die seine Augen aufnehmen und an seinen Kopf weitergeben, verlaufen ins Leere. In seinem Kopf arbeiten die kleinen Rädchen und Schräubchen, als habe der Ruf der Dame eine winzige Maschine des Leonardo in Gang gesetzt.

Ein Glitzern ist in seinen Augen zu entdecken und ein Lächeln, daß in anbetracht der Situation eine gewisse Grausamkeit oder Verwirrtheit vermuten läßt.



NORDSTERN -Vorderdeck: Auftrag für Efferdan


Bilder zucken durch Efferdans Kopf - Bilder seiner Mutter, seiner Kindheit. Er sieht seine Mutter und sich in der kleinen Kate nahe des uralten Havener EFFerdtempels, die sie besaßen. Er sieht seine Mutter in der Ornat der EFFerdgeweihten ein Boot einsegnen. Das Bild einer Straße kommt ihm in den Sinn: Kleine malerische Hütten, Gestelle mit getrockneten Fischen, Frauen, die in den Hauseingängen sitzen und Kleider flicken, umher tollende Kinder, schleichende Katzen, die darauf warten, einen Fisch zu erbeuten, Boote, die an den Strand gezogen werden, braungebrannte Fischersleute, die morgens mit vollen Netzen heimkommen. Nur sein Vater war nie darunter - Efferdan hatte seinen Vater nie gesehen...

Der große Fischmarkt, mit den vielen Ständen, dem Geschrei, dem Gerenne. Efferdan sieht den Raum im EFFerdtempel, in dem er zusammen mit anderen Kindern lesen, schreiben und etwas rechnen gelernt hatte. Er sieht sich am Strand sitzen, im Wasser umher tollen. Und immer wieder das Gesicht der Mutter, wie sie ihm zusieht, lacht, mit den Strähnen ihres Haares spielt, Geschichten erzählt, ihn anlächelt...

Ein lauter Ruf reißt Efferdan jäh aus seinen Gedanken. So abrupt und schmerzlich ist die Unterbrechung, dass Efferdan für einen kurzen Augenblick verwirrt auf das Wasser starrt, schwer schluckt. verzweifelt versucht er sich in Erinnerung zu rufen, wo er ist. Es war fast so, als wäre er wieder zurück gewesen, zurück in der Vergangenheit, zu Hause, bei seiner Mutter! Doch jetzt - ja, er ist (wieder) auf der NORDSTERN - und jemand hatte ihn gerufen... Nirka?

Verstohlen wischt sich Efferdan eine weitere Träne aus dem Augenwinkel und dreht sich - nachdem er noch einen letzten prüfenden Blick auf die Trosse geworfen hat - um.

Da steht Nirka, auf dem Vordeck bei der Rotze. Die große, die strenge, die unerbittliche Nirka - so will es Efferdan scheinen.

`Was mag sie nur wollen? Habe ich etwas falsch gemacht...`

Efferdan macht sich auf den Weg in Richtung Vordeck, um Nirkas Befehl nachzukommen. Daß die dicke Frau aus der Luxuskabine bei Nirka steht, macht es Efferdans Ruhe auch nicht leichter. Efferdan ist wohl sichtlich etwas ... durcheinander, scheu, vielleicht auch ängstlich, wie er sie an dem Brückenaufbau vorbei geht und weiter auf Nirka zusteuert...



Nirkas Blick geht wieder nach achtern, als nicht sofort ein 'Ja!' oder ein 'Komme!' als Antwort kommt... aber immerhin sieht sie, dass der Matrose auf dem Weg bugwärts ist. Daß er dabei eine gewisse Scheu ausstrahlt, das entgeht zumindest ihrem Unterbewußtsein nicht, aber sie nimmt es trotzdem nicht wahr, einfach, weil ihr das schlicht egal ist. Ein Matrose hat die Aufgabe, Befehle auszuführen... mehr nicht.

So bleibt ihr Blick auch streng, und in Gedanken formuliert sie bereits den Befehl, den er bei seinem Eintreffen bekommen wird...



Vorbei führt Efferdans Weg an den Gästen an der Reling, vorbei geht Efferdan an der kleinen Gruppe in der Nähe des Aufgangs. Es scheint so, als ob Efferdan regelrecht zwischen den Menschengruppen hindurch schlüpft, hält er doch immer soviel Abstand wie möglich zu den Gästen. Auch beschleunigt er seine Schritte, offensichtlich wohl, um schneller bei der Bootsfrau zu sein, sein eigentlicher Grund ist aber, daß er sich zwischen all den »Fremden« unwohl fühlt.

Ein oder zwei mögen kurze Zeit ja erträglich sein - dann kann es auch vorkommen, daß Efferdan etwas auftaut und sich für Probleme der anderen interessiert, so wie vorhin im Laderaum. Aber so viele fremde Menschen auf einem Fleck verunsichern ihn stets, auch noch nach einigen Jahren auf See. Er fühlt sich einfach unwohl zwischen den Menschen, seine große Liebe gilt dem Meer und dessen Geschöpfen...

Starr blickt Efferdan in Richtung Nirka. Sie kennt er wenigstens schon länger, auch wenn er sie nicht ansatzweise versteht. In seinen stillen Stunden denkt Efferdan manchmal, daß sie wohl so ist, wie jede Bootsfrau - kalt, streng, hart, oft unfreundlich - doch in anderen Momenten kommt es ihm als so vor, als wäre sie doch im Grunde ihres Herzens nett und freundlich.

Efferdan ist mittlerweile zum Aufgang zum Vordeck angekommen. Mit gewandten und flinken Schritten springt Efferdan förmlich hinauf, überwindet anschließend die wenigen Schritte bis zu der Bootsfrau und stellt sich vor ihr auf - in angemessener Entfernung versteht sich.

"Wie befohlen zu Stelle, Bootsfrau!" klingt es hell und etwas unsicher aus Efferdans Mund. Seine Augen fixieren einen Punkt irgendwo an Nirkas Hals oder Kinn - ihr in die Augen zu blicken wagt er nicht. Immerhin blickt er nicht wie früher ständig scheu zu Boden - wenigstens nicht, wenn er mit der Bootsfrau spricht.

Still wartet er nun auf Nirkas Befehle oder auf einen Tadel, falls er etwas falsch gemacht haben sollte. Denn ganz sicher, was sie von ihm will, ist er sich nicht. Schließlich hatte sie ihn extra von seiner Aufgabe am Tross wegbeordert, wo doch einige Matrosen ihr viel näher stehen. So wirkt er denn noch etwas scheuer als sonst, fast ängstlich.



Nirka wirft der Freifrau einen kurzen, fast schon verschwörerisch zu nennenden Blick zu, dann wendet sie sich Efferdan zu.

"Geh zum Kapitän, und frag ihn, ob er damit einverstanden ist, wenn ich vor Beginn der Schleppfahrt unser Schiffsgeschütz entlade, indem ich es auf einen der Haie da drüben abschieße!"

Sie fügt keine weiteren Begründungen hinzu, sagt auch nicht, warum sie nicht selbst fragen geht, denn das sind keine Dinge, die einen Matrosen etwas zu interessieren haben.

Ihr Blick ist dabei auf ihn gerichtet, auch wenn er ihr nicht in die Augen blickt, und dieser Blick ist weder bösartig, noch sonst irgendwie herausfordernd, es ist einfach der Blick eines Menschen, der seine Arbeit verrichtet. Das einzige, was man in ihrem Blick lesen könnte, wäre Vorfreude, aber die hat sicherlich nichts damit zu tun, daß sie gerade mit diesem Matrosen redet. Eher schon, und das verrät auch die Betonung des Satzes, mit der Vorfreude auf die Aktion, die sie sich von Kapitän genehmigen lassen möchte.



Als Efferdan Nirkas Befehl hört, weiten sich Efferdans Augen, ein kalter Schauer streift seinen Nacken. Er schluckt trocken. Wer auf seine Hände achten würde, würde ein leichtes Zittern derselben bemerken.

`Zum Kapitän - ich... schon... wieder? Warum ich? EFFerd, was habe ich getan?`

So langsam beginnt sich Efferdan zu fragen, was er denn falsch gemacht hat, dass Nirka ihn so quält. Da stehen etwa ein halbes Dutzend Matrosen, alle näher als er, einer sogar fast neben Nirka, und ausgerechnet ihn ruft sie her, um den Kapitän etwas zu fragen... Warum? Hatte er irgendwie ihren Unmut erregt? Vielleicht, weil er vorhin mit den Kugel gestürzt war?

Am liebsten würde er den Befehl verneinen, einfach weglaufen, doch werden ihm im selben Moment die Konsequenzen bewußt, die dem folgen würden. Efferdan resigniert, er muß und wird sich dem Befehl beugen. Irgendwie wirkt er elendig, beinahe niedergeschlagen, als er leise, aber für Nirka noch hörbar, antwortet:

"Zu.. Befehl, Bootsfrau!"

Dann dreht er sich um, um wieder zurück in Richtung des Brückendecks zu marschieren. Irgendwie wirkt er geknickt, fast könnte man meinen einen ängstlichen Ausdruck in seinen Augen zu lesen.

Efferdan geht die Treppe hinunter zum Oberdeck..



Die Bootsfrau nimmt Efferdans Qual und Angst nicht wahr, ihr ist sie nicht einmal bewußt, denn für sie ist die gedankliche Beschäftigung mit dem Matrosen in dem Moment erledigt, indem sie merkt, daß er den Befehl ausführen wird. Das einzige, was sie in dem Zusammenhang noch interessiert, ist die Rückmeldung, also die Antwort des Kapitäns.

Sie blickt Efferdan auch nicht nach, sondern wirft fast schon neugierig wirkende Blicke in Richtung der Haie, die sich da drüben in der Nähe des Wracks tummeln, und blickt auch des öfteren zu der Freifrau und dem Torsionsgeschütz.



Frau Reckinde sieht dem davon eilenden Efferdan noch lange nach. 'Diese Bootsfrau kann aber ganz schön Respekt einflössen, der Junge schlotterte ja vor Angst!' denkt sich die Freifrau und ihre Sympathie gegenüber der Bootsfrau bekommt neue Nahrung.

"Beim PRAios, dem Fürsten aller Zwölf, ihr könnt aber trefflich mit eueren Leuten umgehen!" bemerkt Reckinde und blickt Nirka lächelnd an.



Die Bootsfrau lächelt zurück, weil ihr ziemlich klar ist, daß die Freifrau weiß, wovon sie spricht, und selbst wohl auch vielen Untergebenen Befehle gegeben hat.

"Das geht auf so einem Schiff kaum anders... wenn erst einmal jemand anfängt, gegebene Befehle zu diskutieren, dann hat man im Grunde schon verloren", erwidert sie dann.

Ihr Gesichtsausdruck bleibt fröhlich, denn Efferdan hat seinen Befehl flott in Angriff genommen, und bislang hat der Kapitän sie auch noch nicht auf die Brücke zitiert, was durchaus passieren könnte, wenn er die Idee sehr unpassend findet.



NORDSTERN -Oberdeck: Die Wächter


Auch wenn Phexanes Gedanken geradezu besessen sind von diesem Verdächtigen, so folgen ihre Augen dennoch Efferdan, als dieser auf dem Oberdeck hin und her geht.

'Efferdan also! Den Namen hat doch zumindest diese Obermatrosin an dem Geschütz gebrüllt. Wie passend ...'

Doch auch wenn sie mit ihren Augen Efferdan folgt, so scheint der Rest des Körpers, inklusive ihrer Gedanken, wohl immer noch zu der Gruppe, bei der sie steht, und der Diskussion darüber, ob der Mann am Mast ein Pirat ist oder nicht, zu gehören.

Obwohl noch keine rechte Diskussion entstanden ist und eigentlich hat Phexane auch keine Lust aufs Diskutieren! Viel lieber würde sie wie ein mutiger und kluger Detektiv dem Verdächtigen hinterher spionieren, ihn aushorchen und ihn dann festnehmen! Am Ende würde sie als die Heldin des Schiffes gefeiert werden und keiner ...

'Hm, ja, dieser Rotmarder ist ein gerissener Fuchs! Wenn ich hier an Bord einen guten Ruf bekomme, werde ich nach einem begangenen Raubzug nicht so einfach verdächtigt. Ich sollte wirklich gut auf den Kerl am Mast aufpassen!'



Als die Wortfetzen vom Wrack herüber getragen werden, blickt Torin über das Meer hinüber zur ZYKLOPENAUGE. Er sieht, wie dort augenscheinlich Bewegung in die Personen kommt. Er spürt plötzlich seine Anspannung sehr deutlich.

'Gleich wird etwas passieren.' kommt es ihm in den Sinn.

Seine Aufmerksamkeit kehrt zurück zum Deck der NORDSTERN. Ein kurzer, hektischer Blick zeigt ihm, daß sich seit seinem Erscheinen auf dem Oberdeck nicht sehr viel getan hat. Einzig der blasse Matrose wieselt in Richtung des Vordecks. Torins Augen heften sich an ihn.

'Efferdan ist sein Name, glaube ich. Ist er nicht auch erst in Thorwal an Bord gekommen? Ich kann mich nicht erinnern, ihn auf der Überfahrt von Prem nach Thorwal gesehen zu haben.'

Als der Matrose auf dem Vordeck eintrifft, kehrt Torins aufmerksamer Blick zurück zu dem kleinen, unscheinbaren Mann zurück, der allem Anschein nach wirklich zum Wrack hinübersieht.

Erst als Efferdan für einen Augenblick die Sicht auf Anselm versperrt, blinzelt Torin. Auf seiner Stirn zeigen sich plötzlich Falten und er blickt dem Matrosen hinterher, bis dieser langsam die Treppe zum Brückendeck emporsteigt. Jetzt erst fällt Torin auf, was ihn schon die ganze Zeit an dem blassen Matrosen gestört hat - die lederne Waffenscheide an dessen Seite. Und dieser nähert sich dem Kapitän!

Torins Finger zucken. Sollte es wirklich sein, daß dieser unscheinbare Matrose der Meuchler ist?

'Was soll ich tun? - Aus dieser Entfernung könnte ich mit dem Wurfmesser ebensogut den Kapitän treffen. Und wenn ich auf den Meuchler losstürme, komme ich sicher trotzdem zu spät.'

Unfähig, eine Entscheidung zu fällen, muß Torin mit ansehen, wie der Matrose die letzte Stufe zum Brückendeck hinter sich bringt.

'Jetzt ist er beinahe bei dem Kapitän. - Gleich wird er sein Messer ziehen und dann..'

Torins Finger schnellen unter seinen Mantel, umfassen den Griff des Wurfdolches.

'Ich muß es schaffen! Das ist vielleicht die letzte Möglichkeit.'

Doch Efferdan wahrt den Abstand, als er den Kapitän anspricht. Die Falten auf Torins Stirn wandeln sich in tiefe Furchen, als er den Klang der Worte vernimmt. Nicht Aggression, sondern eher ein Anflug von Furcht schwingt den Worten des Matrosen mit. Wie gebannt blickt Torin zum Brückendeck, die Hand noch immer in seinem Mantel vergraben.



Phexane bemerkt, daß Torins Rechte unter dem Mantel an dem Wurfmesser liegt. Ihre Augenbrauen ziehen sich leicht zusammen und sie folgt seinem Blick.

Etwas überrascht ist sie dann schon, als sie sieht, wen Torin fixiert - den Matrosen Efferdan!

'Wieso ... Warum ... Er glaubt doch wohl nicht, daß ... So ein Quatsch!'

"Ist euch etwas Ungewöhnliches aufgefallen?" fragt sie ihn, wobei man aber an dem Unterton in ihrer Stimme heraus hören kann, daß sie sehr wohl weiß, wer Torin so nervös macht.

Ihre Stimme hört sich lauernd an; sehr wohl darauf bedacht, so schnell wie möglich etwas Passendes zu sagen, wenn ihr Gegenüber schlecht über diesen Matrosen sprechen sollte. Den Gesichtsausdruck, den sie nun aufsetzt ist eine Mischung aus Ungläubigkeit, Nervosität aufgrund der immer stärker werdenden Anspannung in ihr und Mißtrauen gegenüber Torin Rotmarders Einschätzung Efferdans.

Doch Phexane glaubt nicht, daß ausgerechnet dieser Matrose ein Pirat sein soll. Sicher, im Grunde könnte es hier jeder sein! Aber doch nicht Efferdan!

Kurz grübelt sie ein wenig, dann aber werden ihre Grübeleien jäh von der Stimme der ersten Offizierin auf dem Brückendeck unterbrochen, die etwas zu dem Ausguck hinauf ruft.

'Schießen???'

Tja, wie ungünstig ist es doch, wenn man seine Ohren nicht überall hat und mit den Gedanken woanders ist! So kommt es, daß Phexane, nervös wie sie mittlerweile geworden ist, mit ihrer Rechten zum Florett greift. Doch noch zieht sie es nicht, sondern blickt aufgeregt zum Wrack, dann zum Meer, dann zum Brückendeck. Hektisch sind ihre Kopfbewegungen und ihre Augen vor Aufregung leicht geweitet.



NORDSTERN -Brücke: Efferdan und der Kapitän


Auf dem Oberdeck angekommen, macht sich Efferdan wieder auf den Weg über Deck, in Richtung Brückendeck. Allerdings sieht er - wie schon eben auf dem Hinweg - keinen der Gäste an, sondern versucht vielmehr wieder, so viel Abstand als nötig zu waren, ohne aber dabei einen so weiten Bogen zu gehen, daß es besonders auffällig wäre.

`Hoffentlich wird der Kapitän nicht wütend, wenn ich ihn das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit störe...`

Nochmals versucht Efferdan zu schlucken, doch sein Mund ist ganz trocken. Seine Lippen fühlen sich auf einmal spröde und brüchig an. Und da ist da immer noch der kalte Schauer der Angst, der ihn beständig streift...

Dann ist Efferdan am Aufgang angekommen, der hinauf zum Brückendeck führt.



Fast zaghaft sind Efferdans Schritte, als er sich hinauf auf das Brückendeck begibt. Immer langsamer werden seine Schritte, als er sich Jergan nähert. Für Efferdan wird der Augenblick zu einer halben Ewigkeit. Es erscheint ihm so, als würde eine Ratte in eine Falle tappen, von der sie weiß, das sie da ist.

Zwei Schritte vor dem Kapitän, der die Vorgänge auf dem anderen Schiff zu beobachten scheint, bleibt Efferdan stehen. Innerlich ringt er mit sich, ob er es wagen kann, den Kapitän zu stören. Allerdings - er hat den BEFEHL, den Kapitän etwas zu fragen. Demnach muß es also sein. Also nimmt Efferdan seinen ganzen verbliebenen Mut zusammen. Ein letztes Mal versucht Efferdan zu schlucken, dann richtet er zaghaft das Wort an den Kapitän. Wie zuvor bei Nirka wagt er es nicht, dem Kapitän ins Gesicht zu sehen, sein blick ruht irgendwo in der Höhe von Jergans Brustkorb.

"Ähm, Verzeihung Kapitän, daß ich störe, aber ich..."

Plötzlich verläßt ihn wieder das letzte Quentchen Mut und so steht Efferdan wartend da, erst einmal wartend, bis der Kapitän ihm seine Aufmerksamkeit widmet und ihn auffordert weiter zu sprechen. Vielleicht wird es dann gehen...



Noch immer gibt es keine Fertigmeldung vom Wrack, aber es sieht danach aus, als wären sie da drüben am Ruder beschäftigt.

'Möge Efferd dafür sorgen, daß sie es rasch benutzbar bekommen, oder es nicht stark beschädigt ist...'

Jergan zweifelt nicht daran, daß der fähige Schiffszimmermann das schaffen wird, aber es fragt sich natürlich, wie lange das dauert, denn diese Zeit wird später in Salzerhaven fehlen - schon jetzt erscheint es dem Kapitän recht unwahrscheinlich, daß es schaffbar ist, vor der Dämmerung den Hafen zu erreichen.

Die Ankunft eines Matrosen unterbricht Jergans Gedanken... es ist der gleiche Matrose, der sich eben um die Schlepptrosse gekümmert hat. Sollte es da ein Problem geben? Jergan kann sich das nicht so recht vorstellen, und ganz schwach ist ihm so, als hätte vor kurzem jemand - sicher Nirka - den Namen dieses Matrosen über das Schiff gebrüllt.

Ihm entgeht nicht, daß der junge Matrose offensichtlich vor etwas Angst hat, nur ist ihm nicht so ganz klar, was das sein kann. Hat er einen Fehler gemacht? Aber selbst dann gäbe es keinen Grund zur Furcht, zumindest nicht, wenn man ihn sogleich meldet...

In einem fast väterlichen Ton erwidert er:

"Was ist denn passiert?"

Es klingt fast mitfühlend, und kein bißchen fordernd.



Efferdan ist jetzt nicht nur unsicher, sondern auch verblüfft. Diese Reaktion hätte er wirklich nicht erwartet. Deswegen entsteht nach den Worten des Kapitäns eine kurze Pause.

`Passiert? Was soll denn passiert sein? Was meint der Kapitän nur? Wieso?`

Aber die freundliche Stimme des Kapitäns ermutigt ihn dann doch zu sprechen, allerdings recht leise. Der Kapitän kann die Worte sicher noch gut verstehen, aber schon ein paar Schritt weiter ist allenfalls der helle Klang von Efferdans Stimme zu vernehmen, immer wieder übertönt vom Rauschen des Windes oder dem Knarren einzelner Balken...

"Ähm, die Bootsfrau schickt... ich soll..."

Efferdan schluckt

".. ich soll Euch fragen, ob Ihr damit einverstanden wärt, wenn sie vor der Schleppfahrt das Schiffsgeschütz entlädt, indem sie einen der Haie abschießt..."

Efferdan scheint kurz nachzudenken, dann fährt er fort

"ja, das waren.. ihre Worte, Kapitän."

Nach diesem - für seine Verhältnisse - langen Satz holt Efferdan erst einmal tief Luft. Immer noch fixiert er einen fiktiven Punkt in der Höhe von Jergans Brustkorb, noch immer wagt er es nicht, dem Kapitän in die Augen zu sehen. Nervös fingert er mit der einen Hand an der Lederscheide herum. er fühlt isch immer noch unwohl und nervös. Ihm ist selbst ein Rätsel, wie er es schafft, hier stehen zu bleiben und tapfer auf Jergans Antwort zu warten. Vielleicht weil er vermutet, dass ihm wahrscheinlich die Beine wegsacken würde, wenn er jetzt versuchen würde einen Schritt zu gehen?

Dabei braucht er doch eigentlich gar keine Angst zu haben, wie er tief in seinem Inneren weiß. Jergan ist ein guter Kapitän. nicht nur gut, in dem Sinn, daß er ein Schiff zu führen versteht, sondern auch gut im Umgang mit seinen Matrosen. Freundlich, nett, gerecht. Und trotzdem verspürt Efferdan Furcht, wenn er gezwungen ist, mit dem Kapitän zu reden. Ist es vielleicht, weil der Kapitän DIE Respektsperson auf dem Schiff ist? Efferdan weiß es nicht. Er wünscht sich nur weg, vielleicht wieder an das Heck des Schiffes? Oder auf eine kleine ruhige Insel? Oder...?



Jergan versteht die Besorgnis nicht, die da so deutlich aus den Worten Efferdans spricht... er führt ja nur einen Befehl der Bootsfrau aus, der nichts mit irgend etwas zu tun hat, das er getan hat, oder eben nicht getan hat.

"Typisch Nirka...", erwidert der Kapitän, doch das ist eher eine Bemerkung, die an niemanden speziell gerichtet ist.

Ein Grinsen huscht über sein Gesicht, aber dann denkt er kurz über den Wunsch nach.

'Sie hat eine deutliche Freude daran, dieses Teil abzuschießen... das wird wohl die Hauptmotivation sein. Der Schuß auf so einen Hai bringt uns nichts, und die Rotze kann man auch anders entladen. Andererseits... wir haben die Rotze seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt, das würde schon dafür sprechen...'

Jergan blickt in Richtung des Wracks und der Haie. Die Tiere sind zwar nicht weit vom Wrack und dem Beiboot entfernt, aber zumindest einige wohl weit genug, daß es kein Risiko darstellt, wenn er den Schuß genehmigt. Andererseits...

Er wendet seine Aufmerksamkeit Nirka und dem Geschütz zu, und sieht, daß die wohlhabende Freifrau neben ihr steht. Ob da ein Zusammenhang besteht? Vermutlich ist das der Fall, aber der Kapitän hat sich schon entschieden, und antwortet dem Matrosen:

"Ja, ich bin damit einverstanden. Sie soll es aber sofort tun, denn in Kürze setzen wir die Fahrt fort, und dann dürfte der Schußwinkel sehr ungünstig sein."

Er wendet sich von Efferdan ab, und blickt kurz zum Wrack, dann in Richtung des Steuers und der dort stehenden ersten Offizierin.

"Fiana, sag mal dem Ausguck, daß er von da oben Nirkas Schuß beobachten soll!"

Er geht dabei anscheinend stillschweigend davon aus, daß Fiana Efferdans Worte und seine Antwort mitgehört hat, was angesichts der Ruhe auf der Brücke ja auch recht wahrscheinlich ist.



Fiana, die, in der Tat, alles mitbekommen hat, ist zwar etwas verwundert über den Befehl des Kapitäns, aber das ist jetzt unwichtig, also tut sie wie ihr aufgetragen wurde.

"Wird erledigt Kapitän"

Sie reckt den Kopf und blickt zum Ausguck, wo Orgen noch immer brav seinen Dienst tut.

"Orgen, beobachte von oben wie die Bootsfrau mit der Rotze auf einen der Haie schießt."

Warum er das tun soll, fügt sie nicht hinzu, zum einen ist dies für ihn nicht wichtig und zum anderen will es ihr selbst nicht recht einleuchten, obwohl, von dort kann man besser sehen, ob das Geschoß eine gerade oder eine gebogene Flugbahn nimmt. Letzteres würde auf eine Dejustierung der Abschußvorrichtung hindeuten. Wie dem auch sei, der Kapitän wird wissen warum und sie selbst interessiert sich lieber für eine handfeste Axt aus blankem Stahl, als für so eine Steinschleuder, die ist eher ein Fall für Nirka.

Orgen unterdessen vernimmt Fianas ruf und bestätigt sogleich:

"Jawohl, Offizierin!"

Anschließend richtet er seine Augen vom immer noch leeren Horizont auf Nirka und die Rotze.



NORDSTERN -Brücke, Vorderdeck: Efferdan macht Meldung


Immer noch etwas nervös und irritiert steht Efferdan auf seinem Platz.

"Ja.. wohl, Kapitän!"

`Er ist einverstanden, Nirka soll es aber sofort tun...` wiederholt Efferdan stumm in Gedanken.

Als sich der Kapitän plötzlich von ihm abwendet sieht Efferdan zu ersten Mal hoch.

`Was? Bedeutet das, das ich jetzt gehen kann? Ist er fertig, oder will er noch etwas sagen?`

Unsicherheit steht Efferdan im Gesicht geschrieben. vorsichtshalber wartet er noch einige Augenblicke stumm, ob der Kapitän noch etwas zu sagen hat, während dieser mit der 1. Offizierin redet.

Hinter Efferdans Stirn arbeitet es: `Er hat gesagt, sie soll es gleich tun... also soll ich wohl die Erlaubnis sofort überbringen... ja, das wird es wohl sein!`

Als er sich durchgerungen hat, zu glauben, dass der Kapitän fertig ist, wendet sich Efferdan flink um und begibt sich auf den Weg hinab zu Oberdeck. Dabei lauscht er aber noch aufmerksam, falls der Kapitän doch noch etwas zu sagen hätte und ihn zurückruft.



Efferdan ist wieder auf dem Oberdeck angekommen, der Kapitän hatte ihn nicht zurückgerufen. Also hatte Eferdan Jergans Worte und Gestik offensichtlich richtig interpretiert. Noch einmal gut gegangen!

Erst einmal atmet Efferdan erleichtert auf. Nachdem das mit dem Kapitän so gut ging, wird er es wohl auch noch schaffen, Nirka die Botschaft des Kapitäns zu übermitteln - trotz des Beisein der beleibten Händlerin mit den Bärenkräften...

Wieder wieselt er mit flinken Schritten über das Deck, wieder versucht er, die anwesenden Gäste so gut als möglich zu ignorieren und zu umgehen. Allerdings scheint er etwas selbstbewußter zu sein, als auf dem Herweg - na ja, schließlich hatte er sich beim Kapitän ganz gut geschlagen... aber nichtsdestotrotz ist er weiterhin von einer Aura der Unsicherheit und Schüchternheit umgeben - zusätzlich zu der Aura des Seltsamen, die ihn - ob seines Aussehens - fast (fast) immer zu umgeben scheint wie sein Schatten. Diese Unsicherheit ist übrigens nicht unbedingt typisch für Efferdan - jedenfalls nicht, wenn er (nur) mit den Matrosen zusammen ist. Dort gibt er sich oft ruhig und sicher, wenn doch ebenfalls still und zurückhaltend. Diese Unsicherheit überfällt ihn immer dann, wenn er mit Höhergestellten oder völlig Fremden redet - also im Beisein der Gäste und der Offiziere fast immer.

Jedenfalls erreicht er schon bald den Aufgang zum Vordeck, wo er sogleich beginnt hinaufzusteigen, schließlich wartet die Bootsfrau auf eine Antwort...

Oben angekommen stellt er sich in respektvollem Abstand vor die Bootsfrau, richtet seinen Blick etwa in Höhe ihres Kinns und .. wartet bis sie sich ihm zuwendet und ihm so gestattet zu sprechen. Schließlich will Efferdan nicht in eine eventuelle Unterhaltung der Bootsfrau hinein platzen.

`Wieso sie wohl nur auf die Haie schießen will? Sie haben Ihr doch nichts getan? Sicher, sie sind gefährlich, aber auch sie sind Tsas Geschöpfe und haben das Recht, in den Meeren zu leben. Auch sie beugen sich EFFerds Macht. Wie können wir es da wagen, sie einfach, grundlos, zu verletzen? Hoffentlich weiß Nirka, was sie da tut... `



Efferdan hat sich in der Tat sehr beeilt, und so wendet Nirka sich ihm zu, als er an sie herantritt. Da er keine Anstalten macht, die Entscheidung des Kapitäns kundzutun, ermuntert sie ihn mit einem:

"Ja?"

zum Sprechen.



Dann ist es also so weit, die Bootsfrau hat sich ihm zugewandt und ihn aufgefordert zu sprechen. Efferdan schluckt. Nich immer sieht er Nirka nicht in die Augen, sondern hält den Blick auf ihre Kinngegend gerichtet. Mit seiner gewohnt hellen, klangvollen Stimme beginnt er zu sprechen:

"Ja, Bootsfrau, ... ich meine, der Kapitän... also er hat zugestimmt. Allerdings sollt Ihr Euch beeilen, - nein, er sagte »es sofort tun« - da das Schiff dann sonst ungünstig liegen würde... wegen des Schußwinkels..."

Aach herrje. Jetzt hatte er sich extra vorgenommen, sich zusammenzureißen und sich die Worte zurechtgelegt - und doch quillt nur dieses Gestotter aus ihm hervor. Betreten blickt Efferdan noch tiefer zu Boden.

`Hoffentlich nimmt sie mir dieses Gestotter nicht übel` schießt ihm durch den Kopf.

`Aach EFFerd, warum immer ich?`



ZYKLOPENAUGE -Oberdeck: Der Überlebende


Mit leichten Schritten gelangt der für einige Zeit verschwundene Überlebende des Massakers wieder an Deck; es sieht so aus, als wäre die Rettungsmannschaft mittlerweile eingetroffen. Kurz sieht sich der Mann das Geschehen an.

Groß ist er nicht, noch nicht einmal acht und einen halben Spann, aber durchaus kräftig gebaut. Seinem Äußeren ist anzusehen, daß er aus dem eher südlichen Raum stammt, wie es den Bewohnern des Königreiches beider Hylailos eben entspricht. Das Lockenhaar von schwarzer Farbe ist kurz geschnitten, das Gesicht bartlos, die dunklen Augen strotzen nur so von Selbstbewußtsein. Dem Mann - um die 30 Jahre scheint er zu zählen - ist anzusehen, daß er eher kein Befehlsempfänger ist, als vielmehr selbst die Befehle gibt. Er trägt gute Kleidung aus Leinen, neben Hemd und Hose von heller, nicht weißer Farbe eine lichtgraue Weste - oder besser, sie wäre lichtgrau, wenn nicht fast der gesamte linke Oberkörper von bereits verkrustetem Blut besudelt wäre; anscheinend behindert dies den Mann aber nicht sonderlich, wie es eine derart blutende Wunde eigentlich müßte - und etwas dunkleres, leichtes Schuhwerk. In der linken hält er anscheinend einen Umschlag von purpurner Farbe - der Farbe der Herrscher und eines der wichtigsten Erzeugnisse der Zyklopeninseln, und eines der teuersten.

"Willkommen an Bord", macht er mit einem leicht zynischen Lächeln auf sich aufmerksam. "Auch wenn die Umstände erschütternd sind." Es folgt eine kurze Pause. "Phaylion Kenseîra ist mein Name, wem darf ich denn den vereinbarten Betrag überreichen?"

Er hebt ein wenig die Hand mit dem Umschlag. In den Worten schwingen neben dem Selbstbewußtsein auch noch Überlegenheit und Charisma mit. Wer weiß, ob er nicht vielleicht noch mehr als der Abgesandte des Seegrafen ist, vielleicht ein illegitimes Kind von bester Ausbildung?



Während Lowanger eigentlich damit rechnet, von Ole oder Hjaldar einen Kommentar zum Zustand des Schiffes zu bekommen, oder aber von Fargus einen solchen zu der Anweisung, das Schiffsinnere erst etwas später zu untersuchen, kommen die nächsten Worte aus einer ganz anderen Richtung, und von einer Stimme, die der zweite Offizier bisher nur gehört hat, als sie laut Worte über das Wasser gerufen hat.

Der Zustand des Ruders ist für einen Moment vergessen. Der Offizier dreht sich um, und mustert den Mann, der nach eigener Aussage als einziger das Massaker hier auf dem Schiff überlebt hat, aufmerksam. Er sieht Blut - viel Blut, was auf diesem Schiff im Grunde kein besonderer Anblick ist, aber das scheint den anderen nicht zu stören. Entweder kann er sich sehr gut beherrschen, oder das Blut gehört eher anderen - beides scheint möglich, aber das herauszufinden, ist auch etwas, das später stattfinden muß.

Immerhin repräsentiert Lowanger hier die NORDSTERN, und muß entsprechend auch auftreten.

"Das sind sie in der Tat", erwidert er dann bedächtig, während er Phaylion Kenseîra einige Schritt entgegen geht - weg vom Heck mit der zu untersuchenden Ruderanlage, um die sich Ole hoffentlich trotz dieser Unterbrechung kümmern wird.

"Ich bin Wulf Lowanger, zweiter Offizier der rivaer Karavelle NORDSTERN."

Bei der Erwähnung des Schiffes weist seine Rechte kurz in die entsprechende Richtung, auch wenn diese Geste so ziemlich überflüssig ist, denn andere Schiffe existieren hier nicht.

"Ich werde den vereinbarten Betrag entgegennehmen, um ihn dann in Salzerhaven dem Kapitän unseres Schiffes auszuhändigen."

Lowanger hat etliche Fragen, die er gerne stellen möchte, aber auch das muß erst einmal warten, denn jetzt ist Höflichkeit und zugleich auch Vorsicht gefragt. So verstummt er erst einmal, und bleibt nun auch stehen, vielleicht noch vier Schritt von dem Abgesandten des Seegrafen entfernt.



Obwohl Fargus die Ansichten des Offiziers nicht ganz teilen kann, behält er seine Meinung lieber für sich, vermutlich hat dieser gute Gründe für sein Vorgehen, die der Druide einzig und allein nicht kennt. Schließlich kommt der Überlebende in sein Blickfeld, somit wäre eine Diskussion sowieso unnütz gewesen.

'Jetzt heißt es nur Geduld bewahren, gewiß wird der Überlebende über den Zustand unter Deck eine Aussage treffen können.'

Fargus hört sich derweil das Gespräch zwischen dem Offizier und der anderen Person an, um einen günstigen Augenblick für seine Vorstellung treffen zu können.



Phaylion deutet eine leichte Verbeugung an.

"Sehr erfreut, Herr Lowanger. Und meinen und des Seegrafen Dank für die Unterstützung."

Er tritt ein weiteres Stück näher und verringert die Distanz bis auf wenige Spann, hält seinem Gegenüber den Umschlag entgegen.

"Bitte, 200 Dukaten, wie ausgemacht, in Depositscheinen der Nordlandbank zu 50 Dukaten."

Durchaus überrascht folgt sein Blick in Richtung des Rufes, noch jemand wäre am Leben. Danach hatte es vorhin eigentlich nicht mehr ausgesehen.



'Das ist also die Lösung, warum noch Geld auf einem anscheinend

ausgeplünderten Schiff zu finden ist... so etwas kann man ja sehr gut verbergen...'

Lowangers Gesichtsausdruck wird bei dieser Erkenntnis etwas freundlicher, und eine Spur seines Mißtrauens weicht. Zwar nicht vollständig, denn noch immer ist unklar, wie der Abgesandte die Kämpfe überleben konnte. Er nimmt den Umschlag entgegen, und betrachtet ihn und den Inhalt aufmerksam, während er erwidert:

"Danke. Damit kann der Schlepp dann beginnen, wenn wir wissen, daß das Steuer funktioniert. Und... verzeiht meine Neugierde, aber... Wie ist es Euch gelungen, bei diesem Massaker zu überleben?"

Lowanger ist es nicht wirklich gewohnt, höfliche Konservation zu führen, deswegen stellt er diese Frage so direkt, statt sie in höfliche Ausführungen zu verpacken.

Ganz kurz huscht sein Blick dabei in die Richtung, aus der Trolske ruft, aber da er sieht, daß Fargus und Darian bereits darauf reagiert haben, bleibt er mit seiner Aufmerksamkeit erst einmal bei dem Überlebenden.



"Offen gestanden ...", antwortet der Überlebende mit einem etwas ratlos aussehenden Lächeln, "... weiß ich das nicht genau. Ich bekam gleich zu Beginn einen Schlag ab und war bewußtlos. Über mir lag ein Toter, als ich wieder erwachte, daher auch das Blut", er deutet auf sein Hemd. "Vielleicht haben sie mich für tot gehalten. Im nächsten Tempel werde ich ein Dankgebet sprechen." Über sein Gesicht huscht ein Ausdruck tiefen Glaubens.



Das, was der Überlebende da sagt, klingt einleuchtend - es ist zumindest eine mögliche Erklärung dafür, daß er noch am Leben ist.

Lowanger nickt langsam. Es ist nicht an ihm, an dieser Erklärung zu zweifeln, auch wenn bei dem Eifer, den die Angreifer an den Tag gelegt haben, das Überleben doch recht unwahrscheinlich ist. Andererseits... vieles weist darauf hin, daß sie es eilig hatten, und außerdem gibt es ja dem Anschein nach noch einen Überlebenden - zumindest klang Trolskes Ruf so.

Lowanger steckt den Umschlag mit den Schuldscheinen sorgsam ein, und sieht den Gesandten des Seegrafen wieder an.

"Was waren das für Leute, die das hier getan haben?"

Seine linke Hand macht eine Bewegung, die das Schiff mit allem, was drauf ist, umfaßt.



Phaylion zieht ein unwissendes Gesicht.

"Von der Schwarzen Allianz waren sie zumindest nicht, sahen eher nach Nordländern aus. Mit den hiesigen Gegebenheiten bin ich kaum vertraut."

Er sieht wieder in die Richtung, wo noch ein Lebender gefunden wurde.

"Sie waren in der Überzahl und bewaffnet, Piraten wohl."



ZYKLOPENAUGE -Oberdeck: Trolskes Entdeckung


Es ist ziemlich deprimierend, auf einem Schiffsdeck zu stehen, und rings herum Tote zu sehen, die aus ihrer seemännischen Arbeit geradewegs in den Tod befördert wurden, manche, ohne eine Chance gehabt zu haben, sich zu wehren.

Der Matrose richtet sich wieder auf, der Mann, zu dem er sich gebückt hat, ist tot - dazu braucht man kein Heilkundiger zu sein, auch ein Matrose wie Trolske weiß, daß jemand mit gebrochenem Genick und durchtrennter Kehle nicht mehr leben kann.

Er sieht sich um, blickt hin zu den anderen, die ebenfalls die Toten untersuchen, und sich am Heck mit der Ruderanlage befassen. Und dort ist nun auch der Mann aufgetaucht, der als einziger das Massaker überlebt hat....

Trolske überlegt, ob er auch dorthin gehen sollte, denn eigentlich wäre es seine Aufgabe, Ole zu helfen, und nicht die von Hjaldar, der ja "nur" ein Fahrgast ist, kein Matrose. Und das, was er, Trolske, im Moment hier tut, das ist eigentlich die Aufgabe von Darian und Fargus.

Seufzend wendet sich der ältere Matrose ab. Ole hat wohl recht mit dem, was er sagte: Arbeit wird eine Ablenkung sein, zumindest für den Moment. Langsam geht er über das Deck nach achtern, sorgsam darauf bedacht, auf keinen der Toten zu treten.

In der Nähe des Heckaufbaus bleibt Trolske erneut stehen und betrachtet die beiden Menschen, die da liegen - den Mann, der wohl noch im Tode versucht hat, die Frau zu beschützen, die halb unter ihm liegt. Beide liegen zusammengekrümmt dort inmitten der Trümmer... ein Anblick, der wie eigentlich alles auf diesem Deck nichts für schwache Naturen ist. Trolske seufzt erneut, und denkt dann wieder an seine Absicht, sich mit Arbeit von diesem Grauen abzulenken.

Er geht gerade weiter, als ein seufzendes Stöhnen seine Aufmerksamkeit erweckt, ein Geräusch, wie es im Grunde auch die Planken eines Decks erzeugen können, wenn sie nicht ganz ordentlich verarbeitet sind. Aber... das würde man unter den Füßen spüren, und das war hier eindeutig nicht der Fall.

Die Absicht ist schon wieder vergessen, und so hockt sich Trolske neben die beiden Toten und schiebt ein großes Trümmerstück zur Seite, das zum Teil auf die beiden gefallen ist. Der Mann ist eindeutig tot: Er umfaßt die Frau schützend, so daß der Axthieb, vor dem er sie geschützt hat oder schützen wollte, wohl seine linke Schulter zertrümmert hat, und weiter bis zu seinem Herzen vorgedrungen ist. Und die Frau... sie ist blutüberströmt, aber das mag von dieser Wunde des Mannes stammen. Oder auch nicht, denn Trolske sieht deutlich, daß einer ihrer Arme in einem unnatürlichen Winkel abgeknickt ist, und Blut aus einer Wunde an ihrer Seite sickert, wo die nicht wirklich feste Kleidung sie wohl nicht vor einem Schwerthieb oder Messerstich bewahren könnte. Ihre Augen sind im Gegensatz zu denen des Mannes, die weit aufgerissen und verdreht in den Himmel starren, geschlossen.

Vorsichtig räumt Trolske ein weiteres Trümmerstück zur Seite, und streckt dann langsam die Hand aus. Mitten in dieser Bewegung erstarrt er, denn er hat ganz deutlich gesehen, wie sich der Brustkorb der Frau langsam gehoben und gesenkt hat...

Der Matrose beugt sich vor, und nun hört er das Stöhnen erneut, begleitet von leisen, fast ein wenig röchelnden Atemzügen.

Er unterdrückt seinen ersten Reflex, die Verletzte, die immer noch halb unter der Leiche des Mannes liegt, hervorzuziehen. Trolske hat zwar kaum Ahnung von der Heilkunde, aber er weiß aus Erfahrung, daß er damit noch mehr Schaden anrichten könnte.

So erhebt er sich wieder, und ruft laut:

"Hier lebt jemand und braucht einen Heiler!"

Er ruft das laut genug, um auf dem ganzen Deck gehört zu werden, aber im wesentlichen geht der Ruf in die Richtung von Darian und dem Druiden, denen er die nötige Hilfe am ehesten zutraut.



Wie mit einem mal sind alle Zweifel verflogen, alle trüben Gedanken weggewischt, was diese Mission betrifft.

"Herr Magier, kommt schnell herbei, der eine Seemann scheint Leben entdeckt zu haben."

Eiligen Schrittes, sofern das bei diesem Chaos überhaupt möglich ist, geht der Druide in Richtung des Rufenden. Als er bei ihm angekommen ist, sieht er die zwei verschlungenen Körper. Deutlich ist zu erkennen, daß in dem begrabenen Frauenkörper noch Leben steckt, der Mann über ihr jedoch schon einige Zeit tot sein muß.

"Wir müssen sie vorsichtig voneinander trennen" spricht er zu dem Entdecker. Er schaut sich kurz um, ob der Magier inzwischen auf dem Weg ist, denn in dieser Situation erscheinen ihm vier Hände einfach zu wenig.



Trotz der widrigen Umstände gelangt der Adeptus rasch an die Stelle, an der Trolske die Überlebende entdeckt hat.

"Zunächst mal müszen wir sie freilegen, aber möglichst ohne sie zu bewegen."

Diesen Satz richtet er mehr an Trolske als an Fargus, der kräftige Matrose ist für diese Aufgabe besser geeignet, als der alte Druide.



Der ältere Matrose nickt dem jungen Magus zu.

"Das wohl!" erwidert er, und umfaßt dann den Oberkörper des Toten recht vorsichtig.

"Nehmt Ihr die Beine, dann schaffen wir das." Er beobachtet den Magier dabei aus seiner halb gebeugten Position, um den Toten im richtigen Moment anzuheben, wenn Darian auch soweit ist. Die ganze Art, wie Trolske das macht, zeigt deutlich, daß der Tote für ihn ein Mensch ist, den man achten muß, und kein Gegenstand, der zufällig um Wege liegt.



Es widerstrebt Darian etwas einen Menschen, auch wenn er tot ist, einfach beiseite zu räumen, wie ein lästiges Trümmerteil. Dennoch packt er die Leiche des Mannes, um sie gemeinsam mit Trolske zur Seite zu heben, schlieszlich musz es gemacht werden, soll es nicht noch eine weitere Tote geben. Mit einem einfachen "ja" bestätigt Darian seine Bereitschaft und hebt auch sogleich die Beine des Mannes an. Er ist ganz froh darüber an der leichteren Seite zu stehen, ist seine Körperkraft doch nicht mit der des Seemannes vergleichbar.



Trolske hebt in der Tat den größten Teil des Gewichtes des Toten, aber es gelingt ihm dennoch, das so zu tun, daß er die Last auf eine menschliche Weise anpackt, und nicht wie etwas, das im Wege herumliegt. Nur deshalb ist im Grunde auch die Hilfe des jungen Magus nötig, denn rein vom Gewicht her würde der Matrose es auch alleine schaffen. Mit der vereinten Kraft von Magier und Matrose gelingt es recht mühelos, den Toten etwa eineinhalb Schritt entfernt auf das Deck der ZYKLOPENAUGE zu betten. Trolske läßt den Oberkörper sanft auf die Planken sinken, dann wendet er sich sogleich noch einem Trümmerstück des Heckaufbaus zu, das den Zugang zu der verletzten Frau - dem verletzten Mädchen - noch etwas behindert. Mit diesem verfährt er so, wie man es mit Trümmern macht - er befördert es recht achtlos zu einem Haufen weiterer Trümmer, wobei er einzig darauf achtet, es auf keinen der anderen Toten zu legen.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Todeskampf


Nichts. Ein graues Nichts - ohne Gefühle, Gedanken, ohne Erinnerungen. Aber nun - als teilten sich die Wogen - plötzlich Bilder:

Verzerrte Fratzen, kaum menschlich, Blut, - Gesichter, Körper, die platzen, zu Blut und Fleischklumpen werden unter der Gewalt der Hiebe...

...und Schreie - oh diese Schreie!

Gleichzeitig packen sie Schmerzen, grausame Schmerzen, von irgendwoher aus dem Nichts .. das müssen die Niederhöllen sein!

Doch dann: Die Erlösung. Rasch gleitet alles zurück ins Nichts, aus dem es gekommen ist, und die grauen Wogen schließen sich wieder.



Als der Tote angehoben wird, stöhnt die Verletzte kurz auf, liegt jedoch anschließend wieder völlig regungslos da. Nun ist es den Anwesenden auch möglich, sich die Frau genauer zu betrachten:

Es wird nun offenbar, daß sie noch sehr jung sein muß, ein halbes Kind noch, kaum älter als 13 oder 14 Jahre. Ihre kleine, zierliche Gestalt, die wohl nicht einmal 8 Spann mißt, liegt hingestreckt auf den Planken, das blaßblaue Kleid halb zerrissen und über und über mit Blut besudelt.

Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und dem schmalen, zarten Kinn, wie auch die goldbraune Farbe der Haut lassen erkennen, daß einer ihrer Vorfahren wohl Mohablut in seinen Adern gehabt haben muß. Das glatte schwarze Haar ist halb aufgelöst und ebenfalls blutverklebt. Neben den Verletzungen an Arm und Seite hat sie wohl auch einen Schlag auf den Kopf erhalten.



"Nun gilt es, wir dürfen keine Zeit verlieren, ihr Zustand scheint kritisch zu sein" läßt der Druide verlauten, während er beginnt, die Verletzungen der jungen Frau in Augenschein zu nehmen. Er beginnt, die Wunde am Kopf für eine Behandlung vorzubereiten, in dem er die Stelle freilegt und entsprechend reinigt, was durch das bereits angetrocknete Blut ziemlich schwer fällt.



Jetzt, wo sie frei liegt, hat Darian erstmals die Gelegenheit, sich die Frau und ihre Verletzungen genauer anzusehen.

´Oh, ihr Götter! Sie ist ja noch ein Kind!´

Offensichtlich ist ihr Arm gebrochen und auch ihr Kopf hat wohl einiges abbekommen, auszerdem wurde sie an der Seite verwundet, aus dieser Wunde flieszt immer noch Blut.

Sich um alle drei Verletzungen gleichzeitig zu kümmern übersteigt auch die Möglichkeiten eines Magiers, aber der Adeptus ist ja nicht allein hier. Darian denkt sich, dasz es das wichtigste wäre zunächst den Blutverlust zu stoppen. Er kniet neben der Verletzten nieder, dabei achtet er darauf, dasz auch der Druide noch genug Platz hat um seinerseits Masznahmen zu ergreifen, dann schaut er noch einmal kurz zu Trolske auf:

"Wenn Ihr schon einmal ein Stück Holz zurechtmachen könntet, damit wir ihren Arm schienen können, ich versuche derweil die Blutung zu stillen."

Vorsichtig entfernt Darian die Reste der Kleidung, die die Wunde verdecken. Behutsam legt er seine rechte Hand auf die blutende Stelle, in seinem Geiste beginnen sich Linien und Muster zu Formen, während der junge Magus immer wieder die gleichen vier Worte spricht:

"BALSAM SALABUNDE - heile Wunde!"



Rasch hat Trolske die meisten Trümmerbrocken, die noch etwas störend im Weg lagen beiseite geräumt. Doch dann, als der Gelehrte Herr seine Zauberworte spricht, verharrt der Seemann ehrfürchtig auf der Stelle. Eine gesplitterte Planke liegt zwar noch etwas ungünstig im Weg, doch der alte Trolske traut sich nicht so recht, dort weiter aufzuräumen, aus Furcht er könne vielleicht im Weg stehen oder den Magier in irgendeiner Art und Weise behindern und in seiner Konzentration stören.

'Hoffentlich kann der Herr Darian dem armen Mädchen helfen, so ein junges Ding, so unschuldig und zart, fast noch ein Kind. Dieses hier darf einfach nicht das Ende sein. Habt Gnade, Herr Boron, und laßt sie dieses Mal noch einmal gehen. So viele Menschenkinder habt Ihr heute mit euch genommen... muß es denn dieses eine auch noch sein?'



Zu Beginn scheint es so, als hätten die Bemühungen des Magiers keinerlei Verbesserung zur Folge: Unverändert liegt die kleine Gestalt auf dem Boden, während ihre Lebenskraft als schmales Rinnsal auf die Planken sickert. Ebenso langsam lösen sich die Bande, welche die Seele an ihre derische Existenz binden.

Dann jedoch, nach einer schier endlos erscheinenden Zeitspanne, fließt das Blut spärlicher, ein Zeichen dafür, daß der Zauber nicht ohne Auswirkung geblieben ist. Es kostet jedoch noch einige weitere, kraftzehrenden Minuten, bis es gelingt, das Rinnsal versiegen zu lassen und dem Tod vorerst Einhalt zu gebieten.



"BALSAM SALABUNDE - heile Wunde!"

Immer noch wiederholt der Adeptus die Formel, ruhig und konzentriert. Durch nichts läszt er sich von der Ausführung des Zaubers ablenken, nicht davon, dasz Fargus mit der Behandlung der Kopfverletzung begonnen hat - und somit das einzig Richtige tut - nicht davon, dasz der andere Überlebende - dessen Beobachtung ja Darians nächste Aufgabe hier wäre - mittlerweile an Deck ist und mit dem Offizier spricht und auch nicht davon, dasz die NORDSTERN langsam wieder Fahrt aufnimmt und somit der Schlepp beginnt. Auch die Toten rings umher sind erstmal vergessen, selbst die Leiche der jungen Frau, deren Anblick Darian noch vor wenigen Augenblicken so schwer zu schaffen gemacht hat.

Die Wunde ist offenbar sehr tief, obwohl die Kraft wie vorgesehen flieszt und ihre heilenden Muster webt, sickert weiter rotes Blut durch die Finger des Magiers auf die Planken der ZYKLOPENAUGE. Dort vermischt es sich mit einer der allgegenwärtigen Lachen und beginnt, durch die Schlagseite bedingt, seinen allmählichen Flusz zur Steuerbordseite, dem Meer entgegen. Dort angekommen wird es als weiteres Lockmittel für die gierigen Mäuler der Haie dienen.

Langsam, ganz langsam wird die Blutung schwächer, als sich im inneren, durch die Kraft der Magie, wieder zusammenfügt, was zusammengehört. Doch noch ist die Wunde nicht geschloszen, noch immer klafft ein blutiges Loch, dort wo Tsa einst Haut geschaffen hat und so läszt so spricht der Adeptus weiter die Worte, die seine Kraft in der gewünschten Weise formen:

"BALSAM SALABUNDE - heile Wunde!"



ZYKLOPENAUGE - Heck: Das Ruder


Man merkt Hjaldar förmlich an, daß er noch etwas sagen möchte, als der Überlebende an Deck tritt und die Aufmerksamkeit des zweiten Offiziers beansprucht.

Mit einem intensiven Blick mustert Hjaldar den Fremden. Noch immer ist deutliche Wut in sein Gesicht geschrieben, doch richtet sich diese nicht gegen den Überlebenden, diesem schlägt lediglich tiefes Mißtrauen entgegen. Trotzdem würde jetzt wohl kaum jemand Hjaldar freiwillig in ein Gespräch verwickeln wollen.

So weiß er auch nicht, ob er die Ablenkung durch Ole begrüßen oder verdammen soll. Wie auch immer - da er am nächsten dran steht ist er mit ein paar schnellen Schritten am äußerst einfallsreich provisorisch geflickten Ruder.

Fast im selben Augenblick tönt Trolskes Ruf über das Deck, das es noch Lebende gibt. Hjaldar hat schon auf der Ferse kehrt gemacht und will gerade los stürmen, als er sieht, wie der Alte eiligst dorthin unterwegs ist, wo Trolske kniet. Da der Alte als Heilkundiger dabei ist, dürfte er wesentlich mehr von der Sache verstehen als Hjaldar, dessen wundversorgerischen Fähigkeiten sich darauf beschränken, einen Verband anzulegen, der bis zum Heiler hält - meistens jedenfalls.

Es gibt also keinen Grund, die Sache mit dem Ruder aufzuschieben. Im Gegenteil, es sollte möglichst schnell geschehen, denn es gibt noch etwas anderes, sehr Wichtiges zu prüfen, nämlich die Bordwand unterhalb der Wasserlinie. Wenn dort auch nur zwei Planken plötzlich nachgeben, nachdem sie lange mühsam dem Wasserdruck Widerstand geleistet haben, säuft der Pott schneller ab als mit Ankerketten beschwerte Alanfaner Sklavenjäger.

Ungeduldig dreht er sich wieder um und faßt das Heft des Entermessers.

"Alles klar Ole. Einmal laut beten und dann sieh nach, was sich da unten tut."

Bereits zu diesen Worten bewegt er die unkonventionelle Ruderpinne langsam hin und her.



Eigentlich war der Ratschlag Hjaldar's in der momentanen Situation mehr als angebracht. Doch Ole hat sich schon mehrmals, wenn auch nicht laut, dem Gebet hingegeben, denn auf der ZYKLOPENAUGE reicht einfache Handwerkskunst nicht aus, es braucht schon auch göttliche Beistand, wenn man den Auftrag hat, dieses Wrack noch längere Zeit über Wasser zu halten.

"EFFerd sei Dank, das Ruderblatt ist heil und die Mechanik auch .... !" ruft Ole freudig aus, leicht beglückt, die zweite gute Nachricht seit dem Betreten der ZYKLOPENAUGE, verkünden zu dürfen, auch wenn sie sich beileibe nicht damit messen kann, daß noch ein weiterer Überlebender gefunden werden konnte.

Ole rutscht vorsichtig zurück, dreht sich dann um und grinst Hjaldar an. Während er mit der flachen Hand auf die Planken der ZYKLOPENAUGE klopft, spricht Ole:

"Unser waidwunder Fisch hat wieder eine Schwanzflosse !"



"Immerhin etwas." grinst Hjaldar zurück. "Wir sollten uns aber beeilen festzustellen, ob er überhaupt noch lange schwimmen kann."

Er deutet mit der Hand nach unten auf die Planken, meint dabei aber logischerweise den Schiffsrumpf.

"Nicht, das ich schwarzmalen will, aber wenn wir so tief im Wasser stehen, daß Du Dich mit'm Hai um die Pinne streiten mußt, wird's ungemütlich."



Ole richtet sich, noch immer grinsend, auf. Er nickt zu Hjaldar's Worten, dann verzeiht er überzogen das Gesicht:

"Du tust den lieben Tieren bestimmt Unrecht. Ich glaube kaum, daß sie sich für eine mühsam geflickte Pinne interessieren, wenn es dicht daneben zwei große, thorwalsche Happen zu ernten gilt. So ein Hai ist schließlich auch nur ein Mensch!"

Der Schiffszimmermann geht ein paar Schritte zu Hjaldar hin und klopft dem Freund mit seinen 'Pranken' aufmunternd auf die Schultern.

"Komm, Kamerad! Geh'n wir Meldung machen und dann schaun wir mal, ob unser kranker Fisch hier ein paar offene Wunden am Bauch hat!"



NORDSTERN -Vorderdeck: Der Schuß


Ein weiteres Mal nimmt die Bootsfrau nicht wahr, wie sehr solche Aufträge den armen Efferdan belasten - für sie zählt einzig, daß sie die Freigabe des Kapitäns hat. Und... daß sie es gleich tun soll, aber das ist ohnehin klar.

Sie nickt Efferdan freundlich zu, wobei ziemlich unklar bleibt, ob diese Freundlichkeit eine Folge der überbrachten Nachricht ist, oder ob sie durch die rasche Ausführung des Auftrages ausgelöst ist.

