- Logbuch der Nordstern -

Im Meer der sieben Winde - Teil 2 - (Das geheimnisvolle Wrack) - 26. Efferd, 28 n.H

Phexane und Alrik


Phexane seufzt laut. Sie hat ihren Griff an Alriks Robe immer noch nicht gelockert, und so zieht sie ihn wieder etwas hinunter, während sie spricht:

"Du hast mich in Prem zwar vor einem Thorwaler beschützt, aber was machst du, wenn du von 20 oder mehr solcher Kerle umzingelt bist? Ein bißchen mit den Fingern schnipsen und irgendwelche Sprüche aufzusagen wird dann nicht mehr reichen - wahrscheinlich würdest du noch nicht mal mehr dazu kommen!"

Langsam lockert sie den Griff wieder und schüttelt den Kopf.

"Außerdem ist mein Florett so gut wie im Eimer. Es ist alt und schartig. Damit kann man nicht mehr vernünftig kämpfen!"

Während sie spricht, tritt plötzlich eine Gestalt an sie heran und spricht sie an. Sie schaut zu ihm und sieht, das es der Elf ist, den sie und Torin befreit haben.

"Was los ist?" echot sie mit ungläubigem Gesicht, wobei sie nun Alriks Robe losläßt.

"Piraten! Das ist los! Da hinten ist ein Wrack, auf dem wohl noch jemand ist."

Sie blickt dem Elfen fest in die Augen und brummt:

"Ich bin mir sicher, das es eine Falle ist! Sobald wir näher dran sind, werden wir von den Piraten überfallen. Verkriech' dich am besten wieder in die Segellast!"

Phexane blickt dann wieder auf das Meer hinaus. Sie schwankt - einerseits würde sie sich am liebsten verstecken, andererseits aber möchte sie nicht als feige gelten. Dennoch: sie hängt an ihrem Leben und möchte es nicht mit einer Axt im Rücken mitten auf dem Meer verlieren.

'Ich werde mich verstecken! Egal, was andere von mir denken! Aber noch nicht ... am besten, ich gehe schon mal sicherheitshalber zum Niedergang. Sollte dann doch Gefahr im Verzug sein, renne ich hinunter.'

"Also, ich gehe jetzt, Alrik. Wenn du gerne ein Held sein möchtest, dann werde ich dich nicht aufhalten. Aber ... paß' auf dich auf, ja?"

Phexane geht zum Niedergang, wo sie seitlich des Treppenabsatzes stehenbleibt, um wieder zum Wrack zu gucken.



Fassungslos starrt Alrik hinter seiner Schwester her, dann schüttelt er den Kopf und wendet sich an den Elfen.

"Und ihr werdet Euren Bogen nehmen und in die Masten klettern? Oh verzeiht mein Benehmen wir wurden uns noch gar nicht vorgestellt, ich bin Alrik Fuxfell und ihr seid...?"

Neugierig schaut der Magus den Elfen an.

" Denkt ihr auch das es eine Falle ist?"



Torin und di Vespasio


Torin platzt beinahe der Kragen, als di Vespasio mit Unverständnis reagiert. Er hatte angenommen, daß jeder auf dem Schiff so reagieren und denken würde wie er.

"Wovon ich spreche...?!"

Torin holt tief Luft. Seine Hände zittern. Jetzt ist er in genau der richtigen Verfassung um seinen ganzen angespannten Gefühlen und Aggressionen freien Lauf zu lassen. Und di Vespasio ist leider zur falschen Zeit am falschen Ort.

"Ich sprechen von den Piraten auf dem Schiff, das wir demnächst entern werden!"

Torin wirft die Arme in die Höhe und flucht.

"Verdammt noch eins! Kannst du feiner Pinkel nicht Zwei und Zwei zusammenzählen? Das ganze Schiff ist eine Falle... Und wenn wir es entern, werden die verfluchten Piraten uns in Stücke schlagen... Geht das nicht in deinen Kopf hinein?"

Er holt hastig Luft, um dann weiter auf di Vespasio einzureden.

"Natürlich geht das nicht in deinen Kopf, denn du und deinesgleichen, ihr habt ja keine Ahnung von den Geschehnissen in der Welt. Ihr sitzt den ganzen Tag an irgendwelchen Tischen und spielt euere 'hohen' Spielchen. Aber ihr besitzt nicht genug Ehrgefühl, um einem Bettler am Strassenrand auch nur einen Kreuzer zu geben."

Tränen versammeln sich in den zusammengekniffenen Augen Torins. Es sind Tränen der Wut, doch auch die seelische Anspannung der Tage in Thorwal lassen ihn so reagieren.

"Euere verfluchte Heuchelei macht mich krank!!!

Die letzten Worte brüllt er seinem Gegenüber ins Gesicht, bevor er sich umdreht und zum vorderen Niedergang rennt.



Di Vespasio läßt die Triade des Torin ohne mit der Wimper zu zucken über sich ergehen. Er verharrt in der Pose des gerechten, aber strengen Herrschers, der die meckernde Kritik selbstsicher entgegennimmt, um dann den Nörgler mit wohl gewählen Worten auf dessen Platz in der göttergewollten Ordnung der Menschen zu weisen.

Die Fassade bröckelt ein wenig, als di Vespasio immer noch so verharrt, während Torin schon längst den Niedergang auf der anderen Schiffsseite erreicht hat.

'Moment. Stop. Stop. Was? Ich verstehe kein Wort. Wieso sollten wir ein Piratenschiff entern? Hä? Ist das eine Beleidigung gewesen?'

Langsam dämmert es auch di Vespasio, daß jetzt eine Entgegnung angebracht wäre. Nur was?

"Mein Herr, Ihr ..."

'Etwas zu spät, Frizzi, der ist ja schon weg. Los, sag was! Du kannst ihn in dieser Angelegenheit nicht das letzte Wort haben lassen. Was sollen die Umstehenden denn von dir denken. Etwas Deutliches, mein Lieber, aber ohne Kraftausdrücke.'

Di Vespasio räuspert sich und hebt drohend den Knauf seines Stockes gegen Torins Rücken. Dann spricht er so laut, daß Torin vermutlich selbst an einem windstillen Tag keine Chance hätte ihn zu verstehen:

"Ähm. Das wird noch ein Nachspiel haben, mein ähm ... ähm Freundchen!!!"

Di Vespasio setzt den Stock mit einem lauten 'Tock' wieder ab und stützt sich mit beiden Armen darauf, so daß man meinen könnte hier den Sieger des Wortwechsels vor sich zu haben. Gleichzeitig versucht er möglichst unauffällig heraus zu finden, wer von den Passagieren und Offizieren die Auseinandersetzung mitverfolgt haben könnte.

'Nun, Frizzi, Vater hätte in der selben Zeit dem Mann drei Handschuhe ins Gesicht geschlagen. Auch wenn er einen Degen trägt, sollte er kein ernstzunehmender Gegner für dich sein. Du trainierst schließlich seit vierzig Jahren. Und du warst sechsmal unter den ersten Drei beim Kusliker Sportfechtertunier. Fordere Ihn. Erteil ihm eine Lektion. Fertig.'



In der Messe


Als Xenia sie anspricht, erwidert Fiana sogleich:

"Sicher Xenia, sprich einfach frei heraus, wenn du etwas sagen möchtest."



"Nun ja..." beginnt die Matrosin zögerlich. "In der Kiste war doch außer der Karte nichts, was auf einen Schatz hingedeutet hätte - wie soll also der restliche Inhalt der Kiste den Kapitän überzeugen können?"

Sie hebt allerdings ihren verrosteten Schlüssel.

"Der sieht z.B. nicht aus, als wenn er noch in irgendein Schloß passen könnte." stellt sie fest.

'Wenn sie mit dem Schlüssel nichts anfangen können, werden sie ihn mir sicher lassen...'



"Hmm ein verrosteter Schlüssel, die Frage ist auf welches Schloß er paßt. Vielleicht eine Schatztruhe!"



'So ein Mist...'

Fieberhaft denkt Xenia über einen Weg nach, ihren Schlüssel zu "retten".

"Naja.... aber... der ist sooo verrostet... der paßt sicher nicht mehr..." entgegnet sie lahm und rutscht unwohl auf ihrem Stuhl herum.



"Oh keine Sorge Xenia, ich bin sicher wir finden im nächsten Hafen einen Schlosser der anhand von Deinem Schlüssel eine Kopie anfertigen kann die auch einer Benutzung standhält." erwidert Fiana auf Xenias Bedenken



Erleichtert und begeistert nickt die Matrosin.

"Oh ja! Das ist gut!"

Bereitwillig legt sie ihren Schlüssel auf den Tisch.

"Was gibt es denn noch so?" fragt sie neugierig?



Wasuren hat sich nun auch dazu durchgerungen, sich doch irgend wo an den Tisch zu setzen und legt seine Schreibfeder vor sich auf den Tisch.

Das Gerede um Xenias Schlüssel, verfolgt er ein wenig, doch seine Gedanken schweifen etwas davon ab.

'Ob dieser Schlüssel wohl, der Schlüssel zu ihrem Herzen ist und sie es gar nicht weiß?'

Wasurens Gedanken schweifen ab zu dem Abend an Fianas TSA-Tag und seinen Folgen.

Wasuren schnauft einmal schwer auf.

'Ob ALRIK da wohl mit seinen Andeutungen Recht hatte? Ich muß Xenia unbedingt einmal darauf ansprechen. Ich brauch Klarheit in dieser Sache.'

Dann schüttelt Wasuren einwenig den Kopf als wolle er etwas loswerden und lauscht wieder den Schatzsucherdiskussionen.



Am Geschütz


Beunruhigt, ja beinahe besorgt bemerkt Aleara, wie die Rotze einsatzbereit gemacht wird. Gleichzeitig wirft sie einen flüchtigen Blick zum Wrack hinüber. Etwas verwirrt macht sie ein paar Schritte in diese und eine paar in jene Richtung, bevor sie sich zur Ruhe zwingt. Da sie keinen direkten Befehl erhalten hat, sollte sie zumindest niemandem im Wege herumstehen. Und da man von hier aus - mitten auf dem Oberdeck - sowieso nicht viel sehen kann, läuft sie hinauf zum Vordeck und späht angestrengt auf das Wasser.



Die Bootsfrau sieht verwundert auf, als Aleara, der der Befehl, zur Rotze zu kommen und dort zu helfen, ja auch galt, dies einfach ignoriert. Nun... vielleicht hat sie es schlicht nicht gehört... in dem Fall sind wohl disziplinarische Maßnahmen erforderlich. Doch... das kann warten, jetzt ist dies hier erst einmal wichtiger.

"Aleara, du hast den Befehl bekommen, hier zu helfen!" ruft Nirka so nur, und sieht dann kurz zu den Verschnürungen, an denen Efferdan bereits fleißig arbeitet.

Angar, der den kürzesten Weg hatte, hilft dem jungen Matrosen dabei - freilich so, daß Efferdan wesentlich mehr Arbeit abbekommt als er. Doch immerhin ist Angar für seine Verhältnisse ungewöhnlich fleißig, denn schließlich steht die Bootsfrau viel zu dicht daneben.

"Wenn wir die Plane gelöst haben, dann hol mal ein paar von den Steinkugeln, Efferdan. Du weißt, wo sie sind?"

Die Frage ist eher rhetorisch, denn Nirka geht davon aus, daß der Matrose daß weiß.



Sehr erstaunt vernimmt Aleara die Worte der Bootsfrau. Angar und Efferdan hatten doch... und man braucht ja wohl keine drei Matrosen um eine Rotze klarzumachen, zumal Nirka direkt daneben steht. Trotzdem ist sie eine Vorgesetzte, und ihre Befehle sind daher zu befolgen. Sie läuft zum Geschütz hinüber.

"Tut mir leid"

Halbherzig beteiligt sie sich am Entfernen der Abdeckung. Vieles geht ihr durch den Kopf, und verwundert fragt sich die junge Matrosin, warum sie in letzter Zeit so unkonzentriert ist - oder hat sie gar etwas falsch gemacht und nun Nirkas oder gar des Kapitäns Zorn auf sich gezogen? So daß diese sie nun absichtlich...? Das wäre allerdings so gar nicht Jergans Art - und Nirkas eigentlich auch nicht! Erst einmal sucht sie die Schuld bei sich.

'Ich sollte aufmerksamer sein' beschließt sie daher und läßt es dabei beruhen. Trotzdem kreisen noch immer die Gedanken um den Sinn allen Derischen in Alearas Kopf im Kreis herum...



Mit flinken Fingern löst Efferdan gerade die letzte Verschnürung der Rotzenumhüllung. Das Angar ihm die meiste Arbeit zuschanzt nimmt Efferdan wohl war - allerdings kümmert er sich im Moment nicht darum. Erstens ist man das von Angar gewöhnt und zweitens hatte Nirka gesagt "schnell". Also beeilt er sich und hält sich nicht mit Angar bzw mit gemurmelten Einwänden ihm gegenüber auf - vielleicht auch, weil er weiß, daß er gegen Angar keine Chance hätte... Seeleute können so wahnsinnig nachtragend sein...

Den Befehl Nirkas beantwortet er mit einem halblauten

"Jawohl Bootsfrau", wobei jede Silbe klingt als spräche eine Glocke...

`Also erst Plane lösen, dann Kugeln holen... und eigentlich hätte ich frei - seufz. Diese verdammten Piraten! Efferd strafe sie! Wäre ich nur nicht aufgestanden...`

Geschickt hebt Efferdan eine Ecke der Tuchumhüllung an, bereit das Tuch von der Rotze zu ziehen...



Die Bootsfrau und Angar greifen nach den anderen Ecken der Tuchumhüllung, so daß diese mit vereinter Kraft rasch vom Geschütz entfernt ist. Angar beginnt sogleich, sich sehr umständlich damit zu beschäftigen, die Plane zusammen zu legen, denn er hat nicht gerade Lust, auch los geschickt zu werden, schwere Steinkugeln zu holen...

Die Bootsfrau nickt Efferdan zu - eine stille Erlaubnis, sich jetzt dem Befehl, die Kugeln zu holen, zu widmen.

Sie selbst geht halb um die Rotze herum und untersucht die entscheidenden Stellen - Gelenke, Seile und einige der Balken - mit aufmerksamen Blicken und einigen sparsamen Griffen, denn ein solches Torsionsgeschütz wird beim Spannen erheblich belastet, und sie hat keine Lust, daß ihr in einem solchen Moment die ganze Konstruktion schlicht um die Ohren fliegt, statt ihre tödliche Ladung auf die Feinde abzuschießen...



Nachdem das Torsionsgeschütz mit vereinten Kräften von der Plane befreit wurde, nimmt Efferdan Nirkas Kopfnicken wahr, welches ihm anzeigt, daß er jetzt den vorher erhaltenen Befehl ausführen soll.

Mit flinken Schritten begibt sich Efferdan in Richtung Niedergang.

`Munition soll ich holen... na denn. Hoffentlich werden wir sie nicht brauchen...`



Hjaldar und Ole


Angestrengt hat Hjaldar sein Augenmerk auf das immer deutlicher erscheinende Wrack gelenkt, so sehr, daß er erst einmal suchend unter sich blickt, als Ole zu ihm herauf ruft.

"Hoi Seebär, auch schon aus der Koje gefallen?" ruft er hinunter und seiner Stimme kann man anhören, daß er sich freut den Schiffszimmermann zu sehen.

"Ich fürchte aber, die Feier ist schon vorbei. Vom Bankett sind auch nur ein paar Krümel übrig." Hjaldars Stimme und sein Gesichtsausdruck sind dabei um einiges ernsthafter, als es diese eigentlich harmlosen Worte erwarten lassen würden und lassen damit keinen Zweifel daran, was er eigentlich aussagen will.

Kurz dreht er sich noch zu Raschid und sagt mit deutlich leiserer Stimme, so daß ihn auf Deck nur schwer jemand verstehen könnte

"Wink ihm mal zurück. Du sitzt sicherer und Dich sieht er auch besser."

Dann ruft er wieder lauter zu Ole runter und auch so, daß man ihn auf der Brücke gut hören kann:

"Scheinbar hat sich da ein Pott Rockzipfel mit zwei Drachen angelegt. Sieht nicht mehr wirklich gut aus da drüben, eher wie im Schlachthaus. Is' auch nur noch einer auf den Beinen."

Daran, daß es eine Falle sein könnte verschwendet Hjaldar keinen Gedanken. So eine Finte wäre ganz und gar nicht nach Art seiner Landsleute und außerdem völlig unnötig. Kein Schiff kommt einem Drachen aus, wenn es die Hjaldinger ernst meinen, dessen ist er sich sicher.



Hjaldar scheint der Meinung zu sein, daß aus dem Moment heraus keine Gefahr drohen würde. Aber warum sollten sich zwei Drachen mit einer einzigen Beute begnügen, wenn ihn zu einem derart günstigen Zeitpunkt, geradezu wie gerufen, noch eine fette Karavelle ans Heck schwimmt?

Nun mag aber auch Ole nicht glauben, daß sich stolze Drachenrecken zu einer Art und Weise herablassen würden, die man, im günstigen Fall nur noch feigen Wegelagerern zubilligen würden.

Aber hieß es auch nicht immer schon, daß die Orks niemals eine Gefahr für das Mittelreich darstellen würden und daß Borbarad für immer verschwunden sei? Wenn das Leben dem alten Schiffszimmermann eines gelehrt hatte, dann dies, daß weiches Wasser immer schon harten Stein gesprengt hatte, es war immer schon nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich das scheinbar Ewige zur bloßen Erinnerung gewandelt hatte.

"Du Hjaldar, halte dein Schielauge noch einmal tüchtig an das Wrack. Hier unten gibt es nämlich nicht wenige, die nicht glauben können, daß die Feier dort drüben schon vorbei wäre. Sie glauben vielmehr, daß noch nicht alle Gäste gegangen sind, sondern unter Deck, mit Entermessern zwischen den Zähnen auf einen Nachtisch warten!"



"Ha! Bullenshiet wenn Du mich fragst." dröhnt Hjaldar herunter. "Die Drachen sind unter Segeln und VOLLEN Rudern hinterm Horizont. Außerdem hat die Schüssel vor unserm Bug vor kurzem noch fröhlich vor sich hin gefackelt - da versteckt sich keiner unter Deck, der noch alle Sinne beisammen hat."

Trotzdem späht er jetzt wieder aufmerksamer zum Wrack hinüber, auf daß ihn die Situation dort drüben nicht doch eventuell Lügen straft.



Trauriger Torin


Tränen verschmieren Torins Sicht, als er die Treppen des vorderen Niederganges herunter hastet. Er will jetzt nur alleine sein. Der Schmerz über die letzten Tage seines Freundes Harad und die nervliche Anspannung der jetzigen Situation brechen über ihn herein wie eine Springflut.

'Ich will weg! Weit weg!'

Torin sieht kaum etwas vom Gang des Unterdecks. Doch er weiß wo er hin will. Seine taumelnden Schritte bringen ihn vorbei am Ladeschacht zum nächsten Niedergang und weiter hinunter in den dunklen Bauch des Schiffes.

Tief in die Dunkelheit des Laderaumes zwei treiben ihn seine nur noch taumelnden Schritte. Schließlich lehnt er sich an einer Tür in der Dunkelheit an und sackt in sich zusammen um seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Die Tränen rinnen an seinen Wangen hinunter. Immer wieder stößt er Seufzer aus. Immer wieder fragt er sich, was er hätte tun können, um seinen Freund Harad zu retten.

Tief in seiner Brust spürt er einen Schmerz, der ihn zu verschlingen droht. Doch nun gibt sich Torin seiner Verzweiflung und seinen Gefühlen hin.



Ottam und Fargus


Aus den Augenwinkeln heraus manifestiert sich ein Anblick des Schreckens - eben noch träumend auf der Expedition durch den dichten Dschungel südlicher Lande, auf der Suche nach den womöglichst seltensten Pflanzen von Dere.

"Schaut, Magus!" bringt Fargus gerade noch heraus, seinen Blick gänzlich auf den unheilvollen Anblick richtend. "Was wollt Ihr nun tun ? Dem Manne muß schnellstens geholfen werden! Und vielleicht gibt es noch andere Überlebende?"



Auf den Hinweis seines Gesprächspartners hin hat Ottam nun keine Chance mehr die Ereignisse, so wie er das eigentlich vorhatte, geflissentlich zu ignorieren. Er nimmt beide Hände und hält sie vor die Stirn, um besser sehen zu können.

"Nun wir werden abwarten müssen, bis wir näher heran sind. Von hier unten kann ich nur ein Schiff mit mindestens einem Überlebendem erkennen. Ich denke der Kapitän wird ihn an Bord nehmen und dann weiterfahren. Wenn das Feuer wieder aufflammt bevor wir da sind sinkt das Schiff bestimmt bald." sagt er relativ emotionslos.

"Piraten halt, sie rauben und plündern wo sie wollen"

'Pah und dreimal kann ich raten wer der Depp ist, der die Verwundeten zusammenflicken darf. Ich muß noch mal über die Kosten dieser Reise nachdenken. Vielleicht kann ich die Kräuter und Tinkturen ja ein wenig strecken' denkt er so bei sich während er weiterhin auf See schaut und Fargus die Möglichkeit zum Antworten gibt.



"Ich muß schon sagen, Ihr habt Nerven... ich will doch hoffen, daß dies nicht wirklich der einzig Überlebende ist. Habt Ihr denn noch genug Heilkräuter für eine eventuell größere Anzahl verletzter Personen ?"

'Merkwürdig, wie dieses Bild des Schreckens den Magus völlig kalt läßt - aber vielleicht sieht er ja so etwas häufiger. Wie auch immer, wenn meine Hilfe benötigt wird, bin ich bereit dafür.'

Eine gewisse Unbehaglichkeit ist dem Druiden anzumerken aber auch eine Portion Tatendrang würde ein feinfühliger Mensch erkennen.



"Im Moment kann man nicht viel tun, es sei denn, ihr könnt hinüber fliegen" antwortet Ottam "Wir werden schon warten müssen bis wir nahe genug bei ihnen sind um etwas zu tun."



Langsam wird es Fargus doch etwas mulmig, als er bemerkt, daß neben ihm ein Geschütz bereit gemacht wird.

"Sagt, Magus, warum bereiten die Leute dieses Geschütz vor?"

Fargus deutet auf die von ihm beobachtete Szene.

"Offensichtlich ist doch dieses Schiff Opfer eines Angriffs geworden."

Sichtlich verwirrt schaut der Druide den Magier fragend an.



"Weil..."

Gerade will Ottam etwas über die Bootsfrau erzählen, und über die Tatsache, daß sie das Ding am liebsten mit ins Bett nehmen würde, doch dies verkneift er sich. Fast schon findet er zu seiner üblichen Grummeligkeit zurück, als er daran denkt, daß er noch Pläne hat die es erfordern sachlich zu bleiben.

"... der Kapitän sicherlich auch die Möglichkeit einer Falle in Betracht zieht und nicht ungewappnet sein will, wenn plötzlich ein paar Dutzend bis an die Zähne Bewaffnete Piraten aus dem Ladedeck des anderen Schiffes kommen".



Phexane orientiert sich


Etwas perplex steht Phexane an dem Niedergang und guckt hinunter, Torin Rotmarder hinterher.

'Mit dem stimmt doch irgendwas nicht mehr! Ich kenne ihn noch nicht so lange, aber vorher war der doch ganz anders. Jetzt rastet er bei jeder Kleinigkeit aus.'

Phexane schaut zu dem Platz, wo Torin noch bis eben gestanden hatte und sieht dort di Vespasio.

'Na, ob der ihn wohl auch mit irgendwelchen komischen Wörtern dicht gesülzt hat?'

Sie lehnt sich nun an dem Geländer des Niederganges an und blickt wieder zum Wrack hin. Etwas nervös wippt sie mit ihrem rechten Fuß.

'Auch dieses Schiff ist so etwas wie eine Falle - ich kann nirgendwo hin, wenn etwas Gefährliches passiert. Ich kann zwar schwimmen, aber mitten auf dem Meer nützt es mir gar nichts. Was ist also, wenn eine riesige Seeschlange uns angreifen würde? Oder was ist, wenn dort Piraten auf uns warten?'

Phexane wird unruhiger und in ihrer Phantasie malt sie sich die schlimmsten Dinge aus, die passieren könnten, wobei Piraten wohl noch die harmlosesten sind.



Der Kapitän denkt nach


Noch immer ist der Kapitän sich sehr unsicher, was das bessere Verhalten ist. Eigentlich erfordert es die Menschlichkeit und die Tradition, das Wrack anzusteuern, und den Überlebenden an Bord zu nehmen - beziehungsweise die Überlebenden, denn die Tatsache, daß nur eine Person beobachtet wurde, hat ja noch längst nichts zu bedeuten, daß es keine weiteren an Bord gibt, die vielleicht verletzt sind. Andererseits hat das Gerede von einer Falle, das mittlerweile in vieler Munde auf dem Oberdeck ist, durchaus auch etwas für sich, das nicht vernachlässigt werden darf - auch wenn der Kapitän so etwas Piraten thorwaler Herkunft eher nicht unterstellen würde - zu diesen paßt ein offenes Vorgehen ohne verdeckte Winkelzüge viel eher.

Doch... es bleibt dabei, daß er, Jergan Efferdstreu, die Verantwortung für dieses Schiff hat, und damit auch die Entscheidung fällen muß, was zu tun ist. Kurz überlegt er, sich mit seinen Offizieren zu beraten, doch das ist auch nicht wirklich eine Lösung, denn auf Fianas Meinung legt er bei derartigen Sachen nicht viel Wert, und Lowanger hatte bis vor kurzem eine anstrengende Wache und wird jetzt in seiner Kabine sein und schlafen.

So zögert der Kapitän der NORDSTERN die Entscheidung noch weiter hinaus, indem er den bisherigen Kurs beibehält, der ein guter Kompromiß zwischen den beiden Alternativen ist - zumindest noch.



Torin und Efferdan


Am Niedergang angekommen macht Efferdan sich sogleich daran diesen hinabzusteigen.

Noch weht ihm die Meeresbrise nach, noch erhellt ein Sonnenstrahl Efferdans blasse Haut. Doch kurz darauf ist Efferdan im dämmrigen Inneren des Schiffes verschwunden. Das Knarzen im Gebälk übertönt seine Schritte, seinen Atem. Der Matrose geht die wenigen Schritte zum Niedergang, der auf das Ladedeck führt, weiter hinab in den hohlen Bauch der Nordstern...



An die Tür gelehnt sitzt Torin in der Düsternis des Laderaumes. Längst hat er die kläglichen Versuche aufgegeben, sich gegen die immer wieder kehrende Tränenflut zu behaupten. Die Beine angezogen und in seinen Umhang gehüllt sitzt er in der Dunkelheit und weint.

Irgendwo in ihm regt sich kurz der Gedanke, daß er jetzt sehr lächerlich aussehen muß. Doch darum schert sich Torin nicht. Die herunter laufenden Tränen tropfen ungehindert auf die angezogenen Beine und auf die Hose. Längst ist Torin der Hut vom Kopf gerutscht und liegt jetzt irgendwo neben ihm auf dem dunklen Boden.

Immer wieder zieht Torin die Nase hoch. Wie so oft in den letzten Tagen durchlebt er wieder den 23. Efferd.

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Er ist wieder auf der Otta Pfadfinder, wo er überdeutlich das Goldeichenherz seiner Geliebten Liasanja am Arm dieses thorwalschen Monsterweibes sehen muß. Wie ein Stich ins Herz trifft ihn diese Erkenntnis auch dieses Mal wieder und er stöhnt auf.

Seine Liasanja hat sein Liebesgeschenk einfach weggeben.

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Die Bilder vor seinen Augen verlieren an Kraft und verschwimmen in der Flut seiner Tränen.

'Wie konnte sie das Herz nur hergeben... Es ist doch das Zeichen unserer Zweisamkeit...'

Tief in seinem Herzen flüstert eine Stimme ein leises Wort:

'...gewesen...'

'Oder ist am Ende auch sie tot?'

Alles in ihm sträubt sich gegen diesen Gedanken und er bäumt sich wie unter Schmerzen auf. Weit reißt er seine tränenverschmierten Augen auf, doch er sieht nur die verschwommene Finsternis vor sich.

'Harad ist tot! Der Dunkle ist tot! - Aber nicht Liasanja!!!'

Er reißt den Mund auf um zu Schreien, doch kein Laut dringt durch seine Kehle.

Dann sinkt er wieder in sich zusammen und wimmert.



Auch den Niedergang zum Ladedeck ist Efferdan schnell hinunter gelaufen. Tap! Nun steht Efferdan unten, im hohlen Bauch des Schiffes. Kurz bleibt Efferdan stehen, um seine Augen den schummrigen Lichtverhältnissen anzupassen. Dann begibt er sich eilig neben den Aufgang, unter dem eine Kiste steht. Sacht kniet sich Efferdan nieder und will gerade die Kiste öffnen, als ein merkwürdiges Geräusch an sein Ohr dringt. Fast verschluckt durch das Plätschern der Wellen am Bug und dem Knarren des Gebälks dringt ein leiser Seufzer an Efferdans Ohr. Weint da jemand??? Aufmerksam sieht Efferdan sich um, kann aber im Dunkel des Laderaums nichts erkennen... oder doch? Efferdan fixiert eine Stelle des Laderaums, an der sich schemenhaft und kaum wahrnehmbar ein dunkler Schatten abzeichnet.

Efferdans klare, helle, weiche Stimme scheint den ganzen Laderaum zu durchfließen, dringt in jeden Winkel:

"Hallo, ist da jemand? Kann ich Euch irgendwie helfen?"

Vergessen ist der Befehl der Bootsfrau - wenigstens im Augenblick. Und daß, obwohl Efferdan immer noch vor der Kiste kniet.



Abwartend lauscht Efferdan in den Lagerraum hinein. Doch statt einer Antwort dringt nur wimmern an sein Ohr.

`Traurigkeit, tiefe Traurigkeit - Aber wer?? Wieso ist hier jemand traurig?`

Leise erhebt sich Efferdan und macht einige unsichere Schritte in Richtung des wimmernden Schattens. Fast wäre er umgekippt, als sich das Schiff etwas weiter als sonst zur Seite neigt, wohl wegen einer Kursänderung. Doch eben nur fast - schließlich ist Efferdan als Matrose an das Schwanken des Schiffs gewöhnt.

Ein weiterer zögernder Schritt. Noch immer ist nicht mehr zu erkennen, als eine wimmernde, am Boden kauernde Gestalt.

Efferdan tritt vor diese, kniet sich hin und versucht einen Blick auf die weinende Person zu erhaschen. Sanft legt er seine rechte Hand auf die linke Schulter der wimmernden Gestalt.

Klar und hell schwebt seine Frage im Raum:

"Was ist mit dir? Weswegen bist du so traurig?"

Das er in das vertrauliche Du gefallen ist, obwohl Efferdan gar nicht weiß, wer denn da wimmert, fällt ihm gar nicht weiter auf.

Als Efferdan geendet hat, ist der Raum wieder nur vom Knarren der Balken und vom Schwappen der Wellen erfüllt...



'Ich bin nicht tot.' flüstert die Stimme in seinem Kopf.

Langsam blickt Torin auf. Durch die tränenverschmierten Augen sieht er eine Person auf ihn zugehen - vorsichtig, zögernd.

Zuerst will er aufspringen, doch die Bewegungen des hellen Schattens sind ihm vertraut. Das helle Haar, die helle Kleidung und der anmutige, fast überderische Gang lassen ihn zu der Erkenntnis kommen, daß Liasanya es geschafft hat, zu ihm zu kommen.

Sie kommt näher und auf Torins Gesicht legt sich ein frohes, entrücktes Lächeln.

Liasanya legt ihm die Hand auf die Schulter und fragt ihn sanft:

"Was ist los mit dir? Weswegen bist du so traurig?"

Torin hebt den Kopf etwas weiter und blickt sie an. Durch die tränenverschmierten Augen kann er sie in der Dunkelheit nur sehr undeutlich und verschwommen sehen.

Er zieht die Nase hoch und schluckt. Dann öffnet er den Mund und flüstert kaum hörbar.

"Wie kannst du fragen, geliebtes Wesen? Du warst es doch, die mein Geschenk verschmäht und verkauft hat..."



Mit großen blauen Augen betrachtet Efferdan die vor ihm kauernde Gestalt, von der er dem Klang der Stimme nach vermutet, daß es ein Mann ist.

`Was sagt er da? Geliebtes Wesen? Geschenk verschmäht? Von was redet er?... Auf jeden Fall ist er sehr traurig - jemand muß ihn trösten`

Wispernd erklingt Efferdans Stimme:

"Ich habe kein Geschenk verschmäht und verkauft... Sei nicht traurig. Höre auf zu weinen, lächle!!!"

`Ob ich wohl die richtigen Worte gefunden habe, um ihn zu trösten? Um was es nur geht? Wenn ich das nur wüßte...`

Immer noch liegt Efferdans Hand sanft auf Torins Schulter. Fragend ruhen seine meerblauen Augen auf der Gestalt vor ihm.

Plötzlich durchzuckt es ihn siedend heiß - er muß ja Kugeln holen. Nirka wird bestimmt böse sein, wenn er zulange braucht...



Noch immer sitzt Torin verstört in der Ecke des Laderaumes und blickt durch die tränenverschmierten Augen auf Efferdan. Doch er selbst selbst sieht nicht Efferdan, sondern seine geliebte Liasanya vor sich.

'Torin -' hört er die Elfe sprechen 'Ich habe dein Goldeichenherz nicht verschmäht. Es ist das wundervollste Geschenk, daß mir jemals ein Mensch geschenkt hat. Ich mag dich noch immer, doch ich bin eine Elfe und du ein Mensch. Ich bitte dich, sei nicht mehr traurig über den Verlust, den du verspürst, sondern lächle dem Tag entgegen an dem wir uns wiedersehen.'

Torin seufzt leise ob der Worte, die allein er hören kann. Dann zieht er leise die Nase hoch und nickt.

'Lächle, mein lieber Torin, lächle, denn mein Herz will dich behalten als den lieben Menschen, der du bist.'

Die süßen Worte Liasanyas lassen ihn unwillkürlich dieser Bitte Folge leisten und langsam zucken Torins Mundwinkel wieder nach oben. Selig lächelt er Efferdan an.

"Ich freue mich auf den Tag, an dem wir uns wiedersehen werden, meine geliebe Elfe." sagt er leise und voller Hoffnung.



`Na also er lächelt ja wieder ... das ist doch Torin, von vorhin an der Reling. So was, wie kommt der denn hier her...`

Froh, daß der Gast anscheinend seine Trauer überwunden hat, lächelt Efferdan zurück, um dann aber bei Torins Worten diesen verwundert anzusehen.

`Geliebte Elfe ... er muß mich eindeutig mit jemanden verwechseln. Ein Elf? .. sehe ich aus wie ein Elf? ... vielleicht sollte ich mal darüber nachdenken, vielleicht... - Oh Efferd! Die Kugeln!!! Ich muß sie unbedingt hoch bringen, sonst reißt mir Nirka den Kopf ab!`

Mit ernster Stimme spricht Efferdan Torin an:

"Ich muß jetzt gehen..."

`Was soll ich nur sagen, soll ich seine wiedergefundene Fröhlichkeit zerstören? Nein, das kann ich nicht! Am Besten, ich lasse ihn in dem Glauben.. aach ich weiß!`

"...ich muß fort, aber wir werden uns wieder sehen - irgendwann, irgendwo. In der Zwischenzeit sei froh und genieße deine Leben... tue es für mich."

`Ich hoffe, daß war gut so..`

Dann nimmt Efferdan die Hand von Torins Schulter, steht auf, blickt noch einmal auf diesen hinab und begibt sich dann leisen aber schnellen Schrittes zur Kiste unter dem Aufgang. Dort angekommen, beginnt er diese zu öffnen...



Noch immer lächelt Torin Efferdan an, und noch immer sieht er nicht ihn, sondern seine Elfe vor sich.

Noch immer spürt er die sanfte Hand auf seiner Schulter ruhen. Leise zieht Torin die Nase hoch.

Dann geht ein Ruck durch Liasanyas Gestalt und sie hebt vorsichtig die Hand von Torins Schulter. Als sie die Hand zurückzieht, streicht sie sanft über seine Wange und Torin genießt diese Berührung.

'Ich muß fort, geliebter Mensch, aber wir treffen uns wieder.' flüstert Liasanya. 'Hege keine Trauer über unsere Trennung, sondern freue dich auf unser Wiedersehen.'

Sie gleitet über den Boden des Ladedecks als sie sich zurückzieht. Torin lächelt auch jetzt. Keinerlei Trauer regt sich in ihm, denn nun endlich konnte er sich von seiner geliebten Elfe verabschieden.

'Tue es für mich.' hört er aus der Ferne ihre Worte.

Torin fühlt die schwere Last nicht länger auf seinen Schultern ruhen. Er lächelt Liasanya nach, als sie aus seinem tränenverzerrten Blickfeld verschwindet und in die Düsternis des Ladedecks taucht.



Auf der PFADFINDER - 26. Efferd, Nachmittag


Irgendwo auf dem Meer der Sieben Winde segelt die 'Pfadfinder' dem nächsten Hafen entgegen. Kaptaine Valeria hat wieder einmal selbst das Ruder in die Hand genommen.

'Der Wind ist mit uns und wenn er so bleibt, werden wir bald an unserem Ziel ankommen.'

Nach außen hin ist sie gelassen, doch ihre Gedanken hängen noch immer bei Krull, dem Hetmannssohn aus Prem.

'Eigentlich wäre er gar kein schlechter Fang für mich.' lächelt sie in sich hinein. 'Wenn er nur mehr vertragen würde...'

Ihre Lippen öffnen sich leicht und sie lächelt.

'Er wird es nicht noch einmal wagen, mich beim Wettrinken schlagen zu wollen.'

Als neben ihr etwas auf den hölzernen Brettern der Otta auftickt, blickt sie hinunter und sieht das rote Herz ihres Traviageschenkes auf dem Boden liegen.

Sie hebt es auf und betrachtet ihren goldenen Armschmuck, aus dem das Herz gefallen ist.

Sie zieht die Augenbrauen kraus, denn wo vorher das Herz steckte, ist nun kein Platz mehr dafür. Eine einzelne, goldene Eichel wird nun von den beiden Eichenblättern gehalten.

Verwundert steckt sie das Edelsteinherz in ihre Tasche.

'Wo mein Bruder dieses Schmuckstück wohl erstanden hat? Ich werde ihn wohl doch einmal fragen müssen.'

Dann kümmert sie sich wieder um ihre Aufgabe als Kaptaine und Steuerfrau.



Auf dem Wrack


Die Gedanken des Mannes werden langsam wieder klarer, noch lebt er, der Auftrag kann erfüllt werden, die Zukunft Deres wird davon abhängen. Aber dazu braucht es Hilfe, denn alleine außerhalb der Reichweite der Küste ist alles verloren.

Erneut winkt er mehrmals und weit ausholend - hoffentlich bemerkt ihn jemand -, ehe er sich auf Deck umsieht und sich über den einen oder anderen Körper beugt, zu sehen, ob noch Leben in diesem ist oder nicht.



Darian an Deck


Der Adeptus starrt angestrengt zu dem fremden Schiff hinüber. Das Schiff scheint beschädigt zu sein, doch Darian versteht viel zu wenig von Seefahrt und Schiffsbau um Genaueres zu erkennen.

´Winkt dort drüben jemand? Wenn das Schiff beschädigt wurde, gibt es bestimmt Verletzte zu versorgen ...´

Während anderen Orts auf der NORDSTERN über Fallen spekuliert wird, Kursänderungen vorbereitet und Torsionswaffen schuszbereit gemacht werden, ruft sich der junge Magier schon einmal die Thesis des BALSAMSALABUNDE in Erinnerung.




In der Kombüse


Der Sand ist durchgelaufen, der Tee bereit. Der Smutje greift zu einem leeren Becher und einem groszen Löffel. Dann gieszt er den Tee vorsichtig vom ersten Becher in den neuen und hält den ersten Becher dabei mit dem Löffel soweit zu, dasz zwar der Tee, nicht jedoch die Blätter in den neuen Becher hinüber gelangen. Der nun trinkfertige Tee musz jetzt nur noch zum Passagier, doch woran soll Garulf erkennen für wen das Getränk bestimmt ist?

"ALRIK" tönt es dann auch schon durch die Decks der NORDSTERN.



Da der Schiffsjunge schon wieder auf sich warten läszt, tritt Garulf etwas genervt auf den Gang vor der Kombüse hinaus und sieht sich auf dem Unterdeck um.



Da er den Schiffsjungen im Gang nirgends entdecken kann, begibt sich der Smutje in den Mannschaftsraum.

"ALRIK," ruft er im Eingang stehend in den Raum hinein.



Der Kapitän und Hjaldar


Mittlerweile hat sich der Abstand zwischen der rivaer Karavelle und dem treibenden Wrack weiter verringert. Noch immer stammen die einzigen Bewegungen, die drüben zu sehen sind, von diesem einen Mann, den Hjaldar und Raschid als erste gesehen haben.

Auf dem Brückendeck kommt der Kapitän nicht umhin, die lautstarke Unterhaltung zwischen Ole und Hjaldar mitzuhören. Langsam nickt er, denn das, was Hjaldar da sagt, klingt logisch und zudem würde ein Hinterhalt kaum zu Thorwalern passen.

"Beobachtet das mal weiter", ruft er den beiden Männern im Ausguck zu, "Ich werde uns näher heranbringen!"

Entschlossen dreht der Kapitän das Steuer um einige Grad nach Backbord, was die Karavelle langsam herum schwenken läßt, bis der Bugspriet auf einen Punkt nur unweit rechts des Wracks zielt.

Eigentlich müßte man jetzt auch die Segel etwas weiter raus lassen, aber darauf verzichtet Jergan, denn es ist nicht schlimm, wenn das Schiff jetzt schon beginnt, Fahrt zu verlieren - später müssen sie es ohnehin noch sehr viel langsamer werden lassen.



Mit der Schreierei nach unten aufs Deck hat Hjaldar nicht mitbekommen, ob der Tulamide über ihm jetzt schon zurück gewinkt hat oder nicht ... da der Schiffbrüchige drüben aber nicht weiter winkt sondern sich offensichtlich um die dort an Deck liegenden Körper kümmert geht er davon aus.

Auf den Anruf Jergan's hin läßt er ein fröhliches

"Aye aye, Käpt'n."

verlauten, auch wenn er eigentlich gar nicht zur Mannschaft gehört.

Die Bemühungen unten an der Rotze entlocken ihm, obwohl er wegen des #?**@'en Segels knapp unter seiner Nase davon nicht allzuviel mitbekommt, ein mitleidiges Lächeln

"Was glauben die, wieviel Schuß die haben, wenn's tatsächlich hart auf hart kommt. Absaufen tut der Kahn da vorn eh bei der nächsten Brise." grunzt er halblaut vor sich hin, so daß es wohl nur Raschid und eventuell noch ein direkt am Mast Stehender mitbekommen dürfte.



Phexane


Phexane hört den Thorwaler, der oben am Mast ist.

'So, die glauben also, das könnte kein Hinterhalt sein. Ganz schön naiv! Hätte ich ein Piratenschiff und wäre Kapitän, würde ich es so machen.'

Phexane starrt wieder aufs Meer hinaus.

'Oh, das würde mir auch gefallen: über Matrosen gebieten, überall hinsegeln und ... na ja, wäre auch ziemlich gefährlich! Als Landratte kann man sich leichter aus dem Staub machen.'



Phexane schaut zum Wrack hin und kneift die Augen etwas zusammen. Doch bis auf die eine Person, die sich dort bewegt, kann sie nichts Verdächtiges sehen. Dennoch bleibt sie am Niedergang stehen.

Dann hört sie in ihrer Nähe Amegs Stimme, der der einen Frau, die ebenfalls eine Koje in der Gemeinschaftskabine hat, etwas zuruft. Sie schaut kurz zu ihm und überlegt, ob sie ihn wegen Torin ansprechen sollte, doch dann verwirft sie diesen Gedanken wieder.

'Was weiß ich, was der hat! Viel wichtiger ist es jetzt, aufzupassen, falls doch mal Piraten auftauchen. Was mache ich eigentlich, wenn sie mich dort finden? Kämpfen? Da hätte ich wohl nicht sehr viele Chancen. Wegrennen geht auch nicht .... Vielleicht zu ihnen übertreten???? Hmmmm ....'

In Gedanken malt sich Phexane das Piratenleben aus, doch dann schüttelt sie den Kopf leicht.

'So ein Unsinn!!! Dann kämpfe ich wohl doch besser ...'



Ameg und Joanna


Ameg beobachtet völlig verwirrt das Geschehen an Deck. Es passiert einfach an zu vielen Stellen etwas, als das man alle Unterhaltungen, Befehle und Taten mitbekommen könnte. Das Torin eine Auseinandersetzung mit dem Edelmann hat und ihn am Ende anschreit bekommt Ameg jedoch mit. Als Torin dann unter Deck verschwindet möchte er am liebsten folgen, um heraus zu finden was eigentlich los ist. Aber neben ihm steht noch Joanna und sie hatte ihm eine Frage gestellt... 'was fragte sie noch gleich? ...meine erste Schiffs-Reise?'

Ameg schaut zu Joanna und erzählt kurz, während rundherum das Geschehen seinen Lauf nimmt:

"'s meine erste Reise mit'm Schiff. Eigen'lich meine erste Reise übahaupt. bin vorher nie weit von Thorwal wech gewesen. wa' ja keiner da, der mich irgendwohin mitgenomm'n hätt'. ..erzähln kann ich da leida nich' viel.."

'und was mir sonst so widerfahren ist erzähle ich Dir besser nicht...'

"abba wenn du interessan'de Geschich'n hör'n willst mußt du mal mit'm Thorwaler sprechen.. oder besser einfach nur zuhör'n.. die meist'n mag ich zwar überhaupt nich', aber von ihr'n Abenteuern erzähl'n.. ,das könn'n sie gut.."

Ameg schaut wieder zum Niedergang wo Torin verschwunden ist. Bisher ist er nicht wieder aufgetaucht.

'Was ist nur los? Ich möchte zwar gerne Piraten sehen, aber wenn da welche auf dem anderen Schiff wären, dann wären sie schon längst hier... und Torin ist irgendwie wichtiger... er sah so.. aufgeregt? aus..'

"Ohh...", meint Ameg so plötzlich wie möglich. "ich hab unt'n was vergess'n... ich muss schnell runta, sonst wird Torin böse"

Ameg macht zwei schnelle Schritte zum Niedergang und dreht sich dann noch mal um.

"Bis späta?", fragt er.



"Ja, wir sehen uns später sicher noch einmal."

Sie lächelt Ameg noch einmal freundlich zu.

'Ein netter Junge. Aber wenn es seine erste Schiffsreise ist, warum verschwindet er unter Deck, gerade dann, wenn es interessant zu werden scheint? Muß wohl was wichtiges sein, was er da unten vergessen hat.'

Joanna geht langsam auf die Reling zu und sieht verträumt auf das weite Meer hinaus.

'Ob da jetzt wohl irgendwo Piraten auf uns lauern? Oder vielleicht sogar noch viel schlimmere Gefahren.'

Erschreckt von ihren eigenen Gedanken macht die Druidin einen Schritt zurück.

'...Wollen wir aber mal nicht hoffen.'

Vorsichtig riskiert sie wieder einen Blick über die Reling.

'Das Beste wäre wohl, wenn ich schon am ziel meiner Reise angelangt wäre. Dann könnte ich nicht nur meinem Mentor helfen, sondern wäre auch gleichzeitig außer Gefahr.'



Di Vespasio späht ...


Selbst Di Vespasio hat inzwischen mitbekommen, daß sich offenbar etwas am Horizont befindet, was das ganze Interesse der Passagiere und der Mannschaft auf sich zieht. Nun gibt es dabei nur ein kleines Problem.

'Es ist eine Last mir dir, Frizzi. Streng dich doch mal ein wenig an. Hm. Es ist sicher nicht das junge Fräulein Rosenhain. Größer ... und, ja, weiter weg. Eine Insel. Bei einem Schiff solltest du doch zumindest die Segel sehen.'

Di Vespasio hat sich dem unbekannten Objekt zugewandt und starrt nun mit leicht zusammengekniffenen Augen gen Horizont. Um trotzt der gesenkten Lider etwas sehen zu können, hat er den Kopf leicht in den Nacken gelegt, was ihm ein sehr arrogantes Aussehen gibt.

'Es hat keinen Zweck. Zu viele Bücher, zuviel Kerzenlicht. Es ist zu weit, du kannst nichts erkennen. Entweder heißt es jetzt abwarten, oder sich anderweitig Informationen beschaffen.'

Er blickt entlang der Reling, um abzuschätzen, welcher der Mitreisenden am ehesten zu einem Plausch bereit wäre.



Di Vespasio hat sich dafür entschieden den schwarzhaarigen Magier anzusprechen, der nur wenige Schritte entfernt offenbar sehr konzentriert zum unbekannten Objekt am Horizont sieht.

'Ein unheimlicher Mensch. Etwas irritiert dich an ihm, nur was? Erstaunlich, mein Lieber, wir schlafen nur zwei Schritte voneinander entfernt - natürlich ist noch eine Holzwand dazwischen - aber du weißt fast nichts von ihm.'

Er nähert sich drei, vier Schritte und könnte jetzt dem schlanken Mann direkt in die Augen blicken, wenn dieser ihm zugewandt wäre.

"Ähm. Entschuldigung, wohlgelehrter Herr."

In diesem Moment kann er auch an Darian vorbei Phexane erkennen, die am hinteren Niedergang stehengeblieben ist.

'Huch. Das ist sie ja. Den Zwölfen sei Dank. Ich werde gleich mal ... Nein jetzt wäre es unhöflich, sich von dem Magus abzuwenden, nachdem du ihn angesprochen hast.'



Am Geschütz


Nachdem die Abdeckung entfernt ist, tritt Aleara einen Schritt zurück und begutachtet das Geschütz.

Halbherzig tut sie es Nirka nach und sieht sich die von ihrer Position sichtbaren Teile an, bevor sie den Blick auf das Wrack heftet. Da es aber noch immer nicht viel zu sehen gibt, wartet sie darauf, daß die Munition gebracht wird - was eigentlich jeden Moment geschehen müßte.



Die Bootsfrau der NORDSTERN nickt zufrieden. Alle mechanischen Teile des Geschützes sind in einem ausgezeichneten Zustand, ganz so, wie es sich für dieses Schiff gehört.

Fast liebevoll greift sie nach der Kurbel, mit der man die Waffe spannt, und beginnt, kraftvoll zu kurbeln. Die Mechanik der Rotze überträgt ihre Kraft auf die ineinander verdrehten Seile, deren Torsionskraft dann letztendlich dazu dienen soll, die tödliche Ladung in Richtung der Feinde zu schleudern.

Die beiden Matrosen, die sich in ihrer Nähe befinden, beachtet Nirka dabei kaum, sondern konzentriert sich auf die leisen Geräusche, die die Waffe beim Spannen macht.

Schließlich ist das getan, und sie richtet sich wieder auf.

"Wo bleibt Efferdan mit den Kugeln?"

Es ist nicht ganz klar, ob diese Frage wirklich an Aleara und Angar gerichtet ist, oder ob sie eher rhetorischer Natur ist, denn Nirka sieht keinen der beiden an, sondern blickt in Richtung Bug und betrachtet das inzwischen noch näher gekommene Wrack, auf dem sich nach wie vor nur eine einzige Person zu bewegen scheint.



"Ich weiß nicht" antwortet die Matrosin schnell. Es ist nicht Nirkas Art, rhetorische Fragen zu stellen, und um ihren Fehler von vorhin wieder wettzumachen reagiert sie prompt.

Schon will sie sich umdrehen und losmarschieren den Kugelträger zu suchen, doch sicherheitshalber wartet sie auf die Bestätigung ihrer Vorgesetzten.



Nirka zuckt mit den Schultern.

"Er wird schon kommen... ansonsten setze ich ihn auf die Rotze, ehe wir sie abfeuern."

Sie scheint das durchaus ernst zu meinen, denn der Tonfall ist so ziemlich der gleiche, den sie sonst auch immer benutzt. Doch dann stutzt sie, und fügt hinzu:

"WENN wir sie abfeuern."

Ihre Gedanken dazu behält sie für sich, die gehen weder Angar, noch Aleara etwas an - und sie schüttelt sie ohnehin erst einmal ab, denn der Befehl des Kapitäns war eindeutig.

"Geh mal aus dem Weg!" fährt sie Angar an, der so ziemlich genau vor der Rotze steht, von wo aus er mit geholfen hat, die Plane zu entfernen.

Der Matrose will erst kaum reagieren, doch als er sieht, daß Nirka die gespannte Rotze so herum schwenkt, daß sie auf das entfernte Wrack - und, auf kurze Distanz, auch auf ihn - zielt, springt er mit einer bei ihm bislang noch nicht gesehenen Geschwindigkeit zur Seite.

Die Bootsfrau kommentiert auch das nicht weiter, sondern setzt ihre Zielübung mit der gespannten, aber noch ungeladenen Rotze fort.



Efferdan und die 'schwere Last'


Die Kiste ist geöffnet! Hastig greift Efferdan hinein und holt nacheinander zwei schwere Steinkugeln hervor, die er vorsichtig vor sich ablegt und mit den Knien an die Kistenwand drückt - schließlich sollen sie ja nicht wegrollen. Ein Ächzen ist zu vernehmen, als Efferdan die Kugel herausnimmt.

`Sind die schwer!`

Hastig schließt er den Deckel der Kiste - oder besser gesagt, er läßt den Deckel mit einem Knall wieder zufallen. Dann nimmt er die Kugeln unter die Arme - eine rechts, eine links - und erhebt sich schwankend. Das der Untergrund sich dabei bewegt, macht die Sache nicht gerade einfach. Fast wäre er wieder gestürzt, doch er kann sich gerade noch fangen und auf den Beinen halten - für diesmal.

Schwer atmend beginnt Efferdan Schritt für Schritt zum Aufgang zu gehen und diesen dann hochzusteigen.



`Puh! Der erste Aufgang ist geschafft!`

Hastig läuft Efferdan weiter, zum Aufgang der auf das Oberdeck führt. Schwer drücken die Kugeln in seinen Armen. Die blasse Haut erscheint, ob der Anstrengung, an den Armen noch weißer - im Gegensatz zum Gesicht, das eine leicht rötliche Farbe angenommen hat.

Kurz sackt Efferdans linkes Knie weg, doch er kann sich gerade noch auffangen. Mit zusammengebissenen Zähnen geht Efferdan weiter, auf den Aufgang zu. Er wußte schon immer, daß er nicht so stark war, wie die meisten Matrosen auf See. Doch selten hat er diesen Mangel so deutlich empfunden wie in diesem Augenblick, da er die beiden schweren Steinkugeln unter den Armen trägt. Normalerweise hätte er eine Plane aus Segeltuch bemüht oder die Kugeln zwischendurch abgesetzt. Allerdings hat ihn die Sache im Laderaum viel Zeit gekostet - zuviel Zeit?

`Hoffentlich ist Nirka nicht böse...`

Nach ein paar Metern, die Efferdan jedoch endlos erscheinen, hat er endlich den Aufgang erreicht. Nur kurz könnt er sich den Luxus stehenzubleiben und zu verschnaufen, dann beeilt er sich aufs Oberdeck zu kommen.



Schritt für Schritt steigt Efferdan den Aufgang zum Oberdeck hoch. Die Kugeln wiegen schwer in seinen Armen, Schweißtropfen schillern auf der glatten, blassen Haut seiner Stirn. Efferdans Wangen sind gerötet, die Hände fangen an zu zittern ob der Anstrengung. Deutlich treten die Sehnen an den Armen hervor.

Efferdan beißt die Zähne zusammen.

`Hopp, das kleine Stück noch. Du hast es gleich geschafft. Beeile dich! Halte durch!`

Sein Blick fällt auf die drei noch zu überwindenden Stufen vor ihm. Hell fällt das Licht der Praoisscheibe durch die Öffnung, Efferdan nimmt den Salzgeruch des Meeres deutlich wahr, als er in das Licht blinzelt und ächzend eine weitere Stufe nimmt, die unter seinem Gewicht knackt. Diese Knacken vereinigt sich mit dem Spiel der knarrenden und knarzenden Balken, flatternden Segel und platschenden Wellen, so als spiele jemand eine Sinfonie, eine Meeressinfonie...



Auch das Ächzen der vorletzten Stufe fügt sich wunderbar in die Sinfonie ein. Eine Sinfonie, die durch die letzte Stufe mit einem Knall endet: Gerade setzt Efferdan seinen rechten Fuß auf die letzte Stufe, als das Schiff wieder seinen Kurs ändert. Normalerweise würde solch eine kleine Änderung Efferdan überhaupt nichts ausmachen, doch in dieser Situation... Halb erschöpft und hastig, aus Angst, zu lange zu brauchen, rutscht Efferdans Fuß ab. Eine kurzes "Ahhh" ist zu hören, als Efferdan verzweifelt versucht, mit seinem anderen Fuß das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Aber: Es ist zu spät. Ein Stolperschritt nach vorne, dann fliegt Efferdan der Länge nach auf die harten Planken des Oberdecks. Ein heller Schmerzenslaut ist zu hören, gefolgt vom Geräusch über Holz rollendem Steines: Efferdan hat wohl während des Sturzes die beiden so hastig hinaufgetragenen Kugeln losgelassen. Polternd und rumpelnd machen sie sich auf den (kurzen) Weg in Richtung Vordeck während Efferdan benommen auf de Planken liegenbleibt...



Ameg 'kreuzt'


Ameg nickt Joanna noch zu, um sich dann umzudrehen und schnell zum Niedergang zu gehen. Er möchte Torin eigentlich gerne finden bevor die Piraten oder deren Opfer oder wer auch immer an Bord kommt.

Beim Niedergang angekommen bemerkt er Phexane, die von hier aus das andere Schiff beobachtet.

"'allo Phexane.. hab' unt'n was vergess'n", meint Ameg zu ihr, doch statt gleich weiter zu gehen wirft er noch kurz einen Blick zu dem anderen Schiff.



Ameg wendet den Blick vom anderen Schiff wieder ab.

'Viel scheint sich da ja nicht zu regen.. schon gar keine Piraten..'

Noch ein wenig abwesend will Ameg den ersten Schritt den Niedergang hinunter machen, aber bemerkt gerade noch, daß schon jemand von dort kommt. Direkt vor ihm ist ein junger Mann, der, offensichtlich unter großer Anstrengung, irgend etwas Schweres trägt

'Was hat der denn da.. übergroße Murmeln? ... aah.. wieso geht der weiter.. sieht der mich nicht?'

Schnell springt Ameg zurück aufs Deck und macht dem Matrosen Platz.

"Pass doch auf", beschwert er sich halblaut.



Torin wieder allein


Torin sitzt nun wieder allein in der Dunkelheit des Laderaumes. Noch immer starrt er lächelnd in die Richtung, in die Efferdan verschwunden ist.

'Wir werden uns wiedersehen...' echot es noch immer in seinem Kopf.

Erst als seine Augen zu schmerzen beginnen, schließt er sie. Langsam beginnen die Rädchen hinter seiner Stirn wieder mit ihrer Arbeit.

Torins Kopf ist wieder frei. Die Last der letzten Tage ist nicht vergessen, doch die Gewißheit, Liasanya wiederzusehen, erfüllt ihn mit neuem Mut.

Er zieht die Beine noch näher an sich heran und lehnt mit dem Kopf an die Tür zum Kielraum. Er lauscht in die Dunkelheit. Das Schlagen der Wellen hat er nie so deutlich wahrgenommen, wie jetzt im Augenblick.

Doch dieses Klopfen hat eine angenehme, beruhigende Wirkung. Das Schaukeln des Schiffes ist wie das zärtliche Wiegen in den Armen der Mutter, die er selbst nie hatte.

Langsam gleiten seine Gedanken nach Gareth, zu seinen vier 'Geschwistern' und zu Vater Rotmarder.

'Wie es ihnen wohl jetzt geht? Ich wollte ihnen schreiben...'

Er zuckt mit den Schultern.

'Ich werde es im nächsten Hafen nachholen. Es geht ihnen sicher gut. Vater Rotmarder wird schon dafür sorgen.'

Er nickt in die Dunkelheit.

'Der Vater hat uns durch seine Lehre zumindest eines beigebracht. Niemals aufzugeben, wie hart die Prüfung auch sein mag. Es gibt immer einen Weg, wenn man nur will!'

Unbewußt drückt er seinen Körper fester gegen die Tür hinter sich.

Und plötzlich hört er sich selber sagen:

"Der Kampf ist noch nicht vorbei!"



Mit dem Ärmel wischt sich Torin die Tränen aus dem Gesicht.

Nun, da er wieder etwas sehen kann, zeigt sich ihm die Dunkelheit des Unterdecks in aller Pracht. Die Tür in seinem Rücken schmerzt.

Er blickt sich um und kann in einiger Entfernung das Licht des Aufgangs erkennen. Doch zwischen dem Weg aus der Dunkelheit und ihm selbst sind mehrere Kisten und Ballen von Stoff.

Sein Rücken makelt die unangenehme Sitzposition der letzten Minuten an, doch Torin kümmert sich nicht darum. Er riecht den muffigen Duft feuchter, salziger Luft, den er hier unten im Laderaum schon zu lange aushalten mußte.

Langsam richtet er sich auf.

'Ob es eine Prüfung des hohen Herrn ist, die ich gerade durchschreite?' kommt es ihm in den Sinn?

'Sollte Harads Tod mich daran erinnern, daß allein die Götter unsterblich sind? Daß wir Sterblichen eines Tages alle wie die diamantenen Seelen an Phexens Nachthimmel erstrahlen?'

Torins Blick wandert nach oben. In der Düsternis kann er kaum die Decke des Laderaumes ausmachen. Doch er selbst glaubt den Sternenhimmel Phexens sehen zu können.

'All die vielen kleinen, hellen Seelen, die Phex zu sich ans Firmament geholt hat. Von dort wacht auch Harad über uns.'

Als er den Kopf wieder senkt, wischt er eine einzelne Träne aus dem Auge. Für einen Augenblick schließt er die Augen.

'Ich danke dir, hoher Herr Phex, für die Erkenntnis, die ich hier unten erfahren durfte.'

Als er die Augen wieder öffnet, fühlt er keine Trauer mehr. Er fühlt wieder darin bestätigt, daß Phex über ihn und die Geschehnisse auf Dere wacht.

'Sicherlich gibt es einen Schrein in Salzahaven, an dem ich dir meine Dukaten opfern kann.'

Als er sich nach seinem Hut bückt, hat er seinen alten Lebensmut und die Lebenslust wiedergefunden.

'Oder zumindest einen Teil meiner Dukaten, hoher Herr. Immerhin sollte dein Diener nicht Hunger leiden. Und wie sieht es aus, wenn einer deiner Diener wie ein Bettler herumläuft und sich vielleicht noch Krankheiten einfängt? So könnte ich dir nur schlecht dienen. Ich werde mich stärken und waschen, damit ich deiner Würde gerecht werde. Den verbleibenden Teil meiner Barschaft opfere ich dir gerne.'

Torin setzt den Hut verschmitzt lächelnd auf und macht sich auf den Weg durch die Düsternis auf den Aufgang zu.



Torin schiebt sich in der Düsternis des Laderaumes an den aufgestapelten Kisten und Fässern vorbei.

Seine Augen brennen noch etwas von den Tränen, die er sich aus den Augen gerieben hat. Und so ist es nicht verwunderlich, daß er gegen die eine oder andere Kiste stößt und leise flucht.