Sie hält sich nicht weiter auf, sondern geht an der Freifrau vorbei zur Rotze, die sie um etwa eine Achtelumdrehung nach rechts dreht, so daß sie nicht mehr auf das Wrack der ZYKLOPENAUGE zielt, sondern knapp eine Schiffslänge hinter das Heck dieser, ausreichend weit entfernt von dem Beiboot der NORDSTERN, das dort in den Wellen treibt.

"Achtung, ich schieße!" warnt sie die Umstehenden, und macht sich dann auch sogleich daran, dies wirklich zu tun:

Nirka hockt sich hinter das Geschütz, dreht kurz an der Verstellung des Abschußwinkels, korrigiert die Ausrichtung mehrfach, bis einer der Haie, der wohl gerade damit befaßt ist, etwas zu zerreißen, das da im Wasser treibt, genau in der Schußbahn schwimmt.

Sie hält die Luft an, und macht mit dem ganzen Körper einige Perioden des Schaukelns des Schiffes mit, um sich an diese Schwankungen zu gewöhnen, die natürlich der Genauigkeit eines solchen Schusses höchst abträglich sind. Im Normalfall würde das Schiff auch weitaus ruhiger liegen, da die Segel einen stabilisierenden Gegendruck erzeugen, aber das ist momentan nicht der Fall.

Die Bootsfrau zögert nur noch ganz kurz, dann betätigt sie den Auslöser des Torsionsgeschützes. Mit einem recht lauten Knall entspannen sich die Torsionsspulen und werfen die von Efferdan so mühevoll geholte Steinkugel im hohen Bogen und mit ziemlich viel Wucht in die Luft...



Der Startschub des Torsionsgeschützes befördert die dreihundert Unzen schwere Kugel ziemlich rasant in die Luft und auf eine Bahn, die so ziemlich genau in Richtung eines der Meeresräuber führt, die die Bootsfrau anvisiert hat. Die Entfernung ist nicht wirklich groß, ein ganzes Stück unter der Maximalreichweite dieses Geschützes, so daß ein Treffer mit ziemlicher Wucht erfolgen könnte...

Der Scheitelpunkt der Flugbahn ist rasch erreicht, und die Steinkugel beginnt mit dem Sturz nach unten, der Oberfläche des Meeres mit all den Meeresbewohnern entgegen.

Spätestens an der Stelle zeigt sich dem geübten Auge, daß die Kugel nicht so ganz auf der Idealbahn fliegt, und vermutlich das Ziel verfehlen wird, falls der Hai nicht noch auf die Idee kommen sollte, wegzuschwimmen und dabei zufällig die richtige - für ihn natürlich verkehrte - Richtung nehmen sollte.

Alleine... das passiert nicht. Der Hai ist zu sehr mit seinem Mahl beschäftigt, und er hat auch keine Möglichkeit, die anfliegende Gefahr zu sehen, so daß er das tut, was für Schützen eigentlich das Beste ist, nämlich seinen Standort nicht zu verändern.

Dann sind die Momente des Fluges der Kugel auch schon vorbei, und sie trifft mit einem lauten Platschen die Wasseroberfläche, etwa drei Schritt von dem Hai entfernt, den sie eigentlich treffen sollte.

Das wirkt natürlich auch auf den Hai, und noch ehe die letzten Spritzer des Einschlages sich wieder mit dem Wasser des Meeres vereinigt haben, ist er mitsamt seiner gerade im Zustand des Verzehrens befindlichen Beute abgetaucht.

Und die Steinkugel sinkt sehr schnell dem Grund des Meeres der sieben Winde entgegen...



Immer weiter sinkt die Steinkugel nach unten. Kam zuerst - nachdem sich das Wasser etwas beruhigt hatte - noch einer der anderen Haie angeschwommen - mehr aus Fress-, denn aus Neugier -, um zu sehen, was denn da ins Wasser geplumst ist, schwebt die Kugel nun wieder alleine dem Grunde des Meeres entgegen. Der Hai hat sich, nachdem er gemerkt hat, daß das merkwürdige Ding nicht eßbar zu sein scheint, wieder einigen im Wasser schwimmenden blutigen Brocken zugewandt - andere seiner Art umkreisen, angelockt von dem Blutgeruch und in der Hoffnung auf ein weiteres reichliches Mittagsmahl immer noch die ZYKLOPENAUGE.

Weiter sinkt die Kugel im kalten, dunklen Wasser hinab. Es ist merkwürdig hier. Oben glitzern noch die Strahlen der Praiosscheibe in hellen Kaskaden auf der Wasseroberfläche und tauchen das Wasser dort in ein helles Licht - unten ist nur Schwärze. Gnadenlose, alles verschluckende, kalte, unheimliche Schwärze. Und doch gibt es Leben hier. Als die Kugel weiter nach unten gleitet, schwimmen in respektvollem Abstand einige silberne Fische mit gezackten Flossen und großen, runden Augen vorbei, bilden einen dichten Schwarm, lösen sich voneinander, umschwimmen einander, tanzen in einem wilden Spiel.

Doch unaufhaltsam sinkt die von der Nordstern abgefeuerte Kugel weiter nach unten. Nichts kann ihren Fall aufhalten wie es scheint. Zwar scheint sei einmal hierhin, einmal dorthin zu schweben, insgesamt eher träge im Wasser zu liegen - doch sinkt und sinkt sie immer weiter, unaufhaltsam.

Mittlerweile ist sie im dunklen Licht verschwunden, verschluckt von den allesverschlingenden Wassermassen. Kleine Krebse haben sich auf sei gesetzt, winzige Krebse, mit bloßem Auge kaum wahrzunehmen.

Weiter sinkt die Kugel.

Endlich, endlich nach langem »Fall« kommt die Steinkugel unten an. Hart schlägt sie im unterseeischen Sand auf, dieser wird aufgewirbelt, dreht sich in anmutigen Kreisen, sinkt herab, der Grund ist wieder still. Nur ein kleiner, flacher Vertreter der Kraken öffnet ein Auge und lugt aus seinem Steinversteck hervor. Doch nur kurz, dann beschließt er, wieder seine alte Tätigkeit aufzunehmen - auf Beute zu warten.

So also hat die Steinkugel im kalten Meer ihre letzte Ruhestätte gefunden, zur Hälfte eingegraben in den Grund des Ozeans, bald vergessen, wird sie schon in Kürze ganz von Sand begraben sein.

Das Meer verschluckt alles - gnadenlos.

Und am Grund ist wieder Ruhe eingekehrt - so, als ob nichts gewesen wäre. Hier unten vergißt man schnell...



NORDSTERN - Vorderdeck: Efferdan in Wartestellung


Als Nirka ihm zu nickt, bleibt Efferdan noch etwas stehen. zum einen, weil er etwas fragen möchte - muß!, die Bootsfrau aber nicht stören will...

`Das würde sie mir sicher übelnehmen`, zum anderen, weil er nicht weiß, ob er sich entfernen darf. So sieht Efferdan den Schußvorbereitungen zu - nicht ganz, ohne Interesse.

Als er sieht, daß die Kugel ein paar Schritt neben dem Hai auftrifft, atmet er auf.

`Puh, nicht getroffen. Tsas Zorn wird die NORDSTERN also nicht treffen, denke ich...`

Nun wartet er, bis Nirka wieder ansprechbar ist.

`Besser ich warte noch etwas. Wer weiß, ob sie nicht schlecht gelaunt ist, nachdem sie verfehlt hat?`



Diejenigen, die sich auf dem Vordeck oder in dessen Nähe aufhalten, kommen in den wirklich seltenen Genuß, zu erleben, wie Nirka vollkommen überrascht und fast schon entgeistert auf das Wasser hinaus blickt, und anscheinend nicht so ganz zu verstehen scheint, warum die Kugel auf diese nicht gerade große Entfernung nicht getroffen hat.

Doch die Überraschung bleibt nicht lange bestehen, denn sie weicht rasch einem Ausdruck der Enttäuschung und schon fast der unterdrückten Wut. Anscheinend ist Efferdans Entschluß, sie jetzt nicht anzusprechen, wirklich sinnvoll und richtig...



Irgendwie freut es Efferdan tief in seinem Herzen, als er Nirkas entgeisterten Gesichtsausdruck wahrnimmt, beweist es ihm doch, daß sie trotz aller Größe, Stärke und Rauheit doch auch ein Mensch mit menschlichen Gefühlen ist und zudem auch nicht unfehlbar ist.

Als er dann den Ausdruck unterdrückter Wut in ihrem Gesicht wahrnimmt, ist er froh, sie nicht angesprochen zu haben. Zwar ist seine Menschenkenntnis nicht allzu gut, aber nach 1 1/2 Jahren auf der NORDSTERN ist er sich ziemlich sicher, daß Nirka mit ihm Imman spielen oder ihn um den Mast wickeln würde, wenn er sie jetzt anspricht. So wartet er noch, tritt vorsichtshalber noch unauffällig einen Schritt zurück und bemüht sich, nicht direkt in Nirkas Blickfeld zu kommen.

`Hoffentlich beruhigt sie sich gleich wieder. Ich sollte doch zurück zum Heck. Wenn die Nordstern zu schleppen anfängt, dann könnte sich die Trosse bei dieser Lage der Schiffe zueinander doch noch verhaken oder an der Reling scheuern. Jemand sollte vielleicht dort sein und aufpassen...`



NORDSTERN - Oberdeck: Die Wächter


Die letzten Minuten hatten sich vor Torins Augen gedehnt. Endlos kam ihm die Spanne vor, bis Efferdan sich endlich vom Kapitän und vom Brückendeck entfernt hatte. Alleine schon das nervöse Gefingere an der ledernen Scheide des Dolches hatte Torins Finger mehrmals zucken lassen.

Doch er hielt sich zurück. Und als er die gerufenen Worte des Kapitäns vernahm, konnte Torin spüren, wie sich der Knoten der Angst in seiner Brust löste. - Die Angst, vielleicht das Falsche zu tun.

Als Efferdan das Brückendeck verläßt, um wieder zum Vordeck zu huschen, blickt Torin ihm noch kurz hinterher. Doch nun, da sich die Absichten des Matrosen als rein und unschuldig erwiesen haben, gilt die Sorge Torins wieder dem Kapitän.

Und trotzdem erschrickt er, als Phexane ihn anspricht. Es ist der unterschwellig aggressive Tonfall, der ihn zusammenzucken läßt. Es ist der selbe Tonfall, den Vater Rotmarder immer verwendet, wenn er genau weiß, daß eines seiner Kinder etwas ausgefressen hat.

Torin antwortet nicht sofort, sondern blickt sie einen Augenblick lang stumm an. Er sieht, daß auch sie längst die Hand an der Waffe hat. Ein sicheres Zeichen dafür, daß sie ebenso angespannt ist wie er.

'Sie wirkt etwas ängstlich.' kommt es Torin in den Sinn. 'Oder aufgekratzt - genau so wie ich.'

"Es ist nichts. Ich hatte mich auf etwas versteift, aber es ist wohl eine falsche Fährte."

Trotz der Anspannung gelingt ihm ein Lächeln, das jedoch abrupt endet, als von der Rotze ein schrecklich lautes Getöse herüber hallt. Unwillkürlich reißt er den Kopf herum und den Dolch unter seinem Mantel hervor. Doch nach einigen Schrecksekunden wird ihm klar, daß nur das Geschütz abgefeuert wurde. Schnell steckt er den Dolch wieder weg.

'Miu pikusch!' flucht er in sich hinein. 'Hoffentlich hat das keiner gesehen.'



Phexane nickt nur kurz, als Torin sagt, daß es lediglich eine falsche Fährte war.

'Mein' ich doch! Der Matrose würde so etwas sicher nicht machen. Wir Albernier sind ein ehrliches Volk! Stehlen, nun gut ... aber morden - nein!'

Mit diesen Gedanken sucht sie auch weiterhin das Meer nach verdächtigen Signalen ab. Doch es nichts zu sehen - nur unendlich weite Wassermassen und weiter vorne das Wrack. Daß zwischen dem Wrack und der NORDSTERN allerdings Haie ihre Bahnen ziehen, kann sie von ihrer Position aus nicht sehen.

Dann aber schreckt Phexane sichtbar auf, als die Rotze abgefeuert wird. Während sich ihre rechte Hand an dem Griff des Floretts verkrampft, legt sie wiederum schnell die linke an ihre Brust, dort wo nun ihr Herz aufgeregt pocht.

Mit sichtbar erschrockenem Gesicht blickt sie zum Vordeck und dem dortigen Geschütz.

'Bei Phex! Was soll das? Hier sind nirgends Piraten und dennoch wird gefeuert!'

"Was ist passiert? Warum wird denn jetzt gefeuert?"

Phexane spricht damit in erster Linie Torin an, der sich wohl ebenfalls erschrak. Zumindest kann sie sehen, dass er wieder das Wurfmesser unter seinem Mantel berührt.

'Ich hasse es, wenn ich nicht weiß, was los ist!'



Das laute Entspannen der Schußvorrichtung läßt Traumauge leicht zusammenzucken, jedoch nur um sich dann tiefer in Phexanes Armen zu vergraben. Man merkt ihm an der er sich ziemlich erschrocken hat, der kleine Körper zittert fast unmerklich vor sich hin.



NORDSTERN - Oberdeck: Der 'Fehltritt' Ameg's


Völlig in seine Grübeleien versunken - wer denn wohl Vater Rotmarder ist, ob Torin ihn im nächsten Hafen los werden will oder nicht und ob Phexane, die Ameg ganz nett findet, weiter mit ihnen mit reist - bekommt Ameg gar nichts von den Schußvorbereitungen mit.

Als es dann soweit ist schreckt er doch sehr zusammen. Die erste Zeit auf dem Schiff war er sehr vorsichtig und ängstlich und erst nachdem er alle Geräusche des Schiffes und ihre vermutliche Ursache ein wenig kennenlernte, hatte er sich beruhigt und zumindest zum Schiff ein wenig Vertrauen gefaßt (die Mannschaft und die Reisenden waren eine andere Sache..).

Das Geräusch der Rotze ist jedoch völlig neu für Ameg. In einer Panik wie damals als er in Thorwal verfolgt wurde duckt er sich, zieht den kleinen Dolch von Harad aus dem Stiefel und springt dann in die nächstbeste Deckung.

Leider sucht sicht Ameg den falschen Ort als Deckung aus, denn der Niedergang ist doch ein wenig zu steil um darauf zu springen und so fällt Ameg die Stufen hinunter und landet flach auf dem harten Holzboden des Unterdecks. Der Dolch rutscht unterdessen aus seiner Hand und schlittert irgendwo hin.



Bevor Torin Phexane antworten kann, hört sie jemanden den Niedergang hinunter poltern. Schnell blickt sie sich um und sieht, daß es offenbar Ameg war, der die Stufen hinab gefallen ist und nun nicht mehr bei der kleinen Gruppe steht.

Doch sie überlegt nicht lange, sondern setzt Traumauge auf die Planken des Oberdecks und läuft dann schnell den Niedergang hinab.

Doch die Steilheit dieser Stufen machen auch ihr zu schaffen und so spürt sie auf einmal keinen Boden mehr unter ihren Füßen. Bevor sie das richtig registriert, landet auch sie mit einem dumpfen Knall auf den Boden des Unterdecks. Im Gegensatz zu Ameg aber landet sie wie eine Katze auf den Füßen. Dann geht sie vor dem Jungen in die Hocke.

"Ameg!" ruft sie laut und berührt ihn mit ihren Händen vorsichtig an seinen Schultern.



Torin wendet er sich schlagartig um, als er das Poltern hinter sich hört. So bekommt er gerade noch mit, wie Phexane die Katze beinahe ruckartig auf die Planken setzt und den Niedergang hinunter stürzt.

Als Torin den dumpfen Schlag hört, ist der Verdächtige vergessen. Er stürmt zum Niedergang und ruft hinunter ins Dunkel:

"Geht es euch gut, holde Maid?"

Dann erst sieht er auch Ameg in der Düsternis liegen und unwillkürlich steigt er vorsichtig die ersten Stufen hinunter.

"Ameg, ist alles in Ordnung?"

Daß er den Magus einfach stehen läßt, ist ihm egal.



Ameg spürt eine Berührung an seiner Schulter und bekommt langsam mit wo er ist. 'was war das denn? wieso bin ich...? ah.. der Niedergang.. ziemlich steil.. ich.. Phexane?'

Mit den Händen stützt Ameg sich auf, um sich hin zu setzen. Schmerzen durchfahren ihn und er zuckt zusammen. Von oben ruft Torin, doch für den Moment antwortet Ameg nicht. Auf etwas anderem Wege als geplant setzt Ameg sich schließlich doch hin und starrt auf seine aufgeschrammten Hände, die ihm beim vorherigen Aufsteh-Versuch solche Schmerzen bereiteten. Nach und nach spürt er das ihm mehr weh tut als nur die Hände.

'wieso bin ich hier bloß runter gesprungen? ... der Knall... warum..?'

Ameg kann nicht weiter nachdenken. Mit einem leisen Schluchzen kommen ein paar Tränen aus seinen Augen. Die Jahre auf der Straße haben ihm gelehrt nur dann laut zu heulen, wenn er hoffte ein wenig Geld erbetteln zu können. Gepreßt und mit einem weiteren kleinen Schluchzer bringt leise ein "all's in Ordn'n" in Torins Richtung hervor, dann fließen die Tränen ungehemmt, aber lautlos...



Phexane sieht, daß wohl nichts Ernsthaftes passiert ist. Lediglich Amegs Hände sind aufgeschrammt. Doch wenn man noch jung ist, ist offenbar auch solcher Schmerz noch ungewohnt und so laufen dann über Amegs Wangen einige Tränen hinab.

"Kannst du aufstehen? Ich bringe dich dann in deine Kabine und kümmere mich um deine Hände."

Phexanes linke Hand ruht noch immer auf seine Schulter, während die rechte vorsichtig ein paar Tränen aus seinem Gesicht wischt.

Wie allerdings Torin sie eben genannt hat, hat sie nicht mitbekommen. Zu sehr hat sie auf den Jungen geachtet, als daß sie solche Worte registrieren würde.



Dann erst sieht er auch Ameg in der Düsternis liegen und unwillkürlich steigt er vorsichtig die ersten Stufen hinunter.

"Ameg, ist alles in Ordnung?"

Vorsichtig steigt Torin eine weitere Stufe hinab in den Bauch des Schiffes, als er die leise geschluchzte Antwort Amegs hört.

"Dann ist ja gut." sagt er mit mehr Nachdruck als eigentlich notwendig.

'Frau Fuxfell kann ihm sicher helfen, mein Platz ist auf dem Deck. Denn gerade jetzt ist der Kapitän ungeschützt.'

Mit einem letzten Blick in die Dunkelheit dreht sich Torin um. Ein merklicher Ruck geht durch das Schiff als er die schmalen Stufen wieder nach oben steigt.

'Endlich geht es weiter nach Salzerhafen.'

Als Torin das Deck wieder erreicht, sieht er die nun gesetzten Segel.

'Es ist wirklich besser, daß wir dieses Schiff in Salzerhafen verlassen.'

Die Matrosen verrichten ihre Arbeit und so ist auf dem Deck einiges los. Noch ist dem Kapitän nichts geschehen, aber trotzdem ist Torin auf der Hut.



Immer noch verängstigt drückt sich der kleine Kater in eine Ecke, kauert sich zusammen und harrt der Dinge die da hoffentlich nicht kommen werden.



Nach und nach versiegen Amegs Tränen. Dafür schämt er sich jetzt, daß er den Aufgang hinuntergefallen ist ... und das er deshalb weinen mußte...

Langsam und vorsichtig versucht er auf zu stehen. Ein paar Stellen tun ihm weh, doch es scheint nichts schlimmeres passiert zu sein. Einige blaue Flecken werden wohl jedoch eine Weile bleiben. Als er ganz steht blickt er betreten zu Boden und wagt es nicht Phexane anzusehen oder gar dem wieder verschwindenden Torin nach zu schauen. Mit seinem Ärmel wischt er sich die letzten Tränen aus dem Gesicht und läßt dann wieder seine aufgekratzten Hände an seiner Seite hängen. Leise, beinahe unhörbar fragt er:

"was war das für'n lautes Geräusch?"



Phexane blickt Torin mit einem fragenden Blick hinterher, der sich dann aber zu einem eher grimmigen wandelt.

'Macht er sich keine Sorgen um Ameg? Der Junge hätte sich was brechen können!'

Sie will ihm am liebsten irgendwas hinterher rufen, das ihm dann ein schlechtes Gewissen gibt, doch dafür läuft er zu schnell hoch und ehe sie sich versieht, ist er auch wieder auf dem Oberdeck.

'Ist ja auch klar! Den Kapitän zu beschützen bringt ihm letztendlich mehr, als sich um einen Jungen zu kümmern, den man eigentlich unter seiner Obhut hat.'

Phexane verzieht leicht angewidert das Gesicht.

'Das ist selbst für mich schon viel zu berechnend!'

Mittlerweile ist Ameg wieder aufgestanden und fragt sie, was für ein Geräusch das war.

"Der Knall kam von dem Geschütz. Frag' mich nicht, warum die es abgefeuert haben! Piraten habe ich jedenfalls nicht gesehen."

Phexane lächelt Ameg aufmuntert an, als auch sie wieder aufsteht.

"Geht es wieder? Blutet die Hand? Wenn ja, dann sollten wir die Wunden verbinden."



"Das Ge'schütz? ...oooh", meint Ameg.

'ja.. stimmt.. die hatten es vorbereitet.. aber warum haben sie geschossen? ..sind doch keine Piraten da.. ..vielleicht haben sie das andere Schiff versenkt... ach nein.. da sind ja auch welche von der Mannschaft drauf.. dann haben die wohl nur aus Spaß in der Gegend rum geschossen... ..und mich erschrecken sie damit beinahe zu Tode... verrückte Leute!!!'

Ameg ballt die Hände ein wenig wütend zu Fäusten, aber schon nach einem kurzen Moment bemerkt er wieder die Schrammen. Er schaut sich seine Hände. Sie bluten ein wenig, aber nicht schlimm. Ein paar ganz kleine Holzsplitter scheinen an ein paar Stellen unter der Haut zu sein. Er schaut Phexane direkt an:

"'s blutet, aber ich glaub' 's geht schon..."

'irgendwann wird es von allein aufhören zu bluten... das werde ich überstehen.... vielleicht mag mich Torin dann auch wieder...'

Ameg läßt seine Arme und Hände wieder an seinen Seiten herab hängen und fängt so unauffällig wie möglich an seinen Dolch zu suchen, der hier irgendwo liegen müßte.



"Nun gut, du musst es ja wissen." entgegnet Phexane Ameg.

'Er ist ja auch alt genug, und ich habe eigentlich keinen Grund mich wie eine Glucke aufzuführen.'

Phexane blickt zum Aufgang hinauf. Oben scheint es immer noch ruhig zu sein. Dafür aber spürt sie nun, daß die NORDSTERN wieder weiter segelt.

'Gut, ich möchte bald wieder festen Boden unter den Füßen haben. Mal sehen, was ich in Salzerhaven unternehmen werde ...'

Phexane schaut wieder zu Ameg. Einen kurzen Moment lang scheint sie etwas zu überlegen, dann aber spricht sie ihn wieder an.

"Sag mal, wie gut kennst du eigentlich Torin Rotmarder?"



"nich' soo gut", antwortet Ameg ein wenig betrübt. "in Tho'wal wollt' mich jeman' umbring'n und Torin had mein Leb'n gerettet"

Die Erinnerungen an die Geschehnisse in Thorwal erwachen in Ameg wieder. Kurze Erinnerungsstückchen drängen sich in sein Bewußtsein..

"..Harad wollt' mich eigentlich aufnehm'n aber dann kam der Dunkle.."

'ich werde', flüstert es in Amegs Gedanken..

"..der, der mich scho' vo'her verfolgt hat.. er kam in das Haus"

'..ich werde dich töten..... ringdieb', flüstert es weiter leise in Amegs Gedanken. Ameg zittert leicht. Es scheint unter Deck ziemlich kalt zu sein.

"..und hat mit Harad gekämpft.. ich bin weg'rannt.."

Ameg fragt sich, ob er etwas hätte tun können.. ob etwas anders gelaufen wäre, wenn er da geblieben wäre.. 'tot..', flüstert es...

"..aber er hat mich ein'holt.. un'.. ..Torin kam.. Torin hat ihn besiegt. aba' Harads Haus brannte... Torin war d'nach so seltsam... aber ich bin ihm gefolgt... seitdem bin ich bei ihm.. "

'DU WIrst STerben', schreit eine Stimme in Amegs Gehirn. Er schluckt schwer und versucht die Gedanken zu vertreiben. Ein wenig krampfhaft und mit zusammen geballten Fäusten, aus denen gelegentlich noch ein paar Tropfen Blut kommen, beginnt Ameg wieder seinen Dolch zu suchen. Er hofft, daß Phexane ihn in Ruhe läßt.. keine weiteren Fragen mehr stellt.. er will nicht mehr an Thorwal und an den Dunklen denken.



Phexane schaut etwas überrascht, als sie Amegs Erzählung über Thorwal lauscht. Nun fügt sich alles endlich zu einem Bild zusammen und sie bekommt endlich die Antworten darauf, warum Ameg nun mit Torin an Bord ist, warum Torin Rotmarder so sehr nach einem Brand stinkt und warum er so verändert ist.

Zwar tauchen nun neue Fragen, wie z. B. wer Harad ist und warum dieser 'Dunkle' Ameg töten wollte auf, aber sie erkennt auch, wie schwer es Ameg fällt darüber zu reden.

Wieder beugt sich Phexane etwas hinab und blickt ihm in die Augen.

"Mach' dir keine Sorgen, Ameg. Hier an Bord bist du sicher. Herr Rotmarder paßt auf dich auf und ich würde dir auch jederzeit helfen, wenn du Hilfe brauchst."

Phexane lächelt aufmunternd.

'Ich weiß, wie es ist, wenn man dem Tod ins Auge blickt. Es dauert, bis man das Erlebte verarbeitet hat. Das Beste ist wohl, wenn ich mich ein bißchen um ihn kümmere und ihn etwas ablenke, damit er nicht mehr an Thorwal denkt.'



'das mit der Hilfe werde ich nicht so schnell vergessen, Phexane.. ..aber, daß ich hier sicher bin glaube ich erst, wenn ich viel weiter von Thorwal weg bin.... ah... da ist ja mein Dolch'

Ein Stückchen zur Bordwand hin entdeckt Ameg seinen Dolch und stürmt sogleich auf ihn zu. Er bückt sich nach ihm und verstaut ihn dann sorgsam wieder an der geheimen - nun nicht mehr ganz so geheimen - kleinen Tasche in seinem linken Stiefel. Obwohl er weiß, daß er nicht besonders gut mit dieser Waffe umgehen kann, gibt sie ihm doch ein klein wenig Sicherheit. Sie ist so etwas wie ein Funke Hoffnung vielleicht doch zu überleben, falls etwas geschehen sollte.

Was das 'etwas' ist was geschehen könnte möchte Ameg sich lieber nicht ausmalen. Er beginnt gerade erst sich wieder sich besser zu fühlen.

Ameg steht auf und wendet sich Phexane zu. Er sieht, daß sie ihn anlächelt. Vorsichtig läßt er sich auch zu einem Lächeln hinreissen, auch wenn man merkt, daß es im Moment nicht ganz aus vollem Herzen kommen mag.

"wie gut kenns' du Torin eigen'lich?", fällt Ameg plötzlich ein und fragt es auch sogleich...



Phexane grinst verschmitzt, als sie das Dolchversteck in Amegs Stiefel sieht.

'Er könnte glatt mein ... ach, so ein Unsinn!'

Dann fragt Ameg sie, wie gut sie Torin kennt. Sie steht wieder auf und kratzt sich kurz an der Stirn.

"Öhmmm," sagt sie erst mal, um sich so eine kurze Zeit des Überlegens zu verschaffen, "Tja, wohl nicht besser als du! Ich kenne nur seinen Namen und das was du mir erzählt hast."

'Dabei würde ich so gerne mehr von ihm erfahren!'

Sie blickt zur gegenüberliegenden Wand und scheint dort einen Punkt zu fixieren.

"Ist ja kein Wunder! So wie wir uns kennengelernt haben! Da kann man sich nicht so einfach näher kommen."

Phexane zuckt kurz zusammen und ihre Wangen erröten leicht.

'Huch! Das hätte ich wohl nicht sagen sollen!'



NORDSTERN - Oberdeck: Der Disput


"Ja, das ist wohl wahr. Sicherlich. Ein guter Vater sollte aus seiner größeren Weitsicht heraus den Sohn immer zur Vorsicht mahnen. Ja."

Di Vespasio stammelt diese Worte fast. Entgegen seinen üblichen Erfahrungen mit Gesprächspartnern, konnte er den Ausführungen seines Gegenübers diesmal nicht ganz folgen. Nicht etwa, weil sie wie sonst vor Sinnlosigkeit strotzten, sondern, im Gegenteil, weil ihm einige Bilder und Worte unbekannt sind.

'Bei den Gefangenen der Niederhöllen, was bedeutet ´Skaldierung´? Eine Ableitung von Skala? Oder von scalpo, kratzen? Wie kann er es wagen ein Wort zu verwenden, das du nicht kennst. Wie kann man Masse und Leere unterschiedlich gewichten?'

Eben noch festen Boden unter den Füßen, ein Loblied auf die Gelehrsamkeit auf den Lippen, jetzt schon gestolpert und auf ebendem Boden niedergestreckt. Eben noch ansetzend zu einem langen Vortrag, jetzt unfähig auch nur einen sinnvollen, passenden Satz vorzubringen. Eben noch eine Grube für Bildung vortäuschende Deppen grabend, jetzt bereits scheinbar unrettbar in diegleiche gefallen.

Dies ist dem Gelehrten seit Jahren nicht mehr passiert und muß erstmal verdaut werden. Eigentlich ist er sich nun fast sicher, einem echten Gelehrten gegenüber zu stehen. Fast, wenn dessen ´Schluckverhalten´ nicht ganz so merkwürdig wäre. Ja geradezu lächerlich, wenn man die durch das Aufstoßen hoch- und herunter hüpfende nicht unbedeutende Gesamtmasse Radisars betrachtet, hinzu kommt noch die fast kahle, jetzt rot verfleckte Kopfhaut. Ebenfalls unpassend verhält sich der in typischer Dozentenmanier erhobene Zeigefinger der einen Hand zu der ebenso hoch gehalten Schnapsflasche in der anderen Hand.

Der Zufall rettet den stockenden di Vespasio. Die Entladung des Geschützes, der damit verbundene Lärm und Effekt erlaubt eine kurze Ablenkung. Natürlich ist ein solcher Vorgang zu banal, um von weltgewandten Herren kommentiert zu werden. Er ist jedoch Anlaß genug sich abzuwenden, kurz Luft zu schnappen und Kraft für einen Neubeginn in der nächsten Runde zu finden.

"Nun, um wieder zu eu ... ähm der ursprünglichen Frage zurückzukehren, ist nicht gerade die Beschreibung der Angst aus den Aspekten des Kernes, der Kontur und der Konsequenz analog zu ihrer Definition aus ihren organischen Ursprüngen, ihrem Verhältnis zum Mut und ihren teleologischen Bedingungen aus Sicht der Götter? Ein derartige Analogie der Klassifizierungsschemata ist durchaus nicht unüblich."

'Genau gesagt, ist eine längliche Abhandlung über diese Analogie von Hullgartson publiziert worden, eine Tatsache die sicherlich jedem Gelehrten bekannt sein sollte. Hm, mein Lieber, sehen wir mal, was er daraus macht.'



Nun hat sich Radisar zwar fürchterlich erschrocken, als es vom Bug so abscheulich laut und völlig ohne vorhergehende Warnung knallte und sein Herz hätte beinahe den Hosenboden durchstoßen. Doch hatte der Vorfall auch durchaus erfreuliche Seiten: Der unangenehme Schluckauf, der den kleinen Diener bis ins Mark quälte, ist wie weggeblasen.

Das schaffen in dieser Gründlichkeit sonst nur die erschütternden Schreie der Freifrau Reckinde, deren Lautstärke sich durchaus mit dem Radau einer abgefeuerten Rotze messen könnte.

Doch zu sehr ist der kleine Diener im Bann des Vortrags des Comte, als das sich Radisar von diesem Vorfall mehr als nötig hätte ablenken lassen. Als Herr di Vespasio ankündigt, in feierlichem Ton, wie der Herr Kummerer glauben möchte, daß der Vortrag wieder zum Kernpunkt, zur ursprünglichen Ausgangsfrage zurückkehren soll, ist der kleine Diener davon außerordentlich begeistert, obwohl er nicht mehr die leiseste Ahnung hat, was das überhaupt für eine Frage gewesen sein sollte.

Sicherheitshalber nickt Radisar wieder einmal wild und übertrieben, den Worten des gelehrten Herren ergeben beipflichtend und sein mächtiges Doppelkinn gerät dabei in Wallung wie der Kehlsack eines fressenden Pelikans. Das heißt natürlich nicht, daß er Herrn di Vespasio's Worte auch wirklich versteht, im Gegenteil! Radisar begreift erst, daß die Rede des Comte beendet ist, als dieser schon seit einer geraumen Weile schweigt und den kleinen Diener lauernd und fast mit stechendem Blick ansieht, auf eine Reaktion wartend.

Für den Augenblick fehlen dem kleinen Diener jedoch die Worte und um diese peinliche Pause zu überbrücken, hüstelt er ein wenig vor sich hin, als sei die Luft so trocken wie unmittelbar neben Ingerimms Esse, dann zieht er einen ausgiebigen Schluck seines 'Stärkungsmittels' ein, obwohl ihm der Branntwein schon wie flüssiges Blei die Gurgel hinunter rinnt.

Für einen kurzen Moment überkommt Radisar der Gedanke, der hohe Herr könnte, abweichend von seinen Absichten, gar nicht zum Kernpunkt zurückgekehrt sein. Vielmehr klingt es so, als habe Herr di Vespasio all die offenen Fragen aus dem Disput heraus wie Perlen auf eine Kette aufgereiht, ohne sich irgendeinem, noch so abwegig erscheinenden Versuch einer Erklärung zu nähern.

Doch Radisar verwirft diesen Gedanken wieder - ein 'Blender' würde so handeln, aber nicht doch der Herr Comte. Zögernd beginnt er:

"Ihr habt das Thema wieder einmal sehr gut eingekreist und nicht ein Detail ist euch dabei entgangen!"

Radisar applaudiert, getrieben von echter und ehrlicher Begeisterung.

"Doch halte ich eine derartige Analogie nicht nur für nicht unüblich, sondern ich halte sie für unabdingbar. Nur so sollte es gelingen, alle Facetten in einen Konus zu bringen, die Kongruenz aller Teilaspekte deutlich zu machen. Das sollte allgemein bekannt sein, das wäre eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch, wenn ihr es mir gestatten wolltet, dann erkläre ich euch nun, daß ich es noch nie mit einer derartigen Eloquenz, in so beeindruckender Tiefe habe vorgetragen gehört, so wie aus euerem berufenen Munde."

Und wieder klatscht Radisar in die Hände, bis man schon Angst haben muß, daß es ihm das Blut unter den Fingernägeln heraus drückt.

"Ich bin schon neugierig auf eure spezielle Methode, den Gedanken ins Ziel zu bringen, das Ergebnis muß einfach genial sein ...!"

Radisar atmet tief durch die Nase ein, als läge plötzlich ein Hauch von Orchideen in der Luft und sieht er Frizzi di Vespasio mit großen, feucht schimmernden Augen erwartungsvoll an und er sieht dabei aus wie ein kleines Kind, dem die Muhme versprochen hat, eventuell noch eine Geschichte vorzulesen, aber nur dann, wenn das Kind sehr brav wäre.



NORDSTERN - Oberdeck: ALRIK langweilt sich


Da reden sie und reden sie und reden immer noch.

Sichtlich gelangweilt lehnt der Schiffsjunge an der Reling. Dem Gespräch zwischen dem wichtigtuerischen Schnösel und dem dicken Diener kann er längst schon nicht mehr folgen, und eigentlich, wenn man es genau nimmt, dann will er das auch gar nicht mehr. Angst hin, Mut her. Kurz schweifen ALRIKs Gedanken dahingehend ab, daß er überlegt, was seine Schwester in diesem Falle als passende Antwort parat gehabt hätte. Doch bei einem derartigen Thema hätte sie sich vermutlich unlängst beiseite gedreht. Und so fällt auch ALRIK nichts Gescheites dazu ein.

'Angst bleibt Angst und Schnaps bleibt Schnaps, so ist es wohl. Und wird beides vermischt so, ergibt das... Hühnerkacke! Ganz genau!'

Grinsend lehnt der Schiffsjunge weiterhin an der Reling.



NORDSTERN - Oberdeck: Auftrag an ALRIK und ein weiterer Vortrag


Es soll ja Menschen geben, die, obwohl auf beiden Augen blind, sich wagemutig in die Welt begeben. Bei ihnen stellt sich die Frage, wie sie bisher allen Gefahren haben ausweichen können. Bei dem allseits beliebten Adeligen stellt sich eine ähnliche Frage, jedoch mehr auf die Ohren bezogen.

Als Radisar zu applaudieren beginnt, antwortet di Vespasio zunächst mit einer wegwerfenden Geste. Jedoch nicht zu wegwerfend, schließlich hat der kleine Diener ja letztendlich recht.

Als der jedoch fortfährt in seiner Lobesrede und sogar erneut enthusiastisch klatscht, wird es dem adeligen Händler fast zuviel, schließlich war ihm gar nicht bewußt, daß er eine so brillante These vorgetragen hatte:

"Nun, danke, danke. ... zu freundlich ... Oh ... nun, ähm, genial würde ich nicht direkt ..."

Der Südländer hat über Radisars Lobrede völlig vergessen, daß er diesen ja eigentlich prüfen wollte, eine Falle stellen, herausfinden, ob er ein Standesgleicher oder vom Pöbel wäre. Obwohl, andererseits, vielleicht ist ja gerade hierin ein positiver Beweis zu finden.

'Wirklich, Frizzi, ein gescheiter Mensch. Selten hat jemand eine so treffende Analyse vorgetragen. Wie hast du dich nur so in ihm irren können? Hoffentlich ist er nicht allzu nachtragend und vergißt die Unfreundlichkeiten, die du vorhin gesagt hast.'

"Nun, ja, der Argumentationsweg ist im Grunde offensichtlich. Es hat lediglich eine gewisse Schwierigkeit ihn zum ersten Mal zu gehen. In der Rückschau erscheint es ja insbesondere dem Ungebildeten oft so, als würden alle Fakten offen daliegen und als wäre die Verknüpfung derselben eine Trivialität."

Der Gelehrte ist sich deutlich bewußt, daß Herr Kummerer nun auf eine mindestens ebenso gelehrte Fortsetzung des Gespräches hofft, zumindest sagt das sein aufmerksamer, neugieriger Blick.

'Wie war das noch mal, mein Freund? Brissi schrieb von einem schwarzen Magen, oder so ... und dann ... etwas von den vier Blutarten und ihren Auswirkungen ... Hmm. Du hättest wirklich den ´Medicus´ noch einmal zu Hand nehmen sollen, statt dich so viel mit Bilanzen zu beschäftigen, Frizzi.'

Eine Ablenkung, um die Gedanken zu sortieren, wäre jetzt dringend notwendig. Diesmal ist es nicht das Geschütz, das di Vespasio rettet, sondern ein gelangweilter Schiffsjunge. Der lehnt lässig an der Rehling und grinst gelangweilt, während auf dem ganzen Schiff die Matrosen hektisch dabei sind, mit den Segeln irgendwelche Sachen anzustellen, die di Vespasio nicht versteht. Aber von dem Jungen wollte er doch noch etwas ...

"Einen Moment." erbittet er deshalb in Richtung des Adlatus, um dann an Alrik gewendet fortzufahren "He, du, Junge, in meinem liegt auf dem Regal neben dem Bett ein etwa zwei Spann langes, zylindrisches, braunes Lederetui. Hol mir dieses!"

Zugleich holt er aus der Rocktasche der Zimmerschlüssel hervor und hält ihn Alrik hin.



'War das Grinsen von eben etwa zu offensichtlich? Oder war es das Gähnen von vorhin?'

Eben noch meinte sich der Schiffsjunge fast vergessen und in der günstigen Position, wie ein Außenstehender das Gespräch zwischen den beiden theatralisch begabten Herren belauschen zu können. Doch dann wendet sich einer der beiden Schauspieler unvermittelt an das geneigte Publikum, das kurzum nicht nur direkt angesprochen, sondern spontan zum Mitspielen verdonnert wird. Vielleicht hätte ein artiges Publikum in den Applaus, den der zweite Hauptdarsteller angestimmt hat, mit einstimmen sollen.

'Ja, vielleicht war das der Fehler, aber irgendwie hab ich die Pointe des ganzen nicht verstanden oder vielleicht sogar verpaßt... zu dumm.'

ALRIK stößt sich mit den Händen von der Reling ab und marschiert brav und aufmerksam den Worten des Adeligen lauschend, auf diesen zu und nimmt wie ihm geheißen, den Schlüssel entgegen.

"Aye, aye", bestätigt der Junge nickend und macht sich dann mit dem Schlüssel auf den Weg.



"Also, wo war ich stehengeblieben?"

Ohne Alrik weiter zur Kenntnis zu nehmen, wendet sich der gelehrte Adelige wieder Herrn Kummerer zu. Jedoch ist immer noch ein Bedarf vorhanden, sich Orientierung zu verschaffen, daher greift er zunächst mal mit Mittel- und Zeigefinger der freien Hand an die Stirn und reibt, als gelte es einen besonders tiefen Gedanken freizulegen. Daher beginnt er zunächst mit einigen Belanglosigkeiten.

"Ach ja, die Schwarzmann'schen Experimente. Er war ein insgesamt etwas düster wirkender Medicus, wenn man den Beschreibungen seiner Zeitgenossen glauben darf. Er stand durch Bruder und Mutter dem Boron Kult recht nahe und hatte sich immer für die Ursache des Todes interessiert."

So langsam kann sich di Vespasio auf eine Argumentation einigen und läßt daher das Reiben sein.

"Desweiteren war er Repräsentatist, glaubte also, was ja nicht ganz unvernünftig ist, an die körperliche, geradezu organische Repräsentation jedweden Zustandes. Er war übrigens derjenige, der als erster nachweisen konnte, daß die Gehirne von Wahnsinnigen krankhafte Veränderungen enthalten. Und das, so bitte ich euch zu bemerken, immerhin schon vor siebenhundert Jahren!"

Die freie Hand hängt nun ein wenig arbeitslos in der Gegend, daher beschließt sie, sich einen Platz am Revers des Rockes zu suchen. Dort hakt sie sich neben dem Halstuch ein und harrt der Dinge, die der gelehrte Mund noch von sich gibt, bis sie wieder gebraucht wird.

"Nun, wie auch immer, es ist sicherlich nicht schwierig darauf zu kommen, daß er, bei seiner Familiengeschichte, auch an den organischen Ursachen für den Tod im allgemeinen und natürlich auch im besonderen interessiert war. Bei ihm, beziehungsweise bei Brissi, da Schwarzmanns Aufzeichnungen wohl als verloren gelten müssen, findet sich der Hinweis, daß er bei einigen corpores, ich glaube etwa bei zweien, sich eine Schwärzung des Mageninhaltes gefunden hat. Und diese waren alle bei größter Angst verstorben!"

Wer so den Herren di Vespasio beobachtet und seinem Vortrag lauscht, könnte sich ganz in ein Seminar bei einer Privatakademie oder einer ähnlichen Einrichtung versetzt sehen.

"Er führt dann im folgenden noch weitere Organverfärbungen auf, je nach der besonderen Gefühlslage der corpores. Ich habe nicht alle behalten können, jedoch erinnere ich mich, daß er bei einem jungen, weiblichen casus, der aus Liebeskummer den Freitod wählte, ein sehr blasses, weißes Herz vorgefunden hat."

Hier muß di Vespasio feststellen, daß er recht schnell in medias res gegangen ist, möglicherweise zu schnell, zumindest bei einer Sache, die nicht unbedingt die Zustimmung aller Menschen findet. Die Sektion von Leichen sollte zwar unter Medizinern und anderen Gelehrten keinen Aufschrei hervorrufen, aber es gibt doch hier und da den einen oder anderen, der einer eher traditionellen Schule angehört und nicht allen Bereichen des Wissen offen gegenübersteht.

Und eine, wenn auch haltlose, Beschuldigung als Nekromant oder Leichenschänder könnte zu diesen Zeiten ... nun, schwerere Folgen haben als sonst. Zumindest ist der Junge außer Hörweite.

Di Vespasio bricht daher ab und wartet auf die Reaktion des gebildeten Herren ihm gegenüber.



"Hm, ..... Hm ..... hm ..... "

Mit dererlei beipflichtenden Lauten begleitet Radisar den Vortrag des Comte. Der kleine Diener wirkt sehr konzentriert, obwohl er innerlich schon sehr bemüht ist, die Bilder, die in seinem Geist entstehen, nicht allzu deutlich werden zu lassen. Denn ab und zu blickt er besorgt an seinem Wanst hinunter, von der Ahnung geplagt, sein Magen könnte sich schon schwarz verfärbt haben, während sich sein Herz schon derart ins Helle verändert haben könnte, daß es, einer Blendlampe gleich, schon durch seine Kleider strahlend von außen auzumachen wäre, so, als gäbe es in seinem Leben, von nun an, nur noch die Alternative zwischen Schwarz und Weiß.

Radisar ist gar nicht wohl bei den Gedanken um die 'organische Repräsentation' irgendwelcher gefühlsbetonter Zustände und er ist den Zwölfen fast schon auf Knien dankbar, daß sich seine Wege niemals mit denen eines Menschen, wie des Magisters Schwarzmann, bisher gekreuzt haben. Radisar empfindet eine sehr abweisende Scheu gegenüber Gelehrten, die es sich als Lebensaufgabe erkoren habe, und man beachte dabei das Wort 'Leben', sich um den Tod, jenem finalen, ewigen Zustand, der dem derischen Diesseits so feindlich gesonnen gegenübersteht, eingehende, forschende Gedanken zu machen.

Auch der Gedanke an die Veränderungen seiner Organe, durch das Wechselbad seiner Gemütszustände verursacht, bereitet ihm ernstes Unbehagen. Nicht etwa die Mutation selbst berührt ihn dabei so furchteinflößend, sondern die Tatsache, daß jeder Anatom in seinen Innereien lesen könnte, wie ein Steuereintreiber in einem Schuldbuch, vermittelt Radisar ein Gefühl, ähnlich der Angst aus seiner Jugend, er könnte nach einem plötzlichen Ableben in aller Öffentlichkeit nackt aufgebahrt werden. Wenn die Götter gewollt hätten, daß die Organe sichtbar blieben, dann hätte sie die Menschen wohl mit durchsichtiger Haut ausgestattet.

Als Herr di Vespasio seinen Vortrag unterbricht, um Radisar's Reaktionen abzuwarten, ist der kleine, dicke Diener so spontan gar nicht in der Lage zu sprechen. Er muß sich schon zwei- dreimal räuspern und selbst danach klingt seine Stimme noch sehr belegt.

"Das ist hochinteressant!" krächzt Radisar "Diese Wechselwirkungen waren mir, in der Tat, neu. Bisher habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, zumindest nicht in dieser Tiefe, wie die körperliche Konsequenz mächtiger Gefühlseinwirkung aussehen könnte. Doch neben der Konsequenz, also der Folge aus den besagten Empfindungen, interessiert mich natürlich auch, ob es legitim wäre, auch organische Ursachen aus dieser Wechselwirkung abzuleiten, wobei ein niederhöllischer Kreis nicht auszuschließen wäre. Wenn eine übergroße Furcht einen 'schwarzen Magen' bedingt, dann ist, so muß ich freimütig gestehen, ein 'schwarzer Magen' durchaus ein Ding, daß mir Furcht einflößen könnte."

Und wieder hat Radisar das Gefühl, daß die Worte ohne seine Willkür aus ihm heraus geflossen sind und er staunt über sich selbst, wie korrekt es ihm gelungen war, seiner Meinung nach, soweit er sich selbst richtig verstanden hatte. Er gelobt sich, beim nächsten Mal, wenn er etwas zu sagen hat, seinem Reden besser und aufmerksamer zuzuhören, damit er auch anschließend weiß, was er gesagt hat.



"Ja, nun."

Di Vespasio muß sich zunächst ein wenig fangen, um über die Bemerkungen Herrn Kummerers nachzudenken.

'Frizzi, er wird doch wohl kaum sich die Blöße geben und auf eigene Selbstbeobachtungen verweisen wollen? So was tut doch ein Mann von Welt nicht? Paß auf, mein Freund, das ist ein ganz Geschickter. Er stellt sich dumm und führt dich aufs Glatteis und hops. Eben wäre es ihm auch fast gelungen, also Vorsicht.'

"Tatsächlich, ein niederhöllischer Kreis ist hier tatsächlich nicht ganz auszuschließen. Der Gedanke findet bei Brissi tatsächlich nur kurz in einem anderen Zusammenhang Erwähnung, aber sicherlich kann er auch auf diesen Fall übertragen werden."

Die Hand di Vespasios verläßt den Rockaufschlag wieder und führt nun kreisende Bewegungen aus. Es bleibt dem Betrachter überlassen, ob sie nun die etwaige Form des niederhöllischen Kreises anzudeuten versucht oder eher im Trüben nach neuen Ideen fischt.

"Schwarzmann hat diese Ergebnisse so gedeutet, daß die Angst sich in einer Verkrampfung des Magens äußert. Nun reagiert der Körper darauf, indem er versucht diese Verkrampfung durch Erwärmen zu lösen. Hier kommt die Wärmehaushaltsthese von Brissi ins Spiel."

'Was kann er denn meinen? Schwarzer Magen? Angst vor schwarzem Mangen? Oder meint er gar das Gegenteil? Schwarzer Kopf! Das ist es! Er will herausfinden, ob wir uns mit schwarzen Künsten abgeben. Ha! Na der Falle bist du entronnen.'

Die Hand stoppt und der erkenntnisschwanger nach oben ausgestreckte Zeigefinger deutet auf einen Ausweg aus dem sonst ins Ewige verlängerten Kreislauf.

"Es gelingt nämlich den unterschiedlichen Bluttypen mit unterschiedlichem Erfolg diesen Wärmetransfer zu erledigen. Wie ihr sicher wißt, unterscheidet Brissi und die ihm folgende Schule die Bluttypen nach der Dicke - also ob das Blut geschwind wie Quecksilber oder träge wie Brei durch die Adern fließt - und nach der Temperatur, heiß oder moderat."

'Wirklich dieser Kummerer ist ein Meister der Worte. Er achtet auf die genaue Ausformung jedes einzelnen und fügt sie wie ein Maler in die Gesamtkomposition ein. Wie kannst du nun einknüpfen, daß wir keine Anhänger der schwarzen Künste sind, ohne zuzugeben, seinen Trick durchschaut zu haben? ... Ah, du bist genial, mein Freund.'

"Ein Mensch, der über heißes, dünnes Blut verfügt, kann natürlich schnell die Wärme transportieren und verspürt wohlmöglich niemals Angst. Demgegenüber wird jemand, der kaltes, dickes Blut sein eigen nennt, kaum etwas gegen seine Angst tun können, im Extremfall wird ihm sogar das Blut in den Adern gefrieren. Es ist einfach eine Frage der Geburt, wie etwa die Neugier oder die Goldgier."

"Die Thesen des Brissi sind so überzeugend vorgetragen und mit Beispielen belegt, daß jeder gelehrte, helle Kopf nicht umhin kommt sie anzuerkennen."

Sicherheitshalber betont Di Vespasio die Worte ´heller Kopf´ deutlich und macht eine Pause, damit die Botschaft auch wirklich ankommt.



Nie im Leben hätte Radisar die Thesen des Brissi angezweifelt, dessen Thesen nicht, aber auch nicht irgendwelche anderen Thesen irgendwelcher anderer Gelehrten. Warum sollte er auch? 'These'! Schon allein der Begriff flößt dem kleinen Diener Respekt ein, hat für ihn den Anflug von Ewigkeit und sein gezwirbelter Schnurrbart erzittert vor Aufregung, wann immer er dieses Wort vernimmt. Es ist gerade diese Ehrfurcht vor den Sprüchen und Schriften der hohen, gelehrten Herren, die Radisar immer wieder daran hindert, sich erfolgreich mit deren Aussagen auseinander zu setzten und nicht nur am äußeren Schein hängen zu bleiben. Nur über den Transfer auf einfache, lebensnahe und begreifbare Bilder werden Zusammenhänge für ihn faßbar und damit hinterfragbar. Doch der kleine, dicke Diener ist weit davon entfernt irgend etwas zu hinterfragen, viel zu sehr ergötzt er sich oberflächlich an dem, was er da aus dem Munde des gelehrten Comte vernehmen kann.

Bisher was Radisar immer der Meinung gewesen, Blut sei rot und damit hat sich's. Sollte Blut anderes farbig sein, so hat man im beigebracht, sei das betreffende Wesen ein Fall für die Klinge eines Kriegers oder gar eines Scharfrichters, der dafür zu sorgen hätte, daß man in dieser Sache nicht weiter nachzudenken bräuchte. Nun geht es aber bei dem, was Herr di Vespasio erklärt hatte, gar nicht um Farbe, sondern um Qualitäten ganz andere Art. Wer hätte schon gedacht, daß Temperatur und Konsistenz des Blutes eine derart wichtige Rolle spielen können? Der erste Gedanke, der Radisar ins Bewußtsein schießt, ist wohl der, daß Frau Reckinde ganz bestimmt kochend heißes Blut haben müsse, bei einer Flüssigkeit, die man getrost schon als 'überflüssig' bezeichnen dürfe. Radisar erinnert sich an diverse Wutausbrüche seiner Herrin und stellt sich dabei die Frage, ob Wut und Zorn etwa der aggressive Ausdruck von Angst und Furcht sein könne, die man ja mehr zur Defensive hin einordnet.

Es erscheint Radisar auf jeden Fall sicherer, dem 'Wärmetransfer' in seinem Magen, durch einen kräftigen Schluck aus der Flasche seines 'Stärkunsmittels' ordentlich Vorschub zu leisten. Das tut gut, - wirklich - , Wärme ist nur jedem zu empfehlen und Radisar spürt ganz deutlich, wie sein Magen langsam wieder 'heller' wird und die Bedrückungen, die ein 'schwarzer Magen' zu verursachen in der Lage scheinen, langsam von ihm weichen.

"Also wahrhaftig, Herr di Vespasio, natürlich ist den Thesen (Da war es wieder, diese herrliche Wort!) des Herrn Brissi ausnahmslos zuzustimmen. Ein Narr wäre derjenige, der seine Grundlagen woanders suchen würde!" erklärt Radisar würdevoll und mit dem Brustton der Überzeugung. Er zieht dabei eine beleidigte Schnute, als wäre er verärgert darüber, daß man ihn mit Selbstverständlichkeiten langweile, so will es zumindest erscheinen. In Wirklichkeit hat der kleine Diener festgestellt, daß es ihm nur noch mit gesteigerter Konzentration möglich ist, nur einen, statt der zwei hohen Herren anzuvisieren, nachdem sich der Herr Comte, wie durch Geisterhand verursacht, vor seinen Augen plötzlich verdoppelt hatte.

"Das war aber wahrhaftig ein schweres Stück Forschungsarbeit gewesen, dafür ist er nicht nur zu respektieren, sondern auch zu bewundern. Doch sagt, Herr di Vespasio, hatte da Herr Brissi nicht sehr viel Schwierigkeiten dabei? Es ist ja schließlich sehr heikel!"

Auch wenn die Frage mehrdeutig zu verstehen ist, Radisar kümmert es nicht, ob ein Anatom der Vergangenheit in Konflikt mit bestehender Moral, angewandten Dogmen oder anderen Intoleranzen gestanden haben mag. Er sieht das sehr viel persönlicher. Radisar schüttelt sich einfach vor Grausen bei dem Gedanken, er müsse mit blanker Hand in den Innereien eines toten Menschen herum fingern.



"Heikel?"

'Was soll das denn nun schon wieder, Frizzi? Eben noch nennt er jeden einen Narren, der Brissi mißachtet und lobt ihn in der höchsten Tönen und dann nennt er seine Arbeit heikel? Verstehe das wer will.'

Der Adlige ist zunehmend irritiert und kann auch das Verhalten Radisars nicht recht einordnen, der das Gesicht zu merkwürdigen Grimassen verzieht und dazu auch noch schielt.

"Nun, nicht wirklich heikel, denke ich. Nach allem was wir von Agrippus über Brissi wissen, war dieser reiner Theoretiker und so über jeden Verdacht erhaben, sich selbst in die Niederungen praktischer Arbeit begeben zu haben. Demnach hätte er auch nie wegen illegaler ... ähm ... Aktionen verfolgt werden können."

'Oder hat er etwa den Brissi im Original gelesen? Möglicherweise sogar eine der Originalausgaben mit den persönlichen Bemerkungen? Das wäre mal ein Fund!'

"Andererseits sind alle persönlichen Aufzeichnungen Brissis verlorengegangen. Sollten diese wieder gefunden werden ... nun ein Medikus würde sicherlich eine hohe Summe dafür bezahlen."



'... persönliche Aufzeichnungen? .... Hohe Summen? ..... Bezahlen? ..... !'

Diese Sprache kennt Radisar, sie ist ihm wie Musik in den Ohren, denn der Handel ist sein Leben. Es ist ihm ja nicht neu, daß mit Niederschriften, natürlich nur dann, wenn es die richtigen sind, meistens sehr alt, selten und ungeheuer gefragt, ein hübscher Erlös zu erzielen ist.

Radisar hatte einmal mehrere Wochen in den Labyrinthen einer riesigen Bibliothek verbracht, als er im Auftrag seiner Herrin nach einem bestimmten Folianten suchte, verfaßt von einem fremdländischen Autoren mit unaussprechbarem Namen, ein extrem seltenes Exemplar. Der Diener hatte geraume Zeit keine Tageslicht mehr gesehen bis er endlich fündig geworden war. Nach einem zähen Ringen mit dem Hesinde-Geweihten, dem die Bibliothek unterstanden war, hatte Frau Reckinde das Buch käuflich erworben und dabei einen Preis akzeptieren müssen, um dessen Gegenwert auch eine Burg anzuschaffen gewesen wäre.

In der Erinnerung geht er alle Namen der Autoren, die er dort archiviert gefunden hatte, noch einmal durch, ob er nicht dabei den Namen Brissi entdecken könnte, doch trotz aller Anstrengungen seines, vom Branntwein schon leicht eingetrübten Verstandes, er hatte keinen Erfolg damit.

Radisar verliert sich ein wenig in seinen Gedanken, zweifellos auch eine kleine Nebenwirkung seines, im reichlichem Maße eingenommenen 'Stärkungsmittel'. Doch gelingt es ihm doch noch, sich zu konzentrieren und er spricht in gerade Worten, auch wenn die Zunge langsam ein bißchen schwer wird.

"Ich kann mit vorstellen, daß das Werk Brissis sehr gefragt sein muß, besonders dann, wenn seine Forschungsergebnisse, aus erster Hand gelesen, sehr viel mehrsagender sein müssen, als wenn sie durch die Gedanken der verschiedenen Überlieferer hierzu, ergänzend hin und her interpretiert worden sind, was nun leicht die Gefahr birgt, daß originäre Intentionen schnell verloren gehen können. "

Etwas ungläubig schüttelt Radidar seine Flasche, als ließe sich damit mehr Schnaps herausbringen. Doch auch durch das allergröbste Rütteln lassen sich nun nicht mehr als ein paar Tropfen aus dem Flaschenhals zwingen, alles andere hat inzwischen schon die Gurgel Radisar's passiert und sich zwischen dem Magen und dem Hirn des kleinen Dieners eingenistet.