Als er jedoch in der nach Salzwasser und Staub riechenden Dunkelheit gegen eine weitere Kiste stößt, erklingt ein hohles Geräusch, gerade so, als ob er gegen eine leere Kiste getreten hätte.

'Nanu? Was war das?' fragt sich Torin verwundert. Um sicherzugehen tritt er nochmals gegen die Kiste.

Abermals hört er dasselbe, hohle 'Plong' der Kiste.

Unsicher und vorsichtig blickt er sich um. Seine phexischen Instinkte raten ihm zur Vorsicht als er, diesmal mit der Hand, gegen die Kiste klopft.

'Ganz sicher, diese Kiste ist leer...'

Verwundert streicht er sich durch den Bart.

'Das ergibt doch keinen Sinn...'

Vorsichtig versucht Torin, die etwa einen Schritt breite, einen Schritt hohe und ebenfalls einen Schritt tiefe Kiste hochzuheben. Und tatsächlich, die Kiste läßt sich anheben. Tiefen Falten zeigen sich auf Torins Stirn.

Verwundert versucht er, die Kiste zu schütteln. Doch auch jetzt ist nichts zu hören, was auf einen Inhalt der Kiste schließen ließe.

Als er die Kiste wieder abstellt, ist er sich ganz sicher:

'Diese Kiste ist eindeutig leer!'

Sein Blick streift durch den Laderaum.

'Wieso sollte jemand eine leere Kiste auf die Reise nehmen?'

Wieder fährt seine Hand durch den Bart. Er lehnt sich gegen eine weitere Kiste und überlegt.

'Wenn es einen Grund gibt, dann will ich ihn erfahren. Welcher Händler würde... - Händler? - Und wenn es nun kein Händler ist, sondern...'

Seine Augenbrauen senken sich bei diesen Gedanken.

'Bei den Niederhöllen! Das ist ein wahrhaft böser Plan!'

Für Torin besteht kein Zweifel mehr. Er glaubt, nun die ganze Wahrheit zu kennen und seine Hand fährt zum Griff des Floretts.

'Mindestens einer der Piraten hält sich hier an Bord auf und wartet nur darauf, daß wir das zerstörte Schiff untersuchen.'

Er nickt bei diesen Gedanken und führt sie fort.

'Während dort die eintreffenden Mannen in die Falle der versteckten Piraten gehen, kann der Eine, hier verborgene Pirat, den Kapitän zu seiner Geisel zu machen...'

Als seine Hand abermals durch den Bart fährt, grinst Torin hämisch in die Düsternis hinein.

'Aber nicht mit mir! Den Plan werde ich euch vereiteln, ihr Piratenpack!'

Dann erlischt sein Lächeln wieder.

'Doch wie lange war ich hier unten? Vielleicht ist es schon zu spät, um noch zu helfen?'

Ohne weiter zu zögern, geht Torin zum Aufgang und steigt die Treppen nach oben.



So sehr sich Torin auch beherrscht, innerlich ist er doch angespannt. Trotz seiner vorsichtigen Schritte kann er das leise Knarren der hölzernen Stufen nicht vermeiden als er den vorderen Aufgang zum Unterdeck hinaufsteigt.

Als er oben ankommt kann er gerade noch den Schatten einer zum Oberdeck entschwindenden Person sehen. Dann fällt das Licht wieder ungehindert zu ihm herab.

'Ich bin längst nicht so gut in Form, wie ich sein sollte.' tadelt Torin sich selbst, als er an sich herunter blickt. 'Und mit einigen Stein weniger auf den Rippen könnte ich sicher noch schneller sein.'

Mit einem leisen Seufzer besinnt er sich wieder auf seine Aufgabe und sieht sich im Gang des Unterdecks um. Das Licht, das vom Aufganges des Oberdecks zu ihm herunter scheint, gibt genug Licht um auch Details zu erkennen. Doch Torins Blick schweift durch die Enge des Schiffskörpers, ohne auf einen Hinweis zu treffen.

Nur die abgehackten Wortfetzen der Gespräche auf dem Oberdeck könnten ihm vielleicht einen Hinweis geben. Doch so sehr er auch auf sein Gehör vertraut, so wenig möchte er auf das Glück pochen.

'Wer kann dieser Pirat sein?'

Dieser Satz zuckt immer wieder in seinem Kopf herum, doch so sehr er auch darüber nachdenkt, er kann niemanden finden, der eindeutig Verdächtig wäre.

Langsam läßt er die Gesichter der Personen vor seinem inneren Auge passieren.

'Ameg und ich scheiden aus. Ebenso diejenigen, die schon seit längerem auf der NORDSTERN sind. Und natürlich Kapitän Efferdstreu und der Rest seiner Mannschaft.'

Torin blickt zu Boden und reibt sich die Nasenwurzel.

'Wer bleibt, sind also die Personen, die erst seit Thorwal auf dem Schiff sind.'

Er zieht die Stirn kraus und blickt zum Licht des Aufgangs hin.

'Das sind dann also dieser feine Pinkel.. - Nein, er würde sich nicht mit Piraten abgeben, dazu ist er zu..' Torin schnaubt abfällig durch die Nase. 'zu fein.'

'Vielleicht dieser neue thorwalsche Matrose, der sicher noch immer auf dem Mast oben hockt. Wie heißt der noch gleich?'

'Egal. Jedenfalls ist der sicherlich mit im Boot, wenn es gegen die Piraten geht. Außerdem versteht er sich wohl sehr gut mit dem Schiffszimmermann. Und der ist auch auf unserer Seite.'

Torin schüttelt den Kopf.

'Das Ganze bringt mich nicht weiter... Ich werde einfach auf das Oberdeck gehen müssen um zu sehen, wie es weitergeht.'



Unruhige Gedanken


Unruhig wandert Ole's Blick zwischen dem, sich langsam nähernden Wrack und dem, noch immer schweigend am Steuer verharrenden Kapitän hin und her.

Der Anblick des malträtierten Schiffes erinnert den alten Schiffszimmermann doch sehr an einen großen, schwimmenden Sarg und die Starre des Jergan Efferdstreu erscheint ihm als erschreckendes Vorzeichen.

Ole würde es nun sehr begrüßen, wenn der Kapitän endlich einen Befehl geben würde, entweder um Fahrt in die offene See zu machen oder beizudrehen und an dem Wrack anzulegen.

Es drängt den 'grauen Riesen' das Wrack nach Überlebenden zu durchsuchen und die Toten dort der Gnade EFFerd's und SWAfnir's zu empfehlen.



Dem Kapitän entgehen die Blicke des Schiffszimmermanns nicht, und auch nicht die stumme Frage, die darin verborgen ist. Im Grunde steht seine Entscheidung schon fest, und die leichte Kursänderung hat sie noch einmal bekräftigt und zugleich die Umsetzung eingeleitet.

Inzwischen haben sich auch die Umgebungsbedingungen an diese Entscheidung angepaßt, denn der Abstand zwischen der nur unwesentlich langsamer gewordenen NORDSTERN und dem Wrack wird ständig kleiner.

Dennoch zielt der Bug der Karavelle nicht genau auf das andere Schiff, sondern auf einen Punkt, der vielleicht fünfzig Schritt steuerbord von diesem liegt - alles andere wäre bei diesem Seegang einfach Irrsinn. Die Wellen sind zwar nicht wirklich groß, aber dennoch zu stark, um ein direktes Anlegen an einem anderen Wasserfahrzeug zu ermöglichen, ohne das Schiff dabei großen Gefahren auszusetzen.

Jergan Efferdstreu dreht das Steuer wieder einige Grad, dann ruft er laut:

"Alle herhören!"

Eine kleine Kunstpause gibt dazu eine Chance, dann fährt er fort:

"Wir werden den Überlebenden auf dem Wrack dort backbord voraus helfen, indem wir das Beiboot 'rüber schicken. Die NORDSTERN selbst wird beigedreht in sicherem Abstand warten. Fertigmachen zum Beidrehen!"

Der letzte Satz gilt insbesondere den Matrosen auf dem Oberdeck, die dem Befehl auch sogleich Folge leisten und zu den Winden eilen, mit denen die Segelstellungen beeinflußt werden können.



Mit einem genüßlichen "Ha!" kommentiert Hjaldar die Entscheidung des Kapitäns.

'Wurde auch langsam Zeit.'

"Halt man schön Deine Gucker hier offen und schrei wenn was is'." grinst er noch dem ziemlich still gewordenen Tulamiden über ihm zu, dann macht er sich daran den Mast wieder nach unten zu klettern, um das Übersetzen ja nicht zu verpassen. Daß er als Passagier gar nicht mit dabei sein dürfte, wenn der Trupp für das Beiboot zusammengestellt wird, fällt ihm im Traum nicht ein.

Mit einem kurzen Blick nach unten versichert er sich, daß im direkten Bereich des Mastes niemand im Weg steht und läßt sich die letzten zwei Schritt Höhe einfach fallen, so daß er mit einem lauten, fast dröhnenden Geräusch auf dem Deck landet.



Darian und Frizzi


Obwohl dieser Zauber sicher nicht zu den kompliziertesten gehört und Darian ihn auch schon einige Male angewandt hat, will der Adeptus ganz sicher sein, wenn es ernst wird.

Sorgfältig geht er alle Linien des Muster, das die Thesis bildet durch, ruft sich jeden Bogen und jeden Knoten ins Gedächtnis. Seine Augen schauen Richtung Meer, blicklos auf das treibende Wrack gerichtet. Eine Stimme dringt an sein Ohr, durchbricht das Spiel der Linien und Muster...

Der junge Magier blickt etwas verwirrt um sich, ordnet aber kurz darauf die Stimme dem blau gewandeten Mann neben sich zu. Er verstaut die Thesis wieder an ihrem Platz im Gedächtnis und wendet sich mit einem:

"Meint Ihr mich?"

an Frizzi.



Di Vespasio legt ein gewinnendes Lächeln auf seine Lippen und breitet in einer entschuldigenden Geste die Hände aus. Die Rechte ist dabei mit der Handfläche nach oben geöffnet. Der Linken gelingt dies nicht ganz, schließlich muß sie noch den Stock halten.

'Welcher Akademie gehört er wohl an? Möglicherweise, mein Freund, gelingt es dir ja einen Blick auf sein Gildenzeichen zu werfen.'

Di Vespasios Blick zuckt kurz und unmerklich zu Durenalds Hand.

Offenbar ist di Vespasio jedoch recht geschickt im Umgang mit seinem ständigen Begleiter geworden, denn es gelingt ihm mit einer unbewußten, fließenden Bewegung den Knauf zwischen Daumen und Zeigefinger zu klemmen.

'Andererseits kann man diesen Magiern, du hast es oft genug erfahren müssen, nie ansehen, was sie wirklich sind. Dieser junge Mann könnte wohl ein mächtiger Freizauberer sein, dem es gefällt die Freuden eines jungen Körpers ein zweites Mal zu genießen. Oder ein drittes.'

Dadurch hängt der Stock nun schlaff herunter und verstärkt die entschuldigende, offenherzige und beschwichtigende Geste.

'Ich hoffe für dich, mein Lieber, er war nicht gerade dabei die Thesis eines vernichtenden Kampfzaubers zu bilden. Und wenn doch, dann hoffe ich, er kann sie noch zurückhalten und wir finden uns nicht gleich als Aschehäufchen wieder.'

Der Händler nimmt die Hände wieder zusammen und fügt an die gestischen Entschuldigung eine akustische an.

"Ja, entschuldigt bitte, ich hoffe ich habe Euch nicht gestört?"

'Es hat schon seinen Sinn, daß diese Magi einem eigenen Stand angehören, neben dem Adel und dem geistlichen Stand. Was dich daran erinnert, daß du dringend herausfinden mußt, wie die drei Magi im Rang zueinander stehen. Es wäre zu peinlich, sollte ich sie etwas in der falschen Reihenfolge ansprechen.'

Obwohl als Frage formuliert und abgeschlossen, erwartet der Adelige wohl keine Antwort -welche auch?- und setzt sofort an:

"Gestattet, daß ich mich vorstelle: Frizzi di Vespasio da Balirii aus Kuslik"

Di Vespasio fällt in eine, einem Magus angemessene -und damit recht tiefe- Verbeugung. Kaum hat er sich aufgerichtet, setzt er bereits seinen Satz fort.

"Kuslik, zu dem zurückzukehren ich jetzt das Glück habe, und die Ehre, dabei das Zimmer direkt neben dem Euren erhalten zu haben."



Interessiert beobachtet der Adeptus den Hinzugetretenen. Als dieser sich mit einer übertriebenen Verbeugung vorstellt, kommt er kurz ins Grübeln:

´Di Vespasio da Balirii? Ist er am Ende ein Adliger des Horasreiches?´

Der nächste Satz bestärkt ihn noch in seiner Vermutung,

´Aus Kuslik stammt er also, vielleicht kann er mir ja ein wenig aus der Stadt HESindes berichten.´

Doch zunächst einmal musz Darian die Vorstellung erwidern, auch er verbeugt sich, so weit wie es sein junger, jedoch in solchen Bewegungen ungeübter Körper eben zuläszt:

"Darian Durenald, Euer Wohlgeboren" stellt er sich vor, die Anrede ´Euer Wohlgeboren´ kommt dabei in einem unsicheren, fast fragenden Tonfall über seine Lippen, die Titulatur von Adligen, noch dazu aus einem so fernen Land, ist dem Adeptus nicht allzu vertraut. Nach einer kaum merklichen Verzögerung fügt er hinzu:

"Adeptus Minor der Akademie der Verformungen zu Lowangen," zwar legt er sonst keinen Wert auf Ränge und Titel, aber einem Adligen gegenüber sollte man einen Titel nicht verschweigen, auch wenn es ´nur´ ein HESindegefälliger und kein PRAiosgegebener ist, man wird sonst allzu leicht als niederer Pöbel abgehakt.

"Welche der groszen Grauen Gilde des Geistes angehört," ergänzt er noch schnell den Namen der Akademie, in diesen Zeiten sollte man als Magus besser gleich klarstellen auf welcher Seite man steht.

Wie zum Beweis, wendet er beiläufig seine rechte Handfläche seinem Gesprächspartner zu, nicht bedenkend, dasz die wenigsten Nichtmagier die Akademiesiegel einzuordnen wissen und ein unwissender diese Bewegung allzu leicht als Zaubergeste miszdeuten könnte.



Di Vespasio blickt kurz auf das eintätowierte Gildenzeichen, das er in letzter Zeit häufig zu Gesicht bekommen hat. Schließlich war die Akademie zu Lohwangen eines seiner Ziele auf der jetzt zu Ende gehenden Reise.

'Ha, jetzt hast Du dich selber reingelegt, Frizzi. Du bezeichnest einen Adeptus Minor als Wohlgelehrten Herren und zum Ausgleich nennt er Dich einen Wohlgeborenen.'

Offenbar ist di Vespasio ehrlich amüsiert. Er führt sogar die Hand an die Oberlippe und streicht sich über einen imaginären Bart, um ein wenig die sich bildenden Grübchen zu verdecken.

"Ha, ja. Nun, mein Vater hat mir nur wenig vermachen dürfen, lediglich den Titel eines Comte hat man mir nicht nehmen können. Weshalb die vollständige Anrede Edelhochgeboren lauten sollte. Aber macht Euch deswegen keine Gedanken, seitdem ich den Hof verlassen mußte, achte ich nicht auf diese Titel."

Di Vespasios Redeweise kann man entnehmen, daß er in diesem Fall nicht wirklich beleidigt ist. Andererseits kommt es ihm auch nicht in den Sinn, daß es gebildete Menschen gibt, die nicht das Adelsregister des Horasreiches auswendig kennen.

"Ich komme gerade aus Lohwangen und die Akademie dort ist mir wohlbekannt. Vielleicht finden wir später einmal Zeit darüber zu sprechen."

In diese Einladung fällt die Ankündigung des Kapitäns, so daß er kurz innehält um den Worten zu lauschen.

"Ja, das wollte ich wissen. Es ist also tatsächlich ein Schiff. Könnt ihr etwas Deutlicheres erkennen?"

Damit wendet er sich wieder dem Horizont zu und beschattet mit der Rechten die Augen.



´Edelhochgeboren also, ich sollte mich doch einmal mehr mit den weltlichen Titeln befaszen.´

Darian legte bislang mehr Wert auf die Kenntnis der Ränge der Hesindekirche und der Magiergilden, schlieszlich begegnet ein Angehöriger der Madagefälligen Zunft eher Spektabilitäten und Hohen Lehrmeistern als Baronen oder Signores.

´Er kennt die Akadmie? Heilige Canyzeth, so kann man sich täuschen.´

Dem Adeptus ist das Erstaunen deutlich anzumerken.

"Ihr wart in Lowangen, euer Edelhochgeboren? Dann habt Ihr doch sicher mit Magister Elcarna gesprochen..."

Auch Darian hält mit dem Reden inne, als er den Kapitän sprechen hört.

Anschlieszend fährt er, ohne den vorherigen Satz wieder aufzunehmen fort:

"Nein, von dem anderen Schiff kann ich auch noch nicht viel mehr erkennen, als dasz es beschädigt ist. Ich kam auch gerade eben erst an Deck, so dasz ich nicht weisz, was bereits gesagt wurde. Aber ich denke wir werden bald mehr erfahren, der Kapitän liesz ja verlautbaren, dasz man beabsichtigt sich dem fremden Schiff zu nähern."



Di Vespasio steht etwas unruhig und pendelt auch mit dem Kopf von links nach rechts und wieder zurück. Offenbar ist er etwas ungeduldig und mehr als neugierig.

'Du kannst dich ruhig auf die Zehenspitzen stellen, auch das wird deine Sicht nicht verbessern. Dieser junge Magier sollte doch eigentlich mehr erkennen können. Ist das dort ein Segel? Oder nur eine Wolke?'

Di Vespasio dreht kurz den Kopf in Richtung Darians, um zu sehen, ob dieser auch zum Schiff blickt. Es wäre unhöflich, sich von seinem Gesprächspartner abzuwenden, wenn dieser nicht auf das Schiff achtet.

'Magister Elcarna? Ah ja, der. Du erinnerst dich? Sehr gebildet. Viele Interessen. Wollte sich leider nicht von "seinem Herzblut" trennen, wie er sich beliebte auszudrücken. Hmm. Wenn dieser Herr Durenald sein Schüler ist, könntest du möglicherweise über ihn... Manchmal sind ja diese Jungen ja sehr ehrgeizig, und ein wenig Geld hat noch niemandem geschadet.'

"Aber natürlich erinnere ich mich an Magister Elcarna! Ein sehr gebildeter Mensch mit einer umfangreichen Bibliothek. Wir haben mehrfach miteinander Tee getrunken und er hat mir von seinen Forschungen erzählt."

"Natürlich habe ich nicht sehr viel verstanden. Schließlich vermag ich zwar wohl eine Thesis zu lesen, aber soviel ich mich auch bemühen würde, es fehlt mir Madas geheime Gabe. Aber beeindruckend. Wahrlich."

"Natürlich sind die grundlegenden Theorien altbekannt. Wer würde heutzutage noch widersprechen, wenn der Sitz der Wesensart in den Körpersäften gesucht wird. Aber die Thesen des Magisters, sie in Verwandlungen einzubeziehen... erstaunlich!"

Di Vespasio blickt jetzt Darian direkt an, um dessen Reaktion, möglicherweise sogar sein Verhältnis zu dem Magister, nicht zu verpassen.

"Er schien mir nur in manchen Dingen ein wenig, nun, eigenwillig zu sein."

Di Vespasio gelingt es dabei, das Wort "eigenwillig" so zu betonen, daß man darunter alles verstehen könnte, was man gerade möchte. Insbesondere jede schlechte Charaktereigenschaft, die einem bevormundeten Schüler schon immer gestört hat.

"Ihr wart sein Schüler, dann kenn ihr ihn sicher besser?"



Der Zauberer und der Kapitän


'Typisch Elf, denkt weil er hunderte von Jahren lebt hab ich hier Zeit ein Jahr auf meine Antwort zu warten'

Mißmutig schaut der Magier zu dem starren Elfen hinüber. Wie gelähmt blickt der tief in Gedanken versunken zum Wrack hinüber.

'Das ganze Gegenteil von Assalan. Der Auelf hätte schon mit Pfeil und Bogen bewaffnet an der Reling gestanden um den in Not geratenen Menschen zu helfen. wenn man es bei Licht besah, besitzt Assalan mehr menschliche Gefühle als mancher Mensch, aber ich werde mich hüten ihm das zu sagen'

Ein Lächeln huscht über die Züge von Alrik, dann geht er wieder Richtung der Brücke. Dort schaut er zum Kapitän und versucht ihn auf sich aufmerksam zu machen.



Während er die Kommandos an die Mannschaft ruft, bemerkt der Kapitän der NORDSTERN, daß einer der mitreisenden Magier auf das Brückendeck kommt.

Er wartet noch kurz und beobachtet, wie einige eifrige Matrosen über das Deck

zu den Winden laufen, während andere in Richtung des Beibootes eilen, und

wendet sich dann dem Mann zu.

"Ja?"



"Soll ich Euch etwas helfen? Es wäre mir unter Umständen möglich einen zu befürchtenden Angriff mit einer List zu vereiteln! Wärt ihr interessiert Euch den Plan anzuhören??"



Jergan schüttelt kurz den Kopf, denn er muß sich jetzt auch ein wenig auf das bevorstehende Manöver konzentrieren. Natürlich kann er sich dabei *eigentlich* auch unterhalten, aber vermutlich ist er dabei kaum in der Lage, einem sicher sehr verworrenen Plan, wie ihn Magier für gewöhnlich ausbrüten, zu folgen. Sein Blick schweift nach vorne, zum Horizont, zum Oberdeck, und auch zu dem näherkommenden Wrack.

Höflich wendet er sich dem Magier wieder zu, und schüttelt ein weiteres Mal den Kopf.

"Für das Angebot bin ich Euch natürlich sehr dankbar. Ich glaube aber nicht, daß wir mit einem Angriff rechnen müssen, denn das ist kaum die Art von Thorwalern - und das waren Thorwaler, die mit Drachenschiffen unterwegs sind. Falls ich unrecht haben sollte, dann ist ein Zauber Euerseits natürlich sehr willkommen, das steht außer Frage. Ich denke aber nicht, daß wir groß Pläne schmieden müssen. Oder beinhaltet Eure Idee Dinge, die wir jetzt tun müßten, oder gerade nicht tun sollen?"

Er blickt den Magier an, und versucht, seine doch vorhandene Ungeduld zu unterdrücken - eine Ungeduld, die jedoch eher daher rührt, daß er jetzt keine Lust zu Diskussionen hat.



'Ja hmmm, der Kapitän wird nichts davon haben wenn ich ihm jetzt die Thesis und Wirken erkläre'

"Also Herr Kapitän, der Einfachheit halber, ich könnte es ermöglichen eine Illusion zu schaffen, die ein vollbesetztes Schiff vorgaukelt,so mit vierzig Leuten vielleicht, oder siebzig?? Was meint ihr??"



Aufregung in der Suite


Radisar lehnt sich mit der gesamten Wenigkeit seines kleinen, wenn auch voluminösen Körpers gegen die Türe, als gälte es einem hungrigen Oger den Eintritt zu verwehren. Schreckensbleich ist sein Gesichtchen und kalter Schweiß perlt auf seinem kahlen Schädel.

Seine Gedanken überschlagen sich förmlich, nicht einen einzigen denkt er zu Ende, da ist schon der nächste,der sich ihm machtvoll ins Bewußtsein zwängt.

"Pi .. Pi ... Pi ... raten sie 'mal, was die Leute da draußen .... auf dem Oberdeck ... über dem Meer ... Pi ... Pi ... !!"

Atemlos versucht er Frau Reckinde zu erklären, welche Schreckensnachricht ihn so bewegt. Dabei fuchtelt er derart hektisch mit seinen Händchen im Raum herum, daß es zeitweise so aussieht als habe er mehr Arme als ein Oktopus.

Als er resignierend einsehen muß, daß er sich auf diese Weise wohl kaum erklären könnte, beschließt er kurzerhand in die Offensive zu gehen. Er beginnt den schweren Tisch vor die Tüte zu schieben und stellt alle unbesetzten Stühle auf die Tischplatte. Es fehlt nicht viel und er hätte seiner Herrin die Sitzgelegenheit unter dem Hintern weg gezogen. Doch diese Aktion kann er sich im letzten Moment noch verkneifen.

Sicherlich ist dies eine etwas sehr fruchtlose Aktivität, denn diese lächerliche Barriere wäre wohl kaum geeignet heran stürmende Thorwaler länger als ein linkische Gelächter aufzuhalten. Immerhin bringt ihm diese ungewohnte körperliche Anstrengung wieder etwas mehr Farbe ins Gesicht.

Zwar schwitzt er jetzt noch mehr, dafür zieht sich wieder ein sehr rötlicher Schimmer durch seine Kopfhaut.



Langsam erhebt sich Frau Reckinde von ihrem Stuhl, in einer Ruhe, die so gar nicht zu ihrem cholerischen Wesen passen will. Mit einer geradezu andächtigen Befremdung beobachtet sie das hektische Treiben ihres kleinen Dieners.

"Piraten ... ???"

Wie Lava aus dem Schlund eines gebremst wütenden Vulkans wälzen sich die Worte über ihre Lippen. Ihr Gesicht verrät weder Wut noch Erregung und dennoch wirkt sie gefährlich eruptionsbereit.

Ein paar wenige Schritt nur und sie steht neben dem zitternden Radisar, packt ihn am Kragen und herrscht ihn an:

"Wenn sich da draußen Piraten nähern sollte, dann erwarte ich von ihm, daß er sich den bösen Buben mutig entgegenstelle und nicht, daß er sich hier verkrieche. Seid ihr nun ein Mann oder eine Maus??"



Angst kann im Gehirn eines Menschen schwerwiegender wüten als das tückischste Sumpffieber. Zu dieser Folgerung wäre wahrscheinlich auch Radisar gekommen, hätte nicht die Furcht jeden Funken seiner, sonst so dominierenden Vernunft gelähmt.

Jedoch scheint es unmöglich zu sein, auch im Zustand galoppierender Panik, Frau Reckindes machtvolle Stimme nicht verstehen und zwar Wort für Wort. So ergeht es auch Radisar, als ihn die Herrin so überwältigend anherrscht.

Allein die Auswahl ihrer Frage wollte ihm nicht gefallen. Es mag heldenhaft sein, sich mit dem Mut der Verzweiflung marodierenden Banden entgegen zu werfen, doch hat die Verzweiflung und die Angst schon seit jeher den kleinen Diener mehr dazu inspiriert, sich statt dessen bedingungslos zu unterwerfen.

So antwortet er seiner Herrin, verschreckt, verwirrt und in völliger geistiger Abwesenheit:

"Ich bin ein Mäuschen .... piep - piep .....!"



Reckinde von Beibach und Bruch traut ihren Ohren. Und will man korrekt bleibe, dann muß man erklären: Nicht nur ihren Ohren, sondern auch ihren Augen und ihren sonstigen Sinnen.

Sie kann es nicht glaube, daß sich ihr treuer Diener, gerade vor ihren Augen in eine angsterfüllte, nahezu formlose Masse verwandelt.

Hat er nicht doch soeben verkündet, er würde lieber ein Mäuschen sein, als ein Mann?

So schreit sie ihn an:

"Du bist keine Maus - Du bist eine Ratte, eine Ratte sag' ich!"

Mit der linken Hand wischt sie die Barrikaden, die Radisar vor der Türe aufgebaut hatte, mit einer Lässigkeit weg, als wären diese Gegenstände ein Staubkorn auf der Schulter eines ihrer Ballkleider.

Mit der rechten Hand packt sie Radisar am Genick, hebt ihn ein Stück von Boden hoch und wirft ihn durch die Türe. Die Türe ist zwar noch geschlossen, doch unter dem 'Eindruck' dieses Wurfgeschosses gibt sie nach, öffnet sich und gibt den Weg frei für eine hohe Flugbahn, die für den kleinen Diener auf den Planken des Oberdecks endet.



Der Schiffsjunge und der Smutje


"Herrjeminenenene!" ALRIK zuckt zusammen, als er plötzlich die Stimme des Smutjes vernimmt. Eben hatte er noch die widerspenstige Schiffskatze vor dem Durchgang zum Mannschaftsraum abgesetzt und dann hatte er nur noch ganz kurz nach Sigrun gesehen, die sich gestern Nacht nicht wohl fühlte und mit der er dann bereitwillig die halbe Nachtwache getauscht hatte. Sigrun schläft noch immer, soll sie auch ruhig. Denn verdient hat sie's fürwahr, so fleißig, wie sie in den letzten Tagen war. Aber das er selbst auch auf seiner Schiffskiste sitzend eingedöst ist, das ist schon peinlich.

'Und das in meinem Alter... wie soll das später erst mit über 29 werden....'

Immer noch leicht benommen reibt er sich die Müdigkeit aus den Augen.

"Smutje, man sinnig, und bloß nicht so laut - hier schlafen noch Leute..." entgegnet ALRIK, ohne auf die eigene heikle Situation achtzugeben.

"Ich komm' ja schon."



Beleidigt trollt sich Traumauge in den Mannschaftsraum und kaum, daß ALRIK weg schaut, huscht er zwischen den Schatten aus seinem Blickfeld. Dort wartet er ab bis der Schiffsjunge endlich ganz verschwunden ist.



Als Garulf bemerkt, dasz im Mannschaftsraum noch einige Matrosen schlafen, senkt er seine Lautstärke deutlich ab:

"Bring nur eben schnell den Tee zum Passagier, ich weisz doch gar nicht für wen der ist."

Entfernt ist die Stimme des Kapitäns zu hören, daher wendet er sich im raus gehen noch einmal kurz zu ALRIK:

"Ich glaube wir werden an Deck gebraucht."



Klar doch, gute Leute werden überall gebraucht", grinst ALRIK fröhlich, als er bemerkt, daß der Smutje die Trödelei offensichtlich nicht krumm nimmt, oder aber gar nicht so mitbekommen hat.

"Ich komm' dann gleich nach, sobald ich den Tee losgeworden bin", fügt ALRIK noch hinzu und macht sich dann flotten Schrittes auf dem Weg zur Kombüse. Und da steht er ja auch schon, der Tee - servierfertig und abholbereit. Jetzt aber eilig, bevor der Kräuteraufguß endgültig kalt wird.

Nur, wohin jetzt damit? Der ältere Herr war jedenfalls in der Gemeinschaftskabine einquartiert. Möglicherweise hat er sich ja hingelegt, denn wenn er 'nen Tee braucht, dann geht's ihm vermutlich nicht so gut. Ja, so wird es wohl sein.

Mit dem Becher Tee in der Hand macht sich ARLIK auf dem Weg zur Gemeinschaftskabine, wo er höflich anklopft und erst mal wartet, ob sich jemand meldet.



In der Messe


Fiana fragt sich ebenfalls was es sonst noch gibt, daher fragt sie ihrerseits

"Wasuren was hast du denn noch gefunden?"

Unterdessen wird ihr die Kursänderung der NORDSTERN bewußt, für einen Fahrgast mag diese zwar merkbar, aber ohne besondere Bedeutung sein, für sie als Offizierin jedoch, ist sofort klar, daß dies keine einfache Kurskorrektur war. Dafür war die Änderung zu stark. Als dann noch eine vertraute Stimme, die von Jergan, laut zu hören ist, wird ihr bewußt, daß etwas nicht stimmt könnte. Zwar ist es unmöglich hier unten auch nur ein einzelnes Wort von dem was der Kapitän sagt zu verstehen, aber die Lautstärke läßt die Wichtigkeit des Gesprochenen außer Zweifel. Sie wird wohl, in Kürze nach oben an Deck gehen müssen.



'Tanz der Kugel'


`Heissa, ist das ein Leben`

Als sie aus der Kiste geholt wurden, dachten die beiden Kugeln, dies sei wieder so ein langweiliger Tag zum »Schiffe versenken« spielen. Doch mitnichten!

Hat dieser große, helle Tölpel sie doch frei und fallen gelassen.

`Hurra, was ein Spaß`

Und die beiden Kugeln beginnen ihre neugewonnene Freiheit zu nutzen. Immer schneller rollen sie auf den Aufbau, der das Vordeck trägt, zu. Ihre Freude entlädt sich im Poltern und Rumpeln, daß an Deck zu hören ist. Und näher kommt die »Wand«...



...und näher kommt die Wand, immer näher. Doch eine Kugel erreicht sie nie! Vom Schaukeln des Schiffes auf den Wellen von der direkten Bahn abgelenkt, schlingert sie umher, driftet mal hierhin, mal dorthin, bis sie schließlich frontal in eine Seilrolle, die an dieser Stelle an Deck liegt knallt, nach oben abgelenkt wird, hochspringt und mit einem Knall in der Mitte der Seilrolle landet, wo sie liegen bleibt. Die zweite Kugel hat da mehr »Glück«. Zwar schlingert auch sie durch die Bewegungen des Schiffs umher, aber - sei es Zufall, sei es Fügung - sie streift die Seilrolle nur am Rande, wird wieder von ihr abgelenkt und setzt so ihren ZickZack-Kurs in Richtung Vordeck fort.



Immer weiter rollt die übriggebliebene Kugel, rollt und rollt, erzeugt ein merkwürdiges Geräusch auf den Planken und ist es jetzt an der Wand des Aufbaus angelangt, auf dem das Vordeck liegt. Ein lautes Tock ist zu hören, als die Kugel gegen die Holzbalken stößt. Durch ihre Wucht prallt sie von der Wand ab und setzt auch diesmal ihren ZickZack-Kurs fort. Diesmal allerdings in die andere Richtung und (noch) deutlich langsamer.

Hin und her rollt die Kugel, einmal nach backbord, dann wieder steuerbord, immer dem Schaukeln des Schiffs auf den Wellen folgend. Noch ist nichts in Sicht, was sie stoppen könnte...



Beim Geräusch des Aufschlages fährt Nirka sofort herum, wobei sie allerdings wohlweislich die Rotze losläßt. Ihre Augen weiten sich kurz, als sie sieht, was Efferdan geschehen ist, doch dann gewinnt ihre übliche Einstellung rasch die Oberhand.

"Du sollst die Kugeln herbringen, nicht damit rum spielen!" brüllt sie, während sie die Ereignisse weiter beobachtet. Auf die Idee, die wenigen Schritte zu laufen, und auf das Oberdeck hinab zu steigen, kommt sie ganz offensichtlich nicht.



Mit einem schnellen Rundblick verschafft sich Hjaldar einen Überblick über die Lage an Deck. Ganz offensichtlich sind die Matrosen noch nicht soweit, als daß das Beiboot klar Schiff sein würde. Na, wenn er Käpt'n wäre, denen würd' er schon in den Hintern treten, daß man in Brabak noch die Abdrücke sehen würde, das wohl...

Dann fängt das ständige Poltern sein Interesse ein ...

"Kugelt da doch völlig unbeaufsichtigt eine zu groß geratene Murmel übers Deck."

Mit ein paar schnellen Schritten ist er näher heran und versucht, die Kugel mit dem Fuß zum Stoppen zu bringen ... was gar nicht so einfach ist, hält sie sich doch an keine gerade Linie.

"Heda, nicht ausbüxen." fährt er das Rund an, das sich indessen völlig unbeeindruckt von diesem Befehl anschickt, ihn backbordseitig zu umrunden.

Aber nich' mit Hjaldar. Mit einem beherzten Hüpfer verstellt er dem widerborstigen Munitionsstück den Weg, so daß es gegen seine Füße rollt. Und noch bevor es wieder die Flucht ergreifen kann, bückt er sich schnell und hebt die Kugel mit einer Hand an.

Zwar versucht er alles, es so aussehen zu lassen, als sei dies die leichteste Übung der Welt, aber wer genau hinsieht wird feststellen, daß sich auch ein stämmiger Thorwaler gehörig anstrengen muß, so ein Gewicht mit einer Hand zu heben.

Suchend blickt er sich um, bis er den (ehemaligen) Kugelträger ausgemacht hat

"Biste nich' schon'n bißchen alt, um mit Murmeln zu spielen?" neckt er diesen hämisch um sich dann auf dem Weg zum Vordeck zu machen, wo das Ding wohl sehnsüchtig erwartet wird.



Ottam und Fargus


'Ob ich ihn etwas überfordert habe' denkt sich Ottam, aber vielleicht neigt Fargus ja auch nur zu Tagträumen. Eigentlich ist es ja eine Unverschämtheit IHN so lang hier ohne Reaktion stehen zu lassen. Ottam hat ihn endlich wiedergefunden, seinen Haß auf die Welt, ja so ist es, alles ist unwürdig und nur er ist es, der Entscheidungen treffen sollte.

So schweifen seine eigenen Gedanken ab während er darauf wartet, daß sein Gegenüber eine Reaktion zeigt.



Die Worte des Magus hallen noch lange nach, während Fargus gebannt in Richtung des anderen Schiffes schaut. Plötzlich bemerkt er, daß er das Gespräch völlig vergessen hatte, nur noch beschäftigt damit, sich einen Angriff blutrünstiger Piraten auszumalen.

"Oh verzeiht, Euer Anmerkung hat mich doch etwas verunsichert, muß ich gestehen. Habt ihr schon einmal von solch einer Tat von Piraten gehört, wie sie Euer Kapitän wohl nicht ausschließt ?"

Fargus versucht sich wieder auf seinen Gesprächspartner zu konzentrieren, sein Blick kehrt jedoch immer mal wieder zu dem geheimnisvollen Schiff zurück.



"Also wenn wir jetzt weiter im Süden wären und wenn es sich nicht um Langboote gehandelt hätte, wie der Ausguck sagte, dann würde ich den Kapitän für verrückt erklären lassen, da näher ran zu fahren" -

'genaugenommen würde ich ihn jederzeit für verrückt erklären lassen ' -

"Aber die Thorwaler sind normalerweise nicht für Hinterhalte. Sie stellen sich offen im Kampf und kämpfen nicht wie Feiglinge aus dem Hinterhalt" -

'Wobei so ein Hinterhalt auch etwas für sich hat'

Antwortet Ottam auf Fargus Frage.



Erneut wundert sich Ottam über die Tagträume seines Gesprächspartners.

'Ob er sich wie dieser Neigung zu Träumereien und der leichten Ablenkbarkeit wohl gut für einen Beherschungszauber eignet' grübelt Ottam derweil...



Fargus nimmt die Worte des Magiers nur halb bewußt auf. Schließlich entscheidet er sich dazu, sich sowohl auf einen möglichen Angriff von Piraten wie auch auf eine große Anzahl weiterer Verwundeter vorzubereiten.

"Werter Magus, ich werde noch ein paar Tinkturen aus meinen Vorräten besorgen. Ich bin sofort wieder da."

'Bin ich ein Feigling, nur weil ich alle Eventualitäten ins Kalkül ziehe - wohl kaum' versucht er sich selbst seine Notlüge zu rechtfertigen.



Phexane und Efferdan


Nachdem der Kapitän gesprochen hat, ist ein kurzer Moment der Stille eingetreten. Nur ein paar Leute auf dem Deck reden, Matrosen machen die Rotze klar und das Knarren des Schiffes ist zu hören.

Doch dann hört Phexane ein "Aaah!" in ihrer Nähe und einer der Matrosen, ein ziemlich hellhäutiger Mann, fällt der Länge nach hin, woraufhin zwei Kugeln auf das Deck knallen und Richtung Vordeck kullern.

Dann rummst es noch einmal und sie sieht, wie der Thorwaler, der zuvor oben am Ausguck war, unten am Mast steht.

Doch Phexane achtet nicht auf dem "Masthüpfer" sondern kniet sich neben den Matrosen und fragt ihn:

"Könnt Ihr aufstehen?"



Leise stöhnend versucht Efferdan sich aufzurichten. Alles dreht sich vor seinen Augen; seine Brust, seine Arme, seine Beine - alles scheint im ersten Moment im Schmerz zu zerfließen. Nur undeutlich kann Efferdan das Rauschen des Meeres wahrnehmen. Ächzend stemmt er sich auf seine Arme, nur um wieder zurück auf den Bauch zu fallen.

`Was... was ist passiert. Wo bin ich? Warum? Aach... ja...`

Efferdan schüttelt den Kopf, um die Benommenheit abzuschütteln. Endlich gelingt es Efferdan sich auf seine Arme zu stützen. Langsam klärt sich sein Blick, der Schmerz verebbt. Nur hier und da ist noch ein leichtes Stechen und Pochen zu spüren.

`Oh verdammt, das gibt blaue Flecken...`

Plötzlich bemerkt er eine Gestalt, die neben ihm kniet und ihn fragt.

`Was sagt sie... aufstehen? Ich? ... Ob ich aufstehen kann???`

Langsam öffnen sich seine Lippen:

"Ja... es... geht... schon, d.. danke"

Als Nirkas Ruf übers Deck schallt, verzieht sich Efferdans Gesicht. Man kann richtig sehen, wie Efferdan sich zusammenreißt. Mühsam hebt er den Kopf, seine meerblauen Augen richten sich auf das Vordeck. Kurz blinzelt er, um Nirka deutlich erkennen, dann bemüht er sich mit klarer Stimme zu rufen:

"Verzeih...ung Bootsfrau... es.. es.. tut mir... leid. Ich... sammel sie... wieder auf... sofort..."

Obwohl er immer noch etwas benommen ist, versucht Efferdan auf die Knie zukommen...



Phexane steht wieder auf und sieht kurz, wie der Matrose versucht ebenfalls wieder hochzukommen.

'Wenn ich mich nicht irre, dann hat er einen albernischen Akzent. Klingt direkt heimelig ...'

"Ich helf' Euch trotzdem!" sagt Phexane in einem möglichst breiten albernischen Dialekt und schnappt sich Efferdan am Arm, um ihm etwas hoch zu helfen.



Gerade ist es Efferdan gelungen, halbwegs auf die Knie zukommen, als die Person an seiner Seite einen seiner Arme wegreißt, wohl in der Absicht, ihm zu helfen, wie Efferdan aus den Wortfetzen schließt, die er am Rand wahrnimmt.

`Eine Frau... will mir helfen... klingt wie... meine Mutter.. .schön wieder...`

Fast wäre Efferdan, einer seiner Stützen beraubt, wieder auf die Planken gefallen, nur mit größter Anstrengung kann er dies verhindern. Verwirrt wendet Efferdan seinen Blick von Nirka ab und Phexane zu. Für einen Augenblick scheint er drei Personen zu sehen, als alles um ihn herum schwankt, doch dann blickt er in das Gesicht der jungen Frau mit braunem, langem Haar, schwarzen Augen und der dünnen rötlichen Narbe auf der linken Seite.

Langsam legt sich Efferdans Benommenheit, das Schwindelgefühl ebbt ab. Vorsichtig setzt er sich nun ganz auf seine Knie, auch den zweiten Arm vom Boden lösend.

"Ich danke Euch"

Fast schüchtern blick Efferdan zu Boden, dann macht er Anstalten, sich ganz aufzurichten...



Phexane versucht Efferdan hoch zu helfen, doch sie achtet dabei weniger darauf, daß er sicher wieder aufsteht, sondern mehr auf seine etwas seltsame Haut.

'Die meisten Matrosen haben doch eine wesentlich dunklere Haut, auch wenn sie aus dem Norden stammen. Der hier ist wiederum wirklich sehr blaß.'

Phexane schaut auf den Arm, den sie hält.

'Wie weich seine Haut ist! Richtig angenehm.'

Ohne es selber zu merken, streicht sie kurz sanft über Efferdans Haut und schaut geradezu abwesend darauf.

"Schön ..." kommt es ihr leise von den Lippen.



Immer noch etwas schwankend, aber deutlich sicherer als zuvor, richtet sich Efferdan ganz langsam auf. Noch einmal durchzuckt ein kurzer Schmerz seine Glieder, noch einmal scheint sich das Schiff um ihn zu drehen - dann sieht Efferdan wieder klar und steht jetzt an Deck. Sein einer Arm ruht immer noch in Phexanes Händen, deren Streicheleinheiten Efferdan noch gar nicht richtig wahrnimmt, mit der Hand des anderen, freien Arms tastet er verstohlen seine linke Seite ab.

Etwa in Hüfthöhe verzieht Efferdan des Gesicht, ein schmerzerfülltes Zischen entweicht seinem Mund.

`Autsch, das wird ganz schön blau werden...`



"Oh, äh, natürlich!"

Phexane läßt schnell Efferdans Arm los und guckt leicht beschämt zu Boden.

'Reiß dich zusammen, Phexane! Nur weil irgend so ein Jüngling so eine zarte Haut hat, mußt du dich nicht gleich selbst vergessen! Am besten tue ich so, als wäre nichts passiert.'

Phexane schaut kurz in Efferdans Augen, richtet dann aber den Blick wieder zum Meer hin, um dann zu sagen:

"Entschuldigt, aber ihr sprecht auch albernisch. Woher genau kommt ihr?"



`Äh, was? Wo ich herkomme? Aber ich kann nicht, ich muß ... Oh Efferd helfe! Nirka reißt mir den Kopf ab...`

Efferdan tritt von einem Fuß auf den anderen. Verlegen sieht Efferdan Phexane an. Eine leichte Röte überzieht sein Gesicht.

"Ähm, verzeiht... aber ich muß. Wenn Ihr fragen... später? Ich muß wirklich..."

`Nirka wird mich kielholen lassen...`

Nachdem er diesen Satz gesagt hat, schaut Efferdan erst kurz verlegen zu Boden, dann auf dem Deck umher.

`Wo ist nur diese Kugel hin?`

"Äh, also entschuldigt...habt Ihr zufällig gesehen, wo die eine Steinkugel abgeblieben ist.. ich muß sie... die Bootsfrau wartet..."

Fragend blickt er noch einmal kurz zu Phexane.

`Wo ist nur diese Kugel? Nirka wird...`

Wieder sieht sich Efferdan um, sein Gesichtsausdruck ist gequält und unsicher. Anscheinend wird er zunehmend nervös.



Efferdans Blick fällt auf Nirka.

`Auweia, sie sieht ungehalten aus. Wird Zeit, daß ich die Kugeln hoch schaffen... Wo sind sie eigentlich... ich muß sie losgelassen haben...`

Suchend schweift sein Blick über das Deck. Hat dieser Thorwaler da nicht etwas in der Hand. .ja, richtig. Jetzt meint Efferdan sich auch zu erinnern, daß dieser Hüne etwas zu ihm gesagt hatte...

`Wo will er mit der Kugel hin.. es scheint als steuert er das Vordeck an... gut, dann habe ich es später nicht so weit, wenn er schon dort steht... aber wo ist die andere...`

Gerade will Efferdan sich nach dieser umschauen, als seine scharfen Ohren wahrnehmen, daß die Frau neben ihm etwas flüstert. Jetzt erst bemerkt er Phexanes weiche Hand auf seiner ... manche Leute würden sie seidig nennen ... Haut. Irritiert sieht Efferdan Phexane an, schaut ihr dabei aber nicht in die Augen, sondern hält schüchtern seinen Blick etwas gesenkt.

"Ähm... dank Euch, daß Ihr mir geholfen habt. Das... das war sehr nett von... aber... ich muß meine Arbeit noch...könntet ihr mich bitte...ihr könnt mich jetzt los... lassen, danke... es geht... wieder.. wirklich..... Danke" stammelt er.

Und wirklich, Efferdan spricht eindeutig mit albernischem Einschlag.



Phexane schaut noch einmal fest und geradezu tief in seine meerblauen Augen. Jeder, der Phexane jetzt sehen würde, würde eine leichte Röte auf ihren Wangen feststellen, die garantiert nicht von einem Sonnenbrand herrührt!

'Solche blauen Augen ... man kann sich direkt drin verlieren!'

"Nun, wenn ihr wollt, dann können wir ja später miteinander weiter reden."

Dann wendet Phexane ihre Augen von ihm ab und blickt kurz in Richtung Vordeck, um nach einer der Steinkugeln zu suchen, doch kann sie nichts entdecken.

"Wo aber die eine Kugel ist, weiß ich nicht. Tut mir leid!"

Kurz überlegt sie.

"Wenn ihr mögt, helfe ich euch suchen!"

'Ich muß mich wirklich zusammen reißen! Er ist nur ein normaler Mann, ein ganz normaler Mann! Wahrscheinlich genauso ein Hallodri wie die meisten anderen auch! ... Aber diese Haut! Und diese Augen erst!'



Ein Ausdruck der Resignation macht sich in Efferdans Gesicht breit, als Phexane antwortet, daß auch sie nicht weiß, wo die Kugel hin ist.

`Eine hat der Thorwaler - aber wo ist die andere?`

Als Phexane im aber anbietet zu helfen, blickt Efferdan wieder verlegen zu Boden.

"Ähh...vi.. vielen Dank..."

Fast scheu blickt er zu Phexane herüber.

"Es wäre.. nett, wenn ihr mir helfen..."

Abrupt sieht Efferdan weg, vielleicht weil sein Gesicht gerade noch röter wird...

"Verzeihung..." flüstert er.

Dann läuft Efferdan in Richtung Vordeck, immer auf dem Schiff hin und her spähend.

`Die muß doch irgendwo sein.... Wenn ich sie nicht bald finde wird Nirka...`

Erschrocken schüttelt Efferdan den Kopf. Er möchte sich lieber nicht ausmalen, was die Bootsfrau mit ihm anstellt, wenn er ihr nicht gleich die Kugeln bringt.

`Wo kann sie nur hingerollt sein... vielleicht zwischen die Taue?`

Suchend bewegt sich Efferdan auf die an Deck liegenden Taurollen zu...



"Klar helfe ich euch!" antwortet Phexane auf Efferdans Bitte hin.

Sie lächelt, doch ist es diesmal nicht das schwärmerische Lächeln wie zuvor, sondern vielmehr ein eher amüsiertes.

'Der ist ja wirklich sehr schüchtern! Offenbar muß ihn wohl nur eine Frau anlächeln und schon wird er rot ... süß!'

Mit diesen Gedanken schaut auch sie sich nun etwas genauer am Deck um, guckt hinter die eine oder andere Kiste, kann aber die Kugel nicht finden.

'Moment! Da liegen doch diese Seilrollen! Vielleicht ist sie dort irgendwo.'

Phexane geht zu einer der Seilrollen, die in der Nähe des Vordecks liegen.



Efferdan hat die Taurollen erreicht, wohl bemerkend, daß Phexane ebenfalls in diese Richtung läuft.

`Sie hat wohl dieselbe Idee...`

Suchend blickt er sich um - und richtig, dort, inmitten einer Taurollen, fast verdeckt von eben dieser, kann Efferdan mit seinen scharfen Augen die Steinkugel erspähen. Eilig macht er den Schritt zu ihr hin...

"Ich habe sie!"

... bückt sich und hebt die Kugel mit beiden Händen auf. Fast wäre sie ihm wieder entglitten, als die NORDSTERN - bedingt durch des Kapitäns Befehle - abzubremsen beginnt. Aber nur beinahe - so schnell wird er dir Kugel nicht mehr fallen lassen!

Allerdings verzieht Efferdan beim Bücken das Gesicht und läßt Luft durch die Zähne entweichen. Offensichtlich behindern die blauen Flecke doch etwas beim Bücken... Doch nichtsdestotrotz richtet sich Efferdan wieder auf, mit der Kugel in beiden Händen. Flux machen sich seine nackten Füße auf dem Weg zur wartenden Bootsfrau während seine Augen versuchen etwaige Hindernisse zu erspähen.



Phexane sieht, daß auch die letzte Kugel gefunden wird. Sie blickt noch kurz dem zur Rotze hineilenden Efferdan nach, geht dann aber wieder - vorsichtshalber! - zurück zum Niedergang, wo sie sich postiert,um bei dem ersten Anzeichen einer Falle, einen sicheren Platz im Ladedeck zu suchen.

Sie beobachtet wieder das Wrack und kann sich des unguten Gefühls, das sie schon zuvor hatte nicht erwehren.

'Was wäre eigentlich, wenn dort wirklich Piraten auf uns warten, angreifen und ich letztlich die Einzige bin, die es überlebt? Ich wäre ganz alleine auf diesem großen Schiff! Was soll ich dann machen? Ich hoffe, daß es nicht so weit kommt.'

Sie streicht sich mit ihrer rechten Hand am Hals entlang, ergreift dann aber ein Lederband, an dem sie leicht zieht, so daß der Anhänger, der zuvor noch unter ihrem Hemd verborgen war, zum Vorschein kommt. Phexane ergreift den Anhänger, hört dabei in Gedanken

'Das ist kein Fuchs, Mama! Das ist ein Pferd!!!' und denkt an etwas ruhigere Zeiten zurück ...



Aleara


Amüsiert betrachtet Aleara das 'Murmelspiel' und noch lustiger findet sie, wie Efferdan unbeholfen versucht, seinen Auftrag zu Ende zu bringen. Als sie jedoch bemerkt, daß Nirka sauer zu werden beginnt, und daß auch sie selbst dann nicht ungerügt davonkäme, macht sie ein paar schnelle Schritte hinunter zum Vordeck in Richtung der Seilrollen, um die zweite Kugel zur Rotze zu bringen...



Anselm


'Tralalala..nix los hier...'

*KRACH*

'Was war das?!'

Anselm dreht sich wieselflink herum und sieht wie ein hellhäutiger Mann die Länge nach den Deckboden küßt. Er kann sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

'Hihihöhöhähä.... ach ja, Schadenfreude ist des Diebes Kumpan.'

Doch kaum besinnt er sich wieder, steigt ihm in den Kopf, daß er eben etwas knapp am Horizont erkennen konnte

'Ein Schiffwrack? Ach, jetzt fügt sich alles zusammen. Piraten, Verletzte, Entern. Klar doch!'

Interessiert hechtet Anselm über das Deck in Richtung Bug.



Der kleine Mann ist nun weiter in Richtung Bug gelaufen, um das Schiff erkennen zu können. Aber er hat Mühe und Not überhaupt was zu erkennen.

'*Knurr* Vermag eine kleine Körpergröße die Illusion von Unscheinbarkeit zu verbreiten und mag sie noch so nützlich zu sein im Gewühle einer Stadt, so wünschte ich doch jetzt, ich wäre 2 Schritt lang. Dann könnt ich wenigstens was von dem Kahn erkennen!'

Wie ein Hampelmann springt Anselm immer wieder in die Höhe, um kurz einen Blick auf das Schiff zu werfen.



In der Messe


Unbehaglich sieht Xenia nach oben.

'Was ist da los - ob es wieder eine Meuterei gibt?'

Ängstlich dreht sie sich zur Tür, halb erwartend, das da gleich jemand auftaucht, um eine Schlägerei anzufangen oder ähnliches. Abschätzend schaut sie gleich darauf zu Fiana.

'Wenn Fiana nicht der Meinung ist, daß wir raus gehen sollten, dann wird es in Ordnung sein, wenn ich hier bleibe...' denkt sie etwas erleichtert.

"Was war das?" fragt sie die Offizierin mit besorgtem Gesichtsausdruck, wobei sie versucht, ihre Befürchtungen möglichst zu verbergen.



Das laute Gepolter an Deck macht Fiana nun doch unruhig, auch wenn sie derzeit keine Schicht hat hält sie einen Besuch an Deck für unabdingbar.

"Es tut mir leid, aber ich glaube ich werde jetzt an Deck gebraucht"

Während sie dies sagt packt sie ihre Sachen und fügt noch hinzu:

"Ihr beide werdet sicher jetzt auch an Deck gebraucht" verkündet Fiana während die Xenia und Wasuren anblickt.

"Ihr, werter Jarun, entschuldigt bitte, ich hoffe, wir vier haben heute abend im Hafen Gelegenheit das Gespräch fortzusetzen"

Fiana macht dann Anstalten zur Tür zu gehen und betritt das Unterdeck



'Nanu, war da nicht etwas?' fragt sich Fiana als sie einen Lufthauch bemerkt, doch angesichts der eventuellen Brisanz der Ereignisse an Deck bleibt ihr keine Zeit das näher zu verfolgen, es wird wohl die Katze gewesen sein, denkt sie sich und macht sich daran über den Heckaufgang das Oberdeck zu betreten.

Dort schaut sie sich um und sieht zum ersten mal das Schiff von näher.

'Die armen Schweine hat es ja übel erwischt'

Dann erkennt die das die Rotze klar gemacht wird und eilt sofort weiter zum Kapitän.

Dort angekommen, wird sie sich bewußt, daß die Lage eigentlich doch nicht so ernst sein kann, denn sie hat zwar keine Schicht, aber wenn es etwas wirklich Ernstes gegeben hätte, würde man sie wohl holen lassen.

"Melde mich zum Dienst, Kapitän!" spricht sie als sie das Brückendeck betritt.



Ameg lauscht


Ameg denkt nicht weiter nach, sondern zwängt sich an Phexane und dem Matrosen vorbei zum Niedergang und stürmt diesen herunter. Egal ob er für das Stolpern des Matrosen mit verantwortlich ist oder nicht, er will auf keinen Fall so lange bleiben bis jemand ihm die Schuld gibt.

Unten angekommen stolpert Ameg beinahe selbst, so schnell rennt er die Stufen hinunter. Aber er kann sich gerade noch fangen. Ein paar Schritte geht er vom Niedergang weg und wartet einige Momente bis sich seine Augen vom Sonnenlicht an die anderen Lichtverhältnisse unter Deck gewöhnen.

'Wo ich wohl Torin finde? Ich schau wohl erstmal in der Messe, bei der Küche und im Gemeinschaftsraum nach... hmm.. sind da nicht Stimmen in der Messe?'



Ameg lauscht den Stimmen die er leise aus der Messe hört. Er bekommt nicht jedes Wort mit, doch genug, um ungefähr zu verstehen, was dort passiert.

'Was machen die da? Eine Besprechung? ..während draußen ein Schiff kommt? ... irgend jemand erzählte etwas davon, daß es kürzlich eine Meuterei gegeben habe... gehören die vielleicht noch dazu? ... hmm.. die Frau meint sie wird an Deck gebraucht.. und 2 andere auch.. Matrosen? ..und Jarun.. wer ist das? hmm ... wir 4, sagte sie... also sind es 4.. dann ist Torin nicht dort... oh .. es kommt jemand raus..'

Ameg schaut sich nach einem Versteck um, doch so schnell kann er nichts anderes finden als den Niedergang zum Unterdeck. Schnell huscht er dort hin und versteckt sich dort, jedoch nicht ohne darauf zu achten, daß er noch ein wenig Sicht nach oben hat.

'Sooo... wenn die nicht her schauen, dann werden sie mich auch nich sehen.. hoffe ich. und wenn sie mich doch sehen.. dann behaupte ich einfach, daß ich meine Würfel suche, die mir runtergefallen sind.. Wollen doch mal sehen ob ich nicht heraus finde wer sich hier heimlich bespricht während alle anderen an Deck sind..'



Ameg hört wie sich Schritte entfernen und den Heckaufgang hinauf verschwinden.

'bei Phex.. bist du denn völlig dumm, Ameg? ..hast du nichts auf der Strasse gelernt? natürlich gibt es keinen Grund, warum die Leute, die du beobachten willst, gerade da vorbei rennen wo du dich versteckst. ..insbesondere wo der andere Aufgang gleich nebenan ist.. Torin sollte ich hiervon besser nichts erzählen..

Aber die seltsame Besprechung ist wohl zu Ende, da kann ich jetzt ja mal direkt vorbei schauen....'

Ameg springt wieder auf und geht schnell zum Eingang der Messe. Er blinzelt ein wenig als er Wasuren und Xenia dort entdeckt.

'die beiden führen doch bestimmt nichts Böses im Schilde... aber was haben sie dann hier gemacht? ...Matrosen unter sich ... mag ja noch angehen, aber was macht der Mann da drüben hier... hmm... nun ja.. ich werde mal nach Torin fragen... Phex zum Gruß ....'

"ehemm... Efferd zum Gruß", sagt Ameg brav wie einer dieser abgrundtief freundlichen Jungs, die immer das tun was Mami und Papi sagen, "habe ihr zufällig Torin gesehen?"

Interessiert schaut Ameg hinüber zu dem Tisch wo sich die drei befinden.

'Hmm.. zumindestens gegessen haben sie hier schon mal nichts... aber was war dann?'



Die Matrosin steht von ihrem Stuhl auf.

"Äh... ne, wer ist Torin?" antwortet sie Ameg etwas verwirrt, dann folgt sie eilig der Offizierin. Allerdings bleibt sie hinter der Tür erst noch einmal stehen, um sich das Gepolter oben mit ängstlichem Gesichtsausdruck und ebensolchen Gedanken genauer anzuhören und dabei evtl. die Ursache herauszufinden, ohne sich einer möglichen Gefahr an Deck auszusetzen.

'Das wird sicher wieder eine Meuterei sein - ganz bestimmt...' denkt sie, und ihr läuft eine Gänsehaut über den Rücken. Zaudernd und an ihrer Unterlippe knabbernd bleibt sie weiter vor der Tür zur Messe stehen.

'Was mach' ich jetzt bloß???'



Wasuren schaut nicht schlecht, als plötzlich alles in der Messe aktiv wird, weil scheinbar an Deck irgend etwas im Gange ist.

Dann schiebt er seine Schreibfeder, die noch immer auf dem Tisch vor ihm liegt, Jarun zu, mit den Worten:

"Seht doch einmal hier nach ob ihr etwas findet. Vielleicht ist die Karte ja beschrieben worden."

Wasuren steht auf und geht auf den Ausgang der Messe zu. Freundlich spricht er den Jungen auf dem Gang an.

"Torin? ah du meinst diesen Mann, der so ähnlich rum läuft wie du, Ameg. Nein der ist hier ganz bestimmt nicht. Aber sag doch, was ist auf dem Oberdeck los?"



Ameg grinst kurz, als Wasuren sein Aussehen mit Torins vergleicht. Irgendwie gefällt ihm das, auch wenn ihn das nur noch weiter von dem ablenkt was er eigentlich vorhatte.

Kurz wirft Ameg noch einen Blick zum Tisch, ohne jedoch genau zu erkennen was dort noch liegt, denn Wasuren steht ihm im Weg herum. Außerdem hat er ihm eine Frage gestellt...

"da hat jeman' Schiffe geseh'n.. drei Stück.. zwei war'n Pirat'nschiffe, aber die sind weg bevor wir kam'n.. jetzt ist da noch so n total kaputtes Schiff drauss'n und da sin' wir bald da..", sagt Ameg und nach einer kleinen Pause fügt er hinzu, "un' einer spielt mit gross'n Murmeln an Deck...un' ich such' imma noch Torin.."

Als das Schiff langsamer wird und mehr auf den Wellen schaukelt hat Ameg ein wenig Schwierigkeiten sicher zu stehen. Doch daraus ergibt sich vielleicht eine Gelegenheit; nach und nach, mit ganz kleinen Schritten versucht er sich an Wasuren vorbei zu schieben und ganz in den Raum zu kommen.

'was spielen die beiden da wohl?'



Die letzten Augenblicke verfolgte Jarun weder die Worte die gesprochen worden, noch das Verlassen aller anderen, an dem Treffen beteiligten. Nachdenklich starrte er auf die Karte und die anderen Fundstücke, die sie in der Kiste gefunden hatten.

'Wo gab es einen Zusammenhang zwischen ihnen? EinHinweis auf den Ort des Schatzes!'

Keiner der Gegenstände schien auf den ersten Blick etwas mit einem Schatz zu tun zu haben oder bei der Suche nach seinem Versteck behilflich zu sein. Man hörte förmlich seine Gedanken im Inneren seines Schädels, wie er nach Geschichten und Erzählungen über die Zyklopeninseln forschte.