Als ihn der Alkohol dann ein wenig mehr zu Kopfe steigt, findet Radisar den Beweis, daß jene 'Stärkung' genau die Wirkung erzeugt, die er sich von ihr erwartet hatte. Er kann sich fast schon nicht mehr daran erinnern, warum er so viel Angst gehabt hatte, ja, daß er überhaupt so viel Angst gehabt hatte. Alle persönliche Betroffenheit fällt von ihm ab und er kann mit dem Comte das Thema 'Angst' erörtern, als sei ihm nichts ferner als die Furcht, vor was auch immer!

Dafür hat sich bei Radisar eine gewisse Wehmut eingestellt, er fühlt sich ein kleine wenig traurig und seltsamer Weise tut ihm das sogar gut und er hätte es gar nicht anders haben wollen. Nun wäre es wahrscheinlich auch ohne Erfolg geblieben, hätte er darüber sinniert, was ihn da so plötzlich hat melancholisch werden lassen, er hätte es ganz sicher nicht gewußt warum dies so ist, nur eben, daß dies so ist.

"Armer Herr Brissi! So genial, so Grundlage schaffend, so bedeutend und dennoch unbekannt, verkannt und immer am Rande der Vergessenheit! Das hat er nicht verdient"



'Nun, er hat offenbar den Brissi auch nicht im Original gelesen, vermutlich nicht einmal die Berichte des Aegrippus. Die Medizin ist nicht sein Fachgebiet, sonst hätte er ja auch nicht die Frage nach der Natur der Angst gestellt. Frizzi, zum Glück hatten wir ja die Möglichkeit, einige Standardwerke einzusehen.'

"Nein, wirklich nicht. Aber glücklicherweise genießt Brissi in den Kreisen der Medici noch hohes Ansehen, auch wenn sein Bekanntheitsgrad in der allgemeinen Bevölkerung weit unter dem eines Sapurio oder ... oder so liegt. Aber vermutlich graust es dem gemeinen Mann, wenn er sich vorstellt, wie ihm etwa ein Herz in der Brust schlägt und die Wärme im Körper verteilt."

Di Vespasio streicht sich leicht über die Hutkrempe. Hierbei fällt ihm auf, daß er auf dem Schiff diesbezüglich noch keine Probleme mit dem Wind hatte.

'Erstaunlich. Wir bewegen uns doch recht schnell, oder? Selbst auf einer Kutsche hat man doch mehr Fahrtwind. Und am Meer ist der Wind doch immer stärker. Hm. Offenbar ist Efferd den Seglern besonders gnädig und lenkt allen Schwung seines Atems in die Segel und verschont die Besatzung vor den stärksten Böen.'

"Eigentlich ist auch sein Werk recht gut überliefert, so daß kaum Unklarheiten über seine Intentionen bestehen sollten. Hingegen hat Aegrippus in einem seiner Tagebücher kryptisch darauf hingewiesen, daß insbesondere die persönlichen Bemerkungen des Brissi noch weiterreichende Schlüsse zuließen, er jetzt aber keine Zeit habe, diese kurz zusammenzufassen."

Dieser kleine Nebendiskurs gibt dem Gelehrten die Möglichkeit mal wieder ein wenig durchzuatmen und sich von der anstrengenden Tätigkeit des Vortragens zu erholen. Es sind zwar noch einige wichtige Punkte aufzuarbeiten, die dem Adeligen sehr am Herzen liegen. Insbesondere bei dem Einfluß der Götter auf das Wechselspiel zwischen Angst und Mut schien Herr Kummerer einen deutlich anderen Standpunkt zu vertreten, was einen sehr umfangreichen Disput von einigem Tiefgang verspricht.

'Du solltest dich fragen, wieviel Zeit dir noch mit Herrn Kummerer bleibt. Die letzten Wochen waren etwas einsam für einen gebildeten Herren, da wäre es doch schade, wenn er das Schiff schon im nächsten Hafen verließe. Du weißt noch nicht einmal, was sein besonderes Fachgebiet ist und welchem Forschungsauftrag er im Namen der Dame zu Beibach und Bruch nachgeht.'

Hier nun wendet er sich ganz seinem Gesprächspartner zu und mustert diesen genau, wie man einen Menschen mustern mag, der einem persönlich wichtig ist. Und das ist für den Südländer ein ganz seltenes Ereignis, hervorgerufen möglicherweise durch die Abstinenz in gelehrter Kommunikation, erleichtert durch das freundliche, intensive Interesse Radisars oder auch verstärkt durch die Höhen und Tiefen der bisherigen Unterhaltung.

'Er sieht ein wenig traurig und angeschlagen aus. Dabei war er eben noch so fröhlich und neugierig. Hast du etwas gesagt, was ihn hätte treffen können? Aber etwas ist seltsam an ihm. Was nur? ... Du meine Güte, er hat die ganze Flasche Brandwein in der kurzen Zeit ausgetrunken. Hoffentlich geht es ihm gut. Solltest du wohl mal nachfragen, oder wäre das zu ... indiskret?'

Di Vespasio ist in dieser Frage ein wenig unentschlossen. Die Folgen des Alkohols kennt er durchaus gut, wenn auch mehr aus Büchern, denn aus eigener Erfahrung. Daher weiß er wohl, daß manche Betrunkenen nicht freundlich auf eine entsprechende Nachfrage reagieren, manche geradezu mit aggressiver Gewalttätigkeit, eine Entwicklung, die er gerne vermeiden würde, weswegen er einen anderen Ansatz wählt.

"Nun, wie auch immer, jedenfalls hat diese Notiz zu einer bisher erfolglosen Suche nach einer Brissi-Handschrift geführt. Ähm. Aber sagt, Ihr wirkt ein wenig blass um die Nase. Ist Euch der Gedanke an den Piratenüberfall auf die Leber geschlagen? Wollt Ihr Euch lieber setzen?"



Langsam, sehr langsam, dafür aber mit massiver Sicherheit, dringen Herrn di Vespasio's Worte in die, von Alkohol schon reichlich umnebelten Hirnwindungen Radisar's ein und lösen dort einen Katerakt an Gedanken aus, die das Gemüt des kleinen Diener überfluten, wie die Wiese eines Küstenbauerns nach einem Deichbruch.

'Piratenüberfall?? ... Heiliges Alveran! ... Stimmt, da war doch irgend etwas! ... Aber was? Richtig - die Piraten! ... Welche Piraten? ... Droht Gefahr? ... Herr EFFerd hilf, das Wrack, natürlich ...!'

Es geht ziemlich durcheinander zu hinter der Stirn des kleinen Dieners. Immerhin: Seine Furcht hält sich wacker in Grenzen und er wird nicht wieder ein Spielball seiner Ängste. Da liegt aber in der Hauptsache daran, daß Radisar momentan von gewichtigeren Problemen geschüttelt wird.

Der mögliche Überfall durch Piraten gerät zur Nebensache, als die NORDSTERN beginnt, sich langsam im Kreis zu drehen. Außerdem scheint Herr di Vespasio nicht der einzige zu sein, der von seinem Zwillingsbruder begleitet wird. Überrascht stellt Radisar fest, daß sich mittlerweile auch Jergan Efferdstreu und seine Offizierin auf der Brücke verdoppelt haben.

Währenddessen stampft und schlingert das Schiff immer mehr. Radisar wird es schon ganz weich in den Knien, zudem scheint sich so eine Art Efferdssieche bei ihm einzustellen, denn er spürt, daß sich sein Mageninhalt sehr unschlüssig darüber ist, welchen Weg er nun weiterhin nehmen sollte. Im Moment scheint die Wahrscheinlichkeit, daß der Magen seinen Inhalt zum naturgegebenen Ablauf an den Darm weitergeben wird mehr als zweifelhaft.

"In der Tat, Herr Comte, ich fühle mich etwas unpäßlich!" antwortet Radisar mit schwerer Zunge auf die Frage Herrn di Vespasios nach seinem Befinden, "Ich hoffe, ihr könnt es mir nachsehen, wenn ich mich jetzt zurück ziehen werde. Ich darf mich jedoch sehr herzlich bedanken, für die außerordentlich umfangreichen Antworten, die ihr mir gegeben habt und die mein Leben sicherlich bereichern werden. Ich werde eueren Namen allenorts mit ehrfürchtigem Lob verkünden .... !"

Die nachfolgenden Sätze werden etwas schwer verständlich, erst als der kleine Diener noch einmal tüchtig durchschnauft und es ihm tatsächlich noch einmal gelingt eine halbwegs gerade Haltung einzunehmen, wird er wieder etwas verständlicher.

" ... ich hoffe doch sehr, wir können diese hochinteressante Gespräch zu günstigerer Stunde weiterführen ... !"

Wenn nur endlich dieser 'Sturm' nachlassen würde, es rauscht im Ohr wie bei hundert Wasserfällen und die NORDSTERN schwankt derart, daß man schon bald damit rechnen muß, daß das Schiff auf dem Kopf stehen wird.

" ... würde ich mich freuen, euch als meinen Gast begrüßen zu dürfen ... !"

Dann stoppt Radisar seinen Redeschwall, schlägt zackig die Hacken aneinander und verbeugt sich korrekt, bedenkt man seinen Zustand, dann muß man zudem sogar noch sagen: Perfekt!



Während Radisar einige höfliche Floskeln rauf- und runter leiert, scheint er dem Betrachter eher von links nach rechts zu schwanken.

'Oh, jetzt fällt er. Nein, Links, Links, hinzu, Frizzi, sonst knallt der arme Mann auf .... Nein, doch nicht. Uiuiui, das war knapp. ... Ist Trunkenheit eigentlich ansteckend?'

So bilden die beiden gelehrten Herren ein erstaunliches Bild. Der eine nicht ganz so sicher auf den Beinen, der andere mit ähnlicher Schwingung ein wenig versetzt, nicht sicher, ob er denn zur Hilfe zu- oder lieber zur Seite wegspringen will.

Dennoch kommt Herr Kummerer schließlich zur Ruhe und di Vespasio kann die zackige Verbeugung durch eine ebenso elegante seinerseits beantworten. Natürlich nicht ohne diese durch einen Redeschwall zu komplettieren.

"Ihr seid zu freundlich. Es war mir ein Vergnügen mit Euch debattieren zu dürfen. Ich würde mich auf eine Fortsetzung ebenso freuen. Möglicherweise haben wir dann ja auch Gelegenheit einige Aspekte der Rechtsgelehrsamkeit, also aus Eurem Spezialgebiet, näher zu erörtern."

'Ach, mein Lieber, es sind manchmal ja gerade diese eleganten Verabschiedungen, die dir an den Gesprächen am meisten gefallen. Du solltest wirklich mal überlegen, ob du nicht ein Fest geben kannst, bei dem sich alle Gäste den ganzen Abend nur voneinander verabschieden. Das wäre mal etwas Neues.'



NORDSTERN - Ober- und Unterdeck: ALRIK'S Auftrag


Arbeitseifrig macht sich ALRIK auf den Weg. Zwar wäre es jetzt gerade mal interessant gewesen, die ungewöhnliche Abschleppaktion hier vom Deck aus zu beobachten. Doch Salzerhaven ist noch weit und so lange wird dieser neue Botengang nun auch wieder nicht dauern. Mit einem letzten Blick auf das unheimliche Wrack, stapft ALRIK den Niedergang zum Unterdeck herab.

Unten angekommen kann der Schiffsjunge erst im letzten Moment abbremsen, damit er nicht mit der hübschen, dunkelhaarigen Passagierin aus der Gemeinschaftskabine zusammenstößt. Nicht, daß das sonderlich unangenehm gewesen wäre. Nein, nein, aber einen besonders feinen Eindruck macht das ja auch nicht gerade. Außerdem ist sie gerade in ein Gespräch mit dieser kleinen Rotznase aus Thorwal vertieft.

"Oh, Verzeihung. Laßt Ihr mich mal gerade vorbei?" bittet ALRIK höflich.



Phexane weicht dem Schiffsjungen aus und läßt ihn mit einem kurzen Nicken vorbei, um sich dann wieder Ameg zu widmen.


Ameg runzelt die Stirn bei Phexanes Worten, die sie wohl mehr zu sich selbst gesagt hatte. Dann, ein wenig langsamer als Phexane, macht auch er dem Schiffsjungen Platz. Ein wenig mißtrauisch starrt er ALRIK dabei an und wundert sich, ob dieser wohl etwas von dem Dolch in seinem Stiefel mitbekommen hat. Außerdem wundert sich Ameg, daß er bisher noch keine Gelegenheit hatte mit ALRIK (dessen Namen er auch nur weiß, weil ständig irgend jemand den Schiffsjungen ruft) zu sprechen. Der, für Amegs Augen, seltsam aussehende Schiffsjunge ist immerhin der einzige, der ihm altersmäßig an Bord am nächsten kommt. Auch wenn der Unterschied wohl auch schon mehrere Jahre beträgt...

'ob er wohl nett ist?', fragt sich Ameg und versucht in den Gesichtszügen des vorbei gehenden Jungen seine Stimmung abzulesen.



NORDSTERN - Unterdeck: Ameg und Phexane


Phexane blickt wieder kurz hoch zum Aufgang, dann aber wieder zu Ameg hinab.

"Tja, wenn das mit deinen Händen geht, dann können wir ja wieder hinaufgehen."

'Und oben wird dieser Hallodri von einem Rotmarder noch was zu hören kriegen! Der Kleine hätte sich was brechen können! Aber er geht einfach weiter!'

Die Gefühle, die Phexane für Torin fühlt, sind ziemlich widersprüchlich: natürlich gefiel es ihr, als er sie in der Gemeinschaftskabine im Arm hielt, aber andererseits ist in ihr auch immer wieder eine Stimme, die ihr sagt, sie solle lieber auf der Hut sein und ihm besser nicht so sehr vertrauen, wie sie es vielleicht möchte.

'Wenn ich wieder so einen Fehler mache und jemandem so sehr Glauben schenke wie damals, dann .... ich weiß nicht was dann wäre, aber ich glaube, es würde mich noch härter treffen!'



Ameg wirft einen kurzen Blick auf seine Hände. Sie bluten nicht mehr und schmerzen tun sie auch kaum noch.

So nickt er Phexane zu, aber bevor er sich aufmacht den Aufgang hinauf zu gehen, stellt er ihr noch eine Frage über etwas was ihn interessiert. (Zumal sie selbst kurz zuvor etwas darüber erwähnte):

"wie has' du Torin denn kennen'elernt?"



Als Phexane Ameg nicken sieht, geht sie zum Aufgang, doch da fragt er er sie plötzlich, wie sie Torin kennengelernt hat.

Sie verharrt mit einem Ruck in der Bewegung und dreht dann ihren Kopf langsam zu Ameg.

"Äh .... hä, hä, hä" lacht Phexane verlegen und wieder legt sich ein roter Schleier auf ihre Wangen, "also ... das war auf ...," sie blickt sich kurz zu dem Schiffsjungen um und beugt sich wieder etwas runter zu Ameg, um dann etwas leiser weiterzureden:

"... einem Dach in Prem. Ich mußte da hoch, weil mich sonst wohl so ein Rindviech von einem Thorwaler gefunden hätte und dann ...," sie macht eine kurze, schnelle Bewegung mit ihrer linken Hand am Hals, so als wolle sie sich damit einen Kopf kürzer machen.

"Naja, ich hatte was in dem Gasthaus vergessen, wo ich die Nacht zuvor noch geschlafen hatte. Unterwegs, also auf einem Dach, blieb ich kurz stehen. Da wurde ich plötzlich von hinten angesprochen."

Phexane senkt ihre Stimme noch weiter.

"Ich habe mich umgedreht und sah dann eine Gestalt, die vollkommen in Schwarz gekleidet war. Ich habe mich natürlich ziemlich erschrocken und somit ..."

'Kann ich ihm das überhaupt erzählen? Nein, besser nicht! Das mit dem Dolch lasse ich weg.'

"... bin ich rückwärts vom Dach gefallen. Die schwarzgekleidete Person war Herr Rotmarder."

Phexane steht wieder auf und blickt dann verlegen lächelnd zu Ameg hinunter.

"Tja, und dann haben wir uns halt hier auf dem Schiff wieder getroffen, wobei ich im ersten Moment nicht wußte, wer er ist und woher er mich kennt."



Ameg glaubt Phexane nicht so ganz. Irgend etwas an ihrer Geschichte hört sich nicht ganz richtig an. Es scheint als hätte sie nicht alles erzählt. Dazu würde auch ihr ausweichendes Lachen am Anfang passen. Aber Ameg ist sich auch sicher, daß er jetzt nichts mehr aus ihr heraus bekommt...

'ich frag' sie weiter aus, wenn sie nicht damit rechnet', denkt er sich.

"Soll'n wir wieder hoch?", fragt er Phexane - die immer noch auf den Stufen steht - als hätte sie zuvor gar nichts erzählt.



NORDSTERN - Ausguck: Der Mann im Mast


Orgen, der oben vom Ausguck alles beobachtet hat, ruft in Richtung des Brückendecks:

"Der Schuß ging glatt daneben"



NORDSTERN - Brücke: Jergan und Fiana


Jergan hätte den Ruf aus dem Ausguck nicht benötigt, daß das daneben gegangen ist, war nicht zu übersehen, auch wenn er Nirkas Spielerei nur einen kleinen Teil seiner Aufmerksamkeit gewidmet hat - viel wichtiger ist die Schleppfahrt, die wohl in Kürze beginnen wird, wenn von der ZYKLOPENAUGE die Fertigmeldung kommt.

So huscht lediglich ein kurzes Grinsen über seine Züge, und er sagt in Fianas Richtung:

"Da wird Nirka uns wohl in den nächsten Tagen wieder damit nerven, wie wichtig regelmäßige Übungen mit der Rotze sind, nicht wahr?"



Grinsend antwortet Fiana dem Kapitän:

"Ihr haben so ziemlich alle zugeschaut, ich denke sie wird uns nicht Tage, sondern Wochen in den Ohren liegen."

Mit einem ziemlich breiten Grinsen fügt sie hinzu:

"Und die Freifrau scheint sich auch für die Waffe zu begeistern, am Ende haben wir eine zweite 'Rotzenvernarrte' an Bord, die Nirka im -In den Ohren liegen- kräftig unterstützt"



Ottam hört sich das Gespräch, daß die beiden obersten Befehlshaber der NORDSTERN führen mit. Seine Mine verfinstert sich einmal mehr und er sagt leise und nur mühselig für die anderen verständlich, sowie mit finsterer Stimme:

"Das Geld das die Kugeln kosten interessiert wohl niemand hier"



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Ausflüchte


Lowanger runzelt die Stirn.

"Nordland-Piraten hinterlassen in der Regel nicht solch ein Massaker, wie das hier der Fall ist."

Er überlegt kurz, dann fragt er weiter:

"Haben sie irgendwelche Forderungen gestellt, oder sind sie einfach nur gekommen, haben Euer Schiff zum Stoppen aufgefordert, und dann angegriffen? Wie ist das ganze losgegangen?"

Lowangers Blick wandert kurz weg von dem Gesandten, als hinter dem Schiff eine Kugel ins Wasser klatscht, weit genug weg, um als absichtlich daneben geschossen erkannt zu werden. Nirka hat anscheinend mal wieder ihren Spieltrieb durchsetzen können...

Auch das Steuer, mit dem sich Hjaldar und Ole beschäftigt haben, streift er mit seinem Blick kurz, aber da die beiden anscheinend ohnehin dabei sind, ihm in Kürze Meldung zu erstatten, fragt er da nicht weiter nach.

Wenn die Untergebenen in der Lage sind, eine Aufgabe ordentlich und gut zu verrichten, dann ist es die Aufgabe des Vorgesetzten, sie dabei nicht durch sinnlose Fragen zu stören, sondern sich einfach darauf zu verlassen, daß sie es selbst am besten wissen, wann die Arbeit fertig ist.

Aus dem gleichen Grund kümmert Lowanger sich auch erst einmal nicht weiter um die Meldung, daß noch ein Überlebender gefunden wurde - Trolske und die beiden Passagiere sind bereits dort, und tun das Nötige, was sicher weit mehr ist, als er, Lowanger, tun könnte.

So konzentriert er sich auf seine Aufgabe, herauszufinden, was hier auf der ZYKLOPENAUGE geschehen ist.



"Wie gesagt, genau kann ich es nicht beurteilen. Aus meiner Sicht haben sie angegriffen, dieses Barbarenpack. Ich hielt mich anfangs jedoch auch nicht an Deck auf; da es mir an Kenntnisse der Seefahrt eher mangelt, stehe ich meist nur im Weg herum ..."

Er sieht wieder zu dem Reigen kümmernder Medici.

"Sollten wir nicht hinüber gehen? Die Götter seien gepriesen, daß ich nicht der einzige bin, der das hier überlebt hat. Gerne wüßte ich, um wen es sich handelt."



Lowanger merkt zwar deutlich, daß der andere ihm ausweicht, aber die Begründungen, die er anbringt, klingen logisch und in sich konsistent, es gibt höchstens einen kleinen Widerspruch dazu, daß er sich so stark dafür einsetzt, daß das Schiff gerettet wird... warum eigentlich, wenn er vorgibt, da keine Ahnung zu haben?

Der Offizier läßt sich diese Zweifel jedoch nicht anmerken, denn der Vorschlag, der gemacht wird, hat durchaus etwas für sich, denn das interessiert ihn selbst auch.

"Tun wir das!"

Während er langsam losgeht, stellt er die nächste Frage, eine, die im Grunde eher rhetorischer Natur ist:

"Ihr habt doch sicher nichts dagegen, wenn meine Leute sich unten in den Laderäumen umsehen, um herauszufinden zu versuchen, wie stark der Rumpf beschädigt ist, und ob damit zu rechnen ist, daß der Wassereinbruch sich verstärken wird?"

Er sagt nicht dazu, daß eine solche Untersuchung wohl primär eher der Ladung und deren Vorhandensein oder eben Nicht-Vorhandensein nach diesem Überfall gilt, denn im Normalfall erreicht man die Außenwand eines Schiffes von innen längst nicht an jeder Stelle, und gerade da, wo es besonders gefährlich ist, sind oft Spanten oder Innenverkleidungen oder die Konstruktionen der Decks im Wege. Da der Abgesandte das vermutlich nicht weiß, erwähnt Lowanger es auch nicht weiter.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Meldung


Zustimmend nickend wendet sich Hjaldar um, um mit Ole gemeinsam zum Offizier zu gehen.

Kaum das sein Augenmerk dabei auf den Überlebenden fällt, verfinstert sich seine Miene wieder und immer noch nagendes Mißtrauen spricht aus seinem Blick. Er will verflucht sein, wenn nicht etwas aranisch an der Sache ist und der einzige zur Zeit faßbare Ansatzpunkt ist eben dieser seltsame Gesell.

Mitten in diese Grübeleien tönt ein, hier nur mehr leise zu vernehmender, Knall von der Nordstern herüber, als hätte jemand mit Wucht zwei Planken aufeinander geschlagen. Hjaldar Kopf ruckt herum und aufmerksam spähend sieht er zum anderen Schiff hinüber, kann aber auf den ersten Blick nicht erkennen, was da geschehen sein mag.

"Was ist denn da nun los? Sind die vom wilden Rotauge gebissen worden?" grummelt er mißmutig in seinen Bart.



Ole lacht, als er Hjaldar so zusammenfahren sieht. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ein wenig ist er schon auch erschrocken, als es zuerst dröhnend krachte und als er dann letztlich erkennen mußte, daß es sich wahrscheinlich bei diesem Lärm um ein ausgelöste Torsionsgeschütz handeln könnte. Sein erster Gedanke war, daß sich die Piraten wieder genähert haben könnten und nun im Gefecht mit der NORDSTERN lägen. Doch nach einem raschen Blick rundherum darf Ole erleichtert feststellen, daß sich die NORDSTERN und die ZYKLOPENAUGE völlig einsam und allein auf diesem Fleckchen von EFFerds Weiten herum dümpeln.

Ole schlägt Hjaldar nach der Art der Nordmänner aufmunternd auf die Schulter und sagt dann zu dem Gefährten:

"Wirst wohl schreckhaft, auf deine alten Tage. Hätte nicht geahnt, daß so eine kleine Rotze dir gleich die Farbe aus dem Gesicht treibt. So ein niedliches Geschoß fängst du doch sonst mit den Zähnen auf!"

Der alte Schiffszimmermann unterbricht seine freundliche Neckerei, als er einen ungeduldigen Blick Lowanger's auffängt. Verständlich, der zweite Offizier wird wahrscheinlich endlich von Ergebnissen hören wollen. So ruft Ole ihm zu:

"Das Ruder taugt, wir werden vorsichtig sein müssen, damit wir die NORDSTERN nicht überholen!"



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Meldung wird weitergeleitet


Oles Meldung lenkt den zweiten Offizier nur kurz von dem Gespräch mit dem Abgesandten ab, er bestätigt die Meldung mit einem Nicken. Andere hätten die scherzhafte Bemerkung des Zimmermanns vielleicht noch kommentiert, doch es ist nicht Lowangers Art, um derart offensichtliche Dinge so viele Worte zu verschwenden.

So richtet er den Blick auf die NORDSTERN, sieht, daß der Kapitän auf der Brücke steht, und brüllt laut:

"Die ZYKLOPENAUGE ist bereit zum Schlepp!"

Er wendet sich danach sogleich wieder Phaylion zu, denn bis diese Meldung hier auf dem Wrack Aktivitäten erfordert, wird noch ein wenig Zeit vergehen.



NORDSTERN - Brücke: Meldung angekommen


Jergan Efferdstreu grinst zu Fianas Worten, doch bei der Erwähnung der Freifrau verschwindet dieses Grinsen wieder.

"Das wäre zu befürchten, und es ist wohl nicht ganz auszuschließen, daß wir ihr solche Wünsche nicht immer abschlagen werden. Aber wie auch immer, ich denke, es war klar, daß der Schuß daneben geht, denn so ein Hai ist ziemlich klein, es war der erste Schuß heute, und zudem schaukelt die NORDSTERN ja mehr als gewöhnlich, weil..."

An dieser Stelle wird Jergan von Lowangers Ruf, daß das Wrack schleppbereit ist, unterbrochen, und er verzichtet auch darauf, diesen wirklich sehr unwichtigen Satz jemals zu beenden.

Es ist, als gehe ein Ruck durch den Kapitän - die Inaktivität der letzten Minuten fällt von ihm ab, und er ist wieder ganz der Seemann, der fest auf der Brücke seiner Karavelle steht, und das Kommando führt.

"Fiana, Ruder hart backbord!"

Auch wenn die erste Offizierin quasi neben ihm steht, gibt er diesen Befehl ziemlich laut, damit auch jeder an Bord mitbekommt, daß es weitergeht.

"Holt die Segel dicht!"

Das gilt den Matrosen auf dem Oberdeck, die sogleich an die Arbeit - besser gesagt - die Winden - gehen, um die großen Segel in den Wind zu drehen. Zusammen mit der befohlenen Ruderstellung wird das sicher ausreichen, um die NORDSTERN wieder auf ihren Kurs zurück zu drehen, und dann Fahrt aufnehmen zu lassen.



Fiana ist froh, daß es weiter geht, das merkt man auch ihrem Gesicht an. Schnell und doch sorgfältig, um die Ruderanlage nicht unnötig zu belasten, führt sie den Befehl umgehend aus und bestätigt dem Kapitän anschließend:

"Ruder ist hart backbord"

So voller Tatendrang läßt sich auch der grummlige Ottam verdrängen.



Der Kapitän nimmt Fianas Bestätigung mit einem Nicken zur Kenntnis, während er zusieht, wie auf dem Oberdeck die Winden betätigt werden, die die Segel wieder in den Wind drehen. Da die Segel selbst weder gerefft noch eingeholt worden sind, ist das eine Arbeit, die sehr schnell geht, und bei der auch nicht viele Hände nötig sind.

Rasch stehen die großen Segel nun wieder im Wind, der sie recht kraftvoll füllt, die Schoten spannt und die luvseitigen Wanten belastet. Der Druck des Windes ist bei weitem stark genug, um das Schiff ganz langsam in Bewegung zu setzen, was zusammen mit dem nach backbord gedrehten Ruder dazu führt, daß die NORDSTERN langsam mit einer Drehung nach Backbord beginnt, während sie zugleich Fahrt aufnimmt.

Davon ist zwar noch nicht viel zu merken, aber es reicht, um die Schlepptrosse, die ohnehin nicht sehr viel Spiel hat, langsam aus dem Wasser zu ziehen und zu spannen, so daß demnächst wohl auch auf der ZYKLOPENAUGE erste schwache Bewegungen zu spüren sein werden - eine Kraft, die den Bug scharf nach Backbord herumzieht und damit wohl die Wende einleiten wird, denn noch zeigt der Bug des Wracks ja in die verkehrte Richtung.



NORDSTERN Vorderdeck: Jarun und Nirka


Langsam aber stetig hat es Jarun geschafft sich an das Vorderdeck heranzupirschen. An seinem Aufgang bleibt er stehen und wendet sich zu dem sich dort befindenden Geschütz und mustert Nirka, die nach dem mißglückten Schuß ein wenig über sich selbst zornig scheint.

Aus dem Augenwinkel versucht er einen weiteren genaueren Blick auf den Ring in Reckindes Hand zu erhaschen, um eine genauere Einschätzung des Wertes vorzunehmen.

Immer noch ist ein seltsames Grinsen in seinem Gesicht zu sehen. In seinen Gedanken geht er schon die Möglichkeiten durch, die ihm zur Verfügung stehen, um in Besitz des Rings zu kommen und vergißt dabei vollkommen, welche Wirkung seine Mimik auf das sowieso schon erhitzte Gemüt von Nirka haben könnte.



Nirka wendet sich langsam vom Objekt ihres Versagens ab - sie wagt es kaum, die Freifrau anzusehen. Und so findet sie in Jaruns Grinsen ein willkommenes Ziel, und so ziemlich zum ersten Mal seit recht langer Zeit geht ihre Selbstbeherrschung durch:

"Was gibt's denn da zu grinsen?"

Sie vergißt dabei völlig, daß es sich um einen Fahrgast handelt, und sie übersieht auch, daß weitere Fahrgäste so ziemlich in der Nähe herumstehen - alles Zeugen ihrer Schande...



"Ähm..." Im ersten Moment fühlt sich Jarun ertappt, doch die Übung im Erfinden von Ausreden, läßt in schnell wieder die Fassung zurückgewinnen. Wenn auch seine Ausrede nicht mit besonders viel Verstand gewählt wurde.

"Ich erinnerte mich gerade an die Belagerung von Greifenfurt. Wir schafften es damals die schweren Geschütze der Orks zu sabotieren. Als ihre Katapulte bei dem ersten Schuß mit einem laute Rumms auseinanderfielen, schauten sie ebenso verwirrt zornig, wie ihr gerade."



Nirka bekommt die Wirkung ihres Schusses auf Ameg anscheinend gar nicht mit, und wenn doch, dann ignoriert sie sie so gekonnt, daß man ihr nichts anmerkt.

Die Wut, die so rasch aufgestiegen ist, wird durch Jaruns Worte entschärft - zwar nur ein wenig, aber immerhin ausreichend, um erst einmal schlimmere Reaktionen zu vermeiden. Dann kristallisiert sich ein neuer Gedanke heraus, und sie fragt rasch:

"Wollt Ihr damit andeuten, daß Ihr vermutet, daß jemand unser Geschütz sabotiert hat?"

Ihrem Gesicht kann man deutlich ansehen, was demjenigen, der es gewagt hat, sich an IHRER Rotze zu vergreifen, blühen wird.



Nirkas Stimmungswechsel sorgt bei Jarun für etwas Verwirrung, aber schließlich macht er sich darüber keine weiteren Gedanken und plappert einfach vor sich hin.

"Diese Orks hatten damals nicht damit gerechnet, daß sich ihr Katapult in die Einzelteile zerlegen würde, wenn sie einen ersten Schuß wagen würden. Genauso hieltet ihr es für unwahrscheinlich das Ziel zu verfehlen. Und ich bin mir sicher, daß eine erfahrene Bootsfrau wie ihr einen solchen Schuß unter normalen Umständen mitten im Ziel plazieren würde. Deshalb solltet ihr unbedingt das Geschütz untersuchen, denn eine andere Möglichkeit für euer Versagen sehe ich nicht."

Diese Worte klingen ernst und bestimmt, ohne jeglichen ironischen Unterton, der zweifellos in Jaruns Worten unhörbar mit schwingt.



NORDSTERN - Vorderdeck: Efferdans Pflichten


`Weh, was tue ich nur? Irgend jemand muß doch bei die Trosse nach dem Rechten sehen. Und die NORDSTERN fährt schon an.`

Efferdan schluckt.

`Ich werde es wohl wagen müssen. Hoffentlich... Am besten, ich frage nicht, sondern geben nur Bescheid...`

Mit einem Ruck hebt sich der Kopf, Efferdan sieht die Bootsfrau an!

"Ähm, Bootsfrau, ich gehe nach der Trosse sehen, wenn's recht ist."

Dann dreht er sich auch schon um und springt die Stufen der Treppe zum Oberdeck herunter.

`Bitte laß Nirka nichts sagen...`

Schon ist er unten, aber noch immer hat er die Befürchtung, von der Bootsfrau lautstark zurückgerufen und zurechtgewiesen zu werden...



...doch der Ruf der Bootsfrau kommt nicht. Als Efferdan am Niedergang vorbei eilt, beginnt er langsam, sich wieder zu entspannen. Daß bis eben noch vier Personen am Niedergang standen, ist ihm dabei gar nicht bewußt. Vielmehr versucht er (mal) wieder, möglichst schnell und weit vorbei zu gehen.

Efferdan legt einen recht flotten Schritt an den Tag, er eilt der Trosse entgegen. Schon hat der den Aufbau des Brückendecks erreicht, an dem er steuerbordseitig vorbei schlüpft, um wieder zu der Stelle zu gelangen, an der er die Trosse festgebunden hatte. Ein erster Blick bestätigt ihm, daß er die Knoten wirklich gut gebunden hat. Sie scheinen keinen Millimeter nachzugeben.

Schnell tritt Efferdan an die Reling, beugt sich leicht drüber und überprüft den Verlauf des straff gespannten Taus. Momentan scheint alles in Ordnung zu sein.

`Gut!`

Trotzdem bleibt Efferdan vorsichtshalber an der Trosse stehen.



Efferdan umschließt mit beiden Händen die Reling am Heck. Die Beine stehen leicht gespreizt auf den Bohlen des Decks. Efferdan spürt das Schwanken des Schiffs, die Schwingungen des Decks. Er achtet auf die Bewegungen des Schiffes, um einschätzen zu können, wie der Zug auf das Seil wirken könnte. Auch Efferdan hat noch keine Erfahrung mit dem Schlepp von Schiffen, doch er hofft, daß schon alles glatt gehen wird.

Efferdan beugt sich vor und hinüber in Richtung ZYKLOPENAUGE, verrenkt sich fast den Hals, um zu sehen, wie es auf den Zug der NORDSTERN reagiert...



NORDSTERN - Vorderdeck: Jarun's Idee


Efferdans Hoffnungen gehen voll auf... die Bootsfrau würdigt ihn keines weiteren Blickes, sie nimmt nicht einmal wirklich zur Kenntnis, daß er sich entfernt.

Jaruns Worte scheinen sie tatsächlich zu beruhigen, denn die Wut verschwindet weiter aus ihrem Gesicht, und sie wirkt immer nachdenklicher.

"Wenn man die Visiereinrichtung ganz leicht verbiegt... dann ändert sich die Schußentfernung... und dieser Schuß ging zu kurz, die Richtung war genau richtig..."

Sie redet mehr mit sich selbst, als mit Jarun, doch dann merkt sie das, und sieht den Mann wieder an.

"Ihr könntet da in der Tat recht haben. Ich werde mich da drum kümmern... und dann Gnade dem, der sich an dem Geschütz vergriffen hat - falls das so ist."

Ihre Blicke huschen dabei schon immer wieder zu der Rotze, als könne sie es gar nicht erwarten, anzufangen, doch die Höflichkeit, die jetzt wieder sichtbar wird, verhindert, daß sie das tut.



Ein schelmisches Lächeln zeigt sich auf Jaruns Gesicht.

"Man könnte ja die Herausforderung der Dame von Beibach und Bruch im nächsten Hafen wieder aufnehmen. Bis dahin könntet ihr ja die Rotze einmal genauer untersuchen und das Problem beseitigen."

Nachdenklich streicht er sich bei diesen Worten über das Kinn.

"Vielleicht gibt es noch andere, die an dem Wettkampf teilnehmen möchten. Wir könnten ein richtiges Volksfest daraus machen, bei der Besucher die Möglichkeit bekommen die Nordstern zu besuchen. Mit einigen Getränken könnte man sicherlich sogar etwas Geld dabei verdienen. Als Preis für den Sieger würde dann der Ring dienen."

Reden, reden, reden. Nichts kann Jarun in seinem Eifer halten. Immer wüstere Auswüchse nehmen seine Ideen, die nicht ganz uneigennützig sind, an.

"Außerdem könnte man Wetten abschließen auf den Sieger."

Bis er schließlich in ein euphorischen Delieriumszustand geredet hat und nur noch leise vor sich hin nuschelt.

"MusikkeinProblemBratenBratenbrauchenwirWirtsuchenMarkplatzPlakatekleben...Unterdeck absperrenZielfürschießenaufstellen...Teilnahmegebührerheben."

Nach einigen Sekunden hält er inne und erwartet Nirkas Lob für diese brillante Idee.



Frau Reckinde betrachtet lange und nachdenklich das Geschütz und forscht nach Mängeln in der Struktur. Es enttäuscht sie ein wenig, daß die Bootsfrau den Hai verfehlt hatte, mag sie diese Menschen fressenden Viecher ebenso wenig leiden, wie die Mörderbären und die blutgierigen Wölfe ihrer Heimat und sie hätte es gerne gesehen, wenn dieser Hai in Stücke geschossen worden wäre, anschließend zerfetzt und gefressen von den eigenen Artgenossen.

Die Freifrau begutachtet die Bodenhalterung und befindet, daß das Geschütz zu starr an den Planken befestigt ist. Die Schwankungen des Schiffes lassen sich dadurch nicht richtig ausgleichen und lassen jedes Zielen zur reinen Spekulation geraten. Ein Schütze muß schon verdammt viel Gefühl einbringen können, um diese Schwierigkeit zu meistern.

Nun zweifelt Frau Reckinde keinen Augenblick daran, daß der Bootsfrau diese Kenntnisse und Fähigkeiten zu eigen sind und dennoch arbeitet die Freifrau in Gedanken daran, was an dieser Vorrichtung geändert werden müßte, um diesen Nachteil abzumildern. Wozu das gut sein könnte, hat man ja gesehen!

Während Frau von Beibach und Bruch in ihrem Geiste Baupläne erschafft, verwirft, abändert und wieder verwirft, fühlt sie sich in ihrer Konzentration unterdessen ziemlich stark gestört, durch den Redeschwall Jarun's, der, wieder einmal mehr, aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Völlig abgelenkt von ihrem Nachsinnen wird die Freifrau allerdings erst dann, als sie hört, daß Jarun bei seinen Phantasien geradezu spielerisch über ihren Firunsring verfügen will. Diesen Ring kann man doch nicht einfach gewinnen, man muß sich ihn verdienen bei der Jagd und nicht bei Sport und Spiel.

Schon will Frau Reckinde los poltern, in ihrer, geradezu typischen Art. Sie hatte schon tief Luft geholt, genug, um Jarun über Bord zu brüllen, doch dann besinnt sie sich eines Besseren. Sie lächelt ein kleines, hinterlistiges, heimtückisches Lächeln und spricht mit zuckersüßer Stimme:

"Ich finde die Idee eines Wettkampfes an der Rotze hat etwas besonderes, Herr Jarun, mein Kompliment dafür. Ich bin gerne bereit im nächsten Hafen meinen Teil dazu beizutragen. Allerdings müßten wir dann eine Kleinigkeit abändern. Da sich die Haie wohl kaum in das Hafenbecken locken lassen, werden wir ein anderes Ziel suchen müssen und ich hätte da auch schon eine Idee. Wie wäre es, wenn wir, statt auf Haie, auf schwimmende Gaukler schießen würden? Möglichst auf sehr bunte, die sieht man besser im dunklen Hafenwasser!"



Nirkas Blicke huschen über die Rotze, an der sie zumindest oberflächlich nichts erkennen kann, das nicht so ist, wie es sein muß, und dann wendet sie sich wieder Jarun zu, wieder mit einem ärgerlichen Gesichtsausdruck, als er anfängt, von einem Volksfest zu erzählen. Das kann doch wirklich nicht sein Ernst sein, und außerdem wäre Reckindes Ring nach dem, was die Freifrau kürzlich erzählt hat, dafür als "Preis" absolut unangemessen, weil es nicht im geringsten seiner Bedeutung entsprechenden würde. Daß Jarun das eventuell gar nicht gehört hat, übersieht die Bootsfrau dabei...

Sie setzt gerade zu einer recht harten Antwort an, die unter anderem zum Ausdruck bringen soll, daß das wohl einzig und alleine die Entscheidung der Freifrau sei, und daß so etwas in einem Hafen viel zu gefährlich ist, als Reckinde ihr auch schon zuvorkommt.

Zum ersten Mal seit dem Schuß huscht wieder ein Lächeln über ihre Züge, und dann schüttelt sie kurz den Kopf.

"Ganz so können wir das nicht machen. Wenn wir im Hafen mit der Rotze schießen, und dabei vielleicht auch Unerfahrene an das Geschütz lassen, dann können wir uns mächtig Ärger einhandeln - stellt Euch nur vor, wir treffen Gebäude der Stadt. Nein, wir müssen es anders machen: Nach dem Auslaufen aus dem Hafen setzen wir das Ziel aus, wenn wir weit genug vom Ufer weg sind, und dann drehen wir bei und schießen."

Leiser, und nach einer kurzen Pause, fügt sie hinzu:

"Was die Wahl des Zieles betrifft, da bin ich Euer Meinung, zumal das ja auch für den betreffenden Gaukler bestimmt sehr unterhaltsam ist."



Selbst Jarun, der normalerweise auf Beleidigungen sehr gelassen reagiert, beginnt nun etwas aufbrausend, vielleicht sogar beleidigend zu werden.

"Es war mir ja schon klar, das Matrosen das gewisse Gefühl für Unterhaltung und Geschäftssinn fehlt, aber von einer Händlerin und hohen Dame hätte ich schon erwartet, daß sie den Gewinn, den man bei einer solchen Veranstaltung einstreichen kann, erkennt und mit etwas mehr ernst an die Sache geht."

Nervös zieht Jarun seinen Umhang zurecht.

"Ein erneuter Versuch auf hoher See, scheint mir nicht besonders unterhaltend und gewinnträchtig."

Herausfordernd schaut er Nirka an.

"Aber vielleicht scheut ihr ja auch die Herausforderung anderer Teilnehmer, da ihr ahnt, das ihr verlieren würdet."



Wer gedacht hat, daß mit dem freundlicher werdenden Gesichtsausdruck der Bootsfrau die "Auseinandersetzung" ausgestanden ist, der hat sich gehörig getäuscht, denn nun wird ihr Gesichtsausdruck sofort wieder so, wie er noch vor kurzem war - richtig ärgerlich.

Den ersten Teil von Jaruns Aussage, der ja eher die Freifrau angreift, kommentiert die Bootsfrau nicht weiter, Reckinde wird sich selbst zu wehren verstehen, aber der zweite Teil kann nicht unerwidert bleiben.

Mit harter Stimme sagt Nirka, direkt an Jarun gerichtet, und ohne seinem Blick auszuweichen:

"Diese Rotze ist KEIN Spielzeug. Das bedeutet auch, daß damit nur schießen darf, wem der Kapitän das gestattet, und das wird er Euch ganz sicher nicht gestatten. Schon von daher wird es keinen Wettbewerb geben, schon gar nicht zu Zwecken der Unterhaltung oder des Gewinns. Außerdem wüßte ich nicht, wer außer der Freifrau und mir auf diesem Schiff mit einem solchen Geschütz umgehen kann - Ihr sicher nicht!"

Die Erregung verhindert erst einmal erfolgreich, daß Nirka sich weiter mit den Gründen für den Fehlschuß beschäftigt, und damit natürlich auch den nahe liegenden Grund übersieht.



Zunächst ist es haltloses Erstaunen, Rauschen in den Ohren und ein Gefühl wie Blutleere im Gehirn. Dann fügen sich langsam die Details zusammen, zu einem Bild, daß ihrer spottet, sie verhöhnt und auf das unmöglichste zu beschreiben versucht.

Der Gaukler hat es doch tatsächlich gewagt ......

Reckinde ringt innerlich um Haltung und wehrt sich wider ihr eruptives Aufbrausen, wie ein Vielfraß gegen seinen krankhaften Appetit. Doch die Dämme ihrer Beherrschung sind zu schwach im Kampf gegen die Brandung ihrer Leidenschaft. Dieser knittrige 'Harlekin' fordert sie heraus, will sie an der Ehre packen, als ob er im entferntesten wüßte worauf er sich da einläßt.

Glaubt den dieser 'Hanswurst' wirklich, sie hätte ein, wie auch immer geartetes Interesse an den Vergnügungen des niederen Volkes? Hat er den eine Ahnung, was es heißt Profit zu machen? Ein Fingerschnippen würde genügen um ein hundertfaches an Gewinn zu machen, im Vergleich zu dem, was sich bei einem solchen lächerlichen Volksfest addieren ließe.

Sie, Freifrau Reckinde von Beibach und Bruch, hat schon den gerissensten Kaufleuten des Kontinentes die Hosen herunter gezogen, warum also sollte sie an dem, was der einfachen Mann und die einfache Frau an Groschen und Deut im Geldsack haben können, interessiert sein?

Die kleinen Flammen hungriger Wut zündeln neckisch an ihrem Jähzorn herum.

'Beruhige dich, altes Mädchen", denkt sie sich immer wieder monoton, fast schon als eine Art Mantra ' was kümmert es den Greifen in luftigen Höhen, wenn sich tief unter ihm, im dunklen Verborgenen, die Selemferkel im Morast wühlen!'

Für kurze Zeit scheint ihre Selbstbeherrschung die Oberhand zu behalten, die zornige Antwort der Bootsfrau verschafft ihr ein wenig Luft. Doch dann drückt es sie zu arg. Lauernd und in einer geradezu gefährlich anmutenden Ruhe, dafür aber mit einem ganz hinterhältigen Grinsen, erklärt sie:

"Draußen auf dem Meer gäbe es auch wieder genügend Haie, die abzuschießen sich lohnen würde, daß wir auf den Gaukler als Ziel verzichten könnten. Wie aber wäre es, wenn der Herr Akrobat in seine Idee schon so vernarrt zu sein scheint, wenn wir, statt des üblichen Geschosses einen bunt befrackten Gaukler nehmen würden, um diese Haie zu zerschmettern? Der 'Papagei' würde wieder fliegen lernen und den Bestien der Meere das Fürchten lehren!"



Die letzten Worte der Freifrau, rauschen durch Jaruns Kopf, verklingen aber ungehört. Viel zu sehr ist er verärgert über die Ignoranz und Hochnäsigkeit, der Dame.

Oft genug hat er während seiner Arbeit in Al'Anfa und seinen Reisen durch Aventurien solche Menschen wie die Dame kennengelernt. Früher waren diese Menschen strebsame und gläubige Phexanhänger, doch der Reichtum ließ sie träge und eitel werden. Sie verließen sich beim Geldverdienen auf andere Menschen und genossen ihren Wohlstand. Doch wie schon das alte Sprichwort besagt, welches Taulin 'Die Hakennase' Gelandir prägte:

'Verlaß dich auf andere und bist verlassen!'

Nach einigen Augenblicken, in denen Jarun in alten Zeiten verweilt, tadelt er wieder die Freifrau von Beibach und Bruch.

"Scheinbar habt ihr das Buch 'Seelensterne' und 'Das Brevier der zwölfgöttlichen Unterweisungen' noch nicht gelesen. Dort werden von den Geweihten des Händlergottes jedem Gläubigen zwei Weisheiten nahegelegt. "

Nach kurzem Räuspern fährt er fort.

"Jede ausgelassene Gelegenheit seinen Geldbeutel zu füllen könnte eine Schwäche aufzeigen und zum Hundertfachen einen Verlust bedeuten."

"Ehre jeden Kreuzer, denn an diesem könnte ein Rubin kleben."

Zufrieden stellt er die Hände die Hüfte.

"Ihr seht also, daß ihr auf der Hut sein müßt. Sonst wird euch eurer Hochmut noch zu Fall bringen."



"Das schafft die Rotze nicht", antwortet die Bootsfrau leise in Richtung der Freifrau, als diese den nächsten Vorschlag macht.

Auf Jaruns Worte reagiert sie erst einmal gar nicht, da diese viel zu eindeutig an Reckinde gerichtet sind, und auch Themen betreffen, von denen die Bootsfrau kaum Ahnung hat.

Und ein klein wenig hat sie sich auch schon beruhigt, und von daher ist ihr auch wieder bewußt, daß es kaum an ihr ist, sich mit Fahrgästen auf diese Weise zu streiten.

Ihre Blicke schweifen wieder zur Rotze. Die Idee, diese genauestens zu überprüfen, scheint wieder vergessen zu sein, denn genau das hat sie ja eigentlich vor dem Schuß getan. Die Ursache muß also woanders liegen, und sie muß irgendwie naheliegend sein.

Grübelnd sieht Nirka zu den beiden Streitenden...



Die letzte Situation, da die Freifrau in solch unverschämter Weise angeredet wurde, liegt schon sehr lange zurück. Reckinde war noch jünger und noch sehr viel aufbrausender als man sie heutzutage erleben kann. Der Kerl damals, ein sehr ungeschickter und tölpelhafter Kaufmann, der bis über beide Ohren bei ihr verschuldet gewesen war, hatte ihr ähnliches an den Kopf geworfen. Sein Zorn rührte daher, da die Freifrau auf die Einlösung der Wechsel bestand und als einzige Alternative den Schuldturm anbieten wollte.

Man kann verstehen, daß dieser Herr damals von seinen Aussichten nicht sehr erbaut gewesen war. Nachdem alles Bitten nichts gefruchtet hatte, 'Gnade' war für Frau Reckinde schon immer ein Wort, daß sie selten dachte und noch seltener über die Lippen brachte, versuchte es der Kaufmann mit Drohungen, allerdings auch ohne Erfolg. Zuletzt machte er seinem Ärger Luft, indem er die Freifrau auf das Gröbste beleidigte und sich dabei einer fast gleichlautenden Aussage bediente, wie es Jarun gerade wieder getan hatte.

Damals, vor langer Zeit, hatte Reckinde nicht lange gezögert und dem Unverschämten eine Ohrfeige verpaßt, die ihrem armen Opfer den Beinamen 'Der Zahnlose aus Festum' und ihr selbst den zynischen Titel 'Freifrau von Beibach und Kieferbruch' eingebracht hatte. Doch die Jahre haben Reckinde milder und abgeklärter werden lassen und ist Jaruns Kiefer nicht eine Moment lang in Gefahr. Doch so einfach hinnehmen wollte sie dessen Frechheiten nicht.

"Ich kann verstehen, daß ihr so denkt, lieber Herr Jarun, denn ihr seid, so denke ich, sicherlich in der bedauernswerten Lage, euch nach jedem Kreuzer bücken zu müssen. Doch sagt doch selbst: War da jemals ein Rubin darunter? Sicher nicht, denn Edelsteine findet man nicht im Staub der Straße. Ich dagegen habe sehr viel mit Rubinen zu tun. Soll ich euch einmal erzählen, wieviel Kreuzer an einem solchen Rubin hängen können? Könnt ihr euch so viel Geld überhaupt vorstellen? Man wirft vielleicht mit der Wurst nach dem Schinken - tollkühn nennt man das vielleicht, aber mit dem Schinken nach der Wurst zu werfen, nennt man Dummheit. Glaubt mir, ich erkenne einen Profit, wenn ich einen sehen. Bei euere seltsamen Idee sehe ich zwar eueren Profit, aber nicht den meinen und es würde dem PHEx wohl kaum gefallen, wenn ich Gold opfern würde, nur um euere Phantastereien Wirklichkeit werden zu lassen. Haltet mich bitte nicht für dumm - es würde euch nicht bekommen!"



Nirkas Aufmerksamkeit, was die Diskussion zwischen Reckinde und dem Gaukler angeht, läßt immer weiter nach, denn im Grunde ist sie froh, dieser Diskussion entkommen zu sein.

Sie entfernt sich sogar ein kleines bißchen von den beiden Streitenden, um die Rotze genauer zu betrachten - insbesondere deren Sockel, den kurz davor auch Reckinde so aufmerksam gemustert hat.



Die ersten Sätze Rekindes sorgen bei Jarun für Erinnerungen an längst vergessene Zeiten. Damals, vor vielen Jahren, als er wirklich noch darauf angewiesen war, jeden Heller dreimal umzudrehen, bevor er ihn ausgab, traf er oft genug auf Adel und reiches Volk, daß in ihm nur den Possenreißer und Hofnarr sah, der bei Festen für ein paar Münze die Laune der Herren hob. Doch diese Zeiten waren vorbei. Er hatte es satt, sich von solchen Leuten wie ein Tier behandeln zu lassen. Schließlich hatte er viel erreicht und war ein angesehener Bürger Aventuriens. Auch wenn man ihm seine Profession immer noch ansah, da er ihr sehr verbunden war.

Die folgenden Sätze Rekindes hört er gar nicht mehr richtig. Sondern er beginnt auf dem Vorderdeck auf und ab zu gehen, während er die Hände in die Hüften gestellt hat. Wie ein Hahn stolziert er dort mit geschwellter Brust auf und ab.

Schließlich endet Rekinde und Jarun beginnt seinerseits eine Redeschwall auf sie niederzulassen, wobei er aber weiter das Deck beschreitet. Immer wieder bleibt er stehen und versucht seinen Worten mit Gesten seiner Hände eine besondere Gewichtung zu verleihen.

"Nun hört ihr mir mal zu. Ihr redet hier nicht mit einem dahergelaufenen Burschen, der nichts von der Welt gesehen hat und nichts über wirklichen Gewinn weiß. Ich habe harte Zeiten hinter mir, habe es aber trotzdem geschafft ein angesehener Bürger Greifenfurts zu werden."

Er macht eine kurze Pause, die eine gewisse Dramatik hervor rufen soll.

"Ich bin Jarun der Papagei, Gaukler aus Fasar, Drachentöter, Offizier des kaiserlichen Stabes zu Gareth, Fachmann für Vampirologie und nicht zuletzt Leiter der Drachentanz-Akademie in Greifenfurt."

Kurz hält er inne, um eine Reaktion aus Rekindes Gesicht zu lesen, doch redet er dann sofort weiter, da er befürchtet, daß sie ihn unterbricht. Inzwischen hat seine Stimme eine Lautstärke angenommen, die nichts mehr mit einem normalem Gespräch zu tun hat.

"Ich habe es sicher nicht nötig mich nach jedem Kreuzer zu bücken, doch habe ich nicht vergessen, woher ich kam und wie ich zu diesem Wohlstand und Ansehen kam. Ihr seid wahrscheinlich schon in seidenen Laken geboren worden und wißt wahrscheinlich gar nicht, wie man vernünftigen Gewinn erzielt. Ihr stammt sicher aus einer großen Händlerfamilie, deren Stammbaum bis in die Zeit, der Geburt der Zwölfe zurück reicht. Solch einen Reichtum zu erhalten, dazu gehört nicht besonders viel phexisches Talent."



So sehr sich Jarun auch aufregt, Frau Reckinde scheint nicht betroffen zu wirken, eher gelangweilt. Manchmal dreht sie ein wenig die Augen nach ober, ein kleines Zeichen von schwelender Ungeduld, aber im Großen und Ganzen verhält sie sich bemerkenswert ruhig, bedenkt man ihr ausgeprägtes cholerisches Temprament.

Als Jarun seine Fähigkeiten und Verdienste in höchsten Tönen zu loben beginnt lächelt sie gehässig und abfällig, um gleich darauf wieder in eine geradezu steinerne Starre zu verfallen. Ein leichtes angedeutetes Gähnen sind die einzigen Lebenszeichen, die sie von sich gibt, solange bis Jarun beginnt über ihre Vorfahren herzuziehen. Da füllen sich die Augen der Freifrau wieder mit feurigem Glanz und die Adern an ihren Schläfen schwellen auf.

"Für einen Weltmann, als den ihr euch selbst bezeichnet, habt ihr euch aber sehr intolerante Trivialitäten zu eigen gemacht. Ich glaube ihr solltet doch etwas mehr über den bornischen Adel lernen, Herr Jarun, der Gockel oder heißt es Papagei - ist ja egal! Meine Vorfahren ernährten sich über Jahrhunderte hinweg von Ackerbau und Viehzucht und sie hatten alle Schwielen an den Händen. Einen großen Reichtum gab es da nicht zu verwalten und der ganze Besitz den wir hatten, gebar uns mehr Arbeit als Luxus. Alles was ich heute besitze ist die Frucht meiner eigenen Hände Arbeit und ich denke gar nicht daran, euch gegenüber dafür Rechenschaft abzulegen, nur weil ich sehr viel erfolgreicher war, als es offensichtlich euch gelungen ist. Vermögend wurde ich, weil ich hart war, gegen andere, aber auch mich selbst.

Woher wolltet ihr denn wissen, daß mir mein Gold in den Schoß gefallen sein könnte. Ich sage euch: Eine Frau ist nur dann erfolgreich in diesem Geschäft, wenn sie härter, skrupelloser und listiger ist, als es ein Mann je gewesen war. Und ich habe es geschafft mich an die Spitze zu kämpfen und ich habe es geschafft dort zu bleiben, obwohl man gegen mich zu Felde zog mit Mittel, die PHEx nie und nimmer gesegnet hätte. Also erzählt mir nichts vom Leben oder der Welt, dort wo ich ein Spielball des Schicksals gewesen war und mir nun die Mittel erwirtschaftet habe, um mir die Welt zum Spielfeld und das Leben zum Spielzeug zu machen. Ich habe mir Würde zurück erobert aus dem Händen der Neider und Mißgönner und habe mir die Ehre bewahrt und das werde ich mir von euch nicht streitig machen lassen.

Es mag sich keine Leistung dahinter verbergen dem Adelsstand anzugehören, das mag sein, aber die Abstammung aus einfachen Verhältnissen ist auch kein Ehrenprädikat und ehe ihr derart herabwürdigende Äußerungen absondert, sollte man sich über die Hintergründe euere Argumente im Klaren sein ! Oder lernt man das nicht so, auf der Akademie für Drachentanz? Aber als kaiserlicher Offizier sollten euch die Zusammenhänge so schon klar sein!"

Reckinde spricht eifrig und laut, aber sie brüllt nicht. Ihre Gestalt bleibt ruhig und gelassen und das macht sie zu einer sehr paradoxen Erscheinung, Irgendwie wirkt sie, wie eine Schlange, die gerade, in einem Moment der Ruhe, Gift im Kiefer sammelt, für den finalen Biß.



NORDSTERN - Vordeck: Nirka hält sich raus


Die Bootsfrau hockt sich kurz hin, und betrachtet den Sockel noch etwas genauer, dann springt sie wieder auf, und fast so etwas wie Befreiung, zumindest aber die Freude über das Verstehen, ist in ihrem Gesicht zu lesen.