Das Eintreten des Jungen in die Messe reißt Jarun aber mit einem Mal aus seinen Gedanken. Mit einer intuitiven Bewegung läßt er die Gegenstände auf dem Tisch in der Tasche seines Umhangs verschwinden. Allein das feine Seidentuch entwischt seinem Arm und wirbelt einige Finger über dem Tisch in die Luft.

Trotz seiner Überraschung über die Unterbrechung versucht Jarun ein freundliches Lächeln auf sein Gesicht zu spielen.

"Na, du kleine Racker, suchst wohl ein Abenteuer."

Während dieser Worte fängt Jarun das herunter schwebende Seidentuch aus der Luft und tupft sich mit ihm einige Schweißperlen vom Hals.



'Hmm... was hat er da nur gerade eingesteckt? Die Leute auf diesem Schiff sind so voller Rätsel und wahrscheinlich hat jeder sein kleines Geheimnis... ich selbst habe ja auch eines... und Torin auch... und Phexane... warum nicht auch alle anderen?'

Ameg preßt die Lippen aufeinander und nickt dem seltsamen Mann zu.

'Was meint der nur mit Racker?'

Ameg schaut kurz zu Wasuren und dann wieder den Mann an, der, nach der Unterhaltung vorhin zu urteilen, wohl Jarun sein muß.

"Gib's denn hier 'n Abenteuer?", fragt Ameg.



"Hier gibt es nicht nur `n Abenteuer, sondern viele. Es gilt nur zu wissen, wo man sie suchen muß."

Mit einem Lächeln geht er auf Ameg zu.

"Soll ich dich mitnehmen auf ein kleines Abenteuer?"

Vielleicht springen sogar ein paar Silberlinge für dich dabei heraus. Vorausgesetzt, du stellst dich nicht zu dumm an! Und dein Mut verläßt dich nicht. So jemanden kann ich nämlich nicht gebrauchen."



"bin nich' dumm und ich hab' Mut", behauptet Ameg. Dennoch beäugt Ameg diesen Jarun vorsichtig.

'ob man ihn trauen kann? eigentlich sollte ich auf diesem Schiff nichts befürchten... Torin ist ja irgendwo in der Nähe.. auch wenn ich ihn im Moment nicht finde. Ich kann ihn ja weiter suchen nachdem ich mir ein paar Silberlinge verdient habe..'

Amegs Augen glänzen als es fragt:

"was für 'n Abenteuer is' es denn?"



Am Geschütz


Die Bootsfrau wird langsam doch ungeduldig, denn die Entfernung zwischen dem Wrack und der NORDSTERN wird immer geringer. Zwar ist es noch nicht gerade in Rufweite, aber unter guenstigen Umständen könnte man es mit der Rotze jetzt schon erreichen - natürlich nur, wenn die dazugehörigen Kugeln etwas anderes zu tun haben, als auf dem Deck umher zu rollen. Nirka glaubt zwar nicht an einen Hinterhalt, doch der Befehl des Kapitäns war eindeutig und lautete, daß die Rotze einsatzbereit zu machen ist - und das fällt natürlich in ihre Verantwortung.Sie blickt noch einmal zum Wrack hinüber, und nimmt sich dann vor, Efferdan noch ganz kurz Zeit zu geben, die Munition nach hier zu schaffen.



Das Schiff bereitet sich ganz offensichtlich auf das Abstoppen vor, und das Geschütz ist immer noch nicht bereit!

Die Bootsfrau bleibt aber dennoch auf ihrem Posten, da sie sieht, daß sich neben Efferdan bereits drei andere, darunter auch die Matrosin Aleara, um die Munition kümmern, so daß die Wahrscheinlichkeit recht groß ist, daß sie innerhalb der nächsten Augenblicke wenigstens eine Kugel in das Geschütz legen kann, was ja für den Anfang auch vollkommen ausreichen wird. Sie unterbricht die Musterung der Vorgänge auf dem Oberdeck nur ganz kurz, um wieder einmal einen Blick zu dem näherkommenden Wrack zu werfen, auf dem man ganz sicher kein Geschütz klar gemacht ist. Mit Kugel aus dieser Richtung ist also erst einmal nicht zu rechnen... und die aus der anderen Richtung werden wohl hoffentlich bald da sein...



Mit breitem Grinsen steigt Hjaldar auf das Vordeck hinauf.

"Hoi, Jungs un' Mädels. Ich hab' gehört ihr plant 'ne Runde Kugelstoßen mit ordentlich Schwung?"

Übertrieben prahlerisch präsentiert er die Kugel und hält sie Nirka hin, während sein Augenmerk bereits interessiert auf die Rotze gerichtet ist.

Zwar kennt er sich mit solchem Kaliber nicht aus, aber er muß sofort an einen alten Kameraden denken, einen zwergischen Richtschützen, der das Ding mit Sicherheit am liebsten bis zur kleinsten Schraube auseinander- und dann wieder zusammengebaut hätte. Und mit etwas Glück hätt's dann immer noch funktioniert ...



"Das wohl!" erwidert die Bootsfrau dem Thorwaler, während sie die Kugel ergreift, als wäre diese nicht wirklich schwer.

"Nur glaube ich nicht daran, daß wir wirklich schiessen müssen - da drüben ist ganz sicher kein Hinterhalt."

Sie legt die Kugel an der richtigen Stelle in die Rotze, und läßt ihre Blicke dann kurz über das Geschütz gleiten, das nun wirklich feuerklar ist, was auf Nirka doch ziemlich erleichternd wirkt.

Grinsend dreht sie sich wieder zu Hjaldar um.

"Aber vielleicht erlaubt der Kapitän ein Zielschießen auf das Wrack da, wenn wir die Überlebenden geborgen haben. Das Ding, so wie es aussieht, wird doch ohnehin bald absaufen, da stört das ja dann nicht..."

Man kann ihrem Gesichtsausdruck, ja ihrer ganzen Körperhaltung, deutlich ansehen, daß ihr das sehr viel Spass machen würde.



Der Kapitän und der Zauberer


Jergan Efferdstreu blickt den Magier erstaunt an.

"Was soll das bringen? Wir sind doch schon dicht genug heran, daß man mühelos sieht, daß die NORDSTERN nur eine kleine Karavelle ist. Das einzige, was in der Art klappen könnte, wäre die Illusion eines ankommenden Schiffes - in dem unwahrscheinlichen Fall, daß das wirklich eine Falle sein sollte. Das könnt ihr gerne tun, wenn es nötig sein sollte. Doch jetzt müssen wir erst einmal versuchen, Kontakt zu den Überlebenden zu bekommen."

Der Kapitän der riva'schen Karavelle schätzt rasch den Abstand ein - es ist immer noch ein wenig mehr als Rufweite, aber genau die richtige Entfernung, um das Schiff abzubremsen und auf das Beidrehen vorzubereiten.

Der Wind kommt derzeit, wie fast die ganze Zeit seit Thorwal, von steuerbord leicht achtern und läßt das Schiff gut vorankommen - und erzeugt natürlich auch Wellen, die vom Deck der Karavelle aus nicht sehr groß wirken, aber dennoch etwa einen halben Schritt Höhe erreichen, was für das kleine Beiboot nicht wenig ist - falls es zum Einsatz kommen sollte.

Jergan nickt dem Magier entschuldigend zu, dann ruft er:

"Fiert die Segel!"

Die Matrosen an den Winden reagieren auf den Befehl ihres Kapitäns in der gewohnten Geschwindigkeit, und schon werden die Segel aus dem Wind gedreht, bis sie eine Stellung erreichen, in der der Wind in etwa parallel an ihnen entlang streichen kann.

Das Schiff wird dadurch natürlich langsamer, auch wenn seine Masse es nicht sofort stoppen läßt, und es ziemlich klar ist, daß der derzeitige Schwung um einiges weiter als bis auf die Höhe des Wracks reichen wird. Doch das weiß der erfahrene Kapitän am Steuer auch, und er wartet nur auf den richtigen Moment, um die Kraft des Windes zum Bremsen zu benutzen.

Doch noch ist das nicht ganz soweit, auch wenn man es jetzt allmählich schaffen könnte, sich rufend von einem Deck zum anderen zu verständigen.

Jergan nimmt derweil die Meldung der ersten Offizierin mit einem Nicken zur Kenntnis, und sagt leise in ihre Richtung:

"Für Euch habe ich gleich eine wichtige Aufgabe!"



Efferdan der 'Kugelfänger'


Flink drückt sich Efferdan an der gerade angelaufen kommenden Aleara vorbei, die (nun nicht mehr) vermißte Steinkugel in beiden Händen haltend.

"Hab sie schon..."

klingt hell und leise aus Efferdans Mund in ihre Richtung, dann ist Efferdan auch schon am Aufgang zum Vordeck, den er regelrecht hoch stürmt - diesmal allerdings darauf achtend, NICHT zu stolpern.

Oben angekommen bewegt er sich jedoch langsamer, deutlich langsamer. Je näher er der Bootsfrau kommt, desto betretener wird sein Gesichtsausdruck. Als er schließlich bei Nirka ankommt, die sich anscheinend gerade mit dem Thorwaler unterhalten hat, bleibt er stehen, blickt verlegen zu Boden, hebt die Kugel mit beiden (zitternden) Händen in ihre Richtung und stottert mit seiner gewohnt glockenhellen Stimme:

"Schuldigung, Bootsfrau. Hier... die zw.eite Kugel... ich wollte sie schnell hochbringen... aber sie waren so schwer.. und hab die Stufe übers... Entschuldigung..."

`...hoffentlich ist sie noch nicht richtig böse...`



Auf der Brücke


Das Leben eines Kapitäns ist nicht einfach. Oft gibt es unterwegs lange Phasen, in denen es nichts oder nur sehr wenig zu tun gibt, doch dann kommen auch immer wieder Momente, in denen alles auf einmal kommt, in denen man eigentlich mehrere Dinge zugleich tun müßte, und sich dann noch um viel mehr kümmern müßte.

Genau so ein Moment ist für Jergan auf dem Brückendeck der NORDSTERN nun eingetreten. Eigentlich müßte er der Höflichkeit halber sich weiter mit dem Magier unterhalten, anderen Fahrgästen Auskünfte geben, mit Fiana den eventuellen Einsatz des Beibootes besprechen, dem Schiffbrüchigen auf dem Wrack drüben Fragen zurufen oder zurufen lassen, und sich dann auch noch um die Führung des Schiffes zu kümmern.

Natürlich kann das so nichts werden, jedenfalls nicht alles auf einmal, und so kümmert Jergan Efferdstreu sich zuerst um das, was wirklich unaufschiebbar ist, nämlich um die Navigation und Schiffsführung.

Die Karavelle hat bereits ordentlich Fahrt verloren, und wurde von ihrem Schwung auf die Höhe des Wracks getragen, das nur noch wenig mehr als fünfzig Schritt entfernt ist. Höchste Zeit also, das Schiff wirklich zu stoppen.

"Beidrehen!" ruft Jergan, und kurbelt zugleich das Steuer bis zum Anschlag nach backbord. Für einige Momente schwenkt die NORDSTERN auf das Wrack zu, dann...

"Segel weiter fieren!"

...wirbelt der Kapitaen das Steuer zum entgegengesetzten Anschlag herum, während auf dem Oberdeck zugleich die Segel noch weiter aus dem Wind genommen werden. Schwerfällig, weil kaum noch Fahrt vorhanden ist, dreht der Bug der NORDSTERN nach steuerbord und damit wieder vom Wrack weg. Der Kapitän verändert die Ruderstellung nicht, so daß das Schiff weiter dreht. Der Wind trifft die Segel wieder, und drückt sie in "falscher" Richtung an den Mast, was die restliche Fahrt der Karavelle sehr schnell aufhebt.

"Segel aus dem Wind nehmen!"

Das Manöver dauert nicht lange, und zu seinem Ende hat sich die Situation etwas stark verändert: Der Bug zeigt jetzt gegenüber der bisherigen Fahrtrichtung etwas mehr nach steuerbord, und das Heck ist leicht in Richtung des Wracks gedreht. Und... das wichtigste: Das Schiff macht so gut wie keine Fahrt mehr.



Fiana nimmt die Worte des Kapitäns aufmerksam entgegen. Da sie weiß, daß er im Moment ungeheuer viel Verantwortung trägt und alle Aufmerksamkeit auf das Schiff lenken muß erspart sie ihm sowohl Worte, als auch Fragen und nickt ihm nur zu, auf daß er erkennt, daß sie verstanden hat. Dann stellt sie sich so das sie jederzeit Befehle annehmen kann oder ihm helfend zur Hand gehen kann.



Jergan konzentriert sich sehr darauf, das Segelmanöver sauber abzuschließen. Das Schiff hat gestoppt, es liegt so, daß man das Wrack gut erreichen kann, und natürlich auch so, daß dieses im Schußfeld der Rotze ist.

Das einzige, was noch nicht so schön ist, sind die gesetzten Segel, die das Schiff gebremst haben, denn in ihrer jetzigen Stellung würden sie dazu führen, daß die NORDSTERN ganz langsam rückwärts getrieben wird - und die Segel ziemlich belastet werden, weil sie gegen die Masten und gegen einige der Trossen gedrückt werden.

"Holt die Segel dichter und refft sie!" ist darum der nächste Befehl des Kapitäns.

Während auf dem Oberdeck sich die Matrosen beeilen, diesen Befehl auszuführen, sagt Jergan in Fianas Richtung:

"Und jetzt werden wir mal raus bekommen, was da drüben eigentlich passiert ist, und wie viele Leute wir von dem sinkenden Ding da bergen müssen."

Er macht jedoch noch keine Anstalten, dies umzusetzen, oder einen betreffenden Befehl zu geben, da seine Aufmerksamkeit immer noch fast vollständig der Takelage der NORDSTERN gilt, die einfach zu wichtig ist, um die Ausführung der Befehle nicht zu überwachen.



Garulf wird unruhig


Während der Schiffsjunge in Richtung Gemeinschaftskabine verschwindet, begibt sich Garulf zum vorderen Aufgang. Gemächlichen Schrittes steigt er die Stufen hinauf, die unter seinem Gewicht merklich ächzen. Oben angekommen fällt sein Blick auf das Vorderdeck auf dem Nirka gerade die Rotze lädt - oder etwa bereits nachlädt? In erschreckend geringer Entfernung treibt ein schwer beschädigtes Schiff: Eine ehemals zweimastige Karavelle!

´Bei SWAfnir, wir werden angegriffen! Oder sollte etwa ...?´ für einen Moment kommt dem Smutje der Gedanke das Auftreten als friedlicher Handelssegler könnte nur Fassade sein und Jergan Efferdstreu in Wirklichkeit ein übler Pirat! Dann jedoch fällt ihm auf wie seltsam ruhig es trotz allem ist: Momentan ist kein Befehl zu hören, niemand rennt durch die Gegend, niemand hält eine Waffe kampfbereit - und überhaupt wieso war bislang kein Kampflärm zu hören??? ´Was hat das alles zu bedeuten?´

Für seine Verhältnisse fast schon rennend macht er sich auf zum Vorderdeck, die Bootsfrau wird ja wohl Bescheid wissen.



Garulf stürmt geradezu die Stufen zum Oberdeck hinauf. Ein Matrose übergibt NIRKA gerade eine weitere Kugel, also wird doch gekämpft und der Kugelträger hält sich mit langen Erklärungen auf - Das paszt doch alles nicht zusammen!

"Bei EFFerd, was ...!?!" stammelt der Smutje zunächst, ´Garulf Nellgardsson reisz dich zusammen! Du bist ein Thorwaler, keine Garether Landratte!´

"Wurden wir angegriffen?" bringt er schlieszlich klar verständlich und präszise hervor.




Am Geschütz


Zustimmend nickt Hjaldar, als Nirka deutlich sagt, daß sie keinen Hinterhalt erwartet, wobei er immer noch mehr die Rotze in Augenschein hat. Zumindest die Leute, die was auf dem Kahn zu sagen haben, scheinen ihren Kopf auch gebrauchen zu können.

Als die Bootsfrau dann andeutet, daß sie das Wrack dann gerne versenken würde, löst Hjaldar unvermittelt seinen Blick von der Rotze und sieht Nirka mit deutlichem Interesse an, immer noch breit lächelnd.

Doch jetzt ist inzwischen auch schon der Murmelspieler mit einern weiteren Kugel da und der Smutje stürmt auch auf's Vordeck, fehlt nur noch, daß er laut brüllend sein Küchenbeil schwenkt. Also hält Hjaldar seinen Kommentar erstmal zurück und blickt statt dessen suchend über das Oberdeck, ob sich dort bereits eine Gruppe zum Klarmachen und Bemannen des Beibootes findet. Doch noch ist der Käpt'n damit beschäftigt, sein Schiff in eine günstige Position zu bringen.



Die Bootsfrau ignoriert Efferdans Erklärungen weitgehend, sie weist lediglich auf das Deck neben der Rotze, wo einige Seile der Plane liegen und damit einen wegrollsicheren Ablageplatz für die Kugel darstellen.

Es sieht auch nicht so aus, als sei sie in irgendeiner Weise böse, denn das Grinsen beherrscht ihr Gesicht immer noch sehr deutlich, und das ist ganz offensichtlich Hjaldar zugewandt.

Nur ganz kurz wendet sie sich ab, als Jergan das Schiff dreht. Ebenfalls kurz durchzuckt sie der Gedanke, daß der Kapitän das Schiff mit dem Bug in den Wind drehen könnte, was sicher die beste Methode des Stops ist - nur würde dann das Heck zum Wrack zeigen, und es damit in die einzige Richtung bringen, in die die Rotze nicht schiessen kann. Doch die Drehung stoppt rechtzeitig - schräg nach achtern backbord kann man mit der Rotze mühelos schiessen, ohne das Schiff zu zerstören.

Dann hat Hjaldar wieder die Aufmerksamkeit der Bootsfrau.

"Du magst dieses Geschütz auch, oder?"

Auch wenn das eigentlich eine Frage ist, so spricht sie es wie eine Feststellung aus, die unumstößlich ist.



Da es auf dem Deck nicht allzuviel Neues gibt 'das Beiboot is' ja noch immer nicht klar schiff, wat für Transusen', wendet sich Hjaldar unverzögert wieder Nirka zu, als diese ihn anspricht.

"Woll. Macht'n guten Eindruck. Is' zwar nicht ganz meine Größe, ich nehm' da eher 'nen bissigen Schneidzahn her, aber ich hab'n Kumpel, den würdste nur noch mit'm Brecheisen von dem Pillenspucker hier los kriegen."

Er klopft anerkennend mit der rechten Hand auf das Geschütz.

"Der Kurze hat vor Greifenfurt mit'm Aal auf fast 'ne halbe Meile so'nem Orkenhexer die Rübe runter geschossen. Ich denk' für das Ding hier würd' er glatt zwei Wagenzüge Bier steh'n lassen."



"Ein wirklich nettes Gerät!" erwidert Nirka, immer noch grinsend, und fügt nach einem weiteren Blick in Richtung Wrack hinzu:

"Hoffentlich läßt uns Jergan auf das Wrack schießen - dir würde das doch auch gefallen, oder? Ich..."

Fast ein wenig verärgert dreht sie sich in die andere Richtung, weil sie von da Worte gehört hat, die ziemlich aufgeregt klangen - und von einem Mann kamen, der doch für das Schiff ziemlich wichtig ist.

"Nein, Garulf, wir wurden NICHT angegriffen!"

Und so kommt es, daß der arme Efferdan wieder einmal von der Bootsfrau ignoriert wird...



Aleara


Nun, da die Kugeln an ihrem Bestimmungsort angelangt sind und es auf dem Vordeck doch reichlich voll wird, macht sich Aleara langsam auf den Weg zum Beiboot, daß ja nun wahrscheinlich zum Einsatz kommen wird. Flüchtig kontrolliert sie den Rumpf des kleinen Gefährtes, zufrieden nickt sie.

Eine Falle scheint das treibende Wrack ja nicht zu sein... Also wird man wohl übersetzen müssen - auch wenn das an Bord kommen am Wrack ein ganz anderes Problem darstellen wird. Aber das kann (oder muß) man dann vor Ort lösen. Abwartend sieht sie zuerst aufs Brückendeck, um dann den Blick wieder dem Wrack zu zu wenden.



Efferdan erwartet Befehle


Anscheinend ist Nirka nicht böse, jedenfalls deutet sie nur auf eine Stelle an Deck, wahrscheinlich möchte sie dort die Kugel haben. Schnell legt Efferdan diese - für ihn gar nicht sooo leichte - Kugel neben die Rotze, zwischen die Seile, so daß sie nicht wegrollen kann.

Fragend schaut er Nirka an. Immer noch wirkt er unsicher. Vor allem die Anwesenheit des Thorwalers ist ihm anscheinend unangenehm, jedenfalls bleibt er so weit als möglich von diesem weg.

"Ähm... Bootsfrau... soll ich hier noch was tun ... oder... soll ich den anderen helfen?"



`Anscheinend will Nirka, daß ich dableibe, sonst hätte sie mir ja einen Befehl erteilt oder mich entlassen. Am besten bleibe ich hier stehen und warte!`

Gedacht - getan. Still steht Efferdan auf dem Vordeck, leicht schräg zu Nirka, aber so weit als möglich vom Thorwaler entfernt. Fast verloren wirkt der schmächtige junge Mann neben der kräftigen Nirka und dem riesigen Thorwaler.

Efferdan steht da - und wartet. Wartet darauf, daß irgend jemand ihm sagt, was er tun soll. Für die Bedienung der Segel sind genug Matrosen an Deck und an der Arbeit, so daß es nicht nötig ist, dort zu helfen. Ansonsten wurde noch kein weiterer Befehl erteilt - weder wird das Beiboot klargemacht, auf ein Gefecht wird sich auch nicht ernsthaft vorbereitet und sonst gibt es nicht viel zu tun.

Tief atmet Efferdan den Duft des Meeres ein, lauscht auf das Knarzen der Planken, dem Klatschen der Segel, spürt das Drehen des Schiffs. Seine meerblauen Augen suchen, wie aus einem inneren Drang heraus, die glitzernde Fläche des Meeres, beobachten den Gang der Wellen. Ein Glitzern tritt in Efferdans Augen. Das Wrack, der Trubel, das Gerenne, das Geschrei - alles wird für Efferdan zunehmend unwichtiger. Bald nimmt er nur noch das Meer bewußt wahr, sein Blick scheint weit entfernt, die Andeutung eines seligen Lächelns ist immer deutlicher auf seinem Gesicht zu lesen...



Auf dem Wrack


In keinem der Körper auf dem Deck ist noch Leben, wie der Mann feststellt, nachdem er sich nach und nach über alle gebeugt und sie kurz untersucht hat. Hier liegt auch sein Vertrauter und Diener, schrecklich zugerichtet mit seiner aufgerissenen Brust - und dem fehlenden Herzen! Ein treuer Streiter der Sache ist er gewesen, und nun ist er für die große Sache gestorben. Kurz sucht der Mann auf Deck etwas und findet schließlich einen Eimer mit unverdorbenem Wasser, mit dem er sich notdürftig etwas reinigt. Inzwischen ist das andere Schiff deutlich näher heran, zweifellos haben sie ihn bereits gesehen. So tritt er denn wieder an die Reling und winkt nochmals hinüber.

Nicht sonderlich groß scheint er aus dieser Entfernung zu sein, mit dunklen Haaren und insgesamt hell gekleidet, wenn auch die eine Körperhälfte voll trocknendem Blut ist.



Fargus in Eile


Eiligen Schrittes verläßt der Druide das Vorderdeck, immer darauf bedacht, keinen panischen Eindruck zu vermitteln. Die Betriebsamkeit an Deck ignoriert er dabei, versucht nur konzentriert seinen Weg zu finden.

'Zu dumm auch, daß ich keinerlei Erfahrungen mit solchen Situationen habe. Dennoch, dies ist ein Moment der Tat und nicht des Zögerns'



Fargus eilt die Treppe zum Unterdeck herab in der Überzeugung, daß es nicht mehr lange dauern kann, bis seine Hilfe an Bord des anderen Schiffes benötigt wird.

'Ich hoffe nur, alter Freund' , spricht er zu sich selbst, 'daß deine Vorräte für diese Katastrophe ausreichend groß sind'. Schon jetzt keucht er ob der Anstrengung, vielleicht ist er körperlich doch noch ein wenig geschwächt.



Traumauge


Endlich ist der Zweibeiner weg, denkt sich Traumauge und schleicht sich langsam und flach mit dem Bauch, nur Bruchteile eines halben Fingers über dem Boden aus dem Raum.

Auf dem Unterdeck drückt er sich durch die dunklen Ecken und sondiert die Lage immer wieder aufs neue



Darian und Frizzi


Das Interesse des Adligen gilt offenbar wieder dem fremden Schiff. Auch Darian will sich wieder zum Meer umwenden, als Frizzi doch wieder auf Magister Elcarna zu sprechen kommt.

"Nun, sicher war ich sein Schüler, schlieszlich ist es seine Akademie, jedoch lehren noch weitere zehn Lehrmeister zu Lowangen, so dasz mir nur selten vergönnt war von ihm persönlich unterrichtet zu werden. Jedoch, die wenigen Lektionen bei ihm waren um so beeindruckender. Er verfügt über ein sehr groszes Wissen, weit über den Rahmen der Gildenmagie hinaus, ein wahrhaft hesindegefälliger Mann. ´Etwas eigenwillig´ sagtet ihr, nun wer will es einem Menschen, der so weitreichende Kontakte zu den Elbenvölkern und sogar Sumudienern und Satuariatöchtern hat, verdenken wenn er in manchen Belangen anders denkt als jemand, der solches Hintergrundwissen nicht hat. Viele grosze Vertreter unserer Zunft umgibt ein Hauch des Seltsamen, Rohal der Weise wurde zum Ende seiner Regierungszeit sogar als dämonische Entität verschrien - heilige Noionia, welch ein Irrglaube."

Hier bricht Darian erst einmal ab, schlieszlich will er seinen Gesprächspartner noch zu Worte kommen lassen und nicht in einen Monolog verfallen.



Di Vespasio ist ein wenig verwirrt. Bisher war das Leben an Bord von einer freundlichen Ruhe geprägt. Kaum war ein Laut zu hören, als das Knarren der Taue, das Knattern des Segels und das Klatschen der Wellen gegen den hölzernen Schiffsbauch.

Selbst das sanfte Auf und Ab des Schiffes hatte etwas monoton Beruhigendes, was dem Händler sehr angenehm war und entgegen aller Erwartung ihm das Einschlafen sehr erleichtert hatte; eine Sorge, die ihn in den letzten Jahren plagte.

Wenn es ihm doch nur gelingen würde im eigenen Haushalt eine solche Stille zu erzeugen! Welch ein Segen für die Konzentration, welch eine Hilfe für die Arbeit. Doch immer störte das hektische Leben der Stadt oder die Kundschaft oder eine Streiterei unter der Dienerschaft. Und war es das Eine nicht, dann waren es zwei andere Dinge.

Und nun, plötzlich, dieser Überfall von Betriebsamkeit. Rufe und Befehle quer durch das gesamte Schiff. Das Poltern der Steinkugeln über den Holzboden. Matrosen rennen sinnlos hin und her, ziehen an Tauen, nur um sie Sekunden später wieder loszulassen.

Di Vespasio versucht zunächst seiner Mißbilligung Luft zu schaffen, indem es möglichst demonstrativ im Weg steht. Doch die Matrosen laufen, falls nötig, einfach um ihn und andere herum, gehen ihren unnötigen Pflichten nach, ohne auf die wichtigeren Passagiere zu achten.

'Unmöglich. Wenn das ein Beidrehen ist, dann gefällt es dir ganz und gar nicht. Das kann man doch bestimmt eleganter machen. Und ohne dabei an Geschwindigkeit zu verlieren. Du wirst dich nachher beim Kapitän darüber beschweren.'

Und schließlich dreht sich auch noch das ganze Schiff zuerst nach Links und dann nach Rechts, wieder so eine unnötige Bewegung, so daß einem fast schlecht werden könnte davon. In all der Aktivität hat di Vespasio in jedem Fall sein Interesse an dem Wrack verloren, zumal das Wrack selbst offenbar auch verschwunden ist.

'Wo ist denn dieses andere Schiff? Eben war es doch noch dort vorne links. Bei den Zwölfen. Dabei konntest du gerade etwas erkennen. Du wirst dich jetzt nicht zum Narren machen und fragen, wohin es gegangen ist.'

Statt dessen wendet sich der Adelige wieder ganz Darian zu, bei dessen Ausführungen er hin und wieder kurz nickt oder anders seine Zustimmung signalisiert.

'Ach, der Idealismus der Jugend! Dein eigener Sohn, mein lieber Frizzi, könnte sich bei dem Adeptus eine große Scheibe davon abschneiden, und dieser würde das Fehlen vermutlich nicht einmal bemerken. Und der "Große Rohal" als Vorbild. Vermutlich sind ihm die kritischen Historien von Sarkuron noch nicht unter die Augen gekommen.'

Der Adelige beginnt mit dem Stock zu spielen und dreht ihn, die Spitze ins Deck und den Knauf in die Handfläche gedrückt, mit den Finger schnell um seine eigene Achse. Dabei handelt es sich weniger um eine bewußte Spielerei, sondern eher um einen Taschenspielertrick, wie etwa ein Gaukler wohl drei Bälle in der Luft zu halten vermag, während seine Aufmerksamkeit ganz anderen Kunststücken gilt.

'Nun, soll er sich die Leidenschaft nicht zu früh austreiben lassen. In jedem Fall wird er mir kaum der Schlüssel zu seines Meisters gesammeltem Wissen sein. ... Nicht direkt jedenfalls. Hmmm. Hesindegefällig? Möglicherweise läßt sich damit etwas anfangen.'

"Nun, ja, tatsächlich, welch ein Irrglaube. Andererseits müßt ihr aber auch zugeben, daß man ihn tatsächlich als ein wenig eigensinnig bezeichnen könnte. Von dem einen oder anderem ist ihm der Vorwurf gemacht worden, mit sein Wissen allzusehr zurückgehalten zu haben."

Nun hört er auf, den Stock zu drehen und beginnt, die Fingerspitze gegen die Knaufspitze gedrückt, ihn kleine kreisende Bewegungen ausführen zu lassen, während die Hand an Ort und Stelle bleibt.

"Gerade in Notzeiten wäre es dann dieses Wissen, welches gemäß dem Willen der Hesinde, anderen, leidenden Menschen zu Gute kommen könnte. Möglicherweise ist eben diese Form des Eigensinnes die schlimmste, eben jene, die als Gegenteil des Gemeinsinnes zu verstehen ist."

Nun geht di Vespasio dazu über den Knauf zwischen Daumen und Mittelfinger hin- und her zu schubsen, wobei die Stockspitze als Angelpunkt fest im Holz stehen bleibt und Zeige- und Ringfinger verhindern, daß der Stock zur Seite ausbricht.

"Aber sagt, gelehrter Herr, seid ihr in seinem Auftrag unterwegs oder verfolgt ihr eigene Ziele?"



Etwas verwundert beobachtet der Adeptus den Adligen, der es scheinbar darauf anlegt den Matrosen beim Manöver im Weg zu stehen und dabei nervös mit seinem Stock zu spielen beginnt. Doch schlieszlich hat sich alles wieder beruhigt und das Gespräch kann weiter gehen.

"Nun, mein Vater, Geweihter der Herrin HESinde, pflegte stets zu sagen: ´Wissen ist Macht und Macht bedeutet Verantwortung.´ Wissen, das in falsche Hände gerät, kann groszen Schaden anrichten, was Ihr ja sicher bestätigen könnt. Ihr habt natürlich recht, Euer Edelhochgeboren, dasz dies bei der Magica Curativa, der Heilungszauberei, nicht ganz nachzuvollziehen ist und vielleicht ist Magister Elcarna mit den Jahren etwas übervorsichtig geworden, aber besser so, als andersherum."

Einen kurzen Augenblick später, wird Darian klar, dasz seine Aussage leicht falsch verstanden werden kann.

"Nicht, dasz ich Euch unterstellen wollte mit dem Wissen Miszbrauch zu treiben," fügt er deshalb noch schnell, mit Betonung auf ´Euch´, hinzu.



Di Vespasio lächelt erfreut ob des günstigen Gesprächsverlaufes.

'Natürlich ist ein wohlwollender Adeptus Minor noch kein Band von Rer. allii Populii, aber, wie dein Vater dir sagte, eine kluge Intrige ist wie ein Apfelkern, der einmal gepflanzt, nach zehn Jahren unverhofft Früchte bringt.'

"Nein, den Mißbrauch der Gaben Hesindes halte ich für ein verabscheuungswürdiges Verbrechen, das jede Strafe verdient, die das Gesetz dafür vorsieht."

"Aber es ist interessant, daß euer Vater gerade Roiblance zitiert. Mein Lieblingszitat von ihm ist: 'Einmal gefundenes Wissen kann niemals wieder verloren werden.' Offenbar war er daher auch der Meinung, daß es unumgänglich wäre, das Wissen Deres möglichst weit unter den Menschen zu verbreiten, um jenen wenigen bösen Menschen etwas mächtigeres entgegenstellen zu können."

Inzwischen hat di Vespasio auch das Wrack wiedergefunden. Das laute Rufen und die neugierigen Blicke aller Menschen auf dem Oberdeck weisen die Richtung allzu deutlich, so daß auch der Händler nicht umhin kann zumindest einen Blick dorthin zu werfen, jedoch ohne die Unterhaltung mit Darian zu unterbrechen.

Das Schicksal der Besatzung berührt ihn offenbar nicht sehr. Zum einen ist das Blut auf die Entfernung nicht ganz so rot, zum anderen sind auch die dunkleren Viertel Kusliks kein Rosengarten. Statt dessen quält ihn eine andere Frage viel mehr:

'Wieviel mag so ein defektes Schiff noch wert sein? Zehntausend Golddukaten, Frizzi, oder mehr? Im wesentlichen eine Frage der Reparaturkosten. Hast du nicht mal in einem Traktat etwas über die Rechtsverhältnisse beim Aufsammeln von Treibgut gelesen? Ein Drittel als Gabe an Efferd, der Rest ... Hmmm.'

"Nun, ich meinte eigentlich auch eher Rohal und die auf sein Verschwinden folgenden Auseinandersetzungen mit verschiedenen dunklen Mächten. So wie ich euren Meister kennengelernt habe, ist er ein verständiger Mann, der auf Ratschläge seiner Umgebung hört. Auch wenn es um Gefahren der Macht der Bücher geht, die er bisher nicht wahrgenommen hat."

'Das war möglicherweise doch etwas sehr platt, mein Lieber. Wie kannst du ihn etwas ablenken?'

"Aus welchem Tempel stammt euer Vater, wenn ich fragen darf?"



Noch bevor der Adeptus einwenden kann, dasz das weite Verbreiten von Wissen zwar hesindegefällig ist, eine unkontrollierte Verbreitung gefährlicher Kenntnisse jedoch genauso die falsche Seite begünstigen kann, wechselt Frizzi plötzlich das Thema und fragt ihn nach seiner Herkunft.

"Mein Vater empfing die Weihe im Tempel zu Tiefhusen. Meine Mutter, ebenfalls geweiht, die ihre in Festum."



"Nun, dies sind ja zwei ehrenwerte, ja geradezu berühmte, Stätten der Hesinde. Leider ist es mir nicht mehr gelungen nach Tiefhusen zu kommen. Meine Geschäfte in Lowangen und ... ähm Umgebung haben nicht zu lange aufgehalten. Normalerweise kehre ich immer gerne in den Hesindetempeln ein, insbesondere hier im Norden sind sie ja wahre Burgen des Gelehrsamkeit, in einer vom dumpfen Barbarismus geprägten Welt."

"Aber, ach, was beklage ich mich. Auch in meiner Heimat ist es nicht viel besser. Dort ist zwar jeder Hanswurst in der Kunst des Lesens geschult, aber wozu verwenden sie es? Sie lesen Schund! Prosaheftchen! 'Dies seyn die Adventuiren Ritter Kundobalds, wie ecce seyn Lieb und Jungfreulain einem Draco abgetrotzet.' ... und wie das Zeug alles heißt."

Auch in Gestik und Aussprache macht di Vespasio seiner Abneigung gegen die neuste und erfolgreiche Erzählung um Ritter Kundobald Luft. Er wedelt mit den Händen wie ein schlechter Schauspieler, hat das Gesicht zu einer Narrengrimasse verzogen und spricht den Titel mit beißend abfälligem Tonfall.

"Lieber verbringe ich eine Woche in den Hallen bei Wasser und Brot über einem wahren Buch, als eine dieser Geschichten lesen zu müssen, selbst wenn man mir dazu Wachteln und Wein reicht."

Beim Reden wendet sich di Vespasio ein wenig um und so fällt sein Blick auf Torin, der kürzlich wieder auf das Oberdeck zurückgekehrt ist.

'Huch da ist ja dieser Kretin wieder.'

Sofort wendet sich der Adelige ab und Torin den Rücken zu.

'Hoffentlich hat niemand gesehen, daß du ihn gesehen hast. Insbesondere niemand, der auch deine vorherige Begegnung mit dem Braungekleideten beobachtet hat. Ein erneutes Treffen wäre jetzt allzu peinlich. Hoffentlich läßt sich diese Angelegenheit regeln, ohne daß es zu ... Schwierigkeiten kommt.'

Wie von selbst findet di Vespasios freie Hand sein Taschentuch und er tupft sich nur in seiner Vorstellung existierenden Schweiß von der Stirn.

"Ja. Den Tempel von Festum habe ich natürlich nie gesehen. Er ist ja auch nicht gerade dem von Tiefhusen benachbart. Wenn euer Vater und eure Mutter sich dennoch kennengelernt haben, so schließe ich daraus, daß zumindest die Geweihten der Hesinde das Reisen zum Austausch von Wissen nicht aufgegeben haben."

Mit einer präzisen Bewegung läßt er das Taschentuch wieder im Ärmel verschwinden.

"Wie steht es mit euch, Herr Durenald? Seid ihr auch auf einer Bildungsreise?"



"Schiff ahoi!"


Das Schiff liegt endlich genau so, wie der Kapitän es sich vorstellt, und die Aktivität auf dem Oberdeck läßt rasch nach. Die Segel sind gerefft, so daß sie keinen Schaden nehmen können, und das Schiff auch nicht abtreiben können. Doch... das bringt auch einen Nachteil mit sich, denn ohne den stützenden Gegendruck des Windes liegt die NORDSTERN nicht mehr so ruhig auf dem Wasser, sondern schaukelt viel mehr in den Wellen.

Der Kapitän läßt seine Blicke noch einmal prüfend über das Oberdeck gleiten. Seine vorherige Ankündigung, mit dem Beiboot rüber zu fahren, hat anscheinend schon einige der fleißigeren Matrosen aktiviert und zu dem kleinen Fahrzeug getrieben. Solche Arbeitslust muß doch glatt unterstützt werden, aber noch ist dem Kapitän noch nicht so ganz klar, was genau das Beiboot mitnehmen wird, und wie die Mission exakt aussehen wird - beispielsweise, wie viele Überlebende drüben auf dem Wrack sind.

Andererseits soll all das nicht zuviel Zeit kosten, und so sagt er zu Fiana:

"Laßt mal das Beiboot vorbereiten - also lösen, umdrehen, die Ruder reinlegen, den Rumpf kontrollieren... Ihr wißt schon. Zu Wasser lassen wir es natürlich erst, wenn klar ist, was wir wollen."

Er wartet die Bestätigung des Befehls gar nicht weiter ab, sondern tritt ein wenig zurück, und hebt die Hände trichterförmig vor den Mund. In Richtung des Wracks ruft er:

"Schiff ahoi!"



Das Beiboot


Fiana erwidert ein kurzes "jawohl" und macht sich dann auf den Weg zum Oberdeck. Noch auf dem Weg nach unten ruft sie laut genug das es auf dem ganzen Deck gut hörbar ist:

"Ole, Efferdan und Aleara zum Beiboot. Aleara du kontrollierst den Rumpf, Ole und Efferdan ihr beginnt damit die Befestigungen zu lösen"



Zustimmend nickt Aleara, als sie Jergans Worte vernimmt. Den Rumpf hat sie bereits kontrolliert, umdrehen kann sie das Boot sowieso allein, mal davon abgesehen, daß es festgemacht ist... Also blickt sie sich um, und als sie den auf dem Vordeck herumstehenden Matrosen sieht, ruft sie - obwohl er noch gar keine Zeit hatte, auf den Befehl zu reagieren :

"He, Efferdan, steh nicht so in der Gegend herum. Hilf mir lieber!" während sie sich anschickt, das Boot loszumachen.



...das schlagartig verschwindet, als jemand Efferdans Namen brüllt. Irritiert schüttelt er den Kopf und sieht auf. Das Funkeln in seinen Augen ist verschwunden.

`Was? Wer?...`

Suchend schaut er sich auf dem Deck um.

`Aleara? Was will sie? Ich soll ihr helfen? Womit? Warum? Hat jemand Befehl...`

Verwirrt steht Efferdan immer noch neben der Rotze. Noch macht er keinerlei Anstalten dem Zuruf der Matrosin Folge zu leisten - was er ja auch nicht muß!

`Nein, wenn Nirka mich braucht, muß da bleiben... was denkt sie eigentlich, wer sie ist?...`

Gerade schüttelt Efferdan den Kopf, als ein weiterer Zuruf über das Deck schallt, diesmal von der 1. Offizierin. Noch verwunderlicher ist, daß dieser Zuruf fast denselben Inhalt wie der vorherige hat.

Verwirrt blickt Efferdan erst zu Nirka, dann zu Fiana.

"Aber..."

`Nirka hat bis jetzt nichts gesagt, und Fiana ist die 1. Offizierin... na dann...`

Laut ruft Efferdan mit seiner glockenhellen, weit klingenden Stimme:

"Jawohl, Fiana"

Noch kurz nickt er in Nirkas Richtung, auch wenn er nicht glaubt, daß diese dies wahrnimmt, und begibt sich dann hinab zum Beiboot, um die Befestigungen des Beibootes zu lösen...



Am Beiboot angekommen bückt sich Efferdan und beginnt mit flinken Fingern die Befestigung, welche das Beiboot davor bewahren sollen bei schwerem Seegang über Bord zu gehen, zu lösen. Dabei stellt er sich relativ geschickt an, schon bald ist das erste Tau gelöst...



'Endlich ..... !'

Ole atmet auf, als er den Befehl hört das Beiboot klar zu machen. Nun kommt also Bewegung in die Sache, die Zeit des Verharrens wird wohl bald vorbei sein. Schnell, nicht eben hastig, klopft er seine Pfeife aus.

Die Glut fällt und erlöscht unhörbar in den Wellen des Meeres. Die Asche verteilt sich augenblicklich im Wasser, ein wenig restlicher Tabak krönt noch für einen Moment eine kleine Welle, dann ist auch er von der unendlichen Weite des Ozeans verschlungen.

'Es ist wohl so, wie auch bei den Geschicken der Menschen!' , denkt sich der Schiffszimmermann in einem Anflug von Wehmut, als er die letzten schwimmenden Tabakbrösel aus den Augen verloren hatte. 'Auch wir werden uns einst, unbeachtet vom Weltenlauf, in der Unendlichkeit auflösen und vergessen sein ....!'

Doch dann widmet sich Ole wieder den aktuelleren, naheliegenderen Problemen. Das Beiboot muß flott gemacht werden, so schnell es geht. Ein Zögern könnte Golgari allzu viel Arbeit bescheren. Doch wer kann das jetzt schon wissen ..........

Und so macht sich Ole daran die Vertäuungen zu lösen, bemüht Aleara bei ihrem Auftrag nicht zu sehr im Weg zu stehen.



Kontrolliert hatte sie den Rumpf ja eigentlich schon, dennoch läßt Aleara den Blick noch einmal über den Bootsrumpf schweifen, diesmal jedoch ordentlicher. Fast hätte sie den Blick abgewendet, da fällt ihr eine Stelle am Bug auf, an der das Holz stark eingedrückt zu sein scheint. Prüfend klopft sie ein paar mal dagegen, bevor sie mit Kennermiene meint:

"In Ordnung"

Sodann macht sie sich daran, ein weiters der Taue zu lösen.



Fiana ist zufrieden das es doch noch flinke Matrosen gibt, nun der Schrecken, den die offensichtlich zahlreichen Toten hervorrufen läßt sich mit Arbeit auch recht gut überdecken denkt sie sich.

Weiter beobachtet sie wie die Vertauung gelöst wird, gut die Hälfte ist schon gelöst. Den Befehl, daß Aleara nun den anderen beiden beim Lösen helfen soll, braucht sie gar nicht zu geben, da sie sich von selbst anschickt zu helfen.



Tee


Kein Laut dringt aus der Gemeinschaftskabine heraus. Mal abgesehen von dem Radau auf Deck, der bis tief in das Schiff hernieder schallt. Kein Wunder, daß man bei dem Lärm ein Anklopfen überhören kann. Oder vielleicht ist der angegreiste Passagier ja auch ein wenig schwerhörig. Wie auch immer, ALRIK reißt die Tür zur Gemeinschaftskabine schwungvoll auf - und steht vor leeren Räumlichkeiten. Lediglich ein streng säuerlicher Geruch liegt in der Luft, offensichtlich wurde hier den allgemeinen, menschlichen Ausdünstungen vor kurzem noch eine andere Geruchsnuance hinzugefügt. Aber im Grunde riecht es auch nicht schlimmer als damals im Mannschaftsraum, nachdem der Smutje dicke Bohnen als Abendmahlzeit aufgetischt hatte.

Nach diesen Überlegungen schließt ALRIK die Tür des Gemeinschaftsraumes wieder hinter sich und marschiert dann unverrichteter Dinge wieder zurück. So groß ist das Schiff ja nun auch nicht - und im Grunde kann der Weißhaarige dann ja nur auf Deck sein.



Also führt der nächste Weg des Schiffsjungen zum Aufstieg zum Oberdeck, in der Hoffnung, daß er dort nun endlich seine Aufgabe erfüllen und den Tee loswerden kann. Sonderlich heiß ist er jedenfalls nicht mehr, was man jedoch auch positiv beurteilen kann. So kann sich der Teetrinker wenigstens nicht daran verbrühen und weitere Unannehmlichkeiten oder aber Arbeit verursachen.

Vorsichtig den Aufgang hinaufsteigend, und nicht wie sonst immer zwei Stufen auf einmal nehmend, kommt ALRIK auf dem Oberdeck und somit in der frischen Luft an. Und bleibt dann erst einmal reichlich verdutzt oben stehen. Was soll das denn alles werden? Eben wunderte er sich noch über den Lärm von oben - aber jetzt wundert sich der verblüffte Schiffsjunge über gar nichts mehr.

Aleara, Efferdan und ein paar weitere Matrosen machen das Beiboot und Nirka auf dem Oberdeck zudem auch noch die Rotze klar. Aber eine Alarmierung hatte es nicht gegeben, oder aber doch?

Mit einem schiefen Grinsen blickt ALRIK auf den Teebecher, den er vor sich hält. Ein bißchen lächerlich ist das ja schon, hier und jetzt einen Tee anzubieten. Aber Pflicht ist, Pflicht - mal ganz davon abgesehen, was er jetzt machen würde, Ottam würde sowieso meckern, man kennt das ja...




Noch vollkommen eingenommen von den hektischen Aktivitäten an Bord, entgeht es ALRIK doch tatsächlich, daß der Herr -wieauchimmerderhieß- aus der Gemeinschaftskabine hurtig an ihm vorbei eilt.

"Äh... euer Tee.... wollt Ihr ihn ... warm ist er noch... denn jetzt gar nicht mehr?" ruft ALRIK Fargus hinterher.



"Tut mir leid, junger Freund, aber ich habe wirklich keine Zeit, muß dringend Heilmittel besorgen, wer weiß, wie viele Menschen meine Hilfe benötigen."

Mit diesen Worten läßt er den Jungen einfach auf dem Unterdeck stehen und beschleunigt wieder in Richtung Gemeinschaftskabine.

'Er tut mir ja schon ein wenig leid, aber erstens bin ich wieder voll auf der Höhe und zweitens gibt es jetzt wirklich wichtigeres für mich zu tun' redet sich Fargus nun ernsthaft in sein Gewissen.



Ja, das war zu erwarten. Kaum ist man mal für eine Weile unter Deck und schon geht alles drunter und drüber. Und dann steht man da mit dem Tee, wie der letzte Dorftrottel aus Niedergoblinheim.

'Wohin nun damit? Aber probieren kann ja eigentlich nicht schaden. Das wäre ja auch zu schade, wenn man das gute Wasser einfach so wegschütten würde.'

Und schon führt ALRIK den Becher mit dem Tee an die Lippen und macht sich daran, das Beweismaterial, das die Nichterfüllung seines Auftrags beweisen würde, zu vernichten.



Ob jemand in der Kabine ist oder nicht, registriert Fragus erst überhaupt nicht. Er hat sich völlig in der Idee verfangen, alle Menschen auf dem überfallenen Schiff, in denen noch ein Hauch von Leben steckt, zu retten. Schnell greift er nach seinem Bündel und verschwindet auch schon wieder gen Unterdeck. Als er die Treppe wieder hoch eilen will, versperrt ihm aber der Junge den Weg, der ihm vorhin den Tee reichen wollte. Komischer weise nimmt dieser gerade einen Schluck.

'Komisch, warum trinkt dieser junge Mann hier meinen Tee - wirkt gar nicht sonderlich grün im Gesicht. Na ja egal, ich werde gebraucht.'

"Laßt Ihr mich bitte passieren, junger Herr?" fragt er den Schiffsjungen halb, halb drängt er ihn.



Erschrocken hätte ALRIK fast den letzten Schluck des doch recht bitteren Kräutertees wieder in den Becher zurück gespuckt. Abermals fühlt er sich ertappt. Heute muß einer dieser Tage sein, wo aber auch gar nichts klappen will. Hoffentlich setzt sich das nicht so fort.

"T'schuldigung, bin schon weg ..."

Rasch tritt ALRIK zur Seite, wenn man ihn schon so ungewohnt höflich bittet. Kurz überlegt er, ob er freiwillig anbieten soll, später neuen Tee zu machen, doch dann behält er dieses Angebot doch lieber für sich. Aber anderweitig könnte hier auf Deck vielleicht seine Hilfe benötigt werden, überlegt ALRIK und murmelt dabei leise ein "... sonst irgendwie helfen..." vor sich hin.



'Ich werde mich beizeiten bei dem Bürschchen entschuldigen müssen, ist nicht gut, solch jungen Menschen nicht die Beachtung zu schenken, die sie verdienen. Werde mein Handeln erklären - er dürfte es dann verstehen.'

Während seine Gedanken noch bei dem Jungen verweilen, hat Fargus bereits wieder das Oberdeck erreicht und steuert nun wieder auf den Bug zu.



Torin und Phexane


Noch immer in Gedanken vertieft erklimmt Torin die Stufen des Aufgangs zum Oberdeck als sich das Schiff plötzlich zu drehen beginnt.

Fuer einen Augenblick fürchtet er, rücklinks die Treppenstufen wieder herunterzufallen. Doch dann bekommt er hölzerne Geländer zu fassen und schlägt statt dessen mit der Schulter gegen die Holzwand.

"Miu pikusch!" entfährt es ihm.

'Was ist da oben los? Bin ich etwa zu spät?'

Schnell rappelt sich Torin wieder auf und steigt die verbleibenden Stufen hoch.

Das Licht der Sonne läßt ihn für einen Augenblick oben innehalten, bevor er den Blick an Phexane vorbei über das belebte Oberdeck schweifen läßt.

'Kein Zweifel, jeder Matrose und jeder Passagier hält sich hier oben auf. Doch wo ist Ameg?'

Er macht einen Schritt auf die schwarzhaarige Frau zu und spricht sie an.

"Ich hoffe, ihr könnt mir meine ausfallende Art verzeihen, Frau Fuxfell."

Torin blickt sie an. Doch als sie seinen Blick erwidert, schaut er etwas verlegen zu Boden.

"Ich wollte euch vorhin nicht so anfahren. Wir haben vielleicht nicht die gleiche Meinung über den Umgang mit Kindern, aber wenn es um die Einschätzung einer Gefahr geht, seid ihr auf diesem Schiff die Person, mit der ich meine Gedanken austauschen möchte."

Bei diesen Worten gleitet sein Blick immer wieder zwischen Phexane und dem Kapitän hin und her.



Phexane spielt immer noch mit ihrem Holzanhänger herum, als sie unter sich an der Treppe eine wohlbekannte Stimme fluchen hört.

'Ich sag' besser nichts! Sonst pflaumt der mich nur wieder an!'

Doch dann, als Torin Rotmarder das Oberdeck erreicht hat, spricht er sie an und entschuldigt sich für die Art und Weise, wie er mit ihr gesprochen hatte.

Phexane schaut ihn etwas überrascht an, denn damit hat sie nun wirklich nicht gerechnet. Sie hält den Anhänger für einen Moment lang still in ihrer Hand, doch dann läßt sie ihn los, als er von einer Gefahr spricht.

"Gefahr?" Sie verengt ihre Augen etwas und mustert seinen Gesichtsausdruck.

"Ihr meint Piraten, die sich dort auf dem Wrack versteckt halten könnten?"

Kurz schaut sie zu dem Wrack, fährt dabei aber weiter fort.

"Mag sein, daß manche mich vielleicht für viel zu mißtrauisch halten. Aber ich fühle es - irgend etwas wird passieren!"

Doch dann räuspert sie sich.

'Jetzt ist wohl der richtige Augenblick!'

"Äähem, wo wir gerade hier so zusammen stehen: ich möchte mich eigentlich auch entschuldigen."

Sie blickt etwas betreten zu Boden.

"Das auf dem Dach in Prem ... naja, ich habe halt eine ziemlichen Schrecken bekommen. Tut mir leid, daß ich euch meinen Dolch um die Ohren gehauen habe ... und daß ich im Laderaum euch aufspießen wollte ... wird nicht wieder vorkommen."

Die letzten Worte murmelt Phexane nur noch.

'Aber wegen dieser Sache mit Ameg werde ich mich nicht entschuldigen! Basta!'


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Während der entschuldigenden Worte Phexanes legt sich eine leichte Röte auf Torins Wangen. Er möchte ihr zeigen, daß er es ihr nicht übelnimmt, was sie getan hat, doch sein Kopf ist plötzlich leer. Leer und doch voller Gedanken, die er erst ordnen muß.

"Also.." beginnt er. Doch die ihm sonst so leicht über die Lippen fließenden Worte weigern sich, von ihm ausgesprochen zu werden.

Er blickt Phexane sprachlos an. Seine Augen erfassen ihr pechschwarzes, im Wind wehendes Haar. Doch sie blickt noch immer auf den hölzernen Boden des Decks.

'Prem... Die Dächer... Ich folgte Krull... damit ich Liasanya finden konnte... Doch letztendlich... hat sie mich gefunden... und jetzt...'

Dann zerstört der Ruf des Kapitäns Torins Gedankengang und sein Kopf ruckt herum. Auf dem Brückendeck sieht er neben dem Kapitän eine grauberobte Gestalt und für einen Augenblick zuckt er zusammen.

'Sollte das der Spion der Piraten sein? - Nein, das ist nicht möglich. Soviel ich weiß, ist das ein Verwandter von ihr.'

Ohne Umschweife kommt Torin wieder auf das Thema Piraten zu sprechen als er abermals seinen Kopf wendet und nun Phexane wieder ansieht.

"Ja, die Piraten meine ich." entgegnet er ihr leise. "Doch nicht nur die auf dem anderen Schiff. Denn ich bin der festen Überzeugung, daß sich einer der Piraten hier auf das Schiff geschlichen hat. Ich habe im Laderaum eine leere Kiste entdeckt und gehe davon aus, daß das Leben des Kapitäns in Gefahr ist."

Nach einem kurzen Augenblick des Abwägens fügt er hinzu.

"Vielleicht solltet ihr eueren Bruder zu uns rufen."



Phexane hebt ihren Kopf ruckartig, als Torin von Piraten spricht, die bereits auf dem Schiff sein könnten. Das mulmige Gefühl, das sie schon die ganz Zeit hatte, verstärkt sich und ihre Augen suchen schnell das Oberdeck nach einer möglicherweise verdächtigen Person ab.

'Wenn es wirklich so ist, dann kann ich das Versteck vergessen. Der Spion kennt mich vielleicht sogar schon. Vielleicht ist ein Kampf doch besser ...'

"An Bord also ..." murmelt Phexane leise, während sie ein paar der Personen auf dem Oberdeck mustert.

"Nun, Alrik, mein Bruder, vermutet auch, daß es sich um eine Falle handeln könnte. Ich rufe ihn."

Phexane holt kurz Luft und brüllt dann über das gesamte Oberdeck:

"Alriiik!!! Komm mal her!"

Kurz schaut sie in Richtung ihres Bruders, blickt dann aber zu dem wesentlich größeren Torin wieder auf.

"Er könnte uns helfen. Er hat mich in Prem vor einem Thorwaler beschützt."



Der Schiffbrüchige


Eilends murmelt der Mann ein Stoßgebet. Jetzt gilt es, wenn man sich auf dem anderen Schiff stur stellt, wird die Mission fehlschlagen; wie überredet man den Capitan, ohne daß jemand davon erfährt?

"Zum Gruße", ruft er laut zurück. "Ich brauche Hilfe!"

In der Stimme schwingt Selbstüberzeugung mit, selbst auf die Entfernung ist zu hören, daß der Mann gewohnt ist zu befehlen und daß man gehorcht, daß man ihm zuhört.



"Efferd zum Gruße", erwidert der Kapitän dem Schiffbrüchigen laut rufend.

Daß der Mann Hilfe braucht, ist ihm vollkommen klar, nur hilft diese Information ihm nicht wirklich weiter. Aber man ist ja schließlich erst am Anfang der Unterhaltung - und auch in der Richtung von der NORDSTERN zum Wrack sind wichtige Informationen noch nicht geflossen.

So hebt Jergan die Hände wieder trichterförmig zum Mund und fährt fort:

"Ich bin Kapitän Jergan Efferdstreu von der Karavelle NORDSTERN aus Riva. Wie viele Überlebende gibt es?"

Auf die Ursache dessen, was auf dem anderen Schiff passiert ist, geht er dabei nicht weiter ein, schließlich ist unübersehbar, was passiert ist.



'Efferdtreu, wie passend', denkt sich der Mann auf dem Wrack. Nun, er wird seinem Namen hoffentlich gerecht.

"Die ZYKLOPENAUGE aus Teremon im Auftrag des Seegrafen dylli Uÿos", ruft er zurück. Er hält kurz inne.

"Ich fürchte, der Capitan ist tot."

Noch eine kurze Pause.

"Und die anderen auch."



'Alle tot...', durchzuckt es den Kapitän. Er kennt - kannte - zwar weder den Kapitän der ZYKLOPENAUGE, noch das Schiff selbst, doch als Seemann, der auf diesen Meeren unterwegs ist, berührt ihn ein solches Ereignis, der Tod fast aller Menschen auf einem Schiff, doch sehr. Daß dieser Umstand die Sache für die NORDSTERN erheblich vereinfacht - mit dem kleinen Beiboot kann man EINE Person eben in einer Fahrt holen, während eine halbe Mannschaft etliche Fahrten nötig machen würden, ist ihm dabei vollkommen gleichgültig, das Schicksal der Seeleute dort drüben ist weit wichtiger.

So vergeht auch eine kurze Pause, ehe er wieder antwortet, und diese Antwort fällt dann auch weitaus leiser aus.

"Das tut mir sehr leid. Wir werden uns über dieses Verbrechen noch unterhalten, aber ich denke, das tun wir besser hier. Seid Ihr in der Lage, Euch von unserem Boot abholen zu lassen? Längsseits gehen können wir bei diesem Seegang leider nicht."

Er stellt diese Frage, auch wenn es aus der Ferne so aussieht, als sei der Mann nicht schwer verletzt - doch angesichts des Gemetzels, das dort auf der ZYKLOPENAUGE stattgefunden haben muß, ist auch das nicht sehr sicher - es würde Jergan auch kaum wundern, wenn sein Gesprächspartner einfach zusammenbrechen würde.

Er stellt darum auch die Frage nach dem Übersetzen zuerst - über solche Dinge wie Namen und Funktion auf dem Schiff, sowie den genauen Hergang des Piratenüberfalls kann man sich viel besser später auf der NORDSTERN unterhalten.



Der Mann im Mast


Unsicher schaut Raschid zu dem Kapitän hinunter.

'Ob meine Dienste hier oben noch benötigt werden. Es gibt nichts, das ich hier sehen könnte, was dort unten unbemerkt bleibt.'

Doch Raschid übt sich weiter in Geduld und beobachtet das andere Schiff. Der Kapitän würde ihm sicher Bescheid sagen, wenn er hier oben nicht mehr gebraucht werden würde. Es scheint schließlich nicht das erste Mal zu sein, daß die NORDSTERN einem anderen Schiff begegnet.



Am Geschütz


´Also kein Angriff. Hmmm, aber warum dann die Rotze? Ob der Kapitän eine Falle befürchtet? So hoch im Norden?´

Da die Bootsfrau wohl ziemlich verärgert wäre, wenn er sie mit Fragen löcherte, wendet er sich an Hjaldar, der nach Übergabe der Kugel ja nichts mehr zu tun hat.

"Glaubst Du, das könnte eine Falle sein?" ein Nicken Richtung Wrack erläutert das ´das´,

"Also im Südmeer, da müszte man ja mit so was rechnen, aber hier?"



"Eine Falle?" schon will Hjaldar dröhnend loslachen, als ihm ein anderer, amüsanter Gedanke kommt.

"Bei SWAfnir, Du könntest Recht haben ... vielleicht tauchen sie schon unter uns und schlagen mit ihren Skraja's unsern Kiel leck..."

Jetzt kann er sich ein prustendes Glucksen beim besten Willen nicht mehr verkneifen.

"Nix für ungut, Smutje." macht er gleichzeitig beschwichtigende Handbewegungen, da er sich eines möglicherweise aufbrausenden Temperaments des so Veräppelten nur zu bewußt ist. Und nur ein sehr, sehr mutiger Seefahrer verdirbt es sich leichthin mit seinem Koch.

Gleichzeitig bemerkt er, daß sich endlich was am Beiboot tut ... 's wird also bald Zeit werden, daß er runter auf's Oberdeck geht. Und die eine oder andere helfende Hand könnten die drei da auch gebrauchen, wenn sie die Nußschale wassern wollen.



Grinsend verfolgt Hjaldar, wie Nirka den Smutje vom Offensichtlichen in Kenntnis setzt ... und kann es beim besten Willen nicht lassen, seinerseits Garulf auf den Arm zu nehmen.

Mit dem gescheiterten Versuch eines ernsthaften Gesichtsausdrucks spricht er diesen an.

"Aber fast, Garulf. Ein halbes Dutzend Langdrachen waren schon längsseits, klar zum Entern. Aber dann haben wir denen zu gebrüllt, sie sollen sich trollen, weil sonst rufen wir unseren Smutje. Tja, ..." er zuckt theatralisch mit den Schultern "da ham sie sich lieber gleich selbst versenkt."



Auch wenn er letztendes das Ziel des Spottes ist, die Erklärungen von Hjaldar sind einfach zum Lachen. Mit einem einleitenden

"Das wohl! Das wohl!", bricht der Smutje in schallendes Gelächter aus, dabei klopft er Hjaldar auf die Schulter, auf eine Art und Weise wie sie einen Nicht-Thorwaler der Länge nach ins Meer der Sieben Winde befördern würde.