Sie dreht sich kurz um, auf der Suche nach jemanden, dem sie das mitteilen kann. Zuerst fällt ihr Blick auf Angar, aber der ist anscheinend mit einer Winde beschäftigt, die schon ihre Endposition erreicht hat, außerdem ist er niemand, mit dem sie diese Erkenntnis teilen möchte. Der Blick geht weiter, und trifft dann schließlich Reckinde - Reckinde, die so viel Interesse für die Rotze gezeigt hat. Doch... sie ist immer noch in das Streitgespräch mit dem Gaukler verwickelt, und die Wörter, die von da so herüber kommen, die senken die Lust der Bootsfrau, dort wieder mitzumischen erheblich - ganz abgesehen davon, daß das nun wohl ein reines Gespräch zwischen zwei Fahrgästen ist, mit dem sie nicht im geringsten etwas zu tun hat.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Todeskampf


Während die ZYKLOPENAUGE notdürftig repariert und zum Abschleppen klargemacht wird und sich schließlich unmerklich in Bewegung setzt, geschieht auf dem Oberdeck etwas Wunderbares: Ein Mensch, der bereits im Sterben liegt, dessen Seele schon von Boron beansprucht wird, wird jenem wieder streitig gemacht.

Die Wunde, welche Darian im Begriff ist, zu heilen, erweist sich in der Tat als tiefer, als es zunächst den Anschein hatte. Zwar ist die unmittelbare Todesgefahr durch Verbluten gebannt, aber durch die Art, wie die geometrischen Muster des BALSAM SALABUNDE auf die Wunde wirken, und durch die Veränderungen der Linien, welche durch den Kontakt mit den zerstörten Organen, Muskeln und Hautschichten quasi gebrochen und reflektiert werden, kann ein erfahrener Heiler schon erkennen, daß zunächst die inneren Verletzungen geheilt werden müssen, bevor sich die Wunde schließen kann. Langsam fügt sich jedoch wieder eines zum anderen, während der Magier seine Bemühungen fortsetzt.

Die Kopfverletzung, welche Fargus mühsam freilegt, sieht zwar auf den ersten Blick nach einer einfachen Platzwunde aus. Es ist jedoch nicht leicht zu erkennen, ob nicht etwa auch eine Schädelfraktur vorliegt.



Noch immer flieszt die Kraft, noch immer konzentriert sich Darian auf die Formel, dann endlich hat die heilende Wirkung des BALSAM SALABUNDE ihr Werk im Innern getan und wird nun auch an der Oberfläche sichtbar. Der Blutflusz versiegt, langsam bildet sich neue Haut, dort wo der Stich ein tiefes Loch entstehen liesz. Schlieszlich, nach einigen schier endlosen Minuten, ist der Zauber vollbracht, die Verletzungen im Innern sind verheilt, die Wunde hat sich mit frischer Haut überzogen und nicht einmal eine Narbe, wie sie bei konventionellen Wundheilungen wohl unvermeidbar wäre, bleibt zurück. Nur die blutbefleckte Hand des Magiers zeugt noch davon, dasz hier gerade eben noch ein Mensch im Sterben lag.

Der Adeptus nimmt allmählich wieder seine Umgebung wahr. Fargus hat sich der Kopfverletzung angenommen, das ist gut. Langsam richtet Darian sich auf. Der Matrose hat ihm offenbar die gesamte Zeit beim Zaubern zugesehen. Aber das ist Darian gewohnt, der Magieunkundige kommt zumeist aus dem Staunen nicht mehr heraus, wenn er einmal eine Formel so offensichtlich wirken sieht und so geht er auch nicht weiter darauf ein.

"Wir sollten nun ihren Arm schienen," richtet der junge Magus sein Wort an Trolske, "dazu brauchen wir ein Stück Holz und etwas zum festbinden." Er läszt seinen Blick kurz über die Takelagentrümmer schweifen, "das sollte sich hier ja finden lassen."



"Gewiß doch, Herr Darian, so was sollte sich hier finden lassen", wiederholt Trolske. Der alte Matrose ist sichtlich ergriffen. Sein Blick schwankt unablässig zwischen dem Magus und dem jungen Mädchen, dessen Körper eben noch von einer fast tödlichen Wunde verunstaltet wurde, hin und her. Noch rührt sie sich nicht, doch der Magus erscheint ihm rechtschaffen zuversichtlich, was ihre Gesundheit betrifft. Ein gebrochener Arm ist nicht tödlich und wenn es nun daran geht, eine solche Verletzung zu behandeln, dann wird wohl das Gröbste überwunden sein.

Doch dann besinnt sich Trolske endlich wieder auf seine Aufgabe. Ein Stück Holz gilt es zu suchen und dann noch etwas zum festbinden. Ein passendes Stück Holz ist schnell gefunden, denn solches liegt überall auf dem Deck in verschiedenen Größen, Längen und Stärken herum. Die groben Seile ist zum festbinden aber weit weniger geeignet als ein längliches Stück Segeltuch, stellt Trolske für sich fest und zückt auch schon seinen kurzen Dolch, den er als Arbeitswerkzeug stets bei sich trägt. So dauert es nicht lange, bis Trolske aus einem zerfetzten Segel ein paar passende Bahnen Tuch abgeschnitten hat und es dann Darian entgegen reicht.

"Ist's so recht, Herr Darian?"



Während der Magier die Wunden am Körper scheinbar ohne größere Probleme behandeln kann, hat Fargus Mühe, die entsprechende Stelle für eine Behandlung vorzubereiten. Schließlich gelingt es ihm jedoch. Er beginnt die Wunde mit einer speziellen Flüssigkeit zu beträufeln, die er in der Hauptsache aus dem Saft der vierblättrigen Einbeere gewonnen hatte, um zumindest den Blutverlust in Grenzen zu halten.

"Werter Magier, sollen wir dem Mädchen noch etwas zur Steigerung ihrer Abwehrkräfte einflößen? Ich denke, die Gefahr einer Entzündung ist ziemlich groß und das schlimmste wäre jetzt noch eine Infektion, da ihr Körper doch arg geschwächt ist." spricht Fargus zu Darian.



Darian nimmt Holz und Stoff von Trolske entgegen.

"Ja, damit sollte es gehen. Aber Bitte: Nennt mich nicht Herr Darian, Darian ist mein Vorname, kein Familienname," den zweiten Satz spricht er in einem freundlichen, fast belustigten Tonfall aus, will er doch nicht den Anschein erwecken, er fühle sich beleidigt, schlieszlich will er niemanden beängstigen. Tatsächlich empfindet der Adeptus diese Fehldeutung seines Namens auch nicht als Beleidigung und tatsächlich stiehlt sich ein leichtes Schmunzeln auf seine Lippen, als er sich vorstellt wie wohl ein Name wie ´Alrik von Darian´ o.ä. klingen würde.

Der Adeptus kniet erneut an der Seite des jungen Mädchens nieder. Diesmal ist der gebrochene Arm das Objekt seines Interesses. Er schiebt den Ärmel ihres Kleides zurück, um den Bruch besser begutachten und richten zu können, als der Druide ihn anspricht.

"Nun, eine Entzündung ware in ihrem Zustand sicherlich fatal, so dasz Masznahmen zur Verhinderung einer solchen in jedem Falle getroffen werden müszen. Solltet Ihr meine Hilfe benötigen, gebt einfach Bescheid."

Mehr sagt er erstmal nicht. Darian geht davon aus, dasz ein alter und erfahrener Magiekundiger, gleich welcher Spielart, einen so weit verbreiteten Zauber wie den BALSAM SALABUNDE beherrscht und es als Beleidigung auffaszen könnte, stellte man seine Fähigkeiten in Frage.



Als der Magier den Arm der Verletzten ergreift, kann er ein leichtes, kaum spürbares Zucken desselben wahrnehmen. Gleichzeitig hebt sich die Brust der Verletzten mit einem tiefen, jedoch stoßweise unterbrochenen Atemzug. Dies könnte auf einen Umstehenden beinahe erschreckend wirken angesichts der Tatsache, daß das Mädchen so lange Zeit völlig reglos dagelegen hatte.

Ein Augenblick später ist ein leichtes Flattern der Augenlider zu erahnen.



Darian wendet sich wieder voll dem Arm des jungen Mädchens zu. Er hat das Zucken wohl bemerkt und deutet es so, dasz sie wohl bald erwachen wird. Zwar freut es den Adeptus sehr, dasz ihre gemeinsamen Bemühungen wahrscheinlich von Erfolg gekrönt sein werden, doch wäre es für die Verletzte wesentlich weniger schmerzhaft, wenn sie das Knochenrichten nicht bei vollem Bewusztsein durchleiden müszte. Der Ärmel ist nun beiseite geschoben und Darian beginnt damit den gebrochenen Knochen zu ertasten, um ihn wieder in seine tsagegebene Stellung zu bringen. Zum Glück liegt der Bruch nicht auf einem Gelenk, dasz hätte wohl einen weiteren Magieeinsatz umungänglich gemacht.

Gerade als er zum entscheidenden Schritt ansetzen will, nimmt er am Rande, die ohnehin schon recht leise, Entschuldigung Trolskes wahr. Zwar schafft es das gemurmelte Wort kaum das Bewusztsein des Magiers zu erreichen, dennoch erkennt er, dasz hier offenbar noch Aufklärungsbedarf besteht. Darian nimmt sich vor es dem Matrosen nachher noch genauer zu erklären. Wahrscheinlich stammt Trolske aus sehr einfachen Verhältnissen und weisz gar nicht genau, was Vor- und Familiennamen sind. Momentan ist jedoch die Rettung des Mädchens um einiges wichtiger, als die Klärung eines so lächerlichen Miszverständniszes und so macht er sich endlich daran den Bruch zu richten.



Verlegen kratzt sich Trolske am Kopf. 'Mit den korrekten Anreden bei Leuten von Stand ist das ja so eine Sache, insbesondere wenn sie dem geheimnisvollen und zumeist auch übelwollendem Stand der Zauberer angehören. Andererseits war der junge Herr Darian - nein, Halt, nicht Darian, sondern... der junge Herr Magier...?! Wirklich richtig klingt das auch nicht. Ist wohl am besten, wenn man weitere direkte Ansprachen umgeht,' nimmt sich Trolske für die Zukunft vor und läßt nur ein gemurmeltes "T'schuldigung" verlauten.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Hjaldar's Bedenken


Mit besorgter Miene nimmt Hjaldar zur Kenntnis, daß Lowanger die ZYKLOPENAUGE zum Schleppen frei gibt. Ihm wäre wesentlich wohler gewesen, wenn man sich vorher zumindest kurz unter Deck umgesehen hätte.

Doch geschehen ist geschehen und einem Vorgesetzten redet man nicht in seine Befehle - als Hjaldinger spottet man hinterher heftig, wenn's schief geht aber als Söldling macht man vernünftigerweise auch das nur im Stillen und unter vertrauten Ohren.

Hjaldar's Besorgnis wird noch um einiges größer, als er bemerkt, wie die ZYKLOPENAUGE zunächst nur rückwärts gezogen wird ...

'Wenn die da man nich' Kleinholz aus dem Beiboot machen...' schießt ihm durch den Kopf, aber ein kurzer Blick zur Orientierung sagt ihm, daß die ZYKLOPENAUGE sich in den nächsten Sekunden von diesem weg drehen wird, dort also keine Gefahr besteht.

Die kaum abschätzbare Gefahr unter Deck besteht aber seines Erachtens nach wie vor.

"Wir sind unter Deck - sicherstellen daß nicht zufällig ein Hai durch die Löcher kiekt." läßt er darum den zweiten Offizier wissen und stapft auch schon ungeduldig zum Niedergang ohne weitere Worte abzuwarten.



Ole zuckt hilflos mit den Schultern, als wolle er sich bei Lowanger für die Respektlosigkeit Hjaldars entschuldigen, so einfach los zu stürmen, ohne eine Befehl dafür abzuwarten, so sehr er eigentlich auch recht hat damit.

"Es wird Zeit, daß wir das tun, schließlich wollen wir Salzerhafen über dem Wasser erreichen und nicht darunter ...!" brummt er nur. Dann greift er sich mit der Hand an den Mund, eine alte Gewohnheit, da der Schiffszimmermann fast ständig eine Pfeife raucht, aber im Moment gerade nicht, so daß die Bewegung zerfahren und nervös wirkt.

Ole zögert, soll er auf einen Befehl warten oder Hjaldar hinter laufen? Unentschlossen tritt er von einem Bein auf das andere und sieht dabei aus, wie ein im Sturm schwankender Baum. Dann knurrt Ole irgend etwas unverständliches vor sich hin, irgend etwas, daß so ähnlich klingt wie:

"...es muß ja doch sein ..."

Dann eilt er Hjaldar hinterher, allerdings nicht auf direktem Weg, sondern zuerst seine Werkzeugkiste holend.

"Hiho Hjaldar, so warte doch, was willste denn tun, wenn dir so ein häßliches Leck begegnet? Etwas den Daumen draufhalten oder mit Spucke zukleben ...?"



NORDSTERN -Brücke: Schleppfahrt


Der Druck des Windes dreht die NORDSTERN rasch nach Backbord, während sie zugleich beginnt, Fahrt aufzunehmen.

Kurz bevor der Bug in die Richtung zeigt, in die er in den Stunden vor dem Beidrehen gezeigt hat, ruft Jergan:

"Fiana, Ruder wieder in Neutralstellung, Segel etwas fieren."

Die Matrosen auf dem Oberdeck kurbeln die Winden wieder ein kleines Stück zurück, um die Segelstellung an den neuen Winkel zum Wind anzupassen - die Stellung, die nötig war, um das Schiff zu drehen, würde jetzt außer Schlagseite nach Backbord kaum etwas bewirken. An den Schoten und Wanten ist deutlich zu sehen, daß der Vortrieb nun erheblich stärker ist, das Schiff also rascher als zuvor Fahrt aufnimmt, und das in einer Richtung, die der nach Salzerhaven entspricht.



Umgehend reagiert Fiana auf den Befehl des Kapitäns und dreht das Ruder wieder in die Neutralstellung.

"Ruder in Neutralstellung", bestätigt sie dem Kapitän



Der Zug am Schleppseil wird auf der ZYKLOPENAUGE immer deutlich spürbar. Zwar setzt sich das Schiff immer noch nicht richtig in Bewegung, weil es, relativ zur NORDSTERN, in der verkehrten Richtung liegt, aber die Trosse zerrt den Bug stark in Richtung Backbord, ganz so, wie es Jergans überlegungen auch vorgesehen haben.

Bei diesem Manöver wird das Schiff sogar rückwärts gedrückt, aber da der Zug am sich momentan hinten befindlichen Bug angreift, und auf diesen asymmetrische Kräfte einwirken, wird das ganze recht bald dazu führen, daß die ZYKLOPENAUGE gegen den Uhrzeigersinn gewendet wird.



NORDSTERN - Vorderdeck: Der 'faule' Angar


Daß Nirka durch das Gespräch mit der Freifrau und ihre alberne Spielerei mit dem Geschütz so prima abgelenkt wird, ist Angar vollkommen recht, kommt er doch so in den Genuß einer noch längeren Pause. Das, was da geredet wird, interessiert ihn so wenig, daß er die Worte ebenso wie die Wellen, die etwa zweieinhalb Schritt unter ihm an die Bordwand der NORDSTERN klatschen, als eine fast schon einschläfernde "Musik" im Hintergrund wahrnimmt. So ist das Leben an Bord wirklich angenehm...

Mit dem Befehl des Kapitäns ändert sich das alles jedoch drastisch! Nicht, daß Angar dadurch zur Arbeit animiert werden könnte, das nicht, aber die Welt ist hart und ungerecht: Für das Segelmanöver wird genau die Winde gebraucht, neben der seine Füße liegen, die damit sogar einem potentiellen Bediener massiv im Wege wären - ganz abgesehen davon, daß es diesem auffallen MUß, daß Angar nicht gerade fleißig ist...

So erhebt sich der Matrose stöhnend und im Stillen über diesen bösen Schicksalsschlag klagend, und sorgt dafür, daß die fragliche Winde dem Befehl entsprechend bedient wird, und das Vorsegel in die optimale Stellung dreht.



Natürlich ist die Winde, an der Angar sich zu schaffen gemacht hat, längst optimal eingestellt, und es sieht nicht so aus, als wären hier weitere Einstellungen erforderlich. Dann sind da die Blicke der Bootsfrau... wie lange dauert es noch, bis sie mitbekommt, daß er, Angar, hier nicht wirklich etwas tut?

Das ist zu heikel, denn der Matrose hat keine Lust, in dieser Situation genau beobachtet und gut beschäftigt zu werden. So wirft er noch einen, wie er hofft, sehr aufmerksamen Blick auf die Winde und trollt sich dann in Richtung Oberdeck.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Lowanger bremst


Während Lowanger mit dem Abgesandten spricht und dann beginnt, in Richtung des neu gefundenen Überlebenden zu gehen, um den sich Magus und Druide kümmern, teilt Hjaldar mehr nebenbei mit, daß Ole und er unter Deck nach Lecks suchen - also genau das, wonach er Phaylion gerade gefragt hat. Prinzipiell hätte er auch nur wenig dagegen einzuwenden, aber es würde sehr unhöflich wirken, wenn dies sofort geschieht, ohne auch nur die Antwort auf diese Frage abzuwarten.

So bekommen die beiden Seeleute vom zweiten Offizier nur ein knappes

"Moment, wartet damit noch kurz!"

zu hören, ohne daß dieser sich dabei von Phaylion abwendet.



Ole hat seine Werkzeugkiste schon erreicht und aufgehoben, als der Lowanger den Befehl gibt, noch zu warten. Das paßt Ole gar nicht. Das Gefühl, daß dieser edelblütige Überlebende mit dieser Verzögerung zu tun haben könnte, verursacht dem Schiffszimmermann ein leichtes Magendrücken. Das Mißtrauen wühlt in ihm.

"Worauf warten?" ruft er mit einem gereizten Unterton "Etwa darauf, daß uns das Wasser bis zum Hals steht?"



Ebenfalls ohne Hast begleitet Phaylion den Navigator.

"Natürlich nicht, laßt Eure Leute nur ihre Arbeit machen. Ich hoffe jedoch, daß die Waren, soweit sie noch vorhanden und unbeschädigt sind, dies auch bleiben ..."



Lowanger nickt ernst.

"DAS ist selbstverständlich. Im Gegensatz zu den Leuten, die für dieses Massaker hier verantwortlich sind, sind wir ehrliche Seeleute, und keine Piraten."

Er bleibt kurz stehen, und dreht sich vor allem in Richtung von Ole und Hjaldar um - daß Trolske sich den beiden auch anschließen möchte, hat er noch gar nicht mitbekommen.

"Ole und Hjaldar, guckt euch da unten mal kurz um, ob es irgend welche Anzeichen für offensichtliche Schwächen der Schiffsstruktur gibt, oder ob irgendwo Wasser in größeren Massen in den Rumpf gurgelt."

Er überlegt kurz, ob er noch etwas zur Ladung sagen soll, läßt das dann aber.

"Haltet euch nicht zu lange damit auf, denn es kann sein, daß wir hier oben noch helfende Hände brauchen, falls durch Schlagseite und Seegang Teile über Bord zu gleiten drohen, oder falls es Probleme beim Schlepp gibt. Haltet euch auch nicht mit kleinen Lecks auf - bei dem Wassereinbruch, der zu dieser Schlagseite geführt hat, können wir den Kahn mühelos bis nach Salzerhaven bekommen, ohne daß etwas passiert - da müßt ihr also nicht mühsam etwas suchen."

Nach diesen Worten wendet Lowanger sich wieder Phaylion zu, und der Absicht, zu dem Magier und dem Druiden zu gehen, die sich um den neu gefundenen Verletzten kümmern.



"Es wäre zermürbend, vom Regen in den die Traufe zu kommen", sagt er mehrdeutig und setzt den Weg fort. Sieht nach der Kleinen aus, die sie hier zu retten versuchen. Armes Mädel, hat jetzt fast alles verloren durch diesen Haufen fehlgeleiteter Barbaren.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Ins Unterdeck ....


'Endlich!- der Weg in das Unterdeck ist freigegeben!'

Darauf hat Ole nur gewartet! Gleich nimmt er seine Werkzeugkiste etwas fester in den Arm und will sich gerade aufmachen, als sein Blick noch einmal auf die beiden Zauberer fällt, mitfühlend betrachtend, wie die zwei Magister um das Leben des kleinen Mädchens kämpfen. Trolske steht Hände ringend daneben, auf das äußerste angespannt und hilflos.

Wie blaß sie ist, das Mädchen, so zart und zerbrechlich. Was mag sie alles durchgemacht haben, ehe sie diese schrecklichen Treffer erhielt? Sollte sie von dem Herren BORon eine zweite Chance erhalten, wie wird dann wohl ihr weiteres Leben aussehen, mit diesem schweren Gepäck der Erinnerungen an dieses grausame erleben? Wird sie ihren Rettern danken oder wird sie sie verfluchen?

"Ihr müßt mit ihr reden!" ruft Ole den beiden Zauberern und Trolske hastig zu "Ihr müßt ihr den Lebensmut wiedergeben! Wenn sie gar nicht weiterleben will, dann ist euere Kunst vergebens. Die Wunden des Körpers mögt ihr jetzt und hier heilen können, doch nützt das gar nichts, wenn sie von den Wunden der Seele dahingerafft wird. Ich kann euch nur raten - Redet mit ihr! Macht ihr klar, daß sie nun unter Freunden ist, daß sie sich in Sicherheit befindet. Und dann legt sie am Besten so, daß sie nicht gleich, nach dem ersten zögernden Augenaufschlag einen zerstückelten Verwandten sehen muß, sonst bröselt sie euch gleich wieder ab!"

So spricht es der alte Schiffszimmermann, dann wendet er sich um, ohne auf eine Antwort zu warten und schreitet vorsichtig über das blutige Chaos auf dem Oberdeck dem Niedergang zum Unterdeck entgegen.



Etwas verspätet antwortet Hjaldar auf Oles Frage bezüglich seiner Strategie gegen ein Leck.

"Ich schnapp mir den nächstbesten Schiffszimmermann und stopf ihn ins Leck ... das hält dann schon."

Während er sich umdreht und beginnt ins Unterdeck hinab zu steigen.

Er ist schon halb im Niedergang verschwunden, als Lowanger anordnet noch zu warten. Unwillig verzieht sich Hjaldars Gesicht und er ist versucht, den Befehl sturköpfig zu überhören. Die Götter wissen was da unten los ist und er will es lieber sofort als ein paar Herzschläge später heraus finden.

Der Wassereinbruch mag ja vielleicht nicht tragisch sein - indes wissen kann man es auch nicht - aber genau so gut wie hier oben kann dort unten ein Schwerverletzter liegen und nicht zuletzt findet sich dort möglicherweise des Rätsels Lösung für das unerklärliche Gemetzel an Bord.

Aber trotz all seiner Ungeduld bleibt er erstmal auf den Stiegen stehen und wartet. Glücklicherweise haben die Götter - oder zumindest mal der zweite Offizier - ein Einsehen und noch bevor Hjaldar beschließt den Befehl Befehl sein zu lassen, ertönt die Freigabe.

"Na also, das hat sich doch jetzt voll rentiert." brummelt er leise vor sich hin, als er die letzten Stufen hinunter klettert um Ole, der jetzt ebenfalls am Niedergang ankommt den Weg frei zu machen.

Im ersten Augenblick kann er auf Grund der schlechten Lichtverhältnisse nur die größeren Schemen zuordnen, doch es dauert nicht lange, bis er sich an das Dämmerlicht gewöhnt hat.

Im Gegensatz zum Chaos auf Deck sieht es hier fast aufgeräumt aus - zumindest einmal frei von Trümmern. Nur direkt neben der Stiege, halb an einer Trennwand zusammengesackt, die vermutlich wohl die Mannschaftsquartiere abgrenzt, liegt der regungslose Körper eines Mannes. Auf Grund der verdrehten Lage des Torsos kann Hjaldar nur den Rücken erkennen, der keinerlei Verletzungen aufweist, wenn auch das einfache Leinenhemd blutverschmiert ist.

Schnell bückt er sich und faßt den Mann an der Schulter um ihn herumzudrehen, doch er hält in der Mitte der Bewegung inne, die Nutzlosigkeit seines Unterfangens erkennend. Scheinbar ist der Matrose - um einen solchen dürfte es sich der einfachen Kleidung nach handeln, befindet Hjaldar - beim Hinaufstürmen der Treppe aufs Deck mit einem gewaltigen Axthieb auf den Kopf empfangen worden, dem der Schädelknochen nichts entgegen zu setzen hatte. Enttäuscht richtet Hjaldar sich wieder auf.

"Noch einer auf Borons Strichliste." meint er trocken.



Neben dem Matrosen, den Hjaldar gefunden hat, gibt es in dem Bereich des Unterdecks, den Hjaldar und Ole zuerst erreichen, kaum bemerkenswertes zu sehen. Die Raumaufteilung ist der der NORDSTERN recht ähnlich - auf der einen Seite scheint es zu den Mannschaftsunterkünften zu gehen, auf der anderen durch einen Laderaum, in dem nur einige aufgeschlitzte Bündel, die offenbar Wolle enthalten, an einer Seite liegen. Alles übrige scheint recht rasch ausgeräumt worden zu sein, und von oben scheint ein wenig Licht durch Ritzen in der Decke - da könnte sich die Ladeluke befinden, die anscheinend nicht ganz sauber geschlossen ist.

Weiter in Richtung achtern liegt ein weiterer Mensch in einem Durchgang, dessen verkrümmte Lage wohl auf einen Genickbruch hinweist. Der Durchgang selbst dürfte, wenn man die Analogie zur NORDSTERN fortsetzt, zu den Kabinen, der Kombüse und vermutlich auch der Messe führen.

Auf halben Weg zu diesem Durchgang gibt es einen weiteren Niedergang, der in die tieferen Bereiche des Schiffes, also wohl das Ladedeck, hinab führt.

Wasser oder Spuren von Wassereinbruch sind hier nirgendwo zu sehen, auch wenn dieser Raum sich auf der Backbordseite mit dem Boden sicher schon unterhalb der Wasserlinie befindet - denn dort liegt diese auf Grund der Schlagseite ja nur knapp einen Schritt unter dem Deck, während dieser Raum etwa zwei Schritt hoch ist.



Ole zieht hörbar Luft zwischen den Zähnen ein, ein Zeichen unterdrückten Entsetzens, als er das Gesicht des Seemannes, den Hjaldar untersucht, erblicken mußt.

"BORon's Strichliste?" bemerkt er mit bitterem Ton "Ich denke, er führt sie gerade beidhändig und beschreibt dabei schon die Rückseite des Blattes!"

Gerne wendet sich der Schiffszimmermann ab und untersucht nun die Bordwände. Oberflächlich gesehen sieht alles noch ganz brauchbar aus und für eine eingehendere Untersuchung fehlt momentan die Zeit. Außerdem drängt es Ole schon, nebenbei nach Hinweisen zu suchen, die einen Aufschluß darüber anbieten könnte, was auf der ZYKLOPENAUGE alles geschehen war, eben jene Dinge, die sie noch nicht wissen, die aber zur Beurteilung der Lage wichtig wären.

"Da hab ich ja noch mal Glück gehabt!" erklärt Ole Hjaldar mit einem müden Grinsen "Nirgendwo ein Leck, wo du mich, mit dem Arsch voran, reinstopfen könntest. Aber noch gibt es weder für dich noch für mich eine Garantie auf trockene Hosen. Wo wollen wir weiter schauen? Im Mannschaftsraum, in der Messe, in den Kabinen oder wollen wir uns den Laderaum gründlich vornehmen. Außerdem sollten wir die Bilge anschauen. Wenn da Wasser raus kommt, dann machen wir sie einfach dicht, keine Macht der Welt brächte mich da rein. An einem Ort, wo sich nicht einmal mehr die Ratten aufhalten wollen, da ist auch keine Platz für den alten Draggensson!"



Während Ole damit beschäftigt ist, die Bordwände zu untersuchen, scheint Hjaldar eher zu lauschen. Und tatsächlich kann er ein leises Plätschern vernehmen, das sich nicht in den Ton der von gegen den Rumpf schlagenden Wellen eingliedern läßt.

Konzentriert wendet er den Kopf von der einen zur anderen Seite, bis Ole schließlich mit seiner Untersuchung fertig ist und ihn nach einer Idee zum weiteren Vorgehen fragt.

"Wenn wir tatsächlich hier oben ein Loch hätten, würden wir glaube ich schon längst auf der Seite liegen ... und deutlich tiefer." grinst er zurück.

"Aber unten is' Wasser."

Er deutet auf den Niedergang ins Ladedeck.

"Ich schlag vor Du gehst runter und siehst nach und rufst, wenn Du mich brauchst, während dessen seh' ich mich hier oben mal um, ob Marbo ihren grantigen Alten nicht doch noch bei einem beschwatzen konnte."

Seinem bitteren Gesichtsausdruck nach scheint er aber nicht wirklich damit zu rechnen, noch Leben finden zu können.



"Nun ja", sagt Ole gedehnt "Hier oben kam noch kein Wasser durch, das ist wohl klar wie frisches Bier! Wollt nur wissen, ob das auch so bleibt. Aber es sieht nicht danach aus, als könnte dieser Rest der Ladung noch durch die Planken rutschen."

Ole tritt leicht an einen der aufgeschlitzten Ballen, die hier verstreut herum liegen, doch es genügte, daß es um hin herum so aussieht, als regne es Wolle von der Decke.

"Gut, machen wir's so!" fährt er fort, während er sich ein paar Wollbüschel von der Schulter schnippt, "Sieh dich hier oben um, aber paß auf, daß du nicht nur ein paar Leute findest, die nicht nur von BORon verschont wurden, sondern zudem auch welche, die dich vielmehr in dessen Arme treiben wollen. Am Ende hast dann du Marbos Fürbitten mehr nötig als sonstwer auf diesem Schiff."

Ole schultert seine Werkzeugkiste und geht auf einen Abgang zu, der so aussieht als könne er zum Ladedeck führen. Doch bevor er hinunter steigt dreht er sich noch einmal zu Hjaldar um:

"Schau auch nach Hinweisen sonstiger Art, du weißt schon, was ich meine. Irgend etwas ist mit diesem Kahn nicht in Ordnung. Ist nur so'n Gefühl! ... "

Der Schiffszimmermann grinst als er noch anfügt:

" ... Und solltest du mich da unten gurgeln hören, dann war's wohl zuviel Wasser! .... - Und paß auf dich auf, ich habe mich an dein häßliches Gesicht schon zu sehr gewöhnt .... Mußt nicht ausschauen wie der da!"

Und Ole deutet dabei auf den Leichnam des unglücklichen Matrosen, den Hjaldar vorhin untersucht hatte.



In der Tat ist auf dem Unterdeck der ZYKLOPENAUGE ein Gurgeln zu hören, wie es Wasser erzeugt, das umher schwappt und dabei von allerlei Hindernissen behindert wird. Aber... es klingt wirklich nach diesem Geräusch, eher nicht danach, als würde irgendwo ein kräftiger Wasserstrahl dafür sorgen, daß das Wasser sehr rasch mehr wird.

Und das Geräusch kommt eindeutig von unten - dort, wo sich Hjaldar und Ole noch aufhalten, ist es bis auf das gelegentliche Knarren des Holzes sehr still, fast leblos still.

Auch das Knarren ist anders als das, was man so kennt, es ist nicht das Knarren, das von den Masten kommt, es ist anders - was im Grunde klar ist, da das Schiff ja ganz anders belastet wird, als das üblicherweise der Fall ist.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Lowanger und der Abgesandte


Für den Abgesandten scheint das Thema, was mit dem Schiff geschehen ist, abgeschlossen, und so schweigt auch Lowanger für einige Augenblicke, während er seine Aufmerksamkeit der - der, wie er jetzt sieht - Überlebenden widmet.

Dann kehrt sein Blick zu Phaylion zurück.

"Kennt Ihr sie?"

Angesichts der Tatsache, daß das Mädchen offensichtlich bewußtlos ist, ist das wohl der einfachste Weg, herauszufinden, wer sie ist - und einen Namen für sie zu haben, falls Phaylion dieser bekannt ist.



"Nicht wirklich, wir hatten nicht miteinander zu tun", gibt er die Antwort. "Sie heißt Alkine oder so ähnlich. Wollte nach Thorwal, glaube ich, wo ihre Schwester heiraten sollte."

Kurze Pause.

"Sie war auch hier an Bord ..."

Phaylions Gesichtsausdruck ist relativ unbewegt. Eine Tote hin oder her. Für die Kleine waere es vielleicht besser gewesen, doch zu sterben, jetzt ist sie alleine.



Lowanger überlegt kurz, während seine Blicke zu dem sichtbar verletzten Mädchen schweigen, dann zu den beiden Helfenden, und dann wieder zu Phaylion.

"Könnt Ihr die Schwester identifizieren? Wenn sie hier irgendwo tot liegt, dann sollten wir tunlichst vermeiden, daß das Mädchen sie erblickt, wenn sie aufwacht."



Phaylion sieht sich ein wenig um, ob die Schwester der Kleinen hier irgendwo liegt. Nach ein paar Momenten schwenkenden Kopfes und des Umherspähens deutet er auf die Dunkelhaarige, die ehedem eine kleine Schönheit war und nun von einem Axthieb beinahe geteilt ist. Jene, der Darian vor wenigen Augenblicken noch die Augen zugedrückt hat.

"Diese ist es", sagt er mit ruhiger und stiller Stimme.



Lowangers Blick folgt dem Hinweis des Abgesandten, und er zuckt kurz zusammen. Er hat die Tote zwar schon vorher gesehen, aber durch diesen Zusammenhang zu der Überlebenden wird sie irgendwie aus der Anonymität gerissen, bekommt diese unsinnige Grausamkeit einen sehr konkreten und faßbaren Zusammenhang.

Der zweite Offizier ist kurz sehr still, dann sagt er in die Richtung der beiden Heiler:

"Sorgt auf jeden Fall dafür, daß sie ihre tote Schwester nicht sieht."

An Phaylion gewandt fährt er fort:

"Wir werden bald in Salzerhaven sein, ich denke, es ist das beste, wenn wir die Toten bis dahin lediglich zudecken, und alles andere den Geweihten überlassen. Das erscheint mir angemessen."

Es ist unklar, ob das eine Frage oder eine Aussage sein soll.



Phaylions Blick ist von der toten Schwester wieder zur anderen Schwester, der noch lebenden, gewandert und verfolgt dort jede Regung.

"Das dürfte vertretbar sein", antwortet Phaylion, der sich mit Seebestattungen nun nicht gerade auskennt, aber durchaus nichts dagegen hat, besser früher als später im nächsten Hafen zu sein.

"Was denkt Ihr, wann werden wir in Salzerhaven schätzungsweise ankommen?"



Lowanger nickt zu Phaylions Bemerkung bezüglich der Toten. Dann sieht er kurz nach achtern, wo jetzt eigentlich jemand am Steuer stehen sollte, doch im Grunde ist das auch nicht so wichtig, das Schiff fährt von alleine in die Richtung, die die NORDSTERN ihr vorgibt, und es macht bislang auch keine Anstalten, aus dem Ruder zu laufen. Und das wird wohl auch nicht mehr geschehen, denn schneller als die knapp vier Knoten, auf die Lowanger die derzeitige Geschwindigkeit schätzt, wird der Schleppzug sicher nicht werden. Später mag das anders aussehen, wenn Manöver gefahren werden müssen, um die Hafeneinfahrt zu erreichen, doch bis dahin ist noch Zeit, und bis dahin werden Hjaldar und Ole wieder an Deck sein. Vielleicht kann auch Trolske... aber der soll besser erst einmal bei den beiden Heilern bleiben - daß diese Hilfe bekommen, wenn es nötig sein sollte, ist von höherer Wichtigkeit.

Das erinnert den Offizier zugleich auch wieder an die Frage, die gestellt wurde.

"Ich weiß es nicht genau. Wenn wir diese Geschwindigkeit beibehalten, dann dürfte es schon dunkel sein, wenn wir eintreffen. Wir können..."

Was er da sagen wollte, erfährt Phaylion nicht, denn in dem Moment fällt Lowanger etwas anderes, wichtigeres ein, das er sogleich fragen muß, denn die Antwort sollte der Abgesandte eigentlich kennen, und das noch vor der Rückkehr der beiden Seeleute.

"Ihr wart doch vorhin unten, vermutlich in Euer Kabine oder einer der anderen. Wie sieht es da aus - ob es möglich wäre, das Mädchen dort unterzubringen, bis wir im Hafen sind? Ich möchte nicht, daß sie, der schon so viel Leid widerfahren ist, hier aufwacht."

Bei dem Wort 'hier' macht Lowanger eine Handbewegung, die das Schiff und vor allem all die grausamen Spuren darauf umfaßt.



Nach Einbruch der Nacht also. Nun, warum auch nicht, im Endeffekt ist es gleichgültig. Vielleicht ist es so sogar besser. Wer weiß, welche Gefahren noch darauf lauern, diese Mission zu sabotieren - gesetzt den Fall, das hatte überhaupt damit zu tun. Der Feind hat in diesem Krieg indes bereits des öfteren für Überraschungen gesorgt.

"Ein bißchen benbukkulisches Durcheinander, aber das ist alles", gibt er leicht schulterzuckend für eine andere Frage zur Antwort. "Das sollte eigentlich möglich sein."



NORDSTERN: Schleppfahrt


Der Wind, der weiterhin mit einiger Stärke über das Meer der sieben Winde weht, füllt die Segel der kleinen rivaer Karavelle, die über eine gut fünfzig Schritt lange Trosse mit einem zweiten Schiff, das in einem erbärmlichen Zustand ist, verbunden ist. An diesem wiederum hängt mit einer weiteren, allerdings sehr viel kürzeren Trosse ein kleines Boot, das vielleicht sieben Personen Platz bieten würde.

Der Druck des Windes hat die NORDSTERN mittlerweile ein kleines Stück in Richtung ihres alten Kurses vorangetrieben, was die ZYKLOPENAUGE schon halb gewendet hat - sie liegt jetzt quer zur Fahrtrichtung, und wird durch den Zug des anderen Schiffes ständig weiter herumgedreht. Das kurze Rückwärtstreiben, das mit diesem Manöver verbunden war, hat das Schiff zwar kurz recht nahe an das treibende Beiboot heran geführt, doch der Wind und die Wellen sorgen rasch wieder für einen sicherer Abstand zwischen den beiden Fahrzeugen.

Die Schlepptrosse selbst führt von der NORDSTERN jetzt mit einem ständig geringer werdenden Backbord-Versatz nach achtern, und ist ziemlich stark gespannt, da das Drehen des quer treibenden Schiffes ziemliche Kräfte erfordert. Doch... sowohl die Trosse, als auch die Befestigungen auf beiden Seiten sind dieser Belastung recht mühelos gewachsen.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Todeskampf


Etwas zieht an ihr, will sie hinaus zerren aus der Sicherheit der grauen Tiefe des Vergessens, zurück in die Welt der Schmerzen, der Schreie, der Bilder; dorthin, wo so Furchtbares geschehen konnte und immer wieder geschehen kann.

Es ist wie ein Auftauchen aus unendlichen Tiefen des Meeres, hinauf ins Licht, aber dieses Licht zeigt nichts Schönes, bringt keine Hoffnung sondern eine ewige Wiederholung des gleichen, Schrecken erregenden Anblicks.

Nein, sie will die Bilder nicht mehr sehen, die Schreie nicht mehr hören und vor allem den entsetzlichen Gedanken nicht denken, daß all dies tatsächlich geschehen ist. Viel besser ist es, nichts mehr zu sehen, nichts zu fühlen, unterzutauchen in die Unendlichkeit des Nicht - Seins.



Die beiden Heilkundigen sind mit der Behandlung des jungen Mädchens beschäftigt. Da kann er, der alte Seemann, doch nichts weiter machen als unnütz herumstehen, oder gar, im schlimmsten Fall sogar zu stören. Doch für die Verletzte besteht Hoffnung, da ist sich Trolske inzwischen ziemlich sicher. Die plötzliche Regung durch das tiefe Atmen deutet Trolske als gutes Zeichen und ein weiterer Hoffnungsschimmer keimt in ihm auf:

'Vielleicht gibt es doch noch weitere Anzeichen von Leben hier auf dem Schiff - unter Deck.'

Schon will sich Trolske den beiden anderen Seeleuten anschließen, als Lowanger seine Leute zum Warten anhält. Doch während Ole spontan seinen Unmut darüber kundtut, nimmt der ruhige Trolske den Befehl widerspruchslos zur Kenntnis, obwohl auch er sichtlich ungeduldig von einem Fuß auf den anderen tritt.

'Vielleicht versteckte Überlebende - unter Deck....'



Fargus kramt aus seinem Sammelsurium ein kleines Viölchen hervor und kippt ein wenig der Flüssigkeit in ein etwas größeres Behältnis, dem er dann noch klares Wasser aus seinem Schlauch beifügt. Dann schüttelt er das Behältnis und kippt es ganz langsam in den leicht geöffneten Mund des Mädchens. Zum Glück löst das bei der Schwerverletzten sogleich einen Schluckvorgang aus. "So, damit dürften eventuelle Infektionsgefahren erstmal abgewendet sein. Ich mache mir aber noch ein klein wenig Sorgen um die Kopfverletzung. Wie weit seid Ihr mit dem Arm? Mir wäre wohler, Ihr würdet Euch auch noch mal die Wunde am Kopf betrachten." spricht er zum dem Magier.



Die Atmung des Mädchens ist jetzt weniger flach, aber immer noch stockend und ungleichmäßig. Als Reaktion auf das Einflößen der Medizin erfolgt ein schwaches Husten, und das Gesicht der Verletzten zieht sich, wie unter Schmerzen, zusammen. Gleichzeitig ist ein leichtes Zittern der Hände eher zu spüren, als zu sehen.



Darian konzentriert sich auf das Knochenrichten, fast genauso stark wie auf seinen Zauber vorhin. Gerade als er die Bruchstücke soweit erfaszt hat, um zum entscheidenden Schritt zu kommen, geht ein Zittern, durch eben diesen Arm.

"Ruhig, ganz ruhig," sagt er zu der Verletzten, "Ihr seid in Sicherheit."

Mit einem knackenden Geräusch rasten die beiden Knochenenden ein, als der Adeptus den Arm wieder gerade rückt. Sofort, beginnt er damit, den Verband anzulegen. Wenn sie erwacht und den Arm bewegt, bevor die Schiene fertig ist, müszte Darian noch einmal ganz von vorne beginnen.

Die Frage des Druiden beantwortet er erstmal nur mit "einen kleinen Moment, bitte", Fargus macht einen recht kompetenten Eindruck und es sieht nicht so aus, als sei ein erneuter Magieeinsatz Darians jetzt sofort unabdingbar. Den Ratschlag des Schiffszimmermanns stellt er erstmal hinten an, erstmal müszen die Wunden versorgt sein.



'Verdammt, der Seemann hat recht, die psychische Seite des Dramas hab ich wirklich nicht bedacht.'

"Seemann", flüstert er leise zu Trolske, "macht doch bitte hier ringsum etwas Platz, damit wir genug Freiraum haben", dabei zwinkert er ihm zu, da er doch stark annimmt, daß dieser die Bemerkung des anderen Seemanns wohl auch gehört hat.

Fargus bemerkt, wie sich die Lippen leicht bewegt haben, so als wollte das junge Mädchen etwas sagen, hat aber nicht die Kraft dazu. Er flüstert ihr zu:

"Habt keine Angst, Ihr seid jetzt in Sicherheit, keiner wird Euch ein Leid tun."

Er legt die Hand auf ihre Stirn, einmal, um das eben gesagte zu bekräftigen, zum anderen, um ihre Temperatur zu überprüfen.



Eigentlich bräuchte Darian jetzt mindestens drei Hände, zwei zum fest- und gerade halten des Armes und dann noch eine zum Verbinden. Doch irgendwie schafft er es auch so den gebrochenen Arm erst einmal mit einem der Segeltuchstreifen zu umwickeln. Damit ist sichergestellt, dasz das Holz nachher nicht an der Haut reibt und Splitter abgeben kann. Jetzt ist die eigentliche Schiene an der Reihe, sorgsam paszt der junge Magier das Holzstück so an, dasz es einerseits die Bruchstelle zuverläszig stützt, andererseits jedoch keines der gesunden Gelenke behindert. Der letzte Schritt, dasz Festbinden der Schiene, erfordert noch einmal einiges an Fingerspitzengefühl. Einerseits musz die Umwicklung fest sein, denn nur so kann die Schiene ihrer Stützaufgabe nachkommen, andererseits, darf sie nicht so fest werden, dasz sie den Blutflusz abschnürt. Darian hofft ein gutes Masz für die Festigkeit gefunden zu haben und sichert die Umwicklung schlieszlich mit einigen Knoten. Kurz zieht er in Erwägung, Trolske mit dem Knüpfen der Knoten zu beauftragen, macht es dann aber doch selbst, da er sonst den Arm hätte loslassen müszen.

Natürlich bemerkt Darian bei seiner Arbeit, dasz die Bewegung oder vielmehr der Wille zur Bewegung, zugenommen hat. Zwar entgehen ihm, aufgrund seines Blickwinkels, die Sprechversuche der Verletzten, doch auch so wird ihm klar, dasz sie dabei ist, zu sich zu kommen. Vorsichtig legt Darian den geschienten Arm zurück auf die Planken. Dann wendet er sich Fargus und damit dem Kopf des Mädchens zu, zunächst beantwortet er die Frage des Druiden:

"Der Arm ist nun geschient, so PERaine es will, wird sich der Knochen wieder zusammenfügen. Kommt ihr mit der Kopfwunde zurecht oder ist es schlimmer, als es den Anschein hatte? Laszt mich mal sehen."

Als er jedoch die flatternden Augenlider des Mädchens bemerkt, wendet er sich ihr zu:

"Es ist vorbei, ihr seid in Sicherheit, die Piraten sind fort," sagt er mit sanfter, ruhiger Stimme.



Gut, daß Darian den Arm der Verletzten so rasch gerichtet hat und bereits beginnt, ihn zu verbinden, denn nun ist an der Hand des gebrochenen Armes sehr deutlich eine Bewegung zu spüren. Die andere Hand gleitet jetzt ziellos, gleichsam suchend über die Planken.

Wieder verzieht sich, wie unter Schmerzen, das Gesicht des Mädchens, ihre Augenlider flattern und es sind deutliche Lippenbewegungen zu sehen, als wolle sie etwas sagen.



Die Angst hält sie gepackt, wie mit schwarzen Krallen. Als sie versucht, sich zu entziehen, spürt sie, daß sie rennt: Sie rennt, rennt, durch enge, gewundene Gänge, halb im Dunkel liegend, vor ihr, hinter ihr, bizarre Formen aus Holzbrettern und Nägeln, immer enger werden die Gänge.

Da: Sie muß sich an einer der verrückten Ecken gestoßen haben, denn ein heftiger Schmerz durchzuckt ihren Arm.

Immer deutlicher wird die Erkenntnis, daß die Gefahr, der Grund ihrer Angst, nicht hinter ihr sondern vor ihr liegt. Trotzdem, es gibt keinen Ausweg, keine Möglichkeit umzukehren, sie muß sich beeilen, denn vielleicht läßt sich das Furchtbare noch verhindern.

Endlich: Ein Licht von schräg oben, eine steile Stiege, aber der Durchgang ist versperrt...



Als Fargus seine Hand auf ihre Stirn legt, fährt der Kopf des Mädchens zur Seite, als habe sie einen Schlag erhalten, als habe nicht eine fürsorgliche Hand, sondern irgend etwas Namenloses, Gefährliches ihre Haut berührt. Ihre Lippen bewegen sich jetzt heftiger und man kann nun deutlich geflüsterte Worte vernehmen:

"Nein, nein - laßt mich, bitte ..."



Vor der Treppe steht ein großer Mann, der ihr den Durchgang versperrt. Er will nicht, daß sie weiter läuft, will sie daran hindern, empor zu steigen. Dabei spricht er mit ruhiger Stimme zu ihr:


"Habt keine Angst..."

- wer spricht da? -

"...ihr seid in Sicherheit..."

- gewiß der Dämonenfürst selber -

"...die Piraten sind fort..."

- irgend etwas ist falsch hier -


Aber dann wird ihr klar: Gleich wird das Entsetzliche geschehen, dort oben. Ihr graut namenlos vor dem Schrecklichen und doch kann sie nicht anders, als selbst empor zu drängen, es ist wie ein Sog, unaufhaltsam wie der der Fluß der Zeit in Satinavs Händen.

"...nein, nein, laßt mich, bitte..." fleht Alkinoê, "...ich muß dort hoch... versteht Ihr nicht?...SIE ist oben..."



Gerade will Darian der Bitte des Druiden, sich die Kopfwunde noch einmal näher anzusehen, nachkommen, als die Verletzte zu sprechen beginnt. Ihre Worte klingen verwirrt, doch hatte der Adeptus auch nichts anderes erwartet, angesichts der Situation, in der das Mädchen sich befindet.

´Nach oben will sie? Was meint sie damit?´

Es bleibt dem Adeptus nichts anderes übrig, als weiter beruhigend auf sie einzureden.

"Niemand will Euch etwas tun, es ist vorbei."

Als er den zweiten Teil des Satzes ausspricht, geht ihm plötzlich ein Licht auf.

´Natürlich, sie glaubt, sie sei tot und stünde vor BORons Hallen!´

"Ihr seid am Leben, die Piraten sind fort, wir sind hier um Euch zu retten," fügt er deshalb hinzu.

Die Kopfverletzung ist derweil erstmal vergessen ...



...und dann ist sie auf der Treppe, wie magisch angezogen von der hellen Öffnung schräg oben. Es hilft keine Gegenwehr, sie ist dem Sog verfallen. Als ob ihre treulosen Füße ein Eigenleben gewonnen hätten, eilen sie die Treppe empor. Lauter, lauter werden die Schreie, das Stampfen der Füße. Und dann endlich oben: Aber das Bild verschwimmt, unwirklich fast, die Bewegungen so langsam, als sei der Fluß der Zeit angehalten:

Überall menschliche Körper, leblos daliegend, sich windend, oder verbissen die Waffen schwingend. Dort fliegt eine Axt, und trennt einen Arm vom Körper, ganz einfach, als ob dieser gar keinen Widerstand entgegen zu setzen hätte, dort liegt ein Mann, das Gesicht im Schreien verzerrt, den Mund weit aufgerissen.

Und doch ist alles dies nicht wirklich wichtig, tritt in den Hintergrund wie eine bloße Kulisse, als wäre alles nur Illusion, Dekoration für das einzig Reale:

Denn dort, wenige Schritt nur entfernt, steht SIE, die Arme abwehrend erhoben, in der einen Hand den Dolch...



Die Bewegungen des Mädchens werden immer heftiger. Ihre Hände krampfen sich zusammen, der ganze Körper beginnt zu zittern, tonlos bewegen sich die Lippen, immer das gleiche Wort formend, und ihr Gesicht zeigt den Ausdruck äußerster Verzweiflung.

Plötzlich reißt sie ihre Augen auf und blickt starr nach oben, anscheinend ohne etwas zu sehen und stößt einen gellenden Schrei aus:

"Merian!"



Besorgt beobachtet Darian die Verletzte. Wellen heftiger Zuckungen erschüttern ihren Körper, ihr Geist scheint noch immer gelähmt. Plötzlich gibt sie einen lauten Schrei von sich:

"Merian".

´Was hat das alles zu bedeuten? Wer oder was ist Merian?´

"Ruhig, ruhig, so beruhigt Euch doch, Ihr seid am Leben und in Sicherheit, niemand wird Euch etwas tun."

Der junge Magier versucht dabei einerseits sehr sanft und ruhig zu sprechen, andererseits jedoch auch laut und deutlich, allmählich kommen ihm Zweifel, ob seine Worte das Mädchen überhaupt erreichen.



..."MERIAN!" schreit Alkinoe.

Aber der Ablauf des Geschehens ist nicht aufzuhalten: Von der Wucht der Axt getroffen wird der Körper der Frau ein ganzes Stück zur Seite geschleudert. Einen Augenblick steht sie noch da, der Stiel ragt aus ihrer Mitte. Erst als der Hüne seine Waffe zurückzieht, sackt sie auf das Deck hinunter und dann ist da Blut, überall, Blut, Blut, daß aus dem in unnatürlich abgeknickter Haltung daliegenden Körper schießt...



Nach diesem Schrei dringt kein weiterer Laut mehr über ihre Lippen. Nur die Atmung ist zu vernehmen, auffällig schnell und flach. Die Augen immer noch weit aufgerissen, aus den Lippen scheint jedes Blut gewichen zu sein. Die Hände in den Stoff ihres Kleides verkrallt liegt das Mädchen da, am ganzen Körper zitternd, ohne auf irgendeinen Zuspruch von außen zu reagieren.



"Nun, Herr Magier, ich denke, vielleicht kann uns der Überlebende Auskunft geben, was meint Ihr? Vielleicht können wir ihr mit Hilfe dieses Namens oder Begriffes in irgendeiner Form helfen. Ihr körperlicher Zustand scheint ja einigermaßen stabil zu sein, viel mehr Angst muß man um die Psyche des jungen Mädchens haben, denke ich. Soll ich mal den Überlebenden befragen, was meint Ihr?" flüstert Fargus, einen mitleidigen Blick auf die Patientin gerichtet.



"Merian!"

Noch einmal stöszt die Verletzte dieses Wort schreiend hervor. Dann ist es still, zu still wie Darian findet. Noch atmet sie, ist also am leben, doch der Schock verhindert, dasz sie zu sich kommt, ins hier und jetzt zurückkehrt.

Etwas Gutes hat die plötzliche Ruhe allerdings doch: Endlich findet der Adeptus Gelegenheit, sich die Kopfwunde genauer anzusehen, worum ihn der Druide gebeten hatte. Seine Finger tasten den Schädel nach einer möglichen Fraktur ab, finden aber nichts. Der Schädelknochen scheint alles überstanden zu haben. Die Platzwunde ist von Fargus bereits versorgt worden, so dasz auch sie erst einmal keine Gefahr mehr darstellt.

Die Platzwunde läszt jedoch den Schlusz zu, dasz das Mädchen von einer stumpfen Hiebwaffe am Kopf getroffen wurde. Das ist allerdings eine Erklärung für den Schock. Ein solcher Schlag kann selbst den klügsten Kopf zeitweilig in einen Zustand versetzen, dasz er reif wäre für die Noioniten.



NORDSTERN - Oberdeck: Torin ermittelt


Torin hört das Brechen der Wellen am Bug. Endlich setzt die Karavelle ihren Weg nach Salzerhaven fort.

Doch noch immer ist nichts von einem Attentäter oder einem Spion zu sehen. Die leisen Zweifel, die schon seit geraumer Zeit in ihm nagen, werden nun lauter und deutlicher.

'Kann es sein, daß Frau Fuxfell und ich uns geirrt haben? Vielleicht ist das Schiff doch keine Falle, sondern wirklich nur ein altes Wrack.'

Ein kritischer Blick streift den schwarzhaarigen Magier und das fellgekleidete Spitzohr neben sich, bevor er langsam weiter über das Deck wandert. Doch es ist alles normal.

Noch immer tratschen dieser feine Herr und der Diener miteinander. Und auch der sich nun wieder entfernende Schiffsjunge ist keine Gefahr.

Die Matrosen, die an den Segeln arbeiten oder sich, wie der Hellhäutige, über die Reling hängen sind ebenfalls fern jeder Beschuldigung.

'Dann hätten sie bei der Meuterei vor einigen Tagen die Gelegenheit ergriffen.'

Lediglich bei dem kleinen Mann ist er sich noch nicht ganz sicher, wie er ihn einzustufen hat. Doch auch dieser macht keine Anstalten, sich von seiner hübschen Gesprächspartnerin zu lösen.

'Vielleicht sollte ich mir Gewißheit verschaffen und zu den Beiden hinüber gehen. Doch mit welchem Grund?'

Beinahe hätte sich Torin mit der flachen Hand selbst gegen die Stirn geschlagen, als ihm der Grund siedendheiß einfällt.

'Das Wrack natürlich!'

Sofort geht er auf die Druidin und ihren Gesprächspartner zu.



Wesentlich langsamer als er Anfangs auf die Zweiergruppe zuging, kommt Torin bei der Druidin und dem Mann an. Den letzten Satz des Mannes bekommt er gerade noch bruchstückhaft mit.

'Ein Händler für Zuckergebäck ist er also.'

Mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger tippt er gegen die Krempe seines braunen Hutes. Ein leichtes Lächeln begleitet seine Worte.

"Phex zum Gruße."

Als er sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, verweilt sein Blick einen Augenblick in den tiefschwarzen Augen der etwa einen Kopf kleineren Druidin. Dann jedoch gleiten seine Finger zurück auf den Griff seines Floretts und er erinnert sich daran, weswegen er hier ist.

"Ihr müßt entschuldigen," spricht er den noch kleineren Mann an, "wenn ich euch vielleicht belauscht haben sollte, aber eben hörte ich, daß ihr Handel treibt."

Der Fahrtwind läßt den Saum seiner Lederjacke wehen, so daß sich ab und zu ein Blick auf den roten Samt seiner Waffenscheide werfen läßt.



NORDSTERN - Oberdeck: Torin bei Anselm und Joanna


Bei der Frage werden des kleinen Mannes Augen ganz groß. Hat ihn doch glatt sein Gedächtnis im Stich gelassen.

'Bei Phex.... warum wollte ich nach Kuslik??? Denk' nach Anselm, denk nach...'

"Öhm...." Das gekonnte Auge erkennt ein paar kleine Schweißperlen auf Anselm's Stirn.

'HÄNDLER! Ja genau, das war es, Händler für Zuckergebäck!'

"Nun, dies ist eine Geschäftsreise. Ihr müßt wissen, ich bin Händler und vertreibe Zuckergebäck."

'Puh, das war knapp! Du wirst wohl langsam alt, mein guter?....'



'Händler für Zuckergebäck? Hmm...'

Joanna kann die Unsicherheit in Anselms Augen erkennen. Sie wendet sich kurz von ihrem Gesprächspartner ab, um sich einen Überblick übers Oberdeck zu verschaffen. Doch die Druidin scheint sich für den Mann zu interessieren, der sich ihnen nähert. Auch Joanna sieht für eben diesen Moment in seine braunen Augen.

"Ähh... EFFerd zum.. Gruße."

Dabei wird ihre Stimme immer leiser und unsicher presst sie ihre Lippen aneinander. Eher unabsichtlich ruht ihr Blick auf Torins Florett. Schließlich bringt sie doch noch etwas selbstsicherer heraus:

"Mein Name ist Joanna de Clair. Ich glaube, wir hatten das Vergnügen noch nicht."



Obgleich Torins Gewandung nicht gerade die sauberste ist, weiß er doch, daß gerade der erste Eindruck meistens jener ist, der am längsten im Gedächtnis haften bleibt. Galant wendet er sich an Joanna.

"Oh, wie ungeschickt von mir, mich euch nicht vorzustellen, meine Dame."

Ein freundliches Lächeln liegt bei diesen Worten auf seinen Lippen.

"Mein Name ist Torin Rotmarder und das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite."

Während er dies sagt, deutet er eine leichte Verbeugung an. Nur innerlich lacht er über sich Selbst. Wie sehr hatte er als junger Bursche diese Rollenspiele gehaßt.

Doch Vater Rotmarder duldete keine Drückeberger. Und so hatte er mit seinen Geschwistern immer wieder diese und andere Szenen geübt.

'Ihr werdet schon sehen, eines Tages wird euch dieses Wissen zugute kommen.' hatte der Vater ihnen oft genug gepredigt. Vor allem dann, wenn sich die Rasselbande vor Lachen kaum noch halten konnte. Aber Vater Rotmarder hatte Recht behalten, das hatte Torin schon oft feststellen dürfen.



'Na das ist doch mal ein interessanter Geselle... Nun, dann wollen wir ihm mal die Ehre zu teil werden lassen.'

"Um den Reigen der Vorstellungen zu schließen: Anselm Feuerbach, erfreut euch kennen zu lernen. Wie ihr mit wohl schon erfahren habt, bin ich Händler für Zuckergebäck." spricht Anselm, wieder voller Selbstvertrauen.



"Ich bin erfreut, nun auch eueren Namen zu kennen, Herr Feuerbach." entgegnet Torin dem kleinen Mann. In seiner Stimme schwingen gleichermaßen Freude und Neugier mit.

"Sagt, welche Süßspeisen sind es wert, von Thorwal aus transportiert zu werden?"

Er dämpft seine Stimme etwas, damit die Leute ringsum die Worte nur schwer hören können.

"Ich nahm bisher an, daß die Süßspeisen Thorwals nur von den dort heimischen Menschen als genießbar empfunden werden..."

Dann jedoch wird er von den lauten Ausführungen Jaruns abgelenkt und voller Neugier blickt er in dessen Richtung. Ein Lächeln huscht über seine Lippen, als er merkt, wie viel er über diese beiden erfährt, ohne daß er auch einen Heller springen lassen mußte.



Auch Anselm dreht sich kurz in Richtung Rotze um den Worten der beiden Streithähne zu lauschen.

'Jaja, ackert ihr nur, Leute wie ich sind gerne bereit euch die Bürde des Tragens eines schweren Geldbeutels abzunehmen.'

Dann blickt er wieder in Richtung Torin und spricht folgende Worte:

"Nun, dies' Schiff transportiert keine meiner Waren. Genau genommen ist diese Reise sogar privater Natur. Nur kann ich die Gelegenheit nutzen, um auch das geschäftliche damit zu verbinden. Vielleicht eröffne ich irgendwann eine Filiale dort unten..."



Da sich die beiden Männer so für das laut gewordene Wortgefecht interessieren, ist nun auch Joanna neugierig geworden. Als sie den aufgeregten Jarun sieht, muß sie ungewollt lächeln. Nur zu gut erinnert sie sich an das erste Treffen unten vor der Kombüse.

'Wie war noch mal sein Name? Hmm.. Ach ja, .. Jarun!'

Noch immer lächelt sie über den Gaukler und die Druidin schüttelt verwundert den Kopf. Schließlich wendet sie sich wieder Anselm und Torin zu.

'Zuerst erzählt Anselm, dass seine Reise rein geschäftlicher Natur ist, und nun meint er, daß ... Wie hat er es noch mal gesagt? Ja genau, er meint, daß seine Reise genau genommen sogar privater Natur seien. Irgend etwas stimmt da nicht, oder ich hab mich wohl verhört.'

"Nun würde mich aber auch interessieren was euch auf solch ein Schiff führt, Herr Rotmarder. Seid ihr etwa auch im Handel tätig, da ihr euch so dafür interessiert?"

Sie blickt Torin erwartungsvoll in seine Augen.



Aufmerksam lauscht Torin dem Disput auf dem Vordeck.

'Jarun der Papagei: Gaukler aus Fasar - Drachentöter - Offizier des kaiserlichen Stabes zu Gareth - Fachmann für Vampirologie - Leiter der Drachentanz-Akademie in Greifenfurt'

'Es ist wirklich sehr interessant, was dieser bunte Hund doch alles zu sein vorgibt: Offizier den kaiserlichen Stabes zu Gareth, so so!'

Aber auch die Dame aus der Luxuskabine gibt einiges über ihre Vergangenheit preis. Und diese Informationen sind für Torin mindestens ebenso wichtig.

'Ihre Vorfahren waren einfache Bauern - Sie hat sich ihren Reichtum selbst erarbeitet - Ihr bissiger Charakter, stammt wohl daher, daß auch ihr nie etwas leicht gemacht wurde.'

Als Reckinde den Mund schließt, bleiben Torins Augen daran hängen. Ein leichter Anflug von Ehrfurcht bildet sich in ihm. Diese Frau, so stur und exzentrisch sie auch sein mag, hat geschafft, was ihm nie vergönnt war.

Wie die Körner einer großen Sanduhr rieseln die Worte des Herrn Feuerbach in sein Gehör. Interessiert an dem Wortgefecht zwischen dem Gaukler und der Freifrau antwortet Torin dem kleinen Mann nur nebenbei. Der Großteil seiner Aufmerksamkeit gilt weiterhin den Fakten und Ausführungen der beiden Streitenden.

"Und.. wo genau wollt ihr euere Filiale eröffnen?"

Torin legt für einen kurzen Moment die Stirn in Falten, dann weiß er wieder, was er noch sagen wollte.

"Ich kann mir gut vorstellen, daß sich nicht jeder Ort gleichermaßen gut für solch ein Geschäft eignet."

Auch Joannas Worte erreichen ihn. Doch auch ihre Worte können ihn nicht von dem interessanten Streitgespräch lösen.

"Ich bin nur ein Reisender, den die Umstände hier her geführt haben." sagt Torin mehr zu sich selber, während er noch immer zu Jarun und Reckinde blickt. Dann lächelt er verträumt, als ihm der ehemalige Grund seiner Reise wieder bewußt wird.

'Um Liasanya zu finden bin ich nach Prem aufgebrochen. Das Goldeichenherz wiederzuerlangen war mein Bestreben gewesen. Doch nun weiß ich, daß Liasanya den Bann von mir genommen hat. Ich bin endlich wieder ein freier Mann.'

Sein Blick kehrt von dem Disput zwischen dem buntgekleideten Gaukler und der Freifrau zurück zu den beiden Herrschaften bei ihm.

"Aber das ist eine lange Geschichte."

Als er dann Joanna anblickt, wird sein Blick jedoch wieder ernst.

"Vielleicht finden wir noch die Zeit, uns darüber zu unterhalten.

Denn mein Schützling und ich werden heute Abend das Schiff verlassen und uns auf den Weg nach Gareth machen."



'Einfacher Reisender? Pah, dieser Typ verschweigt was... nun ja, was erzähle ich ihm denn nun??...Mal überlegen. Du hast doch oft genug Händler über den Tisch gezocken, da müßten dir doch noch ein paar Gesprächsfetzen in Erinnerung geblieben sein...'

"Nun, Herr Rotmarder, ihr habt schon recht, daß sich nicht jeder Ort gleich gut als Standort einer Bäckerei eignet. Die Suche des richtigen Standortes hängt von vielerlei Dingen ab.

Da wäre zum Beispiel die Versorgungsruten. Ein Bäckerei macht ja den Teig nicht aus Luft. Demzufolge muß gewährleistet sein, daß die Bäckerei versorgt wird mit. .öh... Mehl, Zucker und ähnlichem.

Des weiteren muß es natürlich auch die Klientel geben, welche als Kundschaft dient. Schließlich ist Zuckergebäck nicht die günstigste 'Nahrung'.

Und drittens wäre das der lokale Standort in der Stadt. Wer will schon Kuchen kaufen, wenn einem ein Hauch von Unrat und Erbrochenem um die Nase weht. Nein, nein, ein Geschäft, welches wie das meine Delikatessen verkauft muß schon in einer etwas angenehmeren Gegend angesiedelt werden."

'Glückwunsch Anselm, dein Gedächtnis scheint doch nicht so schlecht zu sein. Wäre auch dein Untergang, bei deim Beruf.'



Der Fahrtwind der NORDSTERN spielt mit den braunen Haaren Torins. Auch mit dem Mantel spielt er, doch dies empfindet er nicht als lästig. Nur noch mit halbem Ohr lauscht Torin dem Disput der Streitenden. Wie es scheint, sind alle wichtigen Fakten bereit erwähnt worden.

So ist es auch nicht verwunderlich, daß ihm wieder die Mutmaßung Phexanes einfällt.

'Wenn sie Recht behalten sollte, rede ich hier mit einem Spion der Piraten über... Zuckergebäck!'

'Doch halt. Hatte er vorhin nicht erwähnt, daß er mit diesen Backwaren lediglich handeln wollte? Und nun erzählt er mir, welche Gründe man beim Eröffnen einer Bäckerei, nicht eines Handelshauses, beachten sollte.'

'Vielleicht sollte ich mehr aus ihm heraus kitzeln.'

Den Blick von der schönen Druidin abwendend, beginnt Torin mit seinem Fragespiel.

"So wie ihr sprecht, Herr Feuerbach, verfolgt ihr das Ziel der Gründung einer Bäckerei. Dem ist doch so, nicht wahr?"

Ein leichtes Lächeln huscht über Torins Lippen, als er seinem Gegenüber nicht einen Moment zur Antwort läßt.

'Ich muß ihn hinhalten, so daß er überlegen muß. Keinen Augenblick darf er darüber nachdenken können, wie er dem Kapitän jetzt noch schaden könnte.'

Torin hebt seine Stimme über das Maß des Normalen hinaus, so daß seine Stimme gegen das Wehen des Fahrtwindes gut hörbar ist.

"Nur ein wirklich guter Zuckerbäcker würde den Versuch wagen, sich fern der Adelshäuser der großen Städte eine Bäckerei zu eröffnen. Ich kann euch bei euerem Vorhaben nur Glück wünschen."

'Und wenn ihr ein Mitläufer der Piraten sein solltet, so werde ich euch meinen Dolch zwischen die Rippen rammen!'

Dann schweigt Torin. Sein durchdringender, jedoch nicht feindseliger Blick ruht auf Anselm Feuerbach.



NORDSTERN - Vordeck: Streit auf dem Vordeck


Jarun lauscht Reckindes Worten, während ein leises "Blablablabla Blaaa" aus seine Richtung zu hören ist. Unbewußt beginnt er mit seiner linken Hand, gleich einer Handpuppe, die Worte der Händlerin mitzusprechen.

Als ihre Geschichte sich dem Ende neigt, wird sein Gesicht von einem schelmischen Grinsen geprägt.

"Ihr schein euch ja sicher zu sein, daß ihr so viel erfolgreicher gewesen seid, als meine Wenigkeit?"

In diesem kleinen Zusatz, meine Wenigkeit, legt Jarun das größte Maß an Ironie, das ihm zu zeigen möglich ist. Da ihm dieser ironische Unterton gerade Recht kommt, fährt er ohne Pause fort.

"Eine gewisse Dramatik kann ich eurer Erzählung nicht abstreitig machen. Besonders gut hat mir die Stelle gefallen, wo ihr über den 'Spielball des Lebens' erzählt. Könntet ihr diese Stelle vielleicht noch einmal zum Besten geben?"



Manchmal ist eine Zeitspanne derart kurz, daß man ihre Gegenwart kaum spürt bevor sie endlich, dann schon als Vergangenheit bewußt wird. Genauso ergeht es in diesem Augenblick der Freifrau von Beibach und Bruch, als sie sich von Jarun herabwürdigend nachgeäfft sieht. Grenzenloser Zorn übermannt sie, füllt sie aus, beherrscht sie, doch ehe diese gefühlsmäßige Gewalt mächtig und unaufhaltbar nach außen treten kann, überkommt Reckinde ein Hauch von Selbsterkenntnis und sie muß erkennen, wie nahe sie daran gewesen war, jegliche Haltung zu verlieren.

Und war sie eben noch bereit zu verheerendem Angriff, scheint sie nun von Gleichmut und Gelassenheit gesteuert, wenngleich ihre plötzliche Sanftmut den Charme eines lauernden Säberzahntigers hat. Natürlich kann sie das verbale 'Gift', das sie auf der Zunge gesammelt hat, nicht einfach wieder hinunter schlucken, die Gefahr sich selbst dabei zu 'vergiften' ist ihr zu groß, sie muß es ausspeien und Jarun soll es abkriegen. Sie lächelt hinterhältig und bemerkt:

"Große Worte, die euch da so gelassen über die Lippen tropfen, Papagei! Ihr sollte lieber euere linke Hand für euch sprechen lassen, bestimmt hat sie mehr Witz und Geist als ihr. Wie peinlich für jemanden, der berufsmäßig ein 'Narr' ist. Ich glaube, ihr habt noch nicht einmal genug Talent, um einen betrunkenen Ork zum Rülpsen zu bringen. Am besten 'euere Wenigkeit' zieht sich jetzt an einen Ort zurück, wo die Leute duldsamer sind und spielt dort ein wenig mit Bällchen, Keulen oder was ihr sonst so durch die Luft zu werfen pflegt! Ihr dürft euch jetzt zurückziehen!"

Ihre Stimme wurde, mit jedem Wort mehr, immer süßlicher und hat trotzdem nichts von ihrer bissigen Schärfe verloren. Als sie ihre Rede beendet hat, dreht sie sich zur Seite, um Jarun zu bedeuten, daß sie das Gespräch für abgeschlossen hält.



Innerlich kocht Jarun vor Wut. Diese Person ist so sehr von sich selbst überzeugt, daß in ihren Augen alle anderen Menschen ein Dreck sind. Sie durch Worte zu überzeugen, scheint unmöglich.

"Ich bezweifele, daß es euch zusteht mein Talent zu beurteilen. Wo ihr selbst genausoviel Ahnung von Unterhaltung habt, wie ein Boroni von Lebenslust und Freude."

Mit diesen Worten geht er den Niedergang zum Oberdeck hinunter. Zielstrebig steuert er das Brückendeck an, wo er nach Jergan Ausschau hält.



NORDSTERN: Schleppfahrt


Allmählich hat der Wind das gemacht, was die Pläne der Menschen vorgesehen haben, und die NORDSTERN hat es geschafft, die ZYKLOPENAUGE vollständig herum zu ziehen, so daß diese nun in der Fahrtrichtung der anderen Karavelle liegt. Auch die Schlepptrosse des kleinen Beibootes hat sich wieder gespannt - der aus drei Fahrzeugen bestehende Schleppzug ist nun komplett.

Es stört dabei nicht im geringsten, daß das Steuer der ZYKLOPENAUGE immer noch unbesetzt ist, denn der Zug der NORDSTERN hält das beschädigte Schiff ziemlich sauber auf Kurs. Feine Korrekturen werden sicher ab und zu nötig sein, aber sie sind nicht so dringend wie all die anderen Arbeiten auf dem Schiff - und es muß ja auch nicht fein manövriert werden, wie es später dann im Hafen der Fall sein wird.

Die Spannung auf der Schlepptrosse hat ein klein wenig nachgelassen, nachdem das geschleppte Schiff sich in Fahrtrichtung gedreht hat, doch nun steigt sie mit zunehmender Geschwindigkeit allmählich an. Allerdings... die Zunahme der Geschwindigkeit ist nur relativ - im Vergleich zu dem, was die NORDSTERN alleine geschafft hat, ist sie im Moment sehr langsam. Es mögen vielleicht zwei Knoten sein, vielleicht auch geringfügig weniger, aber anscheinend ist das noch nicht das Maximum.

Auch die Bewegungen des Schiffes im Wasser sind ein wenig anders als sonst: Zwar dürfte dieses Schwanken für die Fahrgäste an Bord von dem, was sonst so üblich ist, nicht zu unterscheiden sein, aber für die Seeleute ist der Unterschieds sehr wohl spürbar - auf eine gewisse Art hat das Schiff weniger Freiheit bei seinen Bewegungen, und ab und zu ist auch ein asymmetrisches Rucken zu spüren, wenn größere Wellen eines der Schiffe im ungünstigen Winkel treffen.



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan's Erinnerungen


Da, Efferdan kann die ZYKLOPENAUGE sehen!

Quer zur Fahrtrichtung liegt sie, in einer steten Drehbewegung begriffen. Es scheint so, als würde es klappen, die ZYKLOPENAUGE dreht bei!

Efferdan macht sich nur etwas Sorgen über die sehr straff gespannte Trosse. Sicher, es ist recht dick und sollte den Zug eigentlich aushalten, aber man weiß ja nie. Wenn die Trosse auch nur an einer Stelle leicht beschädigt oder innen faulig sein sollte... - dann könnte ein Ruck genügen, um es reißen zu lassen.

Sicher, die Taue und damit auch diese Trosse auf der Nordstern werden regelmäßig untersucht und gegebenenfalls ersetzt, schließlich ist ein gerissenes Tau auf einem Schiff eine schlimme Sache - oder kann es werden!

`Hoffentlich ist die Trosse in Ordnung. Bei diesem Zug... Aber, es wird schon gut gehen, mit EFFerds Hilfe!`

Kurz zuckt Efferdan zusammen, als er ein Knarzen von Holz vernimmt. Mit sorgenvollem Blick richten sich seine Augen auf die Reling vor ihm.

`Sollte sie dem Zug... nein, sie müßte...`

Efferdan macht sich klar, daß das gehörte Knarzen das gewohnte Knarzen des Schiffs auf See ist und beruhigt sich wieder.

`Wenn die ganze Sache doch nur schon vorbei wäre...`

Ein erneuter sorgenvoller Blick trifft das Tau, dann die Reling, dann wieder die ZYKLOPENAUGE, die inzwischen wieder ein kleines Stück weiter gedreht hat. Efferdan ist - mal wieder - nervös, kein Wunder, auch für ihn ist es das erste Mal, daß er erlebt, wie ein Schiff abgeschleppt wird.

Doch Efferdan bräuchte sich natürlich keine Sorgen zu machen, die Trosse ist fest, die Befestigungen sind stabil - und die Knoten sind es ebenfalls...



Kurz betrachtet Efferdan die Haie, die immer noch in der Nähe der ZYKLOPENAUGE das Wasser bevölkern, dann richtet sich sein Blick wieder auf die Trosse, genauer auf das Trossenende, auf die Knoten, die es am Schiff befestigen. Die Knoten sind fest, da ist sich Efferdan nun sicher. Langsam, Stück für Stück, tasten sich seine Augen an der Trosse entlang. Aufmerksam sucht Efferdan Anzeichen für bestehende Risse, Vorzeichen, die befürchten lassen könnten, daß die Trosse vielleicht doch unter den enormen Kräften, die auf es wirken, reißen könnte. Doch Efferdan findet nichts - keine Risse, keine abgespleisten Fäden, nichts - jedenfalls nicht auf der Länge, die Efferdan überblicken kann, denn selbstverständlich reicht seine Blickuntersuchung nicht bis zur ZYKLOPENAUGE.

Der nächste Punkt in Efferdans »Sicherheitsüberprüfung« umfaßt das Prüfen auf Scheuer- oder Hangstellen. Also hält sich Efferdan mit beiden Händen noch stärker an der Reling fest und neigt seinen Oberkörper nach vorne. Dabei behält er durch geschicktes Ausbalancieren mit den Beinen das Gleichgewicht - es ist offensichtlich, daß Efferdan solche Turnaktionen nicht zum ersten Mal unternimmt. Die meerblauen Augen beobachten eine Zeit lang forschend die Trosse direkt an der Reling, setzen die Untersuchung fort. Eine kleine Weile hängt Efferdan so da und schaut, ob die Trosse nicht irgendwo an der Bordwand anschlägt, scheuert oder festzuhängen droht. Doch auch in dieser Hinsicht ist alles in Ordnung.

So langsam reift in Efferdan die Erkenntnis, daß wohl alles in Ordnung ist und nichts schief gehen wird. Jedenfalls solange nichts Unerwartetes geschieht.

Anscheinend gibt es für ihn hier nicht mehr viel zu tun, beschließt Efferdan, als er zurück klappt und nun wieder mit beiden Beinen fest auf den vertrauten, schwankenden Planken der NORDSTERN steht.

`Was jetzt?`

Efferdans Augen streicheln das Meer. Plötzlich überfällt ihn der Wunsch, schwimmen zu gehen, sich seiner Kleidung zu entledigen, in das kühle, salzige Wasser zu springen, umher zu planschen, das Salz zu schmecken, den Tang zu riechen, die Kraft des Meeres zu fühlen, ...

Efferdan sieht erschrocken über seine eigenen Gedanken hoch. Was war das? Was hatte ihn zu diesen Wunsch veranlaßt. Sicher, er war gerne im Wasser, aber hier. im offenen Meer? und was noch erschreckender war: In der Nähe von hungrigen Haien?

Dunkle Bilder steigen in ihm auf. Bilder, in denen er sich im Wasser treiben sieht, meterhohe Wellen schlagen über ihn zusammen, einzelne Holzstücke tanzen an seiner Seite, an einem hält er sich fest. Eine schmale Rückenflosse hebt sich plötzlich aus dem Meer, nur ein paar hundert Schritt entfernt. Versinkt wieder im Wabern des Meeres, taucht hier und dort wieder auf im Wellental der tosenden See. Und - sie kommt näher, immer näher, bald würde sie ihn erreicht haben, und dann...

Mit einem gurgelnden, hellen Laut fährt Efferdan zusammen.

Tief erschrocken blinzelt er in Richtung Horizont. Sein Atem geht schnell und stoßweise. Sein Herz schlägt so laut und heftig, das Efferdan fürchtet, man könnte es bis ans Vordeck hören.

Der Alptraum war wieder da! Ein Traum, von dem Efferdan nicht weiß, ob es wirklich nur ein Traum ist und nicht eine Erinnerung von damals, als... Efferdan schüttelt schnell den Kopf, um den Gedanken zu verdrängen. Schon seit einer Weile hatte er an diese ganz spezielle Sache nicht mehr denken müssen, und nun... Was hatte die Erinnerung ausgelöst? Der Anblick der schwer beschädigten, wahrscheinlich lecken ZYKLOPENAUGE? Das Bild der Haie, die eben jenes Schiff umkreisen? Efferdan weiß es nicht, ehrlich gesagt will er es auch gar nicht wissen.

`Ich muß mich ablenken, unbedingt! Nur nicht wieder diese Bilder, EFFerd bewahre mich.`

Entschlossen läßt Efferdan die Reling los und dreht sich um, weg von der Reling.

`Vielleicht sollte ich Mittschiffs gehen?`

Ihm graut zwar vor den vielen fremden Passagieren an Deck, aber noch mehr graut ihm momentan vor dem Gedanken, wieder von diesen schrecklichen Bildern überfallen zu werden. So beschließt er das, seiner Meinung nach, kleinere Übel zu wählen und wieder in Richtung Vordeck zu gehen, wobei er nicht vor hat, dieses zu betreten. Vielleicht könnte er sich ja irgendwo unauffällig an die Reling stellen und den Passagieren zu sehen?

Efferdan läuft los...



Efferdan hat mittlerweile den Aufbau am Heck des Schiffes passiert und steht jetzt am hinteren Niedergang, in der Höhe des Großmastes. Die blauen Augen schauen kurz umher, um die Lage auf Deck zu erfassen, dann geht er einen Schritt zurück und lehnt sich mit dem Rücken an die Wand des Aufbaus, immer bemüht, möglichst unauffällig zu bleiben. Die beiden Arme liegen parallel zum Körper an der Wand an. Rücken und Kopf berühren ebenfalls die Planken hinter ihm.



Efferdan steht still und möglichst unauffällig, wobei letzteres kaum möglich ist, sticht doch sein helles Haar beinahe überall hervor. Auch bildet die blasse Haut einen starken Kontrast zu der gebräunten Haut der anderen Seeleute ringsumher, so daß Efferdan unweigerlich aus der Menge der an Deck stehenden (und arbeitenden) Matrosen hervorsticht.

Langsam schweifen Efferdans meerblaue Augen über das Deck, ohne festes Ziel, mal hierhin, mal dorthin. Er sieht die Bootsfrau und die beleibte Bewohnerin der Luxuskabine auf dem Vordeck bei der Rotze stehen, dabei der bunt gekleideter Passagier, der wohl Jarun heißt, wenn Efferdan den Namen richtig aufgeschnappt hat. Efferdan bemerkt den Mann, der im Laderaum so traurig war, wie er gerade den kleinen Mann und die junge Frau an der Reling anspricht.

Ein sanfter Ruck geht durch die NORDSTERN. Für jemanden, der erst seit kurzem auf dem Schiff ist, ist der Unterschied zu den sonstigen Bewegungen des Schiffes nicht zu bemerken, doch Efferdan, der schon seit einiger Zeit auf der NORDSTERN ist, bemerkt den Unterschied.

`Hast ganz schön zu tun. Man hat dich in Ketten gelegt, mmh. Darfst dich nicht mehr frei bewegen, nicht mehr auf den Wellen spielen. Aber keine Sorge, das ist bald wieder vorbei`

Efferdans rechte Hand tätschelt die Planken hinter ihm.

Dann sieht er sich wieder an Deck um, in der Hoffnung auf Ablenkung. Noch immer fürchtet er, daß die schrecklichen Gedanken - der Traum? ,die Erinnerung? - wieder kommen könnten. Da fällt sein Blick auf den kleinen Schiffskater, der sich (immer noch) ängstlich in eine Ecke drückt...



NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan und Traumauge


Traumauge bemerkt wie der hellhäutige Zweibeiner ihn anschaut. Der kleine Fellball, viel anders kann man es nicht bezeichnen, so wie er da in eine Ecke gedrückt liegt, blickt ihn immer noch verängstigt und mit großen Katzenkulleraugen an. Traumauge ist zwar klein, doch sein Herz erweichender Blick läßt jeden noch so niedlichen Hund samt Hundeblick blaß und fade erscheinen. Eben jener Blick ist es, welchem jetzt Efferdan schutzlos ausgeliefert ist. Ein ängstliches, filigranes "Miauu" ertönt dabei.

Der laute Knall gerade eben und die ungewöhnlichen Geräusche des Schiffes, die für einen Menschen wie immer klingen mögen, aber für das feine Gehör einer Katze so unterschiedlich sind wie Harfenspiel und eine Trommel, tragen zusammen mit den ebenso leicht ungewöhnlichen Bewegungen des Schiffes dazu bei, daß Traumauge einfach verängstigt ist. Wäre doch nur seine Mutter noch hier, bei ihr könnte er sich jetzt verkriechen, und sie wüßte ob etwas gefährliches passiert.



`Traumauge sieht aber sehr verängstlicht aus.

Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie es hier zu geht. Und er ist ja noch so klein.`

Efferdan fühlt eine seltsame Verbundenheit zu dem kleinen Kater, der ihn so Mitleid erregend aus seinen großen Kullerauge anstarrt. Wie allein muß er sich fühlen! Efferdan kennt dieses Gefühl, auch er fühlt sich manchmal sehr einsam, trotz - oder gerade wegen - den vielen Menschen an Bord.

Flink huscht Efferdan zu dem kleinen Kater, wobei er, als er näher kommt, langsam geht, um den kleinen Kater nicht noch mehr zu verängstigen. Ein kurzes Stück vor dem Kater geht er langsam in die Hocke, streckt beide Arme aus, mit den Handinnenflächen nach oben, und macht einige lockende Bewegungen mit den Fingern. Sanft und leise spricht seine helle Stimme auf den kleinen Kater ein.

"Komm Traumauge, komm zu mir."

Aus Efferdans grundlosen meerblauen Augen spricht Schutz und Wärme, während er wartet, dass der Kater das verbliebene kleine Stück zu ihm kommt.



Traumauge blickt Efferdan tief in die Augen bevor er aufsteht, es scheint als blicke er in seine Seele, um dessen Absichten zu erahnen. Langsam steht er dann auf und kommt auf sanften Pfötchen in Efferdans Richtung. Bei dem letztem Finger wird er sehr langsam und beschuppert dann vorsichtig die Hände des Matrosen. Offensichtlich ist er zufrieden und reibt sein kleines Köpfchen sanft an Efferdans Handfläche.



Den Blick der Katze begegnet Efferdan gelassen, freundlich. Trotzdem könnte es vielleicht das erste Mal für Traumauge sein, daß dieser ebenfalls das Gefühl hat, irgend jemand blicke tiefer...

Als Traumauge Efferdans Finger beschnuppert, hält Efferdan diese ganz Still, aus Angst, den jungen Kater durch eine heftige Bewegung zu verscheuchen.

Doch als Traumauge sein Köpfchen an Efferdans Hand reibt, lächelt dieser. Ein warmes Lächeln, das nur für den kleinen Kater bestimmt ist. Sanft krault Efferdan Traumauge mit der anderen Hand zärtlich am Köpfchen. Sanft, leise und melodiös spricht Efferdan zu dem kleinen Kater, fast sicher, daß dieser ihn versteht.

"Na, hat die laute Rotze dich erschreckt? Ist ja auch kein Wunder. Brauchst aber keine Angst zu haben! Ich weiß, du wärst sicher lieber bei deiner Mama, aber die ist leider nicht hier... du fühlst dich sicher einsam. Ich kenne das, auch ich fühle mich oft einsam seit meine Mutter..." hier stockt Efferdan kurz, da er bemerkt, daß er wieder in Traurigkeit zu versinken droht.

Freundlich, fast fröhlich setzt Efferdan nun wieder an:

"Was hälst du davon, wenn ich dich ein bißchen auf den Arm nehme? Dann sind wir schon zu zweien und nicht mehr so alleine, mmh?"

Sanft versucht er, den kleinen Kater auf den Arm zu nehmen, während er ihn mit der anderen Hand immer noch am Köpfchen krault, nicht annehmend, daß Traumauge etwas gegen das in seinen Armen liegen haben könnte...



NORDSTERN - Auf der Brücke: Fiana und Jergan


Jergan steht weiterhin auf der Brücke der NORDSTERN, den Blick fast genauso oft nach vorne gerichtet, wie nach achtern zu dem anderen Schiff, das nun halbwegs in Kiellinie hinter der NORDSTERN fährt.

Er vermeidet es dabei erfolgreich, den Schiffsmagier anzusehen - die Tatsache, daß es jetzt wieder etwas für ihn zu tun gibt, macht es sogar sehr einfach, Ottam zu ignorieren.

Prinzipiell würde es ausreichen, nun wieder zur üblichen Praxis überzugehen, daß einer das Steuer führt und zugleich auch das Kommando, doch diese besondere Situation rechtfertigt es sehr wohl, zu zweit auf der Brücke zu sein - besonders, wenn etwas schief geht, kann das von Vorteil sein.

"Mal sehen, wie schnell wir mit diesem Kasten im Schlepp werden", meint er dann in Fianas Richtung, während er zufrieden abschätzt, daß es jetzt wohl schon etwas mehr als zwei Knoten sein mögen.



Fiana macht einen zufriedenen Eindruck, der Schlepp läßt sich gut an und das bedrückende Warten ist endgültig vorbei An den Kapitän sind dann ihre Worte gerichtet.

"Es läßt sich gut an, Ich denke aber, da ist noch etwas mehr Geschwindigkeit drin, Die NORDSTERN ist halt ein gutes und solides Schiff"

Fast mütterlich streicht sie dabei mit einer Hand leicht über das Steuerrad, während die andere es sicher im Griff hat. Kurz darauf umfassen wieder beide Hände das Rad.



"Das will ich auch meinen", erwidert Jergan, während seine Blicke weiterhin zwischen dem Oberdeck des eigenen Schiffes, dem Horizont, und dem Schiff im Schlepp hin und her wechseln.

Kurz schaut er auch nach oben, wo Orgen Wache hält, denn immerhin ist der Schleppzug jetzt halbwegs in der Richtung unterwegs, in die die beiden Drachenschiffe entschwanden.

Die leichte Besorgnis verschwindet jedoch rasch wieder aus seinem Gesicht, als ihm ein weiterer Blick, diesmal in das Wasser, zusammen mit seiner Erfahrung verrät, daß die NORDSTERN jetzt wohl schon fast drei Knoten Fahrt macht.



Fiana hält das Steuer der NORDSTERN sicher im Griff und erfreut sich an dem schneller werdenden Gespann. Sie fragt sich wie man wohl in Salzerhafen auf das Pärchen reagieren wird, alltäglich ist ja nicht das ein Schiff ein anderes abschleppt.

Während sie sich dies fragt, kommt erneut ein Hauch von Zweifel auf. 'Was ist wenn die ZYKLOPENAUGE doch sinkt, dann werden wie die anderen schnell an Bord holen müssen, sonst fallen sie noch den Haien zum Opfer' Aber schnell sind diese Zweifel wieder verdrängt, ein Blick nach hinten sagt ihr, daß die ZYKLOPENAUGE praktisch unverändert im Wasser liegt und daß es so wohl bis in den Hafen reichen wird.

Ottam, hat sich dazu entschlossen zum hinteren Ende der Brücke zu gehen und den Blick auf die ZYKLOPENAUGE zu richten. Dort beobachtet er interessiert was dort an Deck vor sich geht.



Jergan ist sichtlich erfreut darüber, daß der Magier nun den Blick so deutlich nach hinten gewandt hat, und damit wohl nicht die Gefahr eines weiteren unerwünschten Gespräches besteht.

'Eigentlich könnte er sich sogar noch über die Reling beugen... einen kleinen Ruck bekommen wir sicher hin bei dieser Schleppfahrt' - dieser Gedanke huscht kurz durch sein Bewußtsein, zusammen mit einigen Begründungen, warum es so superaufwendig ist, bei einer solchen Schleppfahrt zu wenden.

Doch das läßt den Kapitän wieder ernst werden, denn das stimmt tatsächlich - bis man diesen Schleppzug gewendet hat, sollte einiges an Zeit vergehen.

Die Haie wären da sicher kein Problem, die werden den beiden Schiffen sicher nur so lange folgen, bis ihnen klar ist, daß nichts über Bord geworfen wird, das eßbar ist, aber die Manövrierfähigkeit ist doch arg eingeschränkt.

Drei Knoten mag die Geschwindigkeit jetzt betragen, aber die Zunahme ist schon deutlich zurückgegangen. Viel mehr wird es sicher nicht mehr werden, vielleicht knapp vier. Bei den noch etwa dreissig Meilen, die es bis Salzerhaven sind, würde das bedeuten, daß die Ankunft in die frühen Abendstunden fällt, vielleicht zur Dämmerung, vielleicht auch etwas später.

Das ist alles andere als gut. Die Hafeneinfahrt mit dem Schiff im Schlepp ist zwar nicht einfach, aber das ist lösbar - man trennt die Schlepptrosse einfach weit genug draußen, und verläßt sich dann auf den Schwung, der das Schiff sicher bis an den Kai bringt. Auf eine Schramme mehr kommt es bei der ZYKLOPENAUGE nicht mehr an, außerdem ist Lowanger ein sehr fähiger Mann am Ruder. Nein, das Problem wird es wohl eher sein, zu dieser Zeit dann Leute zu finden, die sich des Wracks annehmen, und auch all die anderen Sachen, die in solch einem Hafen nötig sind, wenn so etwas ungewöhnliches passiert ist.



NORDSTERN - Ausguck: Der Mann im Mast


Orgen ist nach wie vor auf seinem Posten als Ausguck, den er ebenfalls nach wie vor pflichtbewußt ausübt.

Er kann keinerlei Anzeichen für Piraten erkennen, nur die verdammten Haie. Einige folgen wohl der feinen Blutspur, welche die ZYKLOPENAUGE hinter sich herzieht.



ZYKLOPENAUGE - Ladedeck: Im Frachtraum


Er geht vorsichtig die Stufen hinunter, es wäre ja gut möglich, angesichts der enormen Verwüstungen hier an Bord der ZYKLOPENAUGE, daß die Stiege, die vom Unterdeck aus abwärts führt, ebenfalls zerstört ist. In diesem Falle wäre Ole sehr viel schneller auf die Planken des Ladedecks gekommen, als ihm lieb gewesen wäre.

So aber kommt er sicher zum Stehen und findet sich zunächst einmal in absoluter Finsternis wieder. Langsam stellt er die Werkzeugkiste auf der letzten Stufe ab und tastet sich dann blind vorwärts. Ole sucht und findet eine Laterne, der jedoch das Glas fehlt. Es ist ziemlich zugig hier unten im 'Schiffsbauch' und der Schiffszimmermann spürt keine Neigung dazu, alle zwei Minuten das Flämmchen der Laterne neu entzünden zu müssen. Also läßt er diese Laterne hängen und sucht weiter.

Ole watet durch fast knietiefes Wasser, auf der Steuerbord-Seite steht das Wasser nicht ganz so hoch, dort ist es teilweise sogar völlig trocken. Der Schiffszimmermann stößt sich die Schienbeine ein paar mal an herumliegenden oder schwimmenden Trümmer an, doch verkneift er sich den Schmerz und sucht weiter.

Ab und zu bleibt er stehen und lauscht. Doch er vernimmt nur das Geräusch des eingedrungenen Wassers, wie es, getrieben durch die wiegenden Bewegungen der ZYKLOPENAUGE, von steuerbord nach backbord schwappt und zurück. Ole hört ächzendes Klagen von belastetem Holz und von Zeit zu Zeit eine dumpfen Schlag, wenn Lade- und Trümmerteile aneinanderstoßen. Dann klimpern ein paar schwingende Ketten und Metallscharniere geben einen langen quietschenden Laut von sich. Nur ein Geräusch hört Ole nicht: Jenes quellende Gurgeln, mit dem sich rasch eindringendes Wasser bemerkbar macht.

Nun sollte man annehmen können, daß diese Erkenntnis den Schiffszimmermann beruhigen könnte, das tut es aber nicht. Nur weil keine Anzeichen für unmittelbare Gefahr zu erkennen ist, soll das nicht heißen, daß man sich in Sicherheit wiegen dürfe. Ole, noch immer blind wie ein Maulwurf kratzt sich am Hinterkopf. Wenn da kein größeres Leck ist, woher kommt dann das viele Wasser?

Dann endlich berühren seine Finger eine weitere Laterne, die, an einer kleinen, dünnen Kette befestigt, von der Decke herabhängt. Fast wäre Ole mit dem Kopf daran gestoßen. Zu seiner Freude darf er feststellen, daß diese Laterne völlig intakt ist und zudem noch reichlich mit Öl gefüllt. Ein Glück, daß Ole immer Span, Feuerstein und Zunder dabei hat, es ist manchmal schon ein Vorteil Pfeifenraucher zu sein.

Ole zündet die Laterne an und dreht gleich den Docht ein wenig höher, damit der Lichtschein einen möglichst großen Raum ausleuchten kann.

Neugierig sieht sich Ole um .......



Im schwachen Licht der kleinen Laterne sieht das Ladedeck recht normal aus. Es liegen keine Toten herum, es liegen keine Trümmer herum - jedenfalls fast keine, wenn man von einigen Teilen absieht, die an der Decke in der Nähe der von oben kommenden Ladeluke verbogen herumhängen - dort hat man wohl ziemliche Gewalt angewendet, als man die Luke geöffnet hat.

Was ungewöhnlich für einen Laderaum ist, ist das Wasser, das auf der Backbordseite etwas mehr als einen Spann hoch steht, und auf der Steuerbordseite gar nicht vorhanden ist - der Boden des Raumes ist nicht einmal zur Hälfte seiner Fläche feucht.

Wie oben stehen liegen diverse geöffnete Bündel herum, die wohl ebenfalls Wolle enthalten. Ansonsten ist der Raum recht leer, als hätte man entweder nicht viel geladen, oder als hätte jemand sorgsam ausgeräumt. Direkt vor den Füßen des Schiffszimmermanns liegt ein kleines Beutelchen, das dem Geruch nach wohl Gewürze enthält, aber das war ganz sicher nicht in dieser Form verpackt - es könnte aus einer gewaltsam geöffneten Kiste gefallen sein.

Weiter hinten stehen einige Kisten verschiedener Größen, einige geöffnet, andere nicht, einige zertrümmert, andere anscheinend nur kurz inspiziert und dann stehengelassen.

Die Seitenwände - soweit sichtbar - machen einen trockenen und unbeschädigten Eindruck, und auch die Geräusche, mit denen das Wasser um die verbliebenen Kisten herum schwappt, deutet auf keinen großen Wassereinbruch hin.

Von der Menge her mag das Wasser durch die Ritzen zwischen Planken eingedrungen sein, die durch äußere Einwirkung entstanden sind, und sich bei fortlaufender Durchfeuchtung des Holzes, das von außen ja geteert ist, wieder weitgehend verschlossen haben - oder durch eine Anzahl kleinerer Lecks, deren Wasserdurchflußmenge einfach nur gering ist. Zudem ist ja auch nicht wirklich bekannt, wieviel Wasser die ZYKLOPENAUGE vor dem Überfall schon in der Bilge zu stehen hatte - es gibt im Grunde keine Karavelle, deren Bilge trocken ist, es sei denn, sie wurde gerade gebaut und noch nicht vom Stapel gelassen.

Auf jeden Fall ist der Anblick hier unten um einiges friedlicher als der weiter oben, auch wenn die Leere des Raumes und das umher schwappende Wasser doch für einen Seemann schon etwas bedenkliches haben - Wasser ist ein wichtiges Element, aber doch bitte schön außerhalb des Schiffes!



Die Laterne brennt und Ole hängt sie wieder in ihre Halterung, um auch wirklich beide Hände frei zu haben. SWAfnir sei gepriesen, das Ladedeck sieht nicht so mitgenommen aus, wie das zu befürchten gewesen wäre, große, unaufschiebbare Reparaturen stehen wohl nicht an.

Ole hebt das Beutelchen und schnuppert daran herum - es sind Kräuter oder Gewürze, keine Frage. Der Schiffszimmermann steckt den Beutel ein, soll sich der Druide später einen Reim daraus machen, und wenn nicht der, dann der Smutje auf der NORDSTERN.

Nachdenklich betrachtet der Schiffszimmermann die Schäden um die Ladeluke herum. Der alte Seemann schüttelt den Kopf, da war wohl blanke Zerstörungswut am Werk gewesen. Ole nimmt die Laterne wieder auf und tapst zu den Kisten, die noch herum stehen.

'Was hatte die ZYKLOPENAUGE sonst noch so geladen gehabt?', fragt sich der Schiffszimmermann, 'Ob der Laderaum immer so leer war? Dann hätte die Piraten aber wenig Beute gemacht. Ob sie deshalb so wütend gewesen waren, daß sie in diesen Blutrausch gerieten?'

Intensiv sucht Ole nach Hinweisen, was alles an Waren und Behältern hier gelagert gewesen sein könnten. Man öffnet die Ladeluke mit derart viel Gewalt, wenn es eh nichts gibt, das man durch sie hindurch hätte transportieren müssen.

Diese Piraten kommen Ole immer seltsamer vor. Wenn der Laderaum vollgestanden hatte, dann ist er allerdings sauber ausgeräumt worden. Warum aber, hat man dann diese wenigen Kisten zurückgelassen. Und langsam fragt sich Ole, ob er überhaupt noch etwas würde finden können, daß den ganzen Aufwand, der mir dieser Schleppfahrt gegeben ist, rechtfertigen würde.



Der Laderaum der ZYKLOPENAUGE, nur schwach beleuchtet durch die eine Funzel,

wirkt recht groß, sicher größer als die der NORDSTERN. Doch... das ist nur zum Teil wahr, denn zum einen entsteht dieser Eindruck durch die Beleuchtung, und zum anderen scheint die Raumaufteilung hier anders zu sein - es gibt im Gegensatz zur NORDSTERN kaum Trennwände, und insbesondere auch keine Türen. Einige Verschläge mögen abgeteilt sein, aber im wesentlichen ist es der Raum, in dem sich Ole befindet.

Die Kisten, die dort noch stehen, sind aufgebrochen, und wie auf dem Deck darüber liegt auch hier Wolle herum, und einiges an Lederwaren, die wohl aus dem Leder von Schafen der Zyklopeninseln hergestellt wurden. Bei einer der Kisten, die wohl durch einen Axthieb so zerstört wurde, daß man sie nicht mehr wegschleppen konnte, riecht es wiederum deutlich nach Gewürzen, und eine Pfütze auf dem Boden auf der Steuerbordseite könnte von Olivenöl herrühren.

Spuren auf dem Boden künden bei näherer Betrachtung davon, daß Kisten durch die Gegend geschoben wurden, und weitere der verbliebenen Kisten - recht große Exemplare - waren wohl einfach zu schwer, um sie mehr als einige Spann zu verschieben. Gerade in den Verschlägen gibt es einige dieser Kisten - da hat wohl das Verhältnis zwischen dem Wert des Inhalts und der Mühe, sie bis zur Ladeluke zu schaffen, nicht so ganz gestimmt - vielleicht war auch die Zeit einfach nur zu knapp.

Bei einer dieser Kisten - einer beschädigten - ist das sehr offensichtlich - wer macht sich schon die Mühe, eine Kiste mit recht unverarbeitetem Erz durch die Gegend zu schleppen? Nicht gerade eine wertvolle Beute für Piraten...

Die Schleifspuren und auch weitere Reste, die auf dem Boden herumliegen - Gewürze, Wolle, Leder, einige Erzklumpen, einige Teile eines Fasses, das wohl etwas alkoholisches enthielt, weisen auf die Eile hin, mit der dieses Ausräumen stattfand - schnell, und gerade so gründlich, daß das Verhältnis von Aufwand und Nutzen stimmt.



Der alte Schiffszimmermann ist schwer angespannt. Nicht etwa drohende Gefahr fürchtet er, es ist vielmehr ein inneres Unbehagen, daß ihn quält, da er sich auf viele Dinge keinen Reim machen kann. Langsam und mit Bedacht versucht er seine Gedanken zu sortieren.

Also: Da waren zwei Drachenschiffe, die eine fette Karavelle überfallen haben. Das allein ist ja nicht ungewöhnlich, das passiert in diesen Gewässern sehr oft, Haie gibt es nicht nur unter den Wellen, zuweilen gleiten sie auf schlanken Booten auch über den Wogen.

Piraten sind immer auf Beute aus, sie suchen den Gewinn, die Möglichkeit zum Anrichten eines Blutbades ist dabei zwar nicht auszuschließen, aber ungewöhnlich ist es schon, denn Tote bringen keinen Profit. Außerdem fürchten Piraten nur selten Zeugen, im Gegenteil, die brüsten sich gerne mit ihren Untaten und sie lieben es an allen Küsten als berüchtigt zu gelten.

Warum also hat man sich hier so viel Mühe gegeben, alles was lebt so gründlich zu zerhacken? Auch die Tatsache, daß die zwei Drachen mit hoher Wahrscheinlichkeit die NORDSTERN gesichtet haben müssen und trotz Übermacht so schnell davon geeilt sind, muß bedenklich stimmen. Und dann stellt sich auch noch heraus, daß auf dem überfallenen Schiff ein hoher Gesandter überlebte, dem es ein kleines Vermögen wert ist, daß Wrack in den nächsten Hafen schleppen zu lassen. Warum nur? Ole hat bisher nichts entdecken können, daß in der augenblicklichen Situation auch nur einen Mückenschiss wert gewesen wäre.

Aber vielleicht war ja auch alles ganz anders. Vielleicht brachten die Toten Profit, vielleicht war das ganze gar kein reiner Raubüberfall, vielleicht ging es wirklich darum, einen oder mehrere Menschen zu BORon zu schicken? Warum wollen die einen also alle Menschen eines Schiffes ermorden wollen und der einzige Überlebende hat daraufhin nur das einzige Verlangen das Schiff zu retten? Wenn es eine Antwort gibt, dann ist sie auf dem Wrack zu suchen.

Und da wäre noch die Frage, die Ole im Moment am meisten beschäftigt: Wieso sieht hier im Laderaum alles so verhältnismäßig intakt aus, während das Oberdeck einem verwüsteten Schlachthaus gleicht. Die Masten sind gebrochen, der Heckaufbau in Trümmern, doch hier unten ist kein großes Leck, kein größerer Schaden zu erkennen, zumindest nicht in der Form, die zu erwarten gewesen wäre, bedenkt man die Zerstörungen auf dem Oberdeck.

Ole beginnt die Kisten untersuchen, zunächst jene, die zwar geöffnet worden waren, dann aber doch nicht abtransportiert wurden. Vielleicht findet sich eine Antwort zumindest für einen Teil seiner Fragen. Der Schiffszimmermann erinnert sich an seine geheimen Forschungen auf Kapitän Bjarnes Schiff in Thorwal, als es galt Kapitän Efferdstreu's Unschuld zu beweisen. Damals hatte er die Frachtkisten nur sehr oberflächlich untersuchen können und wahrscheinlich deshalb nicht entdecken können, obwohl er sich zu dieser Zeit ziemlich sicher gewesen war, daß dort illegale Waren gelagert sein mußte.

Damals hat er wenigstens noch eine vage Vorstellung, was zu suchen gewesen war. Heute hat er außer diesem erwähnten Unbehagen keinerlei Anhaltspunkt. Dennoch macht er sich daran die Kisten innern und außen zu untersuchen und zwar sehr viel gründlicher als seinerzeit in Thorwal.



Wenn man einen ersten Blick auf das Ladedeck wirft, dann sieht es fast vollständig leergeräumt aus. Wenn man sich aber die Mühe macht, jede einzelne Kiste genau zu betrachten, dann sind das doch erheblich viele, die sich vor allem in den von den Spanten gebildeten Zwischenräumen aufreihen.

Sie haben die üblichen Größen solcher Kisten, wobei zwischen einem halben Schritt Kantenlänge und fast zwei Schritt so ziemlich alle Zwischengrößen vorkommen, die man sich an der Westküste Aventuriens so ausgedacht hat. Beschriftet ist kaum eine der Kiste mit mehr als einer nichtssagenden Nummer, die mit Kreide drauf geschrieben ist. Bei manchen Kisten, insbesondere denen auf der Backbordseite, die dem eingedrungenen Wasser stärker ausgesetzt waren, sind diese Beschriftungen aber auch schon recht undeutlich.

Die mit Gewalt aufgebrochenen Kisten ähneln einander sehr: Entweder enthalten sie gar nichts, oder sie enthalten Müll, den keiner mehr haben wollte - zerbrochene Krüge und Dosen, beschmutzte Wolle, zerfetztes Leder, oder sie enthalten Erz in einem ziemlich frühen Stadium der Verarbeitung, das offensichtlich einen viel zu geringen Wert besitzt, um sich mit dem Diebstahl zu belasten.

Hinter zwei solchen aufgebrochenen Erzkisten stehen sechs weitere, die verschlossen sind, doch die Spuren auf dem Boden sind ein deutlicher Hinweis, daß auch diese sehr schwer sind - es ist noch immer zu sehen, mit wieviel Mühe man sie an diese Stelle geschoben hat. Auf der anderen Seite gibt es ähnliche Kisten, nur hat sich da niemand die Mühe des Aufbrechens gemacht - lediglich ein heraus gebrochenes Brett des Deckels eröffnet den Blick auf... Erz.

Leere Kisten gibt es weniger als solche Kisten, aber das mag auch daran liegen, daß Kisten hervorragend geeignet sind, wenn man etwas abtransportieren möchte...

Große Bündel mit Wolle bilden die letzte Art von Funden, die gemacht werden kann, allerdings sieht man ihnen an, daß sie von recht minderer Qualität sind.



Ole blickt nachdenklich in die Erzkisten. Wäre das ganze Holz, dann könnte sich der alte Schiffszimmermann einen Überblick verschaffen, er würde Besonderheiten sofort erkennen können. Bei Metall ist das schon etwas anderes, da weiß er im Grunde genommen nur, daß es kalt und hart ist. Nun, ja, ein bißchen mehr weiß er vielleicht schon darüber, aber im Moment, will ihm nichts rechtes einfallen, als er sich die Erzbrocken in den zerschmetterten Kisten näher ansieht.

'Gut, Gold ist es nicht, das sehe sogar ich!', denkt sich Ole 'Aber wenn es Gold gewesen wäre, dann hätte die Piraten auch die schwersten Kiste, wahrscheinlich zwischen den Zähne nach ober transportiert!'

Er ergreift ein paar Brocken und legt sie neben der Kiste ab. Immer wieder einmal hält er einen der Erzklumpen etwas näher an die Laterne, um ihn genauer zu betrachten. Ole will sich einfach nicht damit abfinden, daß die Ereignisse auf der ZYKLOPENAUGE keinen tieferen Grund gehabt haben könnten, als die Gier brutaler Piraten.

Ole blickt sich hilflos im Ladedeck um, als warte er darauf, daß ihm ein Hinweis in die Augen springen könnte. Es ist eben diese unglaubliche Grausamkeit, mit der diese Piraten vorgegangen sind, die ihn eifach nicht an einen einfachen Überfall glauben lassen. Immerhin scheint es so, als wäre die Gier nach Blut größer gewesen, als die Gier nach Beute.

Nach allem, was Ole gefunden hatte, kann dieses Schiff keine Reichtümer transportiert haben, Wolle, Leder oder Erzgestein gehört nicht unbedingt zu den bevorzugten Beutestücke von Piraten, aber vielleicht war auch etwas anderes geladen, etwas, daß dem Suchenden nunmehr keine Spuren mehr anbieten kann. Vielleicht findet Hjaldar die Ladepapiere auf dem Unterdeck, dann könnte man diese Sache besser nachvollziehen.

Nach allem, was er von und über diesen Überlebenden, diesen Gesandten gehört hatte, hat jener noch das größte Interesse daran dieses Schiff zu bergen - aber warum nur? Hier hat doch wirklich nichts mehr wirklich wert und seine Depositscheine könnte er sich notfalls auf seinem Weg zur NORDSTERN auch unter die Achsel klemmen. Also - was könnte den Mann an dieses Schiff binden?

Herum zu stehen, nach zu grübeln und dabei nichts zu tun, kommt Ole plötzlich so fruchtlos und unnütz vor. Also steigt er zu den Kisten, die noch unbehelligt aussehen und unterzieht diese eine aufmerksamen Kontrolle. Die Deckel sind vernagelt, stehen aber knapp eine Finger breit über und mehr braucht Ole nicht. Er krallt sich mit den Fingerspitzen ein und zieht an, langsam und ohne Ruck, dafür mit enormer Kraft!.



Das Erz, das Ole der Kiste entnimmt, ist nichts besonderes. Es glänzt weder golden, noch zeigt es irgendwelche Einschlüsse - es scheint gewöhnliches Eisenerz zu sein. Vielleicht solches aus einem besonderen Bergwerk, aber um das herauszufinden, muß man wohl schon mehr davon verstehen, als das ein Seemann üblicherweise tut.

Neben und hinter der zertrümmerten Erzkiste stehen sieben weitere Kisten, die dieser in Form, Farbe und Größe - sie sind knapp eineinhalb Schritt lang - gleichen. Lediglich die Kiste, die am anderen Ende steht, ist etwas aus der Reihe gerückt, und steht nicht ganz parallel zu den anderen - da hat sich wohl jemand dran versucht, und hat gemerkt, daß er eine Kiste dieses Gewichtes nicht wirklich haben möchte.

Die Kiste, an der Ole sich vergreift, steht hinter der zum Teil zertrümmerten, und gleicht dieser natürlich ebenso wie die übrigen sechs Kistengeschwister.

Der Versuch, die Kiste auf diese Weise zu öffnen, ist alles andere als einfach, und würde den meisten Menschen wohl gelingen, aber auch nur wenige verfügen über so viel Kraft wie der Schiffszimmermann der NORDSTERN. Dennoch - auf diese Weise Kisten zu öffnen, das ist nichts, was man öfter machen möchte...

Langsam geben die Nägel, die die Kiste zuhalten nach, und schließlich hat Ole die Kante des Deckels in der Hand. Der Rest ist dann einfach, und die Kiste offenbart ... ihren Erzinhalt.



Eigentlich weiß der Schiffszimmermann gar nicht, was er erwartet hatte und dennoch fühlt er sich enttäuscht, weil er absolut nichts klärendes finden kann. Wahrscheinlich ist es für den menschlichen Verstand einfach nicht faßbar, ein Massaker solchen Ausmaßes sachlich zu überdenken. Man braucht einen Grund für das Geschehen, einen einfachen, und wenn auch noch so perfiden Grund, um es wenigsten halbwegs verstehen zu können.

Aber warum sollte die Ursachen immer versteckt liegen? Kann es nicht sein, daß das Naheliegenste auch das Wahrscheinlichste sein kann? Und gibt es denn nicht zahllose Beispiele dafür, daß die reine Blutgier, die schiere Lust am Töten, keinen Hintergrund braucht, daß sie sich selbst genug ist?

Wütend wirft Ole den Deckel wieder auf die Kiste. Es macht ihn einfach ärgerlich, daß er weder mit seiner Suche, noch mit seinen Grübeleien auf einen 'grünen Zweig' kommen kann. Nun hat er einfach keine Ideen mehr, wo und wonach er suchen könnte und, vor allem, warum er sich nicht mit der einfachsten aller Erklärungen zufrieden geben sollte. Es gibt schließlich für ihn persönlich keinen Anlaß nachzuforschen, ob die ZYKLOPENAUGE nun gierigen Piraten, gedungenen Mördern oder krankhaften Verrückten in die Hände gefallen sein könnte.

Aber der Schiffszimmermann ist viel zu neugierig, um jetzt resignierend aufzugeben. Nachdem offensichtlich keine größere Reparaturen notwendig sind, kann es auf keinen Fall schaden, wenn er sich noch ein wenig umschaut. So geht er nun zu den anderen Kiste zu, jene, die noch unangetastet scheinen und schaut sie mißmutig an, als wären die Holzbehälter schuld an seiner angespannten Situation. Dann klopft er deren Wände ab, tritt auch mal kräftig mit dem Fuß dagegen und lauscht, als könnte ihm ein wunderbares Echo Aufschluß geben.



Die Kiste tritt nicht zurück, als der Schiffszimmermann dagegen tritt, auch kommt von ihr kein Schmerzenslaut. Es kommt im Grunde kaum ein Laut - es bewirkt nun mal nicht sehr viel, wenn man gegen eine stabile Kiste tritt, die Erz enthält. Jedenfalls unterscheidet sich dieses Geräusch nicht von dem, das die aufgebrochene Kiste machen würde, wenn man ihr einen Tritt geben würde.

Anscheinend enthält auch diese Kiste nichts anderes als Erz.



ZYKLOPENAUGE - Unterdeck: Das Messer


Ein einfaches "Pah." ist Hjaldar's Antwort. "Wenn mich zehn Götterläufe Kriege nicht umgebracht haben, wird das auch kein dahergelaufener Pirat schaffen." murmelt er noch, während Ole bereits die Stiegen zum Ladedeck hinabsteigt.

Dann dreht er sich um und geht erstmal in Richtung Bug, wo er die Mannschaftsquartiere vermutet und auch findet. Wie er befürchtet hat, findet er auch hier kein Leben mehr, nur noch einen weiteren toten Matrosen, der anscheinend beim Verteidigen seiner unbedeutenden Habseligkeiten durch einen Säbelhieb gestorben ist. Daß dieser den schartigen Dolch, der neben seinem ausgestreckten Arm liegt, noch einsetzen hat können, bezweifelt Hjaldar - zumindest ist kein Blut an der Klinge zu sehen.

Widerstrebend bückt er sich und hebt die Waffe auf. So ein Messer ist besser als gar nichts, wenn's hat auf hart kommt und diesem hier nutzt die Klinge nicht mehr. Langsam richtet er sich wieder auf und sieht sich sorgfältig um.



Der Mannschaftsraum hinterläßt einen noch merkwürdigeren Eindruck als die Laderäume: Eine der Öllampen ist noch intakt, und spendet Licht, und bis auf den Toten, den Hjaldar schon gefunden hat, sind auch keine weiteren Menschen zu finden. Aber... es sieht so aus, wie es in diesem Raum auf jedem Schiff aussieht, so, als wären alle nur mal kurz raus gegangen, um sehr bald wiederzukommen. Ein sehr alltäglicher Anblick, den man oft vorfindet, wenn während aufwendiger Segelmanöver jede Hand an Deck gebraucht wird.

Die persönlichen Sachen der Besatzung liegen so herum, wie sie das auf jedem Schiff tun, es sieht nicht so aus, als hätte da jemand groß geplündert - wozu auch, wenn die Ladung so viel mehr wert ist?