Nirka bemerkt sehr wohl, wie ihr durch Fianas Eingreifen fast die gesamte Mannschaft, die sie für die Rotzenbedienung hatte, abhanden kommt. Aber im Grunde ist das im Moment auch nicht schlimm - um das Geschütz abzufeuern, braucht sie weiter niemanden, und wenn Bedarf bestehen sollte, es einzusetzen, dann wird am Beiboot ganz sicher niemand mehr gebraucht, so daß sie dann wieder mit ausreichend vielen freien Händen rechnen kann.

Sie korrigiert die Stellung der Rotze ein wenig, so daß diese wieder genau in Richtung des treibenden Wracks der ZYKLOPENAUGE zeigt. Das Gespräch, das der Kapitän da gerade lautstark führt, läßt zwar nicht darauf schließen, daß das nötig ist, aber Befehl ist Befehl, und dieser wurde noch nicht zurückgenommen.

Die Bootsfrau bleibt an der gleichen Stelle stehen, von der aus sie die Rotze wunderbar bedienen kann, und wendet sich dann wieder etwas mehr Hjaldar und Garulf zu. Die Worte des Thorwalers entlocken ihr ein fröhliches Grinsen, und zum Schluß ein bekräftigendes:

"Das wohl! Alles, was übrig geblieben ist, siehst du da drüben!"

Eine lockere Handbewegung in Richtung des Wracks begleitet diese Worte. Auf die Fallenfrage des Smutjes, die eher in Hjaldars Richtung gestellt ist, geht sie nicht weiter ein - wozu auch - zumal sie auch ein wenig gespannt ist, wie dieser die begonnene Geschichte so fortsetzt, daß er den Bogen zu dieser Frage findet.



Angar gefällt es, daß Nirka zuerst so sehr mit der Kugelbesorgung, und jetzt ebenso sehr mit der Unterhaltung mit Koch und dem thorwaler Fahrgast beschäftigt ist. So kann er sich gegen den Sockel der Rotze lehnen, und so tun, als würde er sehr aufmerksam untersuchen, ob die hochbelasteten Teile der Rotze irgendwelche Risse aufweisen, sich in Wirklichkeit aber schlicht und einfach nur ausruhen.

Er ist froh, daß Aleara und Efferdan so eilig zum Beiboot geeilt sind, Aleara sogar noch vor einem entsprechendem Befehl. Bei soviel Arbeitswut um ihn herum fällt es überhaupt nicht auf, wenn er nichts tut - eher im Gegenteil - das, was die anderen machen, überdeckt seinen Arbeitsstil - 'Faulheit' würde der Matrose das nicht mal in Gedanken nennen - bei weitem.

Und so beschäftigt sich Angar weiter mit dem, was er am besten kann - nämlich mit dem Nichtstun.



Die Bootsfrau folgt dem Gespräch zwischen Hjaldar und dem Schiffskoch mit einem halben Ohr weiter, während ihre Gedanken bei dem Geschütz sind, und auch bei dem Schiff, auf das das Geschütz gerade zielt.

Das Gerede des Mannes dort drüben verwundert sie dabei ziemlich, denn angesichts all der Schäden und der Toten dort drüben sollte es eigentlich sein Wunsch sein, das Wrack so schnell wie möglich zu verlassen - und sich einfach über die Rettung zu freuen.

Zumindest war es bei der anderen Gelegenheit so, als Nirka als ziemlicher Neuling auf See - als Schiffsmädchen sozusagen - einmal dabei gewesen ist, als Schiffbrüchige von einem sinkenden Wrack gerettet wurden. Damals hatte es einen Sturm gegeben, der das andere Schiff entmastet und schwer beschädigt hatte - es sah noch um einiges schlimmer aus als die ZYKLOPENAUGE dort drüben. Die vier Seeleute, die an Bord überlebt hatten, hatten sich unmittelbar nach der Rettung ausgiebig bei Efferd für die wundersame Rettung in buchstäblich letzter Minute bedankt, denn ihr leckes Schiff ist noch in Sichtweite der Karavelle, auf der sich die junge Nirka damals befand, gesunken. Noch Tage danach waren die Seeleute ihren Rettern dankbar, und es gab eigentlich auch nie eine Forderung oder auch nur Worte, die den Restwert des Schiffes betrafen.

Insgeheim verspürt die Bootsfrau den Wunsch, dem Gerede dort drüben mit einem gezielten Wasserlinientreffer ein Ende zu setzen, denn der Mann da drüben schätzt den Wert seines Wracks und auch den seines Lebens sicher ganz anders ein, wenn das Schiff dabei ist, unter seinen Füßen zu versinken.

Doch die Bootsfrau der NORDSTERN ist eine befehlstreue Seefrau, und so bleibt die Rotze weiterhin unabgefeuert.



Der Kapitän und der Schiffbrüchige


Es fällt dem Mann nicht ganz so leicht, die Worte des Capitans vom anderen Schiff her aufzufangen, nachdem jener seine Stimme gesenkt hat.

"Ich weiß nicht", ruft es wieder zurück. "Ich denke schon."

Und nach einer kurzen Pause:

"Aber das Schiff darf nicht aufgegeben werden."



Ganz offenbar ist der Mann dort drüben kein Seemann, sonst käme er nicht auf die Idee, das Wrack nicht aufgeben zu wollen.

"Es tut mir leid, dies zu sagen, aber Eure ZYKLOPENAUGE ist ein seeuntüchtiges Wrack, das aufgegeben werden muß."

Diese Antwort fällt wieder lauter aus als die zuvor, und er fährt fort:

"Zudem haben wir auch nicht die Möglichkeiten, die Schäden zu reparieren. Wenn es Euch darum geht, Ladung zu retten, so können wir das unter Umständen durchaus tun, auch wenn das bei diesem Seegang gehörig aufwendig ist."

Ein wenig verwundert es ihn schon, daß der Überlebende dort drüben, der ja offensichtlich nur mit Mühe dem Tod entgangen ist, an das Schiff denkt, dessen Zustand wirklich nicht zu übersehen ist.



Das Schiff aufgeben? Niemals! Die Ladung, pah! Auf die kommt es nicht an, aber zu leicht könnte dem Feind die tatsächliche Ladung in die Hände fallen, wer kann schon sagen, wer sich auf diesem anderen Schiff alles aufhält. Das Schiff MUSS geborgen werden! Danach kann damit geschehen, was will.

"Dies ist keine Option!" ruft er wieder zurück. "Könnt Ihr es in den nächsten Hafen bringen, Capitan?"

Kurze Pause.

"Ich zahle!"



'Keine Option? Was denkt der sich eigentlich? ER ist wohl kaum in der Position, Forderungen stellen zu können!'

Der Kapitän der NORDSTERN wundert sich ziemlich über das, was er zu hören bekommt - vor allem in dieser Lage, und unter diesen Umständen.

Er überlegt kurz, und ruft dann zurück:

"Ist Euch klar, was das für ein Aufwand ist? Euer Schiff ist nicht wirklich seetüchtig - und bei diesen Schäden ist es wohl kaum diese Mühe wert!"

Dann fällt ihm etwas anderes ein, das eigentlich das erste hätte sein müssen, das er fragen sollte... vielleicht hat die Verwunderung dafür gesorgt, daß er das übersehen hat.

"Wer seid Ihr überhaupt, und was war Eure Funktion dort drüben an Bord? Wie ein Seemann sprecht Ihr nicht."

Der letzte Satz ist ganz deutlich als eine Feststellung ausgesprochen, denn in dem Fall würde sich der Mann wohl anders verhalten...



Natürlich, damit war ja zu rechnen. Mal sehen, wie man ihn überreden kann, ohne zu harten Mitteln greifen zu müssen.

"Phaylion Kenseîra", ruft er zurück. "Gesandter des Seegrafen von Phenos und Putras auf wichtiger Mission", hoffentlich läßt das ihn bereits nachgeben.

"Das Schiff muß in den nächsten Hafen, ungeachtet des Aufwands! Eure Mühe soll nicht umsonst sein."

Kurze Pause.

"Die Götter werden es Euch danken!"



Während Jergan auf eine Antwort von der ZYKLOPENAUGE - oder, besser gesagt, von dem aus, was von dieser noch übriggeblieben ist, wartet, gehen ihm weiter die Gedanken durch den Kopf, die ihn seit dem Beginn des Gespräches mit dem Mann dort drüben bewegen. Irgendwas kommt ihm merkwürdig vor, nur kann er das nicht genau bestimmen. Sicherlich ist das, was der Mann will, merkwürdig, aber das könnte vielleicht sogar durch den Schock, den er vielleicht beim Überfall erlitten hat, erklärt werden.

Ganz kurz spielt Jergan mit dem Gedanken, einen der anderen zu sich auf das Brückendeck zu rufen - aber von denen ist kaum einer mit einer Situation wie dieser vertraut, und ganz sicher werden sie ihn auch nicht sofort verstehen können. Und zudem ist das ganze eine Sache der Schiffsführung, die...

Der Blick des Kapitäns huscht vor zu Fiana, doch diesen Gedanken verwirft er sehr rasch wieder. Zum einen hat er sie gerade nach vorne geschickt, um das Beiboot vorzubereiten, und zum anderen ist sie nicht gerade der Gesprächspartner, den er dafür braucht.

Lowanger!

Doch auch der hat Ruhe verdient, hat Nirka ihn doch schließlich vor gar nicht so langer Zeit erst am Steuer abgelöst. Andererseits... Jergan vermutet, daß den zweiten Offizier die Ereignisse auch interessieren werden, und zudem muß er ihn ohnehin holen lassen - spätestens, wenn das Boot zur ZYKLOPENAUGE hinüber fährt, braucht er alle seine Offiziere an Deck. Normalerweise wäre das nicht nötig, aber normalerweise gab es ja auch immer einen dritten Offizier.

Der Kapitän der rivaer Karavelle entscheidet sich rasch, und ein rascher Blick nach vorne zum Oberdeck zeigt ihm auch den richtigen, um Lowanger zu holen.

"ALRIK! Hol mal den Herrn Lowanger!"

Im Normalfall würde der Kapitän dem Schiffsjungen - oder auch anderen Mitgliedern der Besatzung - gerade solche Befehle näher erläutern, und insbesondere auch einen Grund nennen, aber in dem Fall ist der Grund ja recht offensichtlich, und außerdem ist ihm im Moment die Beobachtung der ZYKLOPENAUGE und die Fortführung des Gespräches mit dem Überlebenden dort drüben weit wichtiger als das.



Am Beiboot


Mit geschickten Fingern löst Efferdan das nächste Tau. Da die anderen schon mit den letzten Vertäuungen beschäftigt sind, gönnt sich Efferdan einen Blick auf das Wrack, daß er bisher nur aus der Ferne gesehen hat.

Als er die leblosen Körper sieht, die anscheinend auf dem Oberdeck des fremden Schiffes - wie heißt es doch... ZYKLOPENAUGE, wie der Kapitän gerade ruft - liegen, schleicht sich ein trauriger Zug in Efferdans Gesicht.

`Wie kann man nur all diese Menschen einfach abschlachten. Das ist grausam... so grausam. Oh Efferd, warum? Segne diese braven Matrosen und gib ihnen einen Platz in deinem Reiche...`

Efferdans Augen glitzern feucht,

`Besser nicht hinsehen, weiter arbeiten... ist das Blut, was hier in der Luft liegt...`

Energisch schüttelt Efferdan den Kopf und murmelt "weitermachen". Entschlossen bückt er sich und räumt die am Boden liegenden Taue zur Seite - schließlich will er beim zu erwartenden Anheben des Bootes nicht stolpern. Er war heute schon genug auf der Nase gelegen. Wie immer, wenn man an Verletzungen denkt, beginnen in dem Moment die blauen Flecke an Hüfte und Oberarm zu schmerzen...



Ole hat gerade die Taue der Halterung am Beiboot gelöst und wollte sich gerade dem nächsten Knoten widmen, als Aleara ihm zuvorkommt und beginnt, eben jenes Seil, daß sich Ole vorgenommen hatte zu lösen.

Ole lächelt. Soll sie doch. Immerhin ist sie so lebendig, wie schon lange nicht mehr und die Finsternis des Lebenszweifels, der ihr Dasein, noch vor kurzem so vehement überschattet hatte, scheint mittlerweilen von ihr gewichen zu sein. Es tut dem 'grauen Riesen' sichtlich gut, die junge Matrosin wieder auf einem 'lichten Pfad' zu entdecken.

Dennoch beugt sich Ole zu jener Delle in der Beibootbordwand zur Begutachtung herab, die auch schon Alearas Aufmerksamkeit erregt hatte. Den Rumpf eines Schiffes zu prüfen, und sei es auch nur der eines Beiboots, ist normalerweise eine der vornehmsten Aufgaben des Schiffszimmermanns.

Warum Fiana ausgerechnet die junge Matrosin mit dieser Aufgabe betraute, währenddessen sie den Schiffszimmermann zum Lösen der Seile befahl, kommt Ole dann doch durchaus etwas seltsam vor, vielleicht auch ein wenig unpassend. Ole mag Aleara sehr, und dennoch will er sich nicht so ohne weiteres auf ihr Urteil verlassen.

Und so kommt Ole auch zu einem etwas anderes Ergebnis, bei seinen Betrachtungen der schadhaften Stelle am Beiboot, als es die junge Matrosin getan hatte.

Er brummt vor sich hin:

"Für den Augenblick mag es halten - für die Ewigkeit scheint es nicht mehr geschaffen. Ich werde den Kapitän darauf ansprechen müssen .... nachher!"



Ole zwinkert Aleara anerkennend und aufmunternd zu, immerhin hat sie einen guten, für ihre Jugend doch sehr treffenden Blick bewiesen, als sie das Holz des Beibootes prüfte. Dann fährt Ole fort die Haltetaue zu lösen.

Doch wird der Schiffszimmermann immer langsamer dabei und verharrt schließlich völlig. Hat er zu Beginn den Dialog zwischen dem Kapitän und dem Schiffbrüchigen auf dem schwimmenden Wrack nur sehr beiläufig verfolgt, wird ihm nun der Inhalt des Wortwechsels immer bedeutungsschwerer.

Es wundert Ole doch sehr, daß dieser schwerverwundete Mann, einziger Überlebende eines gigantischen Massakers, so viel Gedanken an die Rettung eines völlig zerstörten Schiffes verschwendet, anstatt allein dem Herren der Meere auf Knien dankbar zu sein, noch unter den Lebenden zu verweilen.

An diesem Rätsel will des 'grauen Riesen' Verstand einfach nicht achtlos vorüber gehen und so wird das brütenden Nachdenken immer mehr Herr seiner Aktionen.

'Was wäre, wenn .....?!'

Allein der Ansatz dieses Gedankens vermag Ole fast zu lähmen und dennoch kann er nicht anders, als den Gedanken konsequent zu Ende zu denken. Was könnte geschehen, wenn Kapitän Efferdstreu das Wrack aufgeben würde?

So wie es im Augenblick anzunehmen ist, hat keiner der Besatzung oder Passagiere des Schiffes dort drüben überlebt, nur dieser eine Mann, dem nunmehr einzigen verfügbaren Augenzeugen der Vorgänge. Was wäre, wenn dieser bei seinem späteren Bericht, geleitet von zornigen Rachegelüsten, die Existent der zwei Drachenboote einfach verschweigen würde, so daß jeder Zuhörer annehmen müßte, die NORDSTERN wäre verantwortlich für den Untergang der ZYKLOPENAUGE ?

Sicher könnte es gelingen den Kapitän auch von diesem Verdacht zu befreien. Doch sicherlich wäre es seinem Ruf sehr abträglich, wenn er im letzten Hafen des Mordes und der Schmugglerei bezichtigt wurde und im nächsten Hafen sich gegen den Vorwurf der Piraterie zu verteidigen hätte.

Auch wenn diese Anklagen so haltlos wie irgendwas sind, Ole kennt die Geschwätzigkeit der Seeleute und weiß, daß sich ein schlechter Ruf schneller verbreitet als die schnellsten Möwen zu fliegen imstande sind.

Und so kommt es zwangsläufig, daß sich Ole's Sicht auf das Wrack zunehmend ändert. Hat er es vorher, wie fast jeder an Bord, schon aufgegeben, so forscht er nun nach Möglichkeiten die ZYKLOPENAUGE doch noch vor dem Untergang zu retten.



Tee


Beiläufig legt ALRIK den inzwischen leeren Teebecher zur Seite. So nach und nach wird ihm klar, was hier oben so ungewöhnliches vor sich geht. Nach einem kurzen Rundumblick auf Deck - rief da nicht vorhin irgendwo eine Frauenstimme lauthals seinen Namen? - geht ALRIK langsam auf die Reling zu. Das Wrack, das so böse angeschlagen und halb zerstört auf dem Wasser treibt, übt eine seltsame Faszination auf den halbwüchsigen Knaben aus, so daß ALRIK nur schwerlich den Blick davon wenden kann.



Hjaldar und Garulf


"Eine Falle?" schon will Hjaldar dröhnend loslachen, als ihm ein anderer, amüsanter Gedanke kommt.

"Bei Swafnir, Du könntest Recht haben ... vielleicht tauchen sie schon unter uns und schlagen mit ihren Skraja's unsern Kiel leck..."

Jetzt kann er sich ein prustendes Glucksen beim besten Willen nicht mehr verkneifen.

"Nix für ungut, Smutje." macht er gleichzeitig beschwichtigende Handbewegungen, da er sich eines möglicherweise aufbrausenden Temperaments des so Veräppelten nur zu bewußt ist. Und nur ein sehr, sehr mutiger Seefahrer verdirbt es sich leichthin mit seinem Koch.

Gleichzeitig bemerkt er, daß sich endlich was am Beiboot tut ... 's wird also bald Zeit werden, daß er runter auf's Oberdeck geht. Und die eine oder andere helfende Hand könnten die drei da auch gebrauchen, wenn sie die Nußschale wassern wollen.



Puh - noch mal Glück gehabt und den Sinn für Humor beim Smutje richtig eingeschätzt. Den kräftigen Schulterklopfer nimmt Hjaldar als weiteren Beweis für dessen Frohnatur auf.

"Woll ... aber irgendwas dort drüben ist doch morsch." deutet er mit etwas ernsthafterer Miene rüber zur Zyklopenauge, wo der Verletzte sich offenbar weigert das Schiff zu verlassen.

"Der Bursche sollte eigentlich heilfroh sein, wenn er seinen Hintern so schnell als möglich von dem Stück Treibgut da runter bekommt."

Deutlich ist Hjaldar sein Unverständnis für das Verhalten des Schiffbrüchigen anzusehen.

"Ich denk, werd' mal runter gehen und beim Paddelboot helfen - und mir das dann drüben mal genauer ankieken."

Spricht's und macht sich auch schon auf den Weg die Stiegen hinab.



Alrik lauscht


Still und leise belauscht ALRIK das Gespräch zwischen Kapitän Efferdstreu und dem Schiffbrüchigen. Mit leicht zusammen gekniffenen Augen, um die Einzelheiten auf dem anderen Schiff besser erkennen zu können, betrachtet er den fremden Mann. Verletzt sieht er aus, allein sein blutdurchtränktes Hemd läßt schwere Verletzungen erahnen. Wie kann er in dem Zustand nur über das Schiff verhandeln, auf dem seine Gefährten in ihrem Blute liegen?

Die bittere Wahrheit ist schwer zu begreifen, da beginnt man leicht, sich mit unwichtigen Dingen zu befassen, nur um dem Wahnsinn nicht ins Gesicht zu sehen. So oder ähnlich hatte sich seine Schwester jedenfalls ausgedrückt, als Großtante Elouisa nach dem Tode ihres Kindes anfing Spieluhren und Püppchen zu sammeln. Aber gleich ganze Schiffe sammeln....

Weiter belauscht ALRIK den Wortwechsel zwischen seinem Kapitän und dem überlebenden Fremden.



Immer noch beobachtet der Schiffsjunge das treibende Wrack. Je länger er es betrachtet, desto mehr zieht ihn diese unheimliche Stille, die über dem fremden Schiff liegt, in ihren Bann.

Auf dem vorderen Deck des Schiffes, dicht an der Reling, kann ALRIK einen leblosen menschlichen Körper liegen sehen. Mit dem Oberkörper liegt die Gestalt dicht der Reling zugewandt, so daß ein schlaffer Arm über die Bordwand hinausragt. Bei jeder Woge, über die das Schiff treibt, bewegt sich der blutige Arm im Gleichtakt auf und ab, ganz so als wolle er den Beobachtern aus der Ferne mit diesem Winken eine Einladung aussprechen - oder aber eine Warnung.

Während ALRIK diesen Gedanken weiterspinnt, zieht sich sein Magen krampfhaft zusammen. Nur mühsam läßt sich die plötzlich aufsteigende Übelkeit unterdrücken. Erst der Ruf des Kapitäns vermag es, ihn soweit aufzurütteln, daß er den Blick von dem zuwinkenden Toten abwenden kann.

"Aye, aye, Käpt'n," bestätigt ALRIK den Befehl und dreht sich mit einem Ruck um und steigt dann eiligen Schrittes den Weg zum Unterdeck hinab. Vor der Kabine des zweiten Offiziers angekommen, klopft ALRIK ein paar Mal kräftig gegen die Türe und wartet dann ab.




Und wieder Fargus und Ottam


"Hallo, so, da bin ich wieder" meldet Fargus sich beim Magier zurück, noch leicht außer Puste. "Ich denke, meine Vorräte reichen schon für ein paar Verletzte aus. Was hat sich denn in der Zwischenzeit hier oben getan? Gibt es schon Erkenntnisse über die Situation auf dem anderen Schiff? "

Erwartungsvoll schaut Fargus den Magus an.



Ottam bemerkt Fargus erst, als dieser ihn anspricht, zu sehr ist er mit den Ereignissen an Bord und dem anderen Schiff beschäftigt.

"Ich glaube ihr braucht eure Vorräte nicht all zu sehr zu strapazieren, wenn ich es richtig einschätze wird es kaum Verletzte geben die man noch heilen kann"

'Das Gute ist, daß auch ich mein teuren Kräuter wohl sparen kann, die sehen alle ziemlich tot aus!' denkt er dabei.

"Aber man kann nie wissen. Genau wissen wir es erst, wenn wir sie selbst untersucht haben. Ich weiß ja nicht, wie weit es mit der Heilkunde des Überlebenden her ist. Schließlich ist auch das Feststellen des Todes keine Sache von schwarz und weiß!"

"Das eigentlich Interessante ist, daß der Schiffbrüchige anscheinen sein Schiff nicht aufgeben will. Den hat wohl schon der Wahnsinn gepackt. Das Ding sinkt doch beim nächsten Windstoß, da bin ich mir sicher. Am besten wie holen ihn rüber und geben ihm ein paar beruhigende Kräuter, dann kann Nirka das Ding versenken, damit nachts kein anderes Schiff damit zusammenstößt."

Erst jetzt bemerkt Ottam, daß er sich gerade in Vorträge ergeht und läßt Fargus nun die Möglichkeit zu antworten.



'Das wäre ja wahrhaft schrecklich, wenn die Menschen dort bis auf den einen allesamt tot wären.' denkt sich Fargus.

"Ich finde auch, wir sollten uns nicht auf die Worte des Überlebenden verlassen, sondern uns selbst überzeugen, insbesondere deswegen, weil der Mann sowieso nicht ganz bei Sinnen zu sein scheint. Meint Ihr, der Kapitän würde gestatten, daß ich mit übersetze?" fragt der Druide schließlich den Schiffsmagier.



'Mit dem Kapitän sprechen? Ja!'

"Ja gute Idee, wir sollten mit dem Kapitän sprechen" erwidert Ottam auf Fargus' Frage.

"Er wird kaum etwas dagegen einwenden können wenn wir ihm erklären, daß wir eigenhändig untersuchen wollen, daß nicht doch noch jemandem geholfen werden kann"

'Und dabei kann man vielleicht noch mehr untersuchen...'

Mit diesen Worten macht er sich schon Richtung Oberdeck auf um dann das Brückendeck anzusteuern. Er schaut sich um, um sich zu vergewissern, daß Fargus auch folgt, zu zweit sind die Argumente schließlich besser.



Entschlossen folgt Fargus dem Magier. Vielleicht gehen seine Hoffnungen, etwas Gutes zu tun, ein paar Leuten zu helfen, doch noch in Erfüllung. Irgendeinen Sinn muß sein lebenslanges Forschen doch gehabt haben, irgendein kleines Licht muß ihm den richtigen Weg leuchten. Fargus läuft dicht hinter dem Magus hinterher, immer bedacht auf den korrekten Abstand.



Phexane und Torin


'Vielleicht hat er auch den Thorwaler vor euch beschützt?' drängen sich die Worte in Torins Kopf. Doch er wagt es nicht, Phexane danach zu fragen.

Er versucht, einen Blick auf das Wrack zu erhaschen, doch die hektische Aktivität beim Beiboot und die vielen staunenden Passagiere an der Reling lassen seinen Blick nicht passieren.

In seinen Ohren hallt noch Phexanes lauter Schrei, als er einige Fetzen des Gespräches zwischen dem Überlebenden und dem Kapitän aufschnappt.

"Das Schiff scheint in der Tat große Wichtigkeit für den Überlebenden zu haben." sagt er mehr zu sich, denn zu Phexane. Dann jedoch blickt er zu ihr hinunter.

"Wir können davon ausgehen, daß wir mit der Befürchtung einer Falle nicht unrecht haben. Sagt mir, Frau Fuxfell, wo habt ihr jetzt euere Waffen, mit denen ihr so geschickt umgeht?"

Aus den Augenwinkeln bekommt er das Geschehen auf dem Brückendeck mit. Noch immer hat der Grauberobte nicht auf den Ruf Phexanes reagiert. Vorsichtig geht Torin einige Spann zur Seite um seine Ohren vor einem weiteren Schrei Phexanes zu schonen.



Phexane versucht von dem Platz, an dem sie steht einen Blick auf das Wrack werfen zu können, doch an der Reling gegenüber stehen zu viele Leute.

Sie hört, wie Torin über das Gespräch zwischen dem Überlebendem und dem Kapitän redet.

"Ich habe so ein ungutes Gefühl," sagt sie leise und blickt zu den Überresten des anderen Schiffes, "irgendwas wird noch passieren! Dessen bin ich mir sicher."

Phexane seufzt leise, als Torin - nicht gerade uncharmant - sie auf ihre Waffen anspricht.

"Naja, meinen Dolch habe ich hier bei mir an meinem Gürtel und in der Gemeinschaftskabine habe ich noch mein altes Florett. Aber das ist schon ziemlich im Eimer."

Kurz überlegt sie, setzt dann aber fort.

"Tjaaa, und dann wären da noch meine beiden Wurfmesser. Die sind in meinen Stiefeln versteckt."

'Langsam aber sicher werde ich nachlässig. Ich erzähle doch sonst niemandem von den beiden Messern.'

Ihr Blick geht wieder hinauf zu Torin und sie mustert ihn kurz.

'Aber andererseits ... er kann auch ganz nett sein ... manchmal ... und daß er wohl zu Phex betet ist wohl keine Frage!'

Für einen kurzen Moment bleibt ihr Blick an ihm hängen, doch dann, bevor er ihren Blick erwidern kann, schaut sie zu dem Brückendeck, wo ihr Bruder steht.

"Bei Phex! Das dauert ja! Oder habe ich etwa eine so leise Stimme? AAAALRIIIIIIK!!!"



Torins Augenbrauen heben sich kurz, als er Phexanes Worte über ihre geheimen Waffen hört.

'Ich weiß nicht, ob ICH ihr so etwas gesagt hätte. Sie scheint doch mehr Vertrauen zu mir zu haben, als ich annahm.'

Da Phexane den Blick noch immer von ihm abgewandt hat, kann er ihre etwa vier Finger lange Gesichtsnarbe vor sich sehen.

'Wo sie die wohl her hat?'

Torin streicht sich mit der Hand durch seinen Bart. Dann greift er den Gesprächsfaden wieder auf.

"Ein altes Florett? Hmm..."

Kurz zieht sich die Haut auf Torins Stirn zusammen, doch dann setzt er seine Gedanken in die Tat um.

"Ich finde, ihr solltet vielleicht in Erwägung ziehen, daß dieses Florett für einen Kampf vielleicht nicht mehr die richtige Waffe ist."

Er senkt für einen Augenblick seine Stimme, als einer der Offiziere an ihnen vorbei eilt.

'Hmm, Lowanger... vormals 3. Offizier, seit der Meuterei 2. Offizier.'

Dann jedoch spricht er weiter.

"Ich habe noch ein weiteres Florett in meinem Spind, so daß ich euch dieses hier für die Dauer des Kampfes überlassen könnte."

Torin deutet mit der Hand auf sein eigenes, in der Scheide ruhendes Florett.

"Natürlich nur, wenn ihr es wünscht."



"Hm, danke. Gerne," brummt Phexane, "aber daß mein Florett nicht mehr kampftauglich ist, habe ich selber schon gemerkt."

Phexane blickt Torin nicht an, als sie spricht, sondern schaut stur geradeaus. Ihr altes Florett erinnert sie an ihre Pechsträhne, die sie schon seit längerer Zeit hat.

In dem Moment streicht eine leichte Brise an Torin vorbei zu ihr her, und sie nimmt den Brandgeruch seiner Kleidung wahr. Die Erinnerung an den eigentlichen Beginn ihrer Pechsträhne kommt wieder hoch und auch an die Erinnerung an die wohl dunkelste Zeit ihres Lebens - dunkel, im wahrsten Sinne des Wortes!

'Er stinkt wie dieses Gefängnis, das abbrannte! Dieser Geruch ist einfach furchtbar!'

Sie verschränkt ihre Arme, wobei sie mit der linken Hand leicht über ihren rechten Oberarm streicht. Sie fühlt nun, erinnert durch diesen Geruch, wieder die schmerzenden Brandwunden von damals. Auch klingen in ihren Ohren die Schreie der anderen Gefangenen wider, insbesondere die einer Mitgefangenen, die von einigen brennenden Trümmern getroffen wurde und nicht mehr alleine herauskam. Phexane erinnert sich an den Fluch, den diese Halbelfe ausgestoßen hatte.

'Vielleicht hatte ich deshalb soviel Pech. Nun was soll's, Avalia, diese elfische Hexe, hatte den Tod verdient. Wahrscheinlich schmort sie bei den Dämonen.'

Doch dann richtet Phexane wieder ihre Gedanken auf das Hier und Jetzt. Allerdings geht sie nun langsam einen kleinen Schritt von Torin weg, während sie ihn fragt:

"Diesen Gestank habt ihr doch seit Thorwal an euch haften, oder? Was ist passiert?"



Phexanes Worte lassen Torin innerlich erstarren. Er selbst hatte den Brandgeruch schon nicht mehr riechen können, doch die Worte der Schwarzhaarigen treffen ihn hart.

Seine Augenbrauen senken sich und seine Augen funkeln Phexane böse an. Für einen Augenblick verschwimmt das Bild vor seinen Augen.


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In Gedanken reist er zurück in die Zeit des 23. Efferd. Er selbst sieht sich an einer Wand nahe dem Platz vor der Schneiderei sitzen. Ameg stützt seinen bewußtlosen Körper.

Um ihn herum eilen die Wachen mit Wassereimern, um zu retten, was zu retten ist. Doch als sie erkennen, daß die Schneiderei nicht mehr zu retten ist, werden für die Helfer die umstehenden Häuser zunehmend wichtiger.

Torin schwebt auf sein bewußtloses Ich zu. Er blickt auf sich selbst und Ameg nieder.

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Dann verschwimmt das Bild und er kehrt wieder zurück auf die NORDSTERN. Leise zischt er die Frau vor sich an:

"Was in Thorwal war, geht euch nichts an! Wollt ihr die Waffe jetzt oder nicht?"



Phexane zuckt merklich zusammen, als Torin sie so böse ansieht und anspricht. Sie will ihm gerade sagen, daß er sein Florett sonstwo hin stecken soll, als sie seine Augen noch einmal sieht. Phexane hatte zuvor zwar auch schon in seine Augen geblickt, doch auf das, was sie gesehen hatte, hatte sie nicht wirklich geachtet.

Jetzt aber erkennt sie, daß seine Augen leicht gerötet sind ... geradezu verweint.

'Es muß was ziemlich Schlimmes passiert sein. Vielleicht etwas mit Ameg. Auf jeden Fall wären bissige Worte wohl fehl am Platz.'

Phexane schluckt die Worte, die sie ihm eigentlich hätte sagen wollen, hinunter und schaut ihm noch einmal ziemlich tief in die Augen.

"Ja, ich nehme die Waffe," sie senkt ihre Stimme, "aber keiner kann ewig mit seinem Kummer alleine leben!"



Lowanger kommt


Der zweite Offizier der NORDSTERN hat sich gleich nach seiner langen und anstrengenden Wache in die Koje gelegt, und ist entsprechend auch sofort eingeschlafen. Während dieser Wache ist zwar nichts passiert, aber gerade das macht Wachen ja auch langweilig und damit auch wieder ermüdend und anstrengend.

Doch... er ist kaum so richtig in einen tiefen und traumlosen Schlaf gefallen, als auf dem Deck wieder mehr als gewöhnlich herum getrampelt wird. Natürlich weckt das ihn, der den üblichen Lärm auf einem Schiff gewohnt ist, nicht auf, doch es genügt, um ihn im Schlaf ein wenig unruhig werden zu lassen, da es nicht ganz das ist, was normal ist zu dieser Zeit und in dieser Situation.

Die beiden Kursänderungen, die die Karavelle kurz danach macht, nimmt er dagegen kaum wahr, denn das sind normale Dinge, die einfach vorkommen, wenn ein Schiff auf See ist.

Wiederum kurz danach jedoch fährt er aus dem Schlaf. Es ist nicht das Klopfen des Schiffsjungen, das ihn weckt, sondern die Tatsache, daß die NORDSTERN anscheinend immer weniger Fahrt macht, und dann schließlich nur noch in den Wellen schaukelt. Der zweite Offizier ist fast sein ganzes bisheriges Leben zur See gefahren, so daß er dies einschätzen kann, ohne auf dem Deck zu sein, und ohne sich auch nur mehr als ein wenig Mühe zu geben. Es ist einfach etwas, das ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist in all den Götterläufen - dieses Gefühl für das Schiff.

Ebenso ist sein Zeitgefühl sehr sicher - er weiß genau, daß das Schiff noch längst nicht in Salzerhaven sein kann - ganz abgesehen davon, daß auch die Geräusche des Hafens ganz andere wären als das, was es jetzt zu hören gibt.

Und so hat er sich schon aus der Koje erhoben, um der Sache auf den Grund zu gehen, als es an der Tür klopft.

"Herein!" schallt es aus seiner Kabine, denn natürlich ist die Tür unverriegelt, damit er im Notfall rasch nach draußen kommen kann.



Auf das "Herein" hin, öffnet ALRIK die Tür und tritt nur einen kleinen Schritt weit in die Offizierskabine hinein. Recht beengt ist sie wohl die Kabine, und so bleibt ALRIK lieber halb im Türrahmen stehen, anstatt erst umständlich die Tür hinter sich zu schließen.

"Der Kapitän wünscht Euch unverzüglich zu sprechen, Herr Lowanger", meldet ALRIK, was im Grunde auch schon alles beinhaltet, was es zu berichten gibt. Abwartend bleibt ALRIK noch stehen.



Der dritte Offizier zuckt bei dem Wort "unverzüglich" ein wenig zusammen, denn das weist darauf hin, daß es etwas sehr eiliges ist, und in dem Zusammenhang, wie ALRIK das Wort benutzt, könnte man es auch fast so interpretieren, als wäre die Ursache in etwas zu suchen, das seine, Lowangers, Schuld ist.

Dennoch hält er sich nicht lange mit Nachdenken auf - ihm ist kein Fehler bewußt, den er seit Thorwal gemacht haben könnte, und außerdem liegt hier ein ganz klarer Befehl vor.

Rasch zieht er sich die Jacke über, die griffbereit auf der Lehne des Stuhls liegt, und dankt dabei Efferd, daß er schon aufgestanden ist, ehe ALRIK geklopft hat, denn das spart wertvolle Zeit.

Ein rascher Blick durch die aufgeräumte und schlicht eingerichtete Kabine verrät dem zweiten Offizier, daß er nichts vergessen hat, und daß auch nichts so liegt, daß es Schaden anrichten könnte, falls das Schiff heftige Bewegungen macht.

Dann geht er die kurze Distanz bis zur Tür, wo er verharren muß, um ALRIK erst einmal eine Möglichkeit zu geben, aus dem Weg zu gehen, denn die Tür ist natürlich nicht breit genug für zwei Personen.

"Was ist denn passiert?" fragt er dabei rasch, wobei es nicht so aussieht, als wolle er mehr haben als eine kurze Antwort beim Nach-oben-Gehen.



"Eine Karavelle in Seenot. Sieht nach Piratenüberfall aus, viele Tote. Die Bootsfrau ist schon an der Rotze und die Erste Offizierin macht das Beiboot klar", schildert ALRIK die Situation, die nach diesen Worten vielleicht dramatischer wirken mag, als sie im Augenblick ist.

Dennoch ist ALRIK immer noch recht blaß um die Nase. Der Schreck von eben ist ihm auch noch deutlich anzusehen, denn der Anblick der winkenden Leiche, hat sich tiefer in ALRIKs Erinnerung eingeprägt, als ihm lieb ist. Hoffentlich finden sich genug andere Freiwillige, die auf das andere Schiff hinüber setzen wollen.



Ganz kurz ist Lowanger erleichtert, daß keine Fehlhandlung vorliegt, die er zu verantworten hat, doch dann wird ihm die Pflicht wieder bewußt, zusammen mit der Gewißheit, wie albern diese Befürchtung doch gewesen ist. Schließlich ist er nicht umsonst so gewissenhaft, und selbst wenn etwas vorliegen würde, dann würde Jergan ihn nicht auf diese Weise rufen lassen, sondern erst einmal beiseite nehmen, und die Sache unter vier Augen besprechen.

ALRIKs dramatischer Bericht spornt ihn an, und so fliegt die Tür mit einem vernehmbaren Knall hinter ihm zu, und dann eilt er an ALRIK vorbei in Richtung des Aufgangs, und diesen dann hinauf.

Er gibt ALRIK keine Anweisung, ihm zu folgen, nimmt aber einfach an, daß alleine die Neugierde den Schiffsjungen wieder nach oben treibt, falls der Kapitän diesem keine weiteren Befehle gegeben hat.

Und so sagt er einfach recht laut für ALRIK bestimmt, *ohne* sich umzusehen, ob dieser ihm folgt:

"Danke, das ist in der Tat sehr wichtig. Es gibt Überlebende?"

Selbst bei dieser Frage vergewissert er sich nicht, ob ALRIK sie überhaupt vernimmt, ob er ihm überhaupt folgt, denn er hat inzwischen das Oberdeck erreicht und bleibt wenige Schritte neben dem Aufgang ganz kurz stehen, um sich ein Bild von der Situation zu machen - und gibt damit unbewußt auch eine Chance zur Antwort, falls ALRIK ihm hierher folgt.

Dort vorne ist Fiana mit dem Beiboot beschäftigt, noch weiter vorne Nirka mit der Rotze, an anderer Stelle stehen neugierige Fahrgäste herum, und Jergan steht natürlich am Steuer - wo auch sonst, wenn die anderen drei, die dieses führen dürfen, anderweitig beschäftigt sind. Es ist wirklich an der Zeit, daß er, Lowanger, hier oben helfen kann!



"Ein Überlebender wenigstens. Möglicherweise..." ruft ALRIK dem zweiten Offizier hinterher, bevor er sich dann selbst auf den Weg zurück zum Oberdeck macht. "Möglicherweise noch andere, aber dem Anschein nach nicht, so sagte der Fremde wenigstens."

Weitere Ausführungen spart sich der Schiffsjunge. Der Offizier wird sich schon selbst ein eigenes Bild von der Situation machen können, auch ohne überflüssige Worte.

ALRIK zögert noch ein wenig damit, zurück zur Reling zu gehen. Einerseits ist es die Neugierde, die ihn beharrlich dazu treibt, wieder dort rüber zu gehen, andererseits ist es die Scheu vor dem, was man auf dem anderen Schiff sonst noch alles erblicken könnte, die ihn davon abhält, sich wieder an den alten Platz zu stellen. Unentschlossen verharrt der Junge auf Deck.



Obwohl Lowanger es wirklich eilig hat, bekommt der Schiffsjunge noch ein kurzes "Danke!" zu hören. Eigentlich ist das nicht unbedingt die Art des zweiten Offiziers, aber in diesem Fall mag sowohl die Erleichterung, daß der Ruf keine Folge eines Fehlers seinerseits war, als auch die noch viel größere Erleichterung, daß der NORDSTERN keine unmittelbare Gefahr droht, dies verursachen.

Wie auch immer, Lowanger verschwendet daran keinen weiteren Gedanken, und beeilt sich, die wenigen Schritte zwischen dem Niedergang und dem Aufgang zum Brückendeck zurückzulegen. Diesen eilt er empor, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

"Zweiter Offizier Lowanger meldet sich zur Stelle!"

Knapp, und doch jeder Form gehorchend kommt seine Meldung, während er sich neben den Kapitän stellt, und nun endlich einen Blick auf das Wrack wirft.

Der Kapitän nimmt die Meldung mit einem knappen Nicken, und einer Geste, die "Gleich!" bedeuten könnte, zur Kenntnis, ohne den Blick für weniger als einige Augenblicke von dem Wrack der anderen Karavelle zu nehmen.

Den zweiten Offizier bewegen viele Fragen, doch für den Anfang muß er sich mit dem begnügen, was seine Augen sehen, und was der Schiffsjunge ihm vor kurzem gesagt hat, denn er möchte Jergan nicht bei seinem Gespräch mit dem Überlebenden dort drüben stören - daß ein solches stattfindet, ist ziemlich offensichtlich, ebenso, wie klar ist, daß der Kapitän gerade darauf wartet, daß der andere ihm eine Antwort gibt. Schwer fällt Lowanger das nicht, denn es stört ihn nicht, zu warten - das wichtigste, was es für ihn gibt, ist die ordentliche und pünktliche Erledigung seiner Pflicht.



Traumauge


Flach in die Ecken und Wände gedrückt, schleicht Traumauge weiter und wirft schließlich einen Blick in die Kombüse.

'Wunderbar, alle fort' denkt er sich und betritt das Reich des Smutje ohne Hemmungen. Als wenn ihn dieser freche Zweibeiner so einfach fortschaffen könnte.

Genüßlich macht er sich über einen Happen Wurst her, den wohl jemand hier liegen gelassen hatte..



Am Beiboot


Nachdem die fleißigen Matrosen mit dem Lösen der Taue praktisch fertig sind, es gibt nur noch die Taue die sie gerade lösen, und die Kontrolle auch erledigt ist, gibt Fiana bereits den nächsten Befehl.

"Wenn die Taue ab sind, das Beiboot umdrehen und mit Rudern bestücken"



Gerade ist Efferdan fertig mit seiner Tätigkeit, die gelösten Seile auf seiner Seite beiseite zu räumen, als auch schon der nächste Befehl ertönt. Mit fließenden Bewegungen bückt sich Efferdan, am Bug des Beibootes stehend, um seine schmalen Hände unter den Rand des Bootes zu schieben und es - mit Hilfe der anderen - umzudrehen. Doch noch muß er warten, bis alle Seile gelöst sind. Abwartend blickt er die anderen Matrosen an.



Auf der Brücke


Der Kapitän überlegt gerade, wie er Lowanger die Geschichte der Ereignisse am schnellsten erzählen kann, doch da kommt schon die Antwort, die nicht wirklich zufriedenstellend ist - zumal der andere ja nicht einmal Seemann ist, wie er sagt. Also soll er es doch den Seeleuten überlassen, ob man sein Schiff bergen kann...

"Euer Schiff wird in einigen Stunden sinken, daran läßt sich nichts ändern. Ich glaube kaum, daß man in Salzerhaven erfreut sein wird, wenn Euer Wrack am Kai versinken wird! Was das andere betrifft: Sicher könnte ich Euch nach Salzerhaven schleppen, ehe der Kahn absäuft - aber das ist es nicht wert. Das Abschleppen würde Euch mehr kosten, als dieses Wrack noch wert ist."

'Hoffentlich überzeugt ihn das', denkt sich der Kapitän dabei, denn im Grunde hat er auf so eine Abschlepperei nicht wirklich Lust. Es würde die Fahrt ziemlich verzögern, und damit wohl auch die wichtige Reparatur der Rudermaschine aufhalten - ganz abgesehen davon, daß so eine Schleppfahrt auch immer mit einem gewissen Risiko verbunden ist.



Langsam reimt sich der zweite Offizier einiges aus dem Gesprächsfetzen, den er mithört, und dem, was er hier und drüben sieht, zusammen. Jergans Antwort verwundert ihn weniger als das, was der Schiffbrüchige zuvor sagt, paßt sie doch gut zu dem, was er vom Kapitän weiß, während das andere kaum zum üblichen Verhalten von Schiffbrüchigen paßt.

Er unterläßt es jedoch, diese Gedanken zu äußern, denn schließlich hat der Kapitän ihn gerufen, und bislang noch nichts weiter gesagt.



Auf den Planken


Doch nicht nur das Wrack birgt düsteren Schrecken in sich, auch im Verborgenen der hiesigen Luxus-Suite gehen Dinge vor sich, die einen rechtschaffenen Seejungen zusammenzucken lassen. Mit Getöse und Geschepper kracht erst die Tür und anschließend ein menschliches Häuflein Elend auf die Planken hernieder.

"Ähm...." entfährt es ALRIK. Dann blickt er verstört auf Radisar herab, der nur wenige Schritt von ihm entfernt unfreiwillig an den Planken horcht. Autsch, das muß weh getan haben!



Es dauert eine Weile, bis Radisar mit seinen wirren Sinnen wieder erkennen kann, was ober und was unten ist. Das harte Plankenholz, auf dem er, mit dem Gesicht voran aufgeschlagen war, das muß unten sein, entscheidet er für sich und weiter beschließt er innerlich: Alles andere kann dann nur 'oben' sein.

Mit dieser einfachen 'Weltordnung' hat der kleine Diener dann auch wieder erste Ordnung in seine fahrigen Gedanken gebracht. Er erklärt spontan, sich wieder der 'oberen Welt' widmen zu wollen, nachdem er mit der 'unteren Welt, so schmerzhafte Erfahrungen hatte machen müssen.

Ächzend wälzt er sich auf die Seite und beobachtet mit trüben Augen seine nähere Umgebung, eben alles, was er im Moment seine 'obere Welt' nennt. Radisar entdeckt ALRIK, doch erkennt er den Schiffjungen nicht, die Angst gaukelt ihm einen ganz anderen Anblick vor.

Er sieht nicht etwa den kleinen, netten, lustigen Schiffsjungen, sondern glaubt einen zähnefletschenden, gräßlich lachenden Piraten vor sich zu sehen, einen blutrünstigen Halsabschneider, der, so wie es Radisar erscheinen will, gerade eben die Streitaxt zu einem finalen Hieb gegen den kleinen Diener ausholt.

"Gnade ...!" so wimmert Radisar ALRIK an "Gnade, ich bin doch nur eine kleine, unbedeutende Ratte ...... verschont mein kleines Leben ......!"



"Aber Herr, ich bitte Euch! Hier seid Ihr doch in Sicherheit", versucht ALRIK den vollkommen aufgelösten Diener zu beruhigen.

"Der Kapitän wird nicht zulassen, daß Euch etwas zustößt, vertraut mir," verkündet der Junge treuherzig. Hierbei denkt er natürlich primär an eine mutmaßliche Bedrohung, die von dem fremden Schiff ausgehen könnte. Daß das wahre Schreckgespenst jedoch in der Luxuskabine lauert, das hat ALRIK dabei nicht bedacht.

Wohlerzogen streckt der Schiffsjunge dem Gestürzten seine Hand entgegen, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein.

"Ergreift einfach meine Hand und versucht, ob Ihr aufstehen könnt. Oder seid Ihr verletzt? Soll ich besser gleich den Schiffsmagus holen, damit er Euch untersucht?"



Schon allein der Gedanke daran, daß der Kapitän selbst über seine Sicherheit wacht, kann Radisar tatsächlich beruhigen. Langsam klärt sich sein Blick und er kann durch den Schleier seiner Angst wieder ein kleine wenig mehr Wirklichkeit erkennen.

So hat die Stimme, die ihn anspricht einen deutlichen jugendlichen Klang und hat eigentlich gar nichts gemeinsam mit einem kratzig rauhen Gebrüll, daß man von einem Piraten erwarten würde. Zudem ist die Gestalt mehr klein und fast zierlich und paßt eher zu einem Jugendlichen als zu einem massigen Muskelberg, der mit seinen breiten Schultern den Horizont zu verfinstern vermag.

Auch die Hand, die sich dem kleinen Diener, Hilfe anbietend, entgegenstreckt ist weder mit Krallen bewehrt, noch hält sie ein bluttriefendes Mörderinstrument. Überhaupt kommt ihm die Person, die sich so herzlich seiner annimmt, statt ihn, nach der Sitte der Piraten, fein säuberlich in einzelne Körperteile zu zerlegen, so seltsam vertraut und bekannt vor.

Endlich erkennt Radisar den Schiffsjungen, zumindest ist er fast davon überzeugt ihn als solchen erkannt zu haben, und der Geist des kleinen Dieners wird endlich wieder von mehr Klarheit durchflutet.

Die Erkenntnis, sich wie ein ausgemachter Trottel benommen zu haben, trifft den armen Radisar sehr hart. War seine Gesicht bis eben noch gebleicht von namenlosem Schrecken, so zieht sich, von nun an, die zarte Röte der Verlegenheit und der Scham durch seine Züge.

Irgendwie hat Radisar nun das dringende Bedürfnis irgend etwas Kluges zu sagen, um alle Welt von seiner wieder gewonnenen Souveränität zu überzeugen, doch will ihm nichts einfallen, was wirklich klug oder auch nur halbwegs passend gewesen wäre.

Radisar räuspert sich, trocken und hart, man müßte schon fast Angst haben, daß ihm der Kehlkopf in Fetzen aus dem Schlund fliegt. Dann ergreift er die Hand ALRIKS und zieht sich langsam und quälend hoch. Sein Ächzen und Stöhnen würde selbst einen Erzdämonen mit einem Schwall an Mitleid überfluten können.

"Danke, mein Junge, vielen Dank!" sagt er mit einer Stimme, die an Macht und Lautstärke selbst dem Stammeln eines zittrigen Greises unterlegen gewesen wäre "Ich glaube es geht schon wieder, den Magus werden wir nicht brauchen, denke ich!"



ALRIK zieht kurz die Luft ein, als sich der kleine, feiste Diener hilfesuchend an ihm hochzieht. Zwar ist er nicht ganz so träge, wie ein nasser Sandsack, dennoch erfordert es einiges an Kraft, die nicht gerade geringfügige Körpermasse Radisars in eine aufrechte Position zu wuchten. Und richtig gut scheint es ihm leider immer noch nicht zu gehen, auch wenn er Gegenteiliges behauptet.

"Ganz wie Ihr wünscht, Herr Radisar," nickt ALRIK, "aber Ihr müßt Euch nicht scheuen, die Hilfe unseres Magus in Anspruch zu nehmen, denn immerhin ist das seine Aufgabe. Ein Trank zur Kräftigung und zur Erbauung ist gewiß sehr bekömmlich. Oder soll ich lieber beim Smutje einen Schluck Brandwein für Euch besorgen? Das ölt die Kehle und vertreibt das Schwindelgefühl."



Nun steht er also wieder aufrecht, der Herr Radisar Kummerer, er klopft sich die Kleider ab, richtet sich wieder den Kragen, der beim Aufprall auf die Bordplanken, doch um etliches verrutscht wurde. So tut er alle möglichen Dinge, die seine Verlegenheit über diese unangenehme, ja sehr peinliche Szene, überdecken könnten.

Er schämt sich derart, daß er nicht nur dem Schiffsjungen nicht gerade in die Augen blicken kann, sondern auch die, vormals so tief empfundene Gefahr, ausgehend von einer vermeintlichen Herde, zu allem entschlossener Piraten, vorübergehend völlig vergessen hatte.

Daß ihm die Panik den Geist so gründlich umnachtet hatte, ist Radisar äußerst unangenehm und er blickt sich hilfesuchend um, ob ihm da nicht irgendwo auf dem Schiff eine Begebenheit in die Augen springen könnte, die geeignet wäre das Thema zu wechseln.

Er sollte nicht lange suchen müssen. Sogleich sichtete er die ZYKLOPENAUGE und was er dort sieht sieht übersteigt seine schwärzesten Vorstellungen. Der Geruch von Tod und Blut legt sich wie eine Klammer um seinen Hals und die Vorstellung von mordenden Piraten feiert in seiner Phantasie wieder eine fröhliche Auferstehung. Schon wird es ihm wieder leicht schwarz vor den Augen, doch kämpft Radisar gegen die drohende Ohnmacht an, tapfer wie eine Held.

Es steht für ihn außer Frage, daß er, sollte er sich jetzt und nun einer geradezu gnädigen Besinnungslosigkeit überantworten, dann stünden für ihn die Chancen äußerst schlecht, wieder aufzuwachen und nicht tot zu sein. In diesem, für den kleinen, dicken Diener so schwerwiegendem, existentiellen Zerwürfnis, dringen die letzten Worte des Schiffsjungen, einem Rettungsanker gleich, in die Wahrnehmung Radisars.

Branntwein? Der Linder in der Seelennot? Oh ja, das mag Radisar gefallen. Er empfindet es als außerordentlich tröstend, sich die Kehle noch einmal feurig anfeuchten zu können, bevor sie ihm denn final und abschließend durchgeschnitten werden soll. Branntwein - das hat, im Angesicht eines gewaltsamen Todes, doch sehr viel Leben bejahendes und , in der geeigneten Menge genossen, befähigt es auch den größten aller Feiglinge, diese Superlative nimmt Radisar unbescheiden für sich in Anspruch, still, gelassen, wenn nicht sogar vergnügt, der eigenen Zerstückelung entgegen sehen zu können. Das Zeug muß her, koste es , was es wolle .....

"Das ist eine hervorragende Idee, mein Junge, beschaffe mir Branntwein, soviel du tragen kannst!"

Radisar wühlt eine Goldmünze aus einer Tasche seines Wams und drückt das Geldstück ALRIK in die Hand.

"Nimm dies, hole vom Besten und behalte den Rest!" meint Radisar gönnerhaft, dem Äußeren nach zu urteilen, jeder Spann ein Weltmann.



Der Schiffbrüchige


"Die Kosten spielen keine Rolle, ich ersetze Euch selbstverständlich alle Kosten!" ruft es mit einem Einschlag von Selbstbewußtsein zurück. Wenn das Schiff nicht geborgen wird, ist die Mission gescheitert. Bitter fragt der Mann sich, ob die Piraten wußten, um was es ging, daß sie eben deswegen in Übermacht das Schiff angegriffen hatten. Nun, vielleicht haben sie doch noch Erfolg und der Feind einen weiteren Sieg in diesem Krieg.



Jergan Efferdstreu würde sich gerne jetzt gleich mit Lowanger über dieses rätselhafte Wrack mit dem merkwürdigen Überlebenden darauf unterhalten, doch er kann diesen nicht unnütz warten lassen, zumal Lowanger sich inzwischen sicher immer mehr zusammenreimen kann.

"Was bietet Ihr denn konkret?" ruft er hinüber, in dem festen Wissen, daß der andere keinerlei Ahnung hat, was für Preise für so etwas üblich sind. Daß er, Jergan, das auch nicht wirklich weiß - schließlich kommt so etwas im Grunde nie vor, spielt dabei kaum eine Rolle, denn im wesentlichen will der Kapitän der NORDSTERN wissen, wieviel dem anderen dies bedeutet, denn das ist für eine Entscheidung in dieser Frage fast noch wichtiger als die Summe selbst.

Die Kosten, die der NORDSTERN dabei entstehen, geht ihm durch den Kopf, hängen wohl im wesentlichen davon ab, ob das Schiff oder Teile der Ausrüstung Schaden dabei nehmen, und um wieviel sich die Fahrt damit verzögert. Alles in allem schwer in Dukaten auszudrücken...



Phexisches Geschachere auf dem offenen Meer, auf Dauer wird hierbei wohl eine heisere Kehle entstehen.

"Ich verfüge über keine Erfahrung in der Kalkulation solcher Kosten", bestätigt er des Capitans stille Meinung. "Nennt den Preis, ich zahle in Gold, Edelsteinen oder Depositscheinen!"



Der Schiffszimmermann


Ole's Seitenblicke auf das Wrack werden immer öfter und genauer.

'Die Takelage ist wohl hinüber, da wird nichts zu machen sein.' denkt sich der Schiffszimmermann. 'Der einzige Weg, den dieses Schiff aus eigener Kraft heraus noch aufnehmen kann, ist wahrscheinlich nur noch der Weg nach unten!'

Mit dieser Feststellung allein mag sich Ole aber nicht zufrieden zu geben. Das Schiff hat Schlagseite, aber das kann viele Gründe haben. Die Trümmer auf dem Oberdeck können das Schiff neigen, Ladung könnte verrutscht sein, wenn überhaupt noch Ladung auf dem Schiff zu finden ist. Die Drachen würden bestimmt nicht ohne Beute weitergezogen sein. Doch wenn ja, Ole erschaudert und mag den Gedanken gar nicht zu Ende zu denken, dann hätte die Thorwaler einen ganz anderen Grund gehabt ein solche Blutbad anzurichten. Doch was, in SWAfnir's Namen, könnte ein solcher Grund sein?

Das ein Wassereinbruch natürlich auch ein Grund für die Neigung eines Schiffes sein kann, das will Ole gar nicht ausschließen. Dann aber würde es viel Arbeit bedeuten, das Schiff über Wasser zu halten. Das Abdichten kleinerer Lecks wären dabei das geringere Problem. Wichtig wäre es, eingedrungenes Wasser wieder auszuschöpfen, eine Tätigkeit, die sich hinziehen kann, vor allem dann, wenn es nicht schnell gelingt alle möglichen Plankenschäden zu beseitigen, sofern das überhaupt möglich wäre.

Mit jedem Gedanken mehr verändert sich Ole's Haltung zu dem Wrack. Inzwischen ist es ihm fast zu einer Herausforderung geworden, das angeschlagene Schiff in den nächsten Hafen bringen zu können, wären da nicht diese ständigen Zweifel, ob dies überhaupt ein anzustrebendes Werk wäre.

Irgend etwas stimmt da nicht, mit diesem Schiff dort. Doch plötzlich drängt sich eine Stimme mitten in Ole's forschende Überlegungen.

'Was war das? Wer hat gerufen ........ ?'

Langsam findet sich Ole's Aufmerksamkeit wieder an Bord der NORDSTERN ein. Fiana hat befohlen das Beiboot zu wenden und mit Rudern zu bestücken.

Nun denn .............



Alrik Fuxfell


"AAAlllrriiikk"

"AAAlllrriiikk"

Langsam nur dringt der Ruf an das Ohr des Magus, suchend blickt er sich um.

'Ach mein liebliches Schwesterherz, ich dächte doch, daß ich die Stimme kenne.'

Er winkt zu Phexane hinüber und macht sich auf den Weg. Dabei versinkt er wieder tief in den Gedanken der ihn beschäftigt. Der Kapitän sagte es würden hier nicht viele Leute auf sein Schiff passen, wieder und wieder überschlägt der Magus die Zahlen, ich bin sicher das hier 30-40 Mann gut stehen könnten, vielleicht auch mehr. Aber der Kapitän hat zweifellos recht, was auf dem Land eine gute Abschreckung wäre, wäre auf einem Schiff unmöglich, da jeder erfahrene Seemann oder Pirat dies durchschauen würde.

Stirnrunzelnd geht er auf seine Schwester zu. Aber die Idee mit dem zweiten Schiff ist nicht schlecht, ich sollte mich aber besser vorher erneut mit dem Kapitän darüber unterhalten, um die Illusion so real wie möglich zu erschaffen.



Ottam auf der Brücke


Eiligen Schrittes macht sich Ottam weiter auf in Richtung Brücke, durch ein umsehen vergewissert er sich das Fargus ihm auch folgt.

Da dies der Fall ist, betritt er die Brücke und wendet sich in Richtung des Kapitäns. Wichtig wie er ist, richtet er sogleich das Wort an den Kapitän

"Kapitän, wir beide" dabei deutet er auf Fargus und sich selbst "Wollen uns persönlich davon überzeugen, wem eventuell dort drüben noch zu helfen ist. Da der Mann dort an Bord schon leichtem Wahnsinn verfallen zu sein scheint können wir nicht davon ausgehen, daß er kundig genug ist, festzustellen, wer tot ist und wer noch einen Funken Leben in sich hält."

Diese Worte spricht er so laut das der Kapitän alles über die Maßen gut verstehen kann. Erst als er auf den vermeintlichen Wahnsinn des Schiffbrüchigen zu sprechen kommt, wird er leiser, so daß man ihn nur noch auf der Brücke verstehen kann.



Unwillig blickt Jergan den Schiffsmagier an, als dieser so unhöflich in das Gespräch fällt.

"Wer übersetzt, werde ich nachher entscheiden."

Er überbetont dabei das Wort "nachher", und wendet sich dann demonstrativ wieder dem Gespräch mit dem Mann auf dem anderen Schiff zu.

"Sagen wir... zweihundert Dukaten, zu zahlen VOR dem Schlepp. Einverstanden?"

Der Kapitän weiß, daß das eine maßlos übertriebene Forderung ist, aber die Situation ist natürlich auch eine außergewöhnliche.



Obwohl die verbale Attacke des Kapitäns wohl eher dem Schiffsmagier denn ihm galt, fühlt Fargus sich doch auch nicht so recht wohl. Da er den Unmut des Kapitäns auch nachvollziehen kann, verhält er sich erstmal still.

'Merkwürdig, der Kapitän verhandelt mit dem Verwirrten über das Abschleppen des Schiffes?' fragt er sich insgeheim.

Mit einem Schulterzucken in Richtung von Ottam versucht er diesem zu bedeuten, daß er die Befehle des Kapitäns verstanden hat und sie dann auch so hinnimmt, auch wenn es für ihn derzeit deutlich dringenderes zu erledigen gibt wie das Aushandeln von Abschleppreisen.




Handel auf See


"Einverstanden", ruft es ohne Zögern zurück. Phaylion weiß nicht, ob der geforderte Preis normal bzw. nicht weit überhöht ist, doch ist es eine lächerlich kleine Summe im Vergleich zu der Wichtigkeit seiner Mission - und er kann ohne Probleme über sie verfügen.



Erstaunt reißt der Kapitän die Augen auf, als seine Forderung sofort angenommen wird, als sei dies ganz selbstverständlich. Also muß das andere Schiff - oder dessen Ladung, die man bei diesem Seegang ja nicht vollständig umladen könnte, einen sehr hohen Wert für den Schiffbrüchigen haben.

Jergan überlegt kurz. Zweihundert Dukaten sind mehr als genug Aufwandsentschädigung für einen Schlepp bis nach Salzerhaven, so daß die NORDSTERN dadurch sicher keinen Verlust macht. Die sofortige Bereitschaft, diesen Preis zu zahlen, stellt die Sache jedoch schon wieder anders dar - zumindest in weiten Zügen.