Nachdenklich zieht Hjaldar seine Stirn kraus. Nichts von dem Chaos oben auf Deck ist hier zu sehen, mit Ausnahme des Toten. Aber wer immer ihn hier getötet hat, an den Sachen der Matrosen war er nicht interessiert.

Das ist zum einen verständlich: welche Werte können sich schon ihn den Habseligkeiten einfacher Seemänner finden. Auf der anderen Seite widerspricht es aber der allgemeinen Zerstörungswut auf dem Oberdeck.

Immer noch grübelnd verläßt Hjaldar den Mannschaftsraum und durchquert den Laderaum im Unterdeck, in dem er und Ole sich getrennt hatten.

'Die Kerle wollten sicher stellen, daß niemand überlebt. Aber warum?'

Beim Vorbeigehen fällt ein Seitenblick auf den toten Matrosen, den Hjaldar als erstes hier unten entdeckt hat.

'Jedenfalls waren die Hunde verdammt gründlich ... weit über schiere Blutrünstigkeit hinaus.'

Inzwischen ist Hjaldar in einem schmalen Gang angelangt. Unwillkürlich faßt Hjaldar den Dolch etwas fester und hält die Waffenhand etwas höher, um besser auf eventuelle Agriffe reagieren zu können, wo immer solche auf diesem Totenschiff auch herkommen sollten.

Der Gang scheint ein Äquivalent zu dem, wo auf der Nordstern die Türen zu Schrein, Kombüse und Messe zu finden sind. Auch in diese Räume wirft Hjaldar einen kurzen Blick, doch ohne wirklich zu erwarten hier irgend etwas oder -jemanden zu finden ... außer vielleicht der Leiche des Smutje, so diese nicht oben auf Deck liegt.



Die Kombüse hinterläßt, wie auch der Mannschaftsraum, einen ziemlich normalen Eindruck, eben so, als wäre derjenige, der hier gearbeitet hat, nur mal eben rasch weggegangen, um sofort wieder zu kehren. Dem Ort sieht man jedenfalls nicht an, daß dies nie wieder geschehen wird, daß ein Menschenleben so unvermittelt und viel zu früh ein jähes Ende gefunden hat.

Auf dem Tisch in der Kombüse stehen zwei Schalen, die eine halbvoll mit geschälten Kartoffeln, die anderen mit ungeschälten. Daneben liegt das Kartoffelschälmesser achtlos hingeworfen, und einer der Schübe unter dem Tisch ist aufgezogen. Darin liegen, leicht erkennbar, einige Messer, die von der gleichen Art wie das Schälmesser sind. Die Einteilung des Schubes legt nahe, daß genau zwei der Messer fehlen - das kleine Schälmesser eben, und das Messer, das wohl das größte war - aus der Form der Lade ließe sich schlußfolgern, daß es sich dabei um ein recht ordentliches Schlachtermesser handeln muß.

Einen Schrein gibt es im Gegensatz zur NORDSTERN an dieser Stelle nicht, und auch die Messe, die gegenüber der Kombüse liegt, ist kleiner als auf der anderen Karavelle. Allerdings sieht auch sie sehr normal aus - wie ein unbenutzter Raum eben aussieht.

Weiter hinten sind die offen stehenden Türen einiger Kabinen zu erkennen, schwach beleuchtet durch das Licht, das durch die Fenster der Kabinen hineinkommt. Dieser Licht beleuchtet aber auch wieder einige Spuren - hier scheinen Menschen umhergegangen zu sein, die oben in Blutlachen getreten waren. Diese Spuren gehen so ziemlich auf dem kürzesten Weg von den Kabinen zu dem hinteren Niedergang, der sichtbar versperrt ist - offenbar sind von oben Trümmer des Heckaufbaus drauf gestürzt, was auch verhindert haben dürfte, daß dieser Niedergang von oben sichtbar war.



Da auch in Kombüse und Messe wenig zu entdecken ist, geht Hjaldar weiter nach achtern.

Die blutigen Spuren erregen dabei seine Neugier und er versucht zu erkennen, ob sie gezielt irgendwo hin führen oder nur die Spuren eines oder mehrerer der Mörder sind, die sich um die Kabinen 'gekümmert' haben.

Für den letzteren Fall bereitet sich Hjaldar schon einmal darauf vor, auch hier wieder grausigen Fund zu machen.



Hjaldars Befürchtungen erfüllen sich nicht - die Kabinen bergen keine grausamen Funde, aber es ist an den aufgerissenen und ganz offensichtlich durchwühlten Schränken ganz deutlich zu erkennen, daß man hier wesentlich sorgfältiger gesucht hat, als weiter vorne in den anderen Räumen.

Und die Blutspuren sind wirklich nur das - Spuren, die entstanden sind, als jemand, der oben an dem Massaker beteiligt war, in die Kabinen gegangen ist, und da wohl Dinge weggeholt hat.



Hjaldar ist ziemlich erleichtert, daß er keine weiteren Leichen findet. Aber auch ein wenig enttäuscht - das nämlich die Spuren auch völlig 'logisch' zu erklären sind: Selbstverständlich hätten auch einfache Piraten einen Blick in die Gästekabinen geworfen. Nicht selten ist einer so bredenklödrig und nimmt ganze Schatullen Klunker und Gold mit.

Trotzdem untersucht Hjaldar jedes Zimmer mit derselben Gründlichkeit wie eine Stiege tiefer Ole die Kisten, wobei er immer wieder kurz innehält und in Richtung Aufgang zum Oberdeck lauscht. Selbstverständlich hat er nicht vor zu stehlen - falls überhaupt noch was Wertvolles da ist - da hätte er in Thorwal bessere Beute gehabt. Ein wenig wurmt es ihn inzwischen schon, daß er damals nicht zugegriffen hat, aber andererseits war und ist er auch immer stolz darauf, trotz aller Notlagen nie auf die Stufe eines gemeinen Diebes oder Halsabschneiders gesunken zu sein. Aber wenn jetzt einer vom Oberdeck nach unten kommt und ihn beim Durchsuchen der Zimmer erwischt, hätte er schon Schwierigkeiten das glaubhaft zu erklären, in diesem Punkt macht er sich keine Illusionen.

Während er sucht, grübelt er weiterhin über Erklärungsmöglichkeiten nach.

'Es muß doch einen Grund geben ... die schlachten doch nich' ein ganzes Schiff ab, nur weil denen die Nase vom Käpt'n oder die Farbe der Segel nich' paßt...' mißmutig schließt er eine halboffen aufgefundene Truhe, in der außer dreckiger Kleidung rein gar nichts zu finden war.

'Wo ist das Gold?' erinnert er sich plötzlich an einen Satz eines Söldnerkameraden, der früher als Gardist Rinnsteine und Hafenratten bewacht hatte.

'Wie hat Tomak immer gesagt, -wenn Du was nich' verstehst, find raus wo da Gold drin ist, schon siehste klarer als Greifenfurter Klößchensuppe-."'

Nur - wie sollte es Gold einbringen ein ganzes Schiff mit Mann und Maus auszumerzen, wenn nicht ... "...jemand dafür gezahlt hat." stößt Hjaldar die Luft durch die Zähne aus.

'Zwei Drachen, identische Segel, aber keine Zeichen, keine Flaggen.' erinnert er sich an das, was er selbst vom Ausguck aus gesehen hat. 'Bezahlte Mörder. Warum nicht?'

Neu angespornt sucht er weiter nach Hinweisen und hält jetzt auch nach Schriftstücken Ausschau.

'Frachtpapiere! Logbuch! Wo sind die Offizierstuben und die Kapitänskajüte?'



Bei seinem Lauschen bekommt Hjaldar außer den üblichen Geräuschen eines sich auf See befindlichen Schiffes nichts zu hören - abgesehen vielleicht davon, daß die Trümmer an Deck sich durch den Seegang etwas bewegen und dabei einiges an Geräuschen verursachen.

Eine Kapitänskajüte ist nicht zu finden, aber das verwundert auch kaum, denn die hat sich vermutlich wie auf der NORDSTERN in dem Aufbau am Heck befunden, der vollständig in Trümmer gelegt wurde. Offizierskajüten gibt es dagegen - zumindest zwei Stück. Beide sind ebenso wie auch der Rest der Kabinen durchwühlt, und es liegt einiges an Papieren auf dem Boden der einen Kabine herum. Frachtpapiere, um genau zu sein, und das stapelweise. Grob geschätzt dürfte es sich dabei um die Aufzeichnung sämtlicher Ladungen handeln, die das Schiff in den letzten zwei Götterläufen transportiert hat. Allerdings ist man damit alles andere als ordentlich umgegangen - das Schränkchen, vor dem sie liegen, ist gewaltsam geöffnet worden, und die Papiere dann anscheinend mit dem blutbefleckten Stiefel auf dem Boden "durchgesehen" worden.



Wütend blickt Hjaldar auf die Blätterflut in der Offizierskabine und gibt seiner Entäuschung deutlich Ausdruck.

"Orksch! Als ob diese Krötenschemel vom Klabautermann großgezogen wären."

Niedergeschlagen bückt er sich und hebt eine Handvoll noch halbwegs sauberer Pergamentstücke auf. Stirnrunzelnd versucht er, eines davon zu entziffern, wobei ihn nicht nur Flecken, Schmutz und nicht zuletzt die ungewohnte Handschrift auf dem Papier Probleme bereiten sondern auch die Tatsache, daß Lesen noch nie zu seinen heraus ragenden Fähigkeiten gehört hat. Mit dem Rechnen und Zählen, insbesondere vom Sold, hat er es da besser - aber das hilft ihm jetzt auch nicht viel weiter.



Das Dokument, das Hjaldar in der Hand hält, ist recht gut erhalten, und auch ziemlich ordentlich beschrieben - etwas, das übrigens für alle Unterlagen gilt, die hier so achtlos herumliegen. Wer auch immer früher für sie verantwortlich war, hat das mit viel Akribie und großer Sorgfalt getan.

Das spezielle Exemplar, das der Thorwaler mustert, kündet davon, daß das Schiff ZYKLOPENAUGE am 23. Phex 27 nach Hal ein drei Kubikschritt Pelze in Thorwal an Bord genommen hat, mit dem Bestimmungsziel Nostria.

Eine zweite Eintragung, weiter unten, und anscheinend mit einer anderen Tinte gemacht, berichtet, daß diese Waren am 28. Phex 27 nach Hal in Nostria ordnungsgemäß ausgeladen wurden.



NORDSTERN - Oberdeck: Katzenfreunde


Phexane atmet innerlich auf. Offenbar hat Ameg ihre kleine Lüge geschluckt. Es wäre sicherlich nicht gut, wenn sie erzählt hätte, daß sie Torin den Knauf ihres Dolches an den Kopf gehauen hat und er danach bewußtlos wurde. Auch die Tatsache, daß sie im Laderaum ihn mit ihrem Florett bedroht hatte, würde sie nicht gerade im besten Licht erscheinen lassen.

Auf seine Frage hin nickt sie nur und geht dann den Rest der Stufen hinauf zum Oberdeck.

Auf der letzten Stufe bleibt sie kurz stehen und lächelt: Beim Niedergang steht der Matrose, Efferdan heißt er ja, und hält die kleine Katze auf dem Arm.

Dann geht sie endgültig auf das Oberdeck. Bevor sie sich dem Matrosen aber zuwendet, sucht sie mit ihren Augen kurz das Schiff ab, bis sie Torin Rotmarder sieht.

'Bei Phex! Er steht bei dem Kerl, den ich verdächtige! Na ja, vielleicht hat er ja schon etwas über ihn herausgefunden. Ich sollte nachher mal mit ihm reden. Doch zuvor ...'

"Efferd zum Gruße!" grüßt Phexane Efferdan mit einem Lächeln und vergißt so vollkommen, daß sie Torin eigentlich ein schlechtes Gewissen wegen Amegs Fall einreden wollte ...



Sanft und behutsam hat Efferdan den kleinen Traumauge auf den Arm genommen und streichelt ihm sanft über das Fell während Traumauge es sich bequem macht und das kleine Köpfchen an Efferdans Brust reibt.

"Ja, mein Kleiner, es ist ja gut. So ist es besser, nicht?" flüstert Efferdan dem in seinen Armen liegenden Kater zu.

Ruhig bleibt er am Niedergang stehen, weiterhin Traumauge streichelnd und kraulend wie es dieser gerne hat, und wirft mal wieder einen Blick auf das Meer hinaus.

Doch er kommt gar nicht dazu, wieder in gedanken zu versinken, kommen doch gleich darauf zwei Gestalten den Niedergang hinauf. Normalerweise würde das den scheuen Efferdan nicht kümmern, ist er doch meistens bemüht, den Passagieren aus dem Weg zu gehen (und vielen Matrosen ebenfalls), doch anscheinend gilt der Gruß der jungen Frau ihm, Efferdan.

`Das ist doch die Frau, die mir aufgeholfen hat, die die auch aus Havena kommt...`

Efferdan wendet sich ganz Phexane zu, schlägt die Augenlieder etwas nieder - kann es sein, daß er leicht errötet? - und stottert halblaut in seinem hellen Singsang:

"Äh...Ef - fferd mit ... Euch, werte Frau"

Verlegen intensiviert er das Kraulen von Traumauges Köpfchen...

`Was kann sie von mir wollen - aach ja, si wollte sich mit mir über Havena unterhalten... hatte sie vorhin gesagt`

"Vielen Dank nochmal... für..für Eure Hilfe... vorhin..."



Phexane lächelt Efferdan an. Seine Schüchternheit ist geradezu faszinierend und auch die Tatsache, daß er wohl Katzen mag, bringt ihm glatt einen Pluspunkt bei ihr ein.

Doch es ist auch diese helle Stimme und dieses Aussehen, was sie noch neugieriger auf den hellhäutigen Matrosen macht.

"Das vorhin war doch selbstverständlich!" antwortet sie ihm. Dann streichelt sie Traumauge ein wenig am Hals.

"Wie heißt eigentlich diese kleine Katze? Die ist ja furchtbar süß!"

'Hm, mal sehen, ob ich ihn etwas aus der Reserve locken kann und er sich mit mir über Havena unterhält.'



Efferdan wird etwas nervös, als Phexane näher kommt und ihre Hand in seine Richtung ausstreckt, fast scheint es so, als zucke er etwas zusammen und zurück. Doch da Phexane nur den kleinen Kater streicheln will, entspannt sich Efferdan etwas - nur etwas, denn nach wie vor fühlt er sich in Anwesenheit von Phexane - wie auch von jedem anderen Passagier - nervös, unwohl und unsicher. Noch immer hat er die Augen niedergeschlagen.

Auf Phexanes Frage antwortet er mit der gleichen halblauten, hellen, stockend-stotternden Stimme wie schon eben:

"Er... äh der Kater... heißt... Traumauge..."

`Sie mag auch Katzen, wie schön. Und sie kommt aus Havena... ob sie vielleicht meine Mutter gekannt hat?`

"Ihr.. ihr kommt aus Havena... richtig?"

Liebevoll krault Efferdan Traumauge weiter am Köpfchen...



"Oh, ein Kater? Hm, Traumauge paßt aber wirklich gut zu ihm."

Phexane krault weiter um Traumauges Köpfchen, berührt dabei aber einmal kurz mit den Fingerspitzen unbeabsichtigt Efferdans Hand. Sie zieht dann ihre Hand etwas zurück und krault Traumauge wieder am Hals, da sie befürchtet Efferdan zu verscheuchen.

'Er ist ja extrem schüchtern!'

Auf die Frage hin, ob sie aus Havena kommen würde, lächelt sie zwar weiter, doch wird ihr Blick etwas trauriger.

"Ja, ich komme aus Havena. Eine sehr schöne Stadt."

Erinnerungen werden auf diese Frage hin wach, und vor ihrem Auge taucht die Stadt auf, die sie jahrelang als ihre Heimat betrachtet hatte. Die Türme der Häuser, die hohen Masten der Schiffe, die aus weit entfernten Ländern kommen, tulamidische Schiffe ...

Das Knarren der NORDSTERN und des Wracks, das nun hinterher gezogen wird, vermischt sich mit ihren Erinnerungen. Sie hört in Gedanken das Kreischen der Möwen und das Rufen von Seeleuten und erinnert sich an die Zeit, als sie noch nicht die war, die sie heute ist ...

Sie nimmt das Poltern von Füßen auf Holzboden wahr, das auf sie zukommt. Sie blickt hinauf zu dem Verursacher dieses Geräusches, der nun genau vor ihr steht, vorbei an der wertvollen, schillernden tulamidischen Tracht und dem Khunchomer, der in einer mit Gold verzierten Waffenscheide ruht, in das bärtige Gesicht eines Mannes, der sie von oben herab freundlich anlächelt ...

"Ich war schon lange nicht mehr dort." fügt sie mehr zu sich selbst hinzu.



Phexanes Angst, sie könnte Efferdan verscheuchen ist wirklich nicht ganz unbegründet, zuckt doch seine Hand zurück, als Phexane diese berührt.

"Entschuldigt" flüstert er leise, fast beschämt, so als wäre es seine Schuld, daß sich ihre Hände berühren.

Irgendwie ist es merkwürdig: Obwohl er fast Furcht vor Phexane empfindet, weil sie eine Fremde ist, sich unsicher, unangenehm fühlt, fühlt er sich doch etwas zu Ihr hingezogen - es ist so, daß Phexane ihn an seine Heimat, seine Kindheit erinnert, an Havena. Und irgendwie.. ja irgendwie hat sie etwas an sich, einen Charakterzug, eine Art, welche(n) er von seiner Mutter kennt, ja, in der Tat, irgendwie ist diese Fremde ihr etwas ähnlich. Jedenfalls empfindet er es so - vielleicht spielt ihm seine Erinnerung aber auch einen Streich. Auf jeden Fall ist sie ein Bindeglied zu seiner Heimat - und das ist ein Grund, warum er sich nicht schon längst entschuldigt hat und verschwunden ist.

Als Phexane ihre Herkunft aus Havena bestätigt, sieht Efferdan sogar zu ihr auf, es scheint fast so, als schleiche sich ein Zug der Freude auf seine Lippen - nur um jäh wieder zu verschwinden, als Phexane erwähnt, sie sei seit langem nicht mehr dort gewesen. Irgendwie ist auch er von der Traurigkeit befallen, die eben schon Phexane anzusehen war.

Wieder senken sich die Augen zu Boden, die Linke hört nicht auf Traumauge zu liebkosen. Leise spricht Efferdan:

"Schade... ich hoffte... vielleicht..."

Plötzlich bricht Efferdan ab, ohne wirklich das gesagt zu haben, was er sagen wollte.



Das Bild von dem großen Tulamiden auf dem Schiff verblaßt vor Phexanes Augen mehr und mehr und hinterläßt das ihr noch von damals bekannte Gefühl des Verlassenwerdens zurück.

Kurz blitzt das Bild des Havener Hafens auf, wo sie steht und dem tulamidischen Schiff nachsieht, das davon segelt. Aber es ist nur ein Bild, das einen kurzen Augenblick wiedergibt und zudem auch noch recht verschwommen ist - mehr als das Schiff ist nicht zu sehen. Die Häuser und alles andere drumherum sind undeutlich.

Aber nun konzentriert sie sich wieder auf das Hier und Jetzt und blickt nun Efferdan etwas genauer an, während sie auch weiterhin Traumauge liebkost. Ihr Blick gleitet kurz über seine Gesichtszüge, doch dann, als sie seine Augen betrachten möchte, senkt er seinen Blick und stottert wieder schüchtern etwas hervor.

"Ja? Was hofft ihr?" fragt sie ihn in einem freundlichen Ton.



"Ich ähh... kanntet..ihr vielleicht.. die Efferdgeweihte Aillil?", kommt es schüchtern als Antwort aus Efferdans Mund.

Daß Phexane kaum älter ist als er und deswegen fast selbst noch ein Kind war, als Aillil vor etwa 9 Jahren starb, kommt Efferdan gar nicht in den Sinn. Vielmehr hofft er jemanden zu treffen, der sie gekannt hat und etwas über sie zu erzählen weiß - vielleicht sogar, wer sein Vater ist/war (aber das kann Phexane natürlich wirklich nicht wissen).

Doch selbst wenn Phexane seine Mutter nicht kennen sollte, so fängt sie vielleicht an, etwas über sich, ihre Familie oder Havena im Allgemeinen zu erzählen. Efferdan hört doch so gern Geschichten...



Ameg, der gleich hinter Phexane auf das Oberdeck gekommen war, steht neben Phexane und Efferdan und wird nun komplett ignoriert. Irgendwie hat er das Gefühl, als wären die beiden nun Bestandteil einer ganz anderen Welt. Ameg fühlt sich irgendwie als Spion in dieser Welt und lauscht erstmal weiter dem Gespräch der beiden. Vielleicht bekommt er ja wieder etwas heraus, was er gar nicht erfahren soll. Solche Spiele gefallen Ameg sehr. Und so verhält Ameg sich ganz still und mustert nur gelegentlich mal Efferdan oder die kleine Katze die dieser in seinen Armen hält.



Der kleine Fellknäul, auch Traumauge genannt, genießt es mit ungehemmter Begeisterung so liebkost zu werden. Eifrig ist er bemüht seinerseits etwas zurück zu geben und reibt seine Wangen sanft an Efferdan, der jetzt spüren kann, wie wunderbar weich so ein Katzenfell doch sein kann. Auch die wohlige Wärme die von dem kleinen Kater ausgeht ist ein angenehmer Kontrast zur rauhen Seeluft.

Ein gleichmäßiges und zufriedenes Schnurren geht von Traumauge aus. Es beweist, daß er überglücklich über diese Zuwendung ist, doch ganz nebenbei hat das weiche und angenehme Geräusch auch eine beruhigende Wirkung, die Efferdan vielleicht sogar ein Quentchen seiner Schüchternheit zu nehmen vermag.

Als Phexane hinzutritt und sich ebenfalls um den kleinen Kater kümmert, ist er wieder im siebten Katzenhimmel. Genußvoll steckt er das Köpfchen nach oben, so daß Phexane ihn problemlos unter dem Kinn kraulen kann und auch Efferdan noch Gelegenheit hat ihn zwischen den Ohren zu kraulen.

So sehr geliebt verfällt der kleine Kater wieder in jene Position, in der man seiner Niedlichkeit kaum etwas entgegen zu setzen vermag. Offensichtlich ist es ein Zeichen höchster Zufriedenheit, wenn er die rosa Zungenspitze ein winziges Stückchen aus seinem Mäulchen hängen läßt und die endlos tiefen Katzenaugen, groß und rund, auf die beiden lieben Zweibeiner gerichtet sind.



Phexane denkt nach. Der Name Aillil ist in Havena bzw. Albernia nicht unbedingt ungewöhnlich.

"Aillil ... Efferdgeweihte ... hmmmm." sagt Phexane erstmal nur.

"Mein Bruder Gial ist Efferdgeweihter in Havena ... zumindest war er das noch, als ich vor etwa 2 Jahren fortging."

Sie erinnert sich an den Tempel und daran, daß ihr Bruder ihr früher ein paar der Geweihten vorgestellt hatte.

'Aillil ... Aillil ...'

"Ha! Ich weiß! Glaube ich zumindest."

Sie lacht Efferdan an.

"Hatte eure Mutter langes mittelblondes Haar? Wenn ja, dann kenne ich sie. Mein Bruder hat mir einige der Geweihten vorgestellt, weil ich auch oft dort gebetet habe. Aber wir haben uns nur gegrüßt, mehr nicht."

'Da war doch noch etwas ...Stimmt! Sie ist doch irgendwann gestorben, glaube ich.'

Tatsächlich vergißt Phexane dabei ganz den armen Ameg! Sie ist froh, jemanden getroffen zu haben, mit dem sie über "ihre" Stadt sprechen kann. Selbst Traumauge vergißt sie weiter zu kraulen.



Als Phexane erwähnt, daß sie einen Bruder hat, der ebenfalls Efferdgeweihter ist, ist Efferdan etwas erstaunt. Für einen Moment hört auch er auf, Traumauge zu streicheln.

`Gial, sollte das, könnte das...`

Doch der Gedanke wird schnell durch einen neuen verdrängt. Efferdan sieht auf. Seine meerblauen Augen sehen Phexane an. Sie scheinen zu leuchten, Kreise scheinen durch den tiefen, tiefen Augenhintergrund zu ziehen. Wie ein undurchdringliches Meer, in das ein Stein gefallen ist, wirken diese Augen. Freude spricht aus ihnen - und, es scheint fast so, als hätte er etwas von seiner Schüchternheit verloren.

"Ja, ja das ist sie. Mittelblondes Haar, graugrüne Augen und das freundlichste Lächeln der Welt! Ihr habt sie gesehen..."

Ein freundliches, fast seliges Lächeln umspielt seine Lippen.

"Könnt Ihr vielleicht noch etwas über sie erz..."

Plötzlich scheint sich Efferdan etwas bewußt zu werden. Er redet diese Passagierin so unverfroren an - wie konnte er nur? Was, wenn sie sich ... bedrängt fühlt? Was interessiert sie seine Mutter? Wieder überzieht eine leichte Röte sein Gesicht, wieder senkt er die Augenlieder.

"Entschuldigt bitte..."

Sanft nimmt er Traumauges Streicheleinheiten wieder auf...



Phexane lächelt Efferdan so sanft wie möglich an, als dieser wieder mit geröteten Wangen seinen Blick senkt. Für einen kleinen Moment hatte sie das Gefühl gehabt durch seine Augen hindurch in ein Meer zu sehen. Kurz, aber nur sehr kurz, sieht sie sich auf einem Schiff, hinab blickend in das Wasser, wo sie eine Bewegung ausmacht, bis plötzlich ein Delphin hervorschießt und sie anlacht!

'Er ist so scheu - ich frage mich weshalb? Wirke ich irgendwie bedrohlich? Eigentlich nicht ...'

"Was möchtet ihr denn? Zeigt keine falsche Scheu - ich beiße nicht!"

Sie versucht wieder einen Blick in seine Augen zu erhaschen, fängt dabei aber langsam wieder an Traumauge zu streicheln.



Als Phexane erwähnt, sie beiße nicht, muß Efferdan lächeln. Irgend etwas hat Phexane an sich, eine Art, die langsam Efferdans Schüchternheit zurückdrängt - bis zu einem gewissen Punkt. Vielleicht ähnelt sie von der Art her wirklich etwas seiner Mutter...?

Efferdan sieht wieder - immer noch leicht verlegen - Phexane an. Es ist immer noch ein vorsichtiger Blick, wie der eines jungen Hundes, der langsam Vertrauen faßt, aber bei dem geringsten Fehler sich sofort wieder zurückziehen wird.

"Ähm ja..."

Sein erster Gedanke fällt ihm wieder ein.

`Gial, Gial, das könnte... da kann sich vielleicht mehr erzählen als...`

"Gial - hat er längere schwarze Haare... braune Augen? Er ist doch etwa... 4 Jahre älter als ich... guter Schwimmer..."

Efferdans Gedächtnis beginnt zu arbeiten, Bilder blitzen durch seinen Geist.

Er sieht das Meer, einen Strand. Er sieht sich und einen anderen, älteren Jungen - Gial? - sowie andere Kinder drum herum stehen. Es war ein warmer Tag. Das Meer war relativ glatt. Er und der ältere Junge hatte sich ausgezogen, wollten ein Wettschwimmen machen...

"Ich glaube... als ich 10 oder 11 war... habe ich mal ein Wettschwimmen mit ihm gemacht... er war schnell"

Efferdans Gesichtsausdruck, besonders der Ausdruck seiner Augen, wirken etwas abwesend, so las schweife sein Blick in weite Ferne.

Efferdan sieht wie sie beide - er und der ältere Junge mit dem schwarzen Haar - durch das Wasser pflügen, schlängeln, fliegen. Die anderen Kinder am Strand rufen und Schreien. »Gial« ertönt es vielfach vom Ufer. Und zwischendrin, immer mal wieder, aber leiser, »Efferdan«.

Nebeneinander erreichen die beiden Jungs den Wendepunkt, drehen sich. Er war einen Augenblick flinker, war jetzt eine Ellenlänge vorn... Zurück ging es. Der ältere Junge war kräftig und ein guter Schwimmer ... aber irgendwie - Efferdan schwamm noch etwas besser - Wasser war schon immer sein Element gewesen. Dann erreichten sie den Strand, Gial hatte fast wieder gleichgezogen...

Eine Handlänge vor Gial warf Efferdan sich an den Strand, sah in die verblüfften Gesichter der meisten anderen Kinder. Auch Gial schien verblüfft...

"Aber... ich glaube... ich habe gewonnen..." flüstert Efferdan, für Phexane zwischen all den anderen geräuschen gerade noch hörbar...

Sanft krault sein Linke - fast wie automatisch - Traumauge weiter. Seine Augen blicken jetzt direkt in Richtung Phexanes Augen - aber irgendwie durch sie hindurch, in längst vergangene Zeiten gerichtet.



Phexane schluckt. Auch sie beginnt sich an Efferdan zu erinnern und ganz besonders an den Tag, als ausgerechnet ihr großer Bruder, der bisher beste Schwimmer, gegen einen wesentlich jüngeren verloren hatte.

Ihr Herz klopft schneller und aufgeregter. Sie hat die Bilder von damals vor ihren Augen. Sie war etwa um die 12 Jahre alt und stand zusammen mit einem Teil ihrer Geschwister und noch ein paar anderen Kindern am Strand in der Nähe von Havena. Als Efferdan gewonnen hatte, war sie richtig enttäuscht von ihrem Bruder gewesen - hat der sich doch glatt von einem kleinen Milchbubi schlagen lassen!

Doch nun steht der "Milchbubi" von einst vor ihr und redet mit ihr über damals.

'Er erinnert sich!'

"Ja, stimmt! Mein Bruder hat einmal ein Wettschwimmen mit ... euch gemacht!"

Phexane lacht überrascht auf.

"Oh, Aventurien ist wirklich klein!"

Doch nun denkt auch Phexane nach.

'Habe ich mit ihm nicht auch schon mal gesprochen? Hmmm, es liegt alles soweit zurück ...'

Auch sie blickt durch ihn hindurch, während sie versucht sich zu erinnern. Doch dann wird sie rot!

'Oh-oh! Stimmt ja! Ich habe ihn doch als kleine Wasserratte bezeichnet ...'


---

Vor ihren Augen taucht wieder das Bild von dem Strand auf. Sie sieht, wie Gial Efferdan leicht beschämt die Hand schüttelt, um ihm zu seinem Sieg zu gratulieren. Sie geht auf die beiden zu und meckert dann ihren Bruder an:

"Mann, bist du blöd! Läßt dich doch glatt von so einer kleinen Wasserratte schlagen!"

Dabei zeigt sie auf Efferdan.

"Mach's doch besser!" grummelt Gial ihr daraufhin zu.

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Phexane blickt in Efferdans Augen, um sich zu entschuldigen.

"Ähem, also, was ich damals zu euch gesagt habe, das habe ich nicht so gemeint ... Ich konnte wohl irgendwie nicht glauben, daß ausgerechnet Gial verlieren würde."



Als Phexane zu sprechen anfängt schüttelt Efferdan leicht den Kopf, so als wäre es schwer für ihn, wieder in die Gegenwart zu finden. Sein Blick ist jetzt nicht mehr so weit weg, sondern sieht Phexane an.

Als sie rot wird, ist Efferdan überrascht. Hatte er etwas Falsches gesagt?Schüchtern - fragend sieht er sie an.

"Ähm... was ihr damals sagtet... was sagtet ihr denn..."

Efferdans Hirn durchforscht die Erinnerungen, er kann sich aber nicht erinnern. Hatte damals jemand etwas zu ihm gesagt? Da war eine seiner... Schwestern. Aber die Erinnerung ist dunkel, flüchtig.

`Sie sagte Gial wäre ihr Bruder...`

"...äh Gial hatte viele Geschwister.... nicht? Ich erinnere mich noch an Effer... wie hieß sie doch.. ach ja Efferlill, glaube ich. Sie ging doch für kurze Zeit mit mir in die Schule des Tempels... sie... sie sah so dunkel aus... und konnte gut kochen, glaube ich..."



Phexane atmet etwas auf, als sie bemerkt, daß er sich offenbar nicht mehr an das erinnert, was sie damals gesagt hatte.

"Och, das war eigentlich nichts Wichtiges!" antwortet sie ihm schnell.

Dann erwähnt er noch eine Schwester von ihr - Efferlill.

"Ja, stimmt! Wir waren eine ziemlich große Rasselbande. Efferlill war zwei Jahre jünger als ich und konnte wirklich sehr gut kochen."

'Und ging gerne in die EFFerdschule ... hm, vielleicht hätte ich dort auch öfters erscheinen sollen.'

Phexane denkt nun an ihre jüngere Schwester zurück. Sie war kleiner als Phexane gewesen und hatte eine dunklere Haut.

'Mutter hatte mal gesagt, daß ihr Vater ein Matrose aus dem Süden gewesen sein soll.'



Auf Efferdans Lippen schwebt ein (beinahe) bezauberndes Lächeln. Irgendwie scheint er sich zu freuen...

"Und nett war sie... ich konnte sie gut leiden.... Könntet... könntet ihr sie.. grüßen, wenn ihr sie seht?"

Der letzte Satz klingt wieder wie der schüchterne Junge am Anfang des Gesprächs...



Phexane erwidert sein Lächeln, das geradezu ansteckend ist. Langsam, aber sicher scheint er aufzutauen. Dann aber bittet er sie Efferlill zu grüßen.

"Grüßen?" fragt sie, als ob er sie gebeten hätte das Eherne Schwert zu überwinden.

"Ähm, ich habe sie seit etwa 2 Jahren nicht mehr gesehen und ich denke nicht ..."

Phexane bricht ab und senkt den Blick. Ihre Augen fangen wieder an zu brennen.

'Reiß dich zusammen!'

"Ich werde sie wohl nicht mehr wiedersehen!" sagt Phexane ernst, aber man kann durchaus erkennen, daß ihre Augen leicht glänzen.

Nicht zu vergessen, daß die Augen sowieso noch etwas gerötet sind ...



Efferdan ist ob der Reaktion seiner Gesprächspartnerin wieder etwas verwirrt.

`Was ist...`

"Ähm, wenn ich etwas falsches gesagt haben sollte..."

Auch Efferdan senkt den Blick - Traumauge wird wieder etwas fester gekrault - und es scheint so, als beginne er sich wieder in das Schneckenhaus zurückzuziehen, aus dem er gerade gekrochen war.

"...verzeihung..."

"ist etwas zwischen Euch vorg..."

Die Röte steigt Efferdan ins Gesicht. Plötzlich wirkt er wieder ganz schüchtern und verlegen.

"Verzeihung... das geht... mich natürlich.. nichts an..."

Betreten blickt er hinunter zu Traumauge. Die linke huscht sanft über dessen Fell.



Phexane seufzt. Sie blickt hinab zu Traumauge und den Händen, die ihn kraulen.

"Es ist ... nur ... ich habe einfach keinen Kontakt mehr zu ihnen und sie wollen mich wohl auch nicht mehr wiedersehen."

Phexanes Miene verdüstert sich immer mehr, je weiter sie spricht.

'Hier werde ich mich nicht gehen lassen! Nein, hier nicht!'

"Macht euch keine Sorgen," beruhigt sie ihn wieder, "ihr könnt nichts dafür. Ich bin selber schuld!"



Efferdan sieht auf. Irgendwie spürt er die Trauer, die in Phexane tobt. er weiß nicht wie und warum, aber schon als kleiner Junge wußte er oft ganz genau, was sein Gegenüber fühlte. Vielleicht eine Gabe der Götter? Efferdan lächelt. Das hat er gelernt. Freude kann Trauer vertreiben. Und noch etwas weiß er: Geteiltes Leid ist halbes Leid!

"Wollt... wollt ihr darüber reden? Es tut gut, wenn man mit jemanden über so etwas redet..."

Kurz blickt er wieder zu Boden und sagt leiser:

"Ich weiß das..."

Dann sieht er wieder zu Phexane auf. Sein Gesicht ist freundlich. Die Augen ruhen in einer beruhigenden Weise auf Phexane. Irgendwie ist er mutiger geworden, weniger schüchtern. Ob es daran liegt, daß er sich nun - für seine Verhältnisse - schon recht lange mit Phexane unterhält oder daran, daß er ihre Trauer spürt?



Phexane fühlt den Blick Efferdans auf sich ruhen und hört, wie er anbietet, sich ihren Kummer anzuhören. Phexane hebt den Kopf wieder, aber nur, um sich kurz umzublicken.

Alrik steht in der Nähe, etwas weiter weg sieht sie Torin Rotmarder, wie er sich weiterhin mit den beiden am Mast unterhält und dann, praktisch neben ihr, sieht sie Ameg. Kurz blinzelt sie überrascht, als sie den Jungen sieht.

'Oh, Ameg hatte ich vollkommen vergessen.'

Doch dann schaut sie wieder Efferdan an.

"Nein, danke. Ich denke, hier ist nicht der richtige Ort, um darüber zu reden. Später vielleicht. Aber dennoch ... danke."

Phexane lächelt, etwas mühselig zwar, aber man kann es trotzdem als Lächeln bezeichnen.

"Laßt uns lieber wieder über alte Zeiten und Havena an sich reden."



"Äh..ja, natürlich. Wie.. ihr... wollt"

Efferdan ist wieder etwas unsicherer geworden ob des Themenwechsels.

"Laßt uns wieder über Havena... den Tempel... Gial reden..."

`Gial`

Plötzlich scheint Efferdan etwas einzufallen. Er mustert Phexane, ihre gestalt, ihre schwarzen Haare. Dann sagt ihr fast erstaunt:

"Wußtet ihr... daß ihr ihm... sehr ähnlich seht..."

Efferdan kommt ins Grübeln. Soweit ich weiß, kannte ich bloß eine seiner Schwestern, die ihm so ähnlich war...

`Wie hieß sie bloß`

Ein sanftes Grinsen huscht über Efferdans Gesicht.

"Kann es sein, daß... ihr.. Euch nicht viel.. aus der Schule machtet.. Ich erinnere mich, eine von Gials Schwestern.. fehlte oft. Auch sie sah ihm sehr ähnlich... wart das ihr?"

Fragend sieht er Phexane an.

`Hoffentlich habe ich nix falsches gesagt...`



"Ähm, äh ..."

Phexane weiß nicht so recht, was sie sagen soll, als Efferdan sie fragt, ob sie die Schwester von Gial ist, die immer in der Schule gefehlt hatte.

'Ausgerechnet das fragt er mich!'

"Hmmm ... nun ja, ich hatte halt wichtigere Dinge zu tun. Bei 14 Kindern war natürlich das Geld immer knapp. Also habe ich gearbeitet, damit wir auch alle überleben konnten!"

So ganz stimmt das natürlich nicht - das Geld, was sie sich "erarbeitet" (sprich: erschwindelt und geklaut) hat, hat sie immer für sich behalten. Aber das würde ihrem Gegenüber mit Sicherheit nicht gefallen! Also biegt sie sich die Wahrheit mal wieder etwas zurecht. Außerdem hat sie ja auch nicht behauptet, sie hätte es zu Hause abgegeben und somit ihrer Familie geholfen ...



Efferdan macht einen erschrockenen Eindruck - erschrocken nicht über das was Phexane getan hatte, sondern erschrocken, weil er sich seiner unverschämten Worte bewußt wird. Beschämt sieht er wieder zu Traumauge herunter, dessen Felle er noch immer zärtlich und unermüdlich streichelt.

"Ja... selbstverständlich... verzeiht meine Worte... ich wollte Euch nicht... meine Mutter und... der Tempel sorgten immer gut... für mich... Ich bin sicher... ich weiß nicht was es bedeutet... bitte verzeiht!"

Efferdan erinnert sich an die Zeit nachdem seine Mutter gestorben war. Auch zu dieser Zeit hatte er nie hungern oder auf der Straße schlafen müssen. Bis er auf seinem ersten Schiff anheuerte sorgte der EFFerdtempel für ihn. Im Nachhinein wundert sich Efferdan - sie sorgten sogar gut für ihn, so als hielt ihn jemand - vielleicht die Hochgeweihte? - für etwas besonderes... oder wollten sie nur seiner Mutter einen letzten Gefallen erweisen?

Merkwürdig.

Efferdan versucht den Gedanken zurück zu schieben. Das gelingt ihm auch, allerdings weiß er nicht, was er nun sagen soll. Unentschlossen und schüchtern blickt er wieder zu Boden.

`Über was könnte man sich den unterhalten. Es muß doch noch etwas geben. Ich habe sie doch bestimmt im Tempel getroffen, auch außerhalb der Schule. Doch wann...?`

Efferdan zermartert sich das Hirn, wann sie sich noch getroffen haben könnten oder was es sonst noch zu erzählen gäbe...



Kurz holt Phexane tief Luft und läßt sie dann wieder hörbar entweichen. Dabei stützt sie ihre Arme in die Hüften und betrachtet den wieder einmal beschämten Efferdan.

"Euch fehlt ganz schön viel Selbstbewußtsein, wenn ich das mal so anmerken darf! Warum eigentlich? Ihr seid vielleicht nicht der Stärkste, dafür seid ihr aber sicherlich schnell und geschickt! Seid mal ruhig etwas mutiger und entschuldigt euch nicht ständig!"



"Ähh.. w.. wie?"

Plötzlich weiß Efferdan gar nicht mehr, was er tun, geschweige denn sagen soll. Phexane hat ihn vollkommen überrumpelt. Doch Phexane erreicht mit ihren Worten wohl das genaue Gegenteil von dem, was sie beabsichtigte, denn Efferdan tut automatisch das, was er in all den Jahren als Schutzmechanismus entwickelt hatte: Er zieht sich wieder in sein sprichwörtliches Schneckenhaus zurück.

Efferdan sieht nach unten, hebt plötzlich den Kopf, sieht in Richtung Heck und murmelt:

"Äh, ich glaube... ich muß etwas am Heck erledigen... entschuldigt."

Sicher, keine gute Ausrede - was jemand mit etwas Menschenkenntnis sicher sehr leicht feststellen kann -, aber es ist die einzige, die ihm im Moment einfällt. So beginnt er - immer noch Traumauge streichelnd - sich umzudrehen und schickt sich an, in Richtung Heck zu gehen.



"MOMENT!" ruft Phexane laut, so daß wohl ein Großteil derer, die auf dem Oberdeck sind, ihren Ruf mitbekommen. Doch sie meint lediglich Efferdan, der offenbar versucht vor seinem Problem wegzurennen.

'Ist das eine harte Nuß!'

Mit großen Schritten läuft sie an ihm vorbei und verstellt ihm den Weg.

"Das ist also das, was ihr besonders gut könnt: wegrennen, wenn es unangenehm wird! Aber damit werdet ihr nicht weiterkommen im Leben - manchmal muß man einfach seinen inneren Schweinehund besiegen!"

Dann lächelt Phexane ihn wieder freundlich an, wobei sie versucht ihm genau in die Augen zu sehen.

"Ihr habt es doch wirklich nicht nötig euch immer wieder in euer Schneckenhaus zu verziehen, oder? Denkt doch an den Tag am Strand zurück - ihr ward der Sieger und auch wenn ein Großteil der Anwesenden meine und Gials Geschwister waren, so haben sie euch doch dennoch anerkennend angesehen, nicht wahr? Ihr ward wirklich sehr schnell!"



Als Phexane laut "Moment!" über das Deck schreit, zuckt Efferdan zusammen. Wie ein Schutzreflex wirkt es, als er die Schultern hochzieht, den Kopf senkt und dich so bemüht, relativ klein zu werden.

Den ersten Schwall von Phexanes Zurechtweisung läßt er stumm über sich ergehen, es rauscht nur so an ihm vorbei, Efferdan ist gar nicht fähig, mehr als ein paar Wortfetzen aufzunehmen.

`...wegrennen... - ...weiterkommt... - ...Leben... - ...inneren Schweinehund...` - das sind die Wortfetzen, die durch sein Gedächtnis rasen. Nur langsam dämmert ihm der mögliche Sinn der Worte.

Doch Phexane redet weiter. Redet von Sieg und Anerkennung.

Hat sie recht? Damals hatte er wirklich für einen Augenblick die Anerkennung der Anderen genossen - doch das war schnell vorbei. Er war immer etwas Fremdartiges, ein fremdes Tier, das man bestaunt, etwas, wovor man sich fürchtet. Und Efferdam kam es damals so vor, als wäre die Kluft zwischen ihm und den Anderen nach seinem Sieg nur noch mehr angewachsen. Für viele galt sein Sieg als der Beweis für seine Andersartigkeit, denn wie sonst hätte er den vier Jahre älteren, kräftigeren Jungen - der zudem als guter Schwimmer galt - besiegen können? Es gab sogar eine Zeit, da schrien ihm zwei der etwas älteren Jungs »Dämonenbastard« hinterher...

Nein, er war nie richtig Teil der Gruppe gewesen, wurde nie richtig anerkannt...

Efferdan sieht zu Phexane hoch. In seinen Augen glitzert es feucht, so als laufe das Meer, das in ihnen wohnt, aus.

"Ihr habt keine Ahnung..." wispert Efferdan. "Keine Ahnung, was es heißt, anders zu sein. Wenn alle einen meiden, weil man anders aussieht. Ich war nie Teil der Gruppe..."

Efferdan schluchzt

"Wegrennen... wißt ihr, wie es ist, wenn die anderen vor einem wegrennen, weil... weil..."

Hier bricht Efferdan ab. Eine Träne kullert über seine Wange. Ganz leise, kaum verstehbar, fährt er wispernd fort:

"Und das Schlimmste ist, wenn man selbst nicht einmal weiß wer oder was man ist..."

Wie gerne würde Efferdan jetzt von jemanden in den Arm genommen, gestreichelt werden, wissen, daß er nicht alleine ist. Doch die wenigen Personen, die das jemals taten, sind entweder tot oder weit, weit weg...



Phexane hofft, daß er durch ihre Worte etwas mehr Selbstbewußtsein bekommt, doch weit gefehlt! Als eine Träne seine Wange hinab läuft, bekommt Phexane ein ziemlich mulmiges Gefühl.

'Verdammt! Das sollte eigentlich nicht passieren. Aber was jetzt? Was soll ich denn jetzt noch zu ihm sagen?'

Unsicher blickt sie ihm in die feuchten Augen, doch dann geht sie etwas näher auf ihn zu und legt vorsichtig die Arme um ihn und flüstert ihm sanft ins Ohr:

"Gerade eure Andersartigkeit hatte mich fasziniert, als ihr gestolpert seid."

Kurz macht sie eine Pause, um etwas mehr "Mut" für die kommenden Worte zu schöpfen.

"Ihr habt wunderschöne Haut ..."

Phexane fühlt sich durchaus etwas seltsam: Es ist wohl noch keine Stunde her, da hatte sie ebenfalls geweint und wurde von Torin umarmt und getröstet. Nun steht sie hier auf dem Oberdeck und tröstet Efferdan auf die gleiche Weise. Sie riskiert kurz einen Blick zur Seite, dorthin, wo Torin Rotmarder steht.



Als hätte sie seine Gedanke gelesen, tritt Phexane vor und umarmt ihn. Normalerweise wäre er zurück gezuckt, doch in dieser Situation der Traurigkeit läßt er sich widerstandslos umarmen, ja er ist sogar froh, daß Phexane das tut. Mit einem Mal fühlt er sich nicht mehr ganz so alleine, spürt ein Gefühl der Geborgenheit. Er spürt die Wärme von Phexanes Haut, nimmt den Duft ihrer Haare wahr...

Für einen Moment schmiegt er sich an Phexanes, sein Kinn kommt auf ihrer Schulter zu liegen. Weitere Tränen suchen sich ihren Weg übers eine Wangen.

"Dan..nke...ich..." flüstert er zurück. Suchend tastet seine rechte Hand nach einer ihrer Hände. Er findet sie und seine weiche glatte Haut ruht auf ihrer. Es ist wie das Tasten eines Kindes, daß nach Wärme sucht, die Berührung mit einer vertrauten Person sucht...

"ne.. nett von ... Euch"

`Bitte halt mich noch etwas fest... hör nicht auf`

In der Tat scheint die Umarmung eine tröstende Wirkung auf Efferdan zu haben, der Tränenfluß wird spärlicher, langsamer, wird wohl bald aufhören...



NORDSTERN - Oberdeck: Ameg zieht sich zurück


Ameg hat genug gehört. Was er über Phexane gehört hat war interessant, aber was er über Efferdan hörte bringt ihm zum nachdenken. Das Efferdan anders ist hat Ameg gespürt, doch abgeschreckt hat es ihn keineswegs.

'Was ist anders an ihm? Er sieht anders aus als die meisten.. und sein Verhalten ist anders.. Doch ist nicht bei jedem irgend etwas anders und gibt es nicht immer jemanden der dieses anders-sein hernimmt um Spott oder schlimmeres damit anzustellen? .. auch ich bin anders.. auch ich weiß nicht was ich bin..'

Ameg betrachtet Efferdan noch einmal...

'nun.. ich weiß zumindest, daß ich wohl ein Mensch bin.. er scheint sich nicht einmal dessen sicher zu sein. Ob er sich wohl an seine Eltern erinnert...?'

Ameg runzelt die Stirn. Wieso denkt er über Efferdan nach? Irgendwie mag Ameg ihn und er hat das Gefühl, daß er ihm auch gerne helfen würde. Einen Moment lang ist Ameg neidisch auf Phexane und ihre Fähigkeit mit anderen umzugehen. Doch er muß sich eingestehen, daß er nun wirklich nicht die geeignete Person ist um irgend jemand anderem zu helfen.

Ameg will sich gerade umdrehen, um sich ein paar Schritte von Phexane und Efferdan zu entfernen, als ihn etwas davon abhält. Eine Idee.. ein Gedanke.. vorsichtig hebt er seine Hand und streckt einen Finger aus, um damit für nur eine Sekunde und nur ganz leicht Efferdan am Arm zu berühren. Dann dreht er sich schnell weg und geht ein paar Schritte weg von den beiden, hin zur Bordwand, um über das Meer zu schauen. ...und um sich zu wundern warum er das gerade eben getan hat.



NORDSTERN - Oberdeck: Traumauge


Die tiefergehenden Erkenntnisse der beiden ihm so wohlgesonnenen Zweibeiner entgehen Traumauge, er gibt sich vollends dem Genuß hin und schnurrt, so intensiv er nur kann. Immer noch hat dies etwas beruhigendes an sich, sanft und gleichmäßig, warm und weich schnurrt er vor sich hin.



Traumauge ist zwar über die plötzliche Ortsveränderung etwas verwundert, da das Streicheln jedoch nicht unterbrochen wird, sieht er keinen Grund sein wohliges Schnurren zu unterbrechen.



NORDSTERN - Brücke: Schleppfahrt


Der Kapitän der NORDSTERN tritt einige Schritt zur Seite, um sich dann gegen die steuerbordseitige Reling des Brückendecks zu lehnen. So langsam sind die beiden Schiffe in einem Fahrzustand, der für die nächsten Stunden wohl in dieser Form stabil bleiben wird. Die ZYKLOPENAUGE liegt ziemlich sauber hinter der NORDSTERN, die NORDSTERN liegt sehr gut auf ihrem Kurs, und auch das unnormal große Spiel der Rudermaschine stört im Moment nicht mehr als gewöhnlich.

Am Himmel haben sich mittlerweile in großer Höhe einige Wolken versammelt, was bei diesem Wind im Grunde keine grosse Überraschung ist - es ist eher ein Zeichen dafür, daß der Wind weiter auffrischen wird.

'Ein bißchen stärker könnte er wirklich werden, aber bitte nicht zuviel', denkt sich Jergan, während seine Augen zum wiederholten Male die Hochseetauglichkeit der ZYKLOPENAUGE abschätzen. Das Wrack liegt zwar recht tief im Wasser, und die Schlagseite tut ein übriges, aber zugleich gibt das zusammen mit dem Fakt, daß die Masten fehlen, auch eine gewisse Stabilität. Beunruhigt ist Jergan allerdings nicht - seiner Erfahrung zufolge wird dieser Wind an diesem Tag wohl kaum gefährlich werden - höchstens dabei helfen können, die Fahrt, die sich jetzt so bei etwa vier Knoten eingependelt hat, weiter zu beschleunigen.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Trolske und das Steuer


Trolske wuchtet ein letztes Trümmerstück zur Seite, dann ist es geschafft: Der Platz auf dem Oberdeck rings um die beiden Heiler und das verletzte Mädchen herum ist freigeräumt. Einfach war das nicht, denn er mußte sehr genau aufpassen, mit den ineinander verhakten Trümmern niemanden etwas zu tun, und vor allem auch keinen der Toten in pietätloser Weise zu bewegen.

Das ganze hat länger gedauert, als er gedacht hat, so daß es jetzt wohl keinen Sinn mehr macht, nach unten zu gehen. Dafür wird aber etwas anderes immer wichtiger - das Steuer der ZYKLOPENAUGE ist immer noch unbesetzt, und Lowanger in die wichtige Besprechung mit dem Geretteten vertieft.

Es hilft nichts... bei diesem Wind ist es, so denkt sich der erfahrene Seemann, besser, wenn jemand am Steuer steht, vor allem, wenn ein Schiff in einem solchen Zustand ist, wie es dieses ist.

"Herr Lowanger, verzeiht, aber soll ich das Steuer besetzen?" fragt er dann entschlossen. Eigentlich ist es nicht seine Art, in andere Gespräche zu fallen, aber in dem Fall muß es wohl schlicht sein.



"Ja, tu das!" ist die knappe Antwort, die Lowanger dem Matrosen gibt, der bis eben fleißig die Trümmer beiseite geräumt hat. Trolske hat da sehr wohl recht - bei diesem Seegang und in dieser Lage sollte das Steuer wirklich nicht länger sich selbst überlassen bleiben.

Er wendet sich dann wieder Phaylion zu, aber auch das nur kurz, denn damit sind zwar die äußeren Umstände klar, aber noch nicht, ob diese Idee wirklich realisierbar ist.

So spricht der zweite Offizier dann die beiden Heiler an, die sich um das Mädchen kümmern:

"Verzeiht... was meint Ihr: Ist sie transportfähig? Wäre dann nicht eine der Kabinen ein besserer Ort für sie - wenn Ihr mit der Versorgung soweit seid?"

Der Satz ist an mehreren Stellen fragend ausgesprochen, denn natürlich weiß der Seemann nicht, ob die Behandlung schon abgeschlossen ist, und er kann auch die Transportfähigkeit nicht einschätzen - ebenso, wie er nicht weiß, ob die frische Luft an Deck nicht vielleicht besser wäre für das Mädchen.



"Zu Befehl!" erwidert Trolske knapp, um dann ohne weitere Worte zum Heck der ZYKLOPENAUGE zurück zu kehren.

Er mustert das Behelfsruder etwas mißtrauisch, vor allem, weil das Griffstück alles andere als blutfrei ist. Dieser Umstand stört ihn zwar im Grunde nicht, aber angesichts der Ereignisse auf dem Schiff erscheint es ihm doch schon etwas unpassend, da so einfach drüber hinweg zu sehen.

Die Behelfskonstruktion selbst, auch wenn sie sehr ungewöhnlich ist, überzeugt ihn dagegen sofort, denn er weiß, daß auf Oles Arbeit unbedingt Verlaß ist. Also bleibt nur das eine Problem, und das ist auch leicht lösbar.

Trolske bückt sich zu einem der Trümmerstücke, und schneidet mit seinem Dolch rasch ein größeres Stück Segeltuch ab, das früher einmal Teil des Hauptsegels gewesen sein mag. Jetzt umwickelt der Matrose den Griff des Entermessers, der jetzt zur Ruderpinne geworden ist, sorgfältig mit dem Segeltuch.

Als das getan hat, stellt sich Trolske backbordseitig neben die Pinne, umfaßt diese, und testet mit vorsichtigen Bewegungen die Reaktionen des Schiffes, die genau so ausfallen, wie er es erwartet hat: Träge, aber gut spürbar.

Und so übernimmt der erfahrene Matrose das Steuer des sich im Schlepp befindlichen Schiffes.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Jergan und Jarun


Sich mit einigen Gedanken befassend, aber doch sehr bei der Sache, schweifen Jergans Blicke zwischen den verschiedenen interessanten Zielen hin und her - stets bemüht, jede Gefahr für Menschen und Schiff zu erkennen und zu vermeiden.

Doch im Moment läuft alles sehr problemlos - der Wind weht treu aus einer fast optimalen Richtung, das Schiff ist in einem sehr guten Zustand - es funktioniert eben alles.

Bei seinen Blicken merkt er auch, daß der Gaukler seine Aufmerksamkeit auf ihn richtet, während er auf dem Weg nach Achtern ist. Der Kapitän weicht nicht aus, sondern erwidert den Blick - fast schon eine Einladung auf das Brückendeck.



Jergan scheint ihn bemerkt und einige Augenblicke für ihn Zeit zuhaben. Und so betritt Jarun schnell das Brückendeck, um mit ihm zu reden.

"Ahoi, Kapitän." lächelnd winkt er Jergan von dem Aufgang zum Brückendecks zu.

"Könnt ihr mir sagen wann wir ungefähr in Salza ankommen und wie lange wir dort voraussichtlich verweilen werden?"



"Ahoi, Jarun!"

Der Kapitän denkt bei dem Namen nicht einen Augenblick nach, es ist sehr deutlich zu merken, daß er den Namen mit spürbaren Respekt ausspricht - Respekt gegenüber jemanden, der bei der heiklen Angelegenheit in Thorwal auf seiner Seite stand, und sehr geholfen hat.

"Ich weiß es nicht genau, denn der Wind ist ja nicht meinem Willen unterworfen. Wenn alles gut geht, dann werden wir wohl heute abend mit der Dämmerung in Salzerhaven einlaufen, vielleicht etwas später, unwahrscheinlich etwas früher."

Er macht eine Pause, während der er kurz überlegt.

"Wie lange wir verweilen werden - das weiß ich auch noch nicht genau. Eigentlich wollten wir morgen Mittag oder übermorgen früh auslaufen, aber da sich unsere Ankunft ja verspätet, kann sich das auch noch ändern. Wir müssen nämlich einige Ausbesserungsarbeiten an unserer Rudermaschine vornehmen lassen. Genügt Euch die Genauigkeit dieser Angaben erst einmal?"

Dem Kapitän scheint es ehrlich leid zu tun, nichts genaueres sagen zu können.



"Mehr wollte ich gar nicht wissen. Langsam brauch ich mal wieder festen Boden unter den Füßen. Dieses Schwanken und Rauf und Runter bereitet mir zwar keine Übelkeit, aber das Land ist mir trotzdem lieber."

Jarun wendet sich zum gehen.

"Ich danke euch! Gute Fahrt noch."

Mit schnellen Schritten verschwindet er im Niedergang zum Unterdeck.



Der Gaukler scheint es ziemlich eilig zu haben. So bekommt er als Antwort vom Kapitän auch nur noch ein

"Ich danke Euch auch!"

als Reaktion auf seine Wünsche bezüglich der restlichen Fahrt zu hören, ehe Jergan sich dann wieder der Beobachtung von Meer, Himmel und den beiden Schiffen zuwendet.



NORDSTERN - Oberdeck: Torin in Alarmbereitschaft


'Nur ein Reisender? Würde gerne wissen, was ihm dann so an dem Süßwarengeschäft interessiert.'

"Ich hoffe doch, da wir noch Zeit finden, um uns ausführlicher zu Unterhalten."

'Aber im Moment gibt es für ihn wohl wichtigeres in Erfahrung zu bringen. Irgendwie schade, daß er heute Abend schon das Schiff verläßt. Er macht einen netten Eindruck'

Dabei sieht sie Torin an und hört weiter dem Gespräch der beiden Männer zu.

'Vergiß aber nicht, weswegen du hier bist!', fordert sie sich selbst auf. 'Vielleicht kann auch ich heute Abend schon das Schiff verlassen, falls ich Glück habe und meinen Mentor finde.'

Joanna sieht noch einmal zu Jarun hinüber.

'Scheint, als ob die beiden ihr Gespräch beendet haben. Jaja, wahrscheinlich geraten seine Gespräche früher oder später lauter.'

Die Druidin muß schon wieder über den Gaukler lächeln.



'Schöpft der irgendwie Verdacht?? Der ist so neugierig... hmm... jetzt heißt es sich geschickt aus der Affäre zu ziehen.'

"Wie? Äh, ja, eine Bäckerei, ja.. vielleicht. Wißt ihr, ich versuche mich mit der Zeit an der Küste zu etablieren. Und da bietet sich es ja gerade an, wenn man mal Ausschau hält, nach einem potentiellen Standort für eine Filliale. Auch wenn meine Reise nicht deshalb gestartet wurde. Außerdem hat doch eine Bäckerei den Vorteil, daß meine Handelshäuser von dort die Waren beziehen können. Ihr wißt schon, Rechnungen in die eigene Tasche schreiben, sozusagen."

Anselm lacht ein wenig.

"Aber ich finde, wir sollten das Thema damit beenden, ich glaube Frau de Clare langweilt sich bereits."

'So, nun ist's aber genug mit dem Verhör!'



Auch Torin lacht kurz auf die Aussage des kleinen Mannes hin, Rechnungen in die eigene Tasche zu schreiben.

Doch nach dem kurzen, von beiden Seiten gut gespielten Gelächter, zeigt sich nun ein leichtes, undefinierbares Lächeln auf seinem Gesicht, ein Lächeln, welches sowohl Häme als auch Verständnis ausdrücken könnte.

'Ja, lassen wir es hier enden. Dieses Fragespiel hat mir bereits die Informationen gebracht, die ich wollte. - Welcher Händler würde es als gut ermessen, seine kostbaren Zuckerkristalle über das Meer transportieren zu lassen. Ein einziger kleiner Riß, ein einzelner Schwall Meerwasser und der ganze teure Zucker wären dahin.'

Doch diese Gedanken läßt Torin nicht nach außen dringen. Endlich zeigt sich wieder ein ehrliches Lächeln auf seinen Lippen, als er sich zu Joanna wendet und schmeichelnd spricht:

"Ich möchte auf keinen Fall, daß sich eine Dame in meiner Gegenwart langweilt."

Er will gerade sein Gespräch mit der Druidin fortsetzen, als er merkt, daß sie ihn gar nicht ansieht. Das Lächeln in ihrem Gesicht gilt einem Anderen. Neugierig, wem diese bezaubernde Lächeln zugedacht ist, gleiten Torins Augen am Blick der Druidin entlang.

Sein Blick wandert quer über das Oberdeck, bis hin zum Brückendeck. Dann erfassen seine Augen die bunte Gestalt des Gauklers, die gerade die Stufen des Aufganges hinaufsteigt und er fühlt, wie sich plötzlich kleine Eiskristalle auf seinem Rücken bilden. Seine Augen weiten sich.

"Üpfh!" keucht er unvermittelt.

Hatte er den wahren Schuldigen außer Acht gelassen?



Doch als Torin erkennt, daß wohl auch Jarun dem Kapitän nichts anhaben will, entspannt er sich wieder etwas.

Nur die Röte in seinem Gesicht und die Hand am Florett zeigen noch seine Erregung.

'Ich sehe wirklich schon Geister!' versucht er sich zu beruhigen.

'Wenn es wirklich Piraten geben würde, dann hätten sie längst losgeschlagen.' gibt er endlich zu.

'Ich brauche einfach wieder festen Boden unter den Füßen. Eine gut gefüllte Taverne; endlich wieder einmal so richtig feiern! Und danach ein schönes, heißes Bad.'



Immer wieder spielt sich die Szene mit Jarun und Alrik vor der Kombüse vor ihren Augen ab. Joanna findet es einfach lustig, wenn sich der Gaukler so aufregt. Nach einigen Sekunden, wendet sich die Druidin dann doch wieder Jarun ab und ihren Gesprächspartnern zu.

"Ach nein, nein. Ich langweile mich nicht, es ist nur so, daß ich mich mit dem Süßwarenhandel nicht auskenne, und ihr ward so im Gespräch vertieft, daß ich nicht stören wollte."

Joanna bemerkt Torins errötetes Gesicht und ist etwas verwirrt.

'Was ist denn jetzt los? Hab ich was falsches gesagt???'

Als sie seine Hand nach dem Florett greifen sieht, erschreckt sie ein wenig.

"Was habt ihr vor?", fragt die Druidin etwas unsicher und deutet dabei auf Torins Florett. "Ich hoffe doch, daß ihr das jetzt nicht braucht."



"Was?"

Joannas Frage bringt Torin zurück auf das Deck der NORDSTERN.

"Nein, es... Es ist alles in Ordnung." lügt Torin.

Doch längst haben sich die kleinen Eiskristalle auf seinem Rücken aufgelöst und strömen seinen Rücken hinunter. So zumindest empfindet es Torin. Doch es ist nur sein eigener Schweiß, der ihm warm auf dem Rücken klebt.

Ein kurzer, kritischer Blick streift Anselm, dann kehrt die Selbstsicherheit zumindest größtenteils wieder zu Torin zurück.

"Ich habe nicht vor, meine Waffe zu benutzen.."

'..wenn es nicht sein muß.' ergänzt Torin in Gedanken.

"Aber trotz allem bin ich gerade durch dieses andere Schiff sehr vorsichtig."

Dann jedoch gleitet wieder ein beinahe schelmisches Lächeln in Torins Gesicht ein.

"Ich möchte nicht, daß gerade einer so zauberhaften Frau wie euch etwas geschieht."



Etwas verlegen wegen des Kompliments lächelt Joanna Torin an. Sie weicht seinen Blicken aus und sieht unsicher zu Boden. Nach einigen Sekunden sieht sie dann doch wieder auf. Ihre Stimme klingt sehr ernst.

"Glaubt ihr, daß wir wegen des anderen Schiffs etwas zu befürchten haben?"

Die Druidin blickt fragend zu Anselm und Torin.

"Ich hätte wohl doch nicht meine Waffen in der Gemeinschaftskabine zurücklassen sollen."

Sagt sie ziemlich leise und eher zu sich selbst.



Torin blickt die Druidin nach ihren Worten an. Der Wind spielt mit ihren langen, gewellten Haaren.

"Ihr braucht euch nicht zu fürchten. Wenn wir etwas zu befürchten hätten, dann wäre es bereits nach dem Erreichen des Wracks geschehen. Jetzt aber können wir nur warten, bis wir Salzerhaven erreichen."

Auch der 'Zuckerbäcker' ist plötzlich von jedem Zweifel freigesprochen. Jetzt da Torin klar wurde, daß sich nichts mehr ereignen wird, wäre eine weitere Beschuldigung unsinnig.

'Wo nichts gestohlen wurde, da muß auch kein Schuldiger her.'

"Ich werde wohl jetzt meine Habe zusammen richten. Es ist sehr ärgerlich, wenn man auf Wanderschaft ist und merkt, daß man bei der letzten Rast etwas vergessen hat."

Doch noch bleibt Torin bei Anselm und Joanna stehen. Zu unhöflich wäre es, sich ohne eine Verabschiedung aus dem Staube zu machen.



Anselm fällt auf, daß seine zwei Gesprächspartner einen Punkt anvisieren, zu dem er selbst nicht schaut. Er dreht sich um und sieht noch wie ein bunt gekleideter Mann, ein Gaukler wohl, sich von der Rotze entfernt.

'Ach ja, diese Leutchen scheinen sich nicht gerade zu mögen. Mir kann's egal sein.'

Als er sich wieder zurückdreht bemerkt er, daß Torin sich sehr merkwürdig benimmt.

'Na? Zuviel Seeluft eingeatmet? Oder will er irgend jemanden mit seinem Florett bedrohen... Und warum schaut er mich auf einmal so an?....Der weiß doch irgendwas'

Da Anselm nicht weiß, wie er handeln soll, tut er so, als hätte er von Torin's Verhalten nichts mitbekommen.



"Ich glaube auch nicht, daß wir noch etwas zu befürchten haben. Wäre da noch ein Pirat, wo hätte er sich längst gezeigt. Aber nun brenne ich darauf zu erfahren, wie es dort drüben aussieht. Und ob vielleicht jemand dies grausame Schauspiel überlebt hat."



"Es ist wirklich schade, daß ihr das Schiff heute Abend schon verlasst."

Joanna sieht in Torins Augen.

'So sehr hatte ich gehofft noch mehr über ihn in Erfahrung zu bringen.'

"Doch wenn es euch nicht stört, würde ich euch gern in die Gemeinschaftskabine begleiten. Dann könntet ihr mir den Grund eurer Reise erzählen?"

Joanna legt eine kurze Redepause ein.

"Sollte es euch jedoch nicht recht sein, da ihr eure Sachen in Ruhe zusammensuchen wollt oder ihr nicht darüber reden wollt, so werde ich das auch verstehen."

Voller Hoffnung ruht der Blick der Druidin auf Torin.



"Zumindest hat die Person überlebt, die veranlaßte, daß dieses Wrack zum Hafen geschleppt wird." entgegnet Torin dem kleinen Mann.

"Ob noch jemand weiteres überlebt haben sollte, werden wir wohl noch am heutigen Abend sehen können."

Dann jedoch blickt er wieder zu Joanna und er erwidert ihren intensiven Blick. Die tiefschwarzen Augen der Druidin verwirren für einen Augenblick seine Gedanken. Ein weiterer leichter Schauer läuft seinen Rücken hinab. Doch dieses Mal ist das Gefühl angenehm.

'Eigentlich ist es mir nicht gerade recht, daß mir jemand beim packen meiner Sachen zusieht. Aber wenn ich etwas vorsichtig bin, wird sie nicht merken, welche Geheimnisse mein alter Rucksack in sich birgt.'

Doch Torin hat sich entschieden.

"Wenn ihr den Wunsch habt, mir zu folgen, dann kann ich euch diese Bitte nicht abschlagen."

Mit einem leichten Nicken in die Richtung des Herrn Feuerbach sagt er:

"Ich wünsche euch Erfolg bei eueren Unternehmungen, Herr Feuerbach."

Dann wendet er sich wieder an Joanna.

"Es ist mir eine Ehre, mit euch unter Deck zu gehen, Frau de Clare"



Als Torin ihren Blick erwidert, wird Joanna ganz anders. Sie beginnt zu lächeln und man kann ihr ihre gute Laune ansehen.

'Wenigstens kann ich jetzt einmal für eine Zeit meine Probleme vergessen.'

Die Druidin blickt kurz zu Anselm.

"Ja, viel Erfolg."

Dann wendet sie sich wieder Torin zu.

"Wenn ihr wollt, können wir hinunter gehen."

Noch immer ziert ein Lächeln Joannas Gesicht.



'Soso, der Kerl verläßt uns heute Abend. Naja, vielleicht besser so. Auf jeden Fall hab ich aus dem Verhör gelernt. Beim Nächsten, der was über mich wissen will, werd' ich meine Rolle sicher besser spielen können.'

"Vielen dank Herr Rotmarder. Es ist schade das auch ihr mich verlaßt, Frau de Clare, aber schöne Frauen muß man wohl ziehen lassen."

Mit diesen Worten und einem Lächeln im Gesicht dreht sich Anselm wie in Richtung Reling



NORDSTERN - Oberdeck: Gebete


Raschid steht immer noch regungslos auf dem Oberdeck der Nordstern. Erfreut schaut er in Richtung der ZYKLOPENAUGE. Scheinbar sind die Götter nicht erzürnt, sonst hätten sie sicher schon die Strafe vollzogen. Das die NORDSTERN mit der ZYKLOPENAUGE wieder Fahrt aufgenommen hat ist ein gutes Zeichen. Den Göttern sei Dank, ist die Besatzung auch ohne ihn ausgekommen. Doch er hatte wichtigeres zu tun. Immer wieder hatte er zu den Göttern gebetet, die NORDSTERN nicht zu strafen. Dabei ist das Beutelchen um seinen Hals immer wieder durch seine Finger gewandert.



NORDSTERN - Kabine: Jarun in Ruhe


Schnell verschwindet Jarun in seiner Kabine. Sorgsam verriegelt er die Tür und macht es sich im Schneidersitz auf dem Bett bequem.

Einige Sekunden starrt er die gegenüberliegende Wand an, ohne ein Gefühlsregung zu zeigen. Doch dann schließt er die Augen und lächelt zufrieden.



NORDSTERN - Vordeck: 'Friede' am Geschütz


Mit einer gewissen Zufriedenheit nimmt die Bootsfrau wahr, daß der Streit zwischen Reckinde und dem Gaukler wohl sein friedliches Ende gefunden hat, auch wenn beide nicht wirklich glücklich zu sein scheinen - vielleicht glauben aber auch beide, gewonnen zu haben. Nirka ist das egal, denn es gibt wichtiges auf einem Schiff als den Streit zweier Fahrgäste.

Dennoch bleibt sie noch in der Nähe der Rotze und damit auch in Reckindes Nähe, falls diese nun wieder Interesse für die Ursache des Fehlschusses zeigen sollte - eine Ursache, die Nirka nun zu kennen glaubt.

Allerdings liegt ihr nichts ferner, als die Freifrau damit von sich aus anzusprechen - wer weiß, ob diese dann nicht die verbleibende Aufregung einfach "umlenkt".



Ein kleine Weile starrt die Freifrau krampfhaft auf das Meer hinaus. Sie rührt sich nicht, sie sagt nichts. Nur ihre mächtige Oberweite hebt und senkt sich in einer Rasanz, daß man gerne annehmen möchte, die Freifrau könnte, trotz der zur Schau getragenen Ruhe, innerlich sehr aufgewühlt sein.

Dann aber beruhigt sich ihr Atem und auch ihr Blick wirkt nicht mehr ganz so starr. Ab und zu blinzelt sie nun nach hinten, wahrscheinlich um zu prüfen, ob sich der Gaukler auch wirklich entfernt hätte. Als sie feststellen kann, daß Jarun das Vordeck verlassen hat, entspannt sie sich zusehends. Die dunklen Wolken, die noch vor kurzem ihr Gemüt beschatteten, verflüchtigen sich im frischen Seewind, den Reckinde nun endlich wieder als erquickend erleben kann.

Nun, nachdem sich ihr Ärgernis verzogen hatte, richtet sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Geschütz und auf die Bootsfrau. Frau Eiriksdottir ist offensichtlich fündig geworden bei ihrer Suche nach Unregelmäßigkeiten am Geschütz, sonst stünde sie nicht so passiv und abwartend daneben. Frau Reckinde schätzt die Bootsfrau nicht so ein, als würde sie vorschnell aufgeben wollen und wenn Nirka nun nicht mehr nach dem Fehler am Geschütz sucht, dann nur deshalb, da sie ihn gefunden hat.

Frau Reckinde lächelt:

"Bootsfrau, eure Augen verraten im Augenblick mehr als euer Mund - Ihr habt den Fehler gefunden?"



Das, worauf Nirka im Grunde als einziges noch gewartet hat, ist nun eingetreten - die Freifrau hat die entscheidende Frage gestellt.

"Ja, das habe ich in der Tat. Wobei man nicht wirklich von einem Fehler der Rotze sprechen kann - es war eher ein Gedankenfehler von mir. Oder, wenn Ihr so wollt, die Verknüpfung zweier Umstände."

Die Bootsfrau spricht das sehr ruhig aus, auch wenn ihr die Tatsache und vor allem das Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben, sicher nicht leicht fallen.

"Dies ist eine Schiffsrotze", beginnt sie dann, "gebaut für den Einsatz in Seekämpfen. Ihr Drehstativ und ihre ganze Mechanik sind dafür also ausgelegt, und all das ist so in Ordnung, wie es nur sein kann. Aber... entscheidend ist die Bedienung des Geschützes. In der Regel schießt man damit, während das Schiff in Fahrt ist, oder, zu Übungszwecken, wenn es irgendwo vor Anker liegt."

Nirka macht eine kurze Pause, aber eher, um Luft zu holen, als um Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben, denn sie fährt sogleich fort:

"In beiden Fällen liegt das Schiff recht ruhig - auch bei voller Fahrt. Ihr merkt ja, das wir jetzt wesentlich ruhiger liegen als vorhin, als ich geschossen habe. Das liegt daran, daß im Moment der Gegendruck der Segel das Schiff stabilisiert. Das war vorhin nicht der Fall, und darum habe ich die Schaukelbewegung des Schiffes falsch eingeschätzt, und der Schuß ist etwas zu kurz gegangen. Die Richtung hat ja genau gestimmt - aber die wird ja, weil ich nach Backbord geschossen habe, nicht vom seitlichen Schaukeln beeinflußt. Das ist jedenfalls die Ursache - und die Lehre ist, daß wir genau dieses wohl üben werden."

Nun verstummt die Bootsfrau, und sieht die andere an - deutlich sichtbar in Erwartung von Kommentaren zu dieser Erklärung.



Frau Reckinde nickt stumm zur Erklärung der Bootsfrau, warum der Schuß aus dem Geschütz möglicherweise fehl gegangen sein könnte. Das alles klingt gut durchdacht, genau genommen kann es nur so gewesen sein, wie es die Bootsfrau meint. Dessen ist sich die Freifrau sicher.

Frau Reckinde antwortet nicht sofort. Sie denkt nach, wägt ab, denkt noch einmal nach. Manchmal scheint sie etwas sagen zu wollen, verharrt dann aber im letzten Moment doch noch. Dann endlich scheint sie sich zu einer Stellungnahme bereit.

"Ich denke ihr habt recht. So muß es gewesen sein. Doch nicht nur gesteigerte Übung könnte hilfreich sein, das Geschütz selbst muß verbessert werden. Vor allem am Podest bedarf es neuer Lager, die zwar beweglich sein müssen, aber zu mehr Trägheit abgedämpft werden könnten, so daß sich Schlingerbewegungen des Schiffes nicht so unmittelbar übertragen können!"

Es scheint, als wäre Frau Reckinde nicht nur dabei schon einen Konstruktionsplan in ihrem Geist zu entwerfen, sondern zudem noch bereits im Gange Pläne für Fertigung und Vertrieb zu schmieden. Ganz sicher vermag sie dieser Reiz mehr zu begeistern, als ein 'Rotzenvolksfest' mit Zielschießen.

Frau Reckinde schnippt mit den Fingern, als ein Zeichen einer plötzlichen Idee.

"Frau Eiriksdottir, wenn nötig werden sollte, ein solches neuartiges Drehlager zu testen, dann wäre es mir eine Ehre, wenn ihr euere Erfahrung und euere Geschick und nicht zuletzt euere Meinung dazu einbringen könntet!"



Die Bootsfrau hört aufmerksam zu, dann schüttelt sie langsam den Kopf.

"Rotzen werden auf Schiffen schon sehr lange eingesetzt, und diejenigen, die sie konstruieren, verstehen davon sehr viel. Wenn solch eine Lösung möglich und handhabbar wäre, dann würden sie so etwas bauen."

Sie betrachtet kurz die Rotze, um dann fortzufahren:

"In diesem Fall kommt noch dazu, daß solch eine Rotze ziemlich schwer ist. Ein weicheres Lager würde zwar das Zielen erleichtern, aber andererseits müßte man das Geschütz dann bei Seegang noch zusätzlich arretieren. Und, der wichtigste Grund: Das recht starre Lager, das wir jetzt haben, fängt den Rückschlag des Schusses sehr gut ab, bei einem weicheren Lager wäre das nicht mehr der Fall - das würde die Zielgenauigkeit wieder vermindern, und vielleicht sogar den Schützen verletzen."



Die Freifrau lächelt.

"Nun, der Rückstoß wäre das Problem nicht einmal so sehr, aber ich gebe euch recht, daß dei Auswahl des Materials eine entscheidende Rolle spielt, da die Belastungen aus dem Gebrauch heraus enorm sind."

Frau Reckinde senkt ihre Stimme nun ab, als enthülle sie der Bootsfrau streng geheime Fakten.

"Das Lager muß nicht unbedingt von weichem Material sein. Sicher würde ei Befestigung mit derartigem Material nicht lange halten können. Doch hörte ich von einem Geweihtem des Ingerimm, daß die Schmiede von Xorlosch an einem Stahl arbeiten, dessen Eigenart es ist, große elastische Qualitäten zu haben. Mit einem solchen Stahl ließe sich jeder Ruck, jede Schwingung auf das hervor ragenste abfedern, vorausgesetzt diese Nachrichten entsprechen auch der Wahrheit"

Die Freifrau lacht in einer Herzlichkeit, die richtig fremd an ihr wirkt. Sie klopft der Bootsfrau kameradschaftlich auf die Schulter und fährt fort:

"Ich habe nicht behauptet, daß es einfach werden wird und es wird schon gar nicht eine Frage von Tagen oder Wochen, eher von Monden oder Götterläufen, da bin ich mir sicher. Aber ebenso sicher bin ich mir, daß es da Fortschritte geben wird. In diesem Punkt muß ich, wenn auch widerwillig, Herrn Jarun recht geben: Wer nie das unmögliche wagt, wird sich immer nur mit dem möglichen begnügen müssen!"



Die Bootsfrau nickt schließlich.

"Da stimme ich Euch zu - solche Fortschritte wird es ganz sicher geben. Nur - auf diesem Schiff sicher nicht, denn das, was Ihr da sagt, klingt sehr teuer - teurer jedenfalls, als daß es für das kleine Geschütz eines Handelsschiffes angemessen wäre. Ich denke also, dass Übung wohl der bessere Ausweg für uns ist - und der Weg, der zudem auch mehr Spaß macht."

Beim letzten Satz grinst sie wieder.



Frau Reckinde ist schon wieder völlig in Gedanken versunken.

"Zu teuer? Zu aufwendig? Hm, hm .... Nun, man wird sehen ..", antwortet sie der Bootsfrau knapp, aber nicht unfreundlich .

"Man wird sehen...!"

Schritt für Schritt entfernt sich Frau von Beibach und Bruch von der Rotze, noch immer vor sich hin sinnierend. Wie eine Traumwandlerin geht sie auf die Eingangstüre zur Suite zu.

"Man wird sehen ... !" murmelt sie vor sich hin.

Frau Reckinde öffnet die Türe und schreitet fast feierlich in ihre Kabine, dreht sich, kaum daß sie die Schwelle überschritten hatte, kurz wieder um und schließt die Türe hinter sich.

"Man wird sehen ... !" ist das letzte, was man auf dem Oberdeck von ihr hören kann.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Transport der Verletzten


Nachdem sich die allgemeine Aufmerksamkeit weiter auf das Mädchen richtet, läßt Phaylions Konzentration für die momentane Situation etwas nach. Erwartungsvoll blickt er zum Horizont und sein Blick verliert sich ein wenig.



"Herr Offizier, bevor wir das Mädchen in eine Kabine bringen, sollte einer Eurer Leute dort alles entsprechend vorbereiten, soweit es eben möglich ist."

Den nächsten Satz flüstert er Richtung Lowanger :

"Außerdem könntet Ihr den Überlebenden mal fragen, ob er mit dem Wort "Merian" etwas anfangen kann. Ihr körperlicher Zustand ist ziemlich stabil, einzig Sorge macht uns ihr psychisches Befinden - kein Wunder bei diesem Alptraum."



"Kein Problem", erwidert Lowanger dem Druiden knapp, auch wenn er im Moment niemanden hat, der das tun kann. Aber vielleicht kommen die beiden Seeleute von unter Deck ja bald wieder nach oben...

Die zweite Frage beantwortet er etwas ausführlicher, auch wenn er davon ausgeht, daß Phaylion sie auch mitgehört hat.

"Das wird wohl die Schwester sein, jene arme Frau da hinten."

Er weist dabei in Richtung der grausam verstümmelten Toten.

"Darum möchte ich ja, daß wir sie nach unten bringen, damit sie beim Aufwachen nicht DIESEN Anblick hier auf Deck sieht."



"Das dürfte wohl in der Tat ihren Zustand erklären" flüstert er dem Offizier zu.

"Wir sollten uns wirklich damit beeilen, sie in eine Kabine zu bringen." spricht er, nun zu dem Magier gewandt.

"Ich fürchte, ihre traumatischen Erlebnisse lassen sich nicht mal eben schnell durch einen Zauber oder ein Elixier entfernen."



Nachdem der junge Magus sich noch einmal gründlich davon überzeugt hat, dasz die Kopfwunde nicht mehr lebenbedrohlich ist und ausreichend versorgt wurde, wendet er sich an den Druiden und den Offizier:

"Physisch ist sie hinreichend versorgt, ihr Leben ist nicht mehr gefährdet. Psychisch steht es jedoch nicht gut um sie, es scheint sie sträubt sich gegen das Erwachen. Sie hat einen Schock erlitten, zum einen wurde sie von einem schweren, stumpfen Gegenstand am Kopf getroffen, was den Sitz ihres Verstandes erschütterte, zum anderen muszte sie all das Schlachten, all das Blut miterleben. Es besteht sogar die Möglichkeit, das sie glaubt sie sei tot und wir hier," er macht eine Handbewegung die auf die lebenden Menschen an Bord der ZYKLOPENAUGE zeigt, "wären Wesenheiten aus BORons Gefolge. Grundsätzlich ist sie transportfähig wir sollten sie sobald als möglich in eine Kabine schaffen."



'Ein Wesen aus Borons Gefolge, ich ...', denkt sich Phaylion still und mit einem ebenfalls gedanklichen ironischen Unterton. Sicher, der Herr des Totenreiches ist ihm wohl näher als die meisten anderen der Götter, aber dennoch, was Boron wohl davon halten täte ...?



Der zweite Offizier nickt, als die beiden Heiler in fast übereinstimmenden Worten dem Transport der verletzten in eine der Kabinen zustimmen.

"Gut, dann tun wir das, sobald einer der beiden Matrosen wieder oben ist, um mit anzufassen. Ihr stimmt mir doch zu, daß angesichts ihres Zustandes mehr Hände besser sind."

Er zögert kurz.

"Oder, noch besser, wir könnten einige dieser Trümmer als Trage verwenden - was meint Ihr?"

Er zeigt dabei auf die Reste des Heckaufbaus, um dann sogleich eine Schritte zurück zu treten, weil er in der Nähe der Verletzten nicht so herum brüllen möchte.

"OLE! HJALDAR! WENN IHR NICHTS WICHTIGES DA UNTEN HABT, DANN KOMMT HOCH!"

Er ist sich nicht sicher, ob man das wirklich bis in die Laderäume hört - angesichts der Ruhe auf dem Schiff könnte es funktionieren. Sicher ist eigentlich nur, daß man diese Worte drüben auf der NORDSTERN hört...



NORDSTERN - Brücke: Jergan und Fiana


Der Kapitän fährt herum, als er lautes Rufen von hinten hört. Er beruhigt sich jedoch sogleich, als er die Worte selbst vernimmt - es geht wohl nur um eine "Unterhaltung" zwischen Lowanger und denen, die anscheinend das Schiff durchsuchen.

Auf jeden Fall spricht aus dem, was zu hören war, nichts bedrohliches, und so wendet der Kapitän sich wieder dem Geschehen auf der NORDSTERN und um diese herum zu.



Fiana steht nach wie vor am Steuer, und hält die NORDSTERN auf Kurs Richtung Salzerhafen.

Ottam dagegen hat den Blick noch immer nach hinten gewendet und beobachtet die Vorgänge auf der ZYKLOPENAUGE. Den Handlungen entnimmt er das wohl definitiv ein weiterer Überlebender gefunden wurde.



Die erste Offizierin hält das Schiff sauber auf Kurs, so daß Jergan keinerlei richtungsweisenden Befehle geben muß - und er gehört nicht zu der Art von Vorgesetzten, die Untergebenen genau das befehlen, was diese im gleichen Moment oder kurz davor ohnehin zu tun beginnen.

So beschränkt er sich weiterhin auf das Beobachten und die Wachsamkeit, bereit, jederzeit wichtige Entscheidungen zu treffen.

Seine Gedanken eilen dem Schiff dabei voraus, beschäftigen sich mit den vielen Dingen, die in Salzerhaven zu tun sind, von der Meldung über den Wrackfund bis hin zu den Verhandlungen mit einem Schiffbauer über die Reparatur der Rudermaschine; vom Anlegen bis hin zu dem Problem, daß die Mannschaft immer noch nicht Sollstärke hat, und noch Matrosen fehlen - die wohl noch am längsten zu spürende Auswirkung der Meuterei auf der Strecke zwischen Prem und Thorwal. Und auch einem weiteren Problem wenden sich die Gedanken des Kapitäns zu - einem Problem, dessen Personifizierung an der hinteren Reling des Brückendecks steht und die geschleppte ZYKLOPENAUGE beobachtet. Ein Problem, dessen Lösung nicht einfach sein wird - und das aus den verschiedensten Gründen.



NORDSTERN - Ausguck: Der Mann im Mast


Orgen blickt immer noch rundum, doch immer länger frißt sich sein Blick in Fahrtrichtung, doch noch ist weit und breit kein Land in sicht.



NORDSTERN - Oberdeck: Angar's Rast


Angar, der 'fleißigste' Matrose der NORDSTERN, hat mittlerweile an der Steuerbordreling einen gemütlichen Platz gefunden, von dem aus er schön die Wellen beobachten kann, und ganz nebenbei auch strategisch günstig in der Nähe einer der Winden.

Doch die Winde spielt in seinen Gedanken eine weit geringere Rolle als die Schenken und Gasthäuser von Salzerhaven. Die beiden Tage auf See sollten zumindest für einen netten Abend ausreichen...




ZYKLOPENAUGE - Unter Deck: Hjaldar und Ole


Frustriert läßt Hjaldar das Blatt mit den für ihn absolut nutzlosen Informationen einfach wieder auf den Boden fallen. Und auch die anderen Blätter in seiner Hand enthalten nur völlig wertloses Blabla und landen wieder achtlos zu Hjaldars Füßen.

Mit aufkeimenden Ärger mustert er das Chaos, in dem er steht. Hier etwas Brauchbares zu finden - selbst wenn es da wäre - benötigt einen weitaus geduldigeren Charakter als ihn ein thorwalscher Söldner hat, wie er sich selbst eingestehen muß.

'Irgendein bleichgesichtiger und schreckhafter Federhalterkratzer und Buchentstauber, der würde sich hier wohl fühlen',

denkt er verächtlich und tritt wütend wieder in den Gang, als von oben leise ein Ruf ertönt.

Der Stimme nach könnte es Lowanger sein und auch wenn die Worte nicht recht zu verstehen sind, könnte man die ersten als Hjaldars und Oles Namen deuten, während der Rest inhaltlich untergeht.

Schulterzuckend macht er sich auf den Weg zurück in den vorderen Raum, wo der einzige noch benutzbare Aufstieg zum Oberdeck ist. Doch bevor er nach oben geht, bückt er sich über das dunkle Loch, wo es in den Laderaum hinab geht.

"Hoi Ole, mußt Du schon schwimmen da unten?"



Ole reibt sich gerade den schmerzenden Zeh, als er Hjaldar rufen hört. Es tut ihm gut wieder eine menschliche Stimme zu hören, inmitten dieses trostlosen Lagerraumes, der in seiner gesamten Ausdehnung nichts interessantes anbieten kann, als wolle er den Schiffszimmermann verspotten.

"Nee du, Hjaldar! Wenn ich hier schwimmen muß, dann nicht im Wasser, sondern in Erzgestein. Hier sind etliche Kisten gebunkert, die waren den Piraten zum Abtransport zu schwer oder zu wertlos oder beides!"

Und nach einer kurzen Pause fügt er an:

"Aber die Wände sind dicht, obwohl backbord ziemlich Wasser steht. Die Bilge dürfte total abgesoffen sein!"

Langsam schlendert Ole zum Aufgang.

"Und bei dir ... ? Hat dich eine Seeschlange am Wickel?"



"Wenn's eine versucht hätte, würd sie jetzt dekorativ mit Seemannsknoten vertäut achtern liegen." albert Hjaldar zurück.

Merklich ernsthafter fügt er an:

"Du hast also auch nichts Auffälliges entdeckt, hm? Außer dem Papierkram der letzten fünfzehn Götterläufe ist auf diesem Deck auch nichts."

Hjaldars Enttäuschung darüber ist deutlich heraus zu hören.

"Aber ich glaub' Lowanger wollt wat von uns ... hat sich jedenfalls so angehört. Laß uns vielleicht mal rauf gehen und schauen ... das heißt, wenn Du nich' lieber die Bilge ausschöpfen magst."



"Der alte Lowanger ruft?" brüllt Ole auf das Unterdeck hinauf "Na, dann woll'n wir ihn nicht mehr länger warten lassen. Sonst wird er ungeduldig und dann wäre die Seeschlange wahrlich eine angenehmere Gesellschaft, beim SWAfnir!"

Zuerst hebt Ole die Werkzeugkiste auf, schultert sie und geht anschließend die Stiegen hinauf. Als er dann langsam auf dem Unterdeck der ZYKLOPENAUGE auftaucht, grinst er Hjaldar an und meint:

"Die Bilge taugt schon eine Weile. Es bleibt später immer noch Zeit. Wenn ich nichts zu tun habe, dann trinke ich die leer, aber nur, wenn sich bis dahin das Meerwasser in Bier verwandelt hat! Sonst muß sich der Pott noch gedulden und dann in Salzerhafen auf dem Trockendock leerlaufen."



Während Ole vom Aufgang, der vom Ladedeck hinauf auf das Unterdeck führt, aus mit Hjaldar redet, tropft etwas rötliches links neben ihm herab - an der Wand entlang, und fällt auf den Boden.

Es könnte Blut sein - das wäre auf diesem Schiff wohl schon fast üblich zu nennen, aber Blut hinterläßt normalerweise nicht solche Spuren, wie sie da linkerhand neben dem Schiffszimmermann an der Holzwand des Schiffes zu sehen sind - Spuren, die in einem recht intensiven Rot/Violett leuchtend auf dem Holz zu erkennen sind.

Wenn der Blick der Spur nach oben folgt, so endet er schliesslich an einem wahren Augenfang, der da an der Holzwand etwa einen Spann unterhalb der "Decke" sitzt - an einer Stelle, die interessanterweise feucht zu sein scheint, ebenso, wie auch die Bereiche, an denen die Spur zu sehen ist. Wobei die Feuchtigkeit recht leicht zu erklären ist - es genügt, wenn man auf dem Unterdeck ein Wasserfass zerstört hat, was hier durchaus geschehen sein könnte, oder wenn jemand mit auf dem Deck Wasser ausgeschüttet hat, das durch die undichte Luke oder die Lichtschächte gelaufen ist. Jedoch... was da sitzt, und sich mit einer Geschwindigkeit, die für ungeduldige Menschen so gering ist, daß sie sie nicht als Bewegung wahrnehmen, nach oben kriecht, ist eine Schnecke, die nahezu einen ganzen Spann lang sein mag, und die gleiche Farbe hat wie die Spuren - dieses recht intensive Rot oder Violett - genau kann man das bei der schlechten Beleuchtung wohl kaum sagen.

Ein Schneckenkundler würde sehen, daß sich dieses Tier an der Holzwand sichtbar unwohl fühlt, aber auch für einen Seemann gehört so etwas wohl nicht zur üblichen Verzierung von Schiffswänden neben einem Aufgang...



Der Schiffszimmermann pfeift tonlos zwischen den Zähnen hindurch, so wie er es immer tut, wenn er von unerwarteten Begebenheiten überrascht wird. Vorsichtig streckt er den Zeigefinger aus, als wolle er die rote Farbspur mit der Fingerspitze untersuchen. Doch diese Erscheinung ist ihm zu fremd, er läßt es lieber bleiben.

Als er die Schnecke entdeckt, wird er von zwei sehr gegensätzlichen Gefühlen heimgesucht. Zum einen ist er froh und erleichtert, daß er nicht wieder eine zerhackten, menschlichen Torso erblicken muß, auf dem Oberdeck liegen schließlich genug übel hergerichtete Leiber und als er die roten Farbspritzer sah, dachte er sofort an Blut, das auf diesem Schiff wieder einmal mehr so brutal und sinnlos vergossen worden sein könnte.

Das es in dieser Annahme irrt, enttäuscht Ole überhaupt nicht, im Gegenteil. Nur hat eben der Anblick einer solchen Schnecken auch nicht viel Erbauliches für den Schiffszimmermann, da dadurch in ihm Erinnerungen provoziert werden, an eine Begebenheit, da er mit knapper Müh' und Not der Attacke eines Morfus entrinnen konnte. Einige der Kameraden haben das damals nicht geschafft.

"Hjaldar, komm mal eben her und sieh dir dieses Vieh an. Es ist zwar keine Seeschlange, aber seltsam ist das schon. Ob das eine Purpurschnecke ist? Du weißt schon, dieses schleimige Gewürm, daß den wertvollen Mäntel der hohen Könige die Farbe und den Wert gibt!"

Ole blickt sich forschend um.

"Wo dieses Biest überhaupt her kommt? Kann das sein, daß so etwas zur Ladung gehört? Es soll schweineteuer sein, hab ich mal gehört!"

Der alte Schiffszimmermann grinst wieder.

"Putt, putt, putt, komm her, meine Süße, hast du irgendwo hier Brüder und Schwestern? Hast dich verlaufen, was?"



Die Schnecke bleibt von den Worten des Schiffszimmermanns vollkommen unberührt, sie zeigt nicht die geringste Spur einer Reaktion. Das einzige, was sie tut - aber das hat sie auch schon vor der Entdeckung getan - ist die Fortsetzung der nach oben führenden Reise - und das in allergrößter Eile, was auf diesem Untergrund vielleicht ein Finger pro Minute sein mag.



Zuerst weiß Hjaldar gar nicht, was Ole meint ... bis er schließlich fast mit der Nase auf den Schleimbatzen gestoßen wird, der da die Wand nach oben strebt. Neugierig beäugt er das Vieh.

"Keine Ahnung, Ole. Die einzigen besonderen Schleimviecher, die ich kenn, sind größer und kriechen dir hinterher, bis sie dich geschluckt haben oder du sie in Stücke zerhackt hast."

"Und natürlich die Höflinge bei den Edelundsonstwohingeboren."

Suchend blickt Hjaldar sich um und verfolgt auch die Schleimspur der Schnecke zurück.

"Irgendwo muß das Vieh doch her sein ..."



Die Schneckenspur ist durch ihre besondere Farbe unschwer zu verfolgen, viel besser jedenfalls, als das die ebenfalls schleimigen Spuren der kleineren Schwestern und Brüder dieses Tieres sind, die auf Wegen und an Bäumen und Hauswänden des öfteren zu finden sind.

Sie führt geradewegs nach unten - besser gesagt, sie kommt geradewegs von unten, und ist dann noch ein Stückchen auf dem Boden zu sehen, ehe sie dann dorthin verschwindet, wo das eingedrungene Wasser auf dem Ladedeck ein wenig umher schwappt.



'Dieses Rätsel ist von zwei thorwalschen Rauhbeinen wohl nicht zu lösen, aber vielleicht gelingt es einem der gelehrten Herren auf dem Oberdeck?' denkt sich Ole und ist eigentlich ganz froh, so einen Weg gefunden zu haben, sich nicht weiter mit dieser schleimigen Sache abgeben zu müssen.

Nun legt aber Hjaldar einen forschenden Eifer an den Tag und da will der Schiffszimmermann nicht zurückstehen. Suchend blickt er sich um, nach einem Behälter, der tauglich erscheint, diese glitschige Schnecke auf das Oberdeck zu bringen, hin zu dem Druiden und dem Herren Magus.

Ole findet eine kleine Kiste, ein Kasten mehr, der zwar tropfnaß, dafür aber sonst völlig unbeschädigt ist. Außerdem ergreift Ole ein kleines, abgerissenes Leinentuch, nie im Leben würde er dieses Ekelwesen mit bloßer Hand anfassen. Schnell stochert er mit dem Fetzen die Schnecke in das Kästchen und deckt das ganze dann mit dem Leinentuch ab, fest und dicht, damit die Schnecke nicht entfliehen kann.

Dann stellt er den Kasten auf dem Unterdeck ab, gleich neben seiner Werkzeugkiste. Danach hat er das dringende Bedürfnis sich die Hände abzuwischen, obwohl er diese seltsame Farbschnecke überhaupt nicht berührt hatte.

Zuletzt hebt er die Laterne auf und geht dicht an die Pfütze im Laderaum heran, gerade dort, wo die rote Farbspur im Wasser verschwindet. Sehr dicht hält er das Licht über die Wasseroberfläche.

"Mal sehen ..." sagt er nur und hofft, daß auch Hjaldar genau hinschauen würde, vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei.



Natürlich wehrt sich die Schnecke gegen das Einsperren in die Kiste, nur, dieses Wehren wird Ole nicht als solches wahrnehmen, weil es einfach viel zu langsam geschieht. Ebenso startet sie sogleich einen Fluchtversuch, nur bleibt auch dieser vollkommen ohne jede Auswirkung, weil der Weg bis zur Oberkante der kleinen Kiste einfach zu weit ist, um von der Schnecke in der kurzen Zeit zurückgelegt zu werden, die es dauert, bis der Deckel drauf liegt.

Die Farbspur endet dort, wo das Wasser beginnt - besser gesagt, sie beginnt dort, denn die Schnecke ist ja anscheinend aus dem Wasser gekommen. Im Wasser ist nichts zu sehen - außer den Trümmern einer Kiste, die dort herumliegen, an denen aber nichts weiter bemerkenswertes zu sehen ist.



NORDSTERN - Oberdeck: Torin und Joanna


Mit einem freundlichen Nicken in Joannas Richtung dreht sich Torin um und geht auf den vorderen Niedergang zu. Scheinbar ohne Efferdan und Phexane zu bemerken, steigt er die ersten Stufen des Niedergangs hinab.

Doch obwohl Torin es nicht zum Ausdruck bringt, hat er die innige Umarmung der Beiden wohl bemerkt. Ein Gefühl des Zornes steigt in ihm auf. Je weiter er in die Dunkelheit des Unterdecks eintaucht, desto stärker wird dieses Gefühl.

"Und dieses Frauenzimmer hätte ich beinahe gefragt, ob sie mit mir nach Gareth kommen möchte." grummelt er kaum hörbar in seinen Bart hinein.

Am Fuße des Niederganges bleibt er stehen, um wenigstens der schönen Druidin die Möglichkeit zu geben, zu ihm aufzuschließen. Darüber hinaus braucht er einen Augenblick, bis sich seine Augen an das Dämmerlicht des Unterdecks gewöhnt haben.



"Wenigstens kann ich mich jetzt endlich bewaffnen. Ich denke, ihr habt recht, auf solch einem Schiff kann man einfach nicht vorsichtig genug sein."

Joanna folgt Torin hinab zum Niedergang und steigt langsam hinunter. Ein warmes Angenehmes Gefühl durchströmt plötzlich ihren Körper. Der Druidin wird bewußt, wie befriedigend sie es empfindet, die Nähe Torins zu spüren. Einfach nur, daß er da ist. Gerade in dem Moment wollte sie etwas sagen, doch dieses Gefühl eben hat sie zu sehr verwirrt. Sprachlos und mit leicht geöffneten Mund sieht Joanna Torin an. Etwas irritierendes, ja, sogar seltsames liegt in ihrem Blick.



Langsam gewöhnen sich seine Augen an die Düsternis, die in dem schmalen, hölzernen Gang vor ihm herrscht. In dem Licht, das von dem etwa zehn Schritt entfernten hinteren Niedergang herunter dringt, kann Torin die Silouette eines Matrosen sehen.

Dann antwortet er endlich auf Joannas Worte.

"Eine Frau wie ihr sollte nicht selbst zur Waffe greifen müssen."

Torin schweigt einen Augenblick bevor er seine Ausführungen fortsetzt.

"Aber gerade in diesen Zeiten läßt es sich wohl nicht vermeiden. Wer kann schon sagen, ob sich nicht bald wieder einer dieser Dämonen aus den Niederhöllen einen Weg zu uns verschafft. So wie dieser Borbarad es tat."

Torin ist versucht, allein Angesichts dieses Namens auszuspucken. Nur die Gegenwart der jungen Druidin läßt ihn seinen Haß doch herunter schlucken.

Sein Blick streift noch mal den Matrosen, der noch immer fast unbewegt im Gang steht.

'..seltsame Haare..'

Dann reißt er seine Augen auf. Jetzt, da sich seine Augen an die Düsternis gewöhnt haben, erkennt er den schlanken, mittelgroßen Matrosen als das, was er ist: 'Eine Matrosin!' Diese Erkenntnis läßt ihn beinahe lachen.

'Das ist ja eine Matrosin!'

Auf der Stelle wendet er sich zu der Druidin um.

"Stellt euch vor, ich hatte gerade wirklich gedacht, die Matrosin da vorne sei ein.."

Dann stutzt er. Erst jetzt fällt ihm der offene Mund Joannas auf.

"Was habt ihr?"



Anfangs bemerkt Joanna gar nicht, daß Torin mit ihr spricht. Die Druidin schließt wieder ihren Mund. Und langsam beginnen seine Worte zu ihr durchzudringen.

"Ach ich hatte eben ein seltsames Erlebnis."

Ihre Stirn legt sich in Falten, denn Joanna überlegt woher sie dieses Gefühl kennt. Es ist etwas vertrautes.

'Es war... nein, es ist ....JA!'

"Ich weiß selbst nicht genau, ..."

Sie überlegt noch einmal kurz, bevor sie fortsetzt.

"Ich hatte eben solch ein seltsames Gefühl ... genauso wie bei den Visionen."

Der letzte Teil war wohl eher laut gedacht und nicht für Torin bestimmt, jedoch ist er laut genug gesprochen, dass er es hören kann. Noch immer etwas seltsam sieht sie ihn an.

'Warum jetzt? Warum hier? Warum er? Genau solch ein Gefühl hat mich auf dieses Schiff gebracht.'



'Visionen...' denkt sich Torin, 'das ist sehr interessant. Visionen können Wissen über Bevorstehendes beinhalten... Unter Umständen sehr lukratives Wissen... Darüber muß ich unbedingt mehr erfahren.'

Sei verdutzter Gesichtsausdruck ändert sich nun wieder zu einem Lächeln, als er ihr leise sagt, daß er gerne mehr über sie in Erfahrung bringen möchte.

"Doch nicht hier, auf diesem schwankenden Schiff. Ich weiß, daß es jetzt vielleicht etwas überraschend für euch kommen mag, aber ich glaube, daß ihr mehr Zeit verdient, als ich sie euch jetzt in der Eile des Aufbruchs geben könnte."

Seine Hände und Arme vollführen eine einladende Geste. Die Handflächen zeigen nach oben, als er die Arme in Höhe der Hüfte nach vorne schiebt und sie dann nach beiden Seiten weg gleiten läßt.

"Wie ihr wißt, werden mein Schützling und ich werden heute Abend dieses Schiff verlassen. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn ihr mich für diesen Abend zum Essen begleiten würdet."

Torin verharrt für einen Augenblick in seiner einladenden Körperhaltung, dann senkt er die Arme wieder.

'Auch wenn wir uns dann wohl nie wieder sehen.'



Die Druidin nähert sich langsam der Gemeinschaftskabine, immer darauf bedacht, daß Torin ihr folgt. Kurz bevor sie die Tür erreichen, wendet sie sich noch einmal zu Torin. Ihr seltsamer Blick ist verschwunden und sie beginnt zu lächeln.

"Es wäre mir ein Vergnügen mit Euch essen zu gehen."



Als die Druidin an Torin vorbei zur Gemeinschaftskabine schlendert, scheint es ihm so, als ob Joanna nicht auf seine Einladung eingehen würde.

Dann jedoch dreht sie sich zu ihm um und zerstreut mit einem Satz seine Sorge. Die einladenden Worte der schönen Frau geben ihm ein wärmendes Gefühl. Etwas, das er seit dem Versprechen auf das Goldeichenherz nicht mehr gespürt hatte. Plötzlich steht für ihn nicht mehr die Information über die Vision im Vordergrund, sondern vielmehr möchte er das neuerworbene Gefühl der herzlichen Freude nicht mehr missen.

"Dann ist es also abgemacht." sagt er euphorisch, als er die im Gang stehende Matrosin passiert.

'Jetzt fehlt nur noch ein gemütliches Lokal, in dem wir Drei gut speisen können.'



'Abgemacht?'

"Ja" flüstert Joanna leise und glücklich darüber dass sie den Abschied von Torin doch noch hinauszögern kann. Verträumt öffnet sie die Tür zur Gemeinschaftskabine und tritt ein. Die Druidin wartet noch bis Torin eintritt und läßt sich dann auf ihrer Koje nieder.

'Vielleicht ist für dieses Thema jetzt nicht der richtige Zeitpunkt aber...'

"Schon die ganze Zeit muß ich darüber nachdenken, was einen Mann wie ihr es seid, auf dieses Schiff führt. Verzeiht, ich denke, meine Neugierde ist schon wieder mit mir durchgegangen"

Noch immer läßt Joanna Torin nicht aus den Augen, in der Hoffnung, daß er ihr trotzdem den Grund verrät.



Das leise geflüsterte "Ja" der Druidin erreicht Torins Ohren kaum. Und dennoch fühlt er, daß in diesem kurzen Wort mehr mit schwingt, als es den Anschein hat.

Joanna öffnet die Tür und das Licht aus der so entstandenen Öffnung erhellt den Gang. Als sie den Raum betritt, verdunkelt ihr Körper für einen kurzen Augenblick den Gang wieder. Dann folgt Torin ihr in die Gemeinschaftskabine.

Während Joanna es sich auf ihrer Koje bequem macht, schließt Torin die Türe hinter sich.

Ein kurzes, prüfendes Einatmen durch die Nase zeigt ihm, was er schon gehofft hatte. Der Geruch des ausgespienen Essens ist nicht länger Teil der Luft.

Als er sich den hölzernen Spinden nähert, nestelt er einen kleinen Schlüssel aus seiner Tasche. Er dreht ihn im Schloß herum und öffnet damit seinen Spind. Nachdem er seinen alten Rucksack aus dem Spind geholt hat, wendet er sich kurz an Joanna.

"Was mich auf dieses Schiff führt, wollt ihr wissen?"

Dann packt er weiter seine Habe zurück in den Rucksack. Kurz zuckt sein Kopf hoch, als er überlegt, ob er denn schon seinem Schützling gesagt hat, daß diese Seereise im nächsten Hafen endet.

'Sicherlich...'

Dann jedoch nimmt ihn wieder die unterbrochene Konversation mit der Druidin auf.

"Es ist nicht schlimm, wenn ihr glaubt, etwas neugierig zu sein. Ich erzähle euch die Geschichte gerne, aber jetzt ist nicht die richtige Zeit dafür."

Dann widmet er sich wieder seiner Habe.



NORDSTERN - Oberdeck: Phexanes Geheimnis


Phexane spürt Efferdans Hand auf ihrer. Sie dreht darauf hin ihre Hand um und umschließt die seine. Sie spürt wieder seine weiche Haut, die eigentlich viel zu zart für einen Seemann ist. Sie ist froh, daß er sich diesmal nicht zurück zieht.

Doch dann hört Phexane Schritte an sich vorbei ziehen. Sie realisiert auf einmal, wo sie überhaupt steht und schaut kurz den beiden hinterher, die vorbeigegangen sind. Es sind Torin Rotmarder und die Druidin.

'Wohin gehen die beiden?'

Phexanes Phantasie sprudelt auf einmal über.

'Warum habe ich bloß diese Gedanken? Wieso mache ich mir sie? So ein Unsinn! Er will aus irgendeinem Grund nach unten und sie wohl zufällig auch ... denke ich.'

Sie spürt ein Gefühl, daß ihr ganz und gar nicht gefällt. Sie ignoriert es und widmet sich dann wieder Efferdan. Etwas näher schmiegt sie sich an ihn heran und flüstert wieder:

"Das ist nicht nur einfach nett von mir. Es ist mein Ernst! Viele gehen mit ihrem Aussehen in der Masse unter und auch ihre Fähigkeiten sind einfach nur durchschnittlich, aber ihr seid durchaus etwas Besonderes. Habt einfach etwas mehr Mut und ignoriert das Gerede der anderen!"



Zwar zuckt Efferdans Hand kurz, als Phexane sie umschließt, aber er zieht sie nicht zurück - schließlich hatte er mit der »Suche« angefangen...

Die Schritte, die an ihnen beiden vorbeiziehen nimmt er ebensowenig bewußt war, wie Ameg vorhin, von dem er jetzt noch nicht weiß, daß er dastand - er hatte ihn schlicht und einfach übersehen. Zwar spürte er die leichte Berührung an seinem Arm eben, aber die konnte ebensogut von Phexane kommen.

So denkt er sich auch nichts dabei, als Phexane kurz den Kopf dreht, zumal sie sich ja dann wieder ihm zuwendet, sich an ihn schwiegt, ihm wieder etwas zuflüstert.

`Ich soll mehr Mut haben... das Gerede ignorieren...`

Efferdan hat mittlerweile aufgehört zu weinen.

`Mehr Mut haben - mutig sein - Mut...`

Nach kurzer Zeit des Nachdenkens flüstert er zurück:

"Danke... aber... ich war nie... besonders mutig. In der Tat bin ich... sogar recht ängstlich."

Dann, mit einem Tonfall, wie wenn man jemandem ein Geheimnis anvertraut:

"Wißt Ihr - ich liebe das Meer... fühle mich ihm irgendwie verbunden... aber eigentlich scheue ich... Gefahren... wenn das mit meiner Mutter... nun ja... ich wäre... wäre wohl nie Seemann geworden.... wahrscheinlich lebte ich jetzt.. .in einer einsamen Hütte am Strand..."

Diese Worte scheinen tief aus dem inneren Efferdans zu dringen, direkt aus einer Seele, brechen hervor, wie ein Schwall.

"...vielleicht auch, weil ich anders bin... und auch weil ICH fürchte, was ich bin - oder nicht bin! Ich bin ... etwas Besonderes, sagt... Ihr? ... etwas Besonderes ... aber was?"

Efferdan hebt ruckartig den Kopf und sieht Phexane in die Augen. In seinen sonst so ruhigen Augen scheint Sturm zu herrschen. Sie flackern, das Meer in ihnen braust, Wellen schlagen. Ein wirrer Strudel von Gefühlen ist in ihnen sichtbar: Freude - Wut - Angst - Dankbarkeit - Furcht - Liebe - Unsicherheit - der Wunsch nach Geborgenheit.

Drei Worte schweben Phexane entgegen, so leise, daß nur jemand sie verstehen kann, der ihm so nahe ist wie im Moment Phexane, und doch klingen sie fast wie ein Paukenschlag:

"- Was - seht - Ihr? -"

Es ist wohl mehr als nur eine einfache Frage, eine Frage, die nicht nur mit »etwas Besonderes« beantwortet kann. Sie geht tiefer, fragt nach seinem Wesen, dem Ursprung, vielleicht nach dem Sinn seiner Existenz, vielleicht sogar nach dem Sinn des Seins. Es stellt eine Entscheidung da - was wird Phexane sehen: Monster oder einzigartiges Wesen? Gut? Böse? Liebe? Haß? Einhorn oder Dämon? Delphin oder Seeschlange?

Es ist ein Versuch Efferdans, etwas Ordnung in die Zerrissenheit seiner selbst zu bringen, ein Wagnis - vielleicht das erste seiner Art? Es ist, als ob man in einen Spiegel blickt und wartet, was man sehen wird...



Phexane weiß nicht, was sie antworten soll. Gewiß, Efferdan sieht durchaus fremdartig aus, aber dennoch menschlich.

"Also ...." beginnt sie, "ich sehe einen jungen Mann, der ... wie ein Mensch aussieht, aber auch irgendwie anders. Aber auf jeden Fall wie kein Dämon oder ein Monster!"

Unsicher zuckt sie mit ihren Schultern. Verzweifelt versucht sie sich an ihren Bruder zu erinnern und daran, was er vielleicht irgendwann einmal zu ihr über Efferdan gesagt haben könnte.

'Erinnere dich! Erinnere dich endlich!'


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... "Er ist der Sohn von Aillil Peresen, einer Geweihten, die vor kurzem gestorben ist. Hey, erinnerst du dich denn nicht mehr an das Wettschwimmen vor ein paar Jahren? Da hat er doch glatt gegen mich gewonnen!"

"Aha! Aber sag mal ... er sieht doch etwas .... anders aus. Was ist mit ihm?"

"Ich weiß es nicht." ...

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'Ja, toll! Die Erinnerung hilft mir gar nicht weiter!'

Phexane seufzt resigniert, fährt dann aber weiter fort, wobei sie nun wesentlich leiser spricht, so daß nur noch Efferdan es hören kann.

"Es ist doch egal, was ihr seid oder woher ihr kommt .... ich habe mittlerweile mein Ich mehr und mehr abgelegt ..."

Phexane blickt auf den Boden des Oberdecks. Auch sie scheint mehr Vertrauen zu Efferdan gefaßt zu haben, denn sonst hätte sie niemals so etwas gesagt.



`Junger Mann - irgendwie anders - kein Dämon...`

Efferdan weiß nicht was er erwartet hatte, doch diese Antwort ist seltsam. Seltsam unvollständig. Sie beantwortet einen Teil der Frage - aber eben nur einen kleinen.

`Vielleicht kann mir niemand eine Antwort auf diese Frage geben? Immerhin - sie scheint keine Angst vor mir zu haben. Und verspotten tut sie mich auch nicht...`

Phexane spricht weiter.

`Es ist egal, was ich bin... ist es das? Spiele ich keine Rolle, spielt mein Leben keine Rolle? Oder denkt sie an den alten Waschweiberspruch »Man ist das, was man sein will« ... ?`

Doch dann sagt Phexane etwas, das ihn überrascht. Sie spricht über sich. Sie hätte ihr ich mehr und mehr abgelegt. Irgendwie spricht Trauer aus diesen Worten, aus ihren Augen. Das fühlt Efferdan, das sieht Efferdan. Und noch etwas überrascht Efferdan - diesmal ist sie es, die zu Boden sieht.

`Sie ist so traurig. es scheint so, als hätte sie viel verloren - sich selbst. Vielleicht ist das noch schlimmer, als nicht zu wissen wer man ist - sich verlieren...`

Sanft - man könnte es schon als zärtlich bezeichnen - löst er seine Hand aus der ihren - mit der anderen hält er ja immer noch den Kater - und legt Phexane die Hand unter das Kinn, stupst es hoch, streichelt ihr dabei mit den Fingern über die Wange.

Leise flüstert er ihr ins Gesicht.

"Wenn... wenn es Euch etwas hilft - ihr... ihr seid eine nette Frau... ihr ihr erinnert mich sogar etwas an meine Mutter - so warm, so freundlich. Ich .. ich denke ... das ist der wahre Kern in Euch ... und solange ihr den habt, werdet ihr Euch nicht verlieren..."

Irgendwie hat sich das Gespräch gewendet - nun ist Phexane diejenige, der tröstend zugesprochen wird. Warum ist er - Efferdan - mit einem Mal so mutig, diese Worte zu sagen? Liegt es daran, daß er ihre Trauer spürt und weiß, was es bedeutet, so zu fühlen, wie sie es tut?

Plötzlich durchzuckt eine Erinnerung Efferdans Geist.