Andererseits... Jergan überlegt kurz, wie ER sich verhalten würde, wenn die NORDSTERN schwer beschädigt mitten im Ozean liegen würde, und er sicher wüßte, daß sie untergehen wird, wenn niemand hilft. Vermutlich würde er einen solchen Preis auch zahlen, sicher sogar noch mehr, falls die Schiffskasse es hergeben würde. Die Schlußfolgerung aus dem letzten Gedanken, mehr zu fordern, verwirft er jedoch sofort, denn das wäre nicht göttergefällig, das Unglück eines Schiffbrüchigen derart auszunutzen.

"Was meint Ihr?" fragt er dann den neben ihm stehenden Lowanger.

Dieser hat sich inzwischen genug zusammengereimt, um zu wissen, worum es geht, auch wenn er den Anfang der Geschichte noch nicht so ganz kennt. Dennoch spricht er spontan aus, was er denkt:

"Ich denke, wir sollten es tun. Dieser Kahn da drüben wird sicher noch lange genug schwimmen, bis wir ihn nach Salzerhaven gezogen haben. Wenn nicht... dann können wir ja immer noch das Seil kappen. Das einzige, was mir Sorgen macht, ist unsere Rudermaschine. Die NORDSTERN ist nicht viel größer als die ZYKLOPENAUGE, und die Beanspruchungen werden um einiges höher sein, als wenn wir alleine fahren. Andererseits wären sie im Sturm noch viel größer..."

Der Kapitän nickt dem zweiten Offizier zu, dessen Gedanken sich weitgehend mit seinen eigenen decken.

"Das ist ein wichtiges Argument."

Dann ruft er zur ZYKLOPENAUGE hinüber:

"Ich bin unter drei Bedingungen einverstanden: Die erste ist, daß wir die Schlepptrosse kappen und Euch sowie meine Leute, die für den Schlepp rüber kommen werden, an Bord nehmen, falls Euer Schiff zu sinken beginnt, oder falls die See sehr viel schwerer wird. Und das zweite ist die Tatsache, daß wir derzeit Probleme mit unserer Rudermaschine haben. Sollten die sich ausweiten, müßten wir den Schlepp ebenfalls abbrechen."

Er wartet kurz, und ruft dann die dritte Bedingung, die er im Grunde auch schon einmal genannt hat - die aber nicht unwichtig ist, vor allem, weil der Kapitän nach wie vor ein sehr merkwürdiges Gefühl hat bei der ganzen Sache.

"Und Ihr werdet meinen Leuten die genannte Summe übergeben, wenn sie bei Euch an Bord gekommen sind."

Während er auf die Antwort wartet, beginnt er allmählich, sich Gedanken zu machen, wer zur Besatzung des Beiboots gehören soll.



"Natürlich", folgt prompt die Antwort.

Soll er es ja wagen, das Schiff doch aufzugeben, zumal nachdem gezahlt ist. Es könnte die letzte Fahrt dieses Capitans sein, die eigene letzte Fahrt indes wäre es dann ganz gewiß.



Grollender Ottam


'Pah, du kommst dir wohl sehr wichtig vor' denkt sich Ottam und bemerkt leise genug, damit es als lauter Gedanke durchgeht, und laut genug damit Jergan es noch mitbekommt:

"Ja sicher - das Geld ist ja erstmal wichtiger als Menschenleben"

'He, He, und dem kann er nicht einmal was entgegenbringen, nicht bei seiner strengen Vorstellung von Moral und Göttergefälligkeit'

Ottam jubelt innerlich dem Kapitän so wenigstens über dessen Gewissen eins auszuwischen zu können.

Fargus gegenüber zuckt er nur mit den Schultern und meint:

"Es gibt wohl im Moment -Wichtigeres-"

Sein Gesicht ist dabei die Perfektion in gespielter Empörung, wer nicht seine Gedanken lesen kann, der wird es ihm wohl abnehmen.



Dieses Mal bekommt der Schiffsmagier eine Antwort, denn von drüben vom Wrack wird wohl kaum etwas gehaltvolles oder wichtiges zu der letzten Bemerkung kommen.

"Natürlich ist das Geld NICHT wichtiger als das Leben von Menschen, und darum machen wir diesen Schlepp auch nur solange, wie niemand dabei gefährdet ist."

Mit einem Ruck wendet er sich wieder Lowanger zu und sagt leise:

"Wir werden möglichst wenig Leute unserer Besatzung schicken, denn die ist ohnehin zu klein im Moment, und gerade bei so einer Schleppfahrt möchte ich möglichst viele Leute hier an Bord haben. Ich dachte da an Euch und so zwei oder drei der Matrosen, besser zwei."

Lowanger antwortet nicht sofort, sondern läßt seine Blicke über das Deck mit den dort arbeitenden Leuten schweifen. Dann sagt er bedächtig:

"Ja, das ist sinnvoll. Ich denke, Ole wäre drüben ganz nützlich, vor allem auch, wenn es was zu reparieren gibt vor dem Schlepp, und dann noch jemand - vielleicht Trolske. Ich hätte natürlich lieber mehr Leute im Boot, aber Ihr habt natürlich recht - die werden hier auch gebraucht."

"Wir können ja durchaus noch einigen Fahrgästen erlauben, mitzufahren."

"Ja, aber nicht zu vielen, denn mehr als sechs Leute möchte ich bei dem Seegang nicht im Beiboot haben", erwidert Lowanger. "Die Schlepptrosse hat ja auch noch ein gehöriges Gewicht, und dann noch vielleicht Werkzeug."

"Also drei Fahrgäste maximal. Ich glaube, zwei haben wir da auch schon."

Der Kapitän nickt in Richtung des Druiden, der mit dem Schiffszauberer hierher auf das Brückendeck gekommen ist, und dann in Richtung des Thorwalers, der sich anscheinend als zur Besatzung gehörig ansieht, so, wie er dort vorne mit hilft.

Nach einem weiteren Zögern fügt Jergan noch hinzu:

"Und ich hätte eine Idee für eine dritte Person."

Der zweite Offizier fragt nicht nach. wer das sein könnte, denn das wird Jergan schon sagen, wenn er sich entschieden hat - außerdem ist das für ihn auch nicht wirklich wichtig.



'Wenn ich das Nicken des Kapitäns richtig gedeutet habe, dann bedeutet das, das ich einer der auserwählten Fahrgäste bin. Komischerweise will er mir die Verantwortung für eventuell Verletzte alleine übertragen, denn der Schiffsmagus soll ja offensichtlich nicht mit übersetzen. Vielleicht traut der Kapitän der ganzen Angelegenheit doch nicht ganz und will sein Schiff nicht völlig ohne Heilungsfähigkeiten belassen - ja, so muß es sein.'

Nach dieser Gedankenflut in Bruchteilen einer Sekunde nickt er schließlich dem Kapitän des Schiffes zu, signalisiert ihm damit, das er seine Geste verstanden hat. Er wendet sich dem Magus zu.

"Sollte ich Hilfe benötigen, werde ich Euch ein Zeichen geben." sagt er zu Ottam.



Am Beiboot


Fiana ist froh das alles planmäßig und schnell geht, die Matrosen arbeiten flink und das Boot kann wohl gewendet werden.



Nachdem das Boot völlig gelöst wurde, begibt sich Aleara zum Heck des Bootes; jederzeit bereit zuzupacken wirft sie einen Blick hinüber zu Efferdan, der seinerseits auf ein Zeichen zu warten scheint.



Mit einem grüßenden Nicken an die beim Beiboot Beschäftigten, stellt sich Hjaldar dazu und nimmt ungefragt einen freien Platz am Beiboot ein, so daß er ebenfalls mit anpacken kann, wenn es daran geht, die Nußschale zu wenden.

Offensichtlich wird da auch nur noch auf ein Signal gewartet.

"Alles fertig? Dann zähl mal einer an, daß es uns nicht auf die Latschen kippt." ermuntert er die Wartenden.



Aufmerksam schaut Efferdan von seiner wartenden Position aus den anderen zu. Offensichtlich sind nun alle fertig, oder? Auch Aleara wartet und scheint bereit, das Boot herumzudrehen. Dann kommt da auch noch der große Thorwaler!

`Fängt mal einer an zu zählen` wiederholt Efferdan leise im Geiste...

`Soll ich etwa?`

Efferdans Augen werden groß.

`Nein. Ich nicht!` beschließt er still.

Für seinen Geschmack sind viel zu viele Leute hier an Deck. Ach ja, wie gern würde er jetzt einfach an der Reling stehen und das Meer betrachten, die weite Fläche, das schöne Glitzern, d...

Efferdan ruft sich zur Ruhe.

Ein leiser Seufzer entflieht seinem Mund.

`Was der Kapitän da aushandelt - klingt nach noch mehr Aufregung, Arbeit und Trubel... was solls.`

Dann konzentriert er sich wieder auf seine Mitmatrosen am Beiboot. Irgend jemand wird schon ein Zeichen geben - er wagt es nicht...



Nachdem Fiana sieht das alle Halterungen gelöst sind, und das alle Matrosen in Position zum Umdrehen sind, ist der richtige Moment für etwas Koordination gekommen.

"Und jetzt rumdrehen!" spricht sie, um den Befehl von eben noch einmal zu bekräftigen, oder besser gesagt, um die Koordination der drei herzustellen.

'So dann nur noch die Ruder und dann Meldung beim Kapitän' denkt sie sich.



An der Rotze


Na ja, ins Beiboot wird man ihn wohl kaum setzen. An der Rotze wird man ihn wohl auch nicht brauchen, zumal es ja danach aussieht als würde diese gar nicht gebraucht. Bis er die nächste Mahlzeit bereiten musz ist ja noch etwas Zeit, also geht er einfach nur einen Schritt zur Seite, um NIRKA nicht in die Quere zu kommen und beobachtet von hieraus das Wrack. Auch lauscht er aufmerksam dem Gespräch zwischen dem Kapitän und dem merkwürdigen Schiffbrüchigen.

"Typischer Adliger, glaubt er musz nur seinen Namen nennen und mit ein paar Dukaten klimpern, dann wird das Wrack schon über Wasser bleiben," sagt er nicht direkt an NIRKA gerichtet, aber auszer auf dem Vorderdeck ist es nicht zu hören.



Nirkas Hoffnungen, die Rotze auf das Wrack abschießen zu können, sinken immer weiter, und das bedrückt sie schon ein wenig. Da nimmt sie die Gelegenheit, die Garulf ihr mit seinen Worten bietet, sogleich wahr, und antwortet dem Schiffskoch:

"So schnell sinkt das Ding nicht, es sei denn, ich schieße dreihundert Unzen Stein in die Bordwand dort drüben. DANN könnte es schneller gehen. Aber so... bis Salzerhaven könnte es durchaus gut gehen."

Während sie das sagt, wirft sie immer wieder Blicke zur Brücke und auch zum Wrack.



"Stimmt auch wieder, bis Salzahafen is´ ja nicht mehr weit. Die ´Pfeil von Nostria´ ist ja auch noch immer irgendwie weitergeschwommen. Das war vielleicht ´n morscher Pott, Rumpf und Segel hatten mehr Löcher als ´n Fischernetz. Da hätt'ste die Steinschleuder," kurzes Nicken Richtung Rotze, "gar nicht gebraucht, hätt'st nur´n Kiesel werfen brauchen. Und sobald das mal ´n biszchen mehr gepustet hat war´n mehr Männer am Wasser schöpfen als in der Takelage."

Garulf sieht erneut zum Wrack hinüber und fährt nach einer kurzen Pause fort:

"Aber einfach wird das nich´. Die NORDSTERN ist nich´ viel gröszer und die haben da drüben beide Masten verloren, wird uns einiges an Fahrt kosten."



"Das ist nicht so schlimm", antwortet Nirka dem Schiffskoch. "Wir werden zwar langsamer fahren als ohne so einen Eimer im Schlepp, aber das, was der Kapitän eben gerufen hat, ist weitaus ernster. Unsere Rudermaschine hat nämlich ein Problem - das habe ich vorhin selbst gemerkt, als ich am Steuer stand. Das Steuer hat zuviel Spiel, und nach Backbord hin geht es auch ein wenig zu schwer. Dies hier ist keine Otta mir so einem primitiven Ruder - zwischen unserem Steuerrad und dem Ruderblatt hinten am Schiff ist einiges an Seilen, Rollen und dergleichen mehr."

Sie sieht wieder zum Wrack hinüber, und ergänzt dann:

"Dabei haben wir das in Riva vor der Ausfahrt reparieren lassen, das ist noch keinen Mond her. Ich hoffe mal sehr, daß es in Salzerhaven fähige Leute gibt, die das richten können."

Es sieht ganz so aus, als wolle die Bootsfrau noch viel mehr über dieses Problem erzählen, aber immerhin besitzt sie die Höflichkeit, eine Pause zu machen.



Ole und Hjaldar


Ole nickt zufrieden. Er ist sich nun ziemlich sicher, daß es gelingen könnte, den havarierten Kahn bis in den nächsten Hafen zu schleppen. Als der Kapitän im Dialog mit dem Schiffbrüchigen das defekte Ruderwerk der NORDSTERN erwähnt, steht Ole Meinung schon fest: Es wird klappen. Gewiß, das Manöverieren wird durch ein schwergängige Ruder nicht eben leichter, doch solange die Mechanik nicht blockiert und der Wind weiterhin günstig bleibt, sollten dabei keine schwerwiegenden Hindernisse im Weg sein.

Es ist ein ganz anderer Punkt der Ole Sorgen macht. Zunächst empfindet er diesen Umstand nicht so sehr als wichtig. Als er jedoch ein paar Passagiere beobachten kann, die sich offensichtlich auf einen Waffengang vorbereiten, getrieben von der, sich hartnäckig haltenden Vorstellung, es könnte sich um eine Falle handeln, beschäftigt sich Ole immer mehr mit dem Problem.

Er ist richtig erleichtert, als sich Hjaldar zur Gruppe um das Beiboot gesellt. Langsam, ja fast verstohlen rückt er näher zu dem Thorwaler hin und raunt ihm zu:

"Hast du das gehört, Hjaldar? Ich hätte nie gedacht, daß sich auf einem Kahn, der sich in den Klauen zweier Drachen befunden hat, noch etwas wertvolleres finden läßt als Rattendreck. Und der Kerl dort drüben will noch 200 Goldstücke abdrücken können. Die Kerle von der Otta können doch nicht so plötzlich mit Blindheit geschlagen worden sein, daß ihnen ein solchen Schatzkästchen entginge!"

Ole räuspert sich und fährt dann mit noch gesenkterer Stimme fort:

"Was ist, wenn das überhaupt keine Piraten waren und der Überfall hatte ganz andere Gründe ...... gute Gründe, du verstehst schon. Eventuell Gründe, die durchaus unseren Beifall gefunden haben könnten ...! Es könnte doch durchaus sein. Man plündert doch keine ganzes Schiff und läßt einfach 200 Dukaten einfach so zurück!"



"Da drüben ist ganz sicher was nicht echt." stimmt Hjaldar Ole leise zu.

"Ich hab mir auch schon meine Gedanken gemacht. Grad Thorwalerpiraten machen nicht einfach so 'ne ganze Besatzung nieder. Jedenfalls nich' ohne einen wirklich guten Grund."

Mit tiefem Ingrimm denkt er an seine Zeit im Südmeer, wo er mit seiner Otta Jagd auf Sklavenfänger gemacht hat. Von denen blieb damals tatsächlich nur Haifutter übrig.

"Drum will ich auch mit rüber und mal ein genaueres Auge drauf halten. Am Ende sind das verfluchte Walfänger, oder Schlimmeres."



Darian und Frizzi


Interessiert lauscht Darian dem Liebfelder, als dieser von dem Umgang mit Hesindes Gaben in seiner Heimat erzählt. Für Darian ist es kaum vorstellbar, dasz es ein Land gibt in dem fast alle Menschen lesen können. Er musz an seine Eltern denken, die daheim in Yrramis versuchen den Bauern etwas Bildung zu vermitteln, ein ziemlich langwieriges Unterfangen, dabei liegt es gar nicht so häufig an der Dummheit der Menschen, sondern daran, dasz diese gar nicht lernen wollen! Wie oft hat er von einem Bauern Sätze gehört wie ´Lesen? Wozu soll ich das denn lernen, damit ich meinen Rindviechern was vorlesen kann?´ Noch weniger vorstellbar ist es für den hesindegläubigen Adeptus, dasz man Texte verfaszt und liest, die weder Wissen vermitteln, noch von hesindegefälliger Kunstfertigkeit sind. Unweigerlich musz er an jene seltsamen Gestalten denken, die nur des Abenteuers wegen die Welt bereisen, auf der Suche nach Schätzen oder ähnlichem und dabei keinen Blick für die Phänomene Aventuriens haben, keine Erkenntnisse, auszer der wie man am besten Schwarzpelze tötet, aus ihren Erlebnissen ziehen.

"Gewiss ist die Forschung der Zweck meiner Reise. Zunächst werde ich nach Kuslik reisen, zum einen natürlich um den dortigen Hesindetempel besuchen, zum anderen um die arkanen Institute der Stadt aufsuchen, welche Stadt Deres beherbergt schon drei Akademien? Und allein von der Bibliothek des Tempels heiszt es, dasz sie mehr Bücher und Schriftrollen enthält, als ein Mensch in seinem ganzen Leben lesen kann. Wenn man bedenkt, dasz mancher Bornländer einen Raum, in dem vier Bücher stehen, schon als Bibliothek bezeichnet, was für ein Unterschied."



Di Vespasio hat selbstverständlich die gerufene Unterhaltung zwischen dem Überlebenden und dem Kapitän verfolgt.

'Diese Kunst, zwei Gespräche nebeneinander zu verfolgen, ist wirklich manchmal sehr nützlich. Der Alte Graf würde sich die Haare raufen, wenn er wüßte, wozu du all seine Lektionen verwendest. Nun, in seinem jetzigen Zustand wird ihn die Zahl seiner Haare vermutlich nicht kümmern.'

Wirklich Sorgen macht dem Adeligen jedoch das Verhalten des Kapitäns. Der scheint einfach keinen vernünftigen Prinzipien zu folgen.

'Verstehst Du ebensowenig wie ich, worauf der Kapitän hinaus will, Frizzi? Sollte er das Schiff vor dem Untergehen retten, steht ihm mehr zu als zweihundert Dukaten. Die Ladung. Der Materialwert alleine! Wie auch immer, sollte dieser Censeita die zweihundert Goldstücke auf seinem Schiff nicht finden können, wirst du einspringen. Das bist Du dem Stockfisch von Seegrafen schuldig.'

Di Vespasio hat jetzt tatsächlich ein Ohr Darian zugewandt, das andere auf den Kapitän gerichtet.



Di Vespasio muß bei dem Vergleich des Magiers an seinen eigenen Hausstand denken.

'Gibt es bei uns einen Raum, in dem keine vier Bücher stehen? Du kannst dich auch an keinen erinnern? Möglicherweise beim Dienstpersonal. Aber selbst der Gärtner meinte, er sei eigentlich Poet und wegen der Literatur nach Kuslik gekommen.'

Inzwischen ist der Lärm auf dem Oberdeck noch lauter geworden. Zu den gerufenen Unterhaltungen gesellen sich die Befehle der ersten Offizierin und die Geräusche, die das Bereitmachen des Beibootes mit sich bringen. Zudem war vor kurzem ein Krachen zu hören, als ob jemand das Brückendeck einzureißen versuchte. Di Vespasio jedoch blickt steinern Richtung Wrack und dreht sich nicht um, schließlich steht irgendwo hinter ihm der Braungekleidete und den möchte er nun wirklich nicht sehen.

"Ach ja, die Hallen. Ich bin wirklich froh, daß es mich nach Kuslik verschlagen hat. Da ich zudem den Hüter der Hallen recht gut kenne, ist es mir durchaus ab und zu vergönnt einen Blick auf die Schätze des Tempels zu werfen, auch wenn er mir viel zu selten erlaubt Kopien zu fertigen."

Di Vespasio blick gen Himmel, als ob er dort etwas besonders schönes sehen könnte.

"Je nach Zählung sind es etwa fünfzigtausend Bände. Ihr versteht, ob man Abschriften mit erläuternden Notizen doppelt zählt, ... dann die Frage der Gebetsbücher, mehrbändiger Werke und der Neben- und Ergänzungswerke, wo sie denn vorhanden sind ... etcetera etcetera. Dazu die losen Dokumente. Jedenfalls mehr als ein einzelner Gelehrter wie ich in seinem Leben lesen kann, aber vielleicht haben Magier wie sie ja eine längere Spanne zur Verfügung."

'Wieso drei Akademien? Haben wir uns all die Jahre verzählt? Nun, wie auch immer.'

Der Adelige schüttelt kurz den Kopf, wie um eine Fliege oder einen lästigen Gedanken zu vertreiben und blickt Darian wieder an.

"Seid ihr auf der Suche nach etwas Bestimmtem, oder hat eure Forschungsreise kein spezielles Ziel?"



Darian wendet sich dem Wrack der ZYKLOPENAUGE zu, irgend etwas musz ja dort drüben interessantes zu sehen sein, wenn Frizzi zu verbissen dort hinüber starrt. Der Adeptus kann jedoch nichts entdecken, auszer einem schwer beschädigten Schiff, dasz jetzt schon seit einiger Zeit neben der NORDSTERN dümpelt. Als der andere etwas von einer längeren Zeitspanne, die einem Magier zur Verfügung stünde, sagt, ist Darian nicht ganz klar, ob der Adlige damit auf den legendären IMMORTALIS IUVENIR anspricht, einen der groszen verschollenen Sprüche oder ob er einfach nur meint Magier hätten schlicht mehr Zeit für ihre Studien, da sie ja keinen anderen Geschäften nebenbei nachgehen.

"Nun, im allgemeinen währt die Lebensspanne eines Magus nicht länger als die anderer Menschen auch. Zwar gibt es eine sehr machtvolle Formula, die es erlaubt den Leib fast beliebig zu verjüngen, doch ist diese schon seit langer Zeit verschollen. Man vermutet, dasz eine gewisse Nahema diesen Cantus beherrscht, doch hat dies bislang niemand bestätigen, geschweige denn sie zur Weitergabe der Thesis bewegen können. Vielleicht hat HESinde selbst es so gefügt, dasz der IMMORTALIS, wie man die Formula heiszt, den Sterblichen nicht mehr zur Verfügung steht. Schlieszlich entzöge sich der Anwender des IMMORTALIS IUVENIR BORons Macht - oder versuchte es zumindest - trete also gewissermaszen in Fehde mit einem der Zwölfe. Was Eure Frage nach dem Ziel meiner Studien angeht: Ich verfolge derzeit kein bestimmtes. Höchstwahrscheinlich würde ich ein solches wohl auch aus den Augen verlieren, angesichts von fünfzigtausend," der Adeptus läszt diese Zahl regelrecht auf der Zunge vergehen, "Büchern."



Di Vespasio blickt während der Ausführungen des Magiers ab und zu zu Boden. Sein stets flatterhafter Geist hat es dem Körper zur Beschäftigung gemacht, die Füße so auszurichten, daß einer genau parallel zur Schiffsachse und der andere senkrecht zu derselben steht.

'Ja, ja mein Junge. Nein, keine besonderen Interessen. Du redest auch nur zufällig eine Viertelstunde über die Besonderheiten des Immortalis. Sonst interessiert dich der Spruch kein Bißchen. Wer's glaubt erhält eine Prachtausgabe Systemata gratis.'

Der Geist hat sich inzwischen überlegt den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen und zusätzlich darauf zu bestehen, daß die Füße auch keine Fuge zwischen den Deckplanken berühren. Dies erfordert natürlich ein wenig das Verschieben derselben, was der Adelige durch den steten Wechsel von Standbein und Spielbein erreicht.

'Nun, mein lieber Frizzi, heißt es auf die erste brillante Erkenntnis eine Zweite folgen zu lassen. Wozu braucht dieser junge Kerl einen Immortalis? Doch nicht etwa für sich selbst. Das wäre etwas früh, es sei denn er sehnt sich nach der Mutterbrust. Es sei denn er ist im Auftrag eines Anderen ... Ah, hier fügen sich die Einzelteile zu einem Gesamtbild zusammen.'

'Aber wieso glaubt Elcarna, daß gerade dieser Adeptus, die richtige Quelle finden kann? Seine Herkunft wird ihn wohl in die Hallen einführen, jedoch kaum auch die Verschlossen Räume öffnen. Frizzi, streng dich an, es gab doch da mal so ein Gerücht ..'

"Ja, der alte Immortalis. Soviel wie über ihn geredet wird, möchte man glauben, daß jeder zweite ihn kennt und jeder andere kurz vor der Vollendung der Thesis steht, mal abgesehen davon, daß niemand wirklich daran interessiert ist, ihn anzuwenden."

Die Planke ist ein wenig schmaler als di Vespasios Fuß lang ist. Somit ist eine perfekte Ausrichtung leider nicht möglich. Er gibt sich daher mit der besten Alternative zufrieden und richtet den rechten Fuß so aus, daß genau Gleichviel vorn und hinter übersteht.

"Daher kann ich mir gut vorstellen, daß die Göttin selbst hier eingegriffen hat und das Wissen um seine Verwirklichung ein wenig eingegrenzt hat. Ob er tatsächlich gegen den Willen Borons sein sollte, will ich mal dahingestellt lassen. Das ist ein Frage für die philosophisch interessierten Geweihten. Ich habe jedenfalls bei meinen Studien zu den Aspekten des Boron erfahren, daß dieser dem kreativen Erhalt des Leben positiver gegenübersteht, als dessen sinnloser, gewalttätiger Verkürzung."

Die Füße bilden nun zwei Seiten eines Rechteckes und die nächste Herausforderung besteht darin, die Stockspitze genau in dessen Mitte zu stoßen.

"Andererseits wäre es nicht Hesindes Art, Wissen völlig verschwinden zu lassen. Wie ich eingangs schon sagte: Einmal gefundenes Wissen kann nicht wieder verloren werden. Vermutlich ist es eben nur sehr gut versteckt und wartet auf den Kundigen, der es wiederentdeckt. Wer weiß, wer und wann das sein wird. Ich ist nur, daß dieser Entdecker, dann ein sehr froher und junger Magus sein wird."

Es sieht ganz so aus, als wolle di Vespasio noch viel mehr über dieses Problem erzählen, aber immerhin besitzt er die Höflichkeit, eine Pause zu machen ... eine kurze ... die er nutzt um mit einem *POCK* seinen Stock auf den Boden aufzusetzen. Danach redet er sofort weiter.

"Was haltet ihr in diesem Zusammenhang von der Behauptung, der Immortalis wäre in mehreren, vermutlich drei bis sieben kleineren Werken über verschiedene Aspekte der Magie eingewoben? Und es wäre nur erforderlich, daß ein kluger Kopf die entsprechenden Werke nebeneinanderhält, um die Formel zu entdecken?"



Torin und Phexane


Torin bereitet sich innerlich auf eine weitere Konfrontation mit Phexane vor. Er ist darauf gefaßt, daß sie ihn ankeift, wie es eben ihre Art ist. Doch dies tritt nicht ein.

Statt dessen blickt ihm die kleine, dürre Frau direkt in die Augen, so daß sein Zorn mit einem Mal verfliegt. Als sie ihn dann noch direkt auf seinen Kummer anspricht, merkt er, daß sie es nicht böse gemeint haben kann.

Er blickt für einen Augenblick betreten zu Boden. Dann jedoch wieder in die braunen Augen Phexanes. Seine Mundwinkel verziehen sich kurz, als er nachdenkt.

"Ja, vielleicht habt ihr recht." sagt er leise.

Die meisten Geschehnisse um ihn herum sind für ihn unwichtig geworden. Doch den Ruf des Kapitäns kann er nur zu gut in seinen Ohren hallen hören.

'Zweihundert Dukaten... und der Mann auf dem Wrack hat sofort zugestimmt... es muß einfach eine Falle sein...'



Phexane wendet ihren Blick kurz wieder ab von Torin, um zu bemerken, daß nun Alrik auf sie und Torin zu kommt.

Auch hat sie vernommen, daß der Überlebende auf dem Wrack bereit ist, die 200 Dukaten zu zahlen.

'Zweihundert! Das muß einfach eine Falle sein! Und wenn nicht ... dann sind auf jeden Fall 200 Dukaten an Bord. Na, dann wird die Kasse des Kapitäns wohl früher oder später unter extremer Leerheit leiden müssen ...'

Phexanes Augen beginnen zu leuchten. Die Sorgen über einen möglichen Überfall treten langsam aber sicher hinten an, während sie sich in Gedanken ausrechnet, was sie alles mit 200 Dukaten anstellen könnte. Sie sieht sich schon in teuerer Gadrobe durch Belhanka, das Ziel ihrer Reise, wandeln. Umschwärmt von den schönsten Männern trinkt sie teuren Bosparanjer auf einem Ball in einem Schloß. An ihrem Hals und an ihren Ohren hängt wertvoller Schmuck und dann ... ein Heiratsantrag von einem alten, extrem reichen Adligen, der in Kürze sterben wird!

Was für ein Leben!

"Oh ja!" haucht Phexane auf einmal. Tief versunken ist sie in ihrem Tagtraum, vergessen sind Piraten, Bruder, Torin und Florett. Doch dann räuspert sie sich und eine leichte Röte aufgrund ihres knappen, aber dennoch vernehmbaren, Selbstgespräches legt sich auf ihren Wangen.

Von einem Moment auf dem anderen muß sie sich der Situation an Bord wieder bewußt werden, und sie fühlt sich, als hätte man sie gewaltsam aus einem wunderschönen Traum gezerrt.

'Aaalso, das Wrack ... Piraten ... und natürlich ein Florett!'

Sie packt plötzlich Torin am Arm und zieht ihn leicht Richtung Niedergang.

"Keine Zeit mehr für Plaudereien! Wir sollten zusehen, daß wir uns für einen Angriff der Piraten bereit machen und daß ihr euer anderes Florett aus dem Spind holt."

Dann dreht sie sich noch kurz nach Alrik um und ruft, jetzt allerdings nicht mehr so laut, ihm zu:

"Warte hier, Alrik! Wir sind gleich wieder da!"

Phexane wendet sich dann wieder dem Niedergang zu, um ihn hinunter zu gehen.



Torin blickt noch immer in die braunen Augen Phexanes, als diese sich weiten und Phexane scheinbar durch ihn hindurch sieht.

Dann verblasst der Glanz in ihren Augen und ein leises 'Oh ja.' kommt über ihre Lippen. Doch daß es nicht für seine Ohren gedacht war, zeigt ihm schon die Röte in ihrem Gesicht.

Plötzlich schnellt die kleine Frau nach vorne und zieht ihn mit sich zum Niedergang. Als sie sich noch einmal kurz umdreht, kann er an ihr vorbeigehen.

Auf die Bemerkung, daß er nun endlich sein Florett holen soll, geht Torin nur mit einem Kopfnicken ein. Und auch wenn Phexane dies vielleicht nicht sehen konnte, so erscheint ihm dieses Nicken als ausreichend.

Ein letzter kurzer Blick zu zum Brückendeck, sagt ihm, daß der Kapitän inmitten so vieler Magier wohl für den Augenblick auch ohne seine Bewachung auskommt.

Dann steigt er die Treppen zum Unterdeck hinab.



"Bis gleich!" ruft Phexane Alrik noch zu, dann huscht sie hinter Torin den Niedergang zum Unterdeck hinab

Ihr ist nicht entgangen, wie leise er auf einmal geworden ist.

'Schmollt er? War ich vielleicht zu direkt? Oder ist ihm das mit seinen Augen peinlich?'



'Warten??!! Warum nicht? Bei dieser Hektik an Bord vielleicht sowieso das Beste. Alrik geht zum Niedergang und stellt sich so, das er alles beobachten kann.



Der Handel auf See


Damit wär dann wohl alles klar, auch wenn dem Kapitän bei diesem Handel nicht gerade wohl ist. Aber irgendwie gibt es auch kaum eine andere Chance - gegen seinen Willen kann man den Schiffbrüchigen wohl kaum drüben von Bord schaffen, und ihn seinem Schicksal zu überlassen... das ist auch ausgeschlossen. Also wird es auf die Schleppfahrt hinauslaufen, zumal zweihundert Dukaten in der Schiffskasse sehr gut aufgehoben sind.

"Dann ist das klar", ruft der Kapitän zum Wrack hinüber.

"In Kürze wird unser Beiboot mit der Schlepptrosse und einigen Leuten kommen, die sich bei Euch um die nötigen Verrichtungen kümmern."

Der Blick des Kapitäns huscht kurz nach vorne, wo die Matrosen unter Fianas Leitung das Beiboot gerade umdrehen. Sie wird wohl bald kommen, um die Vollzugsmeldung zu geben, so daß er sein Vorgehen dann mit den beiden Offizieren besprechen kann.



Der Mann nickt bestätigend, wohlwissend, daß der Capitan das auf die Entfernung kaum wahrnehmen dürfte, und macht sich dann auf, um die zugesagte Entlohnung zu holen, um sie später parat zu haben. Er verschwindet aus dem Blickfeld.



ALRIK'S 'Geschäfte'


Staunend blickt ALRIK auf das blinkende Münze in seiner Hand. Wie viele Taler so eine Münze wohl wert sind? Der Junge unterdrückt die Bemerkung, daß man dafür wohl mehr Schnaps kaufen kann, als man aus medizinischen Gründen zu sich nehmen sollte und setzt statt dessen ein breites Grinsen auf.

"Sehr wohl, Herr. Kommt sofort," meint ALRIK mit einem phexischen Glitzern in den Augen. Erst noch eine artige Verbeugung, so wie es sich in feinen Kreisen gehört und dann frisch ans Werk!

Der Schiffsjunge stapft direkten Weges zu Garulf, den er längst schon auf dem Deck erspäht hat.

"Smutje, hör mal her. Die Herrschaften aus der Luxussuite hatten gern etwas von dem besten Gebrannten, den wir hier an Bord haben. Wo haben wir das Premer Faß? Oder haben wir nur noch den gelben Roggenbrand oder den einfachen Rübenschnaps? Wenn du mir den Schlüssel vom Laderaum gibst, dann geh' ich auch selbst. Bezahlt ha'm s'e schon, die Herrschaften."



Radisar sucht Anschluß


Schneller, als eine Mantis ihr Opfer schlagen kann, hat der Schiffsjunge die Münze ergriffen und eilt nun davon, den Auftrag zu erfüllen, so hofft Radisar wenigstens, dieser armselige, kleine Wurm, der sich nun wieder mit allen Schrecken dieser Welt allein gelassen fühlt.

Ein ausgedehnter Schluck guten Branntweins wäre nun gut, gegen die Angst und für die Stärkung des Selbstvertrauen, für den Augenblick zumindest, eben das Erstrebenswerteste, daß sich der kleine, dicke Diener, momentan vorstellen kann.

Es wird wohl eine Weile dauern, bis der Junge wieder zurück kommt. Es wird gar nicht so leicht sein, diese Zeit zu überbrücken, ohne wieder vom Grauen übermannt zu werden. Oh ja, dessen ist sich Radisar sicher.

So geht er ein paar Schritte dahin, dann wieder dorthin und er pfeift ein Lied dabei. Radisar pfeift ein Liedchen, aber schrecklich schlecht, kein Mensch könnte aus seinen Bemühungen heraus, irgendeine Melodie erkennen. Das ist aber auch gar nicht seine Absicht, viel mehr ist ihm daran gelegen, sich selbst von den schrecklichen Geschehnissen, um ihn herum abzulenken.

Es ist eine, für ihn sehr gewohnte und bewährte Strategie, dennoch will sie jetzt und hier nicht fruchten. Er kann sich einfach nicht ablenken, der Schrecken holt ihn immer wieder ein. Zwar fühlt er sich von den furchtbaren Piraten seiner Vorstellung nicht mehr so bedroht, wie noch vor kurzem. Dennoch liegt eine latente Spannung in der Luft, die in ihrer Eigenart wahrscheinlich nur von einem Feigling wie Radisar wahrgenommen werden kann.

Immer noch ein Lied pfeifend, schräg und falsch, geht er, vorsichtig und Schritt für Schritt, auf zwei Männer zu, die einzigen, die im Gespräch vertieft, offensichtlich noch am Wenigsten sich von den beherrschenden Momenten der Situation beeindrucken lassen.

Den einen von ihnen kennt Radisar. Das muß der junge Herr Zauberer sein, der bei der Meuterei damals, so 'versteinernd' eingegriffen haben soll. Der andere, zweifellos ein Edelmann, mag in seiner Person dem kleinen Diener nicht deutlich werden, er ist wohl erst in Thorwal an Bord gekommen.

Von weitem schon, auf sehr viel längerer Distanz, als es die Höflichkeit gebieten würde, beginnt er die Herrschaften auch schon anzureden.

"Es ist wohl günstiges Wetter und es scheint als könnten wir den Hafen von Salzerhaven rechtzeitig erreichen."

'Wo bleibt der Junge nur?' denkt er sich unterdessen.



Als von hinten die Stimme ertönt, denkt di Vespasio nicht daran, sich umzuwenden. Zwar meinte er gerade Stimmen am Niedergang gehört zu haben, die darauf deuten, daß der Braungekleidete sich nach unten zurückgezogen hat, aber sicher ist sicher.

'Dieser Kerl hatte so einen gewalttätigen Unterton in der Stimme. Bei solchen weiß man nie.'

Daher überläßt er es seinem Gesprächspartner sich um den Neuankömmling zu kümmern.



Am Geschütz


Als NIRKA von der Rudermaschine erzählt wird Garulf wieder einmal klar, wie sich die Zeiten verändert haben, wie lange er schon auf den Meeren Aventuriens zu Hause ist - schon als kleiner Junge hat er seinen Vater und seine Mutter auf Fahrt begleitet.

"Ja das war'n noch Zeiten damals auf der ´GISCHTVOGEL´, das war der Drache meiner Ottajasko. Das war damals, als ich noch jung und schlank war - heute bin ich ja nur noch und," der Smutje klopft mit einer Hand auf seinen, doch recht umfangreichen, Bauch.

"Da hatte man das Ruder noch richtig in der Hand ohne sich mit so´m Kram rum zu ärgern."

Garulf würde gerne noch mehr erzählen von seinen Fahrten auf der ´GISCHTVOGEL´, doch da ruft ihm der Schiffsjunge vom Oberdeck zu, er soll Schnaps holen für die Leute in der Suite. Kurz überlegt er ob er wirklich nicht einfach dem Jungen den Schlüszel geben sollte, verwirft diesen Gedanken aber wieder, die Bootsfrau würde dies bestimmt nicht gutheiszen.

"Also, ich geh´denn mal Premer holen für die hohen Herrschaften," sprach's, wandte sich um und stieg zum Oberdeck hinab.

An ALRIK gewandt:

"Na, denn woll´n wa ma´ sehn, was der fürstliche Keller noch so hergibt, sieht nämlich ziemlich leer aus da unten."

Garulf macht schon mal einen Schritt Richtung Niedergang und geht einfach davon aus, dasz ALRIK ihm folgen wird.



Die Bootsfrau nickt bei Garulfs Worten mehrfach, und wirft nur kurz ein:

"Das mit dem Ruder in der Hand stimmt schon, aber auf so einer Karavelle ist das so einfach besser, wie wir das hier haben - so groß sind die Probleme ja nun nicht."

Sie setzt schon fast dazu an, aufzubrausen, als der Schiffsjunge den Koch einfach so im Gespräch anspricht, doch sie fängt sich rasch, als ihr klar wird, daß es um einen Auftrag der Gäste der Luxussuite geht, der damit natürlich wirklich wichtig ist.

"Ja, tu das", sagt sie dem entschwindenden Koch, und nickt Alrik kurz zu - vielleicht als Entschuldigung für den durchaus zu erkennenden Anfang des Ärgers in ihrem Gesicht.



ALRIK'S 'Geschäfte'


Dann will der Smutje also doch selbst aufschließen. Als ob er, ALRIK, heimlich die Vorräte im Laderaum aussaufen würde! Aber bitte, wenn es denn so sein soll, dann macht der mal wieder zum Handlanger degradierte Schiffsjunge gute Miene zum üblichen Spiel. Das Trinkgeld wird jedenfalls nicht geteilt, nimmt sich ALRIK mit einem heimlichen, aber trotzigen Nicken vor.

"Jaja, ich komm' mit," bestätigt ALRIK und folgt dem Schiffskoch bei Fuße.

"Irgendwas wird schon noch da sein. Hauptsache, daß die Herrschaften nicht blind auf den Augen davon werden. Du weißt ja bestimmt, wie zimperlich die manchmal sind."



Dasz der Junge lieber allein hinunter gegangen wäre ist dem Smutje durchaus bewuszt. Auch und gerade deshalb weil ihn das Gespräch mit der Bootsfrau daran erinnert hat, dasz er ja auch mal jung war, auch wenn das schon etwas länger her ist. Nichtsdestotrotz ist er als Smutje für die Vorräte verantwortlich und darf den Schlüszel für den Laderaum gar nicht aus der Hand geben - auszer an einen Offizer natürlich. Zwar ist Garulf niemand der Regeln und Vorschriften praiotisch genau einhält, schlieszlich ist er Thorwaler - kein Inquisitor, aber ein so offensichtlicher Verstosz im Beisein der Bootsfrau, das geht nun doch nicht.

´Vielleicht sollte ich den Jungen etwas aufmuntern.´

"Die hohen Herren wollen doch bestimmt nicht für das ganze Geld Schnaps?" fragt Garulf ALRIK, während er schon einen Fusz im Niedergang hat, das Wort ´ganze´ bekommt dabei eine besondere Betonung. Man musz kein Phexgeweihter sein, um darauf zu kommen, dasz Garulf durchaus bereit ist den besseren Herrschaften eine etwas kleinere Flasche unterzujubeln und dafüer die eigene Tasche etwas aufzubessern.



"Der Herr Radisar sagte: 'Hole mir vom besten Branntwein, soviel du tragen kannst.' Aber eigentlich wollte er sich nur etwas stärken, nach einem Schwächeanfall, den er hatte", berichtet ALRIK während er weiter hinter Garulf her geht. An den bunten Passagier, der mit dem Knirps, der in Thorwal an Bord kann, vor dem Abstieg zum Ladedeck herumlungert, stört sich der Schiffsjunge nicht weiter. Dennoch paßt er auf, daß die beiden nicht mitbekommen, was ALRIK fest umschlossen in der Hand hält.

"Wieviel Maß bekommt man denn hierfür?" Eher widerwillig öffnet ALRIK die Hand und zeigt dem Koch das frisch verdiente Goldstück. Doch die seltsame Betonung, die der Smutje im Zusammenhang mit dem Wort 'Geld' an den Tag legt, läßt ihm keine weitere Wahl, als mit der Wahrheit herauszurücken.

"Bleiben da noch ein paar Heller übrig? Denn den Rest darf ich behalten, hat Herr Radisar gesagt", fragt ALRIK unschuldig, aber trotzdem nicht ohne Hintergedanken. "Und so viel tragen, kann ich ja auch nicht."

'So, jetzt ist es raus. Sören hätte jetzt bestimmt versucht mich zu bescheißen, woll'n wir doch mal sehen, was der Neue dazu so sagt.'



Torin und Phexane unter Deck


Das Licht des Tages scheint nur gedämpft bis hinunter zum Unterdeck, so daß Torin am unteren Ende der Treppe erst kaum etwas erkennen kann.

Der an Deck stets wehende Wind ist hier kaum zu spüren und so bleibt der leicht holzige Geschmack der Luft in den Gängen erhalten.

'Es ist keine Zeit zu verlieren.'

Trotz dieser Gedanken geht er nicht überhastet, sondern aufmerksam und beinahe vorsichtig über die unter seinen Füßen knarrenden Holzdielen. Ein kurzer Seitenblick in den leeren Efferdschrein zeigt ihm, daß sich in diesem niemand befindet. Doch von der Küche und der Messe dringen Geräusche an seine Ohren, die er jedoch ignoriert. Nur die junge Matrosin, die bei der Türe zur Messe steht, kann er nicht ignorieren.Mit einem kurzen, geraunten "Entschuldigung." schiebt er sich an ihr vorbei. Durch die Enge des Ganges kann er es kaum vermeiden, sie zu berühren und seine Hand streift über ihr Leinenhemd. Vom hinteren Aufgang hört er die Stimmen der Personen auf dem Deck. Er kann in den Wortfetzen die er aufschnappt, eine gewisse Anspannung hören.

'Auch die anderen Passagiere sind unruhig... zu Recht, denke ich.'

Dann endlich tritt er durch die nur angelehnte und im Wellengang der NORDSTERN leicht schwingende Tür des Gemeinschaftsraumes. Noch immer schwingt ein leicht säuerliches Aroma durch den Raum.

Doch er beachtet es nicht, als er den Raum durchquert und sich seinem Spind nähert.



Phexane geht den Gang auf dem Unterdeck weiter hinter Torin her und grüßt dabei mit einem freundlichen Nicken Jarun, der an ihr vorbei geht.Sie kommt vorbei an den leeren Efferdschrein, sieht noch kurz Ameg, Xenia und Wasuren bei der Messe stehen und geht dann an der Kombüse vorbei, wo sie plötzlich aus den Augenwinkeln eine Bewegung auf dem Fußboden ausmacht. Sie bleibt kurz stehen, guckt zu der Stelle hin und registriert eine kleine Katze, die gerade auf etwas herum kaut.

"Wie süß!" quietscht Phexane auf einmal und lächelt verzückt in Richtung Traumauge, doch dann schaut sie wieder zu Torin hin, der unbeirrt weiter zur Gemeinschaftskabine geht.

'Hm, es gibt jetzt leider Wichtigeres zu tun. Schade!'

Sie guckt noch einmal kurz lächelnd zu dem kleinen Kater, geht dann aber weiter zur Gemeinschaftskabine. Dort angekommen, betritt sie kurz nach den Torin den Raum und folgt ihm zu seinem Spind.

'Puh, hier riecht es ja immer noch etwas nach Gebrochenem ... und ich rieche jetzt wieder stärker diesen Brandgeruch von ihm.'



Torin holt einen kleinen, eisernen Schlüssel aus seiner Tasche und steckt ihn ins Schloß.

Doch anstatt den Spind zu öffnen, dreht er sich zu Phexane um und geht an ihr vorbei um die Türe zu schließen. Abermals geht er an ihr vorbei, um wieder an seinen Spind zu gelangen, doch diesmal spricht er leise.

"Ich habe den Glanz euerer Augen gesehen, als der Kapitän über die Summe von zweihundert Dukaten gesprochen hat, Frau Fuxfell."

Die Lautstärke seiner Worte ist gerade so gewählt, daß es Phexane, jedoch sonst niemand, der nicht in der Gemeinschaftskabine ist, hören kann.

Als Torin sich zu Phexane umdreht, haben seine Hände bereits den Verschluß des Gürtels geöffnet. Der Gürtel hängt an der linken Seite herab, so daß er ohne weiteres das Florett mitsamt Scheide davon ablösen kann.

"Ich bin mir nicht sicher," redet er weiter "ob und wie ihr dem Kapitän die Dukaten abluchsen wollt. Aber ich habe mir auf dem Weg hierher einen kleinen Plan zurechtgelegt. Wenn alles klappt, bekommen wir einen Teil des Geldes von ihm persönlich überreicht und er wird uns sogar noch dankbar sein."

Torin nimmt die Waffenscheide und hält sie Phexane hin.

"Doch dazu benötigen wir wache Augen und gute Menschenkenntnis."

Er stoppt einen Moment, um in Gedanken hinzuzufügen:

'Die sie sicherlich besitzt.'

Dann spricht er weiter.

"Wie ich euch schon sagte, ist wohl einer der Piraten bereits als Passagier verkleidet an Bord. Ich denke, er wird das Gift am Dolch des Meuchlers sein, daß ihnen den entscheidenden Vorteil verschaffen soll."

Als Phexane die Waffe entgegengenommen hat, dreht er sich wieder zu seinem Spind hin um und öffnet ihn.

"Doch wir beide wissen, daß es eine solche Person gibt. Wenn wir den Kapitän im letzten Augenblick vor dem tödlichen Stoß retten, wird er uns gerne einen Teil seiner Barschaft geben."

Die Türe des Spindes schwingt ihm entgegen und er sieht die samtene Scheide von Harads Florett. Mit einem leisen Seufzer nimmt er die meisterlich gefertigte Waffe aus der Dunkelheit seines Spindes in das Licht der Gemeinschaftskabine. Noch immer tut er sich schwer mit dem Gedanken, daß dies jetzt seine eigene Waffe sein soll. Sein Blick streift über den in seiner Hand befindlichen Gegenstand.

Die Scheide, in der das Florett ruht, ist aus rotem Samt. In dieses Samtgewebe sind wie zufällig fünf Smaragde einpasst. Der Korb der vor ihm liegenden Waffe schimmert und glitzert im schwachen Licht des Gemeinschaftsraumes. Die feinen Verzierungen am Griff winden sich hoch bis um die edlen Rubinsteine des Handschutzes. Wie zwei Schlangen winden sich die beiden Parierstangen aus dem Material des Handschutzes dem Gegner entgegen.

'Es ist wirklich eine edle Waffe. Ich weiß nicht, wie ich dir dafür jemals danken kann, Harad.'

Mit dem Florett in seinen Händen dreht er sich zu Phexane um.

"Oder denkt ihr nicht auch so wie ich?"



Phexane ist die Überraschung durchaus anzusehen, als Torin die zweihundert Dukaten anspricht. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. So kommt es, daß sie erst mal nur nickt, während er ihr von seinem Plan erzählt.

Dabei streift er sein Florett ab und reicht es ihr. Kurz zieht sie es aus der Scheide, um die Klinge zu betrachten, die, im Gegensatz zu ihrem eigenen Florett, noch gut in Schuß ist. Dann allerdings hängt auch sie sich die Waffe um.

Als er seine andere Waffe aus dem Spind nimmt, schaut sie, neugierig wie sie nun einmal ist, an ihm vorbei. Ihre Augen weiten sich zusehends, als sie die Edelsteine an dem Florett sieht. Mit so einer Waffe hatte sie nicht gerechnet!

Als er sich umdreht, wendet sie ihren Blick schnell von der Waffe ab und zu ihm hin.

'Was ich denke? Der kann Fragen stellen! Ich will auch so eine Waffe!!!'

"Äh, ja!" kommt es knapp von Phexane.

Doch dann räuspert sie sich kurz.

"Daß ich an diesen zweihundert Dukaten interessiert bin," sagt sie mit gesenkter Stimme, damit auch kein zufälliger Zuhörer an der Tür was hören kann, "stimmt schon. Aber was macht euch nun so absolut sicher, daß es einen Mörder an Bord geben könnte? Was würdet ihr machen, wenn der Kapitän doch nicht in Gefahr schwebt?"

Phexane blickt ihn bei ihren Worten forschend an. Zwar scheint er wohl auch eher dem sogenannten 'lichtscheuen Gesindel' anzugehören, doch ist sie sich nicht sicher, wie phexisch er nun wirklich eingestellt ist. Zudem hat ihre Erfahrung mit anderen Dieben gezeigt, daß man stets auf der Hut sein muß, wenn man mit einem 'Kollegen' kooperiert. Ohne lange Pause redet sie weiter:

"Würdet ihr die Dukaten einfach vergessen?"



Der Mann im Mast


Langsam beginnt Raschid sich zu fragen, ob man ihn nicht doch vergessen hat. Hier oben ist er ja leicht zu übersehen. Und gemeldet hat er sich ja schließlich auch schon eine Weile nicht mehr.

Schließlich kommt er zu dem Entschluß den Kapitän zu fragen, denn sonderlich gemütlich ist die Stange ja nicht. Vielleicht würde der Platz an Bequemlichkeit gewinnen, wenn man ihn mit einigen großen Seidenkissen, wie die mit denen die Harems der Sultane geschmückt werden, auspolstert. Bei dem Gedanken an einen dermaßen geschmückten Ausguck muß der Thulamide lachen. Sicherlich würden Piraten einen großen Bogen um sie machen. Wer legt sich denn schon gerne mit einem Schiff voller Verrückter an.

Einen Augenblick überdenkt er den letzten Satz noch einmal.

"Verrückt sind die ja so oder so!" Flüstert Raschid leise vor sich hin.

Immer noch breit grinsend wendet er sich zum Kapitän und ruft ihm seine Bitte zu. "Wenn ihr mich hier oben nicht mehr braucht, Kapitän, dann könnte ich ja wieder herunterkommen."



Während sich Kapitän und zweiter Offizier leise über die beabsichtigte Fahrt mit dem Beiboot unterhalten, geht der Schiffbrüchige drüben auf dem Wrack aus der Sichtweite der Menschen auf der NORDSTERN. Im Grunde gibt es mit ihm ja auch nichts mehr zu bereden...

Jergan will gerade etwas zur Frage des Geldes sagen, als von oben der Ausguck eine Frage stellt, die den Kapitän erst einmal die Stirn runzeln läßt. War der Befehl, den Nirka vor gar nicht so langer Zeit gegeben hat, denn nicht eindeutig? Es ist doch sonnenklar, daß der Ausguck besetzt sein muß, wenn das Schiff in einer nicht wirklich ungefährlichen Situation ist. Die beiden mutmaßlichen Piratenschiffe sind zwar längst außer Sicht, aber sie können ja immerhin wenden...

Andererseits... ein erfahrenerer Mann wäre natürlich geeigneter für den Ausguck, und so schallt die Antwort nach oben:

"Du kannst runter kommen!"

Seine Augen suchen derweil eine geeignete Ablösung auf dem Deck...



Zufrieden, endlich diesen undankbaren Platz zu verlassen, klettert Raschid die Sprossen hinunter. Der Abstieg fällt ihm versehentlich leichter, als der Aufstieg, denn die Aussicht, wieder die festen Planken der Nordstern unter seinen Füßen zu spüren, beflügelt seinen Mut und seine Finger.

Sicher erreicht er das Oberdeck der NORDSTERN.



Auf der 'Jagd' nach Abenteuern


"Gut. Dann führt uns das Abenteuer zunächst auf das Ladedeck."

Vorsichtig blickt Jarun durch die Tür der Messe und schaut rechts und links den Gang entlang. Niemand zu sehen. Die Gelegenheit scheint günstig. Wahrscheinlich sind alle oben und schauen das Schiff an, von dem der Junge erzählte. Jarun gibt Ameg einen kurzen Wink ihm zu folgen, als er durch die Tür der Messe tritt.

Kurz wendet er sich noch einmal zu dem Jungen und flüstert ihm etwas zu.

"Wir müssen leise und vorsichtig sein. Es ist eigentlich nur der Besatzung erlaubt, auf das Deck zu gehen."

Dann huscht er lautlos in Richtung Niedergang.



'uhy.. das wird spannend..'

Ameg schlängelt sich gerade an Wasuren und Xenia vorbei, die immer noch an der Tür herum stehen, als er noch einen kurzen Blick auf Phexane erhascht, die in Richtung Gemeinschaftskabine unterwegs ist.

'Was macht sie wohl hier unten? Oben scheint ja wirklich nichts los zu sein. Oder aber es ist >die< Gelegenheit ein paar Dinge zu tun, die nicht gleich jeder erfahren soll. Vielleicht schaut sie sich ja mal die Kabine des komischen Kauzes an, mit dem Torin Streit hatte.'

Ameg grinst bei dem Gedanken und folgt dann Jarun. Durch sein geringes Gewicht erzeugen seine Füße beim Gehen auf dem Holzboden des Schiffes kaum ein wahrnehmbares Geräusch.



Am Beiboot


Ole hebt und stemmt am Beiboot herum. Sein Kraft und seine Ausdauer sind sehr hilfreich bei diesem Unternehmen. Doch ist er nicht mit voller Konzentration dabei.

Unter der Arbeit, bei aller Anstrengung auch immer, zischt er zwischen den Zähnen zu Hjaldar hinüber.

"Ich weiß nicht, wen der Kapitän in das Boot befehlen wird, doch ich würde mich sehr viel besser fühlen, wenn du dabei wärst. Du gehörst nicht zur Mannschaft, deshalb weiß ich nicht, ob er an dich denken würde....!"

Ole hält für einen Moment inne, das Beiboot ist aber auch verflucht schwer, aber dann fährt er fort:

"Woll'n doch mal sehen, ob der Kahn noch weitere Ladung hat. Vielleicht kann man auch noch Schiffspapiere, Ladeliste oder sogar das Logbuch sicherstellen. Das würde sicher helfen. Bist du dabei?"

Ole holt ein wenig Luft, man sollte doch nicht gleichzeitig reden und arbeiten.

"Mach schnell und sprich den Kapitän an, ehe er sich anders festlegt!"



Nachdem das Boot umgewuchtet ist, atmet Hjaldar erstmal tief durch. Das was Ole gesagt hat, erinnert ihn plötzlich daran, daß er ja eigentlich Fahrgast ist und - was ihm jetzt erst in den Sinn kommt - daß er eventuell gar nicht mit übersetzen kann.

Aber noch bevor er sich darüber graue Haare wachsen lassen kann - davon hat Ole ja auch schon genug für den Rest der Mannschaft - kommt der wortkarge Erste Offizier heran und macht die Sache klar, jedenfalls versteht Hjaldar das auch so.

"Aye." nickt er nur kurz zu Lowangers Worten, dann wendet er sich Ole zu "Ich möcht' wetten, dem Käpt'n kommt die ganze Sache auch aranisch vor. Laß uns einfach man die Augen aufhalten da drüben. Durchsuchen müssen wir den Kahn sowieso, könnt' ja sein, daß sich einer mit 'nem Enterhaken im Bauch noch unter's Deck verkrümelt hat."

Hjaldar versucht gar nicht erst, dabei geheimnisvoll zu tuscheln. Vielmehr interessiert ihn sehr, was der eher stille, aber definitiv fähige Lowanger dazu sagt - wenn er denn was sagt.



Fiana ist zufrieden mit der Arbeit der Matrosen. Ole's gewaltige Kraft hat sicherlich ihren Anteil daran, daß das Beiboot recht flott umgedreht wurde.

Die Ruder lagern ohnehin im Beiboot und müssen nur noch an ihren Platz gelegt werden.

Fiana richtet das Wort an Ole:

"Ole mach du die Ruder los und mach sie bereit. Da Boot bleibt aber noch an Deck!"

Sie weiß, daß Ole ein erfahrener Mann ist und keine weiteren Erläuterungen benötigt. Sie wendet sich dann ab in Richtung Brücke und geht den Aufgang zum Brückendeck hinauf.

Da der Kapitän im moment nicht zu sprechen scheint, macht sie sogleich kurz Meldung.

"Das Beiboot ist klar zum Aussetzten, Kapitän!"



Als Fiana den Befehl zum Herumdrehen des Bootes gibt, strengt sich Efferdan an, seinen Beitrag zu leisten. Straff spannen sich seine beileibe nicht so starken Armmuskeln, ein Ächzen entspringt seinem Mund, mit der Zeit wird er hochrot. Doch mit vereinten Kräften gelingt es den Matrosen schließlich das Boot herumzudrehen.

Schwer atmend steht Efferdan nun auf den Planken am Bug des umgedrehten Beibootes, kurz tanzen schwarze Flecken vor seinen Augen, so sehr hat sich der schmale Matrose angestrengt. Auch spürt er wieder den blauen Fleck an seiner Seite, den er sich vorhin geholt hat.

"Ouf"

Efferdan schließt die Augen und konzentriert sich auf das Meeresrauschen, um wieder zu Sinnen und Kräften zu kommen. Dabei fängt er natürlich auch andere Geräusche auf:

Er hört Fiana, wie sie Ole befielt, die Ruder an ihren Platz zu legen. Worte und Gesprächsfetzen der Passagiere wehen zu ihm herüber. Raschid fragt, ob er herunter soll.

`Moment, sollte nicht jemand im Ausguck bleiben?`

Efferdan öffnet die Augen.

`Der Kapitän bestätigt das auch noch. Merkwürdig`

Nun dreht sich Efferdan herum ,in Richtung Brückendeck und sieht fragend in des Kapitäns Richtung.



Bewegung auf der Brücke


Ottam ist empört, wie kann DAS sein, erst als er sich zum dritten oder vierten mal die Worte des Kapitäns im Geiste vorbeiziehen läßt wird im klar, daß ER NICHT mitkommen soll. Das ist nicht nur grundweg falsch, nein, es ist auch EINE INFAME BELEIDIGUNG.

Diesem heftigen Gedanken gibt sich Ottam hin, bevor er zu einem bissigen verbalen Gegenschlag ansetzt.

"Wollt ihr ernsthaft, daß ich hier bleibe? Könnt IHR es verantworten, daß ein Schwerverletzter vielleicht stirbt, weil nicht rechtzeitig Hilfe eintrifft? Ich will hier die Fähigkeiten meines Kollegen in keinster Weise schmälern, aber er alleine kann nicht alle gleichzeitig untersuchen. ZUSAMMEN schaffen wir das in der halben Zeit! Auch wäre die Anwesenheit von mehreren Zauberkundigen SEHR angebracht. Falls es sich doch um eine Falle handelt, und dafür halte ich es mittlerweile, denn sagt mir, welche Drachen würden 200 Dukaten an Bord eines überfallenen Schiffes zurücklassen?. Meine Zauber kann ich drüben effektiver einsetzen als von hier aus."



"Keine Sorge, es wird ein Magier an Bord sein!" erhält der Magus recht knapp die Antwort des Kapitäns, ohne daß dieser sich ihm dabei wirklich lange zuwendet, denn die erste Offizierin ist nun auf dem Brückendeck eingetroffen und macht die erwartete Meldung.

"Das ist gut, Fiana. Übernehmt Ihr bitte jetzt das Steuer der NORDSTERN, und schickt einen etwas erfahreneren Matrosen in den Ausguck hoch - wir wissen ja nicht, ob die Piraten wiederkommen werden."

Er wartet die Bestätigung des Kommandos nicht ab, denn er weiß, daß er sich auf Fiana bei so etwas verlassen kann, und so ist Lowanger der nächste, den er anspricht:

"Das Beiboot sei damit wie besprochen das Eure, Herr Lowanger. Ich werde den Herrn Durenald bitten, Euch als Magier zu begleiten."

Viel mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen, denn der zweite Offizier ist erfahren genug, um zu wissen, was er zu tun hat, und sie beide haben die Details, also insbesondere wer mitfahren wird, schon sehr genau besprochen.

Jergan Efferdstreu blickt sich kurz um, dann geht er raschen Schrittes die Treppe hinunter, und über das halbe Oberdeck. Er hat die kleine Gruppe, die aus dem Magier Darian Durenald, dem Herrn di Vespasio und dem Diener der reichen Händlerin besteht, noch gar nicht ganz erreicht, als er bereits den erstgenannten anspricht.

"Verzeiht meine Unhöflichkeit, Herr Durenald, aber kann ich Euch um einen Gefallen recht großer Wichtigkeit bitten?"

Aufmerksam sieht der Kapitän dabei den Magier an, dem er viel mehr vertraut als dem Bordmagus des Schiffes, trotz des nicht so ganz gelungenen Zaubers, als die Meuterei niedergeschlagen wurde.



"Zu Befehl, Kapitän!" bestätigt der zweite Offizier knapp die Anweisungen, die der Kapitän ihm gegeben hat.

Höflich läßt er diesem den Vortritt an der Treppe, und folgt ihm dann etwas langsamer. Dies in erster Linie deshalb, weil sein Weg nicht der gerade ist, sondern einen kleinen Umweg beinhaltet, der ihn an dem Druiden Fargus vorbeigehen läßt.

"Wenn Ihr an der Fahrt zu dem Wrack teilhaben möchtet...", sagt er einladend, während seine Geste 'so folgt mir' symbolisiert. Indes wartet er keine Antwort ab, sondern geht weiter in Richtung der Treppe und diese hinunter.

Sein Weg ist auch hier, auf dem Oberdeck, nicht sehr geradlinig, denn er führt an dem Matrosen Trolske vorbei, der gerade an einer der Winden, die das Segel des Großmastes steuern, arbeitet.

"Mitkommen, und nimm das da mit!" befiehlt er dem Matrosen in seiner bekannt knappen Art, und weist dabei auf eine recht grosse und schwere Seilrolle, die unweit der Winde auf dem Deck liegt. Eigentlich sollte dieses Seil dazu dienen, im Hafen einige der Schoten zu erneuern, doch jetzt wird es erst einmal als Schlepptrosse dienen müssen.

Und weiter geht der Weg des zweiten Offiziers, hin zu dem Beiboot, das richtig herum auf dem Deck liegt, und nur darauf wartet, über Bord gesetzt zu werden. Er blickt Ole an, dem er lediglich kurz zunickt, denn dem Schiffszimmermann wird sicherlich schon seit langem klar sein, daß er bei dieser Fahrt dabei sein wird. Ein gleiches Nicken gilt Hjaldar, der so eifrig mit angepackt hat, daß Lowanger einfach übersieht, daß dieser gar nicht zur Besatzung gehört. Er korrigiert diesen Irrtum auch nicht, als er ihm bewußt wird, denn er ist sich sicher, daß der Thorwaler es ihm nicht übel nehmen wird - und sich sicher über diese Gelegenheit freut.

"Es geht gleich los", sagt er zu den beiden, und auch zu den Umstehenden, die mit geholfen haben, das Boot zu wenden, und demnächst mithelfen werden, das Boot über Bord zu hieven.

"Wir müssen nur noch warten, bis der Kapitän etwas wichtiges besprochen hat, und bis Trolske sowie zwei unserer Fahrgäste hier sind."



Ein neuer Mann im Mast


"Aye Kapitän!" erwidert Fiana kurz, auch wenn der Kapitän es nicht abwartet gehört es dazu. Sie spricht gerade so laut das er es beiläufig mitbekommt, aber nicht gestört wird, da er sich schon anderen Aufgaben widmet.

Fiana stellt sich ans Steuer und nimmt dieses fest in die Hand. Ihr Blick schweift über das Oberdeck und mit geschultem Blick erkennt sie sofort jenen Matrose, der gerade nichts zu tun hat.

"Orgen, geh in den Ausguck und halte Ausschau. Berichte alles ungewöhnliche und achte besonders darauf, ob die Drachen vielleicht umkehren"



Orgen, der eigentlich gerade das andere Schiff etwas genauer anschauen wollte, vernimmt den Befehl Fianas. Er hatte sich schon gewundert warum der Kapitän den Ausguck nicht weiter besetzt hält. Schließlich ist es in der Tat möglich das die Drachenboote zurück kommen um zu vollenden was sie begonnen haben.

"Jawohl 1. Offizierin" ruft er laut Fiana zu und macht sich sofort auf den Weg zum Ausguck.

Unterwegs passiert zwei Schritt und vier Finger messende Hüne Raschid und schnallst diesem etwas belustigt ein

"Na, dir ist es da oben wohl zu zugig geworden?"

Seinem Grinsen kann man aber entnehmen das er dies nur als freundliche Stichelei betrachtet.

Ohne eine Antwort abzuwarten steigt er den Mast empor. Er bewegt sich dabei sicher und schnell. Oben angekommen verschafft er sich stehend einen ersten Rundblick, kann jedoch nichts als Wasser erkennen. Daraufhin nimmt er auf der Stange Platz und schaut immer wieder in alle Richtungen.



Frau Reckinde erscheint


Radisars wirres Gerede von drohender Gefahr durch wilde Piraten, hat Reckinde von Beibach und Bruch vielleicht zuerst nicht sonderlich berührt. Weiß sie doch von ihrem Diener, daß selbst eine kleine Eidechse in seiner Vorstellung zu einem gewaltigen Drachen heranwachsen kann.

Doch diesmal war es ihm wirklich gelungen in der reichen Kauffrau eine Art anhaltendes Unwohlsein zu erzeugen. Was ist, wenn er recht hätte? Was ist, wenn die die Eidechse nun tatsächlich ein gewaltiger Drachen wäre?

Reckinde wäre niemals so reich und mächtig geworden, wenn sie alles nur dem Zufall überlassen hätte. Schon seit jeher war es ihr Grundsatz gewesen, immer und zu jeder Zeit, auf alles, aber auch auf wirklich alles, vorbereitet zu sein.

Und sollte es tatsächlich irgendwelche Piraten wagen ihren Ansprüchen zu nahe zu treten, dann würde sie ihnen schon zeigen, daß ihre Daumen zu weit mehr fähig sein würden, als nur Geld zu zählen.

Reckinde betrachtet ihre Hände und denkt kurz an die Zeiten zurück, da sie, von den Umständen getrieben, so manchen Nacken, mit dem Daumen allein zerquetschte. Deshalb sieht sie sich erst gar nicht nach einer Waffe um, als sie entschlossen zu äußerster Wehrhaftigkeit das Oberdeck betritt.



Freifrau Reckinde stapft auf das Oberdeck, bleibt breitbeinig stehen und stemmt entschlossen ihre Fäuste in die Hüfte, einer Elitegardistin gleich, die sich bereit zeigt ihren Gebieter bis zum letzten Atemzug zu verteidigen. Ihr wallendes Gewand flattert im Seewind, doch Reckindes Gesicht ist hart und steinern, als sei ihr Anlitz noch niemals mit einem Lächeln geziert gewesen.

Mit geradezu feurig blitzenden Augen verschafft sie sich in kürzester Zeit einen Überblick über die Situation auf und außerhalb der NORDSTERN. Sie wäre niemals eine solche schwerreiche Frau geworden, hätte sie nicht die naturgegebene Eigenschaft alle Eindrücke, die sie aus einer forschende Wahrnehmung heraus in Windeseile zu sammeln vermag, ebenso schnell zu sortieren, werten und wichten zu können.

"Piraten? Pah!!"

Frau Reckindes verächtliche Worte waren mehr vor sich hin gesprochen, als wolle sie sich selbst in ihrer Annahme bestätigen, daß Radisar in seiner lächerlichen Furcht wieder einmal mehr 'aus einer Eidechse einen Basilisken gemacht hätte'.

Mit einem Blick auf das treibende Wrack denkt sie sich:

'Wenn das Piraten sein sollten, dann sind es aber ziemlich tote Piraten. Aber die NORDSTERN kann das nicht verursacht haben. Dazu sind hier an Bord viel zu wenig Streiter und die meisten davon zu jung um mit Messer und Gabel zu essen, geschweige denn ein Schwert zu führen!'

Mit einem mißtrauischen Seitenblick erspäht die Händlerin Fiana am Ruder stehend und denkt sich dabei mit einem grimmigen Grinsen:

'Hoffentlich versteht sich diese unmögliche Person auf das Lenken eines Schiffes besser, als auf Höflichkeit, Anstand und Etikette - sonst sind wir wahrscheinlich schon in kurzer Zeit Fischfutter!'



Die Bitte des Kapitäns


Natürlich ist der Kapitän niemand, dem man den Rücken zukehren sollte. Fast reflexhaft macht di Vespasio dem neu hinzugetretenem Platz und verbeugt sich knapp, alles in einer Bewegung.

'Es ist immer angenehm, wenn jemand, der es eigentlich nicht nötig hat, sich dennoch entschuldigt. Schließlich, mein Lieber Frizzi, das gilt es bei seiner zurückhaltenden Aufmachung nicht zu vergessen, ist er als Kapitän des Schiffes im Rang einem König entsprechend. Was kann er nur von dem jungen Magus wollen?'

Nach der Verbeugung hat der Adelige auch Gelegenheit einen Blick über das Oberdeck zu werfen und sich, zu seiner Erleichterung, von der Abwesenheit des Braungekleideten zu überzeugen. Ebenso fällt sein Augenmerk auch auf den kürzlich hinzugetretenen Radisar.

'Huch, nein, Überraschung. Wer ist denn diese lustige Erscheinung? Und warum haben wir uns noch nicht gesehen?'

In diesem Moment sieht er, daß die Tür zur Suite offen steht und die reiche Händlerin das Deck betritt.

'Ah, die energische Dame, die dich vorgestern abend fast umgestoßen hätte, mein Freund. Offenbar gehören die beiden zusammen. Sie passen ja fast so gut zueinander wie der helle und der dunkle Magier.'

Di Vespasio denkt jedoch nicht weiter über die beiden nach, sondern wendet seine Aufmerksamkeit dem Kapitän und dem jungen Adepten zu.



´BORon steht der kreativen Lebensverlängerung durchaus positiv gegenüber, was meint er denn damit? Glaubt er wirklich der Herr des Schlafes liesze es zu sich mittels Blutmagie Lebensjahre zu rauben?´

Darians Verwunderung steigert sich und mischt sich mit einer aufkommenden Wut, als Frizzi so tut als ob Darian nach eben dieser Formel suchen würde.

´Oder sollte er am Ende selbst? Wozu? Er hat die Kraft doch gar nicht!´

Zwar liegt ihm eine Antwort wie ´ICH habe nicht vor Blutmagie anzuwenden und wenn IHR den IMMORTALIS sucht, dann sucht Euch einen Magus der sein Siegel links trägt und gen Osten reist!´auf der Zunge, aber erstens weisz er sich zurückzuhalten, offene Wutausbrüche paszen nicht zu einem Gelehrten und zweitens würde dies am Ende noch den Eindruck erwecken, Darian sähe den Borbaradianismus als legitime Ausrichtung der Magie.

So macht Darian was er in solchen Situationen stets zu tun pflegt, er verfällt in einen absolut sachlichen, emotionslosen Tonfall:

"Zwar kann einmal entdecktes Wissen nie wirklich verloren gehen ebenso wie alles was denkbar ist irgendwann, von irgend jemandem gedacht werden wird, ABER das heiszt noch lange nicht, dasz alles Wissen zum Wohle HESindes wäre. Zwar ist die Thesis verschollen und auch sonst nicht mehr viel zu Wesen und Aufbau des IMMORTALIS IUVENIR bekannt, doch eins ist gewisz: Er erfordert die Magie des Blutes! Einen solchen Raub von Lebenskraft kann man wohl kaum noch als göttergefällig bezeichnen."

Dem Adeptus ist es ganz recht, dasz gerade in diesem Moment der Kapitän des Schiffes an ihn herantritt. Als er sich von Frizzi ab- und Jergan zuwendet, bemerkt er, dasz sich mittlerweile noch eine weitere Person hier eingefunden hat, der kleine verschüchterte Diener der Frau von Beibach und Bruch.

Radisar nur mit einem kurzen Nicken bedenkend, antworte Darian dem Kapitän:

"Selbstverständlich, was für eine Art Gefallen ist es denn?"

Der junge Magier spricht plötzlich wieder völlig normal, als ob ihm entfallen wäre, dasz man ihm eben vorgeworfen hatte nach verbotenem Wissen zu forschen.



Der Kapitän der rivaer Karavelle erwidert die Verbeugung des Adligen mit einem Nicken, ehe er sich dann endgültig dem Magier zuwendet.

"Wie Ihr sicher auch gehört habt, werden wir dieses Wrack dort drüben in Schlepp nehmen und nach Salzerhaven bringen. Dazu schicke ich jetzt unser Beiboot nach drüben."

Er senkt die Stimme erheblich, so daß ihn außer Darian höchstens noch die beiden anderen Männer verstehen können, die bei diesem stehen.

"Das Verhalten des Überlebenden dort drüben kommt mir recht merkwürdig vor - so verhält sich niemand, der gerade einen Piratenüberfall überlebt hat. Und auf einem von Piraten heimgesuchten Schiff befinden sich normalerweise auch keine zweihundert Dukaten mehr. Es wäre mir sehr lieb, wenn ein Magier, dem ich vertrauen kann..."

Bei diesen Worten huscht der Blick des Kapitäns ganz unweigerlich zum Brückendeck, wo Ottam noch steht...

"... dabei ist, und dort drüben die Augen etwas aufhält. Und genau darum möchte ich Euch bitten: Daß Ihr meinen zweiten Offizier begleitet, und ihn mit Euer Magie unterstützt, falls das erforderlich sein sollte."

Offen blickt Jergan dabei dem jungen Magus in die Augen, dessen Entscheidung erwartend.



Für einige Augenblicke fühlt sich Radisar unglaublich wohl. Auch wenn ihn zunächst keiner der beiden Herren größer beachtet, gibt sich der kleine Diener alle Mühe ihrem Gespräch zu folgen, interessiert und aufmerksam zu wirken, obwohl er dem Dialog der gelehrten Herren nicht das Mindeste abgewinnen kann, da er die angesprochenen Themen ebenso wenig versteht, als wären sie in der Sprache der Moha erörtert worden.

Wer soll schon verstehen, was es bedeute, wenn sich jemand 'im Mortalis' befindet. Was ist so ein Mortalis überhaupt? Dieses Wort klingt irgendwie nicht schön.

'Es ist vielleicht besser, wenn ich es nicht verstehe!' denkt sich Radisar und dennoch nickt er zustimmend und anerkennend, so, als hätte er alles verstanden und nichts wäre ihm unklar.

Wahrscheinlich ist es eben deshalb so, gerade weil er nichts verstehen von diesem Disput verstehen kann, daß es ihm, für den Augenblick wenigstens, so gut geht. Es lenkt ihn ab, es hilft ihm die Gedanken an die unliebsame Realität zu verdrängen.

'Wo bleibt nur der Junge?'

Es geht dem Radisar zwar schon besser, aber dennoch lauert in seinem Magen ein entschlossene Revolte, die sich nur durch konsequente Mißachtung der Wirklichkeit und durch einen guten Schluck Branntwein niederschlagen läßt.

Nun, der Branntwein ist wohl noch unterwegs und damit fern von Radisar's bedürftiger Kehle und zu allem Überfluß nähert sich auch noch der Kapitän, der dem Herren Darian offensichtlich eine Bitte entgegenbringen will.

Der kleine Diener kann sich sehr gut vorstellen, um was es sich bei diesem Ansinnen handeln könnte und das bringt seine Gedanken wieder gefährlich nahe an die Wirklichkeit heran. In seiner Not wendet er sich an den vornehmen Herren, der ihn kurz angesehen und der, so wie es den Anschein hat, inmitten dieser ganzen bluttriefenden Verwirrungen sein Haltung und Selbstbeherrschung in beneidenswerter Form behalten hat.

"Schlimme Zeiten sind das, da eine ehrliche Haut nicht mehr ungestört reisen kann." erklärt Radisar und seine Stimme kratzt ein wenig ...



Am Beiboot


"Das wohl!" ist die einzige Antwort, die Hjaldar von Lowanger bekommt, verbunden mit einem knappen Nicken, mit dem er das "Aye!" zur Kenntnis genommen hat.

Der zweite Offizier sieht sich kurz um, und läßt seine Blicke dann rasch prüfend über das Beiboot gleiten. Es wurde zwar schon von verschiedenen Personen geprüft, aber schließlich ist er der Verantwortliche für diese Fahrt, und er ist auch derjenige, der sich an Bord befinden wird.

Das kleine Fahrzeug ist nicht gerade neu, doch es macht einen stabilen Eindruck, den auch die eine oder andere Delle - wie beispielsweise die, die der Schiffszimmermann vor kurzem begutachtet hat - nicht weiter stört. Im Grunde können solche Beschädigungen auch kaum ausbleiben, denn gerade bei etwas rauherer See kommt es durchaus vor, daß das Beiboot von den Wellen gegen die Bordwand des Schiffes gedrückt wird und dabei leichte Schäden nimmt.

Lowangers Blicke schweifen weiter zu dem, was in dem Boot liegt: Da sind zum einen die vier Riemen, mit denen es gerudert werden kann, von denen diesmal wohl nur zwei zum Einsatz kommen werden, da man die Fahrgäste sicher nicht zum Rudern verdonnern kann, dann sind da diverse Seile, darunter auch die Trossen, mit denen man das Boot über Bord setzt, und mit denen man es festmachen kann, und dann noch eine kurze Strickleiter, die benutzt werden kann, um vom Beiboot aus auf ein Schiff zu gelangen, oder um ein solches zu verlassen.

Beim Anblick der Strickleiter huscht kurz ein Lächeln über die Züge des zweiten Offiziers, denn die wird man kaum brauchen, um auf die ZYKLOPENAUGE zu kommen, wenn man so schlau ist, und auf der Steuerbordseite anlegt, deren Reling sich durch die Schlagseite des Wracks recht tief über der Wasserlinie befindet.

Dann wäre da neben der noch nicht komplett angetretenen Besatzung nur noch ein Problem zu lösen - nämlich das Wassern des Bootes, das viele Hände erfordert. Lowanger zählt in Gedanken kurz ab - beim Boot stehen Ole, Aleara, Efferdan, Hjaldar, er selbst, und ganz in der Nähe auf dem Vordeck hält sich neben der Bootsfrau Nirka noch der Matrose Angar auf. Dann wird Trolske in Kürze kommen, womit es dann acht Personen wären, genug, um das Boot sicher ins Wasser zu setzen, ohne die Fahrgäste um Hilfe bitten zu müssen. Und wieder einmal übersieht Lowanger, daß Hjaldar ja eigentlich auch ein Fahrgast ist...

Lowanger verzichtet aber noch darauf, Nirka Bescheid zu sagen, denn diese hat schließlich an der Rotze auch eine Aufgabe, und wird auch sofort kommen, wenn er sie ruft, wenn es soweit ist - da kennt er sie lange genug, um das ganz genau zu wissen.



Ole reagiert Fiana's Befehl nur stumm, mit einem kurzen und flüchtigen Salutieren und beginnt danach sofort die Ruder bereitzulegen. Das ist dann auch schnell geschehen und so wäre das Beiboot bereit zu Wasser gelassen zu werden, zumindest soweit es den Schiffszimmermann betrifft.

Dann kommt der zweite Offizier vorbei und bestimmt, in gewohnt schweigsamer Weise, Mannschaftsmitglieder für den Einsatz des Beibootes. Es ist nur ein kurzes Nicken Lowangers, doch fühlt sich Ole angesprochen, als wäre er laut und deutlich angewiesen worden.

Der 'graue Riese' ist hocherfreut, als er beobachtet, daß Hjaldar ebenfalls ein solches Zeichen empfangen hat. Ole klopft Hjaldar auf die Schulter und meint:

"Darfst offensichtlich mitspielen, gut so, das wohl!"

Nachdem die erster Freude über die Teilnahme des wehrhaften Thorwalers an dieser Mission abebbt, kommen Ole wieder sehr viel trocken sachlichere, wenn auch wichtige Gedanken in den Sinn. Und so spricht er den ersten Offizier um eine Entscheidung an.

"Herr Lowanger, ich bräuchte noch die grüne Werkzeugkiste aus der Segellast- es wäre doch sehr unangenehm, müßte ich auf dem Wrack Teile mit Spucke befestigen, nur weil dort weder Hammer noch Nagel zu finden sind! Ich würde selbst gehen, aber ich denke, ich werde hier gebraucht!"



Der zweite Offizier schätzt bei Oles Worten rasch die Situation ab - es wäre zwar schön, wenn der kräftige Zimmermann beim Zuwasserlassen des Bootes mit anfaßt, aber andererseits sollte es mit der Hilfe von Nirka und Angar auch ohne ihn gehen - und schließlich ist der Zimmermann derjenige, der die Kiste am schnellsten finden wird, und der ihr auch auf einen Blick ansehen wird, ob sie vollständig ist.

"Eigentlich schon", erwidert er, "aber wir sind auch so genug, um das Boot über die Reling zu bekommen. Du findest die Kiste am schnellsten - hol sie, und komm dann wieder - dann mußt du nur noch einsteigen, falls wir schnell sind."

Ein leichtes Grinsen begleitet diese Worte des zweiten Offiziers, aber dann wird er auch schon wieder abgelenkt, denn Trolske trifft mit der schweren Seilrolle ein. Lowanger zeigt auf das Boot.

"Wirf die Rolle da rein, und gib ein Ende des Seiles Efferdan, denn es macht ja keinen Sinn, wenn wir die Rolle mitnehmen - wir müssen sie unterwegs abwickeln und das andere Ende dann drüben an der ZYKLOPENAUGE befestigen."

Efferdan bekommt erst einmal keine weitere Erklärung, das kann dann später der Kapitän machen, denn man kann natürlich kein Schiff abschleppen, wenn ein Matrose die Schlepptrosse in der Hand hält.



Zügig beendet Trolske seine gegenwärtige Tätigkeit an der Winde und greift wie befohlen zu dem dicken, aufgerollten Seil, das ihm quasi schon zu Füßen liegt. Ein bißchen verwundert es ihn schon, daß gerade er mit zum anderen Schiff übersetzen soll. Vor allem, wo - mal abgesehen von dem guten, alten Ole - bereits so viele abenteuerlustige Jungspunde bereitwillig am Beiboot tätig sind. Aber die Jugend von heute ist auch nicht besser als zu früheren Zeiten und greift oftmals nervös und ungestüm zum Entermesser, wo die nötige Ruhe oder notfalls ein paar Maulschellen die viel angemessenere Methode wären.

Mit der Seilrolle über der Schulter und einem gelassenen Gesichtsausdruck kommt Trolske beim Beiboot an.



Am Beiboot


Wortlos hält Trolske Efferdan das eine Ende des Seiles entgegen und unterdrückt eine spitze Bemerkung bezüglich des Fallenlassens von Gegenständen. Wohl an denn, der Junge ist ja nicht dämlich, auch wenn ihm vorhin das Mißgeschick mit den Kugeln passiert ist. Manchmal ist mit seinen Gedanken halt woanders, genau so wie jetzt, wo er schweigend und Richtung Brückendeck gedreht Löcher in die Luft starrt.

"Träum nicht, Blondschopf!" kann sich der ältere Matrose jetzt doch nicht verkneifen.

Dann schließlich läßt Trolske die nicht gerade leichte Seilrolle in das Beiboot fallen.



Und richtig, ganz so wie gedacht - der Ausguck bleibt nicht lange unbesetzt! Als Efferdan sieht, daß der Kapitän das Steuer übergibt und ein Matrose in den Ausguck geschickt wird, ist für ihn wieder alles in Ordnung. Nun wird der Kapitän sich wohl selbst um die Angelegenheiten auf dem Deck - vor allem im Bezug auf die Passagiere - kümmern. und richtig, Jergan läuft zu diesem Magier und scheint mit ihm etwas auszumachen... aber das geht ihn ja nichts an. Wieder schweift sein Blick in Richtung Brückendeck, genauer etwas darüber, in den blauen Himmel. Wie er doch einen wunderbaren Kontrast zum glitzern des Meeres bildet... er könnte wirklich stundenlang so stehen und dem Spiel zwischen Meer und Himmel zuschauen, die sich - so fern - am Horizont treffen und vereinigen. In solchen Moment fühlt er sich fast geborgen, ja so, als wäre...

Die Nennung seines Namens reißt ihn aus seinen Gedanken. Naja, eigentlich

lenken ihn Lowangers Worte nur ab. Irgend etwas von Seil...

Aber die Worte eines anderen, die direkt an ihn gerichtet sind, wecken ihn endgültig aus seinen Betrachtungen. Mit der Gewißheit, das er soeben unziemlich unaufmerksam gewesen war, dreht sich Efferdan augenblicklich um und ... blickt in das Gesicht von Trolske. Kurz stutzt er, dann fällt Efferdans Blick auf das Seilende, das der andere ihm reicht. Eher reflexhaft nimmt Efferdan das Ende auf.

`Was...?`

Ärgerlich über seine Unaufmerksamkeit versucht Efferdan sich ein Bild zu machen, besonders um zu erkennen, was er mit dem Seil soll. Zum Glück ist er kein Neuling auf See, sondern zählt schon zu den erfahrenen Matrosen - auch wenn man ihm das nicht immer anmerkt - und so errät er nach einer kurzen Weile den offensichtlichen Plan seiner vorgesetzten Offiziere, mittels dieses Taus die ZYKLOPENAUGE in Schlepp zu nehmen.

`Mmh, was mach ich jetzt damit? in der Hand behalten kann ich es schlecht, werd ja wohl weiterhin helfen müssen... Aach ich weiß!`

Efferdan dreht sich in Richtung Reling, kurz nachdem Trolske das restliche Tau in das Boot befördert hat, und beginnt das von Trolske erhaltene Ende mit flinken Fingern an der Reling zu befestigen...

`Später werde ich es zwar wohl woanders hinschaffen müssen, aber für den Moment fällt es so jedenfalls nicht ins Wasser.`



ALRIK'S 'Geschäfte'


Oha, Gold! Wielange ist es her, dasz Garulf, dem schon beim Abzählen seiner Finger der Kopf brummt, mit Gold rechnen muszte? Zwar hat er im Laufe der vielen Jahre gelernt Geld zu zählen, aber das waren meist Kreuzer und Heller, später auch häufig Silbertaler, auf der ´Pfeil von Nostria´ schlieszlich ebensohäufig Fluszkiesel und Kellerasseln. Der Smutje beschlieszt den Jungen zunächst noch ein wenig zu veräppeln, schon damit er Zeit gewinnt die für komplizierte Preisberechung.

"Na vorhin hast Du doch ´n ganzes Fasz getragen. Also für ´n ganzes Fasz Premer reicht das aber nicht," Nicken Richtung Goldstück, "Da muszt Du noch was drauflegen."

Auch wenn er versucht diese Sätze so ernsthaft wie möglich auszusprechen, kann er sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Allerdings sieht ALRIK dies nicht, da Garulf bereits dabei ist die Tür zum Laderaum aufzuschlieszen.



"Drauflegen?! Ach?!" Verdutzt guckt ALRIK auf das Goldstück, das eigentlich doch eine ganze Menge wert ist. Aber wohl doch nicht genug, denn wer hätte das gedacht, daß das Zeug so teuer ist. Doch schon im nächsten Moment fällt ihm eine passende Ausrede ein.

"Sagte ich tragen? Vielleicht habe ich mich auch verhört. Er muß trinken gemeint haben. 'Bring mir soviel von dem Branntwein, wie du trinken kannst.' Ja, so muß es gewesen sein."



Angestrengt denkt der Smutje nach wieviel Branntwein ein Goldstück wert ist.

´Eine Münze ist immer so viele kleinere Wert, wie ich Finger an beiden Händen habe, also dann sind das ja zwei Hände voll Silbertaler, dafür bekommt man ja .... Tatsächlich, der hat ALRIK genug Geld für eine von den groszen Flaschen Feuer gegeben ... Was?Wie? soviel du trinken kannst?´

Die Stimme des Schiffsjungen reiszt ihn aus seinen Gedanken. Ohne zu beachten, dasz ALRIK ja gar nicht wissen kann was Garulf eben überlegt hat, antwortet er:

"Hast´ auch wieder Recht, diese besseren Herrschaften vertragen ja gar keine ganze Flasche Feuer, schon gar keine von den groszen."

Dabei fängt er schon mal an zu suchen.



"Jaja", stimmt ALRIK rasch den Überlegungen des Schiffskochs zu. "Wohlmöglich springen sie nachher über Bord, wenn sie stockbesoffen sind. Ich will das nicht verantworten müssen."

Der Schiffsjunge bleibt bei der Tür zum Laderaum stehen, hier drinnen ist es sowieso recht beengt und dunkel. Und es geht bestimmt schneller, wenn der Smutje nur alleine sucht.

"Dann nimm man besser die kleinste Flasche, die da ist", rät ALRIK.



"Die kleinste Flasche die da ist, so so, du wirst doch den hohen Gast nicht betrügen wollen," Garulf spricht diesen Satz so aus, dasz auch ohne groszartige Menschenkenntnis klar wird, dasz der Smutje längst auf der Suche nach eben dieser ´kleinsten Flasche´ ist.



"Also ich finde, daß das nur gerecht und kein Betrug ist. Betrügen würde ich ihm, wenn ich ihm 'ne große Flasche bringen würde, mit gepanschtem Schnaps drin", rechtfertigt sich der Junge. "Aber so sieht er doch gleich, was er bekommt."

Ungeduldig tritt der Junge von einem Fuß auf den anderen, denn im Grunde hat er gar nicht mehr so eine genaue Vorstellung davon, wie groß die dort eingelagerten Flaschen eigentlich sind.

"Hast du's jetzt?" fragt ALRIK nach, wobei er sich sowohl auf die Flasche an sich als auch auf den Wert des entsprechenden Inhalts beziehen könnte.



´Was hetzt der Junge denn jetzt so? Ist der hohe Gast so ungeduldig?´

"Moment, Moment, wir sind hier bei der Arbeit nicht auf der Flucht."

Aber da ist das Gesuchte auch schon gefunden, eine kleine Flasche deren Inhalt sicher weniger als ein ganzes Goldstück wert ist. Viel weniger, wie Garulf kurz darauf feststellt, sie ist nämlich leer.

"Welche Landratte stellt denn leere Flaschen einfach ins Regal zurück?"

Natürlich ist das keine Frage, sondern ein Vorwurf an seinen berüchtigten Vorgänger Sören. Selbstverständlich ist die kleine Flasche nicht nur leer, sondern auch die letzte ihrer Grösze. Garulf hält die leere Flasche kurz Richtung Tür, da es dort etwas heller ist.

"Hmm, naja, wenigstens sauber is´sie ja." brummelt er mehr zu sich selbst. Dann macht er sich daran die Flasche am ebenfalls hier gelagerten Fasz wieder wieder aufzufüllen. Dabei stellt er fest das auch dessen Füllstand zu wünschen übrig läszt.

"DIESE KELLERASSEL HAT JA FÜR GAR NICHTS GESORGT!!"

Diesmal brüllt der Smutje so laut als wolle er dafür sorgen, dasz das Ziel seiner Beschimpfungen, Sören, seine Worte auch sicher mitbekommt, selbst wenn es hundert Meilen fernab weilt. Dabei verpaszt er noch einer herumstehen, selbstverständlich leeren, Kiste einen Tritt, dasz diese mit einem lauten "Rumms" an der Wand zu liegen kommt.



"Ich weiß," meint ALRIK trocken auf die lautstarken Beschimpfungen des Smutjes hin. daß Sören nicht gerade dem Idealbild eines Schiffskoch entsprach, das ist für den Jungen gewiß nichts Neues. Darum nimmt er auch Garulfs Wutausbruch eher gelassen hin. Soll er ruhig mal etwas Dampf ablassen, es ändert zwar nichts, aber wenn er sich dann besser fühlt, wenn er auf herumstehenden Kisten tritt, dann soll er doch. So ein Fußabtreter ist immer noch besser als ein menschlicher welcher.



Der Zorn des Schiffskochs ist ebenso schnell verraucht, wie er aufgewallt ist. Für diese kleine Flasche reicht der Faszinhalt doch noch aus, auch wenn er es dazu gradezu ´auswringen´ musz. Daher dauert der Auffüllvorgang auch ein wenig länger als normal und wird von Garulf begleitet mit den Worten:

"Kräftig schütteln, ordentlich klopfen, dann bekommst Du auch den letzten Tropfen."

In seiner Stimme schwingt kein biszchen Wut mehr mit, es klingt eher als fände er seinen kleinen Reim durchaus belustigend. Er überreicht dem Jungen die nun gefüllte Flasche mit einem schlichten "Hier" und macht sich kurz darauf daran die Tür zum Vorratsraum zu schlieszen.



"Na, bestens", kommentiert ALRIK die Auffüllung der kleinen Flasche. Vorsichtig nimmt er sie von Garulf entgegen, der inzwischen sogar schon wieder zu keinen Witzchen aufgelegt ist. Dann wartet er, bis der Smutje die Tür zum Laderaum ordnungsgemäß abgeschlossen hat.

"So, dann will ich den Brannt mal abliefern."



Garulf verschlieszt die Tür zum Laderaum drei und vergewissert sich, dasz sie wirklich zu ist. Zwar lagern hier momentan weit mehr leere Behältnisse als Vorräte, aber es wurde ja auch ein Teil der Fracht hier eingelagert. ALRIK nimmt die Flasche entgegen, zögert aber offenbar noch sie abzuliefern. Fehlt noch irgendwas? Achja richtig, das Gold, natürlich wäre es jetzt Garulfs Aufgabe als der Ranghöhere das Geld in Verwahrung zu nehmen und dann, wenn im nächsten Hafen dann eine neue Flasche gekauft ist, dem Jungen evtl. einen Teil des Überschuszes auszuzahlen. Aber ein solches Vorgehen wäre in jedem Fall mit der so ungeliebten, weil nur unzureichend beherrschten, Rechnerei verbunden. Auszerdem hatte Garulf ohnehin vor den Schiffsjungen mitzunehmen wenn ans Vorräte auffüllen geht, man kann schlieszlich nicht alles alleine machen und der Junge soll ja auch was lernen. Davon abgesehen, wo sollte ALRIK hier auf dem Schiff schon hin mit dem Geld? Alles in allem ist es schlieszlich egal, ob das Goldstück nun in der Kabine des Smutjes oder einen Schritt Luft und ein paar Halbfinger Holz weiter im Mannschaftsraum liegt. So beschränkt sich der Smutje auf den Satz:

"Und pasz gut auf das Gold auf, wir müszen davon noch ´ne neue Flasche kaufen."



ALRIK wundert sich ein wenig, daß Garulf ihn einfach so entläßt, ohne den Golddukaten an sich zu nehmen. Für den Schiffsjungen ist das jede Menge Geld und so fühlt er sich durchaus etwas unwohl, es in Verwahrung zu nehmen. Allerdings ist es ja nicht für lange und wenn die Reise planmäßig fortgesetzt wird, so wird man sicherlich noch am gleichen Tage Salzerhaven erreichen. Das läßt ALRIK die ganze Sache schon wieder etwas lockerer sehen.

"Aye, aye, Smutje."

Hurtig setzt der Junge seinen Weg auf das Unterdeck fort. Seltsamerweise lungert hier immer noch der geschminkte Passagier in Begleitung des kleinen Bengels hier herum. Etwas verdächtig ist das ja schon. Ob sie ihn wohl belauscht haben? Na, und wenn schon. Soll das Dreikäsehoch doch mal versuchen, ihm das Goldstück abzunehmen, pah!



Garulf sieht dem Schiffsjungen nach, der nun recht eilig entschwindet, zu eilig jedenfalls, als dasz der nicht mehr ganz junge, nicht mehr ganz schlanke Schiffskoch ihm einfach so folgen würde. Wozu auch? Die gemeinsame Aufgabe eine Falsche Branntwein zu beschaffen ist ja soweit abgeschloszen und an Deck braucht man ihn ja nun doch nicht. Also begibt er sich auf den Weg zu dem Platz an dem ein Smutje am gefragtesten ist, der Kombüse.



Jergan und Darian


Etwas überrascht ist Darian schon,als der Kapitän ausgerechnet ihn darum bittet zum Wrack überzusetzen. Schlieszlich ist er erst in Prem als Passagier an Bord gekommen und auszerdem Adeptus Minor. Aber aus irgendeinem Grunde scheint der Kapitän seinem Bordmagus zu misztrauen, warum nur? Davon abgesehen wird dort drüben wohl eher die Curativa und wenn tatsächlich etwas faul sein sollte, die Clarobservantia und die Combativa gefragt sein. Darians Antwort fällt daher auch etwas ausweichend aus:

"Nun, Euer Vertrauen ehrt mich, Herr Kapitaen. Doch bedenket, dasz mein Spezialgebiet die Magica Mutanda, also die Verwandlung belebter Materie, ist. Euren Worten nach zu urteilen wird jedoch eher der Einsatz der Magica Clarobservantia, der Hellsicht, vonnöten sein."

´Hatte Ottam nicht in Thorwal studiert? Das ist doch eine Hellsichtakadmie, seltsam.´

"Allerdings könnte ich Euch in einem gewissen Masze mit der Magica Curativa, der Heilungsmagie, dienen," kurzer Blick Richtung Wrack, "falls es dafür noch nicht zu spät ist."



Die ehrliche Antwort, die der junge Magier gibt, bestätigt den Kapitän in der Richtigkeit seiner Entscheidung, Darian um diesen Gefallen zu bitten, statt einfach den Wunsch... die Forderung Ottams umzusetzen.

"Ich weiß nicht, ob dort drüben viel Magie erforderlich ist, aber Ihr habt sicher recht, daß Heilungsmagie sehr passend sein könnte. Was das andere betrifft - ich vertraue Euch, denn Ihr habt mir, als hier auf dem Schiff die Meuterei tobte, das Leben gerettet, und auch für Eure Hilfe während der Ereignisse in Thorwal bin ich Euch sehr dankbar - und sie beweist, daß dieses Vertrauen gerechtfertigt ist."

Diese Worte sind wiederum sehr leise ausgesprochen. Etwas lauter, aber nicht wirklich laut, fügt er hinzu:

"Ob dort drüben Hellsicht erforderlich ist - ich weiß es nicht. Aber die Beobachtungsgabe eines wißbegierigen Magiers wird vielleicht schon genügen, um herauszufinden, ob und was dort drüben rätselhaft ist. Reizt Euch das?"

Der Kapitän wirft dabei einen kurzen Blick in Richtung des fast einsatzbereiten Beibootes, um dann wieder Darian fragend anzusehen. Kurz geht ihm durch den Kopf, daß er Darian auch eine Bezahlung anbieten könnte, doch so, wie er den Magier einschätzt, bedeutet diesem die Möglichkeit, etwas Spannendes herauszufinden, mehr als die Aussicht auf eine mögliche Bezahlung. Aus diesem Grunde spricht Jergan das auch nicht an, sondern nimmt sich vor, dafür zu sorgen, daß die an der Fahrt beteiligten Fahrgäste für ihre Hilfe aus dem Geld, das das Abschleppen bringen wird, bezahlt werden.



Da hat der Kapitän natürlich den richtigen Punkt getroffen! Neugier ist es was den Forscher treibt und so ist auch bei diesem Magus die Neugier eine der hervorstechenden Eigenschaften.

"Nun, unter diesen Umständen bin ich gerne bereit Euren Offizier zu begleiten."

Sein Blick wandert unweigerlich zum Beiboot, diesem neben der stolzen NORDSTERN geradezu zerbrechlich wirkenden Fahrzeug.



Jergan nickt, denn die Antwort des Magiers ist genau die, die er hören wollte - und die er insgeheim auch erwartet hat.

"Habt vielen Dank, denn das ist wirklich eine sehr wichtige Hilfe."

Mit einem fast schon feierlichen Nicken begleitet er diese Worte, und reicht dem anderen Mann die Hand.

"Dann folgt mir am besten zum Beiboot, denn dieses wird in Kürze zu Wasser gelassen. Ich wünsche Euch, daß es ein unterhaltsames und ungefährliches Erlebnis für Euch wird."

Er geht dabei langsam in Richtung des Beibootes los, ist aber bereit, jederzeit wieder stehenzubleiben, falls Darian ihm nicht folgt.



Darian verabschiedet sich von Frizzi di Vespasio mit einer angedeuteten Verbeugung und einem knappen:

"Ihr gestattet Euer Edelhochgeboren".

Dann folgt er, ohne eine Reaktion Frizzis abzuwarten dem Kapitän. Der arme, kleine, dicke Radisar wird dabei einmal mehr übersehen. Es ist nicht so dasz der Adeptus dem Diener gegenüber unhöflich wäre, nur war dessen Anwesenheit noch gar nicht so recht in sein Bewusztsein gelangt.

Im Gehen wendet er sich JERGAN zu:

"Ihr meint die Piraten haben die ZYKLOPENAUGE nicht des Goldes wegen überfallen? Weswegen dann?"

Der Zweite Satz gleitet dabei bereits in jenen überlegenden Tonfall ab, der allmählich in lautes Denken übergeht.



"Nein", erwidert der Kapitän, "das meine ich nicht. Die Piraten werden das Schiff überfallen haben, weil sie die Ladung haben wollten, so sind Piraten ja nun mal. Über sie mache ich mir eigentlich eher keine Gedanken - sie werden sicher ihre Beute mitgenommen haben, oder zumindest so viel, daß es sich für den Rest nicht gelohnt hat, sich der Gefahr auszusetzen, einem weiteren Schiff, nämlich uns, zu begegnen."

Er macht eine kurze Pause, und fährt dann fort, während die beiden Männer schon fast am Beiboot angekommen sind:

"Was mir zu denken gibt, ist das Verhalten dieses Schiffbrüchigen. Jeder, der sich auf einem sinkenden Wrack befindet, denkt zuerst an sein eigenes Überleben, und erst dann an etwas so unwichtiges wie die Bergung des Wracks. Und normalerweise hat man in der Lage auch keine zweihundert Dukaten zur Verfügung. Darum möchte ich Euch bitten, auf diesen Mann zu achten, ihn zu beobachten, und vielleicht die Ursache fuer dieses Verhalten zu finden. Lowanger, meinem zweiten Offizier, könnt Ihr da selbstverständlich voll vertrauen, er weiß, daß ich Euch mitschicke, um ihn bei diesem Problem zu unterstützen."

Jergan redet nach wie vor leise, denn auch wenn im Grunde alle an Bord der NORDSTERN irgendwie dem ganzen nicht trauen, so ist es doch nicht seine Art, lautstark Unruhe zu verbreiten, oder gar Vermutungen auszustreuen.



Aufmerksam folgt Darian den Ausführungen des Kapitäns. Erst jetzt wird ihm wirklich klar, in was für einer Situation sich die ZYKLOPENAUGE befindet: Sie hat sämtliche Masten verloren, selbst wenn sie nicht leck geschlagen ist, was angesichts der doch recht deutlichen Schlagseite unwahrscheinlich ist, sie käme ohne fremde Hilfe nicht mehr vom Fleck und wäre somit dem Meer hilflos ausgesetzt. Schon bedauert der junge Magus, dasz er das Gespräch des Kapitäns mit dem Schiffbrüchigen nicht von Anfang an genau verfolgt hat, aber da ging es ihn ja auch noch nichts an.

´Was für Gründe gibt es ein sinkendes Schiff um jeden Preis zu retten, wenn sich weder Ladung noch lebende Menschen darauf befinden?´

Plötzlich hat Darian eine Idee,

´Na, wenn da mal keine Controllaria im Spiel ist.´

Der neugierige Adeptus kann es nun kaum noch erwarten überzusetzen und mit den Nachforschungen zu beginnen, dasz er die Formel zum Brechen einer Controllarischen Formula gar nicht beherrscht, bedenkt er dabei gar nicht.



Torin und Phexane


Während Torin das Florett anlegt, denkt er über Phexanes Worte nach.

"Vielleicht habe ich mich in euch getäuscht." spricht er seine Gedanken aus, als das Florett endlich so sitzt, wie er es möchte.

"Euch scheint es wirklich nur um die Dukaten und nicht in erster Linie um das Leben des Kapitäns zu gehen."

Nach einem Schnauben, das seine Geringschätzung über solch eine Einstellung zeigt, fährt er fort.

"Wenn ihr wollt, dann könnt ihr die Dukaten haben. Mir ist es viel wichtiger, an Bord den Ruf zu erlangen, ein Leben gerettet zu haben."

"Vielleicht ist es für euch zu weit gedacht, aber mit solch einem Ruf übersieht man viel leichter das eine oder andere fehlende Goldstück. Denn ich denke nicht, daß auf dem Wrack noch viel mehr zu holen ist, als einige Heller. Glaubt ihr etwa, daß auf einem angeblich von Piraten geplünderten Schiff noch mehrere hundert Dukaten herumliegen?"



Als Phexane Torins Worte vernimmt, hebt sie erst eine Augenbraue, dann die andere, dann aber senken sich die beiden synchron wieder. Ihre Augen verengen sich leicht und ihre Miene schaltet auf 'Keif-Alarm'!

"Ihr haltet euch wohl für einen ganz tollen Kerl, was?" schimpft sie nun los und achtet nicht mehr auf ihre Lautstärke. Die Art und Weise, wie er seine Geringschätzung für, so scheint es ihr, sie darbringt, läßt sie kochen!

"Ja, meinetwegen - rettet das Leben dieses Salzwasserplanschers! Dann kriegt ihr einen feuchten Händedruck und das war's! In kurzer Zeit hat man die ganze Sache vergessen!"

Sie senkt langsam ihre Stimme wieder.

"Aber im Gegensatz zu euch habe ich meine Belohnung! Ich werde nicht wieder so hungern müssen, wie noch vor wenigen Wochen!"

Sie geht ein paar Schritte von ihm weg und zur Tür hin.

"Ihr habt wahrscheinlich eine Familie, die sich um euch kümmern würde! Aber ich habe niemanden! Nur ..."

Phexane schweigt kurz.

"Nur ein Kind, um das ich mich noch nicht einmal kümmern kann!"

Ärgerlich stapft sie weiter zur Tuer, fühlt den Zorn in ihrem Bauch kochen und spürt, wie ihre Augen anfangen zu brennen.

'Und ich habe gedacht, er wäre nett! So etwas Überhebliches!'



'Verdammt! Das hatte ich nicht beabsichtigt!'

Als Phexanes Schimpftriade endet, steht Torin noch immer unentschlossen vor seinem Spind.

'...hungern müssen... ...habe niemanden... '

Unfähig etwas zu tun, denkt Torin über die Schimpfworte nach.

'...nur ein Kind... ...nicht kümmern kann...'

Noch immer schaut Torin nur, wie Phexane sich immer weiter zur Tür bewegt.

'Waren es wirklich Worte gegen mich?'

Endlich geht eine Regung durch seinen Körper und er schüttelt leicht den Kopf.

'Ich glaube fast, der Zorn ist nicht gegen mich, sondern gegen ihr eigenes Leben gerichtet, gegen sich selbst. - Wie es bei mir war!'

Als Torin dies begreift, springt er wie von Moskitos gestochen nach vorne und greift nach Phexanes Schulter.

"Wartet..." hört er sich hastig sagen.



Phexane stapft verärgert weiter zur Tür, als sie plötzlich hinter sich schnelle Schritte hört, die auf sie zukommen, danach hört sie ihn 'Wartet ...' sagen und dann fühlt sie eine Hand, die sich auf ihre Schulter legt.

Sie dreht sich zu Torin Rotmarder um und blickt ihn mit einem ziemlich zornigen Gesichtsausdruck an. Ihre Augen glänzen leicht - vielleicht aus Zorn, vielleicht aber auch aus Enttäuschung.

"Was noch?" faucht sie ihn an.



Erleichtert darüber, daß sie seine Hand nicht weggeschlagen, sondern sich sogar zu ihm umgedreht hat, steht Torin vor Phexane.

Noch immer liegt seine Hand auf ihrer blauen Bluse und er fühlt durch den Stoff ihre Schulter.

"Es tut mir leid..." beginnt er. Dann nickt er sich selbst wie als Unterstützung zu. "Mir ist etwas an euch aufgefallen."

"Ich habe es eben erst bemerkt, als ihr sagtet, ihr hättet keine Familie..."

Torin senkt seine Stimme, als er die nächsten Worte ausspricht.

"...nur ein Kind, um das ihr euch nicht kümmern könnt."

Er sieht ihr in die Augen. In seiner Miene sind weder Häme noch Haß zu sehen; nur aufrichtiges Mitleid.

"Ihr habt in der letzten Zeit mehrmals angedeutet, daß man mit seinem Kummer nicht alleine leben kann."

Er schließt für einen Augenblick die Augen, dann fügt er hinzu:

"Ich dachte bis eben, ihr meint damit meinen Kummer. Ich dachte, ihr wollt mich ausspionieren. Doch jetzt glaube ich, daß ihr jemanden sucht, mit dem ihr über eueren eigenen Kummer sprechen könnt."



Phexanes Gesichtsausdruck ändert sich, während Torin mit ihr spricht. Der Zorn verschwindet langsam, nachdem er sich entschuldigt hat. Sie holt tief Luft, wobei sich ihre Schultern leicht heben und senken.

Sie spürt seine Hand auf ihrer Schulter ruhen, was ihr ein seltsames Gefühl gibt. Einerseits hat sie das Gefühl, er würde sie mit seiner Hand zwingen hierzubleiben, andererseits aber gibt ihr diese Hand auch ein geradezu beruhigendes Gefühl.

Phexane schaut in in seine Augen, doch als er seine schließt, senkt sie ihren Kopf und zwinkert dabei mit ihren Augenlidern, um das Brennen zu vertreiben.

Doch als er ihren Kummer anspricht, hebt sie wieder ruckartig ihren Kopf und blickt ihn erstaunt an.

"Meinen Kummer?" fragt sie leise und fühlt, wie ihr Herz etwas schneller schlägt. Phexane ist von einem Moment auf den anderen hin- und her gerissen.

Sie würde am liebsten die wenigen Schritte zur Tür laufen, ihn dann noch einmal anmotzen und ihm sagen, daß das ihn gar nichts angehen würde. Doch dummerweise hatte Torin es geschafft mit wenigen Worten ihre Selbstsicherheit, die sie wie einen Schutzwall um sich herum aufgebaut hatte, zu zerstören - eigentlich auch ein guter Grund ihm böse zu sein!

Aber die Art und Weise, wie er sie anblickt, läßt allein schon jeden Zorn verrauchen.

Sie senkt wieder den Kopf, wobei sie auch noch etwas zur Seite blickt, als sie anfängt zu reden:

"Da ... gibt es nicht viel zu besprechen. Meine Geschwister haben mich verstoßen, als ...," sie spürt einen Kloß in ihrem Hals, "als ich meinen Sohn bekam."

Sie schließt ihre Augen, kann es aber dann doch nicht verhindern, daß sich eine Träne aus ihrem linken Auge löst und ihre Wange hinunter läuft.

"Es lag nicht an mein Kind selber. Es war ... wegen diesem Mann, der der Vater ist ... und wegen so vielen anderen Dingen..."

Phexane seufzt leise.

"Ich war zu gutgläubig ... und ich kann nicht für mein Kind da sein."

Eine weitere Träne löst sich; diesmal aus dem rechtem Auge.

"Als ich ganz alleine und mein Sohn noch nicht auf der Welt war, habe ich mir gewünscht, ich wäre tot!"



Torin schweigt bei den Ausführungen Phexanes. Er nickt nur hin und wieder.

Nun da sich ihm die innersten Geheimnisse Phexanes offenbaren, spürt er in sich ein tiefes Gefühl des Mitleids.

Er weiß, daß sich nun jedes Wort falsch und geheuchelt anhören würde. Und so sagt er nichts, sondern legt ihr auch die andere Hand auf die Schulter und zieht sie vorsichtig zu sich heran.

Seine Augen schließen sich.



Phexane kann und will nichts mehr sagen. Dafür spürt sie nun, wie Torin ihr die andere Hand auf ihre Schulter legt und sie zu sich heran zieht.

Kurz schaut sie noch einmal zu ihm hoch, dann aber legt sie ihren Kopf an seine Brust. Sie fühlt sich seltsam verletzlich, doch seine Umarmung fühlt sich angenehm tröstend an.

Letztendlich legt sie auch ihre Arme um ihn herum, schließt die Augen und spürt wie ihr die Tränen auf ihren Wangen herunter laufen. Sie zittert leicht bei dem Versuch, das aufkommende Schluchzen zu bekämpfen.



Torin fühlt, wie sich Phexanes Kopf an seiner Brust unruhig hebt und senkt. Er hört ihr leises Schluchzen und wie selbstverständlich krault seine Hand plötzlich ihr Haar.

Als seine Hand durch ihr langes Haar streicht, läßt Torin das Gespräch in Gedanken nochmals Revue passieren.

'Sie wurde von ihren Geschwistern verstoßen, als sie ihren Sohn zur Welt brachte. Das ist eine harte und ungerechte Rolle im Leben.'

Langsam begreift er, daß Phexanes abweisendes, ruppiges Verhalten eine Art Schutzmechanismus bildet, um sie vor neuen Rückschlägen zu bewahren.

'Und um nicht wieder solches Ungemach erleben zu müssen, hat sie sich entschlossen, alleine mit ihrem Kummer zu bleiben. Sie baute einen Schutzwall auf, damit ihr kein Mensch mehr solches Leid zufügen kann.'

Er räuspert sich, um seine Kehle wieder frei zu bekommen. Dann spricht er leise:

"Laßt mich euch helfen."



Phexane gibt langsam auf, das Schluchzen zu unterdrücken. Jetzt, wo sie sich ihm sowieso so verletzlich gezeigt hat, ist es ihr egal.

Phexane hatte bis vor kurzem nicht unbedingt das Beste von Torin Rotmarder gehalten. Doch nun, in seinen Armen, fühlt sie sich wohl und die Art, wie er mit ihren Kummer umgeht, beruhigt sie langsam.

Sie spürt seine Hand, wie sie durch ihr Haar streicht und ein leichter Schauer läuft ihren Rücken hinab. Dann bietet er ihr seine Hilfe an. Phexane schaut überrascht zu ihm hoch.

"Helfen? Wie wollt ihr mir helfen?" fragt sie ihn mit leiser Stimme.



Torin blickt hinunter zu Phexane und in ihre feuchten Augen. Ihr durchdringender, bittender Blick zehrt an seinen Kräften. Er merkt, wie seine Beine plötzlich drohen, einzusacken.

"Ich weiß es nicht." gibt er leise zu. "Aber nun, da ich eueren Kummer kenne, kann ich euch schützend zur Seite stehen."

Eine weitere Träne rinnt aus Phexanes Auge und für einen Augenblick schließt Torin die Augen.

"Vielleicht genügt ein versöhnliches Gespräch, um den Disput in euerer Familie zu beenden."



Phexane mustert Torin, während er spricht. Sie betrachtet sein Gesicht, mit dem Bart, die braunen Augen, die sie nun so sanft ansehen und die Lippen, wie sie sich bei den Worten bewegen. Sie hört seine freundliche, ruhige Stimme und spürt seinen warmen Körper an sich. Er spricht davon, daß er sie beschützen möchte und ihr helfen will. Sie fühlt ein seltsames Kribbeln an ihrem Körper und ihre Gedanken wirbeln quer durch ihren Kopf.

'Er ist so nett und es tut so gut von ihm im Arm gehalten zu werden. Am liebsten würde ich ewig so in seinen Armen bleiben!'

Phexane schluckt, als sie erkennt, was das Gefühle sind, die sich in ihr breit machen.

'Oh nein! Ich habe mir geschworen, nie wieder jemanden so sehr zu vertrauen und zu ... lieben, wie ihn damals! Nie!'

Mit einem Ruck löst sie sich von ihm.

"Ich denke nicht," sagt sie plötzlich mit einer geradezu rauhen Stimme, "ich denke, ich komme auch gut alleine klar!"

Fest blickt sie ihn an, vermeidet es aber in seine Augen zu blicken.

"Wir sollten wieder hoch. Mein Bruder wartet und wer weiß, was mit dem Wrack ist!"

Kurz wischt sie sich mit den Hemdsärmeln über ihr verweintes Gesicht.

'So ist es sicher besser! Was sagte Sciba immer zu mir: Hüte dich vor starkem Haß oder starker Liebe - beides macht dich schwach und bringt dich aus deinem Gleichgewicht! Sie hatte recht.'



Als sich Phexane mit einem Ruck von ihm löst, fürchtet Torin, etwas Falsches gesagt zu haben. Er hört ihre rauhe Stimme und nickt.

"Ja, wir sollte nach oben."

Innerlich hat ihn diese Begegnung weit mehr aufgewühlt, als er es sich eingestehen will.

'Sie will stark sein! Genau das hat mich auch Vater Rotmarder gelehrt. Zeige niemals deine wahren Gefühle, denn es gibt immer jemanden, der dir damit Schaden zufügen könnte.'

Ohne ein weiteres Wort dreht er sich herum und geht zu seinen Spind. Dort angekommen, schließt er ihn und dreht den Schlüssel herum. Dann verstaut er den Schlüssel wieder in seiner Tasche.

Noch immer fühlt er Phexanes Blick auf sich ruhen, doch findet Torin keine geeigneten Worte, um sie ihr zu sagen. Er hört das wiederkehrende Schlagen der Wellen gegen das Schiff. Auch das leichte Schwanken des Bodens spürt er nun wieder.

Als er sich ihr wieder zuwendet, weiß er, daß er die Stille durchbrechen muß. Doch wie so oft in solchen Situationen will ihm der richtige Satz nicht einfallen.

So entscheidet er sich kurzerhand dafür, das Gespräch wieder auf die Waffe zu lenken.

"Eigentlich war das Florett für Ameg bestimmt."

Er lächelt, obwohl ihm nicht danach zu Mute ist.

"Wie sonst soll der Junge jemals das Fechten lernen und sich selbst verteidigen?"



Phexane fürchtet, daß er ihr die Worte übelnehmen würde, doch anstatt ebenfalls unwirsche Widerworte von sich zu geben, bestätigt er sie.

'Mir wäre es lieber gewesen, er hätte jetzt herum gemeckert! Dann hätte ich einen guten Grund ihn mal wieder zu hassen. Aber so ...'

Mit traurigem Blick verfolgt sie, wie er zu seinem Spind geht und diesen abschließt. Als er sich jedoch wieder umdreht, blinzelt sie kurz und versucht eine unbewegt kühle Miene aufzusetzen - nicht sonderlich erfolgreich.

'Es wird schwierig sein, ihm jetzt aus dem Weg zu gehen. Aber notfalls verlasse ich in Salzerhaven das Schiff! Ich hoffe nur, er unterläßt jetzt langsam die Nettigkeiten.'

Doch Phexanes Wunsch scheint auf taube Ohren zu stoßen, als er anfängt von dem Florett zu reden. Kurz fällt ihr Blick auf die Waffe an ihrer linken Seite.

"Wie meint ihr das? Soll ich sie etwa ... behalten?"

Ungläubig aufgrund dieses Geschenkes blickt sie Torin an.



"Wieso denn nicht? In Salzerhaven kann ich bestimmt genug Dukaten für ein neues Florett erbeuten. Und ihr könnt euch ohne Waffe nicht zur Wehr setzen. Ich bin mir sicher, ihr stimmt mir zu..."

Als er Phexanes Ungläubigkeit sieht, lächelt er.

"Und die Gewißheit, euch geholfen zu haben, erfüllt mich mit Stolz und Ehrgefühl. Das ist mir mehr wert, als Gold und Edelstein. Deswegen ist es mir auch so wichtig, daß wir dem Kapitän helfen."

Das Lächeln in seinem Gesicht ebbt ab, als er merkt, wie lange sie nun schon in der Gemeinschaftskabine sind.



Phexane schaut Torin ungläubig an. Dann jedoch senkt sie ihren Kopf, als sie die Wärme auf ihren Wangen spürt, die unzweifelhaft ein sattes Rot ankündigt. Sie streicht kurz über den Griff der Waffe und schüttelt den Kopf.

"Das kann ich doch unmöglich annehmen!"

Sie hebt den Kopf wieder etwas, um ihn ansehen zu können, wobei sie hofft, daß ihre roten Wangen im Zwielicht der Gemeinschaftskabine nicht sonderlich auffallen.

"Ansonsten ... könnte ich euch ja was im Tausch dafür geben!"

'Hoffentlich schlägt er ein! Dieses Florett ist doch ein viel zu wertvolles Geschenk. Aber was könnte ich ihm geben?'



Torins Lächeln kehrt wieder, als er Phexanes Wangen erröten sieht.

"Ich möchte euch das Florett als Geschenk überlassen, und davon bringt ihr mich nicht ab. Im Gegenteil, ich bestehe darauf, daß ihr die Waffe an euerer Seite tragt."

Er wendet sich zur Tür, um sie zu öffnen. Doch gerade als er den Griff herunterdrücken will, fällt ihm ein, daß er vielleicht eines von Phexanes Wurfmessern gebrauchen könnte. Er dreht sich mit der Hand am Griff um.

"Aber es gäbe da etwas, mit dem ihr mir aushelfen könntet. Wenn ich mir eines euerer Wurfmesser ausleihen dürfte, wäre mir sehr viel wohler."



Phexane lächelt etwas verlegen. Es kommt ihr wie eine Ewigkeit vor, seit ihr jemand ein Geschenk gemacht hat. Genau genommen war es im Hesindetempel in Gareth gewesen, als eine kleine Hand ihr den Anhänger gab.

"Danke!" sagt sie zu Torin.

Dann greift sie in die Innenseite ihres rechten Stiefels und zieht ein schlichtes Wurfmesser mit einem mattsilberfarbenen Griff hervor. Im Gegensatz zu ihrem alten Florett besitzt dieses Wurfmesser eine tadellose Klinge und auch die Spitze trägt ihren Namen zu Recht.

Sie geht auf Torin zu und reicht ihm, mit dem Griff voran, die Waffe.

"Behaltet das Messer ruhig. Seht es ... als ein kleines Dankeschön wegen eben an."

'Es hat wohl keinen Zweck gegen die eigenen Gefühle anzukämpfen. Er ist ganz einfach nett ... und ich denke, ich kann ihm wohl wirklich vertrauen ... hoffe ich ...'



Torin löst die Hand vom Griff der Türe, als er das Wurfmesser von Phexane entgegennimmt. Noch immer lächelt er. Sein prüfender Blick auf das Messer in seiner Hand zeigt ihm eine kurze aber dennoch scharfe Klinge. Er wiegt es in seiner Hand und steckt es dann weg.

"Ich danke euch für euer Geschenk, Frau Fuxfell. Auf euere Messer scheint ihr wirklich gut Acht zu geben."

Dann nickt er.

"Aber nun sollten wir wirklich wieder zurück an Deck."

Torin dreht sich um und öffnet die Holztüre. Doch statt hindurchzugehen, wendet er sich wieder Phexane zu und mit einer einladenden Geste zur Tür hin sagt er.

"Ich lasse euch gerne den Vortritt, Frau Fuxfell."



Phexane lächelt, als sie an Torin vorbei durch die Tür geht. Doch auf dem Gang nimmt sie gleich wieder eine ernste Miene an. Sie bleibt kurz stehen und lauscht, doch ist nichts Außergewöhnliches zu hören.

Phexane dreht sich zu Torin um und fragt:

"Habt ihr euch eigentlich eine Taktik für den Fall, daß es doch einen Piratenüberfall geben wird, überlegt? Es ist sicher nicht das Klügste, wenn wir beide einfach in die Menge stürmen und kämpfen."

Kurz blinzelt sie mit ihren Augen, während sie ihn anspricht, doch weniger wegen der Worte, die sie sagt, sondern aufgrund der Tränen, die ein unangenehmes Brennen hinterlassen haben. Auch streicht sie sich noch einmal mit ihrer Hand kurz über das Gesicht.

'Hoffentlich fällt es nicht so sehr auf, daß ich geweint habe.'



Während Phexane die Tür passiert scheint es ihm so, als ob sie ihn anlächelt. Dann jedoch dreht sie sich um und fragt ihn mit ernstem Gesicht, welche Taktik ihm in den Sinn gekommen wäre.

Bevor er sich mit dieser Frage beschäftigt, tritt er nun selbst auf den Gang hinaus und schließt die Türe hinter sich.

"Ihr habt recht. In die Menge zu stürmen ist keine Möglichkeit, die man in Betracht ziehen sollte. Doch ich hatte eigentlich gehofft, daß es zu keinem offenen Angriff kommt, sondern daß nur allein der Kapitän das Ziel eines einzelnen Angriffes ist."

Torin streicht sich durch seinen Bart.

"Ich schlage vor, daß wir uns auf jeden Fall trennen. Ihr geht hier diesen Aufgang empor und ich in der Nähe des Brückendecks."

Dann nickt er dem näherkommenden Schiffskoch zu und fügt etwas leiser hinzu.

"Und wir sollten keine Zeit mehr verlieren. Seid ihr bereit?"



Phexane runzelt die Stirn.