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Die Vorhalle im Havener Efferdtempel. Es muß kurz nach dem Wettschwimmen gewesen sein. Er läuft durch den Raum, in den Händen balanciert er eine Schüssel Wasser. Er kann sich nicht mehr erinnern, warum er gerade eine Schüssel Wasser in den Händen trug, aber er erinnert sich an etwas anderes:

Gerade, als er an einem der blauen, mit Meeresmotiven bestickten, Vorhänge vorbeiläuft, stürmt eine Gestalt durch den Durchgang hindurch, der von dem Vorhang bedeckt wird. Ein schmales Mädchen, schwarzes Haar. Hatte sie nicht aufgepaßt? Wurde er zu spät bemerkt? Jedenfalls stößt dieses Mädchen voll mit im zusammen, er kommt ins Wanken, Wasser spritzt, sie beide stürzen zu Boden, das Wasser ergießt sich über sie, durchnäßt sie, die Metallschüssel fällt scheppernd zu Boden. Da liegen sie nun, sie halb auf ihm, er sieht verdutzt in ihr Gesicht. Eine von Gials Schwestern, die eine, die Gial so ähnlich sieht...

Eine Name taucht vor Efferdans geistigem Auge auf, Buchstabe um Buchstabe, wie eine flammende Schrift erscheint der Name wieder ins einem Geist.

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Efferdans Augen weiten sich noch mehr, blicken Phexane an. Die staunenden Lippen formen sich langsam zu einem Lächeln. Fast tonlos flüstert Efferdan:

"Ich weiß... wieder, wer du bist..."



Über Phexanes Rücken laufen tausende von kalten Schauern, als er ihr Kinn berührt, es anhebt und über ihre Wange streicht. Es sind angenehme Schauer, keine ängstlichen.

Die Worte, die er spricht, sind tröstend und lassen auf ihren Wangen ein leichtes Rot erscheinen. Solche Nettigkeiten hört sie eher selten und vielleicht hätte sie bei manch anderen Mann die Hand weggeschlagen und gesagt, er könne sich seine Lügen sonstwo hin stecken, doch bei Efferdan weiß sie, daß er es ernst meint.

Doch dann, bevor sie noch irgendwas sagen kann, lächelt er und sagt, daß er sich wieder daran erinnert, wer sie ist. Sie überhört das eigentlich ungewohnte "du". Statt dessen runzelt sie etwas die Stirn.

'Wer ich bin? Kennt er meinen Namen? Wenn ja, dann ....'

Phexane wird etwas unruhiger und kurz geht ihr Blick zu Alrik und dann zu Ameg. Glücklicherweise stehen beide weit genug weg. Aber dennoch beginnt ihr Herz etwas schneller zu klopfen. Sie blickt dann Efferdan wieder genau in die Augen. Unsicherheit und irgendwo auch Angst sprechen aus ihren Augen. Angst vor Entdeckung und davor, daß all ihre Lügen aufgedeckt werden ... zusammen mit dem Grund, warum sie es tut.



Efferdan spürt die Angst Phexanes, liest die Unsicherheit in ihren Augen - aber er begreift den Grund nicht.

`Als ich sagte, ich könnte mich wieder an Ihren Namen erinnern wurde sie so. Warum? Freut sie sich nicht, jemanden zu sehen, der sie von früher kennt? Sie sagte, sie hätte sich selbst verloren - dann müßte sie sich doch freuen, vielleicht fände sie sich wieder... oder will sie sich nicht mehr finden? Ist etwas Schlimmes passiert?

Oh EFFerd, was habe ich falschgemacht...?`

Efferdan ist verwirrt, weiß nicht, was er von der Frau, die ihn immer noch umarmt, halten, zu ihr sagen soll. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, daß sie Grund haben könnte, ihren richtige Namen nicht zu nennen. So etwas tun vielleicht Verbrecher, die sich vor dem Gesetz verstecken wollen - aber doch nicht so eine nette, einfühlsame, hilfsbereite Frau wie sie...

Er zieht die Hand, die unter Phexanes Kinn ruhte, zurück und legt sie statt dessen sanft auf ihren Arm. Leise, so das nur Phexane es verstehen kann, fängt er - fast zaghaft - an zu sprechen.

"Habe.. habe ich etwas... etwas Falsches gesagt, Níalyn? Ich dachte Ihr freut Euch..."

Da, es ist heraus, eigentlich völlig unbewußt, aber heraus. Der Name hatte ihn so überrollt, Phexanes Reaktion so erstaunt, daß er automatisch diesen Namen verwendet.

Dann fällt ihm ein, daß er Phexanes Ausdruck vielleicht falsch gedeutet hatte, daß es nicht Angst, sonder Wut über die Vertrautheit war, die er sich anmaßte. Immerhin ist sie Passagier, er nur ein armer Matrose.

"Äh ver... verzeihung, ich wollte euch nicht..."

Dann bricht er ab, sieht zu Boden.

`Falsch falsch - ich mache alles falsch... das war sicher wieder falsch...`



Phexane (oder wer auch immer) schüttelt kurz den Kopf.

"Wofür entschuldigt ihr euch? Ihr habt nichts Falsches gesagt. Es ist nur so, daß ich diesen Namen schon seit Jahren nicht mehr trage. Aber ... es ist angenehm ihn mal wieder zu hören."

Phexane lächelt etwas, wobei in dem Lächeln auch eine leichte Unsicherheit liegt - wie würde Efferdan wohl reagieren, wenn sie ihm die Wahrheit hinter dem Namenstausch verrät? Er ist offenbar ein sehr ehrlicher und aufrichtiger Mensch - also ein krasses Gegenteil zu ihr.

Sie löst sich langsam wieder von ihm, streicht zuerst über Traumauge, dann über seine Hand, mit der er den Kater hält.

"Ich kann mich leider nicht mehr so genau daran erinnern, wann wir uns kennengelernt haben. Helft doch bitte meinem Gedächtnis etwas auf die Sprünge."



Efferdan atmet auf - puh, er hatte doch nichts Falsches gesagt.. oder wenn, dann nimmt sie ihm das offensichtlich nicht übel.

Als sie sich von ihm löst, läßt er auch ihren Arm los - nie würde er es wagen, jemanden in dieser Situation festhalten zu wollen, auch wenn er etwas traurig darüber ist, hat er doch die Nähe und Wärme sehr genossen.

Die freigewordene Hand verwöhnt nun wieder Traumauge, dessen - recht geringes - Gewicht Efferdan langsam zu spüren beginnt.

Als Phexane über seine Hand streichelt, durchfährt ihn ein sanftes Zittern, wieder muß er sich selbst davon abhalten, zurückzuzucken.

"Äh... wann wir uns kennen gelernt haben... ähm nun ja, wir hatten uns vorher schon gesehen, aber die erste richtige Begegnung fand eines Mittags statt.

Es ist übrigens lustig... daß ihr fragt... eben dieser Erinnerung brachte mich auf Euren Namen....

Ich ging gerade durch die Vorhalle - durch die kleine, glaube ich - des EFFerdtempels... ich trug eine Schüssel mit Wasser. Ihr... ihr kamt angerannt... durch einen der Seitengänge... die deren Eingänge mit Teppichen bedeckt sind... jedenfalls... jedenfalls stießen wir zusammen, ich fiel, ihr fielt auf mich, das Wasser ergoß sich über uns...waren wir damals naß. --- Ich erinnere mich, ihr wart sehr wütend - besonders, als Eurer Bruder - Gial - dazukam. Ich glaube, er hatte den Lärm gehört. Ich erinnere mich noch an sein Lachen..."

Versonnen starrt Efferdan ins Leere, auf seinen Lippen schleicht ein lächeln umher - so, als müsse er (im Nachhinein) lachen, wenn er an diese Szene zurückdenkt...



Phexane grinst, als Efferdan von der Begegnung damals erzählt. Ja, sie kann sich auch wieder erinnern.

"Ja, ich erinnere mich! Oh je, ich war wütend! Ich habe euch, wenn ich mich recht erinnere, ziemlich angepflaumt. Dann kam auch noch Gial an und lachte. Er nahm solche Sachen immer viel gelassener als ich. Eigentlich bin ich von uns beiden launischer."

Kurz sieht es so aus, als würde sie durch Efferdan hindurch sehen. Doch sie spricht weiter:

"Ich habe einen ziemlichen Zwergenaufstand veranstaltet! Doch Gial blieb wie immer ruhig und zeigte auf euch, wenn ich mich richtig erinnere, und stellte uns in aller Seelenruhe vor."

Phexanes Hand ruht nun auf seiner, während sie nun wieder seine Augen fixiert. Langsam weicht die Furcht davor, daß er sie irgendwie verraten könnte. Zumal er ja noch nicht weiß, daß sie hier an Bord einen anderen Namen trägt. Sie fühlt, daß er wohl so etwas nicht so einfach machen würde. Auch wenn sie ihn erst seit wenigen Minuten kennt, so fühlt sie doch eine tiefe Verbundenheit zu ihm.

Lachend schüttelt sie kurz den Kopf.

"Es ist seltsam - ich vertraue sonst nie jemanden so schnell, aber irgendwas habt ihr an euch, daß mich fühlen läßt, daß ich euch vertrauen kann. Ich werde euch deshalb erzählen, warum ich so auf diesen Namen reagiert habe."

Sie macht eine kurze Pause, wobei sie zu Boden schaut und Luft holt.

"Damals hieß ich Níalyn, doch heute höre ich hier an Bord auf den Namen Phexane. Den Namen Níalyn legte ich ab, als ich enttäuscht Havena den Rücken kehrte. Ich bitte euch deshalb: nennt mich in Anwesenheit anderer Phexane! Wenn wir unter uns sind, dann nennt mich ruhig wieder Níalyn. Eigentlich mag ich diesen Namen ..."

Sie blickt wieder hoch zu ihm und lächelt etwas traurig.

"Es hat sich seit damals, als ich noch ein relativ sorgloses Mädchen war, ziemlich viel geändert! Im Grunde existiert Níalyn nicht mehr. Sie 'starb', als ... ich meine größte Enttäuschung erleben mußte."

Phexane schluckt. Langsam beginnen ihre Augen zu glänzen und sie blinzelt.

"Verzeihung!" stößt sie kurz noch hervor, dann aber dreht sie sich um und rennt Richtung Niedergang.



Als Phexane von ihrer ersten Begegnung erzählt, verziehen sich die Lippen zu einem schiefen Grinsen.

`O ja - wie eine Furie. Sie hat mich angefaucht und ich lag nur hilflos da... und dann Gial...`

Doch noch bevor er weiter diesem Gedanken nachhängen kann, wechselt Phexane plötzlich und vollkommen überraschend das Thema.

`Was ist mit ihrem Namen... Phexane soll ich sie nennen - warum? Ihren alten Namen legte sie ab... wie? Aber wieso denn?`

Efferdan kann das kaum verstehen. Wieso hatte sie ihren Namen abgelegt? Der Name ist doch etwas sehr persönliches, ein Geschenk der Eltern - oder in seinem Fall wohl eher nur der Mutter - an ihre Kinder, ein wesentliches Wesensmerkmal... das legt man doch nicht so einfach ab, oder?

Doch bevor Efferdan noch nachfragen kann, fährt Phexane fort und liefert damit - wenigstens teilweise - eine Erklärung für dieses Tun.

`Níalyn existiert nicht mehr??? starb - Enttäuschung...` Es braucht einen kurzen Augenblick, bis die Bedeutung dieser Worte zu ihm durchsickern - und bis er bemerkt, daß Phexane sich umwendet und zum Niedergang laufen will. Letzteres bemerkt er eigentlich erst, als Phexane »Verzeihung« murmelt, eine Äußerung, die so gar nicht zu der Frau paßt, mit der er sich bis eben unterhalten hatte... das kam von Níalyn, nicht von Phexane!

`Sie ist traurig... und wohl auch ängstlich. Tief traurig... unsicher. Es ist nicht gut, wenn sie jetzt alleine wäre. Ich muß...`

Efferdan gibt sich einen Ruck - normalerweise ist es nicht seine Art, andere aufhalten zu wollen...aber hier, in diesem Fall. Sie hatte ihn getröstet, als er Trost brauchte, jetzt braucht sie Trost und Aufmunterung und es liegt an ihm, ihr dies zu geben...

Flink setzt sich Efferdan in Bewegung, hinter Phexane her. Glücklicherweise kommt er - im Vergleich - etwas schneller voran als sie, ist er doch mit dem schwankenden Untergrund vertrauter.

Seine Hand greift nach ihrer Schulter, berührt sie...

"Halt, so wartet doch. Ihr solltet..." hallt Efferdans Stimme wie Glockengeläut über diesen Teil des Decks.

`Hoffentlich bleibt sie stehen. Sie muß unbedingt noch etwas erfahren. Sie hat sich nicht verloren, wie sie denkt, sie ist nicht tot. Ich habe doch Nia bene getroffen! Das muß sie wissen.. sonst... Ich darf sie jetzt nicht allein lassen - diese Trauer...`

Daran, daß Traumauge bei seinen hektischen Bewegungen auf seinem Arm ins Schwanken gerät und daß ihm das wahrscheinlich nicht unbedingt gefallen wird, daran denkt Efferdan natürlich nicht...



Phexane hört hinter sich die eiligen Schritte Efferdans und da dieser mit den Bewegungen des Schiffes besser vertraut ist, als sie, erreicht er sie auch schneller. Er berührt ihre Schulter und sie bleibt auch tatsächlich vor dem Niedergang stehen. Dann dreht sie sich zu ihm um.

Phexane wischt sich kurz über ihr linkes Auge, wo sich schon beinahe wieder eine Träne lösen wollte. Mit dem rechten blinzelt sie dagegen.

'Ganz ruhig! Ich will nicht schon wieder in Tränen ausbrechen! Geschehen ist geschehen, und es läßt sich eh nichts mehr ändern!'

"Entschuldigt, daß ich das Gespräch abgewürgt habe," sagt sie leise, "aber ... das liegt mir schon so lange auf der Seele! Ich ... ich will eigentlich gar nicht mehr weinen! Nicht schon wieder."

Nun löst sich aus dem rechten Auge doch noch ein Träne und läuft die Wange hinab.



Efferdans meerblaue Augen ruhen in Phexanes, als diese stehenbleibt und sich herumdreht.

`Sie ist wirklich bedrückt. Die ganze Zeit lag ihr das auf der Seele und sie konnte sich niemandem anvertrauen. Das muß schwer für sie gewesen sein. Und jetzt - jetzt ist es noch nicht vorbei. Irgend etwas ist passiert, etwas, mit dem sie nie ganz fertig geworden ist. Ich muß etwas tun. In diesem Zustand darf sie nicht alleine sein. Nichts ist schlimmer, als wenn man mit so großer Trauer alleine ist, sich hilflos, verloren fühlt. Aber was... ach ich weiß!`

Eine Aura der Ruhe scheint von Efferdan auszugehen, als er Phexane auffordernd die linke Hand hinstreckt - die rechte hält immer noch Traumauge - und sagt:

"Kommt mit, ich möchte Euch etwas zeigen."

Seine Stimme klingt hell, weich, beruhigend. Das helle Haar umspielt sein Gesicht, das von einem freundlichen Lächeln geziert wird.

Dies ist ein anderer Efferdan, nicht der ängstliche, schüchterne, der sich am liebsten vor allen verstecken möchte - dies ist der Efferdan, der Ruhe ausstrahlt - auch im größten Sturm -, Efferdan der Tröster, der, an den man sich anlehnen kann - derselbe Efferdan, der auch schon vorhin Torin im Laderaum versuchte zu trösten.

Es ist wohl eine seltene Gabe, die Efferdan da hat. Efferdan bemerkt, fühlt oft die Trauer, die Angst der anderen und versucht sie dann zu lindern. Immer dann verliert er seine Angst, wird zu einer Insel der Ruhe. Dies ist Efferdans zweites Gesicht, ein meist verborgener Teil seiner Persönlichkeit. Liegt es vielleicht daran, daß er als Kind so selten jemand hatte, der ihn tröstete? Wenn man so oft alleine trauerte, dann hat man eine Vorstellung, was es bedeutet, wenn man so fühlt wie Phexane. Will er vielleicht anderen dieses Leid ersparen, versucht er deswegen Trost zu spenden.

Ein Versprechen der Geborgenheit liegt in seinen Augen, Ruhe, Frieden, Trost.

`Vielleicht ist das meine Bestimmung - Trost zu spenden?`

Noch immer hält Efferdan Phexane die Hand hin, wartet, daß diese sie ergreift, sich an einen anderen Ort führen läßt, einen Ort, von dem Efferdan hofft, daß Phexane dort Trost findet.



Phexane blickt fragend und traurig zugleich auf seine linke Hand, die er ihr entgegenstreckt.

"Was ... Wohin wollt ihr mit mir? Was wollt ihr mir zeigen?"

Unsicherheit keimt kurz auf, doch vergeht fast sofort wieder, als sie in seine blauen Augen schaut, die sie so freundlich und warm anblicken, wie ein stiller Ozean an einem sonnigen Tag.

Plötzlich drückt sie sich an seinen Körper und sagt:

"Oh, Efferdan, warum habe ich nicht so jemanden wie euch damals gekannt? Warum ...?"

'... ist er nicht der Vater von Nimion?'



Sanft schlingt Efferdan seinen linken Arm um um sie, läßt ihren Kopf auf seiner Schulter zur Ruhe kommen. Sein Mund nähert sich ihrem Ohr, sanft flüstert er:

"Sch, sch ......... " (langezogen, beruhigend ) "es ist ja gut."

Sanft streicht seine Hand über ihr Haar. Seine Worte klingen warm und herzlich.

"Kommt einfach mit, ich will Euch das zeigen, was mir immer hilft, wenn ich traurig bin..."

Dann, noch leiser, fast wie ein Hauch:

"...Níalyn..."



Die Frau, die Efferdan nun in seinen Armen hält, Phexane oder Níalyn, nickt kurz und wischt sich noch einmal über ihre Augen.

"Ja, gut, führt mich dorthin."

Sie löst sich wieder etwas von ihm und seufzt noch einmal kurz, blickt ihn dann aber durchaus erwartungsvoll an.



Efferdan schenkt Phexane ein freundliches, aufmunterndes Lächeln. Ohne ein weiteres Wort zu sagen - denn Worte sind hier genug gefallen, sie ergeben erst dort wieder einen Sinn - setzt sich Efferdan langsam in Bewegung. Seinen linken Arm hält er dabei ausgestreckt, die Hand offen, so daß Phexane die Möglichkeit hat, sie zu ergreifen, sich führen zu lassen - wenn sie möchte.

Efferdans Weg scheint in Richtung Heck zu führen.



Efferdans Lächeln wirkt tröstend, beruhigend und ansteckend zugleich, so daß Phexane ebenfalls lächelt - wenn auch noch unsicher und etwas traurig.

Als Efferdan sich in Bewegung setzt und ihr die Hand hinstreckt, ergreift sie sie sogleich und läßt sich bereitwillig von ihm führen.

'Was hat er vor? Naja, was auch immer - er ist unheimlich nett! Viel netter, als dieser ... Rotmarder!'

Ihre Gedanken kehren kurz zu dem Moment zurück, als sie Torin mit Joanna den Niedergang hinabgehen sah.

'Wahrscheinlich hat der Kerl in jedem Hafen mindestens ein halbes Dutzend Frauen und auf jedem Schiff sucht er sich auch gleich einen Harem zusammen! Aber nicht mit mir!'

Langsam aber sicher steigert sich Phexane mit ihrer blühenden Phantasie in Vorstellungen über das Liebesleben von Torin Rotmarder hinein. Und das läßt ihn in ihren Augen nicht gerade gut aussehen!



Als Phexane seine Hand ergreift, umschließt Efferdan diese mit sanften Druck, so als befürchte er, sie könne ihm doch noch entgleiten.

Flinken Schrittes - aber beileibe nicht so schnell wie er könnte, schließlich möchte er nicht, daß Phexane auf dem schwankenden Deck das Gleichgewicht verliert und hinfällt - geht er in Richtung Brückendeck, schwenkt dann etwas in Richtung Reling, läuft am Brückendeck vorbei, zum Heck, zu den Pollern, dort wo er vorhin schon stand.

Das Heckstück hinter dem Brückenaufbau ist relativ ruhig, kann das Stück doch eigentlich nur von der Brücke (und vom Mast :) ) her eingesehen werden. Auf dem Schiff kann dieser Ort schon als abgelegen, weiter weg von all dem Trubel gelten. Deswegen ist er auch einer der Lieblingsplätze Efferdans auf dem Schiff, kann man hier doch relativ ungestört seinen Gedanken nachhängen - oder eben jemanden trösten. Und was momentan noch besser ist - er steht in der Nähe des Trosses, hätte also - mit etwas gutem Willen - eine Aufgabe, was es unwahrscheinlicher macht, weggerufen zu werden, als wenn man mitten auf dem Deck herumsteht.

Efferdan dreht sich um, sieht Phexane in die Augen.

"Wir sind da!"

Ein Lächeln, freundlich, freudig, ehrlich, ohne Hintergedanken. Sanft streichelt der Wind ihrer beide Gesichter, hell glitzert das Meer. Das sanfte Knarzen und Knarren der Schiffsteile vereinigten sich mit dem Plätschern der Wellen. Wäre nicht die ZYKLOPENAUGE, die die NORDSTERN im Schlepp hinter sich herzieht, dann könnte man - träte man an die hintere Reling - fast meinen, man wäre alleine auf einem schimmernden Meer aus blauem Edelstein, welcher im hellen Sonnenlicht funkelt und glitzert.

Efferdans Hand öffnet sich leicht, Phexane die Wahl gebend, loszulassen oder sich weiter festzuhalten...



Die Gedanken an Torin Rotmarder verfliegen schnell wieder, als Phexane von Efferdan an diesen abgelegenen Platz geführt wird.

Sie betrachtet kurz das dicke Tau und das Wrack, das an dem anderen Ende hängt. Der Wind spielt ein wenig mit ihren langen schwarzen Haaren und sie versucht - erfolglos - es mit ihrer freien Hand zu bändigen. Mit der anderen hält sie immer noch Efferdans Hand und sie läßt ihn auch nicht los, als er seinen Griff etwas lockert.

"An diesem Ort war ich bisher noch nie. Seid ihr häufiger hier?"

Sie blickt, während sie ihn fragt, auf das glitzernde Meer hinaus. Kurz blinzelt sie noch ein paar Mal, um das erneute Brennen aus den Augen zu vertreiben.



Efferdan sieht erst Phexane an, dann auf das Meer hinaus.

Bei dem Anblick der herrlich glitzernden Meeresfläche, dem sanften Spiel der Wellen, der kleinen weißen Wölkchen, die landeinwärts ziehen, bei all dem fühlt sich Efferdan wohl und geborgen.

Efferdans linker Daumen streicht gedankenverloren über die Phexanes Hand, die immer noch in seiner liegt.

"Ja" kommt es als Antwort auf Phexanes Frage.

"Besonders nachts, wenn die Sterne und das Madamal das Meer mit ihren silbernen Strahlen verzaubern, sanfte Muster auf das Wasser malen, sich mit den Meereswellen zu vereinigen scheinen...

Wißt ihr, wenn man lange genug wartet, kann man - für einen Augenblick nur - ein Lied zu hören. Das Lied von Wasser und Sternenlicht, eine liebliche Melodie, die tief hinab reicht. Ein Lied, traurig und fröhlich zugleich..."

Ein leiser Seufzer entspringt Efferdans Brust, dann erinnert er sich wieder, warum er Phexane hierher geführt hat - um IHR Trost zu spenden...

Wieder wendet sich Efferdan Phexane zu, wieder ruhen seine Augen auf (oder in?) den ihren.

"Schließt einmal die Augen..." fordert er sie auf.



Lächelnd dreht Phexane ihren Kopf zu Efferdan hin, als er malerisch davon erzählt, daß er nachts hier oft steht und auf das Meer hinaus blickt.

'Wenn er wüßte, daß ich abends auch noch oft spät an der Reling stehe und mir das Meer und den Nachthimmel ansehe ...'

Doch bevor sie es erwähnen kann, fordert er sie auf, ihre Augen zu schließen, was sie auch ohne zu zögern macht. Noch immer liegt auf ihrem Gesicht ein Lächeln und sie ist gespannt darauf, was er nun vor hat.



Efferdan sieht, wie Phexane gleich nach seiner Aufforderung die Augen schließt - und er sieht ihr Lächeln.

`Na also, der erste Schritte wäre geschafft. Immerhin kann sie wieder Lächeln...`

Mit sanfter Stimme fängt er wieder an zu sprechen, diese feine, helle Stimme schwebt zu Phexane, vereinigt sich mit dem Rauschen des Meeres und dem Lied des Windes.

"Hört einmal das Meer, hört ihm zu! Riecht es, schmeckt es! Fühlt seine Kraft, nehmt sie in Euch auf... Laßt den Wind in Euer Gesicht wehen. Spürt die Ruhe und die Kraft, die hier wirkt... könnt ihr die Symphonie hören?"

Dann verstummt Efferdan, verstummt, um Phexane Zeit zu geben, das zu tun, wozu er sie aufgefordert hat. Er hofft, daß die Kraft und die Ruhe des Meeres, das Fühlen der Naturgewalten im Spiel Wasser und Luft, daß all das IHR ebenso Ruhe und Kraft schenkt.

Seine linke Hand hält noch immer Phexanes Hand. Es kommt ihm vor, als hätten sie dadurch ein Band der Verbundenheit geknüpft.

`Ist es Schicksal, daß sie hier ist? Ist es ein Wink der Götter, ein Schlüssel zu mir selbst? Oder bin ich ein Werkzeug, das dienen darf, dessen Zweck es ist, sie aufzumuntern... Ich weiß es nicht - will ich es wissen? Oh Ihr Götter, in Demut verneige ich mich vor Eurem Werk, Euren Plänen. Wer darf sich anmaßen, sie verstehen zu wollen...`

Sein Blick schweift über Phexane, ihm kommt es so vor, als gehe ein wohliger Wärmeschauer von ihrer Hand aus, streichle seinen Arm, bedecke den Oberkörper, kitzle Finger und Fußzehen, läßt die Haarspitzen kribbeln.

`Da ist diese merkwürdige Vertrautheit zwischen uns gewachsen... in dieser kurzen Zeit... ein Gefühl... ich verstehe es nicht! Was hat das zu bedeuten? Es ist... es ist... bei ihr fühle ich mich manchmal, als läge ich wieder in Mutters Armen. Und im anderen Moment - so wie jetzt - erscheint sie... ja, wie die kleine Schwester, die ich nie hatte. Oder...?`

Während er so dasteht, Phexane an der Hand haltend, und reflektiert, wird er wieder etwas unsicher, diese neuen, ungewohnten Gedanken verwirren ihn, da ist ein Gefühl, dass er nicht ganz versteht, etwas Ungewohntes, Neues ... aber Schönes... oder?



Phexane tut wie ihr geheißen - sie stimmt sich ganz auf das Meer und den Wind ein. Sie spürt, wie er über ihr Gesicht streicht. Wie ein zärtlicher Liebhaber, der aber durchaus auch stürmischer sein kann.

Sie konzentriert sich nun auf das, was sie hört. Das Rauschen des Windes in ihren Ohren, das rhythmische Schlagen der Wellen gegen die Bordwand, das Knarren des dicken Taus, das Knacken des Holzes und das ruhige Pochen ihres Herzens ...

Ihr Atem geht nach kurzer Zeit regelmäßig und ruhig. Es ist wie eine Meditation und das Eindringen in sich selbst. Bilder tauchen kurz vor ihr auf, verschwinden wieder. Längst vergessene Orte, Freunde, Gefühle, Gedanken - all das wirbelt um ihren Geist, blitzt kurz auf, vergeht ebenso schnell und doch bleibt sie ruhig und gelassen. Doch dann taucht vor ihrem geistigen Auge etwas auf ...


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"Sieh dir diese Wellen an, mein kleiner Diamant! Halte dich ruhig an mir fest und zeige den Respekt den EFFerd verdient. Aber fürchte ihn nicht! Er mag launisch sein, aber bin ich das nicht auch? Und ich bin dein Vater, meine Kleine. Vertraue ihm so wie du mir vertraust und du wirst selbst im größten Sturm noch genug Kraft und Ruhe haben ..."

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Seufzend öffnet sie wieder die Augen, doch sieht es aus, als wäre sie immer noch weit weg, als sie in Richtung der ZYKLOPENAUGE guckt.

Sie fühlt noch immer die große, rauhe Hand, die sie damals hielt und ihr Sicherheit versprach. Phexane blickt auf die Hand, schaut an ihr entlang zu Efferdan und blinzelt dann kurz.

Statt des erwartenden bärtigen Gesichtes mit dem Turban und dem verschmitzten Grinsen, sieht sie dort das Gesicht Efferdans - ohne Bart, ohne Turban und ohne diesem Grinsen, dafür aber mit einem nachdenklichen Ausdruck im Gesicht.



Daß Phexane die Augen öffnet und ihn ansieht, nimmt Efferdan gar nicht sofort wahr. Erst nach einigen Augenblicken fährt er aus seinen Gedanken hoch. Sein Blick wird wieder klarer, er scheint nun wirklich Phexane nzublicken - und nicht nur nachdenklich ins Leere zu starren...

`Wie lange stand ich so? Hat sie etwas bemerkt? War ich lange weg? Wie lange sieht sie mich schon an?...`

Ein schüchternes, verlegenes Lächeln legt sich auf seine Lippen. Seine Stimme zittert leicht, es scheint ganz so, als wäre der erste Efferdan, der schüchterne, der ängstliche, zurückgekehrt.

"Geht es Euch... etwas besser? Ich könnte stundenlang so hier stehen... oder das Meer beobachten, ...das Spiel der Wellen, die kleinen Fische, die in Schwärmen umher tollen..."

Efferdan räuspert sich.

`Ich muß es Ihr noch unbedingt sagen. Es wird Ihr sicher helfen - denke ich. Helfen, sich selbst wieder zu finden...`

Als Efferdan erneut zu sprechen anfängt, ist es wieder die sanfte, ruhige Stimme des Tröstenden, die da spricht. Noch hat er etwas zu tun, noch ist seine Aufgabe nicht erfüllt...

"Da ist noch etwas, was ich Euch sagen möchte..."



Phexane schaut Efferdan erwartungsvoll an.

"Ja? Was gibt es denn?" fragt sie so freundlich wie möglich, denn ihr ist nicht entgangen, daß er nun wieder etwas stockender redet.

Die Erinnerung aber, die sie eben hatte, verblaßt wieder langsam. Vielleicht wird sie irgendwann einmal wiederkehren, doch im Moment scheint ihr das, was sie eben getan hatte, geholfen zu haben. Sie fühlt sich wieder etwas besser und stärker.



Efferdan begegnet ihren Blick. Wie zufällig wirkt das freundlich Lächeln, das Phexane nun entgegen schwebt, aber eigentlich dient es dazu, noch etwas Zeit zu gewinnen.

`Jetzt nur nichts Falsches sagen... ich muß meine Worte gut wählen...`

Als er zu sprechen anfängt, klingt seine Stimme ruhig, überlegt aber auch warm und freundlich:

"Ihr sagtet vorhin, daß Níalyn starb - und das macht Euch traurig, das habe ich gefühlt... Ich aber sage Euch, Níalyn ist nicht »tot«. Sie... Sie ist noch immer in Euch."

Efferdan hält kurz inne, um Phexane ein erneutes Lächeln zu schenken - und um wieder etwas Zeit zu gewinnen.

"Ich habe ja sogar vorhin mit ihr gesprochen... Sie ist noch immer in Euch, hat sich nur zurück gezogen... ihr habt Euch nicht verloren..."

`Mmh, wie mache ich weiter. Aach, ist das schwierig. Oh helft mir, ihr Götter. Laßt mich die richtigen Wörter finden, um diese Aufgabe zu erfüllen`



Phexane wird wieder etwas ernster und sie bekommt einen nachdenklicheren Gesichtsausdruck.

'Was weiß er eigentlich von meinem Leben? Er weiß doch noch nicht einmal, warum ich auf diesem Schiff bin! Wenn er das wüßte, dann würde er sich wahrscheinlich ins nächstbeste Mauseloch verkriechen oder den Kapitän alarmieren. Er kennt bisher nur meine nette Seite.'

Efferdans Worte scheinen wenig Wirkung auf sie zu haben. Doch noch läßt sie sich nichts anmerken, sondern setzt vielmehr eine sogenannte Boltanmiene auf - unbewegt, unbeeindruckt und unergründlich.



Nachdenklich spricht Efferdan weiter:

"...Ich meine... das was man mal war kann nicht wirklich sterben. Ihr habt lange als Níalyn gelebt, habt gefühlt, gedacht, Freundschaften geschlossen. Wie ihr seht, habt Ihr auch Erinnerungen an diese Zeit. Solange ihr das noch habt, kann Euch niemand nehmen, was ihr einmal wart - was Ihr noch seid, auch wenn es sich versteckt hält... ich meine..."

`Wie soll ich es nur ausdrücken...`

Irgendwie wirkt Efferdan für einen Augenblick relativ hilflos, es ist dieses Gefühl, wenn man weiß, was man sagen will, sagen sollte, aber nicht die rechten Worte findet.

"Seht Ihr, vielleicht mag man ... härter, anders werden - nach außen hin. Aber tief im inneren... da bleibt man doch, was man war, was man ist. Ihr zum Beispiel, ihr seid nach außen hin ... Phexane, richtig?. Aber vorhin, die Frau mit der ich sprach, daß war auch Níalyn. Ihr müßt also gar nicht traurig über Euren Verlust sein... Ihr habt Euch ja noch... ihr müßt nur zulassen, daß Níalyn wieder in Erscheinung tritt!"

Für weitgereiste Menschen und für Menschen, die schon viel erlebt, erduldet, erlitten haben, mag diese Ansicht vielleicht etwas naiv klingen, aber Efferdan trägt sie im Brustton vollster Überzeugung vor. Für ihn kann man sich nicht wirklich vollkommen verändern. Man ist, was man ist, auch wenn man sich manchmal hinter harten Schalen versteckt. Er kann sich einfach nicht vorstellen, daß etwas so schlimm sein kann, daß man sich vollkommen verändert, eine ganz andere Person wird.

Als er geendet hat, blickt Efferdan kurz zu Boden...

`Ohjemine, was für ein Wirrwarr habe ich da geredet. Es ist so schwer, die rechten Worte zu finden...`

... dann wieder zu Phexane

"Ach, es ist so schwer, die rechten Worte zu finden, aber vielleicht - vielleicht habt Ihr trotzdem verstanden, was ich sagen wollte..."

Ein Hoffnungsschimmer leuchtet in Efferdans Augen, vielleicht hatte sie doch verstanden, was er sagen wollte, vielleicht würden er und seine Worte zu einer "Gesundung" dieser Frau beitragen, zur Bekämpfung der Trauer, zur »Wiedererweckung«...



Noch immer regt sich kein Gefühl auf Phexanes Miene. Doch nun läßt sie seine Hand los und lehnt sich mit den Unterarmen auf die Reling und blickt auf das Meer hinaus.

' ... daß Níalyn wieder in Erscheinung tritt ...'

Während sie weiter aufs Meer blickt, beginnt sie zu sprechen.

"Wer, glaubt ihr eigentlich, ist Níalyn? Ist sie die Tochter eines tulamidischen Kapitäns und einer einfachen Hure aus Havena? Oder eines von vielen Straßenkindern des Orkendorfes? Ist sie die Geliebte von vielen oder die Mutter eines kleinen Jungen? Ist sie eine Diebin oder die, die traurige Matrosen wieder aufmuntert?"

Fragend blickt sie sich zu Efferdan um. Was wird er nun sagen? Wird er entsetzt sein und Abstand von ihr nehmen?

"Eine harte Schale, hm? Nun, ich brauche diese Schale! Níalyn hatte sie nicht und wurde enttäuscht. Ich habe sie und ..."

Abrupt endet sie.

'... nichts kann mir passieren? Ich weiß nicht ..... Dieser Efferdan!

Er schafft es mit seiner Rede mich zu verunsichern!'



Als Phexane seine Hand losläßt, hängt diese erst für einen kurzen Augenblick frei in der Luft, in einer Gestik, als halte sie immer die Hand Phexanes. Dann, nach einem Moment des Erstaunens über Phexanes Verhalten fängt Efferdan wieder an Traumauge zu streicheln - einfach, um sich zu beschäftigen, während er nachdenkt.

`Es ist wohl schwerer als.. als ich dachte. Was hat sie nur durchgemacht? Was hat sie so werden lassen... aber, daß sie so reagiert beweist trotzdem eins: Níalyn hat sich nur versteckt... nur muß sie das selbst begreifen...`

Efferdan tritt neben Phexane an die Reling, vollzieht ihren Schritt mit, bleibt an ihrer Seite. Es wirkt fast wie eine Geste, eine Geste die zeigt, daß er sich nicht von ihr abwenden wird. Doch so ist sich Efferdan dessen natürlich nicht bewußt.

Mit einem Mal hebt Efferdan wieder an zu sprechen, seine Stimme klingt ruhig, melodiös, freundlich.

"Seht, das Meer. Es fließt, wandelt sich ständig - aber es ist immer das selbe Meer, immer dieselben Tropfen bestimmen sein Handeln. Zwar ist jeder Tropfen einmal oben, einmal unten. Aber er IST da, irgendwo..."

Efferdan dreht seinen Kopf in Richtung Phexane.

"Ich weiß nicht, wo ihr wirklich herkommt - ist das aber auch wichtig? Das was ihr seid, das was Euch ausmacht ist etwas anderes. Gerade jetzt sehe ich wieder das trotzige Mädchen, vor dem ich damals - als wir zusammenstießen - soviel Angst hatte. Das Mädchen, daß mich unbedingt mit in die Unterstadt nehmen wollte und mich ausgelacht hat, weil ich nicht mit ging... Níalyn"

Woher er plötzlich den Mut für diese Worte her hat, weiß Efferdan selbst nicht. Fast ist es so, als spreche jemand anders aus ihm, nicht der Efferdan, der sonst immer ängstlich über das Deck wieselt. Er wußte gar nicht, daß dieser zweite Efferdan so mutig ist...

"Ihr.. Ihr seid nett, freundlich, hilfsbereit, voller Energie... ihr habt ein gutes Herz - das ist, was Euch ausmacht. Nicht der Geburtsort, die Eltern, der Beruf - auch wenn ihr ihn vielleicht wechseln solltet..."

Der letzte Halbsatz klingt dabei nicht wie ein Vorwurf, eher wie ein Vorschlag, ein gutgemeinter Rat - ein Rat um ihrer selbst willen, geboren aus Besorgnis um ihr Schicksal

`Ist sie wirklich eine Diebin... kann ich mir... kann das sein...? Selbst wenn - ändert es etwas? Nein, sie ist immer noch warmherzig, freundlich - wie meine Mutter!`

Ein Lächeln strahlt auf seinem Lippen.

"Eine harte Schale... sie macht uns starr..."

`Was ist ihr nur zugestoßen, was sie so enttäuscht hat?`

"Irgendwie muß man biegsam sein,... wie das Schilfrohr am Rande des Meers. Eine harte Schale... seht die Muschel. Sie hat eine harte Schale, die sie vor vielen Gefahren schützt. Doch kommt eines Tages der Krebs und zerbricht sie - für immer. Das Schilfrohr hingegen, es gibt nach biegt sich. Wird es zu Boden geworfen, dann richtet es sich doch später wieder auf..."

Efferdan schluckt, die Augen nehmen einen feuchten Schimmer an.

"Als meine Mutter starb, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich... ich wußte nicht, was ich tun sollte. Doch... jemand zeigte mir, daß es weiterhin viel Schönes auf Dere gibt,... daß es sich lohnt, sich wieder aufzurichten... ich bin immer noch ich... mit all meinen Zweifeln und Ängsten, mit meiner Verletzlichkeit - aber auch mit allen Freuden und allen Momenten je erlebten Glücks..."

Efferdans Stimme wurde zu Schluß hin immer leiser, glich nur mehr einem wispern. Dies ist wieder der alte, der gewohnte, der schüchterne Efferdan. Es scheint so, als wäre der Zauber, der ihn die ganze Zeit eingesponnen hatte, langsam am verklingen, nachdem gesagt worden ist, was gesagt werden mußte...

`Was habe ich gesagt? Wie wird sie reagieren? Hoffentlich habe ich sie nicht beleidigt...`

Verlegen sieht Efferdan auf das Meer hinaus.

"Verzeiht..." flüstert er.



Efferdan wendet sich nicht ab - etwas, was Phexane schon etwas überrascht. Statt dessen redet er mit ihr weiter.

Sie lauscht seinen Worten, während sie weiterhin auf das Meer hinaus blickt. Dann aber, am Ende seiner Rede, entschuldigt er sich wieder, und als sie ihn ansieht, hat sie das Gefühl, der ängstliche Efferdan steht wieder neben ihr.

Kurz seufzt sie, dann aber legt sie ihren Arm um ihn und lehnt sich leicht an ihn.

"Keine Sorge! Es ist wohl richtig was ihr sagt. Aber ... auch wenn man so biegsam ist wie ein Schilfrohr und sich immer wieder aufrichtet, so bleibt dennoch etwas zurück. Und damit fertig zu werden kann wirklich schwer sein!"

Wieder richtet sie ihren Blick auf das Wasser und den Horizont. "Aber ... es war sehr nett von euch, mir zu zu hören. Vielleicht ... vielleicht schaffe ich mein Problem in Havena aus der Welt. Solange jedenfalls würde ich mich gerne öfters mit euch unterhalten, wenn ihr Zeit habt und es möchtet."

Dann lächelt sie wieder.

"Und ich denke, wir sollten uns wieder so wie früher duzen! Oder was meinst DU, Efferdan?"



Als Phexane plötzlich wieder ihren Arm um ihn legt, erschrickt Efferdan - so sehr, daß er beinahe Traumauge losgelassen hätte, der dann wohl ein unfreiwilliges Bad genommen hätte - aber eben nur beinahe.

Fast wäre er wieder zurückgezuckt, doch als er bemerkt, daß es Phexane ist (oder ist es gerade Níalyn? So sicher ist sich Efferdan momentan nicht), entspannt er sich wieder. Sanft und vorsichtig lehnt er seinen Kopf an ihren, genießt die Wärme.

Stumm lauscht er ihren Worten, sieht auf die Wellen hinaus. Auch als Phexane geendet hat, schweigt er noch einige Augenblicke.

`Ich... soll... sie duzen? Ähm... ja... - ihre Probleme... in Havena... fertig werden... schwer...` wiederholt Efferdan noch einmal ihre Worte im Geist, allerdings in umgekehrter Reihenfolge...

Dann, nach weiteren Augenblicken des Schweigens fängt er an zu sprechen:

"Ja, wenn ihr.... wenn du willst... - ...wenn wenn es meine Pflichten zulassen... gerne unterhalte... ich... mich... mit.. Eu... dir."

Dann ein weiterer Moment des Schweigens.

"Du wirst es schaffen...!"

`Und ich werde versuchen, dir zu helfen, so gut ich kann... Níalyn`

Efferdan muß lächeln, ein warmes, freudiges Lächeln. Er hatte einen Sieg errungen - einen kleinen...

Zufrieden steht er neben Phexane an der Reling, seinen Kopf an ihren Kopf geschmiegt, die Wärme von Phexanes Körper spürend, Traumauge streichelnd. Seine Augen ruhen auf dem Meer, folgen dem Spiel der Wellen. Für einen Moment vermeint er ein Gesicht in den Wellen zu erkennen, ein vertrautes Gesicht, das Gesicht seiner Mutter, wie sie ihn anlächelnd.

Ganz leise, wie ein Wispern, wie ein feiner Windstoß scheinen Worte an Efferdans Ohr zu dringen:

"Ist Dere nicht schön...?!?"

Ob er selbst diese Worte unbewußt ausgesprochen hat, oder ob es die Gestalt im Wasser ist, die spricht - Efferdan weiß es nicht. Aber das ist auch egal. Efferdan weiß nur: Es stimmt!



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Fragen über Fragen


Der zweite Offizier der NORDSTERN blickt nach dem Ruf, der an die beiden unten im Schiff gerichtet ist, wieder zu den beiden Heilern, will diese aber weder nerven noch stören, zumal es beim Abtransport des Mädchens nach unten ohnehin nicht auf jede Sekunde ankommt - zuerst muß ja dafür gesorgt werden, daß die Kabine in einem benutzbaren Zustand ist, und daß der Weg soweit trümmerfrei ist, daß man die Verletzte transportieren kann.

So wendet er seine Aufmerksamkeit wieder Phaylion zu, dem anderen und zuerst bekannten Überlebenden dieses Massakers.

"Habt Ihr eine Idee, warum die Piraten hier ein solches Massaker veranstaltet haben? Das muß doch einen Grund geben!"

Die Frage ist damit wohl nicht zum ersten Mal auf diesem Schiff gestellt, und ganz sicher auch nicht zum letzten Mal... es wird noch einige Stunden dauern, bis Salzerhaven erreicht ist, und auch dort wird diese Frage sicher noch etliche Male ausgesprochen werden, dessen ist Wulf Lowanger sich sehr sicher.



Atmung und Herzschlag des Mädchens sind soweit stabil, dasz eine weitere Behandlung erstmal nicht notwendig ist. Ihre Wunden sind auch versorgt, so dasz ihr physischer Zustand einstweilen stabil ist. Nur aufwachen, das tut nicht, wahrscheinlich aus genau den Gründen, die Darian eben dem Offizier erläutert hatte. Sollte sich daran unerwartet etwas ändern ist ja immer noch Fargus bereit, um einzugreifen oder auch ihn oder andere zur Hilfe herbei zu rufen. Darian wendet sich daher von der Verletzten ab und seiner eigentlichen Aufgabe, herauszufinden, was es mit dem Schiffbrüchigen auf sich hat, zu.

Er gesellt sich zu dem Überlebenden und dem Offizier. Letzterer hat ersterem gerade die Frage gestellt, die Darian vermutlich auch gestellt hätte. Nun aber hat er eine andere, vielleicht bessere Idee:

"Wenn Ihr keine Idee für ein Motiv der Piraten habt," wendet er sich an Phaylîon, "dann beschreibt doch erst einmal, wie der Überfall verlief."



Tatsächlich scheint sich der Zustand des Mädchens stabilisiert zu haben:

Zwar zittert sie am ganzen Körper,die Augenlider senken sich jedoch allmählich, bis sie halbgeschlossen sind, und auch der Krampf ihrer Hände scheint sich ein wenig zu lockern. Nach dem Ausbruch vor einigen Augenblicken erscheint es jedoch fast beruhigend, wenn sie jetzt wieder in eine tiefere Ohnmacht glitte...



Tja, was soll er sagen. Daß diese Piraten - oder was auch immer sie waren - womöglich vom Feind geschickt wurden, um diese Mission zum Scheitern zu bringen? Das täte nur weitere Fragen nach sich ziehen; und überhaupt, geheime Angelegenheiten werden nicht ausgeplaudert.

"Vielleicht, weil das Schiff die zyklopäische Flagge trägt und Hylailos und Thorwal schon immer Feinde waren. Oder vielleicht haben sie von der Ladung erfahren oder diese aus der Flagge gefolgert. Es ist oder war etwas Purpur an Bord."

Aus den Augen Phaylions spricht das Unwissen, während er ruhig seine Antwort vorbringt. Der Doctorius scheint seine Behandlung auch erst einmal abgeschlossen zu haben.

"Wie gesagt, ich bekam gleich zu Beginn einen Schlag ab und war bewußtlos", wiederholt er, was er bereits vorhin erwähnte. "Ich kann nicht sagen, wie es geschah." Er tastet mit einer Hand über den Hinterkopf, wo der Schlag wohl getroffen hat.



Der zweite Offizier folgt den Worten des Schiffbrüchigen - besser gesagt, des Abgesandten - aufmerksam, verzichtet jedoch darauf, weitere Fragen zu stellen, schließlich hat er das ja schon vorhin zur Genüge getan. Außerdem ist es ja gut möglich, daß der junge Magus da noch weitere Ideen hat, was ja auch einer der Gründe war, warum der Kapitän diesen darum gebeten hat, beim "Ausflug" zur ZYKLOPENAUGE dabei zu sein.

Lowanger läßt seine Blicke etwas weiter schweifen, ohne dabei die Aufmerksamkeit sehr vom laufenden Gespräch abzuwenden. Kurz sieht er zu Trolske nach hinten, der das Steuer bewacht - von "führen" kann man wohl kaum reden, da die Schlepptrosse die ZYKLOPENAUGE schon fast von alleine in den richtigen Kurs zwingt. Viel ist jedenfalls nicht zu korrigieren. Dann verfolgen seine Augen eben jene Trosse, bis hin zu dem Poller vorne auf der NORDSTERN, neben dem nun schon zwei Menschen stehen. Lowanger wundert sich darüber jedoch nicht weiter, und strengt sich auch nicht an, diese zu erkennen - das ist zum einen unwichtig, und zum anderen Angelegenheit des Kapitäns.



ZYKLOPENAUGE - Unterdeck/Oberdeck: Die rote Schnecke


"Hm, hm, hm ...!" brummt Ole vor sich hin, er ist sich unschlüssig. Ein letztes mal schwenkt er die Laterne über Pfützen im Ladedeck und hängt das Licht dann wieder an den Haken. Er kann sich nicht entschließen zu bleiben und weiter zu suchen, er kann sich aber auch nicht dazu durchringen mit seinem 'schleimigen Gefangenen' nach ober zu gehen, um die rote Schnecke einer eingehenden Untersuchung durch den Magister Durenald unterziehen zu lassen.

Dann aber ruft er doch Hjaldar zu:

"Such du mal weiter, wenn du Lust hast, unter Umständen findest du, was meinen alten Augen entgehen mußte. Ich zeige dieses Biest den Herren Gelehrten. Vielleicht wird ihnen nur schlecht, vielleicht wissen sie aber auch etwas darüber!"

Mit diesen Worten macht sich Ole an den Aufstieg. Er nimmt die Stufen ohne sich anzuhalten, denn er braucht beide Hände für die Kiste, nicht etwa, da sie so schwer wäre, sondern vielmehr deshalb, da sich Ole vor dem Inhalt so fürchterlich ekelt, daß er den Kasten so weit wie möglich von sich weg halten muß.

Auf diese Weise schreitet der alte Schiffszimmermann steif und ungelenk durch das Unterdeck der ZYKLOPENAUGE und es grenzt dabei an ein Wunder, daß er dabei nicht über irgendein Trümmerstück stolpert. Selbst als er das Oberdeck erreicht hält er den Kasten noch immer mit ausgestreckten Armen und dreht das Gesicht angewidert weg, als trüge er eine Schale mit halbverwesten Kadavern von Riesenlurchen vor sich her. Noch nicht einmal das blutstarrende Oberdeck kann ihn ablenken von seinem Ekel.

Er geht in gerader Linie auf Darian zu, kümmerst sich in keinster Weise darum, daß der Magus in ein Gespräch vertieft ist und spricht ihn an:

"Herr Magister, könnt ihr mir sagen, was .... das hier ... ist?"

Dann hebt er die Abdeckung weg und hält die rote Schnecke nicht nur Darian, sondern auch Lowanger und diesem mysteriösen Überlebenden unter die Nase.



ZYKLOPENAUGE - Ladedeck/Oberdeck: Hjaldar sorgt sich


"Nee Du, laß man. Selbst wenn's hier noch mehr von den roten Schleimbatzen gibt - die laufen uns nicht davon, vermut ich mal."

Hjaldars erste Neugier ist wieder verflogen, nachdem in der Wasserlache nichts weiter zu erkennen war. Beziehungsweise hat sie sich einer anderen Sache zugewandt.

Hatte Ole nicht vorhin gesagt, diese wandernden Gallertklumpen könnten eine Menge wert sein? Und was die Gelehrten Herren da oben dazu zu sagen haben interessiert ihn natürlich auch, ebenso ob es an Deck inzwischen neue Erkenntnisse über den Überfall gibt.

So folgt er Ole dicht auf aufs Oberdeck, wo alle noch Lebenden relativ dicht beieinander sind. Doch während Ole direkt auf Lowanger, den Magus und den Überlebenden zu geht, kniet sich Hjaldar neben den Alten und die Verletzte, ein Ohr dabei immer offen für das, was die anderen bereden.

Jetzt wo er sich niederkniet, sieht er das Mädchen das erste mal aus der Nähe und kann auch ihr ungefähres Alter schätzen.

'Viel zu jung für sowas.'

Mit einer Besorgnis in der Stimme, die man dem rauhbeinigen Thorwaler kaum zugetraut hätte, fragt er Fargus leise:

"Und, wie steht's um sie?"



Der Druide wendet sich bedächtig Hjaldar zu und flüstert :

"Nun, ich denke Sorgen um ihre körperliche Befindlichkeit brauchen wir uns derzeit keine machen, allerdings ist ihr kleines Seelchen scheinbar noch schwerer verletzt. Die wenigen Worte, die sie bislang von sich gab, deuten darauf hin, daß sie sich in ihrer Phantasie noch mitten in dem - hm - ihr wißt schon aufhält. Ich hoffe nur, daß dieser Zustand aufhört, sobald sie auch körperlich wieder etwas stabiler ist."



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Seelenpein


Das Mädchen scheint sich ein klein wenig zu beruhigen.

'Dann war unsere Hoffnung berechtigt, bei den Zwölfen.' denkt sich der Druide, während er die Hand des Mädchens nimmt.

"Du bist in Sicherheit, niemand wird Dir hier ein Leid antun." beginnt er leise auf sie einzureden. Noch einmal betrachtet er die Wunden, doch tatsächlich scheinen alle Bemühungen letztendlich erfolgreich gewesen zu sein.

"Wir werden Dich gleich in eine Kabine bringen, dort wirst Du ruhig schlafen können, bis wir in den nächsten Hafen einlaufen."



Im gleichen Moment, in dem der Druide ihre Hand nimmt, werden die Bewegungen des Mädchens wieder heftiger. Die Hand zuckt, als wollte sie sich der Berührung entziehen, und die Lippen beginnen erneut, sich zu bewegen...

Ein wirres, zusammenhangloses Stammeln dringt aus ihrem Mund, von dem nur wenige Worte zu verstehen sind:

"Nein, nein! .... geh weg.... du gehörst nicht hier her..."



Erschreckt zieht der Druide seine Hand weg.

"Du bist in Sicherheit" murmelt er, eine gewisse Ratlosigkeit überkommt ihn. "Fargus ist mein Name. Ich will Dir helfen. Keine Gefahr mehr."

'Wenn ich nur wüßte, was sie augenblicklich denkt, wäre alles viel leichter' denkt er bei sich.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Fragen über Fragen


Endlich kommen die Matrosen von der Untersuchung des Schiffes wieder, aber noch ehe es auch nur die kleinste Möglichkeit gibt, einen Bericht zu erhalten, oder um einen solchen zu bitten, präsentiert Ole auch schon sein schleimiges Mitbringsel.

Lowanger wirft einen kurzen Blick darauf, zuckt mit den Schultern, und blickt dann die anderen beiden - den Gelehrten und den Gesandten - an. Falls ihn die Schnecke ekelt, so zeigt er das mit keiner Regung, und er enthält sich auch erst einmal jedes Kommentars.



´Purpur, ja das wäre natürlich eine lohnende Beute, aber es erklärt nicht das Blutvergießen. Oder sollte der Kapitän versucht haben die Ladung zu verteidigen? Gegen ZWEI Langschiffe? Ohne Seekrieger?´

Andererseits, der Überlebende weicht der Aussage, ob die Piraten gleich mit dem Gemetzel begannen oder doch erst Forderungen gestellt haben, die abgelehnt wurden, immer noch aus.

´Wie stelle ich die Frage jetzt am besten?´ ...

Gerade als der junge Magus eben jene Frage aussprechen will, tritt, nein eher stürmt, der Schiffszimmermann hinzu und hält ihm das eben erwähnte Purpur, in Form einer lebenden Purpurschnecke, ohne Vorwarnung unter die Nase. Das auch Ole ihn mit der, ihm nicht zustehenden, Anrede "Magister" bedacht hat überhört Darian in diesem Moment völlig.

Zwar zeigt der Adeptus keinen offensichtlichen Ekel vor dem Schneckentier, dasz er sich aber auch nicht sonderlich zu dem Schleimwesen hingezogen fühlt ist jedoch nicht zu übersehen.

"Hmm, ich vermute das dies eine Purpurschnecke ist. Sagt, ist dies die einzige oder habt ihr noch mehr davon gesehen?" fragt er den Schiffszimmermann.

´Eine einzelne kann man ja übersehen, aber wenn noch eine ganze Kiste davon da ist, dann war das Purpur wohl kaum das Motiv der Seeräuber.´



Ein gemischter Blick aus Interesse und Verwunderung fällt auf das unschuldige Schneckentier, durchaus in Kombination mit einer kleinen Spur von einer Art Verehrung für dieses kostbare Tier. Eine Purpurschnecke, wie der Magister sagt, aber recht viel mehr scheint er davon auch nicht zu verstehen.

"Ganz recht, es ist eine Purpurschnecke", bestätigt er. "Allerdings, wie sie hierher kommt, vermag ich nicht zu sagen. Purpur wird nicht lebend transportiert, sondern bereits alchimistisch aufbereitet. Und diese Schnecken kommen nur im Askanischen Meer vor."

Eine kurze Pause.

"Gesund sieht sie allerdings auch nicht aus."



'Also doch eine Purpurschnecke!' denkt sich Ole, sehr zufrieden mit seinem Urteilungsvermögen und seinen Kenntnissen über eine Tierwelt, die einem Seemann sonst so fremd sein müßte.

Grinsend wie ein Nußknacker antwortet er Herrn Darian.

"Nun, Herr Magister, ich fand nur diese eine hier. Sie ist ein wenig verstockt und schweigt sich aus über ihre Herkunft. Aber ihr dürft sie gerne befragen -Ich nennen sie 'Rotrunde', ein passender Name findet ihr nicht auch?"

Mit diesen Worten drückt Ole das Kästchen mit seinem glitschigen Inhalt dem Magus in die Hand, nachdem sich dieser offensichtlich sehr viel weniger graust als der Schiffszimmermann. Sichtlich erleichtert seine unappetitliche Fracht endlich los geworden zu sein, wischt sich Ole beide Handflächen nicht weniger als ein dutzend mal an seinem Leinenhemd ab, als ob er das schleimige Tier in der hohlen Hand her getragen hätte.



Lowanger grinst bei Oles Worten etwas, aber er achtet mehr auf die Erklärungen von Darian und Phaylion, die sich mit dem decken, was er weiß oder vermutet.

"Es ist eine Meeresschnecke, nicht wahr?" erwidert er auf die letzte Bemerkung des Abgesandten, "dann ist es ja klar, daß sie sich im Trockenen nicht so wohl fühlt."

Er sagt jedoch nicht mehr zum Wohlbefinden der Schnecke, auch wenn der Vorschlag, sie mit Wasser zu versorgen, ja nahe liegt, sondern fragt in Phaylions Richtung:

"Wißt Ihr, ob solche Tiere aus irgendeinem Grund lebend an Bord mitgeführt wurden?"



NORDSTERN - Doppelkabine 1: Geflüster


Ein leises Wispern ist aus der Doppelkabine 1 zu hören. Doch selbst ein Lauschender könnte die Sätze nicht genau verstehen. Zu Leise und zu vorsichtig darauf bedacht, unbemerkt zu bleiben redet die Stimme. Nur ab und zu, wenn die Stimme durch emotionale Schwankungen lauter wird, dringen einige verständliche Worte aus der Kabine.

"...Hilfe..."

"...Dukaten, mehr nicht..."

"...heute Nacht..."

Nach einigen Minuten endet das Wispern.





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