"Ähm, dann würden wir beide den gleichen Aufgang nehmen. Ihr meint wohl, daß ihr den Aufgang beim Vordeck hochgehen möchtet, oder?"

Phexane schaut kurz zum Smutje, der den Gang entlang geht und senkt ihre Stimme etwas.

"Könnte sein, daß dort noch mein Bruder steht. Weiht ihn am besten mit ein."

Sie überlegt einen Moment, fährt dann aber weiter fort: "Der Kerl, der auf dem Wrack ist, ist höchstwahrscheinlich ein Pirat. Wahrscheinlich wird es wohl so ablaufen: Er geht an Bord dieses Schiffes, gibt dem Kapitän das Geld und spielt dann den armen Schiffbrüchigen. Dadurch wiegen sich alle in Sicherheit. Das Wrack wiederum wird abgeschleppt und die NORDSTERN langsamer. So könnte es sein, daß wir vielleicht Salzerhaven heute nicht mehr erreichen. In der Nacht, wenn oben an Deck nur noch ein paar Leute von der Besatzung sind, werden die Piraten, die sich auf dem Wrack versteckt haben, hervor gekrochen kommen, die wenigen Leute an Deck als Geiseln nehmen und somit die NORDSTERN überfallen. Oder sie kommen mit ihren schnellen Drachenbooten hinterher."

Dann stoppt Phexane, denn eigentlich hatte Torin sie gefragt, ob sie bereit wäre.

"Oh, äh.... , ja, wir sollten wohl wirklich keine Zeit verlieren. Aber die Sache mit dem Kapitän und dem Pirat an Bord ..."

Wieder stoppt sie sich selber, damit sie nicht ins Schwafeln gerät.

'Ein einzelner Pirat hier an Bord ... der könnte ziemlich schnell überwältigt werden. Schließlich kann er nicht jeden im Auge behalten. Ein Magier oder jemand mit einem Wurfgeschoß könnte seinen Plan vereiteln.'

Phexane macht sich langsam auf den Weg zum Aufgang, dreht im Gehen aber den Kopf zu Torin um und sagt weiter:

"Wir sollten auch in der Nacht auf das Wrack aufpassen. Sonst könnte es, im wahrsten Sinne des Wortes, ein böses Erwachen geben!"

Am Aufgang angekommen, bleibt sie stehen und dreht sich noch einmal ganz zu Torin um.

"Was haltet ihr davon?"



Als Phexanes Redeschwall ihn erreicht, runzelt er die Stirn. Kurz denkt er über das Gesagte nach und nickt dann. Als sie die Treppe erreicht, gibt er zu:

"Das ist eine gute Idee, aber jetzt sollten wir uns beeilen. Ich würde mich freuen, wenn ich mich täuschen würde was die Gefahr für Herrn Efferdstreu angeht. Doch bis jetzt ist nicht bewiesen, wer von uns beiden Recht behält, und deshalb werde ich alles versuchen, um ihn zu schützen."

Und so dreht er sich um und geht eilig den Gang entlang. Vorbei an den beiden Matrosen, die noch immer unschlüssig vor der Messe stehen, vorbei auch am Koch zum vorderen Aufgang hin.



Schon wieder die Katze....


Traumauge nagt genüßlich an dem gefundenen Wurstzipfel. Bequem liegt er sich auf den Tisch und räkelt sich beim Fressen.



Garulf erwidert kurz das Nicken des Passagiers und verschwindet dann in der Kombüse.

´Jetzt ist die Katze ja schon wieder hier, ich sollte die Tür doch besser schlieszen.´

Und das leere Wasserfasz steht hier ja auch noch rum. Das Fasz ist im leeren Zustand zwar leicht, erfordert durch seine Grösze aber dennoch beide Hände zum Transport. Also eins nach dem anderen: Zuerst packt Garulf die Katze und tritt mit dieser wieder hinaus auf den Gang.



Traumauge zeigt sich deutlich erbost über den erneuten Hinauswurf, doch immerhin ist es dem kleinen Kater gelungen den ganzen Wurstzipfel zu vertilgen, so das nun Maunzen und zappeln auf der Tagesordnung steht.



Phexane, die Katzenfreundin


"Ja, in Ordnung!" ruft Phexane ihm noch nach, dann will sie den Aufgang hinauf gehen, als sie den Smutje mit Traumauge sieht. 'Eigentlich sollte ich ja ... aber von oben ist nichts zu hören ... Also eigentlich ... Ach, was soll's?'

Phexane geht auf Garulf zu, wobei aber der Blick auf Traumauge gerichtet ist.

"Wie süß! Gehört die euch?" fragt sie Garulf, wobei sie kurz über das Köpfchen des kleinen Katers streicht.



Nanu, da ist noch ein Zweibein und das hier ist nett. Als Traumauge eine Streicheleinheit bekommt wird er gleich ruhiger und fängt sogar leicht an zu schnurren.



Wasuren tritt nun endlich aus dem Eingang zu der, nun leeren Messe und schließt hinter sich die Tür. Dann dreht er sich auf dem Gang unschlüssig in die eine und dann in die andere Richtung, als wisse er nicht welchen Aufgang er nun nehmen sollte. Dann entscheidet er sich erste einmal die Richtung zu den Einzelkabinen einzuschlagen, um den besser geschützten Ausgang auf dem Oberdeck nehmen zu können. er bärige, thorwalsche Matrose macht also unschlüssig seinen ersten Schritt und steht prompt vor einem kleinen Problem. Da sich vor der Küche gerade der Koch mit einer Katze im Arm und ein Passagier unterhalten. rstaunt kommt es über Wasurens Lippen :

" Uuiii, ham ma wieder ne Katze an Bord? Wo die alte doch futsch is."



Während Phexane auf die Antwort Garulfs wartet, fängt Traumauge an zu schnurren. Phexane lächelt den Kater an und krault ihm nun hinter den Ohren, etwas, von dem sie weiß, daß Katzen es besonders gerne mögen. Wasuren dagegen wirft sie einen leicht empörten Blick zu, als er davon redet, das die alte Katze ja nun "futsch" wäre.



"Die gehört zum Schiff," antwortet der Smutje auf die Frage der Passagierin. "Willst ´se mit an Deck nehmen? Sie soll nämlich nicht in der Kombüse rum lungern."

Das wäre natürlich das einfachste für Garulf, wenn Phexane die "Katzenverschleppung" erledigen würde und er sich wieder zurück in die Küche begeben könnte. Doch da ist noch die etwas merkwürdige Frage des hinzugetretenen Matrosen:

"Wir hatten zwei Katzen an Bord?" fragt er Wasuren dann auch sogleich, mit Betonung auf zwei.



"Gerne!" kommt es von Phexane wie aus der Rotze geschossen, als Garulf sie fragt, ob sie Traumauge mitnehmen möchte. So nimmt sie den kleinen Kater auf den Arm und streicht ihm über den Kopf bis hin zu seinem buschigen Schwanz. Phexane geht dann zurück zu dem Aufgang, der am Brückendeck endet. Mitten auf dem Aufgang bleibt sie kurz stehen, um zu lauschen, wobei sie auch weiterhin dem Kater auf ihrem Arm den Kopf krault.

'Hört sich nicht nach Kämpfen oder ähnlichem an.'

Doch dann geht sie auch die restlichen Stufen hinauf und gelangt somit auf das Oberdeck. Direkt vor dem Aufgang bleibt sie stehen, um sich ein Bild von dem Geschehenen zu machen.

'Das Beiboot ist weg! Ach, dahinten im Wasser ist es ja.'

Dann schaut sie sich weiter am Deck um, ohne ihren Platz zu verlassen. Nichts deutet im Moment darauf hin, daß einer der Leute an Deck etwas gegen den Kapitän im Schilde führen würde.



Traumauge ist glücklich, er hat einen vollen Magen und bekommt nun auch noch Streicheleinheiten, was kann schöner sein. Wohlig schnurrt der kleine Kater und schmiegt sein kleines weiches Köpfchen an Phexane, so bekommt sie sogar ein paar der Streicheleinheiten zurück. Obendrein strahlt der kleine Katzenkörper eine wohlige Wärme aus.



Dasz die Frau jetzt so plötzlich mit der Katze verschwindet, verwundert Garulf dann doch etwas. Das aber auch alle immer so hetzen müszen. Andererseits - auch gut, so kann er gleich wieder an seine Arbeit.



Abenteuer oder Pflicht?


Ameg hört die Geräusche unter Deck und hört auch wie sich Schritte zu nähern scheinen. Als er den Smutje bemerkt versucht er möglichst unauffällig zu erscheinen, was nicht sonderlich einfach ist wenn man nur herum steht. Etwas verwirrt geht Ameg nun ganz nah zu Jarun und schaut ihn. Scheinbar kann dieser sich nicht recht entschließen das Abenteuer beginnen zu lassen.

"was ist? soll ich vorgeh'n?", fragt er Jarun leise und mit unsicherer Stimme.

Nervös schaut Ameg sich auf dem Unterdeck um als er weitere Schritte aus einer Richtung hört, die er momentan nicht einsehen kann. Gespannt wartet er wer sich da wohl nähert und wann Jarun ihm wohl antwortet...



Als Torin am vorderen Aufgang ankommt, sieht er dort Ameg und den Gaukler stehen. Scheinbar hat er sie gerade bei etwas gestört, doch das kümmert ihn kaum. Deshalb will er sich auch nicht lange mit den beiden aufhalten, doch als er die Treppe erklimmen will, hält er inne.

Zuerst blickt er noch zum oberen Ende des Aufganges hinauf, doch dann wendet er den Oberkörper und den Kopf, um wieder zu den beiden Personen zu blicken.

'Ameg kann mir Auge und Ohr und vielleicht sogar eine helfende Hand in meinem Plan sein... - Wenn ich einen Plan hätte.'

Torin beginnt zu lächeln. Nicht nur zu lächeln; ein wirklich breites Grinsen erscheint auf seinem Gesicht.

"Ameg," sagt er mit gedämpfter und freundlicher Stimme, "ich habe eine Aufgabe für dich. Willst du mir dabei helfen?"



Ameg schaut Torin an und nickt schon fast, doch dann blickt er unsicher zurück zu Jarun.

'Was soll ich jetzt nur tun??? Der eine hat ein Abenteuer für mich und Torin hat eine Aufgabe für mich... Jarun bietet mir Silber... Torin ist mein Lehrer.. und er hat mich gerettet .. .. was ist das nur für ein Schiff... erst passiert rein gar nichts und nun alles auf einmal. Welcher der Zwölf ist eigentlich für Chaos verantwortlich? ..hmm'

Wieder blickt Ameg unsicher zwischen Jarun und Torin hin und her. Es sieht nicht so aus als ob einer von beidem ihm bei seiner Entscheidung wirklich helfen wird.

'hmm... Torin ist mir in jedem Falle wichtiger... ich hoffe nur Jarun wird nicht böse ... vielleicht können wir ja später noch... öh... was ist eigentlich wenn er nur wartet bis es hier ein wenig leerer wird?'

Ameg knabbert ein wenig verzweifelt an seiner Unterlippe.

'wenn er wartet bis es hier ruhig wird.. dann kann er hier lange warten.. ich geh' besser mit Torin mit..'

So lieb wie nur möglich schaut Ameg Jarun an und sagt:

"Ich muß kurz weg, aba ich beeil' mich..." und mit einem kurzen Blick zu Torin fügt er nicht ohne Stolz hinzu: "Torin is' mein Lehrer!"

Danach dreht sich Ameg vollständig zu Torin um, geht zu ihm herüber und schaut ihn an; darauf wartend, daß er ihm sagt was er zu tun hat.



Während Ameg's Blick mehrmals unsicher zwischen ihm und dem Gaukler hin und her wechselt, mustert Torin den bunten Mann aufmerksam. Längst ist das Grinsen aus seinem Gesicht verschwunden.

Durch den aus weißen, blauen und roten Flicken zusammengeschneiderten Umhang hebt sich ein weißes Rüschenhemd im Licht des Unterdecks hervor.

Als seine Augen das Gesicht das Gesicht des Gauklers erfassen, kommt ihm nicht zum ersten Mal der Gedanke, daß vielleicht gerade Leute wie der Gaukler für einige Sagen und Legenden verantwortlich sein könnten.

'Mit dieser Maske kann er sicher des Nachts nicht nur kleine Kinder erschrecken.'

Als Ameg jedoch erwähnt, daß Torin sein Lehrmeister ist, gibt er nicht ohne einen Anflug von Stolz in der Stimme zu:

"Das ist wahr, ich lehre den Jungen, was es heißt, sich in der weiten Welt zurechtzufinden."

Er nickt dem Gaukler zu und blickt dann hinunter zu Ameg.

"Doch jetzt ist nicht die Zeit für große Erklärungen. Wir werden auf dem Oberdeck gebraucht."



Ameg schaut ernst zu Torin hoch.

'Hmm... was wohl da oben los ist.. ist doch was mit dem anderen Schiff?'

"bin b'reit", sagt Ameg zu Torin und wartet, daß dieser voraus geht. Und obwohl Torin sagte, daß keine Zeit für Erklärungen sei, rutscht Ameg einen Moment später vor Ungeduld und Unwissenheit über die derzeitige Situation doch eine Frage heraus:

"was is' denn los?"

Und ein wenig leiser: "sin'da doch Pirat'n?"



"Genau das wollen wir herausfinden, mein Junge." entgegnet Torin auf die neugierige Frage Amegs.

"Komm jetzt. Frau Fuxfell wartet sicher schon auf dem Oberdeck."

Mit diesem Worten steigt er die Stufen zum Hauptdeck empor.



Ameg schaut Torin ein wenig verwirrt hinterher, beeilt sich dann aber ihm schnell die Stufen des Aufganges hinauf zu folgen.

'ob da wohl schon Piraten lauern? wie gut, daß ich einen Dolch im Stiefel habe... den kann ich sicherlich noch gebrauchen... hmm... haben Piraten nicht auch irgendwo Schätze?'



Ottam und Fargus


"Seid nicht gram, werter Magus, vermutlich will der Kapitän den fähigsten Magier stets in seiner Nähe wissen. Und wie schon gesagt, bei unerwarteten Problemen gebe ich Euch ein Handzeichen."

Mit diesen Worten dreht Fargus sich vom Schiffsmagier ab und geht Richtung Beiboot.

'Merkwürdige Angelegenheit, trotzdem sollte ich mich jetzt auf die bevorstehende Aufgabe konzentrieren.' denkt sich der Druide. Nach kurzer Zeit erreicht er das Beiboot und harrt darauf, daß ihn jemand sagt, was jetzt genau zu tun sei.



Man sammelt sich


Lowanger registriert erfreut, daß sowohl der Druide, den er auf dem Weg zum Beiboot lediglich kurz Bescheid gesagt hat, als auch der Magier, mit dem Jergan gesprochen hat, nun zur Stelle sind. Damit ist die Besatzung des Beibootes soweit vollständig. Das einzige, das noch herbeigeschafft werden muß, ist Oles Werkzeugkiste, aber das ist kein Problem, das das Zuwasserlassen des Bootes behindern wird.

"Einen kleinen Moment noch, werter Herr, dann ist das Boot im Wasser, und Ihr könnt einsteigen", sagt der zweite Offizier höflich in die Richtung des Druiden, um sich dann wieder dem Boot und den dort stehenden Menschen zuzuwenden.

Trolske und Efferdan haben das Schlepptau genau so verstaut, wie es sinnvoll ist, und wie er es sich gedacht hatte. Die Ruder sind klar, die Haltetaue auch, die Strickleiter ebenfalls. Damit ist alles bereit, es fehlt nur noch das Kommando des Kapitäns.



Die beiden Männer kommen am Beiboot an, wo bereits alles fertig ist für die Abfahrt. Der Kapitän kümmert sich allerdings nicht weiter um den Zustand des Beibootes und der dazugehörigen Ausrüstung, denn er weiß, daß er sich in dieser Beziehung auf seine Offiziere verlassen kann, ebenso, wie er weiß, daß Lowanger ganz bestimmt Fianas Arbeit noch einmal kontrolliert hat. Damit ist alles wenigstens doppelt kontrolliert.

Kurz huscht ein Grinsen über das Gesicht des Kapitäns, denn für die kurze Überfahrt bis zum Wrack ist der Zustand des Beibootes recht unwichtig, wenn nicht gerade ein faustgroßes Loch darin ist. Andererseits stellt das Boot einen nicht zu unterschätzenden Wert dar, und das gleich in doppelter Hinsicht, denn neben seinem in Dukaten zu messenden Wert ist es auch die einzige Möglichkeit, die NORDSTERN auf hoher See sicher zu verlassen, oder außerhalb von Häfen sicher an Land zu kommen. Außerdem beschränkt sich die Belastung des Bootes diesmal ja keinesfalls auf die kurze Überfahrt, denn das kleine Fahrzeug wird eine viel längere Strecke zurücklegen müssen, ehe es wieder an Bord gehievt wird.

Jergan wendet sich wieder Darian zu.

"Wenn das Boot im Wasser ist, könnt Ihr einsteigen. Laßt Euch dabei nicht von den Wellen verunsichern, die Ihr in dem kleinen Boot natürlich wesentlich mehr spüren werdet als ihr auf der NORDSTERN, und die Euch da sicher viel größer vorkommen werden, aber das ist wirklich sicher - wir haben das Boot schon bei stärkerem Seegang benutzt."



Auch Trolske steht parat und wartet geduldig ab, bis es denn nun losgehen wird. Der Kapitän scheint noch eine Angelegenheit mit den jungen Robenträger klären zu wollen, was aber inzwischen augenscheinlich auch erledigt wurde. Insgeheim ist Trolske froh, daß der junge Gelehrte mitkommt und nicht etwa Ottam. Der Schiffsmagier ist ihm schon von Anfang an immer verdammt unheimlich vorgekommen. Ihm im Rücken zu haben, hinterläßt kein gutes Gefühl. Auf den jungen Schnösel wird man etwas achtgeben müssen, damit er nicht irgendwo aneckt und sich verletzt, aber ansonsten ist Trolske mit der Entscheidung des Kapitäns sehr einverstanden.

Den eher älteren Passagier guckt sich Trolske auch mal näher an. Auch der scheint fest entschlossen zu sein, mitzukommen.

'Die Zustimmung des Kapitäns hat er woll', so wie's ausschaut. Käsig blaß um'e Nase sieht er aus, hoffentlich kotzt'er uns nich' ins Boot, bei dem Wellengang.'



"Das Boot ist bereit zum Aussetzen!" meldet der zweite Offizier dem Kapitän der NORDSTERN.

"Dann wollen wir mal keine weitere Zeit verlieren - die Fahrt nach Salzerhaven wird wohl auch so lange genug dauern, wenn wir das Wrack im Schlepp haben. Setzt das Boot aus!"

Lowanger bestätigt den Befehl mit einem knappen Nicken, dann legt er los.

"Nirka, Angar!"

Mehr muß er nicht sagen, denn die Bootsfrau, die an der Rotze im Grunde nichts weiter zu tun hat, als ab und zu einen Blick in Richtung des Wracks zu werfen, um für den extrem unwahrscheinlichen Fall gerüstet zu sein, daß dort jemand Fernwaffen irgendeiner Art gegen die NORDSTERN zum Einsatz bringt, hat genau damit schon gerechnet, und ist darum nach wenigen Schritten zur Stelle. Auch der Matrose Angar folgt, kaum weniger schnell, und das, obwohl ihn niemand verbal zur Eile angetrieben hat. Dafür hat allerdings Nirka, von allen unbemerkt, ihm einen Blick zugeworfen, der wohl ausreichen würde, um ein Loch in die Bordwand einer Karavelle zu brennen. Einem solchen Blick - und vor allen den Folgen, die mit einer Nichtbeachtung verbunden sind - kann der nicht gerade fleissige Matrose natürlich nicht ausweichen, so daß er sich beeilt, dem Befehl Folge zu leisten.

Nirkas Blicke gleiten rasch über Boot und Menschen, dann bückt sie sich stillschweigend und nimmt die Strickleiter aus dem Boot. Mit geschickten Griffen knüpft sie deren eines Ende an die Reling direkt in der Mitte neben dem Beiboot, und legt den Rest auf die Planken des Decks. Nachher, wenn das Boot im Wasser ist, muß schnell jemand hinunter, und da ist es wirklich besser, wenn die Leiter vorher schon bereit gemacht ist.

"Nirka, Trolske, Hjaldar, ihr nehmt den Bug, Aleara, Efferdan, Angar und ich das Heck."

Im Normalfall ist das Boot ganz leicht hecklastig, aber das gleicht im Moment die schwere Seilrolle im Boot etwas aus, und darum hat Lowanger die sieben Menschen so eingeteilt, daß die kräftigeren den Bug anheben müssen.

Die sechs Seeleute und der eine Fahrgast, der von Lowanger wie ein Seemann behandelt wird, greifen nach den kurzen Seilen, die an Bug und Heck des Bootes befestigt sind.

"Hau.... RUCK!" brüllt Lowanger, und packt zugleich mit seiner ganzen Kraft mit an.

Die sieben Menschen wuchten das Boot recht problemlos hoch, denn so schwer ist es im trockenen Zustand nicht, und setzen es dann halb auf die Kante der an dieser Stelle verstärkten und etwas niedrigeren Reling. Wirklich absetzen kann man da allerdings nicht, so daß gleich weiter geschoben wird in Richtung steuerbord. Das ist schon wesentlich schwerer, denn bedingt durch die Breite des Bootes kann man die Kraft nicht sehr gut zum Einsatz bringen, und zudem noch über die Reling hinweg agieren.

An dieser Stelle tritt der Kapitän selbst nach einem kurzen entschuldigenden Nicken in Darians Richtung hinzu und hilft etwas nach, indem er von der Seite schiebt, was den Kiel des Bootes dann endgültig über die Reling befördert. Danach tritt er wieder einen Schritt zurueck und stellt sich wieder neben Darian, denn als guter Kapitän weiß er, daß es eher schlecht ankommt, wenn er sich in die Ausführung der Arbeit von Untergebenen einmischt, wenn diese selbst sehr wohl fähig sind, sie zu verrichten.

Die Kraft von sieben Menschen, weitergeleitet über einige starke Seile, läßt das Beiboot entlang der Bordwand der NORDSTERN die restlichen zwei Schritt bis zur Wasseroberfläche sinken, wobei es natürlich nicht ausbleibt, daß es ziemlich an der Schiffswand entlang scheuert, und dabei auch einige neue Schrammen bekommt.

Doch schließlich ist das auch geschafft, und die ersten übereifrig hohen Wellen berühren den Kiel des Bootes, bald gefolgt von weiteren, die spritzend gegen das neue Hindernis klatschen. Dann taucht der Boden des Bootes ein, und es schwimmt endlich neben der NORDSTERN - eine weitere winzige Nußschale in den Weiten von Efferds Reich.

Lowanger am hinteren, und Nirka am vorderen Ende binden die Seile, mit denen sie das Beiboot zu Wasser gelassen haben, an der Reling fest, wobei sie darauf achten, daß das Boot recht viel Bewegungsfreiheit bekommt, denn wenn sie es zu straff machen würden, würde es das Boot gegen die Bordwand drücken, und niemand wäre mehr in der Lage, das vom Boot aus zu verhindern.

Lowanger wirft die Strickleiter über die Reling, wobei sie gegen die Bordwand klatscht und schließlich mit ihrem unteren Ende im Beiboot landet.

"Trolske, du gehst als erster runter - du weißt, worauf du achten mußt!"

Der zweite Offizier selbst bleibt erst einmal neben der Befestigung der hinteren Halteleine stehen, wobei er wachsam das Boot beobachtet. Es sieht fast so aus, als würde ihm jede Berührung zwischen Boot und Schiff, die bei diesem Seegang nicht ausbleiben kann, solange keiner im Boot ist und es verhindert, persönlich weh tun.

Am vorderen Seil blickt Nirka nicht weniger aufmerksam über Bord und beobachtet jede Bewegung des Bootes, das da unten treibt - beladen mit vier Rudern, einer großen Seilrolle, einigen kürzeren Seilstücken, der vielleicht zehn Schritt langen Schlepptrosse des Bootes und diversen Kleinigkeiten, die zur Ausrüstung dieses Beibootes gehören.



Wie befohlen, hilft Trolske mit, das Beiboot über die hier relativ niedrige Reling zu heben. Anfänglich ist das nicht weiter schwer, doch je mehr das Schiff nach außen gelangt, desto mehr zwickt und zwackt es auch im Rücken vom guten, alten Trolske, bei dieser einseitigen Kraftanstrengung. Aber mit vereinten Kräften gelingt es binnen kurzer Zeit, das Boot zu Wasser zu lassen.

"Aye, aye, Herr Lowanger", bestätigt der Matrose dann kurz darauf die neue Anweisung des Offiziers und klettert daraufhin ohne weiter Zeit zu vertrödeln über die Reling. Das Herunterklettern an der Strickleiter ist zwar eine wackelige Angelegenheit, doch Trolske macht das nicht zum ersten Mal und so tastet er sich zügig Schritt für Schritt weiter nach unten.

Das Beiboot an sich tänzelt unruhig auf den Wellen, die von hier unten aus wesentlich höher wirken, als vom Deck der soliden NORDSTERN aus. Ohne vollkommen trocken zu bleiben, geht der Abstieg jedenfalls nicht vonstatten, denn auch wenn man sich Mühe gibt, will es nicht gelingen, dem aufspritzenden Wasser immer auszuweichen.

Mit einem weiteren Blick nach unten und einem vorsichtigen näher Heranziehen des Bootes mit dem Fuß, bringt Trolske das Beiboot für einen Augenblick in eine günstige Position, so daß es ihm möglich ist, relativ mittig in das Boot zu steigen.

Trolske nimmt im Boot Platz, ergreift ein Ruder und versucht damit vorsichtig das Beiboot auf einen entsprechenden Abstand zur Außenwand der NORDSTERN zu halten, damit vermieden wird, daß unnötig Holz auf Holz schlägt und das Beiboot Schaden nimmt.

"Wohl an denn, der Nächste."



Lowanger sieht zu, wie Trolske mit dem Geschick langer Erfahrung über die Reling klettert und hinunter in das Beiboot steigt. Damit ist dieses gesichert, und der Matrose wird zuverlässig verhindern, daß es durch die Wellen an die Bordwand geworfen wird.

Er sieht kurz zu den anderen, und macht dann einfach eine einladende Bewegung in Richtung der Reling. Worte dafür zu verschwenden, das wäre nicht seine Art, zumal das auch keinerlei Sinn ergeben würde.

In welcher Reihenfolge die anderen an Bord gehen, ist ihm ziemlich egal, er weiß nur, daß er der letzte sein wird, der in das Beiboot steigt, und daß der Platz im Heck des Bootes der seine ist.



Gerade hat Efferdan das eine Ende der Schlepptrosse mittels einiger seefachmännischer Knoten - die sich später leicht öffnen lassen, sich aber kaum von alleine lösen können - an der Reling befestigt, da ergeht auch schon der nächste Befehl an die Matrosen.

Wie eigentlich immer, beeilt sich Efferdan dem Befehl Folge zu leisten und begibt sich so - Lowangers Anweisungen folgend - vom Bug zum Heck des Bootes, um dort mit anzupacken.

Obwohl sie zu siebt sind, so daß das Boot ihnen eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten sollte, ist besonders der zweite Teil der Zuwasserlassens für Efferdan recht anstrengend - wieder einmal verwünscht er seine schwachen Kräfte, die hinter denen der übrigen Matrosen zurückstehen. So ist Efferdan denn nach Beendigung der ganze Aktion auch wieder hochrot im Gesicht - ein seltsamer Kontrast zu seiner sonstigen Hautfarbe - und versucht unauffällig seine zitternden Arme zu verbergen.

Da er momentan keinen weiteren Befehl erhält - momentan klettert gerade Trolske als erster ins Boot, während alle anderen noch an Deck stehen - und da er nicht mit auf das Wrack soll, dreht sich Efferdan jetzt zur Reling hin und sieht ebenfalls hinunter ins Wasser. Allerdings betrachtet er das Boot nur am Rande - auch wenn er jedes Toc des Bootes an der Schiffswand registriert - sondern richtet seine Aufmerksamkeit - kaum merklich - mehr auf das Wasser nebendran, den Wellengang, die Farbe des Meeres... Doch diesmal begeht er nicht den Fehler, unaufmerksam zu werden. Aufmerksam hört er, ob nicht etwa ein weiterer Befehl folgt, der ihm gilt. So entsteht dann leicht der Eindruck eines Matrosen, der ebenfalls nach dem Zustand des Beibootes sieht während er auf weitere Befehle wartet, die da kommen können, höchstwahrscheinlich kommen werden...



Als das Beiboot zu Wasser gelassen wird wartet Darian in sicherer Entfernung ab, bis es soweit ist, dasz der erste Matrose hinüberklettert. Gleich ist es wohl soweit. Zwar wird man ihn wohl nicht gerade ganz zu Anfang hinuntersteigen lassen, aber allzu lange wird es wohl nicht mehr dauern.



Der zweite Offizier nickt Hjaldar zu, als dieser als zweiter in das Boot klettert und sogleich neben Trolske Platz nimmt - sicher, um ebenfalls zu helfen, das kleine Fahrzeug zu stabilisieren, solange es so gefährlich dicht neben der NORDSTERN liegt.

Im Grunde ist das jetzt die optimale Gelegenheit für die beiden Fahrgäste - die anderen Matrosen können von Deck aus helfen, falls das nötig sein sollte, und Trolske und Hjaldar von unten aus. Ole ist ja noch unterwegs, um die Kiste zu holen, die dann auch noch verladen werden muß.

"Bitte sehr!" sagt Lowanger in Richtung von Fargus und Darian, da er nicht genau weiß, ob diesen bekannt ist, daß es im Grunde niemanden mehr gibt, der unbedingt vor ihnen in das Beiboot klettern muß. Er begleitet diese Worte mit einer einladenden Handbewegung, die in diesem Fall eigentlich eher "ausladend" als "einladend" ist, da sie geradewegs in Richtung der Reling mit der daran befestigten Strickleiter weist.



Mit vereinten Kräften geht das Wassern des Beibootes zügig von statten, zumal jeder weiß worauf es ankommt und was zu tun ist, wie Hjaldar fest stellt.

'Fast wie in den alten Zeiten.' geht ihm ganz kurz ein melancholischer Gedanke durch den Kopf. Aber für derlei gibt es jetzt keine Zeit.

Für's Besetzen des Beibootes ist es seines Erachtens praktischer, schon mal die Ruderbank zu besetzen - und da sollten welche hin, die wegen des stärkeren Wellengangs nicht einfach über Bord fallen oder ihre Gesichtsfarbe in lustiger Art und Weise ändern.

Ein fröhliches Lächeln trifft noch den alten Druiden, der vorhin in der Kabine schon der Efferdsieche erlegen ist.

"Was denn, Väterchen, willst Du auch mit? Laß Deinen Magen aber lieber hier an Deck." rät er diesem in feixenden Tonfall.

Dann macht er sich aber auch schon daran, dem Matrosen nachzufolgen, indem er sich einfach über die Reling schwingt und die Strickleiter ins Beiboot hinab klettert. Daß er das bei weitem nicht so oft macht, wie sein Vorgänger, ist dabei allerdings schon ersichtlich, da er doch ein wenig uneleganter und langsamer voran kommt, bis er schließlich sicher im Beiboot fußt und den Platz neben Trolske einnimmt.



Ein wenig pikiert ist der Druide schon, als ihm der Spott entgegenschlägt, auch wenn er offensichtlich nicht wirklich bös gemeint war.

'Hauptsache, ich erledige meine Aufgabe zur Zufriedenheit des Kapitäns und des Schiffsmagus. Falsch, Hauptsache, ich erledige meine Aufgabe für die Menschen, die noch nicht in Borons Hallen aufgestiegen sind - genau, darum geht es hier.'

Vorsichtig versucht der Druide die erste Sprosse der Leiter zu erwischen. 'Nun bleib ganz ruhig, alter Freund, mehr als runterfallen kannst Du ja doch nicht.' Schließlich gelingt es ihm sogar, mit beiden Beinen auf der Strickleiter zu stehen. Der anschließende Abstieg geht zwar langsam, aber dafür sicher vonstatten und der Druide nimmt demonstrativ gegenüber dem Matrosen Platz, der ihn eben noch angegrinst hat.

"So, das Väterchen ist einsatzbereit" sagt er zu seinem Gegenüber, ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht.



Die Werkzeugkiste


Ole eilt so schnell es geht auf das Unterdeck, schaut weder nach links, noch nach rechts, rennt fast Xenia und Wasuren über den Haufen. Ole kann gerade noch ausweichen, sonst wäre er wohl arg mit den beiden 'Träumern' zusammengestoßen.

Der Schiffszimmermann kann in seiner Hast gerade eben noch das Gleichgewicht halten, als er in den Niedergang zum Ladedeck abbiegt. Als er jedoch urplötzlich Jarun und einem kleinen Jungen auf seiner Bahn erkennen muß, kommt er böse ins Stolpern und er prellt mit der Schulter deftig gegen die Wand, rutscht mit der Ferse ein paar Stufen hinunter, stürzt aber nicht und kann sich wieder fangen.

Als er schwer schnaufend und mit schmerzender Schulter in der Segellast ankommt, kann er auch schon die Werkzeugkiste erblicken. Er öffnet sie kurz, prüft oberflächlich deren Inhalt und schließt sie wieder zufrieden, hat er doch zumindest Hammer, Säge und Stemmeisen ausgemacht und auch eine Schachtel mit Nägeln gefunden, mehr interessiert ihn momentan nicht, in seiner Eile.

Ole schultert die schwere Kiste auf seiner unlädierten Seite und rennt nun wieder zurück, allerdings bedeutend langsamer als er herkommen ist, die Kiste hat ein beachtliches Gewicht. Mit jeden Schritt des Schiffszimmermanns klimpert, klirrt und scheppert es in der Kiste, er klingt, als nähere sich eine Horde schwergepanzerter Ritter.

Um nicht wieder ein paar Beinahezusammenstöße zu provozieren, brüllt Ole, noch bevor er den Aufgang zum Unterdeck erreicht:

"PLATZ DA, ES EILT !!"



Raufwärts soll es ja immer schwerer gehen als runterwärts. Vor allem dann, wenn eine Kiste transportiert werden muß, die nicht nur schwer, sondern auch sehr unhandlich ist und der Weg steil, schwankend und kurvenreich.

Obwohl es Ole ausgesprochen eilig hat, kommt er nur leidlich schnell voran. Diese Kiste raubt ihm einen guten Teil der Sicht, zudem schmerzt die Schulter immer mehr, doch absetzen möchte nicht, das kostet nur Zeit.

Der Schiffszimmermann hofft inbrünstig, daß sein Warnruf vernommen worden ist und wer auch immer im Weg stehen könnte, jetzt bereit ist von sich aus auszuweichen. Bis es Ole bemerken würde, daß sich da ein Hindernis aufbaut, wäre der Zusammenstoß bereits unvermeidbar gewesen.

Als er dann die letzte Stufe zum Oberdeck erklimmt, muß er dann doch noch kurz stehen bleiben und tief durch zu schnaufen, das Alter fordert langsam seinen Tribut. Langsam bekommt er wieder etwas mehr Luft und er ruft, nun ja, er keucht vielmehr, den Leuten an der Beibootseite zu:

"Bin an Deck, ... die Kiste auch, ... aber meine Lungen sind, glaube ich, noch im Laderaum .... !"

Dann wankt er zur Reling hin.

"Die Kiste zuerst!"



Der Edelmann und der Diener


Als sich der Herr Durenald zurückzieht, dem Kapitän folgend, verbeugt sich Radisar leicht und tut dann, gleich darauf dasselbe noch einmal und wieder, obwohl er für seinen Gruß keine Antwort bekommt, und immer wieder, bis man die beiden im hektischen Treiben auf dem Obereck schon gar nicht mehr richtig ausmachen kann.

Danach richtet er seine kleine Körper wieder auf und blickt scheu den Edelmann an, eine sehr gelehrten Mann, wie es dem dicken Diener scheinen mag. Radisar ist von dieser Person ungeheuer beeindruckt, er läßt sich zu einer derartigen Bewunderung hinreißen, daß er sogar vorübergehend seine Ängste und Sorgen vergißt.

Er räuspert sich und sagt dann:

"Ihr seid zweifellos ein Herr und Meister der Bildung und der Wissenschaft und verfügt über eine bemerkenswerte Reputation, wie ich, ohne die Absicht euch bei euerem Disput mit dem Herren Magus belauschen zu wollen, vernehmen konnte. Bestimmt kennt ihr viel der Eigenheiten des menschlichen Wesens - Würdet ihr mir ein Frage gestatten, Herr .... äh ... wie war doch gleich der Name?"



"Aber bitte eilt euch, gelehrter Herr, ich freue mich schon auf den Bericht von der ZYKLOPENAUGE."

Mit diesen Worten entläßt di Vespasio den jungen Magus. Oder besser, er wirft Darian noch eine kurze Antwort hinterher, da ihm doch die schiere Zahl der Enthüllungen in so kurzer Zeit etwas die Sprache verschlagen hat.

'Nein sowas, wie das Leben manchmal spielt. In einem Atemzug kann man einen interessanten, wenn auch etwas naiven, Gesprächspartner verlieren und einen reichen Blumenstrauß von Informationen direkt aus dem Mund des Kapitäns gewinnen.'

'Zufall oder Fügung? Was wäre wohl passiert, wenn du dich nicht an Herrn Durenald sondern an die junge Frau gewandt hättest. Oder wenn das Fräulein Rosenhain dich nicht ins Freie gelockt hätte. Da kann man nur mit Trocharit einstimmen ´minimus locus aperti mundi´.'

Di Vespasio legt beide Hände auf dem Knauf des Stockes übereinander und schließt die Augen um sich kurz zu konzentrieren.

'Primo: Es gab vor nicht allzulanger Zeit eine Meuterei auf dem Schiff. Dabei wurde das Leben des Kapitäns bedroht und Herr Durenald konnte ihn retten. Dies deutet auf Kämpfe hin. Wenn es erst so weit gekommen ist, ist so eine Rebellion kein Zuckerschlecken mehr und sollte mit dem Tod einer Partei geendet haben, am Galgen im nächsten Hafen oder durch einen kleinen Stoß über das Schiffsgeländer.'

'Hmmm. Vermutlich würden die Rebellen auch die mitreisenden Passagiere zu einem kleinen Bad einladen, um sicherzustellen, daß sie nicht dreckstarrend vor den Behörden auftauchen. Dies erklärt zumindest die etwas peinliche Verbrüderung zwischen Passagieren und Seeleuten und die lockere Art auf dem Schiff. Gemeinsam Durchlittenes verbindet.'

Mit seiner Schlußfolgerung zufrieden erlaubt sich di Vespasio ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

'Secundo: Immer noch mißtraut Kapitän Efferdstreu seinem Stab. Er verhindert einerseits, daß ihm der Schiffsmagier aus den Augen kommt und sendet andererseits Darian ´Göttergefällig´ Durenald aus, den zweiten Offizier zu überwachen. Offenbar ist hier mehr auf dem Tisch, als es im ersten Augenblick erscheint. Und die Mitspieler sind Meister ihres Faches.'

Di Vespasios Kopf wandert zum Rücken des Kapitäns, der eben dabei hilft, das Beiboot über die Reling zu heben, und sieht den freundlich-höflichen Mann mit ganz neuen Augen.

'War es nicht Nadijawemmi, der im vierzehnten Kapitel des ´Fürsten´ schrieb, es seien drei Dinge, die eine Rebellion möglich machten: Anlaß, Anführer, Armee. Ich frage mich, womit Efferdstreu einen Anlaß geliefert hat? Und -wichtiger- ob dieser noch besteht.'

'Tertio: Das defekte Schiff. Offenbar ist er verärgert, daß der Passagier an Bord bleiben will. Auch seine List mit den 200 Dukaten, von denen er glaubte, sie wären nicht an Bord, ist wohl auch nicht ganz so aufgegangen wie geplant. Ob der zweite Offizier den Auftrag hat, einen Unfall zu arrangieren? Und Durenald soll der unverdächtige Zeuge sein?'

Geradezu ein feuriges leuchten blitzt über di Vespasios Augen, als er kurz die Situation auf und außerhalb der NORDSTERN noch einmal in seiner Vorstellung auferstehen läßt.

'Ha, mein Lieber, du wärst niemals ein solch geschickter Taktiker geworden, hättest du nicht die naturgegebene Eigenschaft alle wichtigen Eindrücke in Windeseile zu sammeln und ebenso schnell sortieren, werten und wichten zu können.'

Di Vespasios Augen flackern zum Brückendeck und der dort stehenden schwarzen Gestalt.

'Es könnte von Vorteil sein, Frizzi, ein Wort mit dem Schiffsmagus zu wechseln. Er scheint der einzige zu sein, der dem Kapitän kritisch gegenüber steht. Er ist außerdem nicht wenig verärgert; möglicherweise gerade der richtige Augenblick, ein paar vertrauliche Informationen zu erhalten.'

Er will sich schon auf den Weg machen, als er sich an den kleinen Seidenbekleideten erinnert, der ihn und Darian vorhin angesprochen hatte und jetzt erneut das Wort an ihn richtet. Dummerweise waren sie einander noch nicht vorgestellt worden.

'Comment? Eigentlich wirkt er so, als kenne er höfliche Anstandsregeln. Sollte nicht der Hinzugetretene ... Nun, im Moment solltest du großzügig sein und alles tolerieren. Zudem gibt er sich ja alle Mühe, deinem wissenschaflichen Ruf gerecht zu werden.'

"Es ist mir ein Vergnügen eure Bekanntschaft zu machen. Ich denke wir waren einander noch nicht vorgestellt worden. Comte Frizzi Enrico di Vespasio da Balirii."

Di Vespasio fällt in eine höfliche Verbeugung.



Radisar zuckt kurz zusammen, eine schnelle, kaum sichtbare Reaktion auf Herrn di Vespasios Vorstellung. Bei allen Göttern, ein Comte! Ein Adeliger! Dazu noch einer aus dem Westen des Kontinentes, kein Vertreter der, mitunter doch sehr rustikal auftretenden bornischen Aristokratie. Eine derart hochgestellte Persönlichkeit hat Radisar nicht erwartet.

"Es ist mir eine außerordentliche Ehre, euer Edelhochgeboren!" erklärt Radisar und verbeugt sich tief. "Mein Name ist Radisar Kummerer, Adlatus der Dame von Beibach und Bruch aus dem Bornland!"

Als sich Radisar aus seiner Verbeugung wieder aufrichtet, steht er stolz und gerade da, was bei seiner geringe Größe und seiner beachtlichen Leibesfülle, eher etwas lächerlich aussieht als erhaben.

Für den Moment hat er alle seine peinigenden Schrecken und seine eiskalte Angst vor nahenden Piraten vergessen und verdrängt. Die Begegnung mit dem Comte verleiht ihm sogar eine Hauch von Souveränität, als eine Kraft aus dem Fundament der Etikette.

"Ich bin nur ein einfacher Rechtsgelehrter und Verwalter und daher wahrscheinlich als gleichwertiger Gesprächspartner für Euer Edelhochgeboren kaum geeignet. Doch ist es mir ein Bedürfnis, mich mit der Bitte um Teilhabe an euerem Born des Wissens, an euch zu wenden ....!"



'Hmm. Adlatus. Von affero, attuli, allatus: herantragen, überbringen, verursachen. Wie in `vim afferre`: Gewalt antun. Was du tun wirst, wenn diese Farce so weitergeht.'

Di Vespasio ist mal wieder verärgert, auch wenn er sich dies nicht gerne anmerken läßt.

'Gut, du hast wohl gesagt, Wissen solle möglichst weit verbreitet werden. Gut, du hast auch Trocharit zitiert ´Im Kleinsten eröffnet sich die Welt´. Aber dir dann gleich diesen zwergischen Wasserträger mit einem Wanst voller Fragen zu senden, das grenzt doch an Hohn. Götter, was hat euer Diener verbrochen?!'

Di Vespasio atmet hörbar und tief durch die Nase ein. Dann hebt er die rechte Hand, faltet seelenruhig die Finger zur geöffneten Handfläche und mustert interessiert die manikürten Fingernägel; eine Beschäftigung, die offenbar in jedem Fall wichtiger ist, als irgend etwas anderes, zum Beispiel etwa seinen Gesprächspartner anzublicken oder derartiges.

'Contenance, der Herr Adlatus wird wohl kaum fähig sein, eine Frage zu ersinnen, die du nicht im Vorbeigehen eben beantwortest. Betrachte es als Völkerverständigung zwischen Südwest- und Nordost-Aventurien.'

"Ja? Welche Frage brennt dir auf der Zunge?" erklingt es hörbar gelangweilt. Wer eben die höfliche Diskussion mit dem Adeptus verfolgt hat, wird kaum glauben wollen, daß diese herablassende, fast verletzende Stimme aus demselben Mund stammt.



'Was für ein verständnisvoller Mann!' denkt sich Radisar, 'Etwas kühl und distanziert vielleicht, aber das ist wohl die Eigenart eines jeden Gelehrten.'

Im Grunde genommen ist der kleine Diener heilfroh nicht gleich und sofort abgewiesen worden zu sein. So hat er mit einer solchen spontanen Anteilnahme durch den Herrn Di Vespasio nicht gerechnet, daß sich nun seine Gedanken recht unsortiert hinter seiner Stirn zusammenballen, bereit, nach einer jahrelangen Existenz in dunkler Verschwiegenheit, sich nun dem Licht der Welt zu präsentieren.

Es sind heikle Gedanken, niemand, der sich zu präsentieren wünschte, würde sie so, jetzt und hier aussprechen. Doch die Suche nach einer Antwort geißelt den kleinen Rasdisar schon seit langen Jahren und so sprudeln die Worte, nach einer sehr kurzen Zeit der Besinnung, aus ihm heraus, wie ein plötzlich befreiter Wasserfall aus einem geborstenen Fels.

"Was ist die Natur der Angst? Ist sie ein Fluch oder ein Geschenk der Götter? Ist sie das Gegenteil des Mutes oder nur sein Gegenspieler? Ist der Mut die Überwindung der Angst oder nur die Unfähigkeit Angst zu empfinden? Gibt es einen Sitz der Angst, eine Stelle im Körper des Menschen, von wo aus sie wirken kann? Gehört sie zum Wesen des Menschen oder ist sie eine Art Krankheit? Und vor allem: Was tut man gegen sie?"

Jetzt muß Radisar erst einmal Luft holen. Schnell und fast hektisch hat er die Fragen ausgesprochen, als könnte ihn, im Sinne seiner Rede, plötzlich der Mut verlassen, sich in dieser Angelegenheit dem gelehrten Herren anzuvertrauen.



Kein Mensch ist nur Eins. Jeder Vater ist auch ein Sohn. Jeder verhaßte Feind ist auch jemand anderem ein Freund. Ein bekannter General mag gleichzeitig ein verkannter Künstler, ein treusorgender Ehemann und ein heimlicher Liebhaber sein.

Und nicht alles muß jedem gleich gut gelingen. Eine hervorragende Schauspielerin kann mit der Rolle der Mutter überfordert sein. Und ein umsichtiger Diener mag als mutiger Held eine Null sein.

Dies alles sind Erfahrungen, denen auch di Vespasio nicht fern steht. Als Adeliger geboren, aus Not zum schandbeladenem Handelsberuf gezwungen und darüber zum geachteten Gelehrten geworden, ist er sich nie sicher, wessen Art ihn denn nun stärker bestimmt.

'Pas possible, mon ami, was erdreistet sich dieser Pimpf...'

'Festum. Hmmm. Mein Lieber, womit die Dame von Beibach und Bruch wohl ihre Geschäfte...'

'Interessant, Frizzi. Erinnerst du dich noch an den Übersichtsartikel in Aegrippus `Medicus`? Die teleologischen Aspekte natürlich ...'

Di Vespasio wendet sich zur Steuerbordseite und verfolgt das Aussetzen des Bootes und das Einsteigen der Mannschaft und der Passagiere, während er beginnt über die Angst und den Mut doziert.

"Eine interessante Frage. Oder sollte ich besser sagen, ein interessanter Fragenkomplex. Und nicht ohne praktische Bedeutung, insbesondere, wenn man die Vorfälle der letzten Zeit berücksichtigt, auch wenn ich persönlich nicht betroffen bin."

Des Adeligen persönliche Einstellung zur Angst ist eher 'Ich bin lediglich vorsichtig. Vorsicht ist mit Furcht weder etymologisch noch inhaltlich verwandt.'

"Da wäre zunächst einmal die verschiedenen Aspekte der Frage zu unterscheiden. Zur Linken liegt dabei die Frage nach der körperlichen Repräsentation der Angst. A droit das Verhältnis von Angst und Mut. Und drittens darunter, die beiden anderen Aspekte stützend, umschließend und sie nach oben komplementierend, der göttliche Einfluß."

Der Südländer will schon zu einem längeren Vortrag ansetzen, als ihm die ´Erläuterungen´ Pestomattis zur Didaktik einfallen.

'Mein lieber Frizzi, der Lehrende überzeuge sich von der Aufnahme des zu Lernenden durch den zu Lehrenden.'

"Ist das soweit deutlich?"



'Ist das soweit deutlich?' hallt es noch lange im Ohr Radisars's nach.

Zunächst ist Radisar gar nichts deutlich, allein schon die Frage klingt in ihm wie ein Hohn. Das einzige, was der kleine Diener im Augenblick wahrnehmen kann ist, daß Worte, Gedanken und Ideen wie die wirbelnden Schneemassen einer donnernden, zu Tale rauschenden Lawine auf ihn eindringen, umschließen, erdrücken.

Wenn Radisar jemals zu spüren glaubte, daß großes Wissen auch eine große Last bedingt, so hat er für die Annahme jener Formel heute eine tiefe Gewißheit gefunden. Radisar schnappt nach Luft,wie eine Fisch auf trockenem Land, so schwer lastet auf ihm, was der hohe Herr da so mit Leichtigkeit von sich gibt.

Vielleicht auch ein Spur zu leicht, will es dem Dicken erscheinen, wie Herr di Vespasio mit schweren These umher wirbelt. Auch Orkscheiße wäre schließlich, hoch kosmisch betrachtet ein Wunderwerk der Natur und als solches extrem verehrungswürdig.

'Konzentriere dich, Radisar, gibt nicht wieder so schnell auf!'

So versucht sich der Diener selbst zu ermutigen. Er mag tölpelhaft sein, aber er ist kein Dummkopf. Er ist es gewohnt hart zu verhandeln, wenn es um die Vorteile der Freifrau von Beibach und Bruch geht, so sollte er es doch auch in eigener Sache schaffen.

Radisar's analytischer Verstand arbeitet mit der Genauigkeit zweier frisch geschliffener Sicheln. So kann er Situationen, Verknüpfungen und Sachlagen bis ins kleinste Detail zerlegen und wieder zusammensetzen. Daraus entsteht ihm zwar ein teilweise sehr fokusiertes Weltbild, das zwar auf einen Betrachtungsschwerpunkt zugeschnitten ist, aber an Genauigkeit nicht zu übertreffen.

Doch, bei aller Tiefe des Nachdenkens, Radisar kann sich eben schlecht mitteilen, um so mehr, da es ihm im Moment tatsächlich schwer fällt Luft zu holen, durch zu schnaufen, das Thema Angst hat für Radisar etwas sehr aktuelles. Zwar löst sich der Krampf, in dem Maße, da der Diener seine innere Souveränität zurückgewinnt, doch für eine Mitteilung in seiner Sache ist es zu spät.

'Ist das soweit deutlich?'

Schon lange ist diese Frage vom Seewind verweht worden und ist noch immer nicht beantwortet. Das hat dem Comte wohl zu lange gedauert und er fährt fort den kleinen Diener mit den Schätze umfassender Weisheit, aus der Quelle hochherrschaftlichem Wissens zu überschütten.

'Laß dich nicht verwirren - eine große Menge muß nicht gleichzeitig große Vielfalt bedeuten!' denkt sich Radisar immer wieder. Dieser Satz wird ihm langsam zum hilfreichen Credo, nachdem er sich im Dialog mit dem Comte genauso hilflos fühlt, als sei es seine Mission, gegen ein Echo das letzte Wort zu behalten. Aber langsam wird ihm die Sache klarer und sein Interesse wächst und wächst .......


Nachdem der Diener durch keine Äußerung kundgetan hätte, daß er die bisherigen Ausführungen nicht verstanden hätte, fährt di Vespasio fort.

"Zunächst gilt es festzuhalten, daß die erste, sozusagen die auslösende Ursache, man spricht auch von dem primordialen Grund, der Angst das Zusammenbalgen des Magens ist. Diese Erkenntnis geht zurück auf Untersuchungen von Schwarzmann, der in einer Reihe von Spezii diese morphische Ausbildung feststellen konnte, auch wenn die wesentlichen Ergebnisse erst von Brissi in der Schrift ... "

Mit einem Blick auf Radisars Gesicht, entscheidet sich der Vielbelesene die genaue Quellenlage zunächst einmal beiseite zu lassen.

"... nun, wie auch immer. Also ipso contractionem des Magens ist das erste Anzeichen der Angst, auch wenn andere Observando ebenfalls bestimmend auftreten können. Nun, auch die erste reactio des corpus unterscheidet die Menschen noch nicht. Ja, wie du vermutlich schon richtig vermutest, handelt es sich um ein acceleris der frequentia des pulsus."

Mit einem zweiten Blick entscheidet sich di Vespasio, auch auf die korrekten wissenschaftlichen Bezeichnungen weitestgehend zu verzichten, zumindest bis er sie hat erklären können. Und natürlich abgesehen von den Stellen, wo sie absolut unverzichtbar sind.

"Dies, also die Beschleunigung des Herzschlages, hat natürlich den Sinn, wie leicht einzusehen ist, daß eben jener just beschriebener Krampf des Magens sich wieder aufzulösen vermag und der Mann aus dem Würgegriff der Angst befreit wird. Dies geschieht über die Wärme, die das in den Magen gepumpte Blut auf eben den überträgt."

'Hach, schrieb Pestomattis nicht auch etwas über erläuternde Vorbilder oder Beispiele? Wenn du dich nicht bemühst, verständlich zu reden, dann ist die Aufmerksamkeit deines Zuhörers sofort dahin. Zumal sich langsam auch das Boot mit der Expeditionsmannschaft auf den Weg begibt, was nicht für wenig Ablenkung sorgen sollte.'

"Das ist, wie wenn man sich gegen Magenschmerzen eine Wärmflasche nimmt. Der Magen wird erwärmt und beruhigt, die Schmerzen verfliegen."

Zufrieden ein so plastisches Beispiel gefunden zu haben, atmet di Vespasio einmal durch, bevor er ansetzt weiter vorzutragen.



Radisar lauscht den Worten des Edelmannes anfangs sehr interessiert. Er scheint begierig alles in sich 'aufzusaugen', was ihm am Vortrag des Herren Di Vespasio wissenswert erscheint. Doch dann durchdringt immer mehr, zur Schau getragene Skepsis deine Haltung.

Die weitschweifige Ordnung, die der Comte in die Fragestellung bringt, verbunden mit der etwas trotzig willkürlichen Erklärung des Ausschluß's eigener Betroffenheit, läßt den kleinen Diener stutzig werden. Eine derartige Strategie ist Radisar nicht neu. Wie oft schon ist es ihm geschehen, daß hohe und gelehrte Herren eine vorgetragene Antwort entweder in bauschigen Worthülsen oder ausweichend, für den Nichtgelehrten unverstehbar, gleich in Bosperano zum Besten gaben, weil sie nicht wirklich antworten wollten oder weil sie, bei diesem Gedanken muß Radisar leicht hämisch grinsen, nicht in der Lage waren zu anworten und ihre Unkenntnis hinter wahren Wortungetümen zu verbergen versuchten.

Radisar runzelt die Stirne und antwortet dem Comte in einem nachdenklich zögerndem Ton:

"Ob mir das deutlich ist? Durchaus, durchaus, verehrter Herr Comte! Sie versuchen sich dem Begriff der 'Angst' auf drei Wegen zu nähern. So wäre sie, ihrer Vorstellung nach, in ihrer Existenz körperlich manifestiert, also 'Angst' als leibliche Reaktion. Zum anderen vergleichen sie die 'Angst' als solche mit einer, als komplementär anzunehmender Empfindung, einer Empfindung, die man landläufig 'Mut' nennt. Doch was ist Mut? Was ist Angst? Sind es Substanzen im menschlichen Sein, die sich in ihrer Masse einander messen, in einem Ringen, das ständig nach einem Sieger sucht? Oder bedingt ein Übermaß der einen Seite eine zwangsläufige Unterlegenheit der anderen, eine Gegebenheit, eine Zustand, der ohne inneren Zwist schon immer war und immer sein wird? Interessant wäre doch auch die Annahme, daß nicht der innerer Konflikt nach Wachstum gegen den seelischen Opponenten auslösend dafür wird, ob der Mensch nun ein ängstlicher oder mutiger wird, so daß sich charakterliche Eigenheiten durch das Fehlen oder die Minderung gefühlsmäßiger Attribute erklären könnte?"

Radisar holt noch einmal tief Luft, um seiner Aussage einen kleinen Epilog anzufügen:

"Irgendwelche göttliche Prinzipien in die Erörterung um die 'Angst' als Entwicklung bedingendes Moment einzufügen halte ich für fatal. Ist Angst die Triebfeder oder die Hemmung menschlicher Handlung, so halte ich die Angst auch bestimmend für das göttliche Tun. Gewiß, die Götter bedienen sich der Furcht, denn der Respekt vor ihrer Autorität begründet, sicher und erhält ihre Existenz. Doch sprechen wir nicht oft vom 'Zorn' der Götter? Ist Zorn nicht eine leidliche, sehr menschliche Schwäche? Und wenn die Götter eben diese eine Schwäche mit uns Menschen teilen würden, dann könnten doch auch weitere gefühlsmäßige Einschränkungen göttliches Wirken lenken, so eben auch die 'Angst'!"

Plötzlich sieht Radisar sehr erschrocken aus. Es ist ihm wohlbewußt geworden, daß er eine unmanierliche Contraposition gegenüber dem hohen Herren eingenommen hat und die letzte seiner Absichten wäre es gewesen, dem Comte in eine unangenehme Situation zu bringen.

Daher sagt er schnell:

"Ich hoffe, daß ich sie mit meinen Fragen und Gedanken nicht überfordere ... !"



Di Vespasio's sehr anschauliche Beschreibung 'innerer' Vorgänge läßt Radisar wieder sehr stark eigene Betroffenheit spüren. Das stimmt schon, was der gelehrte Herr da sagt: Das Herz rast wie die Schwingen eines Kolibri's und der Magen windet sich wie ein Seeaal an Land.

Diese Symptome sind Radisar nur allzu vertraut. Aber gegen dieses Unwohlsein gibt es probate Mittel und Methoden. Das erinnert den kleinen Diener daran, daß er vor geraumer Zeit einen Branntwein bestellt hatte. Wo bleibt der Junge nur?

Wenn der feurige Trunk erst einmal zur Verfügung stehen wird, dann wird sich das Herz schon wieder beruhigen und der Magen wieder entspannen. Aber das erklärt nicht das Wesen der Angst ....



Der Mann im Mast


Orgen nimmt Fianas Befehl sehr ernst und späht unermüdlich in alle Richtungen. Ab und an beobachtet er auch das andere Schiff, um rechtzeitig zu bemerken wenn sich im Schutze von Trümmern etwas ungewöhnliches regen sollte. Die meiste Zeit jedoch sind seine Augen gen Horizont gerichtet.

Es gibt jedoch nichts Ungewöhnliches zu beobachten, genau genommen gibt es außer Wasser nichts zu beobachten.



Irgendwie gefällt Orgen das Schaukeln des Mastes, das ja jetzt, wo das Schiff nur treibt, viel stärker ausfällt.

Für einen Moment glaubt er etwas entdeckt zu haben, aber er hat wohl nur einen Moment zu lange in die Praiosscheibe geschaut, denn beim zweiten Blick ist nichts mehr zu erkennen.



Pflichtbewußt nimmt Orgen seine Aufgabe weiterhin sehr ernst und wechselt ständig zwischen Sitzen und Stehend ab, um möglichst viel zu sehen.

Mit offenen Augen schickt er ein Stoßgebet zu Efferd

'O Herr EFFerd, schütze dieses Schiff, auf daß wir die Drachen nie mehr wiedersehen und schütze auch besonders das Beiboot, auf daß keine Falle der Lohn für des Kapitäns Hilfsbereitschaft ist. Ich verspreche dir, meine nächste Spende in deinen Tempel wird großzügig sein, o Herr'



Die Wut eines Zauberers


Ottam kocht innerlich, doch diesmal so sehr, daß sein Zorn nicht ganz vom Gesicht zu verbannen ist. Geschürt wird das ganze noch durch die lückenhaften Wortfetzen, die er von der Unterhaltung des Kapitäns am Oberdeck mitbekommt.

'Dieser verfluchte Schleimbeutel. Na warte, DAS wird noch ein Nachspiel haben!'

Kurz denkt er darüber nach die Lage mit einem Zauber unter Kontrolle zu bringen, doch derzeit sind einfach zu viele andere Zauberkundige an Bord, dazu kommt das hier einfach alles auffallen würde. Nein ein Plan muß her, ein wohl überlegter. Auch die Folgen müssen bedacht werden, was ist besser für MICH?

Ottam verwirft sein zuerst erwogenes Vorgehen schnell wieder und kommt zu dem Schluß, daß dies hier ein raffinierteres Vorgehen erfordert, eines das keine Spuren hinterläßt!

'DAS hast du nicht umsonst getan' Denkt er während er in Richtung des Kapitäns blickt. Mit einem Blick der nicht nur töten könnte sondern auch Eisberge im Südmeer erschaffen könnte, so kalt ist er.



Ganz in Gedanken versunken wartet Alrik Fuxfell am Niedergang auf seine Schwester, dabei beobachtet er das Gespräch des Kapitäns mit dem jungen Magier, unbewußt fällt ihm der kurze Seitenblick der Kapitäns zu seinem Schiffsmagus auf. Er folgt diesem Blick und bleibt am Gesicht des Schiffsmagier hängen. Durch seine Kapuze verborgen beobachtet er das Gesicht von Ottam und erkennt einen Bruchteil einer Sekunde Wut und gar Haß darin.

Instinktiv steigt die Formel eines Zaubers in ihm auf, schon sieht er die flammenden Lettern deutlich vor seinem Auge. Es wäre einfach die Worte zu sprechen und die Geste auszuführen, viel zu einfach.

Unbewußt fallen ihm die Worte seines verehrten Vaters ein.

'Denk daran Alrik, du mußt das heiße maraskanische Blut das in dir brodelt besiegen, bevor du einmal zum Magus bringst.'

Wie oft schon hilft ihm die Erinnerung an diesen gütigen friedliebenden Menschen, der wie er selbst die Academia Schwert und Stab zu Beilunk absolviert hatte, die Macht des Zaubers selbst zu brechen. Ein einzelner Schweißtropfen rinnt unter seiner weißen Strähne hervor.



Ottam entgeht nicht, daß er offensichtlich beobachtet wird. Was kann jener nur im Schilde führen? Ottam ist sich seiner Position bewußt und spielt gerne mit den Muskeln, daher hält er bewußt dem Blick Stand. Der Blick den Ottam zurück wirft ist kalt, und als er sich des beobachtet werden bewußt wird - welche Unverschämtheit IHN zu beobachten - wird sein Blick noch kälter. Die Niederhöllen sind ein lauschiges Plätzchen dagegen und jeder Gehörnte besitzt ein liebliches Lächeln gegen diesen Blick.



Schau einer an, dieser Alrik beobachtet besser als man glauben mag. War da nicht gerade eine seltsame Regung in seinem Blick? Schade, wegen der Kapuze kann Ottam nicht alles erkennen und er muß sich allein auf sein Gefühl verlassen, jenes Gefühl ist es das ihm sagt, daß er aufpassen muß, mehr denn je.



Am Steuer


Fiana konzentriert sich auf das Steuer, sie achtet auf den Wind, die Wellen und den Abstand zwischen der NORDSTERN und dem Wrack. Derzeit ist jedoch keine Änderung in Sicht. Der Abstand bleibt konstant. Ab und an wirft sie auch den Akteuren am Beiboot einen Blick zu. Sie ist bereit jederzeit Maßnahmen einzuleiten, falls es nötig werden sollte.



Reckinde


Irgendwie ist Reckinde von Beibach und Bruch ein kleine wenig enttäuscht, als sich ihr zur Gewißheit neigend andeutet, daß ein Piratenangriff nicht zu erwarten ist. Sie wäre in guter Kampfstimmung gewesen und hätte zu gerne ihrem Schwert 'Niederkunft' reichlich Futter gegen den nimmersatten Hunger des Kampfstahls gegönnt. Oh ja, diese heimtückischen Salzwassersumpfrantzten hätte es schnell und final zu spüren bekommen, was es heißt, eine bornische Edelfrau herauszufordern.

Reckinde lächelt grimmig vor sich hin, als sie sich ausmalt, was sie mit einem potentiellen Angreifer alles angestellt hätte, und jede wilde Idee, die sich aus ihrer Phantasie heraus in ihr Bewußtsein drängt, vermag sie aufs erneute zu erfreuen.

Als die Freifrau am Bug der NORDSTERN die schußbereite Rotze erblickt, gerät sie fast in freudiges Verzücken. Ja, das ist eine Waffe nach ihrem Geschmack. Mit diesem todbringenden Instrument fühlt sie sich seelisch verwandt. Aufwand und Wirkung stehen sozusagen in einem höchst vorteilhaften Verhältnis zueinander und die Wunden, die eine solche Waffe an Mensch und Material zu reißen vermag, haben eine entscheidende Bedeutung. Da wird nicht gekleckert, da wird geklotzt, nicht nur ein bißchen 'angeritzt', sondern zermalmt. Es ist eine kostengünstige Anwendung, mit einem ordentlich ruinösen Effekt für den Feind, eine sehr positive Bilanz in der Endabrechung!

Reckinde reibt sich erregt die Hände. Das muß sie sich näher ansehen, dort vorne, vielleicht sieht sie das Gerät auch in Aktion .......



Darian am Beiboot


Darian steht noch immer abwartend an der Rehling, als der zweite Offizier mit einem, von Gesten unterstützten "Bitte sehr" die restliche Beibootbesatzung zum einsteigen auffordert.

´Ich glaube jetzt habe ich lang genug wartend herum gestanden´.

Doch als er sich an anschickt sich zur Strickleiter zu begeben, kommt ihm Fargus, der Druide, zuvor. Der Apetus läszt dem älteren Herrn den Vortritt, erstens will man ja nicht unhöflich sein und zweitens gibt es überhaupt keinen Grund zu drängeln. Schlieszlich ist "das Väterchen" sicher im Boot angekommen und der Adpetus wehnt sich an der Reihe, da erschallt vom Niedergang her eine Stimme:

"Die Kiste zuerst!"

Also tritt Darian nochmals zur Seite, schon um nicht von dem heran rauschenden Hünen versehentlich ins Meer geschubst zu werden.



"Ihr seid auch gleich dran", sagt der Kapitän mit einem leichten Schmunzeln zu dem jungen Adeptus.

Er würde gerne auch selbst mitfahren, aber selbstverständlich kommt das nicht in Frage. Für den Kapitän gibt es an Bord nur einen einzigen Platz, und das ist der auf dem Schiff, das er als letztes zu verlassen hat, falls es aufgegeben werden muß. Bootsexkursionen in gefährlichen Situationen kommen also überhaupt nicht in Frage.

So beschränkt sich Jergan Efferdstreu darauf, das rege Treiben an Bord zu beobachten, und ist dabei sehr zufrieden mit seiner kleinen Mannschaft, die so prima aufeinander eingespielt agiert. Man könnte dabei fast übersehen, daß sie noch immer nicht wieder ihre Sollstärke erreicht hat, und im Moment gerade drei weitere Mannschaftsangehörige dabei sind, das Schiff zumindest für einige Stunden zu verlassen.

Der Blick des Kapitäns schweift jedoch auch kurz in die andere Richtung, hinüber zum Wrack, das dort in dem Wogen des Meeres der sieben Winde treibt, ohne daß an Bord auch nur der Anschein einer Bewegung zu sehen ist.



Die Werkzeugkiste wird verladen


Der zweite Offizier nickt dem eifrigen Zimmermann erfreut zu, als dieser so rasch wieder da ist mit seiner schweren Ladung.

Die Anweisung, die Kiste zuerst zu verladen, macht Sinn, und so soll es auch geschehen. Der zweite Offizier setzt an, Nirka oder einem der Matrosen zu befehlen, Ole dabei zu helfen, die Kiste über Bord zu reichen, aber dann kommt ihm die Bemerkung des Zimmermanns bezüglich seiner Lungen wieder zu Bewußtsein, und auch das Wissen darum, daß dieser nicht mehr der Jüngste ist. Also muß das anders passieren.

"Nirka, faß mit an!" Er wählt ganz bewußt die Bootsfrau, da er Efferdan die schwere Last nicht zumuten will, und Angar noch nicht lange genug kennt.

Die Bootsfrau versteht ihn sofort, und tritt rasch von der einen Seite hinzu, während der zweite Offizier persönlich von der anderen Seite nach der Kiste greift.

"Lass uns das machen, Ole, dich brauchen wir drüben noch..."

Der Satz hat fast einen ein klein wenig scherzhaften Unterton, etwas, das bei Lowanger höchst selten ist. In dem Fall ist es vielleicht Ausdruck der Vorfreude auf die Fahrt zum Wrack.

"Aufgepaßt da unten!"

Bootsfrau und Offizier nehmen dem Schiffszimmermann die schwere Kiste ab und wuchten sie mühelos über die Reling und soweit hinunter, wie ihre Arme reichen.

Da das Beiboot rund zwei Schritt tiefer liegt, und die Bewegung ohnehin abwärts geht, ist das Abnehmen der Kiste keine sehr große Herausforderung, und vermutlich auch von einer Person zu bewältigen, die sich im Boot hinstellt. Die einzige Schwierigkeit dürfte das Schwanken von Boot und Schiff sein, aber zumindest für das erstere sind inzwischen genug Personen im Boot, um das auszugleichen.



Zuerst will Ole protestieren, als ihm die Werkzeugkiste aus den Händen gerungen wird. Immerhin ist er doch in den 'besten Jahren' und noch weit davon entfernt ein Greis zu sein. Doch dann spürt er wieder das Stechen in seinem Brustkorb und auch seine lädierte Schulter wäre nun recht dankbar, würde sie baldigts entlastet werden.

Also läßt es Ole seufzend geschehen, daß ihm Lowanger und Nirka die Kiste abnehmen. Es ist wohl so, daß, wenn die 'besten Jahre' beginnen, die 'guten Jahre' eben vorbei sind. Satinav's Zahn ist unerbittlich.

Leise stöhnend locker er seine Glieder und versucht seinen Atem zu beruhigen. Dabei fällt ihm der Magus Darian auf, der offensichtlich darauf wartet auf das Beiboot wechseln zu können. Herr Darian fährt also mit! Das ist gut, sehr gut sogar, insgeheim hatte Ole schon die Befürchtung, die Enge des Beibootes auch mit dem Schiffsmagus teilen zu müssen.

Schwer schnaufend, gibt der Schiffszimmermann dem Herrn Darian, sprechen kann der atemlose Ole im Moment noch nicht, ein Zeichen, daß dem jungen Magus den Vortritt einräumt. Dann hätte Ole auch mehr Gelegenheit wieder zu Kräften zu kommen, in der Zeit die Herr Darian braucht, um ins Beiboot zu klettern.



Fiana am Steuer


Nach wie vor konzentriert sich Fiana auf den Abstand der beiden Schiffe, wobei sie nebenbei anerkennend Ole's Einsatz bemerkt.

'Ja er mag schon älter sein, aber er ist immer noch Vollblutmatrose - und was für einer' denkt sie sich.



Trolske und Hjaldar


"Ho, Hjaldar. Wenn'de mit paddeln willst, kannste dort sitzenbleiben, ansonsten mußte nach vorn aufrücken," begrüßt der Matrose den ankommenden Passagier, der durch seine kumpelhafte Art fast schon zu einem halben Mannschaftsmitglied geworden ist.

Mit seinem Ruder gelingt es Trolske weiterhin, das Beiboot auf einem einigermaßen gleichmäßigen Abstand zur NORDSTERN zu halten.



"Woll, dann sitz' ich ja richtig." grinst Hjaldar. Wer sollte auch sonst rudern? Ole hat mit seinem Werkzeug schon genug zu tun, der zweite Offizier wird sicherlich kein Ruder in die Hand nehmen und die beiden Kutten dürften nicht einmal wissen wie rum man so'n Ding richtig hält.

Und wenn man grad an den Klabautermann denkt, klettert er auch schon ins Boot. Aus der Bemerkung Fargus glaubt Hjaldar zu erkennen, daß der Alte durchaus einen Spaß versteht und nickt ihm mit einem offenherzigen Lächeln zu, weiterscherzend.

"Das wohl. Aber gut festhalten, sonst mußt Du uns noch hinterher schwimmen."

Als dann die Kiste von oben herab gereicht wird, sagt er zu Trolske:

"Ich mach' schon. Versuch nur, möglichst ruhig zu halten."

Da er keine Ahnung hat, wie schwer die Kiste jetzt tatsächlich ist, geht er erst einmal vom ungünstigsten anzunehmenden Fall aus - nämlich das sie alleine mit ausgestreckten Armen kaum länger zu halten ist - und bemüht sich um einen möglichst stabilen Stand, bevor er die Arme hebt und die Kiste in Empfang nimmt.

Zu seiner Erleichterung hat Ole allerdings darauf verzichtet noch ein paar Steine und Ankerketten einzupacken und so kommt er relativ problemlos damit klar, nicht zuletzt weil der erfahrene Trolske wirklich ganze Arbeit leistet, die Nußschale so gut als nur irgend möglich vom heftigeren Schwanken abzuhalten.

So befindet sich die Kiste kurze Zeit später gut verstaut in der Nähe der Seilrolle und Hjaldar gibt ein Zeichen nach oben, daß der nächste Passagier folgen kann.



Nirka und Lowanger


Der zweite Offizier der NORDSTERN tritt nach der Übergabe der Kiste wieder etwas zur Seite, um dem jungen Magus Platz zum Klettern zu geben. Er beobachtet ihn dabei aufmerksam, verzichtet aber auf fast jede Art von Kommentaren oder Tips. Das einzige, was es an Kommentar gibt, ist ein Nicken, das schon fast als anerkennend bezeichnet werden könnte, denn dem Offizier ist durchaus bewußt, daß es keineswegs zu den normalen Tätigkeiten eines Magiers gehört, bei Seegang von einem Schiff in ein Beiboot umzusteigen.

Damit sind nun zwei Drittel der Besatzung des Beibootes an Bord, und er nickt Ole zu:

"Und nun du - ich werde als letzter einsteigen. Nirka, du kümmerst dich dann nachher um das Lösen der Leinen, und du, Efferdan, schaffst die Schleppleine dann Heck, wenn wir unterwegs sind."

Er zeigt dabei auf die Trosse, die der Matrose an der Reling angebunden hat.



Die Bootsfrau bestätigt den Befehl des zweiten Offiziers mir einem knappen Nicken - auch ohne diesen Befehl hätte sie sich um die Leinen gekümmert, da ihre eigentlich Aufgabe an der Rotze im Moment ja nicht gefragt ist, und derartiges durchaus zum Aufgabenbereich der Bootsfrau gehört.

Aleara, die anscheinend nicht so ganz weiß, was sie tun soll, bekommt von der Bootsfrau einen Wink zu sehen, der sie in Richtung der Rotze schickt, aber auch bedeuten könnte, daß sie erst einmal nichts zu tun hat.

Die interessierten Blicke, die die Freifrau, die die Suite bewohnt, in Richtung der Rotze wirft, bekommt die im Moment vielbeschäftigte Nirka allerdings nicht mit.



Zurück zum Geschütz


Aleara tritt einen Schritt zur Seite, um den restlichen "Besatzern" das einsteigen nicht zu erschweren, und fragt sich, wie sie sich jetzt wohl nützlich machen könnte. Da an dieser Stelle keine weiteren Aufgaben zu erledigen sind, begibt sie sich zurück zur Rotze, zu der sie ja eigentlich beordert wurde...



Angar nutzt den Umstand, daß die Bootsfrau durch ihre Arbeit abgelenkt ist, natürlich aus. Das Aussetzen des Beibootes war anstrengend genug, so daß eine Pause wohlverdient ist...

Rasch findet der Matrose den Weg zurück auf das Vordeck, wo er auf dem Sockel der Rotze Platz nimmt... hatte es nicht erst kürzlich den Befehl gegeben, an eben jenem Geschütz zu helfen?



Auf in's Beiboot


Als die ersten Passagiere beginnen, an Bord zu klettern, reißt sich Efferdan wieder vom Anblick des Wassers los, dreht sich in Richtung Strickleiter, um eventuell beim Abstieg behilflich zu sein.

Doch weder der Thorwaler, noch der etwas ältere Mann scheinen Hilfe zu benötigen. Gerade möchte der junge Magus hinab klettern, als Ole mit der Werkzeugkiste angepoltert kommt.

»Die Kiste zuerst!« vernimmt Efferdan. Innerlich wappnet sich Efferdan, helfen zu müssen, die schwere Kiste hinunter zu heben. Doch, siehe da, es kommt kein dergearteter Befehl - anscheinend hat Lowanger erkannt, daß Efferdan im Moment noch recht fertig ist - erst die Kugeln, dann das Boot - und er eh von »schwächlicherer« Natur ist...

So beschränkt sich Efferdan darauf, in der Nähe der Strickleiter stehenzubleiben, um zuzupacken, falls der junge Magus Hilfe benötigen sollte, und hin und wieder umher zu blicken, um zu sehen, was sonst noch so vor sich geht. Dem erschöpften ole schenkt er einen mitfühlenden Blick - schließlich weiß er, wie Ole sich fühlen muß - sagt aber, wie es ganz seine Art ist, nichts.



Der Schiffszimmermann musz ja wie vom Difar besessen gerannt sein, so schnell ist er wieder hier und so einen Eindruck macht er auch. Er ist sogar so erschöpft, dasz der Offizier selbst mit Hand anlegt beim Verladen der Kiste. Kein Wunder, dasz er erst einmal wieder zu Atem kommen will, bevor er ins Beiboot hinab steigt. Also begibt der Adeptus sich nun endlich zur Strickleiter und beginnt diese hinunter zu klettern. Man merkt ihm an, dasz das Herumklettern zwischen Wasserfahrzeugen nicht unbedingt die primären Fertigkeiten eines Magus sind. Zum Glück ist er noch jung und gelenkig genug, dasz das Umsteigen dennoch ohne gröszere Probleme vonstatten geht, zumal das kleine Boot mittlerweile von genügend kundigen Personen stabilisiert wird.

So sucht er sich dann einen Platz im inzwischen schon merklich voller gewordenen Boot. Halt, irgendwas fehlt.

´Ach, zu dumm, jetzt habe ich meinen Stab in der Kabine gelaszen.´

Aber dafür noch einmal hinauf klettern kommt wohl kaum in Frage und so wichtig ist der Stab nun auch wieder nicht: Falls es zum Kampf kommen sollte verläszt der Adeptus sich ohnehin lieber auf ´seinen´ PARALÜ und zum magischen Lichterzeugen beherrscht er auch die andere Standardmethode. Damit der Stab noch anderweitig von praktischem Nutzen wäre müszten die entsprechenden Stabzauber erst gesprochen werden und dafür ist nun wirklich keine Zeit.



Auch der Magier klettert anscheinend ohne größere Probleme hinunter, jedenfalls muß Efferdan nicht eingreifen, obwohl er sich darauf vorbereitet hatte...

Da gibt Lowanger Efferdan nun einen Befehl. Efferdan sieht Lowanger an, richtet sich etwas auf und ein nicht sehr lautes, dafür helles "Jawohl" springt aus seinem Mund, überzieht die nächste Umgebung.

Da er ja bereits am festgebundenen Ende der Leine steht, wartet Efferdan nun, bis alle eingestiegen sind...



Ole fühlt sich nun zwar noch nicht prächtig, aber zumindest gut genug wiederhergestellt, dem Kommenden trotzig entgegen blicken zu können. Als Herr Lowanger den Schiffszimmermann auffordert auf das Beiboot umzusteigen, nickt Ole kurz, richtet sich in seiner ganzen beeindruckenden Größe auf und meint:

"Das wohl, Herr, nun kann's losgehen!"

Dann klettert er in das Beiboot hinunter, geschickt und geschmeidig, kein Zeichen einer Schwäche ist jetzt noch zu erkennen. Als der 'graue Riese' seine Füße auf die Planken des Beibootes setzt, kommt schon etwas Bewegung in den Nachen, es schaukelt nicht schlecht.

Ole juchzt.

"Huiiii ...!"

Das Schwanken scheint ihm echt Spaß zu machen. Dann aber setzt er sich ruhig auf einen freien Platz, das Schaukeln des Bootes nimmt ab, solange bis das 'Auf-und-Nieder' des Kahn's ausschließlich nur noch von den Wellen des Meeres verursacht wird.



Als der graue Riese das Boot zum Schaukeln bringt, krallt sich die Hand des Adeptus unweigerlich etwas fester ans Holz. Nicht, dasz er wirklich Angst hätte das Boot könne kentern, es ist mehr der Reflex sich irgendwo festzuhalten, wenn man merkt, dasz man keinen festen Boden unter den Füszen hat. Daher nimmt es auch der Magus selbst gar nicht bewuszt war. Wer ihm ins Gesicht schaut, wird auch keine Spur von Angst darin erkennen, sein Blick ist vielmehr von Neugier geprägt und der freudigen Erwartung auf das. was da kommen wird, was immer das sein mag.



Leinen los .....


Lowanger beobachtet, wie der alte Schiffszimmermann in das Boot hinuntersteigt, womit die Besatzung zu 5/6 vollständig wäre - es fehlt nur noch er selbst. Sein Blick huscht zu Jergan, der ihm sofort seine Aufmerksamkeit zuwendet.

"Das Beiboot ist bereit zur Abfahrt!" meldet er sodann.

Der Kapitän der NORDSTERN nickt, und erwidert:

"Dann kann es losgehen. Gute Fahrt, und viel Erfolg!"

Lowanger läßt seine Blicke noch einmal über das Deck schweifen, dann geht er zur Reling, wie es auch schon die fünf anderen vor ihm taten.



Der zweite Offizier der NORDSTERN klettert zügig über die Reling und dann die Strickleiter hinunter. Es ist unübersehbar, daß er dies mit der Eleganz und Übung fast eines ganzen Lebens auf See tut - eben rasch und völlig fehlerfrei.

Er steigt von der Leiter in das Boot um, ohne dieses mehr zum Schwanken zu bringen, als es das in den Wellen ohnehin schon tut, und setzt sich ohne weitere Umwege oder Kommentare in das Heck des kleinen Fahrzeuges, wo sich die Pinne des Steuers befindet.

Er nimmt diese in die Hand, testet die Beweglichkeit, indem er das Ruder einmal bis zu jedem Anschlag bewegt. Ein zufriedenes Nicken begleitet diesen Versuch, dessen Ausgang ja eigentlich klar war, weil das Boot gut kontrolliert und auch gepflegt wurde.

Hjaldar und Trolske haben die Plätze an den Rudern eingenommen - einwandfrei. Daß ersterer kein Matrose ist, übersieht Lowanger ein weiteres Mal...

Auch die anderen haben halbwegs sichere Plätze eingenommen... also kann es losgehen.

"Leinen los!"

Das Kommando gilt natürlich der Bootsfrau auf dem Deck.



Die Bootsfrau hat auf diesen Befehl nur gewartet, und steht bereit, ihn auszuführen. Allerdings tut sie das nicht sofort, sondern macht erst noch etwas, das Lowanger entweder übersehen, oder als selbstverständlich vorausgesetzt hat:

Rasend schnell lösen ihre geschickten Hände die Seemannsknoten, die die Strickleiter halten, denn diese gehört zum Beiboot, und wird drüben sicher gebraucht. Kurz hält sie das obere Ende in der Hand, dann wirft sie es einfach in das Boot hinunter, wo es zwischen Darian und Ole landet.

Und schon ist der eigentliche Befehl an der Reihe: Auch die Halteleinen des Bootes sind mit Seemannsknoten befestigt, und das bedeutet, daß sie sehr fest sind, aber auch ganz einfach gelöst werden können, wenn man weiß, wie es geht - ein Wissen, das Nirka natürlich hat.

Sie löst erst die vordere, und dann die hintere Leine, die sie einfach über Bord fallen läßt auch diese Leinen gehören zum Boot, und sind zudem an diesem befestigt - die Verstauung ist also eindeutig Sache der Leute im Boot. Daß diese die Taue dazu noch aus dem Wasser ziehen müssen, ist der Bootsfrau recht egal.

Sekunden später folgt die zweite Leine, und dann die Meldung:

"Leinen sind los!"



Klatschend fallen die Leinen in das Wasser, womit das Boot die letzte Verbindung zur NORDSTERN verloren hat. Lowanger hält sich jedoch nicht mit Gedanken dieser Art auf, sondern befiehlt:

"Hjaldar, Trolske: Los geht es!"

Er selbst dreht dabei das Steuer nach steuerbord, um die Fahrt mit einer weiten Rechtskurve zu beginnen. Noch ist dazu kaum Aufmerksamkeit erforderlich, weil das Boot ja noch treibt, erst, wenn gerudert wird, bringt das Steuer wirklich eine Steuerwirkung.

So kann der zweite Offizier und momentane Kommandant des Bootes noch eine Anweisung geben:

"Bergt noch die Leinen, und paßt auf, daß sich das Schlepptau ordentlich abwickelt."

Im Grunde gilt dieser Befehl Ole, der als einziger der "Mannschaft" nichts zu tun hat, aber so, wie Lowanger ihn formuliert, kann er auch durchaus die Fahrgäste meinen, obwohl das nicht in seiner Absicht liegt.



"Wohl, wohl, Herr!" brummt Ole vor sich hin, Lowanger's Befehl bestätigend. Im Grunde ist er froh etwas zu tun zu haben, daß lenkt ihn ein bißchen ab von seinen intensiven, wie fruchtlosen Gedanken, die sich pausenlos forschend mit der Lage auf dem Wrack beschäftigen.

Ole holt die Leinen ein, rollt das triefende Seil zusammen und packt es in den minimalen Stauraum, der auf dem kleinen Beiboot noch bleibt.

Dann achtet er darauf, daß die Schlepptrosse gut ins Wasser gleitet, Schritt für Schritt .....



Wir können nicht gemeint sein ....


Der Offizier ist an Bord, die Leinen sind gelöst, die beiden Matrosen legen sich in die Riemen und das kleine Boot gewinnt recht rasch an Fahrt. Die Anweisung auf die Schlepptrosse zu achten, bezieht der Adeptus zwar nicht auf sich, schlieszlich gehörte "Schiffsschlepptechniken" nicht zum Lehrplan der Lowanger Akademie, dennoch beobachtet er interessiert, was die Seeleute mit dem Tau anstellen. Vielleicht besteht ja Bedarf an einem kleinen Kräftigungszauber?



'Merkwürdig, die Anweisungen des Offiziers hören sich fast so an, als seien sie an die Fahrgäste gerichtet. Am besten, ich tue so, als ginge mich seine Bemerkung gar nichts an.'

Konzentriert blickt der Druide in Richtung der ZYKLOPENAUGE.



Es geht los ....


"Gehen wir's an", brummelt Trolske leise, wobei er Hjaldar zuversichtlich zunickt und dann kurz wartet bis der Nebenmann auch bereit ist, bevor er erstmalig ausholt und sein Ruder ins Meerwasser taucht.



"Woll." ist Hjaldar's kurze Antwort auf Trolske Gebrumme und macht sich bereit zum los rudern.

Es dauert zwei, drei Schläge, bis die beiden in einem einvernehmlichen Rhythmus fallen - Hjaldar merkt deutlich, daß es doch nicht erst gestern war, als er das letzte Mal gerudert ist - doch dann arbeiten Trolske und Hjaldar wie ein gut eingespieltes Team und bringen das Boot zügig vorwärts.



Efferdan's Frage


Schnell schallen die Befehle und Meldungen hin und her und mit hoher Präzision werden die letzten Handgriffe getätigt, bis schließlich das Beiboot ablegt und davon rudert.

»...paßt auf, daß sich das Schlepptau ordentlich abwickelt.« hört Efferdan noch Lowanger sagen, eine Anordnung, die zwar eindeutig der Beibootbesatzung gilt, die Efferdan aber auch noch einmal auf seine Aufgabe aufmerksam macht. Aufmerksam behält er die Trosse im Auge. Zum einen, um sich zu vergewissern, daß seine Knoten auch halten - woran Efferdan eigentlich kaum Zweifel hegt - und um zu sehen, wann er denn die Trosse nach hinten, zum Heck, schaffen muß.

Doch noch hat er Zeit, noch ist das Beiboot nicht so weit, als das es Sinn machen würde.

Doch da fällt ihm etwas ein: Das ein Schiff ein anderes abschleppt ist relativ unüblich und so besitzen Schiffe eigentlich auch keine Vorrichtungen dafür. Wo nun aber soll Efferdan die Trosse später festbinden? An der hinteren Reling? Nein, die könnte brechen... vielleicht an einem der Poller? Aber dann würde das Schiff asymmetrisch (Efferdan ist stolz, daß er in der Schule des Havener Efferdtempels solch ein Word beigebracht bekommen hat) schleppen...

Deswegen wendet sich Efferdan an die Bootsfrau - den Kapitän anzusprechen, das wagt er nicht. Seine Stimme klingt wie immer hell, ein unsicherer Tonfall ist heraus zu hören, Efferdan wirkt fast schüchtern - wie so oft...

"Ähm, Bootsfrau, ... Verzeihung ... der Herr Lowanger gab mir den Befehl, wenn das Beiboot das Heck passiert hat, die Trosse an das heck zu schaffen und dort zu befestigen...nur wo soll ich es denn festbinden? Die Reling erscheint mir nicht geeignet und wenn ich es an den Poller befestige... liegt das Schiff dann nicht schräg?"

Ouff, das war mal wieder eine lange Rede für Efferdan. Und das war heute nicht die erste!

`Das muß an diesem irrwitzigen Tag liegen denkt sich Efferdan` und wünscht sich, er hätte noch etwas weiter geschlafen...



Das, was der Matrose da wissen möchte, ergibt durchaus Sinn für die Bootsfrau, auch wenn sie ihm da kaum helfen kann. Sie erinnert sich an eine einzige Schleppfahrt, und die ging nur über einige wenige Meilen. Nur war da die NORDSTERN im Schlepp, weil die Segel nach einer Sturmfahrt zerfetzt waren, und einige Wanten so beschädigt, daß jedes Setzen neuer Segel die Masten weggebrochen hätte. Da war das andere Schiff nach dem Sturm gerade richtig gekommen, und hatte die Fahrt gegenüber dem, was das winzige Sturmsegel hergegeben hatte, doch erheblich beschleunigt. Nur... wo hatten die anderen die Trosse befestigt? Die Bootsfrau weiß nur, wo sie es auf der NORDSTERN festgemacht hatten, und das war die Befestigung der Ankerwinde.

"Da frag den Kapitän. Ich würde zwar sagen, daß der schräge Zug nicht stört, aber entscheiden muß er das", gibt sie dann ihre ausweichende Antwort.



Efferdan schluckt! Hat er die Bootsfrau eben richtig verstanden? Den Kapitän fragen? Efferdan wird bleich - was bei seiner ohnehin schon sehr hellen Haut nicht weiter auffällt und sieht Nirka mit großen Augen an. Trocken klebt die Zunge in seinem Gaumen, seine Lippen sind auf einmal bar jeglicher Feuchte und spröde.

"Den Kapitän fragen..." stammelt er leise und kaum hörbar vor sich hin.

Der Kapitän - nicht, daß er ein Schreckgespenst oder ein Leuteschinder wäre. Nein, in Efferdans Augen ist er ein guter Kapitän - und das ist es eben.

Jergan ist der Kapitän!!! Wenn immer möglich hatte der scheue Matrose es vermieden, mit dem Kapitän, DER Respektsperson auf dem Schiff, Herr über Leben und Tod, Meister des Schiffes, »Oberbefehlshaber«, direkt zu sprechen. Oh ja, er hat schon mit ihm geredet, damals als er an Bord kam sogar recht lange, und Jergan war immer nett zu ihm gewesen, eigentlich niemand, vor dem man sich fürchten müßte...

Trotzdem hatte Efferdan immer versucht, mit der Bootsfrau oder mit den Offizieren zu reden und ihnen Meldung zu machen, anstatt den Kapitän zu belästigen. Und nun soll er...

Vielleicht hängt es auch mit Efferdans Schüchternheit zusammen, die ihn in seiner Kindheit zum Außenseiter machte - oder war es seine Außenseiterrolle, die ihn schüchtern werden lies? Auf jeden Fall empfindet Efferdan es als unangenehm, den Kapitän direkt fragen zu müssen.

Andererseits - was hat er für eine Wahl? Nirka kann ihm nicht helfen und sie zu bitten, für ihn zu fragen - undenkbar.

Innerlich schüttelt er sich, äußerlich blickt er zu Boden. Dann hebt er den Kopf, sieht Nirka an und meint mit - ungewöhnlich - kratzender, aber immer noch sehr hellen Stimme:

"Jawohl, Bootsfrau!"

Dann wendet er sich zögernd dem Kapitän zu, der ja nicht weit entfernt steht. Irgendwie wirkt der schmale, 1.74 große Matrose gebeugt, unsicher, geschüttelt, als er noch etwas näher an den Kapitän tritt, schließlich geziemt es sich nicht, den Kapitän wegen solch einer Sache laut anzureden oder gar anzubrüllen...

"Kapitän? Verzeihung... ähm... die Schlepptrosse.. also der Herr Lowanger hat gesagt, ich soll sie später... ans Heck schaffen... aber wo soll ich... sie fest machen???"

Unsicher blickt Efferdan den Kapitän an. Seine Überlegungen im Bezug auf Poller und Schräglage behält er für sich - schließlich wird Jergan das mit Sicherheit selbst wissen - er ist ja immerhin der Kapitän!!!



Efferdan beim Kapitän


Nachdem das Beiboot abgefahren ist, gibt es für Jergan hier auf dem Oberdeck kaum noch etwas zu tun, sein Platz muß da sein, wo er alles im Blick und unter Kontrolle hat - also auf dem Brückendeck. Doch zuvor hat der Matrose Efferdan eine Frage an ihn, die mit einem Befehl Lowangers zusammenhängt.

Bei der fast gestotterten Frage wird Jergans Blick erst immer strenger, doch dann, als die Frage ausgesprochen ist, wird er wieder milder, denn diese Frage ist durchaus berechtigt.

"Mach sie..."

... der Kapitän zögert kurz. Die NORDSTERN hat noch nie einen längeren Schlepp gemacht, und mittschiffs gibt es keine geeignete Befestigungsmöglichkeit. Also bleibt entweder die Verankerung irgendwo unten im Raum mit der Rudertechnik, oder aber einer der beiden Poller am Heck des Schiffes.

Besser wäre die erste Idee, aber das ist sehr umständlich, und würde nur mit Mithilfe der Leute vom Boot aus funktionieren, die das Trossenende durch das Rudergatt reichen müßten. Und das wiederum würde bei diesem Seegang Gefahren bieten - für die Leute im Beiboot ebenso wie für das Ruder.

Bleiben also die Poller, und da ist die Entscheidung sehr einfach. Der Wind kommt von steuerbord, also ist der steuerbordseitige Poller besser geeignet, da so der Winddruck gegen den einseitigen Zug mithelfen kann. Ganz nebenbei erspart das auch eine gewisse Menge an Turnerei, aber dieses Argument ist für den Kapitän nicht wichtig.

"... am Steuerbordpoller fest, aber so, daß die Reling nicht belastet wird oder im Wege ist."

Er sagt nicht dazu, daß der Knoten wirklich perfekt sein muß, denn der Aufwand, das unterwegs zu beheben, falls er nachgeben sollte, ist immens. Andererseits wird das schon dadurch nicht passieren, weil er, Jergan Efferdstreu, natürlich vor Beginn der Schleppfahrt noch persönlich nachsehen wird, ob alles in Ordnung ist.

Er bleibt noch kurz stehen, falls der Matrose noch weitere Fragen hat, ist gedanklich aber schon fast wieder auf dem Weg zum Brückendeck.



Als Efferdan bemerkt, daß die Blicke des Kapitäns erst immer strenger werden, duckt er sich innerlich zusammen. Hatte er etwas Falsches gesagt?

Doch zu Glück blickt Jergan bei seiner Antwort wieder milder. Puh, noch mal Glück gehabt! Offensichtlich wird der Kapitän ihn nicht wegen etwas tadeln...

... und der Kapitän schlägt die Lösung vor, an die Efferdan auch schon gedacht hatte: einer der Poller am Heck. daß der Kapitän den Steuerbordpoller angibt, ist für Efferdan ein Beweis für dessen Fähigkeit und Erfahrung - wenn er einen Beweis gebraucht hätte. Denn in der Tat ist es - wenn Efferdan so darüber nachdenkt - logisch die Schlepptrosse bei steuerbordigem Wind an die steuerbordige Poller zu befestigen!

Efferdan - durch die sanfte(re) Reaktion des Kapitäns und dem Wissen, daß er selbst schon die richtige Idee hatte, etwas mutiger geworden - antwortet mit einem zackigen (und hellen):

"Jawohl, Kapitän! Werde mich dann an die Arbeit begeben."

Noch kurz schaut er Jergan an, fast befürchtend, daß dieser doch noch etwas Tadelndes sagen wird. Doch dabei schweift sein Blick immer wieder zur Reling, um zu sehen, wie weit das Beiboot schon gekommen ist...



Der Kapitän bestätigt die Worte des Matrosen mit einem Nicken, mehr gibt es dazu einfach nicht zu sagen. Und... falls doch, frühestens dann, wenn die Trosse befestigt ist, und dies kontrolliert werden muß.

Nun steht Jergan Efferdstreu jedoch erst einmal vor der Aufgabe, mit der nun kleiner gewordenen Mannschaft mehr zu vollbringen als zuvor - nämlich die andere Karavelle nach Salzerhaven zu schleppen. Doch... eine ganz kurze Pause gibt es vor dieser Arbeit noch, denn bislang hat das Beiboot erst eine knappe halbe Schiffslänge bis zum Heck der NORDSTERN zurückgelegt, so daß es immer noch gut fünfzig Schritt von seinem Ziel, der beschädigten ZYKLOPENAUGE, trennen.

Mit Gedanken dieser Art macht sich der Kapitän langsam daran, wieder nach achtern zu gehen.



Nachdem der Kapitän Efferdan durch sein Nicken zu verstehen gegeben hat, daß Efferdan weitermachen darf und da Efferdan nun sieht, daß das Beiboot das Heck erreicht hat, macht sich Efferdan geschäftig an die Arbeit. Mit flinken Fingern löst Efferdan das festgebundene Ende der Trosse von der Reling, hält es mit aller Kraft fest, damit es ihm ja nicht entgleitet und womöglich noch ins Wasser fällt und begibt sich dann in Richtung Heck, um das Tross am Steuerbordpoller zu befestigen. Dabei achtet er penibel darauf, daß das Tau sich nirgendwo verheddert, nirgends scheuert oder hängen bleibt. Hie und da gibt es eine Verzögerung, wenn Efferdan die Trosse an den Stellen, an denen die Wanten an der Reling befestigt sind, außen herum, also an der Bordaußenseite um die Reling herum, führen muß, aber das ist eine Routinearbeit für einen erfahrenen Seemann. So kommt er denn auch relativ schnell am Heck des Schiffes an, passiert die Brückenaufbauten, steht am Poller. Dort führt er die Trosse noch einmal außen um die Reling, um dem Seil später genügend, aber nicht zuviel, Spiel zu geben, kontrolliert noch einmal, daß sich das Tau nicht irgendwo verheddert hat und befestigt dann das Trossende mit einigen Seemannsknoten am Poller.

Für die Knoten nimmt er sich extra Zeit, führt sie sehr sorgfältig aus, schließlich müssen sie später einiges an Zug aushalten. Als er fertig mit Knoten ist, überprüft er eben diese noch einmal, knüpft den letzten wieder auf und fertigt ihn neu , diesmal noch etwas fester, an. Dann kontrolliert er das Knotengebilde ein weiteres Mal.

`So, das wird mit Sicherheit halten! Die Bootsfrau - oder gar der Kapitän? - wird bestimmt keinen Grund zu Unmut haben, wenn er/sie später kontrollieren kommt.`

Noch einmal überprüft Efferdan das Spiel des Taus und ob es auch wirklich nicht hängt oder scheuert, dann stellt er sich an die Reling, um da zu sein, falls doch irgendwelche Probleme auftreten sollten.

Und ganz nebenbei fühlt er sich auch wohler. Hier sind nicht so viele fremde Menschen, die ihn ständig umringen. Hier könnte man fast vergessen, daß noch so viele andere Menschen an Bord sind. Hier ist es ruhiger, friedlicher. Hier gibt es eigentlich nur Ihn, das Schiff und das weite, klare Meer... und das festgezurrte Tau, dem Efferdan jetzt seine ganze Aufmerksamkeit widmet...



Nirka wieder auf ihrem Posten


Die Bootsfrau runzelt die Stirn, als sie sieht, daß ihr Vorschlag, den Kapitän zu fragen, den Matrosen anscheinend verwirrt, denn seine Antwort kommt nicht sofort, sondern erst nach einer spürbaren Verzögerung. Sie nimmt sie allerdings kaum zur Kenntnis, ebenso, wie sie die Ursache ihres Stirnrunzelns ganz rasch wieder vergißt.

Ihre alte - und nicht aufgehobene - Aufgabe ist jetzt nämlich wieder aktuell, um Grunde sogar mehr als aktuell, denn falls auf dem Wrack da drüben wirklich etwas faul sein sollte, dann ist das Schiffsgeschütz eine sehr gute Hilfe für die Leute im Boot.

Nirka glaubt an derartige Dinge zwar nach wie vor nicht, aber die Rotze muß besetzt werden, das ist in jedem Fall wichtig. Und genau das tut sie - ohne Efferdan noch eines Blickes zu würdigen, geht sie zurück auf das Vordeck zu "ihrem" Geschütz.



NORDSTERN - Oberdeck: Das 'Stärkungsmittel'


Mit der voll aufgefüllten Flasche in der Hand marschiert ALRIK über das Unterdeck. Der Stopfen sitzt tüchtig fest in der Flasche, wo wie es sich gehört, lediglich zwei drei Tropfen, die langsam am Flaschenhals nach unten laufen, deuten noch auf eine "frische" Abfüllung hin. Doch auch hierfür gibt es eine Lösung: Kurz entschlossen leckt ALRIK über den Flaschenhals, poliert dann noch einmal mit dem Ärmelzipfel über die feuchte Stelle und schon sieht alles aus wie neu. Das warme Prickeln auf der Zunge erinnert ALRIK sofort wieder an den Abend von Fianas Tsatagsfeier, als Ole ihn erstmalig mit den Vorzügen von Premer Feuer bekanntgemacht hat. Vielleicht sollte man ja das Trinkgeld in dieser Richtung anlegen...

Auf dem Oberdeck angekommen, schaut sich ALRIK suchend nach der wartenden Kundschaft um. Ah, dort vorne, offensichtlich im Gespräch mit dem notorischen Katzenhasser vertieft. Der Schiffsjunge überquert das Deck und geht geradewegs auf die beiden zu.



Ja, so ist das mit den hohen Herrschaften! Da palavern und disputieren sie, bis man allein vom Zuhören strubbelige Ohren bekommt. Und dann tun sie so gebildet und tragen die Nase so hoch, daß es ihnen bald reinregnet. Nun gut, dann wird er halt warten, bis die Herrschaften wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt sind und bereit sind ihn zur Kenntnis zu nehmen. Doch dummerweise scheint der Redefluß des Edelmannes kein Ende zu nehmen, sondern wird vermutlich durch die ebenso unverständlichen Einwände des Dieners eher noch angespornt. Und so viel Zeit hat selbst ein Schiffsjunge nicht. Und so paßt ALRIK den günstigen Moment ab, als Radisar gerade geendet und der andere noch nicht zu einer Antwort angesetzt hat und mischt sich einmal kurz mit in das Gespräch ein.

"Herr Radisar? Eure... Medizin." Der Schiffsjunge grinst den Diener fröhlich an. "Das Stärkungsmittel, Ihr wißt schon. Oder hat es sich derweil schon erledigt?"



Radisar's Gesichtchen erhellt sich, sogar sein gezwirbelter Schnurrbart scheint sich freudig aufzurichten.

"Oh ja, natürlich, mein Stärkungsmittel, vom Medicus empfohlen!" erklärt er schelmisch lachend.

Er nimmt ALRIK die Flasche aus der Hand und wiegt sie vorsichtig, als wäre sie ein seltener und kostbarer Edelstein, aus dessem innersten Kern die Zukunft bildhaft sichtbar werden könnte.

"Bist ein guter Junge!" sagt er zu ALRIK und fährt dem Schiffsjungen mit der Hand durch das Stoppelhaar. Dann greift er in die Tasche seines Wams und holt eine weitere Goldmünze heraus. Hat er denn vergessen, daß er die Flasche schon bezahlt hat? Das ist gut möglich, denn Radisar ist schon immer ein wenig zerstreut gewesen und die schwere Unterhaltung mit dem Comte hat viel seiner Gedanken gebunden. Vielleicht ist es aber auch eine zusätzliche Zuwendung, in Freude und Zufriedenheit gegeben.

Feierlich reicht der kleine Diener ALRIK die Münze. Herr di Vespasio steht schweigend daneben. Radisar hat keinen Zweifel daran, daß der Gelehrte in seinen Gedanken gerade wieder Dutzende von Folianten durchblättert, alle das Thema 'Angst' betreffend.



Wäre es jetzt ein Silberstück gewesen, dann hätte ALRIK bedenkenlos den Taler eingesteckt - aber schon wieder ein Goldstück? Unvermittelt machen sich die halb tadelnd, halb scherzend gemeinten Worte des Schiffskochs in ALRIKs Gedanken breit:

'Du wirst doch den hohen Gast nicht betrügen wollen...' Eine gute Frage eigentlich, eine ausgesprochen gute Frage sogar.

"Für mich?! Vielen Dank, Herr Radisar", sagt ALRIK daher nur schlichtweg, um Radisar die Möglichkeit zu geben, seinen Fehler zu bemerken, jedoch grinst der Junge dabei wie ein Honigkuchenpferd. Eine tiefe höfliche Verbeugung, zwar nicht formvollendet aber dennoch mit Inbrust, wird hoffentlich noch ein wenig Eindruck schinden.

Im Geiste sieht ALRIK dabei, wie dem spendablen Radisar ein dichtes graues Fell und lange Ohren wachsen. Eieiei, diese Gans legt goldene Eier oder hat sich da tatsächlich ein Goldesel an Bord geschlichen und das, wo derartiges Viehzeug hier gar nicht erlaubt ist!

"Ich bleibe einfach hier in der Nähe, wenn's recht ist. Falls noch was fehlt..." bietet ALRIK eifrig an, als er sich wieder aufrichtet.



Radisar lächelt milde und kichert ein wenig dabei. Dabei schaut er kaum weniger verunsichert aus seinen Augen, als eine TRAvia-Geweihte, die der Zufall in einen Levthanskeller verschlagen hat.

Der kleine, dicke Diener legt sachte die rechte Hand auf die Schulter des Jungen und erklärt feierlich:

"Einen guten Dienst belohne ich gerne, und du, mein Junge, hast fürwahr einen guten Dienst geleistet!"

Etwas leiser und diskreter fügt er an:

"Es ist für mich beruhigend dich in meiner Nähe zu wissen, für den Fall, daß ich wieder von einer .... ähm ... Hmm ... sagen wir ... plötzlichen Schwäche überfallen werde und wieder einen Bedarf habe für den ... tja ... *hüstel* ... sagen wir ... Stärkungstrunk!"

Noch eine Weile klopft Radisar auf die Schulter Alriks, als müsse er, so wie es ein General bei einem verdienten Veteranen tut, dem Jungen eine 'besondere' Ehrung zuteil werden lassen.

'Sie sind ja so dankbar, diese Jungen Leute, wenn man ihnen eine kleine Zuwendung zukommen läßt.' denkt sich Radisar 'Da sage noch einmal einer, die Jugend von heute wäre schlecht und verdorben!'



Und wieder Disput .....


Die Ereignisse überstürzen sich für di Vespasio nun doch ein wenig. Möglicherweise wird man ja mit der Zeit doch etwas alt und kann mit der Jugend nicht mehr so mithalten. Es ist auch möglich, daß früher tatsächlich alles besser war. Zumindest kann sich der Südländer deutlich daran erinnern, daß schon aus weit geringerem Anlaß Leute zu Tode gekommen sind.

'In diesem Zusammenhang, mein Freund, solltest du dich an den jungen von Hochstein erinnern, der sich in einer Unterhaltung mit Graf da la Venga leicht abwandte, um einer Dienstmagd auszuweichen, und daraufhin diesem im Morgengrauen finale Satisfaktion gewähren durfte.'

Zu diesen Ereignissen und wohlmöglich auch, weil das Thema der Stunde Angst ist, drängen sich dem Adeligen auch noch andere, privatere Erinnerung auf.

'Vater war damals Sekundant und Mutter hatte solche Angst, er müsse für von Hochstein eintreten. Gegen da la Venga hätte selbst er Schwierigkeiten gehabt. Im Grunde war es diese Nacht, von der an du die Fechtstunden ernst genommen hast.'

Das Stichwort Angst, wiederum, läßt ihn an seinen rüde unterbrochenen Vortrag denken. Aus reiner Menschenfreundlichkeit hatte er sich entschlossen die Theorien von Brissi ein wenig zu verbreiten. Zwar war die Annäherung des kleinen Diener etwas forsch und wenig standesgemäß, aber dahingegen war seine Nachfrage von tiefem Wissensdurst gezeichnet und durchaus ehrerbietig genug, um dem gelehrten Reisenden zu schmeicheln.

Jedoch, gerade hatte er sich warm geredet, als der Kleine ihn unterbrach, um ihm wilde Vermutungen, ketzerische Theorien und platte Beleidigungen auf den Kopf zuzusagen. Nicht genug damit, in der Pause, die di Vespasio benötigte, um sich von dem Schock zu erholen, unterbrach auch noch der Schiffsjunge die beiden. Da kann der Adelige nur stummer Zuschauer bleiben.

'Was soll das? Eine Medizin? Das ist doch eher eine Schnapsflasche. Stärkungsmittel! Und das? Ein Goldstück! Frizzi, selbst du weißt, daß das maßlos übertrieben ist.'

Das Verhalten des Jungen kann man gerade noch entschuldigen, vor allem, wenn man seine thorwalsche Herkunft berücksichtigt. Aber für den Diener einer bornländischen Adeligen kommt jede Entschuldigung zu spät, er hätte es besser wissen können.

'Na warte, dich kiegen wir noch. Nur wie? Hmmm. Nun zunächst sollte der Junge mal dableiben. Die Dame von Beibach und Bruch ist nicht zufällig noch in der Nähe?'

Während die beiden anderen sich in geradezu obszöner Weise das Stück `Herr und Diener` aufführen, sieht sich di Vespasio auf dem Deck nach der Herrin des echten Dieners um. Die Suche endet jedoch abrupt, als er den Braungekleideten den Aufgang emporkommen sieht. Sicherheitshalber wendet er sich wieder zunächst dem Schiffsjungen und dann auch Radisar zu.

"Ja, mein Junge, es wäre gut, wenn du noch etwas hier bleiben könntest."

Di Vespasio setzt den Stock direkt neben seinem rechten Fuß auf und stützt sich schwer darauf ab, so daß der Eindruck entsteht, er würde sich locker und entspannt an ein Geländer lehnen.

"Um den Faden wieder aufzunehmen ... tatsächlich hast du recht. Wie ich gerade erklären wollte, als du mir ins Wort gefallen bist, liegt einem die Angst im Blut. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist eine Eigenschaft, etwa so, wie ... wie zum Beispiel die Körpergröße. Aber es ist natürlich keine Schande wenn Du ... *hüstel* ... wenn jemand Angst hat, ... auch wenn Thorwaler das anders sehen mögen."

Hierbei wendet sich di Vespasio lächelnd dem Schiffsjungen zu. Sein Lächeln spricht Bände. Im ersten Band steht, daß ALRIK diese Unterhaltung nicht nur zufällig mithört. Im zweiten Band steht, daß Radisar ein frecher Zwerg ist (ohne Zwerge beleidigen zu wollen). Im dritten Band steht, daß echte Thorwaler, wie etwa der Schiffsjunge, der Angst ins Gesicht lachen. Im vierten Band steht, daß der Diener ein Bettnässer ist. Weitere Bände folgen.

"Was jedoch den Einfluß der Götter angeht, bist du vom rechten Weg abgeirrt. Wie jeder weiß, wird Mut von den Göttern geschenkt. Da du jedoch die Götter fortwährend beleidigst, wundert es mich nicht, daß sie dir dieses Geschenk entziehen. ... Vielmehr wundert es mich, daß deine vorlauten Reden nicht den Zorn der Götter auf dich und deine Umgebung herab gerufen haben."

Während er bisher eher etwas vorgebeugt auf den kleineren Mann herabgesehen hatte, lehnt der Adelige sich jetzt leicht zurück, und tut, als ob er Duglum persönlich gegenüberstehen müsse. Sollten die Götter gerade jetzt zuschlagen wollen, wäre er immerhin fünf Finger weiter weg.

"Von der Verwendung dieser ... Medizin kann ich nur abraten. Der Alkohol erhöht zwar kurzfristig die Gesamttemperatur des Körpers. Aber schon nach wenigen Minuten wird nur noch Wärme von innen nach außen transportiert. Mit der Folge, daß Magen, Herz und Verstand noch weiter verkrampfen. Aber, wie gesagt, ich kann in dieser Sache nur meine Empfehlung aussprechen."

Diese recht gelehrte Erklärung macht sich am Ende der Ausführungen recht gut und gibt der gesamten Rede einen fundierten Anschein.

"So, ich denke, damit habe ich deine Frage umfassend beantwortet." schließt di Vespasio, offenbar Radisar entlassend.



Das überschwengliche Lob von Radisar verschafft ALRIK Gewißheit: Das Geld ist für ihn, und die Quelle des Goldes ist längst noch nicht versiegt, sondern sprudelt fröhlich vor sich hin.

Nachdem dann auch der andere Herr wohlwollend meint, er, der Schiffsjunge, könne ruhig in der Nähe bleiben, zieht sich ALRIK lediglich ein bißchen zurück, damit es nicht gar so offensichtlich den Anschein hat, als würde er das Gespräch der beiden Herren belauschen wollen. Natürlich bleibt er dabei trotzdem noch in Hörweite. Lässig lehnt er sich mit dem Rücken an die Reling und läßt seinen Blick einfach über das Deck der NORDSTERN schweifen.

Dabei läßt er die letzten Ausführungen des Adeligen bezüglich der wenig wohltuenden Auswirkung von Alkohol auf den Gesundheits- bzw. Angstzustand eines Menschen auf sich wirken. Den patzigen Widerspruch, den er zu diesem Thema schon auf den Lippen hat, schluckt der Schiffsjunge im letzten Moment schnell wieder herunter. Jedoch eines wäre damit sehr gewiß: Vom Alkohol und seinen Folgen hat der Schnösel keine Ahnung! Denn Kälte fühlt der Trinker nicht - und mochte es im Winter bei der Nachtwache an Deck noch so kalt sein, mit einer gehörigen Portion Premer Feuer im Blut hatte früher selbst der dicke Olof nicht gefroren.

Und davon mal ganz abgesehen, konnte man eventuelle Verkrampfungen nicht schon nach wenigen Minuten, sondern erst am anderen Morgen beobachten. Ja, das war ein schöner Morgen nach Fianas Tsatagsfeier, als er sich unbemerkt zurück zum Schiff geschlichen hatte, während so einige Mitmatrosen erst noch in den Seilen und später an der Reling hingen.

Aber was soll's, die Meinung der Passagiere geht ihn ja nichts an. Und im Zweifelsfalle heißt es stets: Der Passagier hat immer recht.



Entgegen der, sicher sehr wohlgemeinten Warnung des Edelmannes vor dem unangemessen reichlichen Umgang von 'Stärkungsmitteln' im allgemeinen, unter Berücksichtigung der erwarteten, aber kontraindizierten Wirkung von 'Alkohol' im besonderen, hat Radisar die Flasche, die er von ALRIK erhalten hatte, mit bedachten Eifer geöffnet, zu Munde geführt und ein gerüttelt Maß des kostbaren Trunks die Kehle passieren lassen.

Selbst auf die Gefahr hin, der Comte könnte mit den Schilderungen späterer Folgen von genossenem Alkohol recht behalten, für den kleinen Diener tut im Moment jeder Schluck seinen erhofften Dienst. Er fühlt die Wärme, den Hals abwärts, zur Körpermitte gleiten, wo sie sich im Magen einnistet und wohltuend ausstrahlt, bis hin in die Zehen- und Fingerspitzen. Ein Gefühl reinster Behaglichkeit wallt in Radisar auf, so, als hätte sie, eingesperrt an einem geheimen Ort in seiner Seele, umgeben von unüberwindbaren Mauern, vom Schicksal aufgebaut, aus Ziegeln besteht, die gebrannt wurden aus den mißliebigen Erfahrungen, die der Diener in seinem Leben schon hatte machen müssen und gebunden sind mit der Kultur einer existentiellen Furcht, die Radisar ehedem in frühester Kindheit in die Wiege gelegt worden war, schon seit langem darauf gewartet, daß das reinigende 'Feuer aus Prem' alle Zwänge aus Radisar's Seele brenne, um in stürmendem Lauf das Herz des kleinen, dicken Dieners stärken zu können und seinen Blick auf das zu richten, was ihm bisher, ein Leben lang, als unerreichbares Glück verhießen war: Ein Dasein in gefestigter Zufriedenheit!

Kurz: Es geht Radisar 'saugut'!

Radisar verzichtet darauf, dem Herrn di Vespasion von seinem Branntwein anzubieten, zu sehr hat sich dieser, schon im Vorfeld ablehnend gegen 'Stärkungsmittel' dieser und sonstiger Art geäußert. Außerdem war Radisar viel zu sehr damit beschäftigt, sich seinem wiedergefundenen Selbstvertrauen zu überlassen. Nachdem er einen guten Schluck genommen hatte und mit einem sehr kehligen Laut seiner Zufriedenheit Ausdruck verliehen hatte, zerlegt und gliedert Radisars frisch beflügelter Verstand, von einem neuen Hochgefühl beseelt, den Vortrag des Comte und versucht einige für den kleinen Diener gewichtige Fakten heraus zu sondieren, daß er sich endlich einen Reim auf das Gesagte machen könne.

Radisar verzieht ein wenig den Mund, als er, zu seiner übergroßen Enttäuschung feststellen muß, daß Herr di Vespasio zwar sehr viel und wahrscheinlich auch bewundernswert Kluges vorgetragen hat, doch nichts von dem, was Radisar hatte vernehmen können, brachte ihn der Beantwortung seiner Frage näher. Noch immer bleibt im Dunkeln, ob 'Angst' als solche nun Substanz hat oder nur die Idee eines Zustands ist, dessen Sinn und Wirkung noch unbekannt sind und der Ergründung eigentlich auch Gegenstand Radisar's Frage war. Radisar spürt deutlich, daß Ausführungen des Comte ihrer Form nach sehr theoretisch waren, zudem noch nut einen kleinen Ausschnitt aus dem hochkomplexen Thema würdigten. Radisar dagegen ist in dieser Frage mehr ein Praktiker. Er hat schon mehr Aspekte der Angst erlebt, als ein hochgelehrter Herr jemals hätte nachsinnen können, würde er auch Tag und Nacht studieren.

Die Erörterungen des Comte über die Rolle der Götter im Zusammenspiel zwischen Mut und Angst haben Radisar zu weiterem nachdenken geradezu angeregt. Lässig überhört er die deutlichen Vorwürfe des Herrn di Vespasio, die dem kleinen Diener der Blasphemie bezichtigen. Das betrifft Radisar nur wenig, der nämlich hält eher jene für 'Verirrte' die das Göttliche mit dem engen Maßstab des menschlichen auszuloten versuchen, ein armseliges Unterfangen. Radisar hält es mit Bequemlichkeit. Und gibt es etwas bequemeres, als unnahbare Götter, die fern und entrückt, ihren eigenen unbegreifbaren Geschäften nachgehen, ohne die Menschheit mit irgendwelchen heiligen Missionen zu beschäftigen?

Bei aller Gegensätzlichkeit der Standpunkte, Radisar bemerkt hocherfreut, daß der Ton zwischen ihnen nun sehr viel vertrauter klingt und mag sich der hohe Herr auch noch so sehr sachlich zu distanzieren versuchen, seine Anrede ist spürbar vertraulicher geworden. Das macht Radisar Mut, vielleicht ist es aber auch der Branntwein, wer vermag das schon zu bestimmen und er sagt:

"Bestimmt sind sowohl 'Angst', als auch 'Mut' nichts anderes als Klassifizierungen bestimmter Gefühlslagen, die zwar individuell ausgeprägt sind, aber dennoch auf der Basis traditioneller Maßstäbe bewertet werden!"

Radisar erschrickt vor sich selbst. Das klingt ja ziemlich klug, was er sich da gerade hat reden hören - so findet er wenigstens. Und weil es ihm Spaß macht, setzt er dann gleich noch eins oben drauf:

"Wenn einem Thorwaler die Angst unbekannt sein sollte, wie könnte er sich dann mutig nennen? Er wüßte ja noch nicht einmal, daß er es wäre, woran sollte er es auch messen? Ist es nicht so, daß ein Thorwaler tut, was ein Thorwaler tun muß? Hat er nach den Sitten und Gebräuchen seines Volkes überhaupt eine Wahl? 'Tollkühn' könnte er sich nennen, wenn er sich nach Art der Hjaldinger in seine Abenteuer stürzt, wobei zu bemerken wäre, daß dieses Wort zwei Aspekte beinhaltet. Was dem einen kühn erscheint, ist für den anderen eine Tollheit. Wäre es denn für einen Thorwaler nicht außerordentlich mutig zu nennen, wenn er sich zu seiner Furcht bekennen würde? Und wie ist es denn bei euerem Stande? Habt ihr denn eine Wahl oder hat euch der Ehrencodex des Adels die Frage nach Mut und Furcht nicht schon längst abgenommen?"



Di Vespasio hatte den bornländischen Diener eigentlich schon abgeschrieben. Entlassen, verjagt, mit eigezogenem Schwanz, wie ein ängstlicher Hund, in die Flucht getrieben, von den Anschuldigungen, die der adelige Herr für die schlimmsten hält: Gesellschaftliche Ächtung und Ketzerei, sowie eine Anspielung auf die Folgen der Trunkenheit.

Daß gerade der verschmähte Alkohol den kleinen Mann zu weiterer Persistenz und einer eher gelassenen Haltung befähigen würde, damit hätte er nicht gerechnet. In Gedanken schon bei einer anderen Frage, nämlich wie sich unverdächtig ein Gespräch mit dem Schiffsmagus über die Umstände der Meuterei beginnen ließe, ist er von den Fragen des anderen völlig überrascht, zumal er gar nicht mehr so genau hingehört hatte.

"Wie, bitte? Was sagtest du?"

Dabei geht sein Blick verwirrt zwischen Alrik und Radisar hin und her.



"Nun," sagt Radisar leutselig und schwingt dabei seine Branntweinflasche herum, als wäre sie eine brennende Fackel, mit der sich der kleine Diener gerade gegen einen Schwarm Fledermäuse zu Wehr setzten müßte, "ein Codex setzt doch das Tun oder Nichtun fest, unabhängig vom Wollen oder Nichtwollen, auf eine vorbestimmte Handlungsweise, die, da als 'ehrenhaft' vorgezeichnet, als die einzig mögliche gelten muß und alle anderen von vorne herein ausschließt, ebenso wie alle Motive, die sich dahinter verbergen .... "

Radisar legt eine kurze Denkpause ein, um sich innerlich neu zu orientieren, er hat sich nämlich ein wenig selbst im Labyrinth seines Gedankengebäudes verirrt. Dann schnauft er durch und fährt fort:

".. und so ist das, was mich bewegt. Ist Mut gleich Nichtangst oder ist Angst gleich Nichtmut? Ist also die eine Charaktereigenschaft eine bestehende Substanz oder aber lediglich das bedingt durch das Fehlen einer komplementären Eigenschaft. Stützen nun codierte oder traditionelle begründete Handlungsvorgaben eine entsprechende Eigenschaft oder grenzen sie lediglich die oppositionelle Eigenschaft aus. Und so ergibt sich natürlich die Frage: Kann eine Nichteigenschaft, die ihre Existenz nur dem Fehlen einer Grundeigenschaft verdankt ein Göttergeschenk sein? Und sollte man bis zur Klärung dieser Frage nicht auch annehmen dürfen, daß das Geschenk der Götter die 'Angst' selbst sein könnte und die daraus resultierende Ableitung von 'Mut' nichts anderes ist, als eine menschliche Entartung ?"

Der kleine, dicke Diener saugt einen ordentlichen Schluck aus dem Flaschenhals, als wolle er sich selbst für seine 'blitzgescheiten' Bemerkungen belohnen. Dann trägt er weiter vor, in einem Ton, als gäbe er den Hauptmonolog einer Heldentragödie im Garether Amphitheater wieder:

"Ich will gerne glauben, daß es keine Schande sein kann Angst zu haben. Doch ist es dann ein 'Verdienst' mutig zu sein? Kann das gelten, wenn einem durch das Fehlen jeglicher 'Angst' diese Eigenschaft gänzlich unbekannt sein muß?"

Radisar sieht Herrn di Vespasio an mit einem strahlenden Lächeln und großen erwartungsvollen Augen. Er sieht aus wie ein freudig erregtes Kinde an seinem Tsa-Tag, wenn es die Eltern mit einem großen, verschnürten Paket auf sich zukommen sieht und sich dabei in seiner Phantasie ausmalt, was für wunderbare Sachen sich wohl innerhalb der Verpackung befinden könnten.



Schweigend und neugierig lauschend steht ALRIK an der Reling. Die ersten Zweifel an der Wirksamkeit des 'Stärkungstrunkes' keimen so langsam auf und werden von den leutseligen Bemerkungen des kleinen Dieners noch genährt. Es grenzt an ein Wunder, daß die Flasche nicht zerbricht, so übermütig, wie sie gerade durch die Luft geschwenkt wird. Aber wer hätte denn auch ahnen können, daß so ein bißchen Premer Feuer in dieser kurzen Zeit eine so durchschlagende Wirkung auf den Herrn Radisar haben würde.












